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Jana Scheerer
Gauner sind unser Geschäft
Aus den Akten der Detektei Donnerschlag
Mit Illustrationen von Saskia Diederichsen

Haralds Detektiv-Regeln

1 Gib niemals den Hut ab!
2 Ein Detektiv darf nicht die Fassung verlieren, und wenn er sie doch verliert, muss er so tun, als hätte er sie noch.
3 Hinterlasse bei den Ermittlungen keine Fingerabdrücke.
4 Jeder und jede ist verdächtig.
5 Alles ist wichtig, bevor es sich als unwichtig herausgestellt hat.
6 Ein Detektiv sollte stets eine Wäscheklammer mit sich führen, denn er muss seine Nase unter Umständen in übel riechende Angelegenheiten stecken.
7 Liste die bekannten Fakten stets schriftlich auf.
8 Streitlust und Rechthaberei sind im Umgang mit Zeugen selten zielführend.
9 Lege dich niemals mit der Polizei an!
10 Ein Detektiv kann nicht immer feinfühlig sein. Er muss jede Ermittlungs-Chance wahrnehmen.
11 Ermittle stets allein. Oder mit vertrauenswürdigen Partnern. Und Partnerinnen.
12 Pizza fördert die Kombinationsgabe.
13 Einem echten Detektiv ist nichts peinlich. Er tut, was die Ermittlungen erfordern, ohne Rücksicht auf sein persönliches Befinden.
14 Frühstücke stets ausgiebig, denn die Ermittlungen lassen dir vielleicht keine Zeit für weitere Mahlzeiten.
15 Ein Detektiv fürchtet nichts und niemanden.
16 Sei ein Chamäleon. Passe dich deiner Umgebung an, das ist die beste Tarnung.
17 Ein Detektiv handelt niemals ungesetzlich. Außer, die Umstände erfordern es.
18 Auch das Offensichtliche darf man nicht aus den Augen verlieren.

Es war ein Tag wie eine Schnapspraline: außen süß, innen scharf und nichts für kleine Kinder. Ich stand als Aal verkleidet neben einem blökenden Schaf auf dem offenen Verdeck eines Schaftransporters und warf mit Aalen aus Fruchtgummi um mich.
Wie war es dazu gekommen? Warum befand ich mich nicht auf der heißen Fährte eines gerissenen Verbrechers, sondern fuhr in einem albernen Kostüm auf dem Ruckelnser Wagen im Humbuger Hafenumzug mit?
Um das zu erklären, ist es notwendig, einen Tag zurückzuspulen …

Kapitel 1 In dem ich auf einen billigen Trick hereinfalle, zum Prinzen ernannt werde und Wiebke mich an meine Detektiv-Regel Nummer 13 erinnert.
An dem heißen Freitagnachmittag, an dem alles begann, saß ich schwitzend in meiner Detektei, badete die Füße in einer Schüssel mit kaltem Wasser und tippte zerstreut auf meiner Schreibmaschine herum. Seit Tagen zeigte das Thermometer über fünfunddreißig Grad Celsius. Selbst mein im Untergeschoss gelegenes Büro hielt der Hitze nicht länger stand. Träge waberte warme Luft durch den Raum. Der Ventilator auf meinem Schreibtisch machte mehr Lärm als Wind. Eine dicke Fliege zog müde brummend ihre Runden.
Es juckte mich unter dem Hut.
Normalerweise ist dies ein sicheres Anzeichen dafür, dass Gefahr im Anzug ist. Doch ich konnte weit und breit keine Gefahr erkennen. Ganz im Gegenteil. Die Fälle der Detektei Donnerschlag waren in letzter Zeit für meinen Geschmack viel zu harmlos gewesen: Wir hatten entflogene Kanarienvögel gerettet, verlorene Geldbörsen wiedergefunden und einen Bonbondiebstahl aufgeklärt. Kleinkram dieser Art ist das tägliche Brot jeder Detektei. Doch mein Herz schlug für die großen, wilden, gefährlichen Fälle. Leider schienen alle Gauner und Gangster im Urlaub zu sein.
Wieder juckte es mich unter dem Hut.
Ich nahm den Hut ab, kratzte mich ausgiebig und erklärte meiner Kopfhaut, dass sie sich irrte. Gefahr war zurzeit Mangelware.
Ich hatte den Hut gerade wieder aufgesetzt, als auf meinem Mobiltelefon eine Nachricht meiner Kollegin Wiebke einging.
»Detektiv-Regel Nummer 13«, hatte Wiebke geschrieben, »einem echten Detektiv ist nichts peinlich. Er tut, was die Ermittlungen erfordern, ohne Rücksicht auf sein persönliches Befinden.«
Was sollte das heißen? Wollte Wiebke mir demonstrieren, dass sie meine Detektiv-Regeln auswendig wusste? Oder steckte mehr dahinter?
Ich beugte mich wieder über mein Telefon. Doch bevor ich weiterlesen konnte, klopfte es energisch an die Tür meiner Detektei.
»Herein!«, rief ich mit fester Stimme.
Ein großer, dünner Mann mit spärlichem Haar und einer randlosen Brille betrat den Raum. Unter den Achseln seines hellblauen Hemdes hatten sich dunkle Schweißflecken gebildet. Interessiert blickte er sich um. »Moin! So sieht es also aus in eurer Zentrale, aha, aha.«
»Wir sagen: Detektei«, korrigierte ich ihn. »Die drei mit der ›Zentrale‹ sind von einer anderen Firma. Was führt Sie zu mir? Weshalb klopfen Sie an meine Tür wie ein wohnungsloser Specht?«
Der geheimnisvolle Fremde lächelte.
»Dazu gleich mehr. Wie weit bist du denn mit den Übungsaufgaben? Nach den Ferien schreiben wir eine Klassenarbeit, das weißt du ja, Harald. Nicht dass du wieder so unterirdisch abschneidest wie letztes Mal.«
Na gut, na gut, na gut, ich gebe es zu: Der große, dünne Mann war weder fremd noch geheimnisvoll. Er war mein Mathelehrer, Herr Schuhpisser. Für die Sommerferien hatte er mir Übungsaufgaben gegeben und wollte nun offenbar kontrollieren, wie weit ich damit war.
Ich zog den Bogen Papier aus der Schreibmaschine, knüllte ihn zusammen, warf ihn in den Papierkorb und seufzte. Hoffentlich hatte wenigstens Wiebkes Nachricht irgendeinen geheimnisvollen Hintergrund.
»Nicht den Kopf hängen lassen, Harald.« Herr Schuhpisser sah mich an, als wäre ich ein Hund, dem man einen saftigen Knochen vor die Nase hält. »Falls es mit den Aufgaben einigermaßen läuft, hätte meine Frau einen Auftrag für dich. Na, was sagt du? Klingt das gut?«
»Einen Auftrag?« Die Sache schien interessanter zu werden als gedacht. Frau Schuhpisser war in Ruckelnsen die Bürgermeisterin. In welchen Schwierigkeiten steckte sie wohl? Vielleicht wurde der Ort erpresst?
Ich wies auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch. »In Ordnung, nehmen Sie Platz. Ich werde mir Ihr Anliegen anhören.«
»Danke, Harald.« Er setzte sich. »Also, es geht um Folgendes …« Auf einmal wirkte Herr Schuhpisser niedergeschlagen und sorgenvoll. »Ähm … ich will ehrlich sein, Harald. Meine Frau braucht Hilfe. Die Hilfe von Profis. Die Hilfe der Detektei Donnerschlag. Allerdings ist es notwendig, dass ihr euch dafür verkleidet.«
Ich horchte auf. Wenn der Fall Tarnung erforderte, konnte es sich um keine kleine Sache handeln.
»Wiebke und du, ihr müsstet euch gleich morgen früh auf den Weg nach Humbug machen«, fuhr Herr Schuhpisser fort. »Ich weiß, es ist sehr kurzfristig, aber Wiebke meinte, das wäre möglich, und …«
Humbug? Und Wiebke hatte schon zugesagt? »Kein Problem, für Ihre Frau wird die Detektei Donnerschlag alle ihre anderen Termine verschieben.«
»Ja?« Herr Schuhpisser sah mich hoffnungsvoll an. »Geht das? Und bist du mit den Matheaufgaben so weit, dass du dir einen kleinen Ausflug nach Humbug erlauben kannst? Das hat deine Großmutter zur Bedingung gemacht. Ich habe bereits mit ihr gesprochen.«
»Selbstverständlich, es läuft alles bestens«, behauptete ich. In Wirklichkeit hatte ich die Aufgaben bisher nicht mal angeschaut. Meine Detektiv-Regel Nummer 31 lautet: Ein Detektiv sagt stets die Wahrheit – aber eigentlich hatte ich ja auch gar nicht gelogen. Die Detektei Donnerschlag hatte einen neuen, aufregenden Fall. Es lief also wirklich alles bestens.
»Gut, Harald. Dann ist die Sache gebongt. Hand drauf?«
Bevor er es sich anders überlegen konnte, schlug ich ein.
Herr Schuhpisser strahlte mich an. So fröhlich kannte ich ihn gar nicht. »Sehr schön«, rief er, »damit bist du der Ruckelnser Aal-Prinz, Harald! Freust du dich?«
»Ah … Aaaaaaaaaaaaaal-Prinz?«, stotterte ich entsetzt.
»Ja.« Herr Schuhpisser nickte. »Du hast ganz richtig gehört: Aal-Prinz. Herzlichen Glückwunsch.«
Ich saß da wie gelähmt. Es gibt nichts Peinlicheres, als den Aal-Prinzen spielen zu müssen. Jeden Sommer findet in Humbug der Hafenumzug statt. Dabei präsentieren sich alle Orte der Umgebung mit ihren Spezialitäten. Die Ruckelnser Spezialität ist Aal. Deshalb werden bei uns jedes Jahr eine Aal-Prinzessin und ein Aal-Prinz gewählt, die dann auf dem Ruckelnser Wagen mitfahren müssen, mit einer Krone auf dem Kopf. Und verkleidet als Aal.
»Moment mal.« Empört fuhr ich Herrn Schuhpisser an: »Das meinten Sie also damit, dass der Fall Tarnung notwendig macht. Und ich dachte, wir sollen undercover ermitteln. Sie haben mich belogen.«
Herr Schuhpisser grinste. »Ich habe von einem Auftrag gesprochen und nicht von einem Fall, Harald. Und nicht von Tarnung, sondern von Verkleidung. Für einen Detektiv hörst du nicht besonders gut zu.«
Das musste ich mir zähneknirschend eingestehen. Vielleicht war es einfach zu heiß.
»Du hast den Auftrag angenommen«, stellte Herr Schuhpisser zufrieden fest, »mit Handschlag.«
»Aber Lennard ist doch dieses Jahr der Aal-Prinz«, wandte ich ein.
»Lennard liegt mit einer schweren Erkältung im Bett. Und Jasmin auch. Als Aal-Prinzessin springt Wiebke ein. Sie hat dich als Aal-Prinzen vorgeschlagen.«
»Ach so.« Das besänftigte mich etwas. Mit Wiebke an meiner Seite war es nicht ganz so schlimm, mich als Aal-Prinz lächerlich zu machen. Trotzdem war es mir ein Rätsel, warum Wiebke zugesagt hatte und mich in die Sache mit hineinzog. Ihr war das Ganze doch sicher genauso peinlich wie mir. Ich kombinierte: Vielleicht hatte Wiebke vernünftige Gründe, die mir noch nicht bekannt waren. Schließlich hatte sie geschrieben: Einem echten Detektiv ist nichts peinlich. Er tut, was die Ermittlungen erfordern. Es bestand also die Möglichkeit, dass es in der Aal-Sache irgendetwas zu ermitteln gab. Ich beschloss, Wiebke zu vertrauen.
»Na gut«, willigte ich ein.
»Perfekt.« Herr Schuhpisser erhob sich. »Am besten kommst du gleich mit, meine Frau wartet im Rathaus mit den Kostümen auf Wiebke und dich. Zur Anprobe.« Er wandte sich zum Gehen. Kurz darauf hörte ich seine Schritte auf der Kellertreppe.
Ich nahm meine Füße aus der Schüssel mit dem kalten Wasser, trocknete sie ab, krempelte meine Hosenbeine herunter, zog meinen Mantel an, setzte den Hut auf und griff mir mein Mobiltelefon. Bevor ich Herrn Schuhpisser folgte, las ich noch schnell Wiebkes Nachricht zu Ende. Hast du Lust auf einen Fall, bei dem es um eine abgehackte Knochenhand, Gold und Juwelen geht? Dann folgte ein Link zu einem Online-Artikel. So schnell es ging, überflog ich die Zeilen:
Wer raubte die Juwelenhand?
Humbug. Am Mittwochnachmittag kam es in Humbug zu einem der größten und dreistesten Diebstähle der letzten Jahre: Am helllichten Tag raubten Gauner aus dem Opernmuseum die rechte Hand des berühmten Komponisten Melchior von Brokelfurth. Die Knochen waren seit dem Ableben Brokelfurths vor dreihundertfünfzig Jahren in einer kunstvoll gestalteten, goldenen Hand verwahrt worden und lockten unter dem Namen »Juwelenhand« Besucher aus aller Welt in das Opernmuseum.
Bis jetzt.
Nun ist die Hand unter mysteriösen Umständen verschwunden. Um siebzehn Uhr drei erlosch im Museum plötzlich die Beleuchtung.
»Wir standen auf einmal komplett im Dunkeln«, berichtet eine schockierte Besucherin, »es war richtig unheimlich!«
Um die empfindlichen Ausstellungsstücke des Museums vor Sonnenlicht zu schützen, sind die Fenster des Museums lichtdicht verklebt.
»Es ging alles blitzschnell«, beschreibt ein entsetzter Besucher die Situation. »Es knallte und klirrte, dann ging das Licht wieder an, und ein Wachmann kam in das Zimmer gelaufen. Aber er konnte nichts mehr ausrichten. Die Vitrine war zerschlagen, und die Juwelenhand … die war weg!«
Durch den Alarm wurden automatisch alle Ausgänge des Museums verriegelt. Die Polizei war rasch zur Stelle und kontrollierte alle anwesenden Personen – doch niemand hatte die Juwelenhand bei sich.
Die Polizei bittet um Ihre Mithilfe. Sachdienliche Hinweise richten Sie bitte an Ihr Polizeirevier oder diese Zeitung.

Ich musste lächeln. Das war also Wiebkes Plan: Unsere Rolle als Aal-Prinzenpaar ermöglichte uns einen Ausflug nach Humbug. Und dort würden wir natürlich nicht nur den Aal spielen, sondern zusammen mit unserer Kollegin Trix nach der verschwundenen Juwelenhand suchen. Perfekt.
»Harald?«, kam die Stimme meiner Großmutter von oben. »Wo bleibst du denn? Herr Schuhpisser wartet auf dich!«
Ich steckte das Handy ein und stieg die Kellertreppe hoch. Wiebke hatte vollkommen recht: Um in diesem spannenden, sicherlich gefährlichen Fall zu ermitteln, war wirklich kein Kostüm zu peinlich.
Meine Kopfhaut hatte sich anscheinend doch nicht geirrt.

Kapitel 2 In dem meine Oma vor Stolz beinahe platzt, Wiebke und ich uns in Aale verwandeln und auf eine erste Spur im Fall der geraubten Juwelenhand stoßen.
Als ich die Kellertreppe hochkam, plauderte Herr Schuhpisser gerade im Hausflur mit meiner Großmutter. Bei meinem Anblick rief sie: »Da kommt ja unser Aal-Prinz! Nee, nee, nee, nee, nee, ich bin so was von stolz auf dich, Harald!« Sie umarmte mich stürmisch.
Ich freute mich darüber, aber es kam mir auch etwas unlogisch vor: Da hatte ich schon entlaufene Schafe gerettet, entführte Katzen befreit, gestohlene Siegelringe wiederbeschafft, falsche Geister entlarvt, grünes Leitungswasser aufgeklärt, verrückte Hypnotiseure zur Strecke gebracht und herausgefunden, dass unsere Familie von einer Piratin abstammt – aber am tollsten fand meine Oma mich, wenn ich mich als Aal verkleidet durch den Humbuger Hafen kutschieren ließ.
Herr Schuhpisser lächelte zufrieden. »Sie können auch wirklich stolz auf Ihren Harald sein, Frau Donnerschlag. Nicht jeder hat die Ehre, als Aal-Prinz an der Seite der Bürgermeisterin auf dem Ruckelnser Wagen mitzufahren. Aber jetzt muss Harald dringend zur Anprobe. Der Hafenumzug ist schließlich schon morgen. Falls noch etwas am Kostüm geändert werden soll, bleibt dazu wenig Zeit.«
Mit seinem Auto setzte Herr Schuhpisser mich am Rathaus ab. Drinnen warteten schon Frau Schuhpisser und Wiebke auf mich. Ich musste mich sehr beherrschen, bei Wiebkes Anblick nicht laut zu lachen. Sie trug bereits ihr Kostüm und sah aus wie – tja, wie ein Aal. Von Kopf bis Fuß steckte sie in einem engen, dunkelgrün-gräulich glänzenden Schlauch, der unten spitz zulief und oben von einem Aal-Kopf mit einem golden glänzenden Krönchen geziert wurde.
»Lach nicht!«, rief sie, als sie mich sah.
»Öhm … okay.« Stattdessen hustete ich.
»Bist du etwa auch erkältet, Harald?«, fragte Frau Schuhpisser besorgt. »Du darfst morgen nicht ausfallen, das wäre unglaublich furchtbar!« Sie hockte sich zu Wiebkes Füßen und steckte den Aal-Schwanz mit Nadeln ab.
»Ich habe mich nur verschluckt«, beruhigte ich Frau Schuhpisser.
Sie seufzte erleichtert.
»Das Kostüm ist unten viel zu eng, ich kann nur Trippelschritte machen«, beschwerte sich Wiebke.
Frau Schuhpisser winkte ab. »Die Kostüme sind ja auch gar nicht dafür da, darin herumzulaufen. Ihr beide müsst einfach nur auf unserem großartigen Ruckelnser Wagen stehen, den Zuschauern huldvoll zuwinken und unsere großartigen Weingummi-Aale in die Menge werfen.« Sie ging zu einem grauen Pappkarton und wühlte darin herum. »Hier. Die haben wir bei einem Werbegeschenk-Hersteller bestellt. Sind die nicht unglaublich großartig?«
Sie reichte mir ein kleines Tütchen. Aalige Grüße aus Ruckelnsen – dem Juwel am Schlick, stand darauf. Durch die transparente Folie erkannte ich winzige Aale aus grünem, rotem und gelbem Weingummi. Ich riss die Tüte auf und stopfte mir ein paar in den Mund.
»Ich dachte, du magst keinen Fisch«, kommentierte Wiebke.
»Diese Aale schmecken hervorragend«, stellte ich mit vollem Mund fest.
Frau Schuhpisser lächelte. »Ja, nä? Einfach großartig!« Sie machte den Karton zu. »Aber mehr bekommst du nicht. Ihr sollt die Gummi-Aale schließlich verteilen und nicht vertilgen. So. Harald, jetzt bist du dran mit der Anprobe.«
Zehn Minuten später stand ich als Aal mit Krone vor Frau Schuhpisser und Wiebke. Wiebkes Gesichtsausdruck nach zu urteilen, sah ich reichlich bescheuert aus.
Frau Schuhpisser war begeistert. »Großartig! Nur hier am Bauch muss ich das Kostüm noch etwas enger machen. Du bist unglaublicherweise noch dünner als Lennard. Aalschlank, sozusagen.« Sie lachte und steckte mit Nadeln etwas Stoff ab. Mir selbst war das Kostüm eigentlich schon eng genug. Vor allem bei dieser Hitze.
Während ich in meiner Aal-Haut schwitzte, berichtete mir Wiebke, wie am nächsten Tag alles ablaufen sollte. »Also: Morgen früh bringt meine Mutter uns beide mit dem Schaftransporter nach Humbug. Und deine und meine Großmutter nehmen wir auch mit. Die wollen unseren Auftritt als Aal-Prinzenpaar natürlich nicht verpassen.«
»Mit dem Schaftransporter?« Ich kombinierte: »Kommt Schnucki MäcGaffin etwa auch mit?«
Frau Schuhpisser nickte. »Ja, Schnucki MäcGaffin wird großartigerweise mit uns zusammen auf dem Ruckelnser Wagen fahren. Es ist ja ein höchst seltenes Rasse-Schaf und sozusagen auch ein großartiges Ruckelnser Produkt. Einfach unglaublich!« Vor Begeisterung piekte sie mich mit einer Stecknadel. »Ups, entschuldige, Harald.«
»Geht schon«, murmelte ich.
»Herr und Frau Schuhpisser nehmen ihr eigenes Auto«, fuhr Wiebke fort. »Wir fahren etwas früher los, denn wir müssen in Humbug noch schnell die Schafsbox vom Transporter abbauen. Für den Hafenumzug benutzen wir ihn nämlich auch.«
»Genau, großartig!«, rief Frau Schuhpisser dazwischen. »Von der offenen Ladefläche werden wir huldvoll ins Volk winken und Gummi-Aale werfen. Unglaublich!«
»Ja, Frau Schuhpisser ist großartigerweise als Bürgermeisterin auch auf dem Wagen«, sagte Wiebke. »Ach ja, und ich habe mit Trix gesprochen. Wir dürfen bei ihr zu Hause unser Hafenumzugs-Hauptquartier aufschlagen. Und wir beide können noch ein paar Tage bei ihr bleiben, wenn wir Lust haben. Was meinst du, Harald? Ich wollte mir immer schon mal die Sehenswürdigkeiten in Humbug anschauen. Vielleicht können wir ja zum Beispiel in ein Museum gehen oder so.«
»Ein Museum, großartig!« Frau Schuhpisser stand auf. »Unglaublich, wie bildungshungrig ihr beiden seid!«
»Also ich«, sagte ich, »wollte schon immer mal ins Humbuger Opernmuseum.«
»So ein Zufall!«, rief Wiebke. »Ich auch! Und ich bin mir sicher, dass Trix sich ebenfalls brennend für Opern interessiert.«
Nachdem Frau Schuhpisser mich aus meinem Aal-Kostüm befreit hatte, zogen Wiebke und ich uns in die Detektei zurück, um ausführlich den Fall Juwelenhand zu erörtern. Wir setzten uns an meinen Schreibtisch und legten die Füße hoch.
Wiebke strich sich eine verschwitzte Locke aus der Stirn. »Ich dachte, hier im Keller wäre es vielleicht kühler. Aber es ist ja fast genauso warm wie draußen.«
Da hatte sie leider recht. Die Hitze hatte es sich in der Detektei gemütlich gemacht wie ein Bär in seiner Höhle. Ich stellte den Ventilator ein.
»Ist es so besser?«
»Nicht wirklich. Aber vielleicht hilft ein bisschen Fisch. Soll ja sehr gesund sein.« Wiebke holte etwas aus der Hosentasche. Eine Tüte Gummi-Aale! Sie riss die Tüte auf und stopfte sich ein paar in den Mund.
Neid erfasste mich. »Woher hast du die denn? Frau Schuhpisser wollte uns doch gar keine geben. Verteilen und nicht vertilgen, hat sie gesagt.«
Wiebke griff noch einmal in die Hosentasche und warf eine zweite Tüte auf meinen Schreibtisch. »Die habe ich vorhin mitgehen lassen. Ich finde, wenn wir für Frau Schuhpisser das Aal-Prinzenpaar spielen, kann sie uns doch wenigstens ein paar Gummi-Aale überlassen.«
Ich wunderte mich. Normalerweise war Wiebke strickt gegen jede ungesetzliche Handlung. Aber offenbar nahm sie es mit Aal-Diebstahl nicht ganz so streng. Mir sollte es recht sein. Begeistert riss ich das Tütchen auf und kaute genüsslich ein paar Gummi-Aale. »Was wissen wir über die verschwundene Juwelenhand?«
»Also …«, fing Wiebke an.
In diesem Moment klopfte es an die Tür der Detektei. Gleich darauf erscholl eine Stimmte: »Harald, ich bin’s!«
Ich kombinierte: Das klang nach Frau Hinnerksen, der besten Freundin meiner Großmutter. Ich wollte gerade »Herein« sagen, da ging die Tür schon auf.
»Moin, Harald, was lässt du mich denn so lange da draußen warten?« Es war tatsächlich Frau Hinnerksen. »Moin, Wiebke!«, sagte sie. »Das passt ja, dass du auch hier bist. Fehlt nur noch Trix. Ich habe nämlich einen Fall für euch, nä? Steh mal auf, Harald, ich muss mich setzen.« Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Eine Affenhitze ist das, nee, nee, nee, nee, nee! Nu’ krieg mal den Hintern hoch, Harald, oder willst du etwa, dass Wiebke stehen muss?«
Wiebke lachte. »Da hat Frau Hinnerksen aber recht, Harald!«
Ich gab meinen Platz am Schreibtisch nur ungern auf, doch Frau Hinnerksen zu widersprechen, lohnt sich grundsätzlich nicht. Zähneknirschend stand ich auf.
Frau Hinnerksen ließ sich auf meinen Schreibtischstuhl fallen. »So, das ist gleich besser, nä? Oh, was ist das denn Leckeres?« Sie schnappte sich meine Tüte mit den Gummi-Aalen und fischte sich einen heraus. »Bäh, schmeckt ja widerlich! Viel zu süß!« Sie nahm sich gleich noch einen. »Na ja, man gewöhnt sich dran, nä?«
»Äh, Frau Hinnerksen«, sprach ich in ihr Schmatzen hinein, »hatten Sie nicht von einem Fall gesprochen? Worum geht es denn?«
»Wollen Sie uns beauftragen?«, fragte Wiebke.
Frau Hinnerksen kaute noch einen Moment weiter, dann seufzte sie. »Ja, Kinners, es sieht folgendermaßen aus.« Sie senkte vertraulich die Stimme: »Ich bin Opfer eines groß aufgezogenen Betrugs geworden, nä?«
Ich nahm mir Notizblock und Stift. Frau Hinnerksen übertreibt zwar gerne – dennoch klang das nicht uninteressant. »Was ist denn genau passiert, Frau Hinnerksen?«, hakte ich nach.
»Tja, ich habe ein Paket von einem Geschäft namens Technikfuchs.de bekommen, nä?« Frau Hinnerksen machte eine spannungsgeladene Pause.
Ich notierte das, während Wiebke nachhakte: »Und warum denken Sie, dass es sich um einen Betrugsfall handelt?«
»Weil«, Frau Hinnerksen steigerte noch einmal durch eine Pause die Spannung, »ich dieses Paket gar nicht … bestellt habe! Na, was sagt ihr?«
Ich notierte auch das. »Sie haben nichts bei Technikfuchs.de bestellt?«
»Ja, das sag ich doch grade, Harald. Das Paket ist einfach so gekommen, ohne dass ich was bestellt habe, nä?«
»Sind Sie völlig sicher?«
Entrüstet stemmte Frau Hinnerksen die Hände in die Seiten. »Also hör mal, Harald, hältst du mich für senil, oder was? Ich werd’ ja wohl wissen, ob ich ein Bügeleisen mit Turbo-DampfDüsen bestellt habe oder nicht!«
»Ja, natürlich«, beschwichtigte Wiebke sie. »Harald meint doch nur, dass man bei Online-Bestellungen manchmal gar nicht so genau sieht, ob die Bestellung schon abgeschlossen ist. Vielleicht haben Sie das Bügeleisen ja auf der Seite des Online-Shops angeschaut und in den Warenkorb gelegt und dann aus Versehen auf Bestellen geklickt und …«
Frau Hinnerksen sprang von meinem Stuhl auf. »Das hätte ich nicht von euch geglaubt! Ich dachte, ihr erkennt einen heißen Fall, wenn ihr einen seht! Aber stattdessen wollt ihr mir einreden, ich hätte sie nicht mehr alle, nä? Wisst ihr, was das ist? Altersdiskriminierung ist das, nä?«
Ich ließ den Notizblock sinken. »Aber Frau Hinnerksen, wir müssen nun mal alle Möglichkeiten bedenken, so macht man das bei der Ermittlungsarbeit.«
Doch Frau Hinnerksen war schon an der Tür meiner Detektei angekommen. »Die Detektei Donnerschlag habe ich das letzte Mal beauftragt, da könnt ihr euch sicher sein! Auf Wiedersehen!«
Sie schlug die Tür so fest hinter sich zu, dass meine Schreibmaschine einen kleinen Hüpfer machte.
Erschöpft setzte ich mich zurück an meinen Schreibtisch. Die Sitzfläche meines Stuhls war unangenehm warm von Frau Hinnerksens Hintern. »Und meine Tüte mit den Gummi-Aalen hat sie auch aufgegessen.« Ich knüllte die leere Aal-Tüte zusammen. »Hast du noch mehr Gummi-Aale mitgehen lassen?«
Wiebke schüttelte empört den Kopf. »Nee, mehr als eine für dich und eine für mich habe ich natürlich nicht genommen! Was denkst du denn von mir, Harald?« Sie seufzte. »Wir scheinen Frau Hinnerksen richtig beleidigt zu haben.«
Ich winkte ab. »Die beruhigt sich schon wieder. Bestimmt fällt ihr nachher ein, dass sie sich doch ein Bügeleisen mit Turbo-Dampf-Düsen bestellt hat. Außerdem hätten wir ja sowieso keine Zeit für ihren angeblichen Fall gehabt. Wir müssen schließlich die Juwelenhand suchen.«
Wiebke nickte. »Der Fall ist ganz schön verzwickt. In dem Zeitungsartikel, den ich dir geschickt habe, sagt ja ein Zeuge aus, dass der Sicherheitsmann direkt nach dem Alarm zum Tatort kam. Doch da waren die Juwelenhand und der Dieb schon weg. Selbst wenn der Dieb sehr schnell war, hätte er dem Wachmann doch mindestens auf dem Flur in die Arme laufen müssen. Da fragt sich: Auf welchem Weg hat der Dieb den Tatort verlassen?«
»Und: Wie ist er anschließend mit der Hand aus dem Museum entwischt?«, ergänzte ich. »Die Ausgänge des Museums haben sich ja laut dem Zeitungsartikel mit dem ausgelösten Alarm automatisch verriegelt. Und die Polizei hat danach alle Personen kontrolliert.« Nachdenklich trommelte ich auf meinem Hut herum. »Und wenn die Hand sich noch im Museum befindet? Das wäre doch möglich, oder?«
Ich dachte so konzentriert über diese Frage nach, dass ich zusammenzuckte, als mein Mobiltelefon vibrierte. Es war eine Nachricht von Trix.
Harald, Wiebke, habt ihr das schon gesehen? Das hat die Polizei gerade ins Internet gestellt, hatte sie geschrieben und einen Link eingefügt.
Ich tippte darauf. Ein Video öffnete sich. Ein kleiner Raum mit hohen Decken war zu sehen, in dessen Mitte eine Vitrine stand. In der Vitrine befand sich eine goldene Hand, die mit funkelnden Juwelen besetzt war. Die Juwelenhand!
»Das müssen die Bilder der Überwachungskamera des Opernmuseums sein«, flüsterte Wiebke.
Um die Vitrine herum hielten sich etwa fünf Personen auf und betrachteten die Hand interessiert. Die Wände des Zimmers waren mit einer altmodischen Tapete beklebt, die ein verschnörkeltes grünes Muster hatte. Vor den Fenstern hingen schwere grüne Vorhänge. Plötzlich ging in dem Raum das Licht aus, und es wurde für den Bruchteil einer Sekunde stockdunkel. Dann lief das Video in schwarz-weiß weiter. Ich kombinierte: Vermutlich hatte sich die Überwachungskamera vom Tageslicht-Modus in den Nachtsicht-Modus umgeschaltet. Den Besuchern des Museums war jedoch deutlich anzusehen, dass es für sie noch genauso dunkel war wie vorher. Sie tappten im Raum herum wie trottelige Tanzbären. Und dann – mir stockte der Atem – tauchte am unteren Bildrand, direkt vor der Vitrine, eine Gestalt auf! Sie trug einen weiten Umhang mit Kapuze und hatte der Kamera den Rücken zugewandt. In der Hand hielt sie einen länglichen Gegenstand. Blitzschnell zertrümmerte sie damit das Glas der Vitrine. Dann schnappte sie sich die Juwelenhand und verschwand wieder aus dem Bild. Das Video fror ein.
»Das sieht ja seltsam aus«, sagte Wiebke. »Als würde der Dieb sich da hinzaubern. Aber das kann ja nicht sein.«
»So ist es. Ein Detektiv gibt sich nicht mit übernatürlichen Erklärungen zufrieden.« Das ist meine Detektiv-Regel Nummer 27. Also spielte ich das Video ein zweites Mal ab. Dabei fiel mir auf, dass alle Personen nur vom Kopf bis zur Hüfte zu sehen waren. Ich kombinierte: »Der Dieb hat sich auf dem Weg zur Vitrine unter der Kamera weggeduckt.«
Wiebke nickte. »Ja, das kann sein. Die Kamera ist auf Höhe der Juwelenhand montiert, deshalb sieht man auch von allen Leuten nur den Oberkörper. Hm. Der Dieb scheint sich gut im Museum auszukennen.«
Fällt euch was auf?, schrieb Trix.
Außer, dass der Dieb sich unter der Kamera wegduckt?, schrieb ich zurück.
Ja, antwortete Trix.
Ich spielte das Video ein zweites Mal ab.
»Die Gestalt hält das lange Teil, mit der sie die Vitrine zerschlägt, in der linken Hand«, kommentierte Wiebke.
»Stimmt! Und dann legt sie das lange Teil ab, um nach der Juwelenhand zu greifen – ebenfalls mit links«, ergänzte ich. »Wir scheinen es mit einem ausgeprägten Linkshänder zu tun zu haben.« Und noch etwas fiel mir auf: »Die Gestalt wirkt recht umfangreich. Mit anderen Worten: dick.«
Wir suchen einen fülligen Linkshänder, schrieb ich an Trix.
Oder eine füllige Linkshänderin, antwortete sie.
Wiebke und ich lächelten.
Die Jagd nach dem Dieb der Juwelenhand war eröffnet.

Kapitel 3 In dem wir einen gestressten Butler treffen, den Tatort von außen inspizieren und unserer ersten Verdächtigen begegnen.
Am nächsten Morgen waren wir schon um halb acht Uhr alle zusammen im Schaftransporter unterwegs. Frau Jansen saß am Steuer, Wiebke auf dem Beifahrersitz, und ich hatte mich zwischen zwei Omas auf die Rückbank gequetscht: Links von mir saß Oma Jansen, rechts Oma Donnerschlag. Die beiden waren so fröhlich und aufgeregt wie Hühner kurz vor dem Eierlegen. »Harald ist der erste Aal-Prinz in unserer Familie, nä?«, verkündete meine Großmutter gerade zum hundertsten Mal. »Ich bin so was von stolz! Nee, nee, nee, nee, nee, dass ich das noch erleben darf! Schade nur, dass Magnus verreist ist.«
»Ja, wirklich sehr schade.« Ehrlich gesagt war ich heilfroh, dass mein großer Bruder gerade in Dänemark Urlaub machte. Er hätte mich vermutlich die nächsten hundert Jahre mit meinem Auftritt als Aal-Prinz aufgezogen.
»Wiebke ist auch die erste Aal-Prinzessin in unserer Familie.« Oma Jansen lächelte glücklich.
Wiebke warf mir im Rückspiegel einen genervten Blick zu. Ich konnte sie verstehen. Am liebsten hätte ich die ganze Aal-Sache schon hinter mir gehabt.
Aus der Schafsbox hörte man Schnucki MäcGaffin blöken.
»Ist es wirklich in Ordnung, dass wir bei Trix in der Einfahrt den Transporter umbauen?«, fragte Frau Jansen. »Haben ihre Eltern es auch bestimmt erlaubt?«
»Ihre Eltern sind auf Geschäftsreise, aber Trix hat sie angerufen und gefragt«, antwortete Wiebke. »Sie erlauben es.«
»Dobbsens haben jede Menge Platz«, beruhigte ich Frau Jansen. »Trix wohnt in einer riesigen Villa.«
Frau Jansen seufzte. »Das ist es ja gerade. Wenn wir da was kaputt machen oder Schnucki in den Vorgarten köttelt oder so …«
»Trix sieht das nicht so eng«, beruhigte ich sie. »Schnucki MäcGaffin war ja schon einmal in der Villa zu Gast.«
Dass der Butler Ortlieb damals gar nicht von dem Schafsbesuch begeistert gewesen war, verschwieg ich lieber. Ich sah bereits vor mir, wie er beim Anblick von Schnucki MäcGaffin mit herablassender Miene »Öhö« sagen würde.
Doch als Frau Jansen eine halbe Stunde später den Schaftransporter in der Einfahrt der Villa parkte, beachtete Ortlieb uns gar nicht. Er stand in der offenen Haustür und sprach mit einer Frau.
Ich stieg aus. »Ich sage Trix Bescheid, dass wir da sind. Kommst du mit, Wiebke?«
Zu zweit gingen wir durch den großen, gepflegten Garten. Der Rasen war so weich, als würde man über einen dicken Teppich laufen.
»Mit wem redet Ortlieb denn da?«, fragte Wiebke.
»Keine Ahnung.« Die Frau hatte rote Haare, trug eine enge schwarze Hose, hohe, blank polierte schwarze Stiefel, eine rote Jacke und hatte eine Reitgerte dabei. »Aber eins ist klar: Sie ist gerade auf dem Weg zur Reitstunde. Denn wenn sie vom Reiten käme, wären ihre Stiefel nicht mehr sauber.«
Wiebke stöhnte. »Du musst immer kombinieren, oder? Und wenn sie ihre Stiefel nach dem Reiten geputzt hat?«
Bevor wir das ausdiskutieren konnten, erreichten wir die Haustür. Gerade sagte die Frau zu Ortlieb: »Der Paketbote hat leider keine Abholkarte bei mir eingeworfen. Aber ich habe eine Benachrichtigung per E-Mail erhalten, die ich Ihnen zeigen kann. Hier.« Sie hielt Ortlieb ein Mobiltelefon hin.
»Hallo, Ortlieb!«, rief ich dazwischen, doch er studierte konzentriert das Display des Handys und beachtete mich nicht.
»Für Frauke Mellöw? Gut, ich sehö eben nach. Warten Sie bittö einen Momönt.« Ortlieb verschwand ins Haus.
Die Dame schaute sich wartend um. Dabei fiel ihr Blick auf Wiebke und mich. »Na, wollt ihr auch ein Paket abholen? Ortlieb ist immer so hilfsbereit.«
Statt zu antworten, stellte ich eine Gegenfrage: »Sind Sie auf dem Weg zur Reitstunde?«
Die Frau sah mich irritiert an. »Reitstunde? Ach so, ja, genau.«
Ich warf Wiebke einen triumphierenden Blick zu.
»Da seid ihr ja, hallo!« In der Eingangshalle tauchte Trix auf. Direkt hinter ihr kam Ortlieb mit einem Paket aus der Tür.
»Bitte schön.« Er überreichte es der rothaarigen Frau.
»Herzlichen Dank.« Die Frau wandte sich zum Gehen.
»Einön Momönt noch.« Ortlieb hielt ihr ein schwarzes Notizbuch hin. »Bittö quittierön Sie mir hier den Empfang. Das ist notwendög, weil Sie keine Abholkartö dabeihabön.«
»Meinetwegen. Sie nehmen es aber genau.« Die Frau legte kurz das Paket ab und unterschrieb. Dann dampfte sie ab.
Trix schüttelte den Kopf. »Sie sind viel zu nett, Ortlieb. Wir sind doch nicht die Paketannahmestelle für die gesamte Nachbarschaft.«
Ortlieb zuckte mit den Schultern. »Die Paketböten bittön immör so höflich darum, da kann ich döch nicht Nein sagön.« Er schaute Wiebke und mich an. »Herzlich willkommön. Wie ich sehö, ist das Schaf auch wiedör mit vön der Partie?« Er zeigte auf den Schaftransporter, aus dessen Box gerade Schnucki MäcGaffin stieg. Dann seufzte er noch einmal tief und ging ins Haus.
»Ortlieb ist zurzeit sehr im Stress«, erklärte Trix. »Die Hitze bekommt ihm nicht, und die ganzen Pakete, die ständig bei uns abgegeben werden, machen ihm viel zu viel Arbeit. Es waren sogar schon Leute da, die ein Paket abholen wollten, das er längst rausgegeben hatte.«
»Echt?« Ich konnte das kaum glauben, so ordentlich, wie der Butler normalerweise war. »Aber er lässt die Leute doch extra in diesem Notizbuch unterschreiben.«
Trix nickte. »Ja, aber er hatte wohl die Pakete vertauscht oder so. Ach, egal. Schön, dass ihr da seid!«
Trix umarmte Wiebke und schüttelte mir die Hand. Dann liefen wir zusammen über den Rasen in Richtung Transporter.
»Na, seid ihr schon sehr nervös wegen eures großen Auftritts?«, fragte Trix. »Keine Sorge, das wird schon gut gehen. Sich wegen so eines kleinen Hafenumzugs verrückt zu machen, wäre doch echt aal-bern. Äh, albern, meine ich natürlich.« Trix grinste.
Wiebke seufzte. »Tu uns einen Gefallen, Trix: Mach am besten jetzt gleich alle Aal-Witze, die du dir ausgedacht hast. Dann haben wir es hinter uns.«
»Ach nee, das wäre doch zu schade. Gleich aale auf einmal? Äh, alle, meine ich natürlich.«
Wiebke und ich bemühten uns, zu lachen.
»Mäh!«, blökte Schnucki MäcGaffin dazwischen. Wir waren am Schaftransporter angekommen. Trix begrüßte das Schaf und die anderen.
»Danke, dass wir in eurem Garten unser Hauptquartier aufschlagen dürfen«, sagte Frau Jansen.
Trix winkte ab. »Das ist doch selbstverständlich. Wenn Harald und Wiebke die Ehre haben, als Aal-Prinzenpaar auf dem Ruckelnser Wagen zu fahren, muss ich das doch unterstützen.«
»Nee, nee, nee, nee, nee«, kommentierte meine Großmutter. »Ich freue mich schon auf den Umzug. Mein Enkel auf dem Ruckelnser Wagen. Ich bin so was von stolz!«
»Kann ich mir denken«, stellte Trix fest. »Das geht runter wie Aal, nä? Äh, Öl, meine ich natürlich.«
Wiebke stöhnte.
»Ja, das erlebt man nur einmal«, stimmte Oma Jansen zu.
»Hoffentlich«, murmelte ich.
Frau Jansen klatschte in die Hände. »Genug geplaudert. Wir müssen jetzt dringend den Schaftransporter umbauen. Ich habe die Schafsbox schon länger nicht mehr abmontiert, hoffentlich bekommen wir sie herunter.«
Zu viert machten wir uns an die Arbeit. Schnucki MäcGaffin und die beiden Omas schauten uns zu und gaben gute Ratschläge – na ja, die Omas jedenfalls. Schnucki beachtete uns gar nicht mehr. Es betrachtete den saftig grünen Rasen vor der Villa so versonnen wie ein Urlauber das Hotelbüfett.
Glücklicherweise bekamen wir die Schafsbox ohne größere Probleme vom Wagen.
Frau Jansen wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Das ging schneller als gedacht.« Sie sah auf die Uhr. »Erst neun. Jetzt haben wir noch jede Menge Zeit. Der Umzug startet um zwölf.«
Das war unser Stichwort.
Wiebke räusperte sich. »Ähm … du, Mama … Trix, Harald und ich wollten schon immer mal ins Humbuger Opernmuseum. Das wäre doch jetzt die perfekte Gelegenheit, oder?«
»Ins Opernmuseum?« Frau Jansen musterte uns skeptisch. »Seit wann interessiert ihr euch für Opern?«
»Nee, nee, nee, nee, die interessieren sich gar nicht für Opern, nä?«, warf meine Großmutter ein. »Ich weiß wohl, warum ihr da hinwollt, Harald. Wegen dieser abgehackten Hand, nä?«
»Abgehackte Hand?« Frau Jansens Augen weiteten sich.
»Nee, nee, nee, nee, nee«, kommentierte Oma Jansen.
»Juwelenhand«, korrigierte ich schnell. »Die Hand wurde nicht abgehackt. Also … jedenfalls nicht vor Kurzem. Es handelt sich um die Knochen der rechten Hand des berühmten Komponisten Melchior von Brokelfurth. Sie wurden nach seinem Tod in eine aus Gold gegossene Hand gelegt und mit Juwelen besetzt. Die Juwelenhand war das berühmteste Ausstellungsstück des Humbuger Opernmuseums.«
»Bis sie vorgestern gestohlen wurde«, ergänzte meine Großmutter. »Und jetzt will die Detektei Donnerschlag in dem Fall ermitteln, nä? Na ja, ich habe jedenfalls nichts dagegen.«
Ich sah sie erstaunt an. »Nicht?«
Sie schüttelte den Kopf. »Solange ihr rechtzeitig wieder hier seid, um euch für den Hafenumzug fertig zu machen, könnt ihr meinetwegen gerne den Tatort angucken. Und wir gehen gemütlich frühstücken, nä?« Sie hakte sich bei Frau Jansen und Wiebkes Oma unter. »Schnucki frühstückt ja wohl auch gerade, wenn ich das richtig sehe.«
Das Schaf zupfte mit Genießermiene Grashalme ab.
»In Ordnung«, seufzte Frau Jansen. »Schnucki ist hier im Garten hoffentlich gut aufgehoben. Aber spätestens um Viertel nach elf seid ihr wieder hier!«
Das ließen wir uns nicht zweimal sagen.
Schneller, als Schnucki MäcGaffin blök machen konnte, waren wir verschwunden.
Zum Opernmuseum fuhren wir mit der Straßenbahn. Meine Detektiv-Regel Nummer 32 lautet zwar: Lege die Strecke zum Tatort wenn möglich zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück, um Orientierung zu gewinnen und ein Gefühl für die Umgebung zu bekommen – aber heute war die Zeit knapp. Jede Sekunde, die wir auf dem Weg verplemperten, würde uns im Museum bei der Besichtigung des Tatortes fehlen. Außerdem machte die angenehme Kühle des Morgens bereits einer drückenden Hitze Platz. Da verzichtete ich gerne auf einen Fußmarsch.
Auf der Fahrt berichtete Wiebke uns von ihren Recherchen zum Thema Juwelenhand. Trix und ich hörten konzentriert zu.
»Bei der Juwelenhand handelt sich um ein sogenanntes Reliquiar«, erklärte Wiebke. »Das ist ein prunkvoll gestalteter Behälter, in dem Reliquien aufbewahrt werden. Das sind die Überreste einer sehr verehrten Person, zum Beispiel ihre Knochen. Der Komponist hat in seinem Testament festgelegt, dass seine rechte Hand nach seinem Tod konserviert werden soll – und in die Goldhand gesteckt. Damit etwas von seinem musikalischen Genie übrig bleibt.«
»Sehr bescheiden«, kommentierte Trix.
»In der goldenen Hand sind also wirklich die original Knochen von diesem Komponisten?« Mir wurde leicht schlecht. »So was würde ich nicht klauen.«
Trix lachte. »Du bist eben kein Musiker, Harald. In der Musikwelt wird die Hand zutiefst verehrt. Ich habe gelesen, dass einige Musiker ihr sogar magische Kräfte zutrauen. Sie glauben, dass die Aura der Juwelenhand sie musikalischer macht. Deshalb pilgern sie immer wieder ins Opernmuseum, um die Aura der Hand zu spüren. Das Museum hat durch den Diebstahl seine größte Attraktion verloren.«
Ich lächelte. »Jetzt kümmert sich ja die Detektei Donnerschlag darum. Die Juwelenhand wird bald wieder da sein.«
»Nächster Halt: Opernmuseum«, tönte eine Durchsage dazwischen.
Wir stiegen aus.
»Woow!«, rief Wiebke.
Ich persönlich neige nicht zu Ausrufen der Überraschung, doch dieses Gebäude entlockte mir ebenfalls ein leises Oho. Das Museum befand sich in einem riesigen Haus – obwohl Haus eigentlich nicht das richtige Wort ist. Es war eher eine Ansammlung von Türmchen mit spitzen, golden glänzenden Dächern, schiefen Fensterrahmen, bunt gestrichenen Türen und Treppen, die ins Nichts zu führen schienen. Das Eingangsportal des Hauses wurde von Säulen getragen und erinnerte an einen antiken Tempel. Das erste Stockwerk hingegen sah aus, als würde es zu einem Hexenhäuschen gehören: kleine Fenster, dunkles Holz, verziert mit Lebkuchen und Brezeln.

Wiebke und ich standen staunend davor.
Trix lachte wissend. »Ja, diese Wirkung hat das Haus auf alle, die es zum ersten Mal sehen. Es wurde vor zweihundert Jahren von einem verrückten Opern-Fan erbaut. Er wollte, dass es an die Bühnenbilder möglichst vieler Opern erinnert. Drinnen ist es auch total verrückt. Angeblich kennt niemand alle Gänge, Türen und Treppenhäuser. Selbst die Museumswärter sollen sich dort immer wieder verlaufen.«
Ich löste mich aus meiner Starre und zeigte auf das rot-weiße Flatterband, mit dem das Gebäude abgesperrt war. »Das da gehört aber nicht zum Haus, oder?«
Trix seufzte. »Nee. Mist, offenbar hat die Polizei den Tatort zugemacht.«
»Wollen wir trotzdem mal zum Eingang gehen?«, schlug Wiebke vor. »Vielleicht kommen wir ja doch rein oder können zumindest etwas aufschnappen.«
Wir gesellten uns zu den Leuten, die bereits vor dem Eingangsportal standen. Ich wandte mich an einen jungen Mann in einem grell gemusterten T-Shirt, der das Gebäude sehnsuchtsvoll betrachtete.
»Ist das Museum geschlossen?«
Ihm standen Tränen in den Augen. »Ja, wisst ihr es denn noch nicht? Die Hand des Melchior von Brokelfurth wurde gestohlen!« Er holte ein Taschentuch hervor und putzte sich die Nase. »Das ist ein furchtbarer Verlust.«
Erst jetzt fiel mir auf, dass sein T-Shirt-Muster eine Partitur darstellte: fünf Linien mit Noten darauf. Darüber stand: Musikschule Trallala, Humbug. An irgendetwas erinnerte mich das. Aber an was? Ich hatte noch nie von der Musikschule Trallala in Humbug gehört.
Der Mann steckte sein Taschentuch wieder ein.
»Die Hand war sehr wertvoll, oder?«, beteiligte Trix sich am Gespräch.
»Wertvoll? Du meinst Geld?« Der Mann sah sie verächtlich an. »Ja, das kann sein. Aber der wahre Verlust ist die inspirierende Wirkung der Hand. Ich unterrichte Klavier und bin jeden Tag hierhergekommen, um die musikalische Aura der Hand zu spüren.«
Die Umstehenden nickten. Sie alle schienen große Brokelfurth-Fans zu sein. Ich persönlich hatte bis gestern noch nie von ihm gehört.
»Brokelfurth war der begnadetste Komponist aller Zeiten. Mein T-Shirt zeigt übrigens seine Etüde in F-Dur.« Stolz wies der Mann auf die Linien und Noten auf seinem T-Shirt. Und plötzlich wurde mir klar, wo ich diesen Typen schon einmal gesehen hatte: in dem Überwachungsvideo, das den Diebstahl der Juwelenhand zeigte! Ich hatte das wilde Muster seines T-Shirts für Striche und Punkte gehalten.
Wiebke schien in diesem Moment die gleiche Erkenntnis zu haben. »Das ist doch …«, flüsterte sie.
»Waren Sie Zeuge des Diebstahls?«, fragte ich den Mann.
Trix trat mir auf den Fuß. Und sie hatte recht. Ein guter Detektiv geht normalerweise etwas unauffälliger vor.
Doch wir hatten Glück: Der Mann schien stolz auf sein Erlebnis zu sein. »Ja, in der Tat, ich war dabei«, verkündete er.
Die Umstehenden rückten näher. Alle wollten hören, was er zu berichten hatte.
»Haben Sie den Dieb gesehen?«, fragten die Leute ihn, »Hatten Sie große Angst?« und »Warum haben Sie den Diebstahl denn nicht verhindert?«.
»Verhindert?« Der Mann schnaubte. »Das war leider unmöglich. Alles ging rasend schnell. Ich genoss gerade die Aura der wunderbaren Juwelenhand – da ging plötzlich das Licht aus. Man sah die Hand vor Augen nicht. Also – weder die eigene noch die von Brokelfurth.« Er lachte kurz auf, dann wurde er wieder ernst. »Ich hörte ein Klirren. Ein ohrenbetäubender Alarm ertönte. Auf einmal ging das Licht wieder an. Und da kam auch schon ein Wachmann des Museums. Er befahl allen Besuchern, den ersten Stock des Museums zu verlassen. Wir mussten uns im Foyer versammeln und auf die Polizei warten. Es hat bestimmt zehn Minuten gedauert, bis die Beamten da waren. Tja – und gefunden haben sie die Juwelenhand bei niemandem. Also, wenn Sie mich fragen …«
Der Mann verstummte, denn sein Publikum hatte sich plötzlich von ihm abgewandt und zur rechten Außentreppe des Museums gedreht. Dort stand eine füllige ältere Dame in einem grünen Seidenkleid. Sie hatte sehr blasse Haut, rot geschminkte Wangen und weiße Locken, die sie zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt trug. Sehr langsam stieg sie ein paar Stufen hinunter und blieb dann stehen wie auf einer Bühne.

»Die wirkt wie frisch aus einer Oper gesprungen«, flüsterte Wiebke.
Das traf es genau. Die Frau sah sich mit einer dramatischen Geste um und rief: »Es tut mir entsetzlichst leid, liebste Opernfreundinnen und Opernfreunde.« Sie rollte das R, als wäre es eine runde Praline, die sie sich langsam auf der Zunge zergehen ließ. »Das Museum muss wegen den furchtbarsten Vorfällen vorerst vollständigst geschlossen bleiben.«
Die Leute vor dem Museum seufzten enttäuscht. Daraufhin verbeugte sich die Dame wie nach einer erfolgreichen Vorstellung.
»Lassen Sie uns doch bitte durch!« Zwei Leute drängten sich durch die Menschen und gingen zur Außentreppe: ein Mann mit einem Mikrofon und eine junge Frau, die eine riesige Kamera auf der Schulter schleppte. Die Frau platzierte sich vor der Dame auf der untersten Stufe und richtete die Kamera auf sie. Der Mann stellte sich neben die Dame und hielt ihr sein Mikro unter die Nase. Darauf stand Humbug 1. Ich kombinierte: Die waren vom Fernsehsender Humbug 1.
Der Reporter blickte mit ernster Miene in die Kamera. »Ich stehe nun vor dem Opernmuseum, aus dem am Mittwochnachmittag auf mysteriöse Weise die berühmte Juwelenhand entwendet wurde. Bei mir ist Margarethe Marquardt, eine berühmte Operndiva und Direktorin des Museums. Wie fühlt man sich nach solch einem Verlust, Frau Marquardt?«
Margarethe Marquardt schnappte sich das Mikrofon. Erst hielt der Reporter es fest, dann gab er den Kampf auf und überließ es ihr. Sie seufzte theatralisch.
»Für uns ist eine ganze Welt untergegangen. Wir sind ein privates Museum, das sich komplettest über Spenden und Eintrittsgelder finanziert.« Ihre melodiöse Stimme hatte einen verzweifelten Klang. »Die Hand des Melchior von Brokelfurth war unser wichtigstes Ausstellungsstück. Ohne dieses Exponat wird das Museum sicherlichst deutlichst weniger Besucher anziehen als bisher. Ich appelliere an die Diebe: Bitte geben Sie uns die Juwelenhand doch zurück. Sie ist ohnehin höchst unverkäuflichst – jeder wird sie sofort als Diebesgut erkennen. Ich bitte Sie, haben Sie doch ein bisschen Mitleid mit einem winzigsten privaten Museum.«
»Kriminelle haben selten Mitleid«, stellte der Humbug 1-Reporter trocken fest. »War die Juwelenhand denn nicht versichert?«
Frau Marquart schniefte. »Natürlich war sie versichert, höchstversichert sogar, aber Geld ist kein Ersatz. Melchior von Brokelfurth hat Opern geschrieben, die bis heute die Herzen der Menschen erfreuen. Und nun ist seine rechte Hand, mit der er diese Meisterwerke zu Papier brachte, für die Welt verloren.«
Die Umstehenden nickten betroffen.
Auch der Reporter machte ein ernstes Gesicht. »Vielen Dank für das Interview, Frau Marquardt.«
Ich zückte meinen Notizblock. Die Juwelenhand war versichert gewesen! Dieser Fakt musste notiert werden.
Margarethe Marquardt verschwand wieder im Museum, und die Leute von Humbug 1 zogen mit ihrer Kamera und ihrem Mikrofon ab.
Trix sah auf die Uhr. »Wir sollten auch aal-mählich los. Äh, allmählich, meine ich natürlich.«
Wiebke verdrehte die Augen. »Sehr lustig, Trix.«
Mich interessierten Trix’ Aal-Witze gerade wenig. »Ist euch was aufgefallen? Die Museumsdirektorin, diese Margarethe Marquardt, ist alles andere als schlank. Man könnte sie geradezu als füllig bezeichnen.«
Wiebke atmete hörbar ein. »Du meinst, so wie die Gestalt in dem Video der Überwachungskamera? Das stimmt! Und – Moment mal, erinnert ihr euch, mit welcher Hand sich Margarethe Marquardt gerade das Mikro geschnappt hat? Das war doch mit links, oder?«
Ich führte mir die Situation noch einmal vor Augen. »Ja, das war mit links! Mit der rechten Hand hat sie sich nämlich am Treppengeländer festgehalten, das weiß ich noch genau. Vielleicht ist sie Linkshänderin, so wie die Gestalt in dem Überwachungsvideo.«
»Und die Juwelenhand war versichert!«, flüsterte Trix. Sie imitierte perfekt den dramatischen Tonfall von Margarethe Marquardt. »Höchstversichert!«
»Denkt ihr an Versicherungsbetrug?«, fragte Wiebke leise.
Ich nickte. »Kolleginnen – möglicherweise haben wir bereits unsere erste Verdächtige. Wir müssen unbedingt herausfinden, ob das Opernmuseum in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Oder auch Margarethe Marquardt persönlich. Und noch was: Sie hat von den Dieben gesprochen – also geht sie davon aus, dass es mehrere waren. In dem Video ist aber nur eine Person zu sehen. Margarethe Marquardt scheint mehr über den Diebstahl zu wissen, als sie zugibt. Und sie kennt sich im Museum sicher bestens aus.«
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