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Jan Corvin Schneyder

DIE STERNE IN UNS

ROMAN

PENDRA UNIVERSE TALES

Für M., J., J. und H.

Inhalt

PENDRA UNIVERSE TALES

LETZTE WARNUNG

I ABGESCHALTET

II GALWAY

III ALLEIN

IV EINGELOGGT

V FILMENDE

VI PANIKRAUM

VII NOONA

VIII FLINK

IX JILL

X TEAMARBEIT

XI LEGIA UNIA

XII MACAULAY UND TINA

XIII FLURPARTY

XIV KARLSTEIN

XV VAMPIRE

XVI FANTASY

XVII ABGRUENDE

XVIII MONDNACHT

XIX AUGENOEFFNER

XX LIEBESKRAM

XXI PARAPSYCHO

XXII MEGA STEALTH

XXIII STAN

XXIV MIRACULOUS

XXV SCHOCK

XXVI INION

XXVII UNDERDRESSED

XXVIII RETROSPEKTIVE

XXIX WALD

XXX ATEM

XXXI SPINNE

XXXII TRAPPED

XXXIII UNFAIR

XXXIV HALBSCHATTEN

XXXV CONSTRICTOR

XXXVI PARIS

XXXVII SPACE

XXXVIII DOOM

XXXIX KATAKLYSMUS

XXXX LEATHSCATH

XXXXI GEERDET

XXXXII SHEELIN

DIE STERNE IN UNS

DER AUTOR

DANKSAGUNG

LETZTE WARNUNG

Hallo, ich bin ein Mädchen.

Schwachsinn! Noch mal! Und was ist das eigentlich für eine dämliche Funktion, die da immer aufleuchtet? Dieses VoxCom spinnt!

Hallo, ich bin eine Frau. Ich bin eine Frau und …

Was ist das für ein naiver Blödsinn? Neu!

Stellachron 370 …

Halt! Wen interessiert die interstellare Calculator-Zeitangabe? Doch nur Männer. Technik-Nerds. Unsexy! Reiß dich mal zusammen, Mädchen! Da! Schon wieder dieses Wort. Aber dürfen Frauen nicht manchmal auch noch Mädchen sein? Doch! So, ich sortiere mich besser noch mal neu. Und irgendwie zeichnet das VoxCom unpräzise auf. Ob ich nicht doch tippen sollte?

Mein Name ist Vanessa Woodman. Ich bin in Sheffield aufgewachsen. Sheffield ist eine Stadt auf der größten, also auf der rechten der früher mal so genannten Britischen Inseln. Manche nennen die Gegend, in der es liegt, auch heute noch England, wenn es England natürlich auch nicht mehr als eigenen Staat gibt. Schließlich ist die ganze Erde ein namenloser Staat. Es ist eben ein besiedelter, geeinter Planet. Ende.

So, das war nun aber auch alles an Geschichte und Politik. Interessiert mich nämlich auch nur wenig.

Ich drück mich mit der Einleitung doch nur um die Erzählung herum. Ich kann mir oder ihr doch eh nicht entkommen. Puh, wo ist mein Kaffee eigentlich? Nicht da. Toll. Konzentrier dich mal!

Ich war, als es begann, nicht mal Ende Zwanzig und hatte schon ziemlich viel verrücktes Zeug erlebt.

Gott, das klingt schwer nach langweiligem Tagebuch-Eintrag, aber warum grinse ich dann so? Manche von diesen verrückten Sachen füllen mein Herz bis heute mit Feuer, Dunkelheit, Wärme und Sternen. Das schreib ich hier aber besser nicht hin.

Ich bin eigentlich keine nostalgische Geschichten-Oma, deswegen jetzt erst einmal nichts weiter zu den vielen Geschichten vorher. Es war auf jeden Fall ein bisschen mehr verrücktes Zeug, als ein durchschnittlicher Mittzwanziger gesehen haben sollte. So richtig aus der Bahn geworfen hatte mich das aber nicht, und da war ich fast ein bisschen stolz drauf. Da war ziemlich viel außerirdischer Scheiß – sorry, ich drücke mich nicht immer prinzessinnenhaft aus, aber das hier ist eh nichts für Kinder - und Krieg mit dabei gewesen, inklusive Todesangst und Verzweiflung.

Es hatte sogar Momente der Todesgewissheit gegeben.

Gewissheit ist viel mehr als Angst.

Und da fuhr kein kitschiger Lebensfilm am inneren Auge vorbei!

In diesen Momenten hatten mich ein letzter, klarer Gedanke oder ein eindringliches Gefühl erfüllt. Und dann, einen Wimpernschlag vor dem vermeintlichen Tod, hatte ich weder Trauer noch Furcht gespürt, sondern Zuversicht. Mir war so, als könne ich sicher sein, dass es danach gut für mich weiterginge.

Ich wollte trotzdem lieber weiterleben. Warum denn nicht steinalt werden? Die Lebenserwartung war hoch, wenn man mit dem Hintern auf der Erde blieb und nicht aus dem All gepustet oder von Photonen gebraten wurde.

Ich hatte nach den wilden, gefährlichen ersten Jahren meines Jobs eine neue Stelle angenommen. Die trug einen gehörigen Teil dazu bei, dass ein actiongeladener Tod nicht mehr ganz so wahrscheinlich war.

Ich blieb aber weiter Stalev in der ST, der Squadronica Terrensis. Stalev ist ein Offiziersrang mit ein bisschen Befehlsgewalt, die ST ist die interstellare Flotte der Menschheit, exekutives Organ der Unyon of Worlds.

Klingt kitschig, ich weiß.

Die Squadronica war das einzige militärische und diplomatische ausführende Organ, also der interstellare Werkzeugkasten der Menschheit. Den öffnete sie in jeder freien Minute für die Wissenschaft, aber man ließ sie leider nicht immer in Ruhe forschen. Fast jedes ihrer Raumschiffe trug Waffen, manche verdammt viele davon.

Da bin ich vielleicht nicht typisch weiblich, falls es sowas überhaupt noch gibt. Ich mag Waffen nämlich. Ich habe Waffen und Kampftechniken schon immer gemocht.

Einige Jahre lang hatte ich auf Schiffen programmiert, geschraubt und Leute weggekickt, aber dann, wahrscheinlich gerade noch rechtzeitig, war ich im wahrsten Sinne des Wortes bodenständig geworden. Ich ließ meinen Hintern fortan unten, raus aus dem Weltall. Das war besser so für mich, und es funktionierte auch zwei Jahre lang richtig ordentlich, ganz ohne Fernweh.

Klar hatte ich als Teenager von Abenteuern und Forschungsreisen geträumt, auch davon, das Universum zu einem besseren Ort zu machen. Reisen waren aufregend, andere Völker und Kulturen interessierten mich sehr, aber ich hatte leider auch viele Existenzen kennengelernt, die nichts Gutes im Schilde führten. Ich hatte auch viele Menschen kennengelernt, die nichts Gutes im Sinn hatten.

Man wird dann leider schnell, sehr schnell, zu schnell so richtig erwachsen.

Irgendwas in mir verkrampft sich total, wenn ich nur daran denke, dass ich gleich richtig loslegen muss. Wie wird sich das anfühlen, wenn aus den Erinnerungen Worte werden? Aber ich muss das aufschreiben! Come on, Woodi!

Ich arbeitete nun im Cluster für Orbitalgeschütze.

Diese gigantischen Kanonen waren um den ganzen Erdball verteilt und sollten, vom Asteroiden bis zur feindlichen Invasionsflotte, alles aus der Umlaufbahn pusten, was uns ungebeten zu nahe kam. Da das gesamte System bei einer nur knapp gescheiterten feindlichen Invasion zwei Jahre zuvor in Grund und Boden geballert worden war, hatten wir seither eine Menge wiederaufzubauen. Natürlich sollte es nicht nur repariert, sondern auch verbessert werden. Es würde zahlreicher und mächtiger knallen als je zuvor. Wir machten aus der ganzen Erde ein Biest aus Stahl.

Im übertragenen Sinne.

Natürlich waren Orbitalgeschütze nicht mehr aus Stahl gefertigt, aber der Planet sollte wie ein antiker Kampfkreuzer der ersten Weltkriege ganze Salven von Sperrfeuer ungeheuren Kalibers in den Orbit feuern können.

Ich steigerte mich manchmal richtig in die Sache rein. Manche Simulationen vom fertigen System sahen einfach genial aus. Ich hörte gern Heavy Metal dazu, wenn ich sie mir reinzog. Ich weiß, dass Waffen böse sind und Leben beenden, aber ihre Faszination konnte ich mit Verstand, Logik oder Philosophie nicht kleinkriegen. Wenn sie nun leider schon mal in der Welt waren – nicht nur bei uns, sondern auch bei fast allen anderen Völkern, denen wir begegnet waren – dann sollten sie auch funktionieren und effektiv sein.

Irgendjemand musste sich darum kümmern.

Weiß Gott, warum ich mich um sie kümmern wollte, aber so war es nun mal.

Ich arbeitete gar nicht allzu weit weg von meiner Geburtsstadt Sheffield, nämlich auf der kleineren linken Insel.

Die nannte fast jeder immer noch Irland.

Von dort und von Island aus deckte meine Sektion den nordatlantischen Raum in westlicher Hemisphäre ab. Drüben auf dem amerikanischen Kontinent oder auf der anderen Seite in Skandinavien standen natürlich auch Geschütze. Dort gab es viele weitere Teams, und wir überlegten in wiederkehrenden Gesprächsrunden gemeinsam, ob wir nicht auch wassergestützte Systeme anlegen sollten, die zum Beispiel auf ehemaliger Atlantis-Lage zwischen Europa und Amerika mitballern könnten. War eigentlich nicht nötig, aber ich hätte es cool gefunden!

In Irland selbst standen vier Geschütze, jeweils eins an den Küsten der vier Haupthimmelsrichtungen.

Ich lebte in der Nähe des westlichen Geschützes. So übervölkert die Erde mal gewesen war, zu jener Zeit war sie es nicht mehr. Und dort war sie es eigentlich nie gewesen. Neben den anderen Offizieren und dem Hilfspersonal, das in Irland Dienst tat, lebten in der ganzen westlichen Region vielleicht fünfhundert Menschen.

Ich liebte es.

Das war eine andere Seite an mir.

Stille und Leere waren erholsam. Sie waren das Gegenteil von Technik und Waffengewalt. Andererseits mochte ich auch Action und Partys, aber das ließ mit zunehmendem Erfahrungsschatz doch ein wenig nach. Spaß und Lärm holte ich mir ab und zu immer noch, aber andernorts und nicht mehr so heftig wie früher.

Action passiert eh mehr im Kopf als vor der Nase.

»Woodi, was machst du da eigentlich für´n Scheiß? Schreibst du deine Memoiren, oder was? Wir wollten doch los und du hilfst absolut gar nicht beim Packen!«

Danke schön! Dein Gebrüll ist jetzt schön mit ins VoxCom gerattert!

»Ja, sorry, ich komm gleich!«

Das war … egal jetzt, wer das war. Wir wollten wirklich zum Strand und ich sollte helfen, den Picknickkorb und all das andere Zeug zusammenzusuchen und einzupacken.

Irgendwann musste ich ja anfangen, es aufzuschreiben. Alles, was geschehen ist.

Es war bislang nie der richtige Zeitpunkt dafür.

»Woodi!«

Alle, die mich ein bisschen besser kennen oder vielleicht sogar mögen, nennen mich Woodi.

Und ich muss jetzt diesen Text schreiben.

Ich soll es. Anweisung. Und ich will es ja auch.

Wenn ich vom Strand zurück bin, schreibe ich auf, wie es anfing. Der Rest läuft dann von allein.

Letzte Warnung.

Es wird heftig.

I
ABGESCHALTET

Es piepte und piepte und piepte. Es hörte gar nicht mehr auf.

Ich ging genervt an den Kontrollen vorbei und sah mir alles an, zumindest oberflächlich.

Was zur Hölle piepte da eigentlich?

Müsste ich das nicht wissen?

Ich fand es nicht heraus, neigte schmunzelnd den Kopf und ließ es einfach weiter piepen.

Wird schon nicht wichtig sein. Jaja, in Horror- und Katastrophenfilmen passiert in solchen Momenten immer etwas Schreckliches, aber in der Realität eben nicht. Mein Leben ist kein Klischee, wenn ich es nicht dazu werden lasse.

Ich massierte mir die Schläfen und trank einen Schluck Kaffee. Er war zu heiß. Ich fluchte still.

Zunge verbrannt, aber immerhin nicht vollgesabbert.

Es war einfach zu früh.

Und Montag.

Natürlich waren die Stationen auch am Wochenende besetzt, aber ich war Stalev. Ich war in dieser kleinen Untersektion befehlshabend. Klar muss ich zwischendurch auch mal solidarisch sein und mir Wochenendschichten auferlegen, aber meistens muss ich es eben nicht. Und ich wusste, dass die anderen das akzeptierten. Die wenigen anderen Squad-Offiziere waren jünger als ich. Mein Alter war gar nicht so leicht zu unterbieten, aber Kriege fordern Opfer und senken den Altersschnitt. Das zivile Hilfspersonal hingegen war überwiegend deutlich älter als ich, aber Zivilisten gaben sich hinsichtlich der Wachbereitschaft diensthabender Offiziere keinen Illusionen hin. Sie halfen ja auch gern. Niemand zwang sie dazu. Klassische Zahlungsmittel früherer Zeiten gab es zwar nicht in unserer Realität, aber ein paar Privilegien als Entlohnung, und im Dienst für die Regierungstruppen ließ sich da am ehesten ordentlich absahnen. War völlig in Ordnung. Ich war zwar nicht deswegen in dieser Position, aber jeder durfte sein, wo er wollte. Das war das Gute an unserer Zeit. Fleiß, Disziplin, Kreativität, Durchsetzungsfähigkeit und Cleverness, um etwas zu erreichen, musste man immer noch selbst aufbringen, aber wenn man einfach nichts tun wollte, dann zwang einen auch niemand dazu, etwas zu tun. Etwa fünfzig Prozent der erwachsenen Erdbevölkerung tat nichts, das als Beruf erkennbar gewesen wäre, aber niemand hätte sie als arbeitslos bezeichnet.

Ich wollte aber etwas tun.

Entweder hatte man Talente oder man lud sich Fähigkeiten durch Lernen und Trainieren drauf, das war bei jedem anders. Aber ohne Leistung gab es auch keine verantwortungsvollen Positionen. Nahrung, Wohnung, alle Arten von Unterhaltung, von Reisefreiheit und so weiter hatte wirklich jeder, aber Privilegien waren nicht angeboren und wurden auch nicht verschenkt. Einsatz war schon wichtig. Das fand ich gut so.

»Stalev Woodman?«

Ich drehte mich um und bekam schlechte Laune.

Jensen, auch das noch.

Jensen war Dewie, also einen Rang unter meinem Stalev-Dienstgrad. Er war ein dürrer, großer Typ, Anfang Zwanzig, dem Regelfanatismus und Selbstüberschätzung angeboren schienen. Der Typ war nie betrunken, nie krank und nie unsachlich. Leider war er kein robotischer Humanbot. Die menschlichen Reste in ihm machten die anderen Eigenschaften nur schwer genießbar. Ok, keine Reste, er war ein Mensch, zumindest laut Akte. Als Mann konnte ich ihn schon gar nicht wahrnehmen. Eher als ein pedantisches Kind.

»Was?«, lautete meine nicht gerade angemessene Antwort.

Ich war seine Vorgesetzte, aber er hatte ein Talent dafür, Respekt vor mir aus seinem Tonfall und Benehmen konsequent fernzuhalten. Jetzt zeigte er wieder dieses fiese Lächeln, das nichts als Arroganz und Besserwisserei ausdrückte. »Stalev Woodman, wir müssten die Wartungsroutine entweder durchführen oder wenigstens den Signalton abstellen.«

Die Wartungsroutine! Natürlich! Die piept nur einmal im Jahr so. Äh, glaube ich.

»Das weiß ich selbst«, log ich.

»Und wieso piept es dann noch?«

Er klemmte sich ein Notizdisplay unter und verschränkte die Arme wie ein ungeduldiger Vater vor dem bockigen Kind.

»Und? Wieso?«, besaß er die Frechheit, nachzuhaken.

»Was und?«

Ich massierte mir weiter die Schläfen und trank noch einen Schluck Kaffee.

Verflucht noch mal! Immer noch zu heiß!

»Werden wir sie durchführen oder verschieben?«

»Was?«

Jetzt lachte er süffisant.

Ach so, die dämliche Routine.

»Verschieben natürlich!«, warf ich schnell hinterher.

»Darf ich fragen, wieso?«

Dieses Tadeln ging mir gehörig gegen den Strich. War das mein persönliches Gefühl oder verhielt er sich wirklich unangemessen? Weil ich eine Frau war vielleicht?

Völlig egal. Nicht meine Aufgabe, mir darüber Gedanken zu machen. Nicht wichtig nehmen. Einfach nicht wichtig nehmen!

»Nein, dürfen Sie nicht, Dewie Jensen, tun es aber trotzdem. Lesen Sie es mir von den Lippen ab: Weil ich es sage!«

Er verharrte in seiner selbstherrlichen Körperhaltung, die nach Oberlehrer aussah.

»Schalten Sie den Ton ab, wenn es Sie glücklich macht, und gehen Sie auf Station!«, befahl ich, und zwar ganz bewusst in deutlichem Kommandoton.

Das reaktivierte seinen Regelfetisch. Er salutierte – das war völlig überflüssig in einem Mini-Team am Ende der Welt - und ging zum mittleren Kontrollpult. Drei Handbewegungen später verstummte das penetrante Piepen. Er verkniff sich einen weiteren nervtötenden Blick oder Kommentar und ging wieder hinaus.

Ich atmete auf. Dann merkte ich mir die Durchführung der Wartungsroutine für die kommende Woche vor – ohne Jensen daran zu beteiligen. Ich stand nicht weit genug oben in der Kommandostruktur, um tadellose Mitarbeiter ohne Grund zu versetzen, also musste ich alle legalen Möglichkeiten nutzen, um Jensen von mir fernzuhalten. Ihm gab ich besonders gern Wochenendschichten, aber ich wusste, dass ich es nicht übertreiben durfte und auch, dass dies eine kleinliche und unfaire Handlungsweise von mir war.

Andererseits war ich mir ziemlich sicher, dass er an Wochenenden eh nichts Besseres vorhatte.

Aber egal. Wer von uns ist schon perfekt? Ich sicher nicht. Wenigstens weiß ICH das.

Im Kontrollraum, den ich am liebsten allein besetzte, gab es drei Konsolen. Jeweils auf etwa eineinhalb Metern Höhe befand sich eine Reihe von Schaltflächen, die man mit den Händen bediente. Nur noch gerade so auf Augenhöhe, zeigten mir Monitore und Kontrolldisplays die Auswirkungen dessen, was man mit den darunterliegenden Schaltflächen steuern konnte. Heute standen weder Aufbauten noch Tests an. Das hieß für mich und mein kleines Team, das sich im Gebäude verteilte, dass wir lediglich die Einsatzbereitschaft der vier irischen, der drei isländischen, der zwei schottischen, des walisischen und der vier englischen Orbitalgeschütze sicherstellen mussten. Sie waren jeweils nach den früheren Ländernamen in Gruppen gefasst, die Einzelgeschütze dann nach ihrem genauen Standort benannt.

Wir waren die Mask Unit, weil unsere Station am Lough Mask im irischen County Mayo lag. Unser Geschütz stand nicht direkt vor der Tür, sondern im relativ nahen Städtchen Galway.

Wir waren die Leader-Unit dieses Konglomerats.

Darüber hinaus musste ständig überwacht werden, ob alle Geschütze sicher waren, das heißt, dass sich niemand ihnen näherte oder sich ins System einschleuste.

Zuletzt galt es, die Kommunikation der planetaren Verteidigungslogarithmen zu überwachen. Mein Netz musste mit allen anderen Netzen des Planeten harmonisch interagieren.

Unendliche Datenmengen rauschten jeden Tag durch diesen Raum.Er war die Zentrale und zugleich mein Büro, allerdings kam nicht selten jemand ohne Ankündigung hereinspaziert.

Ich betätigte mein Interkom auf der Frequenz von Dewie Bekker.

»Jill, pass auf. Lord Bügelfalte ist im Anmarsch.«

Jill Bekker seufzte.

»Ich kann zwar besser mit ihm als du, aber mein Kopf tut weh von gestern!«

Ich musste müde lächeln.

»Meiner auch, Jill. Meiner auch.«

Jetzt hörte ich sie leise lachen.

»Dieses Wiederholen von Satzteilen soll intellektuell klingen, hm?«

»Wer weiß, Jill. Wer weiß«, sagte ich.

Sie brachte mich zum Grinsen, und dafür war ich ihr dankbar. »Sag mal, wusstest du, dass die Routine wieder fällig ist?«, fragte ich beiläufig.

»Häh? Einmal pro Jahr ist die fällig. Hab ich doch vor vier, fünf Monaten durchgeführt, als du in Cardiff warst, weißt du nicht mehr?«

Ich brauchte einen Moment.

Das kam überraschend.

»Aber Jensen hat gesagt, sie wäre fällig, und dann hat er das Piepen abgestellt.«

»Was für ein Piepen? Die Routine sendet Text und Lichtsignale auf die Mittelkonsole. Die piept doch nicht!«, sagte Jill.

Irgendwie sollte ich mich intensiver mit den Dingen befassen, für die ich verantwortlich bin.

»Ah, ja. Äh, das wusste ich.«

Jill kicherte.

»Sicher wusstest du das. Ganz sicher. Jill Ende. Auftritt Darth Jensen.«

Ich ging zu der Konsole, an der Jensen das Piepen abgestellt hatte. Man konnte sich die Eingabeprotokolle anzeigen lassen, also würde ich herausfinden, was er getan hatte.a

Annäherungs-Detektor: Fehlfunktions-Warnung. Standort Galway. Deaktiviert.

»What the fuck?!«

Das Geschütz in der Nähe der westirischen Hafenstadt Galway war das uns am nächsten liegende Executive Hub, wie wir das nannten. Also der ausführende oder vollstreckende Knotenpunkt. In den zwei Jahren, die ich nun hier tätig war, hatte es noch nie eine Annäherungs-Detektor-Fehlfunktion gegeben, aber wenn es eine gab, musste man sie doch reparieren und nicht nur die Warnmeldung abschalten!

Kein Wunder, dass ich das Piepen nicht kannte. Bisher gab es diese Fehlfunktion ja auch noch nie!

Zwar hatte Jensen das Geräusch auf meinen Befehl hin abgestellt, aber er musste gewusst haben, worum es dabei wirklich ging. Das ließ nur einen unguten Schluss zu.

Mir schoss Adrenalin in den Schädel.

Ich aktivierte das Interkom.

»Dewie Jensen?«

Keine Antwort.

»Dewie Bekker?«

Keine Antwort!

»Jill, alles in Ordnung?«

Verfluchter Mist!

Mein Puls raffte alles zusammen, was er dem bisherigen Kaffee hatte entnehmen können, und gab Vollgas.

Ich nahm einen Searer, die Standard-Handfeuer-Waffe der ST, aus dem Wandschrank neben der Tür und eilte in den Korridor.

Niemand war zu sehen, alles lag totenstill da.

Sonst okay, jetzt schlechter Horrorfilm!

Jill arbeitete ein Stockwerk über mir. Ich hatte keine Ruhe, um auf den Lift zu warten, sondern rannte die Treppe hinauf.

»Dewie Torgan?«, schrie ich ins Interkom.

»Ja, Stalev?«, drang die tiefenentspannte Stimme des übergewichtigen, gutmütigen Lennox Torgan aus den Lautsprechern.

»Ich kann Jensen und Bekker nicht erreichen. Haben Sie sie gesehen?«

Seine Antwort klang, als frühstücke er gerade.

»Jensen war gerade hier, hat einen Searer und eine DriveCard abgeholt.«

»Wieso geben Sie ihm eine Waffe und einen Gleiter, ohne mich zu fragen?«, schrie ich.

Erst jetzt schien Lennox meine Aufregung zu bemerken.

»Was ist denn passiert?«

»Halten Sie ihn auf! Nehmen Sie einen Searer mit!«

»Alright, Stalev!«, bestätigte er regelrecht schockiert.

Ich rannte durch den Korridor der ersten Etage.

Die Tür von Jill Bekkers Labor-Werkstatt stand offen.

»Jill!«

Ich stürmte hinein.

Jill Bekker lag auf dem Boden.

Er hat den Searer nicht bei mir eingesteckt, weil ich gefragt hätte, wozu er ihn braucht. Und hier im Labor gibt es keine, nur im Bereich der Rampen bei Torgan. Gut, dass er ohne Searer bei Jill war!

Ich legte einen Finger an ihren Hals.

Der Puls fühlte sich normal an, doch die Platzwunde an ihrem Hinterkopf ließ Wut in mir aufsteigen. Jills goldblondes, wild verwuscheltes Haar hatte sich an dieser Stelle rot gefärbt.

Ich zwang mich, den Blick von ihr abzuwenden.

Konzentration! Was hat er mitgenommen?

Ich sah mich hektisch um, aber bei Jill sah es immer chaotisch aus. Ich hatte gar keine Chance, zu erkennen, ob etwas fehlte.

Ich schüttelte sie und rief ihren Namen, aber sie blieb bewusstlos.

Ich hab jetzt keine Zeit dafür!

»Torgan, wo sind Sie?«

»Er ist schon weg, Stalev«, meldete er außer Atem.

An den Hintergrundgeräuschen erkannte ich, dass er draußen war. »Soll ich hinterher…?«

»Nein, ich fahre selbst. Dewie Bekker liegt bewusstlos in ihrer Werkstatt. Holen Sie den Doc!«

»Verletzt? Jill ist verletzt?«

Er mochte sie sehr.

»Sie wird´s überleben, Lennox, wenn Sie sich darum kümmern!«

Ich rannte wieder die Treppe hinunter, vorbei am Kontrollraum und hin zum Empfang nebst Rampe für allerlei Fahrzeuge sowie Materiallager und Lieferbereich. Das war Torgans Revier. Ich sah ihn in die große Halle hecheln und winkte ihm knapp zu, dann sprang ich in einen Gleiter und beschleunigte.

Nicht mal richtig wach und schon so eine Scheiße!

II
GALWAY

Die menschenleere Landschaft der Westküste zog an mir vorbei.

Schroffe, weitgehend baumlose Halbklippen, an deren Wurzeln knorrige, windschiefe Baumgruppen trotzig ihr Grün in den Wind reckten, schoben ihre Krönchen in Nebelwolken.

Irland war beinahe überall wunderschön, aber die Westküste hatte eine ganz besondere, majestätische Rauheit zu bieten, der auch Jahrhunderte der Technologisierung nicht hatten zusetzen können. Technik war das unnatürliche Gegenteil von Irland.

Das durchsichtige Cockpit des Gleiters war schallisoliert und schluckte jedes Geräusch. Es fühlte sich klinisch und wie in einem Hochgeschwindigkeits-Skytrain an.

Dieser Spießer Jensen schlägt Jill nieder? Und vor meinen Augen schaltet er die Annäherung ab, damit keiner was mitbekommt? Ich Idiotin! Aber was hat er bitte vor? Warum ist er nicht einfach so weggefahren? Warum war er nicht schon längst in Galway? Amateur!

»Torgan?«

Keine Antwort.

Das war merkwürdig. Die Verbindung müsste problemlos funktionieren, auch wenn der Gleiter mit 250 km/h über den Country Way schoss. Nur wenige andere Fahrzeuge kamen ab und an in entgegengesetzter Richtung an mir vorbei. Es waren nur noch eine Handvoll Minuten bis Galway.

»Torgan? Jill?«

Aus beiden Kanälen kam nicht mal ein statisches Störsignal.

Ein Störsignal! Das ist es. Es muss eins geben. Aber wie macht Jensen das?

Ich funkte Galway an. Dort an der Geschützkuppel müsste doch wenigstens jemand beim Frühstück sitzen, aber es erfolgte wieder keine Rückmeldung.

»Geben Sie´s auf, Woodman!«, erklang dafür die gelangweilte Stimme von Jensen aus den Boxen des Gleiters.

»Dewie Jensen, ich erteile Ihnen den direkten Befehl, sich sofort zu stellen, sonst ist Ihre Zeit in der Squadronica für immer beendet.«

Ich fand, darauf sollte man ihn wenigstens einmal hinweisen.

»Befehle von Menschen nehme ich nicht mehr entgegen.«

Er lachte und schaltete den Kanal ab.

Ich hatte gar nicht gewusst, dass er lachen konnte, aber es klang widerlich nach einsamer Superschurke.

Er nimmt keine Befehle von Menschen mehr entgegen?

Die ersten Gebäude Galways kamen in Sichtweite, Jensens Gleiter nicht.

Unser Geschütz lag südlich der Stadt, also von meiner Position aus betrachtet hinter Galway. Ich konnte mich nicht mehr lange fragen, wann ich Jensen endlich einholen würde.

Kaboom!

All meine Gedanken endeten, als hinter Galway eine mehrere hundert Meter hohe Flammensäule in die Atmosphäre schoss. Der Knall ließ das Cockpit des Gleiters sanft vibrieren. Trotz der Isolierung hatte ich ihn hören können.

Ich wusste gleich, dass mein Geschütz Vergangenheit war.

Was hätte es sonst sein sollen?

Jensen hat mein Geschütz zerstört? Das nehm ich persönlich!

Es war nicht sehr wahrscheinlich, dass gerade viele Menschen gestorben waren, da das Geschütz eine Seitenabschirmung hatte. Wie alle Geschütze. Bei Zerstörung oder Fehlfunktion entlüfteten sie sich ausschließlich nach oben, daher die immens hohe Feuersäule. Die Druckwellen zur Seite wurden durch die Art der umgebenden Konstruktion eingedämmt und die Energie wurde im Schadensfall umgeleitet.

Aber wenn jemand in der Kuppel gefrühstückt hatte – ich dachte an einen netten Kerl namens Sean – hatte es vielleicht doch Opfer gegeben.

Ich rief die Geschützkuppel erneut. Das war schwachsinnig, da mein Kom offensichtlich gehackt worden war, aber es war ein Reflex.

»Lesen Sie die Nachrichten, Woodman!«, sagte Jensen übers Kom des Gleiters. Er klang zufrieden und doch ein wenig angespannt.

»Wir sehen uns nicht wieder.«

»Das sollten Sie sich auch wünschen!«, schrie ich ins Mikro, dann schaltete er ab. Ich hatte überwältigende Lust, dem Typ in die nutzlosen Eier zu treten. Was für bescheuerte Nachrichten meinte der eigentlich?

Ich umfuhr Galway rasch – bei einer kleinen Stadt mit einem Squad-Gleiter ein Katzensprung - und gelangte kurz darauf zu dem Ort, an dem zuvor das Geschütz gestanden hatte.

Hölle! Das ist kein Loch, sondern ein Krater!

Die Trümmerteile waren nicht sehr zahlreich, also war das meiste pulverisiert worden. Das deutete auf eine Strahlenbombe oder ähnliches hin.

Einige lokale Sicherheitskräfte aus der Stadt waren schon vor Ort und löschten brennende Schrotthaufen, die am Rand der Anlage vor sich hin kokelten.

Ich stoppte den Gleiter nah am Abgrund an und stieg aus.

Mir kam trotz schwacher Knie so einiges in den Sinn, aber bei Motiv, Planung und Durchführung stand ich völlig auf dem Schlauch. Die gehackte Sperre musste Jensen schon eine Weile zuvor programmiert haben, nicht spontan.

Im Grunde war ich an diesem Tag bislang nur aufgestanden und hatte zu heißen Kaffee getrunken. Das war alles, was hätte hängen bleiben sollen bis zu dieser Uhrzeit. Jetzt aber stand ich vor den qualmenden Resten einer saumäßig teuren, großen, bedeutsamen militärischen Anlage innerhalb meines Verantwortungsbereiches.

Ratlosigkeit lähmte mich. Ich war perplex.

Außerdem musste ich dringend pinkeln.

Dämlicher Kaffee! Erst zu heiß und jetzt dieser Scheiß!

Ich blickte nach oben.

Ein InterTrafficer, ein kleines, weltraumfähiges Shuttle, näherte sich. Es hatte grüne Seitenmarkierungen, gehörte also nicht zur Squadronica, zumindest nicht zu der aus dem Weltraum, war nicht an ein Mutterschiff gebunden.

Es landete ganz in meiner Nähe.

Katastrophentourismus. Hohe Offiziere.

Ein Mann und zwei Frauen stiegen aus. Wichtige Funktionsträger, soweit ich das an Abzeichen und Uniformen auf die Entfernung erkennen konnte. Es waren mindestens Stalords, vielleicht auch Commodores. Die Entourage bestand aus dem Piloten, der sitzen blieb, und einer jungen Frau, die so etwas wie die Reiseleiterin zu sein schien. Sie war, der Kleidung nach, Zivilistin.

Ein Mitglied des Grüppchens zeigte auf mich, also ging ich schnell auf sie zu, statt abzuwarten oder wegzulaufen.

»Sind Sie hier verantwortlich?«, fragte einer der Funktionsträger, eine Frau um die Fünfzig.

Dass sie sich nicht mal vorstellte, fand ich unhöflich, obwohl ich auf Etikette nicht viel Wert legte. Jetzt erkannte ich an den Abzeichen am Uniformkragen, dass sie Commodore war, also von höchstem militärischen Rang.

Ich salutierte und machte Meldung.

»Alright, Patronus. Sabotage, vermutlich durch Dewie Dawid Jensen, bislang Angehöriger meines Teams. Flüchtig.«

»Wir haben beinahe alle Orbitalgeschütze verloren, Stalev. Innerhalb von fünf Minuten«, sagte der männliche Stalord neben ihr.

Was?!?!

Ganz kurz dachte ich an einen Cartoon, in dem jemand vor Entsetzen die Kinnlade bis zum Boden aufreißt.

»Es muss viele Verräter wie Ihren Jensen geben.«

Da kam ich nicht mit. Meinem Gesicht sah man es wohl an.

»Sie haben Ihren Job nicht gemacht, Stalev. Wie viele andere Stalevs und Stalev Stadux ebenfalls. Das wird entsprechende Konsequenzen haben. Melden Sie sich bei unserem Trafficer. Sie werden mitkommen«, sagte der weibliche Commodore, dann ging das Grüppchen weiter und ließ mich stehen.

Ich glaube, ich zog eine schiefe Grimasse und sah ihnen konsterniert nach. Das war so eine Situation, in der einem beinahe der Idiotensabber aus dem Mundwinkel tropft.

»Bitte was?«, fragte ich leise und ungläubig.

Weltweit hatte es geknallt? Weltweit waren die Geschütze ausgeschaltet worden?

Ein Durchschnitts-Idiot sowie jede zweite Amöbe denken sich doch völlig zurecht: Hallo, Vorbedingung für einen großen feindlichen Angriff?! Weltraum absuchen nach feindlicher Flotte!

Und die flogen durch die Gegend, um schludrige Abteilungsleiter festzunehmen?

Meinen Job nicht gemacht? Ok, nicht perfekt, aber das ist unfair! Ist es das? Ich habe echt gar nichts gecheckt.

Ich stand allein da und fühlte mich von Gott und der Welt verlassen. Vor mir ein Haufen glühender Müll, hinter mir mein Gleiter vor der niedrigen und nicht sehr beeindruckenden Skyline von Galway. Und in der Nähe natürlich noch dieses Trafficer, in das ich mich setzen sollte, um unter Schimpf und Schande abtransportiert zu werden. Abhauen war keine Option, auch wenn das Kind in mir rennen wollte. Wäre ich jetzt verschwunden, hätte man mich unehrenhaft aus der Flotte geworfen. Natürlich erst nach Fahndung, Verhaftung und langen Verhören.

Unsexy. Unwürdig. Keine Option.

Wieso ging das alles so schnell? Was bitte hatte ich falsch gemacht, außer dass dieses Piepen am Terminal …?

»Torgan an Woodman!«

Ah, die Blockade war ja nur im Gleiter aktiv, richtig!

»Überrasch mich, Lennox!«

»Jill ist wieder wach. Ihr geht´s gut soweit. Der Doc war auch schon da.«

»Gut.«

»Sag mal, was ist denn da los? Fast alle unsere Geschütze sind scheinbar platt. Muss ja wohl eine Übung sein.«

»Nein, leider nicht. Ich stehe gerade vor dem in Galway. Es ist platt. Plattfisch-platt.«

Einen Konversationspreis würde ich heute auch nicht gewinnen.

»Aber wie …?«

Das war Jills Stimme.

Ich brauchte Jill Bekker. Ich brauchte sie dringend!

Sie war meine beste Freundin, zumindest die beste Freundin der letzten zwei Jahre.

»Jill, bist du okay?«

»Alive and kicking.«

Sie klang fit. Ich war erleichtert. Wenigstens darüber.

»Hier ist eine Delegation der ST. Die waren blitzschnell da, haben sich nicht mal vorgestellt. Inklusive Commodore. Die sagen, das sei weltweit. Jensen hat Galway ausgeschaltet, irgendwelche anderen fast alles andere. Weltweit! Die wollen, dass ich mitkomme. Das sei meine Schuld. Und ich muss so pinkeln!«

Nur Gott weiß, warum ich das noch gesagt habe!

»Ruhig, Woodi. Du bist die absolute Veteranin hier. Warum die Panik?«

Jill hatte weitaus weniger Einsatz-Erfahrung als ich, das stimmte, aber sie schätzte mich menschlich gerade falsch ein.

»Ich hab keine Panik, Jill, auch keine Angst. Aber ich versteh es nicht. Und es pisst mich an! Das kann alles nicht hinhauen.«

Mir fiel ein, was Jensen gesagt hatte. Ich solle mir die Nachrichten anhören oder so ähnlich.

»Was geht durchs NewsCom?«, fragte ich und sah mich um.

Die Delegation um den Commodore sprach mit den zivilen Katastrophenkommandos.

Lennox Torgan antwortete: »Globale Anschlagsserie, aber der Orbit sei frei. Keine Feinde im Anflug. Angeblich terrestrischer Konflikt.«

Ich zögerte eine Sekunde.

»Was meinen die mit einem terrestrischen Konflikt? Bürgerkrieg? Jetzt, wo endlich alles ruhig und friedlich war? Wer gegen wen?«

Er musste wohl genickt haben, denn Jill ermahnte ihn, ich könne nicht sehen, was er mache, wenn wir nur übers Kom sprächen. Das war ja fast lustig.

»Also was machst du jetzt?«, fragte Jill.

»Dich fragen, warum Jensen dich geschlagen hat!«

»Ich weiß es nicht«, antwortete sie. »Es fehlt nichts. Er hätte einfach an meinem Labor vorbeigehen können.«

Das macht keinen Sinn!

»Jill, du belügst mich doch nicht, um mich zu beruhigen, oder?«, fragte ich streng.

Ich hatte schon Erfahrungen dieser Art gemacht und musste nun schnell eine Entscheidung treffen. Ich hatte leider längst gelernt, dass fast jeder ein Verräter sein konnte. Selbst eine Jill Bekker. Es war traurig, das glauben zu können. Die zwei, drei Personen im Universum, denen ich Verrat nicht zutraute, waren gerade nicht verfügbar.

Es blieb mir zu lange still in der Leitung.

Es dauerte zwar nur drei Sekunden, bis Jill es abstritt, aber es hatte eine Verzögerung gegeben, die mich skeptisch werden ließ. Skeptisch genug, um allerlei in Frage zu stellen.

Es tat weh, alles in Frage zu stellen!

»Dewie Torgan, vielleicht fehlt ja doch etwas im Labor. Nehmen Sie Dewie Bekker vorsorglich fest!«

Sofort brach die Leitung ab.

Wieso brach die Leitung ab?

Ich versuchte abzuwägen, ob der übergewichtige, gutmütige Lennox … nein! Jill würde ihm eins über die Rübe gegeben haben. Hoffentlich nicht mehr als das.

Aber warum? Warum Jill Bekker? Und warum Jensen, der Regeln und Ordnung so liebte? Jill und Jensen verband vordergründig absolut nichts. Oder war die Leitung wieder gehackt worden?

Die Delegation von Funktionsträgern kam zu meiner Position zurück.

Ich sah auf meine eigene Uniform. Vor etwa einem Jahr waren neue Uniformen eingeführt worden, um den Beginn einer neuen Zeit nach einigen politischen Wirren auf der Erde zu verdeutlichen.

Der Krieg mit dem außerirdischen Vielvölkerbund des Prismoniums war zu Ende gegangen. Auch waren keine neuen Konflikte ausgebrochen, von denen ich wüsste. Die Erde galt seitdem als politisch stabil, friedlich und fortschrittlich.

Keine Putschversuche mehr.

Passend dazu hatte man der Squadronica einen neuen Style verpasst, den ich ziemlich schick fand. Alle Uniformen waren seither schwarz mit silbernen Applikationen, je nach Rang und Abteilung – nicht nur silbergrau eingefärbt, sondern metallisch glänzendes Silber in meist geschwungenen Streifen individualisierte die jeweiligen Teile.

Die meisten Kleidungsstücke waren ziemlich enganliegend.

Das hätte man als Frau sexistisch finden können, aber es war einfach praktisch. Das Zeug lag gut auf der Haut und es gab keine dekorativen Stofffetzen, die in Geräte geraten oder beim Kampf oder der Arbeit im Weg sein konnten. Außerdem hatten die Männer das gleiche Zeug an, was ihre Hintern und Oberkörper-Muskulatur – sofern vorhanden - betonte. Völlige Gleichberechtigung. Dazu gab es coole Lederjacken für Außeneinsätze und schwarze Stiefel statt Halbschuhe. Die Jacken und die Stiefel waren Power Metal pur.

Trotzdem fragte ich mich in diesem Moment, warum wir alle so seltsam aussahen und was hier gerade eigentlich abging.

Lief eine Art politische Säuberung unter einem selbstverursachten Vorwand ab? Musste die neue Squadronica noch ihre alten Leute loswerden?

Ich war zwar nicht alt, aber mit meiner Fronterfahrung und den seltsamen Missionen, bei denen ich dabei gewesen war, sicher Teil eines irgendwie alten Systems, verbunden mit traditionellen Werten. Aber die alten Werte hatten doch gerade erst gegen die neuen Extreme gewonnen. Was war denn jetzt schon wieder los?

Wahrscheinlich denke ich zu viel. Das ist alles gar nicht sowas Kompliziertes, nur kriminell.

Mein, nennen wir ihn mal bester Kumpel, Stan Pendra, wäre vermutlich geflohen und hätte eine rebellisch-aggressive Ermittlung im Untergrund eingeleitet. Und er wäre damit auf die Schnauze gefallen, wie so oft, und trotzdem davongekommen.

Das war bei mir alles anders.

Es würde nichts Gutes mit sich bringen, jetzt in den Untergrund zu gehen. Von dort aus würde ich nichts erfahren. Dazu war ich nicht der Typ Mensch. Ich agierte lieber von innen heraus. Bei allem. Aus mir selbst, aus meiner Einheit, aus meinem System heraus – vielleicht weil ich nicht von außen gegen etwas anrennen wollte.

Keine Küchenpsychologie jetzt.

»Commodore …?«, fragte ich deutlich betont nach dem Namen, der mir noch nicht genannt worden war.

»Dangler«, sagte die Frau knapp.

»Commodore Dangler, in unserem irischen Hauptquartier scheint ein Putsch im Gange zu sein. Ich befürchte, es gibt weitere Kollaborateure von Dewie Jensen, die systemtreue Offiziere ausschalten. Sie können mir zu lasche Kontrollen vorwerfen, aber nicht, auf der falschen Seite zu stehen. Sollen wir diese Vorgänge nicht besser aufhalten, anstatt loyale …«

Sie hob eine Hand.

Ich salutierte und schwieg.

Böse oder dumm, im Sinne schlechter Filme, schienen mir die Leute vor mir eigentlich nicht zu sein.

»Sie sind Vanessa Woodman, richtig? Gedient unter Dakker und Woyer auf Psygon und Atlantis, richtig?«

Ich nickte.

Dangler sah die anderen an. Ich konnte nicht sehen, mit welchem Gesichtsausdruck sie das tat.

»Warum sind Sie nicht auf einem Schiff, Stalev Woodman?«

»Zu viel Bewegung, Patronus«, antwortete ich.

Das war sicher eine arg verkürzte Argumentation, aber warum fragten die auch ausgerechnet jetzt danach?

Überlegt ihr, ob ihr mir vertrauen könnt? Worum geht’s? Seid ihr doch nicht die Bösen hier?

Commodore Dangler schickte den für mich noch immer namenlosen Stalord und die Reiseleiterin, oder was auch immer sie war, weg.

Dangler sah den beiden nach und lächelte mich dann erstmals dezent an.

»Schlecht verkleideter Geheimdienst«, sagte sie. »Nicht direkt Teil der Squadronica. Politisches Instrument.«

Ich nickte, fand es aber bedenklich, dass politische Geheimdienste Menschen in Stalord-Uniformen steckten. Ach was bedenklich! Es war zum Kotzen!

»Verstehe. Finde ich nicht gut, wenn jemand Abzeichen trägt, die ihm nicht zustehen.«

Sie nickte.

»Gehen wir ein paar Schritte, und zwar weg von diesem Schrotthaufen, bitte? Schade um die Ressourcen.«

Ich war sehr einverstanden.

Sie hatte diese blonde Haarfarbe älterer Frauen, die mich immer unsicher zurückließ, ob es die Reste von naturblonder oder bereits künstlicher Farbe waren. Sagen wir, die Haarfarbe heißt altblond. Nicht despektierlich gemeint.

»Wir vermuten ein Hacker-Netzwerk von Pazifisten dahinter«, sagte Dangler. »Und wir wollen es von Anfang an entsprechend gründlich wieder entfernt wissen. Deswegen nehmen wir weltweit alle, die direkt oder indirekt beteiligt waren, erst einmal fest. Ebenso bekommen all diejenigen Probleme, die diese Anschlagsserie eventuell gedeckt haben oder aus Sorglosigkeit oder Sympathie nicht verhindern konnten oder wollten.«

Ich verzog vorsorglich keine Miene. So ganz sicher, dass sie mich nicht doch noch einsperren wollte, war ich nicht. Also guckte ich schlau und nickte vor mich hin.

»Sie sind doch loyal und systemtreu, Woodman. Das haben sie selbst angedeutet.«

Ich nickte, auch wenn ich das Wort systemtreu seltsam fand. Es klang, als klammere man sich an etwas, das nicht gut war.

»Solange das System unserer Verfassung entspricht, ja. Wenn das System faschistisch wird, trete ich dagegen ein. Kann ich aktuell aber nicht erkennen«, sagte ich. »Wieso eigentlich Pazifisten? Gerade jetzt.«

Dangler zuckte mit den Achseln. Es sah nach vielfach einstudierter Geste aus.

»Was falsch daran sein soll, die Erde durch die Aufrüstung von Orbitalgeschützsystemen wehrhafter zu machen, erschließt sich uns nach den Ereignissen der vergangenen Jahre nicht. Aber sie kennen ja diese Pazifisten und Kommunisten.«

»Nein«, sagte ich, vielleicht etwas zu forsch. »Also ich kenne schon welche, ich werfe die aber nicht alle in einen Topf. Pazifismus oder Kommunismus sind nur schlecht, wenn man sie rücksichtslos gegen den Willen der Mehrheit umzusetzen gedenkt.«

Das missfiel ihr, wie ich ihren Mundwinkeln ansah, aber das war mir egal. Wenn sie schon offen mit mir sprach, sollte sie dabei nicht billig nach Zustimmung fischen. Ich war politisch nicht klar in irgendeinem Lager, aber ideologische Gruppen pauschal abzuwerten, klang nicht gut, nur nach Schublade. Wobei ich mir bewusst war, dass ich das mit Faschisten ebenso handhabte.

Dangler sah mich eine Zeit lang forschend an. Das sollte dieser Blick sein, der einen innerlich aufhorchen lässt und gedanklich mitnimmt. Ich blieb skeptisch, kannte beeindruckendere Anführer und Blicke als diese. Mein Gesicht hingegen sah, so hoffte ich, nur nicht so dumm abwartend aus wie das vieler Männer. Sorry, Jungs! Meine Skepsis ließ ich darin zumindest nicht aufleuchten.

»Woodman, egal wie viele Leute wir einsperren und wie sehr sich der Geheimdienst da reinhängt, ich befürchte, wir werden nicht herausfinden, was wirklich dahintersteckt, wenn wir es nicht von innen angehen. Also wirklich von innen. Ohne künstliche Einschleusung und ohne Geheimdienst.«

Ich vermutete, dass sich da gerade eine Chance für mich ergeben könnte, daher schwieg ich nicht länger.

»Gut, gern, ich werde sehen, was ich rausfinden kann, aber ich möchte zuerst meine Basis wieder übernehmen. Irgendetwas stimmt dort nicht und aktuell dürfte Jill Bekker …«

Dangler hob die Hand, was mich schweigen ließ. Sie drehte sich um und tippte etwas in ihr CommandCom. Vermutlich den Namen Jill Bekker.

Dann drehte sie sich mit undeutbarer Miene wieder zu mir um.

»Jill Bekker befindet sich bereits in unserem Gewahrsam. Sie hat einen gewissen Torgan ermordet.«

Mir wurde heiß und kalt. Mit Verrat und Lügen rechnete ich ja schon, aber damit?

Ich glaube es nicht. Also im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht mal aus Versehen. Ich glaube es nicht. Ich kenne Jill zumindest gut genug, um ihr einen Mord nicht zuzutrauen.

Commodore Dangler wartete auf meine Zustimmung, auf meine Bereitschaft, in ihrem Plan ein Rädchen zu sein. Es war meine Chance, frei zu bleiben und dem auf den Grund zu gehen, was in meiner Basis vorgefallen war. So irrsinnig heikel das auch alles war.

»Gut!«, hörte ich mich sagen.

Weder Lennox´ Tod noch Jills Gefangennahme waren in irgendeiner Weise gut. Jensens Verrat auch nicht.

»Haben Sie Jensen?«

»Nein«, sagte sie, und zwar ohne den Namen eingeben zu müssen. Er war vermutlich gleich mit überprüft worden.

»Sie sollten ihn aber kriegen. Er hat mich kurz vor der Explosion noch kontaktiert. Im Gleiter. Über abgeriegelten Kanal. Den finden Sie schon noch.«

Sie nickte es, beinahe gelangweilt, weg.

»Wir haben bislang vermutlich kaum bedeutsame Täter erwischt. Gehen Sie in ihre Basis zurück, Woodman. Die ersten schnellen Aktionen des Geheimdienstes und des Squadronica Commands werden in etwa vierundzwanzig Stunden abgeschlossen sein und relativ geringe, spürbare Nachwirkungen verursachen. Die meisten Geschütze sind übrigens nicht explodiert, sondern nur offline. Die Nachrichten übertreiben. Komponenten wurden beschädigt, Leitungen sind geschmolzen, Software wurde zerstört. Die Aufräumarbeiten beginnen unverzüglich. Auch ihre Geschütze sind nicht alle ein glühendes Loch im Boden. Galway und Belfast hat es am heftigsten getroffen, aber Cork und Dublin, ebenso wie Cardiff sind noch ganz okay. England und Island müssen Sie sich im Detail ansehen, da bin ich nicht auf dem neuesten Stand.«

Ich nahm alles hin und nickte, nickte und nickte. Das war viel Information auf einmal. Einige dieser Geschütze waren erst in den letzten Monaten fertiggestellt geworden, und jetzt waren sie schon wieder im Eimer. Das versprach sehr viel frustrierende Arbeit.

»Sie werden also ein wenig Ihren Job machen, Woodman, aber Sie werden vor allem mir und anderen aus dem Command berichten, was sie darüber hinaus herausfinden können. Nur uns und nur Commodores! Sie werden keinem Stalord oder Geheimdienstler etwas sagen. Um Geheimdienstler zu entlarven, müssen Sie nur …«

Ich winkte so höflich wie möglich ab. Ich war kein Crewie-Beginner auf der Training Fortress mehr. Ich hatte Stalev-Autorisation und konnte die Rechtmäßigkeit von Rängen abfragen, bevor ich Befehle befolgte. Ein Stalord, der sich als Stalord bezeichnete, musste auch vor dem System Bestand haben, bevor ich wirklich wichtige Dinge für ihn ausführte, mich nackt auszog oder was auch immer. Wobei das mit dem Ausziehen kein üblicher Befehl war. Den hätte ich bis vors Kriegsgericht verweigert.

Ich nickte wieder.

»Gut, Commodore Dangler. Ich werde aber nicht nur bei mir ermitteln, damit das klar ist. In meinem engen Bereich werde ich vermutlich nicht die Keimzelle finden. Ich werde auch in andere Bereiche oder Teams hinein ermitteln müssen. Und falls die Geheimdienste doch etwas Hilfreiches herausfinden, würde ich die Infos gern gesteckt bekommen.«

Sie nickte.

»Bekommen Sie. Leite ich Ihnen weiter. Ich sitze im Kontrollgremium der Geheimdienste. Und eine Reiseerlaubnis brauchen Sie ja nicht, höchstens Freistellung, damit Sie ihren Posten verlassen können. Ich stelle Ihnen ein Universal-Traineeship-Zertifikat aus. Damit können Sie ständig und überall hineinschnüffeln. Also außer in Kommandounternehmen und Geheimprojekte natürlich.«

»Schön und gut«, sagte ich. »Einarbeiten und integrieren kann ich mich eigentlich überall ganz gut. Ich bin kein Newbie mehr. Aber ich brauche neue Leute, Commodore! Jensen, Torgan und Bekker sind … weg. Ich brauche mindestens zwei neue Leute.«

»Wünsche?«, fragte sie nickend und nahm ihren Noticer, um sich Namen aufzuschreiben.

»Erst mal Bekker«, sagte ich.

Ich habe ihr Verrat zugetraut. Schlimm genug. Aber der Mordvorwurf ändert alles. Sie hat nichts damit zu tun. Ich will es glauben! Ich glaube es.

Dangler schüttelte entrüstet den Kopf.

»Eine Mordangeklagte! Was Besseres fällt ihnen nicht ein?«

»Sie war´s nicht, Commodore! Sie ist Teil des Rätsels. Wir sind Freunde, und sie ist ein ausgezeichneter Offizier. Wenn Sie mir Jill Bekker entziehen, kann ich keine großen Sprünge garantieren.«

Dangler überlegte einen Moment. Dann nickte sie zaghaft.

»Sie bekommen Jill Bekker, aber nur als Gefangene.«

Das würde merkwürdig werden, aber ich stimmte zu.

»Wen noch? Jetzt aber wirklich Leute, die arbeiten dürfen, Woodman.«

Alle Freunde und Freundinnen, die mir in den Sinn kamen, waren sehr weit weg, tot, schwer geisteskrank oder anderweitig verhindert.

Naja, bis auf … nein, besser nicht!

»Ich vermute, das ist zu viel verlangt, aber könnten sie Noona Striker reaktivieren?«

Dangler schaute mich überrascht an.

»Die Tochter des Ex-Commodores, der in die Politik gegangen ist?«

Ich nickte.

»Naja, sie ist aber nicht nur Tochter, sondern auch Stalev.«

»Außer Dienst!«, sagte Dangler mit abfälliger Betonung. »Außerdem ist sie selbst so eine Art Politikerin. Ganz davon abgesehen finde ich ihre öffentlichen Auftritte geradezu obszön.«

Oh ja, das sind sie. Ich habe mich nie großartig mit ihr verstanden, aber sie ist unterhaltsam, und für Intrigen und Ermittlungen ist sie geradezu optimal. Ich brauche diese verfluchte Hexe! Vielleicht finde ich nebenbei Dinge über sie heraus, die mir helfen bei … anderen Angelegenheiten.

»Trotzdem!«, sagte ich. »Ich habe eine Zeit lang mit ihr gedient und denke, sie hat für diese Sache genau die richtigen Fähigkeiten.«

»Denken Sie denn, sie würde überhaupt Interesse haben?«, fragte Dangler skeptisch.

Hinter ihr sah ich Müllkolonnen anrücken, mein schönes Geschütz zu recyceln.

»Was bietet ihr die Squadronica?«, fragte ich zurück.

Für mich selbst bat ich um nichts.

»Kein Kommando!«, sagte Dangler bestimmt.

Volltreffer! Genau das hätte Noona interessiert.

Anscheinend grinste ich, ohne es zu bemerken. Dangler fragte zumindest, warum ich grinse. Ich grinste weiter, weil ich mich schämte, gegrinst zu haben, ohne es zu wissen. Also falls es denn stimmte.

Ach, verflucht noch mal!

»Äh, also können Sie ihr wirklich kein Kommando anbieten? Ich weiß, sie ist Stalev, noch ganze drei Ränge vom Stalord entfernt und darf kein Schiff haben, aber geben Sie ihr doch irgendwas anderes. Eine Abteilung an der Fortress oder sowas.«

»Das kann ihr Vater ihr selbst geben! Titel und politische Ämter sind nicht unser Geschäft. Eine militärische Position vergibt allein die Squadronica – und Lady Striker hat sich kein Kommando verdient.«

Dangler beeindruckte mich erstmals ein wenig. Sie schien nicht ohne Weiteres korrumpierbar zu sein.

»Dann mache ich auch nicht mit. Sie finden bestimmt viele andere wie mich. Es war ohnehin nur ein dummer Zufall, dass Sie ausgerechnet auf mich gekommen sind«, sagte ich kurzentschlossen, drehte mich um und ging.

Oder? Muss ich bei Ablehnung dieser Anfrage eigentlich in Untersuchungshaft?

Ganz davon abgesehen ließ man als Stalev keinen Commodore einfach so stehen, fiel mir glühend ein.

»Warten Sie gefälligst, Woodman!«

Dangler seufzte.

»Frauen sind wirklich schlimmer als Männer. Ich muss es ja wissen«, sagte sie bittersüß.

Ich grinste.

»Schlimmer nicht, nur klüger.«

»Striker kann eine Forschungsabteilung oder ein Waffenlager haben«, bot sie zähneknirschend an.

»Sie wird eine Waffenfabrik haben wollen, also Forschungsabteilung plus Produktion plus Tests plus Lager«, sagte ich.

»Ich kann einem so jungen Stalev keine Waffenfabrik geben!«

»Gut, dann gehe ich«, sagte ich wieder.

Ok, das war vielleicht wirklich ein bisschen zu bockig. Dangler pfiff mich zurück und appellierte an meine Vernunft.

Ich sicherte zu, alles zu versuchen, Noona auch ohne Groß-Kommando zu bekommen. Ich hielt es aber wirklich für schwierig. Noona hielt nicht so wahnsinnig viel von mir.

»Bieten Sie ihr doch einfach den ganzen Strauß von Stalev Stadux-Privilegien an, ohne dass sie Stalev Stadux ist, Comodore! Das brächte diese Position doch weitestgehend mit sich. Das reicht vielleicht.«

Ich sah Dangler mit großen, fragenden Augen an und schwieg. Manchmal funktionierte der Einsatz dieses Kampfmittels sogar bei Frauen.

Sie seufzte.

»Eine Forschungsabteilung in einer Waffenfabrik ist möglich. Auch Test- und Produktionskapazitäten, nur nicht die ganze Fabrik … Sie wissen schon.«

Ich nickte. Ich würde es kurz und knapp schriftlich an Noona weiterleiten, gleich während der Rückfahrt.

Ein Gespräch mit ihr würde zu weit führen, möglicherweise eher kontraproduktiv sein.

»Wen wollen Sie noch? Sie sagten, sie brauchen zwei Crewies. Bekker zählt als Gefangene nicht dazu.«

Dangler machte den Eindruck, als müsse sie los. Sie sah sich immer wieder nach den anderen um, mit denen sie gekommen war. Die begaben sich auf den Rückweg zu ihrem InterTrafficer.

Ich nickte.

»Ja. Bekker plus zwei.«

»Aber nicht Pendra!«, sagte sie sehr bestimmt.

Ich lachte.

Schön wär´s, aber nein. Stan wäre zum jetzigen Zeitpunkt eine Katastrophe, vor allem in Kombination mit Noona. Vor allem für mich! Ich wusste nicht mal sicher, ob die beiden noch zusammen waren, aber gepasst hatte mir diese Beziehung nie.

»Das nicht, aber ich hätte gern Garrett.«

Auch wenn er dann vielleicht wieder denkt, ich verliebe mich doch noch in ihn, was ich nicht tun werde.

»Flink P. Garrett?«

Ich nickte.

Sie hatte es mit einem beinahe verzweifelten Unterton gefragt.

»Kennen Sie ihn?«, fragte ich.

Sie nickte und wurde blass.

»Ich habe ihn an der Fortress unterrichtet.«

So wie sie das sagte, musste es eine schreckliche Erfahrung gewesen sein. Ich konnte es mir vorstellen, aber er war mitunter auch genial und mutig. Ein lebhafter Spinner, ein bisschen zu emotional, aber das glich mich ganz gut aus. Ich war eher ein bisschen zu kühl für manche Dinge.

Er und Noona hatten nie Interesse aneinander gehabt. Ich wusste nicht genau, wieso das so war. Vielleicht waren sie sich zu ähnlich, wobei ich das gar nicht fand. Aber da würde nicht viel passieren zwischen den beiden. Party vielleicht, aber kein Streit und auch kein Sex. Die Kombination müsste passen und der Sache dienen.

»Ich werde diese beiden schwierigen Personalien für Ihre Anfrage freischaufeln, Woodman. Im Hintergrund. Die offizielle Anfrage dürfen Sie bitte selbst schriftlich formulieren. Eine Zusage der Squadronica ist dann so gut wie sicher, aber wir können die beiden nicht zwingen, mitzumachen. Braucht Garrett auch eine zusätzliche Motivation?«

Sie sah sich erneut ungeduldig um.

»Nein, ich denke nicht. Ich bin sicher, dass er mir helfen möchte.«

Das ist einer der wichtigsten Unterschiede zu Noona. Er ist eben mein Freund, sie aber nicht meine Freundin.

Dangler nickte und schloss ihre Notizen ab.

»Und jetzt kehren Sie zurück zu ihrer Basis!«

»Bringen Sie Bekker heute noch dorthin zurück?«, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf.

Ich nickte und verabschiedete mich.

An meinem Gleiter angekommen, drehte ich mich noch einmal zu der Stelle des Anschlags um.

Das Meer konnte ich von hier aus nicht sehen, aber ich hörte es. Galway war schließlich eine Hafenstadt. Der Duft von Salz und Austern – oder Algen – wehte herüber, mischte sich aber auf unangenehme Weise mit den Hydraulikölen, die der Recycling-Trupp ausdünstete.

Das kleine Schiff mit den grünen Streifen erhob sich und flog nach Südosten davon. Ich lehnte am Cockpit des Gleiters und massierte mir die Stirn. Ein pochender Kopfschmerz bahnte sich seinen Weg durch abebbendes Adrenalin, wurde aber durch eine andere, lange unterdrückte Empfindung dringlich abgelöst.

Vielleicht zweihundert Meter rechts des Geschützkraters erspähten meine dankbaren Augen ein Café mit Ausschank.

Ich rannte los, als wäre eine feindliche Invasionsarmee hinter mir her.

Die müssen doch eine Toilette haben! Ein Wunder, dass ich mich noch nicht vollgepinkelt habe!

III
ALLEIN

Von Galway fuhr ich erst sehr viel später wieder fort. Ich hatte meinen Magen beruhigt und in dem Café, das zum Glück eine Toilette zu bieten hatte, noch etwas zu Mittag gegessen. Danach hatte ich wieder am Cockpit des Gleiters gelehnt und den Krater angestarrt. Mich rief aber auch dann noch nichts heim, also hatte ich einen Spaziergang am Meer unternommen, um den Kopf frei zu bekommen. Wenigstens ein bisschen. Es hatte gegen die Kopfschmerzen geholfen.

Dangler wollte, dass ich sofort zurückkehrte, ermittelte und reparierte? Schön, dass sie das wollte. Dazu konnte sie mich aber nicht zwingen.

Ich gönnte mir ein paar Stunden, um das Ganze zu verarbeiten. Aktuell wartete eh niemand am Lough Mask auf mich.

Der Tag ging in den Abend über, als ich mit der gemächlichen Rückfahrt begann. Jill war festgenommen worden, Jensen abgehauen, Lennox Torgan … abtransportiert. Ich freute mich nicht auf die Rückkehr, aber ich musste zurück.

Die Dunkelheit kroch über die Hänge der Westküste, wurde aber von sanft grünlich illuminierendem Straßenbelag durchbrochen. Es war angenehm für die Augen und ließ beinahe alle Fahrrisiken des Dunkels verschwinden, aber es war auch unnatürlich und verdrängte die angenehme Ummantelung schwarzer Nacht. Immerhin passte das Grün zu Irland.

Wenn man volltrunken war, konnte man auf Autopilot umstellen. Musste, nicht konnte. Sorry. Er orientierte sich dann unter anderem am pulsierenden Licht der Straße. Meiner Erfahrung nach brachte er einen nicht immer ans gewünschte Ziel, aber er überfuhr zumindest auch niemanden.

Vielleicht hätte ich in Galway einfach was trinken sollen. Da gibt´s guten Whisky. Nein. Ich hab Angst. Wenigstens ein bisschen. Was, wenn der wahre Täter noch dort ist?

Ich war nicht schreckhaft oder ängstlich veranlagt, aber eine verlassene Station, in der am gleichen Tag jemand ermordet worden war, war einfach kein guter Ort.

Ich hätte früher zurückfahren sollen!

Im Hellen!

Mist!

Alles Mögliche ließ sich regeln, ändern, ausdiskutieren, aber ein toter Lennox war ein toter Lennox. Ich wusste nicht, warum Jensen scheinbar überflüssigerweise Jill ausgeknockt hatte. Vielleicht log sie doch an irgendeiner Stelle ihrer Geschichte. Aber dann sollte sie Torgan aufgrund meines Befehls, sie festzunehmen, ermordet haben?

JILL? Niemals! Sie hätte sich grinsend und kopfschüttelnd festnehmen lassen, anstatt so etwas zu tun.

Sie war eine verrückte, lesbische Wissenschaftlerin, die auf Popmusik und Fast Food stand – und die zudem absolut genial war. Ihre Verrücktheit war aber keine Verantwortungslosigkeit anderem Leben gegenüber. Manchmal dem eigenen, aber nicht dem anderer Wesen, egal ob Alien oder Maus. Jill würde, selbst für einen politischen Verrat oder eine Intrige, keinen harmlosen, unschuldigen Menschen ermorden. In was sollte sie sich verwickeln lassen, wofür sie Lennox töten würde?

I don´t fucking believe it! Nicht Jill!

Ich diktierte dem KomSystem des Gleiters meine Nachrichten an Noona Striker und Flink Garrett.

Ohne weiteres Korrekturlesen schickte ich sie direkt ab. Ich wollte es aus den Füßen haben, dieses Kommunikations-Zeug. Sprach- und Textnachrichten nervten mich meistens ziemlich an.

Noona und Flink waren noch irreal, noch weit weg für mich. Der Sinn stand mir nur ganz dringend nach Jill Bekker. Ich empfand manchmal etwas für sie, das ein wenig über Freundschaft hinausging. Jetzt fühlte ich nichts Romantisches, aber ein starkes Bedürfnis, sie in Sicherheit zu wissen und sie bei mir zu haben, damit auch ich mich sicherer fühlen konnte.

Als ich an der Rampe der Basis ankam, war es vollständig dunkel. Die gesamte Anlage war schwarz wie der Himmel darüber.

Von der vierköpfigen Stammbesatzung war nur ich übrig, dazu gab es drei sehr junge Dewies, die ich üblicherweise nur zu Wach- und Aushilfsdienten aus Donegal an der Nordküste kommen ließ. Keiner von ihnen war heute angefordert worden. Laut Plan hätten Jill und Lennox Nachtdienst gehabt, also jeder von ihnen je fünf Stunden. Die Zivilisten, die tagsüber ab und an um uns herumschwirrten, durfte ich nicht in die Kommandozentrale setzen. Sie belieferten uns, führten Reparaturen aus, die Zivilisten besser durchführen konnten als wir, und so weiter. An der Überwachung militärischer Anlagen waren sie aber nicht zu beteiligen, deswegen war auch nachts nie einer von ihnen da. In der unmittelbaren Nähe der Anlage wohnte ohnehin niemand.

Die übliche äußere Sicherheitsprozedur der Anlage funktionierte. Mein Gleiter wurde tendriert - das heißt gescannt - und ich wäre ohne Codes nicht bis zur Rampe gekommen. Einen Menschen hatte ich jedoch nicht gesehen oder gesprochen, während diese Dinge abliefen. Das machte alles das System.

Bei einer Nachtwache stand auch nie ein Mensch mit Waffe an irgendeinem Tor. Das lief von der Kommandozentrale her, alles technisch.

Dabei mussten die Leute von Commodore Dangler oder vom Geheimdienst heute hier gewesen sein, um Jill zu verhaften. Oder etwa nicht? Diese Info fehlte mir, wie ich feststellte.

Sie haben Lennox´ Leiche doch wohl abtransportiert, oder? Wo war denn der Tatort? Verflucht! Ich hätte fragen sollen!

Jetzt gefiel mir die nächtliche Basis noch weniger.

An seinem üblichen Arbeitsplatz? Spuren? Blut?

Leer, leblos und dunkelgrau wurde ich erwartet.

Die Sonne über dem Ozean vor Galway schien endlos weit entfernt, dabei war sie nur zwei Stunden zuvor über mein nachdenkliches Gesicht gewandert.

Etwas in mir schrie laut, ich solle nicht hineingehen.

Musste ich aber.

Irgendwie.

Außerdem war es albern, sich vor der Dunkelheit zu fürchten, wenn man mehr oder weniger aus dem Weltraum kam.

Wenn ich jemals ein Stern war, dann war ich niedergegangen. Aber ein Stern fürchtet doch die Weite nicht, die Kälte oder die Stille.

Ich würde nun einfach selbst die Nachtschicht übernehmen, als wäre ich ohnehin damit dran. Ich würde mich endlich detailliert darüber informieren, was von allen Geschützen in meinem Zuständigkeitsbereich übriggeblieben war. Dazu waren keine Meldungen in meinen Account im Gleiter angekommen.

Merkwürdig.

Der konnte doch nicht schon wieder gehackt worden sein. In Galway hatte ich ihn neu codiert, außerdem war Jensen sicher weit weg und hatte wohl kaum noch Interesse an der Anlage hier.

Oder daran meinen Zorn zu spüren!

Eigentlich hätten mir allerhand Leute schreiben sollen.

Die Kommunikation muss zwischenzeitlich abgeriegelt worden sein. Durch das Command oder den Geheimdienst. Hoffentlich sind die Nachrichten an Flink und Noona rausgegangen.

Ich passierte die Rampe und ließ mich von meiner Pflicht verschlucken.

Den Gleiter in der Halle abzustellen, fühlte sich okay an. Die Lampen an der Decke schalteten sich, Reihe für Reihe mit leichter Verzögerung, klackend ein. Ihr Licht fiel auf Container, Kanister, Räder und Fahrzeuge.

Eigentlich wie immer.

Nicht eigentlich.

Wie immer.

Alles ist wie immer!

Ich ging über den lieblosen Betonboden, der mich bis heute nie gestört hatte. An diesem Abend jedoch sah ich jeden Ölspritzer, jedes Quantum verschmierten Hydraulikgels, jeden Krümel und jeden Fussel.

Es roch nach Öl und Desinfektionsmitteln.

Ich hörte nur meine Schritte, besser gesagt: ein knautschiges Quietschen.

Lederstiefel ohne Absätze sind ziemlich leise.

Es erklang weder ein Piepen noch ein Summen irgendwelcher Relais oder Displays.

Nur die Schritte und ihr Quietschen.

Ich blieb mitten in der Halle stehen und ging nicht weiter. Zu meiner Linken lag der Aufgang zum Korridor. Davor war der Glaskasten im Weg, der Lennox Torgans Büro gewesen war.

Ich drehte mich drei Mal komplett um die eigene Achse, doch jede Ecke blieb still und es war auch alles recht gut ausgeleuchtet.

Wer konnte noch hier herein? Jensens Codes mussten längst gelöscht worden sein, oder? Durch wen?

Die drei Dewies aus Donegal fielen mir wieder ein.

Sie hatten Codes.

Ich ging noch nicht in den Korridor. Mir machten die beiden Etagen mit ihren langen Fluren aktuell ein wenig Sorge.

Ich hatte auf Raumschiffen furchtbare Dinge in schrecklichen Korridoren erlebt, aber hier in diesem verschissenen Gebäude war ich der Chef und verdammt einsam. Mit Fünfundsiebzig wäre ich vielleicht abgezockter gewesen, aber in meinem Alter trotz allem eben noch nicht.

Angst gehört zum Menschsein dazu.

Solange sie nicht bestimmt, was für ein Mensch wir sind, ist das okay.

IV
EINGELOGGT

Ich nutzte erst einmal das Terminal in Lennox´ Glaskasten-Büro. Es gab darin zum Glück keine Spuren von Gewalt.

Aber er hat doch hier gesessen, als ich ihn angerufen habe. Naja, vielleicht nicht mehr bei der Tat. Jill und der Doc könnten wissen, wo … Mensch, der Doc!

Der Arzt, der die wenigen übers Jahr verteilten medizinischen Fälle in der Station betreute, hatte ebenfalls Zugangs-Codes und wohnte in der Nähe. Er war zwar inzwischen Zivilist, aber früher im aktiven Squadronica-Dienst gewesen. Ein ziemlich erfahrener Veteran, inzwischen über Sechzig. Gut, das war kein Alter mehr, aber er hatte rechtzeitig auf eigenen Wunsch den Hut genommen.

Ich rief ihn mit dem stationären Kom an. Ich wollte mein mobiles Kom im Moment lieber nicht mehr benutzen. Dass es unsicher war, war nur eine Empfindung, das war mir klar, und man konnte auch stationäre Koms hacken, aber Empfindungen darf man nachgeben. Manchmal.

Mach das öfter! Nicht immer alles unterdrücken, Woodi!

Ich erreichte den Doc.

Er lehnte dankend ab, noch vorbeizukommen, teilte aber meine Einschätzung, dass Jill Lennox wohl kaum erschlagen hatte. Immerhin war der Doc noch kurz zuvor bei ihnen gewesen, um Jill nach Jensens Niederschlag zu untersuchen.

Sie habe sich mehrfach bei Torgan bedankt, dass er sich um sie gekümmert hatte, sagte der Doc.

Er war allerdings auch gebeten worden, Torgans Leiche rasch zu untersuchen.

»Jill Bekker würde nicht auf diese Weise töten!«, sagte er.

Ich fragte, welche offizielle Info man ihm hinterher hatte zukommen lassen. Er war als Arzt zuständig für diese Einheit. Er musste doch eine Info erhalten haben.

Ich ging von Totschlag oder einem Searerschuss aus.

Die Information, die der Doc dann preisgab, kam unerwartet.

Sie veranlasste mich dazu, erneut rasche, prüfende Blicke in alle Winkel der Halle zu werfen.

Ich sitze in einem Glaskasten! Das Ding ist überhaupt nicht sicher! Eine denkbar schwache Position!

Lennox Torgan war mit einer Axt getötet worden.

Welcher der insgesamt acht Volltreffer zum Tod geführt hatte, konnte der Bericht nicht klären, aber achtmal einen großen, schweren Mann mit einer Axt zu schlagen, passte noch weniger zu meiner Jill mit den wirren blonden Haaren und den meistens zu kurzen Hosenbeinen. Sie war nicht klein oder schwach, aber sie tötete ganz sicher anders, wenn sie töten musste. Doch nicht mit einer Axt! Achtmal!

»Wer immer das war … das ist eine ganz kranke Sau«, sagte der Doc trocken und beendete das Gespräch.

Ich wusste genau, was er meinte.

Allein im Angesicht dieser großen, massiven Halle starrte ich in halbwegs ausgeleuchtete Ecken.

Ich hatte vergessen, den Doc zu fragen, wo der Mord stattgefunden hatte. Das Wie hatte zu sehr dominiert.

Ich rief ihn erneut an, aber er aktivierte die Leitung nicht. Entweder wollte er mir heute keine Fragen mehr zu Todgehackten beantworten oder war schlafen gegangen.

Oder man zensiert oder überwacht ihn, blockiert die Leitung oder … Ich muss damit aufhören, das ständig bei allem und jedem zu denken!

Ich würde es einfach später herausfinden müssen.

Als nächstes checkte ich die drei Dewies aus Donegal.

Kathy Hussaria saß mit Freundinnen Zuhause und diskutierte die Ereignisse auf Basis von Infos aus dem GlobalCom. Sagen wir besser: Sie fiel auf die Halbwahrheiten herein, die von der Regierung verbreitet wurden. Kathy war nett. Ich war froh, dass sie offensichtlich nichts damit zu tun hatte. Alles, was ich von ihr und ihren Freundinnen hörte, deutete auf einen kompletten, gemeinsamen Tag weit weg von hier hin. Ich sah davon ab, sie als Wache anzufordern. Selbst mit Gleiter dauerte es, wenn man nicht wie besessen fuhr, noch eine Stunde von Donegal runter zum Standort unserer Einrichtung am Lough Mask.

Maryja Snoozi erreichte ich ebenfalls sofort, aber sie wusste fast nichts darüber, weil aiw den ganzen Tag allein über Lernstoff für eine Weiterbildung gebrütet hatte. Konnte niemand bezeugen, aber ich glaubte ihr vorerst.

Ich forderte sie an und sagte ihr, sie solle sofort losfahren und ihr Zeug mitbringen. Sie konnte schließlich auch hier lernen.

Und ich wäre nicht mehr allein in diesem Gebäude.

Das wäre großartig.

Allein der Gedanke an Maryjas Eintreffen machte mich beinahe glücklich.

Dann, obwohl ich sonst niemanden mehr brauchte, kontaktierte ich noch Andrew Falls.

Er war nicht zu erreichen.

Das musste er abends ohne Schichtzuteilung auch nicht sein. Vielleicht lag er auf seiner Freundin Nancy.

Oder auf seiner anderen Freundin Gracy.

Oder auf Stacy.

Ich fragte mich, wo ein Kerl so viele Geliebte mit ähnlich klingenden Namen herbekam. Er redete ständig ungefragt über seine Affären, oder was auch immer sie für ihn waren, aber ich fand ihn völlig okay. Für einen muskulösen Typen Anfang zwanzig war der leicht beschränkte Horizont vielleicht ganz normal. Immerhin baggerte er mich nie an, was richtig schlau von ihm war.

Ich hätte es dabei bewenden lassen können, dass Andrew nicht erreichbar war, aber dann hätte ich ja aus meinen heutigen Erfahrungen überhaupt nichts gelernt.

Stichwort: Wartungsroutine. Also sei nicht zufrieden, sondern geh der Sache nach, Woodi! Mal sehen, wann er zuletzt hier war.

Ich gab meinen Autorisierungscode ein und ließ mir die letzten Zugänge zum Gebäude anzeigen.

Es war jetzt 19:48 Uhr.

Da waren einige Zivilisten am Mittag und frühen Nachmittag auf dem Gelände gewesen. Es war normal, ich kannte die Namen und erkannte ihre Signaturen.

Dann fanden sich einige Überbrückungszugänge im Protokoll. Die mussten von externen Sicherheitskräften stammen. Da ging es sicher um die Sache mit Lennox und Jill. Ich war jahrelang selbst so etwas wie eine externe Sicherheitskraft gewesen. Ich hätte es genauso gemacht. Das war ST-Standard-Vorgehen.

Naja, und dann war da noch meine eigene Einfahrt um kurz nach 19 Uhr.

Ich scrollte noch mal den ganzen Tag ab, aber dieses Mal bis ganz nach oben.

Ach du heilige Scheiße! Eine von Andrew um 04:43 Uhr. Nicht ausgeloggt. Hab ich heute Morgen nicht gesehen!

Ich schüttelte den Kopf und legte eine Hand an die Stirn.

Im Grunde hatte ich mir nichts vorzuwerfen. Es war kein Standard-Vorgang, in einer vergleichsweise randständigen Einheit wie unserer, noch dazu in Friedenszeiten, morgens bei Dienstbeginn erstmal die Garagen-Protokolle der letzten Nachtstunden zu checken.

Jetzt allerdings hatte ich den Salat: Einen muskulösen Mann Anfang Zwanzig im Gebäude, der möglicherweise Lennox ermordet hatte. Und es war nicht sehr unwahrscheinlich, dass er noch mehr getan hatte als das.

Ist der wirklich noch hier?

Ich stand von der Konsole auf, nahm einen Searer in die Hand und stellte mich mit dem Rücken an die Wand zum Korridor. Das in meinem Rücken war allerdings auch nur eine Glaswand.

Ich will eine Raumschlacht mit einem Raumschiff! Ich will nicht mit einem Mörder verstecken spielen!

Die Angelegenheit war dank Commodore Dangler und der Begleitumstände zu allem Überfluss auch noch geheim. Ich konnte nicht einfach Verstärkung aus anderen Einheiten rufen. Was hätte das wieder für ein Durcheinander gegeben! Wären Flink und Noona schon hier gewesen – fein! Das würde aber vielleicht noch ein paar Tage dauern. Selbst eine eingesperrte Jill hätte mich beruhigt, aber die würde frühestens morgen kommen.

Mir fiel ein, dass ich Maryja angefordert hatte. Ich funkte sie an. Falls Andrew wirklich noch hier und ein potentieller Mörder war, musste ich sie warnen.

Mein InterKom funktionierte nicht.

Die Leitung war blockiert.

Das wächst sich zu einem echt ätzenden Running Gag aus!

Hatte Andrew für Jensen, mit Jensen oder irgendwie sogar gegen Jensen gearbeitet? Das war alles gar nicht gut. Wer stand hier auf der Leitung?

Shit!

Mein Magen schmerzte.

Ich hatte seit Stunden nichts getrunken, aber davon kam das sicher nicht.

V
FILMENDE

Es gibt ganz, ganz miese, ganz, ganz fiese Filme.

Ich mag Horrorfilme ja, aber Science-Fiction-Horror ist manchmal echt schwierig. Zwar habe ich inzwischen manche Sachen krasser erlebt, als die Filmemacher von früher sich das ausgedacht haben, aber manche Streifen mit so echt alptraumhaften Aliens, die durch enge, dunkle Röhren und Verbindungstunnel schleichen, und die dann in grünen und gelben Blinklichtern plötzlich aus dem Lüftungsdampf von Maschinen schnellen, um Menschen Löcher in den Kopf zu beißen … brrrr!

Manche Szenen sind echt genial gemacht, und ich zog mir sowas ja auch freiwillig rein. Wenn einen ein Film zum Schreien bringt, hat er wenigstens emotional einen Effekt ausgelöst. Jill stand total auf sowas, aber sie lachte immer bei den besonders grausamen Szenen, anstatt zusammenzuzucken. Sie war eben ein bisschen sonderbar.

Also mit Aliens rechnete ich nicht in dieser Halle meiner verdammt noch mal eigenen Einrichtung, aber es gab eben doch ein möglicherweise akutes Problem.

Andrew Falls war vielleicht noch immer in diesem Gebäude, und falls dem so war, musste er durchgeknallt sein.

Ich setzte alle Codes auf Null. Das funktionierte zum Glück noch. Auch mir selbst verpasste ich einen neuen.

Nach kurzer Überlegung entschied ich, Maryja ihren bisherigen Code doch wieder zuzuteilen. Sie käme sonst nicht hinein und würde wieder wegfahren.

Oder wäre es besser für sie, wenn sie nicht reinkommt? Aber verflucht noch mal, ich habe keine Beweise für eine Gefahrenlage. Du parkst doch wohl hier drin, Maryja, oder? Du kommst doch sicher durch die Schranke, benutzt deine Codes und kommst in diese Halle gefahren, oder? Das hast du doch immer so gemacht. Du würdest Lennox begrüßen, dann zu Jill gehen … Dann sehen wir uns also direkt hier vorne. Dir kann vorher gar nichts passieren, und mir …

Ich sah auf die Uhr.

Das hatte ich schon oft getan.

Wenn Maryja gleich nach meiner Anforderung losgefahren war, müsste sie bald da sein. Es war inzwischen 20:36 Uhr.

Ich verließ das blöde Glasbüro nicht und legte den Searer nicht mehr aus der Hand. Es war aber eigentlich keine sichere Position. Die Halle überblickte ich, aber den Korridor hinter mir nur ein paar Meter in jede Richtung. Und dieses Glas war nicht schussfest.

Ob es eine Axt aushält? Echt mal, eine Axt? Andrew?

Man will so etwas von niemandem glauben, aber irgendwie traute ich es Andrew zu, auch wenn er nie ein böses Wort von sich gegeben hatte. Es war einfach so ein Gefühl, dass dieser Mann seine Stärke auch in Wut ummünzen konnte. Das konnten die meisten Typen, aber viele eher auf eine hilflose Art. Also als so ein zickiges Männer-Wüten ohne was dahinter, ohne wirklich gefährlich zu sein, und wenn brutal, dann ungeschickt. Ich hatte Andrew jedoch im Zweikampftraining gesehen. Wir hatten alle eine harte Nahkampfausbildung hinter uns, aber manche wurschtelten sich eben so durch. Bei Medizinern, Ingenieuren oder Biologen war es letztlich nicht prioritär.

Andrew hatte sich nicht durchgewurschtelt.

Den Kerl würde ich kaum besiegen können. Da half auch meine Kampferfahrung nichts.

Er war zwar genauso gut ausgebildet wie ich, dafür aber deutlich größer und um einiges stärker. Das war nicht nur ein Mann-Frau-Ding, aber eben auch. Acht von zehn Typen würde ich im Zweikampf weghauen, egal wie alt oder schwer sie waren. Mit Technik statt Kraft eben. Aber wenn das Gegenüber auch gut ausgebildet und deutlich massiger war, gab´s einfach Grenzen für einen kleinen, weichen Stöpsel wie mich.

Vielleicht lag ich aber auch völlig falsch.

Vielleicht faulte Andrews Leiche irgendwo im Gebäude herum, und nur deswegen war er nicht ausgeloggt.

Und der wahre Täter war dann was?

Ein schreckliches Alien mit Axthänden? Woodi! Reiß dich mal zusammen, eyh! Keine Horrorfilme mehr für dich!

Ich musste eine Toilette aufsuchen. Vernunft ist immer schön und gut, aber ich musste das tun, wenn ich mich im Büro nicht vollpinkeln wollte.

Sowas fehlt in epischen Actionfilmen immer.

Menschen haben Bedürfnisse.

Ich trat in den Korridor hinter dem Glaskasten. Er war hell erleuchtet. Nichts regte sich darin.

Natürlich nicht. Was auch?

Ich rannte trotzdem so schnell wie möglich. Der Korridor kam mir einfach nicht sicher vor. Mir war, als wäre vor kurzem noch jemand hindurchgegangen, obwohl das Gebäude ja eigentlich leer sein sollte.

Komm mal mit Vernunft gegen solche Phantasien an! Ich werde das nicht los, wenn ich Andrew nicht lokalisieren kann. Wahrscheinlich liegt er zufrieden auf Stancy, Grancy, Fancy. Tut mir leid, Mädels, ich weiß nicht mal mehr, wie viele ihr seid und wie genau ihr heißt.

Mit gezogener Strahlenwaffe und offener Toilettentür hockte ich auf der Schüssel und lauerte.

Als nach einer Weile das automatisierte, an Bewegungen gebundene Licht erlosch, hätte ich fast geschrien.

Dämliche Situation! Mörder im Haus, ich sitze auf dem Klo und das Licht ist aus! Echt heroisch!

Nichts geschah.

Natürlich geschah nichts.

Der Calculator schaltete das Licht wieder an, als ich mich bewegte. Ich zog die Hose hoch und alles war wieder ein bisschen besser.

Aber nur ein bisschen.

Mit einem weiterhin miesen Gefühl huschte ich zurück in mein Aquarium.

Schön ausgeleuchtet auf dem Präsentierteller im Glaseimer.

Und wo, zur Hölle, blieb Maryja?

Ich hatte mich zehn Minuten lang nicht bewegt, bis endlich etwas geschah, das auf Maryjas Kommen hindeutete.

Auf einem Screen sah ich ihren Gleiter vor der Schranke stoppen. Ich beobachtete sie beim Eingeben des Codes. Dann fuhr der Gleiter leicht abschüssig hinab. Das automatische Tor der Rampe zur Halle öffnete sich. Genauso war es gewesen, als ich selbst mit meinem Gleiter hineingefahren war.

Ihre Lichter kreuzten in der Halle auf.

Sicher sah sie mich im erleuchteten Glasbüro stehen.

Der Gleiter kam ziemlich nah heran. Er hatte getönte Scheiben.

Bitte fall nicht tot raus! Bitte sei nicht Andrew oder ein Alien! Sei einfach Maryja! … Was für dämliche Ideen! Was bin ich heute nur für eine Heulsuse?

Maryja stieg aus.

Das erleichterte mich mehr als der Toilettenbesuch zuvor.

Sie trug ihre Uniform und winkte mir lächelnd zu. Wie üblich holte sie noch eine riesige Handtasche vom Beifahrersitz.

Ich winkte gelöst zurück. Es tat mir fast leid, dass ich ihr gleich alles erzählen und die gute Laune zerstören müsste. Ich brachte sie in Gefahr, aber das war ihr Job.

Meiner sowieso. Das vergaß man an der irischen Küste im friedlichen Alltag manchmal, aber ich vergaß nie, was ich dank dieses Jobs schon alles an Gewalt und Tod gesehen hatte. Aber wenn ich nicht weiter diente, wer würde mich ersetzen? Welche Motivationen würde dieser Jemand haben? Es war besser, dass ich weitermachte.

Noch.

Ich hätte Kathy auch anfordern sollen. Dann wären wir einer mehr. Wir müssen die Blockade des Kom-Systems abschalten. Ich glaub, Maryja könnte sowas können. Sie ist ziemlich …

Feuer und unerträgliche Helligkeit.

Eine Druckwelle ließ die Scheiben meines Glasbüros zerspringen.

Ich wurde nach hinten gegen die berstende Glaswand zum Korridor geschleudert, prallte ab und landete auf Bauch und Händen. Splitter regneten auf meinen Rücken. Ich spürte keine Verletzung, keinen Schmerz.

Meine Augen waren noch irritiert von dem hellen Blitz zuvor, die Ohren dröhnten von der Detonation, aber ich checkte mich wie ein Humanbot und kam zu dem Schluss: Ich war intakt.

Ich zog mich wieder auf die Beine und blickte in die Halle. Maryjas Gleiter war explodiert.

Ihr Körper lag zerfetzt neben dem brennenden Wrack.

Zumindest die meisten Teile von ihr.

Die übergroße Handtasche lag, in Streifen gerissen, mindestens zwanzig Meter neben ihr.

Sie war sofort tot gewesen und würde es auch bleiben.

Ich war kein Arzt, aber diese Körperteile hätte man nicht mehr nähen können.

Ich konnte den Anblick von Leichen ertragen, hatte schon schlimmer zugerichtete gesehen, aber der Schock über die Explosion saß tief.

Außerdem sah die nette, blutjunge und gerade noch fröhlich lächelnde Maryja nun wirklich nicht mehr wie ein menschliches Wesen aus. Ich schluckte krampfhaft in den Hals aufsteigende Magensäure hinunter.

Newbies kotzen. Ich doch nicht!

Wie hatte der Täter das angestellt? Und wozu überhaupt musste solch eine arme Maryja sterben, während ich unbehelligt einfahren konnte?

Wut brodelte in mir hoch.

Bis zum Anschlag!

Ich öffnete das interne Kom. Das lief nun über alle Lautsprecher der gesamten Anlage, drinnen wie draußen.

Lange genug ängstlich versteckt.

»Hör mal, Andrew, oder welcher feige, verschissene Penner diese Scheiße auch immer abzieht – ich werde dich nicht töten, sondern den Behörden übergeben, aber es ist gut möglich, dass es vorher auch schrecklich weh tut. Wenn du ein Problem mit der Squadronica, den Geschützen, der Menschheit oder mir hast, dann lass uns das klären – aber hör auf, harmlose Leute umzubringen! Das macht mich sehr … zornig. Sehr, sehr zornig!«

Ich aktivierte einige Schaltflächen. Schließlich war nach aktuellem Kenntnisstand nur die externe Kom teilweise gehackt. Alles andere war doch sehr viel komplizierter und sensibler.

Mit meinem Kommandanten-Password schaltete ich alles aus: Automatische Türen und Tore, alle Terminals und jegliches Licht.

Das war zwar auch für mich nicht angenehm, aber welche Vorteile der Täter, warum auch immer, haben mochte – ich musste sie ihm nehmen.

Ganz nebenbei fragte ich mich, warum ich nach all dem Shit, den ich im Weltraum schon überstanden hatte, jetzt in einer Tiefgarage oder einem Flur in Irland sterben müsste. Das Ende ist dann immer unspektakulärer als man gedacht hat.

Das Leben ist kein Film, aber eins haben beide gemeinsam: Ein Ende.

VI
PANIKRAUM

Es hatte keinen Sinn, sich Maryjas Leiche oder den Trümmerhaufen daneben anzusehen. Ich hatte manuell die letzten Flammen per Spray gekillt, nun aber wollte ich endlich meine Position ändern.

Ich trat vorsichtig durch die Reste der zerbrochenen Glasscheibe hindurch in den Korridor hinein.

Dann rannte ich, so schnell ich konnte, in Richtung Kontrollraum.

Würde mich unterwegs jemand angreifen, wäre ich schon in Bewegung, in Action. Das Rennen machte mich mutiger und stärker, fühlte sich gesünder an als all das Abwarten zuvor. Es war dunkel, aber Notleuchten von der Größe kleiner Schaltknöpfe leuchteten mal hier, mal dort. Ich registrierte alle Farben und jede Bewegung viel intensiver als je zuvor. Vor jedem Quäntchen Licht hätte sich eine Kontur abzeichnen können, eine verräterische Bewegung.

Aber alles blieb menschenleer.

Bis auf meinen Atem und meine Schritte hörte ich im ganzen Gebäude nichts.

Es roch nach meinem Schweiß und einem Hauch von Rauch.

Ich trat die Tür zu meinem Büro, wie ich den Kontrollraum zu nennen pflegte, auf.

Die Screens der Terminals im Stand-by-Modus warfen grau-blaues Licht auf den Boden. Es genügte, um den Raum sofort zu überblicken, als ich eintrat.

Niemand war drin. Nur das zählte jetzt.

Ich schmiss die Tür wieder zu und verriegelte sie dreifach. Mehr Verriegelungsstufen gab es auch nicht.

Der Raum hatte ein eigenes Lebenserhaltungssystem und einen zweiten Ausgang. Auch den verriegelte ich dreifach.

Ich schaute nicht mal nach, ob im Raum dahinter jemand oder etwas war.

Viel zu gruselig! Ähm, völlig unnötig.

Mir reichten diese paar Quadratmeter momentan völlig aus.

Ein Held sein. A hero to be.

Tolle Songs gibt´s dazu, sicher auch viel Heldenmut – hatte ich schon gesehen und vielleicht ansatzweise auch selbst gezeigt – aber letztlich pissen sich in Kriegen doch alle in die Hose und beten, dass es vorbei geht. Gewalt und Kriege verherrlichen hinterher vor allem jene, die nicht mal an einem realen Konflikt geschnuppert haben.

Ich hätte das Gebäude nun im Dunkeln abgehen können, mit der Waffe in der Hand.

Der übliche Horrorfilm-Plot.

Türen vorsichtig öffnen.

Irgendwann würde ich die Toilettenbereiche prüfen. Ich würde mich hinknien, um unten durch sehen zu können, und dann stünde der Mörder auf der Schüssel. Oder so ähnlich.

Kann mal einer vorspulen? Das ist so langweilig! Ich würde aber wahrscheinlich dabei sterben. Langweilig sterben. Ich kann im Weltraum, im Krieg auf einem Schiff, gerne irgendeine sich schnell ausbreitende Katastrophe verhindern, oder schneller schießen als man zielen kann – mit den Bordwaffen – oder Leute umtreten, Torpedos rasend schnell umprogrammieren und so weiter. So ein Zeug eben. Kriegszeug. Aber das hier? Das ist kein Krieg. Das ist Scheiße.

Ich dachte an das, was draußen war.

Irland und seine verschlafene, wild-romantische Westküste. Ich war doch hier, damit ich meine Ruhe hatte. Das Command war erst mal ein wenig traurig gewesen, dass ich nicht mehr auf einem Schiff dienen wollte, aber danach dachten sie sich, ich würde bestimmt wenigstens gern Tokyo übernehmen.

Tokyo!

Von dort wurde die halbe Erde kontrolliert, wenn es um Verteidigungstechnologien ging. Und wie viele Menschen da rumrannten!

Äh, und ich dann so: Nöööö!

Ich hatte mir vorher schon angesehen, wo Teams und Standorte etabliert werden. Nichts war randständiger als das hier, als County Mayo und Co.

Ich wollte diesen Standort, da hier nichts explodierte, niemand starb und keine politischen Intrigen durch die Tür kamen.

Fuck! Pech muss man haben!

Und jetzt saß ich im dunklen, abgeriegelten Kontrollraum.

Wie in einem Panic Room!

Einige Gefühle in mir warben dafür, schnell wieder hier herauszukommen, aber ich würde auf keinen Fall rausgehen. Irre Mörder warteten doch nur darauf.

Aber Kommunikation, fand ich, musste schon sein. Ich konnte ja nicht ewig hier bleiben. Das Licht hatte ich selbst ausgemacht, also musste jetzt gezwungenermaßen aufs Tageslicht gewartet werden. Wobei, wie viele Morde passieren bei Tag, wie viele bei Nacht?

Warum habe ich eigentlich Angst? Habe ich denn Angst? Kein Freund oder Kind wartet auf mich in meinem spartanischen Zuhause. Bislang ist das so, und das meiste davon ist selbst gewählt. Ich will nicht klagen, aber wovor habe ich Angst? Was würde ich, was würde das Universum schon verlieren? Keinen Stern.

Ich lag in meinem Kommandosessel und sehnte mich nach Getränken, die mir die Situation erleichtert hätten. Es gab keine. Aber die galoppierende Gedankenlawine war jetzt ohnehin nicht mehr aufzuhalten.

Aber ich hab es mir doch eigentlich ganz hübsch gemacht. Nein, hab ich nicht! Wem will ich das erzählen? Weil Frauen sich immer alles hübsch machen müssen? Wieso eigentlich? Ich schmeiße gern meine verschwitzten Stiefel neben die Tür und lasse sie dort verrecken.

Aber schön, stylish und kuschelig mag ich´s ja auch. Ich weiß nicht, wie viele von uns Frauen zerrissen sind zwischen Gestaltungswillen und Ästhetik auf der einen, aber auch Coolness und Rotzigkeit auf der anderen Seite. Ich glaub, das sind ganz, ganz viele von uns.

Ich bin aber noch mal ein ganzes Stück weniger Durchschnitt. Wahrscheinlich eher halb Mann, halb Frau. Irgendwie. Mit einem leichten Tick zur Frau. Ich muss mich aber eh nicht entscheiden. Nicht dafür.

Alles im Kontrollraum fiel plötzlich aus.

Wirklich alles, das in irgendeiner Weise die noch verbliebene Energie beanspruchte, war nun offline.

Es war stockfinster, und nichts regte sich.

Die Minuten verstrichen.

Ich lauschte auf das Nichts und bewegte mich nicht.

Ich war nicht sicher, ob die weitere Abschaltung eine Folge meiner vorherigen Abschaltungsstufen oder ein externer Eingriff war.

Die Türverriegelung war nicht nur elektronisch, sondern auch mechanisch und magnetisch. Das war Standard bei Kontrollräumen der ST, vom Raumschiff bis zur Kleinstation in Irland.

Meine Position war nicht unsicherer als vorher, aber diese Schwärze war neu.

Der Raum hatte keine Fenster.

Es war eine allumfassende Dunkelheit.

Schwarz wie die Nacht in Afrika. Mann, wird´s da nachts schwarz! Wunderschön!

Überhaupt ist die Farbe schwarz wundervoll. Schwarze Menschen sind so fucking schön! Nur steh ich selbst halt nicht drauf. Dafür kann ich ja nichts.

Ich mag eher japanische Typen. Gut, dass ich nicht nach Tokyo gegangen bin! Manche sind voll knuddelig, aber der Vorteil ist dann irgendwie auch der Nachteil. Ich sehe denen manchmal nicht an, ob sie 16 oder 36 sind. Irgendwie fehlen da Hormone. Mir wahrscheinlich. Und wenn doch mal einer richtig cool und geil und irgendwie in meinem Alter ist, dann stimmt irgendwas anderes nicht. Zu hohe Stimme. Oder spricht nur japanisch. LOGISCH. Aber ich nicht. Oder er ist trotz meiner eigenen Verzwergung nicht größer als ich. Ich mag schon eher größere Typen. SEUFZ. Jaja, Äußerlichkeiten sind egal, ist schon klar. Am Arsch! Sind sie ja dann doch kaum jemandem. Zumindest anfangs. Ist wie Geschmack beim Essen. Lieben soll man jeden Menschen. Find ich zumindest. Aber Sex? Ich esse doch auch nichts, was mir nicht schmeckt. Wenn ich vorher schon weiß, es schmeckt mir nicht, dann schon mal gar nicht. Ok, das weiß man bei Essen selten vorher. Stimmt also auch wieder was nicht bei dieser Überlegung, aber bei Sex? Ich hatte mal fast … nein, falsch. Mich hatte mal fast ein Asiat. Böh, wie das klingt. Rassistisch. Also die letzten, keine Ahnung, dreißig Generationen seiner Familie stammten zumindest dem Äußeren nach aus dem früheren Japan, Korea oder China. Keine Ahnung. Also angeblich war er Japaner. Hat er gesagt. Egal. Der hatte mich soweit. Wir waren irgendwo, und irgendwann plötzlich nackt, und zwar ganz nackt! Dann ging es langsam los… Manche Klischees sind leider wahr. Und ich wollte das dann irgendwie doch gar nicht mehr so sehr. Also geliebt haben wir uns sowieso noch nicht, aber ich finde, man kann als Frau auch mal ehrlich sein, auch wenn niemand danach fragt. Ich geb´s zu, auch wenn das gemein ist. Ja, manche von uns mögen eben keine viel zu kleinen …

Etwas knallte an die Tür.

Der Schreck ließ mich nach hinten springen, und alle völlig absurden Gedanken und Erinnerungen waren sofort fort.

Hatte jemand etwas geworfen oder dagegen geschlagen?

Selbst wenn es eine Axt wäre, käme man durch die verschlossene Tür des Kommandoraums mit bloßen Händen oder Handwerkszeug nicht hindurch.

Das war keine Sperrholzplatte.

Keine Angst vor Äxten! Ich hab doch einen Searer!

Es knallte wieder.

Und ich denk an Schwanzgrößen statt mir einen Plan zu überlegen. Echt super. Total vorbildlich.

Der Searer lag schon länger in meiner rechten Hand, aber ich würde auf keinen Fall grundlos die Tür schmelzen.

Es knallte wieder.

Gut möglich, dass da wirklich einer hackte.

Bisschen sehr irre, oder?

Ich entschied mich, es langweilig zu finden, tastete mich zu meinem Kommandostuhl und setzte mich wieder.

Ich legte die Füße auf die Konsolen vor mir und ließ das nur sehr unregelmäßig erklingende Hacken über mich ergehen.

Nach etwas mehr als fünf Minuten verschwand es und ich fragte mich, ob das wirklich ein Mensch gewesen war.

Wer bitte hackte so langsam?

Wer braucht so lange, um auszuholen?

Ein Opa von 120 Jahren?

Und wer würde es so oft ausprobieren, wenn jedem normalen Menschen nach drei Schlägen klar sein muss, dass man so nicht durch die Tür kommt? Eine naive, dumme, böse Kinderintelligenz? Als nächstes kam dann wohl der Angriff der Plastiklöffel.

Plastiklöffel? Möchte mal wissen, wie meine Denk-Krankheit eigentlich heißt. Was macht man dagegen? Soviel Erfahrung und Ausbildung, und nützt alles so wenig. Halluzinationen?

Es hämmert. Man sitzt im Dunkeln auf seinem Stuhl und weiß, dass der Idiot nicht reinkommt, egal wie viel er hämmert. Falls es einen Idioten gibt.

Aber er mochte ja auch einen Searer haben. Warum hatte er ihn dann nicht benutzt?

Die Stille danach gefiel mir allerdings auch nicht.

Ich war wirklich nicht mehr leicht zufriedenzustellen.

Ich raffte mich schließlich auf tastete mich zu allen Konsolen in Reichweite.

Sie waren schlichtweg platt, offline, nutzlos.

Da tat sich nichts.

Also runter auf die Knie, Schutzplatten knapp über dem Fußboden abmontieren, und … naja, und dann?

Ich hatte ja nicht mal eine fucking Taschenlampe!

In den Kabelkanaleingeweiden hätte es wenigstens ein bisschen leuchten müssen. Leichte Entladungen, Farbspiele, prismatisches Funkeln. Was Stromstärken dieser Intensität eben manchmal so auslösten. Kontrollkreise und Blink-Lighties hätten gelb und grün flackern müssen.

Taten sie aber nicht.

Die Struktur unter der Struktur war weg? Dann war die Sache nicht abgeschaltet, sondern gekappt worden.

Hardware statt Software.

Und das sollte alles Andrew getan haben?

Some things seem to be very strange in here!

Also nicht in einem schwarzen Escape Room, der bekanntlich keiner war, sondern in dieser verdammten Anlage.

Die Nacht würde lang werden, aber jetzt, da ich nicht mal mehr ahnen mochte, ob es Andrew war, wollte ich erst recht nicht mehr rausgehen.

Ich war irgendwann eingenickt und dann kurz panisch, als ich erwachte. Aber ich hing wieder in meinem Kommandosessel, wie ich schnell feststellte, und meine Füße lagen auf der Querkonsole.

Wie lange hatte ich geschlafen? Blablabla! Sinnlos, darüber nachzudenken. Weiß man eben nicht. Irgendwas zwischen einer und vier Stunden, schätzte ich. Der Rest ist Film oder albernes Buch. Als ob man gleich wüsste, was los ist, wenn man verknautscht aufschreckt! Ich wusste immerhin, wo ich war, warum ich dort war und was ich war. Wer das ständig abstreitet, erzählt Fantasy-Scheiß, aber nicht die Wahrheit.

Ich hatte früher mal überlegt, ob ich Bücher schreiben soll, aber die Versuche waren richtig mies gewesen. Das eigene Zeug hatte mir Schamesröte ins Gesicht getrieben, also hatte ich es schnell wieder gelassen.

Meine Verwirrung des Schlafs und der Dunkelheit verflog rasch. Der Kopfschmerz kam leider nicht von Alkohol. Manchmal tat er das, heute nicht.

Ich kratzte mich am rechten Knie und nahm die Füße von der Konsole. Die Kniekehlen waren zu lange durchgedrückt worden. Es tat ein bisschen weh und kribbelte. Das war so eine unheilvolle Mischung aus eingeschlafenen Beinen und Schmerzen im Knie. Unheimlich angenehm.

Ich hätte weder schnell aufspringen noch weglaufen können in dem Zustand. Dabei gab´s in der Ausbildung tatsächlich Instruktionen zum Campieren im Feld. Also so nannten die das. Die meinten Schlaf im Kampf. Für die ST war das meistens eher nicht auf einem Schlachtfeld unter freiem Himmel. Und man sollte sicher nicht im Kommandosessel mit den Beinen auf der Lehne schlafen, eher flach auf dem Boden. Aber wozu? Ich war eingeschlossen. Anscheinend hatte der, die oder das Täter in den letzten Stunden nichts Lautes angestellt, sonst wäre ich ja wach geworden. Ich war noch da, es war nicht bei mir. Soweit so göttlich toll.

Trotzdem ging es mir nach dem Schlaf körperlich nur ein klein wenig besser als vorher, dafür war das allgemeine Wohlbefinden nun vollständig im Eimer.

Ich hätte gern lange geschlafen, in Ruhe und Frieden und in einem Bett, nicht in Uniform, nicht am Arbeitsplatz.

Allein zu schlafen war okay. Mir war nicht jegliche Art von Beischlaf recht. Schon verdammt lange nicht mehr.

Ich dachte an Stan. An Jill. An alle möglichen merkwürdigen Menschen, die nicht bei mir waren.

Hilft nichts. Heul nicht! Alle Systeme ausgefallen. Luft okay, genug Sauerstoff drin. Ist die Lüftung auch aus? Wahrscheinlich. Wie spät ist es?

Ich hatte Durst. Hier drin gab es absolut nichts, und das würde bald ein Problem werden. Meine Ausrüstung: eine Schusswaffe. Nichts zum Tendrieren, also Scannen dabei. Kein Calculator, den man etwas hätte fragen können.

Nur mich.

Nicht mal eine verdammte Uhr!

Es mochte um die frühen Morgenstunden sein, vielleicht fünf oder sechs Uhr.

Ich sah mir die Tür noch einige Minuten länger an, ohne mehr als ihre dunkelgrauen Konturen und die minimalen Spalten schimmernden, nebelhaften Lichts außen herum in Ansätzen zu erkennen.

Dann stand ich auf und strich meine Uniform glatt.

Ich fand es unwürdig, weiter zu warten.

Mit einer raschen Bewegung öffnete ich die Tür.

So sehr der Wunsch nach absoluter Sicherheit gekommen war, so schnell war er nun auch wieder gegangen.

Manche Menschen funktionieren so.

Auch ich funktioniere manchmal so.

Nennt man das sprunghaft oder entscheidungsfreudig?

Ich sah mich um.

Der Korridor war nicht vollgeschleimt, zerkratzt, oder gar mit Blut beschmiert, aber ich hatte das ungute Gefühl, dass irgendjemand oder irgendetwas mehrmals darin herumgeschnüffelt hatte, während ich schlief.

Es lag eindeutig etwas in der Luft, und an den Wänden waren Abfallbehälter und Bilder verschoben worden. Das meiste hing ein wenig schief. Wieso? War hier ein Elefant durchgelaufen? Wieso war nichts kaputt?

Irgendein Irrer muss sich alles genau angesehen, alles angefasst und ein wenig verdreht haben.

Die Vorstellung von einem völlig gestörten Psychokiller half mir nicht weiter.

Vielleicht war er, sie oder es aber auch nur betrunken.

Meine Gedanken tun alles, um mich zu beruhigen. Ich sollte ihnen mal ein Bier ausgeben.

Oder es war gar kein Mensch und ich verstehe einfach grundsätzlich nicht, was es ist und was es will.

Okay, Gedanken, doch kein Bier für euch!

Doch kein Morpher, oder? Doch nicht schon wieder ein Morpher! Der Krieg ist vorbei. Klar bleibt Terror möglich, aber Morpher sind eigentlich nicht so langsam.

Sie waren eines der Völker des Vielvölkerreiches, des Prismoniums, gegen das wir Krieg geführt hatten. Sie konnten die Gestalt anderer Wesen annehmen. Geschichten von Morphern endeten oft damit, dass der vermeintliche Partner oder beste Freund jemanden mit einem schleimigen Tentakel erwürgt hatte. Auch ich hatte persönliche Morpher-Geschichten zu erzählen.

Ich wünschte, ich hätte keine zu erzählen gehabt.

Das Gefühl, Morpher zu hassen, verbot ich mir. Hass war schlecht und führte nirgendwo hin. Meiner Erfahrung nach. Aber das hieß nicht, dass man ihn nicht ab und zu empfand. War eben so. Man sollte ihm nur nicht weiter nachgeben.

Nicht zu oft.

Ich sah mir die Tür des Kontrollraums von außen an.

Es überraschte mich eigentlich nicht, dass sie keinen Kratzer aufzuweisen hatte.

Halluzinationen? Wirklich? Oder Nervengift aus den Luftschächten? Abhaken! Abhaken, ganz dringend! Dann war es eben keine Axt.

Ich verdrängte alle Sorgen so gut es ging und suchte langsam Gänge und Räume der Einrichtung ab, immer mit dem Searer im Anschlag.

Ich fand im ganzen Gebäude nichts Lebendiges.

Ich kann nicht sagen, dass mich das sehr zufriedengestellt hätte. Für eine ordentliche Spurensuche war ich weder ausgerüstet noch in der optimalen Verfassung, und ich allein war kein ausreichend großes Team. Ich musste auf meine Sicherheit achten und hatte keine Ruhe für Analysen. Der Angreifer konnte immer noch irgendwo in der Nähe sein, und wenn er vorhatte, mir etwas anzutun, dann würde er es sicher wieder versuchen. Andererseits hatte er womöglich aufgegeben, als er nicht in meinen Panic Room hatte eindringen können.

Falls er das ernsthaft versucht hatte.

Dann war er schon seit Stunden fort? Dann war keine Rache mehr möglich. Keine Rache? Auch nicht so richtig befriedigend.

Ich muss wirklich versuchen, nicht verrückt zu werden. So schlimm ist das alles nicht. Atme, Woodi! Alles wird gut.

Irgendwann gönnte ich mir den erlösenden Moment, die Anspannung fallen zu lassen.

Nicht die Waffe, nur die Anspannung.

Ich setzte mich, an eine Wand gelehnt, auf den Boden, strich mir durchs knapp schulterlange Haar und schloss die Augen.

Mich machte die Sache richtig traurig, nicht nur der Toten wegen. Ich war keine Action-Figur aus dem Kinderzimmer. Ich hatte keinen Bock mehr auf den Scheiß. Dafür war ich nicht auf die Erde gekommen.

Ich will keine Feinde. Warum hab ich das merkwürdige Angebot des Commodores angenommen, der Sache auf den Grund zu gehen? Das wird mich von hier wegführen, oder? War das überhaupt ein Angebot oder eher Zwang? Verflucht noch mal, früher war ich von Irren umgeben, aber wenigstens nicht allein. Heute bin ich selbst die einsame Irre.

Gegen 4:30 Uhr konnte ich endlich ein Mini-Einsatzkommando anfordern, welches um 5:00 Uhr vor Ort war.

Sie bargen Maryjas Leiche und räumten den Schrott des explodierten Gleiters weg.

Der Doc würde Maryja in einer Einrichtung in Dublin obduzieren, wenn ich es recht verstand – er war nicht Teil des Kommandos - der Schrotthaufen sollte nach Birmingham ausgeflogen werden. Dort befand sich eine Einheit der Ermittlungsbehörden.

Ich war froh, dass mir diese Last abgenommen wurde, doch weder davor noch danach fand ich Schlaf.

VII
NOONA

Ein weißer Gleiter fuhr vor.

Der Morgen war gekommen.

Die Sonne strahlte von einem blauen Himmel voller weißer Wolkenberge, die aber irgendwie nie direkt vor der Sonne lagen, sondern sie stets nur ehrfürchtig flankierten.

Der eingetroffene Gleiter war sauber. Nein, sauber trifft es nicht. Er war wie geleckt. Wie aus dem Ei gepellt. Das mit dem Ei wurde durch die weiße Farbe überdeutlich. Rund war das Ding allerdings kaum, sondern flach. Verdammt flach.

Ein extrem sportliches und kostspieliges Modell.

Natürlich musste man in unserer geldlosen Gesellschaft keinen Gleiter teuer erwerben, aber für ein solches Luxusteil musste man Privilegien eintauschen, und zwar sehr, sehr viele davon. Exklusivität gab es immer noch – Menschen unterschieden sich gern voneinander. In allen Zeiten waren sie grundsätzlich eins und doch auch immer unterschiedlich. Alle Ideologien, die Menschen gleichschalten wollten, waren mir zuwider. Ich empfand nichts Negatives, wenn ich so ein Protzteil sah, aber es sagte eben etwas über den Besitzer aus. Im Gegensatz zu früheren Zeiten musste das nicht einmal etwas Schlechtes sein. Neid war aufgrund von Gegenständen schlichtweg äußerst selten geworden. Ich hätte auch so einen Gleiter haben können. Ich brauchte nur keinen.

Kaum hatte das Ding gestoppt, fuhren die beiden Seitentüren wie Flügel nach oben. Das sah schon ziemlich cool aus, auch wenn mich Gleiter sonst nicht besonders interessierten. Das aber hatte was von einem Schmetterling.

Ich mochte Schmetterlinge.

Die Fahrerin stieg aus.

Sie trug eine silbergrau glänzende, hautenge Uniformjacke und dazu eine schwarze Stoffhose.

Auch ich trug diese Klamotten, aber an ihr sah es gänzlich anders aus. Es passte besser, der Schnitt schmeichelte der Figur, es glänzte scheinbar mehr. Klar lag das nur an der Sonne, aber der Kontrast zu mir und meinen verschwitzten, dreckigen Klamotten war groß. Außerdem war ich kleiner als sie, auch ein bisschen breiter, und meine Brüste waren – machen wir uns nichts vor - einen Tick zu groß für meine Figur. Vielleicht auch zwei Ticks.

Ich sah vielleicht nicht aus wie ein kleiner, stämmiger Junge mit dicken Titten, aber …

Warum machen wir Frauen uns immer so viele Gedanken darüber, wie wir aussehen? Gerade mir ist das ja eigentlich völlig egal, aber wenn man verknallt ist oder so eine andere Frau als Vergleich geradezu vor den Kopf geschlagen bekommt, kehren alte, böse Gedanken und Geister aus der Pubertät zurück. Diese bösen, bösen Geister! Jemand sollte sie einsaugen und wegsperren!

Die Frau aus dem Gleiter war wie eine Femme Fatale aus einem schlechten Film. Oder aus einem guten Film. Es gab auch verdammt gute Filme mit Femme Fatales.

Sie trug eine spiegelnde, übergroße Sonnenbrille. Silberfarben. So eine Art Flieger- oder Pilotenbrille.

Und sie kaute etwas. Vermutlich Chewing Gum. Kaugummi. War auch mal mein Ding gewesen, aber als Teenager.

Am Gürtel, und ein Gürtel gehörte gar nicht zur Standardausrüstung der ST, trug sie zwei Holster mit einem Searer an der rechten und einem Analyzer an der linken Seite.

Ich trug übrigens auch einen Gürtel, aber das hatte andere Gründe als Waffen und Ausrüstung mitzuführen.

So richtig schmal war ihre Hüfte gar nicht, schon sehr weiblich, aber der Rest des Körpers war wahnsinnig schlank. Ein Mensch wie eine Schlange, drahtig und muskulös. Sie war gefährlich, ich wusste das. Sie hatte schon Gegner mit bloßen Händen getötet. Dutzende, wenn ich mich recht erinnerte. Ich hatte es nicht gesehen, aber sie war schon auf einigen Schiffen im Dienst gewesen. Solche Dinge sprachen sich herum. Akteneinsicht in ihre Vergangenheit hatte ich nie gehabt. Da sie mir nun formal unterstellt wurde, sollte ich aber eigentlich bald eine Akte bekommen. Das würde eine äußerst interessante Lektüre werden.

Noona Striker spuckte das Kaugummi auf den Boden, bückte sich in den Gleiter und steckte sich dann eine Zigarette in den Mund, die sie mit einem Mini-Lighter entzündete.

Ich hatte auch amateurhafte Erfahrungen mit diesem archaischen Ritual des Rauchens, aber wie sie nun den Qualm tief inhalierte, und durch die Nase ausströmen ließ, sah einfach abgezockt aus. Irgendwie verlieh ihr das einen entschieden männlichen Touch. Nicht so einen jungenhaften Kumpel-Touch wie bei mir, sondern eine Mischung aus Nymphomanin und männlichem Action Hero.

Ich zweifelte nicht an meiner Entscheidung, sie angeworben zu haben. Falls der Täter ihre Ankunft ebenso beobachtete wie ich, würde er sich entweder vor Angst oder vor Erregung in die Hose machen.

Ich betätigte sämtliche Entsperrungs-Funktionen und meine Station öffnete sich wie eine erblühende Knospe.

Alle Systeme fuhren hoch, alle Türen, Fenster, Sonnenblenden, Luftschächte, Luken und Tore wurden geöffnet.

Und alles funktionierte!

Ich hatte in den frühen Morgenstunden Routine um Routine durchlaufen lassen, um ein Gefühl für den Zustand der Anlage zu bekommen. Systemreparaturen, Systemwiederherstellungen, Schwachstellensuchen. Viele kleine zertretene Sprösslinge der IT-Struktur hatten sich wieder aufgerichtet. Ob damit alle Sabotage oder Schadsoftware aus dem System verbannt war, blieb Spekulation, aber die Station gehorchte meinen Kommandos.

Das tat verdammt gut!

Wie das unablässige Weitermachen und Ausprobieren am Ende oft doch noch zu Verbesserungen führt! Aufgeben und verzweifeln ist einfach kacke. Nicht vergessen, dass es immer wieder aufwärts geht, Woodi, egal in welchem Loch du steckst!

Ich dachte an den oder die Verursacher dieser ganzen Schieflage. Doch Andrew? Wenn dieser Penner noch hier drin war – fein! Sein Problem. Und wenn nicht, was irgendwie wahrscheinlich war, musste die Angst einfach weg, die mir wie Feuchtigkeit in der Seele hing.

Ich hatte eine Schusswaffe.

Noona Striker hatte eine Schusswaffe.

Gemeinsam würden wir auch einen Killer-Androiden platt machen.

Ich fand, Striker vermittelte immer den Eindruck, unsterblich zu sein. Dabei war sie mindestens zwei Mal so gut wie tot gewesen, und das waren nur die Stories, die ich kannte.

Diese Frau würde erst sterben, wenn sie damit einverstanden war.

Das getönte Fenster vor meiner Nase fuhr hoch in seine Rahmenhülse.

BAMM!

Die Sonne traf mein müdes Hirn mit all ihrer monströsen Pracht.

Aua, stechender Kopfschmerz des Grauens, verpiss dich!

Der Schmerz pochte kurz wie Migräne, inklusive Schwindel und einsetzender Übelkeit. Ich kniff die Augen zusammen, dann blinzelte ich mühsam und gewöhnte mich langsam an die grelle Herrlichkeit unseres Sterns Sol. So hieß unsere Sonne in der Unterscheidung zu den Milliarden anderen Sonnen da draußen. Ich hatte bestimmt hundert andere mit eigenen Augen gesehen, trotz meiner wenigen Jahre im All. Bei einer durchgehenden Karriere von sechzig Dienstjahren sah man sicher eintausend Sonnen oder mehr.

Das relativierte einiges.

Anfangs.

Aber bald schon war mir klar geworden, dass es in meinem Herzen nur eine Sonne gab.

Unsere.

Alle anderen nannte ich bei ihrem kartographischen Namen. Manche waren kleiner, andere größer. Viele hatten gänzlich andere Farben. Aber unsere Sonne war eben meine Sonne.

Und ich sah sie am liebsten vom Boden aus, nicht durch den Screen eines Raumschiffs.

Trotzdem wünschte ich in diesem Moment, eine Wolkenwand hätte sie verschluckt.

Ihr Licht war entlarvend rein und tat mir weh.

»Hi Noona!«, rief ich und winkte.

Eine Begrüßung mit mehr Esprit war mir nicht eingefallen.

Esprit war nicht so meine Stärke.

Striker sah zu mir hoch und stemmte die Hände in die Hüften.

»Was für ein beschissener, gottverlassener, abgrundtief langweiliger Ort«, rief sie. »Passt zu dir, Woodman!«

Sie lächelte nicht und ging zu ihrem Gleiter.

Ich wusste, wie sie war, aber ich war dennoch angepisst. Sorry für die Wortwahl.

Was für eine elende Bitch!

Sorry für meine … ach, scheiß drauf!

Nicht provozieren lassen!

Sie fuhr ihren Gleiter hinein, ich ging hinunter.

Im gläsernen Büro meines zerhackten Crewies Lennox Torgan standen wir uns dann gegenüber.

Striker nahm die Sonnenbrille ab.

Ich fand ihre grünen Augen noch verspiegelter als die dunklen Gläser der Brille. Ihr Blick war wie ein scharfkantiger Smaragd, der einem die Luftröhre zerschnitt.

»Wie sagte Stan immer? Rehaugen-Dewie Woodi?«, fragte sie in erstaunlich neutralem Tonfall. Spott fehlte darin, und das verunsicherte mich.

Stan sagte das? Wieso sagte? Ist ihm was passiert? Sind sie nicht mehr zusammen? Oder einfach nur wegen früher?

»Heute Stalev Woodman natürlich«, korrigierte sie sich hastig. Nach Respekt klang es jedoch nicht gerade, allerdings auch nicht bösartig.

»Man hat mir interessante Dinge versprochen, wenn ich kurz unter deiner Fuchtel diene, Woodman. Wie kommt denn das?«

Ich kratzte mich an der Nase und dachte einen Moment darüber nach, wie ich es ihr am besten erklären sollte.

»Naja, ich bin da vielleicht in eine krasse Sache geraten, und du bist ziemlich unerschrocken.«

Sie lächelte erstmals.

»Unerschrocken? Meinst du nicht eher verrückt oder abgefuckt?«

Ich schaffte es, nicht zu nicken.

»Verrückt sicher nicht. Ich halte dich für sehr gut, in dem was du tust.«

Ihr Lächeln verschwand. Sie ging an mir vorbei und stieß, sicher nicht unabsichtlich, ihre Schulter gegen meine.

»Wo ist die Kommandozentrale, falls dieses Schulgebäude oder was dieser hässliche Schandfleck in der Landschaft sein soll, sowas hat?«

Ich eilte hinter ihr her wie eine Untergebene und erklärte den Weg. Sie ging so schnell, dass ich fast rennen musste, um zu folgen.

»Was weißt du?«, fragte ich, hinter ihr her hechelnd.

Das war sowas von unhöflich von ihr!

»Dass es Anschläge auf Geschütze gab und bei dir hier einen Mord. Muss ich viel mehr wissen?«, gab sie gelangweilt zurück.

Sie erreichte mein Büro, also die Zentrale, und fing gleich an, sich an den Konsolen und Displays Aufzeichnungen und Daten anzusehen.

Das Zeug flimmerte beeindruckend schnell an ihr vorbei, aber sie schien es problemlos verarbeiten zu können.

Nach einigen Momenten entschied ich, sie trotzdem über ein paar Dinge aufzuklären. Die Berichte, die sie da las, hatten sicher nur eine seltsame Version der Realität abgebildet.

»Einen Verräter, eine Verletzte, einen Toten. Nein, zwei Tote inzwischen! Letzte Nacht wurde einer meiner Assistance-Dewies in die Luft gesprengt. Ein nettes Mädchen. Der erste Tote wurde mit einer Axt zerhackt. Und einer der anderen Assistance-Dewies hatte zuletzt Zugang zur Anlage. Laut Protokoll wurde er nie ausgeloggt.«

Während ich das sagte, las Noona weiter, nickte ab und an. Ich wusste aber nicht, ob sie mir dem Screen zunickte.

»Der Verräter, dieser Jensen, ist flüchtig?«, fragte sie.

Ich nickte.

»Und kommt nicht als Mörder in Frage?«

»Eigentlich nicht, nein. Ich wüsste nicht, wie das gehen sollte. Aber er hat meine Kollegin niedergeschlagen.«

»Jill Bekker?«

Ich nickte.

»Sie wurde verhaftet, wird mir aber bald überstellt. Als Gefangene.«

Noona hörte auf zu lesen und wandte sich mir zu.

»Wieso wurde sie verhaftet?«

»Sie behaupten, sie hätte ihren Kameraden zerhackt. Dabei hatte der Verräter sie vorher niedergeschlagen und Lennox Torgan, das Opfer, hat ihr geholfen. Ein Arzt war noch da. Die Sache muss später passiert sein. Also das ist das, was ich gehört habe. Ich war schon nicht mehr hier, als das passiert ist. Also der Mord.«

Noona sah mich kritisch an.

»Du bist ganz schön durcheinander, Woodman. Aber die Sache scheint mir auch seltsam zu sein. Du bekommst Geheimdienst-Infos?«

»Angeblich ja. Bisher aber nicht«, sagte ich achselzuckend. »Ich weiß nicht, ob ich Commodore Dangler vertrauen kann, aber sie hat mich beauftragt, der Sache nachzugehen.«

»Dangler ist in Ordnung«, sagte Striker. Ihr Vater müsste es eigentlich wissen, und was er wusste, wusste auch Noona.

Sie dachte einen Moment nach, das sah man ihr an. Sie vermittelte einen angestrengten, aber klugen Eindruck, und vor allem hatte ich das Gefühl, sie jetzt keinesfalls stören zu dürfen.

Also wartete ich.

Und wartete.

Und wartete weiter.

»Sie ist nicht das Problem«, sagte Noona schließlich. »Dangler. Ich denke, der Auftrag kommt wirklich von ihr und wird - viel wichtiger! - von relativ wichtigen Teilen des Geheimdienstes gedeckt. Ist dein Team das einzige?«

Ich zuckte erneut mit den Achseln.

»Wenn´s mehrere gibt, was wahrscheinlich ist, müssen wir aufpassen. Manche Teams neigen dazu, die Schuld auf andere Teams zu schieben, um sich zu profilieren. Üblicherweise heuert der Geheimdienst mehrere Teams an und spielt sie gegeneinander aus. Zu einem gewissen Zeitpunkt zumindest. Wir sollten das beste Team sein – mit echten Ergebnissen statt Betrug. Dann kriegen wir unsere Belohnungen und uns pisst keiner ans Bein.«

Sie schien sowas schon gemacht zu haben. Ich war froh, sie ausgewählt zu haben, egal wie sie drauf war.

Noona sah mich an und grinste plötzlich hinterhältig.

»Was hast du dir eigentlich als Belohnung ausgesucht?«

»Äh, nichts. Ich mach´s einfach. Ich will hierbleiben, meine Stellung behalten und Bekker entlasten. Das reicht mir.«

»Kein Raumschiff, Woodi?«, fragte sie, noch immer merkwürdig grinsend.

»Nein, absolut kein Bedarf.«

Sie machte eine bedeutungsschwangere Pause.

»Oder Stan Pendra nackt auf einem Silbertablett?«

Ich weiß gar nicht, wie es passierte, aber meine rechte Hand landete blitzschnell und hammerhart in diesem hübschen, grinsenden Schlangengesicht.

Noona taumelte gegen die nächstbeste Wand, ohne zu Boden zu gehen.

Im ersten Augenblick sah sie mich mit einem Blick an, der mich einen Kampf auf Leben und Tod erwarten ließ. Dann aber rieb sie sich die Wange, nickte und lächelte anerkennend. Anerkennend!

»Du hast Kraft, kleine Woodi. Gute Reaktion auf so einen billigen Anmach-Scheiß wie meinen gerade.«

Ich schüttelte mich.

Ein cooler Spruch wäre vielleicht gut gekommen, aber mir fiel nichts ein.

Noona beugte sich vor, so dass unsere Nasenspitzen sich fast berührten.

Ich musste mich ein wenig konzentrieren, um nicht vorsichtshalber zurückzuweichen.

»Du hast mich angefordert, obwohl ich mit dem Mann zusammen bin, den du liebst? Was für ein kranker Scheiß ist das bitte?«

Das klang nicht mal so, als wolle sie mich vorsätzlich ärgern, aber vieles in mir sträubte sich heftig dagegen, das unkommentiert stehen zu lassen. Es stimmte einfach nicht.

Zumindest nicht ganz!

»Ich habe dich angefordert, weil ich dir vertraue. Und weil du gut bist, gerade für so was, das neben der Spur und möglicherweise sehr gefährlich ist. Mit wem du ins Bett gehst, ist nicht relevant.«

Sie nickte, vielleicht sogar dankbar, aber sie wartete offensichtlich auf etwas mehr Seelenstriptease.

Ich seufzte resignierend.

»Und ja, ich mochte Stan mal ein bisschen mehr als nur freundschaftlich, aber es war ja nie was zwischen uns. Das ist lange her. Ich liebe ihn nicht und es stört mich nicht, dass du mit ihm zusammen bist. Reicht das zu dem Thema?«

Sie nickte nochmals und zog den Kopf ein wenig zurück.

Ich fühlte mich jetzt nicht mehr wie eine Springmaus vor der Kobra.

»Und ich bin echt mehr an meinen ermordeten Leuten interessiert als an alten Männergeschichten, Stalev Striker.«

Sie nickte, und diese Geste beinhaltete ein deutlich sichtbares Lächeln.

»Gut, kann sein, dass ich dir teilweise glaube. Also lösen wir den Fall, Sherlock! Über Stan reden wir noch. Ich bevorzuge es allerdings, dass wir beide dann sehr, sehr betrunken sind!«

Ich konnte nicht verhindern, darüber zu lachen. Und das tat wirklich gut!

»Du bist echt unmöglich!«

Sie schlug mir auf die Schulter.

»Und du bist in Ordnung, Woodman, lass dich nicht von mir ärgern! Sollte ich eigentlich besser Vanessa sagen?«

»Nenn mich Woodi«, sagte ich.

»Und du mich Strikey«, sagte sie, lächelte aber nicht.

»Schwachsinn, Noona!«

Jetzt lächelte sie.

»Ja, Schwachsinn. Sei du ruhig die Woodi. Kleine, lustige Kumpel-Frauen nimmt eben kein Mann ernst, aber okay, wenn du Woodi sein willst…«

Diese miese kleine…

»Wer kommt noch außer der gefangenen Jill und mir? Ich kenne Jill übrigens. Süße Irre!«

Die kannten sich? Das hatte ich nicht gewusst. War das nun gut oder schlecht?

»Flink«, sagte ich.

Noona lachte laut und kehlig.

Wie ein Kerl!

»Wirst du also an mir und ihm schnüffeln, um dich an Stan zu erinnern, ja? Hau mich nicht! Alles gut. Garrett verspricht ne Menge Spaß.«

»Loyalität!«, zischte ich durch zusammengebissene Zähne.

»Er verspricht Loyalität. Kann ich mich auf dich verlassen? Auch darauf, dass du mein Kommando hierbei akzeptierst? Sonst hau besser gleich wieder ab!«

»Woodi, ich bin extra für dich hergefahren und wusste vorher, dass du hier das Sagen hast. Zurecht übrigens, wie ich finde. Du hast viel mehr Dienst abgerissen als ich. Klar knie ich nieder, wenn Imperatrix Woodi pfeift. Ich bin loyal! Hell, yeah!«

Ich nickte und nahm das als Versprechen zur Kenntnis.

»Gut, dann fangen wir an zu puzzeln!«, sagte sie und klatschte in die Hände.

Es galt, eine ganze Menge Meldungen, Protokolldaten, Personenprofile, Uhrzeiten und Bewegungsabläufe zusammenzustellen.

»Aber erst zeigst du mir, wo ich mein Zeug hinschmeißen kann. Ich werde ja ein paar Mal hier schlafen. Und dann trinken wir einen Whisky.«

Mein Kopfschmerz meldete sich wieder.

»Um diese Zeit? Ich hab ewig nicht geschlafen und bin nicht sicher, dass der Killer nicht doch noch irgendwo in der Anlage sitzt«, sagte ich und dachte an das Hacken an der Tür. An meine … Halluzinationen?

Sie nickte.

»Verstehe. Das hättest du explizit erwähnen können. Aber okay. Du solltest schlafen. Du siehst außerordentlich unattraktiv aus. Aber ohne Begrüßungs-Missions-Whisky geht´s nicht. Oder lieber Wodka? Oder Gin Tonic wie Stan?«

»Wodka ist dein Ding, Gin ist Stans Ding. Wenn dann Whisky. Ich bin aus Sheffield, aber wir sind in Irland. Whisky ist hier ein Muss. Aber danach muss ich schlafen, klar?!«

»Wir betrinken uns kurz, dann rollst du dich ein. Und ich bewache dich. Wäre doch schade, wenn der Killer uns sofort kaltmacht. Kurze Spiele sind langweilig.«

Dieser Vorschlag klang fantastisch. Bescheuert klang er auch, aber ebenso großartig.

Also nickte ich.

VIII
FLINK

Als ich erwachte, lachte noch immer die Sonne.

Vermutlich über mich.

Ein Blick auf das nächste Chronometer offenbarte eine späte Mittagsstunde. Mein Nacken war verspannt und Kopfschmerz klebte noch immer hinter meiner Stirn wie ein nasser Lappen, aber er fühlte sich anders an als in der Nacht zuvor: Nach Alkohol, nicht nach tödlicher Müdigkeit. Das war tatsächlich viel besser.

Ich war allein im Raum.

Ich dachte, die will auf mich aufpassen!

Nach leider vier statt dem geplantem einen Whisky war ich eingeschlafen. Noona hatte dabei auf der Bettkante gesessen. Das wusste ich noch.

Ich stolperte zur Tür.

Sie war verschlossen.

Na immerhin!

Ich überbrückte die Sperre mit meiner Autorisation.

Also ich dachte, ich könnte das tun.

Die Tür reagierte nicht.

Anscheinend hatte Noona das Programm überschrieben.

Ich betätigte mein SmartCom und rief sie.

»Bin gleich da«, antwortete sie umgehend. Sie lallte dabei und kicherte am Ende.

Das beruhigte mich nicht gerade.

Anscheinend hatte sie die Flasche allein geleert.

Ich trug nur einen Slip und einen Sport-BH, und rechnete mit einer rotzevollen Noona, als die Tür aufging.

Statt ihr stand da Flink P. Garrett.

Er trug eine Sonnenbrille und musterte mich schamlos grinsend von unten bis oben.

Ich tat ihm nicht den Gefallen, wie eine schamhafte Prinzessin zu quietschen, sondern blieb einfach wie angewurzelt stehen.

»Woodi, du bist eine Schönheit, wirklich wahr!«, sagte er. Nein, er sagte es nicht. Auch er lallte!

»Du und Noona, ihr habt euch schön einen angesoffen, ja?«, schrie ich wütend und begann, meine Sachen zusammenzusuchen und mich anzuziehen.

»Hier ist vielleicht noch ein Mörder im Gebäude und …«

»Nein, nein, alles gecheckt«, sagte er. Er klang dabei ein wenig nüchterner.

»Dreh dich gefälligst um!«, schrie ich ihn an. Bevor ich mir eine frische Uniform anzog, wollte ich die Unterwäsche wechseln.

»Oh, bitte. Wir kennen uns so lange, Woodi, und …«

»Flink! Kennen ja, aber nicht nackt! Du wirst mich nie nackt sehen! Dreh dich um und erzähl!«

Er tat es. Dennoch machte es mich nervös, splitternackt hinter ihm zu stehen, auch wenn es nur für einen kurzen Moment war.

»Wir haben erst einen kompletten Rundgang gemacht und mit internen wie externen Tendrae alles abgetackert was ging, Stalev Woodman«, sagte er.

»Kein lebendes Wesen in der ganzen Anlage, mal von den Mäusen und Fledermäusen abgesehen. Aber leider haben wir doch jemanden gefunden.«

Ich zog mir gerade die Uniform-Hose an, als er das sagte. Ich hielt in der Bewegung inne.

»Wen?«

Er drehte sich wieder um.

»Eine Leiche. Dewie Andrew Falls.«

Andrew würde nie wieder auf Nancy, Gracy oder wem auch immer liegen. Und ich hatte ihn verdächtigt! Also deswegen war er nicht ausgeloggt.

»Wo?«

»In den Versorgungstunneln unten. Erschossen. Searer.«

»Drei Tote. Einmal Axt, einmal Sprengsatz, einmal Searer. Passt alles nicht so richtig.«

»Nein«, sagte Flink.

Ich hatte mich endlich fertig angezogen und brachte Ordnung in meine Frisur. Auch kurze Haare machten manchmal Arbeit.

Er sah mich an und ich erwiderte seinen Blick.

Alles Betrunkene, Alberne, Anzügliche darin war mit einem Schlag wie fortgeblasen.

»Woodi, ich bin so froh, dich zu sehen.«

Das klang sehr nüchtern. Und sehr warm.

Ich kam auf ihn zu und umarmte ihn.

Es fühlte sich gut und richtig an.

Beinahe wäre ich in der Umarmung ein bisschen weich geworden. Nicht dass ich ihn hätte küssen wollen, aber ich wollte diese Probleme einfach nicht mehr haben. Ich hatte Lust, mich mit Flink auf eine Couch zu legen, einen Film anzuschauen und Snacks in mich reinzustopfen. Kichernd einzuschlafen, mit einem Spruch auf den Lippen. Ohne Sorgen. Ohne Termine. Kurz flammte diese Vision spürbar warm in mir auf. Ich ließ es zu, aber der Moment war sehr kurz. Das warme Gefühl verschwand endgültig, als Noona in der offenen Tür auftauchte.

»Oh, ganz, ganz süß! Ein Klassentreffen. Das ist Flink, Woodi, nicht Stan. Also leck ihn nicht gleich ab!«

Flink und ich ließen uns los.

Die Umarmung war vielleicht ein wenig zu lang gewesen.

Ihm gefiel der Kommentar zwar sichtlich genau so wenig wie mir, aber ein Streit war auch nicht angebracht. Ich hatte schon vorher gewusst, dass Noona nun mal so war. Ich musste cool bleiben. Einmal hatte sie mir einen Schlag durchgehen lassen, aber das nächste Mal würden wir uns wahrscheinlich die Knochen brechen.

»Kommt mal mit«, sagte ich humorlos, als ich auch den zweiten Stiefel angezogen hatte, und ging vor.

In der Zentrale setzte ich mich in meinen Sessel, ließ die beiden eintreten und die Tür hinter sich schließen.

Ich saß, sie mussten stehen.

Das war schon mal Teil der Botschaft.

»So, mal herhören!«, begann ich betont laut und militärisch. »Ihr habt das mit der Tendrierung und dem Anlagen-Check gut und korrekt durchgeführt. Danke dafür. Ich bin jetzt wieder einsatzbereit, ihr beiden aber nicht. Ich trinke auch gerne, aber das hier ist noch lange nicht lustig, kein Veteranentreffen und keine Party. Ich brauche euch im Dienst, und zwar nüchtern! Wenn wir irgendwann Sicherheit, das heißt eine echte Absicherung haben, können wir uns gemeinsam was reinschütten, aber doch nicht so. Ich habe hier das Kommando und muss dafür geradestehen, egal ob halbwegs geheim oder nicht. Ich kann vor Gericht landen, Leute, und ihr auch. Macht die Sache richtig oder gar nicht. Wir sind ein winziges Team, ohne ein Raumschiff oder eine Besatzung von tausend Crewies dahinter. Wir haben auf der Erde völlige Bewegungsfreiheit, dürften in ziemlich viele Archive und so weiter reinkommen. Mir wurden Autorisationen versprochen. Also sind wir nicht, wie sonst, die Gehetzten mit limitierten Möglichkeiten, sondern wir kommen von oben, um irgendeinen mörderischen, terroristischen Scheiß aufzuspüren und auszuschalten. Und ich will das schnell tun!«

Noona öffnete den Mund. Ich sah an ihrem Gesichtsausdruck, dass es etwas Sarkastisches werden würde.

Ich kam ihr zuvor.

»Halt die Klappe, Noona! Ihr geht jetzt beide euren Rausch ausschlafen, und ich sehe euch um 20 Uhr ordentlich angezogen, geduscht und nüchtern wieder hier! Oder ihr verzieht euch, verratet mich, die Squadronica und alles, für das wir früher schon unsere Ärsche riskiert haben. Eure Entscheidung!«

Noona schloss den Mund wieder und zog eine wütende Schnute. Aber sie schwieg!

Flink dagegen wirkte richtiggehend schuldbewusst.

Ich hatte jedoch keineswegs die Absicht, ihnen Zeit zum Nachdenken oder für Erwiderungen zu geben.

»Wegtreten! Wir sehen uns später!«

Ich drehte den Sessel von ihnen weg und ließ sie auf meinen Rücken starren.

Ich wünschte wirklich, alle Menschen könnten immerzu nur fröhliche Freunde sein und Spaß haben, aber so läuft es in der Welt nun mal nicht, zumindest nicht durchgehend.

Oder ich müsste mich aus alledem endgültig verabschieden, aber ich wollte schon noch was beitragen. Ich war jung, verdammt noch mal, keine Seniorin. Und vor diesem dämlichen Tag der Anschläge war doch alles sehr akzeptabel gewesen. Ich wollte meine ruhige irische Westküste mit einem kleinen, unaufgeregten Team zurück. Natürlich ohne solche Jensens, aber mit Jill.

Ich hörte Noona und Flink brav wegtreten.

Brav und vor allem wortlos.

Danke! Ich danke euch!

Wir würden das durchziehen, Ergebnisse abliefern, und in ein paar Wochen würde ich wieder hier sitzen, meinen Kaffee schlürfen, ein bisschen arbeiten, abends ein gutes Buch lesen und die Welt genießen in all ihrer Ruhe und Genügsamkeit, wenn der Mensch nicht reinballerte.

Als sich die Tür hinter den beiden schloss und ich wieder allein war, drehte ich den Sessel herum.

Ich checkte Displays und Protokolle, aktivierte Sperren, Blockaden und Sicherheitslogarithmen.

Andrews Leiche hatte der Doc abgeholt, während ich geschlafen hatte. Ich entnahm das einem Memo. Ich fand es schade, da ich ihn gern endlich persönlich gesprochen hätte.

Aber gut, fein, wir haben die Leiche aus dem Haus. Abhaken! Konzentrieren wir uns fortan besser auf die Lebenden.

Die Arbeit am Puzzle, das ich mit Noona hatte lösen wollen, hatten Flink und sie noch nicht wirklich wieder aufgenommen.

Eher ein Whisky-Puzzle. Der Schluck muss hierhin, der dorthin. Na toll!

Ich ging Akten, Aufzeichnungen und alles, was mir einfiel, durch. Es dauerte Stunde um Stunde. Ich trank literweise Kaffee, aber ich genoss es auf eine gewisse Weise. Nichts Schlimmes passierte und mir ging es wieder recht gut soweit. Ich konnte lesen und arbeiten.

In der Zentrale liefen alle Sicherheitssysteme rund. Ich hatte alles im Blick, nichts ereignete sich draußen oder drinnen. In den Quartieren von Flink und Noona gab es natürlich keine Kameras, aber da nirgendwo eine Bewegung registriert wurde, ging ich davon aus, dass sie tatsächlich brav und ungestört schliefen.

Ja, ich hatte auch kurz den Gedanken, dass sie vielleicht miteinander schliefen, und dass ich hingehen, es entdecken, dokumentieren und Stan davon berichten könnte, aber das wäre ja sowas von kindisch gewesen!

Aber für seine eigenen blöden Gedanken kann man doch nichts! Außerdem war ich mir ziemlich sicher, dass die beiden sich nicht anfassen würden. Zwischen ihnen war nie was gewesen. Ende der Geschichte.

Am späten Nachmittag wurde die Station gerufen.

Ein Transporter der Squadronica kündigte die Rückführung von Jill Bekker an.

Wir hatten eine Art Zelle in der Anlage, aber im Grunde plante ich, Jill eine Minute nach Abflug ihrer Lieferanten wieder freizulassen. Sie konnte nicht schuldig sein!

Der Transporter traf ein, als Noona und Flink noch schliefen. Ich trug einen Searer an der Hüfte, als ich hinausging.

Das anfliegende Ding war ein fetter Gleiter. Er flog etwa zehn Meter über dem Erdboden, war aber nicht weltraumtauglich. Eher ein Frachter für die Erde.

Ich musste einige Dokumente unterzeichnen, aber niemand an Bord dieses Dings war von bedeutsamem Rang oder mir sonst irgendwie bekannt. Sie führten lediglich aus, was Commodore Dangler mir zugesagt hatte, wussten aber nicht, was sie da gerade taten. Zumindest schien es so, und es war mir auch ganz recht.

Nach einigen Minuten voller Formalitäten wurde Jill Bekker eine Rampe hinabgeführt.

Sie trug Spanglers. Das waren blau leuchtende Handschellen, die Metall und Energiefeld kombinierten und ohne High Tech nicht zu durchbrechen waren. Man hatte Jill die Uniform genommen und sie in etwas Bequemes gesteckt. Zum Glück war es keine Sträflingskleidung, sondern eine luftige Hose und ein einfarbiger, dünner Pulli. So legte man sich eigentlich nach Dienstschluss auf einen Sonnenstuhl.

Jill strahlte, als sie mich sah. Im strohblonden, lockigen Haar über der Stirn trug sie ihre merkwürdige Brille, diese Mischung aus Piloten- und Schweißerbrille, die sie bei Experimenten aufzusetzen pflegte und auch sonst selten ablegte.

Ich begrüßte sie sachlich und wartete, bis der fette Gleiter außer Sichtweite war. Dann gab ich den übermittelten Code ein, um die Spanglers zu öffnen.

IX
JILL

Endlich umarmten wir uns.

Mir war, als wäre mein Zuhause nach Hause gekommen.

»Hattest du Sorgen, kleine Woodi?«, fragte Jill und strich mir ein Strähnchen aus der Stirn.

Sie grinste herrlich irre vor Glück. Das stand in strengem Kontrast zur sanften Stimme und dieser zärtlichen Geste.

»Wir haben hier ein paar Morde, Terrorismus, eine Verschwörung oder sowas, aber das läuft schon«, sagte ich und zwinkerte.

Natürlich war auch das verrückt und völlig pietätlos, aber Jill war ein schwieriges, großartiges Genie. Normales Verhalten musste in ihrer Gegenwart nicht sein.

Ich musterte sie einen Moment lang.

Ihr war offensichtlich während der kurzen Gefangenschaft nichts zugestoßen. Allerdings wäre es auch sehr ungewöhnlich gewesen, hätte es in der Justiz zu dieser Zeit weit verbreitete Missstände gegeben. Es war längst nicht alles perfekt in unserer Gesellschaft, aber seit dem knapp gescheiterten Putsch der Faschisten übte sich das staatliche Gewaltmonopol doch sehr in Zurückhaltung.

»Ich bin ein freier Vogel?«, fragte sie vergnügt. »Darfst du mich fliegen lassen?«

»Nein, aber ich tue es trotzdem«, sagte ich.

Ich wollte gar nicht erst hineingehen, abwarten, einen Kaffee anbieten oder ähnliches.

Ich wollte gleich an Ort und Stelle Antworten haben.

»Was war, nachdem Jensen dich niedergeschlagen hat?«

Ihr Lächeln verschwand, aber sie blieb ein seltsamer Anblick für jemanden, der sie nicht kannte. Sie sah auf ihre Finger, während sie sprach - und sie sprach sehr schnell.

»Naja, das war ein harter Knockout. Richtig hart. Unnötig gemein. Sah ich nicht kommen. Ich hatte Kopfhörer auf in dem Moment. Gute Musik, da knallt es extrem überraschend. Als ich aufgewacht bin, war Lennox da. Ich hatte ein bisschen Blut am Kopf. Er auch an den Fingern. Naja, er hat nachgesehen. Alles gut. Er sah richtig erschrocken aus. Mir war noch schwindelig. Wie von falschen Pilzen in der Suppe. Unser Annäherungsalarm ging los. Das war komisch, weil Jensen ja schon abgehauen war. Also falls jemand sagt, Jensen hat Lennox ermordet: No way! Der war weg. Lennox hatte ihn abdüsen sehen. Du ja auch. Er dich ja auch. Ach, was erzähl ich dir? Also Lennox rennt los. Wegen des Annäherungsalarms. Dem hier bei uns. Ich rappel mich hoch, steck mir erst mal ne Ziggi an und reib mir den Steiß, weißt du? Wie ich halt so bin. Dann geht der Alarm plötzlich aus, mitten im Heulton. Abgewürgt. Das klingt eigentlich nicht so, wenn man ihn deaktiviert. Dann heult er seine Melodie noch kurz zu Ende. Weißt du ja von den Alarmübungen. Bis die Kaskade kollabiert. Oder so ähnlich. Hast du was zu rauchen?«

Ich schüttelte den Kopf. Drinnen gab es etwas, aber hier draußen nicht. Ich rauchte nur sehr, sehr selten.

»Weiter, Jill. Ich muss alles wissen, bevor die anderen dich in die Finger kriegen!«

Sie nickte.

»Ich also raus in den Korridor. Ich rufe nach Lennox, aber es kommt keine Antwort. Dann Geräusche. Poltern. Ich dachte auch Glas splittern zu hören, aber ich habe keine kaputte Scheibe gefunden. Naja, ich war aber noch nicht weit gekommen, da kamen Sicherheitskräfte der Unyon den Gang rauf und auf mich zu. Fünf oder sechs Typen. Keine Frau. Das hat mich schon mal gestört. Helme mit abgedunkelten Visieren, alle mit diesen Searer-Streitkolben im Arm. Diese Kuschel-Kalaschnikows.«

Sie meinte Searer-Gewehre. Ich gestikulierte, sie solle fortfahren und sich nicht an diesem Detail aufhalten.

»Und dann die Standard-Ansprache. Für mich, Woodi!«

Ich verdrehte die Augen und steckte mir einen Finger in den Mund. Juristisches Gesülze fand ich zum Kotzen.

»Dass Dewie Jill Bekker jetzt verhaftet sei wegen Mordes an Dewie Lennox Torgan und ich das Recht hätte, die Klappe zu halten. Ich war total angepisst - und vor allem geschockt! Lennox war weniger als fünf Minuten weg von mir und schon tot? Ich weiß nicht, wer noch hier drin war, Woodi, ich schwöre es! Da kann entweder einer gekommen sein in den wenigen Minuten nachdem du und Jensen weg waren oder …«

»Oder da war schon längst einer hier, mitten unter uns«, sagte ich eisig.

»Wann auch immer er die Bombe in der Nähe der Rampe platziert und wann auch immer er Andrew ermordet hat. Wir haben irgendeinen fiesen Gegner hier drin gehabt.«

Jill nickte und sah nicht mehr auf ihre Finger oder den vorbeifliegenden Vögeln nach. Jetzt war sie ganz wach, voll da und sah mich direkt an.

»Woodi, ich hab lange gedacht, die Typen von der Unyon hätten Lennox ermordet. Die waren so kurz nach seinem Tod schon bei mir. Aber ich habe vor dem Abflug hierher erzählt bekommen, dass es noch mehr Tote gegeben hat. Andrew. Maryja. Sie sagten mir, dass ich damit vor Gericht gute Karten hätte, weil die anderen ja ermordet wurden, als ich schon verhaftet war.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nicht, wie die darauf kommen. Waren das Anwälte?«

»Ne, die Piloten vom Gleiter. Normales Personal.«

»Na dann haben sie vergessen, dass der Todeszeitpunkt von Andrew nicht hundertprozentig klar ist und dass so eine Bombe wie die von Maryja auch im Vorfeld deponiert und programmiert werden kann. Steuerung ist schwierig von weit weg, klar, aber würde ich dich verdächtigen, wärst du noch nicht fein raus. Interessanter wäre die Feststellung, dass die Unyon wirklich raus ist.«

»Hast du wieder einen internen Putsch oder sowas im Verdacht? Das verfolgt dich ein bisschen, hm?«

Ich schüttelte den Kopf.

Politische Unruhen und Putschhandlungen hatte es in den letzten Jahren wirklich einige gegeben, aber das war in Kriegszeiten sicher nicht unnormal. Immerhin hatte die Unyon beinahe einen langjährigen Krieg gegen das Prismonium verloren und in letzter Sekunde eine Invasion durch das Delta Empire abgewendet – durch fremde Hilfe allerdings. Diese beiden externen Gefahren waren für den Moment gebannt und weit weg, und ich fand wirklich, dass sich Gesellschaft, Unyon und Squadronica, beruhigt hatten.

»Ich hatte gar nichts im Verdacht bislang, Jill, zumindest nicht so richtig, aber ich habe schon Sorge, dass mein Auftraggeber mich beauftragt hat, um von sich selbst als Täter abzulenken. Ist zwar weiterhin auch noch möglich, aber alles deutet auf eine fiese Person hin, die mit Jensen gearbeitet hat. Da gibt es wohl so eine Gruppe von Irren, die gern tötet und zerstört.«

»Ich hasse solche Typen«, sagte Jill ernst. »Das ist keine gute Art, seine Meinung zu verkünden. So Leute sagen immer, sie seien die Unterdrückten, sie seien die Revolution, aber die besten Revolutionen gab´s am Ende doch immer eher friedlich. Alles andere wandelt schlechte Gewalt in schlechte Gegengewalt um, nichts weiter.«

Ich nickte, war aber nicht daran interessiert, die Geschichtsstunde zu vertiefen.

Die wichtigsten Puzzlestücke kennen wir noch nicht, da bin ich sicher. Es ist viel zu früh, über das große Ganze nachzudenken.

Ich bemerkte, dass Jill auf eine Erwiderung wartete.

»Wir reden beide von der Unyon als möglichem Bösewicht, als wären wir nicht selbst die Unyon. Wir sollten das nicht vergessen. Wir sind Offiziere der Squadronica Terrensis, ihrer wichtigsten Exekutive. Wenn andere Einheiten aufkreuzen, können wir nicht wie von einer fremden Macht sprechen. Die haben auch nur ihren Job gemacht.«

Jill nickte, sagte aber nichts.

Genug geschauspielert. Jetzt ist der Moment, dir die Sache um die Ohren zu hauen.

»Jill, ich weiß, dass der Doc dich untersucht hat nach dem Niederschlag durch Jensen. Da lebte Lennox noch. Wieso fehlt das in deiner Geschichte? Bei dir rennt Lennox, direkt nachdem er dir geholfen hat, wegen des angebliches Alarmes weg, wird ermordet, und dann kommen schon die Sicherheitskräfte der ST. Erklär mir das mal, am besten sofort und bitte überzeugend!«

Jill verzog den Mund und riss die Augen auf. Es sah weniger verrückt aus als sonst, sondern ehrlich schockiert.

»Du glaubst, ich war das?«, fragte sie mit sehr leiser, brüchiger Stimme. »Du traust mir das zu? Das alles?«

Mädchen, du bist meine beste Freundin seit zwei Jahren, aber ich hab leider gelernt, dass alles möglich ist.

Ihre Augen verengten sich, ihr Mund begradigte sich. Sie sah nun sehr seriös und ernst aus, kein bisschen verrückt.

»Ich vermute, dich haben viele Leute ganz schlimm durcheinandergebracht, Vanessa Woodman. Ich ermorde keine Kameraden. Ich ermorde überhaupt niemanden. Der Doc erzählt Blödsinn. Ich hoffe, er ist nur dement! Es war genau, wie ich es dir sagte. Lennox fand mich. Ich brauchte keinen Arzt. Und selbst wenn ich einen gebraucht hätte, war es fünf Minuten später schon egal.«

Der Doc sollte wissen, ob er eine Person wegen einer Kopfverletzung untersucht hat oder nicht. Eigentlich. Wieso sollte er lügen? Seine Fehlinformation, wenn es eine war, sorgte ja nicht mal für Jills Verhaftung. Sie ist bedeutungslos, außer dass sie mich verwirrt. Oder ich bin blind. Aber klar, ich könnte etwas missverstanden haben.

Jill wartete auf meine Erwiderung.

Letztlich fiel sie mir leicht.

Warum einem alten Mann mehr glauben als einer jungen Frau, die man viel besser kannte? Jeder Mensch konnte lügen. Ich entschied mich dafür, einer Frau zu glauben. Nicht weil Frauen bessere Menschen sind – sind sie meiner Erfahrung nach nämlich nicht, schon gar nicht pauschal – sondern weil Jill meine Freundin war, der Doc nur ein Bekannter mit Status. Veteran und Arzt. Der Status Mann war kein Status mehr. Egal, was dahintersteckte, ich glaubte Jills Version.

Und vielleicht habe ich mich nur verhört. Ich mache nicht selten Fehler.

»Mir genügt das. Ich beantrage deine Wiedereinsetzung in den Dienst unter Vorbehalt. Ich denke, dass die das Verfahren bald einstellen. Spätestens, wenn wir Spuren oder Beweise finden, wer der eigentliche Täter ist. Und das ist sowieso unser wichtigster Job. Komm mit!«

Ich nickte in Richtung Gebäude und ging los.

Jill schwieg ungewöhnlich lange.

Ich vermute, sie wägte ab, ob sie sich dafür bedanken sollte, dass ich ihr glaubte. Aber wenn sie die Wahrheit gesagt hatte, wäre ein Dank ja nicht nötig gewesen. Ich legte mir das als weitere Bestätigung aus.

Schließlich fragte sie nach den anderen Teammitgliedern.

Wir waren in der Halle vor Torgans Büro.

Als ich Flinks und Noonas Namen nannte, blieb sie überrascht stehen.

»Stalev Flink Garrett und Stalev Noona Striker? Das sind doch die aus deinen Abenteuergeschichten! Noona kenne ich selbst ein bisschen, Garrett habe ich in Berichten gesehen. Du bringst mich in eine richtig beschissene Lage, weißt du das?«

Ich kratze mich an der Nase.

»Wieso? Weil alle Stalev sind und du Dewie?«

»Quatsch, das interessiert mich nicht!«

Sie winkte grinsend ab und flüsterte mir ins Ohr: »Das Problem ist: Ich finde die beiden extrem heiß und weiß nicht, mit wem ich …«

»Jill!«

Ich schubste sie, und sie begann zu gackern.

Ich schüttelte tadelnd den Kopf.

»Für eine Lesbe bist du jetzt aber ziemlich bi!«

»Aber ich bin ja auch wirklich ein bisschen bi«, antwortete sie mit kindlicher Fröhlichkeit.

»Hab ich dir eben nur noch nicht so klar gesagt, Woodi.«

Ich schüttelte erneut den Kopf. Zwischen ihr und mir gab es manchmal so ein gewisses Knistern, aber sie sprach oft anzüglich über andere Menschen, meist über Frauen. Das passte nicht ganz zu der Realität, die ich erlebt hatte. Seit ich sie kannte, hatte sie keine Affären oder Beziehungen gehabt, nicht mal ein Date. Wir waren eng befreundet, sie hätte es mir garantiert erzählt. Angeblich war sie aber früher, also vor Beginn unserer Zusammenarbeit, sexuell sehr aktiv gewesen. Trotz aller Zuneigung zu ihr und ihrer offenen Art wollte ich hier trotzdem eine ernsthafte, professionelle Mission haben, keine Mischung aus Sauferei und Orgie.

Manchmal kam der Offizier in mir durch.

Er hatte es aber verdammt schwer gegen den Rest in mir.

Als ich das dachte, so hübsch streng und vorbildlich, knackte etwas in meinen Ohren.

Was denk ich denn da?

Wahrscheinlich knackte nicht wirklich etwas. Ein Schalter im Hirn war gekippt und ich bildete mir nur ein, das hören zu können.

Ich trank und flirtete ja selber gern, also früher! Oder wenn ich nicht ganz ich selbst war. Als ich selbst, als mein wirkliches Selbst, flirtete ich nämlich gar nicht. Aber für einen Moment setzte sich ein Bild in meinen Kopf fest, das nicht abstoßend war, obwohl es das vielleicht hätte sein sollen.

Noona, Flink, Jill und ich … wir sind alle nackt, und dann kommt Stan in Uniform durch eine leuchtende Tür und schüttelt mit ironischem Gesichtsausdruck langsam den Kopf wie ein tadelnder Vater. Und er sagt, dass er nur mich will und …

»Woodi?«

Jill stupste mich an.

Vorbei der schöne Gedanke! Zum Glück!

Ich bohrte mir mit einem Finger im Ohr herum und schüttelte lächelnd den Kopf. Der Gedanke war zu seltsam und zu intensiv gewesen, um ihn per Wimpernschlag loswerden zu können.

»Jaja, äh, also lernen wir uns alle kennen und gehen dann schnell an die Arbeit. Die beiden haben schon angefangen, aber du kennst die Anlage besser. Mal sehen, was wir noch so alles finden.«

Sie nickte, beäugte mich aber skeptisch, als wir weitergingen. Sie merkte mir an, dass irgendetwas in mir in Bewegung geraten war - nicht durch die Anschläge und Morde, sondern durch Flink und Noona.

Natürlich erinnerten sie mich an Stan, an früher, an den Weltraum. Aber das sollte ja auch so sein! Ich wollte eine Mission wie früher. Ich wollte alles durchziehen, aufklären, überleben – und schnell sollte es gehen – damit danach alles wieder ruhig und genau wie vorher werden konnte.

Keine galaktische Ekstase, nur eine winzig kleine Supernova.

X
TEAMARBEIT

Jill Bekker und Noona Striker waren auf geradezu erschreckende Weise kompatibel.

Bei Noona äußerte sich die Verrücktheit andersartig, aber sie verstanden sich blind und hatten Spaß miteinander, während sie Daten und Aufzeichnungen durchgingen. Ihre Kommunikation war eine irritierende Mischung aus Beleidigungen, Anzüglichkeiten und Gags, die beiden gleichermaßen recht zu sein schienen.

Jill kicherte und gackerte natürlich lauter, geradezu betont extrovertiert, obwohl sie sonst auf gewisse Weise eher introvertiert war.

Naja, und Noona war Noona: Eine aalglatte, gefährliche Existenz, die auf unerklärliche Weise trotzdem anziehend bis richtiggehend niedlich rüberkommen konnte. Und ihr derber Humor ließ mich nicht selten mit den beiden grinsen.

Flink und ich hockten nebeneinander auf zwei Kisten, obwohl Stühle und sogar gepolsterte Sessel frei waren. Manchmal sitzt man eben lieber auf der Steintreppe vor dem Haus statt in den teuren Gartenmöbeln auf der Terrasse dahinter.

Weil es sich gut anfühlte, kein verwöhntes Mädchen zu sein. Flink tickte ähnlich, aber für ihn war es ja auch leichter, kein verwöhntes Mädchen zu sein. Also vor allem kein Mädchen.

Wir hackten uns in diverse Nachrichtenkanäle.

Es war interessant, was so alles um den Globus gezwitschert wurde. Die Anschlagsserie war gekommen und gegangen. Seitdem herrschte offizielles Unverständnis. Die Regierung und die Squadronica taten so, als könnten sie sich das Ganze nicht recht erklären, als hätten sie absolut keine Anhaltspunkte, keine Verdächtigen, aber sie spielten es auch herunter. Überwiegend Sachschaden sei entstanden, und eigentlich sei gar nicht so viel kaputt gegangen.

Dennoch, obwohl man ja nichts zu wissen vorgab, schloss man außerirdische Aktivitäten kategorisch aus. Immerhin ging man damit klar gegen Rassismus vor. Das gefiel mir.

Dennoch war es das übliche Muster: Man versuchte, aus gesteuertem Terrorismus kriminelle Einzelaktionen ohne jeglichen Sinn zu machen.

Also falls das mit dem Terrorismus überhaupt stimmt und die uns nicht alle verarschen. Und ich muss … ich muss aufhören, allem zu misstrauen!

Geschütze zu zerstören, mochte für militante Pazifisten einen gewissen Sinn ergeben. Dass man dazu in meine Anlage eindringen musste, war auch logisch. Zwei, drei Leute vom Wachdienst umbringen? Heldenhaft! Aber Lennox zu zerhacken, passte nicht. Überhaupt erschien keiner der Morde unausweichlich, ganz im Gegenteil.

Gut, Andrew hatte vielleicht jemanden überrascht. Dann war es vielleicht zum Kampf gekommen. Schuss. Tot.

Jill war von Jensen niedergeschlagen worden, aber Jensen hatte nicht Lennox zerhackt. Und wieso überhaupt zerhackt? Um jemanden zu zerhacken, musste man doch vor Hass triefen!

Und Maryja? Da war die Anschlagssache schon vorbei gewesen. War die Bombe falsch programmiert worden?

»Das muss eigentlich eine Mischung sein«, sagte Flink plötzlich und sah von seinem elektronischen Block auf. Die Bilder darauf verschwanden und er massierte sich die Stirn.

Wir saßen im gleichen Raum, in dem Noona und Jill stehend an Konsolen hantierten und redeten, aber doch nicht in direkter Hörweite, sondern einige Meter entfernt.

Ich schaltete ebenfalls meinen Block aus und sah ihn an.

»Eine Mischung aus Terrorismus und psychopathischem Serienkiller?«

Flink neigte den Kopf.

»Ich glaube, die haben verschiedene Abteilungen in ihrer Terror-Firma. Experten für Technik, die Anlagen sabotieren. Verräter, die nichts können, außer an der richtigen Stelle zu sitzen Verräter zu sein. Und ein paar Irre für die Gewalttaten.«

Ich sah ihn an. Das klang nicht dumm.

»Jensen fühlte sich sicher wichtig«, sagte ich. »Er hält das wahrscheinlich für eine Heldentat, dabei hat er nur ein paar Knöpfe gedrückt, feige von hinten jemandem auf den Kopf gehauen, und dann hat er sich verpisst. Aber schwache Menschen voller Komplexe wollen Schaden anrichten, um sich wertvoll zu fühlen. Solche Typen hat es immer schon gegeben.«

Flink nickte.

»Sie werden ihm danken, ihn irgendwo eine Weile verstecken und dann versuchen, ihn weiter zu radikalisieren. Da er wahrscheinlich nicht genug Fachwissen oder Fähigkeiten für wirklich spannende Erfolge mitbringt, ist er vermutlich als Kanonenfutter eingeplant, also entweder als Infanterie oder als Selbstmordattentäter.«

Ich nickte und nahm einen Schluck lauwarmen Kaffee. Ich mochte Kaffee, wenn er heiß war. Lauwarm war das letzte der denkbaren Gefühle. Gleich würde ich ihn wegschütten. Kalter Kaffee ging gar nicht!

»Dass hier noch jemand drin war, nachdem Jensen weg war, ist nicht nur wahrscheinlich, sondern Fakt. Das war dann einer von der Mörder-Fraktion. Unterbrich mich jetzt nicht!«

Flink grinste müde und deutete an, sich den Mund mit einem Reißverschluss zu verschließen.

»Mit den Leuten, die Geschütze haben hochgehen lassen, haben wir ja gar nichts zu tun. Uns interessieren der Killer und das Netzwerk dahinter – und wie man reinkommt, um es aufzudecken. Wenn die Organisation dahinter, wie auch immer die sich wirklich nennt, jemanden herschickt, um Leute umzubringen, damit Jensen seinen Job machen und abhauen kann, warum mit Axt, Searer und Bombe, sowohl vor als auch nach dem Anschlag auf die Geschütze? Falls die Bombe nicht vorprogrammiert war. Warum zerhackt jemand, der Jensen rausbringen soll, einen Lennox, wenn Lennox Jensen gar nicht aufhält? Lennox Torgan war nett und gemütlich. Der hätte sich brav auf den Boden gelegt und die Augen geschlossen, wenn ihn jemand bedroht hätte.«

Flinks Mund öffnete sich, aber ich wollte noch weiterreden und das zeigte ich ihm auch.

Jetzt war ich dran, bis ich fertig war. Frauen wurden ständig unterbrochen, und das ging mir auf die Eierstöcke!

»Dieser Killer wollte auch zu mir – falls ich keine Halluzinationen hatte - aber ich war eingeschlossen. Panic Room-Situation. Ist also kein übermenschlich starker Android. Ob es ein Mensch war, weiß ich nicht hundertprozentig. Die meisten außerirdischen Völker, die wir kennen, können durch so eine Tür auch nicht durch. Außer…«

»Stopp!«

Jetzt war es Flink wohl egal, dass ich noch nicht fertig war, aber ich ließ ihn damit durchkommen.

»Wenn du jetzt mit Delta Empire, Morphern und so weiter anfängst, bin ich raus. Das passiert nicht immer und immer wieder, Woodi. Niemand hat es auf dich oder mich persönlich abgesehen, dafür sind wir einfach zu unwichtig. Der Killer ist kein schleimiges Tentakelmonster, das ein Imperium aus einem Paralleluniversum geschickt hat. Das klingt eh so lächerlich, ich würd´s verlachen, wär ich nicht dabei gewesen. Aber diesmal nicht, Vanessa!«

Er kam mir ein bisschen zu nah und streichelte unnötigerweise meine Schulter.

Ich glaube, ich zog ein sehr bitteres Gesicht und lehnte mich zurück, um aus der Reichweite seiner Hand zu gelangen. Das für sexuelle Belästigung zu halten, wäre allerdings auch lächerlich gewesen.

Flink und ich waren schon lange befreundet, trotzdem passte das Anfassen nicht zu dem Flink, den ich kannte.

»Ich schließe nichts aus, bis ich das Gegenteil weiß, Flink. Ich habe hier das Sagen. Du wirst den ganzen Fall darauf abklopfen, ob wir es mit alten Bekannten zu tun haben!«

Ich wollte jetzt ungemütlich werden. Ja, ich wollte es!

Erst unterbricht er mich, dann deutet er an, ich sei ein bisschen verrückt, und am Ende befummelt er mich? Bist ein toller Typ, Flink P. Garrett, aber manche Affentriebe stecken in Männern eindeutig zu tief drin. Vermutlich im Arsch!

Immerhin checkte Flink, dass sich gerade etwas verändert hatte, und er war klug und freundlich genug, nicht zu fauchen oder zu keifen. Männer konnten das mindestens genauso gut wie wir angeblich dauergenervten und zickigen Prinzessinnen. Ich kannte mehr zickige Typen als Frauen, und da stand ich absolut nicht drauf, weder privat noch beruflich.

Flink nickte betont unterwürfig.

Eindeutig ironisch. Du bist ne Zicke, Flink!

Dann ging er zu einem Terminal und tat, was ich wollte.

Ich blieb einen Moment allein mit dem traurigen Rest des inzwischen kalten Kaffees und starrte Jill und Noona auf ihre Hintern in den engen Uniformhosen.

Beide schmaler als mein eigener.

Jill war lesbisch – oder neuerdings bi - und manchmal wollte sie ein bisschen was von mir, aber immer, ohne aufdringlich zu sein. Ich hatte nicht nur einmal darüber nachgedacht, sie einfach mal zu küssen. Oder mehr.

Es reizte mich, aber es kam und ging wie Wind im Spätsommer. Ich hatte keinerlei moralischen oder sonstigen Bedenken, mit einer Frau zusammen zu sein, aber jetzt in diesem Moment starrte ich einfach nur auf zwei Hintern, die Männer vermutlich großartig fanden, und empfand absolut nichts dabei.

Vielleicht bedauerte ich ein wenig, dass ich eine andere Hosengröße als die beiden hatte, aber sonst war da nichts außer Neutralität und kaltem Kaffee.

Ich bin wohl leider hetero.

Ich sollte vermutlich besser homo sein.

Oder wenigstens richtig bi.

Zehn Prozent bi reichen kaum für einen großen Schritt.

Man verrennt sich so leicht.

Also ich zumindest.

Aber ich mochte mein kleines Kommando.

Am allerliebsten hatte ich zwar meine Ruhe, einen Schluck Whisky und ein gutes Buch, aber wenn schon Arbeit, dann nicht als kleines dummes Ding, das die ganze Zeit »Alright, Patronus!« sagen muss.

Am Anfang ist man Rekrut, dann Dewie, da ist das völlig okay, aber ich war sehr schnell und sehr jung aus dieser Situation rausgekommen. Und das war auch gut so. Richtiges Machtinteresse in Richtung Stalord oder Commodore hatte ich nicht, aber das, was ich in dieser Station normalerweise war, und das, was ich aktuell in diesem Team war, mochte ich.

Meine Vorgesetzten waren weit weg, ich aber hatte ein kleines Kommando. Perfekt.

»Hast du jetzt genug in deine braune Suppe geglotzt, Teamleiter Woodman?«, fragte Noona Striker in nicht sehr freundlichem Tonfall.

»Schau dir mal an, was Jill und ich für dich haben!«

Ich ging zu den Terminals hinüber, an denen die beiden gearbeitet hatten.

Jill lächelte mich an und zwinkerte mir zu.

Ich musste zurücklächeln.

Sie sah immer so anders aus als andere Crewies, obwohl sie nun wieder Uniform trug. Es half mir, wenn ein Team Uniform trug. Es drückte Ernsthaftigkeit aus. Die engen, schwarzen Klamotten mit den silberglänzenden Applikationen standen uns allen gut. Die coolen Lederjacken trug hier drin keiner, aber die schwarzen Stiefel schon.

Im Labor hatte Jill meist ohne Uniform gearbeitet oder nur einzelne Teile davon getragen, jetzt aber sah sie von den Füßen bis zum Hals sehr ordentlich aus. Darüber aber schloss sich das neckisch grinsende Gesicht mit dem strohblonden Wirrwarr aus lockigen Haarbüscheln obenauf an. Im Haar trug sie natürlich die Pilotenbrille mit den gelben Gläsern, obwohl sie dieses Ding die meiste Zeit über nicht zu brauchen schien. Das machte den kompletten Look völlig zunichte, aber ich liebte diesen Anblick.

»Also?«, fragte ich und verschränkte die Arme, weil keine von beiden etwas sagte.

Sie sahen sich an.

»Also erst einmal sind wir uns einig, dass es unfair ist, dass du das Kommando hast, nur weil du die größten Titten hast«, sagte Jill und tat todernst.

»Eigentlich hast du sogar mehr als wir beide zusammen, und das, wo du sonst voll der androgyne Typ bist. Das ist unfair und unnatürlich.«

Ich weiß gar nicht, wie weit mein Unterkiefer runterklappen konnte, aber ich versuchte, es in diesem Moment herauszufinden.

»Das aber nur als einführende Bemerkung«, sagte Noona todernst und aktivierte etwas auf dem Terminal.

Ich kam nicht dazu, zu diesem unverschämten Blödsinn etwas zu sagen. Vermutlich war das auch besser so.

Ich musste mir nun einen Film ansehen, den die beiden zusammengeschnitten hatten. Eine Präsentation, wenn man so will. Sie gab einen verwirrend schnellen Überblick über alle Zeitpunkte, Daten, Meldungen und Funksignale, die unsere Station aus ihren Eingeweiden hatte kratzen können.

Den erklärenden Text dazu teilten sich die beiden, als hätten sie das tagelang geübt. Meist beendete die eine die Sätze der anderen. Zweiköpfiger Drachen-Style.

Ich fand einen Großteil der Details uninteressant, aber es war wichtig, Vermutungen durch Fakten auszuschließen. Ich konnte daher auch keine Blindarbeit der beiden erkennen.

Das war ich von meinem üblichen Team hier ganz anders gewohnt.

Sonst auch von Jill. Sie kam selten direkt zum Punkt.

Während ich mir also dieses Feuerwerk von Analyse anhörte, musste ich mir eingestehen, dass die hohe Effektivität und außerordentliche Gründlichkeit wohl auf Noona Striker zurückzuführen war. Das bestätigte mich zwar in meiner Entscheidung, sie ins Team berufen zu haben, aber es war auch ein Beleg für ihre faszinierende Vielschichtigkeit, in die sich auch Stan verliebt haben musste. Es war nicht leicht, sie toll zu finden und zu loben, wenn man einen Knoten im Herz oder im Bauch hatte.

Apropos, was ist eigentlich mit Stan? Ich hätte wenigstens mal nachhaken und…

Ich brach den Gedanken binnen einer Millisekunde ab. Ich hätte dem Bericht nicht mehr folgen können, und ich wollte ihn ungern zwei Mal hören.

Schließlich endeten das Filmchen und die Wort-Kaskaden der beiden Frauen vor mir.

Noona sah mich skeptisch an. Vermutlich fragte sie sich, ob ich alles verstanden hatte.

In der Tat war es manchmal schwierig gewesen, der Sache so schnell zu folgen, aber ich war verdammt nochmal auch nicht bescheuert! Wenn das ein Test war, würde sie ganz sicher keine Freude an mir haben.

Also nickte ich in aller Seelenruhe, während meine Gedanken ihre Pullis noch zu Ende strickten.

»Vielen Dank für die gute Arbeit, Stalev Striker und Dewie Bekker. Noona. Jill. Den Blödsinn am Anfang könnt ihr euch für private Anlässe aufheben, sonst endet die Mitarbeit in diesem Team für euch sehr schnell. Verstanden?«

Sie hatten offensichtlich nicht damit gerechnet, dass ich auf die Titten-Thematik noch eingehen würde, aber ich verstand so einen Scheiß einfach nicht.

Hätte Flink daneben gestanden, wäre es noch sehr viel unangemessener gewesen, aber es galt, das sofort zu unterbinden, bevor es Wiederholungen fände.

Sie nickten brav, ohne dabei zu lächeln.

»Gut, zur Analyse, und korrigiert mich, wenn etwas nicht korrekt wiedergeben wurde. Hinterher!«

Das Wort war wohl ebenfalls bei beiden angekommen.

Sie nickten wieder brav und freudlos.

Noona hatte garantiert geplant, mich zu unterbrechen. Sie hatte oft diese schlechte, altmodisch-männliche Besserwisserei im Leib.

»Ihr habt mir gezeigt, was es alles nicht sein kann. Von den Abläufen her kann es keiner aus meinem Team gewesen sein, auch nicht Jensen. Interessant war eure Auswertung der minimalen Infos, die der Doc geliefert hat, also bezüglich der Todeszeitpunkte von Andrew und Lennox. Das lässt die Sicherheitsleute der Unyon zu 99,9 Prozent außen vor. Ganz davon abgesehen sagte Jill, sie hätten Gewehre dabei gehabt, keine Äxte. Und ihr sagt, die Bombe in der Tiefgarage kann nicht vorab programmiert worden sein, weil sich keinerlei Chrono-Partikel in den Aufzeichnungen finden, ebenso wenig wie Zündsignale. Das lässt den seltsamen Schluss zu, dass jemand etwas sehr Altmodisches an Maryjas Gleiter deponiert hat. Plastiksprengstoff mit Funkzündung? Ich hab im Unterricht aufgepasst. Anmerkung: Vermutlich nicht, um Maryja zu töten, sondern mich, während ich sie begrüße. Jemand, der dringend eine Verstärkung anfordert, sollte diese auch schon am Fahrzeug willkommen heißen. Spekulation. Und ihr sagt, Andrew sei nicht in dieser Station erschossen worden. Das ist neu und seltsam. Man hat ihn tot hergebracht? Da es keine Einbrüche oder Überbrückungen im System gibt, muss er ferngeneriert worden sein, sagt ihr, obwohl ihr keine Spuren nachweisen könnt. Aber okay, das ist ja allgemein auch immer sehr schwer. Weiß ich selbst aus vielfacher Erfahrung. Diese Anfrage konnte ich oft nicht erfüllen, und das mit dem Tendrae-Potential eines fetten Schiffs. So könnte der Typ, der mich in die Zentrale gejagt hat, also auch rein und wieder rausgekommen sein. Frage meinerseits: Wieso hat er sich dann nicht ferngenerieren lassen, um zu mir reinzukommen? Die Antwort gebe ich auch gleich selbst: Der Ursprungsstandort war zu jenem Zeitpunkt nicht verfügbar, da getarnt beziehungsweise pendelnd, um nicht standorttreu zu sein. Vermutlich Erdumrundung. Auch die Bombe kann ans Fahrzeug generiert worden sein, mit minimaler Detonationsverzögerung. Es deutet also alles, auch wenn ihr das nicht explizit sagt, auf ein Schiff hin, vermutlich im Orbit. War das auch eure Schlussfolgerung?«

Sie verarbeiteten meine Worte für lange Sekunden, die ich ihnen aber gar nicht ließ.

»Bleibt über Garrett auszuschließen, dass es extraterrestrisch war«, sagte ich und ließ sie stehen.

Ach, es war schön, sie stehen zu lassen, vor allem Noona. Sie suchte wohl noch immer meine Aussagen auf Fehler ab, fand aber keine. Ich hoffte, dass sie etwas daraus lernte, zumindest in Bezug auf mich.

»Hast du´s mitbekommen?«, fragte ich Flink.

Er sah mich an, dann über mich hinweg zu Noona und Jill.

Die beiden standen immer noch unbeweglich da und schwiegen.

»Äh, ja, zumindest das Wichtigste. Du hast viel gesagt. Ich kann dazu nur noch mal ergänzen, dass physisch und technisch überprüft worden ist, ob sich aktuell noch jemand in dieser Anlage befindet. Klares Nein. Deine andere Schlussfolgerung klingt nicht beruhigend, aber logisch.«

»Ich habe dich nicht nach deiner Meinung gefragt, sondern nur, ob du´s mitbekommen hast. Jetzt würde ich gern die Ergebnisse deiner Arbeit sehen, Flink«, sagte ich humorlos.

Er stellte sich tatsächlich etwas gerader hin und räusperte sich.

»Gut, okay. Stalev Woodman, es gibt keine Anzeichen für Technologien, die nicht dem terrestrischen Standard oder Squadronica-Signaturen entsprechen. Die Life Activity-Tendrae liefern Scan-Ergebnisse im Sekundentakt seit der letzten Protokolllöschung. Das größte Nichtmenschliche, das sich dieser Anlage in den letzten drei Monaten genähert hat, war ein fetter Dachs. Es gibt keine Lücken, keine Glättungen, keine Rillen in den Dateien. Alle Streams sind authentisch, auch mit Rückkoppelungs-Abfrage inklusive Kennwort. Keine Spiegelung nach draußen, kein Datentunnel nach innen, kein Interface mit verswitchter …«

»Reicht an Nerd-Kram, Stalev Garrett!«, unterbrach ich ihn. Natürlich kannte ich das alles aus meiner Ausbildung und aus anderen Einsätzen, aber er ging mir einfach zu sehr ins Detail, vermutlich um sich besonders schlau anzuhören.

»Also keine fremde Technik und kein fremdes Leben nachweisbar. Auch nicht in den Molekülfiltern?«, fragte ich.

»Ähm, die habe ich nun nicht gecheckt, weil …«

»Weil du´s vergessen hast. Bitte nachholen, klar?!«

»Alright, Patronia!«

»Patronia sagen wir nicht in der Squadronica, Flink. Die sexistische Ironie kannst du dir sparen!«

Er wirkte zerknirscht, aber das hatte er sich redlich verdient. Eine Frau verdiente ein »Patronus« wie jeder Mann auch, so wie ein weiblicher Commodore auch keine Commodorin war. Kein Mensch konnte ernsthaft allein durch die Vergewaltigung von Sprache aus Dreck Gold machen.

Armer Flink! Nicht, dass er noch einen Gleichstellungsbeauftragten braucht.

Ich überwachte schweigend und mit eisigem Blick Flinks Arbeit. Auch Noona und Jill hielten den Schnabel.

Dann war er fertig.

»Auch in den Molekülfiltern keine Rückstände.«

Jetzt schenkte ich ihm ein Lächeln.

»Danke, Flink. Dann war´s doch nur Morpher-Spinnerei von mir.«

Er erwiderte das Lächeln und war offensichtlich erleichtert, dass ich die neue Strenge nicht komplett durchzog.

Ich hob die Stimme und wandte mich an alle.

»Für die kurze Zeit verdammt viel gute Arbeit. Danke! Commodore Dangler oder irgendein Vertreter unserer Auftraggeber sollte sich eigentlich bald bei mir melden. Dann kann ich als vorläufiges Ergebnis mitteilen, dass wir sehr wahrscheinlich ein Schiff suchen. Auf jeden Fall handelt es sich um eine Organisation, die einflussreich genug ist, nicht nur Verrückte und Sprengstoff, sondern auch Ferngeneratoren ins Spiel zu bringen. Möglich, dass uns das bald von hier wegführt. Wenn wir als einziges Team an der Sache dran sind, sollten wir die Vorgänge in anderen von den Anschlägen betroffenen Einrichtungen untersuchen. Vielleicht gibt es bei einem der anderen auch Hinweise auf den Ursprungsort des Anschlags oder das Schiff. Oder die Schiffe, falls es mehrere sind. Whatever.«

Es gab keinen Widerspruch.

Ich sah auf eine Uhr.

Weitere Analysen hatten momentan wenig Sinn. Mein Team war sehr viel schneller als der Durchschnitt gewesen.

Ich konnte mich nicht aufplustern, um größer als auch nur einer der Anwesenden zu sein, aber ich konnte die Brust rausstrecken und ein ernstes Gesicht machen.

»Gut, also wir schalten die Anlage auf höchste Sicherheitsstufe, setzen alle Log-Ins außer Kraft. Niemand kommt rein, auch nicht mit Kennwort oder Daten-Signatur. Eine komplette Ferngenerator-Abschirmung haben wir nicht. War nie eingeplant. Aber wir können die Zentrale entsprechend abschirmen. Jill weiß wie und zeigt es euch.«

Jill nickte und hielt einen Daumen hoch. Dann setzte sie die gelbe Brille auf, als bräuchte sie das Ding für die bevorstehende Programmierung.

Ich sah, dass Flink sie beobachtete und angetan lächelte.

»Wer Angst vor reingenerierten Axtmördern hat, kann im Panic Room schlafen. Besetzt sein muss sie nachts auf jeden Fall. Ich werde dort schlafen. Keine Wachwechsel. Wer heute Abend bis 0 Uhr nicht drin ist, kommt vor morgen früh um 6 Uhr auch nicht mehr rein. Ihr müsst nicht, aber ihr dürft. Und bis dahin, wenn alles versiegelt ist: Freizeit! Geht duschen, schlafen, lesen … was auch immer.«

»19 Uhr Snacks und Drinks im Labor«, sagte Jill Bekker knapp, dann rieb sie sich die Hände und begann mit der Programmierung. Es sah aus, als spiele sie Klavier.

Ich schüttelte den Kopf, musste aber lächeln.

Es läuft. Ich brauche aber Kontakt zu Dangler, sonst ist morgen auch wieder nichts als Freizeit. Wobei sie sagte, ich könne mich frei bewegen und würde Zugriff erhalten. Aber wie? Womit soll ich die Autorisation für eine andere Anlage bitte nachweisen? Und welche Anlage wäre das überhaupt?

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