Читать книгу: «Familienroman»

Sonar 30
Ivana Sajko ist Autorin, Regisseurin, Performerin, Mitgründerin der Theatergruppe »BAD co.« und Redaktionsmitglied des Kunstmagazins »Frakcija«. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und ist Chevalier de l’ordre des Arts et Lettres. Auf Deutsch erschienen bisher Rio Bar, Archetyp: Medea. Bombenfrau. Europa, Trilogie des Ungehorsams und Auf dem Weg zum Wahnsinn (und zur Revolution). 2018 wurde sie für Liebesroman mit dem Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt ausgezeichnet.
Alida Bremer übersetzte zahlreiche Romane, Theaterstücke, Essays, Gedicht- und Erzählbände aus dem Kroatischen ins Deutsche; sie schreibt in deutscher und kroatischer Sprache und lebt als freie Übersetzerin und Autorin in Münster. Für Voland & Quist hat sie die Bücher von Edo Popović, Roman Simić und Ivana Sajko übersetzt. Für Liebesroman wurde sie 2018 als Übersetzerin mit dem Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt ausgezeichnet.
| This project has been funded with support from the European Commission. This publication reflects the views only of the author, and the Commission cannot be held responsible for any use which may be made of the information contained therein. |
Die Übersetzerin bedankt sich beim Deutschen Übersetzerfonds, der die Arbeit am vorliegenden Text gefördert hat.
Originaltitel: Povijest moje obitelji od 1941. do 1991, i nakon, erschienen bei Meandarmedia, Zagreb 2009
© Ivana Sajko
DEUTSCHE ERSTAUSGABE
1. Auflag e 2020
Verlag Voland & Quist, Berlin, Dresden, Leipzig, 2020
© der deutschen Ausgabe by Verlag Voland & Quist GmbH
Korrektorat: Kristina Wengorz
Umschlaggestaltung: HawaiiF3
Satz: Fred Uhde
eISBN 978-3-86391-278-9
www.voland-quist.de

Ivana Sajko
Familienroman
Die Ereignisse
von 1941 bis 1991
und darüber
hinaus
Aus dem Kroatischen
von Alida Bremer

Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
1.
Ich habe drei Jahre meines eigenen Lebens gebraucht, um jene fünfzig kurz zusammenzufassen, die mir scheinbar überhaupt nicht widerfahren sind. Ich habe sie als Nachwirkung geerbt, ich habe sie nicht gewählt, sie sind mir geschehen, so, wie jedem Menschen die Stadt geschieht, in der er geboren wird, oder die Familie, zu der er gehören wird, oder die Sprache, in der er zu sprechen beginnt … und die ihn dann fertigmachen. In aller Stille. Ohne böse Absichten. Aber eben doch.
Deshalb besteht dieser kurze Bericht aus mindestens drei Geschichten.
Die erste ist die Geschichte meiner Familie, meiner Urgroßmütter, meiner Großmütter, meiner Großväter, meiner Mutter und meines Vaters, ihrer Einschusslöcher, der Glocken in ihren Köpfen und der Mäuse unter dem Bett. Sie blicken in die Zukunft, ohne jede Überraschung, wie Klees Angelus Novus. Sie starren mit aufgerissenen Augen vor sich hin und schreien lautlos in ihren kleinen Küchen. Dieses Buch ist die Reaktion auf ihre Stille.
Die zweite ist die Geschichte Zagrebs, niedergeschrieben in Diskontinuität und in Beschleunigungen, die vor den Allgemeinplätzen der kollektiven Erinnerung auf völlig private und zufällig festgehaltene Jahrestage ausweichen. Ich wollte zeigen, dass es unzählig viele Arten gibt, über Tatsachen zu sprechen. Keine einzige davon bildet die Wahrheit ab. Die Verkündung des Unabhängigen Staates Kroatien 1941. Die Befreiung Zagrebs 1945. Die große Überschwemmung 1964. Die Flugzeugentführung 1976. Titos Tod 1980. Bla, bla, bla. Lauter Märchen. Jeder hat sie den eigenen Kindern auf andere Weise erzählt. Das, was man mir erzählte, ist nicht dasselbe, was man den anderen erzählt hat. Aber sie haben es uns immer wieder vor dem Zubettgehen vorgekaut. Jeden Abend erneut. Es wäre leicht, ihnen das zu verübeln.
Die dritte Geschichte konstruiert sich durch meine eigene Auswahl der Ereignisse, der Helden und ihrer Zeugen. Sie ist in sich widersprüchlich, denn ich habe absichtlich Dokumente, Kommentare, Erinnerungen und Sätze ausgewählt, die miteinander in Konflikt stehen. Ich wollte einen historischen Roman schreiben, auf die einzige Art, die ich für möglich halte, unter Vermeidung sowohl des Genres wie auch jeder Ideologie, wie eine Geschichte, die sich vielleicht gar nicht ereignet hat, die sich eigentlich gar nicht ereignen kann. Wir können nur von ihr träumen und sie später wie einen Traum nacherzählen. Absolut persönlich. Ohne irgendetwas zu behaupten.
Deshalb beginnt sie mit dem Himmel über Zagreb. Dort oben.
2.
Sie läuft über die Wolken und denkt, dass alles möglich ist.
Sie denkt, dass sie denkt, und sie ist nicht dumm, sondern sehr weit oben.
Und es ist Frühling.
Die Kumuluswolken des schönen Wetters quellen über die Dächer, auf den Straßen spielen Kinder, Katzen und Tauben Fangen, und Männer sitzen auf den Terrassen der Cafés und reden und reden und reden und reden … und wirken immer noch harmlos.
Aber das wird nicht lange so gehen, warnt sie ihr Vater. Eigentlich flüstert er.
– Krieg, meine Kleine.
Er wird die nächsten vier Jahre dauern, und danach für immer.
– Es wäre besser für dich, wenn du auf die Erde zurückkommst.
Doch das fällt ihr nicht im Traum ein. Nicht in ihrem Alter. Und nicht auf dieser Höhe.
Sie fliegt.
Und sie ist nicht die Einzige.
Es gibt nämlich viele andere, die auch meinen, dass alles möglich sei, sie denken, dass sie denken, sie denken, dass es zum Beispiel hinreichend sei, ihre Lunge zu füllen, die Luft in einen Ballon zu pusten, nach der Schnur zu greifen und loszufliegen, und sie sind nicht dumm, sondern sie fliegen wirklich – trotz der Gravitation. Hoch und höher, genau wie sie fliegt, von oben ist die Perspektive optimistischer, es scheint, dass die kommunistische Revolution den Durchmarsch der imperialistischen Mächte aufhalten wird, dass der Krieg Zagreb nie erreichen wird und dass sowohl die Kinder als auch die Katzen und auch die Tauben und auch die Cafés auf ihren alten Positionen bleiben werden. Man muss nur unablässig atmen und hineinpusten, die Schnur des Ballons nicht aus der Hand gleiten lassen und sich nicht um das Flüstern und die Warnungen kümmern. Und so atmen sie. Atmen und pusten. Und dann fallen sie.
Darin liegt eben die Pointe.
Sie fallen bereits nach wenigen Seiten, sie zerschellen auf den Bürgersteigen, zerbrechen und rollen dahin wie Kegel und fragen sich, was sie hier unten überhaupt verloren haben, wo sie doch bis vor Kurzem so weit oben waren, wo sie atmeten und pusteten, ganz sicher, dass sie ungeschoren davonkommen werden. Diese Szene wird etwas später folgen, und sie wird tatsächlich einem meisterhaften Wurf gleichen, der mit einem Schwung alle neune wegfegt. Er wird sie niederwerfen, auseinanderpurzeln lassen und am Ende überrollen, und das Wissen darum, dass sie nicht die Einzigen sind, wird es ihnen nicht leichter machen.
Ungeachtet dessen wird es ihnen sehr wehtun.
Und deshalb wiederholt ihr Vater hartnäckig, dass sie zurück auf die Erde herabsteigen soll, dass sie darauf achten soll, was sie sagt und auf wessen Seite sie sich schlägt.
– Am besten auf gar keine.
Und die Mutter sagt ihr, sie möge auf den Vater hören und sich den Quatsch aus dem Kopf schlagen. Sie sagt ihr, sie solle mal Luft ablassen. Dann werde ihr Kopf wieder schwer werden, und sie würde nicht wie eine Taube durch die Luft flattern, die nur darauf wartet, dass jemand sie mit der Schleuder trifft. Übrigens möchte die Mutter wissen, was sie denn den ganzen Tag so treibe? Und mit wem sie denn befreundet sei? Warum komme sie erst abends nach Hause, vor den Augen aller Nachbarn, vor ihren Fenstern, ihren Gartenzäunen und Gucklöchern in den Türen? Und? Was mit wem und warum? Aber die Tochter antwortet nicht. Sie schweigt nur und zuckt mit den Schultern.
Sie können das nicht verstehen.
– Wo warst du?
– Nirgendwo.
– Was hast du gemacht?
– Nichts.
Nirgendwo und nichts? Die Situation ist zu ernst, um nirgendwo sein zu können, um nichts zu machen und ohne gutes Alibi nach Hause zu kommen. Jemand wird sie anzeigen. Früher oder später. Jemand wird aufdecken, dass sie ein zerknittertes Flugblatt der Parteiorganisation in ihrer Tasche hat und dass sie den Tag mit einer Gruppe der Kommunistischen Jugend verbracht hat, die in der Höhle von Medvednica Bomben aus Spänen und Nitroglyzerin zusammengebraut hat, während die anderen den Eingang bewachten, indem sie Ausflügler mit Gitarren mimten. Das alles steht schon im Polizeibericht:
DER HIMMEL ÜBER ZAGREB IST EINE GEFÄHRLICHE UTOPIE DER LINKEN.
DER HIMMEL ÜBER ZAGREB IST EINE KOMBINATION AUS SELBST GEBASTELTEM SPRENGSTOFF UND EINER STRENG VERBOTENEN FIKTION.
WIR MÜSSEN IHN ABSTÜRZEN LASSEN.
Sie warnen sie, dass es besser wäre, eine anständige Arbeit zu finden.
Man muss überleben. Man muss Geld verdienen. Man muss essen.
Nein, sie können das wirklich nicht verstehen. Sie erklären ihr weiter, dass das Geld nicht am Himmel wachse, sondern dass man es schon immer aus dem Asphalt reißen, unter dem Hammer hervorholen, aus den stählernen Zahnrädern der Maschinen herausklauben oder in vollgepissten Treppenhäusern auflesen musste, Treppen, die schmutzig wurden, bevor die Seifenlauge verdunsten konnte, die sie hätte reinigen sollen. Die Mutter zeigt ihr ihre schrumpeligen Hände und ihre aufgeschürften Knie, und der Vater krempelt sich die Ärmel hoch und spannt das Geflecht der Venen an, die sich unter seiner Haut entlangschlängeln. Das sind Beweise. Sie zählen ihr haarklein alle Kontraindikationen für schwere physische Arbeit auf, die sich auf ihre Muskeln, Knochen und innere Organe verteilt haben, von den Rückenschmerzen ganz zu schweigen. Doch sie haben keine Wahl. Das Geld fließt langsam und lustlos. Das Geld fordert tagtägliche Entbehrungen, Aufopferungen, Überstunden und Diät. Das Geld ist empfindlich wie eine Mimose. Es bedarf großer Fürsorge, ununterbrochener Aufmerksamkeit, Schrubben und Polieren, tadellos sauberer Fenster, durch die es vom ungetrübten Sonnenlicht angestrahlt wird, sowie luxuriöser Bedingungen, in denen es sich auf das eigene Wachstum konzentrieren kann. Und deshalb arbeiten sie und arbeiten und arbeiten und arbeiten, das ganze Leben lang, sie arbeiten nur und arbeiten und arbeiten und arbeiten …
… GEGEN EUCH SELBST, unterbricht sie ihre Tochter.
Vielmehr noch: gegen den Fortschritt.
Genau sie sind es, die die Klassenunterschiede vertiefen. Sie sind diejenigen, die den blitzblanken Zustand der Herrschaftshäuser produzieren und die die Norm an ihren Fließbändern übertreffen. Sie sind diejenigen, die das Geld pflegen, das in fremden Händen gedeiht, während auf ihren eigenen Handflächen nie gesunde und üppige Sprosse aufgehen, sondern nur verkümmerte Sprösslinge, resistent gegenüber dem Dahinvegetieren unter schlechten Bedingungen, Sprösslinge, die ihnen immer wieder angeekelt die Früchte verweigern werden.
Ihr seid selbst schuld, sagt ihnen ihre Tochter.
Es muss vorwärtsgehen.
3.
Während eines der letzten dokumentierten Treffen in Zagreb streifen der Dichter Ivan Goran Kovačić und der Schauspieler Vjeko Afrić das Thema Fortschritt. Kovačić erklärt dem Freund, dass sie sich seiner Meinung nach im letzten Stadium einer primitiven Gesellschaft befänden, die bald von einer vollkommen anders organisierten Welt abgelöst werden würde, und er sieht voraus – dabei die Verse der Internationale paraphrasierend –, dass der aufziehende Krieg ihr letztes Gefecht sein werde. Und falls sie ihn überlebten, so fügt er hinzu, würde es so sein, als hätten sie ein ganzes Leben durchlebt. Afrić erwidert, dass ihre Epoche die Epoche der Politik sei und dass man Fortschritt ausschließlich mit politischen Mitteln erreichen könne.1
– Ich denke nämlich, dass auch militärische Mittel politische Mittel sind, und zwar die wirksamsten, und so müssen wir sie anwenden, damit unsere Gesellschaft irgendwann einmal genesen kann. Fanatismus kann man nur durch einen anderen Fanatismus vernichten.
Beim Abschied von Afrić stellt Kovačić fest, dass die einzige Option darin bestehe, sich auf die Seite der Revolution zu stellen.
– Nur die Revolution fasst alles zu einem zusammen. Du denkst durch die Gedanken der Revolution, und du lebst durch ihr Leben. Du hast keine eigenen Gedanken und keine eigenen Gefühle mehr, du hast nur ein Ziel: den Sieg.
Doch der Mutter wird angesichts solcher Gespräche sofort schwarz vor Augen.
Es gibt kein Vorwärts. Es gibt kein Wohin.
Wie oft muss sie es ihr sagen?
Sie können nur rückwärtsgehen, immer nur rückwärts, während jenes, das sich zwischen einem Ende befindet, das ihnen wie ein Anfang vorkommen mag, und dem anderen Anfang, der ihnen wie das Ende erscheinen kann, nur eine feine kreisförmige Linie ist, die sie an der Nase herumführt und dorthin zurückbringt, von wo sie aufgebrochen sind. Hierher. Und hier ist es immer schon schlecht gewesen, und es hat sich immer weiter zum Schlechten entwickelt. Und seit jeher war es schwer, und es wurde immer schwerer, zumindest für solche Menschen, wie sie es sind, die ununterbrochen arbeiten und arbeiten und arbeiten, ja, gegen sich selbst, sie arbeiten und arbeiten und arbeiten nur, das ganze Leben lang, aber es nutzt ihnen nichts, sich zu fragen, warum und für wen, da sie sowieso keine Zeit haben, um sich mit Theorie zu beschäftigen. So sagt die Mutter und buddelt dabei in der Erde herum und holt winzige Schneckengehäuse, Muscheln und versteinerte zarte Fischgräten aus Schlammklumpen hervor, und sie erzählt, dass sich hier einst das Pannonische Meer befunden habe, ein unermesslich großes, kaltes Wasser voller Fische, die im völligen Dunkel lebten, Schlamm saugten, ihre eigenen Schwänze knabberten und die hungrigen Mäuler aufrissen, nach dem raren Plankton schnappend, das oberhalb der festen Knoten der Seeanemonen vorbeizog, außerhalb ihrer Reichweite, während sie in der Tiefe blieben und ihre unter Mühen aufgepäppelten Bäuche vor den Raubtieren und Ungeheuern, die das Meer beherrschten, verbargen. Und als endlich eine große Ebbe sie auf dem schlammigen Gestade am Fuße des Medvednica-Berges stranden ließ, blieben die Umstände die gleichen. So erzählt die Mutter und zeigt mit dem Finger auf ihr windschiefes Haus, ihren schmutzigen Hof, ihren kleinen Schweinestall unter einer wurmstichigen Kirsche und öffnet die Handfläche, auf der die zerbrochenen Gehäuse aus fernen Urzeiten liegen. Schau, sie sind noch immer hier, das heißt, wir sind immer noch hier. Auf dem Meeresboden.
Vielleicht ist das alles nur erfunden, aber so wird es auch im Fach Geschichte gelehrt.
Das Pannonische Meer hat sich am Ende des Tertiärs zurückgezogen und hinterließ verzweigte Flussarme, weitläufige unterirdische Seen, Sumpfgebiete und flache Hügel aus Mergel und Sandstein. Auf diesen Hügeln entwickelten sich um das 11. Jahrhundert die ersten Siedlungen. Jede auf dem eigenen Hügel, am eigenen Bachufer. Sie führten Kriege um Weizen, um Mühlen und um königliche Privilegien, und wenn sie sich nicht untereinander bekriegten, dann kämpften sie gegen die Tataren und die Türken oder gegen die Wildwasser, die die Abhänge des Medvednica herabstürzten. Kriege, Hunger und elementare Katastrophen wechselten sich ab, und in den Perioden zwischen den Unglücken errichtete man Burgen und Wehrmauern, Glockentürme und Verwaltungsgebäude, und man musste den enormen zivilisatorischen Rückstand aufholen. Es dauerte Jahrhunderte. Mit der Zeit bekam eine Siedlung eine Kathedrale, eine andere bekam ein Theater, ein Waffenstillstand wurde geschlossen, wirtschaftliche, politische und kulturelle Zusammenarbeit wurde vereinbart, man begann, sich gegenseitig bei Gottesdiensten und Theatervorstellungen zu besuchen, sodass man in historischen Dokumenten immer häufiger betonte, dass die Vereinigung der Stadtteile durch ein Statut geregelt wurde. So entwickelte sich Zagreb, schrittweise, mühevoll, bis es 1880 von einem Erdbeben zerstört wurde.
Viel Mühe, und am Ende hatte es sich nicht gelohnt.
Ihr Haus dient als Bestätigung für alle Behauptungen der Mutter. Es wurde nach dem Erdbeben als zweistöckiges Gebäude im Dorf Pregrad Sava unweit von Zagreb erbaut, aber als im Zuge der allmählichen Anbindung der Vororte an die Stadt die erste Straße aufgeschüttet wurde, versanken die an dieser Straße liegenden Häuser beinahe einen Meter im Boden. Das zweistöckige Haus hatte somit kein Erdgeschoss mehr. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Gründung des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen erfolgte eine zweite Aufschüttung der Straße. Das Niveau wurde wieder um einen Meter angehoben, sodass der Eingang in den Hof zu einer steilen Schräge wurde, auf der in den künftigen Wintern während der Zeit des Unabhängigen Staates Kroatien die Kinder rodeln konnten. Die Fenster der ersten Etage befanden sich plötzlich fast auf der Höhe der Straße. Nach der Ausrufung der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien wurde das Gefälle noch steiler, da die Jugend im Elan des Wiederaufbaus erneut das Niveau der Straße erhöhte und eine Asphaltschicht aufbrachte. Und deshalb wird der Mutter bei Erwähnung jedweden Fortschritts sofort flau im Magen und schwarz vor den Augen, während sich ihr Blick zu den schmalen Schießscharten der Souterrainfensterschlitze verengt, durch die sie, wenn sie alt ist, die Waden der Passanten anstarren wird.
Es gibt kein Vorwärts. Sie solle sich ihre Worte gut einprägen.
Sie werde es schon selbst sehen. Irgendwann einmal.
Die Mutter sagt immer dasselbe, sie hält ihr erstickte Schnecken und Muscheln unter die Nase, sie greift in der Tür nach ihrem Ärmel und wiederholt, dass sie ihre Zeit, ihre Füße und ihre Schuhe schonen, dass sie ihren Weg abkürzen solle. Rückwärts. Sie hat ihr das schon hundertmal gesagt, und sie weiß, dass ihre Tochter sie gehört hat, sie hat gehört, und dennoch hört sie nicht. Diese Weisheiten wird sie erst viel später verinnerlichen. Die Mutter weiß, dass sie es tun wird, doch die Tochter behauptet das Gegenteil und bewegt sich hartnäckig in die entgegengesetzte Richtung: vorwärts!
AUF ZUM LETZTEN GEFECHT.
Die Mutter bekommt von dieser Zeile Magenschmerzen. Sie sagt, dass es am besten wäre, sie würde heiraten. Sie solle einen feschen Junggesellen finden, irgendjemanden, egal, wen, aber hinreichend intelligent, damit man ihn weder sieht noch hört, denn angesichts der Lage bewähre sich eine derartige Zurückhaltung. Sie möge sich umsehen, damit es nicht irgendwann zu spät sein werde, jetzt, solange sie noch wählen könne, bevor der Himmel auf die Stadt herabstürze und alle Uniformen anziehen, an die Front gehen, umkommen oder auf der falschen Seite landen würden. Je früher, desto besser, rät die Mutter, denn ein Zyklon, begleitet von stürmischen Winden und Donnerschlägen, nähere sich.
Zuerst wird Regen und dann werden Bomben fallen.
Sie würde dem Rat vielleicht sogar folgen, sich umschauen und die Gesichter der Männer auf den Terrassen der Kaffeehäuser betrachten, doch am Horizont blitzt es schon, und alle stehen von den Tischen auf, bezahlen, nehmen ihre Hüte und stellen die Kragen ihrer Ballonmäntel auf, und die Bürgersteige leeren sich so schnell, dass sich schon nach wenigen Augenblicken niemand mehr darauf aufhalten wird außer einigen Hunden mit gesträubtem Fell.
Sie hat also ihre letzte Chance verpasst.
1Das Gespräch wiedergegeben nach: Vjeko Afrić, U danima odluka i dilema (In Tagen der Entscheidungen und der Dilemmata), Vojnoizdavački zavod (Militärisches Verlagsinstitut), Belgrad 1975, S. 284–285.
4.
Die Brise ging in einen stürmischen Wind über, Blitze bohrten sich in den Hang des Medvednica, und der schwarze Amboss aus Gewitterwolken zerbarst über den Dächern der Stadt. Das konnte nur ein Frühlingssturm sein, aber man musste ihn als Manifestation von etwas viel Schlimmerem begreifen.
DIE DEUTSCHEN PANZER ROLLEN IN ZAGREB EIN.
Es gibt auch Fotos. Auf einem davon bleibt eine deutsche Panzereinheit vor dem Laden Josip Hertmann und Sohn stehen. Die versammelten Zagreber glotzen erstaunt auf den Stahl. Es sind misstrauische Frauengesichter in der zweiten und verwirrte Männergesichter in der ersten Reihe zu sehen. Sie haben ihre Hüte tief ins Gesicht gezogen und die Fäuste in die Taschen ihrer Ballonmäntel geschoben. Sie tun nichts. Sie wundern sich nur.
– Panzer …
– Echte Panzer …
Das war jener angekündigte Neuner. Man hat sie abgeräumt. Mit einem Wurf. Mehr noch, mit einem Blick. Sie sind einfach gekommen, haben die Straßen durchpflügt, die Fassaden gestreift und haben die Stadt, ohne einen Schuss abzugeben, eingenommen. Dann brüllte jemand. Halt! – und alles blieb stehen. Aus den Panzerluken tauchten Kinder auf, die sich nach der langen Fahrt streckten, sie schoben ihre Mützen zurecht und glätteten ihre Uniform, strafften ihre Gesichter zu einem Ausdruck der Verachtung, kniffen ihre Augen zu Messerschneiden zusammen und stachen in die Luftballons.
Hände hoch!
Los! Worauf warten die denn?! Hände hoch!
Immer langsam, keine ruckartigen Bewegungen. Los!
Die Niederlage ähnelte einem Gruß. Sie zogen die Hände aus den Taschen und streckten sie hoch in die Luft.
– Guten Tag. Willkommen.
Dann verließen sie langsam, ohne ruckartige Bewegungen dieses Foto. Aber selbst als sie aus dem Blickfeld verschwunden waren, als sie endlich die Türen geschlossen und die Rollos herabgelassen hatten, brannte weiterhin die Stelle zwischen ihren Schulterblättern. Sie waren auch weiterhin im Visier, denn die Wände waren plötzlich hilflos geworden, durchsichtig und dünn wie Zeitungen, in denen doch schwarz auf weiß stand, dass eben heute, am 10. April 1941, einen Tag vor der Auferstehung des Gottessohnes, auch der Unabhängige Staat Kroatien auferstanden sei.
Ein Pakt wurde geschlossen. Gott und die Kroaten. Genau mit diesen Worten.
Im Radio wiederholte der Ustascha-Oberst Slavko Kvaternik etwas Ähnliches, er informierte die Zuhörer darüber, dass soeben der neue Staat gegründet worden sei, und er rief sie dazu auf, sich der neu gebildeten Regierung zu unterwerfen. Danach wurde ein italienischer Schlager gespielt. Vielleicht Parlami d’amore, Mariù in der Interpretation von Vittorio De Sica.
Und was nun?
Nichts, antwortete die Mutter.
Das Mehrparteiensystem wurde abgeschafft. Die Polizeistunde wurde eingeführt. Es wurden Rassengesetze erlassen und die allgemeine Mobilmachung ausgerufen. Jetzt ist der beste Moment, um nichts zu tun, das heißt, nur dann etwas zu tun, wenn man unbedingt muss. Zu Hause bleiben, wenn sie es sagen. Auf die Straße gehen, wenn sie dazu aufrufen. Den Arm heben, wenn sie vorbeigehen. Jubeln, winken und klatschen. Guten Tag. Willkommen. Immer schön langsam und gemessen, ohne ruckartige Bewegungen, so, wie man es tun muss, denn für sie ist es nicht das erste Mal, dass sie nichts tun müssen, nur jubeln, winken, klatschen und darauf warten, dass die, die gerade angekommen sind, wieder abziehen und von den nächsten Truppen abgelöst werden. Und die werden auch nicht viel besser sein, zumindest ihrem politischen Verständnis nach.
Verbrecher. So sagt sie.
Aber leise.
Im Jahr 1909 sah Antun Gustav Matoš in einem Artikel, den die Zeitung Hrvatska sloboda veröffentlichte, etwas Ähnliches voraus. Er erklärte, dass mitten in Zagreb, auf dem Markusplatz Nr. 6, ein ganz und gar überflüssiges Haus stehe, genannt Kroatisches Parlament, »in dem ein seriöser Mensch nichts zu suchen hat«, sodass es eine berechtigte Frage sei, »was also mit diesem alten Wrack von einem Haus« zu tun sei. Matoš schlägt vor, es entweder in ein Irrenhaus umzuwandeln, da »in letzter Zeit in Kroatien die Irren geradezu blühen und gedeihen«, oder in ein Gefängnis, da wir damit zeigen würden, dass »wir unsere Herren Gauner, Diebe, Verbrecher, Beutelschneider, Zocker, Haderlumpen, Halsabschneider, Langfinger, Räuber, Brandstifter, unsere leichten und schweren Mörder zu lieben und zu achten verstehen«2, indem wir ihnen Ehrenpositionen im Parlamentsgebäude geben, mit dem Blick auf den Markusplatz, das historische Zentrum der Macht, und den ehemaligen Richtplatz, auf dem 1573 auch Matija Gubec hingerichtet wurde, ein Kämpfer für die Rechte des Volkes und der Anführer eines Bauernaufstandes. Auf jenem Platz wurde er zum König der Bauern ausgerufen, man stülpte ihm eine glühende Eisenkrone auf den Kopf, peitschte und misshandelte ihn, um ihn schließlich mit Pferden zu vierteilen.
Diese Tatsache ist bekannt. Die Botschaft war eindeutig. Und das Volk merkte sie sich.
Seitdem jubelt es nur, winkt und klatscht, und es hat sich an alles gewöhnt, auch an jene oben genannten Gauner, Diebe, Verbrecher, Beutelschneider, Zocker, Haderlumpen, Halsabschneider, Langfinger, Räuber, Brandstifter, leichte und schwere Mörder, denn das Volk tut – genauso, wie die Mutter sagt –, was es muss.
Das heißt: nichts.
Und zwar deshalb, weil es schnell lernt und es unter anderem begriffen hat, dass es dann, wenn es von den einen getreten wird, auch von den anderen getreten wird, beziehungsweise dann, wenn es von den einen beraubt wird, auch von den anderen beraubt wird. Deshalb wird es sogar dann, wenn es die Gelegenheit zur Wahl haben wird, wieder dieselben wählen, um nicht zweimal zertreten und beraubt zu werden.
Sie erzählt zu viel.
Aber was nutzt ihr das, wenn die Tochter sowieso nicht zuhört? Sie starrt nur vor sich hin, auf die Straße, von der die Männer geflüchtet sind und auf der der Frühling gewaltsam unterbrochen wurde, sie starrt und denkt sich ihren Teil.
Oder denkt sie an gar nichts?
Oder wird sie sich plötzlich bewegen und etwas schrecklich Dummes tun?
Die Mutter fürchtet sich gerade davor, denn sie wird bestimmt etwas Dummes tun, da sie bisher jede Gelegenheit versäumt hat, etwas Kluges zu tun. Und sie wird wieder nicht die Einzige sein. Die Panzerkanonen sind auch weiterhin auf die durchsichtigen Wände gerichtet, und hinter einer dieser Wände hockt auch jener Jemand, der, egal, wer es ist, hinreichend klug ist, die Situation zu verstehen und rechtzeitig das Foto, das Caféhaus und die durchfurchte Straße zu verlassen. Aber noch immer jucken ihn die Spitzen im Rücken. Er hört De Sica und kratzt sich zwischen den Schulterblättern. Er ist immer noch im Visier, aber genauso wie ihre Tochter starrt er in die Leere in der Mitte der Straße und denkt sich seinen Teil, hartnäckig denkt er sich seinen Teil, da es ihm so scheint, als wäre alles plötzlich ins Stocken geraten, dass der Frühling überhaupt keine Anzeichen des Sommers zeigt und dass sogar im Radio wieder und wieder dasselbe Lied gespielt wird. Parlami d’amore, Mariù. Parlami d’amore, Mariù. Qui sul tuo cuor non soffro più: Parlami d’amore, Mariù …
Er sollte wirklich etwas tun, egal, was.
Zumindest den Sender wechseln.
Zumindest das.
2Antun Gustav Matoš, Markov trg br. 6 (Markusplatz Nr. 6), in: Oko Zagreba i po Hrvatskoj (Um Zagreb herum und durch Kroatien), Binoza, Nakladni zavod (Verlagsinstitut) Z. S. O. J., Zagreb 1939, S. 78–79.
5.
Bald nach der Okkupation beginnt das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Kroatiens, ein Programm mithilfe eines illegalen Rundfunksenders auszustrahlen. Für dieses Unternehmen steht Rade Končar Pate, einer der prominentesten politischen Aktivisten, der unter dem konspirativen Namen Brko aus Belgrad gekommen ist, um beim Aufbau der lokalen Parteistrukturen und ihren Sabotageaktionen mitzuwirken. Das Sendegerät ist eine Eigenproduktion, konstruiert aus einigen zusammengelöteten Drähten, Elektrolytkondensatoren, einer gestohlenen Radioröhre und einem Mikrophon. Nach jeder Sendung wird es an einen anderen Ort gebracht. Um die Kontrollen der Ustascha zu täuschen, wird der Radiosender in einer Schubkarre transportiert, die einem Ustascha-Großhandel gehört. Die Aktion ist riskant. Wenn am Mittwoch pünktlich um 21:00 Uhr die Stimme der Sprecherin Rajna Kravar ertönt, weiß man, dass sie erfolgreich verlaufen ist.
– Hallo, hallo! Hier ist der Radiosender des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kroatiens! Hören Sie die Verlautbarung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Jugoslawiens!
An einem Empfänger wartet schon sein Ohr. Die Aktion war also erfolgreich, aber die Nachrichten sind schlecht.
Zunächst hat sich das Königreich Jugoslawien dem Dreimächtepakt angeschlossen, dann hat sich ein Staatsstreich ereignet und in Belgrad wurde der minderjährige König inthronisiert. Die Kommunistische Partei hat die Aufkündigung des Paktes gefordert, weiterhin, dass allen imperialistischen Kräften die Erlaubnis verweigert wird, ihre Truppen auf dem Territorium des Königreichs Jugoslawien zu stationieren. Der Aufruf des ZK der KPJ trug den Titel Gegen die Kapitulation! Doch zehn Tage später ließ Hitler die Hauptstadt bombardieren, der junge König türmte, das Königreich kapitulierte, Zagreb füllte sich mit Panzern, Kroatien wurde okkupiert … nein, nein, nein! Kroatien wurde NICHT okkupiert, sondern befreit!
So lautete die Korrektur, die von der neuen Ustascha-Regierung verkündet wurde. Danach wurde ein großer Teil der kroatischen Küste samt vieler Inseln auf Grundlage der sogenannten Römischen Verträge Italien überlassen. Die Gebiete Međimurje und Baranja fielen an Ungarn. Im Gegenzug durfte Kroatien das benachbarte Bosnien und Herzegowina annektieren, und die Ustascha gaben die Gründung des freien und unabhängigen Staates bekannt.
Eines Staates, der größer war als je zuvor!
Das ZK der KPJ meldete sich darauf mit einer neuen Verlautbarung zu Wort, die mit Hilfe eines Mimeographen vervielfältigt wurde und die sich direkt an das kroatische Volk wandte: DIE EREIGNISSE IN ZAGREB, DIE SICH BEIM EINZUG DER EROBERER ABGESPIELT HABEN, WERDEN DER DUNKELSTE SCHANDFLECK DEINER GESCHICHTE SEIN. Die Veränderung war auch auf der Landkarte Südosteuropas gut sichtbar. Ein Tintenklecks ungleichmäßiger Form, einem Melanom ähnlich, ungefähr zweihundert Kilometer von Triest und dreihundert Kilometer von Wien entfernt, ergoss sich plötzlich zu einer riesigen schwarzen Pfütze, die sowohl die Stadt wie auch das Land und den Himmel überflutete und die Sonne bis auf Weiteres vertagte. Sie ergoss sich auch über die Bewohner wie Erdöl über Kormorane, und sie versuchten vergeblich, sich zu reinigen. Die Schwärze verschmierte alles und breitete sich aus wie eine Metastase, sie setzte sich unter ihre Fingernägel, unter ihre Haut, unter ihre Betten, in ihre Schränke, sie färbte ihre Anzüge und ihre Kleider, und es gab kein Mittel, mit dem man sie wieder hätte sauber bekommen können. Durch die schwarze Stadt irrten sie in Trauerkleidung. Eine andere brauchten sie nicht mehr.
Dann wurde das Standgericht eingeführt, um die Verbreitung derartiger defätistischer Schweinereien zu unterbinden und um das Drucken und die Verteilung von Flugblättern derartigen Inhalts zu verhindern, und der Kommunismus wurde zum gefährlichsten Desinformator des Volkes erklärt, da »diese kommunistischen, verbrecherischen Phantasten in der Theorie und phantastischen Verbrecher in der Praxis«3 nach dem Feuer der Weltrevolution riefen, in dem all das, was existiere, untergehen würde. Auch Kroatien selbst. So lautete die offizielle Verlautbarung der Regierung, und der Ustascha-Führer Ante Pavelić wandte sich auch persönlich an das Volk.
21. Mai 1941. Am Markusplatz.
Richtplatz.
– Brüder Ustasche!
So beginnt, laut Mitschrift, die Rede von Pavelić.
– Es war uns klar, dass sich kein einziges Volk in der Geschichte durch das Singen von Liedern und das Spielen von Tamburas befreit hat, sondern mit Blut und mit tödlichen Waffen, und es war uns auch klar, dass sich ein gefangen gehaltenes und entwaffnetes Volk noch nie ohne Hilfe und Unterstützung eines anderen befreundeten Volkes befreien konnte. Deshalb lenkte die Ustascha-Bewegung die Vorbereitungen, die auf die Befreiung zielten, in diese beiden Richtungen: den Kampf mit tödlichen Waffen und die Suche nach Freunden, die ihren Kampf großzügig und mit allen Kräften unterstützten …4
An dieser Stelle unterbricht ihn das Publikum mit Dankesrufen:
– Hoch lebe Deutschland!
Zuerst leise, aber dann immer lauter und lauter.
– Es lebe hoch! Es lebe hoch!!! Es lebe hoch!!!!!!!
Als das Skandieren abflaut, setzt der Führer seine Erläuterungen darüber fort, dass die Kroaten seit jeher versklavt waren, Mächten und Gewalten unterworfen, die beabsichtigten, das ganze Volk auszulöschen. Aber dann sei der neue Weltkrieg gekommen. Zu unserem Glück, so betont der Führer, da Europa nicht auf der Basis papierener Friedensverträge bestehen könne, sondern nur aufgrund der lebendigen Bedürfnisse und Kräfteverhältnisse, die zwischen den einzelnen Völkern herrschten, und es müsse geprüft werden, welches unter ihnen das stärkere sei.
Dieselbe Frage stellt er auch dem Publikum:
– Wer ist also das stärkste Volk?
Doch das Publikum schweigt. Es ist eine rhetorische Frage.
Wir Kroaten, der Führer beantwortet sie selbst, denn das kroatische Volk sei eine riesige Armee. Jeder Kroate sei ein Soldat und würde immer ein Soldat bleiben. Das liege in seiner Vergangenheit begründet, das liege auch in seinem Blut. Das Publikum bestätigt nun seine Aussagen mit lautstarken Rufen. In der Mitschrift wird dieses präzise quantifiziert. Nach dreimal »So ist es!!!« folgt elfmal »Hoch lebe der Führer!!!«, dann neunmal »Hoch lebe der Duce!!!« und dann noch fünfmal »Hoch lebe Hitler!!!«.
Dem Führer gelingt es, das Jubeln zu übertönen und seine Rede fortzusetzen. Er führt aus, dass man gegen Räuber nicht mit einem Gebetbuch in der Hand kämpfen könne, deshalb habe er die Bewegung gegründet, mit der Absicht – man erlaube ihm, es bildhaft auszudrücken –, scharfe Heilkräuter auf scharfe Wunden zu legen, und all das mit dem Ziel, jene Kräfte, die dem kroatischen Volk schaden wollten, zurückzudrängen.
Ist es nicht so?
So ist es!!! Dreimal.
Wenn es wirklich so ist, fragt der Führer, würden sie ihm folgen, wohin er auch gehe?
Das Publikum bejaht einhellig.
Seien sie bereit, ihm alles zu geben, auch ihr Leben?
Sie antworten mit Ja.
Wirklich?
WIR SIND BEREIT!!!
Es gibt kein: Ich will nicht. Es gibt kein: Ich kann nicht. Wir müssen.
Und deshalb wiederholt ihr Vater vergeblich das Gegenteil, er sagt, er sei nicht bereit, und er würde lieber nicht, aber er sagt das leise, nur für sich, da er den Ranzen schon auf seinem Rücken hat. Auch er wurde zu den Legionärseinheiten der Heimwehr einberufen, die eingegliedert in die deutsche Armee ihren Dienst leisten. Es muss losgehen. Sofort. Er hat gerade noch Zeit, seine Frau in den Hintern zu kneifen, die Tochter in die Wange und ihnen etwas Sinnloses zu sagen.
Das wird nicht lange dauern, etwas in der Richtung.
Natürlich nicht, auch wenn er weiß, dass es dauern wird, es wird allzu lange dauern, und es wird nie enden. Deshalb wundert es ihn nicht, dass sie ihn ohne Worte verabschieden, und sie winken ihm zu, bis er sie nicht mehr sehen kann. Sie winken auch danach noch, da ihnen klar ist, dass sie ihn für immer verabschieden. Ihre Hände fallen auf ihre Brüste. Die Geste ist tragisch und kommt immer noch ohne Worte aus. Die Tochter fragt nichts, die Mutter erklärt nichts, sie weiß nicht, wo sie anfangen soll. Sie schweigt nur und seufzt, schweigt und seufzt, und es ist schon Nacht, Hundebellen begleitet hartnäckig die Schritte, die ängstlich durch die Stadt marschieren. Die Mutter könnte so bis zum Morgen Seufzer auf Schweigen folgen lassen, aber die Stunden vergehen, und irgendwann muss die Tochter sie fragen, ob ihr Vater auf der Seite der Eroberer kämpfe.
– Wie bitte?
Die Mutter bittet sie zu wiederholen, was sie gesagt hat.
Nichts. Sie habe nur gefragt, ob der Vater auf der Seite der Eroberer kämpfe.
Ein Seufzer folgt. Dann Stille. Dann die Hunde.
Und dann alles ein weiteres Mal.
Der Vater kämpfe auf niemandes Seite, antwortet die Mutter. Der Vater kämpfe auf niemandes Seite, sondern arbeite weiterhin. Er arbeite und arbeite und arbeite, gegen seine eigenen Interessen, wie immer, da es für die Armen keine Wahl gäbe, das heißt ‒ für sie.
Alle Armeen seien gleich, und es gäbe keine Seiten.
Das möge sie sich bitte merken.
Zur Bestätigung dieser Worte kann man auch die drei Fotos heranziehen, die in einem Umschlag gekommen sind, die Feldpostnummer des Absenders ist unkenntlich gemacht worden. Auf den Fotos ist der Vater zu sehen. Das erste zeigt ihn, wie er Säcke mit Baumaterial schleppt. Auf dem zweiten baut er eine Mauer. Wahrscheinlich die Mauer eines Bunkers. Um ihn herum stehen weitere Männer, aber niemand von ihnen ist bewaffnet oder hat irgendwelche Militärabzeichen.
Ihre Oberkörper sind nackt, und sie mauern.
Wenn die Deutschen an ihre Tür schlagen, zeigt die Mutter die Fotos und erklärt mit Gesten, dass sie ihren Gatten bereits zum Dienst mitgenommen haben. Dasselbe erzählt sie, wenn die Ustasche klopfen. Sie wird es auch erzählen, wenn die Partisanen an die Tür kommen, jedes Mal wird sie diese Fotos zeigen, die über nichts anderes sprechen als vom Krieg als einer schweren physischen Arbeit sowie vom Vater, der arbeitet. Er arbeitet und arbeitet und hat keine Zeit für etwas anderes.
Erst das dritte Foto zeigt eine Pause. Der Vater hat auf die Rückseite »Nur noch kurze Zeit« geschrieben. Kurze Zeit. Halb nackte Männer rauchen und lehnen sich an den nicht vollendeten Bau. Der Vater steht ganz rechts und zwinkert in die Kamera, als würde er wirklich an das glauben, was er schreibt. Nur noch kurze Zeit.
Doch die Zeit vergeht, und er mauert noch immer.
Die Hunde bellen noch immer, und es scheint, dass es nicht schlimmer kommen kann.
Aber wenn noch einige weitere Monate vergangen sein werden, wird klar, dass es sehr wohl schlimmer werden kann.
Auch Rajna Kravar meldet das.
3Načela hrvatskog ustaškog pokreta (Prinzipien der kroatischen Ustascha-Bewegung), in: Petar Požar (Hg.), Ustaša ‒ dokumenti o ustaškom pokretru (Ustascha ‒ Dokumente über die Ustascha-Bewegung), Zagrebačka Stvarnost, Zagreb 1995, S. 80.
4Braćo Ustaše (Brüder Ustasche), in: Petar Požar (Hg.), Ustaša ‒ dokumenti o ustaškom pokretru (Ustascha ‒ Dokumente über die Ustascha-Bewegung), Zagrebačka Stvarnost, Zagreb, 1995, S. 185.
6.
Es ist Mittwoch. 21:00 Uhr.
Er klebt förmlich mit seinem Ohr am Radioapparat.
Die Nachrichten sind schlecht, und es wird nicht besser werden.
Man hat den Genossen Rade Končar verhaftet. Das italienische faschistische Militärgericht hat ihn zum Tode verurteilt. Es wird betont, dass seine Haltung heldenhaft war und dass er es abgelehnt hat, eine Begnadigung zu erbitten. Er wurde am 22. Mai 1942 in der Nähe von Šibenik erschossen. Seine Mitkämpfer werden ihn im Jahr 1943 posthum zum Nationalhelden erklären, die Fabrik, in der er einst gearbeitet hat, wird 1946 nach ihm benannt, und 1952 wird eine Statue nach seinem Abbild auf dem Werksgelände aufgestellt, 1973 wird sie auf einen hohen Steinsockel vor dem neuen Werksverwaltungsgebäude versetzt, wo sie bis 1993 stehen wird, dann wird die Statue vom Sockel genommen und im Hinterhof der Fabrik gelagert, da es zu einem kriegerischen Konflikt zwischen Kroaten und Serben im Kroatienkrieg gekommen ist und Rade Končar serbischer Herkunft war, im Jahr 1997 wird schließlich aus dem Steinsockel ein Denkmal für jene Arbeiter geschaffen, die im Heimatkrieg gefallen sind, und im Jahr 2000 wird aus dem Namen der Fabrik der Vorname »Rade« entfernt, da er allzu serbisch klingt.
Im Äther breitet sich Stille aus.
Ist es eine Schweigeminute? Ist es eine Störung im Programm? Hat es eine Razzia der Ustascha gegeben? Die Störung hält lange genug an, um an das Schlimmste denken zu müssen.
Rajna? Rajna!
Ah, da ist sie wieder. Die Sendung wird fortgesetzt. Rajna schlussfolgert, dass trotz der traurigen Nachricht und all der anderen kommenden Bedrängnisse die Arbeiterklasse und die fortschrittliche Intelligenz den revolutionären Kampf für eine bessere Welt nicht aufgeben werden. Deshalb verurteilt die neue Verlautbarung des ZKs der KPJ aufs Schärfste den Ustascha-Terror, der mithilfe der italienischen Faschisten und des nazistischen Deutschlands stattfindet, und ruft Kroaten und Serben zur Brüderlichkeit und Einheit auf im gemeinsamen bewaffneten Aufstand gegen die Besatzer und ihre einheimischen Helfer.
BIST DU EINER VON UNS?
Das Zentralkomitee hebt ferner hervor, dass man an der Schaffung von Partisaneneinheiten arbeiten müsse, die sich Guerillataktiken bedienen, Sabotageakte durchführen und aus dem Hinterhalt angreifen würden, wobei sie direkte Zusammenstöße vermeiden sollten. Die Volksbefreiungsarmee beginnt mit siebentausend Partisanen den bewaffneten Aufstand, doch der Oberste Befehlshaber Josip Broz Tito verkündet, dass weitere Kämpfer benötigt werden.
Und? Schließt auch du dich an?, fragt Rajna.
Aber er antwortet nicht, er braucht Zeit zum Nachdenken.
Und dann denkt er, denkt und denkt, aber es wäre ihm lieber, wenn er sich all das nur ausdenken würde.
Er kann die Patrouillen hören, wie sie hinter den dünnen Wänden vorbeiziehen, und nach dem Takt der Schritte und nach dem Klang der Motoren unterscheiden, ob es sich um Deutsche oder um die Ustascha-Polizei handelt. Er kann auch hören, wie vor dem benachbarten Gebäude ein Lastwagen stehen bleibt und die Bewohner aus dem zweiten Stockwerk abgeführt werden. Er hört auch die Leere, die später die Gegenstände in ihrer Wohnung ertönen lassen. Sie kommt ihm immer lauter vor. Er hört sie immer intensiver, je mehr Tage vergehen, an denen kein einziger Gegenstand bewegt wird, unbewegt weinen, winseln, brüllen sie und werden von Spinnweben überzogen, ertragen geduldig die Kakerlaken und den Staub, um bei Anbruch des Abends hilflos in Dunkelheit zu versinken. Er stellt sich die dunklen Abstände zwischen diesen verlassenen Gegenständen vor und denkt darüber nach, wie sie immer dichter und undurchsichtiger und schließlich zu Erde gestampft werden. Wenn der Hügel größer wird, werden ihn auch andere bemerken.
Jetzt noch nicht.
Wahrscheinlich war das der Grund, warum Kaja auf meine Frage, wie Zagreb in der Zeit der Okkupation ausgesehen habe, antwortete, dass das Leben ganz normal lief. Auf den Straßen habe es zwar viele Soldaten gegeben, es herrschten Hunger und Armut, aber alles andere war wie früher.
– Und Verhaftungen? Folter? Abtransporte?
Sie habe nichts davon bemerkt, antwortete sie. Sie habe sich um ihre eigenen Belange gekümmert.
Und er tut genau das Gegenteil, er sieht auch das, was man gar nicht sieht, und wacht über die Stille in der Nachbarschaft. Diese wird nur von sporadischen Schüssen und vom Quietschen der Bremsen unterbrochen. Er hört sie, und sie kommt ihm ohrenbetäubend schrecklich schwer unerträglich vor, denn sie hält trotz aller anderen Geräuschen an, seine Wangen sind schon von dunklen Augenrändern entstellt, doch er kann nicht ins Bett gehen und einschlafen. Jeden Moment könnte jemand vor seinem Gebäude, in seinem Treppenhaus, vor seiner Wohnungstür auftauchen … und hereinkommen. Und er weiß, dass es in einem solchen Fall kein »Ich will nicht« gibt und kein »Ich kann nicht«. Deshalb ist es besser, gar nicht ins Bett zu gehen. Es ist besser, die Schuhe gar nicht erst auszuziehen. Es ist am besten, ein Stück Brot und ein Paar Reservesocken einzupacken und sich während der Polizeistunde hinauszustehlen, geräuschlos zum Ausgang der Stadt zu laufen und so zu tun, als wäre man die Dunkelheit selbst, sich vor den Patrouillen in einer dunklen Nische einer Wand zu verkriechen oder mit dem Umriss eines Strommastes zu verschmelzen und dann seinen Weg fortzusetzen, weiter fort, so weit und so schnell es geht, dorthin, wohin man ihn gerufen hat.
IN DEN WALD.
In einem Gespräch, das kurz vor seinem Tod geführt wurde, erinnert sich der Künstler Vlado Kristl an seinen Weg zu den Partisanen. Er beschreibt den Fortgang aus Zagreb als Übergang in eine andere Welt.
– Das war das größte Wunder für den jungen Menschen, der Morgen begann zu dämmern, und wir gingen weiter durch den Wald, aber getrennt voneinander, damit man uns nicht erwischte … Und plötzlich, da stehen sie … Noch heute kommen mir die Tränen. Um die fünfzig, sechzig Partisanen, bewaffnet, sie stehen im Wald, alles ist still … denn sie haben gehört, dass sich jemand nähert, sie warten …5
Dieses Bild der Illusion, wie Kristl die oben beschriebene Szene nennt, behielt er für immer im Gedächtnis.
– Das war eine Welt, die sich plötzlich vor einem öffnete ‒ es gibt also Möglichkeiten! Du bist nicht zum Tode verurteilt und wartest nur auf deine Stunde, nein! Da wuchs eine neue Welt heran, eine, die noch keine Farben hatte, die noch nichts hatte, aber da war …6
Aus dem Morgen tauchen graue Figuren auf. Auch er ist eine von ihnen.
Hier wächst eine neue Welt. So hat man es ihm versprochen.
Er sieht sie nicht. Aber sie ist da.
Man muss nur vorwärtsschreiten.
Auch sie geht. In dieselbe Richtung. Sie ist eigentlich schon gegangen. Sie ist schon dort. Genauso, wie ihre Mutter es vorhergesehen hat: In einem Moment hat sie sich einfach bewegt, sie nahm einen tiefen Atemzug und flog los.
DIE JUGEND.
Zusammen mit der Welle von Künstlern und Intellektuellen, die Zagreb Ende 1942 verließen und sich dem Aufstand der Partisanen anschlossen, ging auch Ivan Goran Kovačić. Der siebenundsechzigjährige Schriftsteller Vladimir Nazor begleitete ihn. In einem der ersten Einträge in sein Kriegstagebuch notierte Nazor, dass sie auf dem Weg aus Zagreb an den »bis auf die Grundmauern niedergebrannten serbischen Dörfern und an Gruben voller abgeschlachteter Menschen« vorbeiliefen, doch dass Kovačić ihn gebeten habe, nichts zu beschreiben, da er »über all das später ausführlicher sprechen«7 wolle. Nazor verzichtete deshalb auf detaillierte Tagebucheinträge und arbeitete an den Unterstützerbriefen, die später an der Front kursierten, auf den Versammlungen der Partisanen gelesen, abgeschrieben und weiterverbreitet wurden. In einem der ersten betonte er: »Als ich gemeinsam mit Ivan Goran Kovačić aus der Hauptstadt des sogenannten Unabhängigen Staates Kroatien (der eigentlich weder unabhängig noch ein Staat und ehrlich gesagt auch kein Kroatien ist) flüchtete; als ich durch Ebenen und Wälder und entlang der drei Flüsse ging (…), wusste ich nicht, wohin ich eigentlich gehe.«8 In einem weiteren Brief erklärte er, dass er der Kühnheit und der Unerschrockenheit junger Menschen gefolgt sei, ihrem Wunsch »jeden Zaun, jeden Graben, jeden Bach zu überspringen, ohne Zeit zu verlieren, um nach einer Furt, einem Boot oder einer Brücke zu suchen«.9 Und tatsächlich, sie springen unermüdlich über Zäune, über Gräben und über Bäche. Auf ihren Gesichtern zeichnen sich keine Mühen ab. Man erkennt nur die roten Sterne.
Über alles andere schreibt Ivan Goran Kovačić ausführlicher.
5Ana Marija Habjan, Umjetnik otpora: razgovori s Vladom Kristlom (Der Künstler des Widerstands: Gespräche mit Vlado Kristl), Petikat, Zagreb 2007, S. 20.
6Ebd., S. 17.
7Vladimir Nazor, S partizanima (1943–1944) (Bei den Partisanen (1943–1944)), Nakladni zavod Hrvatske (Kroatisches Verlagsinstitut), Zagreb 1945, S. 10.
8Ebd., S. 17.
9Ebd., S. 22.
Бесплатный фрагмент закончился.
