Читать книгу: «Adular (Band 2): Rauch und Feuer»

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Informationen zum Buch

Impressum

Widmung

Landkarte

Prolog – Hastor

Kapitel 1 – Elanor

Kapitel 2 – Elanor

Kapitel 3 – Dûhirion

Kapitel 4 – Valion

Kapitel 5 – Elanor

Kapitel 6 – Elanor

Kapitel 7 – Dûhirion

Kapitel 8 – Nara

Kapitel 9 – Dûhirion

Kapitel 10 - Dûhirion

Kapitel 11 – Elanor

Kapitel 12 – Arik

Kapitel 13 – Dûhirion

Kapitel 14 – Elanor

Kapitel 15 – Dûhirion

Kapitel 16 – Elanor

Kapitel 17 – Dûhirion

Kapitel 18 – Elanor

Kapitel 19 – Dûhirion

Kapitel 20 – Elanor

Kapitel 21 – Dûhirion

Kapitel 22 - Dûhirion

Kapitel 23 – Elanor

Kapitel 24 – Dûhirion

Kapitel 25 – Elanor

Kapitel 26 – Valion

Kapitel 27 – Dûhirion

Epilog – Maryn

Glossar

Dank

Jamie L. Farley

Adular

Band: Rauch und Feuer

Fantasy

Adular (Band 2): Rauch und Feuer

Die Rebellion der Dunkelelfen schreitet weiter voran. Was als Funke begonnen hat, ist zu einer lodernden, schier unaufhaltsamen Kraft geworden, die Adular zu verschlingen droht.

Mit dem Atem der Rebellen stetig im Nacken wächst nicht nur die Wut der Bevölkerung auf Dunkelelfen, sondern auch auf jeden, der ihnen wohlgesonnen ist. Das bekommt die Waldelfin Elanor am eigenen Leib zu spüren. Als ›Dunkelelfenhure‹ und Verräterin beschimpft kann sie nur erahnen, wie groß der Hass ist, der als schwelendes Feuer unter dem Kaiserreich glimmt. Als die Assassinengilde Umbra Anspruch auf ihre ungeborenen Kinder erhebt, gibt es niemanden, der sie davor schützen kann.

Elanor weiß, dass ihr nur zwei Möglichkeiten bleiben. Entweder sie kommt in den Flammen der Rebellion um oder sie nutzt das letzte Licht ihrer schwindenden Hoffnung, um einen Weg aus der Dunkelheit zu finden.

Der Autor

Jamie L. Farley wurde 1990 in Rostock geboren. 2010 zog er nach Leipzig und machte dort eine Ausbildung zum Ergotherapeuten. Schnell merkte er jedoch, dass das nicht der richtige Job für ihn ist, weshalb er sich entschlossen hat Pokémontrainer zu werden. Er ist in Leipzig geblieben und wohnt zusammen mit seiner besten Freundin Anika, einer Ente namens Dave und dem Haus-zombie Bradley in einer WG. Neben der Schreiberei gehören Videospiele zu seiner liebsten Freizeitbeschäftigung. Nach dem Veröffentlichen von zwei Kurzgeschichten, erschien sein Debüt ‚Adular (Band 1): Schutt und Asche‘ Anfang 2019 im Sternensand Verlag.

www.sternensand-verlag.ch

info@sternensand-verlag.ch

1. Auflage, Oktober 2020

© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2020

Umschlaggestaltung: Alexander Kopainski

Lektorat: Sternensand Verlag GmbH | Natalie Röllig

Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Jennifer Papendick

Illustration Arik und Nara: Judith C. Pleiner

Satz: Sternensand Verlag GmbH

ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-154-3

ISBN (epub): 978-3-03896-155-0

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.


Für Nicole und Kathrin.


Für das Trio infernal, das wir damals geformt haben.

Ihr seid die Besten und habt meine letzten beiden Schuljahre absolut großartig gemacht.

Ich weiß, was auch immer geschieht: Ich muss keine Angst haben, denn der Kutscher kennt den Weg.

Und unser Rottweiler macht den Weg frei.


Prolog – Hastor

Fünf Tage zuvor

Kalter, grauer Stein bildete die Wände des Kerkergewölbes. Scharfe Klingen, lange Sägen, Ketten und Peitschen schmückten sie. Zwischen ihnen waren Laternen verteilt, die ein fahles Licht in die Kammer warfen. Unter ihnen, nahe an der Wand, befand sich ein Tisch, der von einem schmutzigen Leinentuch verhüllt war. Verschiedene Wölbungen verrieten, dass sich unter dem Stoff weitere Scheußlichkeiten verbargen.

Ließ man den Blick weiter wandern, erkannte man rechteckige Bänke mit eisernen Fesseln am Fuß- und Kopfende. Blutflecken hatten sich regelrecht in das Holz gefressen, Kerben und Brandflecken waren stumme Zeugen vergangener Grausamkeiten. In der hintersten Ecke befand sich ein winziger Käfig mit Gitterstäben, die so eng waren, dass man kaum einen Finger durch sie strecken konnte. Ein dornenbesetzter Stuhl mit Lederriemen an den Armlehnen und Fußstützen stand neben dem glühenden Kohleofen. Er spendete dem klammen Raum Wärme, Brandeisen ragten wie die steifen Gliedmaßen eines Toten aus seinem roten Schlund.

Der Geruch von Blut und Elend lag schwer in der verbrauchten Luft. Hinter der verschlossenen Tür dieser Kammer hatten sich viele unaussprechliche Gräueltaten abgespielt. Seit Jahrzehnten fanden sich immer wieder arme Seelen in ihr wieder, den Boshaftigkeiten der Folterknechte hilflos ausgeliefert. Selbst wenn sie die Marter überstanden, würden sie diesen Ort mit gebrochenem Geist und Körper verlassen und niemals vergessen, was ihnen hier angetan worden war.

Der Dunkelelf war oft hier gewesen in den letzten Tagen. Und mittlerweile bot er einen erbärmlichen Anblick: Nackt und zerschunden kniete er auf dem Steinboden. Die Hände hinter dem Rücken gefesselt, ein eisernes Halsband schnitt in seine dunkelgraue Haut und hatte nässende Wunden hinterlassen. Sein Oberkörper war gekrümmt, der Kopf hing kraftlos nach unten. Der deformierte Brustkorb hob und senkte sich schwerfällig, als wäre jeder Atemzug eine Mühsal. Strähnen seines fettigen schwarzen Haares klebten an seiner schweißnassen Stirn.

Er war die Beute des Löwen. Ein Moment der Unachtsamkeit, gepaart mit unberechtigter Überheblichkeit, hatte dazu geführt, dass er in die Falle geraten war. Aus dem stolzen Grauwolf, für den er sich gehalten hatte, war ein abgemagerter, geprügelter Straßenköter geworden. Der Löwe würde sich nicht an seinem Fleisch laben, es war zu zäh und ungenießbar für ihn. Doch hatte er Gefallen daran gefunden, mit seinem Opfer zu spielen.

Verächtlich starrte Hastor Adaël auf den Dunkelelfen nieder. Letztlich sollte selbst er in seiner dummen Sturheit begriffen haben, dass sein wertloses Leben Hastor gehörte, schon immer gehört hatte.

Der Hochelf spannte die Kette, die er in der linken Faust hielt. Ein Ruck ging durch den Leib der Grauhaut. Ihr Kopf wurde in den Nacken geworfen, die rauen Kanten des Halsbandes gruben sich tiefer in ihre Haut, und sie landete bäuchlings auf dem Boden.

»Aufstehen, Siebenunddreißig«, forderte Hastor und wickelte die Kette um seinen Unterarm. So lange, bis der Dunkelelf ächzend auf die Knie kam. »Warum tust du dir das an? Sag mir, was ich wissen will, und du bist erlöst!«

Nummer Siebenunddreißig schwieg beharrlich. Das Privileg, mit seinem Namen angesprochen zu werden, hatte er eigenhändig verspielt. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sich dieser räudige Köter geweigert, Hastor seinen Namen zu verraten, und sich auf den Kodex der Assassinengilde berufen.

Damals hatte der Hochelf den Dummen spielen müssen und so getan, als wären ihm die Gesetze Umbras fremd. Heute wusste der Dunkelelf, wen er vor sich, wen er sich zum Feind gemacht hatte. Einen der mächtigsten Elfen im gesamten Kaiserreich nach Kaiser Galdir.

Malachits Stadtwache war ihm unterstellt, Adulars stehendes Heer gehorchte seinem Wort. Er war Galdirs militärischer Berater, oberster Kriegsherr und ein Volksheld. ›Hastor der Löwe‹ nannte man ihn dank der vielen Schlachten, die er erfolgreich geschlagen hatte, dank der unzähligen Siege, die er im Krieg und in der Arena errungen hatte.

Doch das, was Nummer Siebenunddreißig bis ins Mark erschüttert hatte, war die Tatsache, dass es sich bei Hastor um einen Obersten von Umbra handelte. Er hielt die Fäden der Assassinengilde, wie er die Kette zum Halsband des Dunkelelfen in der Hand hielt. Sich sein Wohlwollen zu verscherzen, war eine der dümmsten Entscheidungen, die der Köter jemals gefällt hatte.

»Ich warte, Grauhaut.« Mit Wucht ließ Hastor das Ende der schweren Kette auf den geschundenen Rücken des Dunkelelfen niederfahren.

Nummer Siebenunddreißig schrie auf. Die klaffenden Schnittwunden, die er ihm erneut zugefügt hatte, dehnten sich. Blut strömte über seine rechte Gesichtshälfte und geriet in das blinde Auge.

Diese Schnitte waren Hastors Zeichen und es war ihm eine besondere Freude gewesen, sie Siebenunddreißig zuzufügen. Mit ihnen markierte er diejenigen, die in Ungnade gefallen waren. Widerspenstige Sklaven, aufmüpfige Grauhäute aus der Aschegrube. Früher, auf dem Schlachtfeld, hatte er seine Klauen auch durch die Gesichter seiner geschlagenen Feinde gerissen. Auf dass sie die Schmach ihrer Niederlage für immer im Antlitz trugen. Auf dass sie bei jedem Blick in den Spiegel daran erinnert wurden, dass sie dem Löwen unterlegen waren.

Ohne den Blick von ihm zu nehmen, griff Hastor zur Seite und zog ein weiß glühendes Brandeisen aus der Glut. »Sag mir, Siebenunddreißig: Was ist deine größte Angst?« Der Hochelf betrachtete das Eisen einige Sekunden lang. »Fürchtest du den Tod? Schmerz und Demütigung? Oder ist es etwas Profanes, wofür du dich schämen müsstest? Schlangen, Spinnen, Ratten?«

Langsam führte er das glühende Ende des Brandeisens an das sehende Auge des Dunkelelfen heran. Blanke Angst spiegelte sich in seinem Blick, ein Ausdruck von namenlosem Grauen fraß sich mit spitzen Zähnen in sein geschwollenes Gesicht.

Der Hochelf wurde von einem wohligen Schauer ergriffen, der sich pochend in seinem Schoß bündelte. Er leckte sich ungeduldig über die Lippen. »Oder …« Die schwelende Hitze war nur Zentimeter vom Auge des Dunkelelfen entfernt. Hastor konnte den Atem der Grauhaut hören, der rasselnd und stoßweise seine Lunge verließ. »Ist es etwas Naheliegendes? Der Verlust des Augenlichts zum Beispiel? Denn was soll die Gilde schon mit einem blinden Assassinen?«

Nummer Siebenunddreißig war wie erstarrt, wagte nicht einmal zu blinzeln.

Hastor lehnte sich vor. »Du willst wegsehen und kannst es nicht. Es ist schlimmer, in der Dunkelheit auf das Verderben zu warten, als ihm entgegenzublicken, nicht wahr? Sag mir, was die Pläne deines Freundes Valion sind, und du bist frei!«

»Ich kenne seine Pläne nicht«, brachte der Dunkelelf heiser hervor.

Hastor schnalzte missbilligend mit der Zunge. Er war diese Lüge leid. Wie konnte ein einzelner Mann derart starrköpfig sein? Je länger sich diese Grauhaut weigerte zu reden, desto mehr war er seinem Vorhaben zugeneigt.

Gerne würde er diesen vorlauten Bastard in blinde Dunkelheit stoßen und dabei zusehen, wie er darin herumschwamm und verzweifelt dagegen ankämpfte zu ertrinken.

Nachdenklich runzelte Hastor die Stirn. Der Dunkelelf fürchtete Blindheit wie kaum etwas anderes, das hatten die vergangenen Verhöre deutlich gezeigt. Wenn er seinem Verlangen nachging und ihn blendete, war dies der letzte Schlag, den es benötigte, um den Widerstand von Nummer Siebenunddreißig zu brechen. Einen blinden Assassinen brauchte niemand, doch nützen würde er der Gilde ohnehin nur noch mit seinen Informationen. Umbra würde ihn hinrichten, sobald er alles gesagt hatte, was er wusste.

Ein Lächeln hob die Mundwinkel des Hochelfen. »Ich werde es genießen, dir das Auge aus dem Schädel zu brennen.«

Das sehende Auge des Dunkelelfen weitete sich in schierer Panik und er stemmte sich verzweifelt gegen die Kette.

Hastor liebte es, seine Opfer zappeln zu sehen. Ob er diesem sturen Esel ein gewimmertes Flehen um Gnade entlocken konnte, wenn er noch wartete? Während er das glühende Ende des Brandeisens langsam wieder an das Gesicht des Dunkelelfen heranführte, schwang die Tür zur Folterkammer auf.

Verärgert sah der Hochelf über die Schulter. Er hatte ausdrücklich jegliche Störung untersagt. Allerdings war es kein niederer Assassine und kein verirrter Folterknecht, der die Kammer betrat, sondern Gildenmeister Taremia höchstpersönlich.

Obwohl Hastor gemäß Umbras Gesetzen in der Rangordnung über ihr stand, konnte er ihr die Unterbrechung seines Verhörs am ehesten verzeihen.

»Entschuldigt meine Störung.« Sie warf dem Dunkelelfen lediglich einen kurzen Blick zu. »Hastor, es gibt etwas, was Eurer Aufmerksamkeit bedarf.«

Der Hochelf ließ die Kette los, und Nummer Siebenunddreißig fiel zu Boden. Wenn Taremia sich dazu herabließ, die Botin zu spielen, musste sie von einem der anderen Obersten geschickt worden sein. Das wiederum hieß, dass Grem endlich mit den erhofften Informationen angekommen war.

»Verstehe. Ich werde mich gleich auf den Weg machen«, sagte Hastor und steckte das Brandeisen zurück in die Glut. »Die Grauhaut kann wieder in ihre Zelle. Glück gehabt, Nummer Siebenunddreißig. Du darfst dein Augenlicht behalten. Zumindest bis morgen.«

Die Hochelfin schnipste mit den Fingern und öffnete ein magisches Portal, das ihn auf direktem Weg in ihr Arbeitszimmer bringen würde. Hastors Identität als Oberster von Umbra musste geheim bleiben. Niemand außer Taremia und Nummer Siebenunddreißig wussten, dass er hier und ein Teil der Gilde war. Und das sollte auch so bleiben.

Der Hochelf trat durch das Portal und fand sich einen Wimpernschlag später im Büro des Gildenmeisters wieder. Er war froh, den Gestank des Kerkers losgeworden zu sein.

Ein Zwerg mit schütteren blonden Haaren, das an den Schläfen ergraute, erwartete ihn. Der dichte Bart reichte ihm bis zum Bauch, er verdeckte die zahlreichen Narben, die sich auf dem Unterkiefer, dem Kinn und dem Hals befanden. Hastor jedoch wusste, dass sie da waren. Einzig auf den Lippen, die einigermaßen von der Gesichtsbehaarung befreit blieben, waren die Narben für jeden sichtbar.

»Hastor«, rief Grem mit einer Stimme, die an einen Erdrutsch erinnerte. Grollend, gewaltig und viel zu laut. Freudig breitete er die Arme aus. »Mein guter alter Freund. Wie geht es dir?«

»Hervorragend. Danke der Nachfrage«, erwiderte Hastor, wich der ungewollten Umarmung mit einem Schritt nach hinten aus. Der stechende Geruch von billigem Alkohol stieg ihm in die Nase. »Wie ich sehe, bist du immer noch der Alte.«

Auf den zerfetzten Lippen des Zwergs bildete sich ein verzerrtes Grinsen. »Wer sollte ich sein, wenn nicht ich?«

Hastor würde nie verstehen, warum Grem selbst anderen Gildenmitgliedern diese aufdringliche Heiterkeit vortäuschte. Wenn er Auftraggeber damit in Sicherheit wiegen wollte, konnte er das tun. Aber innerhalb der Gilde, besonders im Gespräch mit einem anderen Obersten, wäre professionelle Ernsthaftigkeit angebracht.

»Was hast du für mich, Grem?«, fragte der Hochelf.

Der Zwerg musterte Taremias Sessel hinter dem mächtigen Schreibtisch. Für einen kurzen Moment zuckte ein Bild vor Hastors innerem Auge auf. Er sah Grem in dem Sessel sitzen, weit zurückgelehnt und mit den schmutzigen Stiefeln auf dem Tisch. Sie beide wussten, dass das der Hochelfin gar nicht gefallen würde. Und glücklicherweise hatte auch Grem genug Respekt vor ihr, um ihren geschätzten Schreibtisch nicht zu verschmutzen. Es genügte schon, dass er mit seinen dreckverkrusteten Stiefeln den roten Teppich besudelt hatte, der sich wie eine Blutlache über dem Boden ausbreitete.

Der Zwerg lehnte sich rücklings gegen den Schreibtisch und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich habe einen Namen.«

»Nichts weiter als das? Dafür musste ich das Verhör unterbrechen? Ich hatte gehofft, du würdest mir den Aufenthaltsort der Rebellen bringen.«

»Ich bin ihnen auf der Spur.« Grems Blick schweifte über die hohen Bücherregale, die an allen vier Wänden des Raumes standen. »Das Problem ist, dass sie sich nicht alle an einem Ort aufhalten, Hastor. Sie sind mal hier, mal dort. Einzelne lassen sich fangen, aber an die Wurzel des Problems müssen wir uns herantasten. Keine Sorge, wir werden diese Grauwölfe schon finden. Trotzdem denke ich, dass der Name, den ich für dich habe, dich brennend interessiert.«

Hastor massierte sich mit der einen Hand die Stirn und bedeutete ihm mit der anderen weiterzusprechen. Wenn Kaiser Galdir endlich das Problem der Rebellen ernst nehmen würde, hätte er wesentlich mehr Ressourcen, auf die er zurückgreifen könnte.

»Wusstest du, dass dein Gefangener Dûhirion eine Affäre hat?«

Das weckte tatsächlich Hastors Interesse. Der Hochelf blickte wesentlich aufmerksamer zu Grem.

Dieser grinste selbstgefällig. »Offenbar nicht. Er steigt regelmäßig mit einer Waldelfin ins Bett.«

Hastor fühlte sich, als hätte er eine Schabe im Mund, die er nicht ausspucken konnte, weil sie sich an seiner Zunge festhielt. Es würde ihm nicht im Traum einfallen, mit einer Dunkelelfin zu schlafen. Das Bordell in Malachit, das ausschließlich dunkelelfische Huren beiden Geschlechts beherbergte, war für seinen Geschmack auch zu gut besucht. »Bezahlt er sie dafür? Ist sie blind, zu hässlich, um etwas Besseres zu bekommen, oder schlichtweg dumm?«

Grem zuckte mit den Schultern. »Weder noch, soweit ich beurteilen kann. Die Gute wäre hübsch, wenn man Elfen mag. Mein Fall sind sie nicht.«

»Zu wenig Körperhaar?«, spottete Hastor.

Der Zwerg schnaubte. »Du weißt einen gut gepflegten Damenbart einfach nicht zu schätzen.«

»Nein, weiß ich tatsächlich nicht. Wie hast du von dieser angeblichen Affäre erfahren?«

Grem legte seinen breiten Zeigefinger an die Lippen und grinste ominös. »Ich habe zuverlässige Quellen.«

»Und wer ist diese Quelle?«, fragte Hastor weiter.

Der Zwerg schüttelte den Kopf. »Geheimnisse müssen bewahrt werden, Löwe. Insbesondere in einer Assassinengilde. Vertrau mir! Die Person, von der ich meine Informationen erhalten habe, würde es nie wagen, mich zu belügen.«

Für einen kurzen Moment konnte Hastor hinter die heitere Fassade seines Gegenübers blicken. Da war die kaltherzige Härte, die Grem geschickt hinter seiner gespielten Freundlichkeit verbarg.

»Gut.« Hastor nickte knapp. »Dann will ich dir glauben. Wer ist die Waldelfin, mit der Siebenunddreißig eine Affäre hat?«

Grem lächelte wieder. Aus dem berechnenden Assassinen wurde mit einer kleinen Geste ein schelmischer Junge. »Ihr Name ist Elanor Loracas. Sie ist eine Schneiderin in Malachit und arbeitet bei ihrem Onkel Faredir.«

Hastor hatte viel Gutes von der Schneiderei Loracas gehört, war aber nie selbst Kunde gewesen. Für seine Kleidung hatte er einen eigenen Schneider.

Wie konnte es dazu kommen, dass eine gewöhnliche Waldelfin, die einem einfachen Handwerk nachkam, sich auf einen Assassinen einließ?

»Der Name Loracas ist mir bereits untergekommen.« Hastor zuckte mit den Schultern. »Aber ich hoffe, du hast mehr als das für mich. So verwerflich ich diese Affäre auch finde, ist es mir ziemlich egal, ob und wen die Grauhaut vögelt.«

Selbst wenn es sich bei dieser Affäre um einen Verstoß gegen Umbras Gesetze handelte. Nummer Siebenunddreißig hatte schon genug Probleme, dass dieser kleine Faktor seine Misere auch nicht mehr vergrößerte.

Grem hob belehrend den Zeigefinger. »Noch ist es dir egal, mein Freund. Noch.«

Der Hochelf fasste sich wieder an die Stirn. »Grem, du strapazierst meine Geduld erheblich.«

»Die Waldelfin ist schwanger. Von ihm.«

Hastor zog die Brauen hoch und ließ seine Hand sinken.

In der Bevölkerung hielt sich der hartnäckige Irrglaube, dass sich die verschiedenen Rassen untereinander nicht vermehren könnten. Kaiser Galdir und alle seine Vorfahren hatten darauf bestanden, dass diese falsche Tatsache weiter verbreitet wurde. Sie brauchten keine Gesellschaft, in der es Mischlinge mit verunreinigtem Blut gab. Hastor war zwar anderer Meinung als Galdir und hielt es für klüger, die Leute aufzuklären, sodass vermehrt auf Verhütung geachtet und auf Liebesabenteuer zwischen den Rassen verzichtet wurde. Aber seine Stimme wurde diesbezüglich nie erhört. Die meisten stellten ihr Wissen über die Fortpflanzung auch nie infrage. Schließlich war es bei Wald- und Hochelfen eine Gottheit, ein höheres Wesen, das über ihre Schwangerschaft bestimmte.

Wer machte sich bei so einer Tatsache schon Gedanken, ob ein Zwerg durchaus in der Lage war, eine Menschenfrau zu schwängern? Es fragte sich schließlich auch kaum einer, ob es richtig war, die Dunkelelfen Adulars zu unterdrücken. Natürlich existierten Kinder mit gemischtem Blut. Doch diese wurden entweder direkt nach der Geburt getötet und ihre Eltern gleich mit, wenn sie sich wehrten. Oder sie wurden nur mundtot gemacht und dafür auf Lebenszeit aus Adular verbannt.

»Wie nahe steht ihm diese Waldelfin?«, wollte Hastor wissen.

Nur weil sie von ihm schwanger war, hieß das nicht, dass sie ihm wichtig war. Siebenunddreißig war von Umbra erzogen worden und sollte gelernt haben, dass es keine Liebe für ihn gab. Vielleicht hatte er schlichtweg Gefallen daran gefunden, mit dieser Elanor zu schlafen, und war alles andere als begeistert von ihrer Schwangerschaft. Wenn er überhaupt davon wusste.

»Weiß ich nicht«, antwortete der Zwerg schulterzuckend. »Sie trägt seine Kinder aus, daher …«

»Das hat nichts zu bedeuten«, unterbrach Hastor kühl. »Doch sollte sie ihm tatsächlich wichtig sein, habe ich mit ihr das perfekte Druckmittel.«

Grem winkte ab. »Gib es doch endlich auf mit dem, Hastor! Er weiß nichts, sonst hätte er mit Sicherheit längst geredet. Töte ihn und locke diesen Valion mit seiner Leiche an! Das ist der bessere Weg. Zwei auf einen Streich.«

Hastor wusste, dass Grem recht hatte mit dem, was er sagte, auch wenn er sich das ungern eingestand. Es bereitete ihm zu viel Vergnügen, Nummer Siebenunddreißig zu quälen, als dass er ihn schon gehen lassen wollte.

»Und was die schwangere Waldelfin angeht«, fuhr Grem fort, »sie trägt Umbras Nachwuchs im Bauch. Ein Mischblut – vielleicht sogar mehrere auf einmal –, das die scharfen Augen eines Dunkelelfen und die wachsamen Ohren eines Waldelfen hat? Perfekt für einen Assassinen.«

»Wenn sie nicht als unbrauchbare Krüppel blind und taub zur Welt kommen«, warf Hastor ein.

»Das sieht man erst, wenn sie geboren sind«, stimmte der Zwerg ihm zu und strich durch seinen Bart. »Mein Rat: Lass Nummer Siebenunddreißig hinrichten, wie er es verdient hat! Wegen Hochverrats. Ehrlich gesagt, hast du diese kleine Gossenratte viel zu lange verschont.«

Hastor schwieg. Grem musterte ihn aus kalten Augen, deren Farbe an vertrocknetes Gras erinnerte. Sein Blick war wissend, als könnte er jeden einzelnen Gedanken lesen, der durch den Kopf des Hochelfen zuckte. »Du hegst einen persönlichen Groll gegen diesen Dunkelelfen und das trübt dein Urteilsvermögen. Lass dich nicht davon beherrschen, Löwe! Sonst gibst du der Grauhaut Macht über dich, die ihr nicht zusteht.«

Hastor verzog den Mund und für einen kurzen Moment verspürte er das Verlangen auszuspucken. Er konnte dem Zwerg in diesem Punkt nicht widersprechen. Nummer Siebenunddreißig verfolgte ihn bis in den Schlaf. Er hatte mehr Raum eingenommen, als es die Rebellen bisher getan hatten. »Du hast recht. Ich habe mich von meiner persönlichen Genugtuung hinreißen lassen. Ich werde seinen Tod veranlassen. In der Zwischenzeit hole ich mir mehr Informationen über diese Waldelfin.«

Grem nickte zufrieden. »Ich werde eine Weile in dieser Zuflucht hier bleiben. Ich will dabei sein, wenn Valion getötet wird. Und die Hinrichtung von Nummer … ach, nennen wir ihn beim Namen. Die Hinrichtung von Dûhirion möchte ich auch ungern verpassen.«

»Mach es dir bequem, Grem«, erwiderte Hastor gleichgültig.

»Es ist außerdem eine gute Gelegenheit, Maryn wiederzusehen«, sagte Grem. »Ah, wie lange ist es her, dass ich mit ihr ein paar Humpen Bier geleert habe? Sicherlich schon zehn Jahre. Ha, glaubst du, sie ist immer noch davon überzeugt, mich unter den Tisch trinken zu können?«

Hastor verdrehte die Augen. Es gab nur wenige Dinge auf dieser Welt, die ihn noch weniger interessierten als eine Antwort auf diese Frage.

»Ich werde in der Zeit der Arbeit eines gewöhnlichen Assassinen nachgehen. Das habe ich viel zu lange nicht mehr gemacht.« Der Zwerg streckte sich und schlenderte auf die Tür zu. »Ach, und Hastor? Bitte halte dich an dein Wort! Keine weitere Folter mehr, kein Hinauszögern. Ich will diesen Assassinen bald tot sehen, in Ordnung?«

Der Hochelf sagte nichts. Er wartete, bis Grem verschwunden war, und murrte genervt. Dieser Zwerg hatte großes Glück, dass er mit ihm in der Rangordnung auf einer Stufe stand und Hastor sich seine Frechheiten gefallen lassen musste.

Die Tür öffnete sich erneut und dieses Mal war es Taremia, die eintrat. Sie war eine Augenweide wie eh und je. Goldgelbe Augen musterten ihn forschend, während sie näher kam. Sie war von schlanker Gestalt, ihre alabasterfarbene Haut makellos und rein. Das schneeweiße Haar reichte ihr bis zum Kinn, und nicht zum ersten Mal wünschte sich Hastor, sie würde es ihrem Stand gemäß mindestens hüftlang tragen. Das ebenmäßige Gesicht der Hochelfin wirkte ausdruckslos, ihre Lippen waren dunkelrot geschminkt, die fein geschwungenen Augenbrauen mit schwarzer Kohle nachgezogen. Gekleidet war sie in den Farben der Gilde – dunkelbraun und schwarz, doch war es nicht die typische Kluft. Statt Hose, Hemd und Tunika hüllte sie sich in ein edles Kleid. Ein überraschend lieblicher Duft von Apfelblüten ging von ihr aus.

Ungeniert verfolgte Hastor den dezenten und eleganten Schwung ihrer Hüften. Es kam ihm vor, als bewegte sich die Hochelfin immer nach einer inneren Melodie, die nur sie vernehmen konnte.

»War das Gespräch ergiebig?«, fragte sie neutral.

Hastor senkte den Blick unauffällig auf ihren wohlgeformten Hintern und nickte.

Sie sah über die Schulter und schenkte ihm ein kühles Lächeln. Die Hochelfin hielt ihm noch einen Moment länger den Rücken zugekehrt und gab ihm mehr Zeit, ihre Kehrseite zu bewundern. Er wusste das zu schätzen.

»Details kann ich dir später geben.« Jetzt, da niemand mehr bei ihnen war, hatte er beschlossen, auf eine persönlichere Ansprache zurückzugreifen. Der Hochelf rollte mit den gewaltigen Schultern. »Zunächst will ich noch mal zur Grauhaut.«

»Ich habe Jonna gerade zu ihm geschickt, um die Schnitte in seinem Gesicht zu heilen«, sagte Taremia und stellte sich hinter ihren Schreibtisch. Sie verschränkte die Arme vor ihrem Körper in solcher Art, dass ihre Brüste hochgedrückt wurden. Nur ein klein wenig, eigentlich kaum merklich, doch genug, um seine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken.

Hastors rechter Mundwinkel bewegte sich leicht nach oben. Er genoss diese kleinen Neckereien.

»Ich weiß nicht, ob du mich beim letzten Mal nicht verstanden hast. Dieser Dunkelelf ist nicht dein persönliches Eigentum, Hastor. Halt deine Klingen von seiner Visage fern«, forderte Taremia.

»Mir gefällt sein Gesicht so wesentlich besser. Ein Acker wird erst nützlich, wenn man ihn pflügt.« Hastors Handbewegung schien ihre Worte wegwischen zu wollen. »Aber wie du wünschst. Es gibt schließlich genug andere Körperstellen, in die sich meine Klingen bohren können.«

Die Hochelfin schwieg.

»Wärst du nun so freundlich, ein Portal für mich zu öffnen?«, fragte Hastor und verneigte sich spöttisch vor ihr.

Taremia schnipste einmal, und die magische Pforte erschien vor einem ihrer Bücherregale.

»In etwa einer Stunde sollte ich zurück sein«, sagte Hastor. »Dann teile ich gerne alles mit dir. Sogar das, was Grem mir erzählt hat.«

Zuerst aber würde er Nummer Siebenunddreißig mit dem Wissen über seine Geliebte konfrontieren.

Kapitel 1 – Elanor

Gegenwart

Sie wartete. Erst als sich die schweren Schritte der Wachpatrouille außerhalb ihrer Hörweite befanden, wagte sie aufzuatmen. So leise wie möglich kam sie aus dem Busch, in dem sie sich verborgen hatte.

Ein letztes Mal sah sie sich prüfend auf der Straße um, bevor sie auf die kleine Hütte zuging.

Es war kurz nach Mitternacht und die Oberstadt von Malachit lag in dunklem Schlummer. Seit dem Überfall der Rebellen auf die Farmen nördlich der Stadt gab es einige leer stehende Häuser. Tote waren der Tribut des Angriffs. Es hatte nicht die Sklaventreiber getroffen, auf die es die Rebellen wahrscheinlich abgesehen hatten, sondern dunkelelfische Sklaven, Tagelöhner und Arbeiter – Unschuldige.

Elanor fühlte sich nicht wohl dabei, in das Haus eines Toten einzubrechen und den Nachlass eines Mordopfers für ihre Zwecke zu nutzen. Erst vorgestern waren die Hütte geräumt, sämtliche Besitztümer des ehemaligen Bewohners verkauft, verschenkt oder weggeworfen worden. Aber sie brauchte einen neutralen, sicheren Ort, an dem sie dieses Treffen abhalten konnte.

Die Waldelfin rang ihre Nervosität nieder und brachte das Zittern ihrer Hände unter Kontrolle, bevor sie den Dietrich ins Türschloss schob. Der Mond spendete genug Licht, um arbeiten zu können.

Drei Tage war es her, dass die Zwergin Maryn vor ihrer Tür gestanden und ihr offenbart hatte, dass ihr Geliebter tot war.

Dûhirion ist tot …

Ermordet von Umbra, hingerichtet wegen Hochverrats. Verzweiflung hatte sich wie eine vergiftete Nadel in ihr Fleisch gesenkt und grub sich seither immer tiefer.

Mein Herz ist tot …

Sie spürte das Gift mit jedem Atemzug, den sie weiterhin tat, obwohl Dûhirion seinen letzten ausgehaucht hatte. Sie spürte es mit jedem Schlag ihres Herzens, das weitermachte, obwohl das von Dûhirion verstummt war.

Er war ihr brutal entrissen worden und hatte kalte, alles verschlingende Leere hinterlassen. Das Letzte, was sie für ihn tun konnte, war, seine Leiche zu bergen und beizusetzen. Sie hatte seinen Körper nicht retten können, doch wenigstens seiner unsterblichen Seele wollte sie die verdiente Freiheit schenken.

Wenn die Götter seiner Seele Frieden schenken wollen. Der Gedanke zog wie eine schwarze Wolke in ihrem Kopf auf. Schwer und trostlos. Sie haben zugelassen, dass Umbra ihn tötet. War unsere Liebe doch ein Vergehen? Viriditas hat ihren Segen über unsere Kinder und mich gesprochen. Ich dachte … Das Atmen fiel ihr schwerer, der Drang zu weinen schnürte ihr den Hals zu. Was auch immer ich dachte, ich lag falsch.

Vielleicht war das alles ihre Strafe für eine Liebe, die nie sein durfte. Dûhirions Tod, der Elanor dazu verdammte, ihre Kinder allein großzuziehen. Die wachsende Feindseligkeit der Bewohner Malachits ihr gegenüber. Vielleicht war das alles ihre Schuld.

Eine Wolke schob sich vor den Mond, als sie das leise Klicken des nachgebenden Türschlosses vernahm. Elanor atmete leise durch und erinnerte sich daran, warum sie hier war. Sie konzentrierte sich wieder auf ihr Vorhaben, das Ziel. Die Waldelfin hatte Kontakt zur Gilde aufgenommen und ein Treffen mit einer Schattenklinge vereinbart. Wenn jemand ihr Informationen über den Verbleib von Dûhirions Körper bringen konnte, dann ein Gildenmitglied.

»Die Tür ist offen, Arik«, flüsterte sie.

Ein Mann trat aus dem Schatten eines Baumes und kam an ihre Seite. Er trug eine dunkelblaue Robe, die mit silbernem Garn, weißen und hellblauen Elementen verziert war. Der Heiler nickte anerkennend. »Gut gemacht. Nun müssen wir noch darauf warten, dass Ivorien zu uns zurückkehrt.«

Die Dunkelelfin hatte für sie einen Wachtrupp abgelenkt und von der Hütte weggelockt.

Elanor ließ den Dietrich in der eingenähten Tasche ihres Ärmels verschwinden. Sie hatte sich das Schlösserknacken als Kind selbst beigebracht. Die Abenteuergeschichten, die Onkel Faredir ihr am Bett vorgelesen hatte, hatten sie dazu inspiriert, selbst auf Schatzsuche zu gehen.

Mit kaum neun Jahren hatte sie zum ersten Mal eine Tür aufgebrochen, von der kindlichen Fantasie erfüllt, dahinter eine Schatzkammer zu finden. Im Laufe der Jahre hatte sie ihre Fähigkeiten verbessert. Nachdem sie der Weißen Feder beigetreten war, einer friedlichen Widerstandsgruppe, die sich gegen die Unterdrückung der Dunkelelfen auflehnte, stellte es sich als überaus praktisch heraus, dass sie fähig war, Schlösser zu knacken.

»Hoffentlich ist ihr nichts zugestoßen«, murmelte die Waldelfin.

Sie spürte den bekannten und verhassten Knoten in ihren Eingeweiden. Er war da, seit sie ein kleines Mädchen gewesen und ihre Eltern ermordet worden waren. An vielen Tagen bemerkte sie ihn kaum, aber er hatte sich nie gelöst und nach Dûhirions Tod fester und schmerzhafter zugezogen denn je.

Arik schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Doch Sorge verdunkelte seine bernsteinfarbenen Augen. »Sie ist sehr geschickt und nicht das erste Mal heimlich in der Oberstadt.«

Elanor versuchte das Lächeln zu erwidern und brachte nur ein müdes Zucken ihrer Mundwinkel zustande. Ihr Kopf schmerzte. Schon seit sie heute Morgen aufgewacht war. Was als seichtes Glimmen begonnen hatte, wandelte sich allmählich zu einem lodernden Feuer. Ihre Nervosität war wie Öl, das über glühende Kohlen gegossen wurde. »Das ist wahr. Aber manchmal hilft einem auch das beste Geschick nicht, wenn man ein Dunkelelf ist …« Unruhig spielte sie mit ihrer Halskette. Der blaue, tropfenförmige Stein fühlte sich angenehm kühl an und es spendete ihr Trost, ihn zu halten.

Ihr Blick wanderte durch die dunklen Straßen. Etwa eine Stunde Fußweg von hier aus befand sich die breite Treppe, die von der Oberstadt hinab in die Aschegrube führte, jenes Elendsviertel, in dem die Dunkelelfen leben mussten. Wenn man es überhaupt Leben nennen konnte, Vegetieren traf es wohl eher.

Sie lauschte in den Wind hinein, suchte nach verräterischen Stimmen, fragte sich, ob es heute Nacht ruhig dort war. Oder ob sich wieder ein paar Einwohner der Oberstadt zusammenfanden, um die Dunkelelfen zu terrorisieren. Seitdem die dunkelelfische Rebellengruppe, die sich Grauwölfe nannte, Malachit immer näher kam, wuchs die Gewaltbereitschaft der anderen Völker.

»Sieh«, flüsterte Arik ihr zu und wies mit dem Zeigefinger geradeaus. »Dahinten ist sie.«

Ivorien rannte ihnen entgegen und gab ein stilles Zeichen der Entwarnung. Sie blieb keuchend vor ihnen stehen, stützte sich einen Moment lang auf ihren Oberschenkeln ab und verschnaufte. Strähnen ihres mittellangen schwarzen Haares, das sie wie Dûhirion im Irokesenschnitt trug, fielen ihr in die Stirn.

Erleichterung überkam Elanor, als sie feststellte, dass die Dunkelelfin unversehrt war. »Den Göttern sei Dank. Geht es dir gut?«

Ivorien richtete sich auf und nickte. Sprechen konnte sie nicht mehr, seit man ihr die Zunge herausgeschnitten hatte. Die Dunkelelfin war eine ehemalige Sklavin. Die Weiße Feder hatte sie vor ihren grausamen Besitzern gerettet. Ivorien hatte sich ihnen aus Dankbarkeit angeschlossen und war für sie offenes Auge und wachsames Ohr in der Aschegrube.

Sie formte einige Zeichen mit den Händen und lächelte.

»Es könnte ihr nicht besser gehen«, übersetzte Arik. »Das freut uns sehr, Ivorien.«

Die Dunkelelfin nickte abermals und deutete dann mit fragender Miene auf die Tür. »Hm?«

»Ja, sie ist bereits offen«, sagte der Heiler.

Elanor war erleichtert, nicht allein zu sein. Umbra genoss einen guten Ruf und war nicht dafür bekannt, Auftraggebern gefährlich zu werden. Dennoch war es gut, die Weiße Feder zu haben, die ihr den Rücken stärkte.

Arik war zunächst vehement dagegen gewesen, dass sie die Gilde kontaktierte. Sie hatten lange diskutiert, und letztlich hatten sie sich geeinigt, dass Elanor das Gespräch führen würde und Arik zuvor eine Illusion auf sie legte, die ihr Äußeres veränderte.

Sie sah immer noch aus wie eine Waldelfin, doch ihr braunes Haar wirkte dunkler, sodass es jetzt beinahe schwarz schien. Ihre blauen Augen waren einige Nuancen heller und die Sommersprossen verschwunden. Ihre Wangenknochen lagen höher, die Nase war etwas länger und das Kinn spitzer. Die Veränderungen waren marginal, reichten aber, um aus ihr eine andere Person zu machen.

Das Zeichen der Göttin Viriditas in ihrem Gesicht jedoch konnte die Illusion nicht verbergen. Es zeigte die vereinfachte Darstellung eines Baumes. Krumme Wurzeln streckten sich von ihrer Unterlippe über ihr Kinn, der schmale Stamm verlief von der Oberlippe über ihren Nasenrücken. Die filigranen Äste waren kahl und aufwendig verzweigt; sie spannten sich ausladend über ihre gesamte Stirn. Die weiße Farbe, mit der das Zeichen aufgebracht worden war, stand im starken Kontrast zu ihrer dunklen Haut.

Zudem hatte Arik darauf bestanden, dass sie eine dritte Person mit sich nahmen. Seine Schwester Nara hatte vorübergehend die Stadt verlassen. Sie war vor drei Tagen mit einer Jägergemeinschaft tief in den Wechselwald gegangen und würde erst übermorgen zurückkehren.

»Wir sollten eintreten«, murmelte Elanor. »Die Schattenklinge wird bald da sein.«

Gemeinsam betraten sie das Haus.

Für einen kurzen Moment stellte sich Elanor vor, wie es zuvor hier ausgesehen hatte. Sie füllte die Leere mit den Spuren der ehemaligen Bewohner. Dort in der Ecke war das Bett, hier vorne ein Tisch mit vier Stühlen, über einem von ihnen hing ein Mantel. An den Wänden reihten sich einige Schränke für Lebensmittel, Kleidung und Kleinigkeiten, die keinen anderen Platz im Haus gefunden hatten. Links neben der Tür stand ein Paar schmutzige Stiefel.

Elanor blinzelte einmal, und das Gedankenkonstrukt fiel in sich zusammen, ließ kahle Finsternis zwischen vier Wänden zurück.

Sie zog die Kapuze ihres dunkelbraunen Umhangs tiefer ins Gesicht. An sich war es nicht notwendig, sich zu maskieren, aber es gab ihr ein Gefühl von Sicherheit.

Die nächtliche Finsternis wickelte sich um sie wie eine riesige schwarze Schlange. Sie spürte die kühle, schuppige Haut an ihrer eigenen reiben. Ihr Brustkorb wurde zusammengedrückt, die Luft gewaltsam aus ihren Lungen gepresst. Die beiden Beutel mit dem Gold, das sie der Gilde in den gierigen Schlund stopfen würde, wogen plötzlich schwerer als zuvor an ihrem Gürtel.

Unbewusst strich sie sich über den Bauch, fühlte die Wölbung und zog abrupt ihre Hände zurück.

»Geht es dir gut?«, fragte Arik vorsichtig.

»Nein«, murmelte Elanor wahrheitsgemäß. »Er fehlt mir.«

Er fehlt mir, echote es in ihrem Kopf. Die letzten Stunden seines Lebens waren wahrscheinlich eine einzige Qual. Er war hungrig, litt Schmerzen und wusste, dass er nicht zu mir zurückkommen würde. Umbra hat seine Leiche vermutlich im Dreck verscharrt. Ich konnte nichts tun, um ihn zu retten. Ich habe ihn im Stich gelassen.

»Ich weiß, mir ebenfalls«, erwiderte der Magier bekümmert. »Und deinen …« Seine Worte verschwammen. Bienensummen. »… ist mit ihnen alles in Ordnung? Hast du Schmerzen?«

Ivorien neigte den Kopf leicht zur Seite. Ihre blassroten Augen musterten sie mit einer Mischung aus Mitleid und Unsicherheit.

Elanor starrte ausdruckslos in die Dunkelheit des Hauses. »Die Schattenklinge sollte gleich hier sein«, wiederholte sie leise.

Arik schien etwas sagen zu wollen.

Ivorien hielt eine Hand hoch und schüttelte den Kopf. »Mh-mh.«

Er seufzte lautlos und fuhr sich mit der knochigen Hand durchs zerzauste schwarze Haar. »Ja, du hast recht.« Er streifte sich seine Kapuze über.

Wenige Momente später wurde die Tür von außen geöffnet. Ivorien berührte die Waldelfin an der Schulter.

Elanor sah der dunklen Gestalt entgegen, die sich ins Innere des Hauses schlich. Das musste die Schattenklinge sein, auf die sie warteten, Ivorien hatte sie sofort erkannt. Für die nachtsichtigen Augen der Dunkelelfin war die Finsternis kein Hindernis. Größe und Statur der Silhouette ließen darauf schließen, dass es sich um einen Zwerg handelte. Ob er auch Umbras unverwechselbare Kluft trug, konnte Elanor nur raten.

Die Waldelfin trat ihm entgegen, während sich Arik und Ivorien im Hintergrund hielten.

»Seid Ihr die Frau, die nach den Schatten gerufen hat?«, fragte er. Seine Stimme drang mit einem dunklen Rumpeln aus seinem Brustkorb.

»Die bin ich«, bestätigte Elanor knapp.

Die Schattenklinge trat ins fahle Mondlicht. Elanor erkannte einen langen Bart, höchstwahrscheinlich blond, der seltsam unregelmäßig gewachsen war. »Wie schön, Euch zu treffen«, sagte er unerwartet fröhlich. »Mein Name ist Grem. Mit wem habe ich das Vergnügen? Wer sind Eure Begleiter?«

Elanor war sprachlos. Auf einen ernsten Assassinen, der sie finster anstarrte, war sie vorbereitet gewesen. Nicht auf einen heiteren Gesellen, der mit ihr sprach, als wäre sie eine alte Freundin.

Der Zwerg lachte röhrend. »Verzeiht, habe ich Euch so sehr verschreckt, dass Ihr Euren Namen vergessen habt?«

»El…eniel«, antwortete die Waldelfin. Obwohl es viele Elfen namens Elanor gab, hielt sie es für besser, ihren Namen nicht zu nennen. Wahrscheinlich war Grem auch nicht sein richtiger Name. »Ein Freund und seine Sklavin begleiten mich.«

»Grüße!« Der Zwerg verneigte sich in Richtung Arik. »Darf ich fragen, warum genau Ihr eine Sklavin mitnehmt?«

»Zu unserer Sicherheit«, entgegnete Arik. »Sie ist darauf trainiert, ihr Leben für unseres zu geben.«

Ivorien nickte mit grimmiger Entschlossenheit.

»Vorsicht ist besser als Nachsicht«, fügte der Magier hinzu.

Elanor hielt dem prüfenden Blick des Zwergs stand, den sie zwar nicht sehen, aber deutlich fühlen konnte. Sein Gesicht lag bis zum Unterkiefer im Schatten seiner Kapuze.

»Das ist nicht nötig. Umbra ist professionell, wir sind gut zu unseren Auftraggebern, wenn sie gut zu uns sind. Alles andere wäre schlecht fürs Geschäft«, erwiderte die Schattenklinge. »Wenn Ihr Euch so besser fühlt, soll es mir recht sein. Kommen wir zum Geschäftlichen.«

Elanor entspannte sich zunehmend. Dieser Assassine war bei Weitem nicht so bedrohlich und unheimlich, wie sie erwartet hatte. Sie fühlte sich nicht wie jemand, der gleich einen Pakt mit der gefürchteten Gilde Umbra schließen würde, sondern wie jemand, der mit einem Händler auf dem Markt um ein paar Töpfe und Pfannen feilschte.

Als sie realisierte, wie sehr sie sich in einer trügerischen Sicherheit wiegte, hallte ein schriller Warnruf ihres Instinkts durch ihren Geist. Es ist ein Spiel. Er erscheint mir als Freund und hält dabei ein Messer hinter seinem Rücken versteckt.

Sie musste wachsam bleiben. Das Stechen in ihren Schläfen steigerte sich wieder.

»Eines vorweg: Ihr seid nicht hier, um einen Mordauftrag entgegenzunehmen.« Ihre Stimme war ruhig, obwohl in ihr ein Orkan tobte. Sie war das Auge des Sturms. Es war wichtig, dass sie ihre Rolle überzeugend spielte. Für Dûhirions Seelenfrieden. »Ich brauche lediglich Informationen.«

Grem stemmte die Hände in die Hüfte. Aus der Dunkelheit seiner Kapuze drang ein amüsiertes Glucksen. »Sehe ich aus wie ein Archivar? Wenn Ihr Informationen wollt, seid Ihr in einer Bibliothek besser aufgehoben als bei Umbra.«

Sein Hohn war subtil, versteckt unter dem freundschaftlichen Tonfall, doch er schnitt tief.

Für die kurze Zeit zwischen zwei Herzschlägen fürchtete Elanor, die Fassung zu verlieren. Das Blut rauschte so laut in ihren Ohren, dass sie kaum etwas anderes hören konnte. Sie verspürte das kindliche Bedürfnis, jemandes Hand zu halten. Der Schmerz in ihrem Kopf weitete sich auf ihren Nacken und die Schultern aus. Es fühlte sich an, als würden eiserne Dornen in ihren Schädel eindringen und sich aus den Augen wieder herausgraben.

Die Waldelfin fasste sich und brachte ein humorloses Lächeln zustande. »Glaubt Ihr, ich würde mich auf eine Gilde voller Mörder einlassen, wenn ich diese Informationen in Büchern fände? Es geht um eine Schattenklinge. Einen Dunkelelfen.«

»Um welche Art Information bittet Ihr mich?« Die Körperhaltung des Assassinen wurde sichtbar missbilligend. Er lehnte sich leicht zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

Hatte er sich endlich entschieden, sein Schauspiel zu beenden?

Der Knoten in Elanors Eingeweiden zog sich fester zusammen. Eine Welle der Übelkeit schwappte in ihr hoch und zerschellte an ihrem Kehlkopf. Sie schluckte und unterdrückte den Brechreiz. »Ich will wissen, wer er ist und wo er ist.« Sie hob beschwichtigend die Hände. »Mehr nicht.«

Der Zwerg zupfte an seinem unregelmäßigen Bart und summte nachdenklich. »Warum wollt Ihr das wissen?«

»Ich habe eine Rechnung mit ihm offen«, antwortete Elanor knapp.

»Und Ihr glaubt, ich helfe Euch bei Eurem Rachefeldzug? Dass ich einen meiner Brüder für etwas Gold ans Messer liefere?«, fragte die Schattenklinge. Ihr Tonfall war dunkler und bedrohlicher geworden. Offenbar hatte Elanor einen Nerv getroffen. »Es geht Euch einen feuchten Dreck an, wer unsere Assassinen sind und wo sie sich aufhalten.«

»Vorsichtig«, warnte Arik hinter ihr. »Kommt der Frau nicht zu nahe!«

Ivorien trat hörbar einen Schritt vor.

Elanor atmete kaum merklich auf. Sie war derart auf ihr Gegenüber konzentriert, dass sie die Anwesenheit ihrer Begleiter völlig ausgeblendet hatte.

Sie war nicht allein hier.

Der Zwerg schnaubte verächtlich. »Für wen haltet Ihr Euch?« Anklagend richtete er seinen Zeigefinger auf sie. »Was nehmt Ihr Euch heraus, eine solch unverschämte Forderung zu stellen?«

Das war sein wahres Gesicht.

»Ich würde es nicht tun, wenn es nicht wichtig wäre. Ihr bekommt fünfhundert Goldkronen dafür.« Elanor tätschelte nervös nacheinander die beiden Geldbeutel an ihrem Gürtel. »Die Hälfte jetzt, die andere Hälfte, wenn Ihr mir verraten habt, was ich wissen will.«

»Ihr scheint mich nicht verstanden zu haben, Spitzohr«, knurrte der Zwerg. »Umbra ist wie eine große, glückliche und mörderische Familie. Niemand sticht dem anderen ein Auge aus, jeder hält dem anderen den Rücken frei – wie in jeder Familie. Und das gilt für jedes einzelne Mitglied.«

Elanor biss sich fest auf die Innenseite ihrer Wange. Sie mahnte sich eindringlich, still zu bleiben, nicht das Vorhaben zu gefährden, egal wie zornig sie diese Aussage machte.

Niemand sticht einem anderen das Auge aus, äffte sie ihn innerlich nach. Welch Ironie, wenn ich bedenke, dass sie Säure in Dûhirions rechtes Auge gekippt haben.

»Für jedes?«, fragte Arik. »Selbst für eine Grauhaut?«

Elanor hörte, wie sehr es ihm widerstrebte, dieses Wort in den Mund zu nehmen.

Grem antwortete nicht sofort. War er selbst nicht überzeugt von dem, was er sagte? »Ja.« Er reckte beinahe trotzig das Kinn. »Selbst für eine Grauhaut.«

Sie war bereit, das Vorhaben abzubrechen. Es hatte keinen Zweck. Entweder fanden sie einen anderen Weg, Dûhirions Leiche zu bergen, oder sie musste sich mit dem Gedanken abfinden, dass seine Seele für die Ewigkeit bei Umbra gefangen blieb.

Ihre Glieder wurden taub und ihre Schultern sanken nach unten.

Nein, zischte eine scharfe Stimme in ihrem pochenden Hinterkopf. So leicht lasse ich mich nicht abwimmeln. Dûhirion wird nicht bei seinen Schändern bleiben. Ich konnte ihn nicht retten, aber ich werde alles tun, um ihm das Begräbnis zu geben, das er verdient.

Elanor straffte sich wieder. »Ich bitte Euch, hört mich an, Schattenklinge! Ihr wisst, was in Orlean passiert ist? Ihr wisst, dass ein paar … räudige Dunkelelfen die Stadt überfallen, niedergebrannt und die Einwohner getötet haben? Mein … Vater war Teil der Stadtwache. Er war da, als diese Rebellen … Grauwölfe, wie sie sich nennen, über die Stadt hergefallen sind. Sie haben ihn verkrüppelt.« Ihre Kehle zog sich zusammen. Sie senkte einen Moment lang den Blick und sprach mit belegter Stimme weiter. »Diese dreckigen Missgeburten haben ihm den Rücken gebrochen und seine Beine gelähmt. Er hat mir erzählt, dass er inmitten des Kampfgeschehens einen Assassinen getroffen hat. Wisst Ihr, was dieser Bastard getan hat? Er hat meinen Vater als Schild benutzt.« Ihr Magen verkrampfte. Sie fühlte sich grässlich für ihre Ausdrucksweise und dafür, ihren toten Vater in ihre Lüge einzubinden.

So was würde Dûhirion niemals tun, fauchte ihre innere Stimme.

Die Waldelfin presste die Lippen aufeinander.

»Und?«, schnaubte die Schattenklinge.

Elanor funkelte ihn zornig an. »Mein Vater ist tot«, fuhr sie zähneknirschend fort. »Er hat sich die Kehle aufgeschnitten, weil er nicht als Krüppel weiterleben wollte. Wahrscheinlich … hat er auch die Schande nicht ertragen, dass er die Stadt nicht schützen konnte. In seinem letzten Brief an mich hat er mir den Assassinen beschrieben und mich gebeten, seinen Tod zu rächen. Ich habe meinen letzten lebenden Verwandten verloren, weil diese Schattenklinge ein Feigling war. Ich zahle Euch, was Ihr wollt. Es ist mir egal, wie viel Gold ich aufbringen muss. Ihr müsst ihn mir nicht ausliefern, warnt ihn von mir aus! Sagt mir einfach seinen Namen und ob er sich in der Zuflucht nahe Malachit aufhält.«

Während sie sprach, wickelte sich Grem gelangweilt die Bartspitze um Zeige- und Mittelfinger. Obwohl sie sein Gesicht nicht erkennen konnte, wusste sie, dass er sie nicht mehr ansah. Seine offen gezeigte Gleichgültigkeit schürte die Wut in ihr.

»Euch scheint die Familie sehr wichtig zu sein«, fügte Arik hinzu. »Es wäre ein Tausch. Einen Bruder gegen einen Vater.«

Grem gähnte demonstrativ und strich seinen Bart glatt. »Seid Ihr wirklich so dumm zu glauben, Ihr könntet gegen einen Assassinen von Umbra bestehen?«

Arik hob den Arm und ließ Funken aus seiner Handfläche springen. »Es ist einen Versuch wert.«

Ivorien nickte bekräftigend.

»Mein Vater war alles für mich«, sagte Elanor. Ihre geballten Fäuste bebten. »Wie Ihr seht, spürt mein Freund meinen Schmerz und will ihn um jeden Preis lindern.«

»Um wirklich jeden Preis«, bestätigte der Magier. »Wenn es gegen den Kodex der Gilde geht … ist es eine Abmachung zwischen Euch und uns. Ihr bekommt das Gold, wir den Dunkelelfen. Dadurch finden wir entweder Gerechtigkeit oder den Tod.«

»Es ist nur ein Dunkelelf«, fügte Elanor gepresst hinzu. Sie hasste sich für die nachfolgenden Worte. »Ich könnte Eure Zurückhaltung verstehen, hätte ich Euch nach dem Kopf eines anderen Zwergs gefragt. Aber bei einer Grauhaut?«

Der Assassine ließ den Blick durch das leere Haus schweifen. »Tun wir so, als wäre ich interessiert. Was könnt Ihr mir über diesen Dunkelelfen verraten?«

Elanors Rückenmuskulatur entspannte sich. Sie war Arik und Ivorien unendlich dankbar. Ohne die beiden wäre die Verhandlung an dieser Stelle vermutlich abgebrochen worden. »Sein rechtes Auge ist blind. Vater beschrieb es als ›weiß und trüb wie Nebel‹. Darunter befindet sich eine Narbe, die über seine Wange bis zum Unterkiefer verläuft.« Dûhirions Bild erschien vor ihrem geistigen Auge und ihr wurde kalt. Elanors Unterlippe zitterte. »Sein anderes Auge ist rot. Graue Haut, schwarzes Haar.«

Die Erinnerung, wie sie ihre Finger durch den Irokesenschnitt und über die Stoppeln an den Seiten seines Kopfes fahren ließ, überkam sie. So intensiv, dass sie sogar glaubte, es spüren zu können. Ihre Fingerspitzen kribbelten und ihre Augen brannten. Sie ermahnte sich streng, nicht in Tränen auszubrechen. Nicht jetzt.

War das genug? Würde sie sich verdächtig machen, wenn sie weitersprach und der Schattenklinge mehr Einzelheiten gab?

»Damit kann ich arbeiten.« Grem stemmte die Hände in die Hüfte. »Könnte ich arbeiten.«

»Wie viel verlangt Ihr?«, fragte Arik. Seine Stimme war schwer und ungewohnt kühl.

»Dreitausend Goldkronen«, antwortete Grem bedächtig und deutete auf die Beutel an ihrem Gürtel. »Fünfhundert jetzt. Den Rest im Anschluss.«

Elanor fühlte sich, als hätte er ihr mit ganzer Kraft in die Magengrube geschlagen. Der Schmerz in ihrem Kopf pulsierte gnadenlos. Dreitausend Goldstücke waren viel Geld für eine einzige Information. Die Leiche von Dûhirion zu erhalten, war nicht im Preis inbegriffen. »Eintausend«, versuchte sie zu verhandeln.

»Dreitausend«, beharrte der Zwerg. »Nicht einen Kupfertaler weniger.«

»Für diesen Preis könnten wir die Stadtwache anheuern, um den Assassinen verhaften zu lassen«, sagte Arik.

Grem grinste und entblößte mehrere Goldzähne, die im Mondlicht glänzten. »Nur zu! Heuert die Stadtwache an! Ich weiß nicht, ob es Eure Rachegelüste befriedigt, wenn er einige Tage im Kerker sitzt, aber es wäre zumindest ein Anfang, nicht?«

Elanor warf Arik einen hilflosen Blick über die Schulter zu. »Eintausend für die Information. Dreitausend, wenn Ihr ihn zum Treffen mitbringt.«

»Und dann? Denkt Ihr, ich stehe daneben und sehe zu, wie Ihr ihn tötet?« Die Schattenklinge lachte bellend. »Oder dass Ihr es überhaupt mit ihm aufnehmen könnt? Verflucht, Ihr scheint dümmer zu sein als der Dreck unter meinen Fußnägeln.«

Elanor starrte beharrlich in die Dunkelheit unter seiner Kapuze. »Wenn Ihr davon überzeugt seid, dass Euch keinerlei Gefahr droht, spricht doch nichts dagegen, einzuwilligen, oder? Dann bekommt Ihr einen Haufen Gold und könnt Euch noch köstlich über uns amüsieren.«

Immer noch grinsend strich sich die Schattenklinge über den Bart. »Und was ist, wenn dieser Dunkelelf nicht mehr lebt?«

Ihr Mund wurde trocken. Wusste er etwas? War er es vielleicht gewesen, der Dûhirion getötet hatte? Elanors Atem beschleunigte sich. Erneut sah sie zum Heiler zurück.

»Dann bringt uns seine Leiche«, antwortete Arik entschlossen. »Zu wissen, dass der Mörder ihres Vaters tot ist, wird meiner Freundin auch Genugtuung verschaffen. Nicht wahr?«

Die Waldelfin nickte betäubt.

»Schön. Warum nicht?« Grem zuckte mit den Schultern und lachte wieder. »Gebt mir eine Woche Zeit, um mich nach ihm umzuhören und ihn davon zu überzeugen, den Spaß mitzumachen!«

»Und gebt uns zwei Wochen Zeit, um das Gold aufzutreiben! Dann treffen wir uns wieder hier um die gleiche Zeit.« Elanor hatte ihre Fassung zurückgewonnen und schlug in die ausgestreckte Hand ein, um den Handel zu besiegeln. Sie löste die beiden Goldbeutel, in denen sich je zweihundertfünfzig Goldkronen befanden, und reichte sie an den Assassinen weiter.

Der Zwerg wiegte sichtlich zufrieden die Beutel in den Händen. Jetzt konnte sie erkennen, dass sein Mund von Narben zerfurcht war. »Ich werde Euch nicht enttäuschen. Ihr mich hoffentlich auch nicht. Ihr würdet es bitter bereuen.« Nach der letzten Drohung kehrte das freundliche Lächeln auf seine Lippen zurück. Er verneigte sich tief. »Gehabt Euch wohl, Frau Eleniel!« Fröhlich winkte er Arik und Ivorien zu. »Und auch Ihr, namenloser Freund und namenlose Sklavin. Wir sehen uns bald wieder.« Er machte kehrt und schlenderte pfeifend aus der Tür.

Einige Sekunden verstrichen, bis Elanor es wagte, aufzuatmen. Zittrig strich sie sich mit beiden Händen übers Gesicht. Ein leichtes Kitzeln auf ihrer Haut verriet ihr, dass Arik die Illusion von ihr genommen hatte. Ivorien erschien an ihrer Seite und legte ihr die Hand auf die Schulter.

»Wir haben es geschafft. Du warst großartig, Elanor«, lobte Arik erleichtert.

»Ihr ebenfalls«, sagte die Waldelfin leise. »Vielen Dank, dass ihr bei mir seid.«

Ivorien vollführte einige Gesten, stoppte mitten in der Bewegung und schüttelte dann den Kopf. Sie ließ die Hände sinken und begann von Neuem. Was auch immer sie zuvor hatte mitteilen wollen, sie schien es sich anders überlegt zu haben. Sie warf Arik einen bittenden Blick zu und dieser nickte.

»Sie fragt, ob und wenn ja welche Teile deiner Geschichte wahr sind«, übersetzte der Magier.

»Es ist alles frei erfunden«, antwortete die Waldelfin. »Meine Eltern sind gestorben, als ich noch ein kleines Mädchen war. Dûhirion war allerdings wirklich in Orlean, als die Grauwölfe angegriffen haben.«

»Mhm«, machte Ivorien.

Elanor rieb sich die Stirn. Der Schmerz ließ etwas nach. »Ich muss irgendwie das Gold auftreiben. Das waren meine gesamten Ersparnisse. Zweitausendfünfhundert Goldkronen … so viel Gold würde ich nicht einmal in drei Jahren verdienen.«

»Wir werden eine Lösung finden«, versicherte der Heiler. »Sobald Nara zurück ist, berufen wir eine Versammlung der Weißen Feder ein. Es gibt sicherlich einige Mitglieder, die dir Gold leihen können. Ich verspreche dir, dass Nara und ich …«

Elanor schüttelte den Kopf. »Ich kann euer Geld nicht annehmen, Arik. Was ist mit deiner Klinik? Und den Dunkelelfen in den Aschegruben? Sie brauchen es dringender als ich. Da ich Malachit ohnehin bald verlassen muss, werde ich wohl mein Haus verkaufen und sämtliche Besitztümer. Bis auf ein paar Kleinigkeiten. Das sollte mir genug einbringen.«

Arik sah unentschlossen aus. Er tauschte einen Blick mit Ivorien, die mit den Schultern zuckte. »Wir finden eine Lösung«, sagte er abermals. »Jetzt ist erst einmal wichtig, dass Dûhirion ein würdiges Begräbnis bekommt.«

Elanor schwieg.

»Es ist spät und du siehst sehr müde aus«, sagte Arik sanft. »Ich werde dich nach Hause begleiten.«

»Das musst du n...«, murmelte Elanor.

»Ich will aber«, unterbrach der Heiler.

Ivorien verabschiedete sich von ihnen. Sie besaß ein Haus in der Aschegrube, das sie freiwillig bezogen hatte, obwohl die Weiße Feder ihr andere Möglichkeiten angeboten hatte. Die Dunkelelfin hatte zu verstehen gegeben, dass sie von dort aus am besten Informationen beschaffen und gleichzeitig den anderen Einwohnern helfen konnte.

Arik und Elanor blickten ihr noch kurz hinterher, ehe sie sich auf den Weg zu einem der Tunneleingänge machten.

Kapitel 2 – Elanor

Sie waren kaum eine Viertelstunde gegangen, als sie an einer Taverne vorbeikamen. Musik, Gelächter und der scharfe Geruch von Alkohol wehten aus dem beleuchteten Gebäude auf die Straße. Eine Gruppe von vier waldelfischen Männern lungerte vor der Taverne herum. Sie unterbrachen ihr lautstarkes, fröhliches Gespräch, als Elanor und Arik an ihnen vorbeikamen.

»Wen haben wir denn da?«, lallte der Erste.

»Unsere Dunkelelfenhure«, rief der Zweite ausgelassen und hob den Humpen. »Und seht, sie hat einen neuen Freier dabei!«

»Einen Menschen? Dachte, die treibt es nur mit Dunkelelfen«, brummte ein Dritter. »Wartet … ist das nicht … dieser Heiler? Ihr wisst schon. Der die Klinik betreibt, in der gute Medizin an Grauhäute verschwendet wird.«

Elanor sah nicht zurück, beschleunigte ihre Schritte lediglich. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, dass Ariks Finger sich unruhig regten.

»Hey, Heiler«, schrie der Erste. »Steigst du auch mit ihr ins Bett? Wie ist sie? Lohnt es sich?«

»Wahrscheinlich teilen sie sich heute Nacht eine Grauhaut«, johlte der Dritte und verschüttete überschwänglich etwas von seinem Getränk. »Viel Spaß.«

Die Waldelfin warf Arik einen Seitenblick zu. Er starrte stur geradeaus, sein blasses Gesicht wie versteinert. Das Verhalten der Männer sollte sie wütend machen. Doch Elanor fühlte nichts. Da war nur eine nagende Leere in ihr.

Die Stimmen der Männer verklangen und der Rest des Weges verschwand hinter einem undurchsichtigen Grauschleier, der sich über ihre Sinne legte. Vielleicht war es die Müdigkeit, die alles verschwimmen ließ. Anfangs kämpfte sie dagegen an, zwang sich, wach und aufmerksam zu bleiben. Doch irgendwann verlor sie diesen Kampf und versank in erschöpfte Lethargie.

Erst als sie sich plötzlich im Inneren ihres Hauses wiederfand, erwachte sie daraus.

»Elanor?« Ariks Stimme.

Die Waldelfin blinzelte verwirrt. Er musterte sie besorgt, Falten standen auf seiner Stirn. Er schien sie nicht das erste Mal angesprochen zu haben. »Verzeih, was sagtest du?«

»Ich fragte, wie du dich fühlst«, entgegnete er.

Elanor streifte ihren Umhang ab und legte ihn über einen Stuhl. »Tut mir leid«, murmelte sie und drehte ihren Anhänger zwischen Daumen und Zeigefinger. »Ich bin müde, Arik.«

Der Heiler nickte. Den dunklen Ringen unter seinen Augen zufolge ging es ihm ähnlich. Seit sie Arik kannte, war er mager und sah übernächtigt aus. Es kam ihr vor, als hätte sich sein Zustand in den letzten Tagen verschlechtert. Möglicherweise war es Einbildung oder sie schloss von sich auf andere. Andererseits hatte er mit Dûhirion einen Freund verloren und trauerte ebenfalls.

»Es wird schlimmer.« Er fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. »Als ich gestern meinen Marktstand aufgebaut habe, bin ich von einem Zwerg angespuckt und beschimpft worden. Erst dafür, dass ich Dunkelelfen heile, und dann allgemein dafür, ein Mensch und Magier zu sein.«

Die Waldelfin schlang die Arme um ihren Oberkörper. »Es fühlt sich an, als würden sie nach Gründen suchen, nicht wahr?«

»Sie haben Angst.« Arik kratzte sich an der Wange. Ein raues Geräusch erklang, als seine Finger über die dunklen Bartstoppeln fuhren. »Deshalb suchen sie einen Schuldigen, jemanden, bei dem sie ihre Angst in Zorn umwandeln können. Ich bin mir sicher, dass es dem Zwerg danach wesentlich besser ging.«

Elanor schnaubte leise. »Ihm schon.« Sie sah zu ihm auf. »Hast du Neuigkeiten aus der Aschegrube?«

»Nein. Nachdem Hastor das letzte Mal dort gewütet hat, ist alles ruhig geblieben«, antwortete Arik.

Hastor Adaël hatte mit der Stadtwache unten in der Aschegrube gestanden und den Dunkelelfen das wenige genommen, das sie besaßen. Die zerstörerischen Flammen des Scheiterhaufens aus Möbeln, Kleidung und Kinderspielzeug loderten in ihrem Gedächtnis. Sie hörte das ferne Echo der zustimmenden Bevölkerung und Naras unermüdliches Schimpfen.

Doch wann war das passiert? Vor einer Woche? Bevor oder nachdem sie Dûhirion ihre Schwangerschaft gestanden hatte?

Plötzlich war sie sich nicht einmal mehr sicher, ob es wirklich erst einige Tage her war, dass Maryn bei ihr gewesen war.

Arik seufzte leise. »Ich denke, ich sollte jetzt gehen.« Er legte eine Hand auf ihre Schulter. »Brauchst du etwas von mir? Ein leichtes Schlafmittel?«

»Nein. Aber ich danke dir für deine Sorge«, erwiderte die Waldelfin.

»Wie du wünschst.«

»Danke, dass du mich begleitet hast«, sagte Elanor leise. »Versuch heute Nacht auch etwas Schlaf zu bekommen, ja? Und pass auf dich auf!«

Der Heiler lächelte leicht und wandte sich dem Ausgang zu. »Ich kann nichts versprechen.«

Plötzlich erfüllten kräftige Schläge gegen die Tür das Haus. Elanor fuhr zusammen und Arik stolperte erschrocken einen Schritt zurück.

»Jemand zu Hause? Hallo?«, rief eine männliche Stimme.

»Komm raus, dreckige Hure! Wir haben dich ins Haus gehen sehen«, brüllte ein zweiter Mann lallend.

Ihr Herz schien ihr bis in den Hals zu pochen und hämmerte unangenehm gegen ihren Kehlkopf. Das waren die Betrunkenen, die sie vorhin angepöbelt hatten.

»Ich tue dir nichts«, fuhr der erste Mann fort. »Möchte bloß ein paar Zärtlichkeiten von dir. Ich bezahl auch gut.«

Arik legte langsam einen Zeigefinger an seine Lippen. Elanor schlich zum Fenster und spähte durch den schmalen Spalt zwischen den Vorhängen nach draußen. Die vier Waldelfen hatten sich vor ihrer Tür versammelt. Zwei von ihnen hielten immer noch ihre Humpen in den Händen, der Dritte trank aus einer Weinflasche, während der Vierte ununterbrochen mit seiner Faust gegen ihre Tür schlug.

»Lass uns rein«, forderte der zweite Mann. »Wir haben doch gesehen, dass du nicht nur Dunkelelfen nimmst. Ist der Magier immer noch da?«

Elanor zog ein Stilett aus dem Schaft ihres Stiefels und wich zurück, bis sie neben Arik stand. Seit der Konfrontation mit den Grauwölfen, insbesondere mit Canis Lupus, und den zunehmend aggressiver werdenden Anfeindungen der Stadtbewohner trug sie es unentwegt bei sich. Sie war nicht erpicht darauf, es zu verwenden, doch sollten diese Männer tatsächlich ins Haus eindringen, würde sie sich ihnen nicht kampflos ergeben.

»Sie werden es nicht wagen einzubrechen«, flüsterte Arik. »Und wenn doch …«

Elanor konnte fühlen, dass er Magie in seinen Händen bündelte. Ein seichter Wind umgab seine Finger und bewegte seine weiten Ärmel.

Wenn sie es doch wagen, sind wir vorbereitet, vollendete sie seinen Satz.

»Vielleicht hat sie gerade wirklich eine Grauhaut unter ihrer Decke versteckt«, vermutete der erste Mann. »Lass mich rein! Ich will zusehen.« Gelächter folgte seinen Worten. Nur der Vierte lachte nicht.

Elanor ignorierte das Zittern ihrer Hände und das erstickende Gefühl, ihre Eingeweide würden sich in ihren Rachen drängen.

Die Tür hält stand, dachte sie. Solange sie draußen und wir drinnen sind, können sie uns nichts tun.

Sie sollte nicht überrascht darüber sein, dass sich die Männer entschieden hatten herzukommen. Es war bloß der nächste Schritt. Vor wenigen Tagen hatten Vandalen ihre Tür mit rohen Eiern und Fäkalien beschmiert, sie als ›Dunkelelfenhure‹ beschimpft.

»Wir wollen alle sehen, wie du die Grauhaut vögelst, ohne dir die Pest einzufangen«, rief ein dritter Waldelf. »Ist der Heiler deshalb dabei?«

»Der macht mit«, widersprach der Zweite. Sein Lachen wurde mehr und mehr zu einem Gackern. »Seid kurz leise! Vielleicht können wir das Bett knarzen hören.«

Die Tür hält stand, wiederholte sie. Solange sie draußen und wir drinnen sind, können sie uns nichts tun.

Ihr Herz hämmerte schmerzhaft in ihrer Brust. Wie ein kleiner Vogel, der in einem viel zu engen Käfig gefangen war, schien es gegen ihre Rippen zu schlagen, im verzweifelten Versuch, dem zu entkommen.

Sie fühlte Ariks Hand, die sich beruhigend auf ihre Schulter legte.

»Ich bin hier«, raunte er. »Was auch geschieht: Sie werden dir nichts tun.«

Elanor nickte dankend, ohne die Tür aus den Augen zu lassen.

»Mach endlich auf. Bitte, bitte«, forderte der erste Mann.

Etwas wurde mit großer Wucht gegen die Tür geschleudert. Glas zersplitterte und die Männer johlten zustimmend.

Elanor zuckte heftig zusammen und hätte fast ihre Waffe fallen lassen. Sie schloss die Finger fester um den Griff. Ihre Lunge schien sich kaum mit Luft zu füllen. Ihr Bauch war im Weg, verhinderte einen tiefen Atemzug.

»Hoppla. Da ist ihm wohl die Flasche aus der Hand gerutscht.« Der zweite Waldelf gluckste. »Hey, Heiler. Ich hab mich furchtbar geschnitten. Kannst du dir eine Hose anziehen und mir helfen?«

Elanor atmete zu schnell, zu flach. Ihr Bauch wurde unerträglich schwer, als wäre er mit Steinen gefüllt. Er drückte auf ihre Organe, verbog ihr Rückgrat.

Der erste Mann kicherte wie ein unreifer Jüngling. »Und währenddessen kommt der Rest von uns zur holden Maid. Wirst schon sehen, wir sind alle ganz sanft zu dir. Dein dunkelelfischer Freier darf auch mit heiler Haut dein Haus verlassen, wenn du mit ihm fertig bist. Wir verpetzen ihn nicht an seinen Herrn.« Er schnaubte, lachte lauter.

Sein Gelächter warf ein Echo in ihren Ohren, wurde zu einem vielstimmigen Chor. Das Gefühl einer Hilflosigkeit, die sie in ihrer Kindheit oft empfunden hatte, floss ölig und zäh in ihren Rachen.

Das kreischende Lachen von hämischen Kindern hallte aus einer fernen Erinnerung durch ihr Haus. »Elanor hat keine Eltern«, riefen sie gemeinsam. »Elanor hat keine Eltern.«

Wind streifte ihre Haut, zog sie in die Gegenwart zurück. In Ariks Faust wütete ein regelrechter Sturm. Er war klein und geballt, ein weißgraues Bündel einer gebändigten Kraft, die jederzeit entfesselt werden konnte. Der Magier selbst erschien bemerkenswert ruhig, fokussiert. »Tief durch die Nase atmen«, flüsterte er. »Ein … und aus …«

Elanors Lippen waren ein dünner Strich. Sie folgte dem Rhythmus, den er vorgab.

»Schwachsinn«, bellte plötzlich der Vierte im Bunde, und ihre Tür wurde erneut durch einen kräftigen Schlag erschüttert. Fast hätte die Waldelfin aufgeschrien. »Mach auf, Miststück! Ich hole diese Missgeburten aus dir heraus. Das, was du in deinem Leib trägst, darf nicht existieren.«

Seine letzten Worte verwischten. Rauschen. Bienensummen. Hitze schwelte in der Kälte ihrer Brust, wand sich langsam durch ihre Adern.

Elanor leckte sich nervös über die trockenen Lippen. Das Stilett lag unruhig in ihrer verschwitzten Handfläche. Sie fürchtete, es benutzen zu müssen. Sie wollte es benutzen. Wollte demjenigen vor der Tür wehtun, wollte ihm zeigen, dass sie nicht hilflos war. Fürchtete, versehentlich einen tödlichen Treffer zu erzielen, wenn sie gegen einen möglichen Angreifer vorging. Fürchtete gleichzeitig, dass es ihr weggerissen wurde und sie gänzlich ohne Waffe dastand.

»Was ist los mit dir?«, fragte der erste Mann verwundert und deutlich leiser.

»Sei nicht so zornig, du verschreckst sie nur«, fügte der Dritte lallend hinzu.

Elanors Körper wurde von einer gänzlich anderen Anspannung erfasst. Es war nicht mehr der Gedanke an eine Flucht, der sie trieb. Ihre Sinne wurden schärfer denn je. Ein metallischer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus, ihre Muskeln brannten. Sie würde vor diesen Elfen nicht weglaufen und sich aus ihrem eigenen Haus vertreiben lassen.

»Er meint es nicht so«, rief der zweite Mann. »Er ist betrunken.«

Drei der vier Waldelfen lachten. Wieder hallte der hämische Kinderchor durch ihre Erinnerung. »Elternfresserin«, kreischte er. »Elanor hat keine Eltern, weil sie sie aufgefressen hat!«

»Mach – die – Tür – auf!« Die Tür erzitterte mit jedem einzelnen Wort. Es klang, als würde sich der Vierte mit aller Kraft dagegen werfen.

Elanors Augen verengten sich. Kommt nur, dachte sie angespannt. Wagt es, mein Haus zu betreten, und ihr werdet es bereuen!

»Ich schwöre dir, ich bringe dich um«, brüllte der Vierte. »Dich, deine Missgeburten und die Grauhaut, die sie gezeugt hat.«

Elanor setzte einen Schritt vor.

»Warte«, zischte Arik alarmiert.

Sie hörte ihn kaum. Die kleine Flamme der Wut, die zunächst in ihr gebrannt hatte, war zu einem zornigen Inferno geworden. Sie spürte die Hitze in jeder Faser ihres Körpers, und der Drang, diese neue Energie in Zerstörung umzuwandeln, wurde stärker. Ein Schrei wuchs in ihrer Brust, drückte von innen gegen ihre Rippen und raubte ihr den Atem.

Dummköpfen wie euch ist es zu verdanken, dass Dûhirion in Umbras Hände gefallen ist, dachte sie zähneknirschend. Durch euer ignorantes, rückständiges Denken habt ihr ihn den Schändern dieser Gilde ausgesetzt. Wäre er bei mir gewesen, wäre ihm nichts passiert.

»Nein. Nein, nein«, sagte der Zweite. »Wir wollen niemanden umbringen. Wir wollten doch nur ein bisschen unseren Spaß haben, erinnerst du dich?«

»Fass mich nicht an«, fauchte der Vierte.

»Kommt doch«, flüsterte sie durch zusammengebissene Zähne.

Arik hielt sie am Ellenbogen fest.

»Kommt und versucht mich zu holen!« Tränen rannen über Elanors Wangen. »Ich werde euch für das büßen lassen, was Dûhirion durchleiden musste.«

Die Gruppe diskutierte noch einen Moment und endlich gab der vierte Mann auf. »Ach, verrotte doch in deinem Haus!«

»Ewig kann sie sich ohnehin nicht verkriechen«, beschwichtigte ihn der Erste. »Und bald wird sie auch niemand mehr verteidigen wollen. Irgendwann wird sie bekommen, was sie verdient.«

»Ich hoffe, sie geben Bescheid, wenn es so weit ist«, erwiderte der Vierte. »Ich will dabei sein.«

»Und ich will ein Weib haben.« Der Zweite hob seine Stimme. »Lasst uns ins Bordell gehen, Männer! Wie wir alle wissen, sind Dunkelelfen die besten Liebhaber.«

Das Gelächter der Gruppe entfernte sich langsam. Auch Minuten danach stand Elanor zitternd an ihrem Platz und hielt das Stilett fest umklammert.

»Es ist vorbei«, sagte Arik tonlos. Die Kraft des Sturms, die er gesammelt hatte, verwehte sanft. Er trat vor sie und musterte sie forschend. »Bitte lass die Waffe fallen.«

Elanor zwang sich, das Stilett loszulassen. Sie senkte den Blick auf ihre Füße und wischte die schweißnasse, klamme Hand an ihrem Kleid ab. »Elende Trunkenbolde.« Sie wollte schreien und gegen die Tür schlagen. Doch weil sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, diese Kraft in Zerstörung umzuwandeln, begann sie bitterlich zu weinen.

Arik zögerte einen Moment, ehe er sie sanft in seine Arme schloss. Die Waldelfin barg das Gesicht in seiner Robe, nahm den würzigen Duft von Heilkräutern auf, der ihm stets anhaftete. So verweilten sie, bis sie sich beruhigt hatte.

Elanor löste sich langsam vom Heiler und strich über den tränennassen Stoff seiner Kleidung. »Entschuldige«, flüsterte sie heiser. »Ich wollte nicht …«

»Du musst dich nicht entschuldigen«, unterbrach der Heiler. Er begleitete sie zu der gepolsterten Sitzbank vor ihrem kalten Kamin und setzte sich mit ihr.

»Ist es wirklich so falsch, was wir tun, Arik?«, fragte Elanor bedrückt.

»Nein«, antwortete er sofort. »Im Gegenteil: Es ist genau das Richtige. Es ist das, was Adular braucht. Solche Dummköpfe versuchen uns für etwas zu bestrafen, was sie nicht begreifen und deshalb verurteilen.«

Die Waldelfin nickte kaum merklich. »Tut mir leid, dich heute Nacht so lange zu beanspruchen.«

»Dass diese Männer vor deiner Tür aufgetaucht sind, ist schwerlich deine Schuld«, entgegnete Arik. »Wenn ich ehrlich bin, möchte ich dich heute Nacht ungern alleine lassen. Komm mit mir. Naras Bett ist frei und falls diese Vandalen zurückkehren, bist du in Sicherheit.«

Elanor überdachte sein Angebot. Sie ließ den Blick durch das leere, dunkle Haus schweifen. Schließlich drehte sie sich ihm gänzlich zu. »Ja, ich denke … heute würde ich hier keine Ruhe finden.«

Arik stand auf. »Dann lass uns gleich aufbrechen. Es ist spät und du brauchst dringend Schlaf.« Wieder zögerte er und fügte hinzu: »Auch im Hinblick auf deine …«

Rauschen. Bienensummen. Elanor nickte wie selbstverständlich. Sie verließen ihr Haus wieder.

»Sei vorsichtig«, sagte der Heiler vor ihr. »Es liegen Scherben vor der Tür.«

Die Waldelfin besah sich das Chaos, das die Männer in der kurzen Zeit angerichtet hatten. »Ich kümmere mich morgen darum …«

Sie konnten sich glücklich schätzen, dass die Waldelfen zu betrunken gewesen waren, um zu bemerken, dass die Tür nicht verriegelt war. Elanor schauderte bei dem Gedanken, dass sie jederzeit hätten ins Haus kommen können, hätten sie einfach die Klinke benutzt.

Kapitel 3 – Dûhirion

Wie lange saß er schon hier unten fest? Dûhirions Blick tastete sich an der rauen, feuchten Steinwand entlang bis an die Decke. Seine Zelle hatte keine Fenster, es gab keinen Tag- und Nachtwechsel, keinen Sonnenstand, anhand dessen er die vergangene Zeit abschätzen konnte. Zeit hatte an Bedeutung verloren. Was war eine Minute im Vergleich zu einer Stunde hier unten? Tage konnten ebenso gut Wochen sein. Alles rann ihm durch die gebrochenen Finger wie Sand; wie sein eigenes Blut, wenn sich eine neue Wunde an seinem geschundenen Körper auftat. Zeit maß sich allein an der Abstinenz oder der Anwesenheit von Schmerz.

Wenn die Heilerin Jonna ins Verlies geschickt wurde, bedeutete das eine Weile des relativen Friedens. Sie versorgte seine Verletzungen, richtete die gebrochenen Knochen und half ihm dabei, sich trotz der Fesseln zu säubern. Jedes Mal, wenn sie bei ihm war, versicherte sie ihm, dass er keine Narben davontragen würde. Dûhirion wusste nicht, ob ihm das ein Trost sein sollte oder ob sie das bloß sagte, um die Stille zu füllen.

Schwerfällig hob er den linken Arm und berührte seine rechte Gesichtshälfte. Das Rasseln der massiven Ketten begleitete seine Bewegung. Jonna hatte bei ihrem letzten Besuch lediglich die klaffenden Wunden in seinem Gesicht geheilt.

Der Körper des Dunkelelfen blieb eine blutige, deformierte Hülle. Einige seiner Rippen waren gebrochen, die frischen Striemen auf seinem Rücken bluteten nicht mehr, doch sonderten unaufhörlich Wundsekret ab. Schwere Verbrennungen zeichneten seine Füße, das Feuer hatte sich besonders tief in die Sohlen gefressen. Sein Gesicht war geschwollen, die trockenen Lippen aufgerissen. Fieber loderte heiß in seinen Adern, Hunger tobte in seinen Eingeweiden, und der Durst nagte an seiner Kehle.

Doch trotz allem schlug sein Herz weiter. Es hatte nicht nachgelassen, hatte sich nicht der Folter ergeben. Er lebte und sein Wille blieb ungebrochen.

Elanor braucht mich, dachte der Dunkelelf. Die ungeborenen Kinder brauchen mich. Umbra bekommt mich nicht.

Er wusste, dass es schlecht um ihn stand. Das letzte Mal, als er im Verhörzimmer saß, hatte Hastor angeordnet, ihm nichts zu essen und zu trinken zu geben, bis er bereit war zu reden. Er konnte sich nicht bewegen, ohne von Schmerzen überwältigt und gelähmt zu werden. Doch die kaum mehr vorhandene Hoffnung, zu Elanor zurückzukehren, war alles, was er hier unten noch hatte. Alles, woran er sich festhielt und was ihn davon abhielt, den Verstand zu verlieren.

»Wo ist Valion, Nummer Siebenunddreißig?« Hastors Stimme hallte geisterhaft durch den langen Gang des Kerkers. »Was sind die Pläne deines Freundes?«

»Ich weiß es nicht«, nuschelte er in die Leere.

Das letzte Mal hatte er seinen Freund bei der Lebensmittelverteilung in der Aschegrube gesehen. Sie hatten sich gestritten, weil Valion ein idealistischer, impulsiver Idiot war und er das vergaß, wenn Dûhirion ihn nicht regelmäßig daran erinnerte. Ihre Wege hatten sich getrennt und seither hatten sie sich nicht wiedergesehen.

Er hörte Hastors schwere Schritte ungeduldig auf und ab gehen. »Du weißt, dass sich Valion den Rebellen angeschlossen hat und den Untergang der Gilde plant? Wer sind seine Spione?«

Das Echo seiner Worte verhallte. Wie Wasserblasen stiegen sie vom steinernen Boden nach oben und zerplatzten an der Decke. Silben, Vokale und Satzfetzen fielen als feiner Nieselregen auf ihn nieder.

Alles, was er bis zum Zeitpunkt des ersten Verhörs gewusst hatte, war, dass Valion die Explosion in der Oberstadt verursacht hatte. Wobei sein Ziel, seiner Aussage nach, ein simpler Hausbrand gewesen war. Angeblich habe er nicht gewusst, dass sich etwas Explosives im Gebäude befand. Dûhirion zweifelte mal mehr, mal weniger daran.

»Wo ist Valion?«, grollte Hastor.

Diese einfache Frage hatte ihm einiges an Schmerz und Erniedrigung eingebracht. Sie war die Daumenschraube gewesen, die seine Finger brach. Sie war die Peitsche, die wiederholt auf seinen blanken Rücken niederfuhr und seine Haut aufriss.

Ich weiß es nicht, dachte er.

Ein Sturm aus grässlichen Geräuschen erfüllte seine Zelle. Er musste erneut mit anhören, wie seine Knochen barsten, und seine eigenen qualvollen Schreie hallten durch seinen Kopf.

Ich weiß nicht, wo er ist. Ich weiß es nicht, bitte hört endlich AUF!

Dûhirions Atem beschleunigte sich. Er wollte die Augen schließen und sich die Ohren zuhalten, bis alles verschwand. Bis er sich sicher sein konnte, allein zu sein. Doch seine Glieder waren zu schwer, seine Muskeln gehorchten ihm nicht.

Sein Blick huschte unstet durch die Zelle, zwischen den Raumecken hin und her.

Durchhalten, ermahnte er sich. Halt verdammt noch mal durch!

Er rief sich Elanors Bild zurück ins Gedächtnis. Ihren zierlichen Körper, die feingliedrigen Hände, die beinahe so rau waren wie seine eigenen. Ihre bronzefarbene Haut, die zahlreichen Sommersprossen auf ihrer Nase und den Wangen. Die wunderschönen blauen Augen und das lange braune Haar.

Sein Puls verlangsamte sich. Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er ihren Duft riechen. Lavendel, Thymian und Bergamotte.

»Wir wissen von deiner Liebschaft, Siebenunddreißig«, raunte Hastor mit einem boshaften Lächeln auf den weißen Lippen. »Wartet sie auf dich, deine Elanor? Wird sie um dich weinen, wenn du nicht zu ihr zurückkehrst?«

Umbra wusste nichts von Elanor. Sie konnten nichts von ihr wissen. Dûhirion starrte zitternd geradeaus. Er war sich nicht mehr sicher, ob der Hochelf wirklich etwas in der Art gesagt hatte oder ob es sein Fieber war, das ihm diese Worte zuflüsterte.

Jemand räusperte sich, er zuckte zusammen und blickte hastig zu den Gitterstäben. Durch seine getrübten Sinne erkannte er nicht sofort, wer vor seiner Zelle stand. Zunächst war dort bloß eine verschwommene Gestalt, klein gewachsen wie ein Kind.

»Faylen?«, raunte er beinahe unhörbar.

Die kleine Dunkelelfin sah auf ihre Füße. Sie hielt die Puppe im Arm, die sie auch bei sich trug, als er sie gefunden hatte. Allein und verloren in der Aschegrube von Malachit, nachdem sie aus Orlean entkommen war. Vermutlich als einzige Überlebende des Massakers im dortigen Elendsviertel der Dunkelelfen.

Nervös rieb Faylen ihre schmutzigen Zehen aneinander. Ihr Blick folgte der langen Kette, die an einem Metallhering im Boden befestigt war, durch die Gitterstäbe führte und in einem eisernen Ring endete, der um seinen Hals lag. Es knirschte vernehmlich, als sie trotz ihres gebrochenen Genicks den Kopf hob und mit dem Zeigefinger auf sein blindes Auge deutete. »Was ist mit deinem Auge passiert?«

»Komm zu dir, Dûhirion!« Ihr Antlitz begann zu flimmern. »Ich bin es, Maryn. Erkennst du mich?«

Dûhirion blinzelte angestrengt und seine Sicht schärfte sich. Die Zwergin hatte ihre Hände auf die Oberschenkel gestützt und beugte sich zu ihm herunter. Sie musterte ihn forschend.

Für den Bruchteil einer Sekunde stieg Scham in ihm auf. Seit er in dieser Zelle festsaß, war er seiner Kleidung beraubt. Inzwischen hatte er sich daran gewöhnt, nackt und vollkommen schutzlos zu sein, doch von einer Freundin so gesehen zu werden, rief ungeahnt die Peinlichkeit darüber wieder wach.

Einer ihrer Mundwinkel verzog sich minimal, Maryns Brauen senkten sich bloß ein klein wenig. Es war genug für ihn, um die Verachtung und Abscheu zu erkennen, die sie empfand. Für ihn? Für das, was ihm angetan worden war?

»Was machst du hier, Maryn?«, fragte Dûhirion heiser.

»Ich wollte mit dir sprechen«, antwortete sie und richtete sich auf.

»Wie lange bin ich …« Längeres Sprechen strengte ihn an. Jedes Wort, jede einzelne Silbe war wie ein Dolch, der mit grober Kraft in sein Gesicht gestochen wurde. »… schon hier unten?«

Maryn zog das Tuch, mit dem sie ihre von Brandnarben entstellte untere Gesichtshälfte zu verdecken pflegte, über Mund und Nase. Dunkel erinnerte er sich daran, dass es hier unten erbärmlich stank. »Kann ich dir leider nicht genau sagen. Eine Woche? Vielleicht zwei?«

Der Dunkelelf fluchte.

»Ich bin hier, weil ich heute erfahren habe, dass sie dich hinrichten lassen wollen«, fuhr Maryn fort und wich seinem Blick aus. Ihr Kiefer bewegte sich unter dem Tuch, als würde sie sich auf die Lippe beißen. »Die rechte und linke Hand unseres Gildenmeisters haben sich darüber unterhalten. Es kursieren schon länger Gerüchte, dass Umbra einen Verräter im Kerker gefangen hält. Ich war die Letzte, die dich gesehen hat. Erinnerst du dich? Wir wollten zusammen draußen sitzen und etwas trinken. Ich … ich habe dich noch einmal zurückgerufen und du bist vor meinen Augen niedergeschlagen worden.«

Ja, er erinnerte sich. Es war an jenem Abend gewesen, als er dem Rebellenanführer Canis Lupus zum ersten Mal persönlich begegnet war.

»Da du nicht zurückgekehrt bist, konntest nur du der Verräter sein, von dem sie alle sprechen.« Maryn zupfte an ihrer Maskierung. »Aber … ich will das immer noch nicht glauben. Sag mir, dass du kein Verräter bist, Dûhirion!«

Es mochte an seiner Müdigkeit liegen, an der Dehydrierung und den Schmerzen, dass Dûhirion Schwierigkeiten hatte, ihr zu folgen. »Sie wollen mich hinrichten lassen?«, murmelte er. »Warum sollten sie … woher weißt du …?«

»Ich habe ein Gespräch belauscht.« Maryn wurde ungeduldig. »Man hält dich für einen Verräter.« Unwirsch fuhr sie sich mit der Hand durchs blonde Haar. »Unter den Assassinen wurde munter verbreitet, dass du und Valion zu den Rebellen gehört. Dass du gemeinsam mit ihm die Zuflucht nahe Orlean angegriffen hast. Die Dunkelelfen stehen seither in einem schlechteren Licht als je zuvor. Jeder von ihnen wird als Spion der Grauwölfe verdächtigt. Sie bezichtigen sich sogar gegenseitig der Spionage. Mehrere Assassinen, auch Dunkelelfen, haben deinen Tod gefordert.«

Dûhirion fühlte sich, als würde der Folterknecht zu seinen Füßen sitzen und ihm einen Zeh nach dem anderen abschneiden.

»Ich … bin hier, um Abschied zu nehmen«, sagte die Zwergin und sah ihm in die Augen. »Und vielleicht ein letztes Mal an deinen gesunden Elfenverstand zu appellieren.« Beim zweiten Satz war die Unsicherheit fast gänzlich aus ihrer Stimme gewichen. »Dûhirion, wenn du unschuldig bist, dann dürfen sie dir nichts antun. Gib ihnen die Informationen, die sie haben wollen, ich bitte dich!«

Er lachte humorlos und verfiel in ein trockenes Husten. Seine gebrochenen Rippen protestierten mit hämmernden Schmerzen gegen die abrupte Bewegung seines Brustkorbs. »Ich habe … versucht ihnen zu erklären, dass ich … nichts weiß.« Das Gespräch erschöpfte ihn zunehmend, seine Zunge war furchtbar schwer. Dûhirion sehnte sich nach einem langen Schlaf. Traumlos und leer, nur ein weites Feld aus weicher, warmer Dunkelheit, in der er sich erholen konnte.

Maryn tippte unruhig mit einem Fuß auf den Boden und schien um Worte zu ringen. »Dûhirion … willst du es wirklich so weit kommen lassen? Ich bin mir sicher, wenn du der Gilde erklärst, dass Valion alleine gehandelt hat oder dass er dich dazu gezwungen hat, mit ihm und den Rebellen zu kooperieren …« Die Zwergin ging einige Schritte auf und ab. »Du könntest dich retten. Du könntest … könntest dich als Köder anbieten. Locke Valion zur Gilde, damit er für seinen Verrat bestraft wird und nicht du!«

»Nein, kann ich nicht«, erwiderte Dûhirion monoton.

Maryn blieb abrupt stehen. »Warum nicht?«

»Weil ich … Valion das nicht …«

Die Zwergin schlug mit beiden Fäusten gegen die Gitterstäbe. »Aber Elanor und deinen ungeborenen Kindern?«

Der Dunkelelf zuckte zusammen. »Woher weißt du …?«

»Ich bin bei ihr gewesen«, antwortete sie und senkte die Stimme. »Vor mittlerweile vier Tagen. Ich sagte ihr, wie es um dich steht und dass du nicht mehr zu ihr zurückkehrst.«

Nein. Nein, nein, nein, echote es in seinem Kopf. So sollte es nicht kommen. Was wird aus ihr und den Kindern ohne mich? Ich kann … ich darf sie nicht allein lassen. Ich muss …

»Wie hat sie … was hat sie …?«, stammelte er.

Maryn schnaubte traurig. Sie streckte ihre Arme durch die Stäbe und lehnte die Stirn dagegen. »Wie würdest du reagieren, wenn man dir erzählt, dass dein Liebster und Vater deiner Kinder tot ist?«

Er schwieg. Elanor glaubte bereits, dass er tot wäre. Sie würde allein zur Magierakademie Krähenfels aufbrechen müssen. Allein die Kinder großziehen. Weder ihr geliebter Onkel konnte ihr folgen noch Nara und Arik.

Dûhirions Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen. Er hatte Elanor in einer Welt zurückgelassen, die sie und ihre Kinder verabscheute.

»Du hättest Adular mit ihr verlassen, oder?« Maryns Worte hingen anklagend über ihm. »Nachdem du sie geschwängert hast, müsstest du dafür sorgen, dass deine Kinder älter als ein paar wenige Tage werden. Natürlich wärt ihr gegangen. Aber das hätte dir nicht gereicht, oder? Hättest du Umbra den Rücken gekehrt?«

Er schwieg.

Ich kann nichts tun, um Elanor zu schützen. Kann ihr keinen Halt geben. Kann sie nicht unterstützen. Ich habe versagt …

»Wie du sagtest: Assassine und Familienvater verträgt sich nicht.« Maryn verengte die Augen, ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Sie klang gleichermaßen enttäuscht und wütend. Als würde sie allein den Gedanken nicht ertragen, dass Dûhirion sich von Umbra abwandte.

»Ich hätte mich nicht von Umbra abgewandt«, log er und drehte ihr den Kopf zu.

Niemand entkam der Gilde lebend. Das würde er bald am eigenen Leib erfahren.

Maryn runzelte die Stirn. »Und wie hättest du dir das vorgestellt? Familienleben und Meuchelmörder?«

»Spielt keine Rolle.« Er blickte wieder an die Decke. »Weiß … sonst noch jemand von ihr?«

»Nein. Ich habe dafür gesorgt, dass mich niemand sieht, als ich zu ihr gegangen bin«, antwortete Maryn schnell. »Willst du sie wirklich allein lassen?«

Dûhirion schüttelte den Kopf.

»Dann gib der Gilde, was sie fordert! Liefere ihr Valion aus und du kannst zu deiner Familie gehen!«

»Maryn, du weißt, dass das nicht passieren wird.«

»Valion oder Elanor.« Maryn umschloss die Gitterstäbe so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. »Das ist keine Wahl zwischen Cholera und Pest. Die Entscheidung sollte dir leichtfallen. Ich frage mich, warum das nicht der Fall ist. Aus reiner Loyalität Valion gegenüber oder weil du hinter dem stehst, was er tut?«

Die Gilde wird mich hinrichten lassen, egal was ich ihnen anbiete, dachte Dûhirion nüchtern. Tot bin ich ein ebenso nützlicher Köder wie lebend. Ich habe keine Chance mehr und ich glaube, das weißt du genauso gut wie ich. Letztlich bin ich nur ein Dunkelelf und damit entbehrlich. Sobald Valion erfährt, dass mich Umbra auf dem Gewissen hat, wird er alle Vorsicht fallen lassen und herkommen. Er wird blindlings angreifen und ihnen direkt in die Falle gehen. Mich leben zu lassen, damit ich ihn anlocke, wäre bloß ein sadistischer Bonus, damit die Gilde dabei zusehen kann, wie ich meinen Freund hintergehe. Das ist vielleicht Hastors Weg, aber nicht Taremias. Sie denkt pragmatischer.

Maryn stieß sich vom Gitter ab und fuhr sich erneut mit der Hand durchs blonde Haar. »Ich habe dich verteidigt, als sie behaupteten, du hättest Umbra verraten. Ich stand für dich ein.«

»Das weiß ich zu schätzen«, erwiderte Dûhirion heiser.

»Und weil du es ach so zu schätzen weißt, hältst du dem Verräter den Rücken frei?«, grollte die Zwergin. »Ich dachte, dir läge mehr an deinem Leben. Und an Elanor.«

Dûhirion schloss einen Moment lang die Augen. Elanor bedeutete ihm alles. Hatte er ihr das je so deutlich gesagt, wie sie es verdiente? Er wusste, dass es keine Hoffnung mehr für ihn gab. Nicht einmal, wenn er eine andere Hautfarbe gehabt hätte. Hastor hatte ihn zu seinem persönlichen Feind erklärt und allein das war für diesen Hochelfen ein Grund, jemanden hinrichten zu lassen.

Schritte näherten sich zügig seiner Zelle. Die Zwergin drehte den Kopf nach links und sah den Gang hinunter. Ihr Unterkiefer bewegte sich, als würde sie auf ihrer Unterlippe kauen. »Verdammt«, murmelte sie gepresst. »Uns geht die Zeit aus.«

»Leb wohl, Maryn«, krächzte Dûhirion. »Und …«

»Du solltest dir Dankbarkeit und Freundschaftsbekundungen vorerst sparen«, unterbrach sie ihn tonlos. Ein kalter Schatten fiel über ihr Gesicht und ließ ihre Züge gefrieren. »Da … ist noch etwas, was ich lieber nicht täte. Ich habe versucht es zu verhindern, aber das liegt nicht in meiner Macht.«

Ächzend hob er den Kopf. »Was meinst du?«

Die Zwergin zuckte hilflos mit den Schultern. »Dass es einen weiteren Grund gibt, warum ich hier bin.«

Zwei Assassinen, ihrer Größe und Statur nach musste es sich um Waldelfen handeln, erschienen in seinem Blickfeld. Einer von ihnen trug ein schwarzgraues Brandeisen bei sich. Der Zweite ließ eine kleine Flamme auf seiner geöffneten Handfläche tanzen. Umbra kennzeichnete diejenigen, die die Gilde verraten hatten, und stellte ihre toten Körper danach öffentlich zur Schau. Er starrte auf das obere Ende des Eisens, die runde Scheibe, in die das zerbrochene Emblem der Gilde geprägt war.

»Sie werden dir den Kopf abschlagen.« Maryns Stimme drang kaum zu ihm durch. »Und damit kannst du dich glücklich schätzen. Es wird schnell und schmerzlos sein. Wenn sie Valion in die Finger kriegen, kann er sich auf einen langsamen und qualvollen Tod gefasst machen.«

Sie werden meinen Kopf ausstellen, dachte Dûhirion. Jeder wird ihn sehen. Elanor wird ihn sehen.

Der Waldelf hielt die Flamme in seiner Hand an das Brandeisen. Binnen Sekunden begann es weiß zu glühen. Der zweite Waldelf überreichte Maryn das Eisen und öffnete anschließend die Zelle. Die beiden Assassinen packten Dûhirion an den Armen und zerrten ihn in eine kniende Position.

Der Schmerz, der bislang gnädig dumpf gewesen war, zersplitterte und jagte scharfe Scherben in jede Faser seines Körpers. Er stach, schnitt und bohrte. Kleine Splitter gruben sich von innen in sein Fleisch und die Eingeweide, drückten spitz gegen seine Haut. Der Dunkelelf konnte nicht schreien, wie er wollte, gab lediglich ein atemloses Krächzen von sich.

Maryn musterte das Eisen. »Es tut mir wirklich leid, alter Freund.«

»Nein«, keuchte er heiser. »Nicht du.«

Etwas, was er nicht näher beschreiben konnte, blitzte in ihren grüngrauen Augen auf. Bedauern vielleicht? »Es ist meine Pflicht.« Sie kam näher, ihre Finger zitterten, als sie sein Kinn packte und seinen Kopf zurückbog. »Versuch stillzuhalten! Dann … geht es schneller …«

Ihm schien das Herz in der Brust zu explodieren. Dûhirions Atem raste, während sich die sengende Hitze seiner Stirn näherte. Er dachte nicht an den Schmerz, den er gleich fühlen würde. Alles, was wieder und wieder durch seinen Kopf schoss, war ein unausgesprochenes Flehen, dass Maryn ihn verschonen würde. Warum ließ Umbra ausgerechnet sie …?

Jegliche Gedanken rissen ab, verloren sich in einer weißen Explosion der Qualen, als das Eisen seine Haut berührte. Dûhirions geschundener Leib verkrampfte, krümmte sich gegen die Hände, die ihn aufrecht hielten. Seine Schreie warfen ein ohrenbetäubendes Echo an die trostlosen Kerkerwände.

»Ich musste es tun.« Maryn sprach wie aus weiter Ferne zu ihm. »Du warst es doch auch, der Valions Ringfinger abtrennen musste, oder?«

Dûhirion ging zu Boden. Um ihn her war alles hohl und schwarz.

»Ich werde bei deiner Hinrichtung sein.« Ihre Stimme wurde immer leiser und undeutlicher. »Es hätte nicht so weit kommen dürfen …«

Er verlor das Bewusstsein.

Kapitel 4 – Valion

Die Nacht war beinahe so hell wie der Tag. Es war unerträglich heiß, die Luft flirrte, grelle Funken tanzten zwischen Rauchschwaden einzelner Brandherde. Schweiß rann über sein Gesicht in seine Augen. Valion blinzelte nicht, ließ sein Ziel keine Sekunde unbeobachtet. Er holte einen Pfeil aus dem Köcher auf seinem Rücken und legte ihn auf die Bogensehne. Jeder Muskel in seinem Körper brannte, das Blut in seinen Adern war zu flüssigem Stahl geworden. Alles, was er hörte, war das stetige Wummern seines Herzens. Der Rhythmus, dem jede Bewegung, jeder seiner Schritte folgte.

Eins …

Er hielt den Atem an.

Zwei …

Erfasste sein Ziel und spannte den Bogen.

Drei …

Ließ die Sehne los und atmete aus. Der Pfeil durchschnitt blitzschnell und lautlos die dichte Luft und bohrte sich durch das linke Auge der Wache. Der Mann taumelte zurück und brach tot zusammen. Das Schwert, mit dem er eben noch zum Streich ausgeholt hatte, rutschte über den feuchten Boden.

Das war die letzte Wache.

Valion atmete schwer und riss die Maske von Mund und Nase.

»Hilfe!« Der spitze Schrei einer Frau schrillte in seinen Ohren. »So helft uns doch!«

Der Dunkelelf drehte den Kopf. Der Morast unter seinen Stiefeln war nicht durch Regen aufgeweicht worden. Er konnte den intensiven Geruch des Blutes metallisch auf seiner Zunge schmecken. Es roch nach Rauch, verkohltem Holz und verbranntem Fleisch. Kelna brannte. Die stechend roten Flammen loderten hoch in den schwarzen Nachthimmel.

»Lauf«, brüllte eine Männerstimme. »Rette dich und deine Schwester!«

»Papa«, kreischte ein Mädchen angsterfüllt. »Ich will nicht! Papa!«

Valion verlor seinen Fokus. Seine Gedanken verschwammen in einem undeutlichen Nebel, während er versuchte zu verstehen, was um ihn her passierte.

Das war nicht Teil des Plans gewesen. Canis Lupus hatte gesagt, sie würden die Zivilisten verschonen.

Der Dunkelelf ließ den Blick schweifen.

Ein Junge, der höchstens zehn Jahre alt sein konnte, zerrte ein kleines Mädchen an der Hand hinter sich her. Sie wehrte sich gegen ihn, streckte die freie Hand nach einem älteren Mann aus, der zwei Rebellen gegenüberstand. Hinter ihm lag der leblose Körper einer Frau, die mit leeren Augen in den Himmel starrte.

»Papa!«, rief das Mädchen wieder.

»Wir müssen laufen«, keuchte der Junge unter Tränen.

Valions Körper war taub, seine Schläfen pochten. Die Kinder kamen direkt auf ihn zu.

Einer der Rebellen holte aus und stach den Mann nieder. Noch während er zu Boden ging, traktierten beide Dunkelelfen ihn mit Tritten. Ihr hysterisches Gelächter übertönte die Schreie des Mädchens.

Der Junge erblickte ihn. Valion war überrascht zu erkennen, dass er ein Hochelf war. Seine Augen waren hellgelb wie blühender Raps im Spätsommer und erfüllt mit namenlosen Grauen. Das Mädchen an seiner Hand, der Mann und die Frau waren Menschen. Vielleicht war er adoptiert worden? Während Valion mehr Gedanken daran verschwendete, als es in dieser Situation vermutlich angebracht wäre, wechselte der Junge abrupt die Richtung und riss das Menschenmädchen mit sich. Sie schluchzte verängstigt auf, stolperte und verlor ihren Schuh.

»Tötet sie alle!« Die Stimme des Rebellenanführers Canis Lupus polterte mit der Gewalt einer Stampede durch das Chaos. »Keiner entkommt dem Zorn der Grauwölfe. Erkämpft euch eure Freiheit!«

Valions Ohren klingelten. Mehrere Dunkelelfen stürmten, wildgeworden von der Schlacht, an ihm vorbei. Er sah sie bloß für den Moment zwischen zwei hektischen Herzschlägen. Sie trugen nicht die Kluft der Rebellen. Keine roten Stirnbänder und weißen Mäntel.

Sein Blick haftete am Kinderschuh. Es waren die Dunkelelfen, die sie befreit hatten. Wofür sie eigentlich hergekommen waren.

Er hörte die Kinder einstimmig schreien, das Schmatzen von Fleisch und den Aufprall, als zwei Körper zu Boden gingen.

Die umliegenden Geräusche schwanden mehr und mehr aus seiner Wahrnehmung. Ihm war, als versänke er langsam in tiefem Gewässer. Alles wurde kalt und unklar. Bis auf den Schuh vor seinen Füßen.

»Unsere Planungen sind abgeschlossen. Es wird Zeit für einen weiteren Befreiungsschlag. Einen weiteren Schritt auf unserem Weg zu einem besseren Adular.«

Lupus’ letzte Ansprache an sie hallte durch seine Erinnerungen. Er sah den Rebellenanführer vor sich stehen. Das Antlitz war zu einer hasserfüllten Fratze geworden, in seinen glutroten Augen brannte das Feuer seines Kampfwillens. Der weiße Totenschädel, der in sein Gesicht tätowiert war, verlieh seiner Mimik etwas Furchteinflößendes, gar Monströses.

»Dieses Dorf beherbergt eine Arena und Ihr wisst so gut wie ich, was dort geschieht. Der Boden der Arena ist mit dem Blut unserer Brüder und Schwestern getränkt. Wir werden diesen grausamen Spielen heute für immer ein Ende bereiten.«

Die umstehenden Rebellen trampelten im Gleichtakt auf den Boden. Valion glaubte zu fühlen, wie die Erde bebte. Unter dem Lederharnisch und seinem durchtränkten Hemd rann Schweiß über seinen Oberkörper.

»Die Dorfbewohner behandeln unsereins wie Vieh. Wir befreien unsere Brüder und Schwestern von ihrer Qual und holen sie in unser Rudel.«

Der Jubel der Rebellen zerriss die Nacht und trug ihn zurück in die Gegenwart. Valion schreckte auf wie aus einem Albtraum, nur um sich in einer viel scheußlicheren Realität wiederzufinden.

»Hey, Valion!«

Ungelenk drehte er sich der Stimme zu. Der Name des Dunkelelfen, der ihn gerufen hatte, war Rovan. Er war eine Schattenklinge, die wie Valion selbst unter Taremia in Malachit gedient hatte. Gemeinsam mit ihm war er aufgebrochen, um die Wachen auszuschalten.

Rovan hielt eine junge Frau fest und stieß sie in seine Richtung. »Feiere unseren Sieg mit uns!«

Die Frau wankte auf ihn zu. Lange Strähnen ihres dunkelblonden Haars hatten sich aus der Haube auf ihrem Kopf gelöst und fielen wirr über ihre Schultern. Ihr Kleid war zerrissen, gab den Blick auf ihre Brüste und den Unterleib frei. Frisches Blut bedeckte die Innenseite ihrer Schenkel.

Valion wurde übel. Er bewegte sich auf sie zu, als würde er an unsichtbaren Fäden gezogen werden, und streckte die Arme aus, um ihr eine Stütze anzubieten.

Ihre glasigen Augen weiteten sich angstvoll und sie stolperte hastig zur Seite. »N-Nein«, würgte sie hervor.

»Sie lohnt sich.« Rovan lachte hämisch und griff sich demonstrativ zwischen die Beine.

Eine Welle von Ekel und Zorn stieg in Valion auf. Er spürte das Verlangen, Rovan mit seinem Dolch zu entmannen und ihm seine eigenen Testikel in den Rachen zu stopfen.

Die junge Frau nutzte ihre letzten Kräfte und rannte. Weit kam sie nicht. Zwei Pfeile beendeten schnell und gnadenlos ihr Leben.

Irgendetwas lief entsetzlich schief. Das alles sollte nicht passieren. Blut tränkte Kelnas Straßen. Rovan hatte er längst vergessen. Valions Beine bewegten sich von allein, trugen ihn zu einem Ziel, das er nicht kannte. Egal wohin er blickte, überall lagen Tote. Männer, Frauen, Kinder. Menschen, Zwerge, Waldelfen. Die wenigen Dunkelelfen, die er entdeckte, schienen Sklaven zu sein.

»Grauwölfe!« Wieder war es die Stimme des Rebellenanführers, die alles durchdrang und ihn sogar in seinem geistesabwesenden Zustand erreichte. »Freie Dunkelelfen, kommt zu mir!«

Canis Lupus hatte sich vor der Arena platziert. Hinter ihm waren die Leichen der Wachen aufeinandergestapelt. Das Fell des weißen Wolfes, das er stets über seinen Schultern trug, war immer noch rein und unberührt. Der Anführer selbst war blutverschmiert, das graue Hemd und die schwarze Hose nahezu durchtränkt und schwer vor Nässe. Er breitete feierlich die Arme aus. Rote Sprenkeln bedeckten sein tätowiertes Gesicht, ein manisches Grinsen entblößte sämtliche seiner Zähne.

Valion bemerkte, dass er sich gemeinsam mit den anderen Rebellen und den Dunkelelfen aus der Arena um ihn versammelt hatte.

»Heute Nacht haben wir einen Sieg errungen«, verkündete Lupus stolz. »Kelna ist gefallen.«

Die Rebellen brüllten einstimmig. Sie reckten ihre blutigen Fäuste in die Luft, trampelten im Gleichtakt. Valion fühlte sich wie ein Fremdkörper zwischen ihnen. Er blickte auf seine Hände und fand den Kinderschuh des Mädchens. Wann hatte er ihn aufgehoben?

»Heißt unsere neuen Brüder und Schwestern in unserem Kreis willkommen.« Lupus bedeutete den dunkelelfischen Kämpfern, näher zu treten.

Sie stellten sich hinter ihm auf. Es waren insgesamt achtzehn, sechs Frauen und zwölf Männer. Die Rebellen jubelten ihnen überschwänglich zu.

»Sie werden uns fortan zur Seite stehen. Gemeinsam werden wir jeden zermalmen, der es wagt, sich uns in den Weg zu stellen«, rief Lupus. »So wie wir dieses Dorf von der Landkarte getilgt haben, wird es bald jedem Dorf, jeder Stadt Adulars ergehen. Wir werden mächtig sein wie eine Sturmflut, die das Kaiserreich in Blut, Rauch und Feuer versinken lässt.«

Valion strich mit dem Daumen über die Sohle des Kinderschuhs. Das vielstimmige Johlen der Rebellen dröhnte unangenehm in seinen Ohren.

Er wird unsere Zukunft nicht besser machen, sondern schlechter. Träge grub sich der Gedanke durch den Nebel in seinem Geist. Er wird jeden töten, der sich gegen ihn stellt. Jeden.

»… und eines Tages werden wir den Obsidianturm erreichen und Galdir den Thron rauben. Ihr werdet zusehen, wie ich den Kaiser aus dem Fenster stoße und er am Boden zerschellt. Und dann werde ich der neue Kaiser«, brüllte Canis Lupus. »Freiheit den Dunkelelfen!«

»Lang lebe Kaiser Canis Lupus«, rief einer der Rebellen euphorisch. Die anderen stimmten ein.

»Freiheit den Dunkelelfen«, jubelten einige von ihnen. »Tod den anderen Völkern!«

Kaltes Grauen senkte sich wie eine Dolchklinge tief in Valions Herz.

Nein, sagte seine innere Stimme. Das darf nicht passieren.

Drei Tage später war die Truppe von Canis Lupus in den Dämmerwald zurückgekehrt. Dieser diente den Rebellen, gemeinsam mit den anderen großen Wäldern Adulars, als Versteck und Rückzugsort. Er war nach dem legendären Nachtwald benannt, dem Reich des gefallenen Gottes Ater. Einem Ort, an dem es niemals Tag wurde, der von Dunkelheit umhüllt und dennoch nicht finster war.

Ähnlich war es auch hier. Sobald die Nacht über den Dämmerwald hereinbrach, begann die seltsame Flora und Fauna des Waldes zu leuchten, zu glühen und zu funkeln. Die fluoreszierenden Pilze und Blüten schimmerten in eigenartigen Blau- und Grüntönen. Riesige Glühwürmchen, beinahe so groß wie die Faust eines Kindes, trafen sich um Mitternacht mit den ansässigen Irrlichtern zum Tanz. Von den Blättern der immergrünen Bäume ging ein schwaches, dennoch unablässiges Glimmen aus.

Es war finster im Wald, ohne dass es wirklich dunkel wurde. Das Herz des Waldes bildete der See Ithil, der je nach Mondphase hell leuchtete oder gänzlich schwarz war.

Valion zog es oft an diesen See. Er empfand das milchig weiße Leuchten, das an diesem Abend nur sehr schwach war, als etwas Schönes und Besänftigendes. Er brauchte die Ruhe, die er hier hatte. Die Ereignisse in Kelna ließen ihn nicht mehr los. Besonders die junge Frau und die beiden Kinder verfolgten ihn.

Der Dunkelelf hob einen flachen Kiesel auf und ließ ihn über das Wasser springen. Insgesamt vier Mal, bevor er versank.

Hinter ihm raschelte es, kleine Zweige zerbrachen. Er sah über die Schulter und erblickte einen Waldelfen, der gemächlich auf ihn zuschlenderte.

Sein Äußeres verstieß gegen jedes Schönheitsideal, das die waldelfische Kultur vorgab. Sein Haar war für einen Mann zu lang und brachte ihm sicherlich spöttische Bemerkungen ein, ob er sich denn für einen Hochelfen hielte. Er ließ sich einen Bart stehen, vielmehr einen Bartschatten. Andere Waldelfen achteten penibel darauf, jegliche Körperbehaarung zu entfernen. Er trug auch nicht die Farben seines Volkes, sondern die Rottöne des hochelfischen Adels. Sein Name war Casas, Valion hatte ihn im Zuge seiner Bemühungen kennengelernt, Verbündete für die Grauwölfe zu finden.

Lupus hasste es, dass der Waldelf sich in Valions Lager befand. Wenn es nach dem Rebellenanführer ginge, würde das Rudel der Grauwölfe allein aus Dunkelelfen bestehen. Das war einer der Punkte, bei denen Valion immer wieder mit dem Anführer aneinandergeriet.

Seit sich der Assassine eine hohe Position erarbeitet hatte, versuchte er Lupus klarzumachen, dass sie Verbündete brauchten, wenn sie etwas erreichen wollten. Verbündete mit Einfluss und das waren in Adular eben die anderen Völker. Doch Lupus wollte nichts davon hören.

Valion war inzwischen egal, ob es ihm passte oder nicht. Ihm war das westliche Lager anvertraut worden und dorthin durfte er einladen, wen er wollte, solange er der Rebellion nicht schadete.

»Ich wusste, ich würde Euch hier finden«, grüßte Casas.

Valion nickte ihm zu. »Guten Abend, Casas.«

Der Waldelf stellte sich neben ihn und zupfte die dunkelroten Samthandschuhe zurecht, die er niemals ablegte. »Ich habe gehört, was in Kelna geschehen ist.«

Valion musterte ihn von der Seite, ohne seinen Kopf vom See abzuwenden. »Inzwischen spricht wohl jedes der vier Lager darüber.«

»Wohl wahr. Und alle auf unterschiedliche Art.« Casas hob seinerseits einen Kiesel auf. Er drehte ihn in der Hand, betrachtete ihn von allen Seiten. »Ihr habt den Dorfbewohnern von Kelna Unaussprechliches angetan. Es hätte genügt, die Wachen zu töten, um die Dunkelelfen aus der Arena zu befreien. Aber warum die Dorfbewohner, Valion? Sie waren wehrlos, unschuldig. Haben sie es in Euren Augen wahrlich verdient, so zu sterben?«

Valion war sich dessen nicht mehr sicher. Vor den Ereignissen in Kelna hätte er geantwortet, dass er dieses Dorf mit Vergnügen brennen sehen würde. Nachdem ihm dieser zweifelhafte Wunsch erfüllt worden war, fragte er sich, warum er ihn jemals ersonnen hatte.

»Die Dorfbewohner waren stolz auf ihre Arena.« Irgendetwas trieb ihn dazu an, die Vorgehensweise der Grauwölfe zu verteidigen. »Tag für Tag hörten sie den Jubel und das Klirren der Klingen. Tag für Tag sahen sie, wie tote Dunkelelfen herausgetragen wurden. Sie brüsteten sich damit, dass der große Hastor Adaël dort seine Kämpfe ausgetragen und unzählige Dunkelelfen getötet hat.« Er zog die Brauen zusammen. »Unschuldig wären sie gewesen, wenn sie nichts von dem gewusst hätten, was in der Arena geschehen ist.«

»Hört auf damit, Valion! Ich weiß, dass Ihr nicht überzeugt von dem seid, was Ihr da von Euch gebt.« Der Waldelf reichte den Kiesel an den Dunkelelfen weiter. »Löst Euch von dem Gift, das Canis Lupus in Euren Verstand gesetzt hat! Ihr wisst, dass es falsch war, was die Grauwölfe getan haben. Ihr wirkt verändert, seit Ihr aus Kelna zurückgekehrt seid. Ihr habt nicht ein Wort über die Vorkommnisse verloren.« Casas deutete auf den Kinderschuh, den Valion an seinen Gürtel gebunden hatte. »Und ich bin mir sicher, dass Ihr den nicht aus dekorativen Gründen bei Euch tragt.«

Valion ließ den Kiesel insgesamt dreimal über die Wasseroberfläche springen. Anschließend sanken seine Schultern und er fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Als er den Schuh berührte, kroch eine unangenehme Gänsehaut über seine Arme. »Ich habe durch Umbra viele Grausamkeiten erfahren.« Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Sowohl am eigenen Leib als auch durch das Leid der anderen Rekruten. Dennoch hat mich das, was ich in Kelna gesehen habe, zutiefst erschüttert. Ich hätte niemals gedacht …« Er brach ab. Schwieg.

»Bislang hat Canis Lupus’ Handeln das Leben der Dunkelelfen nicht verbessert«, sagte Casas. »Im Gegenteil, es geht ihnen schlechter als zuvor. Orlean war nur der erste Fehler der Rebellen, der dazu beitrug, dass sich das Leid der Dunkelelfen in Adular verschärft hat.«

Orlean war der erste Fehler der Rebellen, wiederholte Valion innerlich, doch die Stimme der Wut widersprach ihm. Erinnerst du dich, was die Einwohner in Orlean zuvor gemacht haben? An die Toten in der Aschegrube? Sie haben die Dunkelelfen in ihren Häusern eingesperrt und bei lebendigem Leib verbrennen lassen. Sie haben ein Viertel in nur einer Nacht ausgelöscht. Wir hätten die gesamte Stadt zerstören sollen.

Er erinnerte sich lebhaft an das Gespräch mit Dûhirion, das er kurz nach dem Angriff der Rebellen mit ihm geführt hatte. Wie es der Zufall – oder das zweifelhafte Glück seines Freundes – so wollte, hatte Dûhirion den Überfall hautnah miterlebt. Die Ereignisse in Kelna hatten Valion dazu gebracht, das Handeln der Rebellen zu überdenken. Die Stadtwache war es gewesen, die das Viertel der Dunkelelfen zerstört hatte. Nicht die Bewohner. Dennoch waren sie es, die von den Grauwölfen zerfetzt worden waren.

Dazu kam, dass sie Orlean längst wieder verloren hatten. Anders als geplant hatten sie nicht, wie es die gängige Meinung war, die gesamte Stadt eingenommen und entvölkert. Sie hatten es lediglich geschafft, einen kleinen Teil für sich zu beanspruchen, und der war wieder unter Hastors Kontrolle und wurde neu aufgebaut.

»Ihr schweigt«, stellte Casas nüchtern fest. »Worüber denkt Ihr nach?«

»Orlean war ein Kampf«, murmelte Valion. »Kelna eine reine Machtdemonstration.«

»Das, was Lupus eine Rebellion nennt, ist nichts weiter als sein persönlicher Rachefeldzug gegen das Kaiserreich.« Casas blickte auf den See hinaus. »Er hat die Dunkelelfen von Orlean im Stich gelassen. Er hat Kelna dem Erdboden gleichgemacht. Wie viele Unschuldige sind in dieser Nacht gestorben, Valion? Wie viele Frauen und Kinder? Wie viele dunkelelfische Sklaven, die zwischen die Fronten gerieten? Die Lupus geschworen hat zu beschützen?«

Valion ließ einen weiteren Stein über das Wasser springen. »Zu viele. Ich habe zu spät bemerkt, was vor sich ging. Ich habe mich auf meinen Auftrag konzentriert. Und als ich zu mir kam, stand das Dorf bereits in Flammen.« Er berührte den Kinderschuh an seinem Gürtel. »Ich frage mich, was geschehen wäre, hätten wir sie leben lassen. Hätten sie die Arena, die wir zerstörten, neu aufgebaut und neue Dunkelelfen dort eingesperrt? Wäre alles geblieben wie immer?«

»Es ist möglich, dass das trotz allem passiert«, erwiderte Casas ruhig. »Sie bauen das Dorf auf, mit ihm die Arena, und alles beginnt von Neuem. Wir können nicht in die Zukunft blicken. Was jedoch sicher ist: dass es Konsequenzen geben wird. Wie, denkt Ihr, wird Kaiser Galdir darauf reagieren? Wie wird es den Dunkelelfen in den Aschegruben bald ergehen?«, entgegnete Casas ruhig.

Der Assassine schwieg.

»Hört zu, Valion: Mein Herr mag noch von dieser Rebellion überzeugt und willens sein, sie zu unterstützen. Das wird aber nicht mehr lange so bleiben. Bei Orlean hat er noch eingesehen, dass Euer Handeln gerechtfertigt war. Nach dem Massaker in der Aschegrube verstand er, dass Lupus den Befehl zum Angriff gab. Doch wenn dieser Tunichtgut nun beginnt, wahllos Dörfer niederzubrennen, werde ich ihn dazu anhalten, alle Verbindungen zu den Grauwölfen zu trennen.«

»Bei Ater.« Valion strich sich die lange Seite seiner dunkelroten Haare zurück. »Ich … versuche immer noch zu begreifen, was in Kelna geschehen ist. Wir hätten das nicht tun dürfen. Lupus versicherte, die Zivilbevölkerung werde verschont, und ich Narr habe ihm geglaubt. Ich glaubte ihm, weil ich es glauben wollte.«

»Solange Lupus die Rebellen unter Kontrolle hat, wird es niemals zu einer Kooperation zwischen den Grauwölfen und dem ehrenwerten Theodas Eilran kommen«, sagte Casas ernst. »Lupus würde nie Hand in Hand mit einem Hochelfen arbeiten. Wenn es nach mir ginge, stünde dieses Bündnis ohnehin nicht zur Debatte. Aufmüpfigen, gar tollwütigen Wölfen sollte man das Fell über die Ohren ziehen. Wenngleich ich das Vorhaben meines Herrn, den Dunkelelfen Adulars ein besseres Leben zu schenken, unterstütze, wäre es mir lieber, wenn wir Euch Rebellen raushalten könnten. Adular braucht keine Rebellion. Es braucht eine Revolution. Aber ich habe meine Befehle. Nur deshalb bin ich noch hier.« Der Waldelf rückte erneut seine Handschuhe zurecht und wandte sich ab. »Werdet Euch darüber bewusst, welches Verbrechen Canis Lupus und die Grauwölfe begangen haben. Und fragt Euch, wie viel der Schuld Ihr auf Euch geladen habt.«

Valion seufzte leise und setzte sich auf den Boden, während Casas ihn allein ließ. Er löste den Kinderschuh von seinem Gürtel und legte ihn neben sich.

Kapitel 5 – Elanor

Elanor bewegte sich rasch über den morgendlichen Markt von Malachit, der noch verhältnismäßig leer war. Sie starrte auf den Boden, beachtete ihre Umgebung kaum. Die Welt um sie herum war grau; tonlos, ohne Gefühl oder Geruch. Sie spürte weder den Wind auf ihrer Haut noch den Pflasterstein unter ihren Schuhen. Die Gerüche des Marktes, normalerweise ein dichtes Knäuel aus verschiedenen Lebensmitteln, Personen, Tieren und Parfüms, erreichten ihre Nase nicht. Gesichtslose Schatten zogen an ihr vorbei, ihre Stimmen trugen undeutliche Gespräche an ihr Ohr, denen sie jedoch kein Gehör schenken konnte. Das frische Obst in den Auslagen sah farblos und unappetitlich aus wie Kohlestücke, die man statt Äpfeln ausgestellt hatte. Allein der Gedanke, etwas davon in den Mund zu nehmen, ließ die allmorgendliche Übelkeit bis in ihren Rachen schlagen.

In zwei Tagen würde sie mit diversen Händlern sprechen, denen sie ihr Hab und Gut verkaufen wollte. Ob sie damit wirklich zweitausendfünfhundert Goldkronen zusammenbekam, stand in den Sternen. Elanor hielt es für unwahrscheinlich. Sie besaß keinen wertvollen Schmuck oder hochwertige Kleidung. Das teuerste Kleidungsstück in ihrem Besitz war ein Morgenmantel aus feiner Seide, den sie von ihrer Freundin Noriel geschenkt bekommen hatte.

»Warum trägst du kein Halsband, Grauhaut?«, fragte eine weibliche Stimme.

Es war dieses furchtbare Wort, das Elanor aus ihren Gedanken holte. Diese herablassende Bezeichnung für Dunkelelfen, die sie auf eine angeborene Äußerlichkeit reduzierte.

»M-Mein Herr hat …«, stammelte der angesprochene Dunkelelf, »er hat mich g-geschickt, um V-Vorräte zu kaufen. E-Er hat mir etwas mitge-gegeben. E-Eine Erlaubnis, mich ohne Leine ü-ü-über den Markt zu bewegen.«

Träge kämpfte sich Elanors Geist aus der Lethargie und wurde sich ihrer Umgebung deutlich gewahr. Wie die Wassermassen bei einem brechenden Damm stürzten Sinneseindrücke auf sie ein. Personen drängten sich an ihr vorbei. Händler priesen lautstark ihre Ware an. Irgendwo zu ihrer Linken gackerten mehrere Hühner aufgebracht und eine Gruppe von jungen Hochelfen lachte laut darüber.

»Lasst meine Hennen in Frieden«, keifte die Händlerin.

Elanor ließ den Blick schweifen, suchte nach der Quelle der Stimmen, die sie eben gehört hatte. Um einen Dunkelelfen hatte sich ein kleiner Pulk gebildet. Vor ihm ein grimmig dreinblickender Hochelf, hinter ihm hatte sich ein waldelfisches Paar aufgebaut. Neben ihm befand sich ein Obststand, dessen Verkäuferin sich herausfordernd über ihren Tresen beugte.

Der Dunkelelf war sicherlich keine zwanzig Jahre alt. Sichtlich verängstigt stand er geduckt zwischen ihnen und klammerte sich an einen Korb, in dem er Einkäufe transportierte.

Mit zitternder Hand zeigte er ein Stück Leinen vor, auf dem etwas geschrieben war, was Elanor nicht lesen konnte. »Mein Herr i-ist krank und kann das Haus selbst nicht v-v-verlassen. I-Ich bin der Einzige, der ihm etwas zu essen …«

»Das interessiert niemanden.« Der grimmige Hochelf riss ihm die Erlaubnis aus der Hand, warf sie zu Boden und trat mit seinem Stiefel drauf. »Gehörst du zu den Rebellen, Grauhaut?«

Die orangeroten Augen des Dunkelelfen weiteten sich panisch. Hektisch schüttelte er den Kopf. »I-I-Ich bin k-kein Rebell.«

Elanor verlangsamte ihre Schritte.

Misch dich nicht ein, flüsterte eine Stimme in ihrem Hinterkopf. Mach dir nicht noch mehr Schwierigkeiten! Geh weiter! Geh weiter und tu so, als hättest du nichts gesehen! Wie alle anderen.

Jemand stieß von hinten gegen sie. »Verdammt noch mal, Weib«, herrschte eine raue Männerstimme sie an, »steht nicht im Weg herum!« Ein Mann ging aufgebracht an ihr vorbei.

An einer Leine, die an einem silbernen Halsband endete, zog er eine rothaarige Dunkelelfin hinter sich her. Die Sklavin wiederum führte einen schwarzen Hund an der Leine.

Elanor starrte ihnen sekundenlang nach.

»Was sagst du dazu, dass die Grauwölfe unsere Farmen niedergebrannt haben?«, fragte der grimmige Hochelf. »Warst du dabei? Hast du auch einem harmlosen Farmer den Schädel eingeschlagen?«

Elanor richtete ihren Fokus zurück auf den Pulk wenige Meter vor sich. Der Überfall der Rebellen auf die Farmen nördlich von Malachit war gut zwei Wochen her. Der Preis für Lebensmittel war seither merklich angestiegen.

»Nein.« Der Blick des Dunkelelfen zuckte nervös zwischen den finsteren Gesichtern hin und her. »E-Es ist f-furchtbar, was p-passiert ist …«

»Von wegen«, schnaubte die Standbesitzerin. »Ich wette, dir hat es gefallen.«

»Hast du einen Freudentanz für deinen falschen Gott aufgeführt, als die Farmen brannten? Zwischen dem Blut und den Leichen?«, fragte der Waldelf. Er entriss ihm den Korb und warf ihn achtlos hinter sich.

Elanors Beine setzten sich selbstständig in Bewegung. Sie ging in die Hocke und sammelte die Lebensmittel ein, die herausgefallen waren.

»Ich habe nichts getan«, stieß der Dunkelelf panisch aus. Hilflos sah er sich nach einer Fluchtmöglichkeit um, einer Lücke in der unüberwindbaren Mauer, die sich um ihn gebaut hatte. Vielleicht auch nur nach jemandem, der ihm nicht feindlich gesinnt war. »B-Bitte, ich wollte nie … i-ich … m-mein Herr wird …«

»Knüpft die Grauhaut auf«, johlte einer der halbstarken Hochelfen, die zuvor die Hühner geärgert hatten.

Die Aufmerksamkeit der Gruppe hatte sich vollends auf den jungen Sklaven gerichtet.

»Wenn er kein Halsband hat, dann bekommt er eines von uns«, sagte die Waldelfin, die neben ihrem Mann im Pulk stand.

Elanor richtete sich mit dem Korb im Arm auf.

Der grimmige Hochelf und der Waldelf packten den Sklaven, der es kaum wagte, sich zu wehren. Die Standbesitzerin holte ein Seil hervor, knotete es schnell zu einer Schlinge und warf sie dem Dunkelelfen über.

»Knüpft die Grauhaut auf«, jubelten die jungen Hochelfen im Chor.

»Bitte nicht«, schrie der Dunkelelf angsterfüllt. »Bitte, lasst mich gehen!«

Elanor lauschte dem umliegenden Gemurmel.

»Das geht zu weit«, flüsterte eine Frau. »Das können sie dem Sklaven nicht antun. Er ist nicht ihr Eigentum.«

»Selbst wenn«, erwiderte ein Mann. »Der Dunkelelf hat nichts getan, was diese Behandlung verdient. Er hat das ausgeführt, was ihm befohlen wurde, und dafür soll er bestraft werden?«

»Wie ängstlich er ist«, raunte die Frau. »Es bricht mir fast das Herz. Aber was sollen wir tun? Meinst du, wir können die Wachen holen?«

»Nicht für einen Sklaven«, murmelte der Mann.

»Schluss damit«, rief Elanor, so laut sie konnte. Sie hatte ihre Untätigkeit satt. »Habt Ihr alle den Verstand verloren? Merkt Ihr, was Ihr gerade tun wollt?«

Sie nutzte die Verwunderung der Anwesenden, um dem Dunkelelfen die Schlinge vom Hals zu ziehen und ihn hinter sich zu stellen. »Ihr solltet Euch alle in Grund und Boden schämen«, sagte sie zornig. »Die Rebellen erreicht Ihr nicht, also müsst Ihr Euch an den Schwächsten vergreifen? Warum geht Ihr nicht zu Hastor und haltet ihm sein Versagen vor? Er hätte die Farmen schließlich schützen sollen. Dieser Dunkelelf hier hat Euch nichts getan.« Ihr Gesicht wurde sanfter, als sie sich dem Sklaven zudrehte und ihm seinen Korb zurückgab. »Es tut mir leid, dass sie Euch angegriffen haben.«

Der Dunkelelf schwieg verunsichert. Er zitterte am ganzen Leib und klammerte sich am Korb fest.

Elanor lächelte freundlich. »Jetzt eilt zu Eurem Herrn!«

Der Sklave verneigte sich hastig. »Ich danke Euch, gütige Frau.« Er duckte sich an den beiden Elfenmännern vorbei, warf der Gruppe halbstarker Hochelfen einen nervösen Blick zu und rannte.

Glücklicherweise kamen die Jünglinge nicht darauf, ihn zu verfolgen. Auch der Pulk löste sich nicht auf. Der Waldelf trat zurück an die Seite seiner mutmaßlichen Frau und versperrte Elanor den Rückweg. Der grimmige Hochelf baute sich mit seiner beeindruckenden Körpergröße vor ihr auf.

»Ihr könnt es nicht unterlassen, was?«, knurrte er.

»Ihr doch ebenso wenig«, entgegnete Elanor.

Sie wollte weitergehen, die Gruppe hinter sich lassen. Einer der Waldelfen versetzte ihr einen kräftigen Stoß in den Rücken. Elanor geriet ins Straucheln und stolperte über das ausgestreckte Bein des Hochelfen. Sie stürzte und kleine Steinchen bissen in ihre Handflächen.

Die hochelfischen Jünglinge johlten laut. Bilder blitzten in Sekundenbruchteilen vor ihrem inneren Auge auf. Ein Kreis aus hysterisch lachenden Kindern. »Elanor hat keine Eltern«, kreischten sie im Chor, während sie mit Stöcken auf sie einschlugen.

Sie presste die Zähne aufeinander und stand auf.

»Eine Frechheit«, hörte sie jemanden im Vorbeigehen murmeln. »Eine schwangere Frau so zu behandeln.«

»Dunkelelfenhure«, zischte die Waldelfin. »Man sollte dir die Missgeburt aus dem Leib treten.«

Aus den Tiefen von Elanors Bewusstsein echote das Fauchen einer gebändigten Wut. Sie zerrte an ihren Fesseln, warf sich gegen die Käfigwände, drohte auszubrechen.

»Und dein verfluchtes Haus niederbrennen«, fügte der Hochelf hinzu. »Es scheint dich ja nicht zu tangieren, was mit unseren Farmen geschehen ist. Oder bist du einfach zu dumm, um die Tragweite zu begreifen?«

Elanor klopfte sich das Kleid und die Hände ab. Sie spürte die bohrenden Blicke von mehreren Marktbesuchern und Händlern, die das Geschehen ungeniert beobachteten. Doch niemand schien sich berufen zu fühlen einzugreifen. Nicht bei einem verängstigten Dunkelelfen, der mit dem Tod bedroht wurde. Nicht bei ihr. »Keinesfalls. Die Verantwortlichen sind dafür bestraft worden und noch ist meines Wissens keine Hungersnot ausgebrochen.«

Zumindest nicht bei uns. Wie hungrig die Dunkelelfen unten in der Aschegrube sind, kann ich nur erahnen, fügte sie gedanklich hinzu. Wie hungrig war Dûhirion, bevor Umbra ihn hinrichten ließ?

Die Besitzerin des Obststandes schnaubte verächtlich. »Hört, hört! Wie frech dieses Weib wird. Es sind Leute dabei gestorben. Aber das waren ja vorwiegend nur Elfen und ein paar Zwerge. Kaum einer deiner kostbaren Dunkelelfen. Erzähl doch mal: Wie oft warst du mit den Rebellen im Bett, bevor sie über unsere Farmen hergefallen sind?«

»Ungefähr so oft, wie Ihr bisher im Bordell wart«, erwiderte Elanor scharf.

Einer der jungen Hochelfen pfiff anerkennend.

Die Standbesitzerin blinzelte, zögerte einen Moment zu lang, ehe sie barsch sagte: »Als ob ich es nötig hätte, dieses dreckige Bordell zu betreten.«

»Lenkt nicht von Euch ab«, zischte der Waldelf. Er kam drohend näher, doch Elanor wich nicht zurück. Sie musterte ihn aufmerksam und wartete, bis er so dicht vor ihr stand, dass sie den Geruch seiner Kleidung wahrnahm. Er roch nach kalter Asche und Holzkohle. »Gebt Ihr also zu, dass Ihr Euch von den Rebellen vögeln lasst?«

»Glaubt, was Ihr wollt! Ich kann Euch ohnehin nicht umstimmen«, entgegnete Elanor und starrte ihm herausfordernd in die Augen.

Für einen kurzen Moment, nur zwischen zwei Herzschlägen, sah sie den Anführer der Rebellen an seiner Stelle stehen. Canis Lupus, der jegliche Zusammenarbeit mit der Weißen Feder verweigert hatte. Der Nara, Arik und sie hatte fesseln lassen. Der ihr angedroht hatte, sie zu vergewaltigen. Elanor spürte seine Finger, die sich in ihre Wangen gruben, roch seinen Atem.

Ihr Magen verkrampfte unter einer Welle Übelkeit. Ihre Nackenhaare stellten sich auf und eine unangenehme Gänsehaut kroch über ihre Arme.

Die Standbesitzerin schlug triumphal mit der Faust auf ihren Tresen. »Dann gestehst du.«

»Warum wählt Viriditas jemanden wie Euch aus?«, flüsterte die andere Waldelfin verächtlich. »Warum Ihr und nicht ich?«

»Offenbar«, begann Elanor langsam, verbales Gift triefte von jedem einzelnen Wort, »weil sie mich für würdig befindet und Euch … nicht. Ihr solltet Euch fragen, woran das liegen könnte!«

»Du beleidigst die Göttin mit deiner unheiligen Affäre und wagst es, dich würdig zu nennen?«, fauchte die Standbesitzerin.

Elanors Mundwinkel hoben sich zuckend zu einem zynischen Lächeln. Sie bemerkte kaum, wie sich ihre Hände zu Fäusten ballten. »Wir drehen uns im Kreis. Ich werde mich wegen dieser Diskussion noch verspäten.«

»So einfach kommt Ihr nicht davon«, knurrte die Waldelfin. »Ihr werdet Euch dafür verantworten! Ihr habt uns Rede und Antwort zu stehen!«

»Nein, habe ich nicht«, entgegnete Elanor mit bebender Stimme. »Und ich würde dieses Gespräch jetzt wirklich gerne beenden.«

»Warum?«, fragte die Frau gehässig.

»Weil ich kurz davor bin, Euch ins Gesicht zu schlagen.«

Das Gesicht der Waldelfin verzog sich verächtlich. »Miststück«, zischte sie und spuckte sie an.

Die Ohrfeige kam schnell und unerwartet, auch für Elanor selbst. Ein klatschendes Geräusch hallte unnatürlich laut über den Markt. Ihre erhobene Hand zitterte, die Handfläche wurde von einem brennenden Kribbeln überzogen. Auf der Wange der anderen Waldelfin zeichnete sich eine deutliche Röte ab. Ein wütender Aufschrei entfuhr der Standbesitzerin. Elanor biss sich auf die Unterlippe, war selbst fassungslos darüber, dass sie tatsächlich zugeschlagen hatte.

»Wie könnt Ihr es wagen?«, fauchte der Waldelf und trat vor seine Frau. Er schubste Elanor grob zurück, sodass sie gegen den grimmigen Hochelfen prallte.

Wieder sah Elanor die hämische Kinderschar vor sich. Ihr Gelächter füllte ihre Ohren wie Watte.

»Ich?«, stieß sie ungläubig hervor. »Wie kann ich es wagen?«

Die Waldelfin hielt sich ihre Wange. »Das werdet Ihr bereuen.«

»Ich habe Euch gewarnt«, knurrte Elanor und wandte sich abrupt ab.

Ein rohes Ei traf sie an der Schläfe und zerplatzte. Schleimig und zäh rann der Inhalt über ihr Gesicht. Einer der halbstarken Hochelfen lachte hämisch. Sie starrte ihn fassungslos an.

Er griff sich ein zweites Ei vom Stand und warf es nach ihr. Es traf sie an der Schulter. Die Standbesitzerin lachte und klatschte begeistert in die Hände.

»Soll Ater dir deine Kinder nehmen«, rief der grimmige Hochelf. »Soll er sie in Abscheulichkeiten verwandeln, die sich den Weg aus deinem verfluchten Leib mit Zähnen und Klauen bahnen!«

Ater, der gefallene Gott. Der Gott der Dunkelelfen. Andere nahmen seinen Namen nur in den Mund, wenn sie etwas Abscheuliches über einen anderen bringen wollten.

Elanor schluckte trocken.

Der halbstarke Hochelf lachte lauter. »Borkenkäfer.«

Die Kinderschar aus einer verdrängten Erinnerung stimmte mit ein. »Borkenkäfer, Borkenkäfer. Niemand liebt dich. Niemand will dich.«

Sie hörte, wie die Standbesitzerin den Jüngling ermutigte weiterzumachen. Seine Freunde sammelten kleine Kieselsteine vom Boden auf. Andere Personen auf dem Markt liefen eilig und mit geduckten Köpfen weiter oder starrten ganz ungeniert.

»Elanor hat keine Eltern.«

Ein Stein traf ihr Knie. Sie war umstellt. Vor ihr die zwei Waldelfen, die sie zu Fall gebracht hatten; hinter ihr der grimmige Hochelf und der Halbstarke; neben ihr die Standbesitzerin. Überall gaffende Augenpaare und lauschende Ohren.

Was ist jemand wie du schon wert?, raunte eine dunkle Stimme in ihrem Hinterkopf. Nichts. Du bist Dreck. Borkenkäfer. Waisenkind. Elanor hat keine Eltern. Elanor hat niemanden, der sie liebt. Niemanden, der willens ist, die Bastarde in ihrem Leib mit ihr aufzuziehen.

Ein weiterer Kiesel sauste an ihr vorbei. Sie musste hier weg. Egal was sie tat oder sagte, nichts würde ihr in dieser Situation helfen. Ein Rückzug war das Klügste.

Die Waldelfen versperrten ihr stur den Weg.

»Lasst mich durch«, forderte Elanor wutentbrannt.

Was danach passierte, konnte sie kaum begreifen. Eine angenehme Wärme breitete sich in ihrem Bauch aus. Ein Gefühl von Geborgenheit und Liebe erfüllte ihr Herz. Trotz der Bedrohung fühlte sie sich beschützt und sicher.

Sie hob die Hände, um das Paar fortzuschieben, doch ehe sie auch nur einen von ihnen berührte, wurden sie von einer unsichtbaren Macht zurückgeworfen. Als hätte eine plötzliche Windböe sie frontal ergriffen. Beide landeten rücklings auf der Erde.

Elanor spürte mehr Blicke denn je auf sich. Verwirrt starrte sie auf ihre Hände.

Keine Zeit, dachte sie hastig. Ich will fort von hier.

Eilig lief sie an den Waldelfen vorbei, die ebenfalls nicht verstanden hatten, was mit ihnen geschehen war.

»Man sollte Euch aus der Stadt verbannen«, rief die Standbesitzerin. »Ihr bringt nur Unheil.«

Sie beschleunigte ihre Schritte und sammelte Eierschalen aus ihrem Haar. Warum hatte sie sich hinreißen lassen, diese Waldelfin zu schlagen?

Als die Schneiderei in Sichtweite kam, wurde Elanor langsamer. Obwohl sie nicht einmal gerannt war, fühlte sie sich erschöpft und musste zu Atem kommen. Ihr Gesicht war heiß und ihre Fingerspitzen prickelten.

Was war geschehen? Sie war keine Magierin, wie hatte sie die beiden Waldelfen von sich stoßen können, ohne sie zu berühren?

Gedankenverloren betrat sie den vorderen Raum der Schneiderei. Das muntere Geplapper der Näherin Rhina drang aus der Nähstube.

»… als ich ihr dann sagte, dass es unter uns Elfen als Beleidigung gesehen wird, wenn der Name verkürzt oder verniedlicht wird, hat sie mir kaum geglaubt.«

Der schweigsame Lehrling ihres Onkels würdigte Elanor bloß eines kurzen Blickes, als er an ihr vorbeiging, einen Stapel gefalteten Stoff auf den Armen tragend.

»Faredir, ich bin da«, rief die Waldelfin. »Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe.«

Onkel Faredir kam aus der Nähstube nach vorne. Sein kurzes, braunes Haar war heute ausnahmsweise gekämmt. Ein Zeichen dafür, dass er gestern nicht die halbe Nacht in der Schneiderei verbracht hatte und rechtzeitig ins Bett gegangen war. »Guten Morgen, Elanor. Du …« Er hielt mitten in seiner Begrüßung inne und musterte sie von oben bis unten. Der Blick seiner blauen Augen war besorgt und Falten entstanden auf seiner Stirn. »Was ist passiert, Veilchen?«

»Es gab … einen Vorfall auf dem Markt«, antwortete Elanor ausweichend.

Faredir legte die Hände an ihre Oberarme. »Wir sollten dich erst einmal sauber machen. Sind das Eierschalen in deinem Haar?«

»Ja, gut möglich«, murmelte sie. »Ein vorlauter Jüngling hat mit rohen Eiern nach mir geworfen.«

»Bei den Göttern, haben die jungen Burschen heutzutage gar keine Erziehung mehr genossen? Eine Schwangere mit Eiern zu bewerfen.« Faredir schüttelte verständnislos den Kopf, während er sie in die Nähstube zog und ihr bedeutete, sich auf einen Hocker zu setzen. »Warte hier.«

Elanor seufzte und wischte sich zähes Eidotter aus der Stirn. Es tat gut zu sitzen. Fiona, eine Menschenfrau und die ältere der beiden Näherinnen, warf Elanor einen fragenden Blick zu, den sie mit einem beschwichtigenden Lächeln quittierte.

»Du siehst ja furchtbar aus, Elanor«, keuchte Rhina und ließ beinahe ihre Nadel fallen.

»Tatsächlich?«, murmelte die Waldelfin müde. »Kann mir gar nicht vorstellen, warum …«

»Was ist passiert?«, erkundigte sich Rhina mit unverhohlener Neugier.

Fiona machte eine scheuchende Bewegung in die Richtung der jungen Waldelfin. »Jetzt nicht, Mädchen. Arbeite lieber weiter!«

Faredir kehrte mit einer Schüssel voller Wasser zu Elanor zurück und begann eilig damit, die Eierschalenstücke aus ihrem braunen Haar zu sammeln. Sie fischte einen Lappen aus dem Wasser und reinigte ihr Gesicht.

»Zum letzten Mal: Hör auf zu starren und mach dich an die Arbeit, Mädchen«, zischte Fiona mahnend in Richtung Rhina.

»Warum hat der Jüngling dich mit Eiern beworfen?«, fragte Faredir, die beiden ignorierend. »War es ein Elf? Ein Mensch oder ein Zwerg?«

»Ein Hochelf. Ich weiß nicht, wer er war, und habe nicht auf seine Kleidung geachtet«, erwiderte Elanor leise.

»Ich hoffe für ihn, dass er kein Adeliger war«, murrte Faredir. Er bemühte sich, die klebrigen Überreste des Eis aus ihrem Kleid zu entfernen. »Ein Sohn aus gutem Hause sollte sich besser zu benehmen wissen.«

»Vielleicht kenne ich ihn«, warf Rhina ein. »Ich kenne fast jeden Elfen in meinem Alter hier.«

»Misch dich da bitte nicht ein«, sagte Faredir, ohne aufzublicken.

Abermals öffnete Rhina den Mund, doch Fiona brachte sie mit einer harschen Geste zum Schweigen.

Faredir sah ihr eindringlich und bittend in die Augen. »Warum hat er dich beworfen, Elanor?«

Sie seufzte und ließ die Hand mit dem Lappen in ihren Schoß sinken. »Ich habe einem Sklaven geholfen, der mit dem Tod bedroht wurde.«

Ihr Onkel hielt inne. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie der Lehrling verächtlich mit dem Kopf schüttelte. Ihr Onkel leckte sich in einem Anflug von Nervosität über die Lippen. »Warum hast du dich wieder eingemischt?«

Sie erzählte ihm, was dem jungen Dunkelelfen angetan worden war, wurde währenddessen immer aufgebrachter. Davon, dass sie Magie gewirkt hatte, erzählte sie ihm vorerst nichts. Es verunsicherte sie zutiefst. Sie wollte zuerst mit jemandem darüber sprechen, der magische Kenntnisse hatte. Arik oder vielleicht eine Hohepriesterin aus dem Tempel von Viriditas. »Solche Leute treten immer nach unten.« Sie warf den Lappen schwungvoll in die Schüssel. Wasser schwappte über den Rand auf den Boden. »Dieser Dunkelelf hatte Todesangst, Onkel. Ich traue ihnen nicht zu, dass sie ihn tatsächlich getötet hätten. Doch hätte ich nicht eingegriffen, hätten sie ihr Spiel weitergetrieben und ihn womöglich verletzt.«

»Es ist eine Schande, wie mit diesem Sklaven umgesprungen wurde«, pflichtete Fiona leise bei. »Überhaupt finde ich das neue Gesetz schrecklich, dass Dunkelelfen sich nur noch mit Halsband und Leine draußen bewegen dürfen.«

»Es hält sie davon ab, schlimme Dinge zu tun«, warf Rhina kleinlaut ein.

»Die Sklaven muss keiner aufhalten«, schnaubte Fiona. »Die Rebellen sind es, die wir fürchten müssen.«

Faredir richtete sich auf. »Ich verstehe, warum du das getan hast. Wenn dieser Sklave eine schriftliche Erlaubnis hatte und sein einziges Verbrechen darin bestand, für seinen kranken Herrn einzukaufen, war die Behandlung nicht gerechtfertigt.«

Elanor blickte schweigend auf die Wasserflecken auf dem Boden.

Er drückte ihr sacht die Schulter. »Sei das nächste Mal vorsichtiger«, bat er. »Frau Noriel hat ihren Besuch für heute angekündigt. Sie möchte ihr Kleid abholen.«

Elanor nickte und überprüfte ihre Kleidung auf Flecken. Der Rocksaum war ein wenig staubig, ansonsten sah alles sauber aus. »Es ist fertig. Ich werde es vorbereiten, damit sie es gleich mitnehmen kann.«

Kapitel 6 – Elanor

Dichte Regenwolken, grau und schwer wie Stein, verdunkelten im Laufe des Vormittags den Himmel, und bald erklang das rhythmische Prasseln von Wassertropfen. Es war ein Geräusch, das Elanor seit ihrer Kindheit als äußerst beruhigend empfand. Seit der Regen eingesetzt hatte, fiel es ihr wesentlich leichter, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Die Ereignisse auf dem Markt und das vergangene Treffen mit der Schattenklinge rückten in den Hintergrund ihrer Wahrnehmung.

Noriel nutzte die Zeit zwischen zwei Schauern und erschien am Nachmittag in der Schneiderei. Sie war nicht, wie sonst üblich, in Begleitung ihrer dunkelelfischen Sklavin Meira, sondern zog einen mürrisch dreinblickenden jungen Hochelfen mit sich. Elanor erkannte sofort den Halbstarken, der sie auf dem Markt mit Steinen und rohen Eiern beworfen hatte.

»Grüße, Noriel«, begann die Waldelfin zögerlich.

»Hallo, Liebes.« Noriels Ton war freundlich, doch ihr Gesichtsausdruck verriet unmissverständlich, dass sie alles andere als zufrieden war. »Der junge Herr an meiner Seite ist mein Sohn Taris. Wie ich hörte, hattet ihr zwei inzwischen das Vergnügen?« Sie warf ihrem Sohn einen eisigen Blick zu, der trotzig zu Boden starrte.

»Ein … etwas zweifelhaftes Vergnügen«, antwortete Elanor bedächtig. »Ich hätte mir schönere Umstände für unser erstes Zusammentreffen gewünscht.«

Noriel und sie hatten nur selten die Gelegenheit, sich privat zu treffen. Jedes Mal waren die beiden Frauen mit den Sklaven allein gewesen, sodass Elanor zwar viel von Taris gehört, aber ihn nie zuvor persönlich kennengelernt hatte.

»Ich habe gehört, was auf dem Markt vorgefallen ist«, sagte die Hochelfin bedauernd. »Es tut mir so leid, dass du das durchmachen musstest. Wäre ich dabei gewesen, hätte ich nicht zugelassen, dass du so in die Ecke gedrängt wirst.«

Taris schielte missmutig zu seiner Mutter hoch. Er kaute auf seiner Unterlippe und scharrte mit dem Fuß über den Boden.

»Danke, Noriel. Ich weiß das zu schätzen. Aber wie hast du davon erfahren?«, fragte Elanor.

»Die Standbesitzerin, die dich angefeindet hat, erzählte es mir selbst. Sie tratscht unglaublich gerne und war stolz auf das, was sie getan hat.« Die Hochelfin schnaubte verächtlich. »Ich habe sie zurechtgewiesen und ihr gesagt, wie ekelhaft ich ihr Verhalten finde. Jedenfalls hat sie mir dann freimütig von den Taten meines Sohnes erzählt. Taris?«

Der Hochelf grummelte etwas Unverständliches. Er kam Elanor in diesem Moment nicht wie ein junger Mann von zwanzig Jahren, sondern wie ein bockiger Zwölfjähriger vor. Allmählich stieg die Wut wieder in ihr hoch.

»Taris«, wiederholte Noriel schärfer.

»Tut mir leid«, murrte er.

Elanor verschränkte die Arme vor der Brust.

»Genügt dir das, Liebes?« Noriel zog eine perfekt gezupfte Augenbraue hoch.

Ein Teil von ihr wollte abwiegeln und sagen, dass alles in Ordnung sei. Doch das war es mitnichten. Das unerhörte Benehmen des Jünglings stieß Elanor sauer auf. Sie hatte noch zu deutlich sein hämisches Grinsen vor Augen, als er ihr ein weiteres rohes Ei an den Kopf geworfen hatte. »Nein.«

»Dachte ich mir.« Die Hochelfin drehte sich ihrem Sohn zu. »Ich gebe dir jetzt noch genau eine Chance, dich anständig bei Elanor zu entschuldigen. Wenn du es vorziehst, dich wie ein unreifes Kind zu benehmen, werde ich dich gerne auch so behandeln. Und ich werde dafür sorgen, dass es alle mitbekommen.«

Taris sah entsetzt auf. Für einen jungen Hochelfen, der sehr auf seinen Ruf bedacht war, war das eine ernst zu nehmende Drohung. »Ich bin nicht der Einzige, der was getan hat.«

»Ihr wart der Einzige, der mich beworfen hat«, widersprach Elanor scharf. »Mit Steinen und mit rohen Eiern.«

»Für die du übrigens nichts bezahlt hast«, fügte Noriel hinzu. »Also einen Diebstahl begangen hast. Du hättest sie mit den Steinen ernsthaft verletzen können.«

»Ich habe lediglich mit Eiern geworfen«, beschwichtigte Taris eilig. »Meine Freunde waren es, die Steine aufsammelten.«

»Nachdem sie sich von Euren Wurfkünsten dazu beflügeln ließen.« Elanor schüttelte den Kopf. »Es geht nicht darum, wie fest oder was Ihr geworfen habt. Es geht darum, dass Ihr mich beworfen habt. Und um die Worte, die Ihr dabei gebrüllt habt.«

»Was hat er gesagt?«, fragte Noriel angespannt.

»Nichts«, zischte Taris.

»Er hat mich Borkenkäfer genannt«, antwortete Elanor mit anklagender Stimme.

Noriels volle, dunkel geschminkte Lippen wurden zu einem schmalen Strich. »Taris, sag mir bitte, dass das nicht wahr ist! Ich dachte immer, mein Sohn wäre klüger, als rassistische Beschimpfungen in den Mund zu nehmen.«

Der Jüngling senkte den Kopf und zuckte mit den Schultern. »Das ist mir … im Eifer des Gefechts so rausgerutscht«, murmelte er und hob erneut die Schultern. »Ich meine … die Leute erzählen …«

»Ich weiß, was die Leute erzählen, und es sind infame Unterstellungen«, unterbrach Noriel zornig.

Taris biss sich auf die Unterlippe. »Aber sie waren dabei. Sie haben gesehen, wie sie diesem Sklaven geholfen hat.«

»Und was ist daran verwerflich?« Noriel schüttelte mit dem Kopf. »Statt dich ihnen blindlings anzuschließen, solltest du deinen Verstand benutzen! Du bist besser als das, Taris. Erst denken, dann handeln! Es ist schon schlimm genug, dass du unsere Sklaven schlecht behandelst. Wenn du jetzt bei meinen Freunden weitermachst, gehst du einen entscheidenden Schritt zu weit.«

Taris seufzte und rieb sich über den Nacken. Elanor konnte förmlich sehen, wie er die Gedanken hinter seiner Stirn hin und her schob, abwägte und kalkulierte.

»Wir warten, Taris.« Noriel klang ungeduldig.

»Ja doch«, brummte der Jüngling verlegen. Er räusperte sich und sah Elanor ins Gesicht. Sie kreuzten ihre Blicke, und die Waldelfin erkannte, dass er sein Verhalten aufrichtig bereute. Er war jung, war von umstehenden Passanten angestachelt worden und hatte nicht weiter darüber nachgedacht, was er tat.

»Ich bitte vielmals um Verzeihung.« Taris wählte eine besonders förmliche Entschuldigung. Er hielt ihr seine große Hand hin. »Es tut mir leid, dass ich Euch gekränkt habe, und … hoffentlich geht es Euren Kindern gut. Ich meine, ich hätte nie auf Euren Bauch gezielt …«

Elanor nahm seine Hand entgegen, um seinen verunsicherten Redeschwall zu stoppen, und drückte sie leicht. »Entschuldigung angenommen.« Sie erinnerte sich wieder an die Wärme, die ihren Bauch ummantelt hatte, bevor sie die Waldelfen, ohne sie zu berühren, fortgeschleudert hatte.

Taris atmete auf. »Danke. Ich verspreche Euch, ich werde mich bessern.«

Noriels Gesicht entspannte sich und sie betrachtete ihren Sohn stolz. »Na also. Gut gemacht, mein Liebling. Du kannst draußen auf mich warten, ich brauche jemanden, der mir beim Tragen hilft.«

»In Ordnung«, erwiderte Taris und verneigte sich höflich. »Auf Wiedersehen, Frau Elanor.«

Die Waldelfin nickte lächelnd und sah ihm nach, als er eilig nach draußen verschwand. Sie war froh, dass dieses Gespräch einen guten Ausgang genommen hatte. Der Teil von ihr, der seit Dûhirions Tod verbittert und hoffnungslos war, hatte damit gerechnet, dass Taris daran festhielt, im Recht gewesen zu sein, und sich höchstens zum Schein entschuldigte.

»Er kann manchmal sehr ungestüm sein, aber im Grunde seines Herzens weiß er, was richtig und falsch ist.« Noriel strich sich eine ihrer silberweißen Locken hinter das Ohr. »In ein paar Jahren hat er sich seine Hörner abgestoßen und kommt hoffentlich nicht mehr auf solch dumme Ideen.«

»Ich bin mir sicher, dass aus ihm ein anständiger Mann wird.« Elanor legte eine Hand auf ihren Bauch und runzelte die Stirn. »Sag, hast du noch einen Moment Zeit für mich, bevor ich dir das Kleid zeige?«

»Für dich immer, Liebes«, antwortete Noriel und ihr Blick folgte ihrer Hand. »Hast du eine Frage zur Schwangerschaft?«

Leise, damit Rhina und Fiona im Nebenzimmer nichts mitbekamen, erzählte Elanor ihrer Freundin Details über die Vorfälle auf dem Markt, bis zu dem Punkt, an dem sie der Situation entkommen war. »Ich habe die beiden nicht einmal berührt, verstehst du? Und selbst wenn, hätte ich nicht genug Kraft gehabt, um beide auf einmal mit solcher Wucht zu schubsen, dass sie stürzen. Es war … als hätte ich Magie angewandt.«

Noriel musterte sie nachdenklich. »Ich nehme an, die Hohepriesterin hat dir nichts erklärt?«

»Doch, so einiges.« Elanor betrachtete ihre Handflächen. »Allerdings hat sie mit keinem Wort Magie erwähnt.«

»Hm, das ist nicht verwunderlich. Es passiert so selten, dass es eigentlich kaum einer Erwähnung wert ist.« Die Hochelfin schwieg eine Weile grüblerisch. Sie warf der Nähstube einen langen, unschlüssigen Blick zu, ehe sie ihn zurück auf Elanor lenkte.

»Ist alles in Ordnung?«, raunte die Waldelfin verunsichert.

»Herr Faredir?«, rief Noriel. »Darf ich Eure Nichte kurz nach draußen führen? Sie ist etwas blass um die Nase und ich denke, frische Luft wird ihr guttun.«

Faredir lehnte sich aus der Nähstube. »Grüße, Frau Noriel.«

Rasch senkte Elanor den Kopf und bemühte sich elend auszusehen. Selbst wenn sie keine Ahnung hatte, was ihre Freundin vorhatte, beschloss sie mitzuspielen.

»Natürlich«, sagte ihr Onkel verständnisvoll, nachdem er sie sorgfältig gemustert hatte. »Aber nur ein paar Minuten, ja? Ich brauche dich, Elanor.«

Die Waldelfin nickte leicht.

Noriel nahm ihren Arm und verließ mit ihr die Schneiderei. Auf den neugierig fragenden Gesichtsausdruck ihres Sohnes gab sie ein schnelles Handzeichen, dass alles in Ordnung wäre. Die beiden Elfinnen schlenderten hinter das Gebäude, und nachdem Noriel sich versichert hatte, dass sie weitgehend ungestört waren, sprach sie endlich: »Tut mir leid für den Umstand. Am liebsten hätte ich dich mit nach Hause genommen, um wirklich alleine mit dir zu sein.«

Elanor runzelte die Stirn. Aufkommende Angst gepaart mit Nervosität verdrehte ihr den Magen. »Was ist los, Noriel? Stimmt etwas nicht?«

»Es ist nichts, worüber du dir ernsthaft Sorgen machen müsstest. Allerdings fühle ich mich unwohl dabei, wenn zu viele neugierige Ohren uns belauschen würden. Es fällt mir nicht leicht, über diese Geschichte zu reden, aber ich denke, sie wird dir helfen zu verstehen. Als ich mit Taris schwanger war, bin ich in einen Hinterhalt geraten«, erzählte Noriel bedächtig. »Eine Gruppe von Straßenräubern hat Meira und mir aufgelauert. Sie verlangten Gold, Schmuck und …« Sie stoppte und rang fahrig die Hände. »Meira hat sich angeboten, um mich zu beschützen. Bei den Göttern, ich habe die Güte dieser Frau nicht verdient.«

Etwas Schweres sackte in Elanors Magen. Sie berührte Noriel sanft am Unterarm.

Die Hochelfin lächelte tapfer. »Ich konnte nicht zulassen, dass sie Meira schänden. Weglaufen war uns nicht möglich. Also habe ich beschlossen zu kämpfen, mit allen Mitteln. Einer der Widerlinge hat mich gepackt und mit seinem Messer auf meinen Unterleib gezielt. Plötzlich habe ich diese Wärme gefühlt, die auch du beschrieben hast, und einen Augenschlag später wurden die Räuber durch die Luft gewirbelt. Meira hat schnell reagiert und mich mit sich in Sicherheit gezogen.«

»Ich bin froh, dass euch nichts geschehen ist.« Elanor drückte ihr sacht den Unterarm. »Was, glaubst du, ist in diesem Moment passiert?«

Noriel nahm die Hände der Waldelfin und legte sie gemeinsam mit ihren eigenen auf ihren Bauch. »Viriditas wacht über dich und deine Kinder«, sagte sie leise und ein warmes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. »Die Wärme, die du gefühlt hast, war ihr Schutz und die Verbundenheit zwischen dir und ihnen. Was auch immer die Leute reden, was auch immer sie dir androhen: Sie können dir nichts tun. Solange deine Kinder in dir heranwachsen, bist du unantastbar.«

Das erste Mal, seit sie die Nachricht von Dûhirions Tod bekommen hatte, nahm Elanor ihre Schwangerschaft wieder bewusst wahr. Diese Kinder waren alles, was ihr von ihm geblieben war.

Die Waldelfin sammelte sich einen Moment lang. Sie empfand zu viel auf einmal; eine Mischung aus der anhaltenden Traurigkeit, Dankbarkeit und Verbundenheit – zu Noriel, zu ihren Kindern und zu Viriditas. Sie hatte befürchtet, diese Verbindung verloren zu haben, doch die Göttin hatte ihr auf dem Markt gezeigt, dass sie nach wie vor bei ihr war und schützend die Hand über sie hielt.

»Danke, Noriel«, murmelte sie.

Die Hochelfin vollführte einen eleganten Knicks. »Ich habe mich danach an eine Hohepriesterin gewandt. Sie erklärte mir, dass Viriditas zwar nicht allwissend sei, aber über die Dauer einer elfischen Schwangerschaft in die Zukunft blicken kann. Sie weiß genau, wann Mutter und die ungeborenen Kinder in Gefahr geraten werden. Um ihnen zu helfen, kann sie ihnen die Gabe der Magie verleihen, sofern ein Potenzial dafür vorhanden ist. Weil es so ein seltenes Phänomen ist, erwähnen die wenigsten Priesterinnen diese Tatsache vor den werdenden Müttern. Die Schwangerschaft ist schon aufregend genug und man will die Hühner nicht unnötig scheu machen, verstehst du?« Noriel musterte sie nachdenklich. »Als Hochelfin habe ich eine natürliche Affinität zur Magie. Das steckt uns im Blut. Hat Herr Faredir dir gegenüber je von Magiern in eurer Familie gesprochen?«

Elanor schüttelte den Kopf. »Nein, nicht dass ich wüsste. Ich habe allerdings auch nie danach gefragt.«

»Hmm.« Die Hochelfin tippte sich gegen die Unterlippe. »Dann solltest du das bald tun. Diese Gabe hat schon immer in dir geschlummert, genau wie in mir. Sie ist bei uns beiden erwacht, als wir in Bedrängnis kamen und uns zur Wehr setzen mussten.«

»Kannst du diese Fähigkeit heute noch nutzen?«, fragte die Waldelfin, nachdem sie sich gefangen hatte.

Noriel winkte ab. »Oh, vermutlich. Aber ich habe keinerlei Interesse daran, eine Magierin zu sein.« Sie legte einen ihrer schlanken Finger an ihr Kinn. »Obwohl es in manchen Situationen durchaus praktisch ist. Stell dir vor, wie nützlich es wäre, meine Haare mit nur einem Zauber zu bändigen und zu frisieren.« Die Hochelfin seufzte theatralisch. »Mir blieben so viele Stunden des Kämmens und Flechtens erspart.«

Elanor gluckste leise. »Ich dachte, es wäre Hochelfen ein grundsätzliches Vergnügen, ihr Haar zu pflegen.«

»Oh, das ist es«, sagte Noriel eifrig. »Aber an manchen Tagen findet man auch an den liebsten Tätigkeiten keinen Gefallen.«

»Nun, ich hoffe, du wirst Gefallen an deinem neuen Kleid finden.« Elanor deutete auf das Fenster, das sie in den hinteren Teil der Schneiderei blicken ließ. »Möchtest du mir folgen?«

»Sehr gerne«, flötete die Hochelfin.

»Wo ist Meira eigentlich?«, fragte Elanor beiläufig, während sie zurück ins Haus gingen.

Rhina blickte neugierig auf, als sie die Nähstube betraten. Fiona zischte ihren Namen und trieb sie streng an, sich ihrer Arbeit zu widmen.

»Grüße abermals, Frau Noriel«, rief Faredir von einem Tisch herüber, auf dem Stoffrollen ausgebreitet lagen.

Noriel winkte ihm. »Im Moment ist es mir lieber, wenn Meira zu Hause bleibt«, antwortete sie. »Seitdem die Farmen überfallen wurden, ist es Pflicht, seine Sklaven anzuleinen. Das hat keiner meiner Dunkelelfen verdient und Meira erst recht nicht. Ich will nicht, dass sie irgendwelchen Anfeindungen ausgesetzt ist. Im Haus sind meine Sklaven wenigstens davor sicher.« Sie stemmte die Hände in die schlanke Hüfte. »Aber auch dabei fühle ich mich nicht gut. Es ist fast so, als würde ich sie gefangen halten, verstehst du? Sie haben freien Zugang zu unserem Obstgarten und dem Hof, aber … das lässt es klingen, als wären sie Hunde, denen ich Auslauf gewähre. Ob es nun Dunkelelfen sind oder nicht: Sie sind keine Tiere. Sie haben gesunden Elfenverstand, empfinden und denken wie andere Elfen auch.«

»Ich denke, deine Sklaven wissen deine Bemühungen, sie zu schützen, sehr zu schätzen. Deine Einstellung Dunkelelfen gegenüber ist vernünftig und richtig«, sagte Elanor anerkennend. »Ich wünschte, es gäbe mehr, die so denken.« Unsere Haut ist verschieden, doch letztlich ist unser aller Blut rot, fügte sie innerlich hinzu.

Beide Frauen traten vor ein Holzgestell, an dem das Kleid hing. Es war in den traditionellen Farben des hochelfischen Adels gehalten. Die hellen und dunklen Blautöne harmonierten wunderbar miteinander, feine Stickereien aus silbernem Garn zierten die Ärmel und den Rocksaum. Kleidung für Hochelfen anzufertigen, bereitete ihr jedes Mal besondere Freude. Sie mochte es, mit farbigen Stoffen zu arbeiten, sich neue Kombinationsmöglichkeiten und Muster auszudenken. Waldelfen hielten die Tönung ihrer Kleidung unauffällig. Alles, was Elanors Volk trug, setzte sich aus Naturtönen zusammen. Ob es nun ein einfacher Arbeiter, eine Fürstin oder ein Bettler war. Weiß als Grundlage, kombiniert mit verschiedenen Braun- und Grüntönen.

Hochelfen hingegen wählten ihre Kleidungsfarbe nach Gesellschaftsschicht. Die Männer des Adels trugen helles und dunkles Rot, während sich die Frauen in Blaunuancen hüllten. In der Mittelschicht trugen die Männer satte und dunkle, die Frauen leuchtende und auffällige Farben. Die Unterschicht bekam das, was übrig war; Ausgebleichtes und Verwaschenes.

Elanors Fingerspitzen fuhren sacht über die feine Seide und glätteten letzte kleine Falten. »Gefällt es dir?«

Noriel betrachtete das Kleid und zeigte ein strahlendes Lächeln. »Elanor, du hast dich selbst übertroffen. Es ist wunderschön geworden.«

Der restliche Tag in der Schneiderei war nahezu unbemerkt an ihr vorbeigezogen wie die Regenwolken am Himmel. Es kam ihr vor, als hätte sie sich erst vor einer halben Stunde hingesetzt und begonnen.

Doch mittlerweile war es Abend, die Näherinnen und der Lehrling waren längst nach Hause gegangen, während Elanor ihre Tagesbeschäftigung fortsetzte: Löcher flicken, Fibeln, Schnüre und Knöpfe ersetzen, Säume erneuern.

Obwohl es ihr seit ihrem Gespräch mit Noriel ein wenig besser ging, wollte sie nicht nach Hause. Sie wollte nicht allein und ihren Gedanken ausgeliefert sein. Doch der Schlafmangel der letzten Tage machte sich mit jeder fortschreitenden Stunde bemerkbarer und inzwischen lag Müdigkeit bleiern über ihrem Haupt.

Sie arbeitete wie in Trance. Vollführte Bewegungen und Arbeitsschritte, ohne bewusst darauf zu achten, was genau sie da tat. Immer wieder sanken ihre Lider und sie musste sich zwingen, die Augen offen zu halten.

Faredirs Hand streifte ihre Schulter und sie sah von der Jacke auf ihrem Schoß auf. »Du schläfst mir bald im Sitzen ein«, sagte er sanft. »Für heute können wir schließen. Komm, ich bringe dich nach Hause.«

Elanor hielt ein Gähnen zurück. »Das musst du nicht. Du bist sicher auch müde und hast in den letzten Tagen schon so viel für mich getan. Du …«

»Ich muss nicht, aber ich will. Vor allem nach dem, was heute Morgen auf dem Markt passiert ist, möchte ich dich ungern alleine gehen lassen. Was ist, wenn dir aufgelauert wird?«

»Ich denke nicht, dass sie so weit gehen werden.« Das war gelogen. »Momentan sind die Leute einfach verunsichert. Die Rebellen sind uns näher gekommen, als es irgendwem lieb ist, und viele fühlen sich nicht mehr sicher.«

Faredir warf sich seinen Mantel über. »Und weil sie mit ihrer Angst nicht umzugehen wissen, müssen sie eine Schwangere drangsalieren?«

Elanor faltete die Jacke und legte sie auf den Stapel mit den anderen reparierten Kleidungsstücken. Sie erhob sich, klopfte die losen Fäden und Fransen von ihrem Rock. »Eine Schwangere, von der sie denken, dass sie eine Affäre mit einem ihnen verhassten Dunkelelfen hätte.«

Faredir trat zu ihr und umarmte sie. »Weißt du … es hat lange gedauert, bis ich den Tod deines Vaters verkraftet habe«, sagte er leise, während sie sich an ihn schmiegte. »Die ersten Tage danach waren grauenhaft. Es kam mir vor, als bewegte sich die Welt ohne mich weiter. Als befände ich mich in einer Wasserblase, in der die Zeit stehen geblieben ist. In der ich vollkommen abgeschottet und allein bin. Dein Vater hat mir viel bedeutet. Er war mein Bruder … mein Spiegelbild. Als er starb, fühlte es sich an, als hätten die Götter mich in zwei Hälften gerissen.«

Elanor nickte kaum merklich. Es war angenehm warm in seinen Armen und sie ließ ihre Augen zufallen. Genau so, wie er es beschrieb, hatte es sich angefühlt, als Maryn ihr die Botschaft überbrachte. Seither war sie wie ein dünnes Stück Stoff, an dem von allen Seiten gezerrt wurde. Jede Faser gab einzeln nach und inzwischen wurde sie nur noch von wenigen Fäden zusammengehalten.

»Was mir letztlich geholfen hat, darüber hinwegzukommen, warst du. Du warst noch so klein und plötzlich verloren ganz ohne deine Eltern. Ich wusste, dass du meine Hilfe brauchst. Also habe ich alles darangesetzt, dir eine schöne Kindheit zu schenken. Aber … ich war nicht immer erfolgreich damit, nicht wahr? Ich war nicht so oft für dich da, wie ich es hätte sein sollen.«

Elanor legte die Stirn in Falten. »Faredir …«

Das Gesicht ihres Onkels verdunkelte sich. »Sag mir nicht, dass das nicht wahr ist. Vor allem, nachdem Lornien verstorben ist, warst du den ganzen Tag alleine. Ich habe morgens das Haus vor dir verlassen und bin erst spätabends zurückgekommen.«

»Aber immer noch pünktlich, um mir eine Gutenachtgeschichte vorzulesen«, erwiderte Elanor leise. Lornien war seine erste Frau gewesen. Elanor erinnerte sich nur noch vage an sie. »Ohne die Schneiderei hätten wir kein Obdach, keine Kleidung oder Essen. Ich kann dir nicht zum Vorwurf machen, für unseren Lebensunterhalt gearbeitet zu haben.«

»Und trotzdem hätte ich mehr Zeit für dich aufbringen sollen«, murmelte er und strich ihr die Haarsträhne hinters Ohr, in die sie ein weißes Band eingeflochten hatte.

»Du hast getan, was du konntest, obwohl du es auch nicht leicht hattest. Mehr wollte ich nie«, raunte sie.

Faredir lächelte. »Ich weiß, dass der Schmerz jetzt unerträglich scheint. Jemanden zu verlieren, den man liebt, ist ein schweres Los. Deine Kinder werden dir die Kraft geben, weiterzumachen.«

»Wird es je aufhören wehzutun?«, fragte Elanor gedämpft.

Faredir schwieg einen Moment. »Nein. Aber du wirst lernen, mit dem Schmerz zu leben. Und eines Tages vielleicht eine neue Liebe finden. Ich dachte auch, dass ich mich nie wieder verlieben würde, nachdem Lornien gestorben ist. Und nun bin ich wieder verheiratet und liebe Panova über alles.«

Elanor löste sich langsam von ihm. »Ich hab dich lieb, Onkel.«

»Ich dich auch, mein Gänseblümchen.« So hatte er sie das letzte Mal genannt, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Faredir schloss seinen Mantel.

»Darf … ich dir noch eine Frage stellen?«

»Mhm«, brummte ihr Onkel.

Elanor starrte zögernd auf die eichenblattförmigen dunkelbraunen Holzknöpfe seines Mantels. »Gab es Magier in unserer Familie?«

Faredir runzelte die Stirn. »Wie kommst du darauf?«

»Noriel und ich haben uns heute darüber unterhalten, dass Hochelfen Magie im Blut haben«, erklärte Elanor rasch. »Sie sagte mir, dass jeder sie erlernen kann, wenn das Potenzial dafür vorhanden ist.«

»Ach, Kind. Was willst du denn mit Magie?«, seufzte ihr Onkel.

Elanor musterte ihre Hände. »Ich will meine Kinder und mich verteidigen können, aber körperlich habe ich einem Angreifer nicht viel entgegenzusetzen. Mit Magie allerdings …«

»Verstehe.« Faredir kratzte sich an der Augenbraue. »Nun, ich weiß nichts von Magiern in unserem Stammbaum. Allerdings reicht unsere Blutlinie mehrere Jahrhunderte zurück. Es ist also durchaus denkbar, dass sich unter ihnen ein Magier befunden hat. Aber setz nicht so viele Hoffnungen darauf. Selbst wenn es jemanden gab, der zaubern konnte, glaube ich nicht, dass du heute etwas davon hast. Mit solchen Gaben ist es wie mit Wein, den man mit Wasser aufgießt: Sie verdünnen mit der Zeit.« Er schwieg einen Moment. »Veilchen, wenn du um dein Wohlbefinden fürchtest, kannst du für die restliche Schwangerschaft bei Panova und mir wohnen. Wir gehen dann gemeinsam zur Arbeit und nach Hause.«

Elanor lächelte dankbar. »Ich denke darüber nach. Trotzdem wäre es durchaus praktisch, wenn ich Flammen in meinen Händen beschwören könnte, meinst du nicht auch?«

Ihr Onkel schmunzelte. »Mir würden schon Zaubersprüche für den Haushalt genügen. Einmal das.« Er schnipste mit den Fingern. »Und all der Schmutz ist fort, die Betten sind gemacht und das Essen steht warm auf dem Tisch.«

Sie verließen das Gebäude, und Faredir schloss die Tür hinter ihnen ab.

»Wo wir gerade von Panova sprachen, wie geht es ihr?«, erkundigte sie sich, um ein neues Thema in den Vordergrund zu rücken. Faredir hatte die Waldelfin kennengelernt, als Elanor sechzehn Jahre alt gewesen war, beinahe zehn Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau.

»Oh, es geht ihr gut«, entgegnete ihr Onkel leichthin. Er holte seinen Geldbeutel aus der Gürteltasche und zählte die Münzen. »Da fällt mir ein, dass ich ihr ein paar Blumen mitbringen wollte … Ah, würdest du mir helfen, einen Strauß für sie auszusuchen?« Er bot ihr seinen Arm an.

Elanor lächelte sacht und hakte sich bei ihm unter. Gemächlich schlenderten sie über den weitläufigen Markt Malachits. Wachsam ließ die Waldelfin den Blick schweifen. Die meisten Händler bauten ihre Stände ab. Diejenigen, die es nicht taten, bewarben ihre Güter für die Hälfte des Preises, die sie am Tage gekostet hatten.

Die Floristin, die sie letztlich ansteuerten, war eine Hochelfin, die in etwa in Noriels Alter sein durfte. Ihre Augen waren vom selben leuchtenden Gelb wie die Narzisse in ihrem langen weißen Haar.

»Willkommen! Ihr habt Glück, ich wollte gerade abbauen«, sagte die Floristin. »Was kann ich für Euch tun?«

»Ich suche Blumen für meine Liebste«, antwortete Faredir.

Träge senkte Elanor ihr Kinn in Richtung Brust. Gerne hätte sie sich gegen den Stand gelehnt und für ein paar Sekunden die Augen geschlossen. Sie war so verdammt müde.

Mit kühlen Fingern massierte sie sich die halb geschlossenen Lider, während sie vorgab, die Blumen vor sich besonders intensiv zu betrachten.

Letzte Nacht hatte sie wieder von Dûhirions Tod geträumt. Da sie nicht wusste, wie Umbra ihn getötet hatte, füllte ihre ausschweifende Vorstellungskraft die Lücken. Sie hatte ihn in ihren Träumen ertrinken oder von einem Strick hängen sehen. Hatte gesehen, wie man ihm den Kopf abschlug oder seine Kehle durchtrennte. Jedes Mal stand sie inmitten der jubelnden Meute und war unfähig, ihm zu helfen.

»Veilchen?«

Elanor blinzelte. »Entschuldige. Hast du etwas gesagt?«

»Nein, aber ich habe etwas für dich.« Er steckte ihr eine Blüte ins Haar. Ein Veilchen. »Eine Blume für meine Blume.«

Früher, als sie noch ein Kind gewesen war, hatte er das oft getan. Vor allem, wenn er lange arbeiten musste, war er mit einer Blüte für sie nach Hause gekommen, die er ihr ins Haar gesteckt hatte. Dass er diese kleine, liebevolle Geste nun wiederholte, rührte sie.

»Danke«, raunte sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Faredir nahm den fertigen Strauß von der Floristin entgegen und bezahlte. Dann gingen sie langsam weiter zu Elanors Haus.

»Kann ich dich etwas fragen?«, begann er, nachdem sie eine Weile still nebeneinander hergelaufen waren. »Warum liegt dir so viel an Dunkelelfen? Warum geht dir ihr Schicksal so nahe, dass du alles riskierst, um ihnen zu helfen?«

»Weil es sonst keiner tut«, antwortete sie, ohne zu zögern. »Es ist falsch, wie die Dunkelelfen Adulars behandelt werden. Die Freien Länder außerhalb des Kaiserreiches zeigen es doch deutlich. Dort sind die Dunkelelfen frei und ein Teil der Gesellschaft, statt ausgestoßen zu sein.«

»Gut, das verstehe ich.« Faredir nickte bedächtig. »Aber warum bist du so … offensiv mit deiner Hilfe?«

Elanor gluckste humorlos. »Weil einer aufstehen und zeigen muss, dass wir nicht alle gleich sind. Die Dunkelelfen sollen sehen, dass es Gutes gibt in dieser Welt. Es sind viele da draußen, die mit der Behandlung der Dunkelelfen nicht einverstanden sind. Irgendjemand muss den ersten Schritt machen.« Sie blickte gedankenverloren die Straße hinab. »Ich bin mitnichten die Einzige, die sich offensiv, wie du sagtest, für Dunkelelfen einsetzt. Arik und Nara zum Beispiel. Es ist kein Geheimnis, dass Dunkelelfen in Ariks Klinik umsonst behandelt werden. Nara hat sich etliche Male lautstark mit Sklavenhändlern gestritten. Ich will und werde nicht wegsehen und etwas hinnehmen, was mir zuwider ist.«

Ich weiß, wie es ist, Hilfe zu brauchen und keine zu bekommen, dachte sie. Ich weiß, wie es ist, wenn alle nur zuschauen, starren oder sich abwenden, statt einzugreifen. Ich kenne Hilflosigkeit. Ich werde es besser machen als diejenigen, die mich im Stich gelassen haben.

Sie sprach es nicht aus, wohl wissend, dass ihr Onkel sich davon verunsichert und gekränkt fühlen würde. Ihm warf sie nichts vor. Ihm nicht.

Faredir schwieg lange. »Du bist dir darüber im Klaren, dass so ein Leben gefährlich ist, nicht wahr?«

»Ja, durchaus. Und ich werde jetzt besser auf mich aufpassen müssen als zuvor.«

»Ist es das wert?«

Elanor nickte leicht. »Dankbarkeit zu erleben und Hoffnung zu schenken, ist jede Mühe wert.«

Kostete es, was es wollte. Nach Dûhirions Tod mehr denn je.

Kapitel 7 – Dûhirion

Elanor war bei ihm. Der erstickende Gestank des Kerkers war dem Duft von Lavendel, Bergamotte und Thymian gewichen. Sie stand still in einer Ecke und sah ihn an.

Er wollte sie berühren, ihre Wärme, ihre glatte, weiche Haut unter seinen Fingerspitzen spüren. Er wollte, dass ihre schlanken Finger seine Narben sanft nachzeichneten und das Hässliche, das Schändliche auf seinem Körper nichtig werden ließen. Wollte sie im Arm halten und sich von ihr in einen erholsamen Schlaf wiegen lassen.

Stattdessen glaubte er immer noch, das Brandeisen zu spüren, das sich zischend in seine Haut fraß. Seine Stirn schien fort zu sein, ein ausgebranntes schwarzes Loch schwelender Pein. Sein Kopf fühlte sich an wie glühendes Glas, das von einem untalentierten Glasbläser in eine missgestaltete Form gebracht wurde.

»Keine Sorge, die Geburt ist gut verlaufen«, sagte die Waldelfin leise.

Er blinzelte träge. Die Zeit ihrer Schwangerschaft war bereits vorbei? Wann hatte sie ihre Kinder zur Welt gebracht?

Elanor lächelte traurig und strich über ihren flachen Bauch. »Es geht ihnen gut. Ich beschütze sie.«

Natürlich tust du das, dachte Dûhirion und merkte, wie ebenfalls ein Lächeln an seinen Mundwinkeln zupfte. Du würdest nicht zulassen, dass ihnen etwas passiert.

»Möchtest du sie sehen?«, fragte Elanor.

Er nickte kaum merklich. »Ja, bitte«, flüsterte er heiser.

Die Waldelfin blickte über die Schulter und gebot jemandem, der außerhalb seiner Sichtweite stand, mit einer Kopfbewegung vorzutreten. »Kommt her«, bat sie sanft.

Zwei Elfenkinder traten an ihre Seite. Die beiden waren fünf oder sechs Jahre alt.

Dûhirion runzelte die Stirn und ignorierte den scharfen Schmerz, der über seinen Scheitel fuhr.

War so viel Zeit vergangen?

Er musterte die beiden abwechselnd. Das Mädchen hatte langes, braunes Haar und kleine Sommersprossen auf den Wangen und der Stupsnase. Der Junge hingegen war schwarzhaarig. Als er gähnte, entblößte er eine Zahnlücke im Oberkiefer. Beide Kinder hatten einen sichtbaren Graustich in der bronzefarbenen Haut. Beide hatten violette Augen.

»Das sind sie«, murmelte Dûhirion und seine Kehle zog sich zusammen.

Elanor nahm den Jungen auf den Arm, der sich müde die Augen rieb. Er lehnte den Kopf an ihre Schulter. Das Mädchen griff nach ihrer Hand und wippte unruhig auf den Fußballen auf und ab, musterte ihn mit unverhohlener Neugier.

»Das ist euer Papa«, verkündete die Waldelfin mit belegter Stimme. »Umbra wird ihn uns nehmen. Die Gilde ist schuld daran, dass ihr ihn nicht kennenlernen werdet.« Unglücklich blickte sie zu ihm zurück. »Und daran, dass er nie erleben wird, wie ihr aufwachst.«

»Elanor …« Der Dunkelelf versuchte vergeblich sich aufzurichten. »Elanor, es tut mir leid, ich …«

Sacht strich die Waldelfin dem Mädchen über den Kopf. »Ich weiß.« Sie seufzte und wischte sich über die Augen. »Mir auch …«

Die Frau in der Zelle gegenüber wimmerte. Das Echo von sich nähernden Schritten erfüllte den gesamten Gang. Dûhirion schreckte auf.

Nicht Hastor, dachte er und sein Blick huschte unstet an den Gitterstäben entlang. Zwei Beinpaare. Die erste Person muss sich bemühen, um mit der zweiten mithalten zu können. Vielleicht Jonna?

Elanor war verschwunden, ebenso ihr Duft und das ferne Gefühl von Vertrauen und Sicherheit.

Schwerfällig hob er den Kopf und für den Bruchteil einer Sekunde keimte Erleichterung in seiner Brust, als er die Heilerin mit einer Wache vor seiner Zelle erblickte. Doch dieser Keim wurde von blanker Angst erstickt, als er sah, dass der Gildenmeister sie begleitete.

Ich habe einen Fehler gemacht, raste es durch seinen Kopf, und seine Angst wuchs mit der Erkenntnis. Drei Personen, nicht nur zwei. Drei. Eine von ihnen hat den Schritt eines Assassinen. Hätte ich hören müssen, hätte ich …

»Öffnet die Tür«, wies Taremia die Wache an.

Der Schlüssel schob krachend das Schloss zur Seite, und die Wache zog die Zellentür auf. Jonna warf der Hochelfin einen prüfenden Blick zu und erhielt ein bestätigendes Nicken. Die Heilerin kniete sich zu ihm und sprach einen Zauber. Dûhirion schwieg, wartete angespannt.

»Diagnose?«, fragte Taremia.

Jonna zählte eine detaillierte Liste seiner Verletzungen auf, der er nicht folgen konnte.

»Dûhirion.« Die scharfe Stimme der Hochelfin befreite ihn aus dem Kreis seiner Gedanken. »Seht mich an!«

Der Dunkelelf gehorchte stumm und drehte den Kopf zu ihr. Die kalten Augen Taremias musterten ihn eingehend. »Senkt das Fieber und sorgt dafür, dass er gerade gehen kann!«

Magie kitzelte erneut seine erhitzte Haut und er hörte auf, darüber nachzudenken. Wie und warum auch immer es geschah, er war jedes Mal dankbar, dass sich überhaupt ein Heiler um ihn bemühte.

Jonna hob seinen Kopf an und setzte eine Flasche an seine Lippen. Der herbe Geschmack von Kräutern flutete seinen Mund. Er schluckte langsam; die Flüssigkeit war dick und zäh, dafür angenehm kühl und eine Wohltat für seinen trockenen Hals.

Ihre Hand, in der sich die heilende Magie sammelte, ruhte auf seiner Brust. Die Schmerzen schwanden und er spürte, wie das Fieber regelrecht aus seinem Körper gesogen wurde. Jonna setzte die Flasche ab und Dûhirion seufzte erleichtert.

»Darf ich … ihm etwas Wasser geben?«, fragte die Heilerin vorsichtig.

»Nein«, antwortete der Gildenmeister knapp. »Wir bringen ihn gleich zum Schafott, dafür verschwende ich kein Wasser.«

Dûhirion leckte sich über die Lippen, nahm die letzten Tropfen der Flüssigkeit auf. Das musste ihm genügen.

Der letzte Geschmack, den ich je wahrnehmen werde, dachte er. Wie hatten Elanors Lippen geschmeckt?

Jonna richtete sich auf und gab zu verstehen, dass sie fertig war. Sie warf ihm einen letzten Blick zu, in dem sich aufrichtiges Mitleid spiegelte, bevor sie aus der Zelle trat.

Es überraschte Dûhirion, dass die Heilerin Mitgefühl für Assassinen übrig hatte. Gerade sie musste doch wissen, welche Personen sich zwischen den Mauern Umbras bewegten.

Taremia trat an ihn heran, löste die Fesseln von seinen Knöcheln und warf eine Hose neben ihn. »Zieht Euch etwas über und dann steht auf«, befahl sie. »Euren letzten Gang sollt Ihr aufrecht antreten. So viel Stolz sei einer Schattenklinge gewährt.«

Dûhirion hatte einige Schwierigkeiten, ihrer Anweisung zu folgen. Seine Bewegungen fühlten sich unnatürlich an. Jedes Mal bildete er sich ein, ein Geräusch zu hören, das klang, als würden Stiefel über Glassplitter gehen. Der Schmerz jedoch blieb aus.

»Ich will ehrlich zu Euch sein, Dûhirion. Ich glaube Euch«, sagte Taremia. »Eure Argumentation war schlüssig und ich bin ebenfalls der Überzeugung, dass Valion es nicht riskieren wird, seine Pläne mit jemandem wie Euch zu teilen. Ihr steht ihm zu nahe. Leider bringt Euch das herzlich wenig, solange Hastor Euren Kopf verlangt. Er ist es, der Euch hinrichten lassen will, nicht Umbra.«

Tröstlich, dachte Dûhirion in einem Anflug von lange vermisstem Sarkasmus. »Ich verstehe.«

Der Dunkelelf hievte sich an den Gitterstäben auf die betäubten Füße. Eine Wache löste das Ende der Kette vom Metallhering im Boden außerhalb der Zelle, und Taremia zog sie durch die Stäbe zu sich. Ohne ein weiteres Wort führte sie ihn daran mit sich.

Das sind meine letzten Schritte. Dûhirion beobachtete schweigend seine nackten Füße und seinen humpelnden Gang. Woran denkt ein Elf kurz vor seinem Tod? Woran haben meine Opfer gedacht? Blieb ihnen überhaupt genug Zeit, um darüber zu sinnieren, was Leben und Tod für sie bedeutet?

Der Dunkelelf fürchtete den Tod nicht, hatte er nie. Er fürchtete, was er zurücklassen würde. Wenn das seine letzten Momente sein sollten, wollte er sie Elanor widmen. Gedanklich durchschritt er die vielen Erinnerungen, die er mit ihr verband. Die guten wie die schlechten.

Er dachte an den Tag, an dem er sie das erste Mal gesehen hatte. An den ersten Kuss, die erste Nacht, die er mit ihr geteilt hatte. Den ersten Streit, der in gegenseitigem Geschrei geendet hatte. Die Vergebung, die auf die Wut gefolgt war. Sie waren früher häufiger aneinandergeraten. Doch egal wie hitzig sie sich gestritten hatten, sie fanden danach zusammen, sprachen sich aus und verziehen einander. Dûhirion wusste nicht, ob es bei einer anderen Person ebenso gut verlaufen wäre.

Taremia und er traten ins Freie. Es war überraschend hell draußen. Die Sonne schien von einem nahezu wolkenlosen Himmel. Seine nackten Füße traten auf kühlen, vom Regen aufgeweichten Boden.

Es war … schön. Die Abendsonne wärmte ihn, der frische Wind wehte angenehm durch sein strähniges Haar. Er spürte den Schlamm zwischen seinen Zehen, das niedrige Wasser einer flachen Pfütze.

Auf dem weitläufigen Hof hatten sich hauptsächlich dunkelelfische Assassinen versammelt. Der Scharfrichter erwartete ihn auf dem Schafott.

Von Hastor fehlte jede Spur. Wahrscheinlich hätte er Dûhirions Hinrichtung gerne beigewohnt, konnte allerdings nicht riskieren, dass seine Anwesenheit hinterfragt wurde. Niemand außer Taremia und ihm wussten um Hastors Identität als Oberster.

Mühsam erklomm er die drei Stufen zum Schafott. Oben angekommen, befreite der Henker ihn vom eisernen Halsband. Dûhirions Blick wanderte vom Gildenmeister zum Scharfrichter und zurück in die Menge. Er hätte einige von ihnen erkannt, von den meisten sogar den Namen nennen können. In diesem Moment aber verschmolzen sie zu einem Ganzen; einer anonymen Masse aus Gesichtslosen, die Zeuge seines Todes werden sollten.

Taremia verlas die Anklageschrift. Dûhirion hörte ihr nicht zu, schnappte bloß einzelne Wörter auf. Valions Nummer fiel, ›Rebellen‹, ›Hochverrat‹. Die Menge blieb unbewegt, versteinert. Nicht einem war danach, laut zu jubeln, zu johlen oder Steine nach ihm zu werfen. Sie standen still und warteten.

Er fand Maryn in der vordersten Reihe. Er hatte gehofft, sie nicht hier zu sehen. Die Zwergin blickte direkt zu ihm auf und zog langsam ihr Tuch von Mund und Nase.

»Habt Ihr noch etwas mitzuteilen, Nummer Siebenunddreißig?«, fragte Taremia.

Er starrte weiterhin die Zwergin an. Ihre vernarbten Lippen zitterten, obwohl ihre Miene ausdruckslos blieb. Wenn es so sein sollte, dann wollte er wenigstens, dass das Letzte, was er sah, das vertraute Gesicht einer Freundin war.

Er war kein Elf großer Worte. Niemand, der eine flammende Rede zu seiner Verteidigung hielt, den gegenwärtigen Assassinen die Gedanken von Freiheit und Widerstand einimpfte.

Langsam ließ er den Blick durch die Menge schweifen. Er könnte sich todesverachtend geben, einen sarkastischen Einzeiler ausspucken. Er könnte die Gelegenheit nutzen und die Gilde auf alle erdenklichen, kreativen Arten beleidigen.

Aber nein. All das würde er nicht tun.

Was nützte es ihm? Er war zu müde.

Nur ein Gedanke, dachte er. Wer von euch ist aus freien Stücken hier? Wer wurde seiner Familie entrissen, auf offener Straße entführt oder für ein paar rostige Kupfertaler verkauft? Wie oft habt ihr euch während eurer Ausbildung die Kehle wund geschrien? Umbra sagt uns, dass wir als Dunkelelfen dankbar sein sollen. Wir bekommen ein Dach über dem Kopf, saubere Betten, genug Essen und Zugang zu Bildung. Doch ist der Preis, den wir dafür gezahlt haben, die Sache wert? Vielleicht hat Valion recht mit dem, was er tut. Vielleicht sollte diese Gilde gestürzt werden.

Dûhirion schüttelte stumm den Kopf.

Maryn presste ihre Lippen aufeinander, die Kiefermuskulatur sichtbar angestrengt. Sie wollte ihn offenbar nicht sterben sehen. Dennoch war sie hier, damit er es nicht allein tun musste.

»Scharfrichter, waltet Eures Amtes«, wies Taremia in neutralem Tonfall an.

Der Scharfrichter zögerte. Seine behandschuhten Finger griffen die schwarze Kapuze, mit der sein Gesicht verdeckt war, und zogen sie von seinem Kopf. Dûhirion war wenig überrascht, einen Dunkelelfen zu erkennen. Dass der Henker sein Gesicht preisgab, verwunderte ihn hingegen sehr.

»Was soll das?«, fragte Taremia scharf.

Der Henker ließ wortlos seine schwere Axt fallen.

Noch bevor sie auf die Bretter des Schafotts schlug, brach in der Menge das Chaos aus. Einige Dunkelelfen zückten Dolche und griffen ihren Nebenmann an.

Dûhirion beobachtete, wie eine Klinge bis zum Heft in der Schläfe eines Waldelfen versank, bevor sie ruckartig herausgerissen und einer Menschenfrau in den Hals gestochen wurde.

Die Tür zum Hof wurde aufgestoßen und mindestens sieben Dunkelelfen stürmten nach draußen. Sie trugen die unverkennbare Kluft der Rebellen: rote Stirnbänder, dunkle Hemden und graue Hosen, weiße Mäntel.

Taremia lief an ihm vorbei, Feuer bündelte sich in ihren Händen. Aus dem Augenwinkel sah Dûhirion, dass der Scharfrichter sein Kurzschwert gezogen hatte und auf sie zustürzte. Sie bemerkte ihn nicht, war auf das blutige Durcheinander fokussiert.

Der Henker holte zum fatalen Schlag aus. Dûhirion rief der Hochelfin etwas zu und warf sich mit seinem vollen Körpergewicht gegen den Scharfrichter.

Taremia entging dem tödlichen Schwerthieb. Der Scharfrichter stolperte lediglich zur Seite, packte ihn am Hals und warf ihn von sich wie eine lästige Strohpuppe.

Dûhirion stürzte vom Schafott. Stöhnend wälzte er sich auf die Seite.

Das war seine Chance zu entkommen. Nur wie? Er war unbewaffnet, verletzt und seine Hände waren immer noch gefesselt.

Der Dunkelelf kam auf die Beine und humpelte geduckt am Pulk vorbei. Der Boden unter ihnen färbte sich zunehmend rot, sie kämpften zwischen Leichen und Sterbenden.

Plötzlich packte ihn jemand, und ein kräftiger Unterarm legte sich von hinten um seine Kehle. »Du hast es gewusst«, zischte eine Frau hasserfüllt. »Du hast gewusst, dass sie kommen.«

»Lass mich los«, keuchte Dûhirion schwerfällig. Er konnte kaum noch atmen. Hilflos wollte er hinter sich schlagen, doch die Ketten schränkten seine Armbewegungen zu sehr ein.

»Einen Scheißdreck werde ich«, bellte sie, während sie ihn in Richtung Bühne zerrte.

Er verdrehte die Augen, um zu erkennen, was sie vorhatte. Es war eine Menschenfrau, die ihn festhielt. Sie presste sich mit dem Rücken gegen das Schafott, schützte sich so vor hinterhältigen Angriffen und konnte gleichzeitig das Schlachtfeld weiter überblicken.

»Ihr werdet mir das nicht nehmen.« Sie drückte fester zu. »Ich bringe dich um und jeden einzelnen Rebellen, der es wagt, die Gilde zu betreten.«

Er bekam endgültig keine Luft mehr. Seine Gegenwehr war vergeblich, sandte lediglich Wellen der Pein durch seinen geschundenen Körper. Er wand sich in ihrem eisernen Griff, seine gebrochenen Finger versuchten ihre Handgelenke zu greifen und sich von ihr zu befreien.

Dûhirion öffnete den Mund, wollte sie erneut auffordern, ihn loszulassen. Doch statt Worten drang lediglich ein heiseres Röcheln aus seinem Rachen. Sein Blick raste über den Boden, suchte verzweifelt nach irgendetwas, was ihm helfen konnte, obwohl er wusste, dass es nichts geben würde.

Nicht weit von ihm lag die Leiche eines männlichen Zwergs, den er nie zuvor in dieser Zuflucht gesehen hatte, in einer Blutlache. In seiner Kehle klaffte ein breiter Schnitt. Seine leeren Augen, deren Farbe an getrocknetes Gras erinnerte, starrten Dûhirion an.

Du bist zu schwach und wirst sterben, sagte der Tote, ohne seine vernarbten Lippen zu bewegen.

Die Menschenfrau kicherte gehässig, schien seinen Todeskampf zu genießen. Seine Beine zuckten im aussichtslosen Versuch, sie von sich zu treten. Schwarze Ränder engten sein Sichtfeld mehr und mehr ein. Nicht mehr lange, und blinde Schwärze würde ihn gänzlich umhüllen. Der aufkommende Schwindel ließ seinen Widerstand langsam ermatten.

Dann verschwand der Druck um seinen Hals plötzlich. Dûhirions Körper verkrampfte, er brach zusammen und schnappte japsend nach Luft.

Eine vertraute Stimme drang an sein Ohr: »Habe ich dich.«

»Va…lion?«, krächzte der Dunkelelf überrascht.

»Ich bringe dich hier raus«, sagte Valion knapp und kniete sich zu ihm. Seine Hand sowie die Klinge, die er hielt, waren blutverschmiert. Rote Sprenkel bedeckten sein Gesicht, Blut tränkte seine Kleidung. Sein Blick raste unstet über das Kampfgeschehen. »Kannst du aufstehen?«

»Nein«, antwortete Dûhirion wahrheitsgemäß.

»Dann werde ich dich tragen müssen«, murmelte Valion.

Er half ihm hoch, streckte den Kopf durch seine gefesselten Arme hindurch und hob ihn huckepack auf seinen Rücken.

Dûhirion erblickte die Menschenfrau, die ihn hatte töten wollen, am Boden. Ein Handbeil steckte in ihrem gespaltenen Schädel.

Ein Assassine stellte sich ihnen in den Weg. »Du wirst niemanden raustragen.« Der Waldelf fletschte drohend die Zähne und richtete sein Schwert auf sie. »Dreckiger Verräter.«

Eine blutrote Pfeilspitze bohrte sich durch seine Kehle. Erschrocken riss er die Augen auf, sein Körper zuckte weitere Male zusammen und fiel dann, mit dem Gesicht nach unten, zu Boden. Drei gezielt abgefeuerte Pfeile steckten in seinem Rücken.

Dûhirion hielt nach dem Schützen Ausschau und kreuzte den Blick mit Maryn, die langsam ihren Bogen senkte. Sie nickte ihnen zu und deutete mit einer knappen Kopfbewegung zum Ausgang.

Dann verschwand die Zwergin im Kampfgetümmel und Valion rannte in die entgegengesetzte Richtung los.

Kapitel 8 – Nara

Nara war in den frühen Morgenstunden nach Malachit zurückgekehrt. Fünf Tage lang hatte sie sich mit einer Jägergemeinschaft im Wechselwald aufgehalten. Wenngleich sie diese Zeit sehr genossen hatte, war sie dieses Mal nicht mit demselben Eifer dabei gewesen wie sonst. Die Anfeindungen gegen sie und ihren Bruder waren im gleichen Maße gewachsen wie die gegen Elanor. Allerdings hatte Arik es für besser gehalten, die Waldelfin nicht unnötig zu beunruhigen und erst einmal Stillschweigen darüber zu bewahren.

Nara ging mit nachdenklich gesenktem Kopf durch Malachits Straßen, die zu dieser Zeit nahezu leer waren. Einzelne Passanten huschten müde und ebenso still an ihr vorbei.

Niemand sollte um diese Zeit auf den Beinen sein, dachte sie.

Aber das Tagesgeschäft wartete nicht auf Langschläfer. Sie zog einen Karren hinter sich her, der inzwischen deutlich weniger Gewicht hatte als bei ihrer Ankunft. Die Hauer, einige Knochen und Geweihe hatte sie an einen Schmuckhersteller verkauft. Das Fleisch hatte einer der anderen Jäger mitgenommen. Er würde es bei sich pökeln und räuchern und ihr später ihren Anteil der Beute zukommen lassen. Nun befanden sich nur noch die Felle auf dem Karren, die sie dem Gerber bringen wollte.

Ihr erster Weg jedoch hatte sie an Elanors Haus vorbeigeführt. Bloß zur Kontrolle, ob sich erneut Vandalen daran vergriffen hatten. Doch alles war ruhig gewesen. Nara würde die Waldelfin im Laufe des Tages besuchen, um sich nach ihrem Befinden zu erkunden.

Sie trottete gemächlich durch eine engere Gasse, stets darauf bedacht, mit ihrem Karren nirgendwo hängen zu bleiben. Das Gerberviertel ließ sich schon von Weitem riechen. Der Gestank von frischem Leder war unverwechselbar, und Nara war sich oftmals nicht sicher, ob sie ihn mochte oder verabscheute.

Einerseits hatte er etwas Familiäres, weil ihr Vater sein Leder selbst verarbeitet hatte. Er war Jäger gewesen und hatte ihr alles beigebracht, was sie wusste. Der Geruch von Leder war Teil ihrer Kindheit. Andererseits jedoch gab es wesentlich angenehmere Düfte, mit denen man seine Nase füllen konnte. Frisches Gras, Herbstlaub, Kuchen …

Naras Magen knurrte. Es wurde höchste Zeit für ein Frühstück.

Sie fand den Gerber auf dem Hof außerhalb seiner Werkstatt. Er stand vor einem schräg aufgestellten Holzblock, der als Unterlage für das Fell diente, das er gerade bearbeitete. Nicht weit von ihm befand sich ein Bottich, der mit gebranntem Kalk gefüllt war.

»Guten Morgen«, rief Nara und hob grüßend die Hand.

Der Gerber ließ sein Schabemesser sinken, mit dem er die Fleischreste von der Innenseite des Fells entfernte. »Ihr seid es.«

Nara runzelte die Stirn. Derart unfreundlich war sie von ihm bisher nie empfangen worden. Für gewöhnlich freute er sich, sie zu sehen, denn die Felle, die sie ihm brachte, waren stets von guter Qualität.

»Ich habe etwas für Euch.« Sie wies mit einer ausladenden Geste auf ihren Karren. »Vorwiegend Reh- und Hirschfelle. Ein paar Wildschweine sind auch dabei.«

Der Gerber seufzte und wischte sich die Hände an seiner Schürze ab. »Es tut mir leid, aber ich werde Euch die Felle nicht abkaufen.«

»Warum nicht?«, fragte Nara verständnislos.

»Warum sollte ich Euch mein hart verdientes Gold geben, wenn Ihr es ohnehin nur diesen gierigen Grauhäuten in den Rachen werft?«, erwiderte er verächtlich.

Nara glaubte einen Moment, sich verhört zu haben. »Meint Ihr das ernst?«

Der Gerber musterte sie abschätzig. »Ihr und Euer Bruder führt eine Klinik, in der die Grauhäute ein und aus gehen. Deus allein weiß, welche grässlichen Krankheiten hinter diesen Wänden brodeln.« Er wies mit seinem knotigen Zeigefinger auf sie. »Ihr seid doch dafür bekannt, ständig das Maul aufzureißen, wenn es um diese Staubfresser geht. Es heißt, man hat Euch oft in die Aschegrube hinabsteigen sehen. Was habt Ihr da verloren, hä?«

»Nehmt Euren dreckigen Finger aus meinem Gesicht!« Nara schlug seine Hand fort. Ihr stieg vor Wut die Galle in den Rachen. Als wäre sie die einzige Person in ganz Malachit, die das Elendsviertel der Dunkelelfen betrat. »Unsere Klinik hilft denjenigen, die nichts haben, die von allen mit Füßen getreten werden. Ich verstehe nicht, was daran verwerflich sein soll.«

»Es sind Dunkelelfen«, antwortete der Gerber schlicht.

»Na und?«, fauchte Nara. »Seid Ihr schon einmal auf die Idee gekommen, dass die Rebellen nur deshalb so stark werden konnten, weil es Vollidioten wie Euch gibt?«

Der Gerber zog die buschigen Brauen zusammen und betrachtete sie argwöhnisch. »Das habt Ihr da also verloren«, knurrte er. »Ihr arbeitet den Rebellen zu. Würde mein Gold dahin fließen? In die gierigen Griffel der Rebellen?«

»So ein Schwachsinn«, rief Nara aus und rang wütend die Hände. »Ich habe nie gesagt, dass ich …«

Der Gerber stoppte sie mit einer scharfen Geste. »Verschwindet! Und betet dafür, dass ich Euch nicht der Stadtwache melde! Ich bin mir sicher, Hastor Adaël hätte einige Vorschläge, was man mit einer verräterischen Hure wie Euch anstellen sollte.«

Nara schluckte das, was sie erwidern wollte, runter. Zusammen mit dem Drang, ihm auf die schmutzigen Stiefel zu spucken. Sie packte ihren Karren und drehte wortlos um.

Es verging eine Stunde, bis sie endlich jemanden fand, der ihr die Felle abkaufte. Für wesentlich weniger Gold, als es ein Gerber getan hätte, aber im Viertel hatte sie jeder fortgeschickt. Sie selbst konnte die Felle nicht verarbeiten und wollte sie keinesfalls ungenutzt verwesen lassen.

Frustriert und mit geringerem Lohn als erhofft kehrte sie nach Hause zurück. Dort erwartete sie jedoch die nächste böse Überraschung.

Nara stemmte die Hände in die Hüfte und betrachtete mit grimmiger Miene die Hausfassade. Sie wollte den Ursprung der meisten Flecken gar nicht kennen, den Gerüchen nach handelte es sich jedoch um diverse Körperausscheidungen. In der Tür von Ariks Klinik klaffte ein Loch, das groß genug war, damit sie ihren Kopf hindurchstrecken könnte. Es war lediglich mit einem Leinentuch verhängt worden. Die Laterne darüber war zerschlagen, die Scherben befanden sich noch auf den Treppenstufen.

Nara seufzte leise und wischte sich das schwarze Haar aus der Stirn. Sie hätte einfach nicht auf die Jagd gehen sollen. Dann wäre sie hier gewesen, um diese verfluchten Vandalen zu verprügeln.

An der Wand zwischen ihrem Wohnhaus und der Klinik hing ein Zettel. In großen Lettern stand dort: ›Bürger Malachits! Seuchen und Tod lauern an diesem Ort! Dunkelelfen gehen ein und aus, bekommen Heilung und lassen Krankheiten zurück! Meidet den Magier!‹

Wütend riss sie das Papier ab und zerfetzte es in so viele kleine Stücke wie möglich. »Idioten«, rief sie laut. »Idioten, wohin man blickt.«

Nara rieb sich mit dem Handballen die Stirn. Das konnte alles nicht wahr sein. Fünf Tage war sie nicht in Malachit und alles ging vor die Hunde.

Wie oft hat man uns wirklich gesehen, wie wir in die Aschegrube gegangen sind?, fragte sie sich im Stillen. Haben wir die Tunnel nicht oft genug benutzt? Waren wir zu offensichtlich?

Sie schüttelte den Kopf. Es war Bewohnern der Oberstadt nicht verboten, die Aschegrube zu betreten und dort zu tun oder zu lassen, was auch immer sie wollten. Das war die Freiheit, die die Dunkelelfen nicht besaßen. Wenn sie mit der Weißen Feder in das Elendsviertel gegangen war, dann ausschließlich über die Tunnel.

Das ist alles nur Gerede. Ich wette, er hat vom Cousin eines Bruders eines Bekannten gehört, dass seine Frau mich neulich Nacht bei Vollmond nackt in der Aschegrube hat tanzen sehen.

Nara stellte ihren Karren hinter dem Haus ab und betrat durch die Hintertür das Wohnhaus. Es lag direkt neben der Klinik und war über eine Seitentür mit ihr verbunden. Arik musste beschäftigt sein, wenn er die Unordnung draußen noch nicht beseitigt hatte.

»Ich sagte Euch bereits, dass das Wohl meiner Patienten für mich an oberster Stelle steht.« Arik sprach betont geduldig.

»Wäre dem wirklich so, würdet Ihr dafür sorgen, dass er endlich wieder auf den Beinen ist und mit mir flüchten kann«, erwiderte eine ihr unbekannte männliche Stimme hitzig. »Umbra ist uns auf den Fersen und wir sind schon viel zu lange hier. Ihr sagtet, er wäre heute früh endlich reisefertig. Denkt Ihr, die Gilde macht halt vor Euch, weil Ihr ein Heiler seid?«

Nara hielt inne. Ihr gefiel der Ton des Fremden nicht. Noch weniger gefiel ihr, was er von sich gab. Mit Umbra wollte sie so wenig wie möglich zu tun haben, und der Gedanke, dass Gildenmitglieder hier auftauchen könnten, bereitete ihr Bauchschmerzen.

Bruderherz, ich habe dir unzählige Male gesagt, dass du nicht jeden reinlassen sollst, dachte sie und wischte sich wieder Haarsträhnen aus den Augen. Erst recht keine verdammten Assassinen.

»Sie werden vor mir haltmachen, weil ich ein Magier bin«, antwortete Arik. Schritte durchquerten den Raum nebenan. »Auch Schattenklingen überlegen es sich zweimal, ob sie einen Magier angreifen oder nicht.«

Er klang gelassen genug, dass sich Nara keine Sorgen um ihn machte. Immerhin wurde er von der Schattenklinge nicht als Geisel gehalten. Vermutlich. Wenn sie es genauer bedachte, konnte man das bei ihrem Bruder nie gänzlich wissen. Er schaffte es, auch in Gefahrensituationen so zu klingen, als spräche er über das Wetter.

»Nicht, wenn sie selbst Magier sind«, gab der Fremde zurück.

»Dann wissen sie immer noch nicht, wozu ich imstande und ob ich eventuell mächtiger bin«, sagte Arik schlicht. »Ich verstehe Eure Sorge, und Euer Argument hat durchaus Berechtigung. Aber Dûhirion braucht Ruhe. Außerdem hätte er wahrscheinlich gerne Mitspracherecht, was seine Flucht angeht.«

Nara zog die Brauen hoch. Dûhirion war hier? Das änderte die Dinge erheblich. Wusste Elanor davon?

»Arik«, flötete sie laut und ungemein fröhlich trotz ihrer Bedenken. »Deine allerliebste Lieblingsschwester ist zurück.«

Auf die überraschte Stille folgten gedämpfte, hastige Worte.

»Arik?«

»Ich bin in der Klinik«, rief der Heiler zurück.

»Niemand kommt hier rein«, sagte der Fremde nachdrücklich.

»Das ist meine Schwester, wie Ihr gehört habt«, erwiderte Arik genervt.

Nara schnaubte und ging hörbar auf die Tür zu. »Und ich lasse mich sicher nicht aus meinen eigenen vier Wänden aussperren.«

»Öffnet nicht«, wies der Fremde deutlich drohender an.

Nara drückte die Klinke nach unten und stellte stirnrunzelnd fest, dass abgeschlossen war. Sie klopfte kräftig. »Arik?«

Ihr Puls beschleunigte sich. Sie fühlte sich, als wäre sie gerade auf eine Wildschweinmutter mit ihren Frischlingen gestoßen. Allein, unbewaffnet.

Sie klopfte abermals, rief alarmiert den Namen ihres Bruders.

»Es ist alles in Ordnung, Nara«, beschwichtigte Arik. »Warte, ich …«

Nara hörte einen dumpfen Schlag.

Er bricht ihm die Knochen. Der panische Gedanke schrie laut in ihrem Kopf auf.

»Niemand kommt hier rein oder raus«, grollte der Fremde.

Nara stürzte nach draußen, nahm den Bogen von ihrem Rücken und einen Pfeil aus dem Köcher.

»Und wer seid Ihr, dass Ihr glaubt, mir etwas in meiner Klinik befehlen zu können?«, zischte Arik. Seine Stimme wurde durch das Loch in der Tür getragen.

Nara holte den Schlüssel für die Vordertür der Klinik aus ihrer Tasche und schob ihn ins Schloss.

»Ich warne Euch, Heiler.« Der Fremde sprach betont kalt und ruhig. »Treibt es nicht zu weit! Ich kenne Euch nicht und ich vertraue Euch nicht. Es ist mir egal, wer vor der Tür steht. Solange Dûhirion bewusstlos ist und mir nicht bestätigen kann, dass sie keine Gefahr darstellt, werdet Ihr sie nicht einlassen.«

Sie biss die Zähne zusammen und schob die Tür leise auf.

»Haltet Ihr es für klug, einen Magier zu bedrohen, Valion?«, fragte Arik gepresst.

Ein rothaariger Dunkelelf hielt ihn am Kragen gepackt und drückte ihn gegen die Verbindungstür. Seine dunklen Augen fixierten das Gesicht des Heilers. »Wollt Ihr es drauf ankommen lassen, ob Ihr schneller zaubern könnt, als ich eine Waffe zücke?« Aus seiner linken Armschiene schoss eine verborgene Klinge. »Ich denke nicht.«

Brennender Zorn explodierte in Naras Brust und raubte ihr sekundenlang den Atem wie ein Schlag in den Bauch. Rasch hob sie den Bogen, spannte die Sehne und richtete die Pfeilspitze zielend auf den Fremden.

»Lass ihn sofort los«, fauchte sie.

Wenn dieser Mistkerl ihrem Bruder auch nur einen Kratzer zufügte, würde sie ihn mit so vielen Pfeilen durchlöchern, wie ihr Köcher hergab.

»Macht keine Dummheiten, Weib«, sagte Valion scharf, ohne seinen Blick von Arik zu lassen. Den linken Arm mit der Klinge hielt er weiterhin gesenkt.

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512 стр. 4 иллюстрации
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9783038961550
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