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Jan Eik
In der Falle
Kappes 15. Fall
Kriminalroman
Jaron Verlag
Jan Eik, geboren 1940 in Berlin als Helmut Eikermann, ist seit 1987 freiberuflicher Autor und Publizist. Er schrieb zahlreiche Kriminalromane und -erzählungen sowie Hör- und Fernsehspiele. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u. a. «Der siebente Winter» (1989), «Der Geist des Hauses» (Ein Friedrichstadtpalastkrimi, 1998) und «Trügerische Feste» (2006). Im Jaron Verlag erschienen von ihm «Schaurige Geschichten aus Berlin» (2007), «Der Berliner Jargon» (2008) und «DDR-Deutsch» (2010); für die Reihe «Es geschah in Berlin …» verfasste er «Der Ehrenmord» (2007), «Nach Verdun» (2008, mit Horst Bosetzky) und «Goldmacher» (2010), für die «Berliner Mauerkrimis» «Am Tag, als Walter Ulbricht starb» (2010, mit Horst Bosetzky).
Originalausgabe
1. Auflage 2011
© 2011 Jaron Verlag GmbH, Berlin
1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin
ISBN 9783955520144
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Impressum
DER GROSSE COUP
ALTE FREUNDE UND BEKANNTE
NEUE FEINDE
DER ERSTE TOTE
WEISSE OSTERN
MORD AN DER HUNDEKEHLE
SOKO AUTOFALLEN
KATASTROPHEN
EINE SCHWERE ENTSCHEIDUNG
SCHIESS ENDLICH!
HORA INCERTA
HIRSCHGARTEN
SPUR 94
DAS LEBEN IST KURZ
BESINNLICHER ABEND
FETTE BEUTE
FROHES FEST
KLEINMACHTNIX
HEIMSUCHUNG
EIN HORST MEHR
KOPP WECH! WIR BRECHEN AB!
ZEICHEN UND WUNDER
DIE REINE WAHRHEIT
ZEUGE OLDENBURG
WAS FÜR EINE UNIFORM
SIPPENHAFT
DER FALSCHE WILLI
KARFREITAG
HABT IHR ETWA …
DER PROZESS
LEX GÖTZE
NACHBEMERKUNG
Es geschah in Berlin …
DER GROSSE COUP
DA IST PLÖTZLICH ein sägendes Geräusch, das den tuckernden Motor übertönt. Der Fahrer des Milchautos der Norddeutschen Molkerei kennt die Chaussee im Schlaf, und gegen den kämpft er an. Hinter ihm liegt ein langer Arbeitstag, mit den Gedanken ist er längst zu Hause in der warmen Stube. Jetzt horcht er auf. Das fehlt ihm noch - eine Panne in dunkler Januarnacht, mitten in diesem gottverlassenen Wald!
Die Landstraße schlängelt sich, in einigem Abstand dem Lauf der Spree folgend, von Fürstenwalde nach Hangelsberg. Hinter dem Dorf dehnt sich eine weite Linkskurve, dann geht es schnurgerade fünf Kilometer durch den dichten Kiefernwald der Hinterheide.
Gerade will er die Scheibe herunterkurbeln, um festzustellen, ob das Geräusch von draußen kommt, da geschieht direkt vor seinen Augen etwas Unglaubliches. Vom Waldrand her sinkt ein dicker Baum auf die Fahrbahn und schlägt federnd auf den Asphalt.
Der Fahrer ahnt, was das zu bedeuten hat. Er glaubt an keinen Zufall. In Kraftfahrerkreisen sind die dreisten Überfälle auf den Chausseen rund um Berlin ein tägliches Gesprächsthema, und dass nichts mehr darüber in den Zeitungen steht, wertet man eher als ein schlechtes Zeichen.
Nun hat es ihn also erwischt. Ihm wird eiskalt, und daran ist nicht die Außentemperatur an diesem Januarabend schuld. Zum Bremsen ist es ohnehin zu spät. Rechts sieht es aus, als käme er durch, stünde da nicht im gleichen Augenblick eine dunkel gekleidete Gestalt mit einer kreisenden Taschenlampe, in deren Schein eine Waffe glänzt.
Egal, denkt der Chauffeur, drauf - und drüber, wenn es sein muss! Schon holpert und scharrt er durch das Geäst der Baumkrone. Wo der Mann mit der Pistole und der Lampe geblieben ist, kann er nicht erkennen. Es ist ihm auch egal.
Hinter ihm knallt es zweimal, er hört die metallischen Schläge irgendwo am Fahrgestell und tritt das Gaspedal durch. Wenn die Karre doch nur ein bisschen schneller wäre!
«Scheißkerl!», zischt der Mann an der Baumfalle, der im letzten Augenblick zur Seite gesprungen ist, und sieht dem knatternden Lieferwagen voller Wut hinterher.
Von der Kurve her nähert sich eine zweite, größere Gestalt, ebenso dunkel gekleidet und maskiert wie der Pistolenmann. Hinter ihm wird das Licht von Autoscheinwerfern heller. «Wir müssen sofort abhauen!», ruft der Größere und nestelt an seiner Maske. Beide haben Damenstrümpfe mit Augenschlitzen über den Kopf gezogen.
«Immer mit de Ruhe, und denn mit ’n Ruck», erwidert ungerührt der Kleinere. «Erst nehm’ wir den noch mit.»
Er meint den Opel, der sich aus Richtung Hangelsberg genähert hat und angesichts der Blinksignale die Fahrt verlangsamt. Unmittelbar vor dem gefällten Baum kommt er zum Stehen.
Unmissverständlich klopft der Kleine mit der Pistole gegen die Seitenscheibe und leuchtet in den Wagen. Ein Mann im Ledermantel sitzt neben einer jungen Frau. Ergeben dreht der Mann die Scheibe runter und reicht seine Brieftasche raus.
Der Kleine durchblättert sie flüchtig und schnauzt: «Nich bloß Papier! Portemonnaie her!»
Auch das erweist sich als unergiebig. Nur ein paar Münzen drin, die der Räuber verächtlich verschmäht. «Arme Leute, wat?», knurrt er und wirft dem Lederbemantelten die Börse in den Schoß.
Die junge Dame lächelt. «Vielleicht kann ich aushelfen …»
«Danke. Von Damen nehm’ wa nischt!», entgegnet der Große.
Der Kleine schiebt ihn ärgerlich zur Seite. «Fahr da rein!», fordert er den Opelfahrer auf und weist auf die Lücke, die der Lieferwagen gerissen hat. «Da bleibste stehen! Sonst …» Drohend hebt er die Pistole.
Folgsam rumpelt der Opel über die Baumkrone.
«Nischt wie weg hier!», zischt der Große. «Da kommt schon die Polente!»
Tatsächlich nähert sich aus östlicher Richtung ein weiteres Fahrzeug.
«Seit wann kann die Polente fliegen?», fragt der Kleine seelenruhig zurück. «Woll’n mal sehen, was das für ’n Vogel ist.»
Der Vogel ist der Lieferwagen einer Bäckerei. Appetitlich duften die Schrippen. Also fährt der erst Ware aus und hat noch kein Geld bei sich.
«Is ja wie abgeschnitten heute!», flucht der Kleine und steckt ganze fünf Mark ein, während der Große erneut mahnt: «Los, bloß weg hier! Der Milchfritze hat längst die Bullen alarmiert.»
Der Kleine ist nicht aus der Ruhe zu bringen. «Na wenn schon. Fuffzich Meter rin in den Wald, und kein Aas findet uns.» Aus Richtung Berlin nähert sich ein weiterer Lieferwagen mit einem Pkw im Schlepp. Auch diesem Fahrer schwant, was ihm blüht, und er versucht, dem Hindernis links auszuweichen. Der geschleppte Wagen bleibt hängen, das Seil reißt.
Der um fünf Mark erleichterte Bäcker nutzt die Gelegenheit. Mit aufheulendem Motor bricht er eine Bresche durch den Baumwipfel und rast in Richtung Hangelsberg davon.
Der Große versucht zu schießen, doch die Waffe streikt.
Jetzt wird es eng. Bis zum Dorf sind es kaum anderthalb Kilometer.
Die beiden aus dem Schleppzug sind ausgestiegen und nähern sich drohend.
«Hände hoch!», verlangt der Große. Hoffentlich haben die den Versager nicht mitgekriegt.
Haben sie anscheinend nicht, denn sie heben brav die Hände und leeren anschließend ebenso brav ihre Taschen. Geld haben sie angeblich nicht bei sich.
«Durchsuch die Wagen!», fordert der Kleine barsch. Widerstrebend fügt sich der Große.
Aus Fürstenwalde rasselt bereits ein weiterer Wagen heran. Ein Lastzug der Schultheiss-Patzenhofer-Brauerei. Der kann die Sperre beim besten Willen nicht durchbrechen.
Der Kleine hat die beiden Fahrer in das geschleppte Fahrzeug dirigiert und bedroht jetzt die Bierkutscher, die nur zögernd aussteigen.
Der Beifahrer hat die lederne Geldtasche umgehängt und sieht sich suchend um. Der dunkle Waldrand ist nur ein paar Meter entfernt.
«Mach dir nich unglücklich, Fritze», mahnt sein Kollege.
«Denk an Frau und Kinder.» In der Tasche sind 228 Mark.
«Einsteigen und nich vom Fleck rührn!», befiehlt der Kleine. Vom Dorf her nähert sich ein weiteres Auto.
«Nischt wie weg hier!», fleht ihn der Große an. «Meine Knarre klemmt!»
«Meine ooch!», erwidert der andere kaltblütig und steigt über das Geäst, um die Neuankömmlinge ins Visier zu nehmen.
In dem Wagen rührt sich nichts. Vorsichtig schleichen sich die beiden in einem Bogen von hinten an. «Hände hoch!», ertönt scharf das Kommando.
Im Gegenlicht des Brauereiwagens sehen sie, dass der Befehl von den Pkw-Insassen ausgeführt wird. Vier Männer sitzen darin.
«Pass uff! Det is ’ne Falle!», zischt der Große.
Doch der Kleine lässt sich nicht aufhalten und reißt die Wagentür auf. «Moneten her, oder es knallt!», schnauzt er. «Los, los!» Die vier kramen ihre Brieftaschen hervor. Der Fahrer trägt ein goldenes Parteiabzeichen am Revers. Von hinten spricht ihn einer mit «Kreisleiter» an, als er seine Geldbörse nach vorn reicht. Auf der anderen Seite steckt der Große zwei Portemonnaies ein.
«Türen zu, Fenster hoch und keinen Mucks, verstanden!», herrscht der Kleine die vier Insassen noch einmal an und hastet davon.
Gerade ist der siebente Wagen zwanzig Meter vor der Sperre zum Stehen gekommen. Der Fahrer will zurückstoßen und wenden. Zu spät.
Der Kleine steht schon neben ihm und reißt die Tür auf.
Nur zwanzig Mark hat der ältere Herr aus sichtbar besseren Kreisen bei sich. «Brieftasche!», fordert der Räuber gebieterisch.
Die wird ihm gereicht, enthält jedoch nur Papiere. Der Kleine beleuchtet sie mit der Taschenlampe und stutzt. «Nischt für unjut, Herr Oberstleutnant!», sagt er und deutet vor dem Kommandeur des 4. Reiterregiments ein Hackenzusammenschlagen an.
Als er sich umdreht, muss er unwillkürlich lächeln. Sieben Autos stehen da kreuz und quer mit eingeschalteten Schweinwerfern um den gefällten Baum herum. Sein Kumpan ist schon in den Wald abgetaucht. Er jedoch steht im Scheinwerferlicht und brüllt: «Wer durchkommt, darf weiterfahren!» Dann ist auch er im Gehölz verschwunden.
Niemand versucht, ihn zu verfolgen. Alle sind damit beschäftigt, sich aus der Falle zu befreien. Blech knirscht, Glas splittert, lautes Gezänk hebt an. Als das Brauereifahrzeug durch die Sperre bricht, schiebt es einen Pkw in den Straßengraben.
Zehn Minuten später trifft endlich die Polizei ein. Es vergeht mindestens eine weitere Stunde, bis die Beamten die Streithähne beruhigt und sich einen groben Überblick über das Geschehen verschafft haben. Dass sich unter den Überfallenen ein SS-Oberführer, ein NSDAP-Kreisleiter, ein Gauamtsleiter, ein Regimentskommandeur und der Oberstleutnant befinden, macht die Sache nicht leichter für sie.
ALTE FREUNDE UND BEKANNTE
HERMANN KAPPE, seit Kaisers Zeiten Kriminalkommissar im Berliner Polizeipräsidium, ja schon Oberkommissar gewesen und 1933 mit einer Maßregelung davongekommen, ist den ganzen Tag unterwegs gewesen. In einem vom Schwamm angefressenen Haus in der Joachimstraße am Rosenthaler Tor sind drei Personen ermordet worden, zwei Männer und eine junge Frau, und wenn man ihn fragt, ist der Fall eigentlich sonnenklar. Dennoch sind allerhand Auskünfte einzuholen, Nachbarn und Geschäftsleute zu befragen, eben der übliche Kleinkram, um den von Anfang an Verdächtigen zu überführen. Oder zu entlasten. Doch dafür hat Kappe keine Anhaltspunkte gefunden.
Als er aus der Joachimstraße in die schmale Gipsstraße einbiegt, bläst ihm der eisige Januarwind ins Gesicht. Bis zum U-Bahnhof Weinmeisterstraße sind es nur zweihundert Meter. Eilig taucht Kappe dort ab in den warmen Mief, der ihm aus dem Untergrund entgegenweht. Manchmal ist die U-Bahn ganz nützlich. Wenn er am Alex in die Linie E umsteigt, statt im Präsidium zwei, drei weitere Überstunden - selbstverständlich unbezahlt, er ist Beamter - zu den ungezählten bisherigen hinzuzufügen, kann er in zehn Minuten zu Hause sein. Fast eine halbe Stunde vor Feierabend. Doch das widerstrebt ihm. Hat eine der Frauen in der Joachimstraße nicht davon gesprochen, der verdächtige Ehemann der Ermordeten treibe sich gerne in den Kneipen rund um den Moritzplatz herum?
Kappe hat ein Bild des Verdächtigten in der Tasche. Da kann er auch zum Moritzplatz fahren, irgendwo einen heißen Grog trinken und ein bisschen herumhorchen. Es ist schließlich seine alte Gegend. Sein Freund und ehemaliger Nachbar wohnt noch immer in der Waldemarstraße, wo Kappe sein erstes möbliertes Zimmer hatte. Und dieser Theodor Trampe ist es eigentlich auch, den Hermann Kappe im Kopf hat, als er statt einer nun drei Stationen mit der U-Bahn fährt und am rautenförmigen Moritzplatz wieder in den schneidenden Ostwind tritt. Ein Grog kann wirklich nicht schaden.
Eine gute Stunde später und um zwei Grog, einen Tee und ein paar nichtssagende Auskünfte schwerer spürt Kappe den scharfen Wind kaum noch. Am Oranienplatz biegt er zum Elisabethufer ab, das seit jüngstem in Hoffmann- und Schröderdamm unterteilt ist, benannt nach zwei SA-Helden. Vor 23 Jahren hat er hier am Luisenstädtischen Kanal den Mord an einem sechzehnjährigen Mädchen aufgeklärt. Der Täter war damals entkommen. Der Kanal ist längst zugeschüttet, nur die Waldemarstraße sieht aus wie eh und je, und die Kanalbrücke ist wie versehentlich erhalten geblieben.
Kappe hofft, Theodor Trampe zu Hause anzutreffen. In letzter Zeit verspürt er häufiger den Wunsch, mal ein paar Worte mit dem alten Freund zu wechseln. Jeder Mensch braucht hin und wieder einen, mit dem sich offen und unverstellt reden lässt, und da kann Kappe sich weit und breit in seiner Verwandtschaft und Bekanntschaft umgucken - von den Kollegen ganz zu schweigen –, außer Trampe fällt ihm keiner ein, dem er vertrauen darf. Klara, seine Frau, mit ihrem Hitlerfimmel kann er mit seinen Sorgen nicht behelligen. Außerdem fürchtet er, dass sie irgendwo mal eine Bemerkung fallenlassen könnte, die in diesen Zeiten fatale Folgen hätte.
Seinen ältesten Sohn Hartmut möchte Kappe erst recht nicht in irgendwelche Konflikte mit dem bringen, was ihm täglich in der Schule und bei der HJ eingetrichtert wird. Der Siebzehnjährige ist gewitzt und hat selber seine Zweifel. Im nächsten Jahr werden sie ihn zur Wehrmacht einziehen, doch daran will Kappe lieber nicht denken. Wer Hitler wählt, wählt den Krieg, haben die Kommunisten 1932 verkündet, und sowenig Kappe sonst von den Moskautreuen gehalten hat - diesmal sieht es aus, als würden sie recht behalten. Deutschland ist wieder eine Militärmacht, stärker und moderner als zu Kaisers Zeiten. Das besetzte Rheinland ist befreit, die Wehrpflicht eingeführt, in Spanien fallen deutsche Bomben, und um Österreich wird gestänkert. Heißt der Feind bald wieder Frankreich?
Kaum ist der letzte Ton der Klingel verhallt, öffnet Theodor Trampe hastig die Wohnungstür. Für einen Augenblick scheint er erschrocken. Oder kommt es Kappe im schwachen Licht der Treppenbeleuchtung nur so vor?
«Mensch, Hermann, wo kommst du denn her?», fragt Trampe sichtlich überrascht.
«Von drauß’ vom Walde, da komm ich her», spottet Kappe und wischt sich ein paar Schneegriesel vom Mantel. «Ist mein Besuch ungelegen?»
Trampe beeilt sich, ihn hereinzubitten. «Nicht doch, Hermann! Du kommst immer gelegen.» Er nimmt Kappe Hut und Mantel ab.
«Solange du uns privat besuchst», setzt er leise hinzu.
Kappe grient ein bisschen verklemmt. «Wieso? Hast du jemanden umgebracht?»
«Noch nicht», entgegnet Trampe viel zu ernst. «Aber am liebsten würde ich …»
Wen er gerne umbringen würde, braucht er nicht zu erläutern. Und Kappe weiß, wie gefährlich solche Äußerungen sind - nicht nur für Trampe selbst, sondern auch für Kappe, der sie hört und nicht widerspricht.
«Sei bloß vorsichtig, Theo!», rät er dem Freund. «Solche harmlosen Sprüche können KZ bedeuten.»
Trampe nickt. «Und wie gefährlich ist es für dich, einen ollen Sozialdemokraten einfach so zu besuchen?»
Hermann Kappe, ins Wohnzimmer gebeten, entgegnet ruhig: «Das lass man meine Sorge sein.» Seine Sorge ist es wirklich. Denn wenn ihn einer hier sieht, wo ihn mancher noch von früher kennt, und meldet, er hätte den Trampe besucht …
«’N Korn?», fragt Trampe und hat schon Flasche und Gläser in der Hand.
Kappe denkt an die beiden Grog, die er intus hat, will andererseits aber den Freund nicht vergrätzen. «Wirklich nur ’n kleinen», sagt er. Der Freund macht so einen seltsam angespannten Eindruck. Nicht mal zum Trinken setzt er sich.
Sie stoßen an. «Auf bessere Zeiten!», sagt Kappe. Trampe nickt ihm zu.
«Du bist so unruhig … Ist deine Frau nicht zu Hause?»
«Die ist bei ihrer Schwester in Heinersdorf. Da wird sie wohl auch übernachten. Sie traut sich abends kaum noch auf die Straße.»
«Das lass besser nicht meine Vorgesetzten hören. Die Sicherheit in der Reichshauptstadt hat prozentual stark zugenommen.» Trampe nickt. «Zeitung lese ich selber. Morgen ist ja der Ehrentag der Polizei, wie ich höre. Und vorgestern haben sich gleich dreie abgemurkst.»
Kappe hebt die Schultern. «Familiendramen wird es immer geben. Dagegen kann weder die Partei noch der Reichs-Heini was machen. Nicht mal wir vom Morddezernat. Ich gebe dir Brief und Siegel - in zwei Tagen haben wir das Geständnis des Täters.»
«Bei den Methoden heutzutage gesteht doch jeder!»
Kappe sieht ihn lange an. «Wir sind nicht die Gestapo», sagt er leise.
Trampe ist seinem Blick nicht ausgewichen. «Ich hoffe für dich, dass es bei dem Unterschied bleibt, Hermann.» Er füllt die Gläser noch einmal.
Im Korridor ertönt die Klingel, und sofort ist Trampe an der Wohnungstür.
Er hat jemand anderen erwartet als mich, denkt Kappe. Eine Frau? Das würde nicht zu Theodor passen, aber man weiß ja nie.
Eine Männerstimme fragt: «Du hast Besuch?»
«Ein alter Freund und Nachbar», antwortet Trampe und öffnet einladend die Zimmertür. Einen Augenblick messen sich Kappe und der Neuankömmling mit Blicken. Der Mann, den Mantel noch in der Hand, verharrt sichtlich erschrocken in der Tür und macht Anstalten, wieder zu gehen.
«Hermann Kappe», stellt Trampe vor. «Und das ist …»
«Willy Eschborn», sagt der Hinzugekommene gepresst. «Der Herr Oberkommissar kann sich sicherlich erinnern.»
Das kann Kappe in der Tat. Vor fünf Jahren hat er mit dem widerspenstigem Zeugen Eschborn zu tun gehabt, dessen Hinweis schließlich geholfen hatte, einen weiteren Mord zu verhindern. Das ahnt Eschborn sicherlich nicht einmal.
«Kommissar», sagt Kappe gemütlich. «Wir sind uns in einem vorigen Leben mal begegnet. Sommer 1932, wenn ich mich recht erinnere. Haben Sie Ihren schönen Garten hinter der Glaubenskirche noch?»
Eschborn bleibt misstrauisch. «Wir müssen wahrscheinlich bald runter», erklärt er schmallippig. «Sie wollen Neubauten hinsetzen.»
«Na, eine schöne Neubauwohnung wäre doch was für Sie», sagt Kappe. Er erinnert sich dunkel, dass von einer ebenerdigen Kochstube die Rede war, in der Eschborn mit seiner Familie haust.
«Sie haben eine niedliche Tochter …»
«Und seit neuestem einen Sohn dazu», ergänzt Trampe eifrig.
«Gratuliere», sagt Kappe zu Eschborn. Der nickt dankend.
Trampe scheint ein wenig beunruhigt, dass die beiden sich kennen und dass Eschborn so zurückhaltend reagiert. «Nun setz dich endlich, Willy!», fordert er den zweiten Gast auf. «Hermann war mal mein Nachbar. Er ist ganz zufällig vorbeigekommen. Einfach so, aus alter Anhänglichkeit …»
«Und weil so schönes Wetter ist», meint Eschborn ein bisschen gallig. Er traut dem Frieden nicht. In seiner Welt kommen Kriminalbeamte nicht zufällig irgendwo vorbei.
«Hermann ist immer noch beim Morddezernat», erläutert Trampe, der die Stimmung ein wenig auflockern möchte. «Wie geht’s denn dem dicken Gennat?»
«Nicht besonders gut», sagt Kappe. Das geht die beiden eigentlich gar nichts an, aber er möchte keinen schlechten Eindruck auf Eschborn machen. Was der wohl mit seinem alten Freund zu tun hat? Ihm wird ganz heiß, als er über die Möglichkeiten nachdenkt. Wenn die beiden was Konkretes im Schilde führen oder an irgendwelchen Aktionen beteiligt sind - und Kappe kann sich das durchaus vorstellen, die Stimmung hat etwas Verschwörerisches an sich –, wird man sie früher oder später schnappen und durch die Mangel drehen. Wo, wann, warum und mit wem? Ein Kriminalkommissar war zufällig anwesend? Wie hieß der Kerl, und was habt ihr mit ihm bekaspert?
Hermann Kappe steht auf. «Ich werd mal besser gehen. Der Fall in der Joachimstraße macht uns ’ne ganze Menge Arbeit. Komm doch gelegentlich mal vorbei, Theodor! Klara würde sich freuen.» Er reicht Willy Eschborn die Hand. «Ich bin wirklich zufällig hier», sagt er freundlicher, als es sonst seine Art ist. «Sie brauchen keine Angst zu haben.»
Eschborn sieht ihm offen ins Gesicht. «Ich habe keine Angst.» Kappe glaubt es ihm. Es gibt solche Leute. Im Flur zieht er seinen Mantel über. Trampe hat keinen Versuch gemacht, ihn zurückzuhalten.
Eschborn steht in der offenen Zimmertür. «Darf ich Sie was fragen?»
«Selbstverständlich.»
«Weshalb steht eigentlich über den großen Überfall bei Hangelsberg nichts in der Zeitung?»
Kappe ist überrascht, lässt es sich jedoch nicht anmerken. «Das wüsste ich auch gerne», erwidert er ruhig. «So was wird heutzutage weiter oben entschieden. Wahrscheinlich will man die Bevölkerung nicht beunruhigen.»
«Was ist denn in Hangelsberg passiert?», erkundigt sich Trampe.
Kappe sieht Eschborn an, und der erwidert seinen Blick.
«Die Bande, die schon im vorigen Jahr etliche Autos überfallen hat, scheint wieder zugeschlagen zu haben», sagt Eschborn schließlich.
Kappe belässt es dabei. Er wird sich hüten, den Mann zu berichtigen. Die Ganoven, nach denen mit Hochdruck gefahndet wird, sind seit November 1934 aktiv.
«Nicht mal vor der Olympiade habt ihr die gekriegt?», fragt Trampe ein wenig spöttisch. «Scheinen ja dolle Burschen zu sein.»
«Scheint so», meint Kappe einsilbig, und an Eschborn gewandt: «Woher wissen Sie denn davon?»
Wird Willy Eschborn tatsächlich erst in diesem Augenblick klar, dass er sich da voreilig auf eine unangenehme Geschichte eingelassen hat?
«Hat ein Kollege bei Ambi erzählt», sagt er. «Der kam auf seinem Fahrrad aus Erkner dazu.» Ambi, das sind die großen Ambi-Budd Presswerke in Schöneweide, wo Autokarosserien gefertigt werden.
Kappe setzt seinen Hut auf und greift zur Klinke der Wohnungstür. «Dann werden ihn meine Kollegen ja als Zeugen vernommen haben», sagt er abschließend nur.
NEUE FEINDE
DIE BEIDEN MÄNNER, die sich in dem repräsentativen Büroraum in der Prinz-Heinrich-Straße gegenübersitzen, sind alles andere als Freunde. Der eine, hinter dem pompösen Schreibtisch in einem bequemen Schreibsessel lümmelnd, trägt die schwarze Uniform der SS, der vor ihm auf dem Besucherstuhl ist in Zivil. Betrachtet man die beiden, so fallen vor allem ihre markant hervortretenden Nasen auf. Sie könnten Brüder sein. Brüder im Geiste sollten sie zumindest sein. Doch nicht einmal das sind sie.
Dem hinter dem Schreibtisch, Mitte dreißig, groß, blond und sportlich durchtrainiert, sieht man den Offizier an. Auch der andere ist um eine straffe Figur bemüht.
Der Jüngere, der einstige Marineleutnant Reinhard Eugen Tristan Heydrich, nennt sich nur noch Reinhard Heydrich und leitet seit sechs Jahren den SD, den geheimnisumwitterten Sicherheitsdienst des Reichsführers SS. Seit 1936 ist er außerdem Chef der Sicherheitspolizei im Deutschen Reich, die aus Gestapo und Kriminalpolizei besteht.
Sein Gegenüber ist der ehemalige Frontoffizier, Freikorpskämpfer und Kriminalkommissar Arthur Nebe, inzwischen der höchste Kriminalpolizist des Reiches.
Nebe hatte die Zeichen der Zeit beinahe ebenso frühzeitig erkannt wie sein ungeliebter Chef Heydrich, der sich nach seiner unehrenhaften Entlassung aus der Marine 1931 dem späteren Reichsführer SS Heinrich Himmler andiente, während Nebe im gleichen Jahr das Verbot missachtet hatte und förderndes Mitglied der SS, NSDAP-Mitglied und SA-Mann geworden war. In den vier Jahren seit der Machtergreifung ist er vom Kommissar im Raub- und Einbruchsdezernat zum Oberregierungs- und Kriminalrat aufgestiegen und leitet nach einem kurzen Einsatz im Amt der Gestapo das preußische Landeskriminalpolizeiamt.
Im Juni 1936 hat Hitler zu Nebes und der meisten Polizisten Entsetzen den Reichs-Heini Himmler zum Chef der Deutschen Polizei berufen. Kurz darauf wurde das LKPA endgültig aus dem Berliner Polizeipräsidium ausgegliedert. Unter Nebes Führung ist es nun für die fachliche Leitung der Kriminalpolizei aller deutschen Länder zuständig. Der könnte glücklich darüber sein, säßen nicht ausgerechnet Heydrich und der Hühnerzüchter Himmler über und sein Erzfeind Gestapo-Müller gleichrangig neben ihm.
Heydrich hat im SD seine eigenen Praktiken entwickelt, auf die er stolz ist und die er den konventionellen Kripo-Methoden vorzieht. Entsprechend wenig hält er von seinem höchsten Kripochef und dessen fachlicher Arbeit. Na schön, es gibt ein paar Erfolge wie die Aufklärung der Sprengstoffkatastrophe von Wittenberg, aber das sind Kinkerlitzchen, wenn Heydrich an den Autofallen-Terror denkt, der seit mehr als einem Jahr die Reichshauptstadt und ihre Umgebung beunruhigt. Der Führer selber, oft genug im Kraftwagen unterwegs, hat sich mehrfach negativ geäußert, der Reichsführer Himmler ist jedes Mal nahe einem Kollaps, kommt die Sprache auf die Banditen, und nun das: Am Vorabend des Ehrentages von Generaloberst Göring sind innerhalb einer Viertelstunde sieben Fahrzeuge mit insgesamt vierzehn Insassen, davon sechs bewaffnet, von zwei dreisten Räubern ausgeplündert worden.
«Erklären Sie mir mal, Nebe, weshalb kein Einziger von diesen Arschgeigen den Mumm aufgebracht hat, sich zu wehren oder auf die Halunken zu schießen!», schreit Heydrich mit erhobener Stimme und gibt sich dabei Mühe, den hallisch-anhaltinischen Tonfall in seiner Fistelstimme zu unterdrücken, die ihm bereits bei der Marine den Spitznamen «Ziege» eingebracht hat. «Möglicherweise waren deren Waffen nicht mal scharf!»
Nebe sitzt aufrecht. Er zuckt mit keiner Wimper. «Die Täter haben bei anderen Gelegenheiten mehrfach scharf geschossen und Personen verletzt, Gruppenführer», gibt er zu bedenken. Er hat die lange Liste der Überfälle im Kopf, vom ersten Ereignis im Grunewald, wo die beiden Unbekannten etliche Liebespärchen ausgeraubt hatten, bis zu den Autofallen bei Neu Zittau, Tasdorf und jetzt hinter Hangelsberg.
«Menschenskind, im Krieg ist auch scharf geschossen worden! Da hält man dagegen!» Heydrichs Stimme klingt noch immer schrill.
Was weißt du Rotzjunge vom Krieg?, denkt Nebe. Er hat an der Marne ein Sturmboot zu einem Brückenkopf vor sich hergeschoben, war zweimal gasverwundet, trägt das Ehrenkreuz der Frontkämpfer und das Eiserne Kreuz I und II. Schlimm genug, dass er sich hier von einem grünen Jungen aus der Provinz abkanzeln lassen muss. «Soweit ich informiert bin, befand sich ein Oberführer der SS unter den Überfallenen», sagt Nebe. Er weiß, dass er ein gefährliches Spiel spielt.
Heydrichs Lippen zucken, um die große Nase herum wird er weiß. Er ist berüchtigt dafür, bei seinen Ausfällen kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Niemand wagt es, ihm zu widersprechen. «Was glauben Sie, was ich mit dem mache!», schreit er. «Dem reiße ich den Arsch auf bis zum Haaransatz! Ein solcher Feigling hat in der SS nichts verloren!»
Nebe versucht, ihn zu beruhigen. «Gruppenführer, er hatte eine Dame im Auto, soviel ich weiß …»
«Es interessiert mich nicht, ob der seine Nutte spazieren gefahren hat oder sich im Dienst befand! Als aufrechter deutscher Mann hätte er groß dastehen können vor ihr. Zwei gezielte Schüsse, und wir wären dieses Scheißproblem endlich und endgültig los gewesen!»
Dem kann Nebe nur zustimmen. Doch so einfach lassen sich komplizierte Fälle eben nur aus der Sicht des absoluten Laien lösen.
«Zwei Mann, Nebe!», geifert Heydrich. «Und wir führen am Ehrentag der Deutschen Polizei einen Geisterkrieg, als ginge es um die Besetzung Österreichs! Und das Ergebnis? Nichts! Dafür sind ein paar hundert Beamte im Einsatz!»
Anscheinend immer noch zu wenige, denkt Nebe. Schon 1935, als sich die Überfälle auf drei Dutzend summiert hatten, war sein Vorschlag, einen Großeinsatz von Polizeikräften, SA, SS und den Männern des Kraftfahrerkorps NSKK durchzuführen, rundweg abgelehnt worden. Nur kein Aufsehen erregen! Deshalb wurden nur die Streifen verstärkt und die Überfälle über lange Zeit totgeschwiegen.
Immerhin, jetzt sind siebentausend Reichsmark Belohnung ausgelobt, der Aufruf, eine Einheitsfront mit der Kriminalpolizei zu bilden, steht vor der Veröffentlichung. Aber vielleicht ist den Kerlen mit irgendwelchen Riesenaktionen gar nicht beizukommen. Wie Gespenster tauchen sie aus dem Wald auf, bringen ungeniert ihr Schäfchen ins Trockene - manchmal nur ein paar Mark - und verschwinden auf die gleiche Weise wieder. Dichte Wälder gibt es rings um Berlin mehr als genug. Die Befragung der Beamten an den nächsten Stationen der Vororts- und S-Bahnen haben keine Anhaltspunkte ergeben, verwertbare Spuren sind praktisch kaum vorhanden, sieht man von den 9-Millimeter-Patronenhülsen ab, die an mehreren Tatorten gefunden worden sind. Aus Bauch und Hüfte des Verletzten vom Kleinen Stern im Grunewald hat man merkwürdigerweise 7,65-Millimeter-Geschosse herausoperiert.
Nachdem den Tätern bei einem weiteren Überfall eine moderne automatische Walther PPK Kaliber 7,65 Millimeter in die Hände gefallen ist, gibt die bei der nächsten Autofalle gefundene Patronenhülse neue Rätsel auf: Es handelt sich um handelsübliche Munition für einen Revolver des englischen Kalibers 320. Die Experten der Schusswaffenermittlung haben herausgefunden, dass sich die Munition auch in einer automatischen Pistole verwenden lässt. Die Spuren am Wulstrand der Hülse deuten darauf hin.
Das alles weiß Nebe, doch er sagt es nicht. Für derlei Details hat Heydrich kein Ohr. Das ist ein Geheimdienstfritze, wie er im Buche steht, kein Kriminalpraktiker. Fehlt nur noch, dass er wieder mit seinem Lieblingsthema anfängt, alle Berufsverbrecher gnadenlos auszurotten. Himmler hat sich Nebe gegenüber sogar zu der Behauptung hinreißen lassen, ein nordischer Mensch wäre nun mal von Natur aus kein Verbrecher.
Nebe hat auch dem Reichs-Heini nicht widersprochen, aber dessen Rassenfimmel geht ihm gehörig gegen den Strich. In seinen siebzehn Jahren bei der Kriminalpolizei sind ihm ebenso viele blonde Straftäter begegnet, wie in der SS Dienst tun. Gestern hat der Chef der Ordnungspolizei angeordnet, dass der Polizeinachwuchs künftig aus der rassisch überprüften SS gewonnen werden soll. Dabei pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass die nordische Bestie Heydrich selber eine jüdische Großmutter haben soll. Und Himmler und Goebbels? Typische Schrumpfgermanen, um sich in deren verquaster Terminologie auszudrücken.
Und richtig, Heydrich, der sich sonst eher kurz und knapp äußert, reitet auch diesmal sein Steckenpferd. «Das ist höchst einfach, Nebe! Sie kennen doch Ihre Kandidaten nur allzu gut! Nehmen Sie endlich alle wegen Raubes Vorbestraften in Vorbeugehaft, und der Spuk hat ein Ende. Die Richtigen sind todsicher darunter, und Göring hat außerdem gleich die nötigen Arbeitskräfte für seinen Vierjahresplan!»
Nebe ist anderer Meinung. Görings Pläne interessieren ihn sowieso nicht. Und anders als bei den Einbrechern ist die Rückfallquote unter den Räubern der hohen Strafen wegen nicht sonderlich hoch. Der kleinere der beiden Täter wird als relativ junger Mann um die 25 Jahre beschrieben. In den Verbrecheralben am Alex haben sie bisher vergeblich nach ihm gefahndet. Außerdem hält Nebe nichts von einer Methode, die zwar die Konzentrationslager füllt, aber keinerlei Erkenntnisse über die wahren Täter liefert. So etwas widerspricht kriminalpolizeilichen Erfahrungen. Von dem starken Rückgang der Verbrechen, von dem Berlins Polizeipräsident Graf Helldorff vorgestern in der Zeitung geschwafelt hat, kann überhaupt nicht die Rede sein.
Das alles hat er Heydrich schon mehrmals erklärt, und der mag keine Wiederholungen. Also schweigt Nebe, als hätte er verstanden, erhebt sich und grüßt mit erhobenem Arm.
Heydrich hat nur eine ungnädige Handbewegung für ihn übrig.
DER ERSTE TOTE
ES IST MITTWOCH, der 24. März 1937. Der Frühlingsanfang liegt schon drei Tage zurück, Ostern steht vor der Tür, doch es ist noch immer kalt und ungemütlich. Den dunkel gekleideten Mann, der abends gegen sieben Uhr zu Fuß auf dem Adlergestell unterwegs ist, scheint es nicht zu stören. Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, eine gut gefüllte Ledertasche umgehängt, so stapft er am Chausseerand von Berlins Ausfallstraße in Richtung Südosten dahin. Vom S-Bahnhof Grünau ist er ungefähr drei Kilometer entfernt, ein paar hundert Meter will er noch weitergehen in Richtung Schmöckwitz, wenn ihm nicht vorher ein Lieferwagen begegnet. Als sich aus Richtung Grünau ein Radfahrer nähert, bleibt er hinter einem Baum stehen. Dann fährt ein Pkw vorbei, und er drückt sich seitwärts in die Büsche. Zurück am Straßenrand, bemerkt er den schwachen Schein der Fahrradlampe zu spät, um sich erneut zu verbergen. Also setzt er seinen Weg fort, als hätte er den Radfahrer nicht bemerkt, und pfeift sich eins.
Der Radfahrer hält auf ihn zu und bleibt vor ihm stehen. Im funzligen Schein der Karbidlampe erkennt der Fußgänger die Polizeiuniform.
«Hallo! Wo wollen Sie hin?», lautet die in amtlichem Ton gestellte Frage.
Der Mann tut harmlos. «Nach Hause. Nach Schmöckwitz.»
«Und woher?»
«Vonne Arbeit. Adlershof.»
Der Beamte, Polizeioberwachtmeister Arthur Herrmann auf abendlicher Streifenfahrt, bleibt misstrauisch. Dass einer bei dieser Witterung von Adlershof nach Schmöckwitz läuft, wo ein paar hundert Meter weiter die Straßenbahnlinie 86 verkehrt, erscheint ihm auffällig. Der Überfall auf ein Liebespaar vor anderthalb Jahren ist ihm in unguter Erinnerung. Das war hier in der Gegend, das erste Mal im Osten und nicht im Grunewald, wie er von den Kollegen der Kriminalpolizei erfahren hat. Außerdem passt das Signalement des einen Straßenräubers durchaus auf den einsamen Wanderer mit der auffälligen Geldtasche.
«Was haben Sie da in der Tasche?»
«Na, meine Thermospulle mit Kaffee! Wat denn sonst?»
«Zeigen Sie mal her!»
Die Karbidlampe leuchtet hell genug, um zu erkennen, wohin der Polizist bei dieser Aufforderung greift: zur Pistolentasche.
Der Mann mit der verdächtigen Ledertasche ist schneller. Ein Schuss hallt durch den Wald, in dem der Schütze blitzschnell verschwindet. Der verwundete Beamte schießt ebenfalls und folgt dem Flüchtenden. Der bleibt hinter einem Baum stehen, feuert weiter. Nach wenigen Schritten bricht der Polizeioberwachtmeister Herrmann tot zusammen. Eine Kugel ist unterhalb des Schlüsselbeins durch die Brust gedrungen und im Rückgrat stecken geblieben. Die Schritte des Schützen verlieren sich im Gehölz.
Kurz darauf nähert sich wiederum ein Pkw. Darin sitzt fröstelnd Gebhard Braun aus Schmöckwitz. An der Temperatur ändert die bescheidene Wagenheizung seines Pkw kaum etwas, und die Fahrt durch den Wald ist ihm jedes Mal unheimlich. Der beginnt vor dem S-Bahnhof Grünau, dahinter führt die Straße nach einer sanften Kurve kilometerweit durch den dunklen Forst Oberspree.
Braun ist erschöpft - hinter ihm liegt ein harter Tag als Vertreter einer Maschinenbaufirma –, doch gleichzeitig ist er hellwach. In den Zeitungen hat er außer der ausgelobten Belohnung nichts mehr von nächtlichen Überfällen auf Autos gelesen. Nur die gut informierte Fama weiß genug darüber zu berichten. Gerade hier in der Gegend sind Kraftwagen ausgeraubt worden, wie Braun aus zuverlässiger Quelle weiß.
Links am Straßenrand leuchtet am Boden ein schwaches Licht. Es verändert sich nicht, als der Wagen sich nähert. Braun verlangsamt das Tempo. Irgendetwas ist merkwürdig. Er hält an. Im Graben erkennt er ein Fahrrad mit eingeschalteter Beleuchtung. Hat jemand einen Radfahrer überfahren und Fahrerflucht begangen?
Braun stellt seinen Wagen quer und leuchtet in den Wald, kann aber nirgendwo einen Verletzten entdecken. Er hupt und lauscht in die Dunkelheit. Nichts. Aussteigen will er nicht, das Ganze kann eine Falle sein. Am besten, er holt die Polizei.
Braun weiß, wo sich das Grünauer Polizeirevier befindet. Er wendet und fährt mit hoher Geschwindigkeit zum Bahnhof zurück, biegt rechts in die Wilhelmstraße ein und hält eine Minute später vor dem Revier 243 in der Mittelstraße.
Zehn Minuten später haben die Beamten die Gewissheit, dass es sich um das Dienstfahrrad ihres Kollegen Herrmann handelt, der um sechs Uhr abends zu einer zweistündigen Streifenfahrt aufgebrochen ist. Im Licht der Scheinwerfer ihres Einsatzwagens dringen die Beamten in den Wald ein und werden schon nach wenigen Metern fündig. Vor ihnen liegt die Leiche des Kollegen. Die Pistolentasche ist geöffnet, die Waffe findet sich in unmittelbarer Nähe der Leiche. Ein Selbstmord? Daran wollen die Kameraden des als besonnen geltenden Oberwachtmeisters nicht glauben.
Als Gennats Spezialisten am nächsten Morgen eine gründliche Spurensuche vornehmen, ist klar, dass der Polizist nicht durch einen Schuss aus der eigenen Waffe umgekommen ist.
Handelt es sich bei dem Täter oder den Tätern um die Landstraßenräuber, oder ist Herrmann einem eher zufälligen Verbrechen zum Opfer gefallen? Diese Frage bewegt Kommissar Kappe, als er in den frühen Morgenstunden des Gründonnerstag neben seinem alten Kollegen Galgenberg zwischen den Kiefern herumstapft.
«Das war vorauszusehen!» Galgenberg spielt mal wieder den nachträglichen Propheten. «Wer so ungeniert wie die beiden in der Gegend rumballert, trifft früher oder später auch mal einen.»
Dazu schweigt Kappe. Kommissar Busch vom Einbruchsdezernat, der die Ermittlungen gegen die Straßenräuber führt, predigt schon seit Wochen das Gleiche. Bisher hat das Morddezernat nichts mit den Fällen zu tun gehabt, obwohl es bereits im Juni 1935 im Grunewald zu einem ersten Schusswaffengebrauch gekommen war. Versuchter Mord - so was kam öfter mal vor. Außerdem hat man es im Polizeipräsidium lange nicht für möglich gehalten, dass es sich bei den Liebespärchen-Räubern im Westen um die gleichen Täter wie bei den Autofallen im Osten handeln könnte. Bis zu fünfzig Kilometer liegen die Tatorte auseinander. Seit Dezember 1936 muss dennoch als sicher gelten, dass Kommissar Busch recht hat: Die beiden Räuber - und mehr als zwei Maskierte sind nirgendwo aufgetreten - haben im Grunewald wie auf der Reichsstraße 1 mit der gleichen Waffe geschossen, vermutlich ein Trommelrevolver älterer Bauart mit glattem Lauf. Allerdings verfügen sie seit dem vergangenen Sommer über eine zweite Waffe, die bei einem weiteren Raub am Kleinen Stern erbeutete Walther PPK 7,65 Millimeter.
Kein Wunder, dass die Spurensuche im Grünauer Forst besonders gründlich ausfällt. Mit Erfolg. Die aus Herrmanns Dienstpistole abgeschossene Kugel wird gefunden. Vier weitere Patronen aus der Waffe, die nach dem ersten Schuss eine Ladehemmung hatte, liegen verstreut auf dem Waldboden. Außerdem findet sich eine Hülse 7,65 Millimeter, zu der die Bleikugel passt, die der Gerichtsmediziner aus Herrmanns Wirbelsäule herausoperierte.
Am Nachmittag des Gründonnerstag sitzt Prof. Dr. Brüning in der Preußischen Landesanstalt für Chemie lange vor dem Mikroskop und vergleicht immer wieder die Spuren an den Geschossen miteinander, die aus drei verschiedenen Überfällen stammen. Am Ende seiner Untersuchungen hat er keinen Zweifel mehr: Alle drei Geschosse sind mit der gleichen Waffe abgefeuert worden.
Als er sein Ergebnis dem Kriminalrat Gennat durchgibt, dem legendären Mordkommissar vom Alex, schnauft der beleibte Mann nur ärgerlich. «War nicht anders zu erwarten. Jetzt haben wir das dicke Ei im Nest.»
WEISSE OSTERN
«IST ES GRÜN zur Weihnachtsfeier, fällt Schnee auf die Ostereier», zitiert Hermann Kappe beim Familienfrühstück am Ostersonntag. Weihnachten 1936 war grün ausgefallen, jetzt bläst der kalte Ostwind tatsächlich ein paar Schneeflocken in den engen Hof in der Frankfurter Allee, auf den man aus dem Küchenfenster blickt. Wahrscheinlich will Kappe sich damit trösten, denn ursprünglich hatten sie ja vorgehabt, raus in die Müggelberge zu fahren, um dort die Ostereier für die Kinder zu verstecken. Doch Margarete, mit ihren neunzehn Jahren eigentlich schon zu alt für den BDM (und für das Ostereiersuchen natürlich auch), unternimmt mit ihrer Mädelschaft eine Heimatwanderung durch die Neumark, und für Kappe ist über die Feiertage Bereitschaftsdienst angesetzt. Draußen in Müggelheim und überall sonst, wo die Straßenräuber schon mal aufgetaucht sind, dürfen frierende Beamte aller Schattierungen Streife laufen und fahren. Die Osterspaziergänger werden die Wälder meiden, nachdem überall die Fahndungsplakate für den Mörder des Polizeioberwachtmeisters Herrmann hängen.
Sogar Klara Kappe, sonst nicht die Ängstlichste, macht sich diesmal Sorgen um ihren Angetrauten. «Deine gewöhnlichen Mörder erschießen mal einen, und damit ist es gut», sagt sie altklug.
«Aber die hier sind ja richtig gefährlich. Man müsste solche Berufsverbrecher ein für alle Mal wegsperren, das wäre das Beste!»
Und dir ein für alle Mal den Mund zu solchen Themen verbieten, das wäre das Allerbeste, denkt Kappe grantig. Nicht genug, dass er sich solche Sprüche im Präsidium tagtäglich anhören muss – jetzt fängt es auch schon in der eigenen Familie an. Als wären alle sogenannten Berufsverbrecher Mörder und alle Mörder von vornherein Berufsverbrecher!
«Wir haben in unserer Rotte darüber gesprochen», fängt nun auch Hartmut an zu klugscheißen. «Wenn man uns mit scharfen Waffen ausrüsten würde, könnten wir die Waldgebiete generalstabsmäßig durchkämmen und würden die Mörder bestimmt fangen.»
«Und euch dabei gegenseitig totschießen oder verwunden!», sagt Kappe. «Du wirst noch früh genug an scharfen Waffen ausgebildet werden.» Rotte, wie das schon klingt! Dass aus seinem Sohn mal ein Oberrottenführer wird, hat er sich nie vorgestellt. Und der zehnjährige Karl-Heinz gehört bei den Pimpfen einer Horde an!
Hartmut gibt nicht auf. «Wenigstens einen Tesching könntest du mir bewilligen», murrt er.
Da lacht sogar der Kleine. «Damit kannste höchstens auf Spatzen schießen, aber keine Verbrecher jagen!» Um Zustimmung heischend, sieht Karl-Heinz seinen Vater an.
Der sagt: «Schluss mit dem Thema! Heute ist erster Osterfeiertag, da schweigen alle Waffen.»
Jedenfalls möchte er das gerne. Das Bild des erschossenen Kollegen geht ihm nicht aus dem Sinn. Wer will schon so enden? Ein Beifahrer, den die Räuber im November angeschossen und ausgeraubt hatten, war erst vor drei Wochen als Invalide aus dem Krankenhaus entlassen worden. Und am 19. Februar, fünf Wochen nach dem Spektakel von Hangelsberg, hatten die Autoräuber wieder mit größter Dreistigkeit eine Baumfalle errichtet. Acht Fahrzeuge sammelten sich auf beiden Seiten, doch die Räuber blieben unsichtbar - verscheucht vom ersten Pkw mit einer Polizeinummer. Seitdem hatten sie sich noch nicht wieder gerührt.
Für die Kriminalgruppe M ist das Jahr 1937 anfangs ruhig verlaufen. Den dreifachen Mörder aus der Joachimstraße haben sie wie erwartet mit ihren gewohnten kriminalpolizeilichen Methoden innerhalb von drei Tagen zu einem Geständnis gebracht, und Gennat und seine Mannen dürfen sich wieder allgemeiner Anerkennung erfreuen. Das ist auch nötig, denn der Druck auf die Kriminalpolizei von Himmlers und Heydrichs Seite verstärkt sich seit Schaffung der Sicherheitspolizei, kurz Sipo, spürbar. Das Geschwafel über notwendige rassenbiologische Voraussetzungen und weltanschauliche Bekenntnisse jedes einzelnen Beamten nimmt überhand. Bezüglich seines und Klaras «arischen Nachweises» braucht Kappe keine Schwierigkeiten zu befürchten. Die Kirchenbücher in Wendisch Rietz bestätigen die urdeutsche Abstammung. Mit einer kleinen Ausnahme: Klaras Großvater war unehelich geboren und erst als Achtjähriger von dem späteren Ehemann der Urgroßmutter anerkannt worden. Kappe kann rechnen. Der Großvater war 1841 geboren, sein vorgeblicher Erzeuger 1827. Aber niemand hatte den vierzehnjährigen Vater beanstandet.
Klara hat vorgeschlagen, die Ostereiersuche in den nahen Friedrichshain zu verlegen, wozu die beiden Jungen nicht die geringste Lust verspüren. Hartmut vertieft sich gleich nach dem Frühstück in die dickleibige Urvätersaga von Hans Friedrich Blunck, Karl-Heinz will den Tag lieber mit immer neuen Angriffen seiner Soldaten auf die Pappmaché-Burg verbringen. Kappe selber gibt angesichts des Schneegestöbers vor, das Haus nicht verlassen zu dürfen, für den Fall, dass er zum Dienst gerufen wird.
Das ist natürlich Unsinn. Wie Alfons Busch von der Inspektion E in mühsamer Kleinarbeit herausgefunden hat, sind bisher Donnerstag bis Sonnabend die bevorzugten «Arbeitstage» der Räuber gewesen, sonntags und montags sind sie nur je einmal aktiv geworden, und das - wie bei allen ihren Unternehmungen - stets abends. Dabei sind die Kerle bei aller Brutalität offensichtlich nicht auf das ganz große Geld aus. Eine gut organisierte Bande ist das todsicher nicht. Die würde sich lohnendere Ziele aussuchen. Einmal haben die Täter den letzten Linienbus der BVG von Müggelheim nach Köpenick gekapert und versucht, an die Einnahmen des Schaffners zu kommen. Die beiden gewitzten BVGer schüttelten die Banditen im wahrsten Sinne des Wortes ab, ohne das Geld rauszurücken. Auch in dem Bus hatte einer der Räuber geschossen, die Kugel fand sich in der Rückenlehne des Fahrersitzes.
Die Kerle schrecken wirklich vor nichts zurück. Dabei fällt die Beute oft genug sehr bescheiden aus. Welches Liebespärchen im Grunewald trägt größere Geldbeträge mit sich herum? Ein Wunder überhaupt, dass immer noch welche so unvorsichtig sind, es dort im Auto miteinander zu treiben. Die zahlreichen Polizeistreifen stoßen immer wieder auf solche sorglosen Zeitgenossen.
Im Präsidium ist es kein Geheimnis, dass der Kommissar Busch selber oft mit seiner jungen Frau zum Kleinen Stern fährt und dort lange Abende und kalte halbe Nächte im Wagen verbringt, ohne dass die Räuber bisher aufgetaucht sind. Stattdessen geht vermutlich der Überfall auf die Stationskasse des S-Bahnhofs Grunewald auf ihr Konto.
Kappe grient vor sich hin. Das wäre was für Klara: mit ihm in inniger Umarmung in einem engen Auto zu hocken und auf einen bewaffneten Überfall zu warten! Der Führer hat es befohlen, kann er ihr ja weismachen, dass die Ehefrauen nationalsozialistischer Beamter ihre volle Einsatzbereitschaft zu zeigen haben! Ein Orden ist sicher, wenn das Lockvogelspiel gelingt …
Besser nicht! Auf seine seltenen Späße hat Klara noch nie beifällig reagiert. Kappe setzt sich an den Schreibsekretär und versucht, an etwas anderes zu denken als an den ewigen Dienst. Der Berliner Lokal-Anzeiger, den ihm Karl-Heinz vom Kiosk geholt hat, meldet nichts Aufregendes, sieht man davon ab, dass in der letzten Woche eine Bande von achtzig Hehlern und Einbrechern verurteilt worden ist, die vornehmlich im Westen Berlins ihr Unwesen getrieben hatte. Wo sonst? Das Geld ist nun einmal in Charlottenburg, Wilmersdorf und Zehlendorf zu Hause und nicht östlich und nördlich vom Alex, wo die Ganoven wohnen und die alten Ringvereine in den letzten Zuckungen liegen. Denen ist es seit 1933 an den Kragen gegangen. Berufsverbrecher eben, auf die es die neue Staats- und die Polizeiführung besonders abgesehen haben. In den KZs sitzen etliche der alten Garde, weitere Aktionen sind angedroht.
Gennat, dessen Gesundheitszustand seinen Untergebenen in letzter Zeit ziemliche Sorgen bereitet, hat nur trocken gelacht, als von seinem Dezernat Listen für in Vorbeugehaft zu Nehmende angefordert wurden. Mörder gelten erst nach der Tat als Verbrecher, hat er geknurrt. Ich wüsste trotzdem, wen wir hoppnehmen müssten …
Über Pommern hat ein Schneesturm getobt, liest Kappe. Berlin ist noch mal gut weggekommen. Heiter und kühl verspricht das Wetter zu bleiben. Alle vor 1933 geprägten Silberstücke, die sogenannten Wagenräder, verlieren am 1. April 1937 ihre Gültigkeit. Künftig gelten nur die Neuprägungen der Zwei- und Fünfmarkstücke mit dem Konterfei Hindenburgs und der Potsdamer Garnisonkirche.
Schließlich entdeckt Hermann Kappe doch noch einen Artikel, der ihn interessiert: Große Deutsche, die unter dem Zwei-Kinder-System nicht gelebt hätten. Auf was die alles kommen, um die Fruchtbarkeit des Volkes, angeblich ohne Raum, zu mehren! Er braucht sich mit seinen drei Gören nicht angesprochen zu fühlen, außerdem sind Klara und er ja aus dem Alter glücklicherweise raus. Aber die zarte Margarete - will er sich seine Tochter als sechsfache Mutter vorstellen? Oder Hartmut als vierfachen Vater? Hermann Kappe der Ahnherr einer Horde von Pimpfen und Jungmaiden?
Die Argumente in dem Artikel klingen überzeugend. Bei nur zwei Kindern pro Familie hätte Deutschland auf Albrecht Dürer, Friedrich den Großen, auf Kant, Bismarck und Richard Wagner verzichten müssen.
Auf Hermann Kappe nicht, denkt er beruhigt. Nach seinem Bruder Oskar ist er der Zweitgeborene. Pauline ist vier Jahre jünger, und schon in ihrer Kindheit hatte Oskar gelästert: Wenn Schwestern notwendig sind - warum hat der liebe Gott dann keine? So weit geht Hermann Kappe nicht. Er mag Pauline und ihren Mann, den Koch Hans Achtow, auf seine Art. Nur dass die beiden neben der hübschen Tochter Hildegard einen Dumpfbeutel wie den Sohn Max gezeugt haben, ist unverzeihlich. Kappe schüttelt sich, wenn er an den ebenso aufgeblähten wie dämlichen Neffen denkt, der ihm zuletzt in SS-Uniform begegnet ist. In manchen Familien genügen wirklich zwei Kinder!
MORD AN DER HUNDEKEHLE
HANNA UND BRUNO kennen sich seit einem Jahr. Bruno Lietz, der noch zu Hause bei Muttern in SO 36 wohnt, hat Maurer gelernt und Arbeit bei einer Firma gefunden, die in Karlshorst eine Pionierschule errichtet. Hanna, eine rotblonde Schönheit mit aufregenden Beinen, war ihm ein paar Mal morgens in der S-Bahn begegnet, bis ihre Blicke ihm genug Mut eingeflößt hatten, sie anzusprechen. Seitdem fahren sie jeden Morgen gemeinsam mit der S-Bahn, wobei Bruno gerne einen Umweg in Kauf nimmt, um schon an der Jannowitzbrücke zu ihr in den verabredeten Wagen zu steigen und nicht erst an der Warschauer Brücke. Hanna wohnt am Hackeschen Markt und arbeitet in der Eisfabrik in Rummelsburg. Wenn Bruno sie an sich drückt, hat er eher das Gefühl, er wärme sich an einem Backofen, aber das kann auch daran liegen, dass er für sie glüht.
Hanna ist neunzehn, Bruno zwei Jahre älter. Jeden Tag muss er damit rechnen, dass ihn die Wehrmacht einzieht und er seine Hanna nicht mehr regelmäßig sehen kann. Sein Chef versucht, ihn zu beruhigen: «Wir bauen hier fürs Militär, da wird jede Hand gebraucht.»
Über Ostern hatten sie eigentlich wegfahren wollen, irgendwohin aufs Land, wo man in einem Heuschober übernachten konnte, doch das kalte Wetter hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nun sind sie am Sonntag zur Wassersportausstellung am Funkturm gefahren und haben sich am Abend mit Hannas Freundin Edith und deren Verlobten Erwin getroffen, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Erwin, der in Charlottenburg zu Hause ist, hat zum Entzücken der Mädchen vorgeschlagen, in der Waldschenke am Bahnhof Grunewald tanzen zu gehen. Bruno musste notgedrungen zustimmen, obwohl er alles andere als ein begnadeter Tänzer ist.
Die Stimmung im Bahnhofsrestaurant ist ausgelassen, nur die Musik könnte nach Erwins und der Mädchen Geschmack etwas weniger altdeutsch sein. Bruno ist das einerlei, solange er seine Hanna fest an sich pressen und mit den Händen tief über ihre Rückenpartie fahren kann. In dem Gewimmel auf der Tanzfläche fällt das kaum auf, zumal wohl die meisten Pärchen auf das Gleiche aus sind, egal ob Rheinländer, Schmalztango oder Foxtrott gespielt werden.
Viel zu früh kündigt Berthold Wurzbacher, der Wirt, den letzten Tanz an. Sperrstunde, da kennt die Polizei auch hier draußen keinen Spaß. Beamte laufen genug herum, die meisten in Zivil. Dass im Grunewald keine Holzauktion stattfindet, sondern die Räuber umgehen, weiß jeder.
«Die sollen mal kommen!», sagt Bruno lachend und spannt die kräftigen Schultern. Er hat keine Angst vor Räubern, schon gar nicht nach den fünf, sechs Bier, die er intus hat.
Der Alkohol verleiht auch dem schmalschultrigen Erwin Mut.
«Ich denke, die sind jetzt abgehauen in den Osten», meint er. «Jedenfalls werden die wohl kaum jemanden direkt hier an der S-Bahn überfallen.»
Der Meinung sind auch die Mädchen. Dass man den angebrochenen Abend noch nutzen muss, ist ausgemachte Sache.
Die Auerbachstraße mündet nach kaum hundert Metern in den Uferweg am Hundekehlensee. Links liegen die Tennisplätze, am Ufer stehen Bänke, und so kalt ist es nun auch wieder nicht. Bruno lässt sich auf die nächste Bank fallen und zieht Hanna auf seinen Schoß. Vom Wasser her weht es kühl, doch das spüren sie nicht.
Edith und Erwin sind ein Stück weitergegangen und hinter den Uferbüschen verschwunden, da nähert sich von der Auerbachstraße eine dunkel gekleidete Gestalt. Bruno und Hanna sind viel zu beschäftigt miteinander, um sie wahrzunehmen. Erst als der Mann direkt vor ihnen steht und ihnen der Taschenlampenstrahl in die Augen sticht, reagiert Bruno.
«Mach die Funzel aus, aber dalli!», murrt er und schiebt sicherheitshalber Hanna von seinem Schoß.
«Halt’s Maul! Geld her, oder es kracht!» Tatsächlich zeigt der Kerl im Lampenschein eine Pistole.
Bruno ist nicht bei jeder Gelegenheit der Schnellste. Diesmal jedoch fährt er sofort hoch und stürzt sich auf den Mann. Der ist etwas kleiner als er und hat die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Mit dem werde ich allemal fertig, denkt Bruno. Bis ein Schuss kracht.
Hanna schreit laut auf.
«Hau ab!», ruft Bruno ihr zu. «Hol die Polizei!»
Hanna verschwindet in der Dunkelheit.
Bruno holt zu einem neuen Schlag gegen den Räuber aus, da knallt es ein zweites Mal. Er sinkt zu Boden. Dass der heimtückische Schütze seine Taschen durchwühlt, spürt er nicht mehr.
Zwei Minuten später hat der düstere Wald den Mann verschluckt. Er kennt sich hier aus. Der Kleine Stern, wo die Spandauer Straße auf die verlängerte Koenigsallee trifft und sich mit dem Weg von Paulsborn zum Großen Stern kreuzt, ist nur einen Kilometer entfernt. Aber dahin will er nicht. Allzu oft haben sie dort Beute gemacht. Da liegen die Bullen auf der Lauer. Der Mann zieht die Mütze vom Kopf, wickelt das Portemonnaie und die Pistole darin ein. Das Päckchen muss er loswerden, dazu die übergezogene Arbeitskleidung. Ihm bleibt nicht viel Zeit. Das Mädel braucht zum Bahnhof nur Minuten, dort gibt es eine Telefonzelle. In zehn Minuten werden die Grünen ausschwärmen wie die Hornissen.
Wie immer hat er an alles gedacht. Unter einer Baumwurzel ist ein Versteck vorbereitet. Hunde könnten ihm gefährlich werden. Also hat er Pfeffer verstreut. Jetzt muss er nur noch ungesehen die Bahngleise kreuzen und dann die Avus und den Königsweg.
Auf der anderen Seite liegen die Sportplätze der Berliner Hochschulen, da könnte er sich über Nacht einquartieren, wäre heute nicht ein Feiertag, an dem möglicherweise Studenten dort feiern oder nächtigen. Er muss weiter in Richtung Teufelssee und Heerstraße. Da wird ihn keiner vermuten. Er ist gut zu Fuß, und der nächtliche Wald schreckt ihn nicht.
Als er auf der Westseite von Avus und Koblenzer Bahn zwischen den Stämmen verschwindet, grient er vor sich hin. Mal sehen, ob am Dienstag was in der Zeitung steht. Max wird staunen, die alte Pfeife. Ohne ihn ist der ein Nichts. Dem geht bei jedem Ding der Arsch auf Grundeis, und der Polizeiwagen in Friedrichshagen hat ihm den Rest verpasst. Er hört ihn schon jammern: Du hast einen Polizisten erschossen. Und jetzt vielleicht noch einen jungen Burschen. Das wird uns den Kopf kosten!
Dazu müssen sie uns erst mal kriegen, wird er antworten. Das haben die in zweieinhalb Jahren nämlich nicht geschafft! Der junge Kerl hätte sich ja nicht wehren müssen. Hätte er sich vielleicht von dem verhauen lassen sollen? Und der Polizist? Was hätte der gesagt, wenn er in der Ledertasche nur Lumpen gefunden hätte?
Dabei war der Plan perfekt gewesen. Kam ein Lieferwagen, wollte er die Geldtasche einfach auf die Straße legen, so als hätte sie jemand verloren. Hielt die Karre, war das Übrige ein Kinderspiel, selbst für einen einzelnen Mann. Abschließend ein Schuss in die Reifen - und weg in den Wald. Er hätte die Kleidung und das Zeug vergraben und wäre irgendwo harmlos in die nächste Straßenbahn gestiegen.
Angefangen hatte alles eher wie ein Spaß. Dass sich allabendlich ein paar reiche Säcke mit ihren Damen rund um den Kleinen Stern sammelten, um sich in ihren Autos zu verlustierten, war ihnen durch Zufall aufgefallen. Beim ersten Mal waren sie dorthin gefahren, um die Sache auszubaldowern, dann hatten sie gleich viermal Erfolg gehabt. Nur einer war getürmt. Die anderen hatten freiwillig gezahlt, die meisten wahrscheinlich nicht mal Anzeige erstattet.
«Ich habe mir Ihre Adresse auf dem Führerschein gemerkt. Ihre Frau wird sich freuen, wenn Sie erfährt, dass Sie …»
Das genügte als Drohung. Nur sind die Kerle mit der Zeit widerspenstiger geworden. Manche behaupten, kein Geld bei sich zu haben, wehren sich oder veranstalten irgendein Theater. Gleich beim ersten Mal hatte eine Frau die ganze Zeit über gehupt und rumgeschrien, bis Max sie auf die friedliche Art zur Ruhe brachte. Die meisten hatten einfach Schiss, wenn sie die Waffe sahen. Ein paar Mal hatten sie erfolglos wieder abziehen müssen, weil es so verdammt nach Polente roch, dass Max sich fast in die Hosen schiss. In einem Auto saßen mal zwei, von denen die angebliche Frau todsicher ein verkleideter Bulle war.
Da war ihm die Idee mit den Bäumen und später mit den Drahtseilen gekommen. Die Bäume anzusägen und im passenden Augenblick per Wäscheleine zum Umkippen zu bringen, wollte gekonnt sein. Die Autos steckten jedenfalls fest. Am besten waren Lieferwagen, die mit Geld in die Stadt zurückfuhren. Oder welche, die Zigaretten ausfuhren. Allerdings mussten sie dazu das Revier wechseln. Im Westen war auf der Avus oder auf der Heerstraße viel zu viel los, um ungestört zu arbeiten. Im Osten dagegen führten beinahe alle Ausfallstraßen durch Wälder. Im Sommer ließ sich das alles per Fahrrad gut erkunden, und die Bahnverbindungen, um wieder nach Hause zu kommen, waren auch nicht schlecht.
Doch für eine echte Autofalle braucht er Max. Und der kneift im Augenblick. Wahrscheinlich steckt seine Frau dahinter, die neigt zu ulkigen Anwandlungen von Ehrsamkeit.
Er selbst bleibt lieber solo. Bloß keinen noch so hübschen Klotz am Bein, der alles besser weiß und vielleicht noch Rechenschaft über jede Minute und jede Mark fordert. Das ist nichts für ihn. Wenn er eine braucht, dann findet er sie, auf ein paar Mark kommt es ihm dabei nicht an. Solange der Ofen eben raucht. Er ist gespannt, für wie viel Mark der Bursche am Hundekehlensee sich auf einen aussichtslosen Kampf eingelassen hat. Das wird er erst in einigen Tagen erfahren, wenn es in der Gegend wieder ruhiger geworden ist. Vielleicht steht es ja in der Zeitung.
Dem müde wirkenden jungen Mann, der am Ostermontag morgens gegen halb sechs in Pichelsberg in die S-Bahn steigt, sieht keiner an, dass er in der Nacht quer durch den Grunewald marschiert ist. Und dass er vorher kaltblütig den Maurer Bruno Lietz niedergeschossen hat, der im Martin-Luther-Krankenhaus mit dem Tode ringt, schon gar nicht.
SOKO AUTOFALLEN
ÜBER NACHT ist es Frühling geworden. Was für ein Trost nach dem langen, grauen Winter! Die Knospen an den Linden in der Großen Frankfurter sehen aus, als könnten sie jeden Augenblick mit einem Knall platzen. Hermann Kappe ist an diesem Morgen nur im leichten Überzieher losgegangen und kommt selbst darin ins Schwitzen. Das mag auch daran liegen, dass er an nichts anderes denkt als an den Schwerverletzten vom Hundekehlensee. Die Ärzte hätten wenig Hoffnung, hieß es gestern. Und richtig: Im Präsidium empfängt ihn die Nachricht vom Tod des 21-jährigen Bruno Lietz, verstorben an den Folgen einer Nahschussverletzung in den Hals.
Was für ein Saukerl muss das sein, der einen jungen Menschen wegen ein paar Mark aus fünfzehn Zentimeter Entfernung niederschießt!
Schwer atmend und ungewohnt früh sitzt auch Gennat hinter seinem Schreibtisch und blickt ernst in die Runde. Nicht mal dem Schandmaul Galgenberg will eine alberne Bemerkung einfallen. Zwei Tote innerhalb einer Woche, einer davon ein Kollege, da braucht Gennat nicht lange über den Ernst der Lage zu referieren.
Der Herr Kriminalpolizeirat Dr. Brettschieß glänzt glücklicherweise durch Abwesenheit, da er mal wieder in höheren Gefilden weilt. Seit er einen Dienstrang bei der SS bekleidet, trägt er stolz die schwarze Uniform und spielt den Verbindungsmann, sprich Spitzel und Hofhund beim Reichsführer SS. Niemand vermisst ihn. Nebe sieht endlich eine Möglichkeit, den Schwätzer loszuwerden, und sei es an die vorgesetzte Behörde.
So geht es ja immer, denkt auch Kappe, Dünnbrettbohrer wie Brettschieß werden so lange befördert, bis sie auf einem Posten sitzen, wo sie maximalen Schaden anrichten können.
Vom Schaden, den die Polizeiarbeit durch das dreiste Auftreten der Räuber erleidet, ist ausführlich die Rede. Theorien werden durchgekaut, weshalb die wohl neuerdings einzeln arbeiten.
Kappe hält sich aus dem Palaver heraus. Weshalb Gennat ihm Kommissar Alfons Busch vom Einbruch zugeteilt hat, von allen nur «der Einbrecher» genannt, ahnt er vorerst nicht, zumal der junge Busch wenig begeistert scheint.
«Die vom Raub halten nicht viel davon, wenn einer vom Wohnungseinbruch ihnen ins Handwerk pfuscht», gesteht er Kappe.
Kappe winkt ab. Das ewige Kompetenzgerangel ist ihm vertraut und verhasst zugleich, obwohl er selber natürlich froh ist, beim Mord geblieben zu sein. Da gilt die amtliche Ansicht über die Berufsverbrecher als hauptsächliche Tätergruppe naturgemäß nur bedingt. Im Fall der beiden Toten allerdings …
Es stellt sich heraus, dass Busch sich seit Monaten quasi privat mit den Autoräubern befasst und eine regelrechte Statistik über deren Taten geführt hat. Er kennt alle Raubüberfälle seit 1934 aus dem Effeff, hat nächtelang die Akten studiert und manche halbe Nacht selber auf der Lauer verbracht. Am liebsten wäre er auch weiterhin «draußen» geblieben, doch sein Freund, der Staatsanwalt Henkel, hat seine Beziehungen spielen lassen, und nun ist er zum Chef der soeben gebildeten Sonderkommission «Autofallen» berufen worden, vermutlich auf Nebes Anweisung.
Kappe sind die Hintergründe von Buschs Einsatz gleichgültig. Er hat den Eindruck, dass Nebe eine gute Wahl getroffen hat.
«Wir werden uns schon zusammenraufen», sagt er zu dem Jüngeren, der ihn von Anfang an geduzt hat, wie es unter den jüngeren Beamten und Parteigenossen mittlerweile üblich ist. Busch ist kein Parteigenosse, wie Kappe zu seiner Erleichterung bald erfährt.
Sie machen sich an die Arbeit. Gemeinsam mit Busch muss er noch einmal gründlich die Freundin des Lietz und deren Freundin vernehmen, außerdem den Verlobten, den Wirt der Waldschänke und die Gäste, soweit man ihrer habhaft werden kann.
Das Ergebnis ist einigermaßen niederschmetternd. Zwar erweist sich die rotblonde Hanna als eine couragierte Zeugin, die ihre Tränen nur mühsam zurückhält, aber gesehen hat sie leider so gut wie nichts. Verschreckt von der Waffe, geblendet von der starken Taschenlampe und aus Angst um ihren Freund in Panik, hat sie nicht mehr bemerkt als eine untersetzte Gestalt mit einer Schirmmütze auf dem Kopf. So schnell sie konnte, war sie zur Telefonzelle am Bahnhof gelaufen und hatte die Polizei verständigt. «Mord!», hatte sie ins Telefon geschrien. Dann war sie zusammengebrochen, wofür sie sich noch immer schämt. Ihren Bruno hat sie nur noch einmal kurz gesehen.
An dieser Stelle lässt sie ihren Tränen freien Lauf, wofür Busch und Kappe Verständnis haben.
Die anderen Zeugen wissen noch weniger, um nicht zu sagen, gar nichts. Edith und Erwin haben den bewusstlosen Bruno vor der Bank gefunden und vergeblich nach Hanna gerufen, bis endlich die Polizisten auftauchten. Ein einzelner Mann ist ihnen nicht aufgefallen, weder auf dem Uferweg noch vorher in oder vor der Gaststätte.
Auch der Wirt, sichtlich mitgenommen von dem Mord, kann nichts Erhellendes über den Täter mitteilen. Er ergeht sich in Vermutungen über den Zusammenhang des Verbrechens mit dem Überfall auf die Bahnhofskasse Ende September 1936. Das Raubdezernat hat ihn schon damals gründlich und ohne Ergebnis vernommen.
Als Wurzbacher den Raum verlassen hat, schaut Kappe den Kollegen Busch fragend an. «Was war das für ein Überfall?»
Busch weiß alles darüber. «Die gleiche Nummer wie vier Wochen zuvor in Rahnsdorf», erläutert er. «Die Fahrkartenverkäuferin hatte gerade das Geld gezählt, als jemand irgendwo am Gebäude eine Scheibe einschlug. Sie öffnete die Tür, um nach dem Rechten zu sehen, vor ihr stand ein maskierter Mann, drängte sie in den Raum zurück und nahm das Geld. In Grunewald haben sie die Scheibe zum Kassenraum eingeschlagen, durchgefasst und die Tür aufgeriegelt. Sie sind rein, griffen das Geld vom Zahlbrett, dazu die Geldtasche - und weg waren sie. Das Kleingeld haben sie in der Eile liegenlassen.»
«Es waren also mehrere?»
«Zwei. Und du kannst sicher sein: Es waren unsere beiden. Der eine steht Schmiere oder lenkt durch die eingeschlagene Scheibe ab, der andere schießt, wenn es nötig scheint.» Busch sieht Kappe an.
«Ich habe dem Lohr lange nicht glauben wollen, dass alle diese Raubtaten von den gleichen Brüdern begangen werden, egal ob im Grunewald, in Rahnsdorf, Schmöckwitz oder bei Müncheberg. Wir haben zeitweise bis zu vier verschiedene Tätergruppen vermutet.» Heinrich Lohr, ein gestandener Mittfünfziger der alten Schule, ist Kriminalsekretär bei E I 5. Kappe kennt und schätzt ihn. Er fragt: «Und jetzt bist du sicher, dass der Lohr recht hat?»
Busch nickt. «Davon bin ich überzeugt. Mal sehen, was die Waffenfritzen diesmal rausfinden.»
Ein erstes Gutachten liegt vor. Den Kommissar Müller, Schusswaffen-Experte beim Reichserkennungsdienst, hat man am Ostermontag vom Frühstück weggeholt. Er hat festgestellt, dass es sich bei der am Tatort gefundenen Patronenhülse um die einer Zentralfeuer-Revolverkugel RWS 320 handelt, abgefeuert eventuell aus einer Selbstlade-Pistole Kaliber 7,65. Der Schlagbolzeneindruck liegt exzentrisch, am Hülsenboden-Wulstrand sind Auszieherkrallen-Spuren sichtbar. Eine genauere Untersuchung ist notwendig.
Professor Brüning meldet sich erst im Laufe des Dienstag vom Osterausflug zurück. Die Hülse liegt auf seinem Schreibtisch. Am Abend ist auch er sicher, dass die Patrone nicht aus einem Trommelrevolver, sondern aus einer automatischen Pistole 7,65 Millimeter abgefeuert worden ist. Aus der gleichen nämlich, die bei der Ermordung des Oberwachtmeisters Herrmann und bei zwei weiteren Autofallen-Überfällen verwendet worden ist.
Damit besteht endlich Gewissheit, dass es sich immer um dieselben Banditen handelt. Doch das macht die Sache nicht besser. Zwei einzelne Ganoven, die die Reichshauptstadt samt Umgebung tyrannisieren und Europas modernste Kriminalpolizei seit Jahren an der Nase herumführen!
Kappe ist nicht wohl dabei, als er erkennen muss, welche Bedeutung diese Soko Autofallen plötzlich hat, der er seit heute auf Gennats persönliche Weisung angehört.
«Ist der nicht zu alt?», beanstandet Nebe, als Gennat ihm die endgültige Zusammensetzung mitteilt. Wahrscheinlich erinnert er sich daran, dass Kappe jener sagenhafte Kommissar ist, der unter gelegentlichen Narkolepsie-Anfällen leidet …
Gennat beruhigt ihn: «Kappe ist noch keine fünfzig. Der Mann hat die richtige Nase für den Fall.»
«Na gut. Solange er dabei nicht einschläft …», sagt Nebe spöttisch.
Davon, dass Hermann Kappe einer der letzten nicht akademisch gebildeten Kommissare ist und immer noch sozialdemokratischer Gesinnung und Umtriebe verdächtigt wird, ist zwischen den beiden nicht die Rede. Nebe hat längst begriffen, dass man alleine mit Doktoren und strammen Nationalsozialisten keine zuverlässige Polizeiarbeit leisten kann.
KATASTROPHEN
HARTMUT KAPPE ist von der Fliegerei besessen. Seit er sich bei der HJ zu den Segelfliegern gemeldet hat und tatsächlich auch schon eine Runde über dem Flughafen von Johannisthal mitgeflogen ist, spricht er von nichts anderem. Sein Vater kann das verstehen, hat er doch selber mal in jungen Jahren für die Fliegerei geschwärmt, inzwischen allerdings eingesehen, dass ihn die Höhenangst daran hindern wird, sich jemals so einem Metallstorch anzuvertrauen. Und Segelflugzeuge bestehen sogar nur aus Sperrholz und Leinwand.
Hartmuts Begeisterung tut das keinen Abbruch. «Runtergekommen sind sie bis jetzt alle», erklärt er übermütig.
Seine Mutter schlägt vor Schreck die Hände zusammen. «Was du redest, Junge! Wenn ich mir vorstelle, du trittst einmal fehl und rutscht durch die Leinwand! Was sagst du dazu, Hermann?»
Kappe zuckt die Achseln. «Das sind die modernen Zeiten, Klara. Wir werden uns an mancherlei gewöhnen müssen.»
«Aber doch nicht an Flugzeuge aus Stoff! Die Ju, von der dauernd die Rede ist, besteht doch auch aus Blech …»
Hartmut will sich ausschütten vor Lachen. «Aus Blech, Mutti! Das ist hochwertiges Aluminium. Aber beim Zeppelin zum Beispiel besteht die Außenhaut nur aus Leinen und Baumwollbahnen. Die sind mit einer Zelluloselösung und Aluminiumpulver bestrichen. Die Propeller sind aus Holz.»
«Na, ich würde in so ein Ding nie einsteigen. Sind denn die vielen Passagiere nicht zu schwer dafür?»
Wieder lachen die Männer. «Der LZ 129 trägt bis zu 240 Tonnen, da könnte selbst die dicke Waluga mitfahren.» Gemeint ist die Gemüsefrau in der Lebuser Straße, bei der Klara oft einkauft.
«Mit fliegen », verbessert Klara.
Doch Hartmut weiß es besser. «Ballons und Luftschiffe fahren », beharrt er. «Alleine 88 000 Liter Dieselöl kann der Hindenburg mitnehmen. Als Antrieb dienen nämlich vier spezielle Dieselmotoren von Daimler-Benz. Sechzehn Zylinder in V-Anordnung, wassergekühlt.» In seiner Begeisterung merkt er gar nicht, dass Klara längst in der Küche verschwunden ist und auch sein Vater ihm kaum zuhört. «1200 PS Höchstleistung», schwärmt er weiter. «Damit sind die eins-fix-drei in Amerika.»
«Ja ja», bestätigt Kappe unaufmerksam. «Ist der Hindenburg nicht gerade wieder unterwegs?»
Seit 1930 verkehren Zeppeline im Linienflug über dem Ozean. Mit 125 km/h schweben sie dahin, und der LZ 129 Hindenburg ist das größte, schnellste und zuverlässigste Luftschiff aller Zeiten. Jedenfalls bis zum 6. Mai 1937. Da legt der LZ 129 planmäßig am Mast in Lakehurst, New Jersey, an. Das Wetter ist nicht besonders gut, eine Gewitterfront zieht auf. Für die Amerikaner aus dem nahen New York ist die Ankunft des Zeppelins aus Europa immer wieder eine Sensation, Wochenschauoperateure drehen ihre Filme, ein Radioreporter schildert seine Eindrücke von der riesigen, mit Wasserstoff gefüllten Silberzigarre, an deren Heck es plötzlich aufblitzt. Flammen und Rauch steigen auf. Lichterloh brennend, fällt die gewaltige Hülle in sich zusammen und sinkt auf den Boden.
Deutschlands Luftschiffträume sind zu Ende. Darüber sind sich am nächsten Morgen im Präsidium alle einig. Es gibt gar kein anderes Gesprächsthema. Selbst die Autoräuber geraten in den Hintergrund. Seit fünf Wochen hat man nichts Neues von ihnen gehört oder gesehen.
Nur Gustav Galgenberg kann selbst angesichts einer solchen nationalen Katastrophe nicht auf blöde Sprüche verzichten. «Schiffe niemals in die Luft», brabbelt er vor sich hin, leise immerhin, das will bei ihm etwas heißen. Stammt von ihm nicht auch der dämliche Reim: Zeppelin, Zeppelin,/ei wie hoch verehr ich ihn,/weil er immer dann und wann/einen fahren lassen kann …
«Halt dich zurück!», rät Kappe dem alten Kollegen zum wiederholten Mal. «Irgendwann brichst du dir das Genick.»
Galgenberg, der hinter seinem Schreibtisch hockt, blickt aus seinen traurigen Hundeaugen zu ihm auf. «Mensch, wenn de nich mal mehr das Maul aufmachen darfst …»
Ein paar Tage später macht er es doch wieder auf, und Kappe selber entgeht dabei nur knapp dem doppelten Blitzstrahl, der scharf wie SS-Runen auf den Kriminalkommissar Gustav Galgenberg niederfährt.
Kappe will morgens sein angestammtes Büro betreten. Weil er weiß, dass hinter ihm ausgerechnet der SS-Sturmbannführer Dr. Brettschieß das gleiche Ziel hat, grüßt er mit beinahe vorschriftsmäßig angewinkeltem Arm: «Heil Hitler!»
Galgenberg, der Unglücksvogel, hört nur die vertraute Stimme und den ungeliebten Gruß und fragt, ohne sich umzublicken, in seiner unnachahmlich nöligen Art: «Wieso? Isser krank?» Brettschieß läuft puterrot an. «Das hat Folgen, Galgenberg!», brüllt er. «Sie sind hiermit vom Dienst suspendiert! Packen Sie Ihre Sachen zusammen, und melden Sie sich in drei Minuten bei mir!»
Kappe steht wie die Gans, wenn es donnert. «Er hat doch nur …», wagt er anzusetzen.
Aber Brettschieß mustert auch ihn wie einen gewöhnlichen Delinquenten. «Wir sprechen uns noch, Volksgenosse Kappe!», faucht er. «Der Ton in dieser Sozi-Bude hier ist mir seit langem ein Dorn im Auge! Wird Zeit, dass mal ein frischer Wind reinweht!»
Durch die offene Tür wechseln Kappe und Galgenberg einen unaussprechlichen Blick.
Brettschieß zerrt Kappe am Ärmel. «Sie kommen gefälligst mit.
Sie sind schließlich Zeuge dieses unerhörten Vorfalls.»
Auch das noch, denkt Kappe. Hat sich denn alles gegen mich verschworen?
«Und damit Sie klar sehen, Kappe: Keinerlei Ausflüchte! Haben wir uns verstanden? Glauben Sie etwa, ich weiß nicht, dass Sie selber nicht ganz koscher sind, Herr Ex-Oberkommissar? Wie Sie wissen, geht dem Reichsführer jegliches Verständnis für Dienstverstöße dieser Art ab!»
In letzter Instanz und gemessen an den üblichen drakonischen Strafen, geht die Sache für Galgenberg noch glimpflich ab, wozu nicht zuletzt Gennats Einfluss beiträgt. Niemand verlangt von Kappe eine zeugenschaftliche Bestätigung des Vorfalls, den Gustav Galgenberg nicht bestreitet, sondern nur griesgrämig zu einem Missverständnis herunterzuspielen versucht.
Dr. Brettschieß besteht darauf, diesem Miesmacher nie wieder im Präsidium oder sonst wo zu begegnen, und es finden sich Zeugen, denen Galgenbergs vorwitzige Bemerkungen schon lange unangenehm aufgefallen sind. Von siegreichen Nasenkönigen sei da die Rede gewesen, womit nur Heydrich und Nebe gemeint sein konnten, und von einer Brillenschlange im höchsten Amt. Derlei Aussagen will nicht einmal Brettschieß nachgehen, sähe er sich doch dann in der Pflicht, selber die so Charakterisierten über den Präsidiumsklatsch informieren zu müssen. Er ist ja nicht lebensmüde.
«Schaffen Sie mir den Kerl aus den Augen, bevor ich ihn ins KZ stecken lasse!», lautet seine letzte Drohung, und Gennat beeilt sich, die Forderung umgehend zu erfüllen. Sind nicht zum 1. April dreißig verdiente Kriminalbeamte wegen Erreichung der Altersgrenze ehrenvoll aus dem Staatsdienst ausgeschieden und dadurch etliche Revierkriminalstellen vakant geworden? Die Gefahr, dass Brettschieß jemals dem zuständigen Kriminalbeamten des Reviers 244 in Berlin-Köpenick begegnet, ist gering.
Sang- und klanglos und versehen mit Gennats väterlichen Ermahnungen wird Gustav Galgenberg am nächsten Tag dorthin versetzt. Von weiteren disziplinarischen Maßnahmen wird vorerst abgesehen.
Abgesehen von den strammsten Nationalsozialisten, denen das nahezu parteilose Morddezernat schon lange stinkt, will keiner die Angelegenheit an die große Glocke hängen. Getratscht aber wird im ganzen Präsidium darüber.
Als Kappe, dem Galgenbergs tiefer Fall einen heillosen Schrecken eingejagt hat, am Mittag in der Kantine seinem Neffen Otto begegnet, spricht der ihn prompt darauf an.
Otto, einziger Sohn von Kappes älterem Bruder Oskar, der in der Yorckstraße einen Tabakladen betreibt, ist nicht ohne Kappes Zutun von der Schupo zur Kripo gewechselt. 26 ist Otto jetzt, Kriminalassistent und auf dem besten Wege, Karriere zu machen - wenn er denn in die Partei eintritt. Oder in die SS. Dazu fehlen ihm jedoch ein paar Zentimeter an Körpergröße, und als blond kann man ihn nur mit gutem Willen bezeichnen. Für sich hat Otto den besten Ausweg gefunden. Als Fahrer eines 98er DKW-Kleinkraftrades ist er dem NSKK beigetreten, dem Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps. Das muss vorläufig reichen.
«Was ist denn bei euch los?», will Otto wissen. «Da soll einer einen scharfen Führerwitz verbreitet haben?»
Kappe winkt ab. «Nicht hier!», stößt er zwischen den Zähnen hervor.
«Ich müsste sowieso dringend mal mit dir reden, Onkel Hermann.»
Kappe schätzt es nicht, im Dienst mit «Onkel Hermann» tituliert zu werden. Das hat er dem Neffen schon ein paar Mal erklärt. Brummig sagt er: «Meinetwegen. Du kommst am besten abends bei uns vorbei.»
Otto lacht. «Ich weiß nicht einmal genau, wo du jetzt wohnst.»
«Jetzt?» Kappe ist verblüfft. Seit 1931 wohnt er nun in der Großen Frankfurter Straße und hat dort endlich das richtige Zuhause gefunden. Sogar Klara hat sich eingewöhnt und jammert den kleinen Räumen in der Hufeisensiedlung in Britz nicht mehr länger nach. Die Kinder fühlen sich wohl, eine nette Eckkneipe befindet sich im Nebenhaus, und der Blockwart zeigt gehörigen Respekt vor dem Herrn Kriminalkommissar Kappe.
Am Anfang hat ihn sein Bruder Oskar einmal dort besucht, gemeinsam mit seiner Frau Frieda und den beiden Töchtern. Die sind inzwischen zu ansehnlichen jungen Damen herangewachsen, wie Hermann Kappe weiß, hatte sich doch die ganze Bagage im vorigen Jahr zu Ottos Hochzeit in der Yorkstraße versammelt. Richard Börnicke, Ehemann von Kappes Tante Frieda, war allen mit seinen NSTiraden auf die Nerven gegangen. Der alte Krakeeler ging auf die achtzig zu und lamentierte laut darüber, dass keiner in dieser ganzen verkappten Sozi-Bande in Uniform erschienen war.
Das hatte ausgerechnet Max Achtow, Sohn von Hermann Kappes Schwester Pauline, zu dem lauthals herausgeschrienen Bekenntnis veranlasst, er habe sich zur SS gemeldet und erwarte stündlich seine Aufnahme in des Führers Schutzstaffel. Ein Aufstöhnen war durch die Reihen der Familie gegangen, und irgendjemand hatte respektlos angemerkt: «Ach, Max, du hast det Schieben raus …»
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