Читать книгу: «Natürlich waschen!»
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Das Geschäft mit gesunder, schöner Haut boomt: Gut 15 Milliarden Euro werden in Deutschland jährlich für Körperpflegeprodukte ausgegeben. Doch es herrscht kaum Einigkeit darüber, was unsere Haut wirklich pflegt, nährt und was ihr schadet. Die Forschung auf diesem Gebiet ist nur selten unabhängig von den Großkonzernen der Kosmetikindustrie.
Um herauszufinden, wie wir unsere Haut am besten schützen und versorgen, widmet sich Journalist und Arzt James Hamblin der Kulturgeschichte unserer Körperpflege und der Wissenschaft von der Haut. Er spricht mit Mikrobiolog*innen, Allergolog*innen, Genetiker*innen, Ökolog*innen, Kosmetikfachleuten, Seifenfans, Venture-Capital-Unternehmen, Historiker*innen, Entwicklungshelfer*innen, sogar mit ein paar waschechten Betrüger*innen und erfährt, dass sich unsere Vorstellung von sauber und rein gerade grundlegend verändert. Um die Haut und ihr Mikrobiom gesund zu halten, ist weniger oft mehr.
»Hamblins Buch ist eine Ode an die Haut – höchst unterhaltsam und interessant.« New York Times
Über den Autor
James Hamblin, ehem. Arzt, ist heute Autor, leitender Redakteur bei The Atlantic und Dozent an der Yale School of Public Health. Seine Artikel und Reportagen erscheinen u. a. auch in der New York Times und dem Politico-Magazin. Er ist bei NPR, BBC und The Colbert Report aufgetreten. 2015 erhielt er ein Poynter-Stipendium der Yale University für Journalismus, die Times nannte ihn eine der 140 Persönlichkeiten, denen man auf Twitter folgen sollte. Hamblin wohnt in Brooklyn, NY.
JAMES HAMBLIN
NATÜRLICH WASCHEN!
WAS UNSERE HAUT
WIRKLICH GESUND HÄLT
Aus dem amerikanischen Englisch
von Christine Ammann
Verlag Antje Kunstmann
INHALT
Prolog
I. Makellos
II. Reinigen
III. Schaum
IV. Schimmern
V. Entgiften
VI. Minimieren
VII. Flüchtiges
VIII. Probiotisch
IX. Erfrischt
Epilog
Danksagung
ANHANG
Anmerkungen
Ausgewählte Literatur
Register
PROLOG
Vor fünf Jahren habe ich aufgehört zu duschen.
Zumindest nach gängiger Vorstellung. Ab und zu halte ich meine Haare noch unter Wasser, verzichte aber auf Shampoo und Pflegespülung, und Seife nehme ich nur noch für die Hände. Auch die anderen Körperpflegeprodukte, die ich früher mit Sauberkeit verbunden habe, wie Peelings, Feuchtigkeitslotionen oder Deos, verwende ich nicht mehr.
Ich würde das nicht unbedingt jedem empfehlen, denn in vielerlei Hinsicht war es furchtbar. Aber es hat mein Leben verändert.
Gern würde ich behaupten, ich hätte mit dem Duschen aus ehrenwerten, tugendhaften Gründen aufgehört: Etwa, weil in Amerika dabei durchschnittlich 75 Liter völlig sauberes Wasser verbraucht werden, oder weil das Wasser mit erdölhaltigen Reinigungsmitteln und Seife verschmutzt wird und das Palmöl der Seifen aus Plantagen stammt, für die Regenwald gerodet wurde. Oder weil die Schiffe und Güterzüge, auf denen die Körperpflegeprodukte rund um den Globus reisen, von fossilen Kraftstoffen angetrieben werden, weil die antimikrobiellen, konservierenden Zusatzstoffe und das Mikroplastik in unsere Seen und Flüsse, in unsere Nahrung, unser Grundwasser und schließlich in unsere Körper gelangen. Weil die endlosen Reihen aus Plastikflaschen, in denen die Produkte in den Drogeriemärkten der Welt stehen, niemals verrotten werden, sondern sich als große Inseln auf unseren Meeren sammeln. Oder weil die Wale tragischerweise versuchen, sich mit diesen Inseln zu paaren.
Das mit den Walen stimmt nicht (hoffe ich). Aber all die anderen guten Gründe dafür, mit dem Duschen aufzuhören, sind tatsächlich die globalen Auswirkungen der individuellen Hygienegewohnheiten von rund sieben Milliarden Menschen. Aber daran hatte ich gar nicht gedacht, als ich mit dem Duschen aufhörte.
Meine Motivation war viel einfacher und hatte nicht wirklich mit dem Duschen zu tun. Ich war gerade nach New York gezogen, wo alles kleiner, teurer und schwieriger ist. Erst kurz zuvor hatte ich meine Arztkarriere in Los Angeles aufgegeben, weil ich Journalist werden wollte. Obwohl mir fast jeder davon abriet, entschied ich mich gegen einen Beruf mit voraussichtlich 500.000 Dollar Jahresgehalt und für eine Branche im weltweiten Niedergang. Ich zog ans andere Ende der USA und befand mich wieder ganz unten auf der Karriereleiter, in einem winzigen Appartement. Vor mir lag ein Weg, der in jede Richtung durch dichten Nebel führte. Ein Mentor riet mir, die Leiter erst wieder zu erklimmen, wenn ich mir zumindest sicher wäre, dass sie an der richtigen Wand stehe.
Ich denke nicht, dass das heißen sollte, »hör auf zu duschen«. Doch für mich war das der richtige Moment, mein Leben einer gründlichen Inventur zu unterziehen. Ich stellte alles auf den Prüfstand und überlegte, auf welche Besitztümer und Gewohnheiten ich versuchsweise verzichten konnte. Um unnötige, wiederkehrende und unüberlegte Kosten zu vermeiden, schraubte ich meinen Kaffee- und Alkoholkonsum herunter, meldete Fernsehen und Internet ab und verkaufte mein Auto. Ich liebäugelte sogar mit einem Leben im Camper, weil das bei Instagram so glamourös aussah, aber davon rieten mir meine Freundin und alle anderen entschieden ab.
Obwohl ich nicht viel Geld für Seife und Shampoo ausgab, fragte ich mich, wie viel Zeit ich alles in allem für die Hygiene aufwendete. Um Menschen dabei zu helfen, schlechte Gewohnheiten abzulegen, schätzen Verhaltensökonom*innen und Produktivitätsexpert*innen gerne die Langzeitwirkung selbst kleinster Entscheidungen: Wenn man etwa in New York täglich eine Packung Zigaretten raucht, gibt man dafür im Jahr mindestens 5000 Dollar aus. Wenn man mit dem Rauchen aufhört, spart man also in den nächsten zwanzig Jahren, Preissteigerungen mitgerechnet, mindestens 200.000 Dollar. Würde man nie wieder zu Starbucks gehen, könnte man, wenn ich das richtig verstanden habe, sich wohl ein Ferienhaus auf den Bermudas kaufen. Wendet man also für Duschen und Körperpflege täglich eine halbe Stunde auf, verbringt man in hundert Lebensjahren – optimistisch betrachtet und weil es sich leichter berechnen lässt – 18.250 Stunden damit. Ohne Duschen hätte man also volle zwei Lebensjahre mehr freie Zeit.
Freund*innen und Familie wandten allerdings ein, ich würde die zusätzliche Zeit kaum genießen können, da ich mich eklig und ungepflegt fühlen würde. Meine Mutter befürchtete, dass ich mir Krankheiten einfinge, wenn ich die Keime nicht mehr abwusch. Vielleicht würden mir all die so menschlichen Gewohnheiten fehlen, mit denen wir uns zwangsläufig Zeit für uns nehmen und uns zumindest scheinbar der Welt so zeigen können, wie sie uns sehen soll. Oder ich würde einfach die angenehm warme Dusche und das Gefühl vermissen, der Welt jeden Morgen wie neu entgegenzutreten.
Aber was, wenn das alles nicht eintreten würde? Wenn ich seltener erkältet wäre, meine Haut besser aussähe und ich bessere Gewohnheiten und Rituale finden würde? Was, wenn all die Produkte in unseren Badezimmern uns vor allem dazu animieren sollen, immer mehr Produkte zu kaufen? Shampoos gegen fettiges Haar und die Pflegespülungen, die dem Haar das Fett wieder zurückgeben, Seifen gegen fettige Haut und die Feuchtigkeitslotionen, die der Haut das Fett wieder zurückgeben? Wie soll man das wissen, wenn man nie mehr als ein paar Tage lang darauf verzichtet hat?
»Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man nicht duscht«, sagen die meisten Skeptiker. »Nicht gut.« Und ich gebe ihnen recht. Ich weiß, wie es sich anfühlt, keinen Kaffee zu trinken: nicht gut. Oder wie es ist, auf eine Party zu gehen, wo man niemanden kennt: nicht gut. Oder einen Marathon zu laufen, wenn man nicht trainiert hat: auch nicht gut. Aber ich weiß auch, wie es sich anfühlt, nach und nach weniger Kaffee zu trinken, sich in ungewohnten sozialen Kreisen langsam immer wohler zu fühlen oder gut trainiert 42 Kilometer zu laufen, ohne am liebsten sterben zu wollen.
Je allmählicher man sich an neue Abläufe gewöhnt, desto leichter fallen sie einem oder machen sogar Spaß. Und genauso kann man seine täglichen Gewohnheiten der Körperpflege verändern. Je weniger Produkte ich verwendete, desto weniger brauchte ich auch – das sagte mir jedenfalls mein Gefühl. Meine Haut wurde nach und nach weniger fettig, ich hatte weniger Ausschlag. Ich duftete nicht nach Kiefer und Lavendel, roch aber auch nicht so streng wie früher, als ich die Achseln noch täglich mit Deo zukleisterte und dann einmal nicht daran dachte. Wie meine Freundin sagte: Ich roch »nach Mensch«. Aus anfänglicher Skepsis wurde bald Begeisterung.
Allerdings bilde ich mir nicht ein, ich hätte nie schlecht gerochen. Mit der Zeit kam das nur immer seltener vor. Ich erkannte bestimmte Muster. Akne oder schlechter Geruch gingen meistens mit Stress, Schlafmangel oder allgemeinem Unwohlsein einher. Wenn ich auf dem Bauernhof meiner Familie in Wisconsin war oder im Urlaub im Yellowstone-Park wanderte, wo ich manchmal tagelang kein richtiges Klo sah, roch ich meistens ganz anständig und sah ordentlich aus. Doch wenn ich in den trägen Wintermonaten nur ins Büro und wieder nach Hause ging und mich ansonsten kaum bewegte, fühlte ich mich armselig und roch auch so. Insgesamt entwickelte ich vor allem ein besseres Gefühl dafür, was mein Körper »mir sagen wollte«. Offenbar weniger »wasch dich«, sondern eher »geh raus, beweg dich, sei gesellig, etc.«. (Manchmal nuschelt mein Körper noch immer »etc.«).
In gewissem Sinne konnte ich nur mit dem Duschen aufhören, weil ich von Geburt an großzügig mit Privilegien ausgestattet worden war: Ich bin weiß und männlich, habe keine Bewegungseinschränkungen, bin insgesamt gesund, relativ jung, und ich kann es mir leisten, gut sitzende Kleidung zu kaufen, die keine Löcher (oder wenn dann absichtliche) hat, und sie regelmäßig zu waschen und zu wechseln. Ich bin gebildet und beherrsche die Landessprache fließend. Darum muss ich mich in dieser Welt nicht extra beweisen und durch ein erwartungsgemäßes Äußeres zeigen, dass ich dazugehöre. Selbst ungeduscht und ungepflegt hält man mich für kompetent und professionell und heißt mich gern in jedem Restaurant willkommen. Kurzum, ich muss kaum etwas tun, damit man mich für sauber hält.
Die sozialen Normen, nach denen Sauberkeit seit Langem als positiv gilt, stehen unter anderem in engem Zusammenhang mit der Geschichte der Hygiene und der sanitären Einrichtungen. Manche Vorstellungen von Sauberkeit gelten fast universell und lassen sich durch evolutionsbedingte Ekelgefühle erklären, die der Krankheitsvermeidung und dem Selbsterhalt dienen. Andere gehen jedoch weit über den vernünftigen Schutz vor Infektionskrankheiten und Vergiftungen hinaus. Hygienemaßnahmen, die uns vor Krankheiten schützen, haben sich mit gesellschaftlich bedingten Vorgehensweisen vermischt, die letztendlich auf komplexen, von Generation zu Generation weitergegebenen Glaubenssystemen beruhen. Diese wiederum definieren unseren Platz in der Welt und helfen uns, das richtige Gleichgewicht zwischen Zugehörigkeit und Individualität zu finden. Schon lange werden selbst höchst persönliche Entscheidungen im Bereich der Körperpflege von Machtstrukturen beeinflusst und gesteuert.
Während ich an diesem Buch arbeitete, machte ich gleichzeitig einen Abschluss im Fach Öffentliches Gesundheitswesen und beendete eine Facharztausbildung in Vorsorgemedizin. Dieses relativ neue Fachgebiet versteht sich als Gegengewicht zur bisherigen medizinischen Praxis, das Augenmerk vor allem auf Lösungen für Symptome und eng definierte, zeitlich begrenzte Behandlungen zu legen, aber die eigentlichen Ursachen und Probleme kaum zu berücksichtigen. Die Präventivmedizin möchte Krankheiten stattdessen vor allem vorbeugen, und das bedeutet in vielen Fällen erst einmal Zugang zu vernünftiger Nahrung, sauberem Wasser und einer Gemeinschaft, in der ein engagiertes, aktives, sinnstiftendes Leben möglich ist. Auch wenn Gesundheit für jeden etwas anderes bedeuten mag, hat sie doch stets mit einer gewissen, vor allem finanziellen Freiheit und mit frei verfügbarer Zeit zu tun, denn erst dann kann der Mensch gut leben und sich auf zwischenmenschliche Beziehungen und eine sinnvolle Arbeit konzentrieren.
Auch solche Gedankengänge inspirierten mich dazu, der Frage nachzugehen, wie viel Geld und Zeit wir in unsere Körperpflege investieren und welche Normen überhaupt definieren, was dabei normal ist. Viele der Normen wurden und werden von einer stetig wachsenden Industrie bestimmt, die uns seit zweihundert Jahren Gesundheit, Glück, Schönheit und Akzeptanz verspricht, sich aber eigentlich auf im wahrsten Sinne des Wortes oberflächliche Kriterien stützt. Und damit begann meine mehrjährige Erkundungsreise in die Welt und die Geschichte der Seife. Unterwegs analysierte ich die Reichtümer, Produkte und Glaubenssätze der Branche, vom Seifenboom des 19. Jahrhunderts bis zur heutigen Hautpflegeindustrie. Ich sprach mit Mikrobiolog*innen, Allergolog*innen, Genetiker*innen, Ökolog*innen, Kosmetikfachleuten, Seifenfans, Venture-Capital-Unternehmen, Historiker*innen, Amischen, Entwicklungshelfer*innen und ein paar waschechten Betrüger*innen und erfuhr, dass sich unsere Vorstellung von sauber oder rein gerade grundlegend verändert.
Man schätzt den globalen Umsatz mit Seifen, Reinigungsmitteln, Deos, Haar- und Hautpflegeprodukten auf viele Billionen US-Dollar. Die Parade aus Flaschen, Tuben und Döschen, die sich in unseren Duschkabinen und Spiegelschränken aneinanderreiht, dürfte wesentlich imposanter sein als die früherer König*innen. Vieles davon wird uns nicht als Luxus verkauft, sondern als unbedingt notwendig. Ihren unvergleichlichen Höhenflug verdankt die Branche großteils dem Versprechen, unseren Körper vor der Außenwelt zu beschützen.
Doch während wir immer umfangreichere und intensivere Körperpflege betreiben, vergessen wir leicht, was das für die Billiarden von Mikroben bedeutet, die auf unserer Haut leben. Dabei begreift die Wissenschaft erst in Ansätzen, welchen Einfluss die Mikroben auf viele unserer Körperprozesse haben. Ihre große Mehrheit ist nämlich nicht nur harmlos, sondern sogar sehr wichtig für unsere Haut und somit auch für unser Immunsystem.
Die bisherigen Erkenntnisse über das Hautmikrobiom sind jedenfalls bereits Grund genug, unsere Vorstellungen über Seife und Hautpflege zu überdenken und unsere täglichen Gewohnheiten, mit denen wir vermeintlich etwas für Gesundheit und Wohlbefinden tun, einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Die Haut mit ihrem Mikrobiom ist die Schnittstelle zwischen uns und der Natur. Die Mikroben gehören dabei teils zu uns, teils auch nicht. Je mehr wir über dieses komplexe, vielfältige Ökosystem wissen, desto grundlegender könnten sich unsere Vorstellungen von der Hautbarriere, die uns von unserer Umgebung trennt, verändern.
Dieses Buch möchte auch dazu einladen, sich auf die Komplexität der Welt um uns herum und der auf unserer Haut einzulassen. Auch wenn Sie nicht aufhören wollen zu duschen.
***
Ich habe dieses Buch noch vor der Corona-Pandemie geschrieben. Sie griff gerade um sich, als das Buch gedruckt werden sollte. Darum findet Covid-19 auf den folgenden Seiten keine Erwähnung. Aber auch in Zeiten eines neuen Pandemiebewusstseins verlieren die Geschichten und Grundsätze, von denen dieses Buch erzählt, nichts von ihrer Bedeutung. Wenn wir uns von der einen Pandemie erholt haben werden, wird irgendwann die nächste kommen. Vielleicht ist es heute sogar wichtiger denn je, unsere täglichen Reinigungsgewohnheiten zu überdenken und uns zu fragen, was wir konsumieren wollen und in welcher Beziehung wir eigentlich zur Natur stehen. Ich habe Hoffnung, dass uns ein besseres Verständnis und Bewusstsein für das mikrobielle Leben in den nächsten Jahren dienlich sein wird.
I. MAKELLOS
Der Aufzug hält im siebten Stock, ich betrete luxuriöse, sonnendurchflutete Geschäftsräume, hoch über dem Bryant Park in Manhattan. In diesem Herbst 2018 ist es drei Jahre her, dass ich mein Gesicht zum letzten Mal gewaschen habe. Hier soll nun nachgeschaut werden, welche Folgen das hat.
Bodenvasen mit mannshohen Blumenarrangements zieren das Fischgrätparkett. Ein großer Kamin ganz in Weiß, ätherische Flötenmusik erfüllt den Raum. Unter einem Kronleuchter wartet ein Bett mit schneeweißen Laken. Ich befinde mich im Hauptsitz von Peach and Lily, einem rasant aufstrebenden Unternehmen, das auf koreanische Traditionen der Hautpflege und ihre westliche Ausprägung, K-Beauty, setzt, ein Ritual mit häufig zehn oder mehr Pflegeschritten, Reinigung, Gesichtswasser, Feuchtigkeitsspender, Sheet-Masken …
Die Unternehmensgründerin Alicia Yoon studierte in Harvard BWL, ist gelernte Kosmetikerin und wurde vor allem durch Hautbehandlungen mit Schneckensekret bekannt. In nur zwei Jahren mauserte sich die kleine Onlineboutique Peach and Lily zu einem Anbieter mit einer umfangreichen Produktlinie, die in Läden wie Urban Outfitters oder CVS verkauft wird. Eine gigantische Welle trug das Unternehmen nach oben. Der Marktbereich K-Beauty wuchs in Südkorea, wo er eine lange Tradition hat, explosionsartig auf 13 Milliarden US-Dollar. Und dank seiner Popularität konnte das Hautpflegesegment in der US-Schönheitsindustrie sogar das Make-up-Segment überflügeln. Hochwertige Hautpflegeprodukte legten allein 2018 um 13 Prozent zu und damit stärker als das BIP.
Als ich den Aufzug verlasse, begrüßt mich eine fröhliche Assistentin, ich solle mich bitte entkleiden. Ich erkläre, dass ich eigentlich für eine Gesichtsbehandlung hier sei. Sie lacht, das wisse sie, reicht mir einen Bademantel und einen Fragebogen zu meiner täglichen Hautpflege. Dann lässt sie mich zum Umziehen allein.
Ich wende mich dem Fragebogen zu. Er ähnelt denen, die man beim Arzt ausfüllen muss. Es gibt Fragen zu Allergien, zur Ernährung und jede Menge zu meiner Haut: Was für ein Peeling benutze ich? Welche Feuchtigkeitslotionen? Welche Seren? Welche Reinigungslotionen? Wie oft, in welcher Reihenfolge und Kombination?
Die Fragen sind schnell erledigt, ich benutze nichts. Yoon kommt und begrüßt mich freundlich, aber als sie den überwiegend leeren Fragebogen sieht und ich ihr sage, dass ich nicht vergessen habe, ihn auszufüllen, verändert sich ihr Ton. »Oje«, sagt sie. »Sind Sie sicher, dass Sie überhaupt eine Gesichtsbehandlung vertragen?«
»Natürlich. Moment, wieso nicht?« Bislang war mir nicht in den Sinn gekommen, dass es Risiken geben könnte. Jetzt mache ich mir Sorgen. »Ich weiß es nicht. Was könnte denn passieren?«
»Vermutlich ist es kein Problem. Ich hab das nur noch nie bei jemandem … so jemandem gemacht«, wiegelt sie betrübt oder enttäuscht oder beides ab.
Ich lege mich also hin, und sie richtet eine grelle Lampe auf mein Gesicht. Mit den Fingerspitzen betastet sie erst leicht, dann fester meine Wangen. Zögernd sagt sie: »Haben Sie Ihr Gesicht schon mal befühlt?«
Seltsam, dass sie mich gerade das fragt.
Denn ich achte sorgsam darauf, mein Gesicht nicht zu berühren. Als Teenager hatte ich »schlechte Haut« und dachte, was heute als überholt gilt, dass man sein Gesicht bei Akne vor allem richtig und aggressiv genug reinigen müsse. Manchmal hatte ich sogar am Augenlid Akne, und es schwoll so stark an, dass ich das Auge kaum öffnen konnte. Weil es bei Gesprächen alle Aufmerksamkeit auf sich zog, wurde jede soziale Interaktion unmöglich. Und obwohl sich die Akne besserte, als ich auf dem College war, behielt ich die Angewohnheit bei, meine Hände mit all den Bakterien und Viren, die sich auf ihnen tummelten, vom Gesicht fernzuhalten.
Weil ich Yoon die lange Vorgeschichte nicht erzählen will, sage ich, ich würde es »ganz normal berühren«, und sie fängt an.
»Problem«-Haut ist auch Yoon nicht fremd. Sie kämpfte lange mit einer schweren Neurodermitis. Manchmal war ihre entzündete Haut so aufgekratzt, dass es keine Haut mehr zum Kratzen gab. »Ich habe alles versucht, sogar Bleichbäder«, erzählt sie. Durch die dubiosen Bäder sollte noch die letzte Mikrobe abgetötet werden.
Als sie dann in Korea Kosmetikerin lernte, versuchte sie, die Entzündung mit neuen Hautpflegemethoden zu beruhigen. Sanfte, feuchtigkeitsspendende Produkte und der neue Ansatz, den sie ihren Kundinnen und Kunden heute nahelegt, waren der, wie sie es nennt, »Wendepunkt in meiner Hautpflege«.
Yoon behandelt meine Gesichtshaut mit Peach and Lily »Glass Skin Refining Serum« (neben »Peptiden« verspricht das Etikett einen »transparenten + leuchtenden« Teint), »Pure Beam Luxe Oil« (»nährend« + »ausgleichend« mit Jojobaöl), einer »Super Reboot Resurfacing Mask« mit blauer Agave und einer »Matcha Pudding Antioxidant Cream«. Für zu Hause empfiehlt sie mir noch die »Original Glow Sheet Mask« mit Hyaluronsäure.
Da Hyaluronsäure Wasser bindet, verleiht sie der Epidermis mehr Volumen. Babyhaut wirkt auch darum so glatt, fest und prall, weil sie reichlich Hyaluronsäure enthält. Aber ob die Säure beim Auftragen auf die Haut dieselbe Wirkung entfaltet, ist fraglich. Benzin auf das Auto zu schmieren oder Dachziegel ins Haus zu legen, ist ja auch keine gute Idee. Manche Säuren können zwar, wie mir Dermatolog*innen erklärten, tatsächlich in die Haut eindringen, aber nur bei geringem Molekulargewicht. Die Maske von Peach and Lily macht keine Angaben dazu, ob ihre Wirkstoffe in die Haut eindringen können, verspricht jedoch einen »Anti-Aging«-Effekt.
Ich denke, die Hautpflege boomt nicht zufällig gerade jetzt, in einer Zeit, in der immer mehr Menschen – oft aus guten Gründen – das Vertrauen in Wissenschaft und Medizin verlieren. Hautärzt*innen sind wie andere Ärzt*innen knapp. Ein Besuch ist teuer, und außerdem, so der Eindruck vieler, nützt er nichts. Sofern sich überhaupt sagen lässt, ob eine Haut »gut« oder »schlecht« ist, ist unsere Haut allgemein wohl schlechter geworden und fühlt sich häufiger unangenehm trocken, gereizt, juckend, schmerzhaft oder sonst wie unbehaglich an. Immer mehr Menschen leiden unter Neurodermitis, einer entzündlichen Hauterkrankung. Im Jahr 2008 waren laut Weltgesundheitsorganisation doppelt so viele Menschen davon betroffen wie noch 1979. Und in den prägenden Jahren ihrer sozialen Entwicklung leiden bis heute viele unter Akne. Und wie die Forschung sagt, nimmt sie besonders bei Mädchen zu.
Es gibt für diese Entwicklung viele Ursachen, und sie haben bei Weitem nicht nur mit der Haut zu tun. Einer Metastudie zur klinischen, kosmetischen und forschenden Dermatologie von 2018 zufolge könnte beispielsweise die Zunahme von Akne bei Frauen an einem hormonellen Ungleichgewicht liegen, das mit dem »metabolischen Syndrom« assoziiert wird, das heißt mit einer Kombination aus Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankung und Fettleibigkeit. So kann durch einen hohen Insulinspiegel etwa Östrogen in Testosteron verwandelt werden. Als Folge werden Wachstumssignale an die Haut gesendet, mehr Fette abgesondert, Bakterienstämme verändert und Entzündungskreisläufe in Gang gesetzt, die am Ende die Pusteln hervorrufen.
Wenn das Erscheinungsbild der Haut von solch komplexen Prozessen bestimmt wird, verwundert es nicht, dass Akne und andere verbreitete Hautauffälligkeiten durch die alleinige lokale Behandlung der Symptome nicht vollständig oder zuverlässig geheilt werden können. Aber auch die Wirkung systemischer Behandlungen ist oft sehr unsicher. Manchmal werden beispielsweise orale Empfängnisverhütungsmittel verschrieben, um ein vermutetes hormonelles Ungleichgewicht wieder ins Lot zu bringen. Da Menschen jedoch unterschiedlich darauf reagieren, kann das Ergebnis lebensverändernd oder gleich null sein, aber auf jeden Fall wird als Nebenwirkung der eigentlichen Hautbehandlung der gesamte chemische Haushalt des Körpers verändert. Selbst Antibiotika helfen nur unzuverlässig, und äußerst wirksame Medikamente wie Accutane können zu Geburtsfehlern und, wie vielfach berichtet, zu starken Depressionen führen. Manche, die an Neurodermitis oder Schuppenflechte leiden, versuchen es ihr Leben lang immer wieder mit Steroidbehandlungen, ohne jemals endgültig geheilt zu werden oder zu wissen, wann und warum es zu einem Ausbruch kommt. Bei so viel Herumdoktern ist es kein Wunder, dass manch einer die Sache irgendwann lieber selbst in die Hand nimmt.
Viele Betroffene wünschen sich vorbeugende Behandlungen auch deshalb, weil sie endlich Kontrolle und Sicherheit wollen, aber solche Ansätze werden vom Gesundheitssystem traditionellerweise kaum ernst genommen. So beobachtet Yoon eine wachsende Nachfrage nach »nährenden«, »schützenden« Hautprodukten. Ihre Kund*innen, erzählt sie, machen sich Sorgen wegen der Luftverschmutzung und der UV-Strahlung, die durch den Treibhauseffekt und die dünnere Ozonschicht zunimmt. Wenn die Erde ihre Schutzschicht verliert, müssen die Menschen eine eigene auftragen.
Alle Produkte, die Yoon auf meine Gesichtshaut gibt, versprechen zugleich Schönheit, Schutz und Pflege und weichen damit die Grenze zwischen kosmetischer Behandlung und dem notwendigen Schutz vor Giften und anderen Umweltgefahren auf. Bei einigen Ritualen erklärt mir Yoon, meine Gesichtshaut werde so mit Nährstoffen versorgt: »Damit bekommt Ihre Haut all die Vitamine, Mineralstoffe und Fettsäuren, die sie braucht.« Langsam bekomme ich das Gefühl, viel zu sorglos zu sein.
Kosmetika sind rechtlich gesehen keine Nahrungsmittel. Und weil sie nicht von sich behaupten können, bestimmte Erkrankungen zu behandeln oder zu verhindern, auch keine Medikamente. Trotzdem dürfen ihre Anbieter damit werben, sie würden der Gesundheit dienen. Doch den langen bürokratischen Prozess, den ein Medikament bis zur Marktreife zurücklegt, müssen sie nicht durchlaufen. Yoon gehört zu der jungen Unternehmer*innengeneration, die weder nur im Gesundheits- noch nur im Schönheitsbereich tätig ist, sondern in einer Mischung aus beiden. Die neuen Hautprodukte versprechen, Make-up und Medikamente überflüssig zu machen, weil die Haut »natürlich« schön werde. Angeblich lassen sie sie also nicht nur durch vorübergehende Erholungseffekte besser aussehen, sondern leisten etwas, was man normalerweise von Medikamenten erwartet: Hautproblemen vorzubeugen oder sie zu heilen.
Die aufstrebende Branche kann die sonst üblichen Markteintrittsbarrieren auch leicht umgehen, weil sie ihre Produkte aggressiv auf Instagram vermarktet. YouTube-Influencer*innen machen sich selbst zur Marke, setzen auf Lösungen von Haut-»Problemen«, die sich gegen das Establishment wenden, und reden mit einer Überzeugungskraft, die man an der medizinischen Hochschule wohl notgedrungen verliert. Jeder darf sich hier Expert*in nennen. Wenn etwas bei jemandem wirkt oder nicht wirkt, können selbst bergeweise Studien nicht das Gegenteil belegen.
Wenn Sie jemals mit Ihrer Haut unglücklich waren, wissen Sie wahrscheinlich, wie verlockend so etwas erscheinen kann. Als die Antibiotika, die mir mein Hautarzt gegen meine Pubertätsakne empfohlen hatte, nicht halfen, riet mir mein innovativer Zahnarzt-Vater, sie wegen der Nebenwirkungen nicht länger einzunehmen, sondern aufzutragen. Ich nahm die Tetracyclin-Kapseln, brach sie entzwei, vermischte den Inhalt mit Wasser und rieb mir damit das Gesicht ein. Nun war es nicht mehr rot und voller Pusteln, sondern gelb. Die Leute erkundigten sich, ob ich, wie damals viele Teenager*innen im Mittleren Westen, Bräunungsspray verwendet hätte. Lachend entgegnete ich, das sei doch albern. In Wahrheit hatte ich neben vielem anderen auch Selbstbräuner ausprobiert, um meine schreckliche Gesichtsfarbe irgendwie loszuwerden. Aber raten Sie mal, was man erhält, wenn man auf Rot und Gelb Orange gibt. Ein noch merkwürdigeres, unnatürlicheres, peinlicheres Orange.
Jetzt, da ich bei Peach and Lily auf frisch gestärkten Laken liege, weit weg vom Lärm und der Anonymität der Straßen unter mir, denke ich nicht an Marketing oder meine Teenager-Angst – und auch an sonst kaum etwas. Falls Sie noch nie eine Gesichtsmassage genossen haben, es ist wunderbar. Man spürt nicht nur die sanfte Massage und die Behandlung, sondern fühlt sich allen Alltagssorgen enthoben, einen Moment lang ist man König. Jemand nimmt sich die Zeit und streicht einem achtsam über das Gesicht, damit man besser aussieht und sich wohlfühlt.
Nachdem das Facelift abgeschlossen ist, packt mir Yoon jede Menge Pröbchen für zu Hause ein. Nur das »Glass Skin Refining Serum« könne sie mir leider nicht mitgeben, es sei überall ausverkauft, sie habe selbst nicht genug. Es sei in der Tat sofort nach Markteinführung ausverkauft gewesen.
»Sie sollten sich mehr um Ihr Gesicht kümmern«, sagt sie zum Abschied, zumindest solle ich eine Reinigungslotion verwenden. Ich lache. Sie nicht. Ich erröte. Als ich den Aufzug betrete, wiederholt sie mit Nachdruck: »Sie sollten mehr tun.«
Als ich mit meinem neuen Gesicht, das vor der Behandlung offenbar nichts als tote Haut und überschüssiges Fett war (wer hätte das gedacht?), auf die Straße trete, erlebe ich die Welt völlig anders. Wer sein Gesicht noch nie jahrelang nicht gereinigt und dann eine hochraffinierte Gesichtsbehandlung erhalten hat, kann es vermutlich kaum glauben, aber ein Schritt ins Sonnenlicht, und ich spüre die Welt, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Meine Haut ist eindeutig weicher, und ich habe das Gefühl, anders angesehen zu werden, auch wenn ich mir das vielleicht nur einbilde. Gehe ich mit meinem neuen Selbstvertrauen plötzlich beschwingter, oder sehe ich wirklich besser aus? Vielleicht wirke ich auch einfach wie jemand, der sich Matcha fürs Gesicht leisten kann.
Jedenfalls fühle ich mich anders. Und manchmal ist das ja alles, was wir wollen. Nicht unbedingt besser zu sein, sondern anders. Wie leicht gewöhnt man sich an den Blick, mit dem einem die Welt entgegentritt, und sieht sich mit ihren Augen. Wenn wir uns verändern, merken wir schnell, dass wir auch andere Erfahrungen machen, man uns freundlicher oder unfreundlicher begegnet, als wir es unserem erworbenen Selbstbild nach verdient haben. Und dafür reicht es schon, unser äußeres Erscheinungsbild ein wenig zu verändern, uns etwa piekfein anzuziehen oder uns einen völlig neuen Haarschnitt zuzulegen. Dann werden wir mit einem gewissen Unbehagen spüren, wie stark das Verhalten der anderen durch unser Aussehen bestimmt wird.
Doch noch etwas hat sich verändert, und diese Veränderung wird wohl langlebiger sein. Bislang bin ich ganz gut ohne Gesichtsbehandlung durchs Leben gekommen. Sollte sie meine Gedanken überhaupt gestreift haben, tat ich sie schnell als maßlose Eitelkeit oder, da bin ich wohl ein echter Junge aus Indiana, als unmännlich ab. Und letztendlich war ich auch nicht bereit, dafür Geld oder Zeit zu opfern. Aber nachdem ich nun erlebt habe, dass ich völlig anders durch den Tag gehe, wenn mir jemand nur irgendetwas im Gesicht verreibt, halte ich eine solche Behandlung nicht mehr für sinnlos oder überflüssig. Ich merke, wie die Seren, Öle und Masken, wie so vieles, was sich erst extravagant anfühlt, plötzlich ihre luxuriöse Anmutung verlieren und zur Gewohnheit, gar zur Notwendigkeit werden könnten.
Viele Körperpflegegewohnheiten, die uns selbstverständlich erscheinen, sind eigentlich noch gar nicht alt. Erst in den letzten Jahrhunderten haben sich unsere gesellschaftlichen und individuellen Sauberkeitsnormen derart entwickelt, dass aus dem gelegentlichen Sprung in den Fluss die tägliche Dusche oder Badewanne wurde. Heute ist allein die Information, man dusche nicht täglich, wie man mir zu verstehen gab, »kein Thema fürs Abendessen«.
Hin- und hergerissen zwischen einer Welt der minimalen und der maximalen Körperpflege fragte ich mich, wie der goldene Mittelweg aussehen könnte. Ich hatte nicht vor, mir eine neue teure Angewohnheit zuzulegen (und brauchen die Schnecken ihren Schleim nicht eigentlich selbst?), wollte aber auch nichts von dem verpassen, was viele andere offensichtlich genossen und was das alltägliche Zusammenleben erheblich beeinflussen konnte. Wie sollte ich meine Haut pflegen? Wie viel von all dem, was die Leute taten, machten sie wirklich aus reiner Freude oder zumindest, damit sich die anderen nicht ekelten oder sie in deren Augen nicht nachlässig oder vergesslich wirkten? Wie viel brauchte ich tatsächlich für meine Gesundheit und mein Wohlbefinden?
Auf jeden Fall würde es schwer werden, wieder zum Nichtstun zurückzukehren.
***
Niemals ist mir eine so ausgewogene Mischung aus Zuneigung, Ekel, Neugier und Zorn entgegengeschlagen wie 2016, als ich in einem kurzen Artikel für The Atlantic bekannte, nicht mehr zu duschen. Zu Hunderten brachten Leserinnen und Leser ihre Gefühle zum Ausdruck und ließen dabei keine emotionale Regung aus. Manche hatten das Nichtduschen schon längst für sich entdeckt, andere erklärten mich für vollkommen verrückt, und wieder andere erkundigten sich, ob ihre eigene Hygiene wohl medizinisch vertretbar sei.
Manche konnten es nicht fassen, wie ein Arzt so unverantwortlich sein konnte, Hygiene als überflüssig zu betrachten, obwohl es immer noch Cholerafälle gab und jedes Jahr Hunderttausende an Grippe starben. Andere waren wutentbrannt, weil ich nicht verdeutlicht hätte, dass nicht zu duschen das Privileg des weißen Mannes in einem wohlhabenden Land sei.
Andere fanden es geradezu selbstverständlich, nicht zu duschen. Aus Deutschland schrieb mir Patricia: »Sie haben mir aus der Seele gesprochen!« Sie hatte es sich zuerst gezwungenermaßen abgewöhnt.
Am Ostersonntag 2007 begab sie sich mit furchtbaren Rückenschmerzen ins Krankenhaus, und man teilte ihr mit, sie habe einen Schlaganfall erlitten. »Mit eineinhalb Händen ist Duschen echte Arbeit«, schrieb sie. »Ich bat alle Nachbarn und Freunde, mir Bescheid zu geben, falls ich stank!« Aber »alles war und ist in Ordnung. Außer meiner >Katzenwäsche< dusche ich nur noch einmal im Monat oder so.« Als ihre Füße nicht mehr rochen und Haut und Haare nicht mehr so viel Fett absonderten, habe sie die Abstände zwischen dem Waschen noch vergrößern können.
Die neunundachtzigjährige Claire aus Ontario schrieb mir, sie und ihr Mann (der mit sechsundneunzig starb) hätten nie geduscht. Das hielten sie einfach für gesund, und als Beweis schickte sie ein Foto mit, auf dem sie jünger wirkt, als sie ist. Mit weißer Schirmmütze und Shorts winkt sie in die Kamera: »Alle sind erstaunt, wie außergewöhnlich gesund ich bin. Vielleicht liegt es daran, dass ich Sport treibe und mich SEHR bedacht ernähre«, schrieb sie. »Gestern habe ich zweimal den Schnee von der Auffahrt geschippt und mich kein bisschen müde gefühlt.«
Ich antwortete ihr und fragte, wie sie auf die Idee gekommen seien, nicht zu duschen. »Tja, warum waschen wir uns überhaupt so oft?«, fragte sie zurück. »Wir haben doch eine wunderbare Haut, die sich beständig schuppt und selbst reinigt, durch Seife wird sie nur entfettet.« Das sei Teil einer Lebensphilosophie, die ja neuerdings sogar populär geworden sei. Sie empfahl mir, »wie ein Höhlenmensch« zu essen.
Ja, Claire war eine der ersten Verfechter*innen der Steinzeiternährung. Ihre »Höhlenmensch«-Vorstellung tauchte auch in vielen anderen Zuschriften auf, die ich erhielt. Das moderne Leben sei die Ursache der vielen chronischen Erkrankungen; wenn wir uns nur wie in der Steinzeit, also im Wesentlichen von Rindfleisch und Butter ernährten und auf Agrartechnologie verzichten würden, dann wäre alles gut. Nur leider wurden die Menschen in der Steinzeit längst nicht so alt wie heute. Und Kühe gab es auch nicht.
Aber unbestritten hatte die Steinzeit auch ihre Vorteile. Damals lebten die Menschen in derart dünn besiedelten Landschaften, kleinen Dörfern oder Höhlen, dass sie Flüsse und Bäche bedenkenlos als Toilette nutzen konnten. Sie konnten jagen und sammeln, ohne die Ressourcen aufzubrauchen. Die Menschen waren Sonne, Hitze und Kälte ausgesetzt und kamen mit der Erde und mit nach unseren heutigen Vorstellungen »unsauberen« Tieren und Menschen unmittelbar in Berührung.
Wenn man die Menschheitsgeschichte betrachtet, war diese Lebensweise eigentlich bis eben noch möglich. Noch um 1600 hatte London nur ungefähr 200.000 Einwohner. Im Zweiten Weltkrieg waren es dann schon 8,6 Millionen. Auch in New York City leben heute etwa so viele Menschen. Die Innenraumflächen von Manhattan sind insgesamt mittlerweile dreimal so groß wie die Insel selbst.
In diesen vertikal in den Himmel wachsenden Siedlungen werden, in einem radikalen Versuch am lebenden Objekt, Menschen und Ressourcen immer mehr verdichtet. Die weltweite durchschnittliche Lebenserwartung beträgt heute um die zweiundsiebzig Jahre. Und alle auf dieser Erde brauchen regelmäßig Strom, Transportmittel und Produkte aus der industrialisierten Landwirtschaft. Dazu holzen wir Bäume ab und verbrennen fossile Kraftstoffe, die Smog und Rußpartikel in die Luft entlassen. Diese gelangen tief in unsere Lunge und sind eine der häufigsten Ursachen für Krebs und Herzerkrankungen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt die Zahl der Todesfälle durch Luftverschmutzung auf jährlich sieben Millionen.
In der Steinzeit gab es auch darum selten chronische Krankheiten, weil viele Menschen früh an Infektionen und Unfällen starben. In den vergangenen zweihundert Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, an einer Infektionskrankheit zu sterben, rapide gesunken, die, an einer chronischen Erkrankung zu sterben, dagegen erheblich gestiegen. Letztere werden weltweit schon bald für drei von vier Todesfällen verantwortlich sein.
Trotz aller modernen Medizin und Technologie führt die heutige Lebensweise zu Krankheiten, die früher viel seltener waren. Autoimmunkrankheiten, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nehmen einerseits zu, weil wir heute länger leben als die Generationen vor uns. Andererseits leiden aber auch viele Jüngere an chronischen Erkrankungen, es besteht also wohl ein Zusammenhang mit unserer Lebensweise und unserer Umwelt.
In den letzten Jahren rückten unsere Ernährung und unser Bewegungsmangel als mögliche Faktoren für chronische Erkrankungen in den Fokus. Anderen Faktoren widmen wir hingegen erheblich weniger Aufmerksamkeit. Etwa dass der Mensch in vielen Weltregionen sein Leben überwiegend in klimatisierten Räumen verbringt, wo es keinen Dreck und kaum Tiere und Pflanzen gibt, wo die Fenster nur an strahlenden Tagen geöffnet werden. Die meisten Menschen kommen mit vielem, was früher einmal normal war, nicht mehr in Berührung.
Manchmal muss man sich auch abschotten. So sollten die Menschen 2019 im smogverhangenen Delhi tagelang nicht ins Freie gehen und körperlich anstrengende Tätigkeiten vermeiden. Solche Umweltereignisse oder auch Infektionskrankheiten, bei denen man sich abschotten muss, werden in Zukunft noch häufiger sein und in zunehmend mehr Regionen auftreten.
Bislang verstehen wir erst in Ansätzen, welche Folgen es für unser Immunsystem und unser wichtigstes Immunorgan, die Haut, hat, wenn wir, gezwungenermaßen oder freiwillig, in von der Außenwelt abgeschotteten Räumen leben. Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte lernte unser Immunsystem durch beständigen Mikrobenbeschuss, wann und wie es reagieren muss. Doch heute ist es durch die evolutionär völlig neuen Umwelteinflüsse häufig verwirrt und weiß nicht mehr, wogegen es sich mit einem Hautausschlag wehren soll und wogegen nicht. Dies wird auch dadurch gefördert, dass wir uns gründlich, täglich oder sogar mehrmals täglich waschen, weil wir dies für gesund oder unabdingbar halten. Selbst wo die Gefahr von Infektionskrankheiten gering ist, sollen wir am besten alles tun, um ihnen vorzubeugen. Wenn wir nicht als heruntergekommen, faul, unattraktiv, primitiv, unhöflich, unprofessionell, kurzum als unsauber gelten wollen, darf an uns nirgends das geringste bisschen Schmutz, Schlamm oder Staub zu entdecken sein.
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Wenn Kanadas Luft im Oktober trockener wird, strömen besonders viele Männer in die Praxis von Sandy Skotnicki. Den Männern juckt die Haut.
Skotnicki verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Ehe sie Professorin für Dermatologie, Arbeitsmedizin und Umwelthygiene an der University of Toronto wurde, arbeitete sie als Mikrobiologin. In den zwanzig Jahren, die sie bereits in der Dermatologie tätig ist, hat sie die Folgen der Umwelt, auch der Mikroben, für unsere Hautgesundheit nie aus dem Blick verloren.
»Ich frage die Leute: >Wie duschen Sie?<«, sagt sie. Ihre Patienten, so Skotnicki, würden gern der Jahreszeit die Schuld geben, als könne die Haut nur im Sommer normal funktionieren. Doch dann erkundige sie sich nach den Waschgewohnheiten: »Die Männer schrubben den ganzen Körper mit irgendeinem >Männerduschgel<. Weil sie draußen arbeiten, duschen sie zweimal täglich. Aber wenn ich ihnen sage, dass sie damit aufhören sollen, und sie nur noch bestimmte Stellen waschen, geht es ihnen wieder gut.«
Ich frage nach den »bestimmten Stellen«.
»Achseln, Genitalbereich, Füße«, sagt sie. »Muss man sich, wenn man in der Dusche oder Wanne ist, hier«, sie zeigt auf den Unterarm, »auch waschen? Nein.«
Mit fast verzweifelter Stimme berichtet sie, wie oft sie den Männern erklären müsse, dass sie sich nicht vollständig mit Duschgel einschäumen sollen. Die Haut brauche Feuchtigkeit oft nur, weil sie schon zu lange zu häufig gewaschen wurde.
Und selbst Wasser allein habe Folgen für die Haut. Insbesondere warmes Wasser spüle die Fette ab, mit denen unsere Drüsen die Haut feucht halten. Alles, was die Haut trockener und poröser mache, erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf Reizstoffe und Allergene reagiere.
Skotnicki ist überzeugt davon, dass zu häufiges Waschen die Haut schädigt und Menschen mit entsprechender genetischer Prädisposition dadurch häufiger Neurodermitis entwickeln. Doch Neurodermitis, die an sich schon nervenzehrend genug ist, kommt häufig nicht allein. Offenbar gehört sie zu einem Symptomkreis, der durch irrtümliche Immunreaktionen verursacht wird. Rund die Hälfte aller Kinder mit schwerer Neurodermitis entwickelt später, in einem sogenannten »Allergischen Marsch«, immunologische Überreaktionen wie allergischen Schnupfen oder Asthma.
Der Allergische Marsch mit den genannten Symptomen wurde von Allergolog*innen der Universitäten von Pennsylvania und Chicago erstmals 2003 beschrieben. Später wurde das Krankheitsbild noch erweitert. In neueren Studien wird sogar die immer häufigere Erdnussallergie dazugezählt. So zeigten sich Fachleute am King’s College London im Jahr 2010 »bestürzt« darüber, dass Babys mit Asthma eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, auch an einer Erdnussallergie zu leiden. Der Leiter des US-amerikanischen Nationalen Instituts für Allergie und Infektionskrankheiten, Anthony Fauci, riet Eltern 2019, »durch frühzeitigen Hautschutz Lebensmittelallergien bei ihren Kindern vorzubeugen«.
Wir wissen noch nicht genau, wieso eine gute Hautpflege vor Lebensmittelallergien schützt, doch laut neuerer Expertenempfehlungen kann ein früher Kontakt mit Erdnüssen, und nicht etwa das Vermeiden derselben, die Wahrscheinlichkeit verringern, eine schwere Erdnussallergie zu entwickeln. So wie das Immunsystem durch Impfungen lernt, Infektionskrankheiten zu bekämpfen, so könnte es durch kleine Erdnussmengen lernen, Erdnüsse zu tolerieren. Doch bis heute entscheidet man sich bei allergenen Hautreaktionen genau für die gegenteilige Strategie. Häufig werden sie mit Medikamenten behandelt, die die Immunreaktion unterdrücken, mit Antibiotika und natürlich mit regelmäßigen, aggressiven reinigenden und feuchtigkeitsspendenden Anwendungen.
Neurodermitis ist so weit verbreitet, dass sie gern als kleines Ärgernis betrachtet wird, was sie häufig auch ist. Doch manchen kann es dadurch richtig elend gehen. Eine Neurodermitis kann den Schlaf beeinträchtigen (nachts ist das Jucken am schlimmsten) und, wenn man sich stets kratzen muss, sogar die Existenz bedrohen. Hier kommt offenbar alles zusammen, was schlecht für die Haut ist: eine gestörte Schutzschicht, ein mikrobisches Ungleichgewicht und eine Vermehrung der Immunzellen. Wird die Schutzschicht der Haut durch Waschen oder Kratzen beeinträchtigt, kann sich die mikrobielle Besiedelung verändern und das Immunsystem dadurch hochgefahren werden. Den Hautzellen wird dann signalisiert, sich rasch zu vermehren und mit Entzündungseiweißen anzureichern. So entsteht ein sich selbst erhaltender Kreislauf aus Entzündung, Jucken, Zusammenbruch der Schutzschicht und mikrobiellem Ungleichgewicht. »Könnte es nicht sein«, spekuliert Skotnicki, »dass die Neurodermitis überhaupt erst durch das häufige Waschen in unserer Gesellschaft ausgelöst wird?«
Jedenfalls hat beides zur gleichen Zeit zugenommen, und es gibt Hinweise darauf, dass ein Zusammenhang besteht. Doch anstatt die Haut wieder mehr Umgebungsreizen auszusetzen, verleiten uns Allergien und Überempfindlichkeiten dazu, uns noch intensiver zu säubern und unsere Umgebung noch steriler zu halten. Patient*innen, die zu Skotnicki kommen, leiden häufig seit Wochen oder Monaten unter Ausschlag, und sie würden sich am liebsten noch mehr schrubben und einseifen. Sie hoffen auf ein neues Produkt, das die bisher verwendeten ungeschehen machen oder wenigstens ausgleichen kann. Etwas »Mildes, Natürliches«. Etwas, was, na ja, eigentlich eher nichts sein soll.
Doch für Ärzt*innen ist es schwer, nichts zu verschreiben. Häufig wünschen sich die Patient*innen eine Behandlung, wenn schon kein Rezept, so doch zumindest etwas, was sie regelmäßig tun können. Skotnicki hat einen Weg gefunden, aus dem Nichts etwas zu machen. Sie empfiehlt eine radikale Produkt-»Diät« oder -»Bereinigung«, das heißt, mit allem aufzuhören. Oder mit möglichst allem. Selbst wenn die Probleme nicht durch bestimmte Produkte ausgelöst wurden, vertreten Dermatolog*innen zunehmend diesen Ansatz.
Es kann psychologisch hilfreich sein, zu erkennen, wie wenig wir eigentlich brauchen, und erst dann behutsam nur noch das zu verwenden, was wir wirklich wollen. Denn im Grunde ist unsere Haut sehr widerstandsfähig. Wir können versuchen, sie mit den aktuellsten Produkten zu regulieren oder zu kaschieren, aber auf die beständigen inneren und äußeren Signale reagiert sie so, wie sie es in Jahrmillionen gelernt hat. Sie will ihr Gleichgewicht wahren.
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Die Haut ist das größte Organ des Menschen. Würde man sie ausbreiten, wäre sie fast zwei Quadratmeter groß. Sie ist in alle Richtungen beweglich, dehnbar und registriert selbst winzigste Temperatur-, Druck- und Feuchtigkeitsschwankungen. Die Signale werden von Nervenenden in der Haut an unser Gehirn weitergeleitet, dank derer wir alles zwischen furchtbaren Schmerzen und ekstatischen Freuden empfinden können. Die Haut verrät es auch der Welt, wenn wir krank, müde, ängstlich oder erregt sind. Wenn sie aufreißt, kann sie in wenigen Tagen wieder verheilen. Sie schützt uns vor tödlicher Überhitzung, indem sie sich selbst in Flüssigkeit badet und so dafür sorgt, dass wir die Wärme schneller an die Umgebungsluft abgeben. Die Haut ist so lebenswichtig wie unser Herz, Rückgrat oder Gehirn. Ohne sie würde alles Flüssige, aus dem wir bestehen, verdunsten, die Außenwelt in uns eindringen, uns infizieren, und schon bald wären wir tot.
Die Haut ist also extrem wichtig. Doch Hautpflege heißt weit mehr, als sich mit irgendetwas einzuschmieren.
Zieht man die Lehrbücher zurate, erfährt man – wie auch ich an der medizinischen Hochschule –, dass die Haut aus drei anatomischen Schichten besteht. Die untere Schicht, die Unterhaut, setzt sich hauptsächlich aus Fett und Bindegewebe zusammen. Die beiden anderen Schichten sind allerdings interessanter. Die obere heißt Epidermis oder Oberhaut. Mit einem Millimeter ist sie ungefähr so dick wie ein Blatt Papier, aber in diesem Millimeter passiert überraschend viel. Die wichtigste Epidermiszelle heißt Keratinozyt und produziert das Faserprotein Keratin, aus dem unsere Haut überwiegend besteht, unsere Fingernägel und Haare sogar vollständig. Dazwischen sind zudem Immunzellen, winzige Nervenfasern sowie die Melanin produzierenden Zellen eingelagert, die der Haut ihre Farbe geben. Alle Hautzellen reagieren hochsensibel auf die Umgebung und können sich daran anpassen.
Die Epidermis regeneriert sich fortlaufend und so häufig wie kaum ein anderer Teil unseres Körpers. Obwohl sie nur einen Millimeter dünn ist, besteht sie aus mehreren Zellschichten unterschiedlichen Alters. Die Basalzellschicht enthält die Stammzellen, die sich fortlaufend teilen und neue Zellen hervorbringen, besonders in der Jugend. Doch neue Zellen bilden sich ein Leben lang und schieben die älteren in Richtung Hautoberfläche. Dort angekommen, sind sie meist bereits verhornt, das heißt abgestorben, abgeplattet, ausgetrocknet und so miteinander verklebt, dass sie mit bloßem Auge zu erkennen sind. Von diesen älteren Zellen sollen die Peeling-Produkte unsere Haut befreien und frische Zellen zutage fördern. Doch eigentlich fallen die Zellen von ganz allein ab. Der gesamte Zyklus dauert ungefähr einen Monat, die Hautoberfläche bildet sich also laufend neu.
Unter der Epidermis liegt die Dermis oder Lederhaut, die hauptsächlich aus zwei Proteinen besteht: Kollagen und Elastin. Ineinander verwoben, machen sie die Haut elastisch und robust. Leder, daher Lederhaut, besteht ausschließlich aus Dermis. Die Menschheit jagt Tiere denn auch trotz enormer Kosten und ethischer Bedenken unverdrossen wegen ihrer Haut. Schon als die Werkzeuge noch nicht erfunden waren, schützten wir uns mit der einzigartigen, zugleich elastischen und widerstandsfähigen Tierhaut vor der Witterung, um zu überleben.
Epidermis und Dermis sind von einem Nervennetz durchzogen, das geringste Umgebungsveränderungen wahrnimmt, etwa das Gewicht einer Mücke oder den Temperaturunterschied zwischen 20 und 22 Grad im Büro. Bei körperlicher Anstrengung oder Stress dehnen sich mit dem Netz verflochtene winzige Äderchen aus, um unseren Körper herunterzukühlen, lassen uns erröten und verraten unsere Emotionen.
Außerdem besitzt unsere Haut recht große Follikel, die Haar und Härchen wachsen lassen. Vormenschliche Arten konnten sich dank ihrer einst in klimatisch kältere Zonen begeben. Heute gibt es dank ihrer einen gigantischen Markt, der es ermöglicht, durch Haarentfernung, Schneiden, Frisuren und Färben gemäß wechselnden Normen zu zeigen, wo in der sozialen Hierarchie man steht oder stehen möchte.
In unserer Haut befinden sich zudem drei verschiedene Drüsen, die Sekrete absondern. Die ekkrinen Schweißdrüsen geben Wasser zur Kühlung des Körpers ab. Die Talgdrüsen schützen die Haut durch eine fettige Talgschicht vor Trockenheit und Rissen, das heißt vor Beschädigungen der Schutzschicht, die todbringende Mikroben von unserem Körper fernhält.
Der Sinn der apokrinen Schweiß- oder Duftdrüsen, die sich während der Pubertät vor allem in den Achseln und im Genitalbereich entwickeln, ist weniger offensichtlich. Dass sie zusätzliche fettige Sekrete absondern, empfinden viele als übertrieben oder geradezu unbarmherzig. Mit Deos wollen wir genau diesen Drüsen zu Leibe rücken, und manch einer verbringt in seinem Leben viel Zeit mit diesem Kampf. Aber die apokrinen Drüsen spielen, wie wir heute wissen, auch eine wichtige Rolle für den Teil unserer Haut, den man als ihre vierte Schicht bezeichnen könnte: die Billiarden von Mikroben in und auf uns. Die Bakterien, die vor allem Achseln und Genitalbereich besiedeln, ernähren sich von unseren Hautfetten und produzieren die chemischen Stoffe, die in Verbindung mit Luft für unseren Körpergeruch verantwortlich sind.
Die abgesonderten Hautfette und Stoffe wie Natrium, Harnstoff oder Laktat, die unser Körper beim Schwitzen abgibt, haben Einfluss auf die Mikrobenpopulationen. Wie man seit Kurzem weiß, enthält Schweiß unter anderem Peptide mit antimikrobiellen Eigenschaften wie Dermcidin, Cathelicidin oder Laktoferrin, die zum Erhalt und der Wiederherstellung des mikrobiellen Hautgleichgewichts beitragen. Wenn Ihnen also das Schwitzen einmal unangenehm ist, könnten Sie Ihren Mitmenschen ganz einfach erklären, dass Ihr Körper gerade einen raffinierten, rätselhaften biochemischen Tanz aufführt.
Dass auf unserer Haut überhaupt Mikroben leben, ist schon länger bekannt. Seit die Biologie Bakterienkulturen anlegt, weiß sie, dass sich aus menschlichen Hautpartikeln ein wunderbarer mikrobieller Garten züchten lässt. Doch erst im vergangenen Jahrzehnt hat man dank der DNA-Sequenzierungstechnologie erkannt, wie umfassend und vielfältig das mikrobielle Leben auf unserer Haut ist. Unsere Haut- und Darmmikroben zusammengenommen machen einige Kilo unseres Körpergewichts aus. In und auf unserem Körper gibt es mehr mikrobielle als menschliche Zellen.
Lange Zeit hat man die Haut als Barriere betrachtet, die uns von unserer Umgebung trennt, doch wie neuere Erkenntnisse zum Mikrobiom zeigen, ist sie wohl eher eine dynamische Schnittstelle. Im Grunde sind unsere Hautmikroben eine Erweiterung unserer selbst. Nur selten lösen sie, ebenso wenig wie unsere Darmmikroben, Krankheiten aus. Wenn überhaupt, dann beschützen sie uns vor ihnen. Aber alles, was wir mit unserer Haut anstellen, oder auch nicht, wirkt sich auf die Mikrobenpopulationen aus.
Mit jedem Waschen greifen wir zumindest vorübergehend in die Populationen ein. Wir entfernen sie oder nehmen Einfluss auf ihre Ressourcen. Auch wenn wir keine ausdrücklich »antimikrobiellen« Körperpflegeprodukte verwenden, verändern die aufgetragenen chemischen Stoffe die Umgebung, in der die Mikroben gedeihen. Die Seifen und Gesichtswasser, die unsere Haut trockener und weniger fettig machen sollen, entfernen auch den Talg, von dem sich die Mikroben ernähren.
Da Wissenschaft und Medizin den Umfang und die Bedeutung der Mikroben erst seit Kurzem durch neue Technologien sichtbar machen konnten, wissen wir bislang nur wenig darüber, was sie wirklich auf unserer Haut tun. Doch je mehr der neue Forschungsbereich das Zusammenspiel von Mikroben und Haut erhellen kann, desto fraglicher werden lang gehegte Annahmen über das, was für die Haut gut oder schlecht ist.
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Die Milben in unserem Gesicht verdeutlichen vielleicht am eindrucksvollsten, wie das Wissen um die Hautmikroben unser Selbstverständnis verändert.
Als eine Forschungsgruppe 2014 einen Abstrich von der Gesichtshaut vierhundert Freiwilliger aus North Carolina nahm, entdeckte sie unter den Hautpartikeln Mikroben namens Demodex. Diese farblosen, einen halben Millimeter kleinen Milben, die normalerweise versteckt in den Hautporen leben, besitzen am vorderen Körperdrittel vier Beinpaare, mit denen sie den Rest ihres Körpers hinter sich herziehen. »Ein Anus fehlt«, vermerkte eine schweizerische dermatologische Zeitschrift bei der anatomischen Beschreibung, wohl um etwaigen Sorgen entgegenzuwirken, was die Milben in unserem Gesicht alles anstellen könnten. Anus hin oder her, meine erste Reaktion und die vieler anderer war: »Um Himmels willen, wie werde ich die bloß wieder los?« Seriösere Wissenschaftsjournalist*innen entschieden sich für Schlagzeilen wie die auf der Website vom amerikanischen Sender NPR: »Hey, in deinem Gesicht leben Milben. In meinem auch.«
Unter all unseren Mikroben sind, soweit wir das wissen, nur die Milben so groß, dass man sie mit der Lupe sehen kann. Dann folgen in puncto Größe die Pilze, die uns dank unserer Körpertemperatur allerdings nur selten besiedeln, die Bakterien, Archaeen, Protozoen und schließlich die viel kleineren Viren. Eigentlich ist es also schleierhaft, wieso wir nicht mehr über die Milben wissen. Entdeckt wurden sie schon vor Längerem: Ein deutscher Anatom fand sie 1841 auf einigen Leichnamen und später gelegentlich an Lebenden. Obwohl er seine Entdeckung dokumentierte und betonte, wie bedeutsam sie wohl sei, gerieten die winzigen Milben weitgehend in Vergessenheit.
Warum fanden die Milbenjäger aus North Carolina also gerade jetzt heraus, dass wir vor Demodex nur so wimmeln?
Erst die neue DNA-Sequenzierungstechnologie, mit der auch das restliche Mikrobiom entdeckt wurde, machte es möglich. Die Milben leben nämlich gut versteckt in den Hautporen und sind meist nur schwer zu finden. Wenn man aber auf der Haut nach Spuren ihrer DNA sucht, finden sich die Milben bei uns allen. Und das ist der Grund, warum wir über diese winzigen Gefährten, wie über so viele andere auch, noch so wenig wissen.
Auch wenn der Gedanke an Milben den meisten wohl kaum behagt, wäre es vermutlich weitaus schlimmer, gar keine zu haben. Und welches Merkmal könnte im Übrigen näher an die Definition von »normal« herankommen als eines, das auf 100 Prozent der Menschen zutrifft? Da muss es einen guten Grund für die Milben geben. Oder etwa nicht?
Michelle Trautwein, Professorin für Dipterologie (Fliegenkunde) an der California Academy of Sciences und Co-Autorin der genannten Studie, erkennt in den Milben die Schönheit des Lebens: »Sie sind ein universaler Bestandteil unseres Menschseins.« Insektenkundler*innen wie Trautwein gehen gemeinsam mit Dermatolog*innen und Ökolog*innen der Frage nach, warum wir Milben besitzen, und entdecken dabei neue Wahrheiten über uns. Zum einen: Der Mensch ist kein autarkes Lebewesen, er ist auf andere Organismen, die auf ihm und um ihn leben, angewiesen.
Die Milben, so Trautwein, ernähren sich vermutlich von unseren toten Hautzellen und wären damit die »natürlichste« Peelingmethode. Außerdem verringern sie wohl auch den Staub in unseren Wohnungen, der zum Teil aus Hautzellen besteht. Dennoch würde uns jedes Produkt im Drogeriemarkt oder auf Instagram verlockend erscheinen, das uns verspricht, uns von den Gesichtsmilben zu befreien.
Auch wenn wir alle Milben im Gesicht haben, kann ihre anormale Vermehrung oder eine anormale Reaktion auf ihre Vermehrung nachweislich zu Hautkrankheiten führen. So besteht etwa, wie eine kürzliche Auswertung von achtundvierzig Studien ergab, ein Zusammenhang zwischen Milbendichte und Rosazea. Wie bei anderen Erkrankungen mit Mikrobenbezug geht es dabei jedoch vor allem um Zahlenverhältnisse und den Kontext, nicht einfach um eine Invasion »böser« Lebewesen. Normalerweise ist die Milbe Demodex gutartig und offenbar sogar der Gesundheit förderlich. Doch wenn sich ihr Umfeld ändert, kann sie pathogen (krankheitsauslösend) werden. Ähnlich wie der Mensch selten mit der Neigung geboren wird, andere zu verletzen, aber im Krieg und mit einem Schießbefehl ohne Weiteres tötet.
Die Entdeckung der Milben und Billiarden anderer winziger Geschöpfe unseres Hautmikrobioms bedeutet das Ende der sogenannten »Keimtheorie«, der simplen Vorstellung also, wir müssten die Mikroben bekämpfen, um Krankheiten vorzubeugen. Das Bild ist bunter geworden. Die meisten Mikroben gelten inzwischen nicht nur als harmlos, sondern sogar als nützlich, wenn nicht gar überlebenswichtig. Das Ich und das Andere sind weniger eine Dichotomie als vielmehr ein Kontinuum.
Obwohl sich das menschliche Baby in einer sterilen Umgebung, der mikrobenfreien Gebärmutter, entwickelt, ist es nach Verlassen des Geburtskanals ein brüllender Bakterienschwamm, der sofort Mikroben aufliest, die seine Gesundheit und Überlebensfähigkeit fördern. Seine Haut wird von mütterlichen Bakterien besiedelt, von denen einige lebenslang in den Hautporen verbleiben und die Interaktion mit allen späteren Mikroben überwachen.
Ab diesem Zeitpunkt wird die Hautgesundheit vor allem zu einer Frage des Umfelds. Außenwelt und Haut beeinflussen die Mikroben, Mikroben und Körperfunktionen ihrerseits die Haut.
Die Forschungen zum Mikrobiom sind gerade im Begriff, unsere Grundannahmen der Hautpflege auf den Kopf zu stellen. Die Folgen sind alles andere als nebensächlich. Da ist etwa die kürzliche Studie des Dermatologen Richard Gallo von der University of California in San Diego. Sein Team bestrich eine Mäusegruppe mit dem Bakterium Staphylococcus epidermidis, das auch auf der menschlichen Haut vorkommt. Eine andere Gruppe säuberte man so gründlich, dass sie bakterienfrei war.
Dann verpasste man beiden eine schöne Bräune. Die Mäuse mit den Bakterien entwickelten seltener Hautkrebs. Laut Gallo erzeugt Staphylococcus epidermidis einen Stoff namens 6-N-Hydroxyaminopurin, der Krebszellen angreift und ihre Vermehrung verhindert.
Natürlich handelt es sich hier um eine erste Studie, und sie hat die Mikroben auch nur an Mäusen und nicht an Menschen erforscht. (Menschen UV-Licht auszusetzen, um zu sehen, ob sie Krebs entwickeln, wäre unethisch.) Doch ähnliche Studien werden derzeit offenbar im Wochentakt veröffentlicht. Zusammengenommen werfen sie zumindest die Frage auf, ob wir wirklich alle Hautbakterien so entschieden und willkürlich abwaschen sollten, wie man uns beigebracht hat.
Doch um das herauszufinden, müssen wir zunächst der Frage nachgehen, wie unsere heutigen Sauberkeitsvorstellungen überhaupt entstanden sind.
II. REINIGEN
Val Curtis hat Fremden gern Bilder von verfaulten Nahrungsmitteln, von Würmern, Körperflüssigkeiten und Ähnlichem gezeigt und ihre Reaktionen dann aufgezeichnet.
Das war ihr Job. Curtis war eine weltweit führende »Ekelogin«, ehe sie im Herbst 2020 starb. In ihrer langen Laufbahn als Professorin an der London School of Hygiene and Tropical Medicine ging sie zu Beginn der Frage nach, warum Menschen sich – häufig aus einem innersten Bedürfnis heraus und mit großer Leidenschaft – um Sauberkeit bemühen.
Die Reaktionen auf die gezeigten Bilder waren, so Curtis, fast identisch, quasi universell, also unabhängig von Wohnort, Alter, Geschlecht und anderen erfassten Variablen. Die allgemein verbreitete Reaktion auf »dreckige, klebrige, tropfende, wimmelnde Gegenstände« bezeichnete sie in ihren Studien als »starkes Ekelgefühl«.
Aber was verbarg sich dahinter? Um das herauszufinden, arbeitete Curtis mit dem sogenannten Laddering-Verfahren aus der Marktforschung. Mithilfe der »kognitiven Leiter« kommt man tieferliegenden Motiven auf die Spur. Eigentlich eine einfache Fragetechnik, wie sie Dreijährige in aller Welt beherrschen: Warum, warum, warum? Wenn man einen Restaurantgast beispielsweise fragt: »Warum haben Sie diesen Salat bestellt?«, wird er vielleicht antworten: »Er hat sich gut angehört.« Fragt man aber weiter nach dem Warum, stößt man möglicherweise auf das komplexe Verhältnis, das wir zu Nahrungsmitteln haben, zur Sterblichkeit und unserem Wunsch der Kontrolle darüber. Das Laddering-Verfahren eignet sich für erste Dates genauso wie für die Forschung. Die Antworten auf Curtis’ Fragen liefen irgendwann immer auf dasselbe hinaus: »Ekel«.
»Dreck ist einfach ekelhaft. Schmodder ist einfach ekelhaft. Verdorbene Nahrung ist ekelhaft«, sagte sie in unserem Gespräch. »Weiter kam ich nie.«
Also machte sie sich daran herauszufinden, was diese Dinge gemeinsam hatten.
Ihr Büro verwandelte sich in eine Bibliothek zu ihrem Forschungsgegenstand, eine »riesige, kunterbunte Sammlung von allem, was die Menschen auf der Welt ekelhaft finden«, wie sie sagte. Und auf der Suche nach dem gemeinsamen Muster »stieß ich jedes Mal auf Krankheit«.
Ein ausgefallenes Haar etwa könne Kopfhautflechte übertragen. Und darum reiche schon ein einziges verirrtes Haar auf dem Teller, um ein Restaurant in Grund und Boden zu verdammen, nie wieder einen Fuß dort hineinzusetzen und den Küchenchef samt Familie auf ewig zu verfluchen.
Genauso könne Erbrochenes, das überall als ekelhaft gelte, ungefähr dreißig verschiedene Krankheiten übertragen.
Dabei ekeln wir uns offenbar nicht vor dem Leid an sich. Wenn jemand an Krebs stirbt oder einen Herzinfarkt hat, eilen wir ohne Zögern an seine oder ihre Seite. Doch der Anblick von Blut, Erbrochenem oder Fäkalien, so Curtis, löst bei uns eine instinktive Abwehr aus, die uns vor ansteckenden Krankheiten schützt.
»In unserem Alltag ist der Kontakt mit anderen vermutlich das Gefährlichste«, erläuterte sie, »der andere trägt den Bazillus in sich, der uns krank machen kann.«
So gesehen ist Ekel sehr nützlich. Wenn wir bei einem bestimmten Verhalten oder Aussehen Ekel empfinden, schützt uns das vor den Krankheiten der anderen. Darum ekeln wir uns auch manchmal vor uns selbst, schämen uns für unser Aussehen oder sind peinlich davon berührt. Wir wollen keinen Ekel erregen, weil wir sonst Gefahr laufen, sozial ausgegrenzt oder aus der Gemeinschaft verstoßen zu werden. Wert auf unser Äußeres zu legen, gehört also zu unserer Evolutionsgeschichte.
»Wenn Sie mein Freund sein wollen, müssen Sie mir in die Augen blicken, mich anhören, mir die Hand geben und in gewissem Maße Körperflüssigkeiten mit mir austauschen können. Weil wir uns anatmen«, sagte Curtis. »Wäre ich verdreckt und ungepflegt, hätte überall Parasiten und Verletzungen und würde schlecht riechen, würden Sie sich schnell vor mir ekeln und meine Gesellschaft meiden.«
Und sie fügte hinzu: »Weil wir eine kollaborative Spezies sind und den anderen zum Überleben brauchen, fühlen wir uns bedroht.« Als Mensch leben wir in der ständigen Spannung zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und der Notwendigkeit, uns vor anderen zu schützen.
Aber auch das Tierreich kennt »Hygieneverhalten«, wie die Evolutionswissenschaft die Körperpflege nennt. Die Karibik-Languste meidet Artgenossen mit Virusinfektionen, die Ameise säubert sich von krankheitserregenden Pilzen und räumt tote Kameraden beiseite, die Bienen entfernen erkrankte Freunde aus dem Stock und lassen sie sterben. Das alles scheint grausam, aber ihre Kranken können ohne ausgefeilte, moderne Gesundheitssysteme wie die unsrigen nicht behandelt werden.
Sämtliche Wirbeltiere befolgen offenbar Hygieneregeln: Ochsenfroschkaulquappen gehen, so Curtis, Artgenossen mit Candida-Pilzbefall aus dem Weg. Renken können den Parasit Pseudomonas fluorescens erkennen und meiden. So wie fast alle Säugetiere und Vögel, putzen sich Fledermäuse, um sich von Parasiten zu befreien. Das Schimpfwort Nestbeschmutzer ist nicht nur eine Metapher. Kein Vogel beschmutzt sein Nest. Selbst an verführerisch kalten Tagen kackt er draußen, etwa im Überflug auf einen Menschenkopf. Auch Waschbären, Dachse oder Lemuren wissen, wie die Sache läuft, und haben bestimmte »Latrinenplätze«. Bei Schimpansen lässt sich nach dem Kopulieren manchmal sogar so etwas wie Penispflege beobachten. Als Idee zumindest nett, wenn sich auch nicht alle sexuell übertragbaren Krankheiten so vermeiden lassen.
Krankheitsvorbeugende Verhaltensweisen sind in der Natur genauso universell verbreitet wie Sex. Eigentlich sogar noch mehr. Selbst hirnlose Fadenwürmer, die Sex in jeder Form scheuen, können nachweislich krankheitserregende Bakterien erkennen und vermeiden. Das hat ihnen die leidenschaftslose Evolution gelehrt. Die Gene von Exemplaren, die sich nicht vor Krankheiten schützen konnten, sind ausgestorben. Wer dagegen eine gute Hygiene betrieb, überlebte, vermehrte sich und fraß seine toten Brüder. Nein, die wurden begraben.
In der Fachsprache meint Hygiene ein krankheitsverhütendes Verhalten. Beim Menschen bedeutet dies Händewaschen, die Hand oder die Ellenbeuge beim Husten und Niesen vor den Mund zu halten, offene Wunden abzudecken und den Stuhlgang vorschriftsmäßig zu erledigen. Solche gesundheitsfördernden Urinstinkte können aber zugleich zu Diskriminierung beitragen. Selbst heute noch, so Curtis, können etwa Humpeln, leichte Asymmetrien oder ungewöhnliche Größenmaße Abscheu hervorrufen, weil sie unseren evolutionsgeschichtlichen Selbstschutz vor Ansteckung aktivieren.
So konnten in früheren Zeiten Schwellungen bei Menschen etwa auf Filariose hinweisen, eine durch Mücken übertragbare Wurmerkrankung, die Körperteile anschwellen und die Haut verdicken ließ. Sie waren also ein Gefahrenhinweis. Bis heute können solche Instinkte in Abscheugefühlen zum Ausdruck kommen und so definieren, was als normal gilt. Während die evolutionsgeschichtlichen Hinweise meist bedeutungslos geworden sind, bekommen Menschen, die zu stark von der normalen Bandbreite abweichen, anders aussehen, riechen oder klingen, die gesellschaftlichen Folgen weiterhin zu spüren.
Obwohl bei den Todesursachen die Infektionskrankheiten längst von den chronischen Erkrankungen überholt wurden, fürchtet sich unser Gehirn noch immer unverhältnismäßig stark vor einer Ansteckung. Und wenn zu dem Ekel vor uns selbst und anderen noch Weiteres hinzukommt, das mit Krankheit nichts zu tun hat, können wir die echten Gefahren leicht aus dem Blick verlieren. Hinter manchen heutigen Hautpflegemethoden verbirgt sich wohl auch der Antrieb, keinen Ekel erregen zu wollen, selbst wenn sie auf weit mehr abzielen, als dass wir nicht blut- oder kotbeschmiert herumlaufen.
In den wohlhabenden Ländern, so Curtis, orientiert sich die große Mehrheit bei der Körperpflege an einer abstrakten Vorstellung von Reinheit. Doch »rein« habe, anders als Hygiene, nicht nur mit Krankheitsvorbeugung zu tun.
»Die meisten Leute kaufen Körperpflegeprodukte nicht aus vernünftigen Gesundheitsgründen«, sagte sie. »Sie wollen gut aussehen, Akne, Ekzeme und Falten loswerden und angenehm duften.«
Dass der Mensch nach Schönheit und Wohlgeruch strebt, hat natürlich sehr komplexe Gründe. Manche werden durch kulturelle Normen und Erwartungen zu Verhaltensweisen gedrängt, die sie im Grunde gern aufgeben würden. Es hängt von unserer beruflichen und sozialen Stellung ab, ob wir glauben, es uns leisten zu können, ästhetischen Normen nicht zu entsprechen. Besonders bei Frauen hat die Körperpflege nachweislich Auswirkungen auf das Gehalt sowie insgesamt auf das Körperselbstbild. Hinzu kommt, dass das Pflegeritual Spaß macht, weil man sich täglich ein wenig Zeit für sich nimmt.
Schönheit kann auch Selbstzweck sein. Eigentlich haben mir viele vertrauenswürdige Menschen aus dem Literaturbetrieb davon abgeraten, in diesem Buch Charles Darwin zu erwähnen, das sei ein peinliches Klischee. Also spreche ich wohl besser von einem nebulösen Finkenliebhaber des 19. Jahrhunderts. Obwohl der Mann tugendhaft und häuslich war und in einem Zeitalter der sexuellen Unterdrückung lebte, war seine Ästhetik der sexuellen Auslese radikal. Schönheit sei evolutionär bedingt, sie bereite dem Menschen Lust, und Lust sei ein Selbstzweck. Es gehe bei Schönheit nicht nur darum, Fortpflanzungspartner anzulocken. Wir Tiere würden nämlich alles lieben, was uns ein gutes Gefühl gebe, selbst wenn das unserem langfristigen Überleben entgegenstehe – wie etwa die Paarung mit schönen Tieren, die uns nicht guttun, sich als schlechte Versorger herausstellen oder selbst nicht überleben.
Der deutlich biederere Alfred Russel Wallace, »Mitentdecker« der Evolutionstheorie, widersprach Darwin in diesem Punkt: Schönheit sei das Ergebnis von Anpassung und diene dem Überleben der Art. Seine Ansicht setzte sich über Generationen in den Lehrbüchern durch. Viele Theorien zur natürlichen Selektion bezogen sich fast ausschließlich darauf, wie Männer eine paarungswillige Frau gewinnen und Frauen eine attraktive Partnerin sein können. Dass Frauen autonome Wesen mit eigenständiger sexueller Lust und Absicht sind, kam nicht einmal theoretisch als Möglichkeit vor.
Der Evolutionsornithologe Richard Prum von der Yale University widmet schon sein ganzes Berufsleben der Wiederbelebung der verschütteten Theorie von Schönheit als intrinsischem Gut. »Schönheit passiert«, so seine Theorie, und habe sich wie jeder andere evolutionäre Prozess zufällig entwickelt. Demnach setzten sich Farben, Gesänge, die Größe, Form oder Textur eines Körpers durch, weil sie Lust erzeugen und sich als soziale und genetische Präferenz verbreiten konnten. Männliche Tiere seien nicht größer und aggressiver als weibliche, weil sie paarungswillige Konkurrenten körperlich ausstechen müssten, sondern weil Weibchen größere, kräftigere Männchen bevorzugten. Einfach weil sie sie schöner fanden.
Prum zeigt am Beispiel des Orgasmus, dass die Fähigkeit, Lust zu schenken, auch beim Überleben von Vorteil sein kann: Weibchen, die mehr Spaß am Paarungsvorgang haben, bekommen vermutlich mehr Nachwuchs. Und Männchen, die ihnen diese Lust besser verschaffen können, wahrscheinlich öfter Gelegenheit dazu. Wissenschaftliche Zeitschriften lehnten Prums Artikel zunächst ab, doch langsam freundet sich die Wissenschaftswelt mit der Vorstellung an, dass Schönheit ein Wert an sich ist, auch wenn sie nicht unbedingt stärker, gesünder oder zeugungsfähiger macht.
Auch wenn die Biologie eine Weile gebraucht hat, bis sie damit warm wurde, die Schriftstellerin Toni Morrison hat es schon immer gewusst. In einem Interview von 1993 für den Paris Review sagte sie: »Man kann die Schönheit nicht ausblenden. Sie ist kein Privileg oder ein Luxus. Eigentlich muss man sich nicht einmal darum bemühen. Man kann sie fast mit dem menschlichen Streben nach Wissen vergleichen, der Mensch ist dafür gemacht.«
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Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte hatte Körperpflege eher mit Spiritualität und Ritus zu tun als mit heutigen Gesundheits- oder Schönheitsvorstellungen. So schlugen die Azteken im 15. Jahrhundert riesige Wasserbecken für Reinigungsriten in den Bergfels. Wenn die Babys von den Hebammen gewaschen wurden, riefen sie die Wassergottheit Chalchiuhtlicue an:
Komme zu deiner Mutter Chalchiuhtlicue … Möge sie dich empfangen! Möge sie dich waschen! Möge sie allen Schmutz, der von deiner Mutter, deinem Vater auf dich gekommen ist, von dir nehmen und fortwerfen! Möge sie dein Herz reinigen! Möge sie es edel und gut machen! Möge sie dein Verhalten edel und gut machen!
Bei den Azteken wurden selbst die Sklav*innen, die man zur Opferung vorbereitete, mit heiligem Wasser gereinigt. Im alten Ägypten kleidete man die Toten wie Gottheiten und wusch sie nach einem bestimmten Ritual, damit sie leichter ins Jenseits gelangten.
Für den griechischen Arzt Hippokrates, auf den die Ärzte und Ärztinnen noch heute ihren Eid ablegen, war das Bad schon eher eine gesundheitsfördernde Maßnahme. Aber nie hätte er daran gedacht, Bakterien abzuwaschen. Bei der Vorstellung wäre er wie vom Blitz getroffen umgefallen. Er dachte eher an einen Wechsel aus kalten und heißen Bädern, um die Stimmungen auszugleichen. Bei Erkrankungen wie Kopfschmerzen und Harnverhalt hielt man damals warme Bäder für hilfreich, bei Gelenkschmerzen verschrieb man lieber kalte. Bäder waren in erster Linie dazu da, sich den Elementen auszusetzen, nicht so sehr, um bestimmte Krankheitserreger auszumerzen.
Ihren Höhepunkt fanden solche Vorstellungen in den berühmten Bädern des antiken Rom. In den öffentlichen Thermen trafen sich Bürger*innen aller Klassen zum Baden und geselligen Zeitvertreib. Oft befanden sich dort Sportanlagen unter freiem Himmel, umgeben von Räumen mit heißen (caldarium), lauwarmen (tepidarium) und kalten Bädern (frigidarium). In manchen Thermen gab es zudem Spieleräume, Bibliotheken, Speisen- und Getränkeverkäufer*innen und Prostituierte.
Manchmal rieben sich die alten Römer*innen mit Öl ein oder schabten Schmutz und Dreck mit einer Art Sichel ab. Doch wenn die Bäder einen hygienischen Nutzen hatten, dann höchstens zufällig. Die Wasserbecken waren alles andere als keimfrei. Wie zeitgenössische Berichte vermuten lassen, kam das Wasser aus öffentlichen Tiertränken. Gesunde und Kranke badeten zudem dicht an dicht. So empfahl der Philosoph Celsus bei unzähligen Beschwerden, etwa Darmentzündungen, kleinen Pusteln oder Durchfall, ein Bad zu nehmen. Da es keine Chloranlagen oder Umwälzpumpen gab, muss man davon ausgehen, dass auf dem Wasser ein schaumiger Schlier aus Dreck, Schweiß und Fett trieb.
Die Kombination aus Müßiggang und Nacktheit machte die Thermen zur Zielscheibe damaliger Kulturkämpfe. Dass sich die dekadenten Anlagen in seiner Heimatstadt verbreiteten, hielt der Philosoph Seneca für ein Zeichen des moralischen Niedergangs. Die christliche Frühkirche riet ebenso vom Baden ab.
Im Gegensatz dazu unterstrich die jüdische Gesetzgebung um die Zeit Jesu die Bedeutung körperlicher Reinheit durch den Erlass von Ernährungs- und Hygienevorschriften. Gemäß der Vorschriften musste man sich vor und nach dem Essen die Hände und vor dem Betreten des Tempels Hände und Füße waschen. Das Sprichwort »Cleanliness is next to godliness« (Reinlichkeit kommt gleich nach Frömmigkeit) leitet sich angeblich von einem Rabbinerausspruch ab, nach dem körperliche Reinheit die Voraussetzung spiritueller Reinheit sei.
Doch die Frühchrist*innen wandten sich gegen eine Moral aus Vorschriften und Verboten und ließen von den strengen jüdischen Regeln zu Lebensmitteln, Beschneidung und Sabbatgebot ab. Ihr Messias war in puncto ritueller Reinigung eher ein Minimalist. Die Maler*innen befreiten Jesus später von Schmutz und Filz, er selbst aber machte sich wie viele, die eine treue Gefolgschaft haben, ausdrücklich keine Gedanken um seine Schönheit. Laut Matthäus schalt er, wem religiöse Rituale wichtiger waren als innere Reinheit. »Reinige zum Ersten, was inwendig im Becher ist, auf dass auch das Auswendige rein werde!« Und an anderer Stelle im Neuen Testament heißt es, die Pharisäer seien schockiert gewesen, weil Jesus und seine Jünger Brot aßen, ohne sich zuvor die Hände zu waschen. Im 4. Jahrhundert schrieb schließlich Hieronymus, wer in Christus gebadet sei, müsse sich nicht waschen.
Unter den Weltreligionen ist das Christentum, das außer der symbolischen Taufe keine Wasch- oder Körperpflegevorschriften kennt, eher ein Außenseiter. Der Islam schreibt fünfmal täglich rituelle Waschungen vor dem Gebet vor. Wegen des hohen Wasserbedarfs an den Moscheen entwickelten die arabischen Städte daher im Gegensatz zu Europa raffinierte Wasserversorgungssysteme. Ein Muslim, der in den 920er-Jahren die Wolga bereiste, schrieb über die Wikinger: »Es sind die verdrecktesten Geschöpfe Allahs, sie waschen sich nicht nach dem Kacken und Pinkeln, nicht nach dem Geschlechtsverkehr oder dem Essen. Sie verhalten sich wie ungeratene Affen.«
Der Hinduismus kennt ebenfalls verbindliche Körperpflegerituale. Schon Jahrhunderte vor der westlichen Keimtheorie mahnte er, nach dem Toilettengang die Hände zu waschen. Nur die linke Hand war dafür erlaubt, die rechte ausschließlich fürs Essen. Als der Italiener Marco Polo im 13. Jahrhundert Indien bereiste, war er überrascht, wie pingelig die Leute beim Trinken waren. Jeder habe seine eigene Wasserflasche, staunte er, »niemand würde aus einer fremden Flasche trinken. Auch setzt keiner die Flasche an die Lippen.« Und noch verwunderlicher: Die Inder*innen badeten regelmäßig.
Auch in China vermerkte Marco Polo fasziniert: »Jeder nimmt mindestens dreimal in der Woche ein heißes Bad, und wenn er kann, im Winter sogar täglich. Wer etwas gilt oder wohlhabend ist, hat ein eigenes Bad im Haus.« Nicht so er selbst in Venedig. Als das alte Rom von den Völkern, die man später Barbaren taufte, unterworfen worden war, waren viele Aquädukte und Thermen zerstört worden. Die fehlende Infrastruktur und die Skepsis des Christentums gegenüber der Körperpflege machten das Mittelalter, wie man später sagte, zu »eintausend Jahren ohne Bad«.
Mitte des 14. Jahrhunderts spitzte sich die Lage zu. Die Europäer*innen litten plötzlich an schwarzen, eiternden Beulen, die, wie Giovanni Boccaccio im Dekameron schreibt, groß waren wie Eier oder Äpfel. Drei Tage nach den ersten Beulen starb der oder die Betroffene. Als »der schwarze Tod« in Boccaccios Heimatstadt Florenz wütete, sah er, wie Mütter die eigenen Kinder aussetzten, dem Leichengeruch sei nicht zu entkommen. Trotz der Gebete und Prozessionen breitete sich die Krankheit unkontrolliert aus. Innerhalb von drei Jahren war ein Drittel der europäischen Bevölkerung tot.
Die Beulen waren geschwollene, von Immunzellen überschwemmte Lymphknoten. Durch die Pestbakterien lief die Immunabwehr aus dem Ruder. Doch das wusste man erst fünfhundert Jahre später. Die Christ*innen beschuldigten also die Juden und Jüdinnen, Gift in den Städten zu versprühen. Vor die Wahl gestellt, lebendig verbrannt oder christlich getauft zu werden, gestanden manche jüdischen Gefangenen ihre Schuld und wurden von ihren angeblichen Sünden freigesprochen. Manchen half selbst das nicht.
Eine etwas gelehrtere Erklärung sah den Stand der Gestirne als Ursache des Problems. Laut einem Bericht der medizinischen Fakultät der Pariser Universität von 1348 starben die Menschen, weil Saturn und Jupiter unglückseligerweise mit Mars, »einem bösen Planeten, der Zorn und Kriege begünstigt«, in einer Reihe standen. Da der Mars rückläufig gewesen sei, hätte »er viele Dämpfe von der Erde und den Meeren angezogen, die sich mit Luft vermischten und deren Substanz beschädigten«.
Die angeblich krank machenden Dämpfe nannte man Miasma, im Fall der Pest Pesthauch. Auch wenn das ähnlich klingt wie unsere moderne Vorstellung von einer Ansteckung über die Luft, ging es beim Pesthauch um eine spirituelle Ansteckung. Die Pariser Ärzte warnten, dass »heiße, feuchte Körper für die Pestilenz am anfälligsten« seien, ebenso wie Körper »voll schlechter Stimmungen, weil unverbrauchte Abfallprodukte nicht richtig ausgestoßen« würden, oder Menschen »mit einem schlechten Lebensstil, zu viel körperlicher Ertüchtigung, Sex und Baden«. Die Vermeidung der furchtbaren Sünden garantierte zwar keine Gesundheit, versetzte aber die Bevölkerung garantiert in Panik: »Wer einen trockenen Körper hat, von Abfallprodukten geläutert ist, umsichtig Maß hält, wird der Seuche langsamer erliegen.«
Die Furcht vor heißem Wasser verbesserte die ohnehin entsetzliche hygienische Situation nicht gerade. Als man in Avignon keinen Platz mehr fand, um die Toten zu begraben, erklärte der Priester den Fluss kurzum zur geheiligten Erde. Reinen Gewissens hievten die Familien ihre Toten in die Rhône, doch die Gewässer waren weniger rein. Alle Menschen hatten Flöhe, die die Pestbakterien übertrugen, und bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts trat die Krankheit fast jedes Jahr irgendwo in Europa wieder auf. Die Badeanstalten schloss man von offizieller Seite aus Sorge vor Krankheitsübertragung. Panik und das mangelnde Wissen über das Pestbakterium, so die Journalistin Katherine Ashenburg, machten das 16. und 17. Jahrhundert zu den wohl schmutzigsten in der europäischen Geschichte.
Die vielen Todesfälle in den Städten ließen das Leben dort wenig verlockend erscheinen. Auf dem Land war es sicherer, dort gab es auch mehr Arbeit. Das änderte sich erst mit der industriellen Revolution. Bis ins 19. Jahrhundert lebten in den Städten jeweils nur wenige Hunderttausend Menschen. Es gab keine Hochhäuser oder Fabriken und folglich auch keine beständige Dunstglocke wie heute über Los Angeles, Hongkong oder Delhi.
In London wohnten erstmals 1801 über eine Million Menschen. Im Jahr 1850 waren es schon zwei Millionen, und weil die Menschen überall in die Städte strömten, bald ebenso in Paris und New York. Die Infrastruktur hielt mit dem Bevölkerungszuwachs allerdings nicht Schritt. Plötzlich war die Umwelt sichtbar dreckig. Die noch unasphaltierten Straßen waren im Sommer staubig, das restliche Jahr über matschig, immer voller Pferdeäpfel, und die Kohleöfen verpesteten die Luft. Die Gassen glichen Jauchegruben, die Brunnen waren vermüllt. Die ansteckenden Krankheiten, die sich unter diesen Bedingungen ausbreiteten, veränderten die Welt und ließen das öffentliche Gesundheitssystem entstehen.
Als in den europäischen Arbeiterbehausungen der 1840er-Jahre die Typhusepidemien grassierten, fiel dem deutschen Arzt Rudolf Virchow der Zusammenhang zwischen Lebensbedingungen und Krankheit auf. Seine Arbeit, die noch immer von der Miasma-Theorie geprägt war, brachte den amerikanischen Ärzteverband dazu, die Bedingungen in den USA zu untersuchen und schließlich 1847 Toilettenbelüftungen zu fordern, damit sich krankheitserregende Dämpfe verflüchtigen könnten.
Die These von der schlechten Luft wurde erstmals infrage gestellt, als der Arzt John Snow 1854 einen Cholera-Ausbruch in London zu einem Brunnen zurückverfolgen konnte. Mithilfe detaillierter Karten und der Befragung von Erkrankten versuchte er, gemeinsamen Gewohnheiten oder Aufenthaltsorten auf die Spur zu kommen. Die Methode, die Sherlock Holmes vorwegnahm, erwies sich als so bedeutsam, dass daraus schließlich die moderne Epidemiologie entstand. Doch Snow erkannte nicht den genauen Zusammenhang zwischen dem Wasser und der Krankheit. Ernst genommen wurde er auch nicht.
Dass das Wasser durch Organismen aus der menschlichen Fäkaliengrube direkt neben dem Brunnen verseucht war, lief damals nicht nur den gängigen Überzeugungen zuwider, sondern hätte auch erhebliche politische Folgen gehabt. In der gesamten Stadt hätte man menschliche Abfallprodukte und Trinkwasser trennen müssen. Die Londoner Regierung hielt Snows Entdeckung für reinen Zufall, für einen Zusammenhang gebe es keine Beweise. Erst als der deutsche Arzt Robert Koch 1883 Cholerabakterien unter dem Mikroskop sah, wurde Snow rehabilitiert, zwei Jahrzehnte nach seinem Tod. Diese Entdeckung, die epidemiologischen Hinweise aus dem Londoner Brunnen und spätere Beobachtungen erhärteten für Koch die Vermutung, dass das verseuchte Wasser die Ursache war. Und wenn die »Keime« unbemerkt in unser Trinkwasser kriechen und uns töten konnten, konnten sie wohl genauso gut für viele andere Krankheiten, Leiden und Temperamente verantwortlich sein.
Während die Gefahr von Infektionskrankheiten durch Verstädterung und rasches Bevölkerungswachstum zunahm, drang die neue »Keimtheorie« langsam ins öffentliche Bewusstsein. Um die Jahrhundertwende gehörten die Bekämpfung und Vorbeugung von Infektionskrankheiten schließlich zur Städteplanung. Diese »Hygiene-Revolution« war im Grunde das Resultat ihres industriellen Vorläufers. Um die erforderlichen Sanitär- und Hygienemaßnahmen durchzusetzen, baute man in Europa und den USA ein öffentliches Gesundheitswesen auf. Statt wie bisher die Keimtheorie zu leugnen, ging die Politik nun schleunigst dazu über, in präventive Infrastrukturmaßnahmen zu investieren. Im Fokus standen keimfreies Trinkwasser, Abwasserkanäle und die Volkserziehung zum Händewaschen nach dem Toilettengang, so wie es die Menschen in der übrigen Welt seit Jahrtausenden taten. Man hatte es bislang einfach hingenommen, dass die Bevölkerung ganzer Stadtviertel oder Städte plötzlich dahinschwand. Die Erkenntnis, dass sich das verhindern ließ, war revolutionär.
Damit rückte auch die Körperpflege ins Zentrum des öffentlichen Bewusstseins. Wie sauber jemand war, sagte nun etwas über sein Gefahrenpotenzial. Wer ungepflegt war, konnte sich das Waschen offenbar nicht leisten und nutzte den Graben in der Gasse vor dem Mietshaus als Toilette. Womöglich übertrug er oder sie auch Krankheiten. Wer gepflegt war, sauber gekleidet, sorgfältig gekämmt und mit frisch gewaschenem Gesicht, signalisierte Sicherheit. Obwohl ein gepflegtes Äußeres kein Garant dafür war, dass jemand sich die Hände wusch und keine Flöhe hatte – die gefürchtetsten Krankheitsüberträger –, gingen äußeres Erscheinungsbild und Hygiene nun Hand in Hand.
Sauberkeit und Schmutz wurden nun konkret mit Gesundheit beziehungsweise Tod assoziiert, und die dazu passenden polarisierenden Konnotationen verbreiteten sich zusehends. Doch ein saubereres Erscheinungsbild erforderte Zeit und Geld. Sichtbare Körperpflege wurde zum Statussymbol, und mehr galt oft als besser. Es reichte nun nicht mehr, nicht ekelerregend auszusehen oder zu riechen, man musste duften. Ein sauberes Äußeres wurde zur Voraussetzung für bestimmte Berufe und soziale Kreise. Die Arbeiterklasse galt als ungewaschen, und der soziale Aufstieg konnte nur dann gelingen, wenn man sich trotz Latrine vorm Haus passend für eine Arbeit fern der Latrinen kleiden konnte.
Die Mittel- und Oberklasse in Manhattan begann Anfang des 20. Jahrhunderts, sich im eigenen Schlafzimmer zu waschen. Selbst in ärmlichen Mietshäusern stellten die Familien samstags den Badebottich in die Küche, füllten ihn mit Wasser und wuschen ihre Kinder. Eimerweise trugen sie das Wasser über endlose Treppen und Flure nach oben und erhitzten es auf dem Holzofen. Ein »sauberes« Aussehen war – und ist es für einige bis heute – diese Mühen wert.
Die neuen Hygienevorstellungen wurden explizit als Werkzeug gesellschaftlicher Reformen eingesetzt. Aus den ersten Anstrengungen, sexuell übertragbare Krankheiten einzudämmen, entwickelte sich die Bewegung der »Sozialhygiene«. Im Ersten Weltkrieg versuchte man so, mit öffentlichen Aufklärungskampagnen der Syphilis Einhalt zu gebieten. Später wurden daraus Programme zur Sexualaufklärung im Klassenzimmer. Nun konnte man im Namen der Hygiene und mit wissenschaftlicher Rechtfertigung Themen ansprechen, die vorher mit einem unüberbrückbaren Tabu belegt waren.
Doch die Hygiene rechtfertigte auf ähnliche Weise auch eine Katastrophe. Die neuen Wissenschaften der Genetik und Infektionskrankheiten verliehen den bereits länger eingeführten Begriffen der Ausrottung und Säuberung die legitimierende Patina. Als der deutsche Arzt Alfred Ploetz 1895 das Buch Rassenhygiene veröffentlichte, legte er damit den Grundstein für die Eugenik der nächsten Jahrzehnte und schließlich den Holocaust. Reinheit und Säuberung dienten als Schlachtruf für eine nationale Abschottung, die auf der Grundannahme beruhte, dass Homogenität gut, Diversität aber unnatürlich und gefährlich sei.
Die Angst vor der allgemein gering geschätzten Mikrobenwelt spielte dem destruktiven Gedankengut, vom expliziten Rassismus bis zu restriktiven Sexualnormen, in die Hände. Außerdem förderte sie den Seifenverkauf. Als fließendes Wasser und Badewanne im letzten Jahrhundert zum allgemeinen Standard der Arbeiterklasse wurden, etablierten sich die zahllosen Produkte, die heute ganze Drogeriemärkte füllen, langsam in unserem Alltag. Das Baden wurde Allgemeingut, und damit entwickelten sich ein riesiger Markt für Seife sowie ein regelrechter Rüstungswettlauf bei vielen anderen Reinigungsprodukten. Weil man arme Leute nun nicht mehr daran erkennen konnte, dass sie ungewaschen waren, mussten Wohlhabende jetzt noch sauberer sein. Nichts verkauft sich im Kapitalismus so gut wie Status. Und wenn wenig schon gut war, konnte mehr nur besser sein.
III. SCHAUM
Am Anfang war das Unternehmen Dr. Bronner’s eine Art Kirche.
Der Übergang vom religiösen Non-Profit-Unternehmer zum Vollzeitverkäufer von Pfefferminz-Flüssigseife erfolgte so unmerklich, dass Emanuel »Dr.« Bronner völlig vergaß, die Steuerbefreiung aufheben zu lassen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er im erbitterten Kampf mit dem US-Finanzamt um eine Million Dollar Steuerschulden, und bei seinem Tod war er fast pleite. Aber bis zum Schluss nahm er jeden Anruf für das Unternehmen persönlich entgegen oder rief zurück.
Das Aushängeschild von Dr. Bronner’s ist eine gelbliche Flüssigseife in einer durchsichtigen Plastikflasche, die Sie überall finden können – vom Bioladen über Walmart bis hin zu Instagram-Accounts berühmter Persönlichkeiten. Die symbolträchtigen, einst nur blauen Etiketten sind über und über mit winzigem, marktschreierischem Text bedruckt: »Ready to teach the whole Human race the Moral ABC of All-One-God-Faith! For we’re All-One or none! ALL-ONE! ALL-ONE! ALL-ONE!« (Lehren wir der gesamten Menschheit das moralische ABC des Alle-Ein-Gott-Glaubens! Wir sind Alle-Eins oder Nichts! Alle-Eins!) Und so weiter.
Das war Emanuel Bronners Gospelsong. Er war aus Deutschland vor dem Holocaust geflohen und reiste in den Fünfzigerjahren durch die USA, um die Botschaft von Frieden und Einheit zu verbreiten. Er stand an Straßenecken in Los Angeles auf einem Seifenkarton und verkündete den Passant*innen seine Botschaft. Die Seife verkaufte er, um seine Mission zu finanzieren. Die Leute wollten nicht wirklich hören, was er zu sagen hatte, aber die Seife schien ihnen zu gefallen. Also druckte Bronner seine Predigt auf die Seifenetiketten. Irgendwann sprach sich herum, dass dieser komische Mann Pfefferminzseife verkaufte, und die Nachfrage stieg – obwohl Bronner damit eigentlich nur seine Botschaft von Liebe und Einheit unter die Leute bringen wollte. Als seine Enkel das Unternehmen später wiederbelebten und die Seife zu dem allgegenwärtigen Produkt machten, das es heute ist, war es für sie wichtig, das Etikett möglichst so zu belassen, wie ihr Großvater es geschrieben hatte, trotz aller Herausforderungen für das Marketing.
In den letzten Jahren wurde aus dem Nischen- ein Mainstreamprodukt. Ein halbes Jahrhundert lang war Dr. Bronner’s nur in räucherstäbchengeschwängerten Hippie-Läden zu finden, jetzt stehen die Seifen neben teuren Beautyprodukten in großen Drogerie- und Supermärkten oder trendigen Hipsterläden. In den zwei Jahrzehnten, die David Bronner und sein Bruder Mike das Unternehmen nun führen, haben sich die Umsätze mehr als verdreißigfacht.
Als ich David Bronner treffe, bietet er mir als Erstes an, ein Schaumbad in einem Anhänger zu genießen – aber es hatte nichts Anrüchiges. Wir stehen im kalifornischen Vista, auf dem Parkplatz seines neuen Firmensitzes, die alten Räume sind zu klein geworden. Der Anhänger mit den Gemeinschaftsduschen wird von Bronner und seinem Team normalerweise bei Schlammrennen, beim »Burning Man« oder anderen Festivals aufgestellt. David, heute CEO (Cosmic Engagement Officer), ging schon zum »Burning Man«, bevor es cool wurde, und als er die Firma übernahm, befand er, es sei ein guter Ort, die Marke besser bekannt zu machen. Auf dem Festival ist Werbung verboten, ebenso wie Sponsering, aber Bronner’s installiert dort raffinierte Plakate und interaktive Ausstellungen, die das Unternehmensethos kommunizieren. So finanziert er einen »Safe Place« für Leute, die auf einem schlechten Trip sind, außerdem treten Performance-Künstler*innen aus dem Unternehmen auf. Die ich glücklicherweise kennenlernen durfte.
»Hi, hast du Lust zu tanzen?«, fragt mich einer der bärtigen Männer. In meiner Erinnerung haben alle lange Bärte, vielleicht waren sie aber nur unrasiert. Es ist eine dieser Situationen, wo einem das Gedächtnis gern einen Streich spielt. Ich war früh auf, hatte kaum geschlafen und schon ein Glas aus ihrem Kombucha-Fässchen intus.
»Nein.«
Sie haben offensichtlich ein »Ja« erwartet. Jemand schaltet einen Gettoblaster ein, und sie stellen sich in zwei Reihen auf.
»Okay, kein Problem. Dann tanzen wir für dich.«
Mitten in einer Lagerhalle tanzen acht erwachsene Männer für mich. Sie schauen mich erwartungsvoll an, und ich weiß ihre Bemühungen wirklich zu schätzen, aber bin auch leicht genervt davon, so betanzt zu werden. Sie lächeln die ganze Zeit und am Ende klatschen sich alle ab, auch mich. Dann stehen sie im Kreis und fragen mich über das Hautmikrobiom aus. Manche berichten, sie duschen ebenfalls selten, und als ich von der Idee zu diesem Buch erzähle, verhalten sie sich, als sei angesichts dieses grandiosen Konzepts ihr Gehirn gerade implodiert. Es fühlt sich an, als sei ich der Mensch, der den Ninja Turtles ihre erste Pizza reicht.
Dass ein Seifenunternehmen Künstler*innen der Generation X beschäftigt, die nicht duschen, klingt zunächst paradox. Doch das Wachstum des Unternehmens beruht auf einem starken Markenimage, das hervorragend dazu passt. Dank diesem Image und einer generell egalitären Einstellung ist Dr. Bronner’s besonders bei kapitalismuskritischen Millennials beliebt. Obwohl das Produkt seit Jahrzehnten eine treue Kundschaft hat, wirft es erst seit Kurzem wirklich Gewinn ab.
Auf das öffentliche Bad in David Bronners Anhänger verzichte ich trotzdem: Nach einem Tough Mudder in der Gruppe mag es ein Riesenspaß sein, aber hier wäre ich allein, auf einem Parkplatz und umringt von lauter PR-Leuten, die unbedingt wollen, dass ich Fun habe. Also steige ich in David Bronners Minivan und lasse mir das Firmengelände zeigen. Bronner besitzt noch einen Mercedes, der mit Fett als alternativem Kraftstoff läuft, aber für die Arbeit nehme er lieber den größeren Van, er eigne sich, so erklärt er, besser für Fahrgemeinschaften.
David Bronners Gehalt ist höchstens fünfmal höher als das der Mitarbeitenden, die am wenigsten verdienen. Er ist groß, das Haar hinten lang und vorn ausgefallen, der Oberkörper immer ein wenig zurückgelehnt. Sein Lebensmotto heißt Party, aber mit Respekt für das Mutterschiff Erde. Man hat ihn mit Captain Jack Sparrow verglichen, aber seine Droge ist nicht der Alkohol. Er bevorzugt psychedelische Drogen. Er ist für Legalisierung und gegen Drogenbekämpfung. Das wundert keinen, der ihn sieht, außer man weiß, dass er Erbe und CEO eines der am schnellsten wachsenden Seifenunternehmen der Welt ist.
Als wir uns dem Haupteingang nähern, sehen wir einen Imbisswagen, der Tacos mit Fleisch verkauft. David rollt die Augen. Er ist enorm stolz darauf, dass sein Unternehmen allen Mitarbeitenden ein veganes, regionales Biomittagessen direkt vom Bauern bietet. Die Gerichte werden von einem ernst zu nehmenden Koch zubereitet; als ich die Küche besichtige, lässt er mich einen Löffel von seinem Farro-Kürbis-Salat kosten.
»Ich verstehe ja, dass das nichts für jeden ist«, sagt Bronner und schaut mit einer so reglosen Miene auf den Taco-Lieferanten, als übe er sich gerade in achtsamer Empathie. Er parkt den Minivan, und wir gehen in die Kantine, vorbei an einem riesigen Wandgemälde, das seinen Großvater zeigt, den ursprünglichen Doktor in »Dr. Bronner’s«, der allerdings nicht wirklich Doktor war und auch wissenschaftlichen Tatsachen nicht sonderlich verbunden. Als wir uns aus dem Kombucha-Fass bedienen, erklärt David mir seine Seife. Wie er offen zugebe, dusche er eher selten und wenn, dann seife er nur Achselhöhlen, Intimbereich und Füße ein. Es sei ihm nie wirklich um die Seife gegangen, sondern eigentlich um sein Umweltengagement.
Auch Emanuel Bronner war ein überzeugter Minimalist. Auf dem berühmten Etikett steht »18 in 1«: Während alle anderen Seifenunternehmen ihren Kund*innen möglichst viele diversifizierte Produkte verkaufen wollten, konnte Dr. Bronner’s Seife von jedem für jede Körper- und Haushaltspflege verwendet werden, ob beim Baden, Wäschewaschen, Reinemachen oder Zähneputzen. Das Unternehmen hat seine Produktpalette erst vor Kurzem ein wenig erweitert, etwa um Zahnpasta. Das beißt sich mit David Bronners Unternehmensvision, der dem Menschen nichts verkaufen will, was er nicht braucht. »Die Leute wollten eben Zahnpasta«, erklärt er mir. Ich bin allerdings nicht der Einzige, der bestätigen kann, dass ein einziger Tropfen Pfefferminzseife genauso gut wirkt.
Doch die spirituellen Untertöne, aufgrund derer manche Dr. Bronner’s als typischen New-Age-Quatsch abtun, sind keineswegs neu. Eigentlich sind sie eine Rückkehr zu dem Einklang aus reinen Händen und reinem Herzen. Bei aller Exzentrik des Unternehmens steht das Ethos der Bronners den meisten historischen Sauberkeitsidealen näher, als es jedes strenge wissenschaftliche oder gesundheitliche Argument je könnte.
***
Seife wird vom Menschen schon von Beginn der geschichtlichen Aufzeichnung an und überall auf der Welt verwendet. Doch seit wann tun das Milliarden von Menschen mehrmals täglich, und zwar nicht, weil ihnen danach ist, sondern weil sie das für absolut notwendig halten?
Ich suche einen Seifenhistoriker auf, den man mir als »Seifenkönig« beschrieben hat. Nach mehreren Telefongesprächen lädt er mich in sein Zuhause in einem Vorort von Chicago ein. Ich steige aus dem Auto, klingele, eine dreieinhalb Meter hohe Haustür schwingt auf, und dahinter kommt eine kleine Frau mit weißen Haaren zum Vorschein: Fortuna Spitz. Lächelnd ruft sie: »Luis!«, woraufhin ihr Ehemann, der Seifenkönig, gemächlich aus dem Arbeitszimmer auf den Flur tritt und mir mit der Hand bedeutet, ihm ins Wohnzimmer zu folgen.
»Die beiden Menschen, die hier vor Ihnen sitzen, haben mehr für das klassische Seifenstück getan als jeder andere auf der Welt«, sagt Luis Spitz sehr ernst. Ich hätte nicht gedacht, dass jemand mit so etwas angeben würde, aber in den folgenden vier lehrreichen Stunden werden alle meine Zweifel ausgeräumt, während mich die beiden durch das umfangreiche Privatmuseum führen und mir die Geschichte der Seife erklären.
Luis, bei meinem Besuch dreiundachtzig Jahre alt, hatte Chemietechnik studiert und kam mit der Seifenindustrie erstmals als Sachbearbeiter bei The Dial Corporation in Kontakt. Er vertrat die italienischen Hersteller von Seifenverarbeitungsanlagen und -verpackungsmaschinen und war 1977 Vorsitzender der ersten Weltkonferenz für Seifen und Reinigungsmittel. Er hat Beiträge und Bücher verfasst oder herausgegeben, die von der Seifenindustrie veröffentlicht wurden, und arbeitet derzeit als unabhängiger Berater für die Herstellung und den Vertrieb von Seifen. Wenn ich seine heutige Tätigkeit genauer beschreiben sollte, würde ich sagen, er weiß alles, was es über Seife zu wissen gibt, und er macht in der Seifenindustrie Leute.
»Sie haben wohl nicht gedacht, dass Sie so viel Zeug zu sehen bekommen!«, sagt er, als ich den Blick über Seifenwerbungen und Devotionalien schweifen lasse, die jeden Zentimeter Wand- und Ablagefläche ausfüllen. Das Ehepaar Spitz hat sein Haus förmlich um die Seifensammlung herumgebaut. Als Fortuna Spitz mir ein Stück Apfelkuchen reicht, prangt auf dem Tischset ein Seifendekor.
An diesem Nachmittag erfahre ich, dass der Verkauf von Seife eine Kunst ist, mehr noch als ihre Herstellung. Tatsächlich hat sich das Marketing für Seife zunächst der Kunst bedient. Auf der Weltausstellung 1893 in Chicago warb die Pears Soap Company mit einem Gemälde, auf dem unten ein nüchternes »Pears« aufgedruckt war. Die obere Etage im Haus der Eheleute Spitz ist eine Galerie mit Gemälden (Farbdrucken) aus dem 19. Jahrhundert, die heute niemand für Seifenwerbung halten würde. Auf dem berühmtesten und am häufigsten nachgedruckten Gemälde, »Bubbles« von John Everett Millais, sieht man einen kleinen Jungen mit Lockenkopf, der Seifenblasen macht.
Als Seife schließlich in Mode kam, war es mit der anspruchsvollen, zugleich unschuldigen Werbung natürlich vorbei. Ein hart umkämpfter Markt verlangte eine aggressivere Werbung, die das Produkt von anderen abhob, andere auch mal mit Dreck bewarf, Verbraucher*innen verunsicherte und Versprechungen machte, die keine Seife der Welt jemals einlösen konnte. All das war nötig, weil die meisten Seifen chemisch eigentlich mehr oder minder identisch sind. Es gibt per definitionem nicht viel Spielraum, das Produkt zu verändern, ansonsten ist es definitiv keine Seife mehr. Das Herstellungsverfahren für Seife ist Teil des Chemiegrundkurs I und schon seit Jahrhunderten bekannt.
Seife besteht aus Tensiden beziehungsweise »oberflächenaktiven Stoffen«, bei denen Fett mit einer wasserlöslichen Base, genauer gesagt mit Alkalien, kombiniert wird. Egal, ob es sich um tierische oder pflanzliche Fette wie Oliven- oder Kokosöl handelt, sie bestehen immer aus Triglyceriden. Wie der Name vermuten lässt, sind dies drei Fettsäuremoleküle und ein Glycerinmolekül. Wenn man Triglyceride mit Alkalien wie Kaliumhydroxid (Pottasche) oder Natriumhydroxid (Lauge) mischt und unter Druck erhitzt, spaltet sich die Fettsäure von dem Glycerin ab. Kalium oder Natrium können sich nun mit der Fettsäure verbinden. Und das ist dann Seife.
Tenside sind einfache Moleküle, deren eines Ende Wasser und deren anderes Fett binden kann – etwa Fette, die auf unserer Haut kleben und sich allein mit Wasser nicht entfernen lassen. Wenn Ihre Kleidung beispielsweise mit Erde verschmutzt ist, wird sie mit Wasser nicht sauber. Geben Sie aber eine tensidhaltige Seife ins Wasser, wird das fettliebende (lipophile) Ende von dem Fett der Erde und das wasserliebende (hyrophile) Ende vom Wasser angezogen. Durch die gegensätzlich wirkenden Kräfte lockert sich der Dreck und wird im Wasser aufgelöst. Jetzt müssen Sie ihn nur noch ausspülen.
Obwohl niemand genau weiß, so Spitz, wie und wann die Seife erfunden wurde, kursieren jede Menge Märchen darüber. Nach einer römischen Sage wurde die Seife am Berg Sapo entdeckt. Dort brachte man den Göttern Tieropfer dar, und Holzasche und Tierfette, die bei dem Ritual zurückblieben, wurden beim nächsten Regen vermischt, den Berg hinabgespült und landeten in einem Fluss, wo die Menschen gerade ihre Togen wuschen. Als sie bemerkten, dass die Togen viel sauberer wurden als sonst, schrien sie: »Was zum Teufel ist das? Verfluchtes Wasser?«, und rannten weg. (Falsch, sie gingen der Sache auf den Grund und stellten Seife her.)
Man kann sich jedenfalls gewiss sein, dass das simple Herstellungsverfahren an mehreren Orten »entdeckt« wurde. Die Herangehensweise hing dabei von den jeweils verfügbaren Materialien ab. Rund um das Mittelmeer sorgte Olivenöl für ein regelmäßig verwendbares Qualitätsprodukt. Das französische Marseille entwickelte sich zur wahren Hochburg der Seifenkunst. Im italienischen Savona und in Kastilien schossen die Seifenmanufakturen aus dem Boden, wahre Pilgerstätten, wo die Leute jahrhundertelang ihre Seife kauften. Obwohl die Seifenherstellung eher banal und die Ingredienzien mehr oder minder unveränderlich sind, zeigte sich eine klare Lernkurve, aus der sich Unterschiede zwischen handgemachter und industriell hergestellter Seife ergaben.
Seife aus dem Ladenregal war bis ins späte 19. Jahrhundert und in vielen Teilen der Welt noch wesentlich länger ein Luxusprodukt. Mein Großvater wuchs in einem ländlichen Städtchen in Indiana auf, und seinen Eltern und Nachbar*innen wäre es im Traum nicht eingefallen, Seife zu kaufen. Sie machten Seife, wenn sie ein Schwein geschlachtet hatten. Dazu nahmen sie die Schweinehaut, schnitten sie in Streifen, legten sie in den großen gusseisernen Kessel und setzten diesen aufs Feuer. Mein Großvater musste dafür sorgen, dass das Feuer nicht ausging. Das weiße Hautfett schmolz, und die übrig bleibenden Hautstreifen wurden in dem brodelnden Schmalz zu knusprigen Röllchen, den Grammeln, eine Delikatesse, an die sich mein Großvater stets mit Freuden erinnerte.
Das Schweineschmalz diente zum Kochen, Würzen, zur Wundbehandlung, als Rostschutz- und Schmiermittel. Wie mein Großvater erzählte, sammelte seine Mutter Regenwasser, mischte Holzasche und das Schmalz darunter und machte so Seife. »Ich hatte das Gefühl, als Junge wusste er gar nicht, dass man in einen Laden gehen und dort Seife kaufen konnte«, erinnert sich mein Vater. Sollte in dem Gemischtwarenladen des Städtchens tatsächlich Seife verkauft worden sein, hätte mein Großvater jedenfalls zu der ersten Generation gehört, die diese Möglichkeit hatte. Allerdings erlebte er auch die Weltwirtschaftskrise 1929, und es widerstrebte ihm ein Leben lang, Geld für etwas auszugeben, das man ebenso gut selbst herstellen konnte.
Den Borstenschaber, die Schlachthaken und den Kessel haben wir auf dem Bauernhof noch immer. Auf dem Gelände, wo mein Großvater einmal Pfeilspitzen fand, lebten vor nicht allzu langer Zeit noch amerikanische Ureinwohner. In vielen Stämmen gab es bekanntlich Schwitzhütten oder -zelte für Reinigungsrituale. Dort traf man sich und büßte und läuterte sich durch andächtiges Schwitzen. Doch die Zeremonie diente der spirituellen Reinigung, durch die Hitze, sanftes und manchmal auch tödliches Dehydrieren veränderte sich der Geist. Zum Baden ging man hingegen in Seen und Flüsse. Dass die indigenen Völker auch Seife herstellten, ist nicht belegt, aber mit Sicherheit hatten sie Zugang zu Seifenpflanzen wie Seifenkraut oder Seifenbaumgewächsen. Noch vor ihnen verwendeten die Azteken zwei pflanzliche Produkte als Seife, die Frucht des Copalxcotl (den die dreckigen spanischen Plünderer »Seifenbaum« nannten und wahrscheinlich kurz darauf zerstörten) und die Wurzel des später Saponaria americana genannten Seifenkrauts. Die Pflanzen erhielten ihre Namen nicht zufällig. Beide produzieren zur Selbstverteidigung Saponine, also Tenside, wie sie auch bei der Seifenherstellung entstehen. Wenn man sie oder auch eine Agave oder eine Yucca schält, pulverisiert und energisch mit Wasser verquirlt, entsteht Seifenlauge.
Heute gäbe es eine große Nachfrage nach solch milden »Seifen«. Die Lauge des Seifenbaums ähnelt eher den heute so beliebten Reinigungslotionen wie Cetaphil (das für »empfindliche Haut« beworben wird) als den frühen Seifen. Allerdings waren kommerzielle Seifen die längste Zeit ihrer Geschichte auch nicht fürs Gesicht bestimmt. Seife erfordert eine Base, und Kalilauge war oft am billigsten und verfügbarsten. Das Produkt war daher stark basisch und trocknete die Haut aus oder brannte sogar.
Aber die frühe Seife hatte wie jedes Hilfsmittel ihren eigenen Anwendungsbereich. Wenn man Ruß oder Schmiere an den Händen hatte, half Wasser wenig. Dann brauchte man Seife. Doch bis ins späte 19. Jahrhundert wurde Seife hauptsächlich für die Wäsche verwendet. Zwar gab es etwa in Jamestown schon im 17. Jahrhundert »Seifenhersteller«, aber die Siedler stellten die Seife aus überschüssigem Tierfett und Lauge lieber selbst her und verwendeten sie nur bei größtem Dreck. Regelmäßiges Waschen war nicht nur teuer, sondern griff auch Haut und Kleidung an.
Mit der Zeit wurde die Seife weiterentwickelt und besser verträglich. Als die Seifenmacher als Base erstmals Pottasche nahmen, wurde Seife allgemein fürs Baden beliebt. Das erste US-Patent überhaupt war ein Verarbeitungsverfahren für Pottasche. Das Dokument, nur ein einziger Absatz, wurde 1790 von Thomas Jefferson genehmigt und von George Washington unterschrieben. Es markiert den Beginn des Patentwesens, das für den Kapitalismus entscheidend werden sollte.
Das Recht am geistigen Eigentum war für das Wachstum der Seifenindustrie von zentraler Bedeutung. In Großbritannien etwa war Seife durch ein Monopol knapp und durch eine Seifensteuer zudem teuer. Als der britische Premierminister William Gladstone die Steuer 1853 schließlich abschaffte, war Seife plötzlich ein erschwingliches Gut. Von nun an arbeitete die Seifenindustrie unermüdlich daran, das Baden vom Image eines leicht sündhaften Luxus zu befreien. Es sei im Gegenteil grundlegender Bestandteil eines Minimums an Anstand. Mithilfe von Marketing und Werbung gelang es der Branche, Gesundheit, Schönheit und Sauberkeit neu zu definieren. Die noch immer vorhandenen europäischen Tabus rund ums tägliche Waschen wurden auf den Kopf gestellt. In nur wenigen Jahrzehnten war es plötzlich tabu, es nicht zu tun.
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Ich fahre, hoch oben auf einem Feuerwehrauto, über das Firmengelände von Dr. Bronner’s. Da das Unternehmen gewachsen sei, sagt man mir, müsse ich mich aus Haftungsgründen jetzt festhalten.
Das Fahrzeug ist umgerüstet, aus den Schläuchen spritzt statt Wasser Seifenschaum. Wie den Dusch-Anhänger nimmt das Unternehmen es mit auf Festivals oder präsentiert es als Markenerlebnis auf dem Firmengelände. Die dröhnende Musik aus den Lautsprechern wirkt in dem Gewerbepark am Stadtrand irgendwie fehl am Platz. Die Presseabteilung trägt leuchtend rot-blaue Overalls, die an die Oompa Loompas erinnern. Als wir um die Ecke biegen, werden wir abrupt von der Realität eingeholt. An den Laderampen stehen Tanklaster, die Öl vor allem aus dem fernen Ghana anliefern.
Hinter den riesigen Rolltoren erstrecken sich makellose und hochindustrielle Produktionsanlagen, ein seltsamer Kontrast zu den groovenden Vibes im übrigen Unternehmen. Vor mir ragen riesige Edelstahltanks für die Hochdruckverseifung in die Höhe. In einer Halle stehen Duftstoffsilos, zehn Meter hoch und in allen Farben der Dr.-Bronner’s-Etiketten. Ein Kunststoffbehälter mit der Aufschrift »Citronensäure« (die als Konservierungsmittel beigemengt wird) ist größer als ich. Das Herzstück, der sogenannte Verseifungsreaktor, ist ein Sechstausend-Liter-Tank mit Deckel, der mit zwölf Bolzen und einem Schiffssteuerrad verschlossen wird. Der gigantische Kessel ist mit zwei weiteren genauso großen Kesseln verbunden, die heißes beziehungsweise kaltes Wasser enthalten. Über ein Notfallventil wird Druck an einen riesigen »Notfallauffangtank« abgeleitet. Die Temperaturen erreichen Tausende von Grad, offenbar herrscht erhebliche Explosionsgefahr. Ich klettere über ein Gerüst auf den Reaktor, und ein Techniker ermahnt mich lachend, nicht hineinzufallen. Vor meinem inneren Auge spielt sich eine furchtbare Todesszene ab.
Zusammensetzung und Wirkweise sind im Prinzip bei allen Seifen gleich. Abgesehen von Duftstoffen und Farben unterscheiden sich Seifen nur durch das verwendete Fett, dessen Eigenschaften davon abhängen, von welchen Pflanzen oder Tieren es stammt. Alle Fette bestehen aus Kohlenstoffmolekülketten. Doch während die gesättigten Fettsäuren vollständig mit Wasserstoff gesättigt sind, können die ungesättigten Fettsäuren noch Wasserstoff binden. Beide sind effektiv, und die meisten Seifen enthalten eine Mischung aus beiden. Seifen mit ungesättigten Fettsäuren reinigen im Allgemeinen besser, trocknen die Haut aber mehr aus. Seifen mit überwiegend gesättigten Fettsäuren schäumen meist besser.
Dr. Bronner’s wirbt damit, nur biologisch angebaute pflanzliche Öle zu verwenden. Alle Inhaltsstoffe, so steht es auf den Etiketten, stammen aus ethisch einwandfreien Lieferketten, sind fair gehandelt und enthalten keine gentechnisch veränderten Bestandteile. Bevor ich dieses Buch schrieb, hatte ich keine Ahnung, dass all das auch bei Seife eine Rolle spielen kann. Doch der Anbau von Palmöl, dem häufigsten Seifenfett, trägt erheblich zur Abholzung der Wälder in den äquatornahen Ländern bei. Umweltorganisationen wie Greenpeace weisen darum regelmäßig auf die Folgen der Verwendung von Palmöl in Konsumgütern hin. Amnesty International und andere Organisationen beschuldigen zudem Seifenhersteller, die Menschenrechte zu verletzen, etwa durch Kinderarbeit bei der Palmölbeschaffung. Amnesty hat Unilever, Colgate-Palmolive oder Procter and Gamble eindringlich aufgefordert, eine ethisch einwandfreie Palmölerzeugung sicherzustellen, und mahnt die Verbraucher*innen, nur Fair-Trade-Produkte zu kaufen. Manche Unternehmen haben mittlerweile Veränderungen angekündigt, die meisten Mainstream-Produkte werden den Anforderungen der NGOs aber nicht gerecht.
Für David Bronner hat das Thema höchste Priorität. Die zigtausend Liter Palmöl, die er jedes Jahr importiert, stammen von Fair-Trade-Plantagen, so behauptet er jedenfalls. Das Unternehmen investiert außerdem in nachhaltige Anbaumethoden, hauptsächlich in Ghana. Doch vom Ideal ist es noch weit entfernt. Das Fair-Trade-Palmöl wird von Ghana aus zur Raffinerie in Amsterdam geflogen, in Kalifornien zu Seife verarbeitet und dann in Plastikflaschen in alle Welt geliefert. Es gibt also, wie Michael Milam, Chief Operating Officer, sagt, einen »nicht zu übersehenden wunden Punkt« des Unternehmens: die CO2-Bilanz.
Beim Herstellungsprozess unterscheidet sich das Unternehmen nicht von anderen. Verseifung und Trocknung finden in einer riesigen Apparatur statt, dem Reaktor, und alles ist computergesteuert. Bei Dr. Bronner’s ist die gesamte Produktionsstraße auf einer schultafelgroßen LED-Anzeige zu sehen: ein Gitternetz mit Füllhöhe, Temperatur und Druck in jedem einzelnen Behälter. Als ich in den Reaktor spähe, sehe ich zylinderförmige Flaschen über ein Fließband schießen, vollautomatisch wird eine goldene Flüssigkeit eingefüllt, ein Verschluss aufgesetzt und ein Etikett aufgeklatscht. Die menschliche Arbeitskraft ist nur noch nötig, um beschädigte Flaschen auszusortieren und Staus zu beheben.
Die klassischen Seifenstücke machen einen deutlich kleineren Teil des Umsatzes von Dr. Bronner’s aus. Dazu wird auf der anderen Werksseite eine heiße, feste, schmierige Masse stranggepresst, in Stücke geschnitten und im »Finishing« mit Prägelogo versehen. Ich nehme ein heißes Stück aus der Maschine, es ist biegsam wie Gummi. Kleinere Firmen kaufen diese nudel- oder pelletförmigen »Rohlinge« häufig en gros ein und bestimmen nur noch Duftstoff, Farbe, Form und Verpackung. Die Gewinnmargen sind enorm.
Heute können sich Millionen Menschen den Luxus leisten, eine Seife zu kaufen, die garantiert nur ein bestimmtes Fett aus einer bestimmten Weltgegend verwendet. Dennoch denken wohl nur wenige über die Transportkosten oder die Herkunft der Inhaltsstoffe nach, obwohl diese beiden Faktoren Preis und Verfügbarkeit der Seife seit jeher bestimmten. Denn der Seifenboom des 19. Jahrhunderts wurde nicht nur durch medizinische und volksgesundheitliche Gebote befeuert, sondern auch von der Fleischverarbeitungsindustrie. Das Ehepaar Spitz lebt in Chicago, weil die Stadt das historische Zentrum des Seifenverkaufs war, »die Seifenhauptstadt der Welt«, wie sie sagen. Ich bin in der Region aufgewachsen, wusste aber nur, dass es an jeder Fabrik, an der wir vorbeikamen, so roch, als wenn einem ein Geist direkt in die Nase fliegt und an der Seele nagt.
Auf Chicagos Viehhöfen gab es im 19. Jahrhundert Unmengen überschüssigen Fetts, vieles davon musste weggeworfen werden. Das fiel jungen Menschen mit Unternehmergeist auf. Wo andere Berge verderbender Tierfette sahen, erblickten sie den amerikanischen Traum. Scharenweise kamen sie in die Stadt, um ins Seifengeschäft einzusteigen. So wie 1849 die Goldsucher nach Kalifornien gingen oder heute viele im Silicon Valley nach … was auch immer suchen.
Einer der ersten »Seifenleute« war William Wrigley Jr. Er kam 1891 nach Chicago, um dort die Seife zu verkaufen, die sein Vater in Philadelphia herstellte. Zur Verkaufsförderung verschenkte er zu jeder Seife Extras wie Backpulver oder Kaugummi. Letzteres war schließlich viel beliebter als die Seife. Um 1895 hatte sich Wrigley’s Markenzeichen von einem Mädchen mit Seifenstück in der Hand zu einer Illustration des Kaugummis »Juicy Fruit« gewandelt, auf der stand: »Manufacturers of Chewing Gum«. Ohne die Seife gäbe es weder das berühmte Wrigley-Gebäude noch das so lange verfluchte Baseballstadion Wrigley Field.
Was Seife anbelangt, war James Kirk erfolgreicher. In der Nähe der Mündung des Chicago River baute er eine fünfstöckige Fabrik mit hoch aufragenden Werbeplakaten für seine vier Seifen: Jap Rose, White Russian, Juvenile und American Family. Sie seien, erklärte Spitz, ein frühes Beispiel für die Zielgruppensegmentierung eines Produkts gewesen. Kirk verkaufte nicht nur eine, sondern vier Seifen, und jede bekam eine so eigenständige Vermarktung und Verpackung, als wäre sie für eine ganz spezielle Gruppe, für einen ganz speziellen Zweck. Der Chicagoer Seifenproduzent Nathaniel Kellogg Fairbank, der eine Fett- und Ölverarbeitungsanlage erworben hatte und Seife nur zur Abfallvermeidung herstellte, ging noch einen Schritt weiter und schuf nach dem Gießkannenprinzip Marken, die sich wie die blumigen Angebote eines Drogendealers anhören: Copco, Clarette, Chicago Family, Ivorette, Mascot, Santa Claus, Gold Dust, Fairy und Tom, Dick and Harry.
Diese Produktdifferenzierung war reines Marketing. Fairbank brachte Bilderbüchlein heraus, sogenannte »Fairy Tales« – Märchen -, mit Gedichten und harmlosen Wortspielen wie »People with common sense pay but five common cents for a soap with no common sents – that’s Fairy Soap« (Für Menschen mit gesundem Menschenverstand: nur fünf gewöhnliche Cents für eine Seife mit ungewöhnlichen Düften. Das ist Fairy Soap).
Pears gab das Magazin Pears’ Annual heraus, mit zeitgenössischer Literatur wie der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Das Unternehmen übernahm Druck und Vertrieb und streute hie und da Werbung für seine Seife ein. Beim Öffnen des Magazins fielen etwa postkartengroße Einleger heraus, ein frühes Beispiel für diese bis heute ärgerliche Werbemasche.
Schließlich verwischte sich bei den Botschaften der Unterschied zwischen Information und Werbung. So gab Procter and Gamble 1906 einen Ratgeber für Mütter heraus, How to Bring Up a Baby: A Hand Book for Mothers (Die richtige Säuglings- und Kinderpflege: Ein Handbuch für Mütter), der noch zwei Jahrzehnte später gefragt war. Neben den seriösen Ratschlägen einer Krankenschwester, die über Kinderpflege und -erziehung informierte, fanden sich Tipps zur richtigen Anwendung von Ivory Soap. Später wurde der »Sponsored Content« geradezu zum Kennzeichen der Seifenindustrie, die damit schon das heutige Monetarisierungsmodell von Influencer*innen und digitalen Medien vorwegnahm.
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