Читать книгу: «Mit dem Mut einer Frau»
Jane Pejsa
Mit dem Mut
einer Frau
Ruth von Kleist-Retzow
Matriarchin
im Widerstand
Aus dem Amerikanischen von
Beate Springmann

Der Verlag dankt für die freundliche Unterstützung bei der Herausgabe der deutschen Ausgabe Ruth-Alice von Bismarck, Heinrich von Kleist-Retzow, Katrina Söderberg-Jahn, Ida Gräfin von Zedlitz und Trützschler und Peter Zimmerling.
Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
1. Digitale Auflage 2012 Zeilenwert GmbH
ISBN 9783865064493
© 1996 by Brendow Verlag, D-47443 Moers
Original: Matriarch of Conspiracy.
Copyright © 1991 by Jane Pejsa. All rights reserved.
By arrangement Kenwood Publishing, Minneapolis, Minnesota, USA.
Quellenhinweis: Texte und Briefe von Dietrich Bonhoeffer
© Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh
mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
www.brendow-verlag.de
Dieses Buch ist den Männern und Frauen gewidmet,
die zu allen Zeiten und in allen Ländern
dem Unrecht und der Unehrenhaftigkeit widerstanden,
und vor allem denjenigen,
die für diesen Einsatz ihr Leben ließen.
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Vorwort der Autorin
Dank
Prolog
I Die Gräfin von Großenborau, 1867–1886
»Konts Ruth«
»Ja, tausendmal ja«
»Wo du hingehst«
II Die Frau des Landrats, 1886–1897
Besuch in Kieckow
Der König ist tot
Die Taufschale
Ein Fest zur Erntezeit
»Treu bis zum Tode«
III Die Witwe von Kieckow, 1898–1911
Eine Besucherin aus Kniephof
Männliche Besucher in Kieckow
Zu Hause in Stettin
Die Antwort heißt Nein
Eine unerwartete Hochzeit
»Meine verlorenen Söhne«
IV Der gute Soldat, 1912–1930
Konstantin
»Mit Flügeln wie Adler«
Vom König verraten
Eine Hochzeit in Kieckow
Der Garten in Klein Krössin
Zwei neue Bücher
Familientreffen in Wartenberg
V Großmutter Ruth, 1931–1938
Eine böse Überraschung
Die Nation in der Krise
Das Bildnis des Kaisers
Finkenwalde
Ein doppelter Geburtstag
Karneval in Schmenzin
Die Silberhochzeit
VI Die Freundin des Pastors, 1939–1943
Gewissenskonflikte
Die Verschwörung
Gespaltene Loyalität
Unerfreuliche Nachrichten
Ein Treffen in Klein Krössin
Die Verlobung
Gescheiterte Pläne
Briefe und Geschenke
VII Die letzte Matriarchin, 1944–1945
Der Führer lebt!
Heldentod
Das Gefängnis an der Prinz-Albrecht-Straße
Feuersturm
Flucht nach Westen
Vom Teufel geritten
Ein Ruf aus der Ferne
Epilog
Stammtafeln
Übersichtskarte
Anmerkungen
Bibliografie
Lebensdaten
weitere Werke
Vorwort
Ruth von Kleist-Retzow wurde 1867 als Gräfin von Zedlitz und Trützschler geboren. Sie starb 1945, wenige Monate nachdem Deutschland besiegt und das Dritte Reich Adolf Hitlers zerschlagen war. Ihr ganzes Leben verbrachte sie in Preußen östlich der Oder und Neiße, wo sich die feudale Gesellschaftsstruktur bis weit in das 20. Jahrhundert halten konnte.
Diese so konservative Umwelt formte eine Frau und eine Familie, die es nicht dabei bewenden ließen, den Nazis von Anfang an Widerstand zu leisten. Vielmehr beteiligten sich vier der engsten Familienmitglieder aktiv an Versuchen, Adolf Hitler zu töten und das Naziregime zu Fall zu bringen.
Das Leben Ruth von Kleist-Retzows sowie der Kreis derer, die sie inspirierte, erregte zunächst Aufsehen durch einige, wie es schien, unzusammenhängende historische Anekdoten, unter anderem auch aus dem Leben Dietrich Bonhoeffers. Dieser deutsche Theologe war einer der Anführer der wenigen, die dem Versuch der Nazis, die evangelische Kirche gleichzuschalten, energisch entgegentraten. Später gehörte er einer Verschwörung an, deren Ziel die Beseitigung Hitlers und der Nazis war. Sein Leben und sein Tod sowie seine umfangreichen Schriften stellen ein Vermächtnis dar, das noch heute in weiten Bereichen als Vorbild für gesellschaftliches und politisches Handeln Gültigkeit hat.
Ruth von Kleist-Retzow war es, die Bonhoeffer in seinen gegen die Nazis gerichteten religiösen Aktivitäten in den ersten Jahren der Naziherrschaft unterstützte. In diesen gefährlichen Zeiten entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen dem ledigen Theologen aus Berlin und der Matriarchin aus dem alten Preußen.
Im Laufe der Zeit führte Ruth ihn in ihrer Familie ein. Dadurch entstand die Verbindung zwischen der politischen Verschwörung in Berlin, zu der er gehörte, und der von ihrer Familie geprägten militärischen Verschwörung. Ruth stellte auch eine Verbindung privater Natur zwischen Bonhoeffer und ihrer Enkelin Maria von Wedemeyer her. Die später daraus entstandene Liebe unterstützte sie. Als Bonhoeffer kurz vor dem Sieg über Deutschland im Mai 1945 von den Nazis hingerichtet wurde, waren die beiden verlobt und beabsichtigten zu heiraten.
Ein halbes Jahrhundert nach dem 2. Weltkrieg und Holocaust steht noch die Frage im Raum: Wie konnte aus diesem vermeintlich erzkonservativen, antidemokratischen und militaristischen, für die alten preußischen Gebiete typischen Milieu eine Familie hervorgehen, die sich in Deutschlands schwärzester Zeit so verhalten hat, wie es hier beschrieben wird – eine Familie, die nicht nur Hitlers und der Nazis wahre Natur sehr früh erkannt, sondern sie konsequent und oft sogar heroisch bis zum Ende bekämpft hat?
Wenn es auf diese Frage überhaupt eine eindeutige Antwort gibt, so liegt sie in der Lebensgeschichte von Ruth von Kleist-Retzow. Ihre Wurzeln reichen weit zurück, über ihr eigenes langes Leben hinaus. Die Anwesenheit Otto von Bismarcks, des Architekten des deutschen Nationalstaats, bei Ruths Taufe ist von symbolischer Bedeutung für ihren gesamten Lebensweg. Ebenso zeugt die jahrhundertealte Verbindung zwischen ihrer Familie und der Familie ihres Mannes mit der preußischen und deutschen Monarchie von einer Loyalität, die die Monarchie selbst noch überdauerte.
Im 20. Jahrhundert, vor allem in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg, wurde die Geisteshaltung von Ruth und Gleichgesinnten zu einem Anachronismus. Diejenigen, die jahrhundertelang die deutsche Politik, die öffentliche Verwaltung und vor allem das Offizierskorps der Armee beherrscht hatten, verfielen während der kritischsten Jahre der um das Überleben kämpfenden Weimarer Republik in Passivität. Einige weniger wohlwollende Betrachter der Geschichte würden sagen, sie hätten durch ihre Untätigkeit zum Fall der Republik und dadurch zum Erfolg Hitlers und den damit zusammenhängenden Gräueln beigetragen.
Dessen ungeachtet waren es genau die scheinbar altmodischen Tugenden zusammen mit ihrer tiefen Religiosität, die Ruth und andere Mitglieder ihrer Familie gegen Hitler und die Nazis fast von Anfang an opponieren ließen. Die Beteiligung von Ruths Familienangehörigen an der Verschwörung gegen Hitler und das Naziregime ist als eine logische Fortsetzung der Gedanken und Taten zu sehen, deren Wurzeln in der Chronik dieser Frau und ihrer Herkunft untersucht werden. Ihre Geschichte handelt von Konflikten, geteilten Loyalitäten, Tod und Zerstörung. Es ist jedoch auch eine Geschichte von Treue, Romantik und Liebe, in der Momente höchsten Glücks erfahren werden.
Diese Familiengeschichte zu schreiben, war für mich ein tiefes und bewegendes Erlebnis. Möge sie den Lesern ebenso viel bedeuten.
Jane Pejsa
Dank
Auf das Leben Ruth von Kleist-Retzows (im Folgenden Ruth von Kleist genannt) wurde ich durch zwei schicksalhafte Begegnungen aufmerksam: die erste ein Zusammentreffen mit Bain Boehlke, einem Filmemacher aus Minneapolis, die zweite mit Mary Glazener, einer Schriftstellerin aus South Carolina. Ich möchte meinen Dank zunächst an diese beiden Personen richten, die mir, einer Fremden, genug Vertrauen schenkten, um mir das von ihnen gesammelte Quellenmaterial zu Ruth von Kleist, Maria von Wedemeyer und Dietrich Bonhoeffer zur Verfügung zu stellen.
Ich stehe tief in der Schuld der Bush Foundation von St. Paul und der Direktorin der Bush Artists’ Fellowships, Sally Dixon, die es mir durch ein großzügiges Stipendium ermöglichten, Ruth von Kleists Lebensgeschichte zu erforschen. Ebenso freue ich mich über das bereits zu einem frühen Zeitpunkt gezeigte Vertrauen meiner Schriftstellerkollegen Margot Siegel aus Minneapolis und Phebe Hanson aus St. Paul, deren gute Bewertung meiner Arbeit dazu beitrug, die Bush Foundation davon zu überzeugen, mich als Stipendiatin in die engere Wahl zu ziehen.
Der Bericht über Ruth von Kleists Leben und Familie beruht hauptsächlich auf Anekdoten, die mir die Überlebenden in Interviews erzählt haben oder die ich den weitverstreuten Papieren der mittlerweile Verstorbenen entnommen habe. Für dieses Material habe ich neun von Ruths Enkelkindern zu danken: vor allem Konstantin von Kleist-Retzow aus Rinteln, Gräfin Ruth de Pourtales (geborene Kleist-Retzow) aus Tannay in der Schweiz und Heinrich von Kleist-Retzow aus Bergisch Gladbach. Sie alle überließen mir Familienbilder, erzählten, wie sie ihre Großmutter und ihre Kindheit in Kieckow in Erinnerung hatten. Ruth Roberta Heckscher (geborene Stahlberg), die sogar aus Israel, wo sie damals lebte, nach Deutschland kam und mir von einigen der dramatischsten Begebenheiten aus Ruth von Kleists Leben berichtete, und Alexander Stahlberg aus Berlin, der mir ein breiteres und tieferes Wissen über diese Familie vermittelte, Luitgarde von Schlabrendorff (geborene Bismarck) aus Wiesbaden, von der ich Informationen und Bilder von unschätzbarem Wert nicht nur aus dem Familienarchiv der Bismarcks, sondern auch aus dem Archiv ihres verstorbenen Mannes Fabian von Schlabrendorff erhielt, und Spes Pompe (geborene Bismarck) aus Bonn, die mir in lebhaften Worten die Stettiner Jahre ihrer Großmutter beschreiben konnte, Ruth-Alice von Bismarck (geborene Wedemeyer) aus München und ihr Ehemann Klaus, die mir nicht nur Erinnerungen und einmalige Familiendokumente überbrachten, sondern mir auch Zugang zu anderen Familienmitgliedern verschafften, und Hans Werner von Wedemeyer aus BadenBaden, der mir einen Nachmittag widmete und mir kostbares Quellenmaterial übergab.
Es waren lediglich Zeitgründe und zu große Entfernungen, die mich davon abhielten, die anderen Enkelkinder von Ruth von Kleist aufzusuchen. Mit Sicherheit wären sie ebenso hilfsbereit gewesen.
Tiefe Dankbarkeit empfinde ich für Friedrich Carl Graf von Zedlitz und Trützschler, Patensohn und einziger noch lebender Neffe Ruth von Kleists. Graf Zedlitz wohnt derzeit in Argentinien und verbringt den Sommer in der Schweiz. Auf dem Weg dorthin macht er gewöhnlich Station in den Vereinigten Staaten. In Briefen, Telefongesprächen und vor allem während eines denkwürdigen Mittagessens in Rochester/Minnesota stellte er mir Familieninformationen, Bilder und Erinnerungen seiner Kindheit in Großenborau/Schlesien zur Verfügung, jenem Ort, an dem seine Tante Ruth ihre Kindheit verbracht hatte.
Mit Dankbarkeit möchte ich auch die Beiträge zahlreicher anderer erwähnen, deren Lebensweg den Ruth von Kleists kreuzte: Eberhard Bethge und Renate Bethge (geborene Schleicher) aus Wachtberg, die mit Ruth von Kleist während ihres letzten Lebensjahrzehnts in enger Verbindung standen und die mir außer ihren Erinnerungen an Tante Ruth auch Kopien ihrer persönlichen Korrespondenz überließen, Reinhild Hausherr (geborene Kleist-Schmenzin) aus Bern, Tochter des zum Märtyrer gewordenen Neffen Ruths namens Ewald, die einen Nachmittag lang für mich Kindheitserinnerungen wachrief – aus einer Zeit, als die Kleist-Retzows aus Kieckow sich mit den Kleists aus Schmenzin in der Verschwörung gegen die Naziherrschaft verbanden –, Werner und Dita Koch aus Emlichheim, deren Freundschaft mit Ruth von Kleist infolge von Werners Verhaftung vertieft wurde, die mir Kopien Ruths reichhaltiger, fast ein Jahrzehnt umfassender Korrespondenz mit beiden von ihnen übergaben, Wolf Dieter Zimmermann aus Berlin, den ich in Minnesota traf und dessen jugendlich-frische Erinnerungen die Schmenziner Kleists, die Kieckower Kleists, das Finkenwalder Seminar und Großmutter Ruth in Stettin umfassten.
Als persönliches Privileg empfinde ich, zwei erstklassige, auf deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts spezialisierte Historiker zu kennen, die mir beide freundlicherweise ihre Zeit widmeten. Professor Emeritus Harold C. Deutsch von der Universität Minnesota, eine führende Kapazität auf dem Gebiet der Verschwörung gegen Hitler, stellte einige historische Details klar. Der amerikanische Bismarck-Experte der Universität von Indiana Professor Otto Pflanze beriet mich bei meinen Nachforschungen über diese frühe Periode im Leben Ruth von Kleists. Dabei möchte ich jedoch betonen, dass keiner dieser beiden prominenten Professoren in irgendeiner Weise für die in diesem Buch beschriebenen historischen Details oder Interpretationen verantwortlich ist.
Meine geografischen Kenntnisse stammen von persönlichen Besuchen der Orte, die Ruth von Kleist einst ihre Heimat nannte – Klein Krössin, Kieckow und Großenborau, die allesamt im heutigen Polen liegen. Tiefen Dank schulde ich unserem Freund und Verwandten Franciszek Polcyn aus Oborniki/Polen, der meinen Mann und mich an der deutschpolnischen Grenze nahe Szczecin abholte und als unser Führer in diesen schönen Landstrichen fungierte.
In diesem Buch werden eine Reihe von Briefen erwähnt oder zitiert, von denen viele aus dem Bundesarchiv stammen. Mit besonderer Dankbarkeit erwähne ich den wichtigen Beitrag Edith Müllers aus Minneapolis, die diese und andere Briefe von der deutschen in die lateinische Schrift übertrug, was mich in die Lage versetzte, dieses Quellenmaterial in der Originalsprache zu lesen.
Der Hauptteil der in meinen Nachforschungen verwendeten und in der Bibliografie angegebenen Quellen stammt aus der umfangreichen Sammlung der Wilson Bibliothek der Universität Minnesota. Dazu kam seltenes und nützliches Material von der Stadtbibliothek Minneapolis und der Bibliothek des Lutherseminars St. Paul. Mein Dank gebührt auch Barbara Field aus Minneapolis, die mit ihrem ausgezeichneten Können das gesamte Manuskript Absatz für Absatz überarbeitet hat.
Schließlich ist es mir eine Freude, darauf hinzuweisen, dass ich diese ungeheure Aufgabe nie ohne die ständige Unterstützung meines Mannes Arthur Pejsa zu Ende gebracht hätte. Ihm oblag es auch, jedes der sieben Kapitel über die Geschichte der preußischen Matriarchin als Erster zu kritisieren und zu redigieren.
Mein Dank gilt allen bereits erwähnten sowie denjenigen, die zu erwähnen ich unabsichtlich vergessen haben könnte.
Prolog
Im Jahr 1152 wurde der Staufer Friedrich Barbarossa in Aachen zum deutschen König gewählt. Drei Jahre später in Rom erfolgte seine Krönung zum Kaiser – zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Es erstreckte sich in früheren Jahrhunderten über fast ganz Europa, zu Barbarossas Zeit aber war dieser ehrenvolle Titel von geringem Wert. Er wurde lediglich von der Handvoll Prinzen und Herzögen des Stauferreiches anerkannt.
Barbarossas Weitblick und seine unerschöpfliche physische Energie vermochten jedoch das deutsche Bewusstsein so zu beleben, dass sein Name zur Legende wurde. Er stärkte die Bindungen zwischen den zerstrittenen deutschen Fürstentümern. Er unternahm Feldzüge auf polnisches und böhmisches Territorium bis hin zu weit entfernten Gebieten in Kleinasien. Selbst die Stadtstaaten Italiens wurden von ihm nach seinen Vorstellungen neu geordnet. Er schloss Frieden und führte Krieg mit zwei aufeinanderfolgenden Päpsten in Rom, wobei er nicht nur einmal, sondern gleich zweimal exkommuniziert wurde.
Wenige dieser kriegerischen Unternehmungen führten zu dauerhaften Eroberungen, manche davon endeten gar in Katastrophen. Auf einem Feldzug in Italien zum Beispiel starben alle seine Soldaten an der Pest, dennoch blieben allein seine Siege in Erinnerung.
Über die Jahrhunderte wurde Barbarossa in Deutschland zur Legende, insbesondere in schlechten Zeiten. Es hieß, er lebe in einer Höhle unter dem Kyffhäuser, um eines Tages zurückzukehren und dem deutschen Volk zu neuer Größe zu verhelfen.
Während seines ganzen Lebens hatte Barbarossa zahlreiche treue Anhänger – Untertanen, Ritter und gemeine Soldaten, die für ihn Kriege führten und unter seinem Banner ihr Leben ließen. Der treuste unter ihnen soll sein Untertan Zedlitz gewesen sein, der seine Loyalität zu Barbarossa auf dessen Polenfeldzug unter Beweis stellte. Auf der Höhe des Gefechts, als Barbarossas königlicher Umhang von einem feindlichen Speer durchbohrt wurde, eilte Zedlitz seinem König zur Seite und hieb den Umhang entzwei, wodurch Barbarossas Leben gerettet wurde. Jahrhunderte später wurde diese große Tat in einem epischen Gedicht festgehalten, das mit folgenden Zeilen endet:
Und wo man von Treue und Tapferkeit spricht,
da fehlt auch der Name der Zedlitze nicht.
Ihr Haus kommt nimmer zu Falle.
Der treue Untertan Zedlitz wurde für seine Loyalität und seinen Mut reich belohnt. Er hatte nicht nur Barbarossas Gunst gewonnen, sondern erhielt auch ein beträchtliches Stück Land an der östlichen Grenze Thüringens, ein deutscher Vorposten zum Königreich Böhmen. An dieser Stelle sollte er eine mächtige, seinen Namen Zedelic tragende Festung errichten, die lange nach dem Tod sowohl Barbarossas als auch seines treuen Untertanen Zedlitz für die Verteidigung deutschen Gebiets von großer Wichtigkeit werden sollte.
Fünfzig Jahre nach Barbarossas Tod, im Frühjahr 1241, richtete der damals regierende polnische Monarch Heinrich der Fromme einen dringenden, alle Stammes-, Kultur- und Fürsteninteressen übergreifenden Appell an die Christenheit, zu den Waffen zu greifen: Die Ungläubigen waren in Schlesien eingedrungen!
Während der Herrschaft der Staufer und Piasten stand der Begriff Ungläubige für die Tataren, eine Gruppe verschiedener nomadischer Völker, die jahrhundertelang den ganzen eurasischen Kontinent von der Mongolei im Osten bis zur Ukraine im Westen durchzogen. Ihre Sprache war dem Türkischen verwandt und noch im 13. Jahrhundert waren sie weder mit dem Christentum noch mit dem Islam in Berührung gekommen.
Schlesien war ein entlegenes fürstliches Besitztum an der Grenze des polnischen Königreiches, das im Süden von der Hohen Tatra und im Westen von der Neiße begrenzt wurde. Die Oder durchquerte dieses Gebiet in nördlicher und westlicher Richtung auf ihrem Weg von der Quelle zur Ostsee. Das Land war reich an Wäldern und fruchtbaren Feldern und es wurde behauptet, es lägen dort riesige Schätze an Mineralien unter der Erde. Wen wundert es daher, dass sowohl die Tataren als auch die europäischen Herrscher gleichermaßen an Schlesien – Slansk – interessiert waren.
Aus dem Süden und vom Westen kamen deutsche Ritter nach Osten an die Oder geritten, um die Invasion der Mongolen zu stoppen. Mit ihrer schweren Rüstung überquerten sie die Neiße und kämpften sich durch heimtückische Sümpfe und endlose Wälder, um den Soldaten Heinrichs zur Seite zu stehen. Die polnischen Ritter, in ebenso schweren Rüstungen, zogen in südlicher Richtung durch ihnen vertraute Sümpfe und Wälder. Sie überquerten die Oder von Osten kommend.
Am ersten klaren Morgen im April stießen die vereinten Armeen auf die eingedrungenen Tataren in den feuchten Niederungen Schlesiens. Unter kampferprobter Führung preschten die Ritter in ihren Rüstungen, wie sie es häufig geübt hatten, in enger Formation mit gezückten Schwertern vorwärts. Dahinter folgte das Fußvolk mit langen, unhandlichen Speeren, halb im Schlamm versinkend. Die gegnerischen Linien wurden immer wieder durchbrochen, jedoch unter hohen Verlusten. Pferde und Männer stürzten und versanken im Morast. Bald überstieg die Zahl der Verwundeten und Sterbenden die der noch Kämpfenden. Wieder und wieder formierten sich die Armeen unter ihren Bannern, schlossen die Lücken der gefallenen Pferde und Männer und griffen erneut an. Am Ende siegten die christlichen Armeen.
Unter den deutschen Bannern in dieser Schlacht waren auch diejenigen der Ritter von Burg Zedelic. Sie wurden geführt von einem Nachfahren des treuen Untertans Barbarossas, Zedlitz, und die Soldaten stammten aus dem Dorf Zedelic an der Ostgrenze Thüringens. Nachdem die erschöpften Ritter und Soldaten aus Zedlitz ihre Toten begraben hatten, überquerten sie die Neiße in westlicher Richtung, um in die Heimat zu ihrer Burg und ihrem Dorf zurückzukehren.
In den Jahrhunderten nach dem historischen Sieg über die Tataren ging die Herrschaft über Schlesien an den König von Böhmen, danach durch sorgfältig arrangierte Heiraten an die österreichische Dynastie der Habsburger.
Im 18. Jahrhundert war die Stauferdynastie Barbarossas und seiner Nachfahren längst verschwunden. An ihre Stelle trat als treibende Kraft unter den Fürsten und Prinzen des Nordens das Haus Hohenzollern, das das Fürstentum Brandenburg regierte und später die Könige Preußens stellen sollte. Zentrum seiner Macht war die Stadt Berlin.
Im April 1741, genau 500 Jahre nach dem Sieg über die Tataren, eroberten die Armeen des Preußenkönigs Friedrich des Großen das gesamte, zum Habsburger Reich der Kaiserin Maria Theresia gehörende Land zwischen Oder und Neiße. Sieben Jahre später, nach zahlreichen Gefechten, unterzeichneten Österreich und Preußen einen unsicheren Friedensvertrag. Maria Theresia behielt zwar ihren Thron, Friedrich jedoch behielt Schlesien. Die Kaiserin soll sich beklagt haben: »Er hat mir meinen herrlichen Garten weggenommen.«
Der Friede dauerte nicht einmal zehn Jahre, und als der Krieg erneut ausbrach, erreichte er bald die Dimension eines Weltkonflikts, in den sowohl alle Großmächte Europas als auch weit entfernt liegende Länder wie Nordamerika und Indien verwickelt wurden. Da dieser dritte schlesische Krieg sieben Jahre dauerte, wurde er als der Siebenjährige Krieg bekannt. Nach seinem Ende war Schlesien fest im Besitz des preußischen Königs.
Das Land war nun von Nachfahren der Familie Zedlitz aus Zedelic bewohnt, die, genau wie ihre Vorfahren vor vielen Jahrhunderten, ihrem König dienten. Unter diesen Nachkommen befanden sich auch Ernestine und Gottlieb von Trützschler, miteinander verheiratete, weitläufig verwandte Vetter und Cousine. Im Jahr 1800 brachte Ernestine auf dem Familienschloss der Trützschlers in Thüringen ihr erstes Kind, Karl Eduard, zur Welt.
Es war die Zeit nach der Französischen Revolution mit all ihren Grausamkeiten und nicht eingehaltenen Versprechen. Napoleon Bonaparte hatte in Frankreich die Macht übernommen und sich sofort in militärische Konflikte mit den Nachbarländern Preußen, Österreich und Russland gestürzt. Als Karl Eduard fünf Jahre alt war, hatte Napoleon bereits den Höhepunkt seiner militärischen Stärke erreicht und die verbündeten Armeen Österreichs und Russlands in der Schlacht von Austerlitz besiegt. Von seinen Erfolgen beflügelt, nahm er sich als Nächstes Preußen vor. Das Trützschlersche Schloss wurde belagert, weshalb Karl Eduard und seine Mutter beim Großonkel, Baron von Zedlitz, auf Schloss Schwentnig in Schlesien in Sicherheit gebracht wurden.
Wenige Jahre später starb der alte Baron und Schwentnig ging in den Besitz von Gottlieb von Trützschler, Karl Eduards Vater, über. Gottlieb stellte beim preußischen König den Antrag, künftig beide Namen Zedlitz und Trützschler führen zu dürfen. Der König genehmigte nicht nur diesen Antrag, sondern erhob ihn auch in den erblichen Grafenstand. Im Register der preußischen Aristokratie wurde ein neuer Eintrag vorgenommen: Gottlieb Graf von Zedlitz und Trützschler. Seit dieser Zeit besteht das Familienwappen aus der rot-silbernen Schwertgurtschnalle der Familie Zedlitz und dem schwarz-gelb uniformierten Soldaten der Trützschlers.
Karl Eduard, der zweite Graf von Zedlitz und Trützschler, war der Erste seiner Familie, der die Universität besuchte – die Friedrich-Wilhelm-Universität (seit 1945 Humboldt-Universität) in Berlin. Dort lernte er die Baronin Ulrike von Vernezobre de Laurieux, eine außergewöhnliche Schönheit französisch-hugenottischer Abstammung, kennen, die er später heiratete. Aus dieser Ehe gingen sechs Kinder hervor, das letztgeborene, Sohn Robert, kam im Jahr 1837 auf Schloss Schwentnig zur Welt. Kurz nach seiner Geburt erkrankte Ulrike an Tuberkulose und starb.
Karl Eduard wurde einige Zeit später in die schlesische Hauptstadt Breslau versetzt, wo er einen Posten in der Verwaltung übernahm. Im Alter von 13 Jahren trat Robert in das Gymnasium zu Breslau ein. Schloss Schwentnig wurde zu einem Landsitz, auf den sich der Graf mit seiner Familie nur an Festtagen und während des Urlaubs zurückzog. Für Robert begann eine Zeit der Unruhe und Zerstreuung; für ihn waren weder der akademische Unterricht am Gymnasium noch die Gemeinschaft mit den anderen Schülern von Interesse.
Es war das Jahr 1853 und in ganz Preußen – von den anderen deutschen Staaten ganz zu schweigen – begannen die Ideale des Nationalismus und modernen Liberalismus Fuß zu fassen. Tatsächlich bedrohten sie die bestehenden Institutionen von allen Seiten. In den Städten organisierten sich die Arbeiter zum Kampf gegen die mit der industriellen Revolution einhergehende Ausbeutung. Zum ersten Mal gesellten sich zu den Arbeitern auch Intellektuelle und Kaufleute im Kampf für das allgemeine Wahlrecht. Die alten preußischen Institutionen, die sich jahrhundertelang auf drei unterschiedliche, jedoch miteinander verflochtene Klassen stützten, wurden langsam, aber sicher untergraben.
Die Französische Revolution und die Dekade der Triumphe Napoleons hatten eine zweifache Wirkung auf diese Entwicklungen. Seine Reformen bei der Ausübung der Regierungsgewalt und dem Militär beeindruckten diejenigen, die Reformen in Preußen für nötig erachteten. Die Erniedrigung Preußens jedoch bewegte Deutsche aller politischen Richtungen und sozialen Klassen. Es entwickelte sich neues Gedankengut: die Idee des befreienden Nationalismus, der in einer Föderation deutscher Staaten zum Ausdruck kommen sollte.
Diese Idee fand Robert im Alter von 16 Jahren äußerst attraktiv. Ohne seine akademische Bildung abzuschließen, verließ er daher das Gymnasium und wurde Offiziersanwärter im 6. Preußischen Kürassier Regiment. Mit 19 Jahren erhielt er sein Leutnantspatent im preußischen Offizierskorps und wurde zu dem begehrtesten aller preußischen Regimenter versetzt – der Garde du Corps.
Später schickte ihn der König nach Frankreich, wo er den Aufbau und die Ausbildungsmethoden studieren sollte, mit denen die Franzosen die stärkste militärische Macht in Europa aufgebaut hatten. In Paris lernte er Otto von Bismarck, den preußischen Botschafter in Frankreich, kennen, der später die deutsche Politik und eigentlich fast ganz Europa beeinflussen sollte. Durch seine Freundschaft mit Bismarck wurde Robert in die französische Gesellschaft eingeführt. So begann, im Bewusstsein seiner französischen Herkunft mütterlicherseits, seine große Vorliebe für die französische Kultur. Robert war von der Lebensqualität des Landadels fasziniert und begann davon zu träumen, in Schlesien Land zu kaufen, um dort die kultivierte Lebensweise der Heimat seiner Mutter einzuführen und seinen Lebensunterhalt mit der Landwirtschaft zu verdienen.
In seinen Träumen beschäftigte sich Robert auch mit der Aussicht auf Heirat, da er sich in Agnes von Rohr aus Dannenwalde verliebt hatte. Die Rohrs, eine alte, aristokratische Familie aus Brandenburg, standen dem König weit näher, als es die Zedlitz jemals taten. Nach Roberts Vorstellung war Agnes die geborene Herrin eines großen Landsitzes. Eine Karriere in der preußischen Armee verlor für ihn daher schnell ihren Reiz.
Als zweiter Sohn Karl Eduards würde Robert ohnehin nie Erbe von Schwentnig werden, wenngleich es das einzige wirkliche Zuhause war, das er je gekannt hatte. Trotzdem schrieb er seinem Vater von seinen Hoffnungen und Träumen und Karl Eduard stellte vertraulich und diskret einige Nachforschungen an.
Sofort nach Beendigung seines Aufenthalts als Offizier in Frankreich machte sich Robert mit dem Zug auf nach Schwentnig, durch Franken und Thüringen, durch Landstriche, die seine kriegerischen Vorfahren zu Fuß oder auf Pferden durchquert hatten, bis nach Schlesien zum Schloss Schwentnig. Karl Eduard hieß seinen Sohn willkommen und machte ihm folgenden Vorschlag: Er hatte soeben einen der schönsten Landsitze in ganz Schlesien erworben, das 1 700 Morgen große Gut Niedergroßenborau (im Folgenden Großenborau genannt). Dies sollte sein Hochzeitsgeschenk für Robert sein, der es verwalten und später erben sollte unter der Bedingung, das Gut niemals zu verkaufen, zu teilen oder Hypotheken auf das Land aufzunehmen. Der Vorschlag wurde ohne Einschränkung angenommen.
So waren Roberts Tage als Junggeselle und Soldat fast zu Ende. Vor ihm lag die vorhersehbare Zukunft eines Familienvaters und preußischen Landbesitzers. Im Europa des 19. Jahrhunderts jedoch war die Zukunft alles andere als vorhersehbar geworden.
I
Die Gräfin von Grossenborau
1867 –1886
»Konts Ruth«
Früh an einem kalten Februarmorgen werden die Bauern in Großenborau vom Läuten der Kirchenglocken geweckt. Die meisten von ihnen eilen zum Hoftor des Gutshauses, wo die Hausdame, ein breites Lächeln auf dem Gesicht, bereits wartet. Seit Robert und Agnes, Graf und Gräfin von Zedlitz und Trützschler, als frisch getrautes Ehepaar in Großenborau einzogen, ist es das dritte Mal. Damals betrachteten die stolzen Dorfbewohner die neuen Herrschaften mit einer Mischung aus Hoffnung und Angst – Hoffnung, der neue Besitzer des alten Guts würde Reformen einführen, um so die kränkelnde Landwirtschaft zu retten, und Angst, er könnte dieser streng katholischen Gemeinde den evangelisch-lutherischen Glauben aufzwingen. Ihre Hoffnungen wurden bald erfüllt, ihre Ängste aber zerstreut. Großenborau hat noch immer seinen katholischen Priester. Unter der Aufsicht von Graf Robert wurde sogar die alte Fachwerkkirche renoviert und neu ausgestaltet.
Die Kirche, nur durch einen bescheidenen Friedhof vom Gutshaus getrennt, ist so nah, dass die Hausdame es nicht vermag, sich bei dem Glockengeläut Gehör zu verschaffen. Die Dorfbewohner jedoch sind geduldig – ein Charakterzug, der sich im Laufe der Jahrhunderte des Feudalismus in diesem alten Land entwickelt hat. Sie wissen, der Priester wird die Glocken erst verstummen lassen, wenn seiner Meinung nach eine hinreichend große Menschenmenge zusammengekommen ist.
Als die Glocken endlich schweigen, erhebt die Hausdame die Stimme. Mit der ihrer herausgehobenen Position in der Dienstbotenhierarchie des Hauses angemessenen Selbstsicherheit verkündet sie, es sei ihr eine Ehre, die Geburt eines kräftigen und gesunden Mädchens mitzuteilen. Ihr Name werde Ruth sein. Ein überraschtes Murmeln geht durch die Menge – Ruth, ein biblischer Name; wie ungewöhnlich, dass die schlesische Aristokratie einen Namen aus dem Alten Testament wählt! Dennoch, einige Jubelrufe ertönen aus der Menge, dann gehen die Männer an ihre Arbeit und die Frauen eilen nach Hause. An diesem Tag wird wenig gearbeitet werden, denn jeder im Dorf wird die Geburt auf die eine oder andere Weise feiern.
Einen Monat nach ihrer Geburt wird die kleine Komtess Ruth von Zedlitz und Trützschler von einem Kindermädchen auf die Taufe in der Familienkapelle vorbereitet. Für die Familien von Robert und Agnes sind Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse mehr als nur religiöse Ereignisse, sie dienen auch dazu, die Bindungen zu festigen, die nicht nur Familien, sondern ihre ganze soziale Schicht zusammenhalten. Aus Schwentnig und aus Dannenwalde, aus Frankenstein, Altenburg und Frauenhain – von den großen Gütern Schlesiens, Thüringens und Brandenburgs – kommen die Tanten und Onkel, Vettern, Cousinen und Pateneltern am nahe gelegenen Bahnhof Freystadt an, wo sie vom Kutscher im Landauer des Gutes abgeholt werden. Robert fährt persönlich zweimal die Strecke, zuerst, um die Gäste aus Dannenwalde, Agnes’ Eltern, abzuholen und ihnen zu versichern, dass ihre Tochter bei guter Gesundheit sei, und dann, um seinen Vater Karl Eduard aus Schwentnig willkommen zu heißen. Kaum sitzt der alte Graf im Wagen, erkundigt er sich schon nach dem Namen des Kindes. »Ruth«, antwortet sein Sohn. Karl Eduard ist verblüfft. Diesen Namen gab es noch nie in der Familie – warum also gerade jetzt? Bestimmt, jedoch freundlich erklärt Robert seinem Vater: »Du solltest noch einmal das Alte Testament und die Geschichte der Moabiterin Ruth lesen. Dies ist auch die Geschichte unseres Volkes – ›Treue bis zum Tode‹.« Der Vater verstummt, vielleicht weil er mit ihm übereinstimmt, vielleicht aber auch, weil er weiß, dass er kein Recht hat, sich hier einzumischen.
Der Pastor aus Freystadt ist in Begleitung seiner Frau mit der Kutsche gekommen, um den Taufgottesdienst abzuhalten. Für die meisten Pastoren in Preußen ist eine Taufe in der Aristokratie ein ganz besonders willkommenes Geschenk. Im Gegensatz zu den katholischen Priestern, die oft die zweitältesten Söhne polnischer oder österreichischer Aristokraten sind, stammen die protestantischen Pfarrer Preußens aus den kleineren und größeren Städten der Provinzen. Oft sind es Söhne von Kaufleuten oder schlecht bezahlten Lehrern. Pfarrer zu werden, ist also ein Schritt nach oben. Pfarrer an einer Kirche des Landadels zu sein, bedeutet jedoch ein isoliertes, spartanisches Leben auf dem Lande. Daher sind solche religiösen Festtage, an denen die Aristokratie zusammenkommt, willkommene und glanzvolle Abwechslung im Leben der Dorfpfarrer und ihrer Frauen. Auf den Pastor von Freystadt trifft das offensichtlich ganz besonders zu.
Heute wird in allen Öfen des großen Hauses Feuer entfacht und das größte Kaminfeuer brennt in der großen Festhalle, die zu Ehren des alten Grafen Karl Eduard in den Farben Schwarz und Gold der Familie Zedlitz geschmückt ist.
Außer dem Pastor, den Familienmitgliedern und den Pateneltern befindet sich noch ein weiterer, etwas unerwarteter Gast in der Festhalle, der manchen persönlich, jedoch allen dem Namen nach bekannt ist. Es ist Otto von Bismarck, Ministerpräsident von Preußen. Als Robert hörte, dass Bismarck kurz vor der Taufe auf Staatsbesuch in Schlesien sein würde, lud er seinen alten Freund kurzerhand ein und dieser nahm die Einladung an.
Otto von Bismarck steht dem preußischen König Wilhelm I. als sein engster innenpolitischer Berater von allen anderen Politikern am nächsten. Mit seiner Außenpolitik machte er Preußen zu einem ebenbürtigen Rivalen des Habsburger Reiches und Frankreichs unter Napoleon III. In den Kreisen der Zedlitz und Trützschler lässt allein das Erwähnen des Namens Bismarck die Herzen höher schlagen. Seine Anwesenheit bei der Taufe der kleinen Ruth verleiht diesem an sich schon bedeutenden Ereignis noch mehr Glanz.
Endlich betreten der Graf und die Gräfin mit ihren beiden Kindern Robert und Lisa an der Hand die Halle. Ihnen folgen Pate und Patin mit der friedlich schlummernden Ruth auf dem Arm, einem kleinen Bündel, in ein langes Taufkleid gehüllt, das vor ihr schon mindestens zehn Kinder aus drei Generationen bei der Taufe getragen haben. Die Gäste treten zur Seite und machen der kleinen Prozession den Weg frei in die Familienkapelle. Der Pastor, die Bibel in der Hand, eröffnet die Zeremonie mit einem Bittgebet und einer Lesung aus dem Neuen Testament. Danach sprechen zuerst die Eltern und dann die Pateneltern das Taufgelübde. Der Pastor taucht seine Hand in das Taufbecken und berührt die Stirn des Kindes. »Ich taufe dich Ruth … im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Die Zeremonie endet mit einer Segnung und erst nach dem Amen fängt Ruth an zu weinen. Ein Kindermädchen führt die beiden anderen Kinder aus der Kapelle hinaus. Das Kind wird der Mutter in die Arme gelegt, nun beruhigt es sich wieder.
Einer nach dem anderen kommen die Gäste zum Gratulieren, je nach Art des Verhältnisses mit einem Händedruck, einer Umarmung oder einem Kuss. Der Ministerpräsident, der ja nicht dem engeren Familienkreise angehört, möchte sich hier nicht ausschließen. Er ergreift behutsam die Hand der kleinen Ruth, befreit sie aus den Rüschen des Taufkleides und drückt einen Kuss darauf. Auf den Gesichtern der stolzen Eltern und Großeltern steht Überraschung und Freude. Diese Taufe ist wirklich anders als all die vorausgegangenen.
Wenn Ruth alt genug ist, um es zu verstehen, wird man ihr von diesem bemerkenswerten Ereignis erzählen. Sie wird sehr stolz sein auf die Tatsache, dass sie von dem großen Otto von Bismarck einen Kuss erhielt. Sie wird auch glauben, dieser Kuss habe ein tieferes Verständnis der Politik in sie hineingelegt, was man, wie spätere Ereignisse zeigen werden, durchaus glauben mag.
Zwei Jahre nach diesem Fest folgt die nächste Taufe, diesmal ist es Marie Agnes, die den Rufnamen Anni erhält; wieder zwei Jahre später folgt Stefan und nach zwei weiteren Jahren wird Ehrengard getauft. Insgesamt schenken der Graf und die Gräfin sechs Kindern das Leben, die alle im herrschaftlichen Schlafzimmer, das auf der Gartenseite des großen Gutshauses liegt, das Licht der Welt erblicken. Nur eines dieser Kinder wird den Untergang Großenboraus erleben.
Die Kinder wachsen zunächst unter der Obhut eines französischen Kindermädchens im turmartigen Kinderzimmer über dem Garten auf. Es wird nur Französisch gesprochen. Später wird das Spielzimmer zum Schulzimmer und in Großenborau zieht ein Privatlehrer ein. Er bekommt eines der Zimmer zum Hof hinaus, wohnt den Morgen- und Abendgebeten bei und nimmt mit der Familie an der langen Tafel die Mahlzeiten ein. Das sonnige Turmzimmer dient nun dem Erlernen der Grammatik, Arithmetik und Geschichte.

Komtess Ruth von Zedlitz und Trützschler
Ruth entwickelt sich zu einem aufgeweckten, etwas eigensinnigen, aber immer liebenswerten Mädchen. Sie verbringt Stunden beim Spiel mit ihren Puppen im Landauer der Familie, der im Stall auf der anderen Seite des Hofes steht. Dem Kutscher ist es ein Vergnügen, seine Arbeit zu unterbrechen und je nach Anweisung der kleinen »Konts Ruth« das Verdeck nach vorne oder nach hinten zu verstellen, was davon abhängt, ob sie gerade Froschkönig oder Dornröschen spielt. Oft bringt Ruth dem Kutscher Blumen oder Zweige aus dem Garten. Er ahnt nicht, dass sie ihm in ihren Märchenspielen Charakterrollen zugedacht hat.
Auf diese Weise lebt Ruth ihre Fantasien aus, in denen sie träumt, eines Tages werde sie ein schöner Prinz holen und auf ein Schloss irgendwo in den weiten Ländereien Preußens bringen. Freilich kommt es ihr nie in den Sinn, dass sie ja schon das Leben einer Märchenprinzessin führt.
»Ja, tausendmal ja«
1870. Die Armeen König Wilhelms haben Frankreich vernichtend geschlagen. In Preußen geht dieses Ereignis als Sieg von Sedan und Sturz Napoleons III., des letzten französischen Kaisers, in die Geschichte ein.
1871. Am 18. Januar wird Wilhelm, König von Preußen, im Schloss von Versailles zum deutschen Kaiser Wilhelm I. proklamiert. Sein Reich ist das zweite Reich in der deutschen Geschichte; das erste war im Mittelalter durch Kaiser Heinrich I. gegründet worden. Die vorherrschende Rolle im zweiten, alle deutschen Fürstentümer im Süden und Westen umfassenden Reich spielt Preußen. Es ist der erste moderne deutsche Nationalstaat mit großen Gebieten, die von Slawen, Franzosen und Skandinaviern bewohnt sind. Bezeichnend ist aber auch, dass die deutschsprachigen Teile Österreich-Ungarns nicht dazugehören. Der Traum eines Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ist tot, lebendig und weit verbreitet aber ist der Geist Friedrich Barbarossas. Erstaunlicherweise spielt Wilhelm I. eine nur zögerliche Rolle in der Entstehung dieses Reiches. Er ist nicht geneigt, die Rolle des Kaisers von ganz Deutschland anzunehmen, gibt dem Drängen seines Ministerpräsidenten Otto von Bismarck, jetzt Kanzler des Deutschen Reiches, jedoch nach. Das neue Reich ist einzig und allein Bismarcks Verdienst und gleichzeitig Höhepunkt seiner Karriere. Er schafft ein gewähltes deutsches Parlament, wenn auch mit stark eingeschränkten Rechten. Der Kanzler allerdings ist direkt und ausschließlich dem Kaiser unterstellt.
Dieser kühne Schritt Bismarcks aber findet nicht nur Unterstützung. Zu den Verfechtern des Reiches zählen die Intellektuellen, die Mittelschicht, die Industriearbeiter, die selbstständigen Bauern und sogar die Dorfbewohner aus Schlesien und Pommern. Sie tragen den Geist des Nationalismus im Herzen und glauben, ein Nationalstaat müsse unweigerlich zu wirtschaftlichem Fortschritt und einer gerechteren Gesellschaft führen. Im Gegensatz dazu befremdet dieser Schritt den preußischen Landadel, also genau jene Konservativen, die Bismarck ursprünglich zur Macht verholfen haben. Sie profitieren noch von den Privilegien der Feudalgesellschaft und fürchten, diese beim Entstehen einer modernen deutschen Nation zu verlieren.
1881. Graf Robert von Zedlitz und Trützschler ist einer der einflussreichsten Landbesitzer in ganz Schlesien. Sein Gut Großenborau gilt vor allem wegen der von ihm eingeführten Techniken der Hochwasserregulierung als ein vorbildlicher landwirtschaftlicher Betrieb. Der Graf ist Mitglied des schlesischen Wirtschaftsentwicklungsausschusses und konnte durch dieses Gremium seine modernen Hochwasserregulierungsmethoden in ganz Schlesien bekannt machen. So gelang es, die Hochwasser, die früher Leben und Besitz in den Flusstälern ständig bedrohten, wirksam zu regulieren. Robert war auch einer der Vorsitzenden einer Landbesitzervereinigung, auf deren Berliner Kongress er die Mitglieder davon überzeugen konnte, sich über ihre parteipolitischen Interessen hinaus mit gemeinsamen landwirtschaftlichen Problemen zu befassen. Seine Erfolge bei der Überwindung parteipolitischer Interessen sind seinem alten Freund, dem Kanzler, nicht verborgen geblieben; in der Tat ist Graf Robert einer der wenigen aus diesen Kreisen, auf den sich Bismarck verlassen kann.
Daher kommt es nicht überraschend, als Bismarck Robert im September 1881 zum Regierungspräsidenten in Oppeln ernennen lässt. Diese Ernennung erfolgt im Namen des Königs und nicht des Kaisers, da Kaiser Wilhelm I. Preußen weiterhin als König regiert. Unter den schlesischen Landbesitzern ruft Roberts Ernennung große Freude hervor. Einer der Ihren und nicht irgendein Fremder aus Brandenburg oder Pommern regiert nun über sie.
In Großenborau reagiert man mit einer Mischung aus Freude und Sorge auf diese Neuigkeit. Im Dorf macht sich ein Gefühl der Unsicherheit breit, da die Anwesenheit des Grafen im Alltagsleben immer von Vorteil war; andererseits ist man auch stolz auf die unerwartete Wahl des Kaisers. Die Gefühle in der Familie reichen von freudiger Erregung bis zu tiefer Trauer, bedeutet doch des Vaters neue Stellung den Umzug nach Oppeln in die Residenz des Regierungspräsidenten, einen richtigen Palast mit elegant möbliertem Wohntrakt und Büroräumen.
Für Ruth ist der Gedanke an den Umzug schon Vorbote für das Ende ihrer unbeschwerten Kindheit. Eine Veränderung hatte bereits stattgefunden. Ihr Bruder Rob, mit dem sie ein vertrauensvolles Verhältnis verband, war vor einem Jahr in die Militärakademie eingetreten. Er bereitet sich nun im Kadettenkorps Lichterfelde auf die militärische Laufbahn vor. Bei seinen gelegentlichen Besuchen zu Hause führt er lange Gespräche allein mit dem Vater in der Bibliothek, hinter verschlossenen Türen. Für Ruth ist Rob ein Mann geworden, während sie noch ein Kind ist. Ob das allen Kindern widerfährt, die Großenborau verlassen? Ruth vermutet, dass dies wohl so ist. Was Ruth nicht weiß, ist, dass Rob in langen Gesprächen seinen Vater inständig bittet, die Armee verlassen und den seit 700 Jahren in den Familien der Zedlitz und Trützschler üblichen Lebensweg aufgeben zu dürfen – er möchte nach Amerika auswandern und als »Selfmademan« sein eigenes Leben aufbauen. Sein Vater kann diesen unglaublichen Wunsch nicht verstehen; er plagt sich mit Selbstvorwürfen, da er meint, er habe in seiner Rolle als Vater vollkommen versagt. Später jedoch wird Rob seinen Traum aufgeben, denn er ist ja schließlich ein Zedlitz – Treue bis zum Tod!
1882, April. Gerade ist die gesamte Familie aus Lichterfelde nach Oppeln zurückgekehrt. Unter blühendem Flieder und Spiräen wurde Rob zum Leutnant des Ersten Preußischen Garde-Infanterieregiments ernannt. Ruth ist auf ihren Bruder mächtig stolz; sie behauptet, sie könne für immer und ewig seine Uniform bewundern, ohne den Blick auch nur einmal abzuwenden.
Die fünf Zedlitz-Kinder sitzen an der großen Tafel in der Residenz des Regierungspräsidenten, zwei auf der einen Seite, drei auf der anderen. Graf Robert sitzt am Kopfende, Gräfin Agnes ihm gegenüber. Ruths Platz ist zur Linken ihres Vaters. Das Tischgebet wurde bereits gesprochen und die Kinder essen schweigend ihre Suppe. Der Vater, an niemand speziellen oder vielleicht an alle gemeinsam sich wendend, sagt: »Heute hat mir der alte Kleist seinen Sohn als Referendar angemeldet.« Wenige Tage später kommt Ruth im Empfangszimmer an dem silbernen Tablett vorbei, welches als Ablage für Visitenkarten dient. Es stapeln sich dort bereits die Kärtchen, die immer zweifach abgegeben werden, eine für den Grafen, eine für die Gräfin. Obenauf liegen zwei identische Karten mit dem Aufdruck »Jürgen von Kleist-Retzow1, Kammergerichtsreferendar«.
An einem schönen Sommerabend einige Wochen später darf Ruth ihren Vater zu einem Konzert der Militärkapelle begleiten, welches im Freien außerhalb von Oppeln stattfindet. Ruth selbst lernt und spielt eifrigst Klavier, und so möchte ihr Vater ihr mit diesem Konzert eine besondere Freude bereiten. Nun sitzt sie neben ihm in der Loge des Regierungspräsidenten, während er die Passanten grüßt. Plötzlich wendet er sich ihr zu und deutet auf einen jungen Mann in der Ferne. »Dieser junge Mann ist Kleists Sohn«, sagt er und widmet seine Aufmerksamkeit gleich wieder denjenigen, die ihn begrüßen wollen.
Ruth jedoch kann ihren Blick von dem großen, schlanken, gut aussehenden Mann mit den dunklen Augen, dem dunklen Schnurrbart und dem bemerkenswert ernsthaften Gesichtsausdruck nicht abwenden. Sie werden einander nicht vorgestellt, auch kommt der junge Mann nicht vorbei, um dem Grafen die Ehre zu erweisen. Trotzdem weiß Ruth genauso sicher, wie sie Ruth heißt, dass dieser Mann, Kleists Sohn, sie ebenso intensiv beobachtet wie sie ihn.
Im Herbst müssen Ruth und Anni zum ersten Mal in ihrem Leben von zu Hause fort auf die Schule, die jedoch nicht weit entfernt ist – ein Diakonissenhaus in einem Nachbarort, wo die beiden auf die Konfirmation vorbereitet werden. Die Fantasien der Kindheit müssen bald Bibelsprüchen und Zitaten aus dem Katechismus weichen, die sie für die Prüfung zur Konfirmation auswendig zu lernen haben.
Dezember. Es ist wieder so weit in Oppeln: Heiliger Abend! Ruth und Anni sind von der Schule nach Hause zurückgekehrt, auch Rob hat Heimaturlaub. Nach dem Abendessen gehen Ruth, Anni und Rob zu Fuß in die Kirche. Es schneit leicht. Kaum haben die drei das Haus verlassen, als Rob von einem jungen Mann begrüßt wird, der offensichtlich an der Ecke gewartet hatte. Rob stellt diesen Mann seinen Schwestern als »mein Freund, Herr von Kleist, der beste Reserveoffizier unseres Regiments« vor. Ruth ist sprachlos vor Erstaunen, während Rob fortfährt: »Sie sind also auch auf dem Weg in die Kirche!« Und Kleist antwortet fast entschuldigend: »Es ist unter uns jungen Leuten nicht üblich, die Kirche zu besuchen, aber ich halte es mit den Gebräuchen, in denen ich aufgewachsen bin.« Ruth gehen die ersten in ihrer Gegenwart gesprochenen Worte des jungen Kleist sehr zu Herzen. Sie hört nichts mehr von dem, was im weiteren Verlauf erzählt wird, obwohl die beiden jungen Männer miteinander plaudern, bis man die Kirche erreicht hat.
Am Tag nach Weihnachten sind Vater und Mutter, Rob, Ruth und Anni außerhalb Oppelns auf Schloss Turawa zum Abendessen eingeladen. Diese Weihnachtseinladung ist Ruths erste richtige »Erwachsenen-Party«. Wieder ist »er« unter den Gästen und nun beginnt Ruth langsam zu verstehen – die nebenbei fallen gelassenen Bemerkungen beim Abendessen der Familie, die Visitenkarten auf dem Tablett, die Blicke, die sich beim Militärkonzert trafen, und das »zufällige« Treffen auf dem Weg zur Kirche. So geschehen diese Dinge in Preußen; Ruth ist noch nicht 16 Jahre alt, aber sie hat die Gabe zu beobachten und sie begreift.
1883. Wieder zurück auf der Schule sind alle Gedanken an den Juristen in Vaters Büro völlig verdrängt. Ruth lernt fleißig Luthers Katechismus und versucht, eine Unmenge von Bibelversen sowie deren Bedeutung auswendig zu lernen. Sie möchte sich gründlich auf die Prüfung des Pastors vorbereiten, da sie sich die religiöse Bedeutung der Konfirmation sehr zu Herzen genommen hat. Bewusst geworden aus ihrem Familienleben und seiner Tradition ist ihr auch die weitere Bedeutung dieses Ereignisses – nämlich der Übertritt von der Kindheit in das Erwachsenenleben. Dieser Gedanke birgt sowohl Angst als auch Freude in sich und je näher der Mai heranrückt, desto schwieriger wird es für Ruth, ihre jugendlich-romantischen Fantasien im Zaum zu halten. Ihre Kindheitsvorstellung vom Märchenprinzen ist ganz auf Jürgen von Kleist übergegangen.
November. Es ist der Beginn der Ballsaison in Oppeln – eine sorgfältig vorbereitete Serie von Festen, auf denen die höheren Töchter in die Gesellschaft eingeführt werden. Zu Hause wird der Name »von Kleist« nicht mehr erwähnt. Ruth ist der Meinung, er habe die Stadt verlassen, da Vater einmal bemerkte, er werde für einen Landrat in Brandenburg arbeiten. Ruth schwört, Kleist aus ihrem Herzen zu verbannen, da ihr die Sehnsucht nach ihm offenbar nur Leid zufügt. Heute steht Ruth geduldig vor dem Spiegel, während ihr die Schneiderin das Kleid anpasst. Das lange Haar hat sie hochgesteckt in der Hoffnung, ihre Mutter würde ihr gestatten, es so auf ihrem ersten Ball dieses Winters zu tragen. Ein neues Privileg des Erwachsenseins besteht darin, sich gelegentlich im Spiegel bewundern zu dürfen, was während der Kindheit auf Großenborau streng verboten war. Sie betrachtet die Erwachsenenfrisur und prüft ihre Figur im neuen Kleid. Sie überlegt, wie weit ihr Rock schwingen wird, wenn sie sich mit den unbekannten jungen Männern, die man im Ballsaal Oppelns trifft, im schnellen Walzertakt drehen wird. Diese Vorstellung reicht aus, um sie wenigstens ein bisschen neugierig auf den kommenden Winter zu machen. Die realistische Ader in Ruth sagt ihr, »das Leben muss weitergehen«. Der erste Ball der Saison findet beim wichtigsten Berater ihres Vaters, selbst Vater zweier heiratsfähiger Töchter und zweier Söhne, statt. Beide Söhne sind soeben zu Offizieren ernannt worden und befinden sich gerade auf Heimaturlaub. Ihre Anwesenheit ist ein willkommener Grund, ein Fest zu geben. Zu den Gästen gehören Töchter und Söhne des schlesischen Amtsadels mit ihren Eltern. Am Abend des Festes erstrahlt die Residenz im Kerzenlicht. Nun treffen auch die Kaleschen und Kutschen mit den festlich gekleideten Damen und Herren vor dem Eingang des eleganten Stadthauses ein.
Die Aufregung beginnt bereits vor dem Essen beim Punsch in der Bibliothek. Dort bitten die jungen Männer die jungen Damen um einen Tanz, den diese auf der Tanzkarte, bunten, gefalteten und mit Satinbändern um das Handgelenk gebundenen Papieren, eintragen. Ruths Tänze sind bis auf zwei vergeben. Zunächst beglückwünscht sie sich zu ihrer Leistung, doch dann rügt sie sich wegen ihrer Eitelkeit. Warum finden in ihrem Inneren immer diese Kämpfe statt, während die anderen so fröhlich und unbeschwert wirken?
Das Essen ist sehr formell und verläuft genau nach Programm – zunächst ein Gebet des Gastgebers, dann der erste Gang, ein Toast im Stehen auf den Kaiser und König sowie seinen Vertreter, den Regierungspräsidenten, Graf Robert von Zedlitz und Trützschler, und schließlich ein Toast auf all die reizenden anwesenden Damen. Nach dem Essen begeben sich die Gäste in den Ballsaal. Ruth geht am Arm des jungen Leutnants von Dörnberg. Plötzlich trifft es sie wie ein Blitz – sie hat ihn unter den Gästen entdeckt. Den ganzen Abend lang wechseln ihre Emotionen zwischen Glück und Verzweiflung. Jürgen von Kleist hat zwar das Abendessen versäumt, aber immerhin hat er den weiten Weg aus Berlin nicht gescheut, um zu diesem Ball zu kommen (in ihrem Herzen nennt Ruth ihn bereits Jürgen). Er fragt Ruth, ob auf ihrer Tanzkarte noch ein Platz frei wäre; die Antwort ist natürlich »Ja«. Er trägt sich für den Cotillion ein und geht dann weiter. Ruth ist sich bewusst, dass unter all den heiratsfähigen Junggesellen er der begehrteste ist, sowohl für die Mütter als auch für die Töchter. Welch eine Qual für Ruth!


Ruths Eltern Graf Robert von Zedlitz und Trützschler
und Gräfin Agnes geb. von Rohr
Die ganze Ballsaison hindurch besuchen Lisa und Ruth, die beiden Komtessen von Zedlitz, alle Bälle der großen Häuser Oppelns und auf den noch prächtigeren Herrensitzen der nahe gelegenen Güter. Unter den anwesenden Gästen ist Jürgen stets anzutreffen. Er wohnt inzwischen in Oppeln, wo er wieder bei Ruths Vater arbeitet. Allein diese Tatsache weckt erneut Hoffnung bei Ruth. Jürgen lässt sich immer schon frühzeitig den Cotillion reservieren, aber trotz seiner liebenswürdigen und galanten Art zeigt er kein weiteres Interesse, ja, er scheint sogar allen seinen Tanzpartnerinnen die gleiche Liebenswürdigkeit und Höflichkeit teilwerden zu lassen. Ruth tanzt zwar mit vielen jungen Männern und ihre Tänze sind immer reserviert, ihre Gedanken und Gefühle jedoch gehören nur Jürgen von Kleist.
1884, April. Ruths vorerst letzte Begegnung mit Jürgen, bevor alle in die Sommerferien fahren, erfolgt anlässlich einer sonntäglichen Landpartie in einer Reihe offener Kutschen. Die Herren aus dem Büro des Regierungspräsidenten führen mit der ersten Kutsche die Kolonne an, darauf folgen die Familien. Jürgen sitzt vorne mit Ruths Vater, während sie selbst im letzten Wagen fährt. Auf gerader Strecke ist der erste Wagen völlig ihrer Sicht entzogen, wenn der Weg jedoch einen Bogen macht, kann Ruth einen kurzen Blick von Jürgens roten, im Wind flatternden Seidenschal erhaschen. Einen Moment lang fällt sie zurück in ihre Kindheitsfantasien und sieht ihren Märchenprinzen mit wehendem Schal auf seinem Pferd in großer Eile auf sie zureiten.
November. Ruth ist fast 18 Jahre alt und bereitet sich auf die kommende Ballsaison in Oppeln vor. Sie trägt die Haare nun kurz und ihr Ballkleid ist nicht mehr hochgeschlossen wie früher. Sowohl ihr Haarschnitt als auch ihr Kleid sind Ausdruck ihres unabhängigen Geistes und ihrer Absicht, sich den jungen Männern so zu präsentieren, wie sie es für richtig hält. Auf den beiden ersten Bällen ist sie eindeutig die Ballkönigin. Den Eltern bleibt die kühne Entwicklung ihrer Tochter nicht verborgen und in der Tat sind sie etwas beunruhigt. Sie überlassen jedoch die Aufgabe, mit Ruth zu sprechen, dem älteren Bruder Rob, den sie vergöttert. Es soll unter allen Umständen verhindert werden, dass unangenehme Situationen für Ruth selbst oder die Familie entstehen.
Rob, der auf Weihnachtsurlaub zu Hause weilt, bittet Ruth in die Bibliothek. Er schließt die Türen, bittet Ruth, sich zu setzen, und rückt sich einen Stuhl zurecht, sodass er ihr gegenübersitzt. Ihre Hände fest in seinen haltend, spricht er in einem Ton mit ihr, den Ruth nicht von ihm gewöhnt ist. Er warnt sie davor, sich den Kopf durch Komplimente verdrehen zu lassen, und betont, dass Frauen, die im Ruf stehen, kokett zu sein, oder den Anschein erwecken, als wären sie leicht zu haben, schnell von den Männern verachtet werden, die sie zunächst mit Komplimenten überhäuft haben. Er versichert ihr, Männer würden nur selten solche Frauen heiraten, und dann fragt er sie: »Du möchtest doch gerne heiraten, oder?«
All das ist zu viel für Ruth. Sie wirft sich ihrem Bruder in die Arme und weint untröstlich. All ihre Trauer und Verzweiflung über Jürgen von Kleist tritt nun zutage – ebenso wie das Geständnis, ihr Verhalten sei lediglich ein kläglicher Versuch, ihr durch seine Zurückhaltung so angeschlagenes Selbstbewusstsein wieder aufzurichten. Ihre einzige wirkliche Sehnsucht sei Jürgen und es sähe nun so aus, als würde ihr Herzenswunsch nie in Erfüllung gehen!
Schließlich werden die Tränen getrocknet und die Geschwister vereinbaren, keiner von beiden würde diese Unterhaltung je wieder erwähnen. Des Bruders Worte jedoch bleiben für immer in Ruths Herzen und binden sie noch enger an ihn, der selbst während der tiefen Entfremdung, die ihn später von den meisten Angehörigen der Familie Zedlitz und Trützschler trennen wird, der geliebte Bruder bleiben wird.
1885. Gegen Ende des Winters bringt der Vater zum Abendessen einen versiegelten Brief mit, den er soeben erhalten hat. Der Absender lautet Kieckow, der Poststempel Belgard. Mit einem Messer öffnet er das Kuvert, entnimmt den Brief und liest der versammelten Familie vor:
Hochverehrter Herr Graf! Hochzuverehrender Herr Präsident!
Euer Hochgeboren erlaube ich mir mitzuteilen …
Der Brief ist von Jürgen von Kleist, der dem Vater mitteilt, er habe das Staatsexamen bestanden und wolle ihm für alle erhaltene Unterstützung und Ausbildung während seines mehrmonatigen Praktikums im Büro des Regierungspräsidenten zu Oppeln danken.
Die Tochter des Präsidenten wird in diesen Zeilen mit keiner Silbe erwähnt. Vater wendet den Brief, als vermisse er noch etwas; vielleicht ist auch er überrascht über das, was in dem Brief nicht steht, aber er sagt nichts. Ruth, die eben noch voller Hoffnung steckte, verfällt in ungeahnte Tiefen der Verzweiflung. Zwei Monate später erhält der Vater abermals einen Brief mit dem Absender Kieckow in seiner Post. Diesmal ist es ein schwarz umrandeter Brief, in dem der junge Herr von Kleist den Tod seiner Mutter mitteilt sowie den Grafen davon unterrichtet, dass er für sechs Wochen als Reserveoffizier eingezogen werde. Nach Absolvierung dieser sechs Wochen hoffe er, nach Oppeln zu kommen. Diesmal entschließt sich der Vater, den Brief der Familie nicht vorzulesen, vielleicht, um seiner Tochter erneute falsche Hoffnungen auf den lange abwesenden Freier zu ersparen.
Ruth beginnt, sich ernsthaft Gedanken über ihre Zukunft zu machen. Für sie gibt es drei Möglichkeiten: erstens Hofdame zu werden, die im Dienst der Königin steht, bei den Feierlichkeiten und gesellschaftlichen Anlässen im Palast hilft und Anteil hat am Klatsch des Hofes. Für Ruth ist dies eine abscheuliche Zukunft, die sie unter allen Umständen vermeiden will. Dann könnte sie vielleicht Stiftspröpstin oder Diakonisse werden. Sie denkt gerne an das angenehme Jahr im Diakonissenhaus zurück, aber ihr ganzes Leben dort zu verbringen – nein, das ist sicher auch nicht das Richtige für sie. Nur, was bleibt ihr? Heiraten! Etwa den vornehmen adligen Witwer aus dem Familienkreis, der Vater eines kleinen Kindes ist? Er hat Ruth in letzter Zeit ernsthaft umworben, was sie bislang ruhig und höflich, jedoch bestimmt zurückwies. Sie fragt sich, ob Gott sie dazu bestimmt habe, dem Halbwaisen die Mutter zu ersetzen. Ihre Gefühle und Gedanken sind völlig durcheinander. Dann versucht sie, ihre Motive zu erforschen – ist es Egoismus oder einfach der Glaube an die wahre Liebe, der sie den Witwer abweisen lässt? Sie entschließt sich, das Letztere zu glauben – sicherlich kann Gott von niemandem erwarten, so gegen seine Gefühle zu handeln.
Oktober. Vater ist in Oppeln; Bruder Robert als Soldat irgendwo in Italien; Lisa, Ruth und Anni sind seit dem Sommer mit Mutter allein in Großenborau, da sie und Vater beschlossen haben, an der Ballsaison in Oppeln dieses Jahr nicht teilzunehmen. Stefan und Ehrengard sind auf ein paar Ferientage von der Schule nach Hause zurückgekehrt. Der Vater wird für den Abend erwartet und dann wird die ganze Familie mit Ausnahme von Rob für einige Tage wie früher vereint sein.
Es ist noch Vormittag und Ruth deckt gerade die lange Tafel für ein spätes Frühstück. Sie rückt die Tassen und Untertassen zurecht und sieht dabei unbekümmert am Platz ihrer Mutter die morgens zugestellte Post durch. Sie entdeckt ein geöffnetes Kuvert mit einem Brief des Vaters, den Mutter offensichtlich vorhin gelesen hatte. Entgegen ihrer Erziehung, aber machtlos gegen ihre Neugierde, zieht Ruth den Brief heraus, wobei ein weiterer, noch versiegelter Brief herausfällt, der ganz eindeutig Jürgens Handschrift trägt. Darauf liest sie die Worte »Gräfin Ruth von Zedlitz und Trützschler«. Ruth nimmt den Brief, steckt den ihres Vaters wieder in den Umschlag, legt ihn zurück auf Mutters Platz, lässt alles liegen und stehen und läuft, so schnell sie kann, durch die Halle in die Bibliothek. Jemand ruft ihren Namen, aber sie dreht sich nicht um und schließt die Türen hinter sich. Sie lässt sich in Vaters Sessel fallen, reißt den Briefumschlag auf und faltet das Schreiben auseinander. Diesmal darf es nicht schon wieder eine falsche Hoffnung, eine Enttäuschung sein. In Gedanken fleht Ruth den Absender an, Mitleid mit ihrem armen Herzen zu haben, und beginnt dann zu lesen:
Gnädigste Gräfin!
Seitdem ich die Ehre und Freude habe, Sie zu kennen, habe ich eine tiefe und durch die langen Zeiten der Trennung nur wachsende Liebe für Sie empfunden … Wollen Sie mir nun für Ihr ganzes Leben vertrauen?
Jahre später noch wird Ruth überzeugt sein, sie habe in diesem Moment Gott gesehen. Sie verbirgt ihr Gesicht in den Händen, kaum kann sie die Fassung bewahren. Er möchte mich zu seiner Frau machen, er möchte mich zu seiner Frau machen! Mutter ist Ruth gefolgt, leise öffnet sie eine der großen Türen zur Bibliothek. Sie umarmt ihre Tochter und setzt sich neben sie, um ihr auch die beiden anderen Briefe vorzulesen, die heute gekommen sind – beide sind vom Vater, der erste ist an die Mutter gerichtet, der zweite ist für Ruth bestimmt. Vater besteht darauf, dass Ruth die Tragweite der Versprechung, um die sie gebeten wird, genau bedenkt, bevor sie auf Herrn von Kleists Antrag antwortet, aber Ruth ist ungeduldig und hört kaum zu. Auf diese lang ersehnte Frage, dieses wundervolle Geschenk, das ihr endlich, aber doch völlig unerwartet zuteil wurde, gibt es nur eine einzige Antwort: »Ja, ja, tausendmal ja!«
Der Vater hat Ruth um eine umgehende Antwort gebeten. Sollte die Antwort positiv ausfallen, würde er mit Jürgen noch am selben Abend aus Oppeln kommen. Das Codewort der Depesche, die sie in dem Fall schicken sollte, heißt: »Ja, kommt.« Ruth eilt aus dem Haus zum Postamt im Dorf und diktiert dem Postbeamten die Nachricht für ihren Vater. An diesem Abend geht Ruth allein, ungeduldig wartend, in dem unbeleuchteten Raum auf und ab, von dem aus sie den Hauseingang beobachten kann. Endlich hält eine Kutsche vor der Treppe des Hauses, Vater und Jürgen treten ein. Sie hört kaum ihre Stimmen, als die Mutter sie im Haus willkommen heißt. Kurze Zeit später nimmt Ruth Schritte direkt über dem Wohnzimmer wahr und schließt daraus, Jürgen habe das Gästezimmer betreten, in dem er übernachten wird – genau wie in ihren kühnsten Träumen. Sie wagt es nicht, die Öllampen anzuzünden, um den magischen Zauber nicht zu stören. Schließlich hört sie Schritte, die ihr verraten, dass Jürgen sich auf der Treppe befindet. Schnell zündet sie zwei Lampen an, deren Schatten auf Wänden und Vorhängen den Zauber ihrer Erwartungen noch erhöhen. Eine unsichtbare Hand öffnet die Tür und plötzlich betritt Jürgen den Raum, die Tür hinter sich schließend. Ohne ein Wort nimmt er Ruth in die Arme – zum allerersten Mal – und hält sie fest, fast ohne zu atmen.
Jahre später, wenn Jürgens sterbliche Hülle unter der Erde von Kieckow begraben liegt, wird Ruth glauben, dieses von Gott arrangierte Treffen werde sich im Himmel wiederholen. Sie wird behaupten, Jesus mag zwar gesagt haben, man könne bei Gott im Himmel nicht heiraten, aber er habe nicht gesagt, diejenigen, die sich auf Erden unsterblich geliebt haben, könnten im Himmel nicht wieder vereint werden.
Jürgens erste Worte an Ruth sind: »Darf ich nun du sagen?« Die Zustimmung dafür ist kaum noch notwendig, denn ihr lieber Herr von Kleist hält sie in den Armen und hört nicht auf, sie zu liebkosen. Und zum ersten Mal darf Ruth den Namen flüstern, der seit mehr als drei Jahren in ihrem Herzen wohnt – Jürgen.
»Wo du hingehst«
1886. Normalerweise würde die Hochzeit im Frühjahr stattfinden, damit für die traditionellen Besuche bei beiden Familien genügend Zeit bleibt. Betrachtet man die Stammbäume von Ruth und Jürgen, so findet man fast die Hälfte des gesamten preußischen Adels darin vereint. Um der Tradition gerecht zu werden, machte Mutter den Vorschlag, während der Wintermonate Ruths Garderobe und die zahlreichen Gegenstände ihrer Aussteuer zusammenzustellen und zu Beginn des Frühjahrs eine große Rundreise durch Preußen zu unternehmen, auf der Jürgen und Ruth gemeinsam all ihre Verwandten aufsuchen würden. Am Ende der Reise im Juni stünde dann die Hochzeit in Großenborau.
Ruth ist mit diesem Plan ganz und gar nicht einverstanden: »Doch nicht nach diesen drei langen Jahren des Wartens! Nein, liebe Mutter, man darf von uns nicht verlangen, noch länger zu warten.« Ruths Intuition sagt ihr, jede weitere Verzögerung in ihrem gemeinsamen Leben mit Jürgen würde einen herben Zeitverlust bedeuten. Dies wird sich später als wahr erweisen. Jürgen teilt ihre Ungeduld; drei lange Jahre lang musste er schwer mit sich ringen, um ausreichend Abstand zu seiner auserkorenen Braut zu wahren, bis er ihr einen angemessenen Lebensunterhalt bieten könne. Müsste er so etwas noch einmal durchleben, könnte er nicht mehr so lange schweigen. Mit ihren überzeugenden Argumenten erringen die beiden das Einverständnis beider Eltern, die übliche Verlobungszeit zu umgehen und eine baldige Heirat zu planen.
Das auserwählte Datum, der 4. Februar, ist gleichzeitig Ruths 19. Geburtstag. Die Hochzeitsfeier wird in Oppeln stattfinden, da Vaters Verpflichtungen ihn den ganzen Winter über dort festhalten. Wie sich herausstellen wird, ist dieses frühe Datum sowohl für den Vater als auch für Bruder Rob von Vorteil.
Zunächst hat sich der Vater in Roberts militärische Laufbahn eingeschaltet. Wissend, dass sein Sohn in der Armee nicht glücklich ist, wird er die Sorge nicht los, dieser könne eines Tages doch nach Amerika auswandern. Um dies von vornherein zu verhindern, erwirkt er beim Auswärtigen Amt in Berlin Roberts Versetzung an die deutsche Botschaft in Rom. Dies bedeutet eine neue Richtung in der Laufbahn seines Sohnes, die er kurz nach dem 4. Februar einschlagen wird.
Auch in Vaters öffentlicher Karriere bahnt sich eine neue, völlig unerwartete Wende an. Seit Oktober hat ihn Bismarck, der in einer politischen Krise steckt, bereits zweimal nach Berlin gerufen. Wie es scheint, ereignet sich in Berlin mindestens einmal im Jahr, vielleicht auch öfter, eine Regierungskrise. Der Kanzler selbst wird verdächtigt, diese Krisen herbeizuführen, da sie immer dann am Horizont auftauchen, wenn seine Koalition im Parlament auseinanderzubrechen droht. Die jüngste Krise hängt mit der preußischen Provinz Posen zusammen, die zu Polen gehörte, bevor die drei Großmächte – Preußen, Österreich und Russland – das Land aufgeteilt hatten. In Posen hat es schon immer Probleme unterschiedlichster Art gegeben, da die Polen nicht bereit sind, ihre nationale Identität aufzugeben. Preußen vom Schlage der Zedlitz und Kleist können nicht verstehen, warum sich die Polen gegen die scheinbaren Vorteile deutscher Sprache und Kultur wehren, die ihnen von Preußen beschert wurden. Und nun schürt Bismarck dieses Feuer. In Zeiten innenpolitischen Aufruhrs und seines Autoritätsverlusts als Kanzler kommt es ihm gelegen, einen alten deutschen Traum wiederzuerwecken – nämlich das fruchtbare polnische Agrarland mit Deutschen zu besiedeln.
Es wurde eine Ansiedlungskommission gegründet und die deutsche Regierung ermutigt deutsche Bauern aus dem Westen, in die polnischen Gebiete Preußens überzusiedeln. Die Regierung gibt sogar bekannt, sie würde den Kauf von Land aus polnischem Besitz durch Deutsche bezuschussen. Familien wie die der Zedlitz und Kleist betrachten diese Politik Bismarcks als Schutzmaßnahme zur Abwehr polnischer Einflüsse entlang der deutschen Ostgrenze. Bauern ohne Landbesitz im Westen sehen darin die Erfüllung ihrer Träume, während die polnischen Bauern und Landbesitzer diesen Schritt als Angriff auf ihr nationales Erbe und glatten Diebstahl polnischen Besitzes, an den dieses Erbe gebunden ist, empfinden. Die Verwirklichung dieser Politik wird sich als Durchbruch in der Vereinigung der Polen unter einem nationalen Banner ohne Trennung nach den alten gesellschaftlichen Klassen erweisen.
Bismarck hat seinen alten Freund Robert von Zedlitz und Trützschler gebeten, erster Präsident dieser umstrittenen Ansiedlungskommission zu werden. Robert hat gegen diese Ernennung folgenden Einwand erhoben: Die Präsidentschaft sollte vom Oberpräsidenten der Provinz Posen übernommen werden, um die Aufgaben der Kommission auf menschlichere Art und Weise durchzuführen. Er, Robert, würde beide Posten annehmen, sollte der Kanzler mit ihm einer Meinung sein.
Bismarck teilte seine Meinung und Ruths Vater kehrt mit zwei neuen Aufgaben aus Berlin zurück. Er wird seinen Posten als Regierungspräsident in Schlesien aufgeben und mit seiner Familie unmittelbar nach der Hochzeit von Oppeln nach Norden in die polnische Stadt Posen umziehen.
4. Februar. Obwohl Ruth heute heiratet, wird der Tag mit einem traditionellen Geburtstagsfrühstück beginnen, das Ruth als die letzte Feier vor dem Eintritt in das Eheleben im Gedächtnis bewahren wird. Die ganze Familie aus Großenborau ist anwesend, dazu kommen noch Jürgen, Jürgens Vater Hans Hugo, seine Schwester Elisabeth und sein Bruder Hans Anton.
Während der Feier ergreift Hans Hugo von Kleist das Wort, um der Braut und dem Bräutigam eine Ansprache zu halten. Er betont, das Leben sei wechselhaft und könne Schicksalsschläge mit sich bringen, wenn nicht innerhalb der Ehe, dann sicherlich von außen. Auch ihr gemeinsames Leben werde nicht ohne Tränen sein, warnt er sie, aber das Wichtigste sei, auf Gott zu vertrauen.
Mittags beginnt die Hochzeitsfeier. Vor der Residenz herrscht ein buntes Durcheinander von Pferden, Droschken, Kutschern und Stallburschen. Die meisten Kutschen werden während der Hochzeitszeremonie und des Essens bei der Residenz abgestellt, sodass Ställe und Aufenthaltsräume für Dienstboten völlig überfüllt sind. Die Gäste, 70 an der Zahl, versammeln sich im Empfangssaal im Erdgeschoss. Dieser sogenannte rote Salon dient normalerweise dem Empfang offizieller Gäste des Vaters. So trafen sich zum Beispiel Otto von Bismarck und Graf Robert in diesem Salon bereits mehrmals und selbst Kaiser Wilhelm stattete hier dem Vater einen Besuch ab. Im Allgemeinen wird dieser Saal nur mit großer Ehrfurcht betreten.
Die erlesene Ausstattung des Salons ist beeindruckend – elegante rote Wandverkleidungen, mit rotem Samt bezogene Sessel und raumhohe Türen mit doppelten Paneelen aus dunkler Eiche, die normalerweise geschlossen gehalten werden. Heute steht an jeder Tür ein Diener, um sie für jeden einzelnen Gast zu öffnen und wieder zu schließen. Drinnen warten Vater und Mutter, sie reichen Freunden und Verwandten die Hand, um sie willkommen zu heißen. Die Mutter trägt ein weißes Kleid im Empirestil, das zu Hause nach einer Abbildung der neuesten Berliner Mode genäht wurde. Es kann kein Zweifel bestehen, sie ist die Gräfin. Graf Robert trägt seinen Galaanzug. Seine Brust ist geschmückt mit all den königlichen und kaiserlichen Orden, die ihm für seine Dienste verliehen wurden. Ganz offensichtlich obliegt ihm die Leitung des Tagesablaufs und mit seiner unglaublichen Fähigkeit, jedes noch so kleine Detail wahrzunehmen, gibt er gleichzeitig jedem Gast das Gefühl, nur diesem seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. So ist es auch der Graf, der feststellt, dass nun alle Gäste anwesend sind und die Zeremonie beginnen kann. Daraufhin verlässt er den Raum. Kurz danach betritt Jürgen den roten Salon und geht geradewegs auf die Gräfin zu, ohne die anderen Anwesenden zu beachten. Er umarmt sie und wendet sich mit ihr der geschlossenen Tür zu, während sich auf den Gesichtern aller Gäste allgemeine Anerkennung bemerkbar macht.
Zum ersten Mal werden von zwei Dienstboten beide Flügel der Doppeltür geöffnet. Der altgediente erste Diener von Großenborau, er trägt die abgelegte Abendjacke des Grafen, nimmt seinen Platz an der linken Tür ein. Unter allen Dienstboten wurde er ausgewählt zum Dank für seine langen und treuen Dienste für den Hausherren von Großenborau. Ruth betritt den Raum am Arm ihres Vaters und geht mit ihm direkt auf Jürgen zu. Dem Bräutigam in die Augen sehend, spricht der Vater die Worte, mit denen die Braut an ihn übergeben wird. Würde die Braut über diese Worte genau nachdenken, könnte sie vielleicht vor einer Heirat zurückschrecken. Aber wie für jede andere Braut vor ihr sind sie eben doch nur Teil einer alten Tradition. Es ist ein bewegender Augenblick, den niemand durch ein Geräusch stören möchte. Um den Bann zu brechen, nimmt der Vater den Arm der Gräfin und bedeutet in seiner gastfreundlichen Art, ihm und dem Brautpaar zu folgen. Die Prozession führt nach oben in einen Saal, der normalerweise nur für Zusammenkünfte genutzt wird, bei denen der Kaiser entweder selbst oder häufiger noch einer seiner Vertreter anwesend ist.
Dieser relativ kleine Raum ist vielleicht der eleganteste Konferenzsaal in den Regierungsbezirksstädten des deutschen Ostens. Er ist zwar nicht vergleichbar mit ähnlichen Einrichtungen in Bayern, aber Preußen erhebt auch nicht den Anspruch, mit Süddeutschlands barocker Eleganz konkurrieren zu wollen. Für diesen Tag wurde der Raum in eine Hochzeitskapelle verwandelt und geschmückt wie nie zuvor. Schwarz-gelbe Girlanden – in den Trützschlerschen Farben – schmücken die Kronleuchter und Wandkerzenhalter. Der große Tisch wurde entfernt, jede freie Fläche sowie die Ecken sind unter einem Meer von Blumen aus dem Gewächshaus verschwunden. Das gesamte Arrangement wurde genau nach den Anweisungen des Grafen gestaltet, der es bis zu diesem Moment keinem gestattete, sein Werk zu betrachten. Er ließ sogar das Altargemälde aus der Familienkapelle von Großenborau als ein sichtbares Symbol der Familientradition herbeischaffen. Die feierlich-melancholische Stimmung von vorhin verwandelt sich in diesem Überfluss an Farbe und duftenden Blumen in Ehrfurcht und Freude.
Das Brautpaar steht vor dem Altar, ihm gegenüber Konsistorialrat Geisler, Mitglied des evangelischen Konsistoriums in Schlesien. Der Geistliche trägt eine farbenfrohe und reich verzierte Robe, die Ruth unangebracht erscheint und ihrer religiösen Erziehung völlig fremd ist. Sie hätte sich viel lieber von dem Pastor aus Freystadt trauen lassen, doch hat sie den Wünschen ihres Vaters nachgegeben. Dies ist das erste Mal, dass Ruth mit der Institution Kirche nicht einverstanden ist, und es wird nicht das letzte Mal sein!
Der Geistliche beginnt den Gottesdienst mit dem Trauspruch, den der Vater, die Einstellung seiner Tochter gut kennend, für sie ausgewählt hat. Er ist dem Buch Ruth aus dem Alten Testament entnommen:
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch; da will ich auch begraben werden.
Darauf folgt eine lange, nicht erinnerungswürdige Predigt über die religiöse Bedeutung der Ehe. Ruth hat Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit diesem Fremden zu widmen, und ist erleichtert, als die Moralpredigt endlich vorüber ist. Sie tröstet sich damit, dass nicht dieser Geistliche, sondern Gott sie in Wirklichkeit mit Jürgen verbunden hat. Jürgen steckt ihr den Trauring an die rechte Hand. Er wurde aus zwei alten Golddukaten gegossen, die im Namen von Jürgens Vorfahren geprägt worden waren – ein echter Kleist-Ring also! Konsistorialrat Geisler erklärt die beiden zu Mann und Frau und beschließt die Zeremonie mit dem Segen.
Nun ist Ruth keine Gräfin mehr. Als wollte der Vater diese entscheidende Statusänderung betonen, gibt er Jürgen die Anweisung, seine Braut von der linken auf die rechte Seite zu führen. Dies soll, ebenfalls nach alter Tradition, die Besitznahme der Braut durch den Bräutigam symbolisieren.
Wieder zieht die ganze Gesellschaft – Graf und Gräfin voran, das Brautpaar als Nächstes – hinunter in den großen Empfangssaal, wo bereits die Tafel für ein üppiges Hochzeitsmahl gedeckt ist. An jedem der 70 Plätze steht ein Namenskärtchen. An beiden Enden der Tafel hält je ein Diener einen Stuhl bereit für Ruth und für ihre Mutter. Auf beiden Seiten der Tafel sorgen die Herren dafür, dass ihre Tischdamen sich gesetzt haben, bevor sie selber Platz nehmen. Als alle zum Grafen hinüberblicken und warten, wie es weitergeht, senkt dieser den Kopf zum Gebet, wie es vor jeder Mahlzeit in der Familie gesprochen wird. Nun hört man Geschirrklappern und während die Suppe aufgetragen wird, schlägt der Graf mit dem Löffel an das Glas, um sich Gehör zu verschaffen. Alles erhebt sich in Erwartung des Trinkspruches, der seit Generationen von getreuen Preußen immer als erster ausgebracht wird – nämlich der Trinkspruch auf das Wohl Wilhelms, König von Preußen und deutscher Kaiser.
In den nächsten zwei Stunden wird in dem prächtigen Saal mit der gebotenen vornehmen Zurückhaltung gespeist und getrunken. Immer wieder ertönt ausgelassenes Gelächter und Heiterkeit breitet sich über die ganze Tafel aus. Gegen Ende der Mahlzeit erhebt der Graf sein Glas zum Abschied seiner Tochter, »dem Sonnenschein des elterlichen Hauses«. An diesem Punkt versagt ihm die Stimme und er muss seine Abschiedsrede kurzerhand abbrechen. Ruth am anderen Ende des Tisches wird ebenfalls von Gefühlen übermannt und würde sich am liebsten ein letztes Mal ihrem Vater in die Arme stürzen. Natürlich tut sie es nicht.
Ruths Schwiegervater Hans Hugo von Kleist beendet das Schweigen sofort mit einer Darstellung seines Respekts und seiner Wertschätzung des Grafen und der Gräfin sowie seiner Freude über die Vereinigung zweier so alter und treuer Familien wie denen der Zedlitz und Kleist. Er legt dar, von welch großer Bedeutung diese Heirat für die Zukunft Preußens sei, und schließt mit einer Anspielung auf die deutsche Nation, einer zugleich humorvollen, aber auch etwas scharfen Bemerkung. Alle Anwesenden verstehen Kleists respektlose Nebeneinanderstellung Preußens und Deutschlands. Hans Hugo von Kleist, ältester Freund und Zimmergenosse Otto von Bismarcks aus Junggesellentagen, ist mit des Kanzlers Ansichten über einen modernen deutschen Nationalstaat nicht einverstanden.
Am späten Nachmittag begeben sich Ruth und Jürgen auf Hochzeitsreise. Die Kutsche aus Großenborau, deren Messingbeschläge in der Sonne funkeln, steht schon bereit. Der Kutscher befindet sich auf seinem Platz und der alte Diener der Familie, der Ruth die Tür aufhält, verabschiedet sie mit den Worten: »Gnädige Frau, Gottes Segen sei mit Ihnen.« Was für ein eigenartiges Gefühl, gnädige Frau genannt zu werden! Selbst in Großenborau wird sie nie wieder »Konts Ruth« sein.
II
Die Frau des Landrats
1886–1897
Besuch in Kieckow
Februar. Die Hochzeitsreise beginnt am Bahnhof von Oppeln. Mit dem Schnellzug fahren Ruth und Jürgen nach Breslau, von dort über Posen nach Berlin. In der Berliner Wohnung von Jürgens Vater wird Ruth mit ihrer neuen Rolle als Schwägerin von Elisabeth und Anton, Jürgens Geschwistern, konfrontiert. Die beiden lassen sie eine gewisse Zurückhaltung spüren und Ruth fragt sich, woran das liegen mag. Es ist die erste Enttäuschung in ihrer jungen Ehe, wodurch ihre seit dem Hochzeitstag anhaltende Begeisterung etwas gedämpft wird.
Ruths anfänglicher Respekt Vater Kleist gegenüber entwickelt sich schnell zu einer immer tiefer werdenden Zuneigung, was sie selbst überrascht, denn ihr Schwiegervater besitzt weder die Flexibilität noch den Optimismus, den sie an ihrem eigenen Vater so liebt. Ihr Schwiegervater gilt als Konservativer unter den Konservativen. Er sieht mit eher negativen Erwartungen in die Zukunft – sowohl die Politik und die Religion als auch private Familienangelegenheiten betreffend.
Vor 40 Jahren hatten Vater Kleist und Otto von Bismarck ein kleines Zimmer in einer bescheidenen Pension in Berlin geteilt. Sie waren beide Aristokraten und Mitglieder des preußischen Herrenhauses. Bismarck hatte gerade Johanna von Puttkamer, Hans Hugos Nichte, geheiratet, sodass Hans Hugo von Kleist zu »Onkel Hans« für seinen Freund und Altersgenossen wurde. Damals war Bismarck noch ein Gegner der liberalen und nationalistischen Ideen, die sich in Preußen, aber auch in anderen deutschsprachigen Ländern und fast in ganz Europa schnell ausbreiteten, er war also mit Hans Hugo von Kleist noch einer Meinung. In dieser Zeit schien es Bismarck in den Augen von Hans Hugo an der richtigen Frömmigkeit zu fehlen, was Hans Hugo durch tägliche Gebete und Gespräche mit ihm in der gemeinsamen Unterkunft zu verbessern suchte.
Die Herkunft und die Lebenseinstellung dieser beiden Landbesitzer aus Pommern hatten einen gemeinsamen Ursprung. Ihre Übereinstimmung ging so weit, dass Bismarck seinen noch ledigen Onkel bei der Wahl seiner Braut – Gräfin Charlotte zu Stolberg und Wernigerode – beriet, ja weit mehr noch, er schritt sogar ein, als Hans Hugo von Kleist seinen Heiratsantrag so lange hinausschob, bis Komtess Charlotte als Probeschwester ins Diakonissenmutterhaus eingetreten war und kurz vor der Einsegnung als Diakonisse stand.
Im Laufe der Jahrzehnte verblasste Otto von Bismarcks preußische Grundhaltung, ganz zu schweigen von seiner Einstellung gegenüber Pommern. Er wurde zu einem immer stärkeren Verfechter eines expandierenden deutschen Reiches, nämlich des von ihm geschaffenen Nationalstaates. Als überragendem Politiker gelang es ihm, Feinde in Verbündete und Freunde in Gegner zu verwandeln, ganz nach Bedarf seiner politischen Zielsetzung.
In jenen Tagen zeigt sich in Vater Kleists Gesichtsausdruck ein gewisses Unbehagen, das selbst in glücklichsten Momenten nicht von ihm weicht. Ruth vermutet, seine Traurigkeit sei auf die Politik zurückzuführen, da allgemein bekannt ist, dass Otto von Bismarck Hans Hugo von Kleist und Gleichgesinnte öffentlich zu »Reichsfeinden« erklärt hat.
Ruths Mutmaßungen sind jedoch nur teilweise richtig. Die Sorge um die Zukunft seiner Heimat und seiner Ländereien in Pommern beschäftigt Kleist in zunehmendem Maße. In schlaflosen Nächten grübelt er darüber nach, wie er seine Güter Kieckow und Klein Krössin seinem jüngeren Sohn vermachen könnte, ohne seine beiden anderen Kinder zu verletzen, die unverheiratet sind. Im preußischen Adel plant man für die zukünftigen, noch ungeborenen Generationen.
Am Ende ihres Aufenthalts in Berlin besteigen Ruth und Jürgen wieder den Zug und hoffen, nun etwas mehr Zeit füreinander zu finden. Die letzte Etappe ihrer Reise führt sie nach Köslin in Pommern, wo Jürgen seinen ersten richtigen Posten in der königlichen Verwaltung antreten wird. Von Berlin aus reisen sie in Richtung Nordosten, überqueren die Oder und fahren langsam von Ort zu Ort in Richtung Ostsee. Hier gibt es keine Schnellzüge, denn das Land ist nur dünn besiedelt – ein deutliches Zeichen, dass Pommern nicht mit Schlesien vergleichbar ist. Die Landschaft unterscheidet sich sehr von der Umgebung Großenboraus mit den hübschen Dörfern, den sauberen Häusern mit den rot gedeckten Dächern und gepflegten Gärten. Allein wäre Ruth vielleicht versucht gewesen umzukehren, aber mit Jürgen an ihrer Seite würde sie ohne zu zögern in eine Wüste ziehen, was Pommern nun wirklich nicht ist!
Als Ruth und Jürgen mit dem Zug in Köslin ankommen, ist es kalt und düster, die Stadt liegt unter einer Schneedecke begraben. Die winterliche Stimmung verstärkt noch die graue Monotonie. Selbst das Haus, in das Jürgen seine Braut bringt, ist äußerlich, auch für niedrigste Ansprüche, trostlos – die Wohnung befindet sich über einem kleinen Geschäft. Ruth und Jürgen erreichen ihre Räume im zweiten Stock des schmucklosen Steinhauses über eine dunkle Treppe. Die Zweifel, die Ruth über ihr neues Heim am Ende der Treppe gehabt haben mag, verfliegen jedoch schnell. Jürgen öffnet mit Schwung die Tür und als Ruth die Wohnung betritt, steht vor ihr eine ehemalige Spielgefährtin ihrer Kindheit aus dem Dorf in Großenborau in einem frisch gestärkten Dienstmädchenkleid. Voller Freude umarmt Ruth die junge Frau, vergessend, dass Herrin und Bedienstete immer eine gewisse Distanz wahren sollten.
Ruths Blicke wandern über die frisch gestrichenen und renovierten Räume, die ihr neues Heim sein werden. Wie jedes der sechs Zimmer wurde auch der Eingangsraum von Jürgen speziell für seine junge Frau eingerichtet – zwar spärlich, aber hier und dort befinden sich kleine Dinge und Erinnerungsgegenstände aus Kieckow. Den Fremdenführer in einem touristischen Bergdorf nachahmend, erklärt Jürgen mit wichtiger Stimme, dies sei der »Berliner Salon«, eine Kombination von Ess- und Wohnzimmer, wie sie in den großen, modernen Wohnungen in Deutschlands Hauptstadt jetzt üblich ist. Eingerichtet ist dieser Salon unter anderem mit einem prächtigen alten Büfett mit Bleiglastüren; dahinter entdeckt Ruth im Licht der Wandleuchter funkelnde Kristallgläser. Sie waren unter den Hochzeitsgeschenken, die alle vorausgeschickt worden waren. Es besteht kein Zweifel, das Dienstmädchen musste während seiner ersten Tage in Pommern sehr emsig gearbeitet haben. Am Arm führt Jürgen Ruth in das kleine Arbeitszimmer, dort ist ein Schreibtisch ganz für sie allein. Dann geht es weiter in einen sonnigen Salon, wo sie ihren Nachmittagstee einnehmen werden. Zurück im Berliner Salon treten sie durch die halb geöffneten Doppeltüren in das etwas dunkler gehaltene Herrenzimmer mit den schweren Aschenbechern und der Zigarrenkiste und weiter in das Schlafzimmer mit dem großen Doppelbett und einem riesigen Kleiderschrank. Mit den Worten: »Dies ist unser Raum«, nimmt Jürgen seine frisch angetraute Frau in die Arme.

Ruth und Jürgen von Kleist auf ihrer Hochzeitsreise
An ihrem ersten Sonntag in Köslin bereitet sich Ruth auf den lang erwarteten Besuch in Kieckow vor. Trotz des Neuschnees und der eisigen Kälte lässt Jürgen die Kutsche vom Gut nach Köslin kommen, um seine junge Frau und ihn zum ersten Besuch ihres späteren Zuhauses abzuholen. Die Entfernung beträgt 36 Kilometer, sodass der Kutscher noch bei Dunkelheit aufbrechen muss. Einige Stunden später stehen Pferde und Kutsche vor dem Haus in Köslin bereit.
Das junge Paar – Ruth in Pelzmütze, Mantel und Muff, Geschenken ihres Vaters, die sie im Norden vor der Kälte schützen sollen – besteigt die Kutsche, die sich sogleich in Richtung Süden in Bewegung setzt. Voller Temperament preschen die Pferde durch die kalte Morgenluft, die jungen Eheleute sind warm in eine Felldecke gehüllt.
Der Weg von Köslin nach Kieckow führt durch Belgard, das alte Zentrum der Kleistschen Ländereien. Man spürt deutlich, wie sehr sich Jürgen hier zu Hause fühlt. Er beginnt, Ruth aus seiner Familiengeschichte und den noch heute starken, aus grauer Vorzeit stammenden Familienbindungen zu erzählen. Die Familie geht zurück auf einen Conrad Klest, der erste Kleist, der sich hier im 13. Jahrhundert niederließ, als Masowien noch dem polnischen Königreich angehörte.
Jürgen fährt mit seinen Schilderungen auch fort, als die Kutsche die lebhafte Stadt Belgard, Sitz der Kreisverwaltung, erreicht. Im 16. Jahrhundert wurde praktisch der gesamte Kreis von der einen oder anderen Linie der Kleists beherrscht. Bis zum 18. Jahrhundert war das Land weiter aufgeteilt worden; die Dörfer und Güter Muttrin, Villnow, Tychow, Schmenzin, Kieckow und Krössin blieben aber allesamt im Besitz der Familie Kleist. Schließt man auch die weiblichen Nachfahren Klests aus Belgard in die Nachforschungen mit ein, kann man mit großer Sicherheit annehmen, dass alle Landbesitzer dieses Kreises auf irgendeine Weise mit dem slawischen Einwanderer Conrad Klest verwandt sind.
Hinter Belgard wird die Fahrt angenehmer und die Landschaft einladender. Jürgen erzählt weiter von früher. Der Großvater, Hans Jürgen von Kleist, war im Besitz von drei Belgarder Gütern: Kieckow, Klein Krössin und Groß Tychow, insgesamt 24 000 Morgen Land. Als der König ihn zum Landrat des Kreises Belgard ernannte, war er der größte Landbesitzer der Gegend. Kaum im Amt, begann der Großvater mit dem Bau befestigter Straßen, die alle Güter des Kreises und Belgard miteinander verbinden sollten. Diese neuen Straßen sollten auf beiden Seiten von Bäumen – Linden, Buchen und Ulmen – gesäumt werden zum Schutz gegen die von der Ostsee kommenden eisigen Winterwinde.
Die von Hans Jürgen von Kleist angelegten Alleen unterscheiden diesen Landstrich deutlich von anderen Landschaften Deutschlands. Selbst die 50-jährige Benutzung durch Pferdegespanne konnte den stabil gebauten Straßen kaum etwas anhaben. Und erst die Bäume! Nach einem halben Jahrhundert sind die Baumkronen von Großvaters Linden zu einem schützenden Dach zusammengewachsen, das selbst ohne Blätter der Kutsche aus Kieckow guten Windschutz bietet.
24 Kilometer hinter Belgard erscheint das Schloss von Groß Tychow am Horizont, jetzt das Zuhause von Jürgens Vetter und Cousine zweiten Grades, Graf und Gräfin von Kleist. Früher lebte dort einmal sein Großvater Hans Jürgen, der nach dem Tod seiner ersten und in der Folge auch seiner zweiten Frau mit seinen fünf Kindern nach Kieckow gezogen war. Dort heiratete er ein drittes Mal – die Witwe Auguste von Borcke, Jürgens Großmutter. Hans Hugo von Kleist, Jürgens Vater, war das einzige Kind, das aus dieser Ehe hervorging und in Kieckow das Licht der Welt erblickte. Er erbte das Gut sowie das benachbarte Klein Krössin. Wie schon sein Vater zuvor wurde auch Hans Hugo von Kleist eines Tages zum Landrat des Kreises Belgard ernannt. Im Gegensatz zu Hans Jürgen jedoch machte Hans Hugo von Kleist Karriere in der preußischen Verwaltung und entwickelte sich zu einer einflussreichen Persönlichkeit in der preußischen Politik. Jürgen äußert Ruth gegenüber seine Enttäuschung darüber, dass Kieckow und Klein Krössin in den letzten Jahrzehnten gelitten haben. Seiner Erfahrung nach gehe eine längere Abwesenheit des Gutsbesitzers meistens mit einer Vernachlässigung der Landwirtschaft und einer Verschlechterung der Stimmung im Dorf einher. Von diesen Beobachtungen sagt er seiner Frau jedoch nichts.
Drei Kilometer südlich von Groß Tychow hält die Kutsche kurz an einer Kreuzung und biegt dann in einer Neunzig-Grad-Kurve nach links ab, um in ein Dorf zu gelangen. Die weiterhin gut ausgebaute Straße wird hier von Ahornbäumen gesäumt. Zur Linken liegen wie hingestreut ein Dutzend bescheidene, strohgedeckte Holzhütten, in einer kleinen Senke im Norden erkennt man einen Stall sowie eine Kornkammer. Jürgen zeigt auf ein niedriges Fachwerkhäuschen dahinter, wo, wie er sagt, sein Gutsverwalter wohne. Dies ist also das Dorf Klein Krössin. Ruths Stimmung sinkt, als sie das Dorf der Kleists mit Großenborau vergleicht, aber sie beißt sich auf die Zunge, um nichts zu sagen, was ihren gutherzigen Mann verletzen könnte.
Auf ihrem Weg durch das Dorf begegnen sie einem Mann mit einem Kind, die ihnen beide zuwinken. Jürgen grüßt spontan zurück. Ruth gefällt das freundliche, breite Lächeln auf den Gesichtern und sie sagt sich, das Leben könne hier nicht so schlecht sein, wie es zunächst den Anschein erweckte. Dem Kutscher fällt es immer schwerer, die Pferde im Zaum zu halten, da sie bereits den Stall wittern – es sind nur noch drei Kilometer und sie befinden sich bereits auf Grund und Boden von Jürgens Vater. Da kommen die ersten Gebäude von Kieckow in Sicht – ein Hühnerhaus, ein Kornspeicher, ein Schuppen zur Linken, dann die ersten Dorfhäuser zur Rechten, in der Ferne mehrere aus Ziegeln gebaute Ställe. Was Ruth jedoch nicht entdecken kann, ist die Brennerei, die normalerweise die Güter überragt und prägt. Auf Kleistschem Land gab es so etwas noch nie, und das wird auch in Zukunft so bleiben.
Aber wo befindet sich das Gutshaus? Kurz darauf, als die Kutsche links in einen überfrorenen Weg einbiegt, der auf beiden Seiten mit einer kahlen, ausgewachsenen Hecke eingefasst ist, taucht es auf. Jürgen drückt Ruth fester an sich und zeigt mit der anderen Hand auf die kahlen Büsche: »Warte nur bis zum Frühling, mein Liebling, dann werden die Fliederbüsche über und über blühen.« Offenbar ist ihm die Enttäuschung seiner Braut nicht entgangen.
Die Kutsche fährt in den offenen Hof des Gutshauses von Kieckow, eines einstöckigen Bauwerks mit steinernen Grundmauern. Das weitläufige Gebäude ist reich mit Stuck verziert, das kunstvoll entworfene Dach mit roten Ziegeln gedeckt – selbst die gewölbten kleinen Giebel über jedem Dachfenster in den Unterkünften der Dienstboten. Für Ruth ist dieses Dach die schönste Überraschung des Tages – nie hatte Jürgen erwähnt, dass Kieckow das hübscheste Dach habe, das sie je gesehen hat. Unter dem Dach befinden sich die Wohnräume der Familie. Das Zentrum des Hauses bildet die große Halle mit symmetrisch angeordneten, zweiflügeligen hohen Sprossenfenstern.
Der Wagen rollt die leicht steigende Anfahrt zum Eingang hinauf und hält unmittelbar vor dem verglasten Eingang. Der Kutscher springt vom Bock, doch kommt er einen Moment zu spät, denn Jürgen steht schon da, bereit, Ruth beim Aussteigen die Hand zu reichen. Während sie die Decke zurückwirft und aus der Kutsche steigt, öffnen sich die Glastüren. Das Paar wird von der Hausdame mit einem freundlichen Lächeln, einem Knicks und festem Händedruck begrüßt.
Hans Hugo von Kleist lebt mit dem von Geburt an kränklichen Hans Anton und Elisabeth, auf deren Hilfe er stark angewiesen ist, hauptsächlich in Berlin. So kommt es, dass sich die Hausdame während der letzten Jahre meist allein in dem Haus aufhält. Vater Kleist ist nun 71 Jahre alt und die Bewohner von Kieckow wünschten, er käme wieder in sein Zuhause zurück. Das Dorf und die landwirtschaftlichen Betriebe haben sehr unter seiner langen Abwesenheit gelitten. Nie kann ein Pächter oder angestellter Verwalter die Anwesenheit engagierter Besitzer ersetzen.
Ruth durchquert die verglaste Veranda und betritt durch die massiven Holztüren die Eingangshalle von Kieckow. Im Inneren erscheint ihr alles vertraut, obwohl sie noch nie so weit oben im Norden war. Wie in jedem Gutshaus, das sie kennt, gibt es auch hier schwere Samtvorhänge, die im Winter gegen die bittere Kälte schützen. Genau wie zu Hause hängen im Salon Porträts von früheren Königen und treuen Vasallen an den Wänden, von denen die Landbesitzer abstammen.
Auf dem Tisch wurde bereits der Tee angerichtet, doch Ruth möchte sich nicht setzen, bevor sie nicht die anderen »Persönlichkeiten« in diesem Raum kennengelernt hat. Als Erster und Wichtigster ist da natürlich Friedrich der Große, zwar schon seit genau 100 Jahren tot, aber sehr wohl lebendig im Herzen eines jeden Preußen. Er wird auf der einen Seite von General von Borcke und auf der anderen Seite von General von Kleist flankiert, beides Jürgens Vorfahren.
Auf der gegenüberliegenden Wand sieht man Hans Jürgen, dreimal verheiratet, und seine letzte Frau Auguste, die Großmutter, an die sich Jürgen in Liebe erinnert. Wie doch die Vergangenheit und die Gegenwart ineinander übergehen, denkt Ruth, wenn man in einem alten Gutshaus aufwächst. Dann gibt es noch Porträts neueren Datums vom Vater, Hans Hugo von Kleist, und der Mutter, der verstorbenen Gräfin Charlotte. Sie trägt eine goldene Halskette mit einem großen schwarzen, goldumrandeten Kreuz, in dessen Mitte ein riesiger Amethyst sitzt. Ruth fragt, ob es dieses Kreuz wirklich gibt oder ob der Künstler seiner Fantasie freien Lauf gelassen hätte. Jürgen versichert ihr, seine Mutter habe immer, solange er zurückdenken könne, an Sonntagen und während der Fastenzeit dieses Kreuz getragen. Das Kreuz war ein Geschenk des Königs von Preußen an Jürgens Großvater, Graf Stolberg; nach dem Tod des alten Grafen ging das Kreuz an seine Tochter Charlotte, Jürgens Mutter. Im Laufe der Jahre erhielt das Kreuz mystische Kräfte in den Augen der Dorfbevölkerung von Kieckow, da die Mutter es immer auf ihrem üblicherweise dunklen Kleid trug, wenn sie Kranke oder Sterbende besuchte. In der Familie wird es heute noch das Stolbergsche Kreuz genannt. Derzeit gehört es Jürgens Schwester Elisabeth. (Was Jürgen nicht weiß, ist, dass es die Dorfbewohner das Zauberkreuz nennen und dass sich Jung und Alt fragt, wer es nach Elisabeth tragen wird.)
Unter Charlottes Porträt steht eine Vase mit Birkenzweigen, deren Knospen sich gerade öffnen – die Hausdame hat sie offenbar dorthin gestellt. Kieckow trauert noch über den Verlust der Herrin, die das Kreuz getragen hat.
Endlich begeben sich Ruth und Jürgen zum Tee, der mit belegten Broten serviert wird. Es werden auch verschiedene Kuchen mit und ohne Früchte angeboten, wie es die Tradition seit Urzeiten gebietet. Jürgen besteht darauf, nicht zu viel Zeit zu verlieren, da er seiner Frau vor Anbruch der Dunkelheit jedes einzelne Zimmer aus der Welt seiner Kindheit zeigen möchte. Neben der Eingangshalle, der Bibliothek und dem Salon befinden sich die Privaträume der Familie und die große Festhalle, an die eine glasbedachte Terrasse angrenzt. Ruth nimmt sich vor, sehr viel Zeit auf der Terrasse zu verbringen, da sie eine schöne Aussicht auf den Wald von Kieckow bietet und auch an Regentagen geschützt ist. Als sie noch ein Kind war, sagte ihr der Vater, der Wald gebe einem Weisheit und Stärke; dieser Gedanke hat sich in ihr festgesetzt.
Die klamme Kälte und graue Monotonie dieses Februarnachmittags lasten jedoch weiter schwer auf der Stimmung der Besucherin. Sie würde zu gerne einige Veränderungen vornehmen, hier einen Vorhang entfernen, dort eine Tür öffnen, ein Möbelstück umstellen, ein anderes ersetzen. Ruth ist sich aber bewusst, dass sie sich zurückhalten muss, da sie nicht die Herrin von Kieckow ist. Bis Vater Kleist zu einer langfristigen Entscheidung kommt, ist Elisabeth, die sich seit dem Tod ihrer Mutter um das Wohl des Vaters und des Bruders kümmert, die Herrin. Dies ist also Elisabeths Haus. Ruth erinnert sich an die kühle Atmosphäre bei ihrem Zusammentreffen mit der Schwägerin – vielleicht sollte man es verstehen. Als Tochter eines Gutsbesitzers erzogen zu werden und dann nie Frau eines Gutsherrn zu werden, ist ein bitteres Los. Möglicherweise beantwortet das auch die Frage, warum viele Frauen aus dem preußischen Adel in Diakonissenmutterhäuser eintreten.
Während Ruth über Elisabeths Stellung und ihre eigene Jugend nachdenkt, erscheint plötzlich der Kutscher. Er müsse leider stören, aber es werde schon dämmerig und die Kutsche stehe vor der Tür bereit, um sie beide in die Kirche zu bringen. Seit mehr als einer Stunde warten dort Vertreter des Dorfes im Freien in der Hoffnung, die neue Frau von Kleist begrüßen zu dürfen.
Die Kutsche nimmt den Weg zurück, an den Fliederhecken entlang, biegt links in die gepflasterte Straße ein, die in das Zentrum des Dorfes führt, und fährt am zugefrorenen Teich vorbei bis zur Kirche. In der Kälte stehen die drei Gutsverwalter des Kreises, zwei für Kieckow, einer für Klein Krössin, die gewählten Sprecher jedes Dorfes und der Dorflehrer, alle sonntäglich gekleidet. Jürgen stellt jeden der Männer in der Reihenfolge ihres Ranges vor. Ihm ist klar, dass sie die noch sehr junge Frau begutachten, die ihrer Meinung nach die nächste Herrin des Gutes Kieckow sein wird.
Nach der Verabschiedung der Delegation steigen Ruth und Jürgen allein die vier Steinstufen hinab, die in die Gruft unter der Kirche führen. Ein schwaches Licht erhellt notdürftig den Raum. Ruth erkennt am anderen Ende des niedrigen Gewölbes einen Altar und davor einen Sarg. Zunächst ist sie schockiert, denn Jürgen hat sie auf diesen Anblick nicht vorbereitet, er erklärt ihr aber schnell, hier lägen die sterblichen Überreste seiner Mutter. Seit ihrem Tod war fast ein Jahr vergangen. Ruth kann sich nicht erinnern, dass in Großenborau oder Schwentnig, ihrer schlesischen Heimat, die Toten so lang nicht beerdigt wurden, es sei denn, es herrschte tiefster Winter! Sollten die Gebräuche im Norden etwa anders sein? In Wahrheit unterscheiden sich die Sitten Pommerns nicht so sehr von denen Schlesiens. Nur hat der Vater bislang nicht die Kraft besessen, die endgültige Beerdigung seiner Frau anzuordnen. Für ein Weilchen sitzen Ruth und Jürgen auf der Bank vor dem Altar. Sie legen ihre Hände gemeinsam auf den Sarg der Mutter, während Jürgen einen Psalm rezitiert. Eigenartigerweise einen Psalm des Dankes.
Jürgen führt Ruth die wenigen Stufen hinauf aus der Gruft. Ein paar Schritte weiter und sie gelangen in die bescheidene Kirche, die Vater und Mutter Kleist erbaut haben. Kieckow besitzt keinen eigenen Pastor, denn das kleine Gotteshaus ist eine Nebenkirche, so ist es der Pfarrer von Groß Tychow, der bereits vor dem Altar wartet. Jürgen zeigt auf den Steinboden der Kirche und erzählt von dem denkwürdigsten Gottesdienst, der hier in dieser kleinen Kirche stattgefunden hat. Im Jahr 1878 wurde auf Kaiser Wilhelm I. ein Mordanschlag verübt. Als diese Schreckensnachricht Kieckow erreicht hatte, rief Vater Kleist alle Dorfbewohner in der Dorfkirche zusammen, wo sie sich hinknien sollten, während er, auch auf Knien, ein Mea culpa im Namen der gesamten Gemeinde sprach. Er bezichtigte das ganze Volk, sich selbst eingeschlossen, der schweren Sünde der Unterlassung, da sie alle dem Kaiser ihre uneingeschränkte Ergebenheit versagt hätten. Er schloss mit einer Bitte, über die noch heute im Dorf geredet wird: »Himmlischer Vater! Wir liegen vor dir, tief in den Staub gebeugt. Schlag auf Schlag trifft uns deine Hand.«2 Dieses Ereignis zeigt, Gott und König standen im Land der Kleists auf einer Stufe.
Zusammen mit dem Pastor betrachten Ruth und Jürgen das große aus Holz geschnitzte Kreuz über dem Altar. Es ist eine exakte Kopie des berühmten Achtermann-Kruzifixes, das für die Gruft des Schlosses Charlottenburg in Berlin geschaffen wurde. In ihrer tiefen Religiosität ist Ruth stark berührt von diesem künstlerisch wertvollen Symbol. Unzählige Male in ihrem späteren Leben wird es ihr Trost spenden und es wird die große Katastrophe überstehen.
Spätnachts, als Ruth sich nach der langen Fahrt zurück nach Köslin zur Ruhe gelegt hat, denkt sie noch einmal über die Ereignisse des Tages nach. Alles in allem war Kieckow für sie eine Enttäuschung und in keinster Weise mit den großen Gütern Schlesiens vergleichbar. »Jürgen«, entfährt es ihr, »wo sind eigentlich die pommerschen Schlösser?« Im Halbschlaf antwortet Jürgen: »Unsere Vorfahren wohnten in Lehmkaten. Pommern war von je her ein armes Land und zwang zu einer bescheidenen Lebensführung.«
Der König ist tot
1886, April. Es ist bereits Frühling, dennoch ist in Pommern der Schnee noch kaum von den Feldern gewichen. Zum zweiten Mal in ihrem Leben reist Ruth nach Kieckow, diesmal für eine ganze Woche, um mit Jürgens Familie Ostern zu verbringen.
Jürgens Vater ist in Begleitung von Elisabeth und Hans Anton aus Berlin nach Kieckow zurückgekehrt. Ungeachtet der politischen Probleme in der Hauptstadt hat er sich vorgenommen, während der Karwoche auf seinem Landsitz zu sein. Der Zustand des Hauses zeugt leider von der langen Abwesenheit der Familie, daher waren die Dorfbewohner tagelang damit beschäftigt, das Innere des Hauses und den Hof in Ordnung zu bringen. Dieses Jahr geben sie sich besondere Mühe, denn schließlich kommt Jürgen, der Erbe Kieckows, mit seiner Frau zum Osterfest nach Hause.
Wie viel freundlicher ist Kieckow doch im Frühjahr. Zwar gibt es außer den früh blühenden Krokussen noch kaum Blumen, die Wiesen und Bäume sind jedoch in einen zartgrünen Hauch getaucht, der neue Hoffnung ausdrückt. In Ruth erwacht eine erste Zuneigung zu ihrer künftigen Heimat.
Hans Hugo von Kleist hat zu seiner Rolle als Hausherr zurückgefunden und die zweimal täglich stattfindenden Gebete in Kieckow wieder eingeführt. Morgens und abends versammeln sich alle Bediensteten und Familienmitglieder in der weiß getünchten Eingangshalle des Gutshauses. Der einzige Unterschied zu früher besteht darin, dass Jürgens Mutter nicht mehr dabei sein kann und dass es keine kleinen Kinder gibt, die auf dem Boden sitzend mit ihren zarten Stimmen in den Abschlusschoral einstimmen. Im Gutshaus von Kieckow hat es immer Kinder gegeben und Hans Hugo von Kleist hofft, dass bald wieder welche im Haus sein werden.
Entlang der Wände stehen einfache Holzbänke, die für alle ausreichend Sitzplatz bieten. Der Vater bleibt als Einziger stehen und liest einen Text aus der Bibel, den er im Anschluss erläutert. Die Einfachheit und Klarheit dieser Aussagen und das Singen des Chorals »Morgenglanz der Ewigkeit«, der zur Familienhymne der Familie Kleist erkoren wurde, bewegen Ruth sehr.
Jürgen erinnert sich an ein Ereignis in seiner Kindheit, an dem dieses Kirchenlied ebenfalls gesungen wurde. Es war ein herbstlicher Morgen, kurz vor Sonnenaufgang, als er sich auf dem Weg ins Internat befand. Er saß neben seinem Vater in einer der Kutschen aus Kieckow und zitterte nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Angst, denn es war noch dunkel, als sie sich auf den Weg machten.
Als sie Klein Krössin erreichten und in die Postkutschenstraße einbogen, verfärbte sich der Himmel rot von der aufgehenden Sonne. In dem Moment ertönte des Vaters Stimme mit dem Jürgen so bekannten Kirchenlied. Der Kutscher stimmte mit ein (es gab damals in Kieckow niemanden, der dieses großartige Lied nicht kannte), nach einer Weile erhob auch der Junge zaghaft seine Stimme. Wie durch ein Wunder verschwand seine Angst vor der noch unbekannten Schule. Ruth ist mit dieser Geschichte nun ebenso vertraut wie Jürgen selbst, denn sie ist Teil des Kleistschen Erbes, das jetzt auch das ihre ist.
Als die Eltern Kleist in Kieckow lebten, wurden die morgendlichen und abendlichen Gebetsstunden durch die große, am Dach des Hauses außen angebrachte Eisenglocke eingeläutet. Damals nahmen alle Dorfbewohner an den Andachten teil, was Ruth tief berührt. Wenn sie und Jürgen einmal Kieckow übernehmen, wird diese Glocke wieder alle Dorfbewohner zum Gebet des Haushalts rufen. Ruth ist zu der Überzeugung gelangt, Gott ist in Kieckow allgegenwärtig. Trotz ihrer Jugend entsteht bei ihr das Gefühl, es werde einmal an ihr sein, diesen Zustand aufrechtzuerhalten.
Ruths erstes Osterfest in Kieckow wird jedoch von einigen Unsicherheiten überschattet. Sie treten hauptsächlich in Gesprächen zwischen Jürgen und seinem Vater zutage, wirken sich jedoch auch auf Ruths Verhältnis zu Hans Anton und Elisabeth aus.
Gibt es keine gegenteiligen Abmachungen, so wird in Preußen der gesamte Landbesitz an den ältesten Sohn vererbt. Laut Gesetz dürfen Güter nicht geteilt werden, was historisch gesehen der Machterhaltung im Königreich gedient hat. Innerhalb der Familien ist dadurch jedoch häufig Zwietracht entstanden.
Hans Anton, der älteste Sohn, leidet seit seiner Kindheit an einer Lähmung, weshalb ihm die militärische Laufbahn verwehrt blieb. Sein Studium konnte er aber beenden und er begann eine Karriere in der preußischen Verwaltung. Jürgen, Kleists zweitältester Sohn, wünschte sich nichts sehnlicher, als die militärische Laufbahn einzuschlagen – ein Junker3 im ursprünglichen Sinne des Wortes zu werden. Vater Kleist aber war anderer Meinung und wählte für seinen dritten Sohn die militärische Laufbahn, denn dessen Erfolgsaussichten für ein Studium waren gering. Dieser Sohn namens Friedrich Wilhelm, Patenkind des verstorbenen Königs, dessen Namen er auch trug, erkrankte im Verlauf seines Militärdienstes und starb. Nun gibt es noch Elisabeth, die den Namen der verstorbenen Königin, ihrer Patin, trägt. Sie begleitet und versorgt ihren Vater, seitdem er zum Witwer wurde. Traditionsgemäß ist sie die Herrin von Kieckow. Wie Ruth sollte auch Elisabeth eines Tages heiraten und Herrin eines anderen großen Landsitzes werden, also das Leben führen, auf das sie vorbereitet wurde. Dies ist jedoch nicht eingetreten – und es wird auch nie mehr der Fall sein. Elisabeth bleibt mit Kieckow verbunden, wo sie, wann immer sie dort ist, wie ihre Mutter früher das einfache dunkle, auf dem Land übliche Kleid trägt. An Sonntagen und während der Fastenzeit legt sie, wie einst ihre Mutter, das schwarze Stolbergsche Juwelenkreuz an, das Symbol der Herrin von Kieckow.
Oktober. Wieder einmal, zum dritten Mal im 19. Jahrhundert, wird ein Kleist aus Kieckow Landrat des Kreises Belgard. Die Ernennung und der Umzug bringen viele Vorteile mit sich. Jürgens rascher Aufstieg zum Landrat von Belgard war eigentlich überraschend, denn in diesem Kreis gibt es einige, die der Meinung sind, die Kleists seien zu etabliert und zu mächtig. Vater Kleist wurde jedoch nicht müde, sich für seinen Sohn einzusetzen, was schließlich zum Erfolg führte.

Ruths Schwiegervater Hans Hugo von Kleist
Der Landrat von Belgard muss sich mit einer bescheidenen Wohnung zufriedengeben. Sie befindet sich im zweiten Stock eines alten Fachwerkhauses am Ufer des Flusses, der sich von Kieckow in nördlicher Richtung bis zur Ostsee schlängelt. Der Besitzer des Hauses, der im Nachbarhaus eine Färberei betreibt, wohnt im Erdgeschoss. Beide Wohnungen und die Färberei verbindet ein viel genutzter, belebter Hof, in dem sich auch Stallungen befinden. Ein weiterer positiver Aspekt der Belgarder Wohnung, außer der Lage am Flussufer, ist der parkähnliche Garten auf der anderen Straßenseite, der dem Hausbesitzer gehört. Von ihrem kleinen Balkon aus können Ruth und Jürgen über den Hof auf die riesige alte Eiche blicken, die das beherrschende Element des Gartens darstellt, und sich die Fliederbüsche vorstellen, die sie hier zum Frühlingsbeginn pflanzen werden.
November. Hans Jürgen von Kleist, Namensvetter seines Urgroßvaters und der ganze Stolz seiner Eltern, erblickt zu Hause in Belgard das Licht der Welt. Der Termin für die Taufe wird so gewählt, dass alle noch lebenden Großeltern teilnehmen können. Der Graf und die Gräfin von Zedlitz und Trützschler sind von Posen gekommen; Hans Hugo von Kleist hat eine besonders hitzige parlamentarische Debatte in Berlin verlassen und ist nach Kieckow geeilt, um an diesem großen Ereignis teilhaben zu können. Persönlich bringt er die Taufschale aus Kieckow nach Belgard. Sie hat bereits zwei Generationen von Kleist-Kindern zur Taufe gedient. Wegen des rauen Klimas muss die Taufe in der bescheidenen Wohnung der Eltern abgehalten werden. Danach findet ein kleines Essen statt, auf dem natürlich die unvermeidlichen Reden nicht fehlen dürfen! Beide Großväter sind begabte Redner, die es sich nicht nehmen lassen, die Bedeutung dieses Familienereignisses und den Platz des neugeborenen Kindes in der Ewigkeit und der Vergänglichkeit des Universums darzustellen.
1887, März. Wilhelm I., Kaiser des Deutschen Reiches, feiert seinen 90. Geburtstag im Neuen Palais zu Potsdam. Das gesamte preußische Herrenhaus, darunter auch Hans Hugo von Kleist und Graf Robert von Zedlitz und Trützschler, wurde zu diesem Ereignis eingeladen. Die Feier ist mehr eine Versammlung der preußischen Aristokratie, der alten Garde, als ein Staatsakt des Deutschen Reiches. Wie üblich steht Reichskanzler Bismarck im Mittelpunkt des Geschehens. An diesem Tag scheint er erregt, er ärgert sich offensichtlich über einige von Kronprinz Friedrich Wilhelm und seiner Frau Victoria getroffene Anordnungen.
Kronprinzessin Victoria, die erstgeborene Tochter der Queen Victoria und des Prinzen Albert, hat nach Meinung Bismarcks einige gefährliche politische Ideen aus England in ihre neue Heimat mitgebracht, die auch ihren Mann infiziert haben. Ungeachtet seiner früheren Zuneigung zu englischen Frauen (ihm wird nachgesagt, als junger Mann zwei englische Schönheiten geliebt zu haben), verachtet er Prinzessin Victoria und ist voller Sorge um die Zukunft des Deutschen Reiches nach dem Tod Wilhelms I. Der in die Jahre gekommene Reichskanzler ist so beunruhigt, dass er auf eine göttliche Fügung hofft – vielleicht könnte der Kronprinz vor seinem Vater sterben? Die ganze Welt weiß von Friedrich Wilhelms schwacher Gesundheit, auch wenn es der Hof nie zugegeben hat; daher befindet sich bei dem festlichen Anlass in der großen Halle des Palastes Prinz Wilhelm, der älteste Sohn des Kronprinzen und Enkel des Kaisers und damit Zweiter in der Thronfolge, an der Seite des Fürsten Bismarck. Nachdem Hans Hugo und Graf Robert auf ein langes Leben mit vielen derartigen gesellschaftlichen und politischen Ereignissen zurückblicken können, sind sie in der Lage, politische Schlussfolgerungen aus scheinbar so banalen Dingen wie den Bewegungen des Reichskanzlers während einer Geburtstagsfeier zu ziehen. Die beiden tauschen leise, hinter vorgehaltener Hand, ihre Beobachtungen und ihre Besorgnis darüber aus.
Weit entfernt von der spannungsgeladenen Situation in Berlin geht der junge Landrat von Belgard mit Energie und voller Optimismus an seine berufliche Aufgabe. In einer geräumigen Wohnung neben der Färberei von Belgard sorgt Ruth liebevoll und zufrieden für ihren kleinen Sohn. Ein leichter Schatten, der im zweiten Jahr der vielversprechenden Ehe über dem Glück der jungen Familie liegt, steht mit der unsicheren Zukunft, über die sich die ältere Generation in Berlin sorgt, jedoch in keinem Zusammenhang. Er wird vielmehr verursacht von der besitzergreifenden Art der jungen Ehefrau ihrem Mann gegenüber, beruhend auf einer übertriebenen Angst, Jürgen zu verlieren, von der sie schon einmal, kurz nachdem sie ihn kennengelernt hatte, befallen war. Zwar schilt sie mit sich wegen ihres kindischen Benehmens, doch kann sie unglücklicherweise nur schwer die Fassung bewahren, wenn Jürgen die Nacht nicht zu Hause verbringen kann, was mindestens einmal im Monat sein muss.
60 Kilometer südlich von Belgard liegt Bad Polzin, die zweite blühende Stadt des Kreises Belgard. Jeden Monat verbringt Jürgen zwei Tage in Polzin; der Abschied ist für Ruth schier unerträglich. Vom Balkon aus beobachtet sie, wie die Kutsche in Richtung Süden auf der Landstraße ihren Blicken entschwindet, und jedes Mal bricht sie in Tränen aus.
Jürgen erfüllt die Arbeit in seinem Kreis mit großem Optimismus. Seine täglichen Aufgaben erledigt er äußerst gewissenhaft, die Fahrten nach Polzin genießt er. Er stellt Fragen und beobachtet alles genau, in der Hoffnung, die hier verwirklichten innovativen Ideen in Belgard einführen zu können. Glücklicherweise wird er nicht abgelenkt durch Gedanken an die auf dem Balkon weinende, vom Abschiedsschmerz überwältigte Ruth. Weder sie noch die Dienstboten werden ihm je ein Sterbenswörtchen davon erzählen.
Auf seinen Besuchen in Polzin tankt Jürgen Energie und Inspiration. Außer der Einwohnerzahl – in beiden Städten leben etwa 3 000 Menschen – haben Belgard und Polzin so gut wie nichts gemeinsam. Belgards Gründung geht zurück auf Jürgens Vorfahren Klest, der im 13. Jahrhundert dem Deutschen Ritterorden nach Pommern folgte, während Polzin im 16. Jahrhundert unter polnischer Herrschaft entstand und ursprünglich von jüdischen Siedlern bewohnt war. Heute sind zehn Prozent der Bevölkerung jüdisch, die Stadt ist reich an vorbildlichen, modernen Unternehmen – ein blühendes Zentrum des Handels in der sonst trägen pommerschen Wirtschaft. Die Juden sind hauptsächlich im Viehhandel und in der Lederherstellung beschäftigt. Daneben gibt es die nichtjüdischen Weber, deren Fleiß und Handwerkskunst die Stadt in ganz Preußen berühmt gemacht und ihr einen beneidenswerten Reichtum verschafft haben. Die Straßen in Polzin sind gesäumt von prächtigen, aus Ziegel und Stein gebauten Wohn- und Geschäftshäusern, umgeben von sorgfältig gepflegten öffentlichen Promenaden und Parks. In der Stadt verkehren so viele Kutschen wie nirgendwo sonst im ländlichen Pommern. Für den Kreis Belgard ist es ein Segen, über ein so reiches Zentrum innerhalb seiner Grenzen zu verfügen. Jürgen hegt den Wunsch, die Lebendigkeit und die außerordentlichen Leistungen Polzins auch in die nördlichen Randgebiete seines Bezirks übertragen zu können.
Diesbezügliche Pläne hat er bereits mit seinem Vater besprochen, der vor 30 Jahren ähnliche Beobachtungen gemacht und Vergleiche angestellt hat. Als der Vater noch Landrat von Belgard war, setzte er beispielsweise bei der Kreisverwaltung höhere Steuern auf Grundbesitz durch, die dem Polziner Krankenhaus zuflossen, damit jeder Bürger des Kreises kostenlose medizinische Behandlung erhalten konnte.
Für Vater Kleist ist das Leben eine Schwarzweißmalerei mit wenigen Grauschattierungen dazwischen. Vor zehn Jahren hatte er damit begonnen, sich sehr für eine neue politische Bewegung, die Christlich-soziale Partei, zu engagieren. Diese Bewegung wurde von Adolf Stoecker ins Leben gerufen, dem charismatischen Oberhofprediger, dem Vater Kleist sehr zugetan war. Der Name von Stoeckers Vereinigung besagt bereits, wofür sie sich einsetzt – soziale Reformen, Verbesserung der Situation der Arbeiterschaft, Verminderung der Klassengegensätze und vor allem für eine Verbrüderung auf christlicher Basis. Einem feudalistischen, vom Konservativismus durchdrungenen Menschen, der gleichzeitig vom Geist der Wiederbelebung des Christentums im Pommern des 19. Jahrhunderts erfüllt ist, bieten Stoeckers radikale Ideen eine gesellschaftliche Erneuerung im evangelischen Sinne.
Die Kehrseite dieser Partei ist ihr heftiger, eklatant zur Schau getragener Antisemitismus, den Kronprinz Friedrich Wilhelm als »Schande und Schmach für Deutschland« bezeichnet hat. Hans Hugo ist sich der Schattenseite von Stoeckers christlichem Idealstaat wohl bewusst, verteidigt ihn aber mit der Aussage, die Darstellung der Juden sei nicht ganz ungerechtfertigt und überhaupt nur Teil eines Programms, mit dem die geistigen Qualitäten ganz Deutschlands neu belebt werden könnten.
Männer wie Hans Hugo haben eine zwiespältige Einstellung zu den wenigen Juden, denen sie im täglichen Leben begegnen. Zum einen bewundert er die Betriebsamkeit der Stadt Polzin, des Handelszentrums des Kreises Belgard, dessen Mittelschicht von Juden dominiert wird. Dennoch distanziert er sich von allen Juden mit der Behauptung, sie seien nicht besser als Straßenmusikanten. Als sein Sohn sein Befremden über diesen unpassenden Vergleich äußert, berichtet ihm der Vater von seinen Schwierigkeiten, als er noch für Kieckow zuständig war.
Damals gab es nichts Schlimmeres für die Arbeit auf dem Gut als eine Gruppe von Straßenmusikanten. Sie kamen morgens, blieben den ganzen Tag, machten Musik für das ganze Dorf und kassierten bei den Dorfbewohnern ab. Die Arbeiter opferten ihre letzten, hart verdienten Münzen, eine reine Geldverschwendung für die Leute und ein verlorener Arbeitstag für den Gutsbesitzer. Nach Vater Kleists Ansicht seien die jüdischen Händler nicht besser. Sie kamen nach Kieckow in der Absicht, Tierhäute zu kaufen, kamen aber nur dann, wenn der Gutsverwalter nicht da war. Die Arbeit im Dorf kam zum Stillstand, während sie zankten und feilschten und Geld oder wertlosen Plunder anboten im Tausch gegen die großen und kleinen Häute, welche die Männer während der Saison zusammengetragen hatten. Dafür bekamen sie nach Vaters Überzeugung viel weniger, als die Häute wert waren, weswegen er seit dieser Zeit die Juden in Kieckow nicht mehr duldete.
Jürgen erinnert seinen Vater daran, dass die jüdischen Händler die Bauern wenigstens mit Geld bezahlt hätten, wovon es in Kieckow wahrhaftig äußerst wenig gab. Außerdem, fährt Jürgen voller Zuversicht fort, werden die expandierende Eisenbahn und die neuen landwirtschaftlichen Methoden die fahrenden Händler und Musikanten bald vertreiben. Für Neinsager und noch mehr für Demagogen hat er nichts übrig. Was Jürgen dabei übersieht, ist, dass Ideen nur langsam sterben und die Menschen glauben, sich nicht erinnern zu können, aber auch nicht bereit sind, zu vergeben und zu vergessen. 30 Jahre nach Vaters Verwicklung in Adolf Stoeckers idealistischen Feldzug wird ein Mann namens Adolf Hitler Stoeckers Thesen überarbeiten, alle christlichen Elemente daraus verwerfen und die antijüdischen Aspekte weiterentwickeln. Hitlers Thesen werden in ein Buch mit dem Titel »Mein Kampf« eingehen. Nur wenige Deutsche werden dieses Buch lesen, einige dieser wenigen aber werden von der idealisierten Darstellung der Nation und des Volkes begeistert sein. Sie werden vielleicht sogar Entschuldigungen für die unvertretbaren und widersinnigen rassistischen Thesen finden, ähnlich wie Vater Kleist damals mit Stoeckers Ideen verfahren war.
Unter den wenigen, die »Mein Kampf« gelesen haben, wird es aber auch Einzelne geben, die erkannt haben, wie ernst es Adolf Hitler mit seinen rassistischen, gegen die Juden oder die Slawen gerichteten Theorien meint. Dazu werden zwei Kleists aus Pommern gehören, der eine aus Kieckow und der andere aus Schmenzin. Sie werden ihre Warnung schriftlich in einem Traktat niederlegen, das keine Beachtung finden wird. Dessen ungeachtet werden die Deutschen 60 Jahre später, 100 Jahre nach Stoeckers Umtrieben, einander zuflüstern: »Ja, die Kleists aus Pommern, die sind schon seit Jahrhunderten Antisemiten.«
1888, März. Ruth erwartet ihr zweites Kind, aber dennoch befindet sie sich mit Jürgen auf Händen und Knien im Garten gegenüber der Färberei von Belgard. Die beiden pflanzen zusammen die Fliederbüsche, die sie aus Kieckow mitgebracht haben, und der kleine Hans Jürgen sieht ihnen dabei zu.
Graf Robert von Zedlitz und Trützschler steht bloßen Hauptes vor der Garnisonskirche in Potsdam. Vor seinen Augen wird der Sarg Kaiser Wilhelms I. von einem bespannten Leichenwagen heruntergehoben. Die Leibgarde des Königs salutiert vor dem Sarg. Robert ist begeistert von den präzisen Bewegungen der Leibgarde und erinnert sich an die Zeit, als er selbst Leibgardist war. Fast reflexartig salutiert auch er. Wie hat sich die Welt doch verändert in all den Jahren.
In seiner Nähe steht auch Hans Hugo von Kleist, ebenfalls in Gedanken versunken, während er den Weg des Sarges und das Salutieren für den verstorbenen Kaiser beobachtet. Der heutige Tag ist ein Tag der Trauer für Vater Kleist. Kalt bläst der Wind; der neue Kaiser Friedrich III., wie er sich entgegen der preußischen Tradition nennt, ist todkrank; Otto von Bismarck wirft nicht einen Blick in Richtung seines »Onkels Hans«.
Juni. Schon wieder stehen Graf Robert von Zedlitz und Trützschler und Hans Hugo von Kleist bloßen Hauptes nebeneinander vor der Garnisonskirche. Diesmal wird der Sarg Friedrichs III. in die Familiengruft der Hohenzollern getragen. Er, der bei Amtsantritt bereits schwer an Krebs erkrankt war, konnte sein Amt nur 99 Tage ausüben. Die königliche Leibgarde salutiert vor dem Sarg und wendet sich dann, um dem neuen König und Kaiser, Friedrichs Sohn Wilhelm II., zu salutieren.
Die Taufschale
1888, Juli. An einem sonnigen, warmen Nachmittag wird die erste Tochter von Ruth und Jürgen von Kleist geboren. Sie erhält den Namen Spes, lateinisch für »Hoffnung«. Am nächsten Morgen bereits verlässt Ruth das Bett und geht mit der kleinen Tochter auf den Balkon ihrer Wohnung in Belgard, um den Garten auf der anderen Straßenseite zu bewundern, der im Frühjahr mit so viel Liebe angepflanzt wurde.
Eine Woche später versammeln sich die Familien von Ruth und Jürgen zur zweiten Taufe in Belgard, dieses Mal in der mittelalterlichen Marienkirche, der sich Ruth mittlerweile tief verbunden fühlt. Das Bauwerk aus dem 14. Jahrhundert mit dem hohen, spitz zulaufenden Mittelschiff gilt als das herausragende Kunstwerk Pommerns. Wieder hat Vater Kleist die Taufschale aus Kieckow mitgebracht, die jetzt auf dem Taufstein unterhalb des berühmten Altars aus dem 17. Jahrhundert steht. Die Blumen, die um die Taufschale gelegt sind und in zwei Vasen den Altar schmücken, hat Ruth selbst im Garten am anderen Ufer des Flusses gepflückt.
Blumen haben in ihrem Leben immer eine wichtige Rolle gespielt. Im Alltag gehen selbst die langweiligsten Arbeiten leichter von der Hand, wenn man sich an Blumen erfreuen kann; bei festlichen Anlässen, wie zum Beispiel zu dieser Taufe, bringen Blumen einen Zauber über die ohnehin empfundene Freude; später wird Ruth erfahren, dass Blumen aus ihrem Garten sie trösten und in Zeiten tiefster Traurigkeit und Verzweiflung ihre Leiden lindern können.
In Form einer kleinen Prozession kehrt die Familie aus der Kirche in die Wohnung zurück, wo das Festessen stattfinden wird. Der Festsaal befindet sich oberhalb des engen, unordentlichen Innenhofes und ist nur über eine dunkle Steintreppe zu erreichen. Die junge Mutter und ihre Dienstboten müssen ständig gegen Mäuse in den Schränken des Esszimmers ankämpfen, aber es wäre undenkbar, eine Feier wie diese nicht zu veranstalten. In der preußischen Aristokratie dient ein solches Essen der Aufrechterhaltung der Tradition einer Gesellschaftsklasse, wenn nicht gar der ganzen Nation. Zumindest sind die Eltern und Großeltern des Kindes dieser Meinung und sie glauben, das Kind werde ebenfalls eines Tages ihre Ansicht über den Lauf der Welt teilen. Spes jedoch wird später vieles in Frage stellen, dagegen rebellieren und schließlich einen anderen Weg einschlagen.
Am Ende des Tages kehrt Vater Kleist in seiner Kutsche nach Kieckow zurück, um die Taufschale wieder an ihren Ehrenplatz zu bringen. Er ist müde; er macht sich Sorgen über die Sozialisten und die polnischen Nationalisten, über geschäftliche Dinge – alles Vorboten zukünftiger Veränderungen in Pommern. Der Pachtvertrag für Kieckow wird in acht Jahren auslaufen, Hans Hugo spürt jedoch, er wird diesen Termin nicht mehr erleben. Sein größter Wunsch ist, dass Ruth und Jürgen das Gut übernehmen, wie er es in seinem Testament auch verfügt hat.
In der Zwischenzeit erfreuen sich die jungen Eltern an ihrem kleinen Sohn und der neugeborenen Tochter. Auch nehmen sie in zunehmendem Maße am gesellschaftlichen Leben Belgards teil. Sie haben einen Freundeskreis gewonnen, dessen Verbindungen mehrere Generationen zurückreichen, unter anderem auch zu Familien, die ursprünglich gegen einen weiteren Kleist aus Kieckow als Landrat des Kreises opponiert hatten. Doch im Unterbewusstsein von Ruth ist stets der Gedanke vorhanden, eines Tages Herrin von Kieckow zu werden. Das beflügelt ihre Fantasie und gibt ihr Hoffnung für die Zukunft.
1889. Der Landrat von Belgard hat dem Kreistag vorgeschlagen, eine offizielle Residenz zu schaffen, in der es nicht nur angemessene Wohnräume für seine Familie gibt, sondern auch Büros und repräsentative Empfangsräume, über die ein Landrat verfügen sollte. Jürgen hegt offenbar Erinnerungen an die elegante Residenz des Regierungspräsidenten in Oppeln, wo er seine Braut umworben und später geheiratet hat. Freilich stößt sein Vorschlag auf einige Bedenken, da eine Residenz eine Menge Geld kosten wird und der chronische Geldmangel in Pommern nicht nur auf Grundbesitzer und Bauern beschränkt ist.
Von einigen Seiten wird Jürgens Vorschlag verspottet, aber dennoch stimmt der Rat schließlich zu. Bald erwirbt der Kreis ein stattliches Gebäude an der Kreuzung des Belgarder Boulevards mit der ebenso schönen Luisenstraße. Hinter dem Haus liegt eine Wiese brach, die der Kreis gleich dazukauft. Ruth und Jürgen entwerfen zusammen die Pläne für einen formalen Garten und Park, der Teil der Residenz des Belgarder Landrats werden soll. Der Entwurf der Parkanlagen, die Überwachung der Bepflanzung und das Anlegen der Wege werden zu Ruths schönsten Erinnerungen an ihre Belgarder Zeit gehören – nicht nur, weil sie viele Stunden mit Jürgen allein bei der Planung verbrachte, sondern weil sie versteckte Talente in sich entdeckte, die sonst vielleicht nie zum Vorschein gekommen wären.
Die Wohnräume der Familie in der neuen Residenz sind mit der bescheidenen Wohnung neben der Färberei überhaupt nicht zu vergleichen. Erstens gibt es hier keine Mäuse, ein Zustand, den Ruth unter allen Umständen aufrechterhalten will. Zum anderen sind die Zimmer geräumig, ja so groß, dass zusätzliche Möbelstücke aus Kieckow herbeigeschafft werden müssen, um die leeren Ecken zu füllen. Für jedes Zimmer, das auf der Gartenseite liegt, gibt es einen Balkon. Es sind nur wenige Wochen im Jahr, an denen Ruth und Jürgen nicht den Tee auf einem Balkon einnehmen und dabei der Gartenarbeit zusehen. Jürgens Büro, die offiziellen Empfangssäle und die Wohnräume befinden sich nun unter einem gemeinsamen Dach. Ruth weiß Jürgen jetzt ständig zu Hause, für eine besitzergreifende Ehefrau, wie sie es ist, ein idealer Zustand.
1890. Fürst Otto von Bismarck übergibt dem jungen Kaiser Wilhelm II. sein Rücktrittsgesuch von seinem Posten als Reichskanzler und Ministerpräsident Preußens aus Protest gegen des Kaisers Entscheidung, einen Rückversicherungsvertrag mit Russland zu kündigen und stattdessen mit Österreich-Ungarn engere Beziehungen zu knüpfen. Die außenpolitischen Fähigkeiten Bismarcks sind freilich ungleich größer als die des jungen Kaisers. Ohne seinen Rat wird Wilhelm eine Politik betreiben, die schließlich den östlichen Nachbarn Russland befremden und den Weg zum Ersten Weltkrieg bereiten wird.
Bismarck hat zuvor bereits häufig beim Kaiser um seinen Rücktritt nachgesucht. Als Wilhelms Großvater noch im Amt war, benutzte Bismarck dieses Mittel regelmäßig, wenn es den Anschein hatte, als würde er an Macht verlieren. Damals lenkte der Kaiser immer wieder ein, da er unter keinen Umständen seinen Kanzler verlieren wollte. Sein Enkel jedoch hat eigene Vorstellungen. Er nimmt den Rücktritt mit innerer Zufriedenheit an, auch wenn er nach außen Bedauern äußert. Nach 40-jährigem Dienst für fünf Könige Preußens, wovon drei auch deutsche Kaiser waren, dankt Otto von Bismarck voller Bitterkeit und ohne Zweifel auch von tiefer Traurigkeit erfüllt ab. Er ist 75 Jahre alt, der Kaiser ist noch nicht 31. Der Einzige, der mit ihm aus der Regierung ausscheidet, ist sein Sohn Herbert von Bismarck, Patensohn Hans Hugo von Kleists. Otto hatte immer gehofft, Herbert werde ihn eines Tages ablösen, weswegen er ihn zum Staatssekretär, zum Leiter der deutschen Außenpolitik, ernannt hatte. Als treuer Sohn muss Herbert aber den gleichen Weg gehen, zurücktreten und seines Vaters Verbitterung und Trauer teilen.
Und Hans Hugo von Kleist? Er ist ebenfalls 75 Jahre alt, wovon er 40 Jahre der Öffentlichkeit gedient hat. Für ihn bedeutet der Rücktritt neue Hoffnung, sein Freund Otto werde endlich, nach Jahren der Entfremdung und Abwendung, zu den Junkern zurückkehren. Im Gegensatz zu Bismarck ist Hans Hugo von Kleist nicht verbittert. Nie hat er andere manipuliert oder sich die Politik zunutze gemacht. Er ist immer seinen Idealen treu geblieben, hat Gott, seinem Vaterland und seiner Familie gedient. Zwar hat er nie die Höhen Bismarcks erreicht, er ist aber auch nie so tief gefallen wie dieser. Hans Hugo von Kleist wird in Berlin im preußischen Herrenhaus bleiben, wo er, wie in den letzten 40 Jahren, unter den Konservativen seine Stimme abgeben wird. Nun setzt er seine Hoffnung auf den vom Kaiser selbst ausgesuchten neuen Ministerpräsidenten Preußens und deutschen Reichskanzler Leo von Caprivi – einen schlesischen Aristokraten, der mehr mit Graf Robert als mit diesem alten pommerschen Junker gemein hat.
1891, Februar. An einem Sonntagmorgen, dem ersten Tag des Monats und nur drei Tage vor dem Geburtstag seiner Mutter, wird Konstantin von Kleist in der neuen Residenz des Landrats von Belgard geboren. Draußen läuten die Kirchenglocken, als wollten sie die Ankunft dieses Sonntagskindes verkünden.
August. Der Landrat, seine Frau und die drei Kinder verbringen die Sommerferien nahe der Oder im alten Stolbergschen Familienschloss, wo Mutter Kleist aufgewachsen ist und wo heute Jürgens Großtante Gräfin Elisa zu Stolberg-Wernigerode lebt. Selbst für Ruth, Tochter aus einem Gutshaus, hat das Stolbergsche Schloss etwas Märchenhaftes. Es ist umgeben von riesigen Wäldern. Das Schloss selbst besteht aus unzähligen Zimmern, eines schöner und fantasievoller eingerichtet als das andere. Jürgen und seiner Familie werden ein ganzer Flügel sowie ein Kindermädchen und weit mehr Diener zur Verfügung gestellt, als sie benötigen. Im Kinderzimmer liegen auf dem Diwan des Kindermädchens drei wunderschön gekleidete Puppen, jede mit einem zarten Porzellankopf und zum Kleid passendem Satinhäubchen. Wäre das Kindermädchen nicht eingeschritten, hätten Hans Jürgen und seine Schwester Spes die hübschen Puppen gleich für ihr Lieblingsspiel »so tun als ob« verwendet. Tante Elisa erzählt stolz, diese Puppen stammten aus ihrer Kindheit und würden für Kinder, die vielleicht eines Tages auf Schloss Stolberg leben werden, sorgfältig aufbewahrt.
Im Winter 1945 werden vier Enkelkinder von Ruth, das älteste gerade 20 Jahre alt, mit einem Pferdewagen in Stolberg ankommen; sie werden auch in Räumen dieses Flügels untergebracht werden, jedoch nur für eine Nacht. Wie damals Ruth und ihre Kinder werden sie über die Schönheit der Porzellanpuppen mit den exquisiten Kleidchen und Satinhäubchen staunen. Die Besucher werden sich am nächsten Morgen, mit neuem Proviant versorgt, rasch auf den Weg machen. Die Puppen lassen sie zurück, so wie sie sie gefunden haben. Eine Woche später wird das Schloss von schwerer Artillerie beschossen, bis außer Schutt und Asche nichts mehr übrig ist.
1892, Januar. Vater Kleist ist schwer erkrankt, er ist aber nicht bereit, Berlin zu verlassen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren steht ein Gesetz zur Abstimmung an, das ihm sehr am Herzen liegt und das gute Chancen hat, angenommen zu werden. Der kühne neue Schritt geht auf niemand anderen zurück als Graf Robert von Zedlitz und Trützschler, Ruths Vater. Nur wenige Monate zuvor hatte Caprivi den Grafen von Posen abberufen und ihn zum preußischen Kultusminister ernannt. In dieser Funktion ist er nicht nur für Bildung und Erziehung in allen preußischen Provinzen, sondern auch für die Erhaltung der schwierigen Beziehungen zwischen Kirche und Staat zuständig.
Graf Robert ist nun 55 Jahre alt, seine Energie und Lebenskraft lassen ihn jedoch jünger erscheinen. Unter Bismarck war das Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Deutschland einem ständigen Wechsel unterworfen, je nachdem, ob der Reichskanzler die Stimmen der Katholiken, die hauptsächlich in der Zentrumspartei vertreten waren, benötigte oder nicht.
Reichskanzler von Caprivi dagegen misst der Kirche mehr Bedeutung bei, vor allem wegen ihrer Rolle im Schulsystem. Die Wahl Graf Roberts bestätigt dies. Als neuer Kultusminister hat er Gesetzesentwürfe eingebracht, die den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen wieder gestatten. Andere strenge, gegen die Kirche gerichtete Gesetze, die zu Anfang der Bismarck-Ära erlassen wurden, wird er revidieren. Diese Gesetze waren Teil von Bismarcks hartem und emotionalem Kampf gegen die katholische Kirche und vor allem gegen den Jesuitenorden, der in der katholischen Schulbildung eine große Rolle spielte. Die pommerschen Junker hegen zwar keine besondere Vorliebe für die katholische Kirche, wenden sich aber mehr und mehr gegen diese Gesetze, da sie auch die evangelische Kirche ihres Einflusses auf die Schulerziehung der Kinder berauben. Hans Hugo steht fest auf der Seite der pietistischen Junker, die sich dieser Gesetze erwehren; Graf Robert steht aufseiten der Pommern in der Ablehnung der Gesetze. Er sieht jedoch nicht nur ihre religiösen Konsequenzen, sondern lehnt sie aus politischen Gründen ab. In den polnischen Provinzen Preußens wird das sich ausbreitende nationale Bewusstsein noch dadurch verstärkt, dass sich die tief religiösen Katholiken wegen ihres Glaubens verfolgt fühlen.
Im Namen des Reichskanzlers von Caprivi und mit Unterstützung des Kaisers hat Graf Robert einen revolutionären Schulgesetzentwurf in den preußischen Landtag eingebracht. Hans Hugo ist außer sich vor Freude. Trotzdem hofft er, die Debatte möge kurz sein, da er von einem schweren Husten geplagt ist, dem das schlechte Wetter Berlins keine Besserung bringt. Seine Tochter Elisabeth, die ihn überallhin begleitet, ist über den Gesundheitszustand des Vaters besorgt und würde ihn am liebsten heim nach Kieckow bringen.
März. Zwei Monate bereits dauert die vehemente Debatte in der preußischen Abgeordnetenkammer, die mit einer Schärfe geführt wird, wie man sie seit einem Jahrzehnt in Deutschland nicht mehr gekannt hat. Fast könnte man glauben, es entstehe ein neuer Religionskrieg. In Belgard liest Ruth die täglich aus Berlin eintreffenden Briefe von Vater Kleist, in denen er gewissenhaft über Vater Zedlitz’ Fortschritte in der Durchsetzung des Gesetzentwurfs berichtet. Es sind kurze Zusammenfassungen nicht nur der Reden, die ihr Vater vor der Kammer gehalten hat, sondern auch der Aussagen seiner Anhänger. Aus seinen Briefen schließt Ruth, dass die Abstimmung bald stattfinden und Vaters klare Vorstellung von Kirche und Staat bald Wirklichkeit werden wird.
Völlig unerwartet beginnt der Kaiser jedoch zu wanken und entzieht in der Folge dem Entwurf seine Unterstützung. Graf Robert ist sprachlos, widerruft den Gesetzesentwurf und reicht seinen Rücktritt als Kultusminister Preußens ein. Reichskanzler von Caprivi ist außer sich vor Wut über die Charakterschwäche des Kaisers und tritt 24 Stunden später von seinem Posten als Ministerpräsident Preußens zurück. Als deutscher Reichskanzler bleibt er jedoch im Amt. Zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands werden diese beiden Posten nicht mehr von einer Person bekleidet, ein schlechtes Omen für Caprivis Durchsetzungsfähigkeit als Reichskanzler und, was noch schlimmer ist, für die Stabilität des Deutschen Reiches. Vier Jahrzehnte nach seinem Eintritt in die Politik verlässt Hans Hugo seine Wohnung in Berlin und kehrt mit Elisabeth nach Kieckow zurück.
April. Der Gutsherr besucht nun regelmäßig die Kirche von Kieckow und wie in früheren Jahren beginnt der Sonntagsgottesdienst erst dann, wenn auch er anwesend ist. Gewöhnlich dauert die Predigt in Kieckow sehr lang. An seinem ersten Sonntag zu Hause nickt der Gutsherr während der Predigt des Pfarrers ein, man hört sein lautes Schnarchen. Das wird jedoch nie mehr vorkommen – der alte Herr hat geschworen, nie wieder einzuschlafen! Jedes Mal zu Beginn der Predigt steht er auf und bleibt bis zu deren Ende stehen. Keiner aus der Gemeinde wagt einen verstohlenen Blick in seine Richtung; nicht einmal die Kinder belächeln ihn. In Kieckow ist das, was der Gutsherr tut, automatisch richtig. Elisabeth, jetzt die Herrin von Kieckow, sitzt neben ihrem Vater. Über ihrem dunklen Kleid und Mantel trägt sie das Stolbergsche Kreuz. Insgeheim fragen sich die Dorfbewohner, wann es die neue, junge Herrin übernehmen wird und was dann aus der ihnen so vertraut gewordenen Elisabeth wird. Im Dorf wird viel darüber spekuliert, wer das magische Kreuz einmal tragen wird. Die Weisen sagen jedoch: »Wartet ab.«
Ein Fest zur Erntezeit
1892, Mai. Hans Hugo von Kleist liegt im Sterben. Von Kieckow aus geht die Nachricht nach Belgard, Stettin und Berlin. Kaiser Wilhelm sendet ihm eine persönliche Botschaft, in der er ihm die Wiedererlangung voller Gesundheit wünscht. Hans Hugo, der noch bei vollem Bewusstsein ist, belächelt die Botschaft, weiß er doch, dass der Kaiser solche Wünsche nur verschickt, wenn der Zustand hoffnungslos ist. Trotzdem ist er hocherfreut; als preußischer Aristokrat freut er sich über die Anteilnahme seines Königs.
Frühmorgens am 20. des Monats erlischt Vater Kleists Lebenslicht. Seine Kinder Hans Anton, Jürgen und Elisabeth sind an seinem Sterbebett versammelt. Bis zum Abend ist auch Ruth mit den Enkelkindern Hans Jürgen, Spes und Konstantin eingetroffen. Es wird Ruths erste Beerdigung in ihrem Erwachsenenleben werden, für die sie, wie sie feststellen muss, noch nicht die entsprechende Kleidung besitzt. Die Hausdame kommt ihr sofort zu Hilfe, indem sie ihr innerhalb von 24 Stunden von der Schneiderin des Dorfes eine vollständige Trauerbekleidung mit Hut und langem Schleier anfertigen lässt. Ruth erkennt sich im Spiegel kaum wieder und hofft, sie werde dieses Kleid viele Jahre lang nicht mehr benötigen.
Wie sollte sie auch ahnen, dass sie in nur fünf Jahren diese Kleidung wieder anziehen und dann zwölf Monate lang Tag für Tag tragen wird!
Die Plätze in der Kirche von Kieckow reichen nicht aus, um allen Trauergästen Platz zu bieten, viele stehen in den Gängen oder hören, so gut es geht, von draußen zu. Außer den Familienangehörigen und den Dorfbewohnern sind Gutsbesitzer und Bekannte anwesend, die meisten kommen aus dem Kreis Belgard, manche jedoch auch aus weiter entfernten Orten wie Stargard, wo die Herrensitze der Puttkamers und Bismarcks liegen. Die meisten Zeitgenossen von Vater Kleist sind zwar nicht mehr unter den Lebenden, aber einige wenige gibt es noch. Dazu gehört Philipp von Bismarck, Otto von Bismarcks Neffe, ein langjähriger Freund von Hans Hugo von Kleist. Die Abwesenheit des ehemaligen Reichskanzlers fällt auf. Im Alter von 77 Jahren befindet sich Otto von Bismarck auf einer Vortragsreise durch Deutschland, durch die er die Gunst der Deutschen erwerben und wieder an die Macht gelangen möchte. Die langjährigen Freunde und Familienmitglieder sind empört über seine Abwesenheit und erinnern sich daran, wie sie ihn einst, als sie alle noch viel jünger waren, den »wilden Junker« getauft hatten.
Viele offizielle Gäste sind angereist, die sich in das Gästebuch des Gutshauses eintragen und im Gedächtnis von drei Generationen der Kleists aus Kieckow bleiben werden. Unter ihnen sind als des Kaisers persönlicher Vertreter Adjutant von Jacobi, der Oberpräsident von Pommern von Puttkamer sowie der Staatssekretär des Reichsschatzamtes Freiherr von Maltzahn und Freiherr von Manteuffel, der Vizepräsident des Herrenhauses.
50 Jahre später wird Ruths Sohn Hans Jürgen das Gästebuch verbrennen, denn im Dritten Reich werden die Menschen nach ihren Kontakten beurteilt und verdächtigt.
Der Herr von Kieckow ist tot. Sein Nachfolger kann erst in vier Jahren eingesetzt werden, wenn der Pachtvertrag für Kieckow abläuft. Für eine vorzeitige Ablöse des Pachtvertrags ist nicht genug Geld vorhanden. In der Zwischenzeit regiert Elisabeth über Kieckow, während Hans Anton kommt und geht, ganz wie ihm gerade zumute ist. Jürgen und Ruth kehren mit ihren Kindern nach Belgard zurück. Über die Zukunft des Gutes spricht Jürgen wenig, vertraut Ruth jedoch wehmütig an: »Ach, könnten wir doch nur zusammen in Kieckow leben, aber wahrscheinlich wäre das zu viel des Glücks.«
In der Gruft unter der Kirche von Kieckow stehen nun zwei Särge; Vater Kleists sterbliche Überreste befinden sich neben denen der Mutter. Jürgen, der sonst jede Freude und Sorge seines Lebens mit Ruth teilt, sagt dazu nichts. Sie spürt jedoch, dass sich die Geschwister mit ihm über den Ort, an dem ihre Eltern begraben werden sollen, nicht einig sind.
September. Jürgen wird als Reserveoffizier für einen Monat militärischer Ausbildung in die Armee einberufen. Zum ersten Mal seit seiner Hochzeit hat er einen solchen Befehl erhalten, denn eigentlich gehört er nicht zu den aktiven Reservisten. Die Einberufung ist jedoch eine Ausnahmeübung und, wie es heißt, für den Notfall; sie hängt offensichtlich mit der immer ehrgeiziger werdenden Außenpolitik des Kaisers zusammen, die böse Zungen als »Säbelrasseln« bezeichnen. Jürgen sind diese politischen Entwicklungen nicht verborgen geblieben. Als Reserveoffizier ist er jedoch verpflichtet, seinen militärischen Pflichten nachzukommen und wieder einmal seine uneingeschränkte Loyalität dem Kaiser gegenüber unter Beweis zu stellen.
Ruth hatte immer Mitleid mit den jungen Ehefrauen empfunden, deren Männer als aktive Reservisten jedes Jahr einen ganzen Monat von ihren Familien getrennt werden. Nun muss sie diese Erfahrung selbst machen. Als ihr Vater Graf Robert die Nachricht von der Einberufung hört, lädt er Ruth umgehend ein, diesen Monat in Großenborau zu verbringen. Nach so vielen Jahren im öffentlichen Dienst ist er mit seiner Frau auf das Gut zurückgekehrt, das er nun selbst verwaltet. Ruth hat seit ihrer Heirat ihre schlesische Heimat nicht mehr gesehen und für die Kinder wird es der erste Besuch dort sein.
Am Bahnhof von Belgard vergießt Ruth Tränen beim Abschied von ihren Kindern. Der sechsjährige Hans Jürgen hält seine kleine Schwester Spes fest an der Hand, damit die quirlige Vierjährige nicht auf die Gleise fällt. Der kleine Konstantin, den das Kindermädchen auf den Armen trägt, lächelt tapfer und winkt seiner Mutter zu. Die vier fahren mit dem Zug voraus nach Großenborau, Ruth wird später nachkommen. Zunächst begleitet sie Jürgen nach Berlin, wo sie sein Regiment bei der Parade erleben soll, bevor es ins Manöver zieht.
Von ihrem reservierten Platz aus am Paradeplatz in Tempelhof verfolgt Ruth die großartige Parade. Ebenso wie ihr Mann lässt auch sie sich von der Atmosphäre leicht begeistern. Die vorbeimarschierenden Truppen mit den bunten Fahnen und den Militärkapellen, die die Melodien des Regiments spielen, begeistern sie. Schließlich ist sie eine Preußin, der alle Ideale ihrer Vorfahren, Generationen von treuen Untertanen des Königs, in die Wiege gelegt wurden.
Seit den Tagen ihrer Kindheit hat sich die deutsche Armee zu einer modernen Kriegsmaschinerie entwickelt, die bei Paraden einen großartigen Anblick bietet. Leider gelingt es ihr nicht, von ihrem Platz aus ihren Leutnant zu erkennen, sie tröstet sich jedoch mit dem Gedanken, dass ihnen beiden noch eine gemeinsame Nacht im Hotel Bellevue in Berlin verbleibt.
Früh am nächsten Morgen verabschiedet sich Jürgen in voller Uniform. Für Ruth ist es natürlich ein emotionsgeladenes Ereignis; entgegen ihren guten Vorsätzen schafft sie es nicht, ein »tapferer Soldat« zu sein.
Einen Tag später sitzt Ruth am Bahnhof Friedrichstraße geraume Zeit vor der planmäßigen Abfahrt des Zuges nach Freystadt in einem Abteil. Zum Zeitvertreib blickt sie aus dem Fenster und entdeckt zufällig ein über die Straße gespanntes Transparent. Mit Überraschung liest sie darauf die Ankündigung, das Erste Garde-Feldartillerieregiment – Jürgens Regiment – werde auf seinem Weg ins Manöver hier vorbeimarschieren. Sie ist sprachlos; in der Ferne hört sie bereits die Militärkapelle. Hastig verlässt sie ihr Abteil, steigt aus dem Zug und eilt über die Straße, um einen besseren Blick auf die herannahende Militärkapelle zu gewinnen. Hinter der Kapelle befinden sich der Kommandeur, sein Adjutant sowie der Hauptmann, alle drei hoch zu Ross. Dann folgt in präzisem Gleichschritt ein Zug nach dem anderen, jeder unter Führung eines Leutnants. Da kommt auch schon der Zug mit Jürgen an der Spitze! Einen kurzen Moment sieht er sie direkt an, ohne jedoch die geringste Regung zu zeigen. Dann ist er aus ihrem Gesichtsfeld verschwunden. Sie weiß aber, er hat sie erkannt, da er mit einer minimalen Bewegung seinen Degen senkte.
Jetzt ist Jürgen also ganz Soldat und gewaltsam derjenigen entrissen, die ihn mehr als alles andere auf der Welt liebt. Ruth ist diese Vorstellung unerträglich. Tränenüberströmt kehrt sie ins Abteil zurück, verbirgt ihr Gesicht in dem gepolsterten Sitz und weint untröstlich, bis sie in Freystadt ankommt, wo sie ihre drei glücklichen Kinder auf dem Bahnsteig erblickt. Erst hier kann die junge Ehefrau und Mutter ihre Fassung zurückgewinnen. Später wird sich Ruth wegen ihres unziemlichen Verhaltens Vorwürfe machen, aber sie wird sich auch vergeben, da sie glaubt, ihr Herz habe bereits vorher gewusst, was so unerbittlich auf sie zukommen würde.
1893, Mai. Ruths und Jürgens zweite Tochter Maria wird in der Residenz des Landrats von Belgard geboren. Von Geburt an hat das entzückende kleine Mädchen dichte, schwarze Löckchen und einen fröhlichen Gesichtsausdruck.
Marias Taufe ist die erste ohne Vater Kleist, aber dafür sind Ruths Eltern sowie ihre Schwester Anni von Tresckow mit ihrem Mann Hermann anwesend. Das Kind ist gesund, die Taufschale funkelt im Licht. Kann sich eine Familie mehr wünschen?
1896, Mai. Viele Ereignisse, gute wie schlechte, treffen aufeinander. Der Pachtvertrag für Kieckow ist endlich ausgelaufen, das ganze Gut samt allen Schulden gehört jetzt also Jürgen, so wie Vater Kleist es verfügt hat. Tagelang werden leere Wagen nach Belgard geschickt, die voll beladen mit Kisten und Möbeln nach Kieckow in das Gutshaus zurückkehren. Die Mutter, ihre vier Kinder, eine Köchin, ein Dienstmädchen und das Kindermädchen ziehen einen Sommer lang von der Residenz des Landrats in das Gutshaus von Kieckow um. Das halbe Dorf ist in die Vorbereitungen mit eingebunden, denn seit Jahren ist für die Instandhaltung des Hauses fast nichts geschehen. Als wollten sie ihre neue Herrin willkommen heißen, blühen in Kieckow die Kastanienbäume, die Flieder- und Schneeballbüsche um die Wette. Selbst die Azaleen haben schon dicke Knospen, obwohl sie normalerweise erst in einem Monat blühen.
Für Ruth wäre dies eine Zeit höchster Freude, wäre da nicht der Auszug von Elisabeth. Während Ruth sich seit ihrem ersten Besuch vor zehn Jahren ständig auf diese Heimkehr gefreut hat, bedeutet sie für Elisabeth Vertreibung, obwohl ihr Jürgen versichert hat, ihr Zimmer stehe ihr jederzeit zur Verfügung, wann immer sie es wünsche. Sie zieht jedoch nach Berlin in die Wohnung, die sie einmal zusammen mit dem Vater und Hans Anton bewohnte. Vor seinem Tod hat der Vater sie ihr vermacht, damit sie immer ein eigenes Zuhause ganz für sich allein haben würde. Für Elisabeth ist der Einzug der neuen Herrin von Kieckow ein bitteres Los. Sie wird nur noch zweimal in das Haus zurückkehren, in dem sie aufgewachsen ist, jedes Mal zur Beerdigung eines Bruders. Mit Elisabeth geht auch das Stolbergsche Kreuz; Ruth tadelt sich insgeheim dafür, jemals dieses Symbol weiblicher Macht begehrt zu haben.
Der Bruch mit Elisabeth wird bald von Jürgens gesundheitlichen Beschwerden in den Schatten gestellt. Der Umzug war natürlich sehr anstrengend für ihn, hinzu kommt, dass er nun die ganze Woche über allein in Belgard ist. Jeden Freitagnachmittag steht die Kutsche aus Kieckow vor dem Büro des Landrats, um den Ehemann und Vater nach Hause zu bringen. Eines Tages, als Ruth ihn bei seiner Ankunft umarmt, ermahnt er sie: »Nicht so heftig, mein Liebling.« Und eines Nachts im Bett erklärt er ihr entschuldigend, aber bestimmt: »Ich muss mich heute Nacht von dir wegdrehen, meine Liebe; ich verspüre zu große Schmerzen, wenn ich auf dieser Seite liege.« Dieses Geständnis versetzt Ruth einen mindestens ebenso schmerzvollen Stich ins Herz.
Schließlich gelingt es Ruth, Jürgen von der Notwendigkeit eines Urlaubs zu überzeugen – an einem Kurort, wo er in heißen Quellen baden könne. Sie verlassen Kieckow für einen ganzen Monat; die Kinder bleiben unter der Obhut der Dienerschaft, das Gut wird vom Verwalter geführt und die Verwaltung des Kreises obliegt Jürgens Assistent. Wie gut es doch ist, sich auf seine Angestellten verlassen zu können!
September. Der Urlaub hat Jürgen gutgetan; zwar ist der Schmerz noch vorhanden, aber wenigstens fühlt er sich kräftiger. Er selbst schlägt vor, das traditionelle Erntedankfest in Kieckow wieder einzuführen, was Ruth überglücklich macht. Zum letzten Mal wurde es vor zwölf Jahren abgehalten, nach dem Tod von Mutter Kleist konnte sich der Vater jedoch nie mehr überwinden, dieses beliebte Fest wieder zu feiern. Seit ihrer Ankunft in Kieckow hat Ruth im Dorf regelmäßig Besuche gemacht. In nur vier Monaten hat sie viel über die Menschen hier gelernt – über ihre Hoffnungen, ihre Erinnerungen und ihre Traditionen. Mittlerweile kennt sie jede Familie mit Namen. Aus Unterhaltungen mit ihnen hat sie immer wieder herausgehört, wie beliebt die Feste in Kieckow waren. Sie versichert ihrem Mann: »Weißt du, Jürgen, dieses Jahr wird es ein Fest wie nie zuvor geben!«
Oktober. Es ist Sonntagmorgen, der Gottesdienst in der Kirche ist früher zu Ende gegangen als jemals zuvor. Aus Rücksicht auf das Fest hat der Pastor die kürzeste Predigt seines Lebens gehalten! Die Bewohner der zwei Dörfer – Kieckow und Klein Krössin – sind vor dem Schulhaus von Kieckow versammelt. Der Dorfsprecher gibt lauthals seine Anweisungen und versucht, die aufgeregten, ungestümen Kinder in die Prozession einzureihen – »Jungens zu den Männern, Mädchen zu den Frauen«. Jeder Mann trägt eine Sense, jede Frau einen Rechen. Die Werkzeuge sind mit Blumengirlanden geschmückt.
Auf der Rampenvorfahrt vor dem Gutshaus erwarten Ruth und Jürgen die Prozession. Neben ihnen stehen ihre vier Kinder, Hans Jürgen, Spes, Konstantin und Maria, dahinter Jürgens Vetter aus dem weiter östlich gelegenen Schmenzin, Ruths Schwester Anni von Tresckow mit ihrem Mann und zahlreiche Freunde und Kollegen aus dem Kreis Belgard. Kurz nachdem die ersten Musiktöne zu ihnen herüberdringen, ist auch schon die Prozession in Sicht – zunächst nur als Farbtupfer zwischen den mächtigen Bäumen, bald ist die ganze Menschenmenge zu erkennen, die den Weg zum Gutshaus nimmt. Die Prozession wird angeführt von einem einzelnen Posaunisten, der mit seinem Instrument eine ganze Blaskapelle ersetzen muss. Direkt hinter ihm geht eine sehr alte Frau mit der Erntekrone, die sie selbst hergestellt hat – ein dicker Blumenkranz, in den je eine Ähre von den verschiedenen Getreidesorten und ein Blatt von jeder in Kieckow oder Klein Krössin wachsenden Frucht hineingebunden ist. Mit den Armen gestikulierend und mit dem verabredeten Kopfnicken versammelt der Sprecher die Dorfbewohner. Als endlich alles ruhig ist, belohnen die Zuschauer die Prozession mit begeistertem Applaus. Als auch dieser verebbt, tritt der Hofmeister vor, nimmt die Erntekrone der alten Frau und überreicht sie feierlich dem Herrn von Kieckow und Klein Krössin.

Gutshaus in Kieckow
Wieder ertönt die Posaune, diesmal mit der Melodie eines Erntedankliedes, das an diesem Sonntag in jeder Kirche auf jedem Landsitz in ganz Preußen gesungen wurde, solange die Erinnerung zurückreicht:
Nun danket alle Gott
Mit Herzen, Mund und Händen …
Nun ist der Gutsherr an der Reihe. In dem Bewusstsein, in Vaters Fußstapfen zu treten, richtet Jürgen, die Erntekrone in Händen haltend, das Wort an die Menge. Das Thema dieses Erntedankliedes aufnehmend, dankt er Gott für die reiche Ernte und allen Bewohnern von Kieckow und Klein Krössin für ihre geleistete harte Arbeit, ihre Ehrlichkeit und ihre Treue zu Gott, dem Vaterland und dem Hause Kleist. Abschließend dankt er dem verstorbenen Herrn von Kieckow dafür, dass die Familie Kleist nun wieder in der traditionellen Landwirtschaft in diesem alten preußischen Gebiet tätig sein kann. Wegen seiner angeschlagenen Gesundheit ist die Rede kurz, manche Zuhörer sind jedoch zu Tränen gerührt.
Nun tritt der Vorarbeiter vor, um dem Gutsherrn mit den traditionellen Worten zu antworten. Er nimmt diese Gelegenheit mit besonderer Ergebenheit wahr, da auch das Dorf unter der jahrelangen Verpachtung des Guts gelitten hat. Anschließend dreht er sich seinen Männern zu, die mit ihm zusammen den Hochruf ausbringen: »Er lebe hoch, lebe hoch, lebe hoch.« Er wird traditionsgemäß dreimal ausgerufen – einmal für den Gutsherrn, einmal für die Herrin und das dritte Mal für die Kinder des Gutshauses. Zu jedem Wort schlagen die Männer ihre Sensen im Takt aneinander. Wieder stimmen die Dorfbewohner ein Lied an, während der Gutsherr die Erntekrone an einem gut sichtbaren Platz auf der Vorderseite des Hauses aufhängt, wo sie bis zur nächsten Ernte bleiben wird.
Dies war nur der erste Akt. Der zweite Akt ist das Festessen, das in dem leeren Kornspeicher stattfindet. Ein Dutzend lange Tische wurden für das Festmahl aufgestellt, auf der einen Seite sitzen der Gutsherr, seine Familie und seine Freunde, die andere Seite ist für die Dorfbewohner reserviert. Als alle sitzen, erhebt sich der Pastor, um das Tischgebet zu sprechen. Dann müssen alle noch einmal aufstehen, und als sie endlich so weit sind, folgt ein »Hoch« auf den Kaiser. Nun kann die Mahlzeit serviert werden, die mithilfe aller 40 Dienstboten, die auf die eine oder andere Weise mit dem Gutshaus in Verbindung stehen, zubereitet wurde. In dem großen, hohen Raum herrscht ausgelassene Stimmung, man hört fröhliches Gelächter.
Nach dem Essen erhebt sich Jürgen von Kleist, einen riesigen silbernen Weinkelch in der Hand. Er lädt alle ein, mit ihm zu trinken, nimmt einen Schluck und gibt den Kelch an Ruth weiter, die ebenso daraus trinkt; der Kelch wird von Person zu Person den ganzen Tisch entlang weitergereicht. Ein Dienstbote steht bereit, um den Kelch zum nächsten Tisch zu bringen, wo er wieder weitergereicht wird, und weiter zum nächsten Tisch, bis jeder von dem Wein getrunken hat.
Draußen auf dem Rasen rennen die Kinder ausgelassen hin und her. Sie können ihre Vorfreude kaum verbergen, denn sie wissen, dass der dritte Akt speziell ihnen gilt. Mitten unter den Kindern befinden sich auch Hans Jürgen, Spes, Konstantin und Maria. Nun kommt der große Moment für die neue Herrin. Ruth veranstaltet für die Kinder eine Reihe von Spielen – Sackhüpfen, Blindekuh und ein Wettklettern –, die sie selbst als Kind gern gespielt hat. Für die Gewinner gibt es kleine Preise, die offiziell mit Handschlag übergeben werden.
Der letzte Akt findet auf der Wiese unter den Bäumen statt. Dafür haben die Männer des Dorfes bereits die langen Tische und Stühle nach draußen gebracht. Die Dienerschaft deckt die Tische und schleppt Kannen mit Kaffee und Kuchentabletts herbei, während alle Plätze um die Tische herum schnell besetzt sind. Entsprechend der Tradition, die vor zwei Jahrzehnten von Ruths Schwiegermutter eingeführt wurde, geht Ruth mit den Kaffeekannen von Tisch zu Tisch und schenkt persönlich den heißen Kaffee in leere Tassen oder füllt unermüdlich halb leere nach, bis die Dorfbewohner bei Sonnenuntergang und der einsetzenden Kühle des Abends nach Hause zurückkehren. Immer wieder bedanken sie sich überschwänglich, oft mit Tränen in den Augen, und verabschieden sich bis zum nächsten Jahr.
Im nächsten Jahr wird jedoch kein Erntedankfest stattfinden; erst eine Generation später wird dieses Fest wieder in Kieckow gefeiert werden.
»Treu bis zum Tode«
1896, November. Durch das Fest wurde Jürgens Gemütszustand stark verbessert, es konnte jedoch nicht dazu beitragen, seine ständig fortschreitende Krankheit aufzuhalten. Ruth ist stolz darauf, wie sehr Jürgen und den Dorfbewohnern dieses von ihr ganz allein organisierte Fest gefallen hat, ihre frohe Stimmung schlägt jedoch schnell um, als sie Jürgens schlimmer werdende Schmerzen bemerkt. Es fällt ihm bereits schwer, zu essen, er magert zusehends ab. Sein Arzt verschreibt ihm abermals einen einmonatigen Ortswechsel, diesmal in ein Sanatorium im Süden. Einen ganzen Monat lang erholen sich Jürgen und Ruth, die mit ihrem fünften Kind schwanger ist, in einem Kurort in den Bergen. Pflichtbewusst trinken sie das Wasser, baden in den mineralischen Heilbädern und halten sich an eine milde Diät, die den Kranken gesund machen und der werdenden Mutter guttun soll. Jürgens Zustand bessert sich jedoch nicht merklich.
1897, Mai. Die dritte Tochter von Ruth und Jürgen wird in der Residenz des Landrats von Belgard geboren. Wenige Tage später wird sie in der alten Marienkirche auf den Namen Ruth getauft, das Wasser dazu wird der Taufschale aus Kieckow entnommen. Ihre Mutter vergießt Tränen des Glücks und der Trauer, ahnt sie doch, dass ihre jüngste Tochter den Vater nie richtig kennenlernen wird.
Oktober. Die Residenz des Landrats in Belgard steht fast leer, seit der Landrat nicht mehr in der Lage ist, seinen beruflichen Pflichten nachzukommen. Leidend schleppt er sich auf dem Gut umher, sitzt allein auf der Veranda und versucht, im Anblick des Waldes Trost zu finden. Weder seine Frau noch die Kinder, nicht einmal seine jüngste Tochter, können seine Leiden lindern, da die Schmerzen unerträglich geworden sind. Nach Ansicht des Arztes leidet Jürgen an einer Nierenerkrankung, die sich in ihrem weiteren Verlauf auch auf sein Gehirn auswirken wird. Die Diagnose bestätigt sich, denn mittlerweile erkennt Jürgen kaum mehr seine eigenen Kinder. Zwar hat der Arzt jede Hoffnung auf Heilung aufgegeben, aber dennoch schlägt er Ruth vor, Jürgen noch einmal in ein Sanatorium zu bringen.
Ruth ist hin- und hergerissen zwischen den Bedürfnissen ihres Mannes und ihren Mutterpflichten, letztendlich entscheidet sie sich zugunsten ihres Mannes. Der Winter steht vor der Tür und es kostet Ruth ihre gesamte Kraft, Jürgen in ein Sanatorium in den österreichischen Alpen zu bringen. Unter Mithilfe des Kutschers und des Gutsverwalters wird er in die Kutsche geladen zur Fahrt nach Belgard, wo er in ein Zugabteil, das in ein Kojenbett umgebaut worden war, getragen wird. Von da ab ist sie allein mit ihrem Patienten und versucht, ihm die Reise so bequem wie möglich zu machen. In Dresden müssen sie in einen anderen Zug umsteigen, um nach Österreich zu gelangen. Lange vor der Ankunft in Dresden verschlechtert sich Jürgens Zustand so dramatisch, dass Ruth den Entschluss fasst, nicht weiterzufahren. In Dresden angekommen, holt sie Hilfe herbei und lässt ihren sterbenden Mann in ein Hotelzimmer bringen.
November. Jürgen von Kleist verlässt diese Welt in einem ihm fremden Hotelzimmer in Dresden. Ruth kehrt mit dem Sarg ihres verstorbenen Mannes im Zug nach Kieckow zurück. Ihr ganzes Leben lang hat sie ein Übermaß an Tränen vergossen, auch wenn es manchmal gar nicht notwendig war, aber jetzt fließt keine einzige.
Der große Saal ist schwarz dekoriert, Jürgens Sarg steht bis zu seiner Bestattung in der Mitte des Raumes. Ruth, die noch kaum Todesfälle in der Familie erlebt hat, fühlt sich zunächst getröstet durch die kleineren Kinder, die, scheinbar ungestört durch den Sarg, weiterhin ihren Spielen nachgehen. Eines Nachmittags jedoch, als sie am Zimmer der Buben vorbeikommt, dringt herzerweichendes Weinen durch die geschlossene Tür. Sie betritt das Zimmer und findet den siebenjährigen Konstantin in tiefem Schmerz auf dem Boden liegend. Als sie ihn in die Arme nimmt und ihn endlich beruhigen kann, bittet der Junge sie, den Sarg zu öffnen, damit er einmal noch seinen Vater ansehen könne. Ruth muss es ihm verweigern. Nie wieder in seinem Leben wird Konstantin Tränen vergießen. Es wird gelegentlich vorkommen, dass sie ihm in die Augen treten, aber er wird so lange die Zähne zusammenbeißen, bis sie vergehen. Für einen Junker schickt es sich nicht, zu weinen.
Jürgens Schwester Elisabeth, sein Bruder Hans Anton, der Graf und die Gräfin von Zedlitz sowie Ruths Schwestern und Brüder sind mit ihren Ehepartnern in Kieckow versammelt. Elisabeth trägt Trauerkleidung und um den Hals das goldumrandete Stolbergsche Kreuz. Davon nimmt Ruth jedoch keine Notiz, ihre Trauer ist zu tief. Sie trägt das lange, schwarze Kleid, das damals für sie genäht wurde, als ihr Schwiegervater Hans Hugo starb.
Von nah und fern kommen Besucher, um an der Beerdigung teilzunehmen und um der jungen Witwe zu dem schweren Verlust ihre Anteilnahme auszusprechen, deren verstorbener Mann die Hoffnungen auf die Zukunft Preußens und des Deutschen Reiches verkörpert hatte. Die Kirche von Kieckow ist zum Bersten gefüllt, allein der Platz des Gutsherrn bleibt leer – für Ruth ein sehr schmerzhafter Hinweis, dass Jürgen nie wieder an ihrer Seite sein wird. Im Friedhof neben der Kirche war bereits ein Grab ausgehoben, nach dem Gottesdienst ordnet die Witwe jedoch an, der Sarg solle nicht auf den Friedhof, sondern in die Gruft unterhalb der Kirche neben die Särge seiner Eltern getragen werden.
Nachdem der Sarg dort abgestellt ist, bittet Ruth, allein gelassen zu werden. Mit der kleinen Ruth auf dem Arm führt sie dann ihre vier größeren Kinder die drei Stufen hinunter in die Gruft. Hans Jürgen hält Spes fest an der Hand, Maria klammert sich schutzsuchend an Konstantin. Ruth versammelt ihre Kinder rund um den Sarg und spricht Worte zu ihnen, die sie noch nicht verstehen: »Treu bis zum Tode – so war euer Vater und auch euer Großvater vor ihm. Das werden auch wir sein. So lautet mein Glaube, möge es auch der eure werden – treu bis zum Tode.«
An den darauffolgenden Tagen verabschieden sich die Freunde und Familienmitglieder nach und nach von der trauernden Familie in Kieckow. Schließlich ist nur noch Ruths Vater geblieben. Ruth, die zum ersten Mal mit ihm allein ist, wirft sich ihm in die Arme. Nun stürzen alle Tränen, die seit Jürgens Tod unterdrückt waren. »Vater, ich schaffe es nicht«, weint sie. Ohne zu zögern antwortet er: »Jetzt im Moment kannst du es nicht, mein Kind, aber du wirst es lernen.« Die beiden sprechen von der Zukunft Kieckows.
Unter den Junkern gibt es kaum Fälle, in denen Landbesitze nach dem Tod des Herrn von der Witwe weitergeführt werden. In der Familie Kleist war dies einmal bereits der Fall, als die verwitwete Mutter des ersten Hans Jürgen Mut genug hatte, Groß Tychow und Klein Krössin zu erhalten, bis ihr Sohn erwachsen war. Seither ist ihre Beherztheit immer wieder bewundert worden. Ruths Vater versichert ihr, sie sei aus dem gleichen Holz geschnitzt und könne es ebenso schaffen. Ruth erklärt sich bereit, die Herausforderung anzunehmen, auch wenn sie wenig Vertrauen in ihre Fähigkeit, ein Gut zu leiten, setzt.
Nach der Abreise des Vaters ist Ruth allein mit ihrer Trauer, ihren Kindern, dem Gutshaus, zwei Dörfern und einem großen landwirtschaftlichen Betrieb. Sobald seine Kutsche außer Sichtweite ist, geht sie an das Büfett im Speisesaal, entnimmt zwei Kerzenleuchter aus Zinn, zwei lange Kerzen, Streichhölzer und einen Feuerstein, eilt dann zu dem großen Garderobenschrank in der Eingangshalle, wählt einen Umhang mit Kapuze, zieht ihn an und verlässt leise das Haus. Die Sonne ist längst untergegangen, aber es ist noch nicht Zeit zum Abendessen. Sie läuft die Straße hinunter, nach links durch das Dorf, am Teich vorbei zur Rückseite der Kirche und steigt die drei Stufen zur Gruft hinab. Sie öffnet die Tür und betritt den dunklen, feuchten Raum. Vorsichtig tastet sie sich zum Altar, steckt die Kerzen in die Leuchter und entzündet sie mit einem Streichholz. Mehr als eine Stunde lang ist sie mit Jürgen allein, als die Hausdame in der Tür steht. »Gnädige Frau? Frau von Kleist, Ihre Kinder warten auf Sie und das Baby weint. Bitte kommen Sie zum Abendessen.«
1898, Juni. Zuversichtlich und voller Energie kommt Ruths Vater aus Großenborau in Kieckow an, bereit, die Situation des Landbesitzes mit seiner Tochter und dem Verwalter zu besprechen. Er wird in Belgard mit der Kutsche abgeholt und zum Gutshaus gebracht, wo er an der Tür von Ruth und einer Schar Kinder begrüßt wird. Dass die junge Mutter, gerade 32 Jahre alt, sogar zu Hause von Kopf bis Fuß tiefstes Schwarz trägt und ihr Gesicht mit einem schwarzen Schleier bedeckt, beunruhigt ihn. Dennoch ist es ein fröhliches Wiedersehen, als alle zusammen in der Bibliothek den Tee einnehmen. Ein Diener geleitet dann den Vater hinauf ins Gästezimmer im ersten Stock. Er öffnet gerade erst seine Tasche, als es schon an der Tür klopft. Es ist die Hausdame. »Der Herr Graf möge mich entschuldigen, ich würde ihn gerne einen Moment sprechen.« Graf Robert bittet sie einzutreten und schließt die Tür; beide bleiben stehen. »Es geht um Ihre Tochter, Frau von Kleist; es stimmt etwas nicht mit ihr. Jede Nacht ist sie unten in der Gruft und sitzt bei den Toten. Mindestens einmal die Woche beteiligt sie sogar die Kinder daran. Ich weiß, es ist nicht gut für sie, aber ich habe da keinen Einfluss. Ich wollte nur, dass Sie wissen, wie es steht. Bitte entschuldigen Sie mich, Herr Graf.«
Mit einem Knicks verabschiedet sie sich, geht zur Tür, öffnet sie und ist verschwunden.
Zwei Tage lang lässt sich der Vater Zeit, um zu beobachten. Besonders auf seine älteste Enkelin Spes richtet er sein Augenmerk, die, jetzt zehn Jahre alt, ihn ein wenig an seine Tochter Ruth erinnert. Sie besitzt dasselbe Temperament wie Ruth, ihr fehlt jedoch ein wenig die starke Führung, die nur ein Vater geben kann. In Gedanken nimmt er sich vor, hier später vielleicht behilflich zu werden. Ansonsten findet er die Kinder in jeder Weise vorbildlich, was ihm unter vier Augen auch von dem Kindermädchen und der erst kürzlich eingestellten Gouvernante bestätigt wird. Wie ihm der Verwalter berichtet, ist die Aussaat in vollem Gange und der landwirtschaftliche Betrieb scheint in guten Händen zu sein. Über die Schulden, die auf Kieckow lasten, kann er jedoch nur mit Ruth sprechen. Dafür, entscheidet er, ist aber noch nicht die richtige Zeit gekommen.
Am dritten Abend seines Besuchs spricht er seine Tochter in der Bibliothek direkt an: »Ruth, es ist an der Zeit, mit dem Trauern aufzuhören. Nimm Hut und Schleier ab, sie sind nicht mehr gut für dich. Kümmere dich um deine Kinder, bevor du es vielleicht einmal bereust. Und lass die Toten in Frieden ruhen, auch deinen Mann Jürgen. Gib morgen den Arbeitern die Anweisung, drei Gräber auszuheben, bestatte die Särge und verriegele die Tür zur Gruft. Ich halte den Zustand unter der Kirche für barbarisch, ja sogar für unchristlich.«
Ruth schockieren die Worte ihres Vaters und wieder fließen die Tränen so, dass sie nicht sprechen kann. Der Vater wartet geduldig, bis sie die Fassung wiedergewinnt. Dann erklärt sie ihm, die Särge von Jürgens Eltern seien nicht beerdigt worden, da sich nach dem Tod von Jürgens Vater die Geschwister nicht entschließen konnten, ihre Eltern auf dem Friedhof von Kieckow zu bestatten. Warum, wisse sie nicht, da Jürgen nie darüber sprechen wollte. Dass es mit Jürgen so nicht weitergehen könne, wisse sie. In Wirklichkeit täte es ihr weh, seinen Sarg in der dunklen Gruft sehen zu müssen, aber bislang konnte sie sich einfach noch nicht zu der Anweisung durchringen, ihn begraben zu lassen. Sie geht zu ihrem Vater und umarmt ihn voll Dankbarkeit.
Am Morgen von Vaters letztem Tag in Kieckow ergeht die Anordnung, den verstorbenen Gutsherrn beerdigen zu lassen. Am Nachmittag begeben sich Ruth, ihr Vater und die fünf Kinder zum Friedhof, wo der Pastor ohne allzu viel Emotionen eine fast nüchterne, mit vielen Gebeten angereicherte Andacht hält. Nach der Segnung hebt der Vater seine Hand, als wolle auch er die Gruppe segnen. Stattdessen erklärt er mit einer Stimme, die sonst im Parlament angebracht ist: »Die Zeit der Trauer in Kieckow ist vorbei.«
Am nächsten Morgen begleitet Ruth ihren Vater im offenen Wagen nach Belgard. Sie sitzt neben ihm und dem Kutscher auf der Bank, sie trägt ein einfaches, schwarzes Kleid, dazu einen schwarz-weißen Umhang und ihren schwarzen Hut, jedoch keinen Schleier mehr. Auf der Straße zwischen Kieckow und Klein Krössin winken die Männer von den Feldern ihrer Herrin und dem Besucher zu. Die beiden winken zurück und lächeln freundlich.
Juni. Nachdem Ruth nun nicht mehr in die Gruft gehen muss, hat sie eine andere Möglichkeit gefunden, ihren unersetzlichen Verlust zu überwinden. Sie hat sich vorgenommen, die Geschichte ihrer Ehe niederzuschreiben, damit sie und ihre Nachfahren den Mann niemals vergessen, den sie über alles liebte – Jürgen von Kleist aus Kieckow. In den langen Abendstunden des Sommers sitzt sie an ihrem Schreibtisch und beginnt, ihre Erinnerungen zu Papier zu bringen. Die Erinnerungen werden nie beendet werden. Während ihres langen Lebens schreibt Ruth immer wieder ein wenig weiter, vor allem, wenn Ereignisse der Gegenwart zu schmerzlich sind, um darüber nachzudenken. Sie erinnert sich daran, was Jürgen so einzigartig machte, ihn von allen anderen Männern unterschied, was sie so an ihm liebte, und schreibt ihre Gedanken in dem ihr eigenen Stil:
»Er war fromm im wahrsten Sinne des Wortes. Unter Frömmigkeit verstehe ich, dass ein Mensch seine Haltung, sein Tun, sein ganzes Wesen bewusst unter Gottes Willen stellt. Er führte ein Leben in der Zucht, die sich eigene Ungeduld nicht durchgehen lässt, die immer darauf bedacht ist, das Rechte zu tun. Aber er verlangte die gleiche Zucht von seiner Frau und allen, mit denen er zu tun hatte, auch von seinen Untergebenen. Er war wahrhaftig und gerecht und treu.«
Beim Schreiben dieser Erinnerungen, erlangt Ruth ihr seelisches Gleichgewicht wieder und nimmt Jürgens Hinterlassenschaft an – die Bereitschaft, die Zukunft zu gestalten, indem sie die Gegenwart meistert.
III
Die Witwe von Kieckow
1898–1911
Eine Besucherin aus Kniephof
August. Umringt von ihren Kindern, sitzt die junge Witwe auf der Terrasse beim Tee und liest aus dem Märchenbuch der Brüder Grimm vor. An der Terrassentür steht ein Kindermädchen bereit, sollte das kleine Ruthchen unruhig werden, aber selbst sie, erst eineinhalb Jahre alt, lauscht andächtig Mutters Stimme, die einmal die gute Prinzessin und dann die böse Hexe mimt. Sehr zur Enttäuschung der Kinder findet die nachmittägliche Märchenstunde ein plötzliches Ende, als ein langjähriger Diener der Familie auf der Stufe zur Terrasse erscheint und ein Telegramm für die Mutter in den Händen hält:
Liebe Freundin Stop Unterwegs von Danzig nach Kniephof mit dem Abendzug Stop Um Acht in Tychow Stop Freue mich auf euch und Kieckow Stop deine treue Hedwig Bismarck Stop
Ruth ist hocherfreut über den bevorstehenden Besuch der verwitweten Hedwig von Bismarck, mit der sie durch die allgemeine Familienfreundschaft der Kleists und der Bismarcks verbunden ist. Fast nie hat sie jedoch Zeit mit ihr allein zugebracht. Es ist höchste Zeit, diese Beziehung zu vertiefen! Ruth wendet sich den Kindern zu, um sie an ihrer Freude teilhaben zu lassen, doch hat sie damit in diesem Augenblick keinen Erfolg.
Bislang sind Ruth und Hedwig viermal zusammengetroffen, zweimal in Kniephof und zweimal in Kieckow. Das erste Treffen fand im Sommer 1886 statt, als Hedwig und Philipp von Bismarck Jürgens Braut in die Bismarckschen Kreise einführten. Das zweite fand 1892 in Kieckow statt anlässlich der Beerdigung von Jürgens Vater. Zwei Jahre später trafen sie sich abermals in Kniephof zur Beisetzung von Hedwigs Ehemann Philipp, während der Anlass des bislang letzten Treffens in Kieckow Jürgens Begräbnis war. Dieses Wiedersehen wird anderer Natur sein – ein Zusammentreffen zweier Witwen, die beide große Güter leiten und für je zwei Dörfer verantwortlich sind, also selbstständig die schweren Aufgaben eines preußischen Landbesitzers erfüllen müssen. Schnell gibt Ruth dem Überbringer der Nachricht eine Reihe von Anweisungen – er soll den Kutscher herschicken, die Hausdame das Gästezimmer herrichten lassen, und das Kindermädchen soll die Kinder zur Begrüßung des Gastes vorbereiten. Bevor die Kinder aber losziehen, fragt sie noch, welches Lied sie für die Besucherin singen wollen. Einstimmig kommt die Antwort: »Der alte Barbarossa.« Ruth täuscht ein wenig Überraschung vor, weiß sie doch, dass dies das Lieblingslied ihrer Sprösslinge ist. Es erzählt die Legende Kaisers Friedrich Barbarossa, der unter einem Felsen schläft, das Kinn auf einen Marmortisch aufgestützt, durch den im Laufe der Zeit sein Bart hindurchgewachsen ist, und der hier schlafend auf seine Wiederkehr wartet.
Ebenso wie ihre Kinder ist auch Ruth fasziniert von der Legende des schlafenden Barbarossa, aber im Gegensatz zu ihnen denkt sie auch über die Symbolkraft des beliebten Gedichtes nach. Gerade zu dieser Zeit erhält es besondere Bedeutung durch den Tod Otto von Bismarcks Ende Juli. Er war es und nicht der jetzige Kaiser, auch nicht sein Vorgänger, der seinen Landsleuten Barbarossa wieder ins Gedächtnis gerufen hat. Ruth hegt zwiespältige Gefühle gegenüber Bismarck, der Preußen und die anderen deutschen Staaten zwar zu einem modernen Nationalstaat vereint, jedoch auch den derzeitigen Kaiser gnadenlos verspottet hat. Wie gut wird es tun, sich darüber mit Hedwig auszutauschen.
Allein auf der Terrasse zurückgeblieben, denkt Ruth über die komplexe Geschichte dieser erfolgreichen Familie nach, die so viele talentierte Mitglieder hervorgebracht hat, angefangen bei der Mutter aller, Wilhelmine Mencken von Bismarck, Tochter eines Berliner Gelehrten und Professors.
Ruth ist auch bekannt, dass ein Sohn der Familie Mencken gegen den Willen seines Vaters nach Amerika ausgewandert war, was sie an ihren eigenen Bruder Robert und dessen Wunsch erinnert, nach Amerika zu emigrieren, um etwas Neues aus seinem Leben zu machen. Warum nur hegen die jungen Männer immer wieder diesen Wunsch, wo doch in preußischen Landen eine Fülle von Aufgaben und Chancen wartet? Ihr Bruder Robert hatte seine Idee auf Vaters Wunsch aufgegeben und ist nun der persönliche Adjutant eines kaiserlichen Prinzen. Eigentlich spielt er mehr oder weniger die Rolle der Gouvernante eines jungen Mannes, dem nichts anderes einfällt, als die Familie des Kaisers in peinliche Situationen zu bringen. Seit Jürgens Tod war Robert schon oft zu Besuch und unterhielt seine Schwester mit Geschichten über das oberflächliche Leben am Hofe. So sehr Ruth der neueste Klatsch auch amüsiert, so sehr sorgt sie sich um das Haus Hohenzollern. Wenn doch die Machthaber dem jahrhundertealten Ruf Gottes, des Vaterlandes und der Familie folgen würden, wie es die Kleists und die Zedlitze, ja auch die Bismarcks Generation für Generation getan haben.
Ruth analysiert in Gedanken ihre fünf Kinder und überlegt, welches davon eventuell eines Tages den Wunsch haben könnte, nach Amerika auszuwandern. Ihre Gedanken kehren wieder zu Wilhelmine Mencken zurück, der intellektuellen Frau, die Ferdinand von Bismarck, einen preußischen Offizier und Besitzer von drei Gütern in Pommern, geheiratet hat. Er soll der beste aller Junker gewesen sein, er liebte die pommersche Landschaft, schützte Wälder und Felder und war Meister auf dem Gebiet einer in Pommern weitverbreiteten Leidenschaft, der Jagd. Aus dieser etwas überraschenden Heirat gingen drei höchst begabte Kinder hervor – Bernhard, Otto und Malvina. Fast 80 Jahre später spricht man in Pommern noch immer von der unglücklichen Verbindung zwischen der Professorentochter und einem pommerschen Junker!
Das Landhaus in Kniephof war der Geburtsort von Bernhard und Otto und es blieb das Zuhause ihrer Kindheitsjahre mit einer unglücklichen, kränkelnden Mutter. Als sie noch sehr jung waren, wurden die beiden zur Vorbereitung auf ein Universitätsstudium in ein Internat nach Berlin geschickt. Weit entfernt von zu Hause entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden von Heimweh geplagten Jungen vom Lande. Der ältere, Bernhard, beschützte seinen jüngeren Bruder Otto in der fremden, unfreundlichen Umgebung. Die Strenge der Mutter zahlte sich letztendlich aus, indem beide Söhne ihre Ausbildung erfolgreich abschlossen. Bernhard wurde wie Ruths Mann Jürgen Landrat in der preußischen Verwaltung, Otto aber wurde zur Legende. Der entscheidenden Bedeutung des mütterlichen Einflusses auf die Entwicklung ihrer Kinder, selbst einer so unglücklichen Frau wie Wilhelmine, ist sich Ruth bewusst. Im Stillen betet sie zu Gott, sie möge dabei mindestens ebenso erfolgreich sein wie diese arme Frau.
Otto kehrte als junger Mann nach Kniephof zurück und übernahm die Leitung des Gutes, gab sich gleichzeitig jedoch Trinkgelagen hin und gebärdete sich wie ein Wilder. Die Gesellschaft taufte ihn den »wilden Junker von Kniephof«. Dennoch gelang es ihm in dieser Zeit, die tief verschuldete Landwirtschaft auf eine gesunde wirtschaftliche Grundlage zu stellen. Bernhard heiratete ein Mädchen vom Nachbargut Lasbeck; aus der Verbindung ging lediglich ein einziger Sohn namens Philipp hervor, da die junge Mutter wenige Wochen später starb. 22 Jahre später zeichnete sich Philipp, nun junger Leutnant in der preußischen Armee, durch außerordentliche Leistungen im Krieg gegen Frankreich aus, einem Krieg, den nach der Meinung vieler sein Onkel heraufbeschworen hatte. Der Sieg ging an Preußen und zum Dank belohnte der Kaiser Otto von Bismarck mit Grundbesitz in dem von Preußen neu eroberten westlichen Landesteil. Philipp kehrte aus dem Krieg zurück, übernahm Lasbeck von seinen Großeltern mütterlicherseits und vereinigte es mit Kniephof, das er von seinem Onkel Otto von Bismarck erworben hatte. Seine Laufbahn als Gutsbesitzer begann Philipp, indem er heiratete und seiner jungen Frau zunächst ein neues Gutshaus in Kniephof errichten ließ. Später baute er eine Straße durch den dichten Wald zwischen den zwei Dörfern, sodass für die Arbeiter und all die anderen, die jeden Tag zwischen den Gütern pendeln mussten, der Weg erleichtert wurde. Die Dorfbewohner tauften diesen romantisch gelegenen Weg den »Leutnantspfad«, der nach Philipps Tod zu einer lebendigen Erinnerung an den Herrn von Kniephof und Lasbeck wurde. Ruth erinnert sich eines Spaziergangs Arm in Arm mit Jürgen kurz nach ihrer Hochzeit. Sie wanderten die ganze Strecke hin und wieder zurück und träumten von ihrem künftigen Leben in Kieckow.
Wie schon seine Mutter, so starb auch die Frau Philipp von Bismarcks kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes. Das schreckliche Schicksal dieser Frauen erinnert Ruth an zwei Geburten im Dorf, denen sie kürzlich beiwohnte. Bei der ersten konnte die Mutter eines gesunden Kindes nicht gerettet werden und bei der zweiten gebar eine gesunde Mutter ein Kind, das innerhalb weniger Stunden starb. Von der Herrin von Kieckow wird erwartet, bei Geburten anwesend zu sein. Aus diesem Grund hat Ruth nun begonnen, sich Kenntnisse über die Pflege und Versorgung werdender Mütter und über Geburtshilfe anzueignen. Als Mutter von fünf gesunden Kindern zählt sie sich selbst zu denen, die vom Glück begünstigt wurden.
Kurze Zeit nach dem Tod seiner Frau lernte Philipp Hedwig von Harnier kennen und heiratete sie. Sie stammte aus der lieblichen Landschaft entlang des Rheins. Nun hatte sein Sohn wieder eine Mutter und Kniephof und Lasbeck eine neue Herrin. Ruths Gedanken verweilen bei den Wörtern Herr und Herrin, Wörtern, die für althergebrachte Privilegien und genau definierte Pflichten stehen, eine Art Arbeitsteilung, die sich in Hunderten von Jahren in der Feudalgesellschaft entwickelt hat. Erstaunlicherweise funktioniert dieses System um die Jahrhundertwende noch immer, solange Herr und Herrin am Leben sind oder, wie in Hedwigs Fall, die Herrin die Rolle des Gutsherrn zu übernehmen vermag.
Hedwig trifft spätabends in einem überdachten Wagen in Kieckow ein. Die fortgeschrittene Zeit erlaubt wenig mehr als eine herzliche Umarmung und ein paar Worte, um sie willkommen zu heißen. Ruth geleitet Hedwig zu ihrem Zimmer, gefolgt von einem Zimmermädchen, das eine Kanne heißen Tee bringt.
Beim Morgengebet im Speisezimmer von Kieckow werden Hedwig die Kinder vorgestellt. Ruth nimmt am Harmonium Platz und improvisiert über ihr Lieblingslied – ein Talent, um das Jürgen seine Frau angeblich beneidete. Sie jedoch beneidete ihn wiederum um die Gabe, gut vom Blatt spielen zu können, was ihr nicht gelingen mag. Hedwig sitzt auf einem der Stühle am Esstisch, dem Harmonium zugewandt, während Kindermädchen und Gouvernante zu ihrer Linken und Rechten sitzen. Dahinter stehen die Hausdame, die Dienstmädchen und zwei ältere männliche Bedienstete. Ruth erhebt sich von der Bank, nimmt die Bibel und öffnet sie an einer Stelle, die speziell für einen lang erwarteten Gast markiert wurde. Sie liest die entsprechenden Bibelverse vor und spricht dann ihre eigenen Begrüßungsworte, erinnert die Anwesenden an ihre individuellen und kollektiven Pflichten Gott gegenüber und spricht schließlich ein Dankgebet für Gottes Segen im Namen aller Anwesenden. Zum Abschluss wird ein Lied gesungen, das Ruth wieder begleitet. Das Lied ihrer Wahl überrascht keinen, denn es ist ebenso das Lied der Bismarcks wie das der Kleists – »Morgenglanz der Ewigkeit«. Die größeren Kinder kennen alle fünf Strophen auswendig. Unter der Melodie fällt eine klare, saubere Altstimme auf, die souverän dem Gesang die Qualität einer Kirchenaufführung verleiht. Es ist die Stimme von Spes, die mit ihren zehn Jahren die Bedeutung von Harmonie begriffen hat, lange bevor sie Noten lesen kann. Ihre musikalische Begabung ist der Mutter eine große Freude. Wenn Besucher im Hause sind, erhält das Frühstück eine Festlichkeit, die sonst nur für Sonntage reserviert ist. Statt Schweineschmalz gibt es frische Butter aufs Brot (normalerweise wird die gesamte in Kieckow hergestellte Butter außerhalb des Gutes verkauft); außerdem wird hausgemachte Birnenmarmelade aus der letzten Ernte gereicht. Nach dem Frühstück ziehen sich Ruth und Hedwig in die Bibliothek zurück, denn es gibt viel zu besprechen.
Im Esszimmer sind die Kinder, wie es ihre Aufgabe ist, damit beschäftigt, den Tisch abzuräumen. Spes erteilt die Anweisungen; der kleinen Ruth hat sie aufgetragen, die Servietten abzuräumen. Zwar hat die Kleine soeben erst das Laufen gelernt, aber schon nimmt sie stolz jede Serviette einzeln, rollt sie vorsichtig zusammen, steckt sie in den dazugehörenden gravierten, silbernen Serviettenring und versucht vergeblich, sie auf das Büfett zu legen. Konstantin, siebeneinhalb Jahre alt und groß genug, um auf das hohe Büfett langen zu können, bemerkt ihre Schwierigkeiten und hilft ihr. Von allen Kindern ist Konstantin derjenige, der sich am meisten um die Bedürfnisse anderer kümmert. Er ist fast immer ein sanfter Junge, mit einer Ausnahme, wenn es gilt, seine Schwestern zu beschützen. Erst kürzlich musste ihn seine Mutter zurechtweisen, da er ein älteres Kind im Dorf geschlagen hatte, das den kleinen Wagen der Kinder mit Maria umgeworfen und sich dann selbst an ihren Platz gesetzt hatte. Die Zurechtweisung war für Mutter und Sohn gleichermaßen schmerzhaft.
In der Bibliothek beginnen die beiden Frauen, beim Tee über Familie und Kinder zu plaudern. Hedwig erzählt von ihrer Ankunft in Pommern, damals, als jung Verheiratete – die desolate Landschaft, die einfache Infrastruktur, die ernsten Gesichter, alles ein starker Kontrast zu der warmen, kultivierten Atmosphäre in Südwestdeutschland, wo sie aufwuchs. Ruth muss lachen, als Hedwig von der Verlorenheit spricht, die sie beim ersten Anblick von Kniephof empfand, erinnert sie sich doch an ihre eigene Enttäuschung beim ersten sonntäglichen Besuch an einem tristen Wintertag in Kieckow. Bereits jetzt fühlen sich die beiden Frauen enger verbunden.
Hedwig teilt mit Ruth ihre Erinnerungen an die zärtlichen und auch schwierigen Erfahrungen, die sie machte, als sie begann, bei Philipps kleinem Sohn die Mutterrolle zu übernehmen, und auch an die Schwierigkeiten und Fehlschläge zu Beginn ihrer Ehe – ihr Heimweh, ihre Bestürzung über den rauen und sarkastischen Humor der Bismarcks und die Erkenntnis, dass der Name Bismarck vor allem Tradition bedeutet. Sie erinnert sich, wie fremd sie sich bei ihrem ersten Auftritt in der Gesellschaft benachbarter Gutsbesitzer fühlte, als sie die Ablehnung der Damen spürte, weil sie ein weißes Kleid trug statt der hier üblichen grauen und schwarzen Farben. Dennoch konnte sie sich auf Philipp, ihren treuesten Verbündeten, verlassen und in dem schönen Park von Kniephof und auf dem Weg durch den Wald nach Lasbeck fand sie immer Trost. Langsam schwanden Hedwigs anfängliche Bedenken, vor allem, nachdem sie drei weitere Kinder geboren hatte – Gottfried, Herbert und schließlich Elisabeth. Jedes Kind schlief die ersten Monate seines Lebens in der Bismarckschen Wiege, einem Prunkstück, das aus dem Stamm einer riesigen Eiche gefertigt worden war. In das Holz sind Ornamente aus Wald und Feld hineingeschnitzt. Hedwig zählt die Namen der Bismarckschen Nachkommen auf, die bereits in diesem Familienerbstück gelegen haben. Der erste war Otto von Bismarck, obwohl seine Mutter Wilhelmine den Auftrag für die Wiege erteilte, als sie mit Bernhard schwanger war. Unglücklicherweise jedoch wurde der Handwerker, dessen Name nicht mehr bekannt ist, erst mit der Arbeit fertig, als Bernhard bereits der Wiege entwachsen war. Auf diese Weise wurde sie als »Ottos Wiege« bekannt und gehört seitdem zu Kniephof. Seit Elisabeth hat kein Kind mehr in der Wiege gelegen und Hedwig fragt sich, wessen Kind wohl das nächste sein würde.
Keine der beiden Frauen kann wissen, dass das letzte Kind, das in Otto von Bismarcks Wiege geschaukelt wird, ihrer beider Urenkel sein wird, kurz bevor die Wiege zusammen mit allem anderen Hab und Gut in Flammen aufgehen wird.
Hedwigs jüngste Erinnerungen an ihren Onkel Otto von Bismarck gehen zurück auf dessen letzten Besuch in Kniephof vor fünf Jahren. Er war zur Beerdigung seines Neffen Philipp hergekommen. Alt war er geworden, gar nicht mehr der große Kanzler, vor dem ganz Europa einst zitterte. Nach dem Begräbnis ging er auf Hedwig zu und bat sie, mit ihm einen letzten Spaziergang durch den Park der Heimat seiner Kindheit zu machen. Offenbar betrachtete der alte Herr dies als eine Gelegenheit zum Abschiednehmen. Arm in Arm wandelten der alte Kanzler und die soeben verwitwete Herrin durch den Park, bis sie an eine freie Wiese gelangten. Sie standen vor einer riesigen Fichte und der alte Mann erzählte ihr: »Als Kind habe ich oft mit meiner Mutter hier gesessen, außer Sicht des Hauses und des Dorfes. An warmen, sonnigen Nachmittagen nahm meine Mutter, was nur ich weiß, ein Vergrößerungsglas aus ihren Rocktaschen. Sie fing die Sonnenstrahlen damit ein und hielt es über ihren Leib, um ihre kranke Leber zu wärmen und die Schmerzen zu lindern.« Bei diesen Worten versagte ihm die Stimme und Hedwig legte zärtlich ihre Arme um den alten Mann, um mit ihm die Trauer über das verschwendete Leben dieser begabten Frau zu teilen, die immer eine Fremde in Pommern geblieben war.
Aber nun kommt Hedwig auf den Hauptgrund ihres Besuches in Kieckow. Sie ist mit der Absicht hergekommen, der jungen Witwe, deren Lebensweg dem ihren so ähnlich ist, mit Rat zur Seite zu stehen. Ihr jüngstes Kind war gerade acht Jahre alt, als Philipp an Grippe erkrankte und innerhalb einer Woche starb. Zurück ließ er eine Frau, die nun ohne Mann ihr Leben meistern musste, vier Kinder, denen der Vater genommen war, und ein Gut, das keinen Gutsherrn mehr hatte. Hedwig weist darauf hin, dass in Pommern das Gut immer an erster Stelle steht; das Wichtigste sei, einen vertrauenswürdigen Verwalter zu finden, der seine Arbeit gut macht und von den Arbeitern respektiert wird. Ruth zuckt zusammen, denn diese drei Eigenschaften vermisst sie eher bei dem Verwalter, den Jürgen kurz vor Beginn seiner Krankheit eingestellt hat. Ebenso obliege es der Witwe, fährt Hedwig fort, in allen Aufgaben, die im Haus oder im Dorf anfallen und von ihr persönlich überwacht werden, größte Geschicklichkeit zu beweisen, sei es beim Reinigen der Lampen, beim Anpflanzen und Pflegen des Gemüsegartens, Einkochen, Spinnen, Weben, Nähen, selbst beim Schlachten von Schweinen und Hühnern habe sie besser zu sein als alle anderen. Ruth nickt mit dem Kopf. Vom Weben und Nähen abgesehen, brachte sie aus Großenborau wenige praktische Fertigkeiten mit, doch hatte sie sich in zwei Jahren in Kieckow schon vieles angeeignet. Sie schwört sich, Hedwigs Rat zu befolgen und all diese Fähigkeiten zu erlernen. Hedwig rät ihr auch dringend, das Kaufen oder Verkaufen von Tieren, seien es Pferde, Schweine oder Rinder, am besten Männern zu überlassen, da es in Pommern keine Frau gebe, die mit einem Juden handeln könne! Ruth wundert sich, wie unterschiedlich die Ansichten über diese Menschen sind. Hedwigs Aussage hätte ebenso die Meinung ihres Schwiegervaters sein können, wäre jedoch niemals von ihrem eigenen Vater oder von Jürgen gemacht worden.
Schließlich sei die Buchhaltung nicht zu vergessen. Das Fehlen entsprechender Fertigkeiten habe in den letzten Jahrzehnten ein Gut nach dem anderen im östlichen Preußen ruiniert. Ruth hat sich bereits intensiv mit der Buchführung von Kieckow beschäftigt und festgestellt, dass die Vergangenheit tatsächlich einige Unklarheiten aufweist. Unter Jürgens Herrschaft waren die Bücher durchschaubarer geworden, sodass die Schulden nun klar ersichtlich sind. Ruth nimmt sich vor, die Bilanzen auszugleichen, und schwört, das Gut niemals so tief verschuldet an ihren Sohn zu übergeben, wie Jürgen es vor einigen Jahren übernehmen musste. Ihr Sohn Hans Jürgen, inzwischen zwölf Jahre alt, ist mit seinen großen, offenen, ehrlichen Augen dem Vater sehr ähnlich.
Zum Mittagessen ist die Zahl der Kinder auf neun angestiegen, denn im Dorf ist eine Frau erkrankt. Der Vater arbeitet mit den anderen Männern auf dem Feld und Ruth hat angeordnet, dass in solchen Fällen die Kinder das Mittagessen im Gutshaus einzunehmen haben. Spes und Hans Jürgen haben bereits die richtige Anzahl von Plätzen gedeckt, auch die zusätzlichen Servietten und hölzernen Serviettenringe aus den Beständen der Dienstboten sind aufgelegt. Für Ruths Kinder ist das Tischdecken neben dem Zusammensetzen von Puzzles die liebste Freizeitbeschäftigung. Noch erkennen sie nicht, dass jedes von der Mutter für sie erdachte Spiel sie auf das spätere Leben vorbereiten soll.
Heute ist es die fünfjährige Maria, die leise, aber mit einer Klarheit und Ernsthaftigkeit, die die Besucherin tief berühren, das Tischgebet spricht. Nach dem Essen gibt die Mutter bekannt, dass Spes eine Auswahl von Mozartstücken auf dem Flügel in der großen Halle vortragen werde, gefolgt von einem Lied, das die Kinder zu Ehren des Gastes singen würden. Spes’ Vorspiel einer Sonatine ist fehlerfrei. Ruth ist glücklich über Spes’ Talent, auch freut sie sich über ihre eigenen Erfolge als Klavierlehrerin, aber es ist ihr auch bewusst, dass dieses begabte Kind eine bessere Ausbildung benötigt, als sie ihm von der Mutter geboten werden kann. Über das erfolgreiche Vorspiel und den Applaus freut sich natürlich auch Spes, sie bedankt sich dafür mit einem tiefen Knicks. Während die Mutter sich am Klavier niederlässt, stellen sich die fünf Geschwister vor ihrem kleinen Publikum auf – bestehend aus Hedwig, der Gouvernante, dem Kindermädchen, dem Verwalter und den vier Kindern aus dem Dorf. Nach einer kurzen Einleitung auf dem Klavier beginnt der Chor das Lied vom alten Barbarossa:
Der alte Barbarossa,
Der Kaiser Friederich,
Im unterirdschen Schlosse
Hält er verzaubert sich …
Später am Nachmittag spazieren die beiden Frauen Arm in Arm vom Gutshaus aus, die eine in Grau, die andere in einem blauen Kleid mit weißen Tupfen. Der Anblick der Witwe von Kieckow, einmal nicht in Schwarz gekleidet, erregt bei allen Aufsehen. »Gnädige Frau«, grüßt der Gärtner, der kurz die Harke aus der Hand legt und den Hut abnimmt. »Gnädige Frau«, grüßt auch der Schmied, der sich von seinem Hocker erhebt und mit der Hand über sein Gesicht fährt. Und so geht es weiter, während Ruth der Freundin den Gemüsegarten zeigt, über den Hof geht, die Pferdeboxen und die Schweineställe, die Futterweiden und das ganze Gut vorführt. Beim neu angelegten Blumengarten verweilt sie etwas länger, um einen dicken Strauß mitzunehmen. Dieser Blumengarten ist die erste Veränderung in Kieckow, das ansonsten keine Veränderungen aufweist. Nun machen sich die beiden Frauen auf den Weg zu einer alten Frau, die von Geburt an auf dem Gut lebt und heute ihren 90. Geburtstag feiert.
Als die Zeit für Hedwig von Bismarcks Abreise gekommen ist, versammelt Ruth ihre Kinder auf der Terrasse der großen Eingangshalle. Jedes Kind hält eine andere Blume aus Mutters Garten in der Hand. Hedwig nimmt die Blumen entgegen, um daraus einen Strauß zu binden, und als die kleine Maria an der Reihe ist und ihr das Geschenk entgegenstreckt, kann sie nicht anders, als die Kleine in die Arme zu nehmen. Nachdem sie ihre Freundin ein letztes Mal umarmt hat, steigt die Besucherin in den wartenden Wagen. Ruth ruft ihr noch einen letzten Abschiedsgruß zu, der jedoch schon im Geräusch der Räder des die Anfahrt hinunterrollenden Wagens untergeht. Die Kutsche lässt die mächtige Eiche im Hof hinter sich, rollt auf die befestigte Straße, dann geht es durch das Dorf, zwischen den Feldern Kieckows hindurch, an Klein Krössin vorbei und schließlich zum Bahnhof in Groß Tychow.
Männliche Besucher in Kieckow
1898, September. Im Lauf eines einzigen Monats melden vier Herren ihren Besuch in Kieckow an. Der erste Besucher, wie könnte es anders sein, ist Vater Zedlitz. Er ist gerade auf dem Weg von Berlin nach Großenborau. Kaiser Wilhelm II. hat Graf Robert aus seinem Ruhestand zurück in die preußische Regierung berufen, diesmal als Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau. Nach einer Pause von sechs Jahren, in der er sein eigenes Gut leitete, kehrt der 60-jährige Graf nun in die Politik zurück, um eine Region zu regieren und zu befrieden, in der die Wunden von Bismarcks antikatholischen Erlassen noch deutlich spürbar sind. Auf seiner Fahrt dorthin nimmt der Graf den Umweg über Kieckow. Er ist höchst erfreut über die gute geistige Verfassung seiner Tochter und über die üppigen Ernteerträge dieses Jahres.
Im Verlauf seines Besuches erzählt Ruth dem Vater von ihrer Entscheidung, in Stettin eine Wohnung zu nehmen, damit ihre Kinder eine Schule besuchen können und gleichzeitig ein Zuhause haben. Vorsichtig, um ihn nicht zu verletzen, macht sie deutlich, dass in heutigen Zeiten eine häusliche Schulbildung nicht mehr ausreiche, sie aber einen Internataufenthalt für Hans Jürgen und Spes und bald auch für Konstantin nicht zu finanzieren vermag. Für Konstantin sei eine gute Schulbildung ganz besonders wichtig. Als Zweitältester habe er keine Aussichten, das Gut zu erben, und für eine militärische Laufbahn scheine er auch nicht geeignet; daher bleibe für ihn der Besuch eines Gymnasiums, danach die Ausbildung an der Universität. Graf Robert ist mit Ruths Idee zwar einverstanden, er fühlt sich aber verpflichtet, sie auf die Probleme hinzuweisen, die entstehen, wenn ein Gutsbesitzer nicht auf seinem Gut lebt. Ruth ist der Meinung, sie könne größere Schwierigkeiten vermeiden, wenn sie jeden Monat zwei Tage in Kieckow verbringe. Sie versichert ihrem Vater, sie sei entschlossen, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Innerlich ist er glücklich über die wachsende Zuversicht seiner Tochter und er verspricht ihr, alle drei Monate zu Besuch zu kommen.
Während Vater und Tochter die Wirtschaftsgebäude besichtigen und den Fortschritt der Arbeiten begutachten, erspähen sie in der Ferne zwei Reiter, die von Osten im vollen Galopp über die Wiesen auf Kieckow zukommen. Ruth weiß, es kann sich nur um die Kleists aus dem nahen Schmenzin handeln, also um Hermann und einen seiner Söhne. Fünf Minuten später reiten ein Mann und ein Junge in den Hof ein, springen vom Pferd und übergeben dem Stallknecht die Zügel. Die einfache Kleidung Hermann von Kleists würde nie seinen Status als Besitzer dreier riesiger Güter verraten. Der Sohn folgt seinem Vater und reicht der ihm vertrauten Nachbarin, Tante Ruth, und dem Unbekannten die Hand. Als Ruth ihr Erstaunen darüber ausdrückt, dass Ewald nicht im Internat ist, antwortet der Junge mit einem scheuen Lächeln: »Jetzt sind Ernteferien.« Wie sein Vater trägt der neunjährige Ewald grob gesponnene Kleidung, dazu Lederstiefel aus Schmenzin.
Bislang haben Hermann und Graf Robert sich erst ein einziges Mal, nämlich anlässlich Jürgens Beerdigung, getroffen. Hermann von Kleist, der sich mit der Bewirtschaftung und Erhaltung der alten Kleistschen Ländereien in Pommern ausgelastet fühlt, hatte nie das Bedürfnis nach einer politischen oder gesellschaftlichen Karriere, die so viele seiner Gleichgestellten eingeschlagen haben. Er hat auch nie die pietistischen Neigungen seiner Verwandten in Kieckow geteilt; er habe, so behauptet er, auf seine Weise mit dem Schöpfer Frieden geschlossen. In adligen Kreisen wird er zwar als Krautjunker von Schmenzin bezeichnet, seine Bauern und Arbeiter haben dem rauen, aber gutmütigen Herrn jedoch immer nur tiefe Loyalität und echte Zuneigung entgegengebracht. Ewald gerät mehr nach der Mutter, er ist zurückhaltend und schämt sich offensichtlich ein wenig der rauen Art seines Vaters. Hermanns Frau Lili ist eine typische Vertreterin der kühlen, zurückhaltenden preußischen Aristokratin. Stets trägt sie das dunkelgraue, hochgeschlossene Kleid der preußischen Adeligen, niemals lässt sie einen vergessen, dass sie einst eine Gräfin aus Ostpreußen war. Von Ewald verlangt sie, immer der Beste zu sein. Nur ein Gut im Schulzeugnis reicht ihr nicht. Selbst während der Ernteferien muss er die meisten Tage über seinen Büchern sitzen, um im nächsten Zeugnis ausschließlich »sehr gut« zu erhalten. Ruth fühlt sich dem naturverbundenen Hermann viel näher als seiner gezierten, anspruchsvollen Frau. Den jungen Ewald hat sie schon längst in ihr Herz geschlossen. Sie wünschte nur, er bekäme etwas mehr von der Freiheit, die sie versucht, ihren beiden eigenen Söhnen zu geben.
Die Gelegenheit nutzend, dem Jungen eine Freude zu machen, lädt sie die beiden Besucher aus Schmenzin zum Kaffee ein. Das Angebot wird ohne Zögern angenommen. In der Nähe entdeckt sie einen der Stallknechte und schickt ihn mit zwei Aufträgen zum Gutshaus. Die Hausdame erhält die Anweisung: »Kaffee für drei in der Bibliothek in einer Viertelstunde«; und aus dem Schulzimmer wird Hans Jürgen in die Bibliothek bestellt, um Ewald von Kleist zu begrüßen. Er soll ihn zum Nachmittagstee für die Kinder mitnehmen.
Bei Kaffee und Keksen mit Birnenmarmelade bietet Hermann von Kleist aus Schmenzin seinen Rat und Beistand in allen Kieckow und Klein Krössin betreffenden Belangen an. Er warnt davor, auf Eigentum Geld zu leihen, da Hypotheken das Werk des Teufels in Gestalt der Bankiers, ob Juden oder Christen, seien. Bei dieser Warnung senkt Ruth verlegen den Blick, da sie es nicht wagen würde, die tiefe Verschuldung Kieckows zuzugeben.
Im Kinderzimmer buhlen die Kinder Ruths um die Aufmerksamkeit des sportlich gekleideten Ewald. Seine Stiefel sind eindeutig die eines Reiters und seine derbe, warme Kleidung verbreitet Stallgeruch. Hans Jürgen wünschte, er hätte auch solche Kleidung und einen Vater, mit dem er durch Wälder und über Felder reiten könnte. Als bemerkte er diese unausgesprochene Sehnsucht, lädt Ewald Hans Jürgen ein, bald mit ihm über versteckte Waldwege und Wiesen nahe des Gutes zu reiten.
30 Jahre später werden Ewald und Hans Jürgen zusammen auf diesen versteckten Waldwegen entlangreiten, um mit Mutter Ruth ein Buch zu diskutieren, das sie beide gelesen haben – Mein Kampf von einem Adolf Hitler.
Nur eine Woche nach Vater Zedlitz’ kurzem Besuch erhält Ruth einen Brief von ihrer Schwester Anni von Tresckow, die derzeit in Marburg lebt. Seit der Geburt ihres ersten Kindes, eines Sohns, zu Beginn des Jahres ist Anni depressiv und etwas kränklich; der Brief bestätigt ihren Zustand abermals. In einem etwas fröhlicher gehaltenen Absatz informiert Anni die Schwester, dass ihr Mann Hermann sich auf dem Weg nach Hause von Manövern im Osten befände und beabsichtige, in Kieckow Halt zu machen. Sie nennt es einen brüderlichen Besuch, aber Ruth weiß, wie sehr Anni sich um sie sorgt und deshalb ihren ernsthaften, strengen Mann vorbeischickt, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.
Zwei Tage später empfangt Ruth in einem weiß getupften, marineblauen Kleid ihren Schwager, den sie kaum kennt, mit einer ihm fast unbekannten Herzlichkeit. Einerseits verbindet die zwei Schwestern eine außerordentlich starke Familienähnlichkeit, andererseits unterscheiden sich die beiden durch eine völlig unterschiedliche Lebensauffassung. Hermann hatte diesen Besuch als Gelegenheit aufgefasst, seiner verwitweten Schwägerin eine kleine Freude zu bereiten. Stattdessen ist nun Ruth diejenige, die den Klagen des Ehemannes über den schlechten Gesundheitszustand seiner unglücklichen Frau zuhört. In ihrer offenen Art versucht Ruth, ihren strengen Schwager zu einer verständnis- und liebevolleren Einstellung seiner Familie gegenüber zu bewegen. Natürlich sei das Leben einer Offiziersfrau nicht gerade glücklich – die ständigen Umzüge, keine richtige Heimat und vor allem kein Ort, der zu einem Zuhause werden könnte. Ruth beschwört Hermann, bei der Planung der Zukunft seine Familie, die von Jahr zu Jahr sicher größer wird, stärker mit einzubeziehen. Nach seiner Abreise ist sie zwar nicht sicher, ob dieses Gespräch ihn beeinflusst hat, aber sie bittet Gott um eine glückliche Zukunft für Anni. Der vierte und letzte Besucher im September ist Fritz von Woedtke, ein entfernter Verwandter von Jürgen (in Belgard sind eigentlich alle Landbesitzer auf die eine oder andere Art und Weise verwandt). In der Bibliothek eröffnet Ruth ihm ihren Plan, im nächsten Jahr die Kinder nach Stettin zu bringen.
Wie aber soll es mit Kieckow weitergehen? Ruth bittet um seine Meinung. Sie habe vor, jeden Monat zwei Tage in Kieckow zu sein, um überall nach dem Rechten zu sehen und die Buchhaltung eigenhändig zu überprüfen. Erfreut über die erstaunliche Zuversicht dieser Frau bietet Fritz von Woedtke seine Dienste in den Wochen von Ruths Abwesenheit an. Er verwalte schließlich den Besitz der Familie Woedtke schon seit Jahren und im näheren und weiteren Umkreis gebe es keinen Besseren. Ruth unterbricht ihn mit der Bestätigung, dass das Gut der Familie Woedtke tatsächlich ein Musterbetrieb und Vorbild in der ganzen Gegend sei. Beim Abschied wird die Abmachung getroffen, dass er wenigstens einmal im Monat, während der Aussaat und während der Ernte auch öfter, Kieckow und Klein Krössin besuchen würde. Mit einem Handkuss und militärischem Gruß verabschiedet er sich von Ruth.
November. Wenn Fritz von Woedtke sich in Kieckow aufhält, nimmt er das Abendessen im Gutshaus ein. Sind auch die Kinder anwesend, sitzt er bei Tisch auf dem Platz, an dem der Gutsherr immer saß. Auf diese Weise und durch viele andere Kleinigkeiten signalisiert die Witwe von Kieckow nach außen und vor allem den Gutsarbeitern, dass Herrn von Woedtke die Stellung und Rechte des Gutsherrn für die Dauer seiner Anwesenheit übertragen wurden. Sie beginnt, ihrem neuen Berater völlig zu vertrauen, und zeigt ihm die Bücher, die Ställe und Scheunen, die Schmiede, die Sattlerei, die Schreinerei, die Molkerei, das Dorf, die Kirche mit der Gruft, das Gutshaus vom Erdgeschoss bis zum Dach, die Schule, den Dorfteich und sogar den Friedhof.
Zu Hause in Stettin
1899, April. Als »Kinderpension« bezeichnet Ruth die teilmöblierte Wohnung, die sie mit den Kindern sowie der Köchin aus Kieckow und einem Dienstmädchen bewohnt. Sie liegt in der neuen Wohngegend von Stettin, einer Stadt so alt wie die Familie Kleist. Ursprünglich beschränkte sich die Stadt auf das Tal westlich der Oder. Sie wurde bewacht von einer Burg und geschützt durch eine Stadtmauer. Beides stammt noch aus der Zeit, als Stettin zur Hanse gehörte. Damals war Stettin als Handelszentrum die Verbindung zwischen dem pommerschen Hinterland und der Ostsee, dessen Wohlstand mit den Geschicken der Hanse eng verknüpft war. Wäre die industrielle Revolution nicht gewesen, hätte dieser stille natürliche Hafen mehr mit den anderen, Hunderte von Kilometern entfernten Ostseehäfen gemein gehabt als mit den Städten seines großen Hinterlandes.
Zu Ruths Lebzeiten hat sich der Charakter dieser alten Stadt gewandelt. Vor 15 Jahren wurde die mittelalterliche Stadtmauer eingerissen, um die Entstehung von Wohnsiedlungen auf den umliegenden Hügeln zu fördern. In der Folge entstand außerhalb der Altstadt eine hübsche Gartenstadt mit Seen und Parkanlagen sowie weiten Grünflächen entlang der Flussniederung.
Die »Kinderpension« umfasst das gesamte Erdgeschoss eines stattlichen Wohnhauses. Dazu gehört ein Musikzimmer, ein Wohnzimmer, ein Esszimmer und vier Schlafzimmer sowie Küche, Bad mit Zentralheizung und fließendem Wasser. Die Kinder finden vor allem das fließende Wasser faszinierend, das sie weder von Kieckow noch von den größeren Herrenhäusern der Umgebung kennen, ganz zu schweigen von den Dörfern. Keine Dienstboten mehr, die Porzellankrüge die Treppen hinauf- und hinuntertragen – glücklicherweise, denn hier in Stettin hat die Familie nur noch ein einziges Dienstmädchen. Zunächst sind der Wasserhahn und die Toilettenspülung im Badezimmer eine Quelle höchsten Vergnügens für Maria und Ruthchen, bis die Mutter diesem Spiel ein rasches Ende setzt.
Spes herrscht über das Schlafzimmer der Mädchen, das mit einem Doppelbett, einer Liege und einem riesigen Kleiderschrank ausgestattet ist. Hans Jürgen und Konstantin teilen sich das Jungenzimmer trotz ihres Altersunterschieds brüderlich. Die beiden in vielen Dingen unterschiedlichen Brüder verbindet eine enge, erstaunlich konfliktfreie Freundschaft. Ruth hat sich das kleinste Schlafzimmer reserviert. Auf die Frage des immer wissbegierigen Konstantin, warum sie den kleinsten Raum gewählt habe, antwortet Ruth mit einem liebevollen Lächeln: »Weißt du, ich betrachte die ganze Wohnung als mein Zimmer.« Der achtjährige Konstantin versteht diese Einstellung nicht so ganz.
Das vierte Zimmer mit dem Doppelbett, einem geräumigen Schrank und einem Schreibtisch ist das Gästezimmer. Selbst auf Kosten des Raumangebots für die Kinder besteht Ruth darauf, ständig ein zusätzliches Schlafzimmer zur Verfügung zu haben. Zu tief sitzt bei ihr die Einstellung aus den Landhäusern, wo es zu jeder Zeit Platz gibt für unerwarteten Übernachtungsbesuch.
Alles in der Stettiner Wohnung ist kleiner als in Kieckow. Das Musikzimmer wird vollständig von dem Flügel ausgefüllt, der mit einem Wagen aus Kieckow hergebracht wurde. Dort stand der Flügel in der großen Halle, wo er, außer wenn Spes bei warmen Wetter darauf übte, kaum genutzt wurde. Zu den Morgen- und Abendgebeten spielte Ruth immer auf dem Harmonium im Esszimmer. Bei kaltem Wetter erhielt Spes dort auch ihren Klavierunterricht. In Stettin aber steht der Flügel im Zentrum des Geschehens – bei den Morgen- und Abendgebeten, bei Spes’ täglichem Üben und den häufigen, vierhändigen Konzerten, zu denen Ruth keine Gelegenheit auslässt, wenn sie einen geeigneten Partner findet. Ruth genießt dabei die Gemeinschaft wie auch die Gelegenheit, sich im Notenlesen zu üben und so ihre Fähigkeit, vom Blatt zu spielen, zu verbessern. In ihren Gedanken an Jürgen hat sie oft bereut, ihm nicht eine bessere Begleiterin am Klavier gewesen zu sein. Allzu oft hatte er sie getadelt: »Meine liebste Ruth, wenn du nur ein wenig für unser gemeinsames Spiel üben würdest.«
Das Esszimmer ist viel kleiner als das in Kieckow, ebenso der Tisch und das Büfett, aber die Zahl der Personen ist dementsprechend auch geringer – eben eine Mutter und ihre fünf Kinder. Nicht einmal die Lehrerin der jüngeren Kinder lebt bei der Familie. Sie stammt aus Stettin und kommt jeden Tag, um Maria im Wohnzimmer Unterricht zu geben. Das Wohnzimmer sieht mit den zwei kleinen Schulbänken aus Kieckow ein wenig wie ein Schulzimmer aus.
Für die drei älteren Kinder bedeutet Stettin das Ende ihrer Ausbildung durch Hauslehrer im Schulzimmer des Gutshauses. Hans Jürgen und Konstantin werden am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium angemeldet, wo sie im Laufe der Zeit auf ein Universitätsstudium vorbereitet werden sollen. Spes besucht eine private Lehranstalt, eine Art höhere Töchterschule, die aber in ihren Lehrplänen nicht dem Standard des Gymnasiums für Jungen entspricht. Für Ruth jedoch, die ihre gesamte Schulbildung entweder zu Hause oder im Pfarrhaus in der Nähe von Oppeln erhielt, ist die Ausbildung ihrer Tochter bereits avantgardistisch. Spes erhält neben dem Schulbesuch eine ernsthafte Klavierausbildung, die ihr später eine gewisse Karriere als Pianistin eröffnet. Dies war vor ihr noch keiner Frau der Familie Kleist gelungen. Selbst für die Köchin und das Dienstmädchen hat das Leben in der Stettiner Wohnung eine neue, abenteuerliche Qualität gewonnen. Sie bewohnen ein Zimmer drei Stockwerke höher unter dem Dach, wo alle Dienstboten, auch die der anderen Wohnungen, untergebracht sind. Darin unterscheidet sich ihr Leben nicht viel von Kieckow, außer dass es einsamer ist ohne die vielen anderen Dienstboten und Dorfbewohner in der Nähe. Aber in vieler Hinsicht ist das Leben in Stettin leichter. Gleich im Anschluss an das Esszimmer und nicht mehr im Keller wie in Kieckow befindet sich eine moderne Küche; es müssen keine Porzellankrüge mehr geschleppt werden, außer wenn heißes Wasser zum Baden benötigt wird.
In anderer Hinsicht ist Stettin aber nicht so bequem wie Kieckow. In der Stadt muss die Köchin jeden Tag frische Milch, Fleisch und andere Dinge einkaufen, die nicht über längere Zeit gelagert werden können. Doch ist die Speisekammer gefüllt mit Früchten, Gemüsen und anderen Produkten aus der Landwirtschaft des Gutsbetriebes. Da das Dienstmädchen nicht alle Aufgaben im Haushalt allein bewältigen kann, besteht Ruth darauf, dass alle fünf Kinder mithelfen und beispielsweise ihre Betten selber machen, den Tisch decken und das Geschirr abtrocknen.
Zum ersten Mal in ihrem Leben beobachtet Ruth die Gesellschaft einer Industriestadt und muss feststellen, dass sich die Welt viel schneller verändert, als sie es je für möglich gehalten hätte. Ihr vertrauter Lebensstil könnte sich, so folgert sie, entscheidend verändern, bevor vielleicht ihre Kinder, sicher aber ihre Enkel, erwachsen sind.
Zu oft schon hat die Herrin von Kieckow das Leid der Familien im Dorf erlebt, wenn Söhne oder Töchter den Entschluss äußern, das Dorf verlassen zu wollen, um ihr Glück in der Welt zu versuchen. Häufig enden diese jugendlichen Ambitionen in den Fabriken und Armensiedlungen der deutschen Industriestädte. Gelegentlich erleiden diejenigen, die das Dorf verlassen, ein noch schlimmeres Schicksal – Armut, Krankheit und früher Tod. Manchmal kehrt aber auch ein Sohn, der zu Wohlstand gekommen ist, auf Besuch in das Dorf seiner Kindheit zurück. Dann sind seine Eltern überglücklich und die Nachbarn kommen, um ihn zu bewundern. Nie jedoch ist ein Nachkomme eines Dorfbewohners von Kieckow, der mehr oder weniger erfolgreich sein Glück woanders in der Welt versucht hat, zurückgekehrt, um wieder dort zu leben.
Juni. Ruth ist ihrem Entschluss treu geblieben, die Leitung von Kieckow weiterhin zu überwachen. Während des Frühjahrs fährt sie einmal im Monat dorthin – mit dem Zug von Stettin nach Groß Tychow, weiter mit der Kutsche nach Kieckow und am nächsten Nachmittag wieder zurück mit dem Wagen nach Groß Tychow und mit dem Zug nach Stettin.
Heute Mittag kommt die Herrin von Kieckow zu Besuch. Ein bedachter Wagen wartet bereits am Bahnhof von Groß Tychow. Fritz von Woedtke ist von seinem Landsitz herübergefahren, um sie abzuholen. Mit seinem Sohn Jürgen, etwa im Alter von Hans Jürgen, erwartet er sie auf dem Bahnsteig. Dann ist es so weit, Fritz von Woedtke hilft Ruth auf den gepolsterten Sitz im hinteren Teil der Kutsche und nimmt dann mit seinem Sohn vorne beim Kutscher Platz. Ruth fühlt immer einen kleinen Stich im Herzen, wenn sie einen Vater mit seinem Sohn in enger Verbindung sieht, weiß sie doch, dass ihre Söhne diese Erfahrung nie machen werden.
Die Pferde setzen sich in Bewegung in Richtung Süden auf der Straße nach Klein Krössin. Die großblättrigen Ahornbäume, deren Äste die Straße überspannen, bilden über ihnen ein Dach, das an das Gewölbe einer Kathedrale erinnert. Die Straße führt durch Felder und Weideland, das früher einmal den Kleists gehörte, wie auch die Wälder in der Ferne. Dahinter erkennt Ruth ihre eigenen Ländereien – den Wald des Dorfes, dann die scharfe Linkskurve, hinter der das Dorf Klein Krössin liegt. Ein Kind am Straßenrand winkt dem herankommenden Wagen zu. Nun sind es noch drei Kilometer nach Kieckow, es folgt eine weitere Linkskurve und schon mündet man in die kurze Straße zum Gutshof ein. Die Kutsche fährt an der alten Eiche vorbei und die Auffahrt hinauf zum Haupteingang, wo die treue Hausdame bereits wartet, um ihre Herrin willkommen zu heißen.
Es ist der Beginn eines geschäftigen Nachmittags in Kieckow. Ruth begibt sich direkt in ihr Zimmer im ersten Stock, wo ihre Kleidung für Kieckow bereitliegt. Da die Zeit bei diesen Besuchen immer knapp ist, wartet bereits ein Dienstmädchen, um Ruth beim Ablegen der schweren Reisekleidung zu helfen und ihr das im Gutshaus übliche einfache Kleid und den Umhang zu reichen. Ohne sich aufzuhalten, begibt sich Ruth ins Büro, um mit dem Verwalter die neuen Einträge im Hauptbuch durchzugehen. Beim nachfolgenden Essen allein mit Fritz bespricht sie ihre Vorhaben und eventuell anstehende Probleme.
Nach dem Essen ist es höchste Zeit, die Arbeiten dieses Monats zu überprüfen. Ruth geht zunächst zu Fuß zu den Ställen, den Scheunen, der Molkerei und zum Kornspeicher, dann besteigt sie den Wagen, um die Felder zu besichtigen, wobei sie der Verwalter normalerweise begleitet. Noch immer fühlt sich Ruth nicht ganz sicher im Umgang mit den Feldarbeitern, obwohl dieses Gefühl der Unsicherheit nicht aufkommt, wenn sie dieselben Männer und ihre Frauen im Dorf aufsucht. Wie Vater Zedlitz ihr jedoch vorausgesagt hat, wird sich auch das zu gegebener Zeit bessern.
Rechtzeitig zum Tee kehrt sie ins Gutshaus zurück. Auf ihre Einladung nehmen der Pastor von Groß Tychow, der Lehrer von Kieckow und Fritz daran teil. Für Ruth ist es eine gute Gelegenheit, Details aus der Schule und von Problemen, die gelöst werden müssen, zu erfahren.
Fritz von Woedtke und sein Sohn verabschieden sich nach dem Tee und kehren auf ihr Gut zurück, während Ruth sich in ihr Zimmer zurückzieht und die Post dieses Monats durchgeht. Die Hausdame hat die Briefe bereitgelegt, obenauf befindet sich ein Umschlag mit dem Poststempel Kniephof und dem Siegel der Bismarcks, also ein Brief von Hedwig. Sie äußert sich besorgt über ihre Söhne, den 18-jährigen Gottfried und den 15-jährigen Herbert. Beide sind in Stettin untergebracht, wo sie, wie auch Ruths Söhne, das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium besuchen. Hedwig fragt Ruth, ob sie ihr eine bessere Unterkunft empfehlen könne, wo die vaterlosen Söhne eine etwas diszipliniertere Umgebung vorfinden würden als das Haus einer älteren Witwe nahe der Schule, in welchem sie jetzt wohnen. Während Ruth über das Problem sinnt, kommt ihr die naheliegende Lösung – was nützt ein Gästezimmer in Stettin, wenn es nicht denjenigen zugutekommt, die es benötigen? Sofort nimmt sie den Federhalter zur Hand und schreibt: »Liebe Hedwig …«
Spät am nächsten Morgen unternimmt Ruth ihren monatlichen Besuch im Dorf. Auf der Straße herrscht reges Treiben. Gerade ist die Schule zu Ende, die Kinder sind überall beim Spiel anzutreffen, entweder Murmeln oder Fangen, die Alten sitzen vor ihren Häusern und sehen ihnen zu. Einige Frauen rühren Butter vor dem Haus, der Duft von frisch gebackenem Brot liegt in der Luft. Ruth trägt zwei Blumensträuße auf dem Arm, der erste ist für eine junge Mutter und ihr Neugeborenes. Trotz Ruths Abwesenheit bei der Geburt geht es Mutter und Kind gut. Ruth nimmt sich Zeit für ein Gespräch mit der Frau, sie erinnert sie an die Bedeutung von Reinlichkeit, Ernährung und frischer Luft für die Gesundheit des Säuglings.
Von dort aus geht Ruth zu einem anderen Haus, um einen schwer kranken, dem Tode nahen Mann zu besuchen. Neben Blumen bringt sie der Familie des Mannes Trost und Zuspruch. Ihre Worte bedeuten ihnen viel, da auch sie selbst auf der Höhe ihrer Jugend ihren Mann verloren hat, der nach schwerem Leiden gestorben ist. Zwar ist das Paar noch ziemlich jung, doch sind die Kinder bereits erwachsen. Eine Tochter arbeitet im Gutshaus, sie wird demnächst den Kutscher heiraten. Eine weitere Tochter und zwei Söhne sind bereits verheiratet. Die Söhne haben selbst Kinder, daher steht ihnen ein eigenes Haus im Dorf zu, die verheiratete Tochter muss jedoch mit ihrem Mann bei den Eltern leben. Mit einem Blick bemerkt Ruth, wie beengt sie hier sind; die Küche ist viel zu klein für die zwei Frauen und es gibt keine Möglichkeit, sich ein wenig zurückzuziehen. Ruth lädt die Frau des schwer kranken Mannes zu einem Spaziergang die Straße entlang ein und teilt ihr dann mit, sie werde in den letzten Stunden ihres Mannes nicht anwesend sein können, verspricht ihr aber, zur Beerdigung zu kommen. Sie solle das Gutshaus benachrichtigen, damit ein Telegramm nach Stettin geschickt werden könne.
August. Hans Jürgen, Konstantin und Spes haben einen ganzen Monat schulfrei. Ruth ist mit den Kindern, der Köchin und der Magd nach Kieckow zurückgekehrt, wo die Kinder vier Wochen auf dem Lande und in den Wäldern verbringen werden. Die Hauslehrerin bleibt in Stettin, sodass auch die kleine Maria Ferien hat, eine Zeit der Freiheit innerhalb der von ihrer Mutter weit gesteckten Grenzen. Ruth hat den August zum »französischen Monat« erklärt. Dies bedeutet, dass die Unterhaltung bei den Mahlzeiten auf Französisch geführt wird. Wie sich herausstellt, ist sie bei der Konversation hauptsächlich auf sich allein gestellt, zu ihrer Überraschung jedoch entdeckt sie, dass die Beteiligung ihrer Kinder umgekehrt proportional zu deren Alter ist. Klein Ruthchen zeigt die beste Ausdrucksweise und Aussprache, Maria kommt auf den zweiten Platz.
Der August ist auch der Gewittermonat, der sowohl Landbesitzern als auch Dorfbewohnern gleichermaßen Angst macht. Gewitter bringen Blitze mit sich und Blitze bergen die Gefahr von Bränden. Es gibt kein Gut in Pommern, dessen Bewohner nicht lebhafte Erinnerungen an Feuer hätten, bei denen sie hilflos zusehen mussten, wie ihre Häuser den Flammen zum Opfer fielen. Über die Jahrhunderte haben die Wälder von Pommern den Menschen das brennbare Baumaterial für ihre Häuser, Ställe und Scheunen geliefert. Erst seit Kurzem weicht die Fachwerkbauweise langsam modernen, ganz aus Ziegeln gebauten Häusern.
Das Gutshaus von Kieckow steht auf einer kleinen Anhöhe oberhalb des Dorfes und der Gebäude des Gutshofes. Der Putz auf den Außenwänden verdeckt die darunterliegende Holzkonstruktion; außer dem roten Ziegeldach und dem Fliesenfußboden ist nichts daran feuerfest. Die Nebengebäude und Häuser im Dorf sind sogar noch mehr gefährdet, da ihre Dächer mit Stroh gedeckt sind. An diesem Augustabend ist die Luft schwer und feucht, in der Ferne hört man das dumpfe Grollen eines Gewitters. Viele Generationen sind in Kieckow mit der Angst vor diesem Geräusch und den darauf folgenden verheerenden Gewitterstürmen aufgewachsen. Die Kinder im Gutshaus liegen im Bett, Ruth aber bleibt auf. Sie rechnet damit, dass das Gewitter nach Mitternacht über Kieckow hereinbrechen wird, und beschließt, mit der Hausdame und dem alten Beschließer, der noch aus Vater Kleists Zeiten stammt, unten im Esszimmer der Dienstboten beim Tee darauf zu warten.
Um zwei Uhr morgens werden alle aus dem Schlaf gerissen. Die Kinder erhalten den Auftrag, Regenkleidung mitzubringen, da unter Umständen alle das Haus verlassen müssen. Während die Dienstboten mit ihrem Regenzeug in der Hand in der Küche warten, versammelt Ruth ihre Söhne und Töchter im Esszimmer und singt mit ihnen die drei sogenannten Sturmlieder, die sie so nennt, weil in ihnen Gott um Gnade angefleht wird – Gott tröste die Ängstlichen und schütze die Gefährdeten. Die beiden Jungen bemühen sich, ihren beiden jüngeren Schwestern beizustehen und sich mutig zu zeigen. Sie singen mit einer normalerweise nicht vorhandenen Inbrunst. Nur Spes lässt sich von der drohenden Gefahr nicht aus der Ruhe bringen. Gelassen bemerkt sie, sie werde sich auf dem Sofa in der Bibliothek schlafen legen und wünsche geweckt zu werden, wenn die Aufregung vorbei sei. Bei anderen Gelegenheiten würde Ruth ihre eigenwillige Tochter zur Ordnung gerufen haben, aber heute Nacht empfindet sie ihr unbekümmertes Auftreten als gutes Vorbild für die anderen. Sollte im Übrigen der Blitz einschlagen und das Haus in Brand setzen, müssten sowieso alle an der Bibliothek vorbei nach draußen.
Oktober. Die Zahl der Kinder in der Kleistschen »Kinderpension« ist mit der Ankunft der beiden Pflegekinder – Gottfried und Herbert von Bismarck – von fünf auf sieben gestiegen. Sie erhalten das Doppelbett im Gästezimmer.
In der deutschen Literatur gibt es einen Ausdruck, vor allem in einem Frühwerk des großen Goethe, der die Schwierigkeiten eines Jungen beim Erwachsenwerden vortrefflich beschreibt. Es ist der »Sturm und Drang«, der Gottfried offensichtlich in eine Krise geführt hat. Im Alter von fast 19 Jahren ist er keineswegs ein glücklicher junger Mann. Auch von seinen Abschlussprüfungen ist er noch weit entfernt. Er zeigt aber durchaus Talent auf dem Gebiet der Musik und der Kunst. Am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium wurde Gottfried kürzlich ernstlich getadelt, da er sich über die ungerechte Behandlung einiger Schüler durch den Direktor der Privatschule erzürnt hatte. Ruth, die von Herzen mit diesem sensiblen Jugendlichen fühlt, der so mit dem Leben zu kämpfen hat, versucht, Hedwig davon zu überzeugen, ihn auf eine andere, nämlich die staatliche Schule wechseln zu lassen. Die beiden verwitweten Mütter tauschen eine Vielzahl von Briefen darüber aus, ob Gottfried die Schule abschließen oder aber eine kaufmännische Lehre aufnehmen sollte. Eines Tages wird er natürlich das Gut Kniephof übernehmen, wofür eine kaufmännische Ausbildung doch viel wertvoller als ein Universitätsstudium sei. Das ist jedenfalls Ruths Beurteilung der Sturm-und-Drang-Periode des Sohnes ihrer Freundin.
Ruth nimmt auf Gottfrieds Alltagsleben auf ihre Art und Weise Einfluss, ohne seine Mutter damit zu behelligen. Vor drei Jahren begann er zusammen mit anderen Schülern seiner Klasse und gleichaltrigen Mädchen des Lyzeums mit Tanzstunden. Diese Kurse dienen zur Vorbereitung der Jungen und Mädchen auf ihre spätere Rolle in der Gesellschaft. Ruth, die damals, kaum 16 Jahre alt, an der Ballsaison in Oppeln teilgenommen hatte, kennt den Ablauf und den eigentlichen Zweck dieser Veranstaltungen. Doch ist Stettin mit Oppeln nicht zu vergleichen und die ungestümen Mädchen in den Tanzstunden hier unterscheiden sich sehr von den wohlbehüteten Komtessen aus Großenborau. Am schlimmsten ist, dass sie Gottfried von Bismarck über die Maßen den Kopf verdrehen.
Бесплатный фрагмент закончился.
