Читать книгу: «Emmas Sommermärchen»

Шрифт:

Ivy Bell

Emmas

Sommermärchen

September 2018

© 2018 by Ivy Bell, Berlin

Umschlaggestaltung: Ivy Bell

Umschlagabbildung: © Ivy Bell

Lektorat: B. Klotzberg

Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder Reproduktion (auch auszugsweise) in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder anderes Verfahren) sowie die Einspeicherung, Verarbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung mithilfe elektronischer Systeme jeglicher Art, gesamt oder auszugsweise, ist ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung der Autorin untersagt. Alle Übersetzungsrechte vorbehalten. Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Über das Buch

Sommer 2006. Ganz Deutschland ist im Fußballfieber, nur Emma Licht hat ganz andere Sorgen. Sie steht vor diversen Entscheidungen, die ihre Zukunft betreffen.

Da wirft ein Fund in ihrem Elternhaus sie und ihre Schwester Carla gehörig aus der Bahn.

War ihr Vater etwa doch nicht der ehrliche, gradlinige Mann, für den sie ihn gehalten haben?

Zusammen mit ihrer Schwester, tatkräftig unterstützt durch ihre Tante, begibt Emma sich auf Spurensuche, um ein Geheimnis aus der Vergangenheit zu lüften.

Der Ort Möwenburg ist meiner Fantasie entsprungen, Ähnlichkeiten mit anderen Orten sind rein zufällig.

Nach »Ein Spatz im Advent« der zweite Roman, in dem es um die Schwestern Emma und Carla geht. Beide Bücher können unabhängig voneinander gelesen werden.

Inhalt

Über das Buch

10. Juni 2006

10. Juni 2006, am Nachmittag

11. Juni 2006

11. Juni 2006, am Abend

12. Juni 2006

14. Juni 2006

16. Juni 2006

17. Juni 2006

April 1974

19. Juni 2006

20. Juni 2006

6. Juli 1974

20. Juni 2006, später Nachmittag

21. Juni 2006

23. Juni 2006

November 1974

24. Juni 2006

24. Juni 2006, am Abend

25. Juni 2006

27. Juni 2006

28. Juni 2006

Sommer 1978

29. Juni 2006

29. Juni 2006, später Nachmittag

Sommer 1978

29. Juni 2006, am Abend

30. Juni 2006

Sommer 1978

30. Juni 2006, später Nachmittag

1. Juli 2006

2. Juli 2006

3. Juli 2006

4. Juli 2006

6. Juli 2006

7. Juli 2006

7. Juli 2006, am Abend

8. Juli 2006

9. Juli 2006

10. Juli 2006

11. Juli 2006

12. Juli 2006

13. Juli 2006

14. Juli 2006

15. Juli 2006

15. Juli 2006, am Abend

16. Juli 2006

Über die Autorin

10. Juni 2006

Hamburg

Emma erwachte mit einem pelzigen Gefühl im Mund. Sehr unangenehm! Sie öffnete vorsichtig ihr linkes Auge und blinzelte zu ihrem Nachttisch, auf dem normalerweise eine kleine, gelbe Plüschente saß. Heute aber nicht. Emma räusperte sich. Sie wird doch wohl nicht ihre geliebte Ente..... Nein! Niemals würde sie sie entsorgen. Emma schaute sich vorsichtig um. Irgendetwas stimmte mit dem Zimmer nicht. Es wirkte viel kleiner. Da bemerkte Emma eine Bewegung neben sich und hörte ein Stöhnen. Langsam kehrten ihre Erinnerungen an den gestrigen Tag zurück.

Als sie gestern am späten Nachmittag von einem Praktikum in England zurückgekehrt war, warteten am Bahnhof Carla, Simone und Sarah auf sie. Zwischen sich ein Plakat, auf dem in großen Buchstaben »Willkommen zu Hause, Emma« stand, umrahmt von vielen kleinen Herzchen und Blumen, die alle etwas windschief aussahen. Sie riefen, winkten und hüpften auf und ab. Emma mochte keinen Rummel um ihre Person und war natürlich sofort knallrot angelaufen. Sie hatte sich geduckt, obwohl das bei ihrer Größe von gerade mal 164 cm eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre, und war zu der kleinen Gruppe gelaufen, um ihnen als Erstes das Plakat zu entreißen. Das folgende Handgemenge zog natürlich wesentlich mehr Aufmerksamkeit auf sich, als Emma lieb war. Die anderen johlten und kreischten, Emma verknotete sich in dem Plakat, irgendjemand rief etwas, was sie aber nicht verstehen konnte, schließlich prallte sie gegen etwas weiches und landete unsanft auf dem Boden. Als sie verstohlen unter dem Plakat hervorlugte, sah sie in das Gesicht eines grinsenden, sehr rundlichen Mannes. Emma wollte etwas sagen, aber es kam nur ein hilfloses Fiepen aus ihrem Mund. Der Mann hielt ihr seine Hand hin, verbeugte sich, half ihr auf und ging dann lachend seiner Wege.

Carla feixte: »Wie du an seinem Bauch abgeprallt bist, herrlich!«

»Das hat man davon, wenn man seinen Freunden das mit viel Herzblut gemalte Willkommensplakat entreißt«, Sarah schüttelte ihre roten Locken und lachte.

»Ihr wisst doch genau, dass ich es nicht mag, im Mittelpunkt zu stehen.« Emma versuchte, ein geknicktes Gesicht zu machen, konnte sich selber aber das Lachen nicht mehr verkneifen.

Schließlich hatten die Vier Emmas Gepäck nach Hause gebracht und waren in ein nettes Restaurant gegangen, in dem Emma ihren Freunden erst einmal ausführlich von ihrem Praktikum erzählen musste. Während sie von den wunderschönen Gärten schwärmte, ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen. Das Lokal war brechend voll, auch auf der Terrasse war kein Platz mehr frei. Sowohl im Restaurant als auch im Außenbereich lief ein Fernseher, offenbar wurde Fußball übertragen. Emmas Interesse an Sport war noch nie besonders groß gewesen. Das hatte schon in der Grundschule angefangen, als sie als Kleinste der Klasse beim Bocksprung am Hindernis hängen geblieben war. Das Gelächter ihrer Klassenkameraden verfolgt sie noch heute in ihren Albträumen.

»Wird heute irgendein wichtiges Spiel übertragen?«, wandte sich Emma an ihre Freundin Sarah, die sich sehr für Fußball interessierte. Am Tisch wurde es still. Schließlich prusteten die Anderen los.

»Du lebst wirklich nur für Pflanzen und Gärten, oder? Heute ist das Eröffnungsspiel der Fußball WM in München. Deutschland spielt gegen Costa Rica«, erklärte Sarah.

»Und warum bist du dann hier und sitzt nicht zu Hause, knabberst aufgeregt an deinen Fingernägeln und feuerst »Deine Jungs« an?«, fragte Emma etwas spitz. Sarah war nämlich ein ausgesprochener Fußballfan, hatte eine Zeit lang selber gespielt, sich aber inzwischen lieber aufs Zugucken beschränkt. Nach mehreren Verletzungen wollte sie nicht mehr auf dem Spielfeld herumrennen.

»Weil ich dich heute wiedersehen wollte. Außerdem kann ich ja ab und zu mal gucken, wie der Stand ist. Die Spiele werden doch sowieso überall übertragen. Je weiter die deutsche Mannschaft kommt, desto öfter werde ich mich in meine eigenen vier Wände zurückziehen und mir alles in Ruhe ansehen. Also genießt heute noch mal meine Anwesenheit, es könnte sein, dass ihr mich in den nächsten Wochen nicht mehr zu Gesicht bekommt.« Sarah lehnte sich zufrieden in ihrem Stuhl zurück und Emma bemerkte amüsiert, dass sie versuchte, den Ausführungen im Fernseher zu lauschen. Sie beschloss, ihre Aufmerksamkeit mehr auf ihre Schwester Carla und ihre Freundin Simone zu lenken. Sarah würde spätestens in neunzig Minuten wieder ansprechbar sein.

»Wie geht es Nina?«, wandte Emma sich an Simone.

»Sie pubertiert vor sich hin. Gerade war sie noch kuschelig und lieb, im nächsten Moment findet sie alles öde und zieht sich zurück. Ich komme aber ganz gut damit klar, schließlich war ich auch mal zwölf und fand das Leben merkwürdig, die Schule doof und überhaupt alles so schwer. Ich bin froh, dass ich Barbara habe. Sie hilft mir sehr.«

Emma schaute in Simones hübsches, schmales Gesicht mit den ausdrucksvollen, grünen Augen. Seit sechs Jahren war Simone nun mit Nina alleine, so lange war es schon her, dass ihr Mann Stefan, der Sohn von Barbara, von einem betrunkenen Autofahrer überfahren worden war. Emma fragte sich, warum Simone nicht schon längst einen neuen Freund hatte. Ob sie immer noch zu sehr an Stefan hing? Obwohl sie seit über drei Jahren mit Simone befreundet war, hatte sie sich noch nie getraut, ihr diese Frage zu stellen. Meistens gingen sie ins Kino und redeten danach über den Film. Oder sie kochten und aßen zusammen und machten Spieleabende mit Nina, aber im Beisein ihrer Tochter würde sie Simone solche Fragen erst recht nicht stellen.

Simone streckte sich und zeigte feixend auf Sarah, die sich auf ihrem Stuhl umgedreht hatte und fast über dem Nachbartisch hing, um das Spiel besser verfolgen zu können. Die Frau am Nebentisch schaute sie böse an, sie fühlte sich offensichtlich beim Turteln mit ihrem Begleiter gestört, aber das bemerkte Sarah nicht. Jetzt griff sie sogar geistesabwesend in die Schale mit Nüssen, die auf dem Tisch stand.

»Sarah bekommt gleich was auf die Finger, wenn sie weiter auf den Nachbartisch kriecht. Die Frau sieht nicht gerade begeistert aus.«

»Solange sie nicht vor die Tür gehen um sich zu duellieren, können wir ganz entspannt sitzen bleiben.«, bemerkte Carla und gähnte.

Sie sah müde aus und hatte dunkle Ringe unter den Augen, die man trotz der sorgfältig aufgetragenen Schminke sehen konnte. Emma griff besorgt nach der Hand ihrer Schwester.

»Du siehst müde aus. Wir können auch nach Hause gehen. Nicht, dass du noch vom Stuhl kippst.«

»Kommt nicht in Frage. Es war nur wieder etwas anstrengend in der Agentur. Frau Hagen hatte schlechte Laune, wir waren ihr alle zu langsam, also eigentlich wie immer«, Carla verdrehte die Augen. »Ich bestelle mir jetzt noch einen Kaffee, dann geht es schon wieder. Wir machen heute richtig einen drauf, ich freue mich doch so, dass meine kleine Schwester wieder da ist. Morgen ist Samstag, da können wir ausschlafen. Sarah und Simone freuen sich auch schon seit Wochen auf diesen Tag.«

»Ich war doch aber nur sechs Wochen weg«, bemerkte Emma, fühlte sich aber trotzdem geschmeichelt.

Emma räkelte sich unter der Bettdecke und dachte an den weiteren Verlauf des gestrigen Abends. Als das Fußballspiel zu Ende war, fingen alle an zu jubeln. Deutschland hatte gewonnen und das halbe Restaurant lag sich in den Armen, auch Sarah und die Dame vom Nebentisch, mit der sie im Verlauf des Spiels tatsächlich Brüderschaft getrunken hatte. Sie hatten nämlich festgestellt, dass sie beide eine Schwäche für Jens Lehmann hatten, so etwas verbindet offensichtlich.

Anschließend statteten die Freundinnen ihrem Lieblingsclub einen Besuch ab und tanzten und feierten dort in fröhlicher Runde. Die ganze Stadt befand sich wegen des Siegs der deutschen Mannschaft in Feierlaune. Schließlich waren sie in den frühen Morgenstunden alle Vier in die Wohnung von Emma und Carla gegangen, hatten dort noch ein Glas Sekt getrunken und sich dann auf die Betten verteilt. Emma war zu ihrer Schwester Carla ins Bett gekrochen und überlies ihr Zimmer Sarah und Simone. Daher saß auch keine Plüschente auf dem Nachttisch, ihre Schwester besaß nämlich keine Kuscheltiere. Emma beschloss, vorsichtig aufzustehen und die Anderen mit einem schönen Frühstück zu überraschen. Schließlich hatten sie ihr einen unvergesslichen Empfang bereitet.

10. Juni 2006, am Nachmittag

Hamburg

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit ihren Freundinnen beschloss Emma, Barbara einen Besuch in ihrem hübschen Blumen- und Dekoladen abzustatten. Simone wollte sowieso Nina abholen, da konnte sie diese begleiten. Der Laden war zwar schon geschlossen und Simone war mit Nina nach Hause gegangen, aber Barbara lief immer noch geschäftig hin und her, sortierte welke Blumen aus, goss Pflanzen und arrangierte Dekomaterial um. Emma lümmelte in einem Korbstuhl herum und versuchte, Barbaras Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Was gar nicht so einfach war.

»Hallo, Barbara, es ist Samstag, du hast morgen frei«, flötete Emma. Daraufhin stellte Barbara ihre Gießkanne beiseite und nahm Emma nochmal fest in die Arme.

»Na, mein Mädchen, lass dich mal anschauen«, sie schob Emma ein Stück von sich weg und sah ihr ins Gesicht. »Du siehst gut aus, frisch und zufrieden.«

»Mir geht es auch gut, der Aufenthalt in der Gärtnerei in Cornwall war richtig schön. Nach dem Studium nochmal ein wenig praktisch zu arbeiten hat mir gutgetan. Die haben dort richtig große Gärten und Parkanlagen geplant, Wahnsinn!«

»Wie geht es bei dir weiter? Du hast einen Bachelor in Gartenbau. Studierst du weiter oder suchst du dir hier eine Arbeit?«

Emma zuckte die Schultern. Sie war noch zu keinem Entschluss gekommen. Die Zeit in England war schön gewesen, aber manchmal hatte sie sich auch einsam gefühlt. Wieder einmal hatte sie die Gespräche mit ihren Eltern, vor allem mit ihrer Mutter, schmerzlich vermisst.

Im Dezember 2001 waren die Eltern von Emma und Carla bei einem Rundflug über Stockholm und die Schären verunglückt. Emma brauchte lange, um wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Dabei war ihr gar nicht aufgefallen, dass Carla, die immer so stark wirkte und zupacken konnte, genauso litt wie sie, sich aber zusätzlich Sorgen um die Zukunft machte. Schließlich war sie Barbara begegnet, die im Dezember 2002 in ihr Wohnhaus einzog und dort einen Blumen- und Geschenkeladen eröffnete, in dem Emma immer wieder aushilfsweise eingesprungen und so nach und nach wieder ins Leben zurückgekehrt war. Hier in diesem Laden hatte sie ihre Liebe zu Pflanzen und Gärten entdeckt und sich entschlossen, Gartenbau zu studieren. Mit Barbara, die selber ihren Sohn verloren hatte, konnte sie über ihre Trauer reden. Das alles war eine große Hilfe gewesen, ihr Schicksal zu verarbeiten, und nebenbei hatte sie sogar ihren Traumberuf gefunden. Zum Sommersemester 2003 begann sie ihr Studium der Gartenbauwissenschaften an der Uni Hannover, welches sie pünktlich nach sechs Semestern mit dem Bachelor abschloss. Danach war sie für ein Praktikum nach England gereist, zum einen, um ihre Sprachkenntnisse zu vertiefen, zum anderen, um dort in den herrlichen Gartenanlagen Praxiswissen zu sammeln. Und, wenn sie ehrlich war, um ein wenig Abstand von Marco zu bekommen. Seit eineinhalb Jahren waren sie zusammen, und Marco fing langsam an, zu drängeln. Er wollte mit ihr zusammenziehen, wahrscheinlich sogar bald heiraten. Eigentlich sollte sie sich geschmeichelt fühlen, aber irgendetwas sperrte sich in ihr. Es ging ihr alles zu schnell. Sie hatte das Gefühl, sich gerade aufgerappelt zu haben, da kam jemand, und wollte sie in einen goldenen Käfig sperren. Okay, das war vielleicht ein wenig übertrieben. Emma war jedenfalls froh, dass Marco zur Zeit noch in New York war. Er machte dort nach seinem Jurastudium ein Praktikum in einer großen Anwaltskanzlei. Das gab ihr Zeit, über ihre weiteren Schritte nachzudenken.

Barbara räusperte sich und holte Emma damit aus ihrer Grübelei.

»Ich habe mir noch gar keine Gedanken gemacht, ob ich weiter studieren und den Master machen möchte oder nicht. Das werden die nächsten Wochen zeigen.«

»Du bist noch so jung, du musst nichts überstürzen.« Barbara zwinkerte und kniff Emma in die Wange. »Ich habe einen Quarkkuchen gebacken, möchtest du ein Stück haben?«

»Da brauchst du mich nicht zweimal fragen«, jubelte Emma und folgte Barbara in ihre Küche.

Währenddessen saß Carla oben in ihrer Wohnung am Rechner und zog ihre Stirn kraus. Sie stöhnte. Wieder und wieder las sie den Artikel, den ihr Frau Hagen gestern noch gemailt hatte. Mit den Worten »Das ist eine Katastrophe, überarbeiten Sie das schnellstens, ich möchte die Korrektur am Wochenende haben!«, war Frau Hagen an ihrem Schreibtisch vorbei zu einem Termin gerauscht, kurz bevor Carla zum Bahnhof aufgebrochen war, um Emma abzuholen. Ihre Schwester hatte recht, sie war müde. Sie hatte genug von ihrem Volontariat in der Agentur »Schiller & Tegenkamp«. Sie war eine fertige Wirtschaftswissenschaftlerin und musste sich dort behandeln lassen wie der letzte Mensch. Der Artikel war keine Katastrophe, er war gut recherchiert und geschrieben. Sie wusste das, aber Frau Hagen piesackte Volontäre gerne. Es ging das Gerücht um, dass sie in jedem Volontär einen potentiellen Nachfolger sah und somit Angst hatte, mit über 50 Jahren plötzlich ohne Arbeit dazustehen, weil eine Jüngere besser sein könnte als sie. Völliger Quatsch! Carla grinste böse. Sie hatte nicht vor, Frau Hagen ihren Job streitig zu machen. Sie strebte die Selbständigkeit an. Seit sie bei »Schiller & Tegenkamp« arbeitete, sehnte sie den Tag herbei, an dem sie eine eigene Agentur gründen würde. Aber jetzt musste sie dieses Volontariat durchziehen. Wenn man es geschafft hatte, dort zu bestehen, standen einem alle Türen offen. Sie tippte ein wenig auf der Tastatur herum. »sdgjl« stand nun mitten in ihrem Text. Das machte es auch nicht besser. Carla löschte die Buchstaben, schloss die Datei und fuhr den Rechner herunter. Sie würde heute Abend nochmal über den Text schauen. Jetzt wollte sie erst einmal die Sonne genießen. Sie griff nach ihrer Tasche und ihrem Wohnungsschlüssel, musterte ihr müdes Gesicht im Flurspiegel und griff nach ihrer Sonnenbrille. Sie setzte die Brille auf ihre Nase und grinste keck in den Spiegel. »Die Augenringe muss ja keiner sehen, ich lasse einfach die Brille auf« flüsterte sie ihrem Spiegelbild zu und verließ die Wohnung, um Emma abzuholen. Dabei dachte sie darüber nach, dass sie ganz schön fertig sein musste, wenn sie nun schon anfing, mit ihrem Spiegelbild zu sprechen. Sie hüpfte die Treppen hinunter und beschloss, sich diesen Tag von niemandem verderben zu lassen. Schon gar nicht von Frau Hagen.

11. Juni 2006

Hamburg

Emma lümmelte auf einem Küchenstuhl herum. Die Fenster des französischen Balkons waren weit geöffnet und sie hielt ihre Beine in die Sonne. Es war herrlich warm.

Sie seufzte. Gestern hatte sie noch mit Marco telefoniert. Nächstes Wochenende kommt er aus New York zurück und dann müsste sie sich langsam entscheiden, wie es weiter geht. Er betonte ständig, wie sehr er sich schon auf sie freute, um danach wieder mit diesem leidigen Wohnungsthema anzufangen. Emma kratzte an ihrem Telefon herum und behauptete, die Verbindung wäre so schlecht. Nachdem sie ein paar Mal »Hallo! Marco? Ich höre nichts!« gerufen hatte, legte sie einfach auf. Carla, die mit ihr in einem Biergarten saß, schaute sie merkwürdig an.

»Kann es sein, dass du gar nicht mit Marco zusammenziehen möchtest?«, fragte Carla, und Emma gab zu, dass ihr das alles zu schnell geht.

Carla äußerte sich nicht weiter zu diesem Thema, aber das brauchte sie auch nicht. Emma wusste, dass Carla mit Marco einfach nicht warm wurde. Sie konnte nicht genau sagen, was es ist, aber irgendetwas störte sie an Marco.

Emma wackelte mit ihren Zehen und streckte sich wohlig. Heute würde sie sich nicht mehr entscheiden, wie es weiter gehen würde, dazu war das Wetter viel zu schön. Sie hatte in den letzten Jahren viel gearbeitet, da konnte sie sich jetzt auch mal eine kleine Auszeit nehmen.

Aus Carlas Zimmer war heftiges Tippen zu hören. Emma wusste, wenn ihre Schwester so auf die Tastatur hämmerte, dann war sie im Stress. Sie machte sich Sorgen. Carla wirkte überarbeitet und unzufrieden, aber als Emma sie gestern nach ihrem Volontariat fragte, hatte Carla abgewunken und gemeint, darüber wolle sie heute nicht sprechen. Emma beschloss, ein wenig zu lesen und Carla später zu bekochen. Vielleicht könnten sie abends auch noch an der Elbe spazieren gehen, das würde sie bestimmt entspannen, bevor ihre Arbeitswoche wieder losging. Und vielleicht würde es Emma auch helfen, ein paar Entscheidungen zu treffen.

Carla starrte wütend auf ihren Laptop. Sie wusste nicht mehr, was sie ändern sollte. Frau Hagen könnte ihr mal im Mondschein begegnen! Sie öffnete ihr Mailprogramm, schrieb ein paar höfliche Zeilen an Frau Hagen und kopierte ihren leicht geänderten Artikel in den Anhang. Dann drückte sie auf »Senden« und lehnte sich zurück. Morgen würde Frau Hagen sie garantiert in ihr Zimmer zitieren. Sie würde ihre dürren Finger unter ihrem Kinn aneinanderpressen und sie über den Rand ihrer strengen Brille mit ihren kalten, grauen Augen mustern. Dann würde sie ihr sagen, dass sie ihr den Text zur erneuten Bearbeitung gemailt hatte; Frau Hagen war nämlich ein Fan des papierlosen Büros. So war es immer. Carla schaffte es nicht, Frau Hagen mit ihren Artikeln zufriedenzustellen. Und was noch schlimmer war, auch die zweite Version war in der Regel nicht gut genug.

Carla griff nach dem Telefon und rief Chris an. Er würde sie garantiert wieder aufheitern können, schließlich kannte er Frau Hagen. Chris arbeitete schon seit sieben Jahren bei »Schiller & Tegenkamp«, allerdings hatte er einen netteren Chef. Carla hatte ihn kennengelernt, als sie, einem Nervenzusammenbruch nahe, auf die Toiletten im Gang stürmen wollte, um sich zu beruhigen. Dabei rannte sie leider in Chris, der gerade mit ein paar Unterlagen aus dem Fahrstuhl kam. Die Unterlagen flogen durch die Gegend, und während Carla mir Chris auf dem Boden herumgekrochen war, um alles wieder einzusammeln, hatte er schon herausbekommen, wer sie war, in welcher Abteilung sie angestellt war, dass sie Volontärin war, wo und was sie studiert hatte und so weiter und so fort. Chris war eben Redakteur durch und durch und wusste, wie er den Leuten etwas aus der Nase ziehen konnte. Außerdem war er extrem neugierig, liebte dramatische Geschichten, und war schwul. Für Carla war er ein Lichtblick in der Agentur. Auch, wenn ihr nach ihrer ersten Begegnung der Kopf geschwirrt hatte. Noch nie war sie in so kurzer Zeit mit so vielen Fragen bombardiert worden, und sie hatte auch noch nie so bereitwillig geantwortet. Normalerweise war sie eher misstrauisch, aber aus irgendeinem Grund war ihr Chris sofort sympathisch gewesen. Seit diesem Tag hatten sie sich regelmäßig zum Mittagessen getroffen, waren irgendwann auch nach der Arbeit zusammen ausgegangen und inzwischen dicke Freunde.

Carla lauschte auf das Freizeichen und betete, dass Chris zu Hause war und ein wenig Zeit zum Quatschen hatte. Nach dem dritten Klingeln nahm er ab.

»Hallo?«

Oh weh, er klang verschlafen. Dann war er bestimmt lange unterwegs gewesen.

»Hallo Chris, hier ist Carla«.

Sofort änderte sich Chris´ Tonlage.

»Carla, Schätzchen, wie geht es dir? Alles in Ordnung? Du klingst ein wenig bedrückt. Ich dachte, du hast ein ganz tolles Wochenende mit deiner Schwester.«

Carla seufzte. »Eigentlich hatte ich das auch. Aber Frau Hagen hat mir am Freitag noch meinen letzten Artikel mit ihren freundlichen Anmerkungen zurück gemailt und behauptet, er wäre eine Katastrophe und sie erwartet die überarbeitete Version noch am Wochenende. Ich habe ihr den Artikel gerade geschickt.«

»Was hast du denn geändert? Der Artikel war super, da gab es nichts zu ändern!« Chris klang ehrlich entrüstet.

»Ein paar Formulierungen habe ich überarbeitet, im Mittelteil ein wenig gestrichen, aber sonst habe ich nichts geändert. Das gibt morgen bestimmt Ärger.«

»Weißt du was? Du schnappst dir jetzt deine Schwester und dann treffen wir uns bei mir. Das Wetter ist so schön, wir können entweder auf meiner Terrasse herumhängen oder noch ausgehen. Ich muss mich nur erst mal sammeln. Ich war gestern lange aus und habe so einen hinreißenden Mann kennengelernt.«, Chris machte eine kleine Pause und Carla hörte einen zufriedenen Seufzer durch das Telefon. Sie gluckste.

»Lachst du mich etwas aus?« Chris klang entrüstet.

»Nein!«, rief Carla, »niemals! Ich finde das nur süß, wenn du verliebt bist. Passiert ja auch nur etwa jedes zweite Wochenende.«

»Haha. Ich muss mich ja auch für Zwei verlieben, bei dir passiert schließlich gar nichts.«

»Vielen Dank!« Jetzt war es an Carla, gekränkt zu sein.

»Nun schmolle nicht. Mach den Laptop aus, vergiss die Hagen, schnapp dir deine Schwester und kommt her. Ich bin sowieso schon ganz neugierig auf Emma. Entweder, sie war in Hannover oder bei ihrem Freund oder in England. Seit wir uns kennen, versteckst du sie vor mir. Damit ist jetzt Schluss. Ich erwarte euch in einer halben Stunde bei mir.«

»Zu Befehl!« Carla lachte. »Aber gib mir eine dreiviertel Stunde. Ich muss mich noch ein wenig herrichten.«

»So sei es«, kicherte Chris ins Telefon, dann legte er auf.

11. Juni 2006, am Abend

Hamburg

Emma, Carla und Chris saßen zufrieden auf Chris´ Terrasse. Sie hatten sich indisches Essen bestellt, gegessen, viel geredet und genossen den lauen Sommerabend.

»Herrlich.« Emma lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und schaute in den Himmel. »Meine nächste Wohnung muss unbedingt unterm Dach liegen.«

»Wenn du dich entscheidest, mit Marco zusammenzuziehen, könnte sich dein Wunsch sehr schnell erfüllen«, meinte Carla und zwinkerte ihrer Schwester zu.

Emmas Gesicht verdunkelte sich.

»Was ist denn so schlecht an diesem Marco?«, mischte sich Chris in das Gespräch ein.

»Gar nichts!«, rief Emma. »Er ist schon sehr.... lieb..... »

»Na, das klingt ja super.« Chris zog eine Augenbraue hoch. Carla grinste.

»Wie lange seid ihr zusammen? Eineinhalb Jahre? Und da fällt dir nicht mehr ein als »er ist sehr lieb«! Das klingt nicht sehr begeistert. Nach eineinhalb Jahren, in denen ihr auch nicht rund um die Uhr zusammen wart, solltest du jetzt eigentlich vor Sehnsucht vergehen und die Stunden zählen, bis du deinen Marco wieder in die Arme schließen kannst.«

»Chris hat sehr romantische Vorstellungen von der großen Liebe«, meinte Carla. »Die decken sich nicht unbedingt mit der Realität.«

»Meine Eltern sind bis heute sehr glücklich und sie sind schon seit fünfunddreißig Jahren zusammen. Klar, manchmal kracht es auch, aber meine Mutter hat mir gesagt, wenn es der Richtige ist, dann gibt es immer wieder Momente, in denen man sich plötzlich wieder in den Partner verliebt. Ich glaube meiner Mama.« Chris schaute entrüstet zu Carla.

»Das ist eine schöne Vorstellung«, seufzte Emma. »Ich freue mich ja auch auf Marco. Vielleicht merkt man das nicht so, weil ich mir auch überlegen muss, wo ich arbeiten oder ob ich den Master machen möchte. Das sind schwerwiegende Entscheidungen .... he ... hört auf zu lachen!«

Carla und Chris prusteten und hielten sich die Bäuche.

»Entschuldige, aber das hat doch mit deiner Beziehung nichts zu tun. Entweder man freut sich oder eben nicht. Man kann doch über seinen weiteren beruflichen Werdegang nachdenken und trotzdem verliebt sein. Aber du wirkst nicht besonders verliebt.« Chris beugte sich vor und kniff Emma freundschaftlich in die Wange.

»Gestern hat sie behauptet, die Handyverbindung wäre schlecht, nur weil sie nicht weiter mit Marco telefonieren wollte«, warf Carla ein.

»Vielleicht hatte ich bloß keine Lust, in einem überfüllten Biergarten im Beisein meiner lauschenden Schwester mit meinem Freund zu sprechen«, blaffte Emma zurück.

Chris zog die Augenbraue hoch. »Themenwechsel! Carla, wie lange möchtest du dich denn noch von Frau Hagen tyrannisieren lassen?«

Carla zuckte zusammen. »Du kommst dir wohl sehr witzig vor, was?«, zischte sie. »Erzähl doch lieber mal von deiner neuen Eroberung.«

»Das geht schnell. Er heißt Marcel, ist vierunddreißig, Personal Trainer und sieht auch genauso aus: hinreißend und durchtrainiert.« Chris griff nach seinem Weinglas und machte ein sehr zufriedenes Gesicht.

»Ich habe Angst vor Frau Hagen. Wegen ihr habe ich keine Lust, zur Arbeit zu gehen. Das ist mir noch nie passiert, ich bin immer gerne arbeiten gegangen. Aber jetzt nicht mehr.« Carlas Stimme war leise und brüchig. Emma hatte ihre Schwester noch nie so gesehen, unglücklich, zerbrechlich und blass. Sie war immer stark gewesen, war unbeirrbar ihren Weg gegangen. Emma lehnte sich vor und strich Carla über den Rücken.

»Und wenn du das Volontariat abbrichst? Du könntest woanders eins machen.«

»Das will ich nicht!«, rief Carla. »Ich möchte es bei »Schiller & Tegenkamp« schaffen. Das ist eine der angesehensten Agenturen.«

»Das stimmt wohl«, bestätigte Chris. »Frau Hagen ist schon sehr speziell. Ich bin froh, dass ich nicht in ihrer Abteilung gelandet bin. Aber du schlägst dich doch sehr gut.«

»Wahrscheinlich hasst sie mich genau deswegen. Ich bin noch nie in ihrer Gegenwart in Tränen ausgebrochen, ich bin immer ruhig und gefasst, korrigiere meine Texte wieder und wieder, wenn sie es verlangt. Ich hatte eigentlich gedacht, es wird irgendwann besser. Aber es wird eher immer schlimmer. Deswegen lasse ich dich ja vorher schon immer Korrekturlesen. Welcher Redakteur macht denn so was?«

»Deine Texte sind sehr gut. Daran liegt es nicht. Frau Hagen ist einfach eine verbitterte Frau, die gerne junge Volontäre piesackt.« Chris gähnte.

»Lass uns nach Hause gehen«, meinte Carla zu Emma. »Ich muss morgen auch früh raus, mich von Frau Hagen zusammenstauchen lassen«. Sie grinste und Chris nahm sie in die Arme.

»Du bist gut, das weißt du. Wenn sie dich ärgert, kommst du mich besuchen, okay?« Chris reichte Emma die Hand. »Es war sehr schön, dich endlich kennengelernt zu haben. So einen Abend müssen wir bald wiederholen, ich muss doch auch unbedingt erfahren, wie es mit dir und Marco weitergeht.« Er grinste und Carla giggelte los.

»Macht euch nur lustig. Ihr seid ja bloß neidisch, dass ich mich morgen früh nochmal umdrehen kann, wenn ihr müde im Büro hockt.« Emma griff nach ihrer Tasche und schaute noch einmal in den Sommerhimmel, bevor sie sich mit Carla auf den Weg nach Hause machte.

12. Juni 2006

Hamburg

Die Sonne schien ins Zimmer. Emma hatte lange geschlafen und saß jetzt an ihrem Laptop, um sich über ihren weiteren beruflichen Weg schlauzumachen. Sollte sie noch den Master machen oder sich bewerben? Es gab einige Stellen für Garten- und Landschaftsplanerinnen und Emma überlegte, einfach ein paar Bewerbungen abzuschicken. Das hieß ja noch lange nicht, dass sie die Stelle auch bekam. Oder annehmen musste. Emma lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück und schaute auf das Bild ihrer Eltern, welches vor ihr an der Wand hing.

»Ach Mama«, seufzte sie. »Wenn ich doch nur mit dir reden könnte.«

In dem Moment klingelte das Telefon. Emma hüpfte in den Flur, nahm den Apparat aus der Station und meldete sich.

»Hallo Emma, schön dich zu hören«, schallte ihr die Stimme ihrer Tante entgegen. Doris war die große Schwester ihres Vaters Michael. Im Gegensatz zu Michael hatte sie aber eine sehr laute Stimme. Emma hielt den Hörer ein wenig von ihrem Ohr weg.

»Hallo Doris, schön dass du anrufst. Wie geht es dir?«

»Mir geht es sehr gut. Wie war dein Praktikum? Hast du viele schöne Gärten gesehen? Ich gucke ja immer so gerne Rosamunde Pilcher Filme, da ist die Landschaft so schön.« Doris seufzte und Emma nutze die Gelegenheit, um ihrer Tante ein wenig von den schönen Gartenanlagen zu erzählen, die sie gesehen und in denen sie zum Teil sogar selber gearbeitet hatte.

»Ich habe viele Bilder gemacht. Wenn wir uns treffen, dann zeige ich sie dir. Die gefallen dir bestimmt«, sagte Emma.

»Vielleicht sehen wir uns früher, als du denkst. Es gibt ein Problem mit dem Haus eurer Eltern. Das Dach ist undicht. Und Familie Schuster möchte den Mietvertrag kündigen. Sie möchten nun doch zu seiner Mutter in das große Haus ziehen.«

Emma, die während des Gesprächs in der Wohnung herumgelaufen war, musste sich erst einmal setzen.

»Familie Schuster möchte ausziehen? Aber das ist ja .... schrecklich ......«, stotterte Emma in den Hörer.

Nach dem Tod ihrer Eltern hatten Emma und Carla überlegt, was sie mit dem Haus machen sollten. Natürlich hätten sie es verkaufen können, aber sie hingen beide an ihrem Elternhaus. Die Lösung kam in Gestalt von Nele und Thomas Schuster, einem jungen Paar, welches bei Doris in der Nachbarschaft lebte. Nele hatte gerade erfahren, dass sie mit Zwillingen schwanger war, und die beiden wollten sich vergrößern. Emma und Carla boten den beiden ihr Elternhaus zur Miete an, so blieb es weiterhin in ihrem Besitz, stand aber nicht leer. Dass die beiden nun ausziehen wollten, betrübte Emma sehr.

»Doris, ich muss das erst einmal verarbeiten und nachher mit Carla besprechen. Ich melde mich morgen noch mal bei dir, okay?« Dann kam ihr ein Gedanke. Sie hatte frei, es gab keinen Grund, warum sie nicht nach Hause fahren und sich das Ganze selber ansehen sollte. Sie hatte Doris schon lange nicht mehr gesehen und ihre Oma Käthe würde sich bestimmt auch über einen Besuch freuen. Ganz nebenbei könnte sie dann noch ein wenig über ihre Zukunft mit Marco nachdenken. Es war zwar etwas feige, sich nun einfach aus dem Staub zu machen, aber momentan erschien ihr die Idee sehr reizvoll. Außerdem vermisste sie ihre Heimat und das Meer. Ein wenig Urlaub könnte sie sich ruhig mal gönnen.

»Doris, ich komme nach Möwenburg. Ich spreche aber noch mit Carla, vielleicht hat sie Zeit und begleitet mich für ein Wochenende. Ich melde mich noch und gebe dir meine Reisedaten durch.«

»Das ist ja schön, ich freue mich sehr, euch mal wieder zu sehen. Dann sprich mit Carla und melde dich dann noch mal. Bis morgen.« Emma verabschiedete sich noch und legte dann auf.

Sie saß noch eine Weile einfach nur da. Warum war sie nicht schon früher darauf gekommen? Nach dem Studium und dem Praktikum nach Möwenburg zu fahren, das war ihre erste gute Idee seit Langem.

Währendessen saß Carla an ihrem Schreibtisch und schaute auf ihren Text, den Frau Hagen ihr, wie erwartet, mit vielen roten Anmerkungen zurückgemailt hatte. Die Änderungen kamen Carla ziemlich willkürlich vor. Sie druckte sich den korrigierten Text aus, schnappte sich die Blätter und rauschte aus dem Büro, verfolgt von den erstaunten Blicken von Frau Zeisler, Frau Hagens rechter Hand, mit der sie sich ein Büro teilte.

Carla ignorierte den Fahrstuhl, der ihr immer zu lange brauchte, und sprang die Treppe hinauf. Chris hatte sein Büro zwei Etagen über ihr. Sie lief den Gang entlang, klopfte an seine Bürotür und trat ein, nachdem sie dazu aufgefordert wurde. Aber in dem Büro saßen nur zwei Kollegen von Chris, von ihm keine Spur.

»Chris hat einen Termin außer Haus, der kommt heute nicht mehr rein«, klärte sie sein Kollege auf.

»Oh, danke schön, dann komme ich morgen wieder«, sagte Carla und verließ das Büro. Und jetzt? Sie fühlte sich entsetzlich einsam. Sie wollte nicht wieder in ihr Büro, in dem sie mit niemandem reden konnte und nur gepiesackt wurde. Dort gab es nur Frau Hagen, Frau Zeisler und sie. In einem weiteren Raum saßen noch zwei Grafiker, aber zu denen hatte Carla kaum Kontakt. Und mit Frau Zeisler wurde sie auch nicht richtig warm, obwohl sie sich wirklich Mühe gab. Sie konnte sie einfach nicht einschätzen, wusste nicht, inwieweit sie ihr vertrauen konnte.

Carla schaute auf ihre Uhr und beschloss, erst einmal Mittagspause zu machen. Schließlich war es gleich dreizehn Uhr und ihr Magen knurrte schon. Sie lief kurz in ihr Büro, legte den Artikel auf ihren Schreibtisch, nahm ihre Tasche und sagte Frau Zeisler Bescheid, das sie kurz etwas Essen gehen würde. Dann verließ sie das Büro. Dass Frau Zeisler hämisch hinter ihr her grinste, merkte sie nicht.

14. Juni 2006

Hamburg

Emma stand in Barbaras Laden und fertigte ein Gesteck an, als Simone zur Tür hereinkam.

»Hallo Emma! Schön, dich zu sehen. Ich wollte Nina abholen.«

Simone umarmte Emma und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

»Nina ist in der Küche, sie hatte Hunger und Barbara hat ihr schnell Eintopf warm gemacht. Ich halte hier so lange die Stellung.«

»Ich habe mich schon gefragt, ob du hier wieder arbeitest«, Simone grinste. »Schließlich hältst du es ohne Blumen doch nicht lange aus.«

»Das stimmt schon, aber ich habe etwas ganz anderes vor«, strahlte Emma. »Ich fahre nach Hause und besuche Doris. Am Freitag geht es los. Carla kommt übers Wochenende mit, obwohl ich sie am liebsten gleich zwei Wochen nach Möwenburg entführen würde. Sie ist so müde und gestresst, dieses Volontariat tut ihr gar nicht gut.«

»Das ist mir auch schon aufgefallen«, meinte Simone. »Sie wirkt sehr abgespannt und nicht besonders glücklich.«

»Wer ist nicht glücklich?«, dröhnte plötzlich Barbaras Stimme durch den Laden.

»Meine Schwester Carla. Sie macht ein Volontariat bei »Schiller & Tegenkamp«, seitdem ist sie ständig müde, hat dunkle Ringe unter den Augen und lächelt fast gar nicht mehr. Ihre Chefin scheint ein richtiger Drachen zu sein.« Emma fuhr sich mit dem Unterarm über die Wange. Ein winziges, grünes Blatt blieb neben ihrem Mundwinkel hängen. Fast wie ein Schönheitsfleck, dachte Simone und streckte die Hand aus, um Emma von dem Blatt zu befreien.

Barbara schaute auf das Gesteck. »Wunderschön, Emma! Das ist eine richtig tolle Kombination, da wäre ich nie drauf gekommen. Das bekommt einen Ehrenplatz im Schaufenster. Aber jetzt sag mal: Warum fahrt ihr nach Möwenburg? Du wolltest mir vorhin davon erzählen, aber wir wurden von Nina unterbrochen.«

»Das Dach ist undicht und unsere Mieter ziehen aus. Das ist wirklich schade, es war so unkompliziert mit ihnen. Wir wissen noch gar nicht, was wir jetzt mit dem Haus machen sollen. Ich würde am liebsten neue Mieter suchen. Ich möchte das Haus nicht verkaufen.« Emma schluckte. Sie griff nach der Gartenschere, um ein paar überstehende Zweige vom Gesteck abzuschneiden. Eine Träne lief ihr über das Gesicht und sie wischte sie zornig mit der freien Hand weg. Sie griff nach dem überstehenden Zweig und schnitt zu. Ein Schmerz fuhr ihr durch die Hand und im nächsten Moment tropfte Blut auf den Tresen. Emma hatte im Überschwang nicht aufgepasst und nicht nur den Zweig erwischt, sondern sich in die linke Hand geschnitten. Verwundert sah sie auf die tropfende Wunde. Es sah richtig tief aus.

»Oh«, mehr kam nicht über ihre Lippen, nur dieser einzige Laut. Barbara rannte zum Verbandskasten und holte ein Verbandpäckchen hervor.

»Passt du noch ein wenig auf Nina auf? Ich fahre Emma ins Krankenhaus. Das ist ein ziemlich tiefer Schnitt, ich fürchte, das muss genäht werden.« Simone griff schon nach ihrer Tasche. »Emma, hast du deine Krankenkassenkarte in deiner Handtasche oder liegt sie oben in eurer Wohnung?«

»Die habe ich immer dabei«, bemerkte Emma und schaute Barbara zu, die ihre Hand verband.

Simone nahm Emmas Tasche, griff nach Emmas gesunder Hand und zog sie mit zu ihrem Auto.

Eine Viertelstunde später parkten sie am Krankenhaus. Der muffelige Pförtner rief Simone noch ein »junges Fräulein, aber eine Parkkarte ziehen, nicht vergessen!«, hinterher, nachdem er ihr die Schranke geöffnet hatte. Simone murrte vor sich hin, während sie am Automaten eine Karte zog, dann ging sie mit Emma zur Notfallambulanz. Dort war es natürlich ziemlich voll. Kein Wunder, um neunzehn Uhr hatte keine Arztpraxis mehr geöffnet. Vor ihnen am Schalter stand ein etwa vierzigjähriger Mann und redete auf die Schwester ein, die hinter einer Glasscheibe saß und etwas genervt wirkte.

»Hören Sie, Sie müssen mich jetzt bitte zu einem Arzt lassen, sonst bin ich zum Anpfiff nicht rechtzeitig zu Hause.«

»Sie müssen schon warten. Wir vergeben hier Termine nach Dringlichkeit, nicht nach irgendwelchen Fußballspielen.«

»Aber das ist doch nicht irgendein Spiel! Das ist die WM! Heute spielt Deutschland!«, der Mann war wirklich verzweifelt. Simone stöhnte.

Die Schwester schaute dem Mann tief in die Augen. »Sie setzten sich jetzt bitte hin, damit ich hier weiter meine Arbeit machen kann. Je schneller Sie sitzen und je ruhiger Sie sich verhalten, desto schneller sind hier alle fertig und Sie kommen nach Hause, zu ihrem Fernseher.« Der Mann trollte sich murrend und Simone konnte endlich mit Emma an den Schalter und ihren Fall schildern.

»Eine tiefe Schnittwunde also«, wiederholte die Schwester, während sie Emmas Krankenkassenkarte durch das Lesegerät zog und auf ihrem Computer tippte. »Blutet es noch stark?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Simone. »Sie hat einen Verband um die Hand. Aber vorhin hat es ganz schön stark getropft.«

»Setzten Sie sich bitte in den Warteraum. Ich hole Sie bald ab. Brauchen Sie Schmerzmittel?«, fragte die Schwester Emma.

Diese schüttelte den Kopf. »Nein, es tut komischerweise gar nicht weh.«

Die Schwester musterte Emma, dann wandte sie sich noch einmal an Simone. »Ich glaube, sie hat einen leichten Schock. Ich schaue mal, dass ich schnell einen Arzt finde, der sich den Schnitt ansehen kann. Setzten Sie sich so lange.«

Simone führte Emma in den Warteraum und brachte ihr einen Becher kaltes Wasser, den Emma gierig austrank.

»Das tut gut«, Emma lächelte Simone an. Dann verzog sie gequält das Gesicht. »Au, Mist, jetzt tut es doch weh.«

»Ich habe mal gehört, dass man, wenn man eine tiefe Verletzung hat, zuerst so geschockt ist, dass man nichts mehr spürt. Aber irgendwann kommt der Schmerz dann wieder.«

»Na toll!«, Emma schaute auf ihre verbundene Hand. »Dann wäre ich jetzt gerne noch im Schockzustand.«

»Ich kann die Schwester ja mal fragen, ob sie eine Schmerztablette für dich hat.«

Simone verließ das Wartezimmer und Emma schaute sich um. Das lenkte wenigstens etwas von dem pochenden Schmerz in ihrer Hand ab. Wie konnte sie auch so blöd sein und sich in die Hand schneiden. So etwas war ihr noch nie passiert. Sie sollte nicht an Pflanzen herumschnippeln, wenn sie über Probleme mit ihrem Elternhaus nachdachte. Ihr gegenüber saß der Fußballfan und tippte etwas in sein Handy, obwohl ein großes Schild im Warteraum darauf hinwies, dass man seine Mobiltelefone ausschalten sollte. Er sah nicht besonders krank aus und Emma fragte sich, was ihm wohl fehlte. Schräg gegenüber in einer Ecke saß ein Vater mit seinem etwa zehnjährigen Sohn. Der Junge hielt seinen Arm fest und erzählte seinem Vater von einem Sturz und dass es im Oberarm komisch geknackt hatte. Emma hörte schnell weg. Neben dem Jungen und seinem Vater war ein Platz frei und daneben saß eine ältere Dame, die sich einen Kühlakku an die Schläfe hielt. Die Dame sah auf und lächelte plötzlich, da bemerkte Emma den älteren Herrn, der sich neben sie setzte und ihre Hand nahm. Er flüsterte der Dame etwas zu, was klang wie »Alles wird wieder gut, Trudchen.«. Emma lächelte. Gerade wollte sie sich umdrehen, um zu schauen, wer noch in der Reihe hinter ihr saß, da kam Simone schon zurück, mit einem weiteren Becher und einer Tablette.

»Hier, die darfst du nehmen, eine Schmerztablette von der Schwester.« Simone reichte Emma die Tablette und den Becher. Eine Ärztin kam und der Fußballfan sprang auf, aber die Ärztin ignorierte ihn und nahm den Jungen mit seinem Vater mit.

»Also, das ist doch.... So eine Frechheit!«, murmelte der Mann vor sich hin.

Simone grinste. «Der sieht doch eigentlich ganz gesund aus«, flüsterte sie Emma zu.

»Ich glaube, der leidet bloß an Fußballfieber.«, bemerkte Emma und beide kicherten.

In dem Moment betraten zwei Ärzte das Wartezimmer. Der Eine ging zu der älteren Dame und ihrem Mann und bat sie, ihm zu folgen. Der Andere, ein sehr gut aussehender, großer, junger Mann, stutzte zuerst, dann lächelte er und ging schnurstracks auf Simone zu. Er strahlte sie an.

»Sind sie Frau Licht? Die Dame mit dem Schnitt in der Hand?«

»Ich bin Frau Müller und habe meine Freundin, Frau Licht, hierher gebracht.« Simone wies auf Emma und lächelte den jungen Arzt verzaubert an. Die beiden hatten nur Augen füreinander. In diesem Moment hatte Emma das Gefühl, hier gerade völlig überflüssig zu sein.

Emma folgte Simone und dem Arzt, der sich als Doktor Jäckel vorgestellt hatte, in das Behandlungszimmer. Ihre Hand schmerzte, aber dieser Arzt hatte sie bis jetzt kaum angesehen. »Hoffentlich schaut er sich meine Hand gleich richtig an und hat nicht nur Augen für Simone«, brummelte Emma vor sich hin.

»So, da wären wir, bitte schön«, sagte Dr. Jäckel und öffnete eine Tür. »Sie können sich dort auf die Liege setzen, und Sie gerne auf den Stuhl daneben.«. Der Arzt rückte Simone einen Stuhl zurecht, aber diese lächelte nur.

»Ich bleibe stehen, danke.«, erwiderte sie und lächelte Dr. Jäckel an. Dieser entfernte den Verband von Emmas Hand.

»Haben Sie den Verband angelegt? Der ist richtig gut« Dr. Jäckel strahlte Simone an.

»Den hat meine .... Freundin.... angelegt«, stotterte Simone und Emma schnaubte.

Dr. Jäckel musterte die Schnittwunde.

»Das ist ziemlich tief. Können Sie die Finger bewegen?« Er zeigte auf jeden einzelnen Finger und forderte Emma auf, abwechselnd damit zu wackeln.

»Es ist gut, dass Sie ihre Finger bewegen können«, bemerkte Dr. Jäckel, während er Simone schon wieder anstrahlte. »Wir können die Wunde kleben, dann kommt noch ein Verband darum und Ende nächster Woche können Sie das von Ihrem Hausarzt nachuntersuchen lassen. Wenn Sie allerdings vorher Probleme haben, können Sie natürlich jederzeit hier vorbei kommen.«

Bei diesen Worten schaute der Arzt schon wieder Simone an.

»Warum nur habe ich das Gefühl, dass ich damit nicht gemeint bin?«, murmelte Emma. Dr. Jäckel verließ kurz das Zimmer, um eine Schwester und das nötige Verbandszeug zu holen.

»Bin ich froh, dass er wenigstens kurz Augen für meine Hand hatte«, Emma grinste Simone an. »Den Verband hat also ein »Freundin« gemacht, aha!« Simone wurde prompt knallrot.

»Es tut mir leid, ich weiß auch nicht,« stotterte sie. »Was hätte ich denn sagen sollen? Meine Schwiegermutter? Dann würde er mich doch nicht mehr anschauen! Was soll ich denn jetzt machen?«

»Wenn du ihn sympathisch findest, dann frag ihn doch, ob er mal etwas mit dir trinken geht.« Emma musterte den Schnitt in ihrer Hand, der immer noch leicht blutete.

»Das traue ich mich nicht«, zischte Simone und verstummte schnell, weil Dr. Jäckel zusammen mit einer Schwester wieder ins Zimmer kam. Er reinigte Emmas Hand und verklebte den Schnitt, dann verband die Schwester die Hand und Dr. Jäckel erzählte noch ein paar Dinge, auf die Emma die nächsten Tage achten sollte. Dabei ließ er Simone nicht aus den Augen.

»Haben Sie eine Tetanusimpfung?«, fragte die Schwester Emma.

»Ja, die wurde erst vor einem Jahr aufgefrischt.«

»Gut, dann sind wir jetzt fertig. Ich wünsche Ihnen gute Besserung. Die Schwester lächelte Emma an und verließ das Zimmer. Kurz bevor sie durch die Tür verschwunden war, steckte sie noch einmal ihren Kopf ins Zimmer.

»Dr. Jäckel? Kann ich Ihnen dann den nächsten Patienten bringen? Da ist ein Herr, der sehr aufgebracht ist wegen des Fußballspiels. Wenn wir ihn noch länger warten lassen, hyperventiliert er.«

»Äh, ja, na gut«, bemerkte Dr. Jäckel zerstreut. Emma hüpfte von der Liege und sah Simone durchdringend an.

»Ich warte dann draußen auf dich!«, sprach sie und beeilte sich, schnell durch die Tür zu kommen, um den beiden noch einen kurzen, ungestörten Moment zu lassen. Am Ende des Ganges sah sie schon den aufgebrachten Fußballfan nahen.

»Hoffentlich tauschen sie wenigstens schnell noch ihre Handynummern aus«, war Emmas letzter Gedanke, bevor der Mann an ihr vorbei ins Behandlungszimmer rauschte. Im selben Moment kam eine selig grinsende Simone aus dem Raum, in der Hand eine Visitenkarte.

»Er hat mich gefragt, ob wir morgen etwas trinken gehen wollen. Oh mein Gott, er sieht so gut aus, oder? Er sieht doch unwahrscheinlich gut aus, findest du nicht? Er hat sogar Grübchen, wenn er lächelt.« Simone war völlig aufgelöst.

»Soll ich lieber fahren?«, bemerkte Emma trocken. Dann lächelte sie breit.

»Ja, er sieht gut aus. Aber die Hauptsache ist, dass er nett zu dir ist.«, sprach sie, hakte Simone unter und fuhr mit ihr nach Hause.

16. Juni 2006

Möwenburg

Carla und Emma saßen im Zug und waren aufgeregt. Seit über drei Jahren waren sie nicht mehr in Möwenburg gewesen. Damals hatten sie Doris besucht und waren bei Nele und Thomas Schuster eingeladen gewesen, um die Zwillinge anzusehen.

»Ob sich viel verändert hat?«, fragte Emma ihre Schwester.

»Glaube ich nicht«, bemerkte Carla. »Was soll sich in Möwenburg schon groß ändern? Es ist halt eine nette, gemütliche Kleinstadt.«

»Jaja, dir war es da schon immer zu eng und provinziell. Ich freue mich, endlich mal wieder ein paar Tage dort zu verbringen. In ein paar Stunden können wir schon auf das Meer schauen.«, Emma seufzte und malte mit dem Finger ein Herzchen auf die Fensterscheibe des Zuges. Draußen zogen Wiesen und Felder vorbei.

»Schau nur, Schafe!«, rief Emma aufgeregt und wedelte mit der Hand vor dem Fenster herum. »Kaum ist man aus Hamburg raus, wird es auch schon grün.«

Carla zog ihren Laptop aus der Tasche.

»Ich muss leider noch etwas für Frau Hagen fertig machen. Ich hoffe, das ist in Ordnung?«, sie sah Emma schuldbewusst an.

»Klar, kein Problem, ich habe etwas zum Lesen dabei. Aber ich wäre froh, wenn du auch mal richtig abschalten würdest.«

»Glaub mir, das wäre ich auch,« murmelte Carla, während sie ihre Datei öffnete und zu tippen begann.

Knapp eineinhalb Stunden später stiegen Emma und Carla in Möwenburg aus dem Bus, der sie von Kiel aus in ihre alte Heimat gebracht hatte. Emma sah sich auf dem idyllischen Marktplatz um und hüpfte aufgeregt mal nach rechts, mal nach links.

»Carla, schau, die Eisdiele. Sie ist immer noch da. Und der Blumenladen, der Bäcker, alles ist fast wie früher. Nein, es ist viel schöner. Schau nur, der Bäcker hat neue Markisen, weiß und grün. Und die Blumenkübel. Wie schön!«

Carla stöhnte. »Emma, kannst du mal kurz ruhig sein? Mein Handy klingelt. Und ja, ich finde auch, dass die Markise hübsch ist.« Sie grinste und zog ihr Handy aus der Tasche. Als sie den Namen im Display erkannte, erstarb ihr Lächeln. Frau Hagen höchstpersönlich.

In dem Moment bremste ein kleines, rotes Auto neben Emma und Carla und eine schicke Dame stieg aus. Sie trug eine schöne türkisfarbene Tunika zu einer weißen Hose, hatte eine große Sonnenbrille auf der Nase und trug einen flotten, blond gesträhnten Kurzhaarschnitt. Die Dame strahlte die beiden an und breitete ihre Arme aus. Emma fand ihre Sprache als Erste wieder.

»Tante Doris? Wow, du siehst fantastisch aus!«

Carla hatte vor Schreck ihre Chefin weggedrückt. Sie schaute zuerst auf ihr Handy, dann auf ihre Tante, dann schaltete sie das Handy aus und steckte es entschlossen in ihre Tasche.

»Ich behaupte einfach, da war ein Funkloch«, bemerkte sie, bevor sie auf ihre Tante zuging.

Beide umarmten Doris und schauten sie bewundernd an.

»Du siehst fantastisch aus!« Carla zupfte an Doris Haarsträhnen. »Die Frisur steht dir richtig gut. Und die Farbe ist toll!«

»Danke.« Doris strahlte. Vor etwas über einem Jahr war sie noch eine unscheinbar gekleidete Frau mit dunkelgrauen Haaren gewesen. Seit dem Tod ihres Bruders hatte sie immer mehr überlegt, ob sie ihr Leben wirklich so lebte, dass sie irgendwann einmal zufrieden zurückblicken konnte. Vor eineinhalb Jahren hatte ihre Mutter Käthe darauf bestanden, in ein Heim zu kommen. Sie wollte nicht von ihrer Tochter gepflegt werden.

»Ich werde immer mehr vergessen und es wird schwerer werden, auf mich aufzupassen«, hatte Käthe zu Doris gesagt. »Ich möchte, dass du dein Leben noch genießt. Ich hatte meins. Bitte, ich weiß, dass es mir in »Möwenruh« gut gehen wird. Ich kenne einige Pflegerinnen dort.«

Schließlich hatte Doris ihre Mutter schweren Herzens ins Heim gebracht. Aber diese war dort sogar noch einmal aufgeblüht. Käthe fühlte sich wohl mit den anderen, älteren Leuten. Sie hatte dort ein hübsches Zimmer und die Pfleger und Schwestern waren sehr nett.

Doris hatte beschlossen, ihr Leben mehr zu genießen. Sie war immer fleißig gewesen, hatte viel gearbeitet und sich wenig gegönnt. Eine eigene Familie hatte sie nie gegründet, das hatte sich nicht ergeben. Umso mehr hatte sie sich gefreut, als erst Carla und dann Emma auf die Welt gekommen waren. Sie hatte die Mädchen so gerne um sich gehabt. Aber dann zog Carla nach Hamburg und ihr Bruder verunglückte mit seiner Frau. Als Käthe im Heim war, wurde es sehr still in Doris Leben. Sie hatte sich auf ihre Hobbys besonnen, hatte einen Zeichenkurs besucht, eine nette Gruppe gefunden, die sich einmal die Woche jeweils bei Einem zum Kochen, Essen und Quatschen traf, hatte eine Typberatung gemacht, ging viel in Museen und Veranstaltungen und genoss ihr Leben. Sie fühlte sich rundherum wohl.

Nun waren »ihre Mädchen« endlich mal wieder bei ihr. Sie freute sich sehr.

»Was hast du mit deiner Hand angestellt?« Doris griff vorsichtig nach Emmas linker Hand.

»Das ist nur ein Schnitt, es tut fast gar nicht mehr weh und musste nur geklebt werden.«

»Wollen wir erst einmal zu mir fahren? Dann könnt ihr euch frisch machen.«

»Gerne.« Carla wuchtete zuerst Emmas voluminösen Koffer in den Kofferraum von Doris kleinem Auto, dann quetschte sie ihre kleine Reisetasche daneben. Sie stiegen ins Auto und Doris brauste los.

Bei Doris zu Hause hatte sich auch einiges geändert. Die Wohnung wirkte sehr luftig. Emma strich staunend durch die drei Zimmer. Alles war hell gestrichen, es gab keine wuchtigen Möbel mehr.

»Ich habe sehr viel ausgeräumt.« Doris trat hinter Emma und strich liebevoll über die Lehne des hellgrünen Sofas. »Ich konnte die dunklen Möbel nicht mehr ertragen. Und eine Schrankwand kommt mir bestimmt nie wieder ins Haus!« Doris lachte.

»Das sieht alles so schön aus.« Emma schaute bewundernd die kleine, weiße Kommode an, die im Wohnzimmer stand. Dort hatte früher die besagte Schrankwand ihren Platz gehabt. Ein kleines Bücherregal mit hübschen Glastüren stand an der Wand daneben.

»Wo sind deine ganzen Bücher?«, fragte Emma.

»Ich habe nur noch meine liebsten Bücher im Regal, die anderen habe ich verschenkt, weil ich sie doch nicht noch einmal lese. Es kommen so viele neue, gute Bücher heraus. Ich bin jetzt in so einer Tauschgruppe, das ist sehr praktisch, weil ich dann meine Wohnung nicht so vollstellen muss.«

Carla kam aus dem Arbeitszimmer, in dem sie mit Emma schlafen würde.

»Das ist ja eine tolle Ausziehcouch. Richtig gemütlich!« Carla gähnte und streckte sich.

»Du kannst dich auch gerne hinlegen, du siehst müde aus.« Doris strich Carla über die Wange.

»Ich möchte wenigstens noch einmal ans Meer und die Wellen rauschen hören. Dann schlafe ich nachher bestimmt wie ein Baby. Außerdem habe ich Hunger. Gibt es Alex` Fischbüdchen noch?«

»Klar, man kann dort jetzt sogar draußen sitzen, er hat einen kleinen Bereich mit einer Art Pavillon überdacht, sehr gemütlich. Dort sitzt man windgeschützt, kann aber trotzdem aufs Meer gucken.«

»Oh, wie schön, wollen wir dort hingehen? Die Fischbrötchen waren immer so lecker.«

»Klar, wollen wir gleich los?«, konnte Doris gerade noch fragen, da waren Emma und Carla schon zur Tür geflitzt und jubelnd hinausgelaufen.

Zwei Stunden später saßen sie in der Dämmerung in Decken gewickelt in Alex` Fischbüdchen und schauten den Möwen zu, die zwischen den Tischen nach Futter suchten. Dazwischen hüpften auch ein paar freche Spatzen herum. Einer hatte es gerade geschafft, einer Möwe ein Stück Brot abzuluchsen, und flog jetzt schnell mit seiner Beute davon. Die Möwe blieb verdutzt zurück.

Carla gähnte und rieb sich über den Bauch.

»Das war so lecker!«, schwärmte sie. Sie schaute träge zum Meer und gähnte.

Emma wickelte sich glücklich in ihre Decke.

»Nirgendwo ist es so schön wie hier.« Sie knibbelte mit dem Daumen an der Kerze auf dem Tisch herum. Doris lächelte.

»Das hast du schon immer gemacht. Vor dir war nie eine Kerze sicher.«

»Ups«, Emma grinste. »Tut mir leid. Ich habe wohl eine Schwäche für Wachs. Klappt es morgen mit Nele und Thomas? Können wir den Dachboden ansehen?«

»Ja, das ist kein Problem. Die beiden haben schon einen Großteil ihrer Sachen aus dem Haus geräumt, also bekommt morgen keinen Schreck.«

»So schnell?« Emma sah betrübt aus.

»Du hast gehofft, sie überlegen es sich nochmal? Ach Emma, das Haus seiner Mutter ist so groß und sie hat es extra umgebaut. Nele und Thomas haben mit den Kindern ihren eigenen, großen Bereich, mit eigenem Eingang. Seine Mutter wohnt in einer kleineren, frisch ausgebauten Wohnung unterm Dach. So eine Chance hätte ich mir auch nicht entgehen lassen.«

»Ich weiß. Aber was sollen wir denn mit dem Haus machen? Ich möchte es nicht verkaufen.« Emmas Miene verdunkelte sich.

»Das wird sich finden.« Doris strich Emma über den Arm. Dann stutzte sie.

»Was ist das für ein Grunzen?« Doris lauschte.

Emma spitzte ebenfalls die Ohren. Schließlich deutete sie lächelnd auf Carla. Die war in ihrem Stuhl eingeschlafen. Ihr Kopf war zur Seite geneigt und ihr Mund war leicht geöffnet. Sie schnarchte leise.

»Ich glaube, wir müssen nach Hause gehen. Obwohl es mir sehr leidtut, sie jetzt zu wecken.« Doris sah Carla liebevoll an.

»Vielleicht hat Alex ja einen Bollerwagen für uns, dann können wir Carla nach Hause rollen.« Emma kicherte und Doris schaute sie strafend an.

»Nein, das tun wir Carla nicht an. Stimmts, Carla!«, fragte sie etwas lauter in deren Richtung.

Carla schreckte auf, wischte sich verstohlen über das Kinn und blinzelte.

»Was ist los?«, fragte sie. »Warum sitzen wir noch hier?«

»Weil du so schön geschlafen hast.«, stichelte Emma.

»Gar nicht!«, murmelte Carla, erhob sich etwas schwerfällig und die Drei gingen nach Hause und fielen sofort in ihre Betten.

17. Juni 2006

Möwenburg

Zaghaft näherten sich Emma und Carla am nächsten Tag ihrem Elternhaus. Es sah noch genauso aus, wie sie es in Erinnerung hatten. Der kleine Vorgarten mit den Stockrosen rechts und links neben der Haustür, die hellblauen Fensterläden, die hübschen, kleinen Säulen, die das Vordach über der Haustür trugen. Jutta, ihre Mutter, hatte sich immer ein kleines Vordach gewünscht, welches von kleinen Säulen gehalten werden sollte. Michael hatte ihr diesen Wunsch irgendwann erfüllt und mit einem Freund dieses Vordach gebaut. Jutta war währenddessen von Doris abgelenkt worden. Als sie am Abend müde nach Hause gekommen war, hatten Michael, Emma und Carla hinter dem Wohnzimmerfenster gehockt und gespannt beobachtet, wie Jutta reagierte. Sie war zunächst auf die Tür zugegangen wie immer, dann hatte sie innegehalten, war ein paar Schritte zurückgegangen und hatte mit großen Augen nach oben geblickt. Schließlich hatte sie gelächelt, so breit, dass Michael später immer sagte, in diesem Moment sei die Sonne aufgegangen, obwohl der Tag ansonsten trüb gewesen war.

Emma sah diese Szene gerade genau vor sich und der Klumpen, der ihr manchmal noch schwer im Hals steckte, war wieder da. Carla steckte den Schlüssel ins Schloss und betrat das Haus. »Das sieht richtig gut aus. Nele und Thomas haben neu gestrichen. Schöne Farben!«

Emma betrat zaghaft das Haus. Alles war hell und freundlich gestrichen. Es sah anders aus als früher, und Emma war insgeheim erleichtert. Sie konnte durch die Räume streifen, ohne in Tränen auszubrechen. Alles war leer und sauber. Es war zwar ihr Elternhaus, aber es sah frischer aus als früher. Im ehemaligen Wohnzimmer standen ein paar Kisten, die Nele und Thomas später abholen wollten.

Schließlich betraten die Zwei den Dachboden, um sich den Wasserschaden anzusehen. Dort lagerten auch noch ein paar Möbel ihrer Eltern, von denen sie sich nicht hatten trennen wollen, die aber für ihre Hamburger Wohnung zu groß waren. Ein Sekretär, eine schöne Kommode und ein Buffet. Thomas und Nele hatten das Buffet mehr in die Mitte des Raumes geschoben und einen großen Eimer unter das Dach gestellt. Emma blieb an der Treppe stehen und sah den Staubflocken zu, die im Lichtschein des kleinen Dachfensters tanzten. Als Kind hatte sie oft hier oben gestanden und die Ruhe genossen, durch das kleine Fenster in den Himmel geschaut und den Wolken nachgesehen. Das hatte sie immer beruhigt. Egal, was passiert war, hier oben war ihre eigene, ruhige Welt, in der ihr nichts passieren konnte. Eigentlich könnte man diesen Raum auch gleich ausbauen, wenn das Dach sowieso schon repariert werden musste.

Carla trat neben Emma und stieß einen kleinen Schrei aus.

»Was ist das denn!« Carla stürmte zum Sekretär. Darunter hatte sich eine kleine Pfütze gebildet. Sie schob den Sekretär ein wenig von der Dachschräge weg, dahinter befand sich ein weiteres kleines Loch.

»Hilf mir mal. Wir müssen den Sekretär wegschieben. Hoffentlich ist er nicht zu nass geworden.« Carla schob das massive, schwere Möbelstück mit Emmas Hilfe in die Mitte des Dachbodens. Dann stieg sie die Treppe hinab zum Auto, um Handtücher und einen weiteren Eimer zu holen. Emma umrundete den Sekretär, aber er sah zum Glück nicht so schlimm aus. Plötzlich stutzte sie. War diese Ecke da schon immer gewesen? Unter der Platte des Sekretärs, ein Stück über den Türen, sah es aus, als hätte sich das Holz gelöst. Emma drückte vorsichtig dagegen und es sprang eine kleine Klappe auf. »Ein Geheimfach!« Emma staunte und warf einen Blick in das schmale Fach. Zuerst wollte sie die kleine Klappe einfach wieder schließen, aber dann bemerkte sie eine Mappe in dem Fach, so groß wie ein Din-A-4 Umschlag. Sie holte die Mappe aus dem Fach und schloss es wieder. In dem Hefter befanden sich einige Briefe, geschrieben in einer schnörkeligen Schrift, die Emma nicht kannte. Sie wollte gerade nachsehen, ob sie irgendwo einen Namen entziffern konnte, da hörte sie Carla fluchen. Emma stopfte die Briefe in ihre Handtasche und lief Carla entgegen.

»Was ist los?«

»Ich habe eine Nachricht von Frau Hagen bekommen. Irgendwas mit meinem letzten Artikel. Ich glaube, ich muss gleich nochmal an meinen Laptop.« Carla sah Emma zerknirscht an.

»Das ist nicht schlimm. Der Sekretär hat nicht viel abbekommen. Ich wische ihn noch schnell ab, du kannst inzwischen den Eimer unter die undichte Stelle stellen.« Emma wischte über den Sekretär und sah ihre Schwester an.

»Du musst doch auch mal ein Wochenende Ruhe haben. So geht das nicht!«

»Ich bin Volontärin! Ich muss mich doch erst beweisen!« Carla sah verzweifelt aus.

»Okay, beruhige dich. Ich mache mir ja nur Sorgen.«

»Das brauchst du nicht, wirklich! Ich habe letzte Nacht herrlich geschlafen. Ich gucke nur kurz, was Frau Hagen geändert haben möchte, und dann gehen wir noch an den Strand. Um einen Dachdecker können wir uns heute sowieso nicht kümmern.«

Die beiden Schwestern liefen noch einmal durch das Haus, dann schlossen sie die Tür und fuhren zur Wohnung ihrer Tante.

April 1974

Kiel

Die Luft war noch feucht vom Regen. Es war kühl und ungemütlich und Michael schlug seinen Mantelkragen hoch, um sich vor dem beißenden Wind zu schützen. Er fror erbärmlich. Seit der letzten Nacht plagte ihn Fieber. Schon die ganze letzte Woche hatte er sich erkältet in die Uni und zu seinem Job geschleppt, aber nun fühlte er sich so schlecht, dass er einen Arzt aufsuchen musste. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal krank gewesen war. Es musste schon ewig her sein, er hatte schon lange keine Arztpraxis mehr aufgesucht. Er verglich die Adresse auf dem Zettel, den ihm sein Mitbewohner am Morgen gegeben hatte, mit dem Straßenschild und lief auf ein hübsches Backsteinhaus zu. Die Eingangstür war groß und schwer, Michael musste sich dagegen lehnen, damit sie sich öffnete. »Wie soll denn eine ältere, schwache Dame diese Tür aufbekommen?«, brummelte er vor sich hin und betrat das Treppenhaus. Er drückte auf den Lichtschalter und blickte sich um. Der Flur hatte hohe Decken mit Stuckornamenten, an der linken Wand befand sich eine Tafel, die darauf hinwies, dass sich Herr Dr. Rabe im zweiten Stock befand. Michael stieg die Treppen hinauf und schellte an der Tür des Arztes. Der Summer ertönte, er trat ein und meldete sich bei der Sprechstundenhilfe an.

»Nehmen Sie bitte links im Wartezimmer Platz. Es ist ziemlich voll, das liegt bestimmt an diesem ungemütlichen Wetter. Da werden Sie leider ein wenig warten müssen.«

»Das macht nichts«, Michael lächelte. »Ich habe heute sowieso nichts mehr vor.«

Er betrat das Wartezimmer, grüßte freundlich und sah sich nach einem freien Platz um. Und da entdeckte er sie!

Sie saß auf einem Stuhl vor dem Fenster, das fahle Licht schien ihr auf die rotblonden Haare, die ihr in Wellen über den Rücken fielen. Sie hatte eine Zeitschrift auf dem Schoß und blätterte gerade um, dabei hob sie kurz den Kopf und sah ihm geradewegs in die Augen. Michael lächelte und sie erwiderte sein Lächeln. Die Zeit schien stillzustehen. Sie hatte große, braune Augen, was ein schöner Kontrast zu ihren rotblonden Haaren war. Michael stand immer noch in der Tür des Wartezimmers, als die Sprechstundenhilfe den nächsten Patienten aufrief, der sich murrend an Michael vorbeidrängelte und schimpfte. »Sie stehen im Weg, können Sie sich nicht setzen?« Michael entschuldigte sich und ging auf die Frau zu. Wie der Zufall es wollte, war der Eckplatz an ihrer Seite frei. Michael setze sich und schniefte. Jetzt bemerkte er erst ihre ebenfalls ziemlich gerötete Nase.

»Sind Sie auch so furchtbar erkältet?«, fragte er. Sie lächelte. »Ja, und das geht schon fast eine Woche so. Gestern fing ich an zu frieren und da dachte ich mir, ich gehe lieber mal zum Arzt.«

»Genau wie bei mir«, bemerkte Micheal. Verstohlen musterte er sie. Sie war klein und schmal, trug schwarze Stiefel, die bis zu den Knien gingen, ein zipfeliges, blaues Kleid und einen Mantel mit Fellbesatz. Er knetete seine Hände und wünschte, ihm würde noch etwas Geistreiches einfallen, was er sagen könnte. Hoffentlich wurde sie nicht gleich aufgerufen. Sie beugte sich vor und legte die Zeitung auf den Tisch zurück. Dabei streifte ihr Mantel über sein Knie. Sie setzte sich wieder und schaute Michael schräg an. Ihr Pony fiel ihr ein wenig über die Augen und sie blinzelte und pustete ihn weg.

»Ich muss auch noch eine Weile warten, ich bin kurz vor Ihnen hier angekommen. Aber es ist schöner, wenn man nette Gesellschaft hat.«

»Das stimmt.«, erwiderte Michael, erleichtert, dass sie ihn offensichtlich auch sympathisch fand.

»Ich heiße Constanze«, sagte sie und hielt ihm die Hand hin.

»Michael«, antwortete er und nahm ihre schmale, weiche Hand in seine. Er hoffte, dass sie die Kratzer nicht bemerkte, die ihm vorgestern eine wütende Katze verpasst hatte. Vergeblich.

»Was ist das denn?«, fragte Constanze und deutete auf die Kratzer.

»Die sind von Kasimir, einem Kater, der partout nicht untersucht werden wollte.«

»Untersucht? Sind Sie Tierarzt?« Constanze sah ihn mit großen Augen an.

»Noch nicht. Ich studiere Tiermedizin, nebenbei arbeite ich stundenweise bei einem Tierarzt. Eine schöne Arbeit, wenn die Tiere einem nicht gerade ihre Krallen in die Hand bohren oder beißen.«

Constanze grinste. »Das ist wirklich eine schöne Arbeit. So etwas würde mich auch interessieren....«, sie seufzte und er hatte das Gefühl, dass sie etwas bedrückte. Aber da redete sie schon weiter. Sie unterhielten sich und die Wartezeit verging wie im Flug. Als Constanze fertig war, wartete sie im Flur der Praxis auf Michael. Sie verließen gemeinsam die Praxis und spazierten noch ein Stück zusammen durch den Regen. Und als ihre Wege sich trennten, verabredeten sie sich für den übernächsten Tag in einem Café ganz in der Nähe der Praxis. Als Michael sich zu Hause in sein Bett kuschelte, um ganz schnell wieder gesund zu werden, träumte er von Constanze und ihren schönen, braunen Augen. Er hatte sich heftig verliebt.

Бесплатный фрагмент закончился.

268,55 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
200 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783742721341
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги