Читать книгу: «Am Äquator»

Isolde Schaad, geboren 1944 in Schaffhausen, lebt als freie Schriftstellerin und Publizistin in Zürich. Zahlreiche Studienaufenthalte in Ostafrika, Nahost, Indien. Gastautorin einer amerikanischen Universität. Ihr Werk wurde mehrfach ausgezeichnet. Im Limmat Verlag sind zuletzt erschienen: Die Romane «Keiner wars» sowie «Robinson und Julia» und der Essayband «Vom Einen. Literatur und Geschlecht. Elf Porträts aus der Gefahrenzone».
ISOLDE SCHAAD
AM ÄQUATOR
DIE AUSWEITUNG DER GÜRTELLINIEIN UNERFORSCHTE GEBIETE
Erzählungen

Inhalt
Heftige Winde
Erhöhte Temperatur
12 000 Kilometer Nabelschnur
Unmässige Klimazone
Sammelgut am Wendekreis
Endlich Sri Lanka
Am Äquator and beyond
So nah und gedankenlos nah
waren wir nie dem nackten Geschehen …
Botho Strauss
Vorneweg
Der Äquator ist ein Faszinosum, das man nicht sieht. Das ist fatal, denn er ist der Leibesumfang der Erde, und man wundert sich, dass unser Planet nicht längst geplatzt ist, wenn siebeneinhalb Milliarden auf ihm herumkraxeln, in dichter Tuchfühlung der Ballungszonen. Die Aussicht auf den Gesamtkollaps besteht nicht nur durch die rasante Zunahme der Erdbevölkerung selber, sondern durch die Ausweitung jeder einzelnen Gürtellinie von Stockholm bis Kapstadt.
Der Äquator ist unsichtbar, weil wir ihn nicht sehen wollen. Die Zustände, die in seinem Umfeld herrschen, haben wir ins innere Verlies gesperrt. Wir halten die vor Hunger geblähten Bäuche in Afrika, Asien und Lateinamerika für eine zwar traurige, aber bereits triviale Wahrheit, für die Jean Ziegler zuständig ist; seinem Job können wir nur ein Nicken beifügen, so weit ist unser Zynismus inzwischen gediehen. Wir widmen uns lieber unserm höchstpersönlichen Äquator, der steht uns nahe, der ist im Unterschied zur planetarischen Gürtellinie täglich sichtbar, allzu offensichtlich ist er, sodass wir seiner Erscheinung je nach Epoche und Zeitgeist Namen und Rang verleihen, im 19. Jahrhundert hiess er Embonpoint und war ein Statussymbol des betuchten Bürgers, Mitte des 20. Jahrhunderts nannte man ihn schon abschätzig Pirelli(-pneu), proletarisch Blunze, Ranzen, Wampe usw. Nun ist der wachsende Wanst ein Thema der Welternährungskonferenz. Weil er keine Zierde des Wohlstands mehr ist, sondern, besonders bei Jugendlichen, ein Armuts- und Entfremdungssymptom.
Dass der Planet aus allen Nähten platzt, oben vor Überfluss, unten vor Mangel, Manko, Marasmus, haben wir als globale Norm abgehakt. Nicht einmal eine Folterstatistik kann uns noch aus der Fassung bringen; lesen wir von den Greueln, die die Unverhältnismässigkeit der Welt unterwegs anrichtet, im Verlauf der unaufhörlich flutenden, nicht abreissenden Migrationsströme von Süden nach Norden, sind wir einen Moment lang empört, um uns dann erneut dem Kreuzworträtsel oder dem Sudoku zuzuwenden. Von Ethik reden nur noch die einschlägigen Kommissionen, während die Pfarrer ihre bleichen Hände zum Gebet über der gewölbten Soutane falten, wo sich so manches verbirgt – das Fehlbare des Menschen, das Menschliche eben.
Wir sind unsere eigene Nabelschau geworden, die sogenannte Selbstoptimierung ist schon fast Pflicht, die Fitnesswerbung und Gesundheitsindustrie verrichten das ihre, während die Chirurgie den letzten Eingriff plant. Und alle drei tun sich unermüdlich an uns gütlich.
Neuerdings sagt die neurophysiologische Forschung: Unsere Gürtellinie liegt näher bei Grosshirn, Cortex und Hippocampus, als uns lieb ist, sie ist meistens der Entscheidungsträger, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Nicht nur bäuchlings, als robbender Säugling, sondern auch im aufrechten Gang sind wir – das ist wissenschaftlich mittlerweile erwiesen – dem Bauch mehr verpflichtet, als wir bisher angenommen haben; die ratio schmiegt sich dicht an die emotio, wenn sie entscheidet. Im Bauch spielt sich unser Wünschen, Wagen und Zagen ab und fügt, je älter wir werden, zum Wollen das Wägen hinzu. Den Befehl erhält er zwar aus dem limbischen System in der hinteren Schädelschlucht, die Affekthandlung aber übt er selber aus. Was wäre daraus zu schliessen?
Es ist der Bauch, der unsere Geschichte erzählt, er ist der zu- und abnehmende Mond der Agenda. Die Bauchsteuerung ist das GPS, und das Ergebnis lagert sich im Laufe der Jahre an uns ab. Wird zu Lagerfett, und da fragt sich schon, ob das zu etwas gut sei. Bedenken wir, dass eine gewisse Polsterung die notwendige Distanz zwischen uns und den Mitmenschen schafft, den unsere Raubtiernatur sonst verschlingen würde.
Könnte es sein, dass das Fett, das wir loswerden wollen, erst recht und eigentlich unserem Selbstschutz dient? Damit wir nicht jeden Tag auf jeden und jede losgehen? Vielleicht handelt es sich bei dieser satten Dichtung unseres Privatäquators um eine höhere Massnahme zur Erhaltung des Weltfriedens? Bestimmt ist sie die softere, die angenehmere und noch dazu günstigere Variante einer leiblichen Panzerung, verglichen mit dem groben Geschütz, das die Supermächte jeweils auffahren lassen, wenns anderswo brennt. Der Wulst um uns, der Speck in uns haben also eine Existenzberechtigung, sogar eine strategische Funktion. Machen wir also Frieden mit ihnen, und bedenken wir, dass der Bauch unser ständigster Begleiter ist, dabei treu wie unser Kopf niemals war.
Mein Bauch gehört mir: Das scheint ein stichhaltiges Argument zu sein, der Slogan, der die Abtreibungskampagne der Siebzigerjahre antrieb, hat sich längst selbständig gemacht. Man kann diese Optik für obszön halten, man kann Argumente dagegen auffahren, wenn alle vier Minuten ein Kind auf dieser Welt an Hunger stirbt. Darauf lässt sich in verschiedenster Weise ant worten. Jede Antwort hat ihre Berechtigung. Sie ist dann immer eine Geschichte für sich.
Sieben Erzählungen führen unsern Bauch aus, diese empfindsame, unergründliche Gegend. Von Norden nach Süden, mit einem Abstecher nach Westen, und man wird feststellen, dass dieser Bauch, je näher er dem geografischen Äquator kommt, und besonders, wenn er ihn überschritten hat, aufgeregt, fast ekstatisch nach Bedeutung heischt. Denn das sei Weltgeschichte, was dort unten abgeht. Will er sich wichtig machen? Mal sehen, wie er sich liest, wenn er in die Sätze kommt.
HEFTIGE WINDE
Er und ich – eine alte Geschichte, aber wer hätte die nicht? Auf gut Deutsch hat jede und jeder eine, sagte man mir, und eine wie ich sowieso. Dabei hatten wir für eine Geschichte gar keine Zeit, da wir in einem drastischen Migrationsschub aus Nowosibirsk in den lauwarmen Westen gespült worden waren, hier kamen wir mit klammen Fingern erst recht auf die Welt. Wohnungssuche und so, das hat gedauert, seither leben wir unzertrennlich im Grünen. Da ist pure Gegenwart, durch nichts bewegt ausser dem Staubsauger der Nachbarn. Das, was wir leben, sitzt tief: eine fatale Symbiose, die nur der Tod scheiden kann. Das letzte Pfand der Ostkirche, das uns bleibt, ausgenommen die kleine Ikone, die über meinem Nachttischchen hängt.
Immerhin verfügt unser solides Verhängnis über eine Sonnenterrasse, das muss eingeräumt werden. An milden Frühlingstagen schweigen wir gemeinsam, und es kommt vor, dass ich meine Hände österlich auf ihm falte, das mag er, gurrt oder gluckst zufrieden, und ich atme auf, weil wir unter uns sind. In Gesellschaft bringt er mich manchmal ganz schön ins Schwitzen.
Er pocht nämlich überall auf sein Recht auf Dasein und Verbleib, während ich ihn zum Verschwinden bringen will. Wollte, denn allmählich treten wir in den Stand der Duldung, und vertragen uns sogar im Nahkampfgebiet der Dreizimmerwohnung, für andere Leute eine Strapaze. Das Badezimmer ist unser einvernehmlichster Ort. Dort werden ihm wohlriechende Lotions verabreicht und nach der Dusche sanft kreisend einmassiert. Wenn er dann noch nicht ruhiggestellt ist, kneife und knubble ich ihn, und er antwortet mit einem friedlichen Brummen. Nachts, nach dem Lichterlöschen ist er oft sehr nervös, und da ich weiss, dass seine Nervosität von Ängsten herrührt, die ich zwar nicht nachvollziehen kann, ihn aber entlasten möchte, karessiere ich ihn in den Schlaf.

Zunächst war unsere Zweierschaft in der Fremde ein Fall von Prostitution: Er arbeitete ausschliesslich für mich, er schaffte an, tat in stiller Demut seine Pflicht, solange ich ihn mit milden Gaben belohnte, Yoghurt und Kartoffelpuffer mochte er am liebsten, und ein Stück Quarktorte light zum Nachtisch. Dann folgte eine Epoche, die unser Verhältnis zurückwarf in eine finstere Vergangenheit, als es auch in Europa Leibeigenschaft gab, und so kam es, dass ich ohne die geringste religiöse Berufung zu fasten begann, um mich von ihm zu befreien. Ich fastete, bis ich Magenkrämpfe bekam und mich der Hausarzt zu einem Internisten schickte, mit Verdacht auf Divertikel. Dieser Fachmann war ein sportlicher Typ, ein Rheinländer aus Köln, nun, ich hab eben erst spät begriffen, dass die meisten Schweizer vom Fach eigentlich Deutsche sind. Der Internist trug statt des weissen Kittels einen hellblauen Jumpsuit und gab sich ungezwungen, während er mit der Maus, die durch eine Schnur mit dem Monitor des Ultraschallgeräts verbunden war, auf meinen Eingeweiden herumfuhr. Dabei prüfte er die Schummerlandschaft, die wie ein Wunder auf den Bildschirm trat, mit dem Blick des passionierten Schmetterlingssammlers, worauf die Diagnose erfolgte. Ich hatte eine Predigt wegen meiner undisziplinierten Ernährungsweise erwartet, der Internist aber schien zufrieden mit dem, was er sah.
– Sehen Sie, wie schön sich das Rektum an den Kolon schmiegt, perfekt –, sagte der Rheinländer, während ich auf die unappetitliche Verschlingung meines Darmtrakts starrte. – Was für eine Zumutung wir Menschen doch sind –, lispelte ich, dann wandte ich mich direkt an den Diagnostiker: – Stellen Sie sich vor, unser Innen wäre unser Aussen! Und die gesamte Bevölkerung bestünde aus einem gigantischen Fleischröhrengewirr, das sich nach Büroschluss durch die Strassen wälzt – eine einzige kilometerlange Monsterkrake. – Worauf der Hellblaue sich erkundigte, ob ich je an Kinderkrankheiten gelitten hätte, ob Depressionen in unserer Familie vorlägen, und derlei Unannehmlichkeiten. Ich versah ihn mit einem unwirtlichen Blick: – Machen Sie vorwärts, Mann, ist da etwas, oder ist da nichts? – Der Hellblaue schüttelte den Kopf, setzte sich, zückte den Kugelschreiber und schrieb mit grossen Schlenkern ein Rezept. Dann stand er auf, komplimentierte mich zur Türe mit den Worten: – Organisch kann ich nichts Auffälliges an Ihnen finden. Auf Wiedersehen. –
Auf dem Heimweg war alles wie vorher. Der Meinige schwieg, und ich sah, dass er schmollte. – Ich stelle fest, du bist ganz der Alte. –
Die Besänftigung galt eher mir als ihm. Trotz meines Fastens, das sich am falschen Ort bemerkbar machte, war er kein Jota von meinem Nabel gewichen. – Was hältst du von einer Paartherapie? –, fragte ich; da gab er ein paar despektierliche Laute von sich. Von Gleichstellung zwischen uns konnte keine Rede sein.
Er fühle sich eben wohler beim XY-Chromosom, bemerkte eine Freundin mutwillig, als ich ihr mein Problem mit ihm gestand. Was für ein Augenöffner, nickte ich, das muss eine einverschworene Männerfreundschaft sein. Dass er beim Manne sein natürliches Zuhause fand, kann man rundherum erkennen.
Ich ging über die Bücher. Hatte nicht weiland schon Julius Cäsar in Rom beleibte Männer für seinen Hofstaat reklamiert? Dem Patriarchat hat er ein paar Jahrhunderte lang zu Wohlstand und Respekt verholfen, je wohlhabender der Inhaber, desto mehr tat er sich hervor. Während einer vornehmen Ära sprach er ausschliesslich Französisch und nannte sich Embonpoint, später machte er sich an der Frontseite der Industriegesellschaft stark. Wen diese mit einer goldenen Uhrkette ausstattete, mit Spazierstock und senkrechtem Rückgrat, der galt als ein Herr.
Nun aber sind die Tage des Herrn gezählt; und wer auf sich hält, entlässt ihn fristlos und ohne Abfindung. Er hat sich unfreiwillig aus den Bildungsschichten verabschieden müssen, ohne eine vorauseilende Revolution. Die reiche Freizeitgesellschaft hielt ihn ein Vierteljahrhundert im panzerglasgesicherten Fitnessraum gefangen, bevor sie ihn dem hauseigenen Masseur auslieferte, der sich brachial über ihn hermachte, ihn mit Fäusten traktierte und dann in den Whirlpool schmiss, um ihn loszuwerden. Zeugen waren unerwünscht, man kennt das, wenn von Ausschaffung die Rede ist, er bekam keinerlei behördlichen Beistand. So wurde er vorübergehend heimatlos, bevor er sich in den untersten Schichten, dem sogenannten Prekariat, niederliess.

Eines Tages wurde auch ich eine Gefangene des Prekariats. Denn ich, Olga Jawlenka Kartowa, pardon, ich vergass mich vorzustellen, also ich verlor meine Anstellung als erster Balletteusenersatz im Opernhauscorps, man warf mir schwache Knöchel und schwache Nerven vor, und als Olga aus Nowosibirsk hatte ich nichts anzubieten, was das fort- und fortdauernde Ballerinengeflatter sonst hätte stützen können. Anderseits war ich als Tänzerin schon zu sehr von meinem Russischsein entfernt. Umso mehr war ich nach meiner Entlassung in psychisch labiler Verfassung. Darben musste ich zwar nicht, ich konnte beim Arbeitsamt stempeln gehen, doch das Geld ging fast ganz in den Lustbarkeiten auf, die ich wie Stapelfood anschaffte, Kaviar dosenweise, Blinis, Senffrüchte und Trüffel, Wildlachs, dazu Macarons in vielen fröhlichen Farben. Es heisst ja nicht zu Unrecht, dass russische Tänzerinnen zu Bulimie neigen. Ich aber revanchierte mich bei meinem Gespons statt bei diesem grössenwahnsinnigen Opernhausvorstand, der in seiner Allmacht alle und alles kaufte und verkaufte. Dennoch konnte ich für diesen Popanz keinen Hass empfinden, weil Hass aus der unmittelbaren Nähe entsteht. Er aber hat nicht mal die Namen derer gekannt, die er geschasst hat; erst kürzlich wurde der Mann endlich dorthin berufen, wo er aufgrund seines Charakters hingehört, nämlich in den Vatikan. Die brauchen dort mehr opernartige Auftritte. Für mich kam das zu spät. Unser Verhältnis war schon zerrüttet. Dass ich statt den eigentlichen Verursacher meiner Frustration den Meinigen abgestraft habe, nennt man, glaube ich, eine Projektion.
Man hätte annehmen können, dass ich als Mensch mit Kinderstube die ausgesuchten Leckereien zu kosten wusste, stattdessen war meine häusliche Revanche ohne Genuss und Kultur. Als die Delikatessen alle waren, begann ich wahllos in mich hineinzustopfen, Instantfood oder direkt aus der Büchse; er jammerte, erneut ein Opfer meiner Willkür zu sein, das klang, als entziffere er eine Partitur dieses Neutöners Giörgy Ligeti, den sie jetzt überall aufführen, vielleicht tönt es jedoch für Eingeweihte eher wie Stockhausen, der ist schon länger da, dabei der reinste Sisyphus, der fängt ja immer wieder von vorne an, und der hört nicht auf.

Peristaltik nennen sie es – was für ein blasses, realitätsfernes Fremdwort für ein äusserst dramatisches Geschehen. Bekanntlich sucht die Medizin im Lateinischen eine Ausflucht, wenn sie nicht weiterweiss. Er aber hielt durch, allen Respekt, dachte ich im Stillen, ich wusste um seine Selbstachtung, die erst in der schwersten Stunde nachlässt. Diese Stunde kannte ich nicht, ich wusste bloss, irgendwann würde Schluss mit Futtern sein, er würde streiken, angefüllt bis obenhin, wie wir waren. Vollgepropft bis zum Schlund am Ausgang der Speiseröhre mit einem Geschlicke, das zu transportieren er sich weigern würde. Es geschah zum ersten Mal an jenem Sonntag, der ein erster April war, und ich erkannte auf Anhieb: Ein Scherz war es nicht.
Das natürliche Gleitmittel hatte versagt, der Speichel alle Reste von gestern, vorgestern und jenseits der Milchmädchenrechnung, angereichert mit Fetzchen von Staniolpapier, Gummibärchen und Spearmint, unzureichend verflüssigt, Saucen und Sugoreste verstopften zusätzlich den Weg, den die kalte Pasta hätte nehmen sollen, die ganz allein unterwegs war, da die Blutspur aus roten Beeten ihr vorausging, statt sie zu begleiten, also duckte sich die Pasta, nackt wie sie war, in mich hinein und liess sich in den Biegungen meines Entsorgungskanals nieder, im Dunkel schien es ihr behaglich, sie blieb dort für Tage und Wochen, ohne Absicht, mich jemals zu verlassen.
Ich schleppte mich also wieder zum Arzt, unterdessen war ich an das HMO-System angegliedert worden, denn im Prekariat wird man vom Individuum zum Fall.
Das Wartezimmer war voll. Als ich endlich aufgerufen wurde, sprach ich deutsch und deutlich von meinem Leid. Worauf mich der diensttuende Weisskittel erstaunt ansah. – Reden Sie ruhig Mundart, ich stamme aus Münsingen, Kanton Aargau. –
– Was für eine Überraschung –, sagte ich, leider verstehe ich kein Aargauisch, wissen Sie, wir sprechen Deutsch in Aggloland, worauf er die Mundwinkel nach oben ausklinkte, das hiess: kapiert. Dann hievte mich der mehrfach Diplomierte kurzerhand auf eine Liege, versah die Sprechstundenhilfe mit der Anweisung «Bereitschaft zum Anschnallen», während er unter mir eine Spanne Küchenpapier ausrollte. Als er mich halbnackt darniederliegen sah, lichtete sich sein Ausdruck, und ich konnte den Gedankengang des Aargauers bis auf die Zungenspitze vordringen sehen. – Ich weiss, was Sie denken –, sagte ich kühn. – So? Sie sind ja eine Neunmalkluge, bloss sind die Verhältnisse –, er verschluckte den Rest des Satzes und hantierte weiter. – Machen Sie vorwärts mit den Verhältnissen, sie sind für einen plattgewalzten Appetithappen wie mich erniedrigend, das wollten Sie doch sagen –, entgegnete ich ärgerlich. Er hielt ein, wandte sich einen Moment lang ab und murmelte hinter seinem eigenen Rücken. Ich glaubte, dem dumpfen Wortlaut, den er vor mir verbarg, Folgendes zu entnehmen. Dass die Verhältnisse nicht für einen Macker wie ihn, ein typisches male chauvinist pig, gemacht seien und er umgehend kastriert gehöre, was ihm wohl bewusst sei, als Gefangener eines archaischen Triebs, der heutzutage keiner Patientin mehr zuzumuten sei. Er wandte sich mir wieder zu, und ich strahlte ihn an. So was von einem einsichtigen Typen war mir im Leben noch nicht untergekommen. Nun, ich mag mich verhört haben, schwören darauf würde ich nicht.
Es trat eine mir nutzlos scheinende Pause ein, bevor er sich erneut über mich neigte und forsch sagte: – Ich mache Ihnen jetzt ein Klistier. –
– Muss das sein? Klingt martialisch –, hauchte ich mit letzter Kraft, bevor ich mich gehenliess. Ja, das tat ich und ertappte mich dabei, wie ich fasziniert auf jedes Wort horchte, das aus dem Mund des für die mittelländische Darmflora zuständigen Aargauers kam. Die operative Erläuterung hatte begonnen und floss in gemächlichem Schweizerhochdeutsch dahin, flutete eindrucksvoll über die Klippen der Kompetenz, die mir jetzt blindes Vertrauen einflösste. Es war, als rezitierte Romulus der Grosse von Friedrich Dürrenmatt über mir, in der vom Autor freundlicherweise autorisierten Fassung für die Münsinger Laienbühne, und ich als erste Ersatzratte war entzückt.
– Ich biete Ihnen meine gesamten Ländereien an, Herr Romulus –, sagte ich, und der Aargauer hielt ein, schmunzelte (verzeih mir, Leser, Leserin, dieses vergangene Verb), während er mich an den einschlägigen Stellen diskret inspizierte. Dann lächelte, lachte er, wollte sich ausschütten vor Lachen. – Sie, also Sie. Es ist mein Ernst, Herr Romulus, falls Sie mich als Versuchsperson brauchen können, zu einem bescheidenen Preis stehe ich zu Ihrer Verfügung. Ich bin als erste Ersatzballetteuse arbeitslos geworden. Weil meine Nerven zu schwach sind. Vielleicht versuchen Sie es anstelle des Kli… –
– Klistiers –
– Anstelle dieses altväterischen Stiers besser mit der Botoxspritze. Meine Lippen sind zu dünn, oben und unten. – Er hob die Augenbrauen, es waren zwei dichte, mit weissen Fäden durchsetzte Büschel, er musste auf die fünfzig zugehen, dachte ich und bemerkte, dass ihn meine Vertraulichkeit rührte, ja, gegen seinen Willen in Wallung brachte. Vielleicht bildete ich mir das bloss ein, und er hatte lediglich zu hohen Blutdruck. Eine Pause trat ein, während er geschäftig mit seinem Besteck hantierte. Dann kam es verhalten – Sie sind ganz schön anzüglich. Eine Verführerin wie Sie weiss genau, wie sie die Männer einbuchten und kassieren kann. Was nun? Was tun wir mit einer wie Ihnen? –
Statt eine Antwort abzuwarten, hielt er mir den prallgefüllten Sack, der an einem Kunststoffrohr hing und mein gesamtes Foodstuffunternehmen enthielt, unter die Nase, ich muss zugeben, er hatte es schonend abgezapft, doch nun sah ich meinen Darminhalt wie einen offenen Siphon, den ein pflichtvergessener Sanitär hatte liegenlassen, in seiner Faust, ich fing an zu reden, wurde laut und lauter, um die aufsteigende Übelkeit hinunterzuwürgen.
Ich konzentrierte mich auf jede Silbe, das half.
– Sie werden meine Avance überstehen –, sagte ich, – das haben schon mächtigere Männer, also im Ernst, Doktor, ich habe gelesen, Botox helfe gegen Depressionen. –
– Mumpitz –, sagte der Aargauer, – sie sollten nicht alles glauben, was in diesen Heften steht, die sich fachmännisch geben, es sind nur gezinkte Inserate, die das behaupten. Wissenschaftlich ist das keineswegs bewiesen, das kann ich Ihnen versichern. –
– Kommen wir zur Sache, was raten Sie einer Ersatzratte, die entlassen wurde als ein permanenter Wechselschrat, einmal dick und einmal dünn? –
– Was wollen Sie eigentlich von mir? –, sagte er unglücklich. Ich hatte mich inzwischen aufgesetzt und das Küchenpapier über meinen Schoss gebreitet.
– Das Mindeste, was mir zusteht, Doktor, bei diesen exorbitanten Kassenprämien –, sagte ich, – ist ein sachkundiger ärztlicher Ratschlag. – Er schwieg, ich insistierte. Er trat ans Fenster, sah hinaus, und ich sah einen Rücken, der nicht so breit war, wie ich vermutet hatte.
Ich wartete, dann drehte er sich brüsk um und empfahl mir ein ... wie bitte? Ein Praktikum beim Zirkus. – Mit Ihren kuriosen Einfällen und Ihrem rotzfrechen Charme sollte das möglich sein. Ich werde sehen, ob ich Ihnen eins verschaffen kann –, sagte der Aargauer. – Ich habe einen Patienten von und mit Knie. Ja, dem hängt die ganze Sippe am Knie. Er verschafft mir freien Eintritt zu jeder Vorstellung. – Ich schluckte leer. – Aber –, sagte ich.
– Kommen Sie mir bloss nicht mit Ausreden, ich werde Ihre Fortschritte verfolgen, ich werde keinen ihrer circensischen Purzelbäume auslassen. So ist das. –
Wir schauten uns mitten ins Gesicht. Die Offenheit, die jetzt zwischen uns lag, war unverstellt und gegenseitig. Und da war zusätzlich etwas anderes, das noch nicht benannt sein wollte.
Leider kam es nicht dazu.
Warum? Ist doch klar.
Er hatte sich gemeldet.
Der voraussichtlich Gehörnte. Fing an zu protestieren, rülpste und röhrte, stiess dermassen schmatzende Salven aus, dass der Aargauer die Stirne runzelte und sich noch einmal hinsetzte. – Ich verschreibe Ihnen etwas Mildes gegen Sodbrennen. Da scheint doch etwas vorhanden zu sein. –
– Er, nichts als er –, schrie ich in die Praxe hinein und schlug mit der Handkante auf den Nabel. In einem Mix von Ohnmacht und unterdrückter Wut kam es aus mir:
– Der braucht ein Piercing, keine Pastillen. Ein Piercing, das ist die Antwort. Doktor –, flehte ich, und der Aargauer sah, wie es um mich stand.
– Bitte, Herr Doktor, wenn Sie uns ein Piercing verordnen könnten, das hilft garantiert. – Ich presste die Handflächen gegeneinander und spreizte die Unterarme, eine Geste der Demut und des huldvollen Aufbegehrens, die den Widerspruch in sich auflöst: Ich hatte sie von jeher an den Madonnenbildern der italienischen Meister bewundert, gleichzeitig sah ich den Ausdruck in des Doktors Augen, sie waren nun ohne Farbe, irgendwie flüssig.
Es vergingen Sekunden.
Und dann. Alles verflogen. Der Aargauer stand auf, sah auf die Uhr und sagte sachlich: – Es tut mir leid, ich muss Sie verabschieden. Ich wünsche Ihnen alles Gute, Frau … Wie war doch der Name? –
Das gab mir den Rest. Ich spürte die Tränen aufsteigen und wischte mit dem Ärmel vorsichtshalber über die Augen. Ich nahm meine abgewetzte Handtasche an mich wie ein schützenswertes Neugeborenes und stapfte mit steifem Rückgrat zur Tür. Hinter mir gab es Geräusche, und dann fiel der Flattersatz in meinen Rücken: – Hören Sie, ich kann das nicht, ich darf nicht, darf nicht. In Fleisch bohren. –
– Oh doch, Sie können, und wir beide wüssten wie … –
Obschon mein Zorn vernehmlich war, schloss sich die Türe des Ordinationszimmer sanft und beharrlich. Und sehr, sehr langsam. Ein seltsamer Trost, aber ein Trost.

Wir lebten weiter ohne Piercing. Die Drohung hatte meinen Ewigen eingeschüchtert. Er antwortete mit Dünnpfiff. Als hätte ein Wolkenbruch stattgefunden, schoss es aus ihm. Die Vorstellung, gepiesackt zu werden, nicht von einem ehrbaren Rivalen, sondern von einem Dunkelmann, der keine Handschuhe trug und sein Business fern jeder Hygienemassnahmen betrieb, bekam ihm nicht. Mir übrigens ebenso wenig. Sodass ich ihn nun doch mit den Pillen fütterte, die ich besorgt hatte, aus reiner Sentimentalität. Ich würde ihn niemals wiedersehen, den Aargauer. Ich konnte nicht zurück in jene Praxis, das versteht jede, die mit etwas Geschmack und Feingefühl ausgestattet ist.
Dabei hätte ich, wenn er nicht. Er. Er. Er. Nach der verpatzten Nacht, in der ich kein Auge schloss und keine Lippe öffnete, da der Bettgenosse räsonnierte, randalierte wie Samuel Pepys an den finstersten Tagen seines Tagebuchs, gönnte ich uns beiden eine Auszeit. Dann war alles wieder wie ehedem. Er und ich, wir zwei.
ERHÖHTE TEMPERATUR
Das Bild kannte er seit seiner Studienzeit. Es war am Ende des Ersten Weltkriegs als Leihgabe ins Kunsthaus gekommen und wurde von seinem Semester mit Verachtung gestraft, die Sechzigerjahre in Z. hatten nichts übrig für das Erbe der Schweizer Kunst: Was kann von Erben, die Rütschi heissen, schon kommen. Obschon er nicht zu den Scharfmachern zählte, ging auch ihn dieses Gemälde nichts an, Hodler war eine vaterländische Pflichtübung, die man im kunsthistorischen Seminar geflissentlich überging. Nur die Braven, die Angepassten beeilten sich, die Figur und ihre schattenhafte Entourage zu skizzieren, als Gedächtnisstütze sollte das dienen, da es noch keine Digitalfotografie gab, die klick machte und das Sujet erhaschte wie im Schmetterlingsnetz. Das Bild war zu grandios komponiert: im Vordergrund der Mädchenakt, die Lichtgestalt, umgeben von den rückwärts rückenden Vermummten. Aber das Wesen, das sich als Die Wahrheit ausgab, war zu ätherisch, um einen Erstsemestrigen mit Flaum am Kinn zu fesseln, denn der war mehr an handfesten Titten interessiert.
Er erinnert sich: – Ein Höhepunkt des Symbolismus! – Der Oberassistent hüstelte im Abglanz des Gemäldes, das er im Massstab 1 : 2 vergeblich zu projizieren versuchte, es fuhr ihm hörbar in den Rachen. Damit machte er sich vollends zu jener Witzfigur, die lustlose Studenten brauchen, um sich über die Runden zu bringen. Lustlose Studenten sind grausam und wissen es nicht. Ihre Grausamkeit ist ja nichts anderes als eine Spielart unter geschlechtsreifen Rangen, und die hätte man besser im Urwald ausgesetzt, um das Menschenbild zu studieren. Stattdessen hatte man im Kunsthaus anzutreten, dem Hort des Edlen, Guten und so weiter.
Dieser da, der Lotterpuppe, wie sie der Studienfreund nannte, der bald darauf zum Bankfach überlief, stachen die Rippen aus dem Brustkorb, und auf dem Schambein, das nur knapp mit Haut überzogen war, befand sich kein einziges Härchen. Geschlechts- und geheimnislos war die und alles andere als eine erotische Attraktion für einen Jüngling, der abends mit der Lambretta ins Kino knattert und sich ein Busenwunder auf den Rücksitz wünscht. Nouvelle Vague mit der BB war angesagt, von der scharfe Fotos kursierten, die man in der Innenseite der Mappe kleben hatte, sozusagen als Notproviant.

Nun ist er intim mit ihr, nun liegt er über ihr, gewissermassen in der Missionarsstellung, um sie zu restaurieren, Hodlers Wahrheit. Eine von oben delegierte Zumutung. Er fährt sich durchs Haar, knappe sechs Zentimeter Abstand verlaufen zwischen seinem Hosenbund und ihrem Genital, das er nicht Muschi nennen mag. Ein deutscher Mitstudent hatte das Wort seinerzeit eingeführt, Muschis waren Freundinnen, die fortwährend an einem herumzupften und quengelten, bis sie mit ihrem Goldjungen von der gleichnamigen Küste in Paris gewesen waren. Dann bettelten sie, bis er sie nach Rom mitnahm, worauf London, Prag und Amsterdam an die Reihe kamen. Heute gibt es die Muschitour wahrscheinlich nicht mehr, sie würde zu weit führen müssen, bestimmt bis nach Dubai, Shanghai, Hongkong und Tokio, das aber bald weg vom Pflichtprogramm wäre; nicht etwa wegen Fukushima und der Strahlungsgefahr, oh nein, Atomkraftwerke sind kein Thema für Muschis, sondern der illegale Walfang, der sie nicht ergötzt, denn Muschis haben ein Herz für aussterbende Tiere. Er selber blieb einigermassen sauber, ausgenommen, nun ja. Sein Kumpel ist ihm Lehrbeispiel genug gewesen, der hat jene Vollbusige, Mütterliche, die ihn entjungferte, dann heiraten müssen. Sie war elf Jahre älter als der werdende Vater, und die gemeinsame Zukunft kann man sich denken.
Die da ist eine andere, er lernt sie kennen, jeden Tag neu, seit Wochen und Tagen, versucht er sie zu entziffern. Ihre Vulva hat der Maler in zwei dürftigen Strichen angedeutet, und das Beckenskelett sorgfältig gerundet, der Zugang wäre also ideal für einen zartbesaiteten Bräutigam. Von einem Triumphbogen zwischen den Beinen kann allerdings kaum die Rede sein, Gott, was hat er bloss für Assoziationen, was für ein schäbiges Altherrenlatein. Der Künstler Hodler ist zwar kein Kostverächter gewesen, aber bestimmt kein Pädophiler. Das Modell kann höchstens siebzehn Jahre alt sein, doch in seiner Darstellung kommt sie wie aus alter Zeit herüber, eine Lolita, die früh altern wird.
Er ächzt. Nicht gerade bequem, diese Lage, aber anders als bäuchlings ist Hodlers Wahrheit nicht beizukommen, er liegt auf einer Filzmatte und hantiert von oben, von der verschiebbaren Brücke her, die auf den grossen Holzwagen montiert worden ist. So liegt die Leinwand unter ihm, und er arbeitet sich Millimeter um Millimeter zum Bildzentrum vor, verkörpert von diesem seltsamen Girl.
Je näher er ihr kommt, desto mehr schwindet sie, löst sich in Glanzflecken und Schadstellen auf. Abschnittweise, als Ganzheit nicht überblickbar, wird die Arbeit zu einem rein technischen Vorgang, der Bildinhalt und Bedeutung aufsaugt. Bis gestern haben ihn die Figur und ihre tatsächlich bedrohliche Situation auch nicht wirklich interessiert. Aber heute, an diesem Tag, weiss der Teufel.
Es ist, als spüre er eine Regung von ihr, wenn er zunächst mit dem Kunsthaarpinsel, der ist verlässlicher als der Marderpinsel, zum Venushügel vordringt, um dort mit dem befeuchteten Wattebäuschchen die Lasur aus Schmutz abzutupfen, der Reinigungsvorgang kommt ihm plötzlich rituell vor, als appliziere er eine sexuelle Initiation, wie frevelhaft, wo doch zwinglianische Rituale immer über der Gürtellinie stattfinden, er darf also bloss ein wenig um die Leibesöffnung herum tamponieren, die Zeremonien des Züribergs, wo er aufwuchs, sind eine religiöse Trockenübung. Er ist ihr Kustos, Hüter ihrer Reinheit, ach was, das klingt fast schon katholisch, also zu theatralisch. Die Situation verhält sich doch so, dass ihr nichts geschehen darf, nicht das Geringste darf ihr geschehen. Zu Hodlers Zeiten, da ein Modell dem Künstler schutzlos ausgeliefert war, ist ihr wahrscheinlich schon zu viel passiert.
Die Anstrengung knackt in den Knochen, wenn er sich nach eineinhalb Stunde erhebt, um sich von seiner fragwürdigen Position kurzfristig zu erholen. Ein Endfünfziger, der sich über eine Minderjährige hermacht. Kompromittierend ist das, weil es sich um eine gemalte Minderjährige handelt. Lebendig sind sie ja keineswegs wehrlos, im Gegenteil, die kämpfen jetzt mit harten Bandagen, da bist du als Mann vor keinem Schlagring, vor keiner Fingerkralle im Gothic Style sicher.
Er schiebt nun das Holzgestell, das als Brücke dient, so zurecht, dass er an der Beinpartie arbeiten kann, was für prächtige Waden sie hat. Ihre Wölbung hat der Maler mit dem Pinsel liniert, dann rötlich schraffiert, wieder laviert, damit die typisch Hodler’sche Plastizität entsteht. Hodlersche Beine sind immer gewappnet, straff und energisch. Während der Meister die Füsse und manches am Torso im Ungefähren belässt. Was dem Restaurator besser gefällt als das martialische Pathos, das Hodler später entwickelt, sodass in jeder muskulösen Wade eine kommende Schlacht steckt, auch die Frauenwade ist dann ein Marignano am Vortag, wenn der Sieg noch gewiss ist. Das bleiche Mädchen erhebt die Hände, für heute genug, scheint es zu sagen, für ihre gute Durchblutung wird er morgen sorgen.

Eigentlich braucht der Unterleib keine Retusche, beschliesst er am nächsten Tag. Seine Standfestigkeit erträgt das wankende Gelände, ein Hochmoor, aus dem sich der mit brackigem Grün bedeckte Felsen abzeichnet, da sind ein paar schüchterne Blümchen, sie verheissen keinen Frühling.
Der Beauftragte des Fachkollegiums nennt das berühmte Bild aus dem Jahre 1902, von welchem Hodler zwei Fassungen herstellte, die Apotheose vor dem Untergang. Er selber hält den Vorgesetzten für einen Schwärmer, dabei begriffsversessen, als ob man diesem Maler mit Theorie beikommen könnte. Das ist ein Naturbursche gewesen, ein Pinselberserker, der Augen zu sehen hatte und Hände zu formen.
Der Restaurator sieht hier ein Mädchen, das Hodler auf die Füsse stellt, nur im Stand kann es sich wehren, und der Meister stellt diese Wahrheit nicht auf die Frühlingswiese, wie gesagt, sondern auf eine diffus lavierte Leerstelle. Das ist eine Information.
Der Restaurator legt die Handfläche über das linke Auge und schickt das rechte wie einen fotografischen Sucher über die Leinwand, in Slow Motion schwindet jede theoretische Überhöhung, so kommt, dass der Symbolismus, der diese Epoche (der Secession, an der Hodler teilnimmt) verbrämte, hier nichts mehr zu suchen hat. Hier tut sich eine Brache auf, sie gähnt ihn an, sie irritiert, da ausgerechnet im Umfeld des Mädchens, warum. Enthält sie vielleicht den archimedischen Punkt, an dem der späte Hodler entspringt, über das Nichts springt, den Abgrund, der ihm der Alltag zuweilen sein mag, hinauf zu den Alpen und ihrer kantigen, hochgradigen Präsenz. Ihre Majestät, die Hodler’schen Alpen, da gibts dann nix mehr zu deuteln, da sind dann alle vereint auf dem Gipfel der interpretatorischen Eindeutigkeit.
Die Wahrnehmung steckt im Auge, nicht im Hirn, nur bring das mal einem Experten bei. Die Wahrnehmung des Restaurators hat kein Urteil, je länger er an einem Gemälde arbeitet, umso weniger. Für den Restaurator hat ein Meisterwerk sakrosankt zu sein. Der sieht eine Fläche voll Können vor sich, ein Können, das auch ein Wissen ist und furios über die Fläche fegt, da und dort von Diagonalen gebrochen, welche mit Rötel liniert sind; sieht aus wie Ölkreide, ist aber Hodlers virtuoser Pinselstrich, der wechselt zu Magenta, schlägt weiter rechts ein als violetter Blitz in die Gewandung der schwarzen Schattengestalten. Als wollte er die weghaben, bestimmt wollte er ihre Absichten durchkreuzen, damit sie dem Mädchen nichts antun. Damit sie sich nicht plötzlich wenden, um ihr das Grinsen des Totentanzes einzupeitschen.
Der Restaurator bemerkt, dass er auf der Holzbrücke überm Sinnieren in die Knie gegangen ist. Er seufzt, ist ja nicht gerade die für ihn typische Position. Weiter, er muss weitermachen. Eigentlich würde er das ganze Bild so belassen. Der Schmutz, der sich auf dem Bild niederliess, hat wie ein schützender Firnis gewirkt. Hat Schatten gebildet auf der gelblichen Hauttönung des Mädchenaktes, der ihm jetzt kräftiger erscheint als früher. Er hielt sie für magersüchtig, damals, aus Distanz. Anorektisch ist die, hat er gemurmelt, als sie wie auf dem Leichenwagen ankam. Als das monumentale Gemälde, geschoben von vier Spediteuren, dirigiert vom verantwortlichen Museumskurator, in der Werkstatt anrollte und für ihn vertäut wurde. Festumzug für eine Nackte und vier bis fünf Racheengel, hat er bei sich gedacht, weil er das Bild nicht mochte, es erinnerte ihn zu sehr an die Uni und alle verpatzten Jahre, die folgten, das ist ihm nicht geheuer, doch ja, wer weiss, vielleicht ist die Arbeit an der Jugend eine Verjüngungskur? – Die hat Power, die kann sich wehren –, rief die Assistentin begeistert.

Er legt den Pinsel nieder und rappelt sich auf. Erst halb zwölf Uhr. Was ist bloss mit ihm los. Er streckt sich und klettert vom Holzwagen hinab. – Ich bin dann mal weg–, sagt er etwas zu laut, zu burschikos. Und die beiden Frauen, die an den Staffeleien zugange sind, die Assistentin und die Praktikantin, schauen verwundert auf. – Ist es schon Mittagszeit? – Er antwortet nicht, er macht sich davon. Diese Unruhe in ihm. Er trollt sich in den Park, der dem Kunsthaus gegenüberliegt, er geht den Kiesweg hinauf und hinab. Das Gelände ist jetzt schon voller Baubaracken, da bald die Kunsthauserweiterung beginnt. Ob der Baulärm bis zu ihnen, an die Rückseite des Altbaus dringt? Es ist ihm, als ob seine Sinne unter einem Brennglas gleissen, als ob darin tausend Sonnen bersten und gegen ihn ausholen. Dabei liegt der Park im Schatten. Er setzt sich auf eine mit Kisten vollgestapelte Bank, sie lassen eben noch ein Eck frei für ihn.
Wahrscheinlich rührt der Schwächeanfall von seiner Hast am Morgen, da er sich nie richtig zum Frühstück hinsetzt. Er nimmt morgens einen Cappuccino an der Cafeteria, dazu eine Brioche, die schmeckt, als sei das Gebäck vorgestern in Zellophan von einer Autobahnraststätte importiert worden. Egal, es geht lediglich darum, den Blutzuckerspiegel zu stabilisieren. Zurück in die Werkstatt, in das gedämpfte Licht, dann ein Blick auf die Staffeleien im Hintergrund, die Kleinmeister des achtzehnten Jahrhunderts sind stets problemlos gewesen, das Brot vieler Jahre, die er hinter sich hat. Er steigt erneut auf die Holzbrücke, prüft die unter ihm lagernde, vom Holzrahmen gelöste Unergründlichkeit. Mehr Abstand zur Figur hat er gewollt, sie neu sehen, was also sieht er jetzt? Eine Fremde ist eingezogen auf dem einst monumentalen Gemälde, das sich nun wie Marschland mit Untiefen ausbreitet. Erst hat er eine Theaterkulisse vor sich gesehen und diese Sicht wieder verworfen.
Hodler hat die Leinwand nicht grundiert. Ein Vollblutmaler schert sich wenig um die technischen Aspekte, ausserdem hat man zu seiner Zeit noch wenig von der Zukunft von Öl auf Leinwand gewusst. Dass sie brüchig wird und krakeliert, sogar verpudern kann, heikle Partien, die er mit hauchdünnem Japanpapier ausbessern wird. Dass die Leinwand sich zu Schüsseln aufwirft, die man mit Störleim bearbeiten muss, mit einer hauchdünnen Folie anpressen, um sie flachzulegen, Teufel auch, die Anzüglichkeit ist nicht mehr wegzukriegen, ist das die Rache des Bildes an seinem ehemaligen Desinteresse? Die Burschenschaft, in der er war, hat vor nichts zurückgeschreckt, was ausserhalb der Vorlesungen Programm war, das waren quickmuntere Animierdamen, keine dürren Frauenakte. Er war auf der Hut gewesen, zu feige, denkt er jetzt. Er war der Statist in der Bande. Sein Leben lang ist er Statist.
Er tunkt den Pinsel in den Klebstoff, der aus der Schwimmblase des Störs gewonnen wird. Hodler hat alles aus der Natur geschöpft, die Natur heilige die menschliche Figur. Hat er in seinen Vorträgen vertreten, er war ja in späten Jahren noch Akademielehrer gewesen, was man sich schwer vorstellen kann, dieser Vollblutkünstler hinter dem Katheder. Ja, die Kunst fordert ihren Tribut.

Was will das Bild von ihm? Wer oder was ist die Wahrheit, an die Hodler gedacht hat? Der Stör ist vermutlich das letzte Opfer jener Erhabenheit eines Meisters, die er als Restaurator sicherzustellen hat. Mitte des letzten Jahrhunderts verschwindet sie, und mit ihr die Aura der Kunst. Dann tritt der Starkünstler auf die Bühne und ersetzt die Erhabenheit durch Selbstdarstellung, durch schrankenlosen Exhibitionismus. Ein Geschwurbel, Mann, dieser Jeff Koons, sagt der ahnungslose Neue, er ist Kurator für die Altäre des Mittelalters, was ihm wohl kaum in die Wiege gelegt worden ist, so wie der daherkommt, wie er redet. Woher das alles stammt, möchte er wissen. Auf Wikipedia betrachten sie zusammen Duchamps Pissoir und den Akt, eine Treppe herabsteigend. Dann zeigt er dem Novizen einen Youtube-Film über die ehemalige Wahrhol-Factory. Das Fazit ist kurz. – Mit Marcel und Andy fängt die Homestory der Kunstgeschichte an –, kommentiert der Neuling. Der Restaurator sagt nichts.
Hodler hat alles andere als eine Homestory durchgemacht, auf einem lodernden Grat ist er gegangen, alles in ihm war gestaltende Energie. Eine Sippe voller Todesfälle, ein Leben voller Tode hat er verarbeiten müssen, daraus unerhörte Kraft der Formgebung geschöpft, was manchmal übermenschlich anmutet. Hodler, obschon kunsthistorisch gesehen ein Moderner, Hodler ist alte Schule, was die künstlerische Integrität anbelangt. Und dabei die Ausdauer in der Wucht, als hätte er mit den Fäusten gemalt. Dabei die darstellerische Kompromisslosigkeit in der Nähe zum Liebsten, was er hat. Umpflügen das Klischee seiner Epoche und ohne Tränen bis ins Sterben hinein. Das ist grosse Klasse, und die möchte er, Hanskonrad Arter, genannt HK, sichtbar machen. Die Aura muss bleiben, wie schafft er das. Eine andere, eine neue Wahrheit hervorkratzen, was für eine? Probeweise presst er mit Folie den sparsam getupften Leim auf die defekte Stelle. Eine Wüste, das Bild, technisch gesehen.
Eine schlaflose Nacht. Das Ticken des Weckers hat ihn ins Bad getrieben, präzis um drei Uhr siebzehn hat er zwei Pillen eingeworfen, der Ausdruck stammt aus der Zeit, da der Joint und LSD angesagt waren. (Er ist nicht von gestern, wie die Museumskollegen annehmen.) Er geht auf Zehenspitzen, um die Frau nicht zu wecken. Das Päckchen steckt noch im Badzimmerschrank, wahrscheinlich längst abgelaufen, die Filmtabletten kaum gebraucht, doch der Tranquilizer, den ihm die Therapeutin einst zugesteckt hat, wirkt sofort.
In der Frühe hat er keinen Hangover, was ihn überrascht. Ein frischer Morgen, ohne Kopfschmerzen, wider Erwarten. Das Kunsthaus liegt wie neu vor ihm. Und zum ersten Mal wirft er einen Blick auf das restaurierte Höllentor von Rodin. Nicht dieses Thema jetzt, er geht stracks durch das Foyer, wo noch niemand ist ausser der Cafétière, die mit dem Lappen hantiert. Er nickt ihr zu. Sie scheint überrascht zu sein von seiner unerwarteten Freundlichkeit, die sie erwidert. Rasch nach hinten, die Treppe hoch, durch die neu eingerichtete Sammlung, zu viel Cy Twombly, findet er, arrangiert wie auf einem Altar, der ebenso gut von Beuys sein könnte, Beuys war in diesem Haus zu lange der Fürst. Der Restaurator mischt sich nicht ein, obschon, als der Neue kam, seine Meinung gefragt war. Er gilt als rettungslos rückständig. Das ist ihm recht, mit Vorurteilen kann er besser operieren, sie sind ein Schonbezirk für ihn, anders, als der gefühlige Dunstkreis falscher Sympathien es wäre. Er liebt bestimmte Maler, das heisst ihre Gemälde, sie stammen aus allen Epochen der Kunstgeschichte, von der Frührenaissance bis zu den Zeitgenossen. Rauschenberg, de Kooning, Rothko, bitte mehr davon. Das Getue um die aktuellen Diven berührt ihn nicht. Es gibt viel mehr Künstler als Kunst. Viel zu viele, die Kunst bloss mimen, bestenfalls repräsentieren, das ist die nackte Bilanz aus den letzten zwanzig Jahren Kunstbetrieb, auch in diesem Haus.
Die Kleine da. Er werde leichtes Spiel mit ihr haben, hat er zunächst gedacht. Er hat sie unterschätzt. Allmählich beginnt sie sich zu rächen. Zahlt es ihm heim, wird zu einer kleinen Jeanne d’Arc der Revanche für seinen studentischen Hochmut, der sie einst ignorierte. Und für etwas anderes, was er verdrängt hat.

Sein Elan in der Früh war trügerisch. Als er wieder auf der Filzmatte liegt, sieht er keinen Anhaltspunkt, eine Einöde sieht er vor sich. Ein gekleckertes gestrichenes Nichts. Bäuchlings ist man wehrlos. Mechanisch erhebt er sich wieder, um im Caldor das Wasser zu wärmen, das man für die Lösung der Schmutzschicht braucht. Blöd.
Blöd hat die Mutter die schadhaften Stellen auf seiner ersten teuren Sommerhose genannt. In gestärktem Leinen hat er sich zum ersten Mal kavaliersmässig gefühlt. Erstklass-Schneiderei einer alteingesessenen Zürcher Firma, sodass er das heikle Stück ausgebessert haben wollte, als es riss. Junge, du solltest mehr Sorge tragen, wo treibt ihr euch bloss herum: Die Weissnäherin, die monatlich kam, seufzte oft. Er hat sich von dieser Hose nicht trennen wollen, bis sie über Nacht zum Putzlappen geworden war. Die Mutter hat das bewerkstelligt, wie sie so manches bewerkstelligt hat im Sinne einer Kurskorrektur, die nicht dorthin führte, wo sie den Sohn haben wollte. Sondern dorthin, wo er schon war, wo reiche Nichtstuer sich im Flow suhlen, nur nachts sind sie lebendig. Damals ist das nicht anders gewesen. Damals war das Seefeld der Rotlichtdiskrikt, und die harmlosen studentischen Ausschweifungen landeten im Café Terrasse am Bellevue.
Hodlers Wahrheit hat Blödstellen. Das darf man nicht aussprechen, im Auge der Kunstgeschichte. Dass selbst ein Meister da und dort einfach pfuschte, weil er sein Geschäft satthatte. Oder weil ihm nichts einfiel. Dass Meister Hodler sich um etliche Stellen herumgedrückt hat, kann nur der Restaurator erkennen, es ist die stumme Bilanz von drei Monaten Arbeit am Bild. Sie wird nicht über seine Lippen kommen. Er mag keine peinlichen Dispute mit dem Fachkollegium lostreten.
Die Tage vergehen beim Schaben und Tupfen. Seit Tagen schabt und tupft er, kommt nicht rasch genug voran, um das Mädchen neu zu imprägnieren. Mit der zunehmenden Empfindung nehmen auch die Empfindlichkeiten zu, er entwickelt Idiosynkrasien, er schnüffelt Lösungsmittel und erträgt den Geruch der Menschen nicht mehr. Die Assistentin meidet ihn, seit er ausfällig geworden ist. Natürlich hat er sich entschuldigt. Er ist nervös, ungehalten beim Schach, da hilft, dass er den Schachpartner gewinnen lässt. Belanglos. Fesseln tut ihn derzeit nur diese Figur, die sich von den Schattengestalten abwendet, sich die Haare rauft, wenn niemand hinsieht. Weil sie sich fürchtet. Simple Erkenntnis.

Ein Fauxpas, ein Ausrutscher, das von gestern. Weil er gedacht hat, seine Eigeninitiative, dabei eine rein kör perliche Massnahme, würde seine Unrast beseitigen? Er hat sich hinreissen lassen, ist am Sihlquai gewesen, hat eine Polin ins Auto geschaufelt. Als sie ihn mit ihren schwarzgetupften Klauen umfing, hat ihn Panik befallen. Hier ist das Geld, so viel kriegen Sie in einer Woche nicht, sie war sprachlos, und er ist getürmt, mit offenem Hosenbund und nacktem Fuss auf dem Gaspedal. Im Rückspiegel sah er sie auf dem Trottoir stehen, die Handtasche schliessen, die Strumpfnaht prüfen: kein verlorenes Mädchen wie das von Hodler. Eine Professionelle going West. Es gibt sie zu Dutzenden, diese kaum flüggen, abgebrühten Hasardeurinnen aus Russland und vom Balkan, die längst nicht so bemitleidenswert sind, wie die hiesigen Frauenorganisationen tun. Denkt er.
Er hat Gewissensbisse gehabt, als er um Mitternacht ins Schlafzimmer trat. Seine Frau hat im Schlaf gewimmert und sich hin und her geworfen. Morgens stand er um sechs auf, um ihr im Bad nicht begegnen zu müssen. Er hätte ihr – post non coitum – nicht nackt entgegentreten können, so ist er nun mal, er leidet nicht sonderlich unter seiner Schamhaftigkeit: Deine Zürichbergsymptome, nannte es der Studienfreund. Der Zwinglianismus als metallkalter Keuschheitsgürtel für Männer. Er fühlt wenig bis nichts beim Geschlechtsverkehr, obwohl er normal funktioniert. Er hat aufgegeben, sich deshalb therapieren zu lassen. Läppisch, jene Sitzungen, in denen er einer Frau gegenübersass, die sich kaum von seiner eigenen unterschied. Eine Confession sentimentale zu dritt. Unerträglich.
Wer war das Mädchen? Er steckt den Pinsel zurück in das Glas, das mit Terpentin gefüllt ist, obschon Terpentin heutzutage verboten ist, die Dämpfe seien invasiv und könnten rauschartige Zustände bewirken. Hat der Mann behauptet, der die Werkstatt beliefert. – Was im Rausch entstand, bedarf des Rausches, bei der Nachbildung. Das ist simple Logik, Herr Kantonsapotheker –, sagte er mit Nachdruck auf den ersten zwei Silben. – Wir arbeiten hier im Auftrag der Stadt. –
– Ich bin bloss der Lieferant, ich habe meine Anweisungen. Und so weit mir bekannt ist, arbeiten Sie hier im Auftrag eines Fachkollegiums, das von Meryll Lynch gesponsert wird. Ausgerechnet die mit dem Dreck am Stecken. –
Woher der das weiss? Das geht diesen Kerl einen feuchten D an. Laut sagt er: – Hören Sie, es geht um Authentizität, und das heisst, die gleichen Instrumente, die gleichen Mittel, mit denen der Künstler gearbeitet hat. Von allein haben die alten Meisterwerke doch nicht diese Leuchtkraft gewonnen. Mit der Synthetik verpatzen Sie jede Aura, Herr Kantonsapotheker. –
– Wie Sie wollen, dann halt mit Terpentin. Sie tragen die Verantwortung, Herr Arter. –
– Jetzt schau einer an –, röhrte der Kollege von den Nabis im ersten Stock, – der Arter Hanskonrad wünscht sich den Rausch. Der kluge Kostverächter von annodazumal, er will einen Rausch. – Schwindel befällt ihn, wenn er an das Gespräch denkt. Noch jetzt ist da ein Stechen und nimmt ihm den Atem. Sind das Anzeichen einer Attacke? Die Zeitungsbeilagen sind voll von Warnungen, die er nicht mehr sofort als Werbemüll entsorgt. Nicht mehr, zwei Wörter werden wichtiger, wenn man älter wird.
Es ist Zeit, dass er den ganzen Vorgang rekapituliert. Bei Tageslicht und ohne Alkohol bei Tische. Das Mädchen hat ihn bestrickt. Man müsste von Verführung sprechen.
Obschon sich sein Glied niemals gereckt hat, im Anblick ihrer Nacktheit, es ist etwas anderes, was ihn an ihr erregt. Etwas Messianisches, was nicht zu ihm passt, nicht zu einem Arter der sechsunddreissigsten Generation. Vergegenwärtigen wir uns: Er ist nicht zu ihrer Reinwaschung berufen, er ist beauftragt mit ihrer Instandstellung, nichts weiter.

Das Ärgernis besteht in der unbekannten Herkunft des Modells. Die heroischen Hodlerweiber sind namentlich bekannt, sie tragen vom Schicksal gezeichnete, hagere Züge, hohe Stirn, Adlernase, klassisches Profil, tuberkulös unterhöhlt. Das Mädchen hingegen ist eine Anonyma. Eine Pennerin, entlaufene Bauernmagd, alles ist möglich. Ihr Gesicht ist älter als der Körper. Eine zwiespältige Aussage, derzufolge das Modell auch eine unerlöste Jungfer hätte sein können, die der Künstler kurz vor dem Verblühen entblättert hat.
Oder hat er eine Kriegswaise vor dem Verhungern bewahrt? Allerdings hat es um die vorletzte Jahrhundertwende in Bern wohl keine Kriegswaisen gegeben. Dann halt doch eine Bettlerin, die der Maler von der Strasse auflas, wo sie, der Not gehorchend, zum Freudenmädchen wurde, das nun gelegentlich gratis Indoordienste macht, denn einem anerkannten Meister zu dienen, ist allemal besser als der Strassenstrich. Er kommt je länger, je weniger an sie heran, er umkreist sie wie ein wildes Tier, das unschlüssig geworden ist, weil es den eigenen Hunger nicht kennt.
Seine Verdriesslichkeit, die Ungeniessbarkeit für andere. Jede Passion, auch die negative, ist einem Arter der sechsundreissigsten Generation doch fremd. Bisher, denkt er. Und fühlt Blutandrang im Hals, vom Nacken her fährt ihm diese feile Jungfrau in die Lenden, hockt sich auf seinen Rücken und reitet ihn vom Hals bis ins Gehirn.
Jetzt in die Senkrechte gehen, von den Knien an aufwärts, die Arme hoch, zwei mal stretchen. Plötzlich spürt er seinen Körper. Nicht die Fitness, sondern den Körper. Der macht, was er will.
– Ich glaube, wir müssen das Gebläse einstellen –, sagt er im Gehen zur Praktikantin. Sie ist Dänin. – Das Klima hier drin ist unerträglich. –
Sie guckt ihn an, als sei er der abnehmende Mond.
– Ich eben habe gelüftet, Herr Arter. –
– Nenn mich HK, Dörte, sonst komm ich mir vor wie dein Opa. –
– Ich mag Opa, haben Herz Opas. –
Dänisch klingt sehr direkt.
1902 in den Slums von Bern. Sie könnte sich mit Dällebach Kari verbünden, leider kommt der zu spät. Mit dem Dällebach Kari einen Ganovenverbund eingehen, das hätte klappen können. Als Taschendiebin wäre diese Wahrheit besser als im Freudengewerbe, sie ist nicht lasziv, es muss ihr grausen vor den ungewaschenen Kerlen mit Alkoholfahne und Schaum vor dem Mund. Er wird ihr die Pille untermischen, als Pulver, auf keinen Fall darf sie geschwängert werden. Von den Hochnasen des Kunstbetriebs. Noch besser, dem Mädchen einen Gleitschirm einbauen, mit dem sie sekundenschnell aufsteigt, in die Lüfte. Damit sie wegkann, wenn die Schwarzen kommen. Nur ganz sanft andeuten, von hinter dem Lungenflügel links, einer genügt. Sein Vorgesetzter wird das nicht merken. Der hat bloss ein Gehirn, schon seine Augen sind zu weit vom Stoff entfernt, aus dem die wahre Kunst gemacht ist. Die Ware Kunst. Wegfliegen können, wenn die Schwarzen kommen. Das Mädchen muss leben, auf Teufel komm raus.

Französisch, machen wir’s französisch, hatte sie gefragt. Auf Deutsch. Und er war ziemlich verlegen gewesen, er war knappe zwanzig und hatte eine vage Vorstellung davon, aus dem Kino. Le Cinéma vérité. Kommt ihm die Bardot jetzt in die Quere mit ihrer Vérité, weil er nun täglich der anderen Wahrheit entgegentritt. Er war der Freier einer Dame, die ihr glich, üppig und mit Schmollmund. Das erste Mal in Paris, im Puff. Das war schäbiger als erwartet, keine Folies Bergère. Ziemlich abgefuckt und er noch kaum mannbar. Ihr Allemands mögt es doch französisch, und sie hat sich unumwunden an ihm zu schaffen gemacht, und erst dann hat er begriffen.
Hodler hat mit diesem Mädchen vielleicht französisch gesprochen, er war doch bei Barthélemy Menn in Genf zur Ausbildung gewesen. Französisch mit breitem Berner Akzent. Sinnlos, weiter darüber zu brüten. Gedanken an sie zu verlieren, statt das Besteck an ihr zu wetzen. Er legt sich auf den Rücken, winkelt die Beine an. Hofft, dass ihn die Frauen nicht so liegen sehen.
Arter Hanskonrad, treten Sie vor. In Gedanken schlägt er die Hacken zusammen, zu Diensten, Herr Korpskommandant, das Militär hat er gehasst, ganz gegen die Familienehre, die von einem potentiellen General und drei Obersten gepflegt wurde. Er war kein Vorzeigestudent wie sein älterer Bruder gewesen, der die Karriere einer traditionsreiche Sippe fortsetzte. Während er, er. Wie dem auch sei, er kannte kein forsches Berufsziel. Bis jetzt weiss er nichts von seinen eigentlichen Wünschen.
Sie sind wohl so ein Aussteigertyp, Arter, Entscheiden Sie sich, was Sie im Leben wollen. Hat der Profax gemault, bei dem er hätte abschliessen sollen. Kunstgeschichte, das niederländische Stillleben in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Er hat nicht abgeschlossen. Hat ihn zu wenig interessiert, jenes überfrachtete Jahrhundert, das noch jetzt aus allen Nähten der Museen kracht.
Da wo das Herz ist, klopft nur ein Muskel. Er möchte nicht daran erinnert werden, was damals geschah. Das kommt von weit unten, was in ihm dräut, er weiss nur dies: Kein anderer darf das Mädchen berühren. Eine späte Heimsuchung. Er sinnt über die Lücken nach, es sind viele, die Hodler auf dem Bild hinterlassen hat. Warum hat er sie ins Nichts gesetzt, geradezu eingekreist mit dem Nichts. Leere Leinwand um sie herum. Da er die Figur mit ein paar Pinselhieben hingeschmettert hat, könnte man sie für flüchtig halten, eine Flüchtige, das täuscht, denn sie steht aufrecht. Das heisst, dass sie sich wehrt. Dass Fatale ist, dass sie in seiner, des Restaurators Optik eine Liegende ist, eine stehend Liegende ist sie.
Später denkt er, dass es ein Leichtes wäre. Hätte er nur das geringste Bedürfnis, nichts leichter als Kunstschändung. Er ist Herr über jedwede Manipulation. Es gibt laut Statistik mehr Kunstfetischisten, als man annimmt.
Sein Einzelgang, seine Verwundbarkeit, woher. Weil er als Hetero schon bald der Aussenseiter ist? Er hasst die parfümierte Männererotik, die jetzt im Vestibül hängt, da hat irgendein schwuler Tycoon eine Schenkung gemacht, und jetzt trabt er täglich an diesen Herrenmodellen vorbei, sie wären was für Caravaggio gewesen, das halbe Museumsgewerbe ist neuerdings der Männerliebe zugetan. Dabei ist er keineswegs homophob, er hat doch keine Vorurteile, die Teamarbeit klappt bestens, ja, vielleicht ist sie sogar entspannter, weil er ein Hetero ist und daheim eine Frau hat, die nicht auf ihn wartet. Nicht mehr.
Dieser Aufruhr in ihm. Er macht doch bloss seinen Job im Museum, dort, wo man dem Schönen und Wahren den Teppich bereitet. Ihm zu Füssen liegt, damit andere einem zu Füssen liegen, hinterher wird gemauschelt und kassiert. Alles Schöne und Wahre behaupten, das ist das Museumsbusiness, so wie eine einzelne Grille in seinem Garten den Sommer behauptet, der vollständig ins Wasser fällt.
Hundert Jahre Wahrheit, in zwei Fassungen, und in ein paar Wochen wird er mit der transparenten Schablone Mass nehmen am Zwillingsgemälde, das in der Sammlung hängt. Dann wird die erste Fassung, seine Wahrheit hinaus treten, vor die Experten und Repräsentanten des Sponsors. Zur Anbetung freigegeben, oder insgeheim zum Abschuss. Missbrauch wird stattfinden, wenn der Vielfrass der Kunstmeute sie verschlingt. Demnächst im Rampenlicht der Medien, von Fotoblitzen erlegt, besudelt von jenen Gierigen, die ihre Brieftasche mit Kunstverstand verwechseln.
Nachts träumt er, dass er auf Hodlers Gemälde durch die Wogen der Kunstgeschichte treibt, zurück bis in die Renaissance und weiter hinab. Wer will die Wahrheit, ruft er den sinkenden Flotten zu, doch die Menschen um ihn herum ertrinken, dann ist ihm, als kentere er selber im zum Leben erwachten tausendfach vergrösserten Purgatorium des Altarbildes von Hieronymus Bosch, das im Prado hängt. Am Morgen ist er schweissgebadet.

Er wird sie nie erreichen, die Wahrheit der Frauen. Diese Lektion eines Malers, der ein Frauenkenner war, ist deutlich. Der Maler hat sein Modell den Schattengestalten, welche Verfolgung und Tod weissagen, entzogen, indem er sie in einen unsichtbaren Mantel hüllte. Die rohe Leinwand, an der HK tagelang herumgeschabt hat, teilte ihm erst spät ihre eigentliche Funktion mit. Zwar scheint das bereits die wild entschlossene Miene des Mädchens zu tun, sie bringt eine stumme Beschwörung zum Ausdruck. Aber HK hat erst vor ein paar Tagen begriffen, dass es nicht der Gesichtsausdruck ist, der die Figur so stark macht. Dass es nicht ihre Abwehrgesten sind, welche die Gefahr bannen sollen, sondern die Leere, die sie umgibt. Die Hülle aus Nichts bestätigt ihre Unangreifbarkeit, der Maler hat das gewusst, und er, HK hat eine lange Leitung gehabt.
Es ist also nicht nötig gewesen, zu tun, was er ursprünglich vorgehabt hat, was ihn vermutlich den Job gekostet hätte. Die Wahrheit mit ein paar technischen Kniffen zu manipulieren, damit sie nicht nackt einem ignoranten Publikum ausgeliefert wird.
Die Gesamtausdünstung von Experten, Sponsoren, Kritikern, Investoren, Sammlern und ihren Groupiesist eine gewaltige Beeinträchtigung der Exponate, davon wissen die allesamt nichts. Deswegen hält er sich vom üblichen Kunstbetrieb fern. Niemand wird ihm abnehmen, dass ein jahrzehntelang praktiziertes unbedarftes Geschwätz auf das Kunstwerk eine schädliche Wirkung hat. Der Arter mit seinen Einbildungen, der Arter spinnt.
Er rekapituliert: Wie und wodurch ist ihm eigentlich die Erleuchtung gekommen, dass die Lücken auf Hodlers Gemälde keineswegs von einer Schludrigkeit herrühren? Dass der Meister das Mädchen mit Absicht auf die ungrundierte Leinwand setzt, damit sie aus der Leere ersteht. Diese Zen-Weisheit führen nicht nur Buddhisten im Programm ihrer gutgehenden Pfade, Entbehrung und Fasten sind auch eine abendländische Praxis der Mystiker, die schon in den frühchristlichen Klöstern waltet.
Der Meister hat den androgynen Leib mit einem fast megärenhaften Gesichtsausdruck verlinkt. Ihr wissendes Antlitz, ihre entschlossene Mimik sollen die Entblössung des Körpers vor falschem Zugriff der Zungen bewahren, vor den gelehrten Vielwisserzungen. Das war sein vordergründiger Eindruck. Nicht falsch, das nicht, aber die Quelle dieses Bildes liegt woanders. Hodlers Wandlung vom Verführer zum Beschützer seiner Modelle hat er im Verlauf seiner langjährigen Nahinspektion am Werk studieren und ergründen können. Der Restaurator hat sich diese Haltung angeeignet, er ist der Bodyguard der Bilder, nicht ihr Staatsanwalt.
Auf einmal war ihm klar, was er doch längst wusste. Als er im Tram sass und eine Übernächtigte einstieg. Sie war struppig und halbnackt, klapperte mit ihren rotangelaufenen Fingern. Sie würde, fürchtete er, von den bekifften Youngsters im Tram fertiggemacht werden. Doch die Jungen rückten wortlos beiseite und machten ihr Platz. Voilà.
Es heisst, Hodler habe mit seinem Motiv womöglich die Dreyfus-Affäre verarbeiten müssen, und zu allem Unfug wollen jetzt Experten im Modell Hodlers Frau Berthe gesehen haben. Möglich, dass Berthe die Figur inspiriert hat, sie sei ja cheibe mager gewesen. Nun ist Malerei auch Metamorphose, genau das beweist dieses Gemälde.
Darauf sieht man ein Mädchen stehen, und das ist von einer Ehefrau weiter entfernt als eine trächtige Kuh von einer Haselmaus. Der Maler, und notabene auch er, der Restaurator, will in ihr eine Unschuld erblicken, oder eine Wilde, was vom ontologischen Standpunkt her auf dasselbe hinausläuft.
Sie mag – für die Buchführung – eine Allegorie auf das Unrecht sein, die Blossstellung der Wahrheit mit dem Rücken zum anrückenden Femegericht. Wer aber mit ihr sechs Monate verbracht hat, in intimer Nähe gelebt, muss diese Auffassung verwerfen.
Sie ist zu weit hergeholt, zu abstrakt. Es geht hier direkt um das Leben des Mädchens, und nicht um einen jüdischen Oberst, der fälschlicherweise verurteilt und auf eine Insel verbannt worden ist. Es geht darum, dass die Wahrheit dieses Gemäldes letztlich in seinen Leerstellen besteht.
Es ist Zeit, sich von ihr zu verabschieden. Auf diesen Beschluss hin hat er sämtliche Pinsel gereinigt, die gebrauchten und die unbenutzten, und sämtliche Utensilien im Schrank versorgt und diesen Schrank abgeschlossen, der mehr enthält, als andere wissen. Er stand noch ein paar Minuten davor, dann ist er endlich gegangen, und halt, doch noch einmal zurückgekommen, für den prüfenden Kontrollblick, das Auge als Überflieger einer Bildtrunkenheit, die ihn befallen hat wie ein Siechtum.
Als er an diesem Abend nach Hause kommt, es ist wieder nach Mitternacht, steht seine Frau in einem flauschigen Seidendress vor dem Badezimmerspiegel und schminkt sich ab. Der Flausch ist ihm neu, und er sieht, dass sie darunter nichts trägt. Dazu fallen Worte, die ihn noch mehr überraschen als der ungewöhnliche Aufzug.
– Sag endlich, dass du eine Geliebte hast. Du kannst ruhig ehrlich sein. –
– Du bist schön –, sagte er und nahm sie behutsam in die Arme. Sie war perplex.
– Was ist nun? Deine Zärtlichkeit muss ja von irgendwoher stammen, sie ist mir vollständig neu. –
Sie schien erfreut und tat zum ersten Mal etwas, was in einem Schlafzimmer der Arter-Dynastie wohl noch nie vorgekommen war. Sie liess den Dress vor seinen Augen fallen. Machte keine Miene, ihn aufzuheben, sondern schlüpfte in die Daunen. Das wirkte sehr geschickt, sodass er ebenfalls auf den Gedanken kam. Den er nicht aussprach. Er spürte, dass auch in ihrem Leben etwas vorgefallen und nun zu einem Ende gekommen war.
Gleichzeitig war ihm klar, dass ihre Frage rein rhetorisch gemeint war. Sie war schon seit Jahren dermassen enttäuscht von ihm, dass sie überzeugt war von seiner Unfähigkeit, eine Geliebte zu halten, und das reizte ihn umso mehr.
– Ja –, sagte er. – Du liegst richtig, ich habe jemanden gehabt. Und Schluss gemacht, definitiv. –
Als er sie umschlang, versteifte sie sich merklich, sie schien dabei nicht sonderlich brüskiert.
– Du willst mir bloss imponieren, nicht wahr? –
– Nein –, sagte er mit einer Bestimmtheit, die sie zu frösteln schien.
– Wie heisst sie? –
– Das hätte ich gerne gewusst. Aber lassen wirs. Es ist endgültig vorbei. –
Seine Frau löschte das Licht und drehte sich um.
Binnen zwei Wochen wird die Wahrheit feierlich enthüllt vor einem geladenen Publikum stehen. Er wird nicht dabei sein. Er wird im Louvre sein. Oder im Quai d’Orsay Courbets Origine du monde anschauen, ganz privat. Stille Andacht, keine Inspektion, er kennt jenes Bild aus dem Effeff. Er ist berufshalber ein Voyeur und hat kurz etwas mit dem Hodlermädchen gehabt. Ob das die Wahrheit war? So viele Gefühle aufs Mal hat er noch nie gehabt.
12 000 KILOMETER NABELSCHNUR
Sie dachte, das ist es also, was Goethe zu Eckermann sagte. Und was der Kleist wahr gemacht hat. Vielleicht wegen Goethe, der ihn abgelehnt hat. Der verzweifelte Kleist, der seinen Freitod als festlichen Paarlauf am Wannsee inszenierte: Die unerhörte Begebenheit, exemplarisch.
In Tat und Wahrheit schleicht sich das Phänomen in unsern Alltag, es ist schon da, wenn es erkannt wird. Als Schlaglicht auf etwas Vorhandenes, das in der Stille sein Wesen treibt.
In solchen Tiefsinn war sie geraten, weil Sven in ihre Einladung geplatzt war, ihr älterer Bruder war per Anhalter aus Berlin hergereist.
Man weiss, wie gnadenlos das Urteil grosser Brüder sein kann. Kleine Schwestern sind Wachs in ihrer Weltanschauung. Doch diesmal wars wohl bloss Arglosigkeit. Sie segelte wie ein Herbstblatt durchs offene Fenster und landete auf dem Teppich. – Seit wann sind wir den schwanger, Schwesterchen –, fragte er. Sie hatte eben den Hauptgang servieren wollen, ein enormer Aufwand: Saftplätzchen nach Grossmutterart, Gemüse und Ofenkartoffeln. Die Teller wurden ihr unaufgefordert entgegengestreckt, und plötzlich kam es ihr vor, als stiessen sie zu, die Kommunarden der losen Umgangsformen.
Sie pflanzte die grosse Anrichteplatte auf das angerostete Rechaud und wandte sich ab. Da war sie, diese unerhörte Begebenheit, als sprechende Wölbung unter dem Trägerkleid, sein Empirestil hatte sie verraten. Ein Rauschen in beiden Ohren, sie muss puterrot angelaufen sein, als sie aus dem vor Werweissen vibrierenden Wohnzimmer ins Bad gestürzt ist. Hatte alles andere an brüderlicher Ungeniertheit erwartet, einen ätzenden Satz wie: Dieser grässliche Lumpen steht dir nicht. Oder: Seit wann trägst du Tantenkleider? Minuten verrannen, sie sass wie versteinert auf dem Wannenrand. Schliesslich erhob sie sich, um dem erbarmungslosen Spiegel etwas entgegenzusetzen, er war drastisch ehrlich, und kein Schmeichler wie seine Brüder von der Couture. Im harten Schlag der Neonröhre wirkte ihr Vorbau wie eine Sprungrampe für Skispringer, nein, ich übertreibe nicht. Ich bin ja die Chronistin jener Person, die ich von aussen ermittle, dafür setze ich sie eine Erzählung lang in die dritte Person. Nicht weil damit eine objektivere Einschätzung von Situation und Handlung zu erwarten wäre, sondern weil das Ich jener Tage sich verabschiedet hat. Es war namenlos und darum zu allem fähig gewesen, was das Reich der Phantasie ihm offeriert hatte, es lebte in der Möglichkeitsform. Und nun ging es um das Auskosten einer Situation, die vorhin als die ultimative weibliche Zukunft in Gang gesetzt worden war: ihre Zukunft.
Zu jener Zeit war Schwangerschaft ein feministisches Risiko und in jedem Fall ein Politikum. Nach wie vor verkehrten in linken Kreisen hartgesottene Ideologen, die jeden Rülpser des Zufalls als Voraussetzung gesellschaftlichen Handelns analysiert haben wollten. Ihr war das schnuppe, sie nannte sich einen Freigeist und blickte gefasst der unausweichlichen Diskussion in der nicht mehr so guten Stube entgegen.
Dichter Qualm hing über der Runde, Wuschelhäupter fuhren auseinander. Alle fixierten jene dritte Person singular, die nun unanfechtbar im Raum stand. – Du wirst uns nicht mit einer Hausgeburt strafen, was? Wann und wo ist der Termin? – Herbert war strikte mit Formalitäten. Er hatte zum eisernen Bestand der maoistischen KPS/ML gezählt, und in der KPS/ML war Heiraten obligatorisch gewesen. Er war längst geschieden, aber gezeichnet von vergangenen Verhaltensmustern. Diesmal kam er nicht weit damit, denn seine blutjunge Freundin, die er als Errungenschaft in die Tischrunde eingebracht hatte, wurde vorwitzig: – Darf ich die Patentante sein? – Jemand frohlockte, und jemand bot ihr grossherzig das ehemalige Kinderbettchen an. Statt Ideologie wurden praktische Ratschläge herumgereicht. – Sag bloss nicht, du heiratest in Weiss –, sagte jetzt Ingrid, die meistens schwieg, als beharrlicher Teil einer ausgeleierten Partnerschaft, die zu keinem Finale fand.
Sie staunte, diese unerschrockene Person, die ich einst war, ihre mutmassliche Schwangerschaft warf wider Erwarten keine Schatten der Repression voraus, es drohte ihr keine sexistische Versklavung. Mutterschaft war also nicht mehr die eingeborene Feindin jeder Intellektuellenlaufbahn, stellte sie mit Genugtuung fest und sah sich besorgt nach dem wichtigsten Menschen um.
Er sass neben Herbert, in sich versunken. Während die plötzlich beste aller Nachrichten sämtliche Zungen löste, blieb er stumm und sandte ihr einen finsteren Blick zu, es war ein Signal der Ohnmacht. Ron schien wie alle andern die Botschaft zu glauben, und sie, besser gesagt ihr Bauch, traf eine Entscheidung. – Will mir denn niemand gratulieren? Die Ausstattung lasst mal meine Sorge sein –, sagte sie und tat souverän. Sie blickte beschwörend nach dem unteren Tischende, und sah, dass von dort jetzt grünes Licht kam: – Wir wollten die Neuigkeit vorläufig für uns behalten, aber unter euch Plappermäulern ist das ein Ding der Unmöglichkeit. – Er spielt also mit, um mich zu schützen, dachte sie, während sie sich sagen hörte – Ich bitte um Themenwechsel, ich serviere jetzt nämlich das Dessert, meine hausgemachte Himbeerglacé. – Als der Tafel ein einhelliges Bravo entstieg, nahm sie an, das bedrohliche Omen hätte sich verflüchtigt.
Endlich im Bett, der Abwasch hatte gedauert, sah sie sich getäuscht. Ron rieb seine Wange an ihrem Hals und fing an, behutsam ihr Abdomen, wie er das nannte, zu massieren, dann tastete er vorsichtig nach unten, wo der heilige Gral sass; für ihn, den dipl. Chemiker, bestand er vermutlich aus einem zarten Kristallstäbchen der Doppelhelix, die unser Erbgut definiert, und bei unsachgemässer Behandlung würde es sich sofort verflüssigen. Er legte ein Ohr auf ihren Nabel und horchte:
– Ich glaub, ich werde verrückt. Svens Vermutung ist also richtig, mein Schatz. –
Was für ein verlockender Umgangston! Die derart Geweihte schoss in die Sitzlage und schaute ihm prüfend ins Gesicht: – Willst du sagen, dass du dich freust? –
Als Antwort legten sich zwei kräftige Arme um ihre Mitte, wie eine dralle Maid aus dem deutschen Schlager kam sie sich jetzt vor.
– Du hättest mir etwas sagen können. –
Sie kuschelte sich an ihn; er führte ihre Hand zu seiner Erektion, während er flüsterte: – Wir haben gerade noch Zeit, bevor mich dein Hormonhaushalt ausstossen wird. Sie zeigte sich verblüfft. –
– Du bist offenbar informierter als ich. –
Eigentlich war das nicht erstaunlich, denn Ron arbeitete als Leiter eines medizinischen Labors in einer Tagesklinik. Das war nicht vorgesehen gewesen, ihre Jugendliebe hatte promoviert und wollte eigentlich in die Forschung gehen, dann aber hatte die Jugendrevolte auch die Pforte der ETH erreicht: Es begann die grosse Ära der Karriereverweigerer.
Am übernächsten Morgen fand sie zwanzig Seiten Schwangerschaft nach 35 vor. Darauf steckte ein gelbes Post-it. – Ich freue mich. R. – Er hatte ein Herz um sein Initial gekritzelt, was sie für ein Alarmzeichen hielt. Wie ausgehungert musste er sein. Sinnlich, menschlich bedürftig, sie war ahnungslos gewesen und beschloss, den Dingen ihren Lauf zu lassen.
Der Alltag nahm seinen Fortgang, und sie, deren Namen der Sache nicht förderlich ist, war auf der Hut. Ihr Name sei einerlei, meinte sie, und fügte etwas wichtigtuerisch hinzu, ein Name sei bloss ein Pars pro toto in einer Epoche der Gesellschaftsrelevanz. Das reicht uns nicht, dachte die Chronistin, und liess an seiner Statt ein solides, in der Praxis des Frauseins geschultes Pronomen agieren. Die dritte Person singular.
Diese sah sich auf einmal verwöhnt und umsorgt von ihrem guten Kumpel, der über Nacht zum Gentleman avanciert war. Ausserdem sprach der Kenner aus ihm, er habe vor, sie planmässig für die kommende Phase zu instruieren.
Nun gut, das klingt professionell, doch wird seine notorische Brutpflege etwas unheimlich für die Partnerin, die sich bald vorkommt wie eine unnütze Henne, die nicht legen kann. Die beiden sind in jenem verschwenderischen Alter, da man das Eigentliche noch vor sich sieht, Jugend stellt noch keinen vergänglichen Wert dar, ja, sie ist überhaupt nichts Besonderes, da man sie für unaufhörlich hält.
Sie hat den vermeintlichen Erzeuger mit achtzehn Jahren kennengelernt. Er war «mon homme», wie die erotisch fortschrittlichen Französinnen sagen. Kennen und lieben, na ja. Soll man nun das ominöse Verb nachschieben, wo doch die Liebe eine hochfliegende Majestät war, respektheischend, von Frauenromanen gesättigt, deren himmlischer Anspruch in keiner Weise den Umgangston der modernen Partnerschaft traf? Sie wagte nicht, das erhabene Wort in den Mund zu nehmen, die daraus resultierende, schlüssige Tat jedoch schon. Notiert die von der Anzüglichkeit leicht irritierte Chronistin, weil sie weiss: Auf die Nächte mit Ron war Verlass, ein guter Liebhaber war er von jeher gewesen, schon die Entjungferung vor sechzehn Jahren, wenn wir so weit ins Detail gehen wollen, erfolgte mit äusserster Sorgfalt in der Deésse seines Vaters, auf dem Liegesitz der französischen Göttin unter den Automarken, die im Film noir Furore gemacht hat. Nächte intakt, aber was ist mit den Tagen, Bürotagen, die ihr nun endlos erscheinen? Das Wort Langeweile erhebt sich bereits im Hinterhalt und wartet auf Einsatz.
Sehen wir weiter, was folgt. Als der mutmassliche Vater zu einem infantilen Märchenton überging und sich erkundigte, was denn «unser kommendes Schätzchen an diesem Abend auf seinem Tellerchen wünsche», erwiderte die mutmassliche Mutter aus purem Übermut, das Schätzchen würde gern einen frisch gepflückten Penis essen. – Du liegst richtig, ich meine exakt den deinen. –
Es trat eine Pause ein. Dann hörte sie sich mit Nach druck sagen: – Der ist jetzt reif, der muss jetzt fallen. – Sie glaubte, ein kleines Flackern in seinen Augen zu entdecken, doch dann zwinkerten sie, und er sagte pfadfinderhaft – Kastrieren ist auch ein Handwerk. Machen wir die Probe aufs Exempel. –
– Gleich jetzt, ergänzte sie mutwillig. –
Es war etwas wie Kampfgeist über die beiden gekommen. Als er im T- Shirt, im übrigen blutt – die deutsche Sprache entbehrt des treffenden Pendants –, vor dem hellblau lackierten Brockenhausbuffet stand und wie zur Krönung seines Mutes das Fleischmesser schwang, ging etwas Seltsames mit der Frau vor. Sie hätte ihn schwerlich benennen können, diesen verlockenden Sog nach einem Schnitt in lebendiges Fleisch, der mit pathologischem Sadismus wohl nur eine geringe Verwandtschaft aufweist. Hineinschneiden in das atmende, das vertraute Körperteil, das organisch mit ihr verbunden war. Mit einem Mal verstand sie, dass es ein elementares Bedürfnis gab, einem rohen Haufen ausgeweideter Tiere messerscharfe Schnitte beizubringen, in einem Machtrausch einem Verwundeten den Kopf zu spalten, worauf die noch zuckenden Gliedmassen vom Rumpf zu trennen sind, logisch, in der Abfolge einsichtig sah sie das Handwerk des Tötens vor sich. Da wuchs also ein kleines Monster in ihr heran, vor dem sie ihn und vor allem sich selbst schützen wollte, folglich nahm sie dem blutten Mann das Messer aus der Hand und ergriff stattdessen seinen Penis. Den streichelte sie wie eine verschreckte Haselmaus, erleichtert, dass er nicht aus der Vorhaut fuhr. Dann führte sie den angehörigen Körper ins Schlafzimmer, und sagte – Los, Licht aus, Augen zu, und zwar sofort. –
Sie lag wach und hörte die Stunden schlagen, zwei, drei, vier, fünf, im Morgengrauen schlich sie ins Bad und blickte dem Ungeheuer im Spiegel entgegen. Das geht also in dir vor, nickte sie, dieses Gelüst, etwas Lebendigem systematisch den Garaus zu machen, in zuckende Leiber Keile zu treiben, blutende Schenkel und Arme abzuhacken. Noch mehr erschrak sie über die Erkenntnis, dass die berufsmässige Schlachterei einen unterdrückten sexuellen Trieb befriedigte, wie man von Kriegshetzern und Nazis vermutet. Irgendjemand musste ja die Drecksarbeit tun, hatte sie bisher gedacht. Drecksarbeit, damit die Gesellschaft ihren kannibalischen Schweinereien auf dem Teller frönen konnte. Auch sie mochte nichts lieber als eine Portion frische Entenleber und dazu eine Semmel in die bestialisch aromatische Sauce tauchen, im Augenblick des Genusses wars ihr egal, dass die Sauce in Billiglohnländern mit Geschmacksverstärkern angereichert worden war, der Dreck der Ausbeutung schmeckte leider zu gut. An Menschenfleisch in der Bratpfanne hatte sie allerdings noch nicht gedacht.
Der folgende Tag verging quälend, sie war zu gar nichts imstande, sass stumpf im Büro und blätterte in den Dossiers. Beschloss um halb drei aufzubrechen, die Kollegin hatte zum Glück frei, da war niemand, dem sie Rechenschaft schuldig war. Kochen, etwas Unverdächtiges kochen, das half ihr meistens. Also kaufte sie unterwegs ein, band sich zu Hause die Schürze um und machte sich ans Werk. Das Rüsten und Rühren linderte ihren Zustand, doch wer will schon um vier Uhr mittags einen Gemüserisotto vertilgen? Sie rief Ron an, sie habe gekocht, er solle sofort nach Hause kommen, und als er kam, wirkte er auf sie wie eine sabbernde Hündin, der sie am liebsten einen Tritt verpasst hätte.
Ein Signal, notiert die Chronistin. Sie fügt ein paar der bizarren Szenen hinzu, die sich in der Folge ereig nen, damit wir uns ein Bild machen können von den Zuständen, in welche die Frau geriet.
Sie erblickt am hellen Tag eine Pfanne voll dampfenden Mampfs, wird von Panik ergriffen und rennt blindlings aus der Wohnung. Auf und davon, weiter und weiter, bis sie die Küchenschürze, die an ihr baumelt, mitschleift, die Bändel haben sich gelöst, gleich wird sie sich darin verheddern und stürzen. Das bringt sie endlich zum Stehen. Sie schaut sich um, rundherum Hochhäuser, anthrazitschwarze Bürokomplexe, dahinter ein gläserner Stahlriese, der sie zu einer Nichtigkeit schrumpfen lässt, sodass sie mit dem Fuss aufstampft, es klingt hohl nach Beton, gleich wird er seinen Schlund auftun und sie verschlucken. Wenn er das tut, wird sie in einen Zeitkorridor gleiten und kommt am anderen Ende des Erddurchmessers frisch auf die Welt. Das ist verlockend, sie ist drauf und dran, ans andere Ende der Welt zu tauchen. Aber halt, da liegt noch etwas, das muss sie aufheben. Sie greift nach den grünroten Karos am Boden, ein elendes Häufchen Häuslichkeit in der Fremde, das sie mahnt, rundherum ein stählernes Niemandsland. Ein Ort, nie gesehen, eigentlich ist sie fasziniert. Warum nicht hierbleiben, anwurzeln, sich auflösen in unbekannt? Wieder das Aber, das Aber regiert den Alltag, das Aber ist Ron verpflichtet. Sie inspiziert ihr streikendes Knie und bemerkt, dass ihre Füsse in Pantoffeln stecken, ihren geliebten ausgelatschten Tigerfinken. Sie beginnt hysterisch zu lachen und trottet durch ein menschenleeres Gebiet zurück. Es beginnt zu regnen, und als sie triefend zu Hause ankommt, sind drei Stunden vergangen.
In der Frühe, wenn Ron in der Küche hantiert, tätschelt sie im Bett das anschwellende Vorgebirge, lässt die Finger auf ihm tanzen, ihr Bauch ist guter Hoffnung, das weiss jene in der Fotoschachtel vergilbende Generation. Fotos sind spiessig, etwas fürs Altersheim. Guter Hoffnung hingegen ist die irdische Barmherzigkeit, jedenfalls etwas sehr Lauteres, Schönes, so nimmt das banale Wort ausnahmsweise in ihrem erlesenen Wortschatz Platz. Preziös faltet sie die gespreizten Finger über ihrer gewölbten Mitte und begibt sich mental in das Inbild der Verheissung, so ward, so wird aus ihr für ein höheres Momentum Madonna im Rosenhag, oder Maria, die Mutter Jesu, die aus dem Gehäuse in eine liebliche Landschaft hinaustritt.
Die wohlwollenden Blicke, die auf der Frau ruhen, im Bus, im Tram, am Arbeitsplatz, sind eine Genugtuung für jemand, die mit der Waage einen chronischen Kampf ausficht. Doch das reicht nicht, sie müssen bestätigt werden. Man ertappt nun die Frau beim Shopping, wenn sie ihre Schritte in die Abteilung für Säuglinge lenkt. Wie sie Büchsen in den Händen wiegt, die Inhaltsangaben entziffert und das Food einpackt. Einmal kauft sie zwei Gläser naturreines Baby-Mus und verschlingt den Inhalt sitzend auf der WC-Brille der Warenhaustoilette. Ist da jemand schockiert? Der gebenedeite Zustand duldet alles, verzeiht alles, sind wir doch christlich in ihm vereint. Einmal verstaut sie ein getupftes, nun wirklich ungemein süsses Nickistrampelhöschen in ihrer Schultertasche und behält es bei sich. Immer. Manchmal, im Kinodunkel, fährt sie in den Flausch hinein, um ihn zu kosen.
Das Verhalten hat den Zustand besiegelt. Das Umfeld bestätigt ihn, indem es ihn spiegelt: Überquellendes Verständnis alter Frauen und zarte Schonung durch den Mann, ein bisschen Knuddeln und Kosen vor dem Lichterlöschen. Im Übrigen werden die Nächte mit Schlafen verbracht, was ja der Hauptzweck von Nächten sein soll. Was aber ist mit den länger und länger werdenden Tagen?
Lähmend der Sonntag mit seiner notorischen Spaziermanier, er probt im Naherholungsgebiet das Familienglück, doch bemerkt man in seinem Schatten den verstohlenen Ingrimm der aufrecht neben dem Kinderwagen schreitenden Väter, die ihre Hände in den Manteltaschen bergen. Daneben der wortreiche Versorgungstrieb der Mütter, die den Schatten geflissentlich übersehen. Die Väter sind unfreiwillige Väter, was sie niemals zugeben werden, sie aber sieht es ihnen an. Gegen Abend, wenn die Dämmerung elektrische Funken in die bleierne Winterlandschaft schlägt, wenn das künstliche Licht am blauer und blauer werdenden Horizont aufgeht, erwacht jene unbestimmte Wehmut in ihr, die weder Ursache noch Ziel hat. L’ennui nennen sie die Franzosen, es wohnt der Weltschmerz in diesem Wort, er liegt unter der Langeweile begraben und weist über das einzelne Dasein hinaus. Besser als das Nichts, das ihr Grundzustand geworden ist. Und das Nichts ist das Nichts, und jede Anmutung von Heidegger ist pfui.
Der unstete Geist verlangt nach prickelnder Nahrung. Eines Abends, als Ron mit seinen Kolleginnen kegeln ging, sass sie untätig zu Hause herum und horchte auf Anzeichen jenes Tabugefühls: das satanische Gelüst auf den Schnitt ins rohe Fleisch. Es wollte sich nicht einstellen, also stand sie auf, nahm das Nagelscherchen aus dem Manicure-Etui, das irrtümlicherweise beim Nähzeug lag, ritzte sich den rechten Handrücken blutig und verfolgte mitleidlos, wie das Blut auf den Teppich tropfte. Dann lief ihr ein Schauer über den Rücken. Das war alles. Die Frau, die innerlich erstorben war, eilte ins Bad, um sich die blutende Hand unter das fliessende Wasser zu halten. Dann verpasste sie sich schlecht und recht mit Gaze und Heftpflaster einen Verband.
– Hast du dich verletzt, Liebes? –
Ach was, die dumme Pute im Labor hat mich fast zu Tode gestochen, natürlich am falschen Ort. –
Sie erhofft von dieser Flunkerei frische Durchblutung. Arterielles Blut, helles Zinnober. Ein Klopfen oder Ticken. Sie wartet auf Gewissensbisse, doch da ist nichts, gar nichts ausser dieser konturlosen Einöde in ihr, und nicht ein einziger Baum darin, den man wie in der Sahara anfahren und umlegen könnte. Und dann fällt dieser unerträgliche Satz: – Das wird schon wieder, das macht die Schwangerschaft mit dir. – Sie muss an sich halten, sie holt tief unten Luft, um den wichtigsten Menschen nicht zu würgen.
Schon im Gymnasium hatte sie sich der Pantomime verschrieben, die Nachahmung von Lehrpersonen war die Paradenummer und überzeugte Lehrer und Schüler, dass aus ihr einst eine grosse Schauspielerin werden würde, eine Zeitlang erwog sie die künstlerische Laufbahn, um dann umso drastischer Gegensteuer zu geben und das Studium der Rechte zu ergreifen. Alle hatten den Kopf geschüttelt, ausser Ron, dem die Bühne nichts sagte, das Getue all dieser Regiestars, die sich selber inszenieren wollen, meinte er, ihm war eine juristische Instanz an seiner Seite mehr als genehm. Es begann die Propaganda für das WERTVOLLE Leben, denn die bösen Geister der Euthanasie wurden wach, wenn jemand sich für die Erforschung einer möglichen Pränataldiagnos tik einsetzte mit dem Argument, dank ihr würde man Eltern und ihren behinderten Kindern ein beschwerliches Leben ersparen. Offenbar war ein beschwerliches Leben für Eltern und Kind erwünscht. Da kann man dann ein stilles Heldentum pflegen. Die Bemerkung hatte er mutwillig fallengelassen, zu einem Pausenbrötchen. Seither galt Ron bei den Schwestern der Tagesklinik als ein menschenverachtender Technokrat.
Wird es ein Julian oder eine Louise? Das Namensspiel hatten sie schon oft gespielt. An ihrem Geburtstag fand sie auf dem Frühstückstisch eine Schachtel vor, verziert mit dem üblichen Kram von Schleifchen, Sternchen und Blümchen, pflichtschuldig mimte sie Begeisterung und zupfte aus raschelndem Seidenpapier ein Schlüttchen mit dem gestickten Namenszug Louise. In ihren Augen war das ein Schock, den sie nicht zeigen durfte. Um ihre Erschrockenheit zu verbergen, presste sie den Louisenvater heftiger denn je an sich, sein vor Freude rotes Gesicht berührte sie peinlich. Ihr wurde mulmig, sie kam bei 26 Grad in der Küche ins Frösteln, sie zitterte am lichterlohen Morgen, und das war nun wirklich sehr bedenklich.
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