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Jacob Vis

Der Kopf von Ijsselmonde

Kriminalroman

Aus dem Niederländischen von

Stefanie Schäfer

Saga

Der Kopf von Ijsselmonde ÜbersetztStefanie Schäfer Original Het hoofdCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 2006, 2020 Jacob Vis und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726412420

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

1

Das Arbeitspferd ging rückwärts, bis es kurz vor dem gefällten Baum stand. Der Holzrücker befestigte die Kette um den Stamm, nahm die Zügel auf und schnalzte. Das Pferd trat gehorsam an und schleppte den Stamm aus dem Wald.

Der Forstarbeiter blieb am Waldrand stehen und kontrollierte den Abschnitt, in dem sie an diesem Tag gearbeitet hatten. Der letzte Baum lag zehn Meter vom Weg entfernt, kaum sichtbar unter einer Schicht von Zweigen verborgen. Das Rückepferd zögerte. Der Mann erhob die Stimme und behutsam schritt es in das Gestrüpp hinein. Plötzlich sank das Tier mit dem rechten Vorderbein weg. Es kämpfte um sein Gleichgewicht. Der Holzrücker ließ die Zügel fallen und hakte blitzschnell die Kette los. Die Zügel bekam er jedoch nicht mehr rechtzeitig wieder zu fassen. Die Stute quälte sich aus dem Loch heraus und trabte zu ihrem Hänger, der hundert Meter weiter auf dem Waldweg stand. Der Forstarbeiter rannte ihr schimpfend hinterher.

Keuchend stand die Stute neben dem Hänger. Über ihren rechten Vorderhuf zog sich ein Streifen Blut und oberhalb des Kötenhaars klebte eine gelbgraue Substanz. Der Holzrücker kniete sich hin, um die Wunde zu untersuchen. Doch er konnte keine Verletzung erkennen. Merkwürdig. Angeekelt betrachtete er die Masse, die zäh auf den Weg tropfte. Er stellte das Pferd in den Hänger, füllte das Heunetz und schloss die Klappe. Dann holte er einen Spaten aus dem Auto, ging zurück zu der Stelle, an der das Pferd eingesunken war, schob die Zweige beiseite und begann zu schaufeln. Er grub wie ein erfahrener Bauer: kein Spatenstich zu viel. Plötzlich unterbrach er seine Arbeit. Auf dem Boden des Lochs lag ein mit Sand beschmutzter Menschenkopf, die Schädeldecke vom Pferdehuf halb eingetreten. Einen Augenblick starrte der Holzrücker seinen Fund reglos an. Dann hob er den Kopf mit dem Spaten aus dem Loch und trug ihn zum Hänger.

Die Polizeibeamtin am Schalter musterte den Mann, der mit einem zugebundenen Müllsack die Wache betrat. Er trug eine Wollmütze und ein altmodisches Jackett über einem Arbeitsoverall. Er sah müde und mitgenommen aus: ein Mann am Ende eines harten Arbeitstages. Er blieb an der Tür stehen und blickte sich um.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie freundlich.

»Ich möchte mit dem obersten Chef sprechen«, sagte er.

»Commissaris Klein hat Urlaub«, antwortete sie, »und Inspecteur van Arkel ist in Zwolle. Er wollte aber heute Nachmittag nochmal reinkommen. Ist es dringend?«

»Ja«, sagte der Mann. Er wirkte angespannt, entschlossen und hilflos zugleich. Sie betrachtete ihn, wie sie es auf der Polizeischule gelernt hatte. Wenn er jetzt ginge, würde sie ihn später haargenau beschreiben können.

»Ich könnte Adjutant Vermeer Bescheid sagen.«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Ich will den obersten Chef sprechen.«

Er hielt den Sack fest umklammert, und dennoch hatte man den Eindruck, als könne er ihn jeden Moment von sich wegschleudern.

Sie zeigte auf den Sack. »Hat es etwas damit zu tun?«

»Ja.«

Die Polizistin war eine vernünftige junge Frau. Laut Vorschrift hätte sie die Sache genauer unter die Lupe nehmen müssen. Es hätte sich um einen Verrückten handeln können, der mit einer Bombe das Präsidium in die Luft jagen wollte. Aber der Mann sah nicht aus wie ein Verrückter. Er sah aus wie jemand, der mit etwas Grauenvollem konfrontiert worden war, und solche Menschen sollte man nicht mit Vorschriften belästigen.

»Wenn Sie mir nur schon mal Ihren Namen nennen würden«, bat sie.

»Jan Westerhof.«

Sie schrieb den Namen auf und notierte sich die Uhrzeit. »Ich rufe den Inspecteur im Auto an. Er wird inzwischen unterwegs sein. Aber es kann eine Weile dauern, bis er hier ist.«

»Ich warte solange.«

»Gut.« Sie zeigte auf die steinerne Wartebank. »Wenn Sie dort Platz nehmen möchten?«

»Ein Mann mit einem Sack?«, wiederholte Ben van Arkel. Die Stimme der Beamtin klang durch das Autotelefon leicht verzerrt. Er schaute hinüber zum Polizeipräsidium am anderen Ufer. »Sag Bescheid, dass ich gleich komme. Die Brücke wird gerade geöffnet.«

Das Mittelteil der eisernen Brücke ging in die Höhe. Von Norden näherte sich ein Lastkahn. Van Arkel stellte den Motor ab und betrachtete die Silhouette von Ijsselmonde: eine Reihe weißer, monumentaler Gebäude, begrenzt von zwei mittelalterlichen Toren. Auf der Südseite eine riesige Kirche. Von der Brüstung des Kirchturms aus blickte man auf die Dächer der alten Stadt: eine Mischung verschiedenster Baustile, vierzehntes bis zwanzigstes Jahrhundert. Der Gedanke, dass er in einem jener hübsch restaurierten alten Häuser an der Ijsselkade wohnte, versöhnte ihn einigermaßen mit den Zweifeln, die ihn hinsichtlich seines Berufs manchmal plagten.

Er fuhr auf die Brücke, hinter ihm eine Frau in einem Peugeot 205. Sie hatte ein hübsches Gesicht mit einer etwas zu forschen Nase. In dem Moment, als sie nach links in die Kade einbog, raste ein junger Mann in einem alten BMW über die rote Ampel auf der gegenüberliegenden Seite. Er sah die Frau im letzten Moment und reagierte mit einer Vollbremsung, sein Wagen geriet ins Schleudern und blieb quer auf der Kreuzung stehen. Ein Aufprall schien unvermeidlich, doch die Frau fuhr in einem unnachahmlich geschickten Manöver um den BMW herum. Van Arkel schaute ihr voller Bewunderung hinterher. Dann stieg er aus und verpasste dem Straßenrowdy einen Strafzettel.

Vor dem Präsidium stand ein VW-Bus mit Pferdeanhänger. Über der Klappe des Hängers hing ein Pferdeschweif. Van Arkel zupfte kurz daran und sprang erschrocken auf den Bürgersteig, als das Pferd dröhnend gegen die Wand des Hängers ausschlug.

Die Beamtin am Schalter wies mit einem Kopfnicken auf den Forstarbeiter.

»Das ist er.«

»Ich nehme ihn mit in mein Büro«, sagte van Arkel. »War sonst noch etwas?«

»Nein, Inspecteur.«

Van Arkel streckte dem Mann die Hand hin und sagte: »Ich bin Inspecteur van Arkel. Sie wollten mich sprechen?«

Der Forstarbeiter erwiderte schlaff seinen Händedruck. »Jan Westerhof, Holzrücker. Ich wollte den obersten Chef sprechen. Sind Sie das?«

»Im Augenblick ja«, antwortete van Arkel. »Der Commissaris ist in Urlaub. Er kommt am Montag zurück. Wenn Sie ihn sprechen wollen, müssen Sie nächste Woche wiederkommen.«

Westerhof zeigte auf den Sack. »So lange kann das nicht warten.«

»Gehen wir in mein Büro«, sagte van Arkel. »Möchten Sie eine Tasse Kaffee?«

»Gern. Bestellen Sie gleich einen Schnaps dazu.«

Van Arkel lächelte. »Ist es so schlimm?«

Westerhof nickte. Van Arkel schaute ihn forschend an. Westerhof wirkte unnatürlich ruhig, als habe er etwas Schockierendes zu verkünden.

Ein Mann im Arbeitskittel brachte ein Tablett mit Kaffee. Westerhof legte den Sack auf den Tisch und fing an, die Knoten aufzudröseln.

»Setzen Sie sich lieber hin, Inspecteur.«

»Ich sitze schon«, erwiderte van Arkel, erhob sich jedoch, als der Sack aufging. Auf dem Tisch stand der Kopf eines jungen Farbigen; das Plastik lag ihm wie eine Krause um den Hals. Die Schädeldecke war eingedrückt. In der linken Wange klaffte ein Loch. Das restliche Gesicht war unversehrt. Er konnte nicht länger als ein paar Tage tot sein. Van Arkel schaute Westerhof fassungslos an.

»Woher haben Sie das?«

»Aus dem Wald.«

»Sie haben ihn heute Nachmittag gefunden?«

»Ja. Ich bin danach sofort hergekommen.«

»Meneer Westerhof, wo im Wald haben Sie das da gefunden?«

»In Abschnitt 27, ein paar Meter neben dem Weg. Es war unser letzter Baum in diesem Abschnitt.«

»Ich möchte gern, dass ein paar Kollegen sich das ansehen«, sagte van Arkel und wählte eine Nummer. »Jaap? Würdest du bitte rüber in mein Büro kommen? Ja, jetzt sofort. Bring Mirjam und Haydar mit.« Er schaute Westerhof an. »Jetzt erzählen Sie uns doch mal die ganze Geschichte. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, können Sie ruhig schon damit anfangen.«

Westerhof nahm seine Mütze ab. »Das hätte ich beinahe vergessen ...« Er warf einen düsteren Blick auf den Kopf. »Meine Stute ist in ein Loch getreten. Als sie rauskam, war Blut an ihrem Huf. Sie hatte keine Verletzung, also musste es etwas anderes sein. Ich dachte an das, was wir Stinkgrube nennen, deshalb habe ich angefangen zu graben und ...«

»Was ist eine Stinkgrube?«

»Ein Loch mit Schlachtabfällen, um Füchse anzulocken.«

Van Arkel öffnete das Fenster. »Wie kamen Sie darauf, dort zu graben?«

»Es hätte ja auch was anderes sein können.«

»Wie man sieht. Bitte fahren Sie fort.«

»Unten in dem Loch fand ich den da und habe ihn mitgenommen.«

»Und Ihnen ist nicht in den Sinn gekommen, ihn dort zu lassen und uns anzurufen?«

»Nein. Wie Sie sehen, ist er schon angefressen.«

»Augenblick«, sagte van Arkel. Er ließ Mirjam van Roon, Jaap Vermeer und Haydar Seyat herein. »Das ist Meneer Westerhof. Er hat uns das da mitgebracht.«

Adjutant Vermeer schaute den Kopf an. Er war ein kräftiger Mann mit einem fleischigen Gesicht und Hornbrille. Er schüttelte Westerhof die Hand und fragte: »Wo haben Sie den gefunden, Westerhof?«

»Im Wald.«

»Mann, Mann, Mann ...« Vermeer zeigte auf die angefressene Wange. »Füchse?«

»Glaub schon«, sagte Westerhof. »Deshalb habe ich ihn lieber mitgenommen.«

»Gut gemacht«, sagte Vermeer.

»Wo ist der Rest?«, fragte Brigadier Mirjam van Roon, eine hübsche blonde Frau von zweiunddreißig Jahren, die als Einzige Uniform trug.

»Den müssen wir suchen«, sagte van Arkel. Mirjam warf ihrem Vorgesetzten einen Blick zu. Ohne seine Blumenkohlohren wäre er ein attraktiver Mann gewesen. So wie der Farbige, dessen Kopf auf dem Tisch lag. Das Gesicht des Toten war von so auffallender Schönheit, dass nicht einmal die Verstümmelung und der Gestank diesen Eindruck zunichte machen konnten.

»Hübscher Junge«, sagte sie.

»Kennt ihn jemand?«, fragte van Arkel.

Brigadier Haydar Seyat nickte. Eigentlich war er zu klein für einen Polizisten, drei Zentimeter unter der Mindestgröße, doch er war angenommen worden, weil die Justizbehörden einen höheren Ausländeranteil forderten. Jetzt, acht Jahre später, war Seyat Brigadier, eine ungewöhnlich steile Karriere für einen Kurden, der gegen einen Berg von Vorurteilen anzukämpfen hatte.

»Das ist Ronnie van Splunter aus der Nieuwstraat. Alias Ronnie Calypso.«

Vor zwei Jahren waren acht antillische Familien aus einer benachbarten Stadt in die Nieuwstraat gezogen. Man habe sie deportiert, behaupteten sie. Umgesiedelt im Rahmen der Verteilungspolitik, erwiderte die Stadtverwaltung. Uns aufgehalst, klagten die Anwohner der Nieuwstraat und legten massiven Protest ein, als die Antillianer bei ihnen ihre lautstarke Straßenkultur einführten, welche an ihrem früheren Wohnort zu einem Krieg mit den Nachbarn geführt hatte. Haydar Seyat saß als Vertreter der Polizei in der Begleitkommission, die nach zwei Jahren Arbeit einen halbwegs akzeptierten Status quo erreicht hatte. Die Antillianer blieben in der Nieuwstraat wohnen und feierten ihre Feste fortan im Haus.

»Können Sie uns zeigen, wo Sie ihn gefunden haben?«, fragte van Arkel.

»Jetzt noch?«, fragte Westerhof zurück. »Meine Frau wird sich schon wundern, wo ich bleibe.«

»Sie können sie doch anrufen.«

»Ich muss mein Pferd füttern. Und ich selbst muss auch was essen.«

»Wie wär’s, wenn er vorher erst mal nach Hause ginge?«, schlug Vermeer vor. »Er füttert sein Pferd, isst zu Abend und in einer Stunde holen wir ihn ab.«

»In einer Stunde ist es dunkel«, warf van Arkel ein.

»Es ist jetzt schon dunkel. Mit der eigentlichen Arbeit können wir sowieso erst morgen früh anfangen.«

»Gut«, sagte van Arkel. »Dann gehen Sie jetzt erst mal nach Hause und in einer Stunde kommen wir Sie abholen.«

Westerhof griff nach seiner Mütze, murmelte einen Gruß und machte sich eilends auf den Weg.

Vermeer zeigte auf den Kopf von Ronnie Calypso. »Und was machen wir mit dem da?«

»Erst mal fotografieren«, antwortete van Arkel. »Mirjam, bitte sag du rasch Bunschoten Bescheid.«

»Du könntest ihn wenigstens hier rausbringen«, sagte Seyat. »Dieser Gestank bleibt tagelang hängen.«

Van Arkel wartete, bis Mirjam den Hörer aufgelegt hatte.

»Wann kommt er?«

»In zehn Minuten.«

»Dieser Gestank!«, sagte Vermeer und öffnete die Tür. »Wie kommt es, dass er jetzt schon riecht? Der Mann kann nicht länger als ein paar Tage tot sein.«

»Er hat eine Weile unter der Erde gelegen«, gab van Arkel zu bedenken. »Mach die Tür zu, Jaap, es zieht.«

Vermeer schloss die Tür und fragte: »Wer, was, wie, wo?«

»Und warum?«, ergänzte Seyat.

»Gute Frage«, sagte van Arkel. »Ihr stellt immer gute Fragen. Jetzt brauchen wir nur noch die passenden Antworten.«

Mirjam schaute Vermeer an, der den Sack wieder zuband. »Rache«, sagte sie.

»Wie kommst du auf Rache?«, fragte Vermeer. »Du kennst ihn doch gar nicht.«

»Nein, aber wenn ein so gut aussehender Junge derart grausam ermordet und zur Schau gestellt wird ...« Sie zögerte einen Moment.

»Ist Rache ein logisches Motiv«, fuhr van Arkel fort. »Du sagtest ›zur Schau gestellt‹. Dabei lag er einen halben Meter unter der Erde!«

»Aber er wurde doch gefunden, oder?«

»Zufällig.«

»In der Tat, zufällig. Wie sollen wir vorgehen, Ben?«

»Wenn Bunschoten fertig ist, essen wir was und danach holen wir Westerhof ab.«

»Ich habe keinen Hunger«, erklärte Mirjam.

»Ich schon«, sagte Vermeer. »Und du kommst mit. Wird dir gut tun. Es kann spät werden heute Abend.«

»Müssen wir das Waldstück nicht absperren?«, fragte Seyat. »Der Rest der Leiche kann zwar irgendwo anders liegen, aber auch direkt daneben.«

»Haben wir eine Detailkarte vom Haafterveen?«, fragte van Arkel.

»Im Archiv«, antwortete Vermeer. »Willst du wirklich jetzt sofort dahin?«

»Ja«, sagte van Arkel. »Haydar kommt mit mir. Du gehst mit Mirjam etwas essen und anschließend holt ihr Meneer Westerhof ab.«

»Wollt ihr nichts essen?«

»Wir holen uns schon irgendwo ein Brötchen. Wenn Bunschoten fertig ist, legt ihr Ronnie in den Kühlschrank. Nehmt zehn Mann und einen Krankenwagen mit. Und fordert die Hundestaffel an.«

»Ben, die ganze Stadt schwärmt aus, wenn wir mit so einem Riesenaufgebot in den Wald einfallen.«

»Ihr müsst’s ja wissen, ihr seid die Einheimischen«, sagte van Arkel. »Na gut, dann eben kein Krankenwagen. Aber die zehn Mann und ein Hundeführer. Wenn die sich auf zwei Wagen verteilen und sich unauffällig verhalten, merkt kein Mensch was.«

»Hier bleibt nichts unbemerkt«, erwiderte Vermeer. »Hier braucht man nur an eine andere Frau zu denken und schon steht’s morgen in der Zeitung.« Er zeigte auf den Kopf. »Ob der Mörder den Rest mitgenommen hat? Als eine Art Gummipuppe?«

»Warum müsst ihr im Angesicht des Todes immer solche ekligen Witze machen?«, fragte Mirjam böse.

»Gockelgehabe«, meinte van Arkel.

Es klopfte. Seyat öffnete dem Fotografen die Tür. Bunschoten war ein magerer Mann mit einer beeindruckenden Fototasche. Er blickte mit unergründlichem Gesichtsausdruck Ronnies Kopf an und begann, eine Fotoserie zu schießen.

Andrea lag im Dunkeln und wartete. Sie kannte jedes Geräusch in dem alten Haus, doch das, worauf sie wartete, blieb aus. Sie hörte nur das Rascheln der Mäuse hinter den Holzlatten und das Knacken der Dachbalken im Spitzboden. Wohl bekannte, vertraute Geräusche.

Da war es! Die knarzende erste Stufe, gefolgt von der unverkennbaren Art, wie ER die Speichertreppe hinaufstieg.

Andrea faltete die Hände. Bitte mach, dass er fällt! Mach, dass er hintenüberkippt und sich auf der Treppe den Hals bricht. Du kannst das, lieber Gott! Wenn du willst, kannst du alles! Sie betete lautlos und lauschte zugleich den Schritten des Mannes, der den Eingang zum Speicher betrat. Ich schlafe! Lieber Gott, mach, dass er weggeht! Er darf nicht kommen, du siehst doch, dass ich schlafe!

»Andrea?«

Sie blieb mucksmäuschenstill liegen. Sie hatte gelernt, ihre Atmung so zu beherrschen, dass sie natürlich ruhig wirkte: ein schlafendes Kind, das kein Erwachsener wecken würde. Kein Erwachsener, außer ihm. Der Mann legte ihr die Hand auf die Schulter und schüttelte sie sanft.

»Andrea!«

Der Mann lächelte im Dunkeln. Ihr war kalt, doch sie tat überzeugend so, als erwache sie aus einem tiefen Schlaf. Kleine Andrea.

»Wir müssen noch beten.«

»Ja, Onkel.«

Noch lange nachdem er weggegangen war, blieb sie vor dem Bett hocken. Wenn sie still sitzen blieb, war das Brennen nicht ganz so schlimm, doch sobald sie sich bewegte, flammte der Schmerz auf. Ich will tot sein, dachte sie. Tot, tot, tot! All ihre Gedanken drehten sich um dieses eine Wort.

Sie stand auf. Jeder Schritt tat entsetzlich weh, doch sie hielt durch und wankte zur Tür. Einen Stock tiefer schnarchte ihr Onkel. Sie blieb an der Treppe stehen und schaute hinunter. Der Mond, der durch das Speicherfenster schien, erleuchtete den Treppenflur. Sechzehn Stufen weiter unten glänzte die Kupferrundung der Kanonenkugel, die ihr Onkel benutzte, um die Tür zur Speichertreppe offen zu halten. Der Geländerknauf, der genau in ihre Hand passte, vermittelte ihr ein merkwürdig vertrautes Gefühl.

Plötzlich fing sie unkontrollierbar an zu zittern. Die Schmerzen waren unerträglich. Ein paar Sekunden später hörte das Zittern genauso plötzlich wieder auf. Andrea holte tief Luft. Sie ließ das Geländer los und sprang.

2

Sechs Halogenlampen beleuchteten die Grube, in der Westerhof den Kopf gefunden hatte. Sie war rundum mit rotweißem Flatterband abgesperrt. Bunschoten hockte neben der Absperrung und erteilte einem Polizisten Anweisungen, der eine Lampe in das Loch richtete. Westerhof stand bei Jan van Dijk, dem Förster des Haafterveen. Van Arkel, Vermeer und Jules Berveas, der Staatsanwalt, sprachen mit einem Hundeführer, der einen Mecheler Schäferhund an der Leine hielt.

»Meinen Sie, dass es etwas nützt?«, fragte Berveas.

Der Hundeführer verzog skeptisch das Gesicht. »Für eine erfolgreiche Suchaktion braucht man Regen. Und Helligkeit. Eigentlich ist es schon zu dunkel. Aber wir werden es versuchen. Wenn Ihr Mann hier in der Nähe liegt, findet er ihn. Garantiert.«

»Gut«, sagte van Arkel. »Worauf warten Sie?«

»Dass Sie weggehen«, sagte der Beamte. »Sie stehen auf seiner Spur.«

Vermeer feixte. Van Arkel trat beiseite. Der Hund rannte los, an ihm vorbei. Er trabte einmal im Kreis um die Fundstelle herum und verschwand in der Dunkelheit.

»Es ist sinnlos«, bemerkte Vermeer. »Er sieht ja gar nichts.«

»Der Hund braucht nur seinen Geruchssinn«, erwiderte van Arkel.

»Aber sein Herrchen muss ihm hinterherrennen. Was hoffst du eigentlich zu finden?«

»Den Rest.«

»Schon klar. Aber dann? Jetzt um diese Zeit zerstört man eher Spuren, als dass man eine kopflose Leiche findet.«

»Warten wir erst einmal ab«, sagte Berveas. Er trug eine Wachsjacke und einen grünen Hut, durch den sein pausbäckiges Gesicht noch rundlicher wirkte.

Aus dem Wald ertönte ein Ruf. »Licht!«

Zwei Beamte richteten die Scheinwerfer auf die Stelle, an der der Hund grub. Die Erhebung erinnerte ein wenig an einen Grabhügel, vor allem im unwirklichen Schein der Lampen. Westerhof und van Dijk betrachteten mit skeptischen Blicken den eifrig wühlenden Hund.

»Was ist das für ein Hügel?«, fragte Berveas.

»Ein alter Fuchsbau«, antwortete van Dijk.

»Ohne Fuchs?«

»Den hat Meneer van Beuningen vor ein paar Wochen erschossen.«

»Könnten keine Jungen drin sein?«

»Nein, Meneer. Und was jetzt noch beim Muttertier hockt, geht ein, bevor der Winter kommt.«

Berveas beobachtete gespannt den Hund, der ein tiefes Loch in den Bau gegraben hatte. »Ich glaube, dass er etwas gefunden hat.«

Der Hund knurrte, als sein Herrchen ihn zurückzog. Zwei Beamte holten Schaufeln aus dem Auto und fingen ungeschickt an zu graben. Westerhof und van Dijk nahmen ihnen schweigend die Schaufeln aus den Händen. Westerhof schabte die Erde an der Seite der Grube weg und enthüllte den Ärmel von etwas, was wie ein karierter Mantel aussah. Aus dem Ärmel schauten zwei dünne Knochen hervor. Was dahinter lag, stank entsetzlich. Die beiden Männer gruben vorsichtig um die Leiche herum. Diese Leiche hatte einen Kopf: den halb verwesten Schädel einer Dänischen Dogge.

»Jesus!«, sagte van Arkel.

»Das ist nicht Jesus«, erwiderte van Dijk allen Ernstes. »Das ist Polly.«

»Wer zum Teufel ist Polly?«

»Die Dogge von Meneer van Beuningen. Hatte immer eine karierte Decke um. Vor zwei Wochen ist sie gestorben. Meneer hat sie selbst begraben, der Jagdaufseher war dabei. Ich wusste nicht, dass er sie in den alten Bau gelegt hat.«

»Schaufelt bitte dieses Loch zu«, sagte Berveas. »Inspecteur, ich glaube, wir sollten die Suche abbrechen.«

Vermeer versammelte die Kollegen um sich und sagte: »Für heute Abend hören wir auf. Ich brauche zwei Freiwillige, die über Nacht hier bleiben. Freizeitausgleich laut Nachttarif.«

»Können wir uns den Zuschlag nicht auszahlen lassen?«, fragte ein Kollege.

»Geht auch. Hundertfünfundzwanzig Prozent.«

»Davon bleibt mir nicht mal die Hälfte übrig«, beklagte sich der Beamte. »Ich bleibe gegen Freizeitausgleich.«

»Okay, Schilder bleibt hier. Wer sonst noch?«

»Ich«, sagte Mirjam.

Van Arkel und Vermeer schauten sich an.

»Wir brauchen dich bei der Besprechung«, sagte Vermeer.

»Ihr könnt mir ja morgen berichten«, sagte Mirjam. »Ich bleibe heute Nacht hier.« Sie lachte beim Anblick ihrer skeptischen Gesichter. »Roelof Schilder passt schon auf mich auf. Und ansonsten haben wir ja noch den Geist von van Beuningens Dogge.«

»Hast du deine Dienstwaffe dabei?«, fragte van Arkel.

»Natürlich.«

»Warm genug angezogen?«

»Mein Gott, ja. Ich weiß wirklich, was ich tue.«

»Sie ist ein großes Mädchen, Ben«, sagte Vermeer.

»Ronnie war ein großer Junge«, entgegnete van Arkel. »Polly war ein großer Hund. Gut, Brigadier van Roon bleibt auch hier. Ihr meldet euch um drei Uhr.«

»Machen wir«, sagte Mirjam. »Ist im Bus noch Kaffee?«

»Ich sorge dafür, dass ihr heute Abend noch etwas Warmes bekommt«, versprach van Arkel. Aus der Gruppe der Beamten ertönte unterdrücktes Gelächter. »Dafür sorgen die schon selbst«, sagte einer.

»Ja«, fügte ein anderer hinzu. »Für so einen Nachtdienst würde ich mir glatt Urlaub nehmen.«

»Morgen Nacht darfst du«, sagte Vermeer.

»Kleiner Scherz«, erwiderte der Kollege versöhnlich.

»Ist registriert«, sagte Vermeer. »Van Roon und Schilder heute Nacht. Morgen Nacht Koenders. Noch jemand, der morgen Nacht Urlaub will?« Niemand sagte etwas. »Pech, Koenders. Morgen stehst du alleine hier.«

»Ich sagte doch, dass es ein Scherz war«, wehrte sich Koenders.

»Brigadier van Roon mag keine Scherze im Angesicht des Todes«, sagte van Arkel. »Ich auch nicht. Gute Wache.«

Mirjam saß auf der vorderen Sitzbank des Busses und zündete sich eine Zigarette an. Schilder setzte sich neben sie. Mirjam hielt ihm das Päckchen hin. Schilder schüttelte den Kopf. »Danke. Ich habe aufgehört.«

»Vernünftig. Stört es dich, wenn ich rauche?«

»Nein.« Schilder schaute sie von der Seite an. »Warum wolltest du heute Nacht Dienst tun? Glaubst du, der Mörder kommt zurück?«

»Nein.«

»Warum denn dann?«

Mirjam antwortete nicht sofort. »Weil ich wissen will, wie es nachts im Wald ist«, sagte sie schließlich.

»Mein Opa hat die Bäume hier gepflanzt«, sagte Schilder.

»Dein Großvater?«, fragte Mirjam interessiert. »Erzähl.«

»Es war kurz nach dem Krieg«, sagte Schilder. »Er war arbeitslos und damals galt man als Versager, wenn man keine Arbeit hatte.«

»Heute auch.«

»Wenn ich ihm glauben soll, ist das heute ein Paradies verglichen mit damals. Man drückte ihm zusammen mit ein paar Hundert anderen eine Schaufel in die Hand. Erst Gräben ausheben, dann Bäume pflanzen: sechzig pro Stunde. Hinter den Pflanzern lief ein Aufseher her, der an den Bäumchen zog, und wenn sie sich bewegten, mussten sie die ganze Reihe nochmal machen.«

»Das waren noch Chefs.«

»Fand mein Opa auch. Eines Tages haben sie den Aufseher bis zum Hals ins Moor eingegraben und ihn den ganzen Tag stecken lassen.«

»Wie ist das ausgegangen?«

»Er ist abgehauen und nie wiedergekommen. Der Kerl, den sie danach kriegten, war noch schlimmer. Versteckte sich hinter einem Baum und guckte, ob die Leute auch arbeiteten.«

»Harte Zeiten«, sagte Mirjam. Sie drückte ihre Zigarette aus und verließ den Wagen. Sie kannte die Geschichte des Haafterveens, des Stadtwalds von Ijsselmonde. Der älteste Teil stammte aus den Zwanzigerjahren. Kurz nach dem Krieg war ein großes Waldstück hinzugekommen. Sämtliche arbeitslosen Männer in Ijsselmonde mussten im Winter 47 zum Arbeitseinsatz ins Haafterveen. Die vielen Monate, in denen sie unter erbärmlichen Bedingungen Bäume pflanzten, lösten bei den Zwangsarbeitern einen tiefen Hass gegen alles aus, was mit Innenpolitik zu tun hatte. 1948 stimmte halb Ijsselmonde für die Kommunisten, sodass sich zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte die vierundzwanzig Glaubensgemeinschaften zu einem Bund zusammenschlossen, um die verlorenen Schafe wieder in den Schoß der Kirche zurückzuholen. Später legte sich der Hass, doch die Aversion gegen das Haafterveen blieb. Förster Jan van Dijk stand wenig Geld zur Unterhaltung des Waldes zur Verfügung, doch die angenehme Kehrseite war, dass er sein Reich nur mit einigen wenigen Wanderern und Fahrradfahrern teilte und niemand sich in seine Angelegenheiten einmischte.

»Wie hieß der zweite Aufseher?«, fragte Mirjam.

»Kuik.«

»Lebt er noch?«

»Ja, er ist in einem Pflegeheim.«

In der Nähe schrie eine Eule. Mirjam schaute dem Schatten nach, der geräuschlos vorbeiflog. »Was war das?«

»Eine Eule«, antwortete Schilder erstaunt. »Du weiß doch, wie eine Eule aussieht?«

»Nicht nachts«, erwiderte Mirjam.

Schilder lächelte. »Nachts sieht alles anders aus«, gab er zu. Er betrachtete die reglosen Gestalten der Bäume. »Wie Riesen. Man kann sich vorstellen, dass die Leute sich früher im Wald gefürchtet haben. Vor allem nachts.«

»Ich bin froh, dass wir zu zweit sind«, sagte Mirjam.

»Ich auch«, sagte Schilder. »Glaubst du, er wurde hier ermordet?«

»Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Auch deshalb wollte ich die Nacht hier verbringen.«

»Versuchst du, dich in den Mörder hineinzuversetzen?«

»Bei Mord fragt man sich immer nach dem Motiv und manchmal funktioniert das besser am Tatort. Der Kopf dieses Jungen wurde vor zwei Nächten hier in diesem Loch vergraben. Dort, nur ein paar Meter von uns entfernt. Was ist da geschehen?«

»Bei Antillianern weiß man nie.«

»Was hat sein Tod damit zu tun, dass er Antillianer war?«

»Alles«, antwortete Schilder heftig. »Sie dealen, ihre Frauen prostituieren sich, ihre Kinder klauen, und wenn sich jemand beschwert, kriegt er ein paar aufs Maul.«

»Ijsselmonder Differenzierungen«, meinte Mirjam sarkastisch. »Das hätte ich nicht von dir gedacht, Roelof.«

»Es ist doch so«, sagte Schilder. »Meine Eltern leben in der Nieuwstraat, und jedes Mal wenn ich sie besuche, bin ich froh, dass ich nicht mehr dort wohne.«

»Wohnen deine Eltern auch nicht mehr gern dort?«

»Sie haben ihr Häuschen vor zehn Jahren gekauft. Was sollen sie machen? Wegen dieser Schwarzen in der Straße werden sie es nie wieder los. Meine Mutter will auch gar nicht mehr weg. Sie hat ihr ganzes Leben dort verbracht.«

»Ein Grund mehr, umzuziehen«, entgegnete Mirjam. »So schlimm kann es doch nicht sein. Der Streit zwischen den Antillianern und der Nachbarschaft wurde doch beigelegt?«

»Vergiss es! Der schlimmste Krach ist vorbei, aber ansonsten läuft alles weiter wie gewohnt.«

»Die Nachbarn wollen sie also loswerden.«

»Ja.«

»Und Ronnie van Splunter? Was war das für ein Typ?«

»Weiß ich nicht«, antwortete Schilder widerstrebend. »Ich kannte ihn nicht. Wir kennen im Grunde keinen von denen so richtig. Die bleiben lieber unter sich.«

»Wir werden sie auf seinen Tod reagieren, was meinst du?«

»Mit einem verdammten Aufstand«, antwortete Schilder grimmig.

»Wie, glaubst du, fühlen sich seine Eltern?«

»Das hat hiermit doch einen Dreck zu tun, Brigadier! Natürlich ist es schlimm für die Eltern! Stell dir mal vor, dein Sohn würde so gefunden. Aber trotzdem heißt das nicht, dass ...«

»Ja?«

Schilder zögerte. »Dass es nicht einen verdammt guten Grund dafür gegeben haben muss, dem Kerl den Kopf abzuhacken.«

»Streit wegen eines missglückten Deals? Oder Streit, weil die Musik zu laut war?«

Schilder schaute sie perplex an. »Du glaubst doch wohl nicht, dass einer von den Nachbarn es getan hat!«

»Wenn ich dich so höre, gibt es Motive genug.«

»Lächerlich! Du wirst doch nicht etwa mit diesem Unsinn zum Inspecteur rennen?«

»Weiß ich noch nicht.«

Schilder sah ihre Zähne im Mondlicht glänzen. Lachte sie ihn jetzt etwa aus?

»Die Leute hier tun so etwas nicht. Streitigkeiten unter Nachbarn, ja. Hin und wieder eine Kneipenschlägerei. Aber Mord?« Schilder schüttelte den Kopf. »Niemals!«

»In Ijsselmonde hat es noch nie einen Mord gegeben?«

»Doch, schon. Aber keinen von diesen komplizierten.«

»Keine abgetrennten Köpfe und so?«

»Nein. Weißt du, woran das liegt? Wir sind zu dumm dazu.«

Mirjam lachte. »Das nenne ich ein wissenschaftliches Argument.«

Am Ende des Weges tauchte ein Auto auf. Mirjam und Schilder liefen zum Waldrand und zogen ihre Pistolen. Das Auto hielt neben dem Bus an. Van Arkel stieg aus, eine Thermoskanne und drei Plastikbecher in den Händen.

»Sie hätten uns vorher Bescheid sagen können«, meinte Schilder.

»Hätte ich«, antwortete van Arkel. »Hab ich aber nicht. Tut mir Leid. Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?«

»Eine Eule«, sagte Mirjam. »Und ein Vorgesetzter, der Kaffee vorbeibringt.«

Van Arkel lachte. »Zum Nachtdienst gehört Kaffee. Halt mal. Die Zuckertütchen sind in meiner Jackentasche.«

Mirjam wärmte ihre Hände an dem Becher. »Warst du bei der Familie?«

»Ja. Ein Drama«, sagte van Arkel. Er hatte mit allem gerechnet im Hause van Splunter: Hass, Wut und lautstarke Kundgebungen der Trauer, doch die beherrschte, würdevolle Reaktion von Ronnies Mutter hatte ihn überrascht. Als habe sie den Tod erwartet.

»Es ist auch ein Drama«, sagte Mirjam. »Für uns ist es ein Fall, aber für die Eltern ... Stell dir vor, du müsstest den Kopf deines Sohnes identifizieren!«

Die Eule schwebte über den Waldrand hinweg. Mirjam griff van Arkel am Arm.

»Da ist sie wieder!«

Van Arkel richtete den Blick auf den lautlosen Schatten. »Ich wusste gar nicht, dass die Viecher so leise fliegen können.«

Mirjam schaute der Eule nach, die im Wipfel einer Rottanne verschwand. Sie füllte die Becher nach und fragte: »Habt ihr schon beschlossen, wie es weitergeht?«

»Du, Haydar und ich führen die Ermittlungen durch. Vermeer hält im Büro die Stellung. Der Staatsanwalt lässt uns freie Hand.«

»Willst du keine Sonderkommission einrichten?«

»Vorläufig nicht. Wir werden von einem Experten vom Zentralen Geheimdienst der Kriminalpolizei, dem CRI, unterstützt.«

»Sind keine Ordnungspolizisten dabei?«, fragte Schilder.

»Doch, natürlich. Morgen früh um sechs werdet ihr abgelöst.«

Schilder spielte mit seinem leeren Becher. »Kann ich nicht mitmachen, Inspecteur?«

»Warum möchtest du das?«

Schilder steckte den Becher in die Tasche seiner Uniformjacke. »Scheint mir interessant«, erklärte er ungeschickt.

»Ein Mordfall bedeutet knallharte Arbeit, wenn nötig sieben Tage die Woche. Bist du dazu bereit?«

»Ja.«

Van Arkel schaute ihn forschend an. »Ich bespreche das morgen mit Vermeer. Wenn er dich im normalen Dienst entbehren kann, bist du dabei. Vorausgesetzt, die anderen Teammitglieder sind damit einverstanden.«

Schilder schaute Mirjam an. »Brigadier?«

»Wie könnte ich jemanden ablehnen, mit dem ich Nachtdienst schiebe?«, antwortete Mirjam. »Weißt du, was das Gute daran ist, wenn du demnächst auch Brigadier bist?«

»Ja?« Schilder sah ihre Augen im Mondlicht funkeln und fragte sich, ob sie einen Freund hatte. Dumm, dass er das nicht wusste.

»Dann brauchst du nicht mehr zu fragen, ob du mitmachen kannst«, sagte sie. »Dann wirst du einfach eingeteilt.«

Schilder sah, wie sie ihren Vorgesetzten anschaute, und auf einmal begriff er. Mirjam war in van Arkel verliebt.

»Deine Eltern wohnen doch in der Nieuwstraat«, sagte van Arkel. »Kennst du die Gegend?«

»Früher schon«, antwortete Schilder. »Jetzt schaue ich nur noch ein paarmal die Woche vorbei.«

»Haben deine Eltern Kontakt zu ihren antillischen Nachbarn?«

»Kaum.«

»Andere Nachbarn?«

»Auch nicht.«

»Die Antillianer leben also wirklich ganz für sich.«

»Inzwischen schon«, sagte Schilder. »Früher herrschte Kriegszustand.«

»Wegen des Krachs?«

»Ja ...« Schilder zögerte.

»Weshalb sonst noch?«

»Ihre Arroganz. Sie benehmen sich, als wären sie das auserwählte Volk.«

»Auserwählte Völker nehmen ein schlimmes Ende«, sagte Mirjam.

Van Arkel schaute sie an. Der Tod des Jungen ging ihr nahe. Sie hielt eine Art Totenwache ab. Prima. Abstand war gut, Betroffenheit besser. Es erweckte den Toten nicht wieder zum Leben, führte einen aber manchmal zu dem Mörder.

Andrea hatte einen Schädelbasisbruch und einen Schock, als sie eine Stunde nach ihrem Selbstmordversuch in die Poliklinik eingeliefert wurde, jedoch kein Gehirntrauma, wie der Dienst habende Internist befürchtet hatte, als er sie wie ein Häufchen Elend auf der Krankenbahre liegen sah.

»Was ist passiert?«, fragte er den Mann, der hinter der Bahre herging.

»Sie ist die Treppe runtergefallen.«

»Einfach so?«

»Sie musste aufs Klo und ist im Dunkeln gestolpert.«

»Sind Sie der Vater?«

»Ihr Vormund.«

»Hat sie keine Eltern?«

»Nein«, sagte der Mann. »Ihre Eltern sind tot.«

»Sind Sie ihr einziger Erziehungsberechtigter?«

Der Mann nickte. »Meine Frau ist vor drei Jahren gestorben.«

»Hat sie Angst im Dunkeln?«, fragte der Internist.

»Davon habe ich nie etwas gemerkt.«

»Bis jetzt«, sagte der Internist und schaute dem Mann geradeheraus ins Gesicht.

»Stimmt.«

»Bleiben Sie hier?«

»Nein. Ihr jüngerer Bruder wartet zu Hause.«

Der Internist untersuchte Andrea noch sorgfältiger als seine übrigen Patienten. Kinder fallen nicht einfach so von der Treppe, gewiss nicht mitten in der Nacht. Er entdeckte Sperma in ihrem After. Am nächsten Morgen sprach er mit ihrem Hausarzt, der keinen Verdacht auf Missbrauch hegte, jedoch zugab, dass der Onkel ein merkwürdiger Sonderling war: im Grunde nicht der ideale Vormund für zwei Waisenkinder. Das fand auch das Jugendamt, aber Bertus Kuik war der einzige direkte Verwandte, der sich bereit erklärt hatte, die Kinder nach dem Tod ihrer Eltern aufzunehmen.

Der Internist besprach die Sache mit Commissaris Klein, der gerade erst seinen Dienst in Ijsselmonde angetreten hatte. Klein beschloss, die Ermittlungen persönlich durchzuführen. Er redete mit dem Onkel und dem Mädchen, doch Kuik leugnete alles und Andrea schwieg, als habe sie plötzlich die Sprache verloren.

Der Internist behielt sie zwei Wochen länger im Krankenhaus als unbedingt nötig. Sie sprach wieder, lachte sogar und überraschte ihn mit ihrer Intelligenz und ihrem Durchsetzungsvermögen. Er ließ sie Kraftübungen durchführen. Andrea trainierte wie besessen.

Schließlich kehrte sie nach Hause zurück. Es ließ sich nicht vermeiden, solange der Täter nicht gestand und das Opfer schwieg. Aber so leicht würde es nicht noch einmal geschehen, dachte der Internist, als Andrea ihn zum Abschied umarmte. Sie war muskulös wie eine Athletin und in ihren Augen lag ein Blick, wie er ihn noch nie bei einem Kind gesehen hatte: Hass und unverhohlene Rachsucht.

3

Van Arkel betrachtete das Foto von Ronnie Calypsos unversehrter rechter Gesichtshälfte. Von dieser Seite aus wirkte der Tote genauso friedlich wie die dänische Moorleiche, die er letztes Jahr gesehen hatte. Er war beeindruckt gewesen von dem Frieden auf dem zwanzig Jahrhunderte alten Gesicht. Obwohl der Mann aus Tollund gewusst haben musste, was ihn erwartete. Hatte Ronnie van Splunter es auch gewusst? Van Arkel blickte Seyat an, der ihm am Schreibtisch gegenübersaß, und fragte: »Kanntest du ihn?«

»Ich habe mich gelegentlich mit ihm unterhalten. Ich weiß, wie und wo er wohnte.«

»Allein?«

»Nein, mit seiner Mutter und seiner Schwester zusammen.«

»Kennst du die auch?«

Seyat starrte das Foto lange an. »Ich kenne seine Schwester«, sagte er schließlich.

Sie schauten sich an und wandten gleichzeitig den Blick ab.

»Es ist vorbei«, sagte Seyat.

»Bist du mit ihr ins Bett gegangen?«

Seyat seufzte. »Man könnte eher sagen, dass sie mit mir ins Bett gegangen ist.«

»Während der Dienstzeit?«

»Ja.«

»Wie dumm, Brigadier. Strohdumm. Ich hoffe, sie schmeißt nicht mit Steinen auf dein Glashaus.«

Seyat warf das Foto auf den Tisch. »Ich habe keine Lust, mich zu rechtfertigen, Ben. Es ist nun mal passiert, vor einem Jahr. Ich hatte gerade die Scheidung hinter mir ...«

»Und?«

»Ich bin ihr jeden Tag begegnet. Jeden Tag, an dem ich in deinem Auftrag die Gruppe Antillianer im Auge behalten musste, hoppelte sie mit ihrem Hintern vor mir herum.«

»Wackelte.«

»Wackelte.«

»Und du hast dich einwickeln lassen.«

Seyat schwieg. Van Arkel rieb sich über das Kinn. »Was weißt du sonst noch von ihm, außer dass er eine schöne Schwester hat?«

»Er hat in Autowerkstätten gejobbt. Wenn er Geld hatte, ging er zu den Rennen in Zandvoort.«

»Was hatte er dann verdammt nochmal in diesem Wald zu suchen?« Van Arkel tippte auf das Foto und schaute Ronnie streng an. »Was hast du da im Wald getrieben, Freundchen?«

»Ronnie ließ sich den Kopf abhacken«, sagte Seyat laut. »Professionell, mit einem rasiermesserscharfen Gegenstand, einem Schwert, einem Beil, jedenfalls mit einem Schlag. Tschack!«

»Wie geht das denn, jemandem mit einem Schlag den Kopf abzuhacken? Wie man sieht, war Ronnie ein kräftiger Kerl. Ein Auftragsmörder? Ein Henker? Ein Schweineschlächter?«

»Was hältst du von einem Waldarbeiter?«

»Waldarbeiter arbeiten mit Motorsägen.«

»Wenn man jemanden nachts still und klammheimlich enthaupten will, ist eine Motorsäge so ziemlich die ungünstigste Waffe«, entgegnete Seyat.

»Die können auch gut mit Äxten umgehen.«

Auf dem Flur hörte man das Klappern des Kaffeewagens. Van Arkel wartete, bis der Mann im Arbeitskittel schweigend wie immer den Kaffee hingestellt hatte.

»Was fällt dir zu dem Motiv ein?«

Seyat holte einen Zettel aus der Tasche und legte ihn ohne ein Wort zu sagen auf den Tisch. Van Arkel betrachtete das Stück Papier, das auf beiden Seiten mit Seyats kleiner, regelmäßiger Schrift beschrieben war. »Konntest du nicht schlafen?«, fragte er lächelnd.

»Nein.«

Van Arkel las die Aufzeichnungen und gab ihm das Blatt zurück. »Was steht hier drin, was wir heute Nacht nicht besprochen haben?«

»Leidenschaft.«

»Ein Lustmord?«

»Leidenschaft«, wiederholte Seyat. »Im wahrsten Sinne des Wortes. Jemand war verrückt nach ihm, Ronnie hat diese Person betrogen und sie hackt ihm den Kopf ab.«

»Das ist ein klassisches Mordmotiv«, gab van Arkel zu. »Aber ich frage mich die ganze Zeit, warum der Täter den Kopf im Wald versteckt hat. Hat er gehofft, die Füchse würden ihn fressen? Oder hoffte er, dass er gefunden würde?«

»Von uns?«

»Das frage ich mich eben.«

»Guten Morgen«, grüßte Mirjam. »Gibt’s Kaffee?«

»Die zweite Runde«, sagte van Arkel. »Jansen war gerade hier.«

»Schade«, sagte sie. »Darf ich deine Theorie auch mal hören, Ben?«

»Ich grüble über den Kopf im Wald nach. Stellen wir uns mal vor, Ronnie musste dort einen Auftrag ausführen. Etwas abholen oder wegbringen. Und stellen wir uns dann mal vor, dass derjenige, für den die Nachricht bestimmt war, nicht zufrieden mit ihm war.«

»Es ist lange her, dass Überbringer schlechter Nachrichten ihr Leben lassen mussten.«

»Manche Menschen leben in der Vergangenheit.«

»Hältst du das wirklich für eine sinnvolle Ausgangstheorie?«

Van Arkel lachte. »Na gut, dann eben nicht.«

Das Telefon klingelte. Van Arkel nahm ab.

»Die Hundestaffel ist eingetroffen, Inspecteur«, meldete der Telefonist.

»Wir kommen«, sagte van Arkel. »Bitte Jansen, den Jungs eine Tasse Kaffee zu geben.« Er stand auf. »Die Hunde sind da.«

»Gehen wir alle drei in den Wald?«, fragte Seyat.

»Alle vier«, erwiderte van Arkel. »Schilder kommt auch mit. Während die Hunde den Wald durchsuchen, nutzen wir die Zeit, einen Plan auszuarbeiten.«

Auf dem Waldweg standen fünf dunkelhäutige Männer mit Wollmützen, die Hände tief in die Jackentaschen vergraben. Zwei nervöse, mit Karabinern bewaffnete Polizisten bewachten die Stelle, an der Ronnies Kopf gefunden worden war. Van Arkel grüßte die Antillianer, die schweigend nickten, und ging zu den Beamten hinüber.

»Morgen Bakker, morgen Spruit. War noch irgendwas Besonderes?«

»Morgen, Inspecteur«, sagte Spruit, ein magerer Mann mit fliehendem Kinn. »Keine besonderen Vorkommnisse, nur die Leute auf dem Weg gefallen mir nicht.«

»Was machen die denn?«

»Nichts. Das ist es ja gerade. Sie stehen nur so herum.«

»Wann sind sie gekommen?«

»Um halb sieben. Wir hatten Schilder und Brigadier van Roon gerade abgelöst. He, die sind auch hier?«, sagte Spruit überrascht.

»Schilder will zur Kripo«, erklärte Bakker.

»Na, von mir aus«, sagte Spruit. »Sollen wir hier bleiben, Inspecteur?«

Van Arkel nickte und ging zum Waldweg hinüber.

»Du mich auch«, sagte Spruit leise.

Bakker feixte. »Nur noch eine Stunde, Henk. Wenn die Hunde fertig sind, hauen die Affen da auch ab.«

Van Arkel drehte sich um. »Noch so eine Bemerkung, und ich stelle denjenigen hier vierundzwanzig Stunden lang hin.«

Spruit schwieg. Bakker richtete den Blick zu Boden. Van Arkel drehte sich um. Spruit machte hinter seinem Rücken eine obszöne Geste.

»Welches Gebiet sollen wir absuchen?«, fragte Groot, der Commandant der Hundestaffel. Van Arkel fand, dass er seinem Hund ähnelte: dieselbe spitze Schnauze und dieselben glühenden Augen. Jäger. Sie freuten sich sichtlich auf ihre Aufgabe. Er breitete eine Karte auf dem Weg aus. »Diesen Teil des Waldes auf jeden Fall. Zwischen dem Entwässerungsgraben und dem breiten Waldweg.«

»Haben wir jemanden, der sich hier im Wald auskennt?«

»Der Förster kommt um halb neun«, sagte Schilder.

»Auf den warten wir nicht«, sagte van Arkel. »Wir fangen an dieser Stelle auf dem Weg an. Weißt du, ob hier in letzter Zeit gejagt wurde?«

. »Zufällig ja«, antwortete Schilder. »Einer meiner Onkel geht immer mit.«

»Treibjagd oder Pirsch?«

»Treibjagd. Die Jäger sind alt und reich. Die laufen nicht mehr groß herum. Sie stehen auf dem Weg und schießen auf alles, was die Treiber aus dem Wald scheuchen.«

»Hab gar nicht gewusst, dass du einen reichen, alten Onkel hast«, bemerkte Mirjam.

»Mein Onkel gehört zu den Treibern.«

»Gibt es hier überhaupt noch Wild?«

»Letzten Monat wurden Fasane ausgesetzt. Wild lebende Tiere gibt es nicht mehr viel. Kaninchen, manchmal ein Hase. Die Waldschnepfen vermehren sich.«

»Braucht ihr keine Geruchsprobe von dem Opfer?«, fragte Mirjam.

»Geruchsproben braucht man nur für die Suche nach Lebenden«, erklärte Groot. »Jagdhunde suchen nach der Witterung von lebendem Wild, genau wie früher die Bluthunde bei der Sklavenhatz. Leichen dagegen riechen alle gleich.«

Mirjam erschauerte. »Wie morbide.«

Groot zuckte mit den Schultern. Er erteilte seinen Leuten einen Befehl und die Staffel fächerte sich in vier verschiedene Richtungen auf. Van Arkel ignorierte Spruit und Bakker, die starr vor sich schauten, und ging zu den Antillianern hinüber.

»Sind unter Ihnen Verwandte des Opfers?«

Ein älterer Mann trat vor. Er trug eine Mütze mit orangefarbener Bommel. »Jacob van Splunter«, stellte er sich vor. »Ich bin Ronnies Onkel.«

Van Arkel schüttelte ihm die Hand. »Ben van Arkel. Herzliches Beileid.«

»Vielen Dank.«

»Sie waren heute schon am frühen Morgen hier, habe ich gehört.«

Van Splunter blickte mit verschlossener Miene zu den beiden Polizisten bei der Absperrung hinüber. »Sie wollten uns nicht hinlassen.«

»Jeder unnötige Fußabdruck behindert die Ermittlungen.«

»Verstehe ich«, sagte van Splunter. »Aber Sie werden hoffentlich auch verstehen, dass wir Ronnies Grab sehen wollen.«

Van Arkel nickte. »Natürlich.«

»Wonach suchen die Hunde?«

»Nach seinem Körper.« Van Arkel fragte sich, was in van Splunter vorging. Vier Hunde, die nach der Leiche seines Neffen suchten.

»Wie geht es Ihrer Schwägerin?«, fragte er.

»Schlecht.«

»Sie hat heute Nacht sehr gefasst reagiert. Ich ...«

»Sie hatten das nicht erwartet.«

Van Arkel zögerte. »Um ehrlich zu sein ... nein.«

»Haben wir einen so schlechten Ruf in der Stadt?«

»Sie wissen, dass es Probleme gegeben hat.«

»Früher ja. Jetzt nicht mehr.« Van Splunter zeigte auf Schilder, der mit dem Hundeführer in den Wald hineinging. »Seine Mutter hat heute Morgen gleich meine Schwägerin besucht. Das hätte sie nicht getan, wenn sie kein gutes Verhältnis zueinander hätten.«

Van Arkel fasste ihn am Arm und ging mit ihm ein Stück den Waldweg entlang. »Haben Sie irgendeine Idee, was passiert sein könnte?«

»Nein.«

»Erzählen Sie mir ein bisschen über Ronnie.«

Van Splunter hockte sich an einen Baum am Wegesrand und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Stamm. Van Arkel setzte sich neben ihn und breitete einen Zipfel seines Regenmantels aus. »Möchten Sie sich draufsetzen?«

»Gern.« Van Splunter setzte sich auf den Mantel. Er zog die Beine an und schlang die Arme um die Knie. »Kalt ist es.«

»Warum wurde er Ronnie Calypso genannt?«

»Er konnte gut tanzen.«

»Ach ja, natürlich. Lebte er schon lange in den Niederlanden?«

»Er wurde hier geboren.«

»Wo ist sein Vater?«

»Sein Vater ist tot. Mein jüngster Bruder. 1985 ist er gestorben.«

»Wie alt war er?«

»Fünfundvierzig.«

»Ist er ganz plötzlich gestorben?«

»Herzinfarkt.«

»Hat Ronnie für den Lebensunterhalt der Familie gesorgt?«

»Nein. Meine Schwägerin bezieht eine Rente. Ronnie hat aber manchmal in einer Autowerkstatt ausgeholfen.«

»Was hat er da gemacht?«

»Alles. Autos gewaschen ... geschraubt ... Ronnie war ein Autonarr.«

»Aber er fand keine feste Anstellung.«

»Nein.«

Der Chef der Hundestaffel und Schilder kamen auf sie zu. Van Splunter unternahm einen mühsamen Versuch, aufzustehen. Schilder zog ihn hoch und klopfte ihm die Rindenstücke vom Rücken. Van Arkel ergriff van Splunters Hand und stand gelenkig auf.

»Hier liegt er nicht«, sagte Schilder.

»Habt ihr das gesamte Gebiet abgesucht?«

»Ja.«

»Ist der Förster schon da?«

»Er wartet beim Bus«, antwortete Schilder.

»Geht ihr schon mal rüber«, sagte van Arkel. »Ich komme gleich nach.«

Jacob van Splunter starrte in die Ferne. Das Gespräch ging vollkommen an ihm vorbei.

Van Arkel berührte ihn sanft am Arm.

»Meneer van Splunter. Kommen Sie mit?«

Van Splunter nickte. Er sah auf einmal alt und müde aus.

»Wann geben Sie Ronnie frei, Inspecteur?«

»Vielleicht schon heute Nachmittag nach der Autopsie. Aber wie, äh ...«

»Wie wir ihn ohne Körper begraben wollen, meinen Sie.«

»Ja. Vielleicht können wir ihn für Sie aufbewahren.«

»Es kann Jahre dauern, bis Sie seinen Leichnam finden. Womöglich finden Sie ihn nie. Wollen Sie seinen armen Kopf die ganze Zeit im Kühlschrank liegen lassen?«

»Wenn nötig, tun wir das.«

»Ronnie hasste die Kälte. In dieser Hinsicht war er ein waschechter Antillianer. Er liebte die Sonne.«

»Wie wollen Sie ihn ... konservieren?«, fragte van Arkel.

»Wir haben so unsere Methoden«, antwortete van Splunter ausweichend.

Van Arkel hakte nicht weiter nach. »Sobald ich die Zustimmung der Staatsanwaltschaft erhalten habe, gebe ich ihn frei«, versprach er.

Die Antillianer gingen zu ihrem Auto. Van Arkel und Mirjam schauten ihnen nach.

»Warum waren die anderen Männer so schweigsam?«, fragte Mirjam.

»Antillische Sitte. Ein Mann redet, die anderen halten den Mund.«

»Bakker und Spruit fanden sie unheimlich.«

»Bakker und Spruit sind Esel in Uniform«, sagte van Arkel. Er ging zu dem Förster hinüber, der an sein Auto gelehnt auf ihn wartete, und reichte ihm die Hand. »Wir benötigen Ihre Hilfe, Meneer van Dijk. Könnten Sie sich heute und morgen zu unserer Verfügung halten?«

»Ich kann mir meine Zeit einteilen, wie ich will«, antwortete van Dijk.

»Sie haben einen Traumberuf«, sagte van Arkel. »Wissen Sie, vor welchem Problem wir stehen?«

Van Dijk nickte. »Sie haben einen Kopf ohne Körper.«

»Stimmt. Und ich habe zwei Fragen.«

»Wer hat es getan und wo ist die Leiche.«

»Genau.«

»Frage eins ist Ihr Problem. Bei Nummer zwei kann ich helfen.« Van Dijk warf einen Blick auf die Karte. »Welchen Teil des Waldes haben Sie bereits abgesucht?«

Der Hundeführer zeigte es ihm. »Dieses Stück. Wie groß ist der Wald?«

»Vierhundertvierundachtzig Hektar.«

»Dann haben wir die nächsten zwei Tage noch eine Menge zu tun.«

»Könnt ihr nicht den Samstag durcharbeiten?«, fragte van Arkel.

»Können wir schon«, antwortete de Boer. »Aber ich frage mich, ob das nötig ist. Wenn wir ihn mithilfe von jemandem, der sich im Wald auskennt, nicht innerhalb von zwei Tagen finden, können Sie davon ausgehen, dass er hier nicht liegt.«

»Was machen wir in der Zwischenzeit?«, fragte Mirjam.

»Wir beschäftigen uns mit Frage Nummer eins«, antwortete van Arkel. Irgendeine innere Stimme sagte ihm, dass die Suche im Wald sinnlos war. Der Körper lag woanders. Es war ein völlig irrationales Gefühl, die Intuition, die er schon verloren geglaubt hatte und die plötzlich zurückgekehrt war, als Ronnies Kopf auf seinem Schreibtisch lag. Ich muss mit ihm reden, dachte er.

»Komm, wir fahren zurück«, schlug er vor. »Ich möchte mit Ronnie reden.«

Mirjam warf ihm einen erstaunten Blick zu. Sie wollte etwas sagen, schluckte es aber hinunter und ging zum Auto. Ein Mordfall, in dem der Fahnder übernatürliche Methoden anwandte, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Hochinteressant. Und nutzlos. Wenn es etwas brachte, wäre es nicht zu beweisen. Um nicht zu sagen lächerlich.

Ein Jahr nach Andreas Entlassung aus dem Krankenhaus hörte eine Nachbarin spät am Abend in dem Haus, in dem Andrea, ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Klaasje und ihr Onkel Bertus wohnten, jemanden schreien. Der Schrei drang gedämpft durch die dicken Mauern des alten Hauses. Er ähnelte dem Kreischen eines Tieres in Todesangst, aber es war eine menschliche Stimme, die Stimme eines Kindes.

Das Geräusch brach plötzlich ab. Die Nachbarin weckte ihren Mann. Zusammen horchten sie eine Weile, doch auf der anderen Seite der Wand blieb es still.

Am nächsten Morgen beobachtete die Nachbarin die beiden Kinder, die wie gewöhnlich um acht Uhr zur Schule gingen, besonders aufmerksam. Auf den ersten Blick schien alles normal, doch wer genau hinschaute, sah, dass Andrea ein wenig merkwürdig ging. Die Nachbarin dachte an ein Ereignis aus ihrer eigenen Jugend in Zwartsluis zurück. Ein vierzehnjähriges Mädchen hatte ein Kind von ihrem Vater bekommen. Sie war anfangs genau so gelaufen wie Andrea, aber niemandem fiel auf, dass etwas nicht stimmte, bis die Familie Hals über Kopf wegzog.

Die Nachbarin blickte den Kindern nach, bis sie um die Ecke bogen. Sie zog ihren Mantel über und machte sich auf den Weg zum Polizeipräsidium.

4

Ronnies Kopf stand in der Pathologie auf dem Seziertisch des Rechtsmediziners. Der Schädel war auf der Rückseite mit groben Stichen zusammengenäht worden. Unten am Hals hing ein kleiner Faden. Der Assistent schnitt ihn ab. Van Arkel blickte den Pathologen an. Doktor Jansen war groß und mager und hatte eine auffallend spitze Nase. Seine Finger waren braun verfärbt vom Nikotin.

»Was haben Sie herausgefunden?«, fragte van Arkel.

Jansen zeigte auf die Bisswunde in Ronnies Wange. »Sie dachten, das wäre ein Fuchs gewesen, nicht wahr?«

»Stimmt.«

Jansen warf ihm einen eigenartigen Blick zu. »Der Biss stammt von einem Menschen.«

Van Arkel schaute sich entgeistert die Wunde an. »Aber wie kann jemand ein Stück aus einer Wange herausbeißen?«

»Wenn man seine Zähne gut pflegt«, meinte der Assistent.

»Ich meine natürlich: Warum würde jemand so etwas tun?«, sagte van Arkel.

»Diese Frage müssen Sie klären«, sagte Jansen. »Aber wir haben etwas gefunden, was Ihnen vielleicht weiterhilft.« Er blätterte in seinen Aufzeichnungen. »Im Gehirn befinden sich Spuren von Muskarin und Ibotensäure. Die Konzentrationen, die wir festgestellt haben, weisen auf den regelmäßigen Konsum von Amanita muscaria hin.«

»Narrenschwamm«, sagte der Assistent.

Jansen schaute ihn böse an und ergänzte: »Der gewöhnliche Fliegenpilz.«

»Wollen Sie damit sagen, dass er Fliegenpilze gegessen hat? Die sind doch giftig!«

»Nicht wenn man sie in Maßen konsumiert. Amanita wird seit Jahrhunderten als Droge gebraucht.«

»Und was hat die Tatsache, dass er Fliegenpilze gegessen hat, mit der Wunde zu tun?«

»Ein Effekt soll darin bestehen, dass man vorübergehend außergewöhnliche Kräfte entwickelt. Obwohl Wissenschaftler dies bezweifeln. Man hat es nie nachgeprüft, aber wenn man das da sieht, könnte es vielleicht tatsächlich stimmen.«

»Stark genug, um jemandem ein Stück aus der Wange herauszubeißen?«, fragte van Arkel.

»Oder einen Menschen mit einem Schlag zu enthaupten«, sagte der Assistent. »Eine so glatte Schnittwunde sieht man nicht alle Tage. Meistens sind sie an den Rändern ausgefranst. Soll ich ihn noch ein bisschen herrichten, bevor wir ihn freigeben?«

Jansen nickte. »Tu das. Kommen Sie kurz mit mir, Inspecteur. Ich habe ein wenig Literatur über den Gebrauch von Amanita als Droge. Vielleicht können Sie etwas damit anfangen.«

Eine Stunde später liefen Mirjam und van Arkel durch die Nieuwstraat. Die meisten Häuser waren niedrig, hatten schmale Türen und kleine quadratische Fenster. Die Antillianer hatten ihre Fenster mit fröhlich bunten Blumenkästen geschmückt, eine erfrischende Abwechslung zu den holländischen Häuschen. Ronnies Familie wohnte in Nummer sechzehn. In die Haustür war eine Katzenklappe eingebaut. Mirjam klingelte und eine hübsche junge Frau öffnete die Tür.

»Polizei«, sagte van Arkel. »Dürfen wir hereinkommen?«

Die junge Frau ließ sie ein. Oben spielte jemand Gitarre. Auf der Treppe saß eine graue Katze, die durch die Klappe nach draußen schlüpfte. Theresa van Splunter erschien in der Tür. Van Arkel reichte ihr die Hand und stellte Mirjam vor. Theresa deutete auf die junge Frau.

»Meine Tochter Carmen.«

Am Fenster saß eine alte Frau in einem Korbsessel. Carmen flüsterte ihr etwas ins Ohr. Die alte Frau stand auf. Carmen brachte sie an die Treppe und rief etwas hinauf, woraufhin das Gitarrenspiel verstummte.

»Bitte nehmen Sie Platz«, sagte Theresa. Mirjam und van Arkel setzten sich nebeneinander auf das schmale Sofa. Van Arkel fragte sich, wie vier Personen in einem so kleinen Haus wohnen konnten. Theresa erwartete gelassen seine Fragen. Die Kinder ähnelten einander: dieselben regelmäßigen Züge und dieselben braunen mandelförmigen Augen. Carmen erinnerte van Arkel an seine Frau, obwohl Rita blond und vom nordischen Typus war. Königinnen. Sie brauchten nur mit den Fingern zu schnippen. Kein Wunder, dass Haydar der Versuchung erlegen war.

»Wir möchten gern mehr über Ronnie wissen«, sagte er. »Was er so machte, wer seine Freunde waren, ob er Feinde hatte. Alles, was uns einen Eindruck von ihm verschaffen kann.«

»Er war oft weg.«

»Wo?«

»In Amsterdam.«

»Wo war er letztes Wochenende?«

»Wieder in Amsterdam.«

»Und in Zandvoort«, fügte Carmen hinzu. »Wenn er in Amsterdam war, fuhr er auch immer zur Rennstrecke. Nur zum Zuschauen. Er hat auch manchmal in den Boxen ausgeholfen.«

»Hatte er Geld?«, fragte Mirjam.

»Nein«, antwortete Theresa. »Und wenn er Geld hatte, gab er es aus.«

»Bitte verstehen Sie mich nicht falsch«, sagte van Arkel. »Aber wie leben Sie hier eigentlich so als Familie?«

»Wahnsinnig gemütlich«, sagte Theresa trocken.

Van Arkel lächelte. »Ich meine, wie geht es Ihnen finanziell?«

»Meine Mutter und ich, wir beziehen beide eine Witwenrente. Carmen arbeitet für eine Zeitarbeitsfirma und Ronnie erhielt Sozialhilfe.«

»Dann haben Sie zusammen ein gutes Auskommen.«

»Carmen hat mittlerweile eine eigene Wohnung. Wir kommen zurecht.«

Sie redet, als sei gar nichts geschehen, dachte van Arkel. Heute Nacht hatte sie Trauer gezeigt, auf eine beeindruckende Weise. Jetzt schien es, als habe sie ihren Kummer überwunden. Carmen wirkte ebenso beherrscht. Als sprächen sie über eine Person, zu der sie nicht mehr als oberflächlichen Kontakt gehabt hatten.

»Wer könnte es getan haben?«

»Keine Ahnung«, sagte Theresa.

»Sie auch nicht?«

»Nein«, antwortete Carmen.

»Aber Sie haben darüber nachgedacht?«

»Ich habe über nichts anderes nachgedacht«, sagte Theresa tonlos.

»Hat Ihr Sohn Drogen genommen?«

»Nicht dass ich wüsste.«

»Wir haben Hinweise darauf, dass er Drogen in ungewöhnlicher Form konsumierte.«

Theresa blickte ihn schweigend an.

»Fliegenpilze«, erklärte van Arkel.

»Lächerlich!«, erwiderte Theresa. Carmen sagte nichts und schaute van Arkel mit grimmiger Miene an. Gut, dass er die Fragen stellt, dachte Mirjam.

»Da ist noch etwas. Die Bisswunde in seiner Wange stammt von einem Menschen.«

»Nein!« Theresa riss entsetzt die Augen auf. Carmen griff nach ihrer Hand. »Bitte gehen Sie jetzt«, sagte Theresa.

»Tun Sie, worum Mutter Sie bittet«, sagte Carmen. »Vielleicht können Sie später wiederkommen.« Theresa starrte ins Leere. Carmen wies mit einer Geste zur Tür.

»Ihnen ist doch klar, dass wir alle dasselbe wollen?«, fragte van Arkel.

»Ja«, sagte Carmen. »Ich bringe Sie zur Tür.«

»Das war nicht gerade berühmt«, bemerkte Mirjam, als sie kurz darauf wieder die Straße entlanggingen.

»Stimmt«, gab van Arkel zu.

Auf einem kleinen Platz spielten ein paar dunkelhäutige Jungen Fußball. Einer von ihnen hielt mit der Routine eines Elfjährigen, der weiß, dass er die Aufmerksamkeit des Publikums fesselt, den Ball hoch in der Luft. Die anderen schauten bewundernd zu, als er ihn danach vom Kopf auf das Knie und von da auf den Innenfußknöchel jonglierte.

Romario ließ den Ball fallen. Van Arkel nahm ihn mit dem Fuß auf, balancierte ihn einige Sekunden auf dem Fußgelenk und trat ihn mit voller Wucht hoch in die Luft. Die Jungen schauten dem Ball nach, wie er für einen Moment über den Häusern schwebte. Van Arkel fing ihn mit dem anderen Fuß auf und kickte ihn hinüber zu dem wartenden Grüppchen. Der junge Ballkünstler lachte und rief: »Okay, Mann!«

»Ich dachte, du würdest Judo trainieren«, sagte Mirjam.

»Stimmt auch. Vom Fußballspielen verstehe ich nichts, ich kann nur den Ball geradeaus hochschießen.«

»So spielt mein Vater Klavier«, sagte Mirjam. »Er kann nur die ersten Takte der Dritten von Beethoven, aber die spielt er perfekt. Wenn er ein Klavier entdeckt, klimpert er seine Melodie, und alle denken, er wäre ein richtiger Künstler.«

Van Arkel lachte. »Was treibt er sonst noch so?«

»Er übt jetzt die Fünfte.«

»Hat er die Vierte übersprungen?«

»Die ist zu schwierig. Die kann man nur spielen, wenn man den perfekten Anschlag hat.«

»Was für ein Mann.«

Sie gingen hintereinander her durch eine nur meterbreite Gasse. Sie mündete in der Einkaufsstraße, die durch den alten Teil der Stadt verlief. Van Arkel zeigte auf das Durchfahrt verboten-Schild am Eingang der Gasse und bemerkte: »Das müssen wir mal abmontieren.«

»Ja, Chef.«

Das Glockenspiel bimmelte eine Melodie. »Halb eins«, sagte er. »Kommst du mit zum Essen?«

»Nein«, sagte Mirjam. »Ich habe keinen Hunger. Ich gehe ein Stück spazieren.«

Van Arkel schaute sie an. »Geht es dir gut?«

Mirjam lachte. »Prima. Fasten schärft den Geist. Guten Appetit.«

Van Arkel bog in die Voorstraat ein. Mit Wohlgefallen betrachtete er sein Haus, die Hälfte einer Villa aus dem neunzehnten Jahrhundert. In der anderen Hälfte wohnte ein pensionierter Kapitän. Von der Vorderseite aus blickte man über die Ijssel, die Rückseite lag an der Voorstraat: eine nüchterne weiße Fassade mit hohen Fenstern. Einige Steinstufen führten hinauf zu einer grünen Tür. Neben der Treppe befanden sich die Fenster von Ritas Atelier im Souterrain.

Rita arbeitete an dem Tonmodell eines Jungenkopfes. Van Arkel blieb an der offenen Tür stehen und schaute seine Frau an. Sie hob den Blick und lächelte.

»Hallo, Ben.«

»Hallo, Rita.«

Rita blies sich eine Locke aus dem Gesicht. »Steck mir mal meine Haare fest«, bat sie, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. Van Arkel befestigte die lose Strähne mit einer Klammer. Er liebte es, ihr beim Arbeiten zuzusehen, ein Privileg, das sie nur ihm und ihrem Sohn Ben zugestand.

»Wo ist Ben?«, fragte er.

»Oben.«

Sie widmete sich ihrer Arbeit wieder in jener konzentrierten Haltung, die eine Fortsetzung des Gesprächs nutzlos machte. Van Arkel ging nach oben und begrüßte seinen Sohn. Ben war ein ruhiges Kind. Zu ruhig, fand van Arkel manchmal, wenn er an seine eigene Jugend dachte.

»Was hast du heute Morgen so gemacht?«, fragte er.

»Nichts«, murmelte Ben.

»Bisschen wenig«, meinte van Arkel. Er kam sich wie ein Idiot vor. Er beneidete Rita darum, wie mühelos sie mit dem Jungen umging. Als das Kind geboren wurde, hatte er allerlei romantische Vorstellungen gehegt. Er würde mit ihm angeln gehen, sie würden zusammen zelten und Sport treiben. Daraus war wenig geworden, aber Vater und Sohn waren Freunde. Vor einem Jahr war die Vertrautheit plötzlich gewichen, und van Arkel beschlich zunehmend das Gefühl, für seinen Sohn ein Fremder zu sein. Rita meinte, er solle sich keine Sorgen machen, doch van Arkel erinnerte sich an seine eigene Kindheit und sah ein, dass er die Welt seines Sohnes ebenso wenig verstehen würde, wie sein Vater die seine verstanden hatte.

Vor dem Haus wurde gehupt. Ben sprang auf. Van Arkel schaute ihm nach, wie er durch den Vorgarten rannte. Bevor er einstieg, schaute er hoch und winkte. Van Arkel winkte zurück.

Rita trug das Tonmodell von Bens Kopf auf einem Brett herein und stellte es auf die Fensterbank. »Hast du schon Kaffee aufgesetzt?«, fragte sie.

»Nein.«

»Hast du was, Ben?«

»Ach ... heute Morgen ist etwas Dummes passiert. Und ich habe das Gefühl, dass Ben vor mir wegläuft.«

»Er kommt in die Pubertät«, erwiderte Rita. »Setz dich. Ich koche uns Kaffee.«

Van Arkel setzte sich in die Fensternische und blickte über den Fluss. Seine Mutter hatte ihm ein flaches Kissen genäht. Es war fast durchgesessen, aber sie hatte es trotz ihrer schwachen Augen mühsam bestickt, und er hatte sich vorgenommen, es zu benutzen, bis die Füllung zu Staub zerfallen war.

»Was ist geschehen?«, fragte Rita.

»Ich habe erzählt, was der Pathologe über die Bisswunde in Ronnies Wange gesagt hat, eigentlich um eine Reaktion zu provozieren, und daraufhin haben sie uns rausgeworfen.«

»Also haben sie darauf reagiert.«

»Ja. Ein blödes Gefühl.«

»Was war mit dieser Bisswunde? Du sagtest, sie sei von einem Fuchs gewesen.«

»Jansen behauptet, es war ein Mensch.«

Rita sah ihn schockiert an. »Kein Wunder, dass sie dich rausgeschmissen haben!«

»Ihr tut ja, als ob ich ein Monster wäre. Wenn es bei diesem Biss in die Wange geblieben wäre, würde er jetzt noch leben. Niemand regt sich darüber auf, dass sein Kopf abgetrennt wurde!«

Rita ging zu dem Modell des Jungenkopfes und biss ein Stück aus der linken Wange. Sie nahm den Ton aus dem Mund und klebte ihn auf das Brett. Van Arkel schaute entsetzt zu. Jetzt konnte er sich den Hergang vorstellen.

»So geht das«, murmelte er.

»So geht das, Ben«, wiederholte Rita. »Schenk mir eine Tasse Kaffee ein, ich habe einen ekligen Geschmack im Mund.«

Commissaris Klein schickte Adjutant Oudshoorn und Opperwachtmeester Dijkstra zu Andreas Onkel, um auf die Anzeige der Nachbarin hin zu ermitteln. Sie waren seine ältesten Fahnder und eine derart heikle Sache erforderte ein diskretes Vorgehen.

Adjutant Oudshoorn war Mitglied derselben Kirchengemeinde wie Andreas Onkel. Er konfrontierte seinen Gemeindebruder ohne Umschweife mit der Anschuldigung seiner Nachbarin. Andreas Onkel stritt das ab. Eine lächerliche Geschichte, sagte er, die auf Animositäten dieser Frau beruhe, welche auf sein Haus neidisch sei und, wer weiß, noch auf andere Dinge, die er nicht nennen wolle, um sich nicht mit der Klägerin auf eine Stufe zu stellen. Das Gespräch, das nach und nach ins Stocken geriet, erhielt eine neue unbehagliche Note, als Andrea hereinkam und schweigend die drei Männer anstarrte, mit dem Gesicht eines Kindes und den Augen einer Erwachsenen. Sie drehte sich um und lief die Treppe hinauf. Ihr Onkel und der Adjutant schauten sich an. Die Ermittler standen auf, baten Andreas Onkel, sie mit dem Mädchen allein zu lassen, und gingen nacheinander hinauf.

Da war nichts, sagten sie später. Vielleicht hatte das Mädchen schlecht geträumt. Sie konnte sich, wie das mit Albträumen so ging, überhaupt nicht an die bewusste Nacht erinnern.

Klein hörte sich ihren Bericht an. Als sie weg waren, las er das Protokoll und dachte an seine eigenen Ermittlungen vor einem Jahr. Damals hatte er einen Verdacht, weil die Erklärungen von Andrea und ihrem Onkel nicht mit der Entdeckung des Internisten übereinstimmten und vielleicht etwas zu nachdrücklich waren, um glaubwürdig zu klingen. Doch die Untersuchung der beiden erfahrenen Polizeibeamten ließen keinen Raum für Zweifel. Obwohl Klein die ganze Nacht über die klaren Aussagen seiner ältesten Mitarbeiter einerseits und sein ungutes Gefühl andererseits nachdachte, beschloss er, die Akte Andrea Kuik zu schließen.

5

Der Experte blickte missbilligend das zerrissene Flatterband an, mit dem die Fundstelle von Ronnies Kopf abgegrenzt gewesen war. »Warum ist die Absperrung beschädigt?«, fragte er. »Habt ihr keine Wachen aufgestellt?«

»Doch«, sagte Seyat. »Aber etwas ist schief gegangen. Einer der Kollegen, der hier Wache stand, ist in das Loch eingesunken.«

Der Experte schaute ihn verblüfft an. »Wie hat er denn das geschafft?«

»Ihm wurde übel.«

Der Experte schüttelte den Kopf. »Was soll ich hier eigentlich?«

»Sie sollen uns helfen, die Spuren zu bestimmen.«

»Spuren!«, sagte der Experte. »Welche Spuren? Ihr seht doch selbst, dass hier eine Horde Elefanten rumgetrampelt hat!« An seiner Unterlippe klebte eine selbst gedrehte Zigarette, die sich beim Sprechen kaum bewegte.

»Gibt es außer den Elefanten noch andere Hinweise, die von Bedeutung sein könnten?«, fragte Seyat höflich.

»Wollen wir mal sehen«, sagte der Experte und hockte sich neben das Loch. »Ein Kopf, ein Pferd und jetzt auch noch ein kranker Polizist. Du hattest aber was auszuhalten.« Er klopfte auf den Boden. Sein Knie gab ein lautes, trockenes Knacken von sich. »Gicht und Ischiasbeschwerden kriegt man in diesem Beruf. Könnte einer von euch mir meine Tasche aus dem Auto holen?«

Schilder ging zum Auto und kehrte mit einem altmodischen Koffer zurück.

»Ich nehme an, das ist sie?«

»Ja. Merci.« Der Experte öffnete die Tasche und breitete eine Reihe Tiegelchen, Pinsel, Schäufelchen und Pinzetten aus. Er arbeitete, wie es sich für einen Experten gehörte: gründlich und effizient. Er kroch in der Grube herum, sammelte Tannennadeln, Zweige und Sand in verschiedenen Tiegeln, roch, fühlte, probierte, untersuchte alles mit einer Lupe und beschrieb seine Funde in einem Notizbuch. Er vermaß sämtliche Fußspuren rund um das Loch. Es waren viele. Er schüttelte den Kopf. »Jetzt mal im Ernst, hat man euch denn nie beigebracht, dass man sich von allem, ich wiederhole, von allem fern halten muss, wenn eine Leiche gefunden wurde?«

»Wir sind ja vorsichtig gewesen«, sagte Seyat. »Aber ...«

»Vorsichtig!«, wiederholte der Experte verächtlich. »Vorsichtig! Grundgütiger!«

»Es war eine unglückliche Verkettung der Umstände«, erklärte Schilder.

»Belassen wir’s dabei«, sagte der Experte. »Hilf mir mal raus.«

Schilder zog ihn hoch. Der Experte klopfte sich die Erde von der Hose.

»Was haben Sie gefunden?«, fragte Schilder neugierig.

Der Experte drehte sich eine Zigarette. »Möchte jemand?«

»Gern«, sagte Seyat.

Der Experte spuckte einen Krümel Tabak aus. »Die meisten Fußspuren sind frisch, höchstens zwölf Stunden alt. Der Blödmann, der in das Loch gefallen ist, hat Schuhgröße 45. Mindestens.«

»Spruit«, grinste Schilder.

»Heißt er wirklich so?«, fragte der Experte. »Rosenkohl, wie das Gemüse?«

»Ja«, antwortete Schilder. »Das ist in dieser Gegend ein geläufiger Name.«

»Dann kann er ja nichts dafür«, sagte der Experte. »Gut, Größe 45 in dem Loch und außerhalb eurer früheren Absperrung, aber innerhalb davon sind die Spuren kleiner. Jemand mit Größe 41 hat vor gut zwei Tagen in der Hocke an dieser Grube gesessen. Er trug Schuhe mit Noppenprofil. Kann sein, dass er vorher in einem anderen Wald gewesen ist, denn ich habe in dem tiefsten Abdruck geringe Spuren von Lehm gefunden. Der stammt nicht von hier, glaube ich.«

»Hier haben wir Torfboden«, sagte Schilder, sichtlich beeindruckt.

»Sand auf Torf«, verbesserte der Experte. »Was hat der Pathologe von Fliegenpilzen erzählt?«

»Das Opfer scheint Fliegenpilze als Droge genommen zu haben.«

»Na ja, jedem das seine.«

»Ich esse wahnsinnig gern Champignonsuppe«, erklärte Schilder.

»Bleib dabei. Iss immer schön normal, dann müssen wir dich später auch nicht aus so einem Loch ausgraben.«

Schilder erschauerte. »Damit sollte man nicht scherzen.«

»Sorry«, sagte der Experte. »Berufskrankheit. Du solltest kein Experte werden. Wir sehen zu viele Leichen, denke ich manchmal.«

»Was haben Sie sonst noch festgestellt?«, fragte Seyat.

»Mehr kann ich erst sagen, wenn ich mir die Proben angeschaut habe.«

»Wann sind Sie fertig?«

»Morgen. Ich fahre gleich wieder zurück nach Den Haag. Wenn ich vor vier Uhr ankomme, kann ich vielleicht noch ein paar Tests durchführen.«

»Könnten Sie heute Nachmittag noch anrufen, falls Sie etwas Wichtiges entdecken?«

»Nein. Aber gleich morgen früh. Soll es Regen geben?«

»Erst am Sonntag«, sagte Schilder. »Sagt unser Stadtwetterfrosch.«

»Gut. Deckt alles mit den Zweigen da ab und räumt das Flatterband weg. Wenn ich mir noch etwas anschauen möchte, komme ich vor Sonntag noch einmal vorbei.«

»Alle reden ständig vom Regen«, klagte Vermeer. »Dabei regnet es nie. Entweder es herrscht Brummochsenhitze oder Bärenarschkälte, aber Regen - vergiss es! Heute zum Beispiel. Stadtfest! IjsselmondergottverdammtesSTADTfest! Im Oktober, wenn alle längst wieder zu Hause in ihrem eigenen Nest sitzen sollten! Was Neues! Gut für den Mittelstand! Diese ganzen Knallköpfe glauben tatsächlich, in der reichsten Miststadt der ganzen Niederlande kämen sie um fünfundzwanzig Cent billiger weg als auf der Kirmes in ihrem eigenen Kaff. Haltet die Stadt sauber! Soll sich der Mittelstand doch diesmal selbst drum kümmern! Aber nein! Zählen eifrig ihr Kleingeld, aber machen keinen Finger krumm, um die Schalen und den Frittendreck selbst wegzuräumen. Nein, Meneer. Und ich rutsche auf so einer Mistschale aus und falle in eine Frikandel, mitten auf dem Turfmarkt, während alle die Kuh anglotzen, die Barend Kuil der Folklore zuliebe in den Turm raufzieht! Das blöde Ding war sogar noch warm! Bin der Länge nach hingeschlagen! Ich habe ihnen allen einen Strafzettel verpasst. Allen! Jedem, der keinen Abfalleimer vor seiner Bude hatte, habe ich ein Bußgeld wegen Verschmutzung des öffentlichen Straßenraums aufgebrummt. Und wenn es heute Nachmittag nicht schüttet, lasse ich die Feuerwehr anrücken.«

»Ganz ruhig, Jaap. Liegt die Frikandel noch da?«

»Nein. Hat das Kalb von der Kuh aufgefressen. Was für eine Stadt! Was für eine Scheißstadt! Alles, was ich will, ist ein bisschen Regen.«

»Am Sonntag gibt’s Regen.«

»Und was habe ich davon? Am Sonntag hockt die ganze Truppe in der Kirche. Heute ist erst Donnerstag, verdammt nochmal.«

»Zieh dir mal eine saubere Hose an«, riet van Arkel. »Du stinkst nach Mayonnaise.«

Vermeer sah ihn wütend an. »Und du? Weißt du, dass schon seit Tagen Verwesungsgeruch an dir hängt?«

»Ich wohne im Leichenhaus. Hast du schon mal gesehen, wie die Haut abgezogen wird? So: krrr!«

»Hör auf!« Vermeer war der einzige Adjutant in den ganzen Niederlanden, der noch nie eine Obduktion miterlebt hatte. »Was willst du hier eigentlich? Du bist doch an diesem Mordfall dran?«

»Deshalb komme ich zu dir. Aber wie ich sehe, hast du größere Probleme als ich, also gehe ich mal wieder.«

Vermeer setzte sich. »Erzähl.«

»Das ist es ja. Es gibt nichts zu erzählen«, sagte van Arkel bedrückt. »Dabei kriegen wir heute Nachmittag Besuch von der Presse. Was in Gottes Namen soll ich denen erzählen?«

»Das Einzige, worin diese Stadt schon seit Jahrhunderten glänzt, ist der Spruch ›in Gottes Namen‹«, erwiderte Vermeer. »Bruno ist heiser, habe ich gehört, also schickt er bestimmt Hendrik Visser. Überlass das ruhig ihm.«

»Der Bürgermeister lässt sich entschuldigen«, sagte der Beigeordnete Visser. »Er hat keine Stimme mehr.«

»Na wunderbar«, murmelte van Arkel.

»So ist es nun mal.« Visser hatte einen Riesenbauch und sprach Ijsselmonder Dialekt. »Was sollen wir der Presse erzählen, meine Herren?«

»Ich befürchte, wir haben nicht viel zu erzählen«, sagte van Arkel.

»Sie haben ja auch gerade erst angefangen«, erwiderte Visser seelenruhig.

Van Arkel schaute ihn überrascht an. Der Beigeordnete wirkte vollkommen gelassen. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Er berichtete von den Ereignissen der letzten vierundzwanzig Stunden. Visser hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen.

»Dann ist ja alles sonnenklar«, sagte er, nachdem van Arkel ausgeredet hatte. »Wie wollen wir es anpacken? Soll ich ein paar einleitende Worte sprechen und den Reportern am Ende Gelegenheit geben, Fragen zu stellen? Und würden Sie über den Fall berichten?«

»Ja, ich glaube, es wäre gut, wenn Sie den Anfang übernähmen«, sagte van Arkel.

»Auch einverstanden, Jaap?«, fragte der Beigeordnete.

Vermeer nickte. »Absolut.«

Visser stand auf. »Dann los. Allons enfants de la patrie.«

Van Arkel zwinkerte Vermeer zu. Visser mochte fließend Dialekt sprechen, sein Französisch war grottenschlecht.

Der Saal war zur Hälfte mit Journalisten gefüllt. Sie blickten kaum auf, als die drei Männer hereinkamen, und setzten ungestört ihre Unterhaltungen fort.

Visser griff zum Mikrofon. »Meine Damen und Herren.«

Einige Journalisten schauten sich grinsend an, als sie Vissers starken Dialekt hörten. Das konnte ja lustig werden.

»Willkommen in Ijsselmonde. Sie sind bei uns, weil Sie über eine traurige Angelegenheit berichten wollen.« Visser gab sich nicht die geringste Mühe, Hochniederländisch zu sprechen. Hinten im Saal wurde offen gekichert. »Wir sind hier, um Sie darüber zu informieren«, fuhr Visser fort. »Und das werden wir nach bestem Wissen und Gewissen tun.« Er räusperte sich. »Ich bitte Sie, im Saal nicht zu fotografieren. Im Anschluss werden wir Ihnen die Stelle zeigen, wo der Kopf gefunden wurde. Ich übergebe jetzt an Inspecteur van Arkel, den Leiter der Ermittlungen.«

Van Arkel trat an die Leinwand. »Vielen Dank.« Er gab jemandem hinten im Saal ein Zeichen. »Licht aus, bitte. Können wir mit der ersten Serie beginnen?«

Bunschoten schaltete den Projektor ein und zeigte die erste Serie der Fotos vom Haafterveen: idyllische Aufnahmen von einem Wald im Spätherbst.

»Dies ist das Haafterveen«, begann van Arkel. »Vierhundertvierundachtzig Hektar Kulturwald auf Torfboden drei Kilometer außerhalb der Stadt. Aufgrund seiner Entstehungsgeschichte in der Zeit der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen hat der Wald nie eine angemessene Wertschätzung bei den Stadtbewohnern erfahren, was aus mehreren Gründen bedauerlich ist. Man findet dort seltene Pilze, Schleiereulen, Dachse, Füchse und bewohnte Habichthorste. Die Stadt beabsichtigt, die Nutzung von Maschinen bei der Bewirtschaftung einzuschränken, und setzt Rückepferde ein, um Bäume aus dem Wald zu schleppen.«

Bunschoten zeigte eine ganze Reihe von Bildern mit Westerhof und seinem Pferd bei der Arbeit. Im Saal wurde es zunehmend unruhig.

»Ich dachte, hier geht es um Mord!«, rief jemand.

»Und Totschlag!«, fügte ein anderer hinzu.

»Und nicht um Gequatsche über die Umwelt«, rief jemand mit schriller Stimme. »Ist das eine Pressekonferenz für Kriminalreporter oder ein Kaffeekränzchen für Umweltschützer?«

»Am 10. Oktober um 15.30 Uhr trat das Pferd des Holzrückers in ein mit Zweigen abgedecktes Loch«, fuhr van Arkel unbeirrt fort. »Das Pferd kämpfte sich heraus und lief zu seinem Anhänger. Es schien an einem Vorderbein verletzt zu sein, doch der Fuhrmann erkannte, dass das Blut und die andere Substanz nicht von dem Tier stammten. Er ging zu dem Loch zurück und fing an zu graben.«

Dias von einem grabenden Westerhof.

»Ihm stieg derselbe Gestank in die Nase, den er an dem Pferdebein gerochen hatte. Er dachte zunächst, es handle sich um eine illegale Stinkgrube zum Anlocken von Füchsen, doch für einen Fuchs war das Loch zu tief. Unten in der Grube fand er dann ... die Ursache für den Gestank.«

Bunschoten zeigte in schneller Folge eine Fotoserie von Ronnies Kopf, sodass es schien, als würde er von unsichtbarer Hand auf der Leinwand gedreht. Im Saal herrschte Totenstille. Dann brach ein Tumult aus.

»Anhalten! Lasst uns Fotos machen, verdammt, Fotos!«

Irgendjemand versuchte verzweifelt, ein Blitzgerät an seiner Kamera anzubringen. Als der Blitz losging, wurde augenblicklich das Licht eingeschaltet. Der Mann mit der Kamera warf verstörte Blicke um sich.

»Die Anweisung lautete: keine Fotos!«, sagte van Arkel eisig. Zwei kräftige Polizisten gingen auf den Sünder zu und nahmen ihm die Kamera ab. Der Fotograf wehrte sich heftig, während seine Kollegen amüsiert zuschauten.

»Lasst das! Mistkerle! Ihr ruiniert meine Kamera!«

Sie hielten ihn fest und er musste machtlos mit ansehen, wie einer der Beamten die Kamera öffnete und den Film herausholte. Dann erst ließ der andere den Fotografen los, der sich heftig die Schultern rieb. Er hob seinen Apparat auf, kontrollierte ihn und zeigte auf die Männer am Tisch.

»Das kommt an die Öffentlichkeit!«, brüllte er. »Ihr verdammten Faschisten!«

Im Saal wurden anfeuernde Rufe laut. »Weiter so, Joop!«, rief ein Reporter und richtete die Kamera auf seinen wütenden Kollegen.

Der Fotograf stampfte aus dem Saal. Auf der Schwelle drehte er sich um, schrie drei Mal »Verdammt!« und knallte die Tür hinter sich zu.

»Der ist weg«, meinte Visser, der den Zwischenfall ungerührt beobachtet hatte. »In Anbetracht dieser Störung halte ich es für besser, den Diavortrag zu beenden. Wer von Ihnen hat noch Fragen?«

»Ich will den Rest der Dias sehen!«, rief jemand vorne im Saal. »Ihre Geschichte können Sie für sich behalten, aber die Bilder sind gut.«

»Das waren alle Dias«, erklärte van Arkel.

»Können wir Abzüge bekommen?«, fragte der Mann im Vordergrund.

»Nein.«

»Das war deutlich«, sagte der Mann. Er drehte sich um. »He, Leute, wo ist der Film von Joop? Oder haben die den kaputtgemacht?«

»Die Sache läuft aus dem Ruder«, flüsterte Vermeer, hatte aber vergessen, dass das Mikrofon eingeschaltet war. Der Mann vorne im Saal fing an zu lachen. »Alles in Ordnung, Leute, so läuft das doch immer. He, Inspecteur, was die Fotos angeht ...«

»Die Antwort lautet Nein«, wiederholte van Arkel.

»Nur eins«, quengelte der Mann.

Van Arkel ignorierte ihn. »Gibt es noch weitere Fragen?«

»Jede Menge«, brummte ein außergewöhnlich dicker Mann in einem auberginefarbenen Jackett. »Das ist die größte Sauerei, die ich seit Jahren erlebt habe. Wie steht es mit euren Ermittlungen? Verlaufen die genauso chaotisch?«

»Nein«, antwortete van Arkel. »Aus einem einfachen Grund: Wir haben nichts in der Hand.«

»Jetzt hören Sie aber auf!«, sagte der dicke Mann. »Sie meinen, Sie haben uns für nichts und wieder nichts hier anrücken lassen?«

»Sie sind auf Einladung der Stadtverwaltung hier«, erwiderte van Arkel. »Was uns angeht, hielten wir diese Pressekonferenz für ziemlich voreilig.«

»Aber Sie sind doch für die Informationen verant wortlich.«

»Wenn es nach mir ginge, hätten wir noch gewartet«, entgegnete van Arkel. »Der Kopf wurde vor vierundzwanzig Stunden gefunden. Wir können unmöglich jetzt schon mit einer Lösung des Falls aufwarten.«

Der dicke Mann brummte etwas Unverständliches. Van Arkel legte die Hand ans Ohr. Der dicke Mann antwortete mit einer abwehrenden Geste. »Schon gut. Wo Joop wohl sein mag? Ich könnte jetzt ein Pils vertragen.«

»Im Anschluss an die Konferenz werden Erfrischungen gereicht«, sagte Vermeer.

»Das ist anständig«, sagte der dicke Mann. »Dann bleibe ich noch einen Augenblick. Wenn es nicht zu lange dauert. Wenn man nichts zu sagen hat, sollte man sich kurz fassen.«

Visser und van Arkel schauten sich an. Vermeer zeigte auf eine Frau mit einem grünen Hut, die die Hand hob.

»Mevrouw?«

»Wo ist denn eigentlich der Staatsanwalt?«, fragte sie spitz. Van Arkel und Vermeer schauten sich an.

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05 мая 2025
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230 стр. 1 иллюстрация
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9788726412420
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