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James Joyce

Dublin

NOVELLEN

Übersetzt Georg Goyert

Saga

Dublin ÜbersetztGeorg Goyert Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1914, 2020 James Joyce und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726642827

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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DIE SCHWESTERN

Diesmal gab’s für ihn keine Hoffnung mehr: es war der dritte Anfall. Jeden Abend war ich am Hause vorbeigegangen – (es war Ferienzeit) – und hatte das erhellte Fensterviereck beobachtet; und jeden Abend war es in der gleichen Weise erhellt gewesen, schwach und gleichmäßig. Wenn er tot wäre, so dachte ich, würde ich Kerzenschein auf dem dunklen Vorhang sehen, denn ich wußte, daß man zu Häupten einer Leiche zwei Kerzen aufstellen muß. Oft hatte er zu mir gesagt: Lange mache ich’s nicht mehr mit, und ich hatte geglaubt, seine Worte seien leeres Gerede. Jetzt aber wußte ich, daß sie wahr waren. Jeden Abend, wenn ich nach dem Fenster hinaufblickte, sagte ich leise das Wort Paralyse vor mich hin. Es hatte immer so seltsam in meinen Ohren geklungen, genau so wie das Wort Gnomon bei Euklid und das Wort Simonie im Katechismus. Jetzt aber klang es mir wie der Name eines boshaften, teuflischen Wesens. Es füllte mich mit Furcht und doch trieb es mich, ihm näher zu sein, sein tödliches Werk zu sehen. Als ich zum Abendessen nach unten kam, saß der alte Cotter am Feuer und rauchte. Während meine Tante meinen Haferbrei auf den Teller füllte, sagte er, als käme er auf eine vorher gemachte Bemerkung zurück:

»Nein, ich will nicht grade behaupten, daß er . . . aber etwas stimmte da nicht . . . hatte so was Unheimliches. Ich will euch sagen, was ich meine . . .« Er begann an seiner Pfeife zu saugen und legte sich im Geiste zweifellos seine Meinung zurecht. Langweiliger, alter Narr! Als wir ihn kennenlernten, war er meist ziemlich interessant, redete von Ohnmachten und Würmern; aber ich bekam ihn und seine endlosen Geschichten über Destillation bald leid. »Ich habe darüber so meine eigene Theorie«, sagte er. »Ich meine, es war einer von diesen . . . besonderen Fällen . . . Ja, das ist nicht so leicht zu sagen . . .«

Wieder sog er an seiner Pfeife, ohne uns aber seine Theorie wissen zu lassen. Mein Onkel sah, wie ich ihn anstarrte, und sagte zu mir:

»Ja, nun ist dein alter Freund nicht mehr; das tut dir sicher sehr leid.«

»Wer?« sagte ich.

»Pater Flynn.«

»Ist er tot?«

»Herr Cotter hat es uns eben erzählt. Er ist am Hause vorbeigegangen.«

Ich wußte, daß man mich beobachtete, und so aß ich denn ruhig weiter, als hätte mich die Nachricht gar nicht interessiert. Mein Onkel sagte zu dem alten Cotter: »Der Junge und er waren nämlich große Freunde. Der Alte hat ihm allerlei beigebracht; er soll ihn sehr gerne gehabt haben.«

»Gott sei seiner Seele gnädig«, sagte fromm meine Tante. Der alte Cotter sah mich kurze Zeit an. Ich fühlte, daß seine kleinen, schwarzen, runden Augen mich prüfend musterten; aber ich wollte ihm den Gefallen nicht tun, von meinem Teller aufzusehen. Er beschäftigte sich wieder mit seiner Pfeife und spuckte dann frech ins Feuer.

»Ich litte es nicht«, sagte er, »daß meine Kinder zu viel mit so einem zusammen wären.«

»Wie meinen Sie das, Herr Cotter?« fragte meine Tante.

»Nun, ich meine«, entgegnete der alte Cotter, »daß das nichts für Kinder ist. Meine Ansicht ist folgende: ein Junge soll rumlaufen und mit gleichaltrigen Jungens spielen und nicht . . . habe ich nicht recht, Jack?«

»Das ist auch mein Grundsatz«, sagte mein Onkel. »Boxen soll er lernen. Das predige ich diesen Rosenkreuzern hier schon lange: soll turnen. Ja, als ich so’n Junge war, wurde jeden Morgen, ob Sommer oder Winter, kalt gebadet. Und deshalb bin ich jetzt auch so gesund. Bildung ist ja ganz schön und gut . . . Vielleicht nimmt Herr Cotter ein Stück von der Hammelkeule«, sagte er dann zu meiner Tante.

»Nein, nein, nur keine Umstände«, sagte der alte Cotter.

Meine Tante nahm die Schüssel aus dem Büfett und stellte sie auf den Tisch.

»Aber warum scheint Ihnen, Herr Cotter, das nicht gut für Kinder?« fragte sie.

»Es ist für Kinder schädlich«, sagte der alte Cotter, »weil ihr Geist so empfänglich ist. Wenn Kinder so was sehen, verstehen Sie, dann wirkt das . . .«

Ich stopfte mir Haferbrei in den Mund, weil ich. sonst vor Wut losgeplatzt wäre. Alter, langweiliger, rotnasiger Schafskopf!

Es war spät, als ich einschlief. Wenn ich auch auf den alten Cotter wütend war, daß er mich als Kind behandelte, zermarterte ich mir den Kopf, den Sinn seiner unvollendeten Sätze zu ergründen. In der Dunkelheit meines Zimmers glaubte ich, das schwere, graue Gesicht des Gelähmten wiederzusehen. Ich zog mir die Decke über den Kopf und versuchte an Weihnachten zu denken. Aber das graue Gesicht ließ mich nicht los. Es sprach ganz leise; und ich begriff, daß es etwas beichten wollte. Ich fühlte, wie meine Seele zurückwich an einen Ort der Lust und des Lasters, aber auch hier wartete es wieder auf mich. Mit leiser Stimme fing es an, mir zu beichten, und ich wunderte mich, warum es immer lächelte und warum die Lippen so speichelfeucht waren. Aber dann fiel mir ein, daß er an Paralyse gestorben war, und ich fühlte, daß auch ich leicht lächelte, als wollte ich den Simonisten von seiner Sünde lösen.

Am nächsten Morgen ging ich gleich nach dem Frühstück hinaus und beobachtete das kleine Haus in der Great Britain Street. Ein anspruchsloser Laden mit dem alles und nichts besagenden Schild: Weißwaren. Die Weißwaren bestanden hauptsächlich aus wollenen Kinderschuhen und Regenschirmen; sonst hing immer ein Schild im Fenster, auf dem stand: Hier werden Regenschirme neu überzogen. Jetzt aber war von einem Schilde nichts zu sehen, denn die Fensterläden waren zu. Mit Bändern war am Türklopfer ein Trauerbukett befestigt. Zwei arme Frauen und ein Telegrammbote lasen die Karte, die mit einer Nadel an den Flor gesteckt war. Ich trat auch näher und las:

1. Juli 1895.

Ehrwürden James Flynn (früher tätig an der St.-Katharinen-Kirche Meath Street), im Alter von

65 Jahren.

R. I. P.

Als ich die Karte gelesen hatte, war ich überzeugt, daß er tot war, und diese Tatsache verwirrte mich. Wäre er nicht tot gewesen, wäre ich in das kleine, dunkle Zimmer hinter dem Laden gegangen und hätte ihn dort, fest in den dicken Mantel gehüllt, im Lehnstuhl neben dem Feuer sitzend gefunden. Vielleicht hätte mir meine Tante ein Paket High Toast für ihn mitgegeben, und dieses Geschenk hätte ihn vielleicht aus seinem blöden Dösen geweckt. Ich leerte immer das Paket in seine schwarze Schnupftabakdose, denn seine Hände zitterten zu sehr, als daß er dies hätte tun können, ohne die Hälfte des Schnupftabaks zu verschütten. Immer wenn er seine große, zitternde Hand an die Nase hob, rieselten kleine Staubwolken durch seine Finger herab auf die Vorderseite seines Mantels. Vielleicht kam die blaßgrüne Farbe seiner alten Priesterkleider von diesem dauernden Schnupftabakregen, denn das rote, von den Schnupftabakflecken einer Woche immer schwarze Taschentuch, mit dem er die heruntergefallenen Krümchen wegzuwischen versuchte, war ganz wirkungslos.

Gerne wäre ich hineingegangen, ihn zu sehen, aber ich hatte nicht den Mut zu klopfen. Langsam ging ich auf der Sonnenseite der Straße weiter und las im Vorübergehen alle Theaterzettel in den Ladenfenstern. Ich fand es seltsam, daß weder ich noch der Tag traurig zu sein schien, und ich ärgerte mich sogar, als ich in mir so etwas wie ein Gefühl der Freiheit entdeckte, als wäre ich durch seinen Tod von etwas befreit worden. Das erstaunte mich sehr, denn er hatte mir doch, wie mein Onkel am Abend vorher gesagt hatte, allerhand beigebracht. Er hatte auf dem irischen Kolleg in Rom studiert und mich eine korrekte lateinische Aussprache gelehrt. Er hatte mir Geschichten über die Katakomben und über Napoleon Bonaparte erzählt, hatte mir die Bedeutung der verschiedenen Zeremonien bei der Messe erklärt und die der verschiedenen Kleider, die der. Priester trägt. Manchmal hatte er sich den Spaß gemacht, mir schwierige Fragen zu stellen, hatte mich dann gefragt, was man unter den und den Umständen tun müßte, ob die oder die Sünden Todsünden, Erlassungssünden oder nur Unvollkommenheiten wären. Seine Fragen zeigten mir, wie komplex und geheimnisvoll gewisse Institutionen der Kirche waren, in denen ich immer nur die einfachsten Handlungen gesehen hatte. Die Pflichten des Priesters der Eucharistie und dem Beichtgeheimnis gegenüber schienen mir so schwer, daß ich mich verwundert fragte, wie nur jemand den Mut in sich fände, sie zu übernehmen; und ich war nicht erstaunt, als er mir erzählte, die Kirchenväter hätten Bücher geschrieben, die wären so dick wie das Post Office Directory und so eng gedruckt wie die Prozeßnachrichten in der Zeitung, und in ihnen würden all diese Fragen behandelt. Wenn ich hieran dachte, konnte ich oft keine oder nur eine sehr dumme oder langsame Antwort geben, bei der er immer lächelte und zwei- oder dreimal nickte. Manchmal jagte er mich durch die Responsorien der Messe, die er mich hatte auswendig lernen lassen, und wenn ich stotterte, lächelte er immer nachdenklich und nickte mit dem Kopf, schob dann und wann große Prisen erst in das eine, dann in das andere Nasenloch. Wenn er lächelte, zeigte er seine großen, mißfarbenen Zähne und ließ dabei seine Zunge auf der Unterlippe liegen, eine Gewohnheit, die in mir zu Anfang unserer Bekanntschaft, als ich ihn noch nicht richtig kannte, ein Gefühl des Unbehagens auslöste. Während ich so in der Sonne einherging, fielen mir die Worte des alten Cotter ein, und ich versuchte, mich auf das, was sich hinterher im Traume ereignet hatte, zu besinnen. Ich erinnerte mich, daß ich lange Samtvorhänge und eine schwingende Lampe von altertümlicher Form gesehen hatte. Ich fühlte, daß ich sehr weit fort, in irgendeinem Lande gewesen war, wo die Sitten so seltsam waren – in Persien, glaubte ich . . .

Aber auf das Ende des Traumes konnte ich mich nicht besinnen. Am Abend nahm mich meine Tante mit in das Trauerhaus. Es war nach Sonnenuntergang; die Fensterscheiben der Häuser, die nach Westen sahen, strahlten das gelbe Gold einer großen Wolkenbank wider. Nannie empfing uns im Flur; und da es wenig passend gewesen wäre, laut mit ihr zu sprechen, drückte meine Tante ihr nur die Hand. Fragend zeigte die alte Frau nach oben, und als meine Tante nickte, ging sie müde vor uns her die enge Treppe hinauf, wobei ihr gebeugter Kopf kaum über das Geländer ragte. Auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen, winkte uns ermutigend zu und führte uns dann an die offene Tür des Sterbezimmers. Meine Tante trat ein, und als die alte Frau sah, daß ich zögerte, einzutreten, winkte sie mir mit der Hand wiederholt zu. Auf den Zehen trat ich ein. Durch das Spitzenende des Vorhangs strömte dunkelgoldenes Licht in den Raum, in dem die Kerzen wie blasse, dünne Flammen aussahen. Er war schon eingesargt. Nannie kniete am Fuße des Bettes nieder, wir taten dasselbe. Ich tat so, als ob ich betete, aber ich konnte meine Gedanken nicht sammeln, weil mich das Gemurmel der alten Frau störte. Ich sah, daß ihr Kleid auf dem Rücken unordentlich zugehakt und die Hacken ihrer Zeugschuhe ganz schief getreten waren. Ich meinte die ganze Zeit, der alte Priester lächle, während er da in seinem Sarge lag.

Aber nein. Als wir aufstanden und an das Kopfende des Bettes traten, sah ich, daß er nicht lächelte. Er lag da, feierlich und dick, gekleidet, als stünde er vor dem Altar, leicht hielten seine großen Hände einen Kelch. Fürchterlich sein Gesicht, grau und massig, mit schwarzen, höhlenartigen Nasenlöchern, von einem dünnen, weißen Pelz umgeben. Schwerer Duft hing irn Zimmer – die Blumen.

Wir schlugen das Zeichen des Kreuzes und gingen dann. In dem kleinen Zimmer unten saß Elisa würdig in seinem Lehnstuhl. Langsam tastete ich mich nach meinem gewohnten Stuhl in der Ecke, während Nannie ans Büfett ging und eine Karaffe mit Sherry und einige Weingläser herausnahm. Sie stellte alles auf den Tisch und lud uns ein, ein Gläschen Wein zu trinken. Dann goß sie auf Aufforderung ihrer Schwester den Sherry in die Gläser und reichte sie uns. Sie quälte mich, doch einige Biskuits zu nehmen, aber ich wollte nicht, weil ich meinte, ich verursachte beim Essen zu viel Geräusch. Meine Weigerung schien sie ein wenig zu enttäuschen; sie ging ruhig nach dem Sofa, das hinter ihrer Schwester stand, und setzte sich. Niemand sprach: wir sahen alle in den leeren Kamin. Meine Tante wartete, bis Elisa seufzte, und sagte dann:

»Ah ja, nun ist er in eine bessere Welt eingegangen.«

Elisa seufzte wieder und senkte zustimmend den Kopf. Meine Tante spielte mit dem Fuße ihres Weinglases, bevor sie einen Schluck nahm. »Ist er . . . ruhig?« fragte sie.

»O, ganz ruhig«, sagte Elisa. »Man könnte nicht sagen, wann er den letzten Atemzug tat. Er hatte einen schönen Tod. Gott sei Dank.«

»Und alles . . .?«

»Pater O’Rourke hat ihn am Dienstag noch besucht, ihm die letzte Ölung gegeben und ihn wohl vorbereitet.«

»So wußte er also?«

»Er war ganz ergeben.«

»Er sieht auch ganz ergeben aus«, sagte meine Tante.

»Das sagte auch die Frau, die ihn gewaschen hat. Sie sagte, er sähe aus, als wenn er schliefe, so friedlich und ergeben sah er aus. Niemand hätte geglaubt, daß er mal eine so schöne Leiche sein würde.«

»Ja, wirklich«, sagte meine Tante.

Sie nahm einen etwas größeren Schluck und sagte dann:

»Ja, Fräulein Flynn, auf alle Fälle muß der Gedanke, daß Sie alles für ihn getan haben, was Sie konnten, ein großer Trost für Sie sein. Sie waren doch beide sehr freundlich zu ihm.«

Elisa strich ihr Kleid über den Knien glatt.

»Ach, der arme James«, sagte sie. »Der liebe Gott weiß, daß wir alles getan haben, was wir konnten, so arm wir auch waren; solange er lebte, sollte ihm wenigstens nichts fehlen.« Nannie hatte den Kopf gegen das Sofakissen gelehnt und schlief fast ein.

»Sehen Sie nur mal die arme Nannie«, sagte Elisa und sah hin zu ihr, »sie ist ganz kaputt. Haben wir beide eine Arbeit gehabt! Zuerst die Leichenwäscherin und dann das Ankleiden und dann den Sarg und dann die Besprechung wegen der Messe in der Kapelle. Hätte Pater O’Rourke uns nicht geholfen, ich weiß nicht, wie wir fertig geworden wären. Er hat uns alle Blumen und die beiden Kerzenleuchter aus der Kapelle besorgt, er hat auch die Anzeige für den Freeman’s General aufgesetzt und alle Papiere für die Beerdigung und die Versicherung des armen James beschafft.«

»Das war wirklich nett von ihm«, sagte meine Tante. Elisa schloß die Augen und bewegte langsam den Kopf.

»Ach ja, alte Freunde sind doch immer die besten«, sagte sie, »ich meine Freunde, auf die man sich wirklich verlassen kann.«

»Ja, da haben Sie recht«, sagte meine Tante. »Und ich bin sicher, daß er jetzt, wo er seinen Lohn in der Ewigkeit empfangen hat, weder Sie noch alle Ihre Freundlichkeit ihm gegenüber vergessen wird.«

»Ach, der arme James«, sagte Elisa. »Er war uns wirklich nicht beschwerlich. Man merkte von ihm nicht mehr im Hause als jetzt. Aber, ich weiß es ja, daß er nun fort ist, und zwar . . .«

»Erst wenn alles vorbei ist, werden Sie ihn vermissen«, sagte meine Tante.

»Das weiß ich«, sagte Elisa. »Nun bringe ich ihm seine Bouillon nicht mehr, und Sie schicken ihm keinen Schnupftabak mehr. Ach, der arme James.« Sie hielt inne, als beschäftige sie sich mit der Vergangenheit, und sagte dann fast verschmitzt: »Denken Sie mal an, ich habe es doch gemerkt, daß in der letzten Zeit was Seltsames mit ihm vorging. Jedesmal, wenn ich ihm seine Suppe hineinbrachte, lag er zurückgelehnt mit offenem Mund im Sessel, und sein Brevier war auf die Erde gefallen.«

Sie legte einen Finger an die Nase, runzelte die Brauen; dann fuhr sie fort:

»Aber immer wieder sagte er, ehe der Sommer vorüber wäre, möchte er an einem schönen Tage nach Irishtown rausfahren, unser altes Geburtshaus nochmal sehen und mich und Nannie mitnehmen. Wenn wir für den Tag nur billig einen von den neumodischen Wagen kriegen könnten, von denen Pater O’Rourke ihm erzählt hätte, die so leise und leicht fahren, daß der Rheumatismuskranke nichts davon merkt– bei Johnny Rush, grade gegenüber gäb’s solche, sagte er, dann wollten wir alle drei an einem Sonntagnachmittag mal rausfahren. Davon redete er immer wieder . . . Der arme James.«

»Der Herr sei seiner Seele gnädig«, sagte meine Tante.

Elisa zog ihr Taschentuch heraus und wischte sich damit die Augen. Dann steckte sie es wieder ein und sah ohne zu sprechen einige Zeit in den leeren Kamin.

»Er war immer zu gewissenhaft«, sagte sie. »Die Pflichten der Priesterschaft waren für ihn zu schwer. Und dann war sein Leben, das kann man wohl sagen, auch nicht so einfach.«

»Ja«, sagte meine Tante. »Er war ein Mann, der seine Enttäuschungen gehabt hat. Das sah man ihm an.«

Im Schutze des Schweigens, das sich über das kleine Zimmer senkte, näherte ich mich dem Tisch, probierte meinen Sherry und kehrte dann ruhig auf meinen Stuhl in der Ecke zurück. Elisa schien in tiefe Träumerei versunken. Wir warteten respektvoll, daß sie das Schweigen bräche; und nach einer langen Pause sagte sie langsam:

»Der Kelch, den er zerbrach . . . Damit fing’s an. Natürlich sagte man, das wäre weiter nicht schlimm, ich meine, daß er leer war. Aber immerhin . . . Der Knabe soll ja schuld haben. Aber der arme James war so nervös, Gott sei ihm gnädig.«

»Und wie war’s denn eigentlich?« sagte meine Tante. »Ich habe wohl so allerhand gehört . . .«

Elisa nickte.

»Das hat ihn doch schwer getroffen«, sagte sie. »Hernach wurde er so schweigsam, redete mit niemandem und lief allein umher. Eines Abends wurde er gerufen, war aber nirgendwo zu finden. Das ganze Haus wurde abgesucht, von oben bis unten, nirgendwo war auch nur eine Spur von ihm zu entdecken. Da sagte der Küster, man sollte mal in der Kapelle nachsehen. Man holte die Schlüssel und öffnete die Kapelle, und der Küster und Pater O’Rourke und noch ein Priester, der da war, holten ein Licht, um ihn zu suchen . . . Und was glauben Sie, wo er war? Ganz allein saß er im Dunkeln, in seinem Beichtstuhl, halbwach, und schien leise vor sich hin zu lächeln.« Plötzlich war sie still, als lausche sie. Ich horchte auch; aber im Hause war kein Laut zu hören: und ich wußte, daß der alte Priester noch in seinem Sarge lag, wie wir ihn gesehen hatten, feierlich und schrecklich im Tode, einen leeren Kelch auf der Brust.

Elisa wiederholte:

»Halbwach und schien leise vor sich hin zu lächeln. Als sie das sahen, glaubten sie natürlich, daß es nicht ganz mit ihm stimmte . . .«

EINE BEGEGNUNG

Joe Dillon machte uns mit dem Wildwest bekannt. Er hatte eine kleine Bibliothek, die aus alten Nummern des Union Jack, Pluck und Half Penny Marvel bestand. Jeden Abend nach der Schule trafen wir uns in seinem Garten hinter dem Hause und veranstalteten Indianerkämpfe. Er und sein junger Bruder, der fette, faule Leo, verteidigten den Speicher über dem Stall, während wir ihn zu stürmen versuchten; oder wir schlugen eine regelrechte Schlacht auf dem Rasen. Aber so tapfer wir auch kämpften, nie gewannen wir bei der Belagerung oder in der Schlacht, und unsere Kämpfe endeten immer mit einem Siegestanz von Joe Dillon.

Jeden Morgen gingen seine Eltern in die Acht-Uhr-Messe in der Gardiner Street, und der Flur des Hauses duftete nach der friedlichen Frau Dillon. Für uns, die wir jünger und ängstlicher waren, spielte er zu wild. Er sah wirklich aus wie ein Indianer, wenn er mit einer alten Teemütze auf dem Kopf durch den Garten sprang, wobei er mit der Faust auf eine Blechdose schlug und schrie:

»Ya! yaka, yaka, yaka!«

Jeder schüttelte ungläubig den Kopf, wenn erzählt wurde, er wolle Priester werden. Aber deshalb war es doch wahr. Ein Geist der Zuchtlosigkeit war bei uns eingeschlichen, und sein Einfluß ließ die Unterschiede der Bildung und des Temperaments verschwinden. Wir scharten uns zusammen, einige in frechem Übermut, andere aus Spaß und wieder andere aus Angst; und zu diesen letzteren, den Indianern wider Willen, die sich fürchteten, als Streber oder Angsthasen angesehen zu werden, gehörte auch ich. Die Abenteuer, die in der Literatur des Wildwest berichtet wurden, lagen mir gar nicht, aber schließlich öffneten sie mir Tore, durch die ich entwischen konnte. Viel besser gefielen mir gewisse amerikanische Detektivgeschichten, in denen dann und wann ungekämmte, wilde und schöne Mädchen vorkamen. Wenn auch nichts Schlimmes in diesen Geschichten passierte und ihre Absicht manchmal literarisch war, wurden sie in der Schule doch nur heimlich weitergegeben. Eines Tages, als Pater Butler die vier Seiten römische Geschichte abhörte, fiel der ungeschickte Leo Dillon mit einer Nummer des Half Penny Marvel auf.

»Diese Seite oder diese Seite? Diese Seite? Nun, Dillon, du! Kaum war der Tag . . . Weiter! Welcher Tag? Kaum war der Tag angebrochen . . . Hast du gelernt? Was hast du denn da in der Tasche?«

Wir bekamen alle Herzklopfen, als Leo Dillon ihm das Heftchen reichte, und machten alle ein unschuldiges Gesicht. Pater Butler schlug die Seiten um, runzelte die Stirn.

»Was ist denn das für Zeug?« sagte er. »Der Apachenhäuptling!So was also liesest du, anstatt deine römische Geschichte zu lernen! Daß ich in der Schule nie wieder solches Dreckzeug finde! Wer so was schreibt, kann nur ein ganz elender Kerl sein, der sich mit seinem Mist ein paar Saufgroschen verdienen will. Ich bin überrascht, daß so gebildete Jungen wie ihr solchen Dreck lesen. Ich könnte das verstehen, wenn ihr in . . . die National School ginget. Also, Dillon, das rate ich dir allen Ernstes, setz’ dich auf die Hosen, oder . . .«

Dieser Tadel während der trockenen Schulstunde ließ in meinen Augen den Glanz des Wildwest verblassen, und Leo Dillons verwirrtes, aufgedunsenes Gesicht brachte mich etwas zur Selbstbesinnung. Als aber der hemmende Einfluß der Schule hinter mir lag, hungerte ich wieder nach wilden Sensationen, nach einem Entrinnen, was mir beides nur diese wilden Geschichten zu geben vermochten. Die abendlichen Kriegsspiele waren mir schließlich ebenso langweilig wie der morgendliche Betrieb in der Schule; ich sehnte mich nach wirklichen Abenteuern. Aber wirkliche Abenteuer, so überlegte ich, erleben die nicht, die zu Hause bleiben: man muß sie draußen suchen. Die Sommerferien standen vor der Tür, als ich mich entschloß, wenigstens für einen Tag der Öde des Schullebens zu entfliehen. Mit Leo Dillon und einem andern Jungen namens Mahony plante ich ein eintägiges Schwänzen. Jeder von uns sparte sich Sixpence. Um zehn Uhr morgens wollten wir uns auf der Canal Bridge treffen. Mahonys große Schwester sollte für diesen eine Entschuldigung schreiben, und Leo Dillons Bruder sollte bestellen, er sei krank. Wir verabredeten, die Wharf Road hinunterzugehen bis zu den Schiffen; dort wollten wir mit der Fähre übersetzen und zum Pigeon House wandern. Leo Dillon hatte Angst, wir könnten Pater Butler oder sonst jemandem aus dem College begegnen; aber Mahony fragte ganz richtig, was Pater Butler denn wohl beim Pigeon House zu suchen hätte. Wir beruhigten uns wieder: und ich erledigte den ersten Teil der Verschwörung, indem ich von den beiden andern die Sixpence einsammelte und ihnen auch mein eigenes Sixpencestück zeigte. Als wir am Abend die letzten Vorbereitungen trafen, waren wir alle doch ein bißchen aufgeregt. Lachend schüttelten wir einander die Hände, und Mahony sagte: »Na, dann also bie morgen!«

Diese Nacht schlief ich schlecht. Am Morgen war ich der erste an der Brücke, da ich ihr am nächsten wohnte. Ich versteckte meine Bücher in dem langen Grase neben der Abfallgrube am Ende des Gartens, wo nie jemand hinkam, und lief dann am Kanalufer entlang. Es war ein milder, sonniger Morgen in der ersten Juniwoche. Ich setzte mich auf das Brückensims, bewunderte meine dünnen Zeugschuhe, die ich am Abend vorher mit Pfeifenton geweißt hatte, und beobachtete die willigen Pferde, die einen ganzen Wagen voll Arbeiter den Hügel hinaufzogen. Alle Zweige der großen Bäume, die am Rande der Straße standen, waren voll lustiger, kleiner, hellgrüner Blätter, und schräg fiel das Sonnenlicht durch sie herab auf das Wasser. Der Granit der Brücke fing an, warm zu werden, und ich trommelte darauf zu einer Melodie, die ich im Kopfe hatte, den Takt. Ich war sehr glücklich.

Als ich fünf bis zehn Minuten so dagesessen hatte, sah ich Mahony in seinem grauen Anzug näher kommen. Lächelnd kam er den Hügel herauf und kletterte neben mich auf die Brücke. Während wir warteten, zog er die Schleuder hervor, die aus der inneren Tasche herausguckte, und erklärte mir einige Verbesserungen, die er an ihr angebracht hatte.

Ich fragte ihn, warum er sie mitgenommen hätte, und er erklärte mir, er wolle nur mit den Vögeln so’n bißchen Blödsinn machen. Mahony gebrauchte gerne Straßenausdrücke und nannte Pater Butler immer nur den alten Wanst. Wir warteten noch eine Viertelstunde, aber von Leo Dillon war immer noch nichts zu sehen. Schließlich sprang Mahony runter und sagte:

»Los! Wußte ja, daß der Dicke Schiß hatte.«

»Und seine Sixpence?« sagte ich.

»Sind verfallen«, sagte Mahony. »Um so besser für uns – ein Shilling und Sixpence anstatt eines Shillings.«

Wir gingen die North Strand Road entlang, bis wir an die Vitriolwerke kamen, und wandten uns dann nach rechts, die Wharf Road entlang. Sobald uns niemand mehr sehen konnte, fing Mahony an, Indianer zu spielen. Er jagte hinter einer Schar zerlumpter Mädchen her, schwang seine ungeladene Schleuder, und als zwei zerlumpte Jungens aus Ritterlichkeit anfingen, uns mit Seinen zu werfen, schlug er einen Angriff auf sie vor. Ich entgegnete, die Jungen wären zu klein, und so gingen wir denn weiter, während die zerlumpte Schar hinter uns herrief: Evangelische Ratten, denn sie hielten uns für Protestanten, weil Mahony, der eine dunkle Gesichtsfarbe hatte, an seiner Mütze das silberne Abzeichen eines Kricketklubs trug. Als wir an das Smoothing Iron kamen, spielten wir Belagerung; aber es war ein Fehlschlag, weil dazu doch mindestens drei nötig sind. Wir rächten uns an Leo Dillon, schimpften ihn einen ganz gemeinen Schisser und rieten, wieviel er um drei Uhr von Herrn Ryan übergezogen bekommen würde.

Dann kamen wir an den Fluß. Lange gingen wir über die lärmenden Straßen, die hohe Steinmauern einfaßten, beobachteten das Arbeiten der Kräne und Maschinen und wurden oft von den Kutschern ächzender Wagen angeschrien, weil wir so unbeweglich im Wege standen.

Es war Mittag, als wir die Kais erreichten, und da alle Arbeiter zu frühstücken schienen, kauften wir zwei große Korinthenbrötchen und setzten uns, um sie zu essen, auf ein Metallrohr neben dem Fluß. Wir erfreuten uns am Anblick des Dubliner Handels: von weither kündigten sich die Schiffe durch ihren krausen, wolligen Rauch an, die braune Fischerflotte fuhr jenseits Ringsend, und am gegenüberliegenden Kai wurde das große, weiße Segelschiff ausgeladen. Mahony meinte, es wäre ein herrlicher Spaß, auf einem der großen Schiffe durchzubrennen, und als ich die hohen Masten betrachtete, sah oder glaubte sogar ich zu sehen, wie die Geographie, die ich in so kleinen Dosen in der Schule verabreicht bekommen hatte, in meinen Augen Substanz annahm. Schule und Haus schienen zurückzuweichen und beider Einfluß auf uns zu schwinden.

Mit der Fähre fuhren wir über den Liffey, zahlten unser Fahrgeld und wurden zusammen mit zwei Arbeitern und einem kleinen Juden, der einen Sack trug, hinübergefahren. Wir waren ernst bis zur Feierlichkeit, aber einmal begegneten sich während der kurzen Überfahrt unsere Augen, und wir lachten. Als wir landeten, beobachteten wir das Ausladen des schmucken Dreimasters, den wir vom andern Kai aus schon gesehen hatten. Einer der Zuschauer sagte, es sei ein norwegisches Schiff. Ich ging an das Hinterteil und wollte seinen Namen entziffern; da mir das aber nicht gelang, kam ich zurück und betrachtete genau die ausländischen Matrosen, denn ich wollte feststellen, ob welche von ihnen grüne Augen hätten, mir schwebte nämlich vor . . . Die Augen der Matrosen waren blau, grau und sogar schwarz. Der einzige Matrose, dessen Augen man hätte grün nennen können, war ein großer Mann, der die Menge auf dem Kai dadurch erfreute, daß er jedesmal, wenn die Planken fielen, lustig rief: All right! All right!

Als wir dieses Schauspiels müde waren, schlenderten wir nach Ringsend hinein. Es war schwül geworden, und in den Fenstern der Krämerläden schimmelten bleiche Biskuits. Wir kauften ein paar Biskuits und Schokolade, die wir unverdrossen aßen, während wir durch die schmutzigen Straßen wanderten, in denen die Familien der Fischer wohnen. Wir konnten keine Milchwirtschaft finden und gingen deshalb in einen Hökerladen, wo wir für jeden eine Flasche Himbeerlimonade erstanden. Nach dieser Erfrischung jagte Mahony in einer Gasse hinter einer Katze her, aber die Katze entkam auf ein weites Feld. Wir waren beide ziemlich müde, und als wir das Feld erreichten, gingen wir gleich auf eine abfallende Böschung zu, über die hinweg wir den Dodder sehen konnten.

Es war zu spät, und wir waren zu müde, unsern Plan, das Pigeon House zu besuchen, auszuführen. Vor vier Uhr mußten wir zu Hause sein, sollte unser Abenteuer nicht entdeckt werden. Voll Bedauern betrachtete Mahony seine Schleuder, und erst als ich ihm vorschlug, wir wollten mit dem Zuge nach Hause fahren, wurde er wieder einigermaßen froh. Die Sonne verbarg sich hinter einigen Wolken und überließ uns unseren müden Gedanken und den Resten unserer Vorräte. Außer uns war niemand auf dem Felde. Als wir einige Zeit ohne ein Wort zu sagen am Abhang gelegen hatten, sah ich einen Mann, der vom andern Ende des Feldes her näher kam. Ich beobachtete ihn lässig, während ich an einem jener grünen Halme kaute, mit deren Hilfe die Mädchen wahrsagen. Langsam kam er die Böschung entlang. Beim Gehen stützte er die eine Hand in die Hüfte, in der andern Hand hielt er einen Stock, mit dem er leicht auf den Rasen schlug. Er trug einen schäbigen, grün-schwarzen Anzug und dazu einen sogenannten Schriliber mit hohem Kopf. Er sah ziemlich alt aus, denn sein Schnurrbart war aschgrau. Als er an unseren Füßen vorbeikam, warf er uns einen schnellen Blick zu und ging dann weiter. Wir blickten hinter ihm her und sahen, daß er nach ungefähr fünfzig Schritten umkehrte und wieder zurückkam. Ganz langsam schritt er auf uns zu, schlug dabei immer mit dem Stock auf den Boden; er ging so langsam, daß ich glaubte, er suche etwas im Grase. Als er vor uns stand, machte er halt und sagte uns guten Tag. Wir erwiderten den Gruß; langsam und sehr sorgfältig setzte er sich auf den Abhang. Zuerst sprach er vom Wetter, sagte, es würde ein sehr heißer Sommer, und fügte hinzu, daß sich seit seiner Knabenzeit die Jahreszeiten sehr geändert hätten – aber das wäre schon lange her. Er sagte, die schönste Zeit des Lebens sei zweifellos die Schulzeit, und alles würde er darangeben, könnte er noch einmal jung sein.

Während er diesen Gefühlen, die uns ein wenig langweilten, so Ausdruck verlieh, sagten wir kein Wort. Dann fing er an, über Schule und Bücher zu sprechen. Er fragte uns, ob wir die Gedichte des Thomas Moore oder die Werke von Sir Walter Scott und Lord Lytton gelesen hätten. Ich tat so, als hätte ich jedes Buch, das er erwähnte, gelesen, so daß er schließlich sagte:

»Sieh mal an, du bist genau so ein Bücherwurm wie ich. Aber der«, fügte er, auf Mahony zeigend, hinzu, der uns mit offenen Augen anstierte, »der ist ganz anders, er spielt lieber.«

Er sagte, er hätte zu Hause alle Bücher von Sir Walter Scott und von Lord Lytton und läse sie immer wieder. Natürlich, sagte er, dürfen kleine Jungen gewisse Bücher des Lord Lytton nicht lesen. Mahony fragte, warum Jungens sie denn nicht lesen dürften – welche Frage mich aufregte und ärgerte, weil ich fürchtete, der Mann könnte mich für so stupide halten wie Mahony. Der Mann aber lächelte nur. Ich sah, daß er zwischen den gelben Zähnen im Munde große Lücken hatte. Dann fragte er uns, wer von uns die meisten Liebchen hätte. Mahony erwähnte so leichthin, er hätte drei Puttchen. Der Mann fragte mich, wieviel ich denn hätte. Ich antwortete, ich hätte keine einzige. Er glaubte mir nicht und sagte, er wäre sicher, daß ich doch eine hätte. Ich antwortete nichts.

»Erzählen Sie uns doch mal«, sagte Mahony ganz offen zu dem Mann, »wieviel Sie selbst haben.«

Wieder lächelte der Mann und sagte, daß er, als er in unserem Alter war, eine Menge Liebchen gehabt hätte.

»Jeder Junge«, sagte er, »hat ein kleines Liebchen.«

Seine Einstellung in dieser Sache kam mir für einen Mann seines Alters ziemlich frei vor. In meinem Herzen dachte ich, daß das, was er über Jungens und Liebchen sagte, vernünftig war. Aber in seinem Munde mißfielen mir diese Worte, und ich fragte mich, warum er zwei- oder dreimal zusammenschauderte, als hätte er vor etwas Angst oder fühlte plötzliche Kälte. Als er weiterredete, bemerkte ich, daß er eine gute Aussprache hatte. Jetzt sprach er mit uns über Mädchen, sagte, was für schönes, weiches Haar sie hätten, wie weich ihre Hände wären und daß alle Mädchen gar nicht so brav wären, wie sie täten, man müßte nur Bescheid wissen. Nichts betrachte er so gerne, sagte er, wie ein schönes, junges Mädchen, ihre schönen, weißen Hände und ihr schönes, weiches Haar. Ich hatte dabei den Eindruck, als wiederholte er etwas, das er auswendig gelernt hatte, oder um das sich sein Geist, von denselben Worten magnetisiert, immer wieder langsam im Kreise drehte. Manchmal klang es, als spiele er auf eine Tatsache an, die jeder wüßte, und dann wieder dämpfte er seine Stimme und sprach geheimnisvoll, als erzähle er uns ein Geheimnis, das kein anderer hören dürfe. Er wiederholte seine Sätze immer wieder, variierte sie und hüllte sie in seine monotone Stimme. Ich sah immer nach dem Fuß des Abhangs, hörte auf seine Worte.

Nach langer Zeit war sein Monolog zu Ende. Langsam stand er auf, sagte, er müsse uns eine Minute oder so verlassen, und ohne daß ich die Richtung meines Blickes zu ändern brauchte, sah ich ihn langsam nach dem nahen Ende des Feldes zu fortgehen. Wir sagten nichts, als er gegangen war. Nach einem Schweigen, das einige Minuten gedauert hatte, hörte ich Mahony rufen:

»Ne, so was! Sieh mal, was der macht!«

Als ich weder antwortete noch aufsah, rief Mahony wieder:

»Ne, so was! Der hat sie nicht alle auf der Latte!«

»Wenn er uns nach unserm Namen fragen sollte«, sagte ich,

dann heißest du Murphy und ich Smith.«

Weiter sagten wir nichts zueinander. Ich überlegte noch, ob ich fortgehen sollte oder nicht, als der Mann zurückkam und sich wieder neben uns setzte. Kaum hatte er sich gesetzt, als Mahony die Katze sah, die ihm vorhin entwischt war, aufsprang und querfeldein hinter ihr herlief. Der Mann und ich beobachteten die Jagd. Wieder entwischte die Katze, und Mahony warf mit Steinen nach der Mauer, über die sie geklettert war. Dann gab er auch das auf und bummelte ziellos am andern Ende des Feldes umher.

Nach einer Pause redete mich der Mann wieder an. Er sagte, mein Freund wäre ein arger Schlingel, und fragte mich, ob er in der Schule oft Prügel bekäme. Ich wollte ihm gerade empört antworten, wir seien keine Schüler der National School, die Prügel bekämen, wie er es nannte; aber ich sagte nichts. Jetzt redete er über Züchtigung von Knaben. Wieder schien sich sein Geist, von seinen eigenen Worten magnetisiert, fortwährend langsam in diesem neuen Kreise zu drehen. Er sagte, wenn Jungens so wären, müßten sie Prügel, gehörig Prügel haben. Wenn ein Junge ungezogen und unbändig wäre, bekäme ihm nichts so gut wie eine gehörige Tracht Prügel. Ein Schlag in die Hand oder eine Ohrfeige, das wäre nichts: eine leckere Tracht Prügel, das wäre das Richtige. Ich war von dieser Ansicht überrascht und sah ihm unwillkürlich ins Gesicht. Dabei begegnete ich dem Blick von zwei flaschengrünen Augen, die mich unter zuckender Stirn her ansahen. Ich sah wieder weg. Der Mann setzte seinen Monolog fort. Er schien seine freien Anschauungen von eben ganz vergessen zu haben. Er sagte, er würde jeden Jungen, der mit Mädchen redete oder ein Mädchen zum Liebchen hätte, verprügeln, ganz gehörig verprügeln, und das würde ihn lehren, nicht mit Mädchen zu sprechen. Und hätte ein Junge ein Liebchen und erzählte darüber Lügen, dann würde er ihn so verprügeln, wie noch nie ein Junge verprügelt worden wäre. Er sagte, nichts auf der Welt würde er so gerne tun. Er beschrieb mir, wie er einen solchen verprügeln würde, als handle es sich um die Enthüllung eines großen Geheimnisses. Nichts auf der Welt täte er lieber als das, sagte er; und während er mich monoton in das Geheimnis einführte, wurde seine Stimme fast liebevoll und schien mich anzuflehen, ihn doch zu verstehen. Ich wartete, bis wieder eine Pause in seinem Monolog eintrat. Dann stand ich plötzlich auf. Um meine Erregung nicht zu verraten, blieb ich noch ein paar Augenblicke und tat so, als schnürte ich mir den Schuh zu; dann sagte ich, ich müsse gehen, und wünschte ihm guten Tag. Ruhig ging ich die Böschung hinauf, aber mir schlug das Herz schneller, denn ich fürchtete, er würde mich bei den Henkeln fassen. Als ich oben auf der Böschung stand, drehte ich mich um und rief, ohne ihn anzusehen, laut über das Feld:

»Murphy.«

Meine Stimme klang gemacht mutig, und ich schämte mich meiner erbärmlichen List. Noch einmal mußte ich den Namen rufen, ehe Mahony mich sah und dann Hallo! rief.

Wie schlug mir das Herz, als er über das Feld auf mich zu gelaufen kam. Er lief, als brächte er mir Hilfe. Und ich empfand Reue; denn in meinem Herzen hatte ich ihn immer ein wenig verachtet.

ARABIEN

Da die North Richmond Street eine Sackgasse ist, war sie, abgesehen von der Stunde, zu der die Christian Brothers’ School ihre Schüler entließ, eine stille Straße. Am Ende der Sackgasse stand auf einem viereckigen Grundstück ein einzelnes, unbewohntes, zweistöckiges Haus. Die anderen Häuser der Straße, die sich des anständigen Lebens in ihrem Innern bewußt waren, sahen einander mit braunen, unerschütterlichen Gesichtern an.

Der frühere Mieter unseres Hauses, ein Priester, war in dem hinteren Wohnzimmer gestorben. Muffige Luft hing in den Räumen, die lange nicht geöffnet worden waren, und in dem großen Raum hinter der Küche lag altes, wertloses Papier umher. Unter diesem fand ich einige broschierte Bücher, deren Seiten kraus und feucht waren: The Abbot von Walter Scott, The Devout Communicant und The Memoirs of Vidocq. Letzteres mochte ich am liebsten, weil seine Blätter gelb waren. Der wilde Garten hinter dem Hause hatte in der Mitte einen Apfelbaum und ein paar vereinzelte Büsche; unter einem von ihnen fand ich die rostige Fahrradpumpe des verstorbenen Mieters. Er war ein sehr mildtätiger Priester gewesen. In seinem Testament hatte er sein ganzes Geld Instituten und die Einrichtung seines Hauses seiner Schwester vermacht. Als die kurzen Wintertage kamen, war es schon dunkel, ehe wir noch mit dem Mittagessen fertig waren. Und wenn wir uns dann auf der Straße zusammenfanden, waren die Häuser schwarz geworden. Das Stück Himmel über uns wechselte in mannigfachem Violett, und die Straßenlaternen reckten ihm ihr schwaches Licht entgegen. Die kalte Luft stach uns, und wir spielten, bis uns der Körper glühte. Unsere Rufe hallten in der stillen Straße wider. Unser Spiel führte uns durch die dunklen, schmutzigen Gassen hinter den Häusern, wo wir die wilden Stämme aus den Hütten zum Kampfe herausforderten, bis an die Hintertüren der dunklen, feuchten Gärten, wo aus den Abfallgruben Düfte aufstiegen, bis an die dunklen, stinkenden Ställe, wo der Kutscher das Pferd striegelte und kämmte oder Musik aus den Schnallen des Geschirrs schüttelte. Wenn wir auf die Straße zurückkehrten, hatte Licht aus den Küchenfenstern die Vorgärten erfüllt. Wenn wir meinen Onkel um die Ecke kommen sahen, versteckten wir uns im Dunkeln, bis wir gesehen hatten, daß er glücklich im Hause war. Oder wenn Mangans Schwester auf der Türschwelle erschien und ihren Bruder zum Tee hereinrief, beobachteten wir sie aus unserem Dunkel, wie sie die Straße auf und ab sah. Wir warteten, ob sie blieb oder wieder hineinging, und wenn sie blieb, verließen wir resigniert unser Versteck und gingen bis an Mangans Tür. Sie wartete auf uns, ihre Gestalt stand sichtbar im Licht, das aus der halboffenen Tür strömte. Ihr Bruder neckte sie immer, bevor er gehorchte, und ich stand am Gitter und sah hinüber zu ihr. Ihr Kleid pende’ te, wenn sie ihren Körper bewegte, hin und her, und hin und her pendelte auch die weiche Flechte ihres Haares.

Jeden Morgen lag ich auf dem Boden im vorderen Wohnzimmer und beobachtete ihre Tür. Das Rouleau war bis auf einen Zoll über dem Rahmen heruntergelassen, so daß ich nicht gesehen werden konnte.

Wenn sie auf der Türschwelle erschien, hüpfte mein Herz. Ich lief in den Flur, nahm meine Bücher und folgte ihr. Ich ließ ihre braune Gestalt nicht aus den Augen, und wenn wir an die Stelle kamen, wo unsere Wege sich trennten, beschleunigte ich meinen Schritt und überholte sie. Das ereignete sich jeden Morgen. Nie hatte ich außer ein paar zufälligen Worten mit ihr gesprochen, und doch jagte mir ihr Name das Blut wild durch die Adern.

Ihr Bild begleitete mich sogar an Orte, die dem Romantischen so ganz feindlich sind. Am Samstagabend, wenn meine Tante einkaufen ging, mußte ich mit und einige Pakete tragen. Wir gingen durch die glänzenden Straßen, wurden von betrunkenen Männern und feilschenden Weibern angestoßen, hörten die Flüche von Arbeitern, die gellenden Litaneien der Ladenjungen, die bei den Fässern mit Geselchtem Wache hielten, den nasalen Gesang von Straßensängern, die einen Gassenhauer über O’Dono van Rossa oder eine Ballade über die Wirren in unserm Heimatlande sangen. Dieser Lärm verdichtete sich in mir zu einem einzigen Lebensgefühl: ich stellte mir vor, ich trüge meinen Kelch sicher durch eine dichte Menge von Feinden. In seltsamen Gebeten und Lobliedern, die ich selbst nicht verstand, sprang mir ihr Name manchmal auf die Lippen. Meine Augen waren oft voll von Tränen (ich könnte nicht sagen, warum), und manchmal war es, als ergösse sich eine Flut aus meinem Herzen in meine Brust. Ich dachte wenig an die Zukunft. Ich wußte nicht, ob ich je mit ihr sprechen würde oder nicht, ob ich ihr von meiner wirren Anbetung erzählen könnte, wenn ich mit ihr spräche. Aber mein Körper war wie eine Harfe, und ihre Worte und Bewegungen waren wie Finger, die über die Saiten glitten.

Eines Abends ging ich in das hintere Wohnzimmer, in dem der Priester gestorben war. Es war ein dunkler, regnerischer Abend. Kein Laut war im Hause zu hören. Durch eine der zerbrochenen Scheiben hörte ich den Regen auf die Erde klatschen, hörte die feinen Wassernadeln unaufhörlich in die durchweichten Beete stechen.

Irgendeine ferne Laterne oder ein erleuchtetes Fenster glühte unter mir. Ich war dankbar, daß ich so wenig sehen konnte. Alle meine Sinne schienen sich verschleiern zu wollen, und als ich fühlte, daß sie mich zu verlassen drohten, preßte ich die Handflächen gegeneinander, bis sie zitterten, und sagte dabei leise, viele Male: »Oh! Liebe! Liebe!«

Endlich sprach sie mich an. Als sie die ersten Worte an mich richtete, war ich so verwirrt, daß ich nicht wüßte, was ich antworten sollte. Sie fragte mich, ob ich nach Arabien ginge. Ich weiß nicht mehr, ob ich ja oder nein antwortete. Es wäre ein herrlicher Bazar, sagte sie, und sehr gern ginge sie hin. »Und warum kannst du denn nicht?« fragte ich. Während sie sprach, drehte sie ein silbernes Armband immer wieder um das Handgelenk. Sie könnte nicht hin, sagte sie, weil gerade in der Woche in ihrem Kloster Andachtsübung wäre. Ihr Bruder und zwei andere Jungens balgten sich um ihre Mützen, und ich stand allein am Gitter. Sie hatte eine der Spitzen gefaßt und beugte ihren Kopf zu mir herab. Das Licht der Laterne gegenüber unserer Tür zeichnete die weiße Linie ihres Halses, beleuchtete ihr Haar an dieser Stelle, glitt dann tiefer und fiel halb auf die Hand am Gitter. Es fiel über die eine Seite ihres Kleides und traf dann den weißen Saum ihres Unterrockes, der eben sichtbar war, wie sie so bequem da stand.

»Das wäre was für dich«, sagte sie.

»Wenn ich hingehe«, sagte ich, »bringe ich dir was mit.«

Welch ungezählte Torheiten begingen nach diesem Abend meine wachen und schlafenden Gedanken! Ich hätte am liebsten die öden, dazwischenliegenden Tage ausgetilgt. Ich bäumte mich auf gegen die Schularbeit. Abends in meinem Schlafzimmer und tagsüber im Klassenzimmer trat ihr Bild zwischen mich und die Seite, die ich mich zu lesen abmühte. Die Silben des Wortes Arabien klangen herüber zu mir durch die Stille, in der meine Seele schwelgte, und warfen östlichen Zauber über mich. Am Samstagabend bat ich um die Erlaubnis, auf den Bazar gehen zu dürfen. Meine Tante war überrascht und hoffte nur, es wäre nicht irgendeine Freimaurergeschichte. Ich beantwortete im Unterricht nur wenig Fragen. Ich beobachtete meines Lehrers Gesicht, das von der Liebenswürdigkeit zur Strenge überging; fing ich etwa an zu faulenzen? Ich konnte meine wandelnden Gedanken nicht zusammennehmen. Ich hatte kaum einen Rest von Geduld für die ernste Arbeit des Lebens, die mir jetzt, als sie zwischen mir und meiner Sehnsucht stand, wie Kinderspiel, häßliches, eintöniges Kinderspiel vorkam.

Am Samstagmorgen erinnerte ich meinen Onkel daran, daß ich am Abend gerne auf den Bazar wollte. Er kramte an der Flurgarderobe rum, suchte die Hutbürste und antwortete kurz:

»Ja, Junge, weiß ich.«

Weil er im Flur war, konnte ich nicht in das vordere Wohnzimmer gehen und am Fenster liegen. Ich fühlte, daß schlechte Laune im Hause war, und ging langsam zur Schule. Die Luft war unbarmherzig rauh, und schon ahnte mir nichts Gutes. Als ich zum Essen nach Haus kam, war mein Onkel noch nicht wieder da. Aber es war ja noch früh. Eine Zeitlang saß ich da und starrte auf die Uhr, aber als ihr Ticken mich zu reizen begann, verließ ich das Zimmer. Ich ging die Treppe hinauf in den oberen Teil des Hauses. Die hohen, kalten, leeren, düsteren Zimmer befreiten mich, und singend ging ich von einem Zimmer ins andere. Aus dem Vorderfenster sah ich meine Kameraden unten auf der Straße spielen. Schwach und undeutlich drangen ihre Schreie zu mir, und meine Stirne gegen das kühle Glas lehnend, sah ich hinüber nach dem dunklen Hause, in dem sie wohnte. Eine Stunde mag ich wohl so gestanden haben, in meiner Phantasie sah ich immer nur die braungekleidete Gestalt, auf deren geschwungenen Nacken, auf deren Hand, die auf dem Gitter ruhte, auf deren Saum unten am Kleide zartes Licht fiel. Als ich wieder nach unten kam, saß Frau Mercer am Feuer. Es war eine alte, schwatzhafte Frau, die Witwe eines Pfandleihers, die für irgendeinen frommen Zweck gestempelte Briefmarken sammelte. Ich mußte das Geschwätz am Teetisch ertragen. Die Mahlzeit dauerte über eine Stunde, und noch immer kam der Onkel nicht. Frau Mercer stand auf und wollte gehen: sie bedauerte, nicht länger bleiben zu können, aber es sei schon acht vorbei, und sie sei nicht gerne spät außer dem Hause, da ihr die Abendluft schade. Als sie fort war, ging ich im Zimmer auf und ab, ballte die Fäuste. Meine Tante sagte:

»Ich fürchte, heute abend wird’s mit deinem Bazar nichts mehr.«

Um neun Uhr hörte ich den Schlüssel meines Onkel in der Flurtür. Ich hörte, wie er Selbstgespräche führte, wie die Flurgarderobe wackelte, als sie die Last seines Mantels zu halten bekam. Ich konnte mir diese Anzeichen schon deuten. Als er mit Essen halb fertig war, bat ich ihn, mir das Geld zum Besuche des Bazars zu geben. Er hatte es vergessen.

»Die Leute liegen schon im Bett und haben den ersten Schlaf hinter sich«, sagte er.

Ich lächelte nicht. Meine Tante sagte energisch zu ihm:

»Kannst du ihm denn nicht das Geld geben und ihn gehen lassen? Hast ihn lange genug warten lassen.«

Mein Onkel sagte, es täte ihm sehr leid, daß er es vergessen habe; er halte es aber mit dem alten Sprichwort: Immer nur Arbeit und kein Vergnügen, macht aus Jack einen langweiligen Burschen. Er fragte mich, wohin ich denn wollte, und als ich es ihm zum zweitenmal gesagt hatte, fragte er mich, ob ich Des Arabers Abschied an seinen Renner kennte. Als ich die Küche verließ, deklamierte er die Anfangsverse des Gedichtes meiner Tante vor. Fest hielt ich einen Florin in der Hand, als ich die Buckingham Street hinunter zum Bahnhof ging. Der Anblick der Straßen mit den vielen Käufern und den leuchtenden Gasflammen erinnerte mich an den Zweck meiner Reise. Ich stieg in einen Wagen dritter Klasse eines leeren Zuges. Nach unerträglich langem Warten fuhr der Zug langsam aus dem Bahnhof. Er kroch dahin zwischen verfallenen Häusern und über den funkelnden Fluß. An der Westland Row Station drängte ein Haufen Menschen an die Wagentüren: aber die Gepäckträger drängten sie zurück und sagten, es wäre ein Extrazug nach dem Bazar. Ich blieb in dem leeren Wagen allein. Einige Minuten später hielt der Zug vor einem improvisierten, hölzernen Bahnsteig. Ich ging hinaus auf die Straße und sah auf dem erleuchteten Zifferblatt einer Uhr, daß es zehn Minuten vor zehn war. Vor mir stand ein großes Gebäude, auf dem das magische Wort leuchtete. Ich konnte keinen Eingang für Sixpenny finden, und da ich fürchtete, der Bazar könnte geschlossen werden, ging ich schnell durch ein Drehkreuz und gab einem müde aussehenden Mann einen Shilling. Ich befand mich in einer großen Halle, durch die in halber Höhe eine Galerie lief. Fast alle Stände waren geschlossen, und der größere Teil der Halle lag im Dunkeln. Das Schweigen erinnerte mich an das Schweigen in der Kirche nach dem Gottesdienst. Schüchtern ging ich bis in die Mitte des Bazars. Ein paar Leute standen vor den Ständen, die noch offen waren. Vor einem Vorhang, über dem mit bunten Lichtern die Worte Café chantant standen, zählten zwei Männer Geld auf ein Servierbrett. Ich. lauschte auf den Klang der fallenden Münzen.

Mich nur schwer erinnernd, warum ich gekommen war, ging ich hinüber an einen der Stände, betrachtete prüfend Porzellanvasen und geblümte Teeservices. An der Tür des Standes plauderte und lachte eine junge Dame mit zwei jungen Herren. Ich bemerkte ihren englischen Akzent und hörte halb hin auf ihre Unterhaltung.

»Nein, so was habe ich nie gesagt!«

»Aber ganz gewiß!«

»Nein, ganz gewiß nicht!«

»Hat sie das nicht gesagt?«

»Ja. Ich hab’s gehört.«

»O, so ein . . . Flunkerkasten.«

Als die junge Dame mich sah, kam sie herüber zu mir und fragte, ob ich was kaufen wollte. Der Ton ihrer Stimme war nicht ermutigend; sie schien mich nur aus Pflichtgefühl angesprochen zu haben. Demütig sah ich auf die großen Krüge, die wie östliche Schildwachen zu beiden Seiten des dunklen Eingangs standen, und murmelte:

»Nein, danke.«

Die junge Dame änderte die Stellung einer der Vasen und ging dann wieder hin zu den beiden jungen Herren. Sie sprachen über dasselbe Thema weiter. Ein- oder zweimal sah die junge Dame über die Schulter zu mir herüber.

Ich blieb vor ihrem Stande stehen, obgleich ich wußte, daß mein Bleiben zwecklos war, nur um mein Interesse an ihren Waren wahrscheinlicher erscheinen zu lassen. Dann wandte ich mich langsam fort und ging die Mitte des Bazars hinunter. In meiner Tasche ließ ich die zwei Penny gegen das Sixpencestück klimpern. Von dem einen Ende der Galerie hörte ich eine Stimme rufen, daß das Licht ausgemacht würde. Der obere Teil der Halle war jetzt vollkommen dunkel. Während ich in die Dunkelheit hinaufstarrte, kam ich mir vor wie ein Wesen, das die Eitelkeit trieb und lächerlich machte; und meine Augen brannten vor Qual und Wut.

EVELINE

Sie saß am Fenster, beobachtete, wie der Abend auf die Straße herabsank. Ihr Kopf lehnte gegen die Fenstervorhänge, und sie roch den Duft des staubigen Kreton. Sie war müde.

Wenige Leute gingen vorbei. Der Mann aus dem letzten Hause kam auf dem Heimweg vorüber; sie hörte seine Schritte auf dem harten Pflaster hallen und dann auf dem Aschenpfad vor den neuen, roten Häusern knirschen. Früher war da mal ein Feld gewesen, auf dem sie jeden Abend mit den Kindern anderer Leute spielten. Dann kaufte ein Mann aus Belfast das Feld und baute Häuser darauf – die waren nicht wie ihre kleinen, braunen Häuser, sondern helle Backsteinhäuser mit glänzenden Dächern. Die Kinder der Straße spielten zusammen auf diesem Felde – die Devines, die. Waters, die Dunns, der kleine Krüppel Keogh, sie und ihre Brüder und Schwestern. Ernst aber spielte nie mit, er war schon zu groß. Oft jagte der Vater mit seinem Schwarzdornstock hinter ihnen her, jagte sie von dem Felde; aber gewöhnlich stand der kleine Keogh Schmiere und rief, wenn er ihren Vater kommen sah. Aber damals waren sie doch ziemlich glücklich. Der Vater war zu jener Zeit noch nicht so schlimm; und außerdem lebte die Mutter noch. Das war lange her; sie und ihre Brüder und Schwestern waren jetzt alle erwachsen; ihre Mutter war tot. Tizzie Dunn war auch schon tot, und die Waters waren wieder nach England zurückgekehrt.

Alles ändert sich. Jetzt wollte auch sie fort wie die andern, wollte ihr Heim verlassen.

Heim! Prüfend ließ sie die Blicke durch das Zimmer schweifen, sah noch einmal auf all seine vertrauten Gegenstände, die sie so viele Jahre hindurch einmal wöchentlich abgestaubt hatte, wobei sie sich immer wieder fragte, woher all der Staub käme. Vielleicht würde sie diese vertrauten Gegenstände nie wiedersehen, von denen sich einmal trennen zu müssen ihr nie in den Sinn gekommen war. Und doch hatte sie während all der Jahre nie den Namen des Priesters erfahren, dessen vergilbte Photographie an der Wand über dem zerbrochenen Harmonium neben dem farbigen Druck hing, der die Verheißungen an die gesegnete Maria Alacoque darstellte. Er war ein Schulfreund ihres Vaters gewesen. Jedesmal, wenn ihr Vater einem Besucher die Photographie zeigte, hatte er so beiläufig bemerkt: »Er ist jetzt in Melbourne.«

Sie hatte sich bereit erklärt, fortzugehen, ihre Heimat zu verlassen. War das klug? Sie versuchte, die Frage nach jeder Seite zu ergründen. In ihrer Heimat hatte sie auf jeden Fall Schutz und Nahrung; sie hatte die Menschen, die sie ihr ganzes Leben lang um sich gehabt hatte. Natürlich mußte sie schwer arbeiten, sowohl zu Hause als auch im Geschäft. Was würde man über sie im Geschäft sagen, wenn man erfuhr, daß sie mit einem Mann fortgelaufen war? Vielleicht, daß sie nicht bei Sinnen wäre; dann eine Annonce, und ihre Stelle war neu besetzt. Fräulein Gavan würde sich freuen. Sie hatte sie immer auf dem Zug gehabt, besonders dann, wenn Kunden in der Nähe waren und zuhörten.

»Fräulein Hill, sehen Sie denn nicht, daß die Damen warten?«

»Machen Sie bitte ein freundliches Gesicht, Fräulein Hill.«

Sie würde dem Geschäft keine Träne nachweinen. Aber in ihrer neuen Heimat, in einem fernen, unbekannten Lande, würde alles anders sein. Dann würde sie sich verheiraten – sie, Eveline. Die Leute würden ihr dann voller Achtung begegnen. Sie würde nicht behandelt werden, wie ihre Mutter behandelt worden war. Selbst jetzt noch, obwohl sie schon über neunzehn war, fühlte sie sich oft von den Gewalttätigkeiten ihres Vaters bedroht. Sie wußte, daß sie davon das Herzklopfen hatte. Als sie noch Kinder waren, war er nie zu ihr gewesen, wie er zu Harry oder Ernst zu sein pflegte, weil sie ein Mädchen war; aber seit einiger Zeit hatte er angefangen, sie zu bedrohen, und sagte, dächte er nicht an ihre tote Mutter, würde ihr dies und das passieren. Und jetzt hatte sie niemand, der sie schützte. Ernst war tot, und Harry, der Kirchenmaler war, war fast immer irgendwo anders im Lande. Außerdem waren ihr die ewigen Geldstreitigkeiten am Samstagabend unsäglich widerwärtig. Immer gab sie ihren ganzen Lohn – sieben Shilling – und Harry schickte immer, was er konnte, aber immer hielt es schwer, von ihrem Vater Geld zu bekommen. Er sagte, sie vertäte das Geld, sie wäre nicht bei Trost, er gäbe ihr doch nicht sein schwer verdientes Geld, daß sie es auf die Straße würfe, und so weiter, denn Samstag abends war er immer sehr schlechter Laune. Schließlich gab er ihr aber doch das Geld und fragte sie, ob sie das Sonntagessen einkaufen wolle. Dann mußte sie so schnell wie möglich aus dem Hause laufen und die Einkäufe besorgen; die schwarze Lederbörse hielt sie fest in der Hand, während sie sich mit dem Ellbogen ihren Weg durch die Menge bahnte; erst spät kehrte sie dann schwerbepackt nach Hause zurück. Sie mußte schwer arbeiten, wollte sie das Haus in Ordnung halten, mußte darauf achten, daß die beiden kleinen Kinder, für die sie zu sorgen hatte, regelmäßig zur Schule kamen und regelmäßig ihre Mahlzeiten bekamen. Es war nicht leicht – war ein schweres Leben – aber jetzt, wo sie es aufgeben wollte, fand sie es doch nicht so ganz unerträglich. Sie wollte ein anderes Leben mit Frank zusammen kennenlernen. Frank war sehr freundlich, männlich, offenherzig. Sie wollte mit dem Abendschiff mit ihm fortfahren, wollte sein Weib werden und mit ihm in Buenos Aires wohnen, wo er ein Haus hatte, das auf sie wartete. Wie gut sie sich erinnerte, wie sie ihn zum erstenmal gesehen hatte; er wohnte in einem Hause der Hauptstraße, in das sie öfters kam. Es schien erst ein paar Wochen her zu sein. Er stand am Gitter, die Mütze hatte er in den Nacken geschoben, und sein Haar fiel ihm in das bronzefarbene Gesicht. Dann hatten sie einander kennengelernt. Jeden Abend hatte er sie vor dem Geschäft getroffen und nach Hause begleitet. Er nahm sie mit in The Bohemian Girl, und sie war sehr stolz gewesen, als sie neben ihm auf einem ungewohnten Platz im Theater saß. Er mochte Musik ungeheuer gern und sang ein wenig. Die Leute wußten, daß sie miteinander gingen, und wenn er das Lied von dem Mädchen sang, das einen Matrosen liebt, war sie jedesmal so angenehm verwirrt. Aus Spaß nannte er sie Puppi. Zuerst war für sie der Gedanke, einen Geliebten zu haben, eine Erregung gewesen, und dann hatte sie ihn auch bald geliebt. Als Schiffsjunge hatte er auf einem Schiff der Allan Line, das nach Kanada fuhr, angefangen; ein Pfund hatte er monatlich verdient. Er nannte ihr die Namen der Schiffe, auf denen er gefahren war, und die der verschiedenen Gesellschaften. Er war durch die Magellanstraße gefahren und erzählte ihr Geschichten über die schrecklichen Patagonier. In Buenos Aires hätte es dann geklappt, sagte er, und er wäre mal, um Ferien zu machen, in die alte Heimat gekommen. Natürlich hatte ihr Vater die Geschichte gemerkt und ihr verboten, auch nur ein Wort mit ihm zu reden.

»Ich kenne diese Matrosen«, sagte er.

Eines Tages hatte er sich mit Frank gezankt, und nach diesem Zwischenfall konnte sie den Geliebten nur noch heimlich treffen.

Immer dunkler wurde es in der Straße. Das Weiß zweier Briefe auf ihrem Schoß wurde undeutlich. Der eine war an Harry, der andere an ihren Vater. Ernst war ihr Lieblingsbruder gewesen, aber auch Harry mochte sie gerne. Sie hatte bemerkt, daß ihr Vater seit einiger Zeit alterte; er würde sie vermissen. Manchmal konnte er sehr nett sein. Vor kurzem noch, als sie einen Tag krank zu Bett lag, hatte er ihr eine Gespenstergeschichte vorgelesen und Toast für sie auf dem Feuer bereitet. Ein anderes Mal, als ihre Mutter noch lebte, waren sie alle auf den Hill of Howth gegangen und hatten dort gepicknickt. Sie sah den Vater noch vor sich, wie er den Hut der Mutter aufsetzte, damit die Kinder lachten.

Die Zeit verging schnell, aber immer noch saß sie am Fenster, lehnte den Kopf gegen den Fenstervorhang, atmete den Duft des staubigen Kreton. Weit unten in der Straße konnte sie eine Straßenorgel spielen hören. Sie kannte die Melodie. Seltsam, daß sie sie grade jetzt hörte, daß sie sie an das Versprechen an die Mutter erinnerte, das Haus so lange sie nur konnte zusammenzuhalten. Sie dachte an den letzten Abend der Krankheit ihrer Mutter; sie war wieder in dem schwülen, dunklen Zimmer auf der andern Seite des Flurs, und draußen hörte sie eine melancholische, italienische Melodie. Dem Orgelspieler hatte man gesagt, er solle weitergehen, und hatte ihm Sixpence gegeben. Sie dachte auch an den Vater, der wieder ins Krankenzimmer stolzierte und sagte:

»Die verfluchten Italiener! Kommen sogar bis hierhin!«

Während sie so sann, tropfte ihr Erkenntnis aus der Vision des jämmerlichen Lebens ihrer Mutter bis ins Innerste – dies banale Opferleben, das im Irrsinn endete. Sie erbebte, als sie immer wieder ihrer Mutter Stimme mit närrischer Beharrlichkeit sagen hörte:

Derevaun Seraun! Derevaun Seraun!

Von plötzlicher Angst gepackt, stand sie auf. Fliehen! Sie mußte fliehen! Frank würde sie retten! Er würde ihr Leben, vielleicht auch Liebe geben. Aber sie wollte leben. Warum sollte sie unglücklich sein? Sie hatte ein Recht auf Glück. Frank würde sie in seine Arme nehmen, sie in seine Arme hüllen. Er würde sie retten . . .

Sie stand in der unruhigen Menge auf dem North-Wall-Bahnhof. Er hielt ihre Hand, und sie wußte, daß er zu ihr sprach, immer wieder etwas über die Überfahrt sagte. Der Bahnhof war voll Soldaten mit braunem Gepäck. Durch die weiten Tore der Schuppen sah sie die schwarze Masse des Schiffes, das mit erleuchteten Luken an der Kaimauer lag. Sie antwortete nichts. Sie fühlte, wie kalt und blaß ihre Wangen waren, und aus wirrer Not heraus betete sie zu Gott, sie zu leiten, ihr zu zeigen, was ihre Pflicht war. Das Schiff stieß ein langes, trauriges Pfeifen in den Nebel. Wenn sie ging, war sie morgen mit Frank auf dem Meere, fuhr nach Buenos Aires. Ihre Plätze für die Überfahrt waren bestellt. Konnte sie nach allem, was er für sie getan hatte, noch zurück? Vor innerer Not wurde ihr schlecht, aber immer noch bewegte sie die Lippen in stillem, inbrünstigem Gebet.

Ein Glockenton fiel ihr ins Herz. Sie fühlte, wie er ihre Hand ergriff.

»Komm!«

Alle Meere der Welt umtobten ihr Herz. Er zog sie hinein: er würde sie auf den Grund reißen. Mit beiden Händen packte sie das eiserne Gitter.

»Komm!«

Nein! Nein! Nein! Es war unmöglich. Wie wahnsinnig packten ihre Hände das Eisen. Aus all den Meeren heraus schrie sie einen Angstschrei!

»Eveline! Evvy!«

Schnell trat er auf die andere Seite der Schranke und rief ihr zu, zu folgen. Er wurde angeschrien, weiterzugehen, aber immer noch rief er sie. Sie wandte ihm ihr weißes Gesicht zu, passiv, wie ein hilfloses Tier. In ihren Augen war nichts, keine Liebe, kein Abschied, kein Erkennen.

NACH DEM RENNEN

Die Wagen ratterten in Richtung Dublin, glitten dahin wie Kugeln in der Wagenspur der Naas Road. Auf dem Gipfel des Hügels bei Inchicore standen dichtgedrängt die Zuschauer, beobachteten die Wagen, die nach Hause fuhren; und durch diese Gasse der Armut und Untätigkeit jagte der Kontinent seinen Reichtum und seine Industrie. Dann und wann erhob die Menge das Hurrageschrei der dankbar Bedrückten. Ihre Sympathie aber galt den blauen Wagen – den Wagen ihrer Freunde, der Franzosen.

Die Franzosen waren übrigens die wahren Sieger. Ihre Wagen waren gut gefahren; sie hatten die zweite und dritte Stelle errungen, und der Fahrer des gewinnenden deutschen Wagens war, wie gemunkelt wurde, ein Belgier. Deshalb begrüßte jeden blauen Wagen doppelter Beifall, als er die Spitze des Hügels erreichte, und jeder Beifall wurde von denen im Wagen mit Lächeln und Kopfnicken beantwortet. In einem dieser schön gebauten Wagen saß eine Gesellschaft von vier jungen Männern, die ausgelassener schienen, als es sonst selbst siegreiche Gallier sind. Diese vier jungen Männer waren in der Tat übermütig. Es waren: Charles Ségouin, der Besitzer des Wagens; André Rivière, ein junger Elektrotechniker kanadischer Herkunft; ein großer Ungar mit Namen Villona und ein sauber angezogener junger Mann mit Namen Doyle. Ségouin war guter Laune, weil er ganz unerwarteterweise einige Aufträge auf spätere Lieferung erhalten hatte (er wollte ein Automobilgeschäft in Paris einrichten), und Rivière war guter Laune, weil er zum Direktor dieses Geschäftes ernannt werden sollte; diese beiden jungen Männer (sie waren Vettern) waren auch wegen des Erfolges der französischen Wagen guter Laune. Villona war guter Laune, weil er ein sehr befriedigendes Frühstück hinter sich hatte; außerdem war er von Natur aus Optimist. Der Vierte der Gesellschaft aber war zu aufgeregt, um wirklich glücklich zu sein.

Er war ungefähr sechsundzwanzig Jahre alt, hatte einen weichen, hellbraunen Schnurrbart und ziemlich unschuldig dreinschauende, graue Augen. Sein Vater, der früher ganz rechtsstehender Nationalist gewesen war, hatte seine Ansichten schnell geändert. Als Metzger in Kingstown war er zu Geld gekommen und dann durch die Eröffnung von Läden in Dublin und den Vorstädten noch vielfach reicher geworden. Außerdem hatte er das Glück gehabt, sich einige Lieferungsverträge für die Polizei zu sichern, und war schließlich so reich geworden, daß die Dubliner Zeitungen von ihm als dem reichen Kaufherrn sprachen. Er hatte seinen Sohn nach England geschickt, wo er in einem großen katholischen College erzogen wurde, und ihn dann auf der Dublin University Jura studieren lassen. Jimmy studierte nicht sehr ernstlich und schlug einige Zeit ganz gehörig über die Stränge.

Er hatte Geld und war beliebt; seltsamerweise teilte er seine Zeit zwischen Musiker- und Automobilistenkreisen. Dann war er für ein Semester nach Cambridge geschickt worden, um das Leben ein wenig kennenzulernen. Wenn sein Vater auch schimpfte, freute er sich im geheimen doch über seine Exzesse; er hatte seine Rechnungen bezahlt und ihn dann nach Hause geholt. In Cambridge hatte er Ségouin kennengelernt. Sie waren bis heute noch nicht viel mehr als Bekannte, aber Jimmy fand großes Vergnügen an der Gesellschaft jemandes, der so viel von der Welt gesehen hatte und als Eigentümer einiger der größten Hotels in Frankreich bekannt war. Ein solcher Mann war (und sein Vater war derselben Meinung) die Bekanntschaft wohl wert, selbst wenn er nicht der reizende Gefährte gewesen wäre, der er wirklich war. Villona war auch unterhaltend – ein glänzender Pianist –, aber leider sehr arm.

Der Wagen fuhr mit seiner Last übermütiger Jugend lustig weiter. Die beiden Vettern saßen auf dem Vordersitz; Jimmy und sein ungarischer Freund saßen hinten. Villona war tatsächlich glänzender Laune; meilenlang summte er in seinem tiefen Baß eine Melodie. Die Franzosen warfen Gelächter und leichte Worte über die Schulter, und oft mußte sich Jimmy nach vorne beugen, den schnellen Satz zu erhaschen. Dies war nicht gerade angenehm für ihn, da er fast immer erst nach der Bedeutung suchen und eine passende Antwort gegen den starken Wind zurückrufen mußte. Außerdem hätten Villonas Summen und der Lärm des Wagens jeden andern auch gestört. Schnelle Bewegung durch den Raum wirkt erhebend; genau so wirkt gute Gesellschaft, genau so wirkt der Besitz von Geld. Dies waren drei gute Gründe für Jimmys Erregung. An diesem Tage hatten ihn viele seiner Freunde in Gesellschaft dieser Kontinentalen gesehen. An der Kontrolle hatte ihn Ségouin einem der französischen Fahrer vorgestellt, und als Antwort auf seine verwirrt gemurmelten Glückwünsche hatte dessen schwärzliches Gesicht eine Reihe blendend weißer Zähne gezeigt. Nach dieser Ehre war es angenehm, in die profane Welt der Zuschauer, die sich anstießen und sich bezeichnende Blicke zuwarfen, zurückzukehren. Und dann – was das Geld betrifft – besaß er wirklich eine große Summe. Ségouin hielt sie vielleicht nicht für groß, aber Jimmy, der trotz zeitweiliger Seitensprünge im Grunde der Erbe solider Instinkte war, wußte wohl, mit welcher Schwierigkeit es zusammengebracht worden war. Dieses Wissen hatte früher seine Rechnungen in den Grenzen vernünftiger Sorglosigkeit gehalten, und wenn er sich der im Gelde ruhenden Arbeit bewußt gewesen war, wo es sich nur um einige Launen der höheren Intelligenz handelte, wie viel mehr heute, wo er im Begriff war, den größeren Teil seines Kapitals zu wagen. Es war für ihn eine ernste Sache. Natürlich war die Anlage gut, und Ségouin hatte es wohl verstanden, den Eindruck zu erwecken, als würde das Bißchen irischen Geldes nur aus Freundschaft in das Kapital des Konzerns aufgenommen. Jimmy hatte vor seines Vaters Scharfblick in geschäftlichen Dingen großen Respekt, und in diesem Falle war es sein Vater gewesen, der als erster diese Anlage angeregt hatte; Geld, das in Autogeschäften angelegt würde, bedeutete großen Gewinn. Außerdem sah Ségouin ganz nach dem Reichtum aus, der so leicht nicht täuscht. Jimmy fing an, den herrlichen Wagen, in dem er saß, in Tagesarbeit umzurechnen. Wie glatt er fuhr! Wie waren sie über die Landstraßen gejagt! Die Fahrt legte einen Zauberfinger an den wirklichen Puls des Lebens, und tapfer bemühte sich die Maschinerie der menschlichen Nerven, dem springenden Lauf des schnellen blauen Tieres zu entsprechen.

Sie fuhren die Dame Street hinunter. Ungewöhnlicher Verkehr belebte die Straße, die Hupen der Autofahrer und die Glocken ungeduldiger Straßenbahnfahrer lärmten. In der Nähe der Bank hielt Ségouin, und Jimmy und sein Freund stiegen aus. Eine kleine Gruppe Leute sammelte sich auf dem Bürgersteig, um dem ratternden Motor zu huldigen. Die Gesellschaft wollte heute abend zusammen in Ségouins Hotel speisen, und bis dahin sollten Jimmy und sein Freund, der bei ihm wohnte, nach Hause gehen und sich umziehen. Der Wagen steuerte langsam nach der Grafton Street, während sich die beiden jungen Leute durch den Trupp der Gaffer ihren Weg bahnten. Sie gingen in nördlicher Richtung weiter; ein seltsames Gefühl der Enttäuschung erfüllte sie, als sie ihre Glieder gebrauchten, während die Stadt über sie ihre bleichen Lichtkugeln in den abendlichen Sommernebel hängte.

Zu Hause bei Jimmy hatte man von diesem Abendessen als einem Ereignis gesprochen. Ein gewisser Stolz mischte sich in die Aufregung seiner Eltern, die nicht mehr wußten, wo ihnen der Kopf stand; so wirkt die Nennung großer fremder Städte. Jimmy sah gut aus, wenn er angezogen war; und als er im Flur stand und noch einmal die Schleifen des Schlipses gleichzog, fühlte sein Vater sogar im kaufmännischen Sinn so etwas wie Zufriedenheit, daß er seinem Sohn Eigenschaften mit auf den Weg gegeben hatte, die man für Geld nicht kaufen kann. Sein Vater war deshalb ungewöhnlich freundlich gegen Villona, und sein Benehmen zeugte von wirklichem Respekt gegen fremde Vollkommenheiten; aber diese Subtilität seines Gastgebers war wahrscheinlich bei dem, Ungarn, der sich sehr nach seinem Dinner sehnte, gar nicht angebracht. Das Essen war ausgezeichnet, erlesen. Ségouin hatte, wie Jimmy konstatierte, einen ganz raffinierten Geschmack. Die Gesellschaft wurde durch einen jungen Engländer mit Namen Routh vergrößert, den Jimmy bei Ségouin in Cambridge kennengelernt hatte. Die jungen Herren aßen in einem gemütlichen Zimmer, das elektrische Kerzenlampen erleuchteten. Sie sprachen lebhaft und mit wenig Reserve. Jimmy, dessen Phantasie sich entzündete, sah schon, wie die lebhafte Jugend der Franzosen die starren Formen des Engländers mit einer eleganten Arabeske verzierte. Ein anmutiges Bild, das er schuf, dachte er, und ein richtiges dazu. Er bewunderte die Geschicklichkeit, mit der ihr Gastgeber die Unterhaltung führte. Die fünf jungen Männer hatten verschiedenen Geschmack, und ihre Zungen waren gelöst. Villona begann mit ungeheurem Respekt dem leicht überraschten Engländer die Schönheit des englischen Madrigals zu eröffnen, wobei er den Verlust alter Instrumente beklagte. Rivière unternahm es nicht grade geschickt, Jimmy den Triumph der französischen Mechaniker zu erklären. Die tönende Stimme des Ungarn wollte eben die unechte Technik der romantischen Maler lächerlich machen, als Ségouin seine Gäste auf die Weide der Politik führte. Das war ein Gebiet, auf dem sie alle zu Hause waren. Jimmy fühlte, wie in ihm unter dem edlen Einfluß des Getränks der begrabene Eifer seines Vaters zu neuem Leben erwachte: er brachte schließlich sogar Leben in den apathischen Routh. Im Zimmer wurde es immer schwüler, und jeden Augenblick wurde Ségouins Aufgabe schwerer: es bestand sogar die Gefahr einer Balgerei. Der flinke Gastgeber hob bei einer günstigen Gelegenheit sein Glas zu Ehren der Menschheit, und als der Toast getrunken war, öffnete er ostentativ ein Fenster.

An diesem Abend sah die Stadt aus wie eine Hauptstadt. In einer schwachen Wolke duftenden Rauches bummelten die fünf Leute an Stephen’s Green entlang. Sie schwatzten laut und heiter, und ihre Mäntel baumelten von den Schultern. Die Leute machten ihnen Platz. An der Ecke der Grafton Street half ein kurzer, dicker Mann zwei hübschen Damen in einen Wagen, in dem schon ein anderer dicker saß. Der Wagen fuhr ab, und der kurze dicke Mann besah sich die Gesellschaft.

»André!«

»Sieh da! Farley!«

Ein Wortstrom folgte. Farley war Amerikaner. Keiner wußte eigentlich, um was sich das Gespräch drehte. Villona und Rivière waren die Lautesten, aber aufgeregt waren sie alle. Sie stiegen in einen Wagen, quetschten sich mit vielem Gelächter zusammen. Sie fuhren an der Menge, die jetzt in weichen Farben verschwamm, vorbei, und lustige Glocken erklangen. In Westland Row nahmen sie den Zug und verließen einige Sekunden später, wie es Jimmy schien, die Kingstown Station. Der Billetteinsammler grüßte Jimmy; es war ein alter Mann.

»Schöner Abend, Herr!«

Es war ein heiterer Sommerabend; der Hafen lag wie ein dunkler Spiegel zu ihren Füßen. Sie gingen auf ihn zu, einer am Arm des andern, sangen im Chor Cadet Roussel, und stampften jedesmal bei Ho! Ho! Hohé vraiment mit den Füßen auf.

Am Landungssteg stiegen sie in ein Ruderboot und fuhren nach der Jacht des Amerikaners. Dort wollte man essen, musizieren, Karten spielen. Villona sagte mit Überzeugung:

»Es ist herrlich!«

In der Kabine stand ein Klavier. Villona spielte für Farley und Rivière einen Walzer, Farley tanzte als Herr und Rivière als Dame. Dann improvisierten sie eine Quadrille, wobei die Herren originelle Figuren erfanden. Was für ein Spaß! Jimmy war mit Leib und Seele dabei; das war doch wenigstens greifbares Leben. Dann konnte Farley nicht mehr und schrie: halt! Ein Mann brachte ein leichtes Abendessen herein, und der Form halber setzten sich die jungen Herren zu Tisch. Aber sie tranken: es war Bohème. Sie tranken auf Irland, England, Frankreich, Ungarn, die Vereinigten Staaten von Amerika. Jimmy hielt eine Rede, eine lange Rede, Villona sagte jedesmal, wenn eine Pause kam, Hört! Hört! Als er sich setzte, wurde tüchtig geklatscht. Es mußte eine gute Rede gewesen sein. Farley schlug ihm auf den Rücken und lachte laut. Was für lustige Brüder! Waren doch lustige Gesellen!

Karten! Karten! Der Tisch wurde abgeräumt. Villona kehrte ruhig an sein Klavier zurück und phantasierte ihnen was vor. Die andern spielten Spiel nach Spiel, stürzten sich kühn in das. Abenteuer. Sie tranken auf das Wohl der Herz- und der Karodame. Jimmy empfand dunkel das Fehlen von Zuhörern, der Witz blitzte nur so. Es wurde hoch gespielt, und schon wurde Papier genommen. Jimmy wußte nicht genau, wer gewann, aber er wußte, daß er verlor. Doch das war seine eigene Schuld; häufig irrte er sich in den Karten, und die andern mußten für ihn den Betrag der Schuldscheine ausrechnen. Es waren ganz verteufelte Kerle, aber er wünschte doch, sie möchten aufhören: es wurde spät. Einer brachte auf die Jacht The Belle of Newport einen Toast aus, und dann schlug einer ein letztes, großes Spiel vor. Das Piano schwieg, Villona war sicher auf Deck gegangen. Es war ein furchtbares Spiel. Kurz vor Schluß desselben tranken sie noch einmal, jeder auf sein Glück. Jimmy begriff, daß das Spiel zwischen Routh und Ségouin ging. Was für eine Aufregung! Auch Jimmy war aufgeregt; er würde natürlich verlieren. Wieviel hatte er durch Unterschrift schon als Schuld anerkannt? Die Herren standen auf, um die letzten Stiche zu spielen, redeten und gestikulierten. Routh gewann. Die Kabine wackelte bei dem Freudengeschrei der jungen Männer, und die Karten wurden eingesammelt. Dann fingen sie an einzuheimsen, was sie gewonnen hatten. Farley und Jimmy hatten am meisten verloren.

Er wußte, daß er am nächsten Morgen alles bereuen würde, aber augenblicklich freute er sich über die Ruhe, die dunkle Dumpfheit, die sich auf seine Torheit niedersenkte. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch, nahm den Kopf in die Hände, zählte die Schläge seiner Schläfen. Die Kabinentür wurde geöffnet, und er sah den Ungarn in einem Streifen grauen Lichtes stehen:

»Der Tag bricht an, meine Herren.«

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9788726642827
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