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Isolde Kurz
Vanadis
Der Schicksalsweg einer Frau
Saga
Das Lebendge will ich preisen,
das nach Flammentod sich sehnet
Goethe
Erstes buch
Erstes kapitel
Vanadis das Kind
Es war in der Zeit, wo die Frauen noch lange Haare und kurzen Verstand hatten und demgemäß in der Versammlung schweigen mußten, dafür aber von Küche und Alkoven aus desto herzhafter die Welt regierten. In jenen dunklen Tagen, die noch gar nicht so fern sind, wie es heute scheinen mag, wuchs auf einem Herrensitz in nächster Nähe einer süddeutschen Kreisstadt ein kleines Mädchen auf, das den Namen Vanadis trug. Ihr Vater, der Mythenforscher Heinrich Folkwang, hatte ihr gegen den Widerspruch der ganzen Verwandtschaft diesen Namen gegeben, der bei unsern Altvordern soviel wie Göttin oder „Dîs“ der Wanen bedeutete und ein Zuname der Freya war. Nur ein so eigenbrötlerischer und sonderbarer Herr wie dieser Professor Folkwang, sagten die Leute, konnte sich darauf versteifen, ein Kind mit so fremdartigem Namen ins Leben hinauszuschicken. Er war in der Tat ein steifnackiger Gelehrter, von der Waterkant gebürtig, der sich durch Schriften und Vorlesungen mit den Häuptern seiner Zunft verfehdet hatte, worüber ihm eine aussichtsreiche akademische Laufbahn in die Brüche ging. Seit dem frühen Tod seiner entzückenden jungen Frau litt er an zeitweiligen Gemütsstörungen, die sich als Menschenscheu und Schwermut äußerten. Darum war er, dem Drang nach Einsamkeit folgend, zu seinen Schwiegereltern, den van der Mühlens, in das alte Herrenhaus übergesiedelt, den letzten Rest eines ehemals umfang- und ertragreichen Ritterguts, das der jetzige Besitzer, dem es durch Heirat zugefallen war, wegen Schulden stückweise verkauft und der aus ihren alten Toren herausdrängenden Stadt als Baugrund überlassen hatte. Das Haus besaß schöne Verhältnisse und einen stattlichen Aufgang, war aber äußerlich ein wenig herabgekommen, weil die Mittel zur Instandhaltung fehlten. Dagegen bewahrte der Park, den ein alter Gärtner versah, noch die Erinnerung einstigen Glanzes. Da standen herrliche Baumgruppen und steinerne Götterfiguren, die freilich ihre Glieder nicht mehr alle beisammen hatten, und deren schönste, eine Hebe, neben ihrem Sockel im Grase lag, von Moosen überklettert. Was aber diesen Garten von allen anderen Gärten unterschied, war ein Bächlein mit flachen Borden, das fast in gleicher Höhe mit dem Rasen hinlief, das Anwesen in zwei Hälften schnitt, und das den wilden Knaben des Hauses Folkwang, solange sie klein waren, eine gern benützte Gelegenheit zum Hineinfallen gab. Ein Brücklein überspannte es und führte in den Waldgrund hinüber, das Überbleibsel eines bedeutenden Forstes, den Herr van der Mühlen bei Geldknappheit nach und nach hatte schlagen lassen. Dieser einst sehr lebenslustige Herr kam in der Zeit, wo unsere Geschichte beginnt – das war in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts –, nur noch selten aus seinem Zimmer im oberen Stockwerk herunter und glitt alsdann wie sein eigenes Gespenst durchs Haus. Er war schwachsinnig geworden und vergaß immer wieder, daß die lärmende Jugend unten im Garten seines Blutes war, wie oft seine noch sehr lebensvolle Gemahlin, die geliebte Schutzgöttin der Kinderschar, ihn an diese Tatsache erinnerte. Nur die kleine Vanadis kannte er als seine Enkelin. Sie brachte ihm zuweilen einen Strauß Blumen aufs Zimmer, worüber er eine närrische Freude bezeigte. Sie war ein eigenes Geschöpf, die kleine Vanadis oder Vana, wie sie sich selber nannte. Um sich vor der Wildheit der Knaben, die sie auf Schritt und Tritt bedrängten, zu retten, schuf sie sich eine eigene abseitige Welt. Wenn der Vater seinen Spaziergang machte, schmuggelte sie sich in sein Zimmer, um, was ihr von seinen Büchern dem Titel oder den Abbildungen nach verlockend war, vom Bord zu stehlen, denn sie hatte viel früher als andere Kinder lesen gelernt. Mit ihrem Raub flüchtete sie unter die niederhängenden Zweige einer gewaltigen Zeder, die ihr fernab vom Tohuwabohu der Brüder ein häusliches Obdach bot, und verschlang wahllos, was sie ergattert hatte. Sie nannte diese Zuflucht „Schloß Tronje“ und den umgebenden Moosgrund mit Leberblümchen und Steinnelken den „Garten Immerschön“. Das Gelesene erzählte sie der großen Lumpenpuppe, die sie überall mit sich trug. Sie besaß zwar Puppen in Menge, aber sie spielte mit keiner andern. Nur für diese eine aus Werg und Zeuglappen war sie auf den ersten Blick erglüht. Und doch konnte man nichts Häßlicheres sehen als diese Puppe: Mund, Kinn und Nase waren aus Stoff gezupft und genäht, die Augen bestanden aus flachen schwarzen Perlen und funkelten mitunter ganz schreckhaft, daß das kleine Ding ein dämonisches Ansehen bekam. Eine rote Mütze machte sie noch häßlicher. Überdies war sie von den wilden Griffen der Brüder in der Mitte eingeknickt, so daß sie, wollte man sie frei halten, vornüber sank. Vanadis liebte sie ob dieses Leibschadens nur noch mehr, wie eine Mutter ihr krankes Kind vor allen andern bevorzugt.
Was kommt der Wirkung gleich, die ein den elterlichen Garten durchströmendes Wasser auf die kindliche Phantasie auszuüben vermag! Es war ein bewegliches Eigentum inmitten eines unbeweglichen, es kam und ging ohne Unterlaß, war nicht zu halten und war doch immer da. Innerhalb und außerhalb des van der Mühlenschen Gutes hieß dieses Wässerlein von jeher nur „der Bach“. Die kleine Vanadis gab ihm einen Namen; nach seiner leisen, singenden Stimme nannte sie ihn das „Bächlein Lirili“. Er gab ihr mit seinem eilenden Gang, der aus dem Unbekannten kam und ins Unbekannte ging, die sehnsüchtige Ahnung der Ferne. Wenn sie eine Blume hineinwarf, so lief sie jubelnd mit, sah sie diese dann in dem schmalen Durchbruch der Mauer, durch die das Bächlein hinausströmte, verschwinden, so stand sie bestürzt und traurig. Das Empfinden des Unaufhaltsamen und Vergänglichen war dann unbewußt über ihr. Das Bächlein Lirili senkte ihr den ersten Keim zu jenem Fernweh in die Seele, das immer die Heimat im Unerreichbaren suchen muß. Das tiefste und geheimste Wunschziel des Kindes war die „Selige Insel“. Sie lag ihr im Sinn, seit sie einmal ihren Vater hatte gegen den älteren Bruder äußern hören, die Alten hätten tief im Westen, wo die Sonne vom Tageslauf rastet, die Inseln der Seligen gesucht. Wort und Vorstellung ließen sie nicht mehr los, und die dort badende Sonne mußte sie sich als etwas Leibhaftes, wenn auch Unfaßbares, vorstellen. Dorthin ging ihr Sinnen; mit der Lieblingspuppe dort zu wohnen, wo weder die Unarten der schrecklichen Jungen noch Tante Fannys kreischende Stimme sie erreichen konnte, das war der Traum ihres jungen Lebens. Das Kind hatte nicht wie andere kleine Mädchen den Trieb, die Puppe immer neu zu kleiden, das wäre auch bei deren eigentümlicher Beschaffenheit, der es an einer fest abgegrenzten Leiblichkeit gebrach, schwierig gewesen. Dagegen ersann sie ihr immerzu neue Namen, geistige Gewänder, mit denen sie wechselte. Denn das Namengeben war ihre besondere Stärke, und diese mußten entweder hochromantisch sein wie Filomene oder Blanchefleur oder ganz und gar seltsam und selbstgebildet: die tiefe Zärtlichkeit, womit das Kind diese Unnamen sprach, gab ihnen den seelischen Wohlklang. Mit ihrem ursprünglichen Namen aber hieß diese Puppe Vana, wie die Herrin selbst, deren zweites Ich sie war. Der große Vorzug, den sie nicht nur vor den anderen Puppen, sondern auch vor den lebenden Spielkameraden genoß, erregte die Eifersucht und den grimmigen Haß der Brüder. Diese hatten sie „Lumbell“ benamst und sangen Spottlieder auf sie, und die beständige Jagd, die sie auf die Lumbell machten, war der hauptsächlichste Anlaß für die Kleine, sich mit der Puppe auf das feste Schloß Tronje zu retten, wohin die wilde Rotte sich nicht leicht verlief.
Es war ein sonnig-kühler Tag zu Anfang März, um Schloß Tronje her wuchsen die ersten Veilchen. Da saß die Kleine mit ihrer Geliebten in der Schloßkemenate, das heißt in den höheren Zweigen der Zeder, und tröstete sie über ein im Vorübergehen zugeflogenes Spottwort:
„Sie sind wieder sehr ungezogen gegen dich gewesen. Die Jungen, siehst du, sind solch ein häßliches Volk, Gott sollte gar keine erschaffen. Gunther meine ich nicht, der ist gut. Aber den andern muß man aus dem Weg bleiben. Sie meinen: ein Mädchen muß sich alles gefallen lassen, dafür ist es ein Mädchen. Nein, das wird uns jetzt zuviel. Morgen gehen wir ganz leise fort, dann sollen sie uns suchen. Wir reisen nach der Seligen Insel. Das ist die grünste, grünste Wiese mit wundervollen Bäumen mitten im Wasser wie ein großer grüner Smaragd, der von den schönsten Diamanten umgeben ist. So wie Großmutters allerschönster Ring. Niemand darf dort wohnen als wir beide. Damit keine bösen Jungen da hinkommen können, brausen die Wellen so hoch um die Insel – o so hoch! –, kein Schiff kann landen. Uns trägt ein Albatros auf seinen Flügeln hinüber. Weißt du, was das ist, ein Albatros? Das ist ein großer, großer Vogel mit rosenrotem Schnabel – halte dich fest, damit du nicht ins Meer fällst –, er fliegt schneller als irgendein Vogel.“–
Vor dem Strömen ihrer Einbildung hatte sie nicht bemerkt, daß es hinter ihr knackte und daß die Mauern von Schloß Tronje erschlichen waren. Plötzlich griff eine Hand über ihre Schulter und riß ihr die Puppe weg, und eine polternde Knabenstimme schrie in rauhem Triumph: „Wir haben die Lumbell!“
„Roderich, du Bengel!“ rief das Kind auffahrend.
Aber jetzt erscholl es von allen Seiten um ihr Obdach her: „Wir haben sie! Wir haben sie! Wir haben die Lumbell!“ Es lief wie ein ungewollter Kanon rund um den Baum.
„Wir gerben ihr das Fell!“ sang eine hellere Knabenstimme dazwischen. Das war ihr älterer Bruder Gunther, der seine dichterische Begabung gern in Knittelreimen leuchten ließ.
„Wir haben sie! Wir haben sie! Wir gerben ihr das Fell!“ sang es im Kanon mit.
Das Kind war vom Baum herabgesprungen, ohne zu beachten, daß ihr ein Büschel Haare in den Zweigen hängenblieb. Aber Roderich hatte den Vorsprung und rannte mit seinem Raub über den Steg nach dem Hause zu, die Brüder jubelnd, Vanadis schreiend hinterher. Auf dem Vorplatz machte er halt und schwang die Puppe höhnisch gegen seine Verfolgerin. Diese stürzte sich leidenschaftlich auf den Räuber ihres Kleinods. Aber sie stieß gegen eine Mauer, denn die ganze Rotte stand gegen sie zusammen.
„Laßt ihr die Puppe, sie gehört ihr!“ wehrte das Kindermädchen, das gerade mit der zweijährigen Esther im Hof spielte.
„Nein, sie gehört uns allen!“ rief es ihr entgegen.
„Die Lumbell ist eine Hexe, sie muß brennen!“ polterte die rauhe Stimme von vorhin wieder.
„Sie ist eine Hexe!“ stimmten die andern ein. „Sie ist uns auf dem Besenstiel ins Haus geritten!“
Letzteres hatte seine Richtigkeit. Die Lumbell war eine Schöpfung der erfinderischen Großmutter, Frau van der Mühlen, die im obersten Stock wohnte und die diese Geburt ihrer witzigen Laune in der verflossenen Walpurgisnacht, als draußen der Frühlingssturm tobte, spät noch am Abend auf dem Besenstiel ins Kinderzimmer geschoben hatte, wo sie mit rasendem Freudenausbruch begrüßt worden war. Vanadis aber hatte mit dem Vorrecht ihres Geschlechts die Puppe für sich allein in Beschlag genommen und damit die Brüder, wie diese meinten, um ihre rechtmäßigen Ansprüche verkürzt.
Jetzt stürzte sie zu dem Bruder, der ihr der liebste war: „Gunther, hilf du mir!“ Aber der half nicht, der Haß der Brüder auf die Lumbell war zu groß geworden. Roderich war auf den moosigen Stein gesprungen, der seitlich im Hofe lag, und die Lumbell im Arm schwingend, schrie er: „Erst wird ihr der Prozeß gemacht! Sie muß bekennen, daß sie eine Hexe ist! He, Lumbell, willst du gestehen, daß du bei Nacht zum Schornstein hinausfährst?“
Die Lumbell gestand nichts.
„Wir müssen sie mit Zangen zwicken, dann wird sie schon gestehen!“ brüllte der dicke Bruno und kam in wildem Eifer mit einer Gartenschere angerannt. Vanadis sprang dazwischen und entwand ihm die Schere, wobei sie selber an der Hand verletzt wurde. Aber auf die zweite Frage, ob sie eine Hexe sei, war die Lumbell in der Mitte eingeknickt, was als ein Ja gedeutet wurde.
„Sie hat gestanden, sie wird verbrannt! Die Hexe wird verbrannt!“ – „Nein, vorher die Wasserprobe!“ schrie Roderich, der sich im Quälen der Lumbell und ihrer Herrin nicht genugtun konnte. „Keine Wasserprobe mehr, wenn sie gestanden hat!“ entschied Gunther, der als kleiner Gelehrter, der er war, in den mittelalterlichen Rechtsbräuchen besser Bescheid wußte. – „Auf den Scheiterhaufen!“
Der kleine schlanke Enzio, den sie das Häschen nannten, lief in die Küche nach einem Feuerbrand. Unterdessen hatte Vanadis den Augenblick ersehen, um dem schlimmsten ihrer Widersacher mit katzenartiger Geschwindigkeit an den Hals zu springen und ihn ins Gesicht zu beißen, daß er unwillkürlich die Beute fahrenließ. Diese war in jammerwürdigem Zustand, das Flachshaar war ihr ausgerissen, der ganze Leib ging in Stücke. Nichtsdestoweniger hielt das kleine Mädchen sie mit verzweifelter Inbrunst ans Herz gepreßt.
Auf dem Stein flammte ein Reisigfeuer, in das die Brüder dürres Holz und Fichtennadeln warfen, der Rauch stieg in die Höhe. Vanadis blickte auf ihre Dränger mit Augen, als ob sie morden könnte. Da gewahrte sie ihr kleines Schwesterlein, wie es, aufgeregt vom Lärm der Brüder, auch sein Stecklein herzutrug in so heiligem Eifer wie jenes alte Weiblein sein gespartes Holzscheit zum Scheiterhaufen des Huß. Jetzt ging in dem Busen der Bedrängten etwas Merkwürdiges vor – sei es, daß sie ihr Geliebtestes nicht von fremden Händen sterben lassen wollte, da sie keine Rettung sah, oder war es plötzlich erwachte kindliche Grausamkeit –, sie hob die Arme, und mit einem einzigen wilden Schrei warf sie selber die Lumbell ins Feuer. Beifallstoben begrüßte die Tat, die Kinder faßten sich bei den Händen und führten einen wilden Tanz um ihr Opfer auf, das alsbald von den Flammen ergriffen war und mächtig rauchte. Dabei wiederholten sie aus heiser werdenden Kehlen immer den gleichen Singsang: „Wir haben die Lumbell!“ – worein Gunther wieder etwas Abwechslung brachte: „Die Hexe fährt zur Höll’!“
„Seht nur, was sie für greuliche Augen macht!“ schrie Roderich dazwischen.
Die Perlenaugen der Hexe funkelten noch aus der Asche heraus, in die sie gesunken waren.
Wer am wildesten sprang und am lautesten sang, aber in wortlosen Tonfolgen, war Vanadis. Sie raste wie eine kleine Mänade. Auf einmal riß sie sich aus dem Ringelreihen los, die andern wollten sie halten.
„Laßt mich! Ich hole den Don Alonso!“
„Ja, den Alonso! Her mit dem Don Alonso!“ brüllte die mordgierige Meute.
Don Alonso war das einzige männliche Mitglied ihres Puppenstaats und gleichfalls von den geschickten Händen der Großmutter gefertigt, aber mit einem richtigen Puppenkopf und -körper. Er war Kavalier vom Wirbel bis zum Zeh, in Strümpfen und Schnallenschuhen, den Hut unter dem Arm und den Degen an der Seite, ganz im Gegensatz zu der Lumbell ein allerliebstes Männchen. Aber Vanadis machte sich nichts aus ihm, er gehörte zu einem Geschlecht, von dem ihr schon allzuviel Unlust und Herzeleid widerfahren war. Sie warf ihn gleichfalls in die Glut, nachdem sie ihm zuvor noch mit grausamer Lust den Kopf an dem Stein zerschlagen hatte. Das Kind kannte sich selbst nicht mehr, sie hätte jetzt im Zerstörungsrausch alle ihre kleinen Habseligkeiten der Lumbell nachgeworfen, wenn die Brüder, die schneller zur Besinnung kamen, ihr nicht am Ende gewehrt hätten.
Als das Feuer ausgebrannt und die wilde Schar abgezogen war, stand das kleine Mädchen noch immer bei dem Opferstein und sah in den Aschenhaufen. Plötzlich erwachte sie aus dem Taumel:
„Meine Vana! Wo ist Vana?“
„Närrin, die bist du ja selber“, hohnlachte Roderich, der allein zurückkam.
„Die andre mein’ ich, die Lumbell! Meine arme Lumbell! Wo habt ihr sie?“
Das ging dem bösen Roderich über den Spott, er wurde betreten.
„Hast sie doch selbst verbrannt, du dummes Ding! Hier sind ja noch ihre Augen in der Asche.“
Da weinte das Kind auf, wie es noch nie geweint hatte, weinte stromweise unter schüttelndem Schluchzen und riß sich ganze Strähnen des blonden Haares aus. In der Verzweiflung wollte sie gar ihren Kopf in dem rauchenden Aschenrest begraben, daß die entsetzte Kinderfrau sie gegen sich selbst beschützen mußte und ihr Urfeind erschrocken davonschlich.
Wortlos in einen Winkel gekauert, verbrachte sie den Rest des Unglückstages, nachdem ihr die verwundete Hand von der Großmutter verbunden worden war. Von da an wollte sie mit keiner Puppe mehr spielen; das grausame Ende der Lumbell und ihre eigene Beteiligung daran war ein großes und schweres Erlebnis, das als tragisches Rätsel auf dem untersten Grunde des Kindergemütes zurückblieb.
Der Stern des Hauses war die alte Frau van der Mühlen. Mit einem Manne vermählt, der ihr innerlich immer fremd geblieben, hatte sie bis in die vorgerückten Jahre herauf Neigungen erweckt, deren Erinnerung sie beglückte und jung erhielt. Und noch immer suchten die Männer gerne ihre Gesellschaft, sie fühlten unter dem Schleier, den das nahende Alter ihr übergeworfen hatte, das Jugendfeuer und den Jugendreiz hindurch, jetzt von dem Schmelz einer ganz leisen Wehmut verklärt. Sie hielt sich nicht an das Herkommen, das damals die älteren Frauen zwang, auf ihre oft noch schönen Haare plumpe Stoffwülste oder unförmige Hauben zu setzen und ihre Gestalt in einer trübseligen, quäkerhaften Alterstracht verschwinden zu lassen. Ebensowenig suchte sie durch zu jugendlichen Anzug zu täuschen, sondern kleidete sich immer in eine helles, mit Schwarz verziertes Grau, das ihr gut zu Gesichte stand, und nach einem frei erfundenen Schnitt, der sie der Zeit entrückte. Unter den weiten offenen Ärmeln trug sie Sommer und Winter duftigweiße gestickte Unterärmel, die im Verein mit einem ebensolchen Kragen sich äußerst schmuck ausnahmen, und auf dem leicht angegrauten Haar eine Art Stuartschneppe, die ihren Wuchs erhöhte und ihr etwas Königliches gab. Ihre Bewegungen waren noch immer leicht und rasch, dabei kannte sie keine Eile, sondern tat alles zur rechten Zeit und war immer fertig, sie pflegte von sich zu rühmen, daß sie niemals auch nur eine Viertelstunde habe auf sich warten lassen. Sie besaß viel Mutterwitz und strömte, wenn sie angeregt wurde, von guten Einfällen nur so über. Dabei verfügte sie über ausgebreitete, wenn auch lückenhafte Kenntnisse. Da die Frauen ihrer Zeit geistige Güter nur durch das Leben selbst, vor allem durch den Umgang mit geistvollen Männern erlangen konnten und hierzu Weitherzigkeit in der Liebe ein sehr gangbarer Weg war, hatte sie wie viele ihrer begabten Zeitgenossinnen in jüngeren Jahren stets einen Kreis von Verehrern um sich zu halten verstanden, die ihr Gesichtsfeld erweiterten: Männer der Literatur, der Politik oder der Wissenschaft, unter denen jeweils einer der Begünstigte war, aber ein jeder hoffen konnte, auch einmal an die Reihe zu kommen. Die Freunde ihrer Frühzeit pflegten lächelnd zu sagen: „Ihr ist viel vergeben, denn sie hat viel geliebt.“ – Doch hatte sie im ganzen von böser Nachrede nie viel zu leiden gehabt. Die Zeit, in der sie aufwuchs, und die Klasse, der sie angehörte, hatten sich großer Nachsicht in Sachen der Liebe beflissen, und ihr aufrichtiges, von jeder Mißgunst freies Wohlwollen wie ihre hilfreichen Hände machten, daß ihr niemand böse sein konnte. Die Neigungen, die sie erweckte und erwiderte, hatten ihr Leben angenehm erwärmt, aber nicht versengt, noch mit Stürmen auf den Grund durchrüttelt.
War die Liebe ausgeliebt, so machte sie die gewesenen Günstlinge zu Freunden, und leidenschaftslos, wie sie war, konnten auch gelegentliche Enttäuschungen ihr keine Bitterkeit bereiten. Nur einmal war ihr ein Mann begegnet, für den sie fähig gewesen wäre, sich selbst zu verlieren. Aber seine Liebe glitt ab auf ein jüngeres, neben ihr erblühtes Haupt. Sie dankte dem Schicksal, als die Versuchung vorüber war. So klang ihr Leben in einem friedeseligen Abendlied aus. Und doch hatten die letzten Jahre ihr zwei tiefe Wunden gebracht: ihr einziger Sohn war das Opfer eines Unfalls geworden, und ihrer jüngsten Tochter, der vermählten Folkwang, hatte die Geburt Esthers das Leben gekostet; von der älteren trennte sie seit langem der Ozean. Aber sie hatte sich dem Kummer nicht hingegeben, sie lebte für das nachwachsende Geschlecht. Dabei pflegte sie den schwachsinnig gewordenen Gatten mit heldenhafter Selbstverständlichkeit und ließ sich niemals eine Ungeduld über sein kindisches Gehabe und seine lästigen Gewohnheiten anmerken. Ihre Wohnung mit der kostbaren alten Einrichtung glänzte wie ein Reliquienschrein, obgleich sie einen großen Teil der häuslichen Arbeit selbst verrichten mußte. Trotzdem blieben ihre schönen Hände ganz weiß und jugendlich und stets mit funkelnden Ringen geschmückt und fanden noch die Zeit zu kunstreichen Handarbeiten für die künftige Ausstattung der Enkelinnen und zu allerlei lustigen Erfindungen für die Kinderstube.
In diesen Händen lag die Leitung der kleinen Vanadis, denn Vater Folkwang, der die Tage in seinem Studierzimmer verbrachte und seine altnordischen Forschungen niederschrieb, kam für Kindererziehung nicht in Betracht. Tante Fanny aber, seine verwitwete Schwester, die über die Jugend gesetzt war, hatte kein Verständnis für das kleine Mädchen und somit auch keine Macht über sie. Sie mochte ihr rufen, solange sie wollte, Vanadis regte sich nicht, während sie Flügel bekam, sobald die Großmutter einen Wunsch äußerte.
Für diese Tante Fanny, Heinrich Folkwangs ältere Schwester, war es ein Unglück, fünf bis sechs Jahrzehnte zu früh geboren zu sein. Sie wäre ein glücklicher Mensch geworden, hätten ihr die Vorurteile ihrer Zeit erlaubt, zu studieren und einen ihrem Selbständigkeitstrieb und ihrer Anlage entsprechenden männlichen Beruf zu ergreifen. Allein für einen solchen Lebensgang einer Frau war die Welt noch nicht reif, der bloße Hang danach machte sie schon in ihren Kreisen anstößig. Daher übertrug Fanny ihr geistiges Sehnen und ihren geistigen Ehrgeiz auf den begabten Bruder Heinrich, den sie schon in Kinderschuhen bemuttert hatte. Als sich beim Tode ihres Vaters, des Hamburger Großkaufmanns Heinrich Folkwang sen., herausstellte, daß das Vermögen zum größten Teil einem Halbbruder aus zweiter Ehe gehörte, verzichtete sie auf ihr Erbe, um ihrem Pflegling den Weg zu erleichtern. Dann waren mehrfache Versuche, sich in fremden Häusern eine Stellung zu schaffen, an ihrer Wesensart gescheitert, bis sie sich zuletzt entschloß, einen ehemaligen Angestellten der Firma, der ihre verblühten Reize noch immer mit den Augen seiner Jugend sah, zu heiraten. Der Bund fiel zum Unsegen für beide aus, denn Fanny war nicht für die Ehe geschaffen und konnte in diesem Stand nicht glücklich sein noch glücklich machen. Der Mann, den sie geistig unter sich sah, war ihr zur Last, sie grämte sich, daß sie in keiner höheren Welt mit ihm leben konnte und daß ihr selbst die Mittel gefehlt hatten, sich eine über den weiblichen Durchschnitt hinausgehende Bildung zu verschaffen. Als ihr vergötterter Bruder seine Frau verlor, war sie schon seit Jahren Witwe und kinderlos; daher schien es das richtigste, daß sie nun seinen Kindern wie vordem ihm selber die Mutter ersetzte. Es kann nicht geleugnet werden, daß der Professor, der alles Zarte und Leise liebte, ein wenig erschrak, als die Schwester mit dem knochigen Gliederbau und der harten Stimme vor der Tür stand und erklärte, daß sie zum Bleiben gekommen sei. Aber in seiner Hilflosigkeit konnte er nicht nein sagen und mußte ihr noch dankbar sein, daß sie in die Lücke trat, sonst hätte er nur die Wahl gehabt, eine zweite Frau zu nehmen, wovor ihm graute, oder die Kinder und sich selbst bezahlten Händen anzuvertrauen. Es ging auch besser, als er zu hoffen gewagt hatte, besonders nach der Übersiedlung. Fanny unterzog sich ihrem neuen Amt mit Begeisterung, sie fühlte es als Glück, in der Luft dieses Hauses zu leben, und unter den vielen Knaben war sie in ihrem Element. Sie sorgte für deren leibliches Wohl, überwachte, als sie heranwuchsen, ihre Schulaufgaben und hielt sie in Zucht, daß sie aufs Wort gehorchten. Ihr Liebling war Gunther, in dem sie ihres Bruders Geistigkeit und leicht verletzliches Gemütsleben wiedererkannte und der ihm auch äußerlich am meisten glich. Auf diesen Knaben übertrug sie nun die Erwartungen, die der Vater, durch unglückliche Gemütsanlagen verhindert, doch nicht völlig verwirklicht hatte. Der Neffe, der allen seinen Altersgenossen fast lächerlich weit voraus war, sollte einmal dem Namen Folkwang den Glanz geben, den sie für ihren Bruder umsonst geträumt hatte. Sie nahm sogar diesen Glanz vorweg, indem sie Gunthers Ruhm in der engeren und weiteren Familie verbreitete, und einen Teil davon schrieb sie sich selber zu, weil sie ihm bei den Rechenaufgaben half und seine Vokabeln und Geschichtstabellen mit ihm auswendig lernte. Daß vom Tische dieses Reichen manches nahrhafte Bröcklein für sie abfiel, beglückte sie und war ihr wie ein Ersatz für die nicht in Erfüllung gegangene Hoffnung auf einen innigen geistigen Verkehr mit seinem schweigsamen Vater.
Allein, Gott hatte die arme Fanny in seinem Zorn zur Hausfrau gemacht, indem er ihr zugleich allen Sinn für Schönheit und Reiz einer fraulichen Häuslichkeit versagte. Bei ihrer Hochschätzung der geistigen Güter schien ihr jede über der Hauswirtschaft verbrachte Stunde ein Raub an diesen. Vor lauter Eile fand sie zu nichts die richtige Zeit, deshalb war alles, was sie tat, nur halb getan. Immer im flatternden Hauskleid, das vorn auseinanderflog und mit einer Haarnadel an Stelle des fehlenden Knopfes zusammengehalten war, peitschte sie den Haushalt vor sich her, der durch ihren Eifer immer weniger gemütlich wurde. Denn sie lähmte durch ihre Übergeschäftigkeit auch die Selbständigkeit der Mägde, denen sie jeden Augenblick die Arbeit aus der Hand nahm, um sie selbst schneller und schlechter zu verrichten. Auf diese Weise hatte sie das Hauswesen auf einen Punkt labilen Gleichgewichts gebracht, wo es ohne sie überhaupt nicht weiterging, so daß ihr Tun, so unzweckmäßig es an sich war, nunmehr doch als ganz unentbehrlich erschien; denn wenn sie fehlte, stand gleich das ganze Getriebe still. Fuhr sie dann wieder darein, so schrillte und rasselte die Maschine, daß Professor Folkwang sich auf sein Zimmer flüchtete und sein Töchterchen auf seinen Baum. Bis die gute Fee vom oberen Stockwerk herunterkam, mit ihren schön gepflegten, ringgeschmückten Händen, und mit ein paar geschickten Griffen die Ordnung wiederherstellte.
Noch ein anderes Auge wachte über der Kindheit des kleinen Mädchens: das war ein Jugendfreund des Vaters, Baron Solmar, der Vanadis aus der Taufe gehoben hatte und bei groß und klein im Haus der Pate hieß oder auch schlechtweg mit seinem Vornamen Egon genannt wurde, weil das sonst in diesem Fall gebräuchliche Wort Onkel seinem empfindlichen Ohr ein Greuel war. Die Kinder duzten ihn, aber es bestand keine Gefahr, daß bei dieser Vertraulichkeit jemals einer der wilden Jungen die Ehrerbietung verletzt hätte. Baron Solmar verbreitete eine Luft um sich, in der man sich ganz von selbst taktvoll und zurückhaltend betrug, man konnte gar nicht anders. Der ehemalige Diplomat war zwar ein stiller Gelehrter geworden wie Heinrich Folkwang, doch sah er sehr vornehm aus und wurde mit seinem schmalen bartlosen Gesicht und dem sehr gepflegten Äußern, über das sein Kammerdiener Carlo wachte, von den Kindern für bedeutend jünger gehalten als ihr Vater. Er ging aufrecht und federnd, eine Folge gewissenhafter täglicher Körperübungen, während Professor Folkwang, der seit dem Tode der blühenden Gattin alle äußeren Ansprüche aufgegeben hatte, seinen mit frühem Grau gesprenkelten Bart wachsen ließ und mit seiner langen schwanken Gestalt im Gehen vornüber hing. Baron Solmar verbrachte alljährlich ein paar Wochen im Folkwangschen Hause. Das war Heinrich Folkwangs beste Zeit, in der er aus seiner langen, tiefen Schweigsamkeit heraustrat; denn mit dem weit gewanderten Freunde, der an seinen Studien teilnahm und die nähere Kenntnis der Örtlichkeiten hinzubrachte, konnte er alles, was ihn innerlich beschäftigte, durchsprechen.
In diesen Wochen lebte auch die kleine Vanadis ein erhöhtes Leben. Die Jungen waren alsdann zahm und belästigten sie nicht, Fanny dämpfte ihre Stimme, durch das ganze Haus ging eine Welle von Freudigkeit und Erhebung. Das Kind wußte es immer so einzurichten, daß sie sich ins Zimmer schmuggelte, wo Egon mit den Hausgenossen und den von auswärts Geladenen beisammen saß. Dann streckten sich gleich alle Arme aus, um das ziervolle Ding mit den großen Augen und den schmiegsamen Gliedern zu sich heranzuziehen, und es bedurfte aller Geschmeidigkeit und Klugheit des Kindes, um sich an den andern vorbeizuwinden, ohne sie zu kränken, bis sie den Stuhl erreicht hatte, wo Egon saß, und die Ärmchen um seinen Hals legen konnte. Er hob sie alsdann auf seinen Schoß, von wo sie befriedigt um sich sah, als habe sie einen Thron erstiegen. Der verherrlichte Freund hatte nur eine anfechtbare Seite: daß er der Vater des schrecklichen Roderich war und diesen ins Haus gebracht hatte, damit er mit ihren Brüdern gemeinsam die Schule besuchte. Roderich war der einzige, der Baron Solmars Erscheinen ohne Freude begrüßte; er brachte seinem Erzeuger eine scheue Zurückhaltung entgegen, hinter der verborgene Widersetzlichkeit schlummerte. Vanadis fand ihn einmal, wie er mit Kohle auf die innere Wand eines Schuppens ein verfratztes Geckenbild zeichnete, das unter der Verzerrung die vornehme Gestalt und weltmännische Haltung des Baron Solmar leicht erkennen ließ. Dieser Knabe hatte von der Natur einen unförmigen Kopf mit groben und häßlichen Zügen empfangen und führte mit seiner dämonischen Kohle, die ein frühes ungewöhnliches Talent verriet, einen Verfolgungskrieg gegen alles Schöne und Anmutige. Die kleine Vanadis hatte an jenem Tage mit Zornestränen das Zerrbild weggewischt und gedroht, den Urheber zu verklagen, aber dieser hatte nur gelacht, er wußte wohl, daß sie dazu nicht fähig war.
