Читать книгу: «Auwald»

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Judiths Lieblingswort ist Akribie: Sie ist Tischlerin, und was sie mit den Händen herstellt, gelingt. Holzarten erkennt sie am Geruch. Menschen dagegen sind ihr ein Rätsel. Ob Silvester in Berlin oder ein Sonntagsfrühstück in Wien mit ihrer Freundin Lin – nie ist sie so einsam wie in Gesellschaft anderer. Dann steigt sie allein auf ein Schiff und alles verändert sich. Ein Ereignis, das andere als Katastrophe bezeichnen würden, ist für Judith die beste Gelegenheit, von vorn anzufangen. Zwischen Wien und Bratislava spielt dieser Roman über die Schönheit des Zufalls, über Einsamkeit – und über Komplizenschaft.

Jana Volkmann, geboren 1983 in Kassel, lebt als freie Autorin und Journalistin in Wien. Sie studierte in Berlin Europäische Literaturen und arbeitet derzeit an einer Dissertation über Hotels in der Gegenwartsliteratur. Sie schreibt Essays und Literaturkritik u. a. für den Freitag, Tagebuch, neues deutschland und den Standard. Zuletzt erschienen »Das Zeichen für Regen« (Roman, 2015) und »Fremde Worte« (Erzählung, 2014) in der Edition Atelier. Mit der Kurzgeschichtensammlung »Schwimmhäute – 26 Metamorphosen«, Edition Periplaneta, hat sie 2012 ihr literarisches Debüt gegeben.

JANA VOLKMANN

AUWALD

ROMAN


Die Recherche für den vorliegenden Roman wurde durch das Bundeskanzleramt Österreich, Sektion II Kunst und Kultur mit einem Reisestipendium unterstützt.

Erste Auflage

© Verbrecher Verlag 2020

www.verbrecherei.de

Satz: Christian Walter

ISBN 978-3-95732-446-7

eISBN 978-3-95732-461-0

Der Verlag dankt Olanike Famson, Nora Gerken und Florin Schwald.

»So wurde der Mensch, beim Durchgang durch die Höhle, das träumende Tier.«

Hans Blumenberg, Höhlenausgänge

»wir lieben uns mit letzter kraft ans ufer«

@lovebot7000

INHALT

PROLOG

Wurmlöcher

Krähenfrühstück

Mitternacht

Momentum

Kaiserinnenreich

Secunderabad

Es war also Tag

Pix Fagi

Cremona

My oh my

Terra inviolata

II

Ich

Villain, I have done thy mother

Auwald

Oh, welch Ungemach

Alte Fehler

Körperproblem

Oliven

Ribisel

Das teuerste Auto der Welt

Tanken

Windfrei

Gut trainierte Cousins

Marianna

Biber im Gemäuer

EPILOG

Anmerkungen

Dank

PROLOG

Die feuchte Leere strich wie etwas Lebendiges über Judiths Rücken. Von außen wirkte der Tunnel reglos und stumm. Dabei hörte Judith ihn immer mehr, je länger sie darin saß. Manchmal huschte hinter ihr etwas durch die Schwärze, es ratterte und klapperte tief im Inneren, gluckste und gurgelte. Die Geräusche von außerhalb traten dagegen immer weiter in den Hintergrund, so dass sie sie kaum mehr wahrnahm, wenn sie sich nicht ganz darauf konzentrierte. Ihr war klar, dass dies nur ein zweitklassiges Versteck war. Ein Spürhund müsste mit seiner Nase nur einmal nah genug an den Tunneleingang kommen, und schon wäre ihre Tarnung in der Dunkelheit dahin.

Und sie hatten Hunde, jede Menge sogar. Judith hörte sie manchmal bellen, hörte die klaren, abgehackten Rufe ihrer Befehlshaber. Besonders weit weg klangen sie nicht, aber hier drinnen hörte sich ohnehin alles anders an, das Echo machte es schwer, Distanzen einzuschätzen. Nichts war mehr sicher, auf die Sinne am wenigsten Verlass. Kurz nachdem sie ihre Position gefunden hatte, gerade so tief in der Röhre, dass sie den Eingang noch klar im Blick hatte, tauchten zwei Menschenbeine vor dem Tunnel auf, liefen vorbei, kamen wieder zurück. Von den Steinwänden hallte ihr Herzschlag wider, zumindest kam es ihr so vor. Die Beine gehörten einem Mann, der nun in die Hocke ging, in den Tunnel hineinschaute, mit einer Taschenlampe um den Eingang herum leuchtete, als hätte er bloß seinen Autoschlüssel verloren. Judiths Blut rauschte in ihren Ohren. Der Schein der Taschenlampe kroch an der Tunnelwand entlang auf sie zu, dann ging das Licht aus, und die Menschenbeine liefen wieder davon.

Judith saß auf einem erhabenen Stein, hatte ihren Rucksack in eine etwas weniger feuchte Nische gequetscht und beobachtete, wie der helle Tunneleingang sich immer weniger vom dunklen Drinnen abhob. Eigentlich hatte sie vorgehabt, die Zeit zwischen Tag und Nacht für ihren Aufbruch zu nutzen, den Moment, in dem sich die Suchtrupps an neue Gegebenheiten anpassen mussten, Scheinwerfer aufstellten, sich für die Dunkelheit rüsteten, weil selbst an einem Tag wie diesem die Sonne ihren Gewohnheiten nachging. Aber dann zögerte sie so lange, dass der Augenblick verstrich und es richtig Nacht wurde. Selbst im Tunnel machte es einen Unterschied, wie spät es war; die nachtaktiven Tiere versetzten ihn in eine geschäftige Unruhe, vor lauter Zirpen und Schwirren vibrierte die Luft.

Sie griff in den Stoffbeutel, der noch immer über ihrer Schulter hing, und machte Inventur. Dreieinhalb Müsliriegel, eine Tüte Studentenfutter, eine beinah volle Flasche Wasser und eine Banane, die sie am Morgen noch in Wien eingepackt hatte. Sie entschied sich für die Banane. Beim Essen fiel ihr auf, wie hungrig sie war. Sie lauschte in sich hinein, ob da noch etwas anderes war. Erschöpfung, Furcht, Sehnsucht oder Reue. Nichts zu spüren, nur die Knie taten ihr etwas weh. Vorsichtig tastete sie sich ein Stück tiefer in den Tunnel, um eine neue Sitzgelegenheit zu finden. Statt zu schlafen, rief sie sich das letzte Bild vor Augen, das sie beim Einstieg in den Tunnel gesehen hatte. Hundert, vielleicht hundertfünfzig Meter weiter war die Brücke, gesichert mit Betonblockaden, auf der zig Polizisten standen und ins Wasser starrten, als würden sie fest damit rechnen, dass die verschwundene Fähre ganz von allein aus den Tiefen des Flusses auftauchen würde, wenn sie nur lang genug hinschauten. Wahrscheinlich wussten sie einfach nicht, wohin sie sonst gucken sollten. Am anderen Ufer gingen Taucher an Land, und dann waren da die Hubschrauber, die Drohnen. Zum Glück hatten sie alle etwas Besseres zu tun, als nach Einer zu suchen, die nach ein paar Stunden außerhalb der Zivilisation bereits wie eine Landstreicherin roch und bestimmt auch so aussah. Sie fühlte sich schon ganz verfilzt. Und was machte sie jetzt mit der Bananenschale: das Naheliegende. Sie verlor sie, ganz einfach war das hier drin.

Als ganz in der Nähe ein Hubschrauber rotierte und sie sich traute, im Lärm ihre Stimme auszuprobieren, fielen ihr zuerst keine richtigen Worte ein. Dann flüsterte sie ein paar Holznamen. Erle, Eibe, Douglastanne. Hier drin klang alles wie eine Zauberformel. Unter ihren Worten flirrte der Raum. Judith betrachtete den Eingang der Höhle, vor dem alles getan wurde, um die Nacht mit Hilfe von künstlichem Licht auszutricksen. Mal flackerte es, wurde heller und wieder dunkler, ging mal mehr ins Gelbe und mal mehr ins Blaue. In Wellen drangen Geräusche herein, die jetzt nicht länger als einzelne auszumachen waren, sondern wie ein Schwarm Insekten nur im Ganzen funktionierten. Offensichtlich waren die Suchtrupps noch immer nicht erfolgreich gewesen. Nicht einen Moment wollte Judith die Augen von dem runden Loch abwenden, ihrem einzigen Fixpunkt hier im Nichts. Wie viel Zeit verging, versuchte sie mit Hilfe der Geräusche abzuschätzen, je nachdem, ob sie Tagtiere oder Nachttiere hörte, aber je länger sie der Welt fernblieb, desto schwerer fiel es ihr, sich ein Urteil über sie zu machen. Außerdem konnte sie die Zeit anhand ihres Hungers und der verbleibenden Vorräte messen. Abgesehen vom Wasser würde alles noch eine ganze Weile reichen, sicherlich länger als notwendig. Aber sie sah sich einfach nicht die feuchten Wände ablecken oder aus den Lacken trinken, die sich zwischen den Steinen am Boden gesammelt hatten. Probehalber roch sie an den Steinen, aber sie hatte den Eindruck, davon würde sie eher krank werden, als dass sie ihren Durst daran stillen könnte. Zwischendurch dämmerte sie in einen immer schwerer werdenden Halbschlaf. Sie fürchtete schon fast nicht mehr, entdeckt zu werden. Es war noch ein paarmal vorgekommen, dass die ersten zehn, zwanzig Meter des Tunnels ausgeleuchtet wurden, zweimal kroch jemand ein Stück zu ihr hinein, so dass ihr die Silhouetten den Blick nach draußen verhingen und es noch dunkler war als zuvor, aber keiner aus der Rettungsmannschaft hatte seine Augen so an die Dunkelheit gewöhnt wie Judith. Beim ersten Mal wäre sie fast in Panik geraten, beim zweiten Mal war es nur noch aufregend. Sie musste sich bloß konzentrieren, schon wurde sie ein Teil der Leere, die sie umgab.

Als ihr klar wurde, dass sie so bald nicht ungesehen durch das Loch wieder nach draußen konnte, beschloss Judith eine Expedition ins Tunnelinnere zu machen, in der Hoffnung, dass der Schacht sie nicht geradewegs in die Arme anderer Patrouillen führen würde. Sie versuchte, sich die Landschaft wieder ins Gedächtnis zu rufen und sich vorzustellen, wohin der Weg führen, wo er enden könnte, aber es gelang ihr nicht, es konnte auf tausend Arten und in alle Richtungen weitergehen, nur nicht in die, aus der sie gekommen war. Sie zog den Rucksack auf und kroch hinab. Es wurde immer kälter, die Luft immer schlechter. Sie drehte sich alle paar Meter um und schaute in die Richtung, in der der Eingang lag, es half allerdings nichts, plötzlich war er weg. Sie hörte es tropfen und trappeln, als wäre der Tunnel selbst zum Leben erwacht. Die eine Hand tastete sich am moosigen Boden entlang, die andere streckte Judith in mutiger Zuversicht immer wieder voraus und unterdrückte den Impuls, etwas in die Leere zu rufen, ihren Namen oder einfach irgendetwas, um ihr Echo zu hören oder ein paar Tiere aufzuschrecken, die hier unten schon auf sie warteten, die Augen über Jahrhunderte an die Dunkelheit gewöhnt. Sie kroch und kroch. Wahrscheinlich gab es einige Kurven auf dem Weg, vielleicht musste sie auch ein Stück bergan zurücklegen, aber es ließ sich nicht mit Sicherheit sagen. Zuerst bemerkte sie überhaupt nicht, dass sich im Dunkeln ihre Hand abzeichnete und dass auch von den Wänden ein öliger Glanz zurückfiel. Als es ihr bewusst wurde, sah sie auch schon das andere Ende, die grüne Wiese dahinter, sorgsam durch ein Gitter in Planquadrate geteilt. Judith würde nicht umkehren, niemals, und einer flüchtigen Frau mit Werkzeugen im Rucksack stellte man sich ohnehin nicht einfach in den Weg. Bei näherem Hinsehen war das Gitter eine Gittertür mit einem Scharnier und etwas angerostet.

»Erle, Eibe, Douglastanne«, beschwor sie das Gitter. Das Echo ihrer Stimme trollte sich in die Höhle zurück. Mit einem fügsamen Knirschen ließ das Gitter sich öffnen und gewährte ihr den Weg nach draußen. Erstaunlich, wie schnell manche Gefängnisse einen gehen lassen. Sie kroch noch ein paar Meter, ehe ihr einfiel, dass sie sich jetzt wieder in die Länge strecken konnte. Sie lief in die offene Wiese hinein, dann ließ sie sich sinken, wärmte sich den Rücken am Boden und das Gesicht in der Sonne. Ihre Kleidung fühlte sich nicht mehr nur klamm an, sondern völlig durchnässt. Sie war ein Höhlentier geworden, eine Chimäre, der Rucksack ihr Schneckenhaus, Hose und T-Shirt ihr Exoskelett. Im Tageslicht kehrte sich die Metamorphose um und auf der Wiese wurde wieder ein Mensch aus ihr, welcher, wusste sie noch nicht. Nichts roch so gut wie diese Landschaft, die sich nicht darum scherte, dass sich ein paar hundert Meter weiter ein gewaltiger Riss in der Wirklichkeit offenbarte. Hier gab es niemanden, nur sie. Also gab es niemanden.

Wurmlöcher

Durch das Wasser glitten Schatten. Die Kois gaben sich keine Mühe, elegant oder auch bloß wendig auszusehen. Sie schwammen ohne Ziel in ihrem Teich umher; hin und wieder tauchte ein Fischmaul an der Oberfläche auf, schnappte nach etwas Unsichtbarem und verschwand wieder. Judith griff in die Tasche ihres Rocks und warf ihnen ein paar Würfel Brot ins Wasser. Sie konnte die Karpfen verstehen.

Die Fische scherten sich kaum um die Gaben. Eher zufällig verschwanden ein, zwei Brotstücke in den auf- und abtauchenden Mäulern. Die Schildkröte saß auf einem Stein, als wäre sie immer schon dort gewesen, reglos und felsenfarbig. Schwer zu sagen, ob sie lebte oder tot war, ob sie hellwach war oder schlief. Judith hatte schon Schildkröten aus Holz gesehen, die einen deutlich lebendigeren Eindruck gemacht hatten. Sie war die einzige Schildkröte hier. Früher waren sie zu dritt gewesen.

Die Parkanlage war klein, die Wege schlängelten und wanden sich jedoch, so dass man das Gefühl bekam, man hätte einen ausgewachsenen Spaziergang gemacht, kam man schließlich wieder beim Teehaus an. Man hatte außerdem von jeder Biegung des Hauptweges aus eine so andere Perspektive auf den Park, dass er Judith wie ein ganzes Universum mitten in Wien vorkam. Mal sah man die Häuser dahinter, mal nicht, mal streckten sich die Bäume und mal wirkten sie kaum so groß wie Judith selbst. Sogar die Farbe des Teichs veränderte sich, je nachdem, von wo aus man ihn betrachtete.

Von außen war das Teehaus kaum mehr als ein Schuppen und immer verschlossen. Die Fenster waren mit der Zeit halbblind geworden. Man konnte nur ein paar Sitzbänke im Inneren ausmachen und ansonsten karge Wände. Die Teezeremonien, die hier stattfanden, waren vermutlich heimliche Veranstaltungen, nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Judith ging oft hier spazieren, aber nie hatte sie von solch einer Séance gehört. Trotzdem mochte sie schon allein die Vorstellung, dass dieser unscheinbare Ort sich hin und wieder in etwas Besonderes verwandelte.

Der Wind plusterte ihren Rock auf. Sie hielt die Arme dicht am Körper, damit er nicht ganz nach oben flog. Judith ärgerte sich, dass sie es einfach nicht hinbekam, sich wettergemäß anzuziehen. Sie trug so gut wie nie Röcke, doch wenn, dann suchte sie sich den einzigen Sturmtag des gesamten Sommers dafür aus. Zum Abschluss ihrer Runde lief sie ans Ufer des Teichs und legte auch der Schildkröte ein Stück Brot auf ihren Stein. Die schwarzen Augen des Sauropsiden würdigten sie keines Blickes. Judith war nicht sicher, was verbotener war, den asphaltierten Weg zu verlassen oder die Tiere im Park zu füttern. Vielleicht war es gut, dass sie alle keinen Hunger hatten. Es war niemand in Sichtweite, offensichtlich hatten nicht einmal die Einwohner des Seniorenheims nebenan gerade Hofgang. Während Judith die Stufen zur Straße hinabstieg, aß sie die letzten mitgebrachten Brotstücke selbst auf, drehte ihre Rocktaschen auf links, schüttelte die Krumen heraus, stopfte sie wieder nach innen und grub ihre Hände hinein. Der Rock bauschte trotzdem.

Auf der anderen Straßenseite lag eine verwitterte Villa, die früher einmal ein Kinderheim gewesen war. Ein richtiges Horrorfilmkinderheim. Raben hüpften durch das wildwüchsige Gras im Garten. An Tagen wie heute passte all das zusammen, alles ergab einen Sinn. Die Patina, der graue Himmel, Stille und Sturm, Raben und Tauben, der japanische Garten und die Wiener Straßenzüge, ins Gesicht gewehte Haare, das Kreisen der Blätter im Wind, das leichte Unbehagen ohne erkennbaren Grund. Sie blickte nochmal zurück in Richtung Park, wenn man jedoch einmal durch das Tor hinausgegangen war, konnte man sich das Universum auf der anderen Seite bereits nicht mehr vorstellen. Plötzlich passte es zwischen zwei steinerne Pfeiler, kaum hüfthoch.

In letzter Zeit erwischte sie sich immer öfter dabei, wie sie Umwege machte. Statt gleich am gusseisernen Eingangstor der Villa in die Tram zu steigen, lief sie in eine der Seitenstraßen hinein, an der stillgelegten Insektizidfabrik vorbei. Dass sie das Haus überhaupt entdeckt hatte, verdankte sie nur ihrer neuen Leidenschaft, der Verzögerung des Heimwegs. Anfangs hatte es sie irritiert, wie großartig es sich anfühlte, allein zu sein. Mittlerweile hatte sie aufgegeben, sich schlecht zu fühlen, weil es ihr so gut ging mit sich selbst. Hier ging fast niemand spazieren, mit jedem Schritt wurde ihr der Flatterrock ein bisschen gleichgültiger, und je weniger sie daran dachte, desto harmloser wurde der Wind.

Wie immer ging sie durch einige ganz und gar uninteressante Straßen, die sie in ihrer Gleichförmigkeit mal beruhigten und mal deprimierten, bis sich ganz aus dem Nichts ihr Lieblingshaus auftat. Ein Paradiesvogelhaus. Die Außenfassade mit ihrer orientalischen Exzentrik und all ihrer zur Schau gestellten Seltsamkeit konnte nur ein Überbleibsel aus Zeiten sein, die mit dem Heute nichts zu tun hatten. So würde kein Mensch mehr bauen, nicht mal in Las Vegas. Es war zum Lachen. Der Architekt musste einen Heidenspaß gehabt haben. Das Lieblingshaus stand eingeklemmt zwischen Wohnhäusern, die bemüht unauffällig, fast ein wenig beschämt daneben aufgereiht waren, als wäre es ihre Aufgabe, dem ganzen Straßenzug eine bescheidene Normalität zurückzugeben, und als würden sie ihr Scheitern daran tapfer zu überspielen versuchen. Die Fabrik wurde mittlerweile anders als früher genutzt; Judith wusste nicht, wofür und von wem. Sie wirkte leer und durch ihre Leere noch eigenartiger.

Alles in allem verlängerte sich Judiths Heimweg dank des Schlenkers um eine gute halbe Stunde, vorausgesetzt, dass sie langsam ging und die Tram am anderen Ende der Straße weder sofort kam, noch eine nennenswerte Verspätung hatte. Langsam zu gehen fiel ihr nicht schwer. In letzter Zeit fühlte sie sich immer, als liefe sie gegen einen starken Wind an, und im Vergleich zu anderen sah sie vermutlich auch so aus. Lin bewegte sich so anders als sie, leicht und schnell, nie gehetzt, aber immer zügig. Sie lief, wie sie sprach; es war schwer, ihr zu folgen, doch wer sich die Mühe machte, wurde belohnt. Auch sonst wirkte sie immer, als hätte sie etwas Wichtiges vor, selbst dann, wenn sie einem ihre volle Aufmerksamkeit schenkte und ihre Konzentration eine kleine Falte in ihre Stirn grub, genau über der Nase, wo manchmal ihre Brille saß. Bei Judith selbst vermochte es die Unruhe in ihrem Kopf nie, ihre Beine mitzureißen, und ihre Gedanken schafften es nur mühsam und schwerfällig aus ihr heraus. Sie hatte ein paarmal erlebt, wie Leute das zu einem Kompliment verdrehten und ihre makellosen Sätze lobten. Dabei hatten sie auf dem langen Weg von ihrem Hirn bis zu ihrem Mund einfach viel Zeit, um Fehler abzuschütteln. Auch Judith lief, wie sie sprach. Es war fast ein Wunder, dass sie früher oder später doch an der Tramhaltestelle ankam. Heute ging sie noch ein Stück an den Schienen entlang, in die Richtung, aus der ihre Bahn kam, noch ein bisschen weiter weg von ihrer Wohnung, und noch ein bisschen.

»Sonntage machen mich depressiv«, sagte Lin. Sie saß am Küchentisch, das eine Bein angewinkelt, so dass sie das Kinn auf ihrem Knie ablegen konnte.

»Ich weiß. War das eigentlich immer schon so?«

»Wahrscheinlich. Zumindest lange genug, dass ich es gar nicht mehr mit Sicherheit sagen kann.«

»Ich finde Sonntage auch nicht besonders toll«, sagte Judith, obwohl sie dazu in Wahrheit keine Meinung hatte. Sie wollte Lin verstehen und ihr zeigen, dass sie verstanden wurde, wie sie so zusammengefaltet auf ihrem Stuhl saß und wartete, dass der Tag an ihr vorüberzog und sie ihn mit einem unspektakulären, ihrem großen und feinen Geist unangemessenen Fernsehfilm genauso würdelos beenden konnte, wie er es verdient hatte. Sie sah aus wie immer in ihren Jeans und dem dünnen Pullover, der auf die genau richtige Art zu groß war und ständig damit lockte, einen schnellen Blick auf ein Schlüsselbein oder eine bloße Schulter freizugeben, ohne diese Versprechen zu oft einzulösen.

Auf der Tischplatte lag eine Zeitung, die so großformatig war, dass man sie nie wieder ordentlich zusammensetzen konnte, hatte man einmal darin gelesen. Lin hatte es offensichtlich gar nicht erst versucht. Eine Doppelseite war auf den Boden geschwebt und halb unter den Herd gerutscht. Im Raum breitete sich ein Schweigen aus. Judith fragte sich, ob Lin es mitbekam. Sie hätte gern irgendetwas gesagt, vielleicht sogar erzählt, ihr wollte jedoch einfach nichts einfallen, das gegen diese Art von Stille eine Chance hätte. Sie setzte eine Kanne Tee auf und spülte Lins Lieblingstasse aus, gewissenhaft und langsam. Das Wasser ließ ihre Hände rot werden wie etwas Rohes, aber sie fühlte nicht, ob es zu heiß war. Lin verschwand immer mehr in sich selbst, in dieser ruhigen Konzentration, die einem das Gefühl gab, man dürfe sie jetzt nicht beim Denken unterbrechen. Judith musste sich Mühe geben, so etwas wie Freude in ihrem Gesicht zu lesen, als sie den Tee auf den Tisch stellte und ein Glas Honig dazu. Sie dachte an Berlin. Lin war mal zu ihr genauso gewesen wie zu ihren Freundinnen, hing an ihrem Arm, wenn sie spazieren gingen, und redete mit ihr auf eine Art, die jedes Gespräch in Gang hielt. Judith hingegen war zu Lin anfangs vollkommen anders gewesen als zu anderen Leuten. Und jetzt verhielt sie sich wie gewohnt, servierte im Stillen und wusste nichts mitzuteilen.

Es roch noch nach den aufgebackenen Croissants aus der Früh. Ihre Wohnung hatte, seit sie zusammengezogen waren, einen richtigen, beständigen Zuhausegeruch bekommen. Im Bad duftete es nach Seife und Creme, in Lins Zimmer nach sauberer Wäsche, alten Büchern und frisch bedrucktem Papier. Nur in Judiths Zimmer roch es nach nichts, oder jedenfalls nach nichts, das diesseits ihrer Wahrnehmungsschwelle lag. Lin würde behaupten, es röche nach Holz. Das mochte sein, nur roch Holz in Wirklichkeit nicht nach Holz, sondern nach Tanne, Buche oder Birke. Nach Kirschbaum oder Nussbaum, nach den ätherischen Ölen in den Hölzern und Harzen. Oliven- oder Leinöl, Bienenwachs oder Lasur. Und nichts davon hatte in ihrem Zimmer Spuren hinterlassen. Vielleicht hob sich alles, was sie je besessen oder hergestellt hatte, gegenseitig auf, vielleicht hatte sie durch Zufall Stück und Gegenstück gefunden, Positiv und Negativ. Judith zog die Zeitungsseite unter dem Herd hervor und setzte sich zu Lin. Ihr Blick wanderte über die Buchstaben, wollte allerdings nirgends bleiben, nicht einmal bei den Bildern. Lin saß eine Weile einfach nur da, dann nahm auch sie das Lesen wieder auf. Es sah glaubhafter aus als bei Judith selbst, dieses Zeitunglesen, Lin hatte offenkundig viel mehr Übung. Ohne Furcht schlug sie eine lange Reportage auf und versank darin, während Judiths Blick sich irgendwo im Muster der Gardinen verfing.

Der Esstisch war alt und schwer und hatte den Weg vom Schwarzwald bis in die Werkstatt in Wien auf den verworrensten Wegen zurückgelegt. Es hatte eine Ewigkeit gedauert, ihn abzuschleifen und das Holz wieder herzurichten. Judith hatte nach Feierabend daran gearbeitet, manchmal auch in der Früh, wenn sie noch allein in der Werkstatt war. Kurz bevor jemand von den anderen zur Arbeit kam, hatte sie ihn mit einem Leintuch abgedeckt, das weiß gewesen war, ehe es den Staub und die Gerüche der Werkstatt so sehr angenommen hatte, dass alles darunter automatisch unsichtbar wurde. Nur Milo hatte sie den Tisch gezeigt. Er hatte genickt, anerkennend, und ihr gezeigt, wie die Platte noch ein bisschen gerader wurde und noch ein wenig glatter. Judith hatte die Wurmlöcher verschlossen und Kratzer ausgebessert, geölt und nochmal geölt, bis der Tisch alt und zugleich neu aussah. Sie erinnerte sich an den Moment, als sie ihn für fertig erklären musste, weil es beim besten Willen nichts mehr gab, das noch poliert oder geschliffen werden musste; sie hätte sich freuen müssen, als der Tisch in ihrer Küche stand, ein paar Tage vor Lins Ankunft mit dem Möbelwagen. Zumal er gut geworden war, richtig gut, dreimal besser als ihr Gesellenstück. Aber sie vermisste den unfertigen Tisch, das wurmstichige Holz, das so viele Jahre lang den Alltag fremder Menschen eingeatmet und aufgesogen hatte. Es hatten mit Sicherheit einige Familien an dem Tisch gegessen, womöglich Bauern, die es nicht allzu schlecht erwischt hatten, mit ihren Kindern und Katzen und den Kindern von nebenan. Oder ernste, verschlossene Menschen, die ihre Mahlzeiten, ohne vom Teller aufzusehen, zu sich nahmen und so viele Bäume vor der Haustür hatten, dass sie kein Holz mehr riechen konnten. Manche beteten vor dem Essen, andere stritten, schwiegen oder erzählten einander von ihren Tagen. Sie aßen Suppen und Sonntagsbraten, Weihnachtsessen und Geburtstagskuchen. Mittlerweile war der Tisch ganz und gar Teil von Judiths und Lins Wohnung geworden, er fügte sich in die Küche, als habe er nie anderswo gestanden, und er mischte sich nicht ein, wenn es so still wurde wie jetzt.

Krähenfrühstück

Da, wo Lin gelegen hatte, war das Laken noch schlafwarm. Judith hatte die Augen geschlossen und die Handfläche auf der Abwesenheit neben sich abgelegt, die Finger weit gespreizt. Sie spürte ihre Hand in die Matratze sinken, mit jedem Atemzug ein Stück tiefer. Vielleicht würde sie im Ganzen darin verschwinden, die Fingerspitzen voran. Aus dem Inneren einer Federkernmatratze betrachtet, war sicher alles leichter. Noch dazu war das Bett neu überzogen. Es ging nichts über den sanften Waschmittelduft frischer Laken. Im Zimmer dagegen roch es nach einem Sommer, der sich kurz vor dem Kipppunkt befand und bereits von sich selbst genug hatte. Sie ließ sich noch einmal in einen schweren Morgenschlaf sinken.

Als sie die Augen öffnete, lagen Hand und Bett noch genauso da, nichts brachte die Ordnung des Raumes in Ungleichgewicht. Lins Lakenseite hatte die Temperatur der Umgebung angenommen. Judith war schon wach, doch ihr Körper merkte wenig davon. Sie schaute ihre Hand an wie etwas, das man gern auseinandernähme, aber nicht konnte, da das richtige Werkzeug fehlte.

Dienstbeflissen klapperte im Nebenzimmer die Computertastatur. Lin hatte die Angewohnheit, nach dem frühen Aufwachen direkt mit ihrer Arbeit zu beginnen, sie mochte die Morgenstunden und das, was der frische Tag mit ihr machte. Sie saß meist bei offenem Fenster da, die Tür nur angelehnt, so dass die Luft, das Vogelzwitschern und die Stadtgeräusche durch sie hindurchzogen. Duschen und Frühstücken verschob sie bis zu dem Punkt, an dem sie beim Schreiben ins Stocken geriet, als hätte sie nie Hunger oder fettige Haare. Tatsächlich sahen ihre Haare nie wirklich schlimm aus, und ihr Hunger wirkte immer sehr beherrscht, als sei es ihm egal, ob er sofort oder erst in einer Stunde gestillt wurde. Meist war sie am Mittag, spätestens am frühen Nachmittag fertig mit ihrem Pflichtprogramm, und ihr Tag franste aus, sie ging zwischen zwei E-Mails einkaufen, erledigte den unliebsamen Kleinkram, die Rechnungen und Telefonate, blätterte durch ihre zahllosen Zeitungen oder schaute sich unter dem Vorwand der Recherche auf YouTube zehn Videos am Stück an. Sie hatte für ihre Arbeit keine Anfangs- und Abschlussrituale, war also in einer Art permanentem Bereitschaftsdienst, und sie wäre mit Sicherheit empört gewesen, hätte man ihre Nachmittage einfach als Freizeit abgetan. Wenn es ungewöhnlich viel zu tun gab oder Vernissagen, Vorträge und Veranstaltungen anstanden, machte sie in der zweiten Tageshälfte eben den Rücken wieder gerade, schob die Brille zurecht und ließ sich von Neuem elektrisieren. Solche Tage waren allerdings die Ausnahme. In der Regel hatte sie viele Stunden für Sachen, die sie interessierten, oder für Menschen, die sie gut fand, vor allem aber Stunden, in denen nichts sich bewegte, nichts entstand und nichts geschah. Judith hingegen konnte sich solch lange Tage kaum vorstellen. Dabei fing sie ebenso gern so früh wie möglich mit der Arbeit an, und sie mochte die Morgenstunden mindestens so sehr wie Lin. Aber gerade deshalb kamen ihr freie Nachmittage ganz sinnlos und nutzlos vor und sie vermied es, mit ihrer Arbeit fertig zu werden, zumindest solange, bis die nächste Aufgabe anstand. Am liebsten mochte sie fließende Übergänge: ein Stück fertigstellen, während sie ein neues begann, da den letzten Firnis auftragen und dort den ersten Sägestich ansetzen.

Sie drehte sich auf den Rücken und hielt ihre Hände in den breiten Lichtstreifen, der an der Gardine vorbei ins Zimmer fiel. Dass Menschen überhaupt Hände hatten, überhaupt Finger. In solchen Momenten musste sie sich sehr beherrschen, dass ihr die Gedanken nicht davongaloppierten. Im Großen und Ganzen sahen ihre Hände, genau wie der Rest ihres Körpers, normal aus. Zumindest merkte man ihnen nicht an, was sie machten, die Schleif- und Bohrarbeiten, die Lackarbeiten und das viele Fräsen und Sägen. Vielleicht waren sie etwas groß geraten, das hatte allerdings nichts mit ihrer Arbeit zu tun, große Hände sah man überall, auch an Pianisten und Neurologinnen. Die Fingernägel konnten etwas Zuwendung gebrauchen, aber wer konnte das nicht.

Den ersten Kaffee trank sie in ihrem Zimmer auf der Fensterbank, die Beine angewinkelt, die nackten Füße auf der Heizung abgestellt. Diese breiten Simse machten den Mangel an Balkonen in Wiener Mietshäusern beinahe wett. Sie waren auch nicht unbequemer als die Klappstühle, die die Leute auf ihren raren Veranden, Dachterrassen und Balkonen stehen hatten, und man konnte leicht auch hier Tomaten oder Erdbeeren züchten, oder ganze Sommer verbringen, wenn einem daran gelegen war. Es war auch ein guter Platz, um zu lesen. Vor allem war die Aussicht hervorragend. Judith war es etwas unangenehm, dass sie über die Gewohnheiten der Menschen im Haus gegenüber so genau Bescheid wusste. In knapp zehn Minuten würde in der dritten Etage ein Fenster aufgehen und ein Mann im Bademantel würde sich die erste Zigarette des Tages anstecken. Er und Judith würden so tun, als sähen sie einander nicht. Tatsächlich waren sie sich in all der Zeit, die sie beide in derselben Straße wohnten, draußen nie begegnet, zumindest hatten sie einander nicht erkannt. Womöglich existierte er nur innerhalb seines Fensterrahmens, nur in den zigarettenkurzen Momenten, wenn sich ihrer beider Rituale kreuzten. Judith hoffte, dass er sie wirklich nicht wahrnahm. Wenigstens trug sie nie einen Bademantel, sondern einen anständigen Pyjama. Seit es jeden Werktagmorgen diese Minuten des Aneinandervorbeischauens gab, achtete sie darauf, was sie zum Schlafen trug, und sie hatte sich nach und nach eine ganze Kollektion ansehnlicher Pyjamahosen und -oberteile zugelegt, eine Bekleidungsart, die bis dahin völlig an ihr vorbeigegangen war. Manchmal bügelte sie sie, doch nur, wenn sie allein zuhause war. Lin hatte diese Erweiterung ihrer Garderobe nicht kommentiert.

In der Wohnung schräg unter der des Frührauchers hatte der Tag wie immer schon im Morgengrauen begonnen. Auf dem äußeren Fensterbrett hatte jemand ein üppiges Frühstücksbankett für die Krähen angerichtet, wahrscheinlich Essensreste, unmöglich zu erkennen, was genau es war. Klumpen für Klumpen verschwand die Mahlzeit. Die Krähen schnappten sie im Vorbeiflug, keine von ihnen nahm auf dem Sims Platz. Sie drehten gleich wieder ab, und Judith konnte manchmal unter ihre Bäuche schauen, wenn sie zum Essen das Dach ihres Hauses ansteuerten. Das Gefieder am Bauch war heller, nur mehr ein blasses Grau, und sah weich aus, weich und schutzlos. Die Krähen flogen steil nach oben, so als tauchten sie aus einem tiefen Gewässer auf. Lin hatte erzählt, dass eine Frau jeden Vormittag nach dem Krähenfrühstück die Fensterbank schrubbte. Judith selbst hatte nie jemanden in der Wohnung gesehen, nur manchmal gespensterte ein Schatten durch die Räume.

Lin behauptete dagegen steif und fest, dass sie gegenüber nie einen Raucher im Bademantel bemerkt habe und nicht wisse, wer da schräg über der Krähenfrau wohne. Sie ging sogar so weit darüber zu spekulieren, ob die Wohnung vielleicht leer stehe. Tatsächlich hingen keine Gardinen vor den Fenstern, es zeichnete sich jedoch in den hinteren, dunklen Teilen der Wohnung etwas ab, das nach dem Umriss einer Zimmerpflanze aussah. Judith reichte das als Gegenbeweis. Wenn sie am Abend hinüberschaute, brannte nie Licht. Aber das konnte auch Zufall sein. Sie sah nie zu lange hin.

Mitternacht

Das erste Feuer, das sie je gesehen hatte, vergaß Judith nie wieder. Es war nicht das erste Feuer überhaupt, sondern das erste richtige Feuer, das erste, das etwas bedeutete. Ein unromantisches Feuer ohne mildernde Umstände. Kein Kamin- oder Lagerfeuer, kein Osterfeuer.

Sie waren damals über Silvester in Berlin gewesen, sie und Lin, die ihre alten Freundinnen aus dem Studium wiedersehen wollte.

»Ich will, dass du meine Leute kennenlernst«, so lautete die Forderung, in der ein unausgesprochenes »endlich« mitschwang. Lin sorgte dafür, dass es sich wie ein feierliches Zugeständnis anhörte, so als würde ihre Beziehung automatisch auf eine höhere Ebene gehoben, wenn sie Judith ein paar Hände schütteln ließ und ihr Namen vorsagte, die sie über einem Glas Wein und drei gewechselten Sätzen gleich wieder vergessen würde. Judith ließ sich nicht anmerken, dass sie kaum neugierig war auf Lins altes Leben in Berlin.

Sie war unentschieden in der Frage, wer wem einen Gefallen mit dieser Reise tat. Lin erzählte in der Zeit vor ihrer Abreise von Leuten, die sie zuvor nicht einmal erwähnt hatte. Schließlich waren sie in Tegel gelandet, mit Bus und U-Bahn zu Alexas Wohnung gefahren, und plötzlich waren all die anderen nicht mehr zu erreichen, zu beschäftigt oder im letzten Moment doch uninteressant geworden.

Alexas Wohnung erreichte man über drei Hinterhöfe und viele Treppenstufen. Nach ihrem Hinterhaus kam nur noch eine Brache; die nächsten Häuser waren so weit weg, dass man keine Menschen oder Gegenstände hinter den Fenstern erkennen konnte – außer der Farbe der Gardinen. Nachts wurde es richtig dunkel, so dass die Stille, die tagsüber ebenfalls herrschte, umso spürbarer wurde. Judith mochte es nicht, wenn ihre Sinne ohne das beruhigende Rauschen und Flirren einer Stadtnacht so lang nach Beschäftigungen suchten, bis sie ihren eigenen Puls hörte.

Lin machte Alexas Wohnung Komplimente, die Judith nicht nachvollziehen konnte, und behauptete am nächsten Morgen, sie würde auf dem Futon besser als zuhause schlafen. Judith dagegen hatte in der Nacht eine Ewigkeit wach dagelegen und versucht, nicht ans Schlafen zu denken. Dann war sie aus einem Traum aufgeschreckt und hatte sich danach nicht mehr weiterzuschlafen getraut, bis ihr irgendwann im Morgengrauen die Augen zugefallen waren. Als sie kurz darauf von der Wachheit der anderen geweckt wurde, fühlte sie sich so müde, als hätte sie die Nacht durchgemacht. Trotzdem freute sie sich über Berlin. Sie ließ keine Gelegenheit aus, um sich davonzustehlen, während Lin und Alexa sich in Gesprächen verstrickten über gemeinsame Bekannte und alte Zeiten und alles, was sie gegenwärtig umtrieb. Judith fand immer neue Vorwände für kleine Spaziergänge durch die Straßen. Haarspülung vergessen, Kopfschmerztabletten vergessen. So viel, wie sie vergessen hatte, hätte sie niemals einpacken können. Besonders stolz war sie auf den gerissenen Schnürsenkel, den sie sich ausgedacht und der ihr eine Stunde Umherirren in Charlottenburg beschert hatte. Sogar beim Schloss war sie vorbeigekommen, ehe sie auf den letzten Metern, schon auf dem Rückweg kurz vor Alexas Haus, eine Änderungsschneiderei fand, die die ausgefallensten Schnürsenkel führte. Vor lauter Glück kaufte sie drei unterschiedliche Paare und noch eine Schere dazu. Diese war so klein, dass Judith kaum die Finger durch deren Augen bekam, und sah stumpf aus. Der Mann hinter der Theke hatte ein altes Gesicht und junge Hände. Er packte Judiths Einkauf in eine Plastiktüte und überreichte sie ihr mit elegantem Gleichmut.

Die beiden anderen liefen voraus; es schien sie nicht zu stören, dass Judith sich zurückfallen ließ. Lin hatte sich bei Alexa eingehakt. Judith konnte von weiter hinten dabei zusehen, wie ihre Schritte sich einander anglichen, bis sie im selben Takt über das grobe Pflaster liefen. Lin trug ihre flachen, schwarzen Stiefeletten, Alexa ein Paar Stiefel, die je nach Lichteinfall rot oder braun oder schwarz aussahen. Judith hatte später herausgefunden, dass die Farbe Ochsenblut hieß oder Oxblood.

Alexa trug Größe 38 bei Schuhen, bei Kleidung Größe 36 oder S, bei Hosen 27. Ein Blick unter die Schuhsohlen auf ihrem Flur, ein, zwei Jeans und Pullover aus dem Wäschekorb hervorgezogen: Solche Sachen konnte man immer machen, dafür musste man nicht einmal allein in einer fremden Wohnung sein. Unterwäsche war genauso leicht auffindbar. Zu genau schaute Judith nicht hin. Sie schätzte 70B. Oder 70C, bestimmt war es 70C. Alexa war am Morgen Brötchen holen gegangen, während Lin unter der Dusche stand. Judith hatte an der Wohnungstür gelauscht, bis die Schritte im Treppenhaus immer leiser geworden waren, und einen kurzen Blick ins Schlafzimmer gewagt. Die Jacken und Mäntel auf der Garderobenstange berührt und eine Hose hochgehoben, die über einer Sessellehne hing. Sie suchte ohne Erfolg nach etwas, das ihr von Alexa erzählen würde; nach einem Gegenstand, der mehr verriet, als sie in der kurzen Zeit ohnehin schon herausgefunden hatte.

Als Alexa wiedergekommen war, hatte sie wieder auf dem Futon gesessen und durch ein Stadtmagazin geblättert. Alexa hatte angekündigt, Frühstück zu machen, und sie dort sitzen und schauen lassen. In demselben Augenblick, als Lin es sich gerade mit ihren nassen Haaren neben Judith auf dem Futon bequem machen wollte und sie fast schon die Wärme ihrer Haut über die kleine Lücke zwischen ihren Körpern hinweg spüren konnte, stand Alexa auf der Schwelle und zählte auf, was sie alles eingekauft, vorbereitet, gekocht, gebraten und aufgebacken hatte. Es hätte nicht mehr viel gefehlt, und sie hätten sich zum Applaus erhoben.

Der Wind zog an ihren Schals und Mantelsäumen. Alexas Lachen wehte hinter ihr her, zu Judith. Dann waren sie um die nächste Straßenecke verschwunden. Judith war nicht besorgt; Berlin war ihr nicht fremd. Je weiter Lin sich von ihr entfernte, desto weniger musste sie an sie denken. Nach ein paar hundert Metern dachte sie auch nicht mehr an die Silvesterparty, zu der sie unterwegs waren. Judith gab sich Mühe, den auswendig gelernten Weg so gut es ging wieder zu vergessen. Es kam ihr vor, als würde die Straßenbeleuchtung immer spärlicher, als leuchtete nur hinter wenigen Fenstern noch Licht, das sofort von den Bäumen auf dem Gehweg geschluckt wurde. Alle Geräusche schienen von weit weg zu kommen. Erst war sie nur auf ihrer eigenen Straßenseite allein, dann sah sie auf der ganzen dunklen Allee niemanden mehr. Es waren nur ein paar Minuten, die sie so von allen Menschen und allen Geräuschen verlassen durch die Straße lief. Aber dieser kurze Weg ließ sie, jedenfalls kam es ihr im Nachhinein so vor, bereits etwas von der Veränderung spüren, die nicht viel später jedes Haus und alle Menschen heimsuchen würde. Als führte er sie direkt hinein in eine neu geordnete Welt, in der nichts, was jetzt selbstverständlich war, noch diese beruhigende, beklemmende Normalität in sich trug.

Zuerst war da der Geruch. Nicht sehr stark zwar, doch Judith wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Als würde in ihr ein Tier zusammenzucken. Sie blieb stehen und atmete tief ein, so dass ihre Lunge sich weitete. Ein beißender Geruch, nicht giftig, aber gefährlich. Kaum war ihr ganzer Körper davon ausgefüllt, hörte sie das Knistern. Und dann, vielleicht hatte sie die Augen vorher geschlossen, dann sah sie erst, wie das Feuer sich von einem Balkon im ersten Stock eines Altbaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite aus an der Fassade emporrankte. Es kletterte, kroch, wie etwas, das gerade erst lebendig wird, ganz langsam. Leute kamen aus den Häusern gerannt und blieben in sicherem Abstand stehen, ängstliche Erwachsene, die mit Kinderaugen den Balkon anstarrten, die brennenden Blumenkästen.

Während die Zeit beinahe still stand, kam ein Löschfahrzeug. Judith verzog sich in einen Hauseingang, als die Feuerwehrleute sich mit nüchterner Routine an ihre Arbeit machten. Die Nachbarn, die eben noch die Luft angehalten hatten, atmeten durch. Manche waren sicher enttäuscht, dass das große Unglück sich so rasch und wehrlos abwenden ließ. Sie merkten auf einmal, wie sie froren, Hunger hatten oder dass sie sich für ihre Silvesterpartys umziehen mussten, den Sekt kühlen, telefonieren und fernsehen. Als einer der Feuerwehrmänner im Schutzanzug auf den Balkon trat, die dunkle, fremde Wohnung im Rücken, machte Judith sich wieder auf den Weg. Sie versuchte, sich die Flammen aus dem Gedächtnis zu blinzeln, doch das Nachbild wollte einfach nicht verschwinden.

Das Haus fand sie sofort, welches die richtige Wohnung war, konnte sie dennoch nur erraten. Alexa musste ihr den Namen des Gastgebers genannt haben, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern. Sie klingelte auf gut Glück einmal ganz unten, einmal ganz oben und einmal beim Namen Böhm, eher mittig. Nichts passierte. Sie ließ Lins Handy klingeln. Es konnte tausend Gründe geben, weshalb sie nicht abnahm, die meisten von ihnen waren ganz belanglos. Während sie überlegte, ob sie es als nächstes bei Okur im zweiten Stock oder bei Sander im vorletzten Geschoss versuchen wollte, sah sie durch die Milchglasscheibe, wie jemand von innen auf die Tür zukam.

»Willst du rein?«, fragte ein Mann im dunkelgrauen Wollmantel. Er sah aus wie ein Herr Böhm. Seine Schuhe waren ausgetreten, sie sahen allerdings nicht schlecht aus, schwarzes Leder. Die Schnürsenkel wirkten ein wenig zu neu für die Schuhe, aber man sah, dass er sich Mühe gab.

»Ja, kann sein, dass ich versehentlich bei dir geklingelt habe, entschuldige.«

»Nein, ich glaube nicht.«

»Okay.«

»Naja, vielleicht war ich da ja auch schon auf dem Hausflur.«

»Kann sein.«

»Da hört man die Klingel nicht mehr.«

Sie war froh, dass er ihr keinen Guten Rutsch wünschte, als sie an ihm vorbei das Haus betrat. Wer sich um den Jahreswechsel scherte, durfte jetzt langsam nervös werden, die Sektflaschen, die viel zu lang im Warmen gestanden hatten, zu den Rauchern auf den eisigen Balkon bringen und hoffen, dass niemand sich bediente. Gläser zählen. Vermutlich würde bald jemand Wunderkerzen austeilen. Im Hausflur lagen alte Fliesen mit einem schwarzweißen Ornament, bei dem man kaum mehr zwischen Muster und Patina unterscheiden konnte. Es roch nach nichts. Sie horchte an den Türen. Meistens war es ruhig. Irgendwo lief ein Fernseher. Jemand telefonierte. Vor Herrn Böhms Tür lag eine ausgetretene Fußmatte. Das Türschild hatte er von Hand geschrieben, in blauen Großbuchstaben, auf ein Klebeetikett. Dahinter musste noch der Name einer seiner Vormieter zu finden sein. Wie von allein machten Judiths Fingernägel sich an dem Aufkleber zu schaffen. Die erste Ecke war am schwersten zu lösen. Auf den kalten Wänden klebte Herrn Böhms Name besonders fest. Sie hauchte das Etikett ein paarmal an, dann zog sie langsam, sorgsam, mit geduldigen Fingern an der linken oberen Ecke. Als Erstes kam ein L. Dann ein I. Und ein N. Judith hielt die Luft an, der Raum drehte und dehnte sich. Fast hätte sie Herrn Böhms Namensschild einfach wieder darüber geklebt und das Ganze auf sich beruhen lassen, aber wie hätte sie da unbeschwert Silvester feiern können, mit halbgetaner Arbeit und einem Schrecken im Genick. Am Ende war aus Lin eine Linde geworden, ein angenehmer Nachname, ganz ohne Geheimnis.

Die richtige Wohnung war die oberste, bei der sie bereits geklingelt hatte. Die Partygäste hatten sich in kleine Gruppen auseinanderdividiert, zwei oder drei Leute, mal vier. Die Zimmer waren groß und sehr weiß. Auf dem Fußboden stapelten sich Magazine, die als Beistelltische herhielten. In einer San-Pellegrino-Flasche stand eine einzelne Lilie mit zwei üppigen Blüten. Die Wohnung hatte einen merkwürdigen Grundriss, sie schien kein Ende zu nehmen, jeder Raum eine Variation des vorhergehenden, alle waren sie trotzdem demselben Universum zugehörig. Noch eine Tür und noch eine. Das mussten einmal ungeheuer viele Dienstbotenwohnungen gewesen sein. Weil sie nicht wusste, wohin, folgte sie ihrem Instinkt und ging in die Küche. Ein Mann mit Bart schnitt Limetten auf. Er hatte sich ein graues Geschirrtuch über die Schulter gehängt und sah aus wie der Barkeeper in einer gehobenen Cocktailbar, seine Bewegungen wirkten kontrolliert, einstudiert und präzise, er führte sie ohne Anstrengung aus. Er war so daheim an diesem Ort, dass er zweifelsfrei der Gastgeber war.

»Entschuldigung, ich suche Lin.«

»Kenne ich nicht.«

»Wirklich nicht?«

»Glaub’ nicht. Nein.«

»Und Alexa?«

»Alexa. Ja, klar. Und Lin ist ihre Begleiterin? Kurze dunkle Haare? Eher schmal? Aus Wien? Dann weiß ich’s. Also, nicht, wo sie sind. Aber sie waren hier. Vor einer Stunde vielleicht, oder nicht ganz.«

Der Mann achtelte eine weitere Limette.

»Und wo sie jetzt sind, weißt …«

»Nein. Leider nicht. Du kannst hier warten, wenn du willst. Und nimm dir ruhig einfach etwas zu trinken.«

Das ist doch eine Party, dachte Judith. Hier müssten normalerweise lauter Leute sein, die auf dem Klo rauchen und mit Schuhen durchs Schlafzimmer gehen und keiner trinkt sein Bier aus. Fremde Menschen ohne Anstand und Geschmack werden nachher YouTube-Videos mit ihrer Lieblingsmusik spielen. Auf deinem Laptop. Und ich darf hier warten?

Judith bedankte sich und sagte nichts weiter. Die Höflichkeit des Mannes fühlte sich an wie eine Beleidigung, eine, die man anderen Leuten schwer als solche vermitteln konnte und die deshalb umso mehr stach. Die Art, wie er sich wieder seiner Arbeit zuwandte und schwieg dabei, es hatte etwas Feindseliges. Psychologische Kriegsführung. Als der Gastgeber aus der Küche verschwand, mixte sie sich einen Gin Tonic und stellte ihr Mitbringsel auf die Arbeitsplatte, einen Weißwein mit Rotkehlchen auf dem Etikett, das vom Kondenswasser durchgeweicht und verrutscht war, der Vogel hatte eine Schramme über der Stirn abbekommen. Sie scheute sich noch eine Weile davor, auf ihrem Handy nachzusehen, ob Lin ihr eine Nachricht geschickt hatte, dann schaute sie eine Zeitlang alle dreißig Sekunden auf das Display. Schließlich entfernte sie den Akku und steckte ihn in die rechte und das entkernte Handy in die linke Hosentasche, als hätte sie das schon öfter so gemacht.

Während sie sich den zweiten Gin Tonic mischte, kamen mehr Leute in die Küche. Sie ließ ein Stück Limette, das auf der Arbeitsplatte zurückgeblieben war, in ihr Glas fallen. Jemand sagte »hey« oder »hi«, für die anderen war sie durchsichtig. Sie wusste nicht, ob Mitternacht schon vorbei war. Draußen vor der Tür war ein ewiges Feuerwerk, das mal anschwoll und anschließend wieder ruhiger wurde, nur um in dem Augenblick, wenn man dachte, es sei jetzt vorbei, mit doppelter Wucht wieder loszugehen. Sie ging eine weitere Runde durch die Wohnung. Es lief andere Musik, die Gespräche waren lauter geworden und überlagerten einander. Es war unklar, wer zu welcher Gruppe gehörte. Manche standen einfach nur herum. Es roch anders. Jemand lachte aus dem Rauschen der Gespräche heraus. Judith schloss die Augen und dachte an das Feuer. Plötzlich war sie größer als alle hier. Sie steckte die Flasche Veltliner wieder ein auf ihrem Weg nach draußen, und irgendwie verschwand auch eine Tüte Cashewkerne in ihrer Manteltasche. Und ein Korkenzieher, der nicht so aussah, als hätte der Gastgeber ihn in einer Notlage beim Späti gekauft. Er lag schwer in ihrer Hand und wärmte sich an ihr.

Im Treppenhaus hörte man, wie die Geräusche von draußen und die Geräusche von der Party ineinanderflossen, bis sie nicht mehr zu unterscheiden waren. Es war nun doch eine laute Party geworden, Judith hatte den Übergang nicht mitbekommen. Überhaupt wirkte das Haus anders, nun, da sie die Treppe wieder hinunterstieg und allem den Rücken kehrte. Hinter Herrn Böhms Milchglasscheibe war es hell. Judith ließ sich neben seiner Wohnungstür auf den Treppenabsatz sinken und setzte die Batterie in ihr Handy ein. Aufgeregt blinkte es auf dem Display, dort, wo normalerweise das Netz und nun ein leeres Dreieck angezeigt wurde.

Als Lins SMS ankamen, war Judith schon längst auf der Straße, hatte das Haus und die Feier hinter sich gelassen. Sie schaute nicht nach, als es in ihrer Tasche zu klingeln begann. Es tat nichts zur Sache, dass Lin sie nicht vergessen hatte, es sie noch gab und sie vielleicht sogar in genau demselben Augenblick, als es dieser egal wurde, an Judith gedacht hatte.

Die Stadt wirkte plötzlich doch ganz fremd. Gefährlich und losgelassen, als könne es jederzeit und überall zu brennen anfangen, als gäbe es nichts, das nicht passieren könnte. Judith dachte an das Feuer. Sie fragte sich, ob sie in der Lage wäre, etwas in Brand zu setzen, so lange, bis sie von ihrem Potential als Feuerteufelin tief überzeugt war. Die kalte Luft und die aufgebrachten Leute machten sie noch wacher, als sie es ohnehin schon war. Es war stockfinster und zugleich seltsam hell.

»War schon Mitternacht?«, fragte sie in eine Gruppe von Menschen hinein.

Alle lachten. Jemand bot ihr etwas zu trinken an. Einige Schritte weiter begann ein Paar zu streiten, ein Mann redete auf eine Frau ein, packte sie an der Schulter, stieß sie wieder fort. Sie taumelte, der Streit wurde lauter und hässlicher. Ihr Blick traf Judiths. Die Frau suchte irgendetwas darin, vielleicht wollte sie nur, dass jemand sie sah, vielleicht wollte sie praktische Hilfe. Sie merkte schnell, dass sie keins von beidem finden könnte, ihr Blick wurde leer und abwesend, als beobachtete sie die Szene von außen und erkannte sich selbst darin allenfalls als Schauspielerin wieder. Ihr Körper verweigerte jede Gegenwehr, federte bloß ab, was kam. Ein paar entsetzt dreinschauende Menschen hasteten vorbei. Judith rührte sich nicht. Sie fragte sich, wie sie wohl in den Augen der anderen aussah, teilnahmslos oder empört, voller Mitleid oder voller Kälte. Sie spürte in sich hinein und fand weder das eine noch das andere. Dann war das Paar plötzlich weg. Alles flackerte. Zwischen Judith und dem Himmel quoll Rauch. Eine Rakete zischte gegen eine Häuserwand und explodierte erst kurz über dem Boden. Judith hatte keine Angst; vielleicht, weil sie allein und deshalb ohnehin vieles egal war. Irgendetwas anderes war mit ihr geschehen. Mit großen Schritten lief sie geradewegs ins Neue Jahr hinein. Aus einer Gruppe von Leuten löste sich ein Lächeln, das ihr galt. Sie lächelte zurück. Nie hatte sie sich tapferer gefühlt.

Wenige Stunden später lugte die Sonne über die Häuser und gab den Blick frei auf die Reste der Nacht, die verglühten Raketen und Glasflaschen und Bierdosen auf dem Bürgersteig. Sie war nicht die einzige, die wach war. Die Leute auf der Straße teilten sich auf in die, die zu viel und zu lange gefeiert hatten, die, deren Partys schon früh zu Ende gewesen waren und für die ein beinah normaler Tag begann, und schließlich in Leute, die mit ihren Hunden spazieren gehen mussten und die deshalb keiner der beiden anderen Gruppen eindeutig zugewiesen werden konnten. Ein fuchsfarbener Mischling sah sie vorwurfsvoll an, als sie seinen Weg kreuzte. Judith wusste nicht, wo die ganzen Stunden geblieben waren, als sie von einer halb wütenden, halb erleichterten, nach Müdigkeit, Wein und Zigaretten riechenden Lin in die Arme geschlossen wurde.

»Ich hab’ mir solche Sorgen gemacht. Solche, solche Sorgen«, sagte sie.

»Frohes neues Jahr«, sagte Judith, und versuchte, sich auch erleichtert zu fühlen. Ihre Hand tastete in der Manteltasche nach dem Korkenzieher und hielt sich daran fest.

Momentum

Die Sachen waren wie von allein in den Rucksack gekommen, sie konnte nicht einmal sagen, wann genau sie mit dem Packen begonnen hatte. Das war noch in einem anderen Leben gewesen. Eine ganz andere Person hatte das gemacht, eine, die Lin noch nicht kannte und nicht wusste, wie lange sie es in Wien aushalten würde. Ob sie vielleicht doch ihr Studium oder ein anderes Studium wieder aufnehmen würde. Zu einer Zeit, als alles möglich gewesen war, weil nichts sie zu halten vermochte. Es hatte sich eine Unzufriedenheit eingeschlichen, die beständig an ihr nagte, und die die Tür weit offen gelassen hatte für die unterschiedlichsten Ängste. Vor fremden Menschen, bekannten Menschen, vorm Alleinsein, davor, immer seltsamer oder nie jemand anderes zu werden. Mit dem Packen aufgehört hatte sie nie, ständig kam etwas Neues hinzu. Auch jetzt fiel es ihr schwer, die Arbeit als beendet anzusehen, dabei beulte und wölbte sich der Rucksack bereits.

Sie hatte den Rucksack nur gekauft, um ihn vollzuräumen, und er hatte seit dem Rückweg vom Bergsteigerfachgeschäft kaum Tageslicht gesehen. Seine Chancen, je einen Gipfel zu erklimmen, standen schlecht. Dass Geld ihr völlig gleichgültig war, machte die Sache einfach. Der Rucksackfachverkäufer hatte gleich durchschaut, dass Judith keine Ahnung vom Wandern hatte, und ihr mithilfe fragwürdiger Argumente das zweitteuerste Modell verkauft. Wahrscheinlich ein guter Tag für ihn. Er hatte ihr zehn Kilo Gewicht, zwei Sandsäcke, hineingepackt und sie damit durch den Laden trotten lassen. Andere Rucksäcke, meinte er, brauchte sie gar nicht erst probieren. Sie widersprach nicht, zog an den vielen Strippen und korrigierte ihre Haltung, bis die zehn Kilo sich anfühlten wie eines. Am Ende ging sie außerdem mit einer Flasche aus gebürstetem Edelstahl und Tabletten zur Reinigung verseuchten Trinkwassers aus dem Laden.

Ein Löffel, eine Strickjacke und Unterwäsche für einige Tage. Zwei, drei Briefe von Maren, die ihr mal ungeheuer nah gewesen war und die vielleicht noch immer in der Stadt lebte, aus der auch Judith kam. Es waren nicht die letzten Briefe, jene, die Judith nicht beantwortet hatte. Sondern irgendwelche aus den Jahren davor, als alles noch in Ordnung gewesen war. Sie fragte sich, ob Marens Handschrift noch dieselbe war und ob sie immer noch Briefe schrieb. Ihre eigene Handschrift hatte sich über die Jahre wenig verändert, auf den zweiten Blick bemerkte man allerdings, dass ihre Schrift irgendwie altersschwach geworden war. Es fühlte sich schließlich anders an, mit der Hand zu schreiben, wenn man es nicht oft tat. Die Finger waren es nicht mehr gewohnt, einen Stift zu halten, und sie schienen vor Verwunderung starr zu werden, wenn sie es doch dann und wann tun mussten. Ein Ring, der ihr zu irgendeinem speziellen Anlass geschenkt worden war, landete ebenfalls im Rucksack; sie hatte ihn schon als Kind bekommen und nie getragen, er war ganz unbemerkt wichtig geworden, wie er so in seinem Kästchen lag und auf seinen großen Einsatz wartete. Ihr Reisepass, noch neun Jahre gültig, danach würde ihr schon etwas einfallen, war auf eine andere Art wichtig und als einziges Gepäckstück in der Zwischenzeit immer wieder aus dem Rucksack hervorgekommen. Für Berlin, für die Bank. Danach hatte Judith ihn immer sofort wieder eingepackt, immer an die gleiche Stelle.

Für Geld hatte sie nicht gesorgt, es war ihr einfach zuwider, auch nur daran zu denken. Und so vertraute sie darauf, dass sie mit einem ausreichend gefüllten Geldbeutel aufbrechen würde, wenn es soweit war. Kurz hatte sie überlegt, die von den Reisen und Forschungsaufenthalten übriggebliebenen Dollar- und Pfundnoten aus Lins Schublade mitzunehmen, zumal sie dieser ohnehin nicht fehlen würden. Den Gedanken verwarf sie schnell. Willkürlich Fremdwährungen einzupacken wäre übertrieben gewesen. Eher zum Spaß packte sie die Trinkwassertabletten und ihre Nobelflasche ein. Außerdem ein Stück Seife, das angenehm roch, ohne dass man sagen konnte, wonach. Im Lauf der Zeit duftete auch der Rest ihres Gepäcks danach; sie mochte, wie eins ins andere überging. Eine grobe und eine feinere Feile hatte sie irgendwann wieder ausgepackt, genau wie die Schale aus Olivenholz. Aber die Schale war zuletzt doch wieder in den Rucksack gewandert, vielleicht, damit der Löffel nicht so allein war, und ein Tuch, das man als Geschirrtuch verwenden konnte, zum Schnäuzen oder um sich damit abzutrocknen. Außerdem ein etwas Größeres, ein Hamam-Tuch, mit dem man sich zudecken oder es als besonders warmen Schal verwenden konnte. Die grünen Schnürsenkel, das Heftchen mit Nadeln und Zwirn und die Schere mit den zu kleinen Augen. Die Feilen waren im letzten Moment doch wieder zurückgekommen. Judith leistete keinen weiteren Widerstand und schob sie so tief wie möglich hinein, so dass sie wenigstens nicht das Erste waren, was sie auspacken würde. Über die unteren Schichten des Rucksacks war sie sich nicht mehr im Klaren, aber sie vertraute darauf, dass sie nichts eingepackt hatte, was sich später als überflüssig erweisen würde und dass sie nichts Wesentliches vergessen hatte.

Der Rucksack war auch wie von allein mit ihr zur Arbeit gekommen, als hätte er geahnt, dass seine Zeit bald käme. Sein Gewicht schwand tatsächlich, wenn man an den richtigen Gurten zurrte. Judith musste sich an den Trägern festhalten, um zu spüren, dass er da war. Es war noch dämmrig und eine müde Ruhe lag über den Straßen. Wer jetzt schon unterwegs war, war wie nach innen gestülpt. Sie ging die Treppe in die Werkstatt hinab, stellte den Fuß auf der losen Stufe etwas schräg, damit sie nicht zu sehr wackelte. Alles eine Frage der Balance.

»So viele Handwerker und keiner repariert vor der eigenen Haustür«, hatte Milo gesagt. Tatsächlich hatten sich alle schon so sehr an die wacklige Stufe gewöhnt, dass sie ihnen nicht mehr kaputt erschien. Auch für Judith gehörte sie an diesen Ort, ohne wacklige Stufe wäre er nicht derselbe. Genauso war die Werkstätte von der Tür geprägt, die man mit dem ganzen Körper öffnen musste, weil sie so viel Widerstand leistete. Wenn man allerdings zu viel Kraft aufwendete, flog sie mit unerwartetem Schwung auf. Stufe und Tür hatten sich gegen neue Kunden verschworen. Manche stolperten erst hinunter und dachten daraufhin, die Werkstatt sei zugesperrt. Andere traten mit so viel Elan ein, dass sie fast auf der anderen Seite des Raumes landeten, mit Staunen und Schrecken im Gesicht. Manche fluchten. Milo nahm das zur Kenntnis, mehr nicht. Er hatte schon zu viel mit Menschen erlebt, als dass ihn Kundschaft aus dem Konzept bringen könnte.

Momentum, dachte Judith jedes Mal, wenn sie am Morgen durch die Tür schwang. Ein Übergangsritual, um ja nicht zu nahtlos von der einen in die andere Welt zu wechseln. Wenn die Feilen und Hobel, Pinsel und Schnitzeisen ihr zur Begrüßung zugenickt hätten, wäre sie nicht weiter verwundert gewesen. Als Erstes setzte sie Wasser auf und kochte Tee.

Die stehende Säge sah ihr erwartungsfroh zu. Sie war als erste an der Reihe, es war neues Holz gekommen, und neues Holz wurde als erstes zu kleinerem neuen Holz verarbeitet. Dann ging der Kreislauf weiter, einmal durch die gesamte Werkstatt, von Maschine zu Maschine, von grob zu fein und schließlich von fein zu hübsch.

Warme Hände waren das Wichtigste, sonst konnte man das mit der Präzision sofort vergessen, und Judith war immer die Erste, die die filigranen Arbeiten übernahm, die kleinen Sachen, bei denen man sich keinesfalls verhobeln durfte. So viel wie möglich arbeitete sie händisch. Milo war Geld halbwegs egal, dennoch hielt ihn etwas davon ab, den Betrieb nach und nach zu automatisieren und auf Computertechnologien umzustellen – so wie andere das machten, die dann am Tagesende mit sauberen und splitterfreien Fingern heimgingen, weil sie hauptsächlich programmiert hatten und nur sehr wenig gesägt, und noch weniger gefräst. Der Rucksack wanderte in einen toten Winkel unter der Werkbank, die Judith mehr oder weniger allein gehörte, und machte es sich im Sägemehl bequem.

Judith setzte sich mit ihrem Tee an Milos Schreibtisch unter dem Fenster. Dass die Werkstatt im Souterrain lag, hielt Judith für mit das Beste an ihrer Arbeit. Von hier hatte man einen einmaligen Blick auf die Stadt, aus einem so ungewohnten Winkel, dass der Sehsinn ihn nicht mehr automatisch geraderücken konnte. Draußen lief ein Paar glänzend schwarzer Stiefel mit flachem Absatz vorm schmutzigen Fensterglas entlang. Es wurde immer geschäftiger auf der Straße. Ein zotteliger Hund schaute kurz zum Fenster hinein, roch an dem Gitter davor und trabte weiter, einem ungeduldigen Paar Nike Air Max hinterher. In ein paar Minuten würde sie Milos Platz räumen und an ihren eigenen gehen müssen.

Einige Briefe lagen noch verschlossen auf der Tischplatte verteilt. Es war schwer, nicht auf die Absender zu schielen. An der feindseligen Schreibmaschinenschrift erkannte sie aus dem Augenwinkel, dass das meiste Amtspost sein musste. Manche Holzarten ließen sich lesen wie Braille. Sie strich über den Tisch, fuhr mit den Fingerspitzen die Maserung entlang bis zu ihrem Ende, eine lange gerade Straße Richtung Rand der Welt. Sie fegte eine Büroklammer darüber hinaus und schob sie mit der Stiefelspitze weiter, bis in einen Spalt im Parkett hinein. Dort unten, in den Grundfesten des Hauses, würde sie wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit überdauern, selbst wenn noch an diesem Tag der Dachstuhl Feuer fangen und alles bis zur Werkstatt niederbrennen würde.

Milo stellte eine Pappkiste auf Judiths Werkbank ab und sah sie an, als wollte er sich dafür entschuldigen. Wie immer wartete er, bis jemand anderes etwas sagte, ehe er zu sprechen begann.

»Was ist das?«, fragte Judith.

»Arbeit. Ohne Witz. Mieser Auftrag, aber ganz okay bezahlt. Also eigentlich wie immer, nur andersrum. Lautet: Bitte die zerbrochenen Möbel restaurieren. Und Susan Sontags Schreibtisch gleich ganz ersetzen, der ist nämlich in der Mitte durchgebrochen und gesplittert, ist nicht zu retten. Kannst du das machen? Wenn du das nämlich nicht kannst, kann’s wahrscheinlich niemand. Jedenfalls niemand von uns. Müsste ich dann jemand anderen empfehlen für den Job, kann man nichts machen.«

»Das ist kein normaler Job.«

»Nein. Wir machen das trotzdem, hab ich gesagt. Geld ist Geld. Und Spezialisten gibt’s nicht für sowas, beziehungsweise ist da jeder Spezialist, der weiß, wie man was leimt.«

»Ich weiß, wie man was leimt.«

»Und wie man was restauriert.«

»Ich bin genau dein Mann, Milo.«

»Dann weiß ich nicht, worüber wir hier noch sprechen sollen, schau es dir an.«

Judith schaute mit den Händen; kramte sich mit vorsichtigen Fingern durch die Kiste. Die einzelnen Stücke waren in Zeitungspapier gewickelt, jedes Paket gab ein geschrumpftes Möbelstück frei. Im Grunde sahen die Möbel ganz gewöhnlich aus; wenn man sie mit dem richtigen Objektiv vor einem neutralen Hintergrund fotografieren würde, wären sie nicht von Menschenmöbeln zu unterscheiden. Sie konnte nicht aufhören, sich über die Hobbys anderer Leute zu wundern.

In einem Briefumschlag fand sie Fotos berühmter Schriftstellerinnen und Schriftsteller an ihren Arbeitsplätzen und die detaillierte Skizze einer Art Puppenhaus, in dem all diese Räume unter einem Dach versammelt waren. Der alte Traum von einer Künstlerkommune, praktischerweise ganz ohne Kommunarden.

»Klar, übernehme ich«, sagte sie. »Was ist mit dem Haus dazu?«

»Habe ich noch im Wagen. Sieht eigentlich ordentlich aus, hat sogar Parkettfußböden und richtige Tapete.«

Milo war ein weiser Mann und ein guter Geschäftsmann. Er sagte nie Nein zu einem Auftrag, selbst dann, wenn sich viele Leute in die Werkstatt verirrten, die nicht wussten, dass sie nicht einmal auf der Suche nach einem Tischler waren oder die den Unterschied zwischen Bau- und Möbeltischlern nicht kannten, oder dass man fürs Restaurieren streng genommen eine richtige Ausbildung braucht. Er konnte viel, was er nicht konnte, improvisierte er. Wenn etwas schiefging oder er auf halbem Wege merkte, dass er für die jeweilige Aufgabe nicht das richtige Gerät hatte oder nicht das richtige Wissen, entschuldigte er sich. Viele der Stammkunden kamen aus Mitgefühl wieder. Oder weil sie von Milo gemocht werden wollten, alle wollten von Milo gemocht werden, man spürte bereits an seinem festen warmen Händedruck, dass er ein Freund sein konnte, wenn er wollte. Andere kamen nie wieder, wenn sie den Laden einmal verlassen hatten, das lange Gesicht voran. Die gehen jetzt einem Regalkonfigurator auf die Nerven, sagte er dann. Handwerk war ein sehr persönliches Geschäft, erst recht Holzhandwerk. Entsprechend oft war man persönlich beleidigt, wenn man aus der Werkstatt ging. Das galt für alle, für die Kundschaft wie für die Angestellten, nur Milo war nie persönlich beleidigt, ihn beleidigte nur der Zustand der Welt und die Verkommenheit der Menschheit.

Erstmal sortieren, dachte Judith und suchte sich in der Werkstatt ein paar Kartons zusammen, die sie mit den Namen der Schriftsteller versah. Dann schrieb sie alle Einzelteile, die sie hatte, auf eine Liste, verglich sie mit der Skizze und ordnete sie den Leuten zu. Neben Susan Sontags entzweitem Schreibtisch gab es einige Stühle in ähnlich schlechtem Zustand und manche Möbel fehlten ganz. Die Telefone sahen alle identisch aus, ungeachtet der Epoche und des Herkunftslandes der Bewohner. Was für ein Durcheinander es gäbe, wenn Ingeborg Bachmanns Telefon in Adolfo Bioy Casares’ Büro läuten würde. Noch schlimmer waren die zwei überzähligen Wählscheibentelefone, für die sie extra eine Schachtel mit der Aufschrift »Anonym« versehen musste. Puppenhäuser sollten Keller und Dachböden haben für solche Fälle, dachte Judith, was für ein Konstruktionsfehler. Aus einem Zahnstocher und etwas Watte bastelte Judith einen winzigen Staubwedel und machte sich ans Werk.

Es war auch kein knie- oder allenfalls hüfthohes Puppenhaus, sondern eines, bei dem man bequem im Stehen in die oberste Etage schauen konnte. Für etwas so Kleines war es viel zu groß. Der Begriff Puppenhaus war vollkommen falsch für dieses verkleinerte Habitat, in dem es alles gab, außer Puppen. Für Kinder musste so etwas ungeheuer langweilig sein. Es war eindeutig der ernsthaften Formstrenge eines Erwachsenengehirns entsprungen und bildete eine Erwachsenenwelt ab, eine, in der gearbeitet, geraucht und getrunken wurde, wo viel gelitten wurde, gelacht, geklagt und wenig gespielt. Wenn überhaupt gespielt wurde, dann um Geld oder Ehre. Judith würde sich ein neues Wort einfallen lassen müssen, aber dafür war noch Zeit; möglicherweise kam ihr während der Arbeit eine Idee. Vielleicht war es einfach ein Hausmodell oder Modellhaus, so ähnlich wie Architekten es anfertigten. Den Gedanken, dass sie unter Umständen doch den Beruf verfehlt hatte, schob Judith so achtlos wie möglich beiseite. Gut möglich, dass dieses hier ganz einfach ein Zwischending war, ein puppenloses Puppenhaus, ein Ohnepuppenhaus, eine Nachbildung ohne Vorbild. An einem gewöhnlichen Puppenhaus hätte Judith nie Gefallen gefunden, dieses hier zog sie dagegen sofort in seinen Bann. Ein kleines leeres Universum, in dem sie sich zuhause fühlte, ohne Teil von ihm zu sein.

Die nächsten Tage wurden von der Arbeit völlig aufgesaugt, sie blieb noch länger als sonst in der Werkstatt, sparte sich die Mittagspause und hing daheim ihren Gedanken an die kleinen Möbelstücke nach. Sie lernte ständig etwas Neues über Holz und über ihre Arbeit. Zumal kleine Stücke so ganz anders waren als große, andere Fähigkeiten von ihr verlangten und neue Bewegungen. Sie besaß jetzt ein beleuchtetes Vergrößerungsglas und stellte so viele Lampen auf, dass ihr kein Staubkorn und kein Splitter entging. Jeden Winkel des Hauses nahm sie unter die Lupe, ölte, schliff und leimte, schnitzte und sägte und fluchte und freute sich.

Die Arbeit schien kein Ende zu nehmen, immer fielen ihr neue Details auf, derer sie sich annehmen konnte. Dass die Wählscheibentelefone keine Kabel hatten, konnte sie nicht auf sich beruhen lassen. Und wo ein Kabel war, musste auch eine Steckdose sein. Sie legte sich Floristendraht und weiße Modelliermasse zu. Außerdem kaufte sie eine ausgesprochen kleine Schraubzwinge, heimlich, von ihrem eigenen Geld. Ihre Hände wurden immer ruhiger. Die Kabel von den Telefonen zur Steckdose waren schnell zugeschnitten und ließen sich leicht verlegen. Diskret zwischen Tisch und Wand, wie in den echten Zimmern; sie stellte etwas her, um es unsichtbar zu machen, die größte Befriedigung, die sie in ihrer Laufbahn erlebt hatte. Anders verhielt es sich mit den Kabeln zwischen Telefongehäuse und Hörer. Judith wickelte den Draht in engen Spiralen um einen Nagel. Zum Schluss malte sie den kupferfarbenen Draht schwarz an, mit einer dicken matten Acrylfarbe. Ein paarmal vermalte sie sich, anfangs trug sie die Masse ständig zu dick auf, so dass das Ergebnis unsauber war. Im Mülleimer sammelten sich die Versuche. Nun hatte sie es raus, wickelte und malte im Akkord. Am besten und schlimmsten war das Warten, bis die Farbe getrocknet war. Keine Herausforderung war so groß wie eine Geduldsprobe. Als sie alle Telefone angeschlossen hatte, fertigte sie aus dem übriggebliebenen Floristendraht Ersatzkabel an. Man konnte nie wissen. Die Ersatzkabel kamen in eine Ersatzkabelkiste, die wunderbar auf den Dachboden der Kommune gepasst hätte, wenn es einen gegeben hätte. Sie fand einen sehr feinen Rapidograph auf Milos Schreibtisch und beschriftete die Kiste mit den kleinsten Buchstaben, die man sich vorstellen konnte.

Sie bekam einen Katzenbuckel, wie sie so über die Miniaturen gebeugt an ihrem Werktisch saß, mit eingefallenen Schultern. Sie gefiel sich so, die Arbeit entsprach ihr. Es war die ideale Aufgabe für Judith; ohne sich größenwahnsinnig vorzukommen, wusste sie, dass niemand hier dies so gut konnte wie sie.

»Was bist du eigentlich von Haus aus, Zahntechnikerin?« fragte Milo sie einmal. Hinten in der Werkstatt röhrte ein Lachen. Judith drehte sich zu ihm um und schwenkte mit der Lupe nach ihm.

»Ich bin Zahntechnikerin avant la lettre, ich habe Zahntechnik im Restaurationskurs gelernt, ich bin die beste Zahntechnikerin des ganzen Tischlereigewerbes!«, sagte sie, es sollte eindrucksvoll klingen. Sie bückte sich wieder über ihren Draht und ihre Pinzetten- und Wattestäbchensammlung. Milos Schritte entfernten sich. Jede Säge und jede Schraubzwinge in der Werkstatt zollten ihr leise Respekt.

Sie entdeckte Fehler im Modell – Abweichungen von den beigelegten Fotos oder Einzelheiten, bei denen der Maßstab verrutscht war. Ein Schreibtischsessel war zu klein, niemals könnte Ismail Kadare darin Platz nehmen. Sie fertigte einen neuen an; den Zwergsessel ließ sie diskret verschwinden. Sie legte ihn in die Säcke mit den giftigen Abfällen, in denen Lacke oder Furniere entsorgt wurden, die man nicht mehr zu Holzpellets pressen konnte. Da hinein schaute niemand, die verschwanden einfach, niemand wusste so recht, wohin. Mit dem neuen Sessel war sie sehr zufrieden, er war das beste Stück im ganzen Haus. Der abwesende Kadare sollte es bequem haben. Wenigstens an seinem Schreibtisch.

Es ging das Gerücht, dass Ludwig Wittgenstein beim Bau des Hauses für seine Schwester Margaret Stonborough-Wittgenstein im letzten Moment Zweifel an der Wahl der Deckenhöhe bekommen hatte und die Etagen kurzerhand um drei Zentimeter höher bauen ließ. Judith war sich vollkommen sicher, dass er richtig entschieden hatte und dass es keinen falschen Zeitpunkt für gute Eingebungen gab. Auf dem Leuchttisch zeichnete sie eine Kopie des gesamten Bauplans und besserte alles aus. Sie wurde Architektin, Zahntechnikerin und Restaurateurin, ohne dass jemand ihre Verwandlung bemerkte. Wenn ein solch labiler Geist wie Wittgenstein Häuser entwerfen konnte, konnte sie das dreimal. Das fehlerhafte Original ließ sie in Milos Aktenschrank verschwinden. In ihrer Skizze gab es keine Unstimmigkeiten. Akribie war eins der großartigsten Worte, die sie kannte.

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191 стр. 2 иллюстрации
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9783957324610
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