Читать книгу: «Ein Boot, ein Kuss und du»
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
Nachwort
Leseprobe aus „Heiße Küsse für das Christkind“
Ein Boot, ein Kuss und du
Mallorca-Erotic-Romance 7
von
Isabella Lovegood
Copyright © 2020 Isabella Lovegood
Alle Rechte vorbehalten.
Jede Weitergabe, Kopie oder sonstige Vervielfältigung verletzt das Urheberrecht und fügt der Autorin finanziellen Schaden zu.
www.Isabella-Lovegood.at
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Covergestaltung: Ingrid Fuchs
Cover-Fotos:
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©Andrea - stock.adobe.com
Korrektorat: Ingrid Fuchs
Alle Personen und Handlungen in diesem Roman
sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten
sind rein zufällig und ungewollt.
Prolog
Lorenzo
»Also hat sich dein Vater doch durchgesetzt«, stellte ich trocken fest. »Ich hätte wissen müssen, dass du dich seiner Geldtasche beugst.«
Juliana biss sich auf die Lippe. »Es tut mir wirklich leid, aber ich habe keine andere Wahl.« Obwohl ich sauer war, glaubte ich ihr das sogar – von ihrer Warte aus betrachtet. Wenn man als Tochter stinkreicher Eltern aufgewachsen war, konnte man sich eben nicht vorstellen, dass man auch ohne das viele Geld ganz gut lebte.
»Ich bin froh, dass ich mir nicht diktieren lassen muss, wie ich mein Leben zu führen habe«, gab ich zurück.
»Ich dachte zuerst, er blufft nur, aber das war ein Irrtum. Wenn ich jetzt nicht nachgebe, kann ich mein Studium vergessen.«
»Wenn du nicht so getrödelt hättest, wärst du längst damit fertig.« Eigentlich ging es mich ja nichts an, aber jetzt war es ohnehin schon egal. Sie hatte gerade mit mir Schluss gemacht. Wozu sollte ich mich also weiter mit meiner Meinung zurückhalten?
»Du hast recht, aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter«, antwortete Juliana zu meiner Überraschung. »Ein paar Partys weniger und einige bestandene Prüfungen mehr und wir hätten das Problem nicht, vor dem wir stehen.« Plötzlich wurde mir klar, dass sie es tatsächlich bedauerte und das stimmte mich milder. »Ich hab dich wirklich gern, Lorenzo, das musst du mir glauben!« Ihre sommerhimmelblauen Augen, die sonst so fröhlich blitzten, wurden verdächtig nass. Ich musste wegsehen und griff nach meinem halb vollen Bierglas, um mich abzulenken. Verdammt, ich wollte sie nicht gehen lassen. Wir hatten bisher einen tollen Sommer zusammen verbracht. Okay, ich hatte ziemlich wenig Schlaf bekommen, denn zu Mittag und bis spät abends arbeitete ich und in der Pause dazwischen und in der Nacht waren wir zusammen gewesen. Bis zum Beginn des Studienjahres, zu dem sie ohnehin wieder nach Deutschland musste, hätten wir noch einige Wochen gehabt, doch nun hatte ihr Vater dazwischengefunkt und ihr einen Flug für den nächsten Tag zurück nach Frankfurt gebucht. Und auch von ihren Besuchen, die sie mir in Aussicht gestellt hatte, war wohl keine Rede mehr. Ihr Vater, ein schwerreicher Industrieller, der sich hier auf Mallorca eine protzige Villa hatte bauen lassen, vertrat die feste Überzeugung, ein ganz normaler Kellner sei nicht gut genug für seine Tochter und ich wäre nur auf ihr Geld aus. Mit Zweiterem hatte er definitiv unrecht. Ihr Geld wollte ich nicht, aber von Juliana hätte ich gerne noch mehr gehabt. Leider steckte sie mit ihren siebenundzwanzig Jahren noch immer mitten im Studium und wohnte in einer schicken, kleinen Wohnung, für die ihre Eltern aufkamen, genauso wie für ihren Lebensunterhalt, der vermutlich auch nicht gerade sparsam war. Das war mir alles gleichgültig. Tatsache war jedoch, dass ich die Zeit mit ihr unglaublich genossen hatte und ich war sicher, so bald würde auch sie diesen Sommer auf Mallorca nicht vergessen.
»Hast du einen Euro?«, riss sie mich aus meinen Gedanken.
»Wofür?«, fragte ich verwirrt. »Die Rechnung übernehme ich.«
Sie wischte meinen Einwand beiseite. »Das brauchst du nicht, aber darum geht es nicht. Hast du einen?«
Ich verstand zwar noch immer nicht, worauf sie hinaus wollte, zog aber meine Geldbörse aus der Gesäßtasche meiner Shorts. »Bestimmt.« Immerhin bekam ich jeden Tag Trinkgeld, also mangelte es mir nie an Münzen. Ich fischte eine Eineuromünze heraus und legte sie vor Juliana auf den Tisch.
»Ich habe etwas für dich. Ein Abschiedsgeschenk. Aber damit es ein rechtsgültiger Vertrag ist, musst du dafür bezahlen.« In ihren Augen blitzte der Schalk auf, den ich so an ihr mochte. Dann schob sie mir ein Blatt Papier hin und stellte über eine Ecke den schweren, gläsernen Aschenbecher, damit die Meeresbrise es nicht wegblasen konnte.
»Kaufvertrag«, las ich vor und sah sie erstaunt an, doch sie tippte nur mit ihrem hellrosa lackierten Fingernagel auf das Papier.
»Lies es«, befahl sie.
Je mehr ich davon erfasste, umso schneller klopfte mein Herz. Dann sah ich sie fassungslos an. »Bist du verrückt geworden?«
Juliana verzog ihren rosa Kussmund zu einem breiten, frechen Grinsen. »Ganz im Gegenteil. Du liebst das Boot doch, oder?«
Ich nickte. »Ja schon, aber ...«
Langsam verblasste ihr Lächeln. »Willst du es denn nicht? Ist dir die Erhaltung zu teuer? Die Liegegebühren und alles? Daran habe ich gar nicht gedacht.«
Rasch griff ich nach ihrer Hand. »Das bekomme ich hin. Aber du kannst mir doch nicht dieses tolle Schiff einfach schenken!«
»Du bezahlst ja dafür. Einen Euro und eine Unterschrift und es gehört dir. Ich finde es so mies von Papa, dass er mir das Messer ansetzt. Es wird ihn maßlos ärgern und du hast ein Andenken an mich, das dir hoffentlich viel Freude machen wird.« Wieder stiegen ihr die Tränen hoch und diesmal sah ich nicht weg. Mit dem Daumen strich ich vorsichtig unter ihren Augen entlang.
»Ich hätte lieber dich als das Boot, Juliana, aber es wäre dumm, es nicht anzunehmen. Im Traum hätte ich nicht damit gerechnet.« Ich ließ meine Fingerspitzen über ihre Schulter und den nackten Arm nach unten gleiten und griff nach ihrer Hand. »Wir hatten viel Spaß auf dem Boot und immer, wenn ich damit unterwegs bin, werde ich an dich denken.«
»Das ist der Sinn des Ganzen.« Sie lächelte unter Tränen, dann suchte sie in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch. Ich sah ihr dabei zu, wie sie sich leise und dezent die Nase putzte. Meine Prinzessin. Erst langsam realisierte ich, dass dies unser letzter Abend sein würde, meine letzten Stunden mit Juliana.
Obwohl ich es hatte kommen sehen, befürchtet hatte, oder was auch immer, überraschte mich das heftige Bedauern, das mich überfiel. Etwas ballte sich schmerzhaft in meiner Brust zusammen. Tat mir tatsächlich das Herz weh? Gab es das wirklich?
1. Kapitel
Angelina
„Vielen Dank für die schöne Feier, Mama.“ Ich lächelte meine Mutter an, bevor ich sie umarmte.
»Gerne, meine Kleine!«, erwiderte sie und küsste mich auf die Wange.
Meine beiden jüngeren Brüder hatten sich schon vor einer Weile unter fadenscheinigen Vorwänden aus dem Staub gemacht und ich hatte ihr alleine geholfen aufzuräumen. Manche Dinge änderten sich eben nie. Papa war auf dem Sofa eingeschlafen, während der Fernseher lief. Ein vertrautes Bild, bei dem ich mich unwillkürlich fragte, ob es das war, was ich wollte. Die Antwort war definitiv: Nein!
Der prüfende Blick meiner Mutter glitt über mein Gesicht und ich ahnte, was kommen würde. »Ich kann es kaum glauben, dass meine Älteste schon fünfunddreißig geworden ist. Kaum bist du aus den Windeln heraus, wird es auch schon höchste Zeit, dass du den Mann fürs Leben findest und für die nächste Generation sorgst.«
Ich musste lachen. »Na toll! Musst du mich ausgerechnet an meinem Geburtstag an meine tickende biologische Uhr erinnern?« Mein Blick wanderte demonstrativ durch die geöffnete Tür zu meinem Vater, der gerade einen besonders lauten Schnarchlaut ausstieß. »Vielleicht will ich ja gar keinen?«, fragte ich mit einem schiefen Grinsen.
Mama lachte, dann schüttelte sie den Kopf. »Erzähl das jemand anderem, ich glaube dir das nämlich nicht. Allerdings ist es besser alleine, als mit dem Falschen zusammen zu sein.«
Einen Moment fragte ich mich, ob das eine allgemeine Bemerkung war, oder ob sie darauf anspielte, wie oft ich schon danebengegriffen hatte. Spontan stellte ich ihr eine Frage, über die ich schon öfter nachgedacht hatte. »Bist du glücklich, Mama?«
Sie hob erstaunt die Augenbrauen, dann nickte sie. »Ja, das bin ich, meistens jedenfalls. Dein Papa ist ein guter Mann, auch wenn er in den letzten Jahren für meinen Geschmack zu viel auf dem Sofa rumhängt.« Erneut wanderten unsere Blicke zu ihm. »Ich denke, wenn er dann im Ruhestand ist, wird es wieder besser. Darauf freue ich mich schon.«
Ich hatte daran meine Zweifel, aber ich behielt sie für mich. Mein Vater war Schlosser und liebte seine Arbeit, den Kontakt mit den Kunden und das befriedigende Gefühl, wenn er einen Auftrag zu deren Zufriedenheit abgeschlossen hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er das alles freiwillig gegen ausgedehnte Spaziergänge mit meiner Mutter und ihrem Dackelmischling Santos eintauschen würde.
Bald darauf verabschiedete ich mich und schlenderte am Hafen entlang nach Hause. Es dämmerte bereits. Leise plätschernd schlugen die Wellen an die Mauer, zwei Möwen stießen ihre charakteristischen Schreie aus und es klang, als unterhielten sie sich miteinander, während sie über meinem Kopf dahinsegelten. Ich liebte diese vertrauten Geräusche, die mich schon mein Leben lang begleiteten.
Einem Impuls folgend stieg ich eine kleine Treppe hinunter, die ins Wasser führte und setzte mich. Obwohl es bereits Ende Oktober war, strich die Luft lau und angenehm über mein Gesicht. Der Beton der Mauer und Stufen hatte den ganzen Tag Sonne gespeichert und gab die Wärme nun ab, sodass sie angenehm durch meine Jeans drang. Ich blickte über das Wasser, beobachtete das leichte Schaukeln der Boote und atmete tief durch. Meine Mutter hatte da etwas in mir berührt, das mir tatsächlich auf der Seele lastete. Meine letzte Beziehung war vor mehr als einem halben Jahr in die Brüche gegangen, nachdem ich nicht mehr ignorieren konnte, dass mein Freund es mit der Treue alles andere als ernst nahm.
Langsam lief mir wirklich die Zeit davon. Oder sollte ich mich mit dem Gedanken anfreunden, die kinderlose Tante zu bleiben, und das Kinderkriegen meinen jüngeren Brüdern überlassen? Unbewusst seufzte ich tief auf. Eine männliche Stimme hinter mir holte mich aus meinen Gedanken.
»Angelina? Alles in Ordnung mit dir?«
Ich wandte mich um und sah hoch. Lorenzo stand hinter mir und beäugte mich besorgt. Wir kannten uns schon ewig, hatten aber nie besonders viel Kontakt gehabt. Erst seit Kurzem war ich ein Teil seines engeren Freundeskreises. Er trug eine schwarze Hose und ein ebensolches Hemd. Die Ärmel waren hochgekrempelt und betonten seine kräftigen, sehnigen Unterarme mit dem dunklen Flaum.
»Ja, klar. Kommst du von der Arbeit?«, fragte ich ihn angesichts seiner Kleidung. »Es ist doch noch gar nicht so spät?«
»Für heute ist Schluss. Es war wenig los, also hat mich mein Chef heimgeschickt.«
Die Treppe war zu schmal, um nebeneinanderzusitzen. Stattdessen machte er Anstalten, sich auf die Stufe oberhalb von mir zu setzen. Er streckte die langen Beine rechts und links von mir aus. Dabei ließ er einen tiefen Seufzer hören. »Puh, die Saison steckt mir in den Knochen. Ich bin froh, dass sie beinahe zu Ende ist. Ein paar Tage noch.« Für ein, zwei Minuten waren wir beide still und sahen einer Llaüt zu, die an uns vorbei fuhr und dann der Hafenausfahrt zustrebte. Ich mochte diese alten, traditionellen Fischerboote. Sie waren ein Teil unserer Kultur.
»Ich freue mich schon darauf, endlich mal wieder mit meinen Boot rauszufahren«, stellte Lorenzo sehnsüchtig fest. »Den ganzen Sommer waren nur meine Freunde damit unterwegs.«
Ich wandte mich lächelnd zu ihm um, dabei berührte mein Rücken sein Knie. »Es ist wirklich nett von dir, es herzuleihen.«
Er zuckte lässig mit den Schultern. »Es tut dem Boot nicht gut, immer nur im Hafen zu liegen.«
»Wie lange hast du es jetzt schon?«
»Drei Jahre.«
»Hast du mal wieder etwas von ihr gehört?« Mir fiel im Moment der Name nicht ein, doch auch ohne ihn zu nennen, wusste er sofort, wen ich meinte. Die Geschichte mit dem Abschiedsgeschenk kannte schließlich unser gesamter Freundeskreis.
»Sporadisch. Geburtstagsgrüße, Glückwünsche zum Jahreswechsel, so in der Art.«
Nun war auch ihr Name wieder da: Juliana. Ich erinnerte mich nur dunkel an sie, obwohl wir uns in jenem Sommer einige Male über den Weg gelaufen waren. Vor allem im einzigen Supermarkt von Portocolom, in dem ich arbeitete. Lorenzo wechselte seine Freundinnen oft, aber sie war ein auffallend hübsches Mädchen gewesen, ein bisschen aufgedreht vielleicht, aber nie arrogant, trotz des vielen Geldes im Hintergrund.
»Hast du Lust, mal mit mir rauszufahren?«
Überrascht sah ich zu ihm hoch. »Das wäre verlockend. Bist du denn gerade solo?« Schließlich wollte ich niemandem in die Quere kommen.
»Ja, schon eine ganze Weile. Kurz nach Saisonbeginn hat sie Schluss gemacht, weil ich nie Zeit für sie hatte. Außerdem war ich zu müde für alles.« Er zwinkerte mir zu und zuckte gleichzeitig lässig mit den Schultern. »Nach ein paar Monaten Nichtstun ist es besonders hart, von einem Tag auf den anderen voll einzusteigen. Es spielt sich dann rasch wieder ein, aber die erste Zeit falle ich einfach nur ins Bett und bin tot. Man wird ja auch nicht jünger.« Er grinste verschmitzt und ich fragte mich, ob er nach einem Kompliment fischte, doch den Gefallen tat ich ihm nicht. Allerdings stellte ich neidvoll fest, dass er, obwohl er etwas müde wirkte, zu den Männern gehörte, die mit zunehmender Reife besser aussahen als in ihrer Jugend. Wie unfair! Schlagartig fiel mir wieder ein, was mir vorhin durch den Kopf gegangen war, und offenbar spiegelte sich das in der Folge auch auf meinem Gesicht wider.
»Was ist los?«, fragte er mich sofort.
»Ich bin seit heute fünfunddreißig«, verkündete ich mit Grabesstimme.
»Herzlichen Glückwunsch!« Er beugte sich vor und küsste mich auf die Schläfe. Sein Bartwuchs war ein wenig kratzig, doch seine weichen, warmen Lippen hinterließen ein wohliges Kribbeln, das mich irritierte. Wir kannten uns von Kindheit an, also was sollte das? Er lächelte mich sichtlich erstaunt an. »Dann bist du also nur zwei Jahre jünger als ich? Ich dachte, es wären mehr.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich war damals dreizehn, du fünfzehn.« Als er fragend die Augenbrauen hochzog, hätte ich mich ohrfeigen können. Natürlich hatte er es vergessen. Was hatte mich geritten, es ausgerechnet jetzt aufs Tapet zu bringen? »Längst verjährt«, versuchte ich mit einer lässigen Handbewegung, meine Bemerkung abzuschwächen.
»Was denn? Klärst du mich bitte auf?«
»Nicht der Rede wert«, stellte ich fest und stand auf. »Ich muss dann mal nach Hause. Lässt du mich bitte vorbei?«
Er erhob sich ebenfalls, machte aber keine Anstalten, nach oben auf den Gehweg zu steigen, und um an ihm vorbeizukommen, war die Treppe zu schmal. Ich musste den Kopf in den Nacken legen, um ihn anzusehen, weil er eine Stufe über mir stand.
»Erst sagst du mir, was du gemeint hast.« Sein Tonfall ließ mich leicht erschauern. Das Timbre seiner Stimme hatte mir immer schon gefallen, doch meistens sprach er leichthin und mit einem fröhlichen Unterton. Nun klang er zwar sanft, aber dennoch bestimmend. Unwillkürlich zuckte mir der Gedanke an mit Plüsch bezogene Handschellen durch den Kopf. Wo kam denn das auf einmal her? Ich runzelte irritiert die Stirn, was er anscheinend als Verärgerung interpretierte.
»Nun sag schon«, schlug er nun einen weicheren Tonfall an.
»Ich war dreizehn, als ich von dir meinen ersten Kuss bekam.« Ich sah zu ihm auf. Erneut zuckten seine Augenbrauen hoch.
»Echt?«
Ich nickte. »Aber es wundert mich nicht, dass du es nicht mehr weißt. Am nächsten Tag war meine beste Freundin an der Reihe.« Es ärgerte mich noch heute, mehr als zwei Jahrzehnte danach, dass ich damals für knapp vierundzwanzig Stunden auf Wolke sieben geschwebt war, während es für ihn überhaupt nichts bedeutet hatte. Damals hatte ich mir geschworen, mich niemals mit Lorenzo einzulassen und wenn er der letzte Mann auf Erden wäre.
»Autsch.« Er hob bedauernd beide Hände. »Tut mir leid. Das war wohl nicht besonders raffiniert. Damals war ich voll in der Experimentierphase.«
Ich lachte. »So viel ich höre, bist du noch immer mittendrin.«
Sein Lächeln war entwaffnend und ich konnte nicht verhindern, seine Grübchen und die ebenmäßigen Zähne zu bewundern. Für einen winzigen Moment fragte ich mich, wie sich seine sinnlichen Lippen wohl nun anfühlen würden. Im nächsten Augenblick hätte ich mir am liebsten selbst auf den Kopf geschlagen, um diesen Unsinn zu stoppen. Ein wissendes Funkeln trat in Lorenzos dunkelbraune Augen. Er wandte sich um und stieg vor mir die paar Stufen hoch. Die schmalen Hüften und der vom vielen Herumlaufen unleugbar knackige Po schaukelten verlockend vor mir.
Wir hatten den gleichen Heimweg, deshalb war es nur natürlich, dass wir nebeneinander hergingen. Er wohnte nur eine Querstraße von mir entfernt. Als wir das Haus erreichten, in dem seine Wohnung lag, wandte er sich mir zu. »Hast du Lust, noch mit raufzukommen? Wir müssen doch auf deinen Geburtstag anstoßen!«
Ich lachte zu ihm hoch. »Netter Versuch! Am Samstag feiern wir bei Alejandro«, erinnerte ich ihn. »Alle freuen sich, dass du diesmal beim Barbecue dabei sein kannst, also vergiss es nicht.«
»Das weiß ich doch, aber wir könnten noch ein wenig in den alten Zeiten schwelgen.« Sein Blick senkte sich auf meine Lippen, die plötzlich zu prickeln anfingen. Unwillkürlich presste ich sie zusammen, um das Gefühl loszuwerden. Er hob die Hand und strich mit dem Daumen sanft wie eine Feder darüber, was mir auch noch eine Gänsehaut bescherte. Rasch machte ich einen Schritt zurück und wäre beinahe die Gehsteigkante hinuntergekippt. Mit beiden Händen erwischte er mich an den Oberarmen und zog mich an sich, doch noch bevor er mich umarmen konnte, wich ich neuerlich aus, diesmal zur Seite.
»Bei mir verschießt du dein Pulver umsonst«, antwortete ich ihm mit einem kleinen Lachen. »Das mit uns hat sich vor zweiundzwanzig Jahren erledigt.«
Lorenzo lachte nun ebenfalls. »Du bist wirklich nachtragend. Aber mit dem Boot kommst du schon mit raus, oder?« Er sah mich erwartungsvoll an und die Aussicht war so verlockend, dass ich lächelnd nickte.
»Nächste Woche habe ich Dienstag und Mittwoch frei. Aber benimm dich!«
»Sicher. Du kennst mich doch, Angelina. Ich dränge mich nicht auf. Niemals.« Seine Augen ruhten in plötzlichem Ernst auf meinem Gesicht.
»Das stimmt. War nur ein Scherz.« Ich streckte mich und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Gute Nacht. Wir sehen uns am Samstag bei Alejandro und Eva«, erinnerte ich ihn, dann wandte ich mich schnell ab und ging. Ich drehte mich nicht um, trotzdem hatte ich das Gefühl, Lorenzos Blick auf mir zu fühlen, bis ich um die Hausecke bog.
2. Kapitel
Lorenzo
Als Angelina verschwunden war, drückte ich die Haustür auf und ging die Treppe in den zweiten Stock hinauf. Die Stille meiner Wohnung empfing mich wohltuend. Nach einem langen Tag, an dem ich zwischen Küche, Bar-Tresen und Gästen pendelte, genoss ich es ganz besonders, meine Tür hinter mir schließen zu können und meine Ruhe zu haben. Ich holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank, öffnete es routiniert und setzte es an die Lippen. Das war ein kleines Ritual für mich. Im Dienst trank ich nur Wasser und hin und wieder einen Kaffee, aber diesen ersten Schluck Bier nach dem Heimkommen genoss ich ganz bewusst. Ich stellte die halb volle Flasche auf den kleinen Küchentisch, dann schlüpfte ich aus meiner Hose und hängte sie ordentlich über die Stuhllehne, wo sie bis zum nächsten Tag auf mich warten würde. Das Hemd zog ich über den Kopf und warf es auf den Flur, die Socken flogen hinterher. Nur noch mit Boxershorts bekleidet ließ ich mich der Länge nach auf mein Sofa fallen und trank in Ruhe den Rest.
Die unverhoffte Begegnung mit Angelina ging mir durch den Kopf. Es war mir immer wieder unheimlich, woran sich Frauen erinnerten. Ich schmunzelte. Es gefiel mir, der Erste gewesen zu sein, der sie geküsst hatte, auch wenn mir damals ganz sicher noch die Raffinesse gefehlt hatte. Ich mochte Frauen und alles, was man so mit ihnen anstellen konnte. Ihnen wohliges Seufzen, lustvolles Stöhnen und schlussendlich ein befriedigtes Lächeln zu entlocken, war meine erklärte Lieblingsbeschäftigung. Alleine der Gedanke daran, geheime weibliche Stellen zu kosten und zu erforschen, ließ mich hart werden. Genüsslich strich ich über meinen besten Freund. Ich hatte nichts dagegen, mich selbst zu verwöhnen, aber an lustvollen Sex mit einer Partnerin kam das beim besten Willen nicht heran. Gut, dass ich in den nächsten Monaten wieder jede Menge Zeit und Energie hatte, mich um mein Liebesleben zu kümmern.
***
Die letzten Tage, die das ›Can Matís‹ noch geöffnet hatte, gingen rasch vorüber. Nun machten wir für fünf Monate dicht, bis Anfang April die Tische wieder ins Freie gestellt wurden.
Während der Saison hatte ich wenig Gelegenheit, meine Freunde zu treffen. Umso mehr freute ich mich auf die Party, als ich am Samstag bei Alejandro ankam. Ich hatte mich bereit erklärt, eine Sangria mitzubringen, und war stolz darauf, dass ich sie beinahe genausogut hinbekommen hatte wie Matís, mein Chef, dessen Name auch das Restaurant trug.
Das Gartentor war nicht versperrt und um die Hausecke drangen Musik und Gelächter. Ich begrüßte den Gastgeber, dann Enrique und Florian, Alvaro und seine Freundin Valentina, Antonia, Marco und die anderen.
»Wo ist Eva? Ist das Geburtstagskind schon da?«, erkundigte ich mich.
»Sind beide oben. Sollen wir die Sangria kühlen? Wir haben neuerdings auch hier unten einen Kühlschrank«, teilte mir der Hausherr mit einem breiten Grinsen mit. »Nachdem wir so oft feiern, lohnte sich die Anschaffung.«
»Kann ich mir vorstellen.« Ich folgte ihm ins Haus, wo in einem Lagerraum gleich neben der Treppe ein großer, zweitüriger Kühlschrank im amerikanischen Stil stand. Ich pfiff anerkennend durch die Zähne, als ich den Vorrat an unterschiedlichsten Getränken begutachtete. In einem separaten Teil war der Wein untergebracht, aber es gab auch Bier in verschiedenen Sorten, Softdrinks und Wasser. Trotzdem fanden wir auch für die große Schüssel mit der Sangria noch ein freies Plätzchen. Im rechten Teil des Kühlschranks warteten die Lebensmittel auf ihren Auftritt. Es gab mehrere Salate und Schüsseln mit Gemüse und Fleisch, die nachher auf den Grill wandern würden. Es war bei Alejandros Feten üblich, dass jeder etwas mitbrachte. Die würzigen Gerüche stiegen mir verführerisch in die Nase und ließen meinen Magen knurren.
»Es geht gleich los«, beruhigte mich mein Freund lachend. »Wir sind beinahe vollzählig und die Holzkohle glüht bereits. Nimm dir mal ein Bier, oder was immer du willst.«
Ich griff nach einem Estrella und benutzte den Flaschenöffner, der in der Tür des Kühlschranks eingelassen war. »Praktisch«, stellte ich anerkennend fest. »Es imponiert mir, wie du dich eingerichtet hast.«
Alejandro strahlte. »Danke. Ich wollte, du könntest es öfters mit uns genießen!« Er schlug mir leicht auf die Schulter und gemeinsam gingen wir in den Garten zurück. Ich lehnte mich an die sonnenwarme Hauswand und ließ meinen Blick über die fröhliche Gesellschaft schweifen, während ich das kalte, würzige Prickeln in meinem Mund genoss. Florian beugte sich gerade zu Enrique und sagte etwas zu ihm, was diesen laut auflachen ließ. Er legte den Arm um die Schulter seines Freundes und zog ihn kurz an sich, bevor er ihm einen schnellen Kuss gab. Die beiden so zusammen zu sehen, war für mich noch immer ungewohnt, doch beim Anblick von Enriques strahlendem Gesicht musste ich unwillkürlich lächeln.
»Unglaublich, oder?«, riss mich Antonias rauchige Stimme aus meiner Betrachtung. »Ich kann mich nicht erinnern, unseren einsamen Wolf jemals so glücklich und gelöst gesehen zu haben.«
»Du hast recht«, stimmte ich zu, ohne den Blick abzuwenden. »Die Verwandlung ist unübersehbar, jetzt wo Enriques Geheimnis gelüftet ist. Ich hätte das nicht für möglich gehalten, aber ich freue mich für die beiden, besonders für ihn. Er war verdammt lange alleine.«
»Sie sind gut füreinander und nur darauf kommt es an.« Sie klang rundum zufrieden. Ich wandte mich ihr zu und betrachtete sie belustigt. Antonia, die wochentags für ihren Job als Pfarrsekretärin seriös auftreten musste, liebte es, in ihrer Freizeit einen ausgefallenen Look zu zelebrieren. Sie war stark geschminkt und ihre Frisur erinnerte mich an ein Vogelnest nach einem heftigen Sturm. Ihr schwarzes Top mit den dünnen Trägern betonte nicht nur ihre appetitliche Oberweite, sondern setzte auch ihre zahlreichen Tattoos in Szene. Ich mochte Antonia sehr, sie war loyal, selbstbewusst und fröhlich, aber als Typ Frau sprach sie mich definitiv nicht an.
»Sag nichts!« Sie lachte mich vergnügt an. Irgendwie fand ich es sehr angenehm, dass unser Freundeskreis so gefestigt war. Wir kannten uns seit Ewigkeiten und wussten genau, wo wir standen, was das Zusammensein sehr entspannt gestaltete. Frauenstimmen näherten sich und gemeinsam wandten wir uns dem Hauseingang zu, aus dem nun Eva und Angelina traten. Eva stellte zwei Körbchen mit Brot auf dem langen Tisch ab, der bereits für das Essen aufgedeckt war, während Angelina es sichtlich genoss, den kleinen David auf dem Arm zu halten. Ich trat heran und begrüßte zuerst Eva, dann wandte ich mich an Angelina.
»Er steht dir gut«, stellte ich fest. Das wehmütige Lächeln, das sie nun zeigte, überraschte mich. David fing an zu strampeln und wollte hinunter. Sie drückte ihm ein Küsschen auf die Wange und stellte ihn auf seine Füße.
»Es ist ein gutes Gefühl, ein Kind auf dem Arm zu haben, auch wenn es nur geborgt ist.« Sie rieb sich mit den Händen über die Oberarme, als ob ihr kalt wäre, dann schüttelte sie gedankenverloren den Kopf, um gleich darauf das Thema zu wechseln. »Wir haben Glück mit dem Wetter! Das wird ein wunderbarer Abend.« Ihr Lächeln wirkte beinahe echt, doch ich bemerkte den verborgenen Kummer dahinter trotzdem. Gefühle von Frauen zu erspüren, hatte ich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten perfektioniert. Viele hatten nie gelernt, ihre Bedürfnisse zu artikulieren und wenn man als Mann erahnte, was sie brauchten, war man klar im Vorteil. Sie trat an den Tisch und füllte ihr Glas zur Hälfte mit Rotwein, bevor sie einen kleinen Schluck davon nahm.
Mit Evas Freundin Jessica, die kurz danach zu unserer Runde stieß, waren wir vollzählig. Sie hatte eine Torte mitgebracht, die zwischenzeitlich in den Kühlschrank wanderte, bevor sie als Dessert enden würde.
»Das wird ein kalorienreicher Abend«, stellte Eva fest und strich sich über ihr Babybäuchlein, das dem ihrer Freundin glich. »Schade, dass wir von der Sangria nichts trinken dürfen.«
»Sangria?«, fragte Angelina hellhörig geworden und sah sich suchend um.
»Ich hol dir ein Glas voll«, bot ich ihr an. »Wer will noch?«
Es wurde ein fröhlicher, ausgelassener Abend, an dem wir viel aßen, tranken und lachten.
***
Am Dienstag holte ich Angelina um halb zehn bei ihr zuhause ab. Gemeinsam gingen wir zum Hafen. Sie war mit einem T-Shirt, knielangen Jeans und Sneakers bekleidet und ich bewunderte ihre langen, schlanken Beine. Ihre gebräunte Haut verriet, dass sie sich gerne im Freien aufhielt. Die seidig glänzenden, beinahe schwarzen Haare hatte sie zu einem hohen Pferdeschwanz hochgebunden, der bei jedem Schritt wippte. Oberhalb ihrer Stirn steckte eine Sonnenbrille.
»Ich freue mich auf diesen Tag auf dem Meer! Danke, dass du mich eingeladen hast.« Pure Unternehmungslust funkelte in ihren Augen.
»Danke für deine Begleitung«, erwiderte ich lächelnd. »Ich bin zwar nach Saisonende immer etwas ruhebedürftig, trotzdem ist mir deine Gesellschaft sehr willkommen.«
»Dann trifft es sich gut, dass ich ganz gerne auch mal schweige.« Sie zwinkerte mir zu, bevor sie den Kopf wandte, um einen Blick über das Meer zu werfen.
»Was hast du in deinem Rucksack?«
»Badesachen und eine kleine Kühltasche mit etwas zu trinken und zu essen. Ich werde ungenießbar, wenn ich hungrig bin, deshalb sorge ich lieber vor.« Sie grinste entschuldigend.
»Also verhungern werden wir nicht«, stellte ich fest. »Auf dem Boot gibt es einen kleinen Kühlschrank. Den habe ich befüllt, damit uns der Hunger nicht so schnell wieder an Land treibt. Oder hast du heute noch andere Pläne?«
Sie schüttelte den Kopf, dass ihr der Pferdeschwanz um die Ohren schwang. »Nein, der Tag gehört uns.«
»Klingt gut.« Sie sah richtig süß aus und einen Moment durchzuckten mich Verlangen und gleichzeitig Bedauern. Mit einer kräftigen Prise Erotik wären die nächsten Stunden noch einmal so schön gewesen, aber ich gab mich keiner Illusionen hin, bei Angelina landen zu können.
»Es macht sich schon bemerkbar, dass die meisten Sommergäste bereits abgereist sind«, stellte sie zufrieden fest. »Jetzt wird es wieder ruhiger.«
»Ich freue mich jedes Jahr darauf.« Wir betraten den Schwimmsteg, der unter unseren Schritten und dem leichten Wellengang schwankte. Ich holte das Schiff am Tau heran und reichte Angelina die Hand, um ihr an Bord zu helfen. Leitfüßig sprang sie hinüber. Für einen Moment verfing sich mein Blick an ihren Brüsten, die dabei verführerisch wippten. Ich schüttelte innerlich über mich den Kopf und rief mich zur Ordnung. Offenbar hatte ich schon zu lange keinen Sex mehr gehabt.
Ich löste die Leinen und startete den Motor. Eine Mischung aus Abenteuerlust und Freiheit erfasste mich, doch wie immer erfüllten mich auch Freude und Dankbarkeit, Eigentümer dieses schnittigen Bootes zu sein. Langsam steuerte ich es aus dem Hafenbecken. Angelina saß stumm neben mir und ein vergnügtes Lächeln lag auf ihren Lippen. Für einen Moment betrachtete ich ihr Profil und plötzlich reizte es mich, einen Kuss auf ihre süße Stupsnase oder den schön geschwungenen Mund zu drücken. Überrascht von diesem völlig unangebrachten Impuls sah ich wieder übers Wasser. Wir waren Freunde, sonst nichts.
In mäßigem Tempo passierten wir die natürliche Engstelle, die das Hafenbecken vom offenen Meer trennte, und ich wandte ihr neuerlich das Gesicht zu. »Süden oder Norden?«
Ihre Augenbrauen zuckten überrascht hoch, dann kam spontan: »Süden.«
Ich lenkte das Boot nach steuerbord, also rechts, und wir folgten der Küstenlinie. Angelina seufzte zufrieden.
»Wir haben einen traumhaften Tag erwischt. Für Anfang November ist es noch richtig warm. Ich freue mich schon darauf, ins Meer zu springen.«
»Schwimmst du noch immer so viel?«, fragte ich sie. »Du warst ja eine richtige Wassernixe.«
Sie lachte. »Stimmt, du hast mich früher immer so genannt. Das hatte ich ganz vergessen.« Sie schüttelte lächelnd den Kopf, dann beantwortete sie meine Frage. »Ja, für mich ist es Entspannung pur, mich nach einem langen Arbeitstag in die Fluten zu stürzen.« Sie kreiste mit den Schultern und verzog dabei ein wenig den Mund.
»Hast du Schmerzen?«
»Ach, nur Verspannungen.«
»Ich könnte dich massieren. Darin bin ich gut.«
Die Skepsis in ihrem Blick konnte ich durch die Sonnenbrille hindurch nur erahnen. »Nur die Schultern und den Rücken. Mehr gibt es nur auf ausdrücklichen Wunsch«, setzte ich frech hinzu und entlockte ihr damit ein helles Lachen, das sich als Kribbeln in dem Bereich um meinen Magen festsetzte.
»Mal sehen, vielleicht komme ich heute noch auf dein freundliches Angebot zurück«, meinte sie mit einem verschmitzten Lächeln, das ihr ausnehmend gut stand. Sie wandte das Gesicht wieder in den Fahrtwind und genoss es sichtlich.
»Soll ich ein bisschen mehr Gas geben?«
»Nichts dagegen. Es ist einfach herrlich!«
Ich lenkte das Boot ein Stück weiter von der Küste weg, dann ließ ich es durch das Wasser schießen. Das Vibrieren des Motors, das Klatschen der Wellen, die gegen den Rumpf schlugen, die warme Luft, die über meine Haut strich ... Ach, ich liebte das einfach!
Nach einer Weile sah ich zu Angelina hinüber. Sie hatte den Kopf in den Nacken gelegt und lächelte selig. Eine Haarsträhne hatte sich gelöst und kitzelte sie im Gesicht, obwohl sie sie immer wieder zurückstrich. Etwas in mir löste sich bei ihrem Anblick. Ein Teil der Anspannung der arbeitsreichen Monate fiel von mir ab, aber es war mehr als das, auch wenn ich nicht hätte sagen können, was genau es war. Jedenfalls fühlte es sich gut an und ich beglückwünschte mich zu dem spontan gefassten Entschluss, Angelina mitzunehmen.
3. Kapitel
Angelina
Neugierig streifte ich Lorenzo mit einem Seitenblick. Wenn ich ihn in unserem Freundeskreis erlebte, war er einer von denen, die die Unterhaltung am Laufen hielten. Er erzählte lustige Begebenheiten aus seinem Alltag oder flirtete mit den Mädels. Jetzt, alleine mit ihm, wirkte er viel ruhiger. Ich fragte mich, ob es an mir lag, ob er mit mir nichts anzufangen wusste, doch das zufriedene Lächeln, mit dem er mich nun bedachte, zerstreute meine Bedenken wieder.
»Gefällt es dir?«, fragte er mich und ich nickte.
»Ja, es ist wunderbar, so alleine übers Wasser zu gleiten. Also, mit dir, meine ich.«
Er schmunzelte belustigt über meine Berichtigung. »Ja, geht mir auch so. Ich finde es wohltuend, dass du nicht die ganze Zeit schnatterst.«
»Hast du das erwartet?«, fragte ich erstaunt.
»Nein, sonst hätte ich dich nicht mitgenommen.« Seine Augen funkelten frech. »Das hatte ich schon und es ist verdammt anstrengend.«
»Kann ich mir vorstellen. Ich habe eine solche Kollegin. Es reicht schon, mit ihr die Pause zu verbringen. Sie ist nett, aber sie den ganzen Tag um mich zu haben, würde mich verrückt machen.«
Lorenzo brummte zustimmend und stieß im nächsten Moment einen Fluch zwischen den Zähnen hervor. Ein größeres Boot überholte uns zu nahe und als uns seine Bugwelle erfasste, wurden wir ordentlich durchgeschaukelt. Ich wollte mich am Sitz festhalten, doch plötzlich lag meine Hand auf seinem Schenkel. Rasch zog ich sie zurück. »Verzeihung.«
Er lächelte mir kurz zu, während er damit zu tun hatte, das Boot auf Kurs zu halten. »Kein Problem. - So ein Idiot! Der ist ja schon am Vormittag besoffen!«
Der Schluss war naheliegend. Während sie an uns vorbeischossen, hatte ich die Bierdose in der Hand des Bootsführers gesehen und ein weiterer Mann und zwei Frauen hatten johlend zu uns herübergewunken.
»Kommt das öfter vor?«
»Zu oft, besonders in der Hauptsaison. Dabei ist Alkohol auch beim Lenken eines Bootes verboten.« Er zuckte mit den Schultern. »Hast du Lust zu baden? Da vorne ist eine schöne, kleine Bucht. Mit ein bisschen Glück haben wir sie für uns alleine.«
»Das klingt gut!« Die Sonne war zwar schon deutlich milder als im Sommer, doch das Wasser hatte noch sehr angenehme Temperaturen. Lorenzo drosselte das Tempo. Gemächlich glitt unser Schiff durch eine schmale Passage, danach traten die steilen Felswände ein wenig zurück und weiteten sich zu einer vom Meer aus uneinsichtigen Bucht.
»Oh«, machte ich überrascht.
»Nicht schlecht, oder?« Lorenzo lächelte zufrieden. »Die habe ich mal durch Zufall entdeckt. Vom Landweg ist sie praktisch unerreichbar.«
Unwillkürlich fragte ich mich, was er an dem abgeschiedenen Fleckchen schon alles getrieben hatte. Nun, ich stand dafür nicht zur Verfügung, das war sicher. Obwohl das, was unter seinem Shirt zum Vorschein kam, als er es sich über den Kopf zog, gar nicht so übel aussah. Nur Farbe hatte der V-förmige Oberkörper, der in schmalen Hüften endete, bisher nicht viel abbekommen. Ich hatte unter dem Top schon den Bikini an und streifte es ebenfalls ab.
Lorenzo betrachtete mich sichtlich wohlwollend, dann hob er entschuldigend die Schultern. »Wenn ich dich so ansehe, von Kopf bis Fuß schön gebräunt, komme ich mir noch blasser vor. Zeit, wenigstens jetzt noch etwas Sonne zu tanken.«
Er sah tatsächlich etwas seltsam aus: Die Arme waren bis über die Ellenbogen braun, darüber, bis zum Hals war seine Haut hell. Die leichte Brustbehaarung stach dadurch stärker hervor. Gleichzeitig schlüpften wir aus unseren Hosen. Seine langen Beine waren genauso weiß wie sein Bauch. Sie waren schlank, aber nicht dünn und die Badeshorts ließen erahnen, dass sein Po knackig und fest war. Leichtes Kribbeln machte sich in meinen unteren Regionen bemerkbar und ich spürte, wie meine Brustwarzen reagierten. Schnell wandte ich mich ab und legte meine Kleidung ordentlich zusammen.
Nie im Leben würde ich ihn spüren lassen, wie anziehend ich ihn fand. Er war ein Jäger und Sammler und ich hatte keine Ambitionen, zu einer weiteren Zeile auf seiner Checkliste zu werden. Alleine in meinem Umfeld kannte ich ein paar Frauen, die schon mit ihm im Bett gewesen waren, und ich wagte zu bezweifeln, dass er selbst noch den Überblick hatte. Während ich an der Leiter ins kristallklare, türkisblaue Wasser hinabstieg, fiel mir dummerweise auch ein, dass sie alle in höchsten Tönen von Lorenzos Fähigkeiten geschwärmt hatten. Unauffällig sah ich zu ihm. Er hatte sich auf einer der beiden Liegeflächen ausgestreckt und genoss die Vormittagssonne. Offenbar hatte er keine Lust zu baden, aber damit hatte ich kein Problem. Mein Blick fiel auf die Wölbung zwischen seinen Beinen. Sogar im entspannten Zustand war sie nicht zu übersehen.
Oh, Mist! Ich hatte eindeutig schon zu lange keinen Sex mehr gehabt! Entschlossen, mich schnellstens abzulenken, ließ ich mich hinterrücks mit einem Platsch ins Wasser fallen. Es schlug über mir zusammen und kühlte meine hitzigen Gedanken gleich mit ab.
Mit kräftigen Zügen schwamm ich los. Ach, wie herrlich war es, mich von dem glitzernden Nass umspülen zu lassen! Zum Meer hatte ich immer schon eine ganz besondere Beziehung. Das war mein Element. Es sah aus wie flüssiges Glas und die Sonnenstrahlen, die durch die Wellen gebrochen wurden, malten Lichtflecke auf den Grund. Als ich den Fischschwarm unter mir bemerkte, bedauerte ich, meinen Schnorchel auf dem Boot vergessen zu haben. Da war ich wohl nicht ganz bei der Sache gewesen. Ich durchquerte die Bucht und schwamm bis an die Felsen heran. Lilafarbene, nur wenige Zentimeter hohe Anemonen wiegten sich knapp unter der Wasseroberfläche in den sachten Wellenbewegungen. Fasziniert beobachtete ich die silbrig glitzernden, fingerlangen Fischchen, die gleich daneben eifrig Algen von den Steinen zupften. Ein paar Meter weiter sonnten sich zwei Krabben auf einem leicht überspülten Vorsprung. Eilig zogen sie sich zurück, als mein Schatten auf sie fiel. Hinter mir plätscherte es leise und erst, als ich mich umsah, bemerkte ich, dass sich Lorenzo gemächlich näherte.
»Was gibt es denn da Interessantes?«, fragte er und ich zeigte ihm, was ich alles entdeckt hatte.
»Erstaunlich! Ich muss gestehen, so genau habe ich noch nie hingesehen.«
Ich verkniff mir die Bemerkung, dass er sich üblicherweise vermutlich mit anderen Dingen beschäftigte, wenn er hier ankerte.
»So, wie du schwimmst, hätte ich beinahe erwartet, einen Fischschwanz statt deiner Beine zu sehen.«
Ich lachte, streckte einen Fuß über die Wasseroberfläche und wackelte mit den Zehen. Die Sonne verfing sich in den zarten Glitzersternchen, mit denen ich den Nagellack verziert hatte. »Wie du siehst, noch alles menschlich.«
Sein Blick strich eindeutig bewundernd über mein Bein nach oben und hinterließ eine prickelnde Spur, die mich innerlich erbeben ließ. Rasch wandte ich mich ab und machte ein paar Schwimmbewegungen von ihm weg. Als ich merkte, dass er mir folgte, drosselte ich das Tempo. Schließlich sollte es nicht so aussehen, als ob ich vor ihm flüchtete.
Wir schwammen noch ein wenig herum, ließen uns treiben und beobachteten die Möwen, die über uns hinwegflogen. Es war herrlich, die Sonne auf der Haut zu spüren und alle Gedanken loszulassen. Sobald wir wieder an Bord waren, drückte ich meinen Pferdeschwanz über der Reling aus und löste die Spange. Ich schüttelte die Haare aus, damit sie besser trocknen konnten. Dass Lorenzo mich dabei beobachtete, merkte ich erst danach. Wortlos stand er auf und verschwand unter Deck. Kurz darauf kam er mit zwei Bechern Eiskaffee wieder.
»Oh, vielen Dank. Das ist ja ein tolles Service!«
Er grinste. »Ich kann es eben nicht lassen.«
Ich nahm einen Schluck von dem kalten Getränk. »Du magst deinen Job, oder?«
Lorenzo nickte. »Ja, ich arbeite gerne bei Matís.«
»Wie lange bist du schon dort?«
»Seit fast fünfzehn Jahren.«
»So wie ich im Supermarkt.«
Er sah mich aufmerksam an. »Du wirkst aber nicht sehr zufrieden.
Das überraschte mich. »Es war mir nicht bewusst, dass mir das tatsächlich anzusehen ist.«
»Ich bin ein guter Beobachter«, meinte er leichthin. »Wo liegt das Problem?«
»Das Betriebsklima wird immer schlechter. Gestern hat auch noch meine direkte Vorgesetzte gekündigt und ich soll auf ihren Platz nachrücken.«
Er zog die Augenbrauen hoch. »Eine Beförderung ist doch eigentlich etwas Gutes, oder?«
Ich nickte. »Grundsätzlich schon, aber dann unterstehe ich direkt dem Filialleiter und mit seinem Jähzorn kann ich schwer umgehen. Er ist der Grund, warum Ana geht.«
»Okay, das ist schwierig. Aber die Arbeit an sich macht dir Spaß?« Sein Blick lag forschend auf mir und sein Interesse tat mir gut. Meine Eltern ermahnten mich immer nur, nicht so empfindlich, sondern dankbar zu sein, einen sicheren Job zu haben. Dabei war mein Vater schon so lange selbstständig, dass er gar nicht mehr wusste, wie es war, wenn man von einem Vorgesetzten herumgescheucht wurde und Mama kümmerte sich in seinem Betrieb um den Bürokram.
Ich zuckte mit den Schultern. »Es ist eben ein Job. Ich hatte in einem Möbelgeschäft den Verkauf gelernt, das ist das, was ich eigentlich immer machen wollte, aber du weißt ja, wie es hier ist: Man muss mit dem zufrieden sein, was man kriegt.«
»Muss man?« Lorenzo lächelte mich herausfordernd an. »Möbelverkauf also ...« Er strich sich nachdenklich über das Kinn, das ein Dreitagebart zierte. Außerhalb der Saison nahm er es mit dem Rasieren nicht so genau und ich musste zugeben, dass es ihm gut stand.
»Mein älterer Bruder arbeitet in Manacor in einem Einrichtungsgeschäft. Möbel, Deko, Vorhänge, Teppiche. Würde dich das interessieren?«
Ich nickte eifrig. »Das wäre genau mein Ding. Um ehrlich zu sein, spiele ich schon länger mit dem Gedanken, einfach mal ein paar Bewerbungen loszuschicken. Bisher konnte ich mich nicht dazu aufraffen, doch jetzt, wo Ana Ernst gemacht hat, wäre möglicherweise der richtige Zeitpunkt dafür.«
Lorenzo nickte zustimmend. »Rafael hat neulich erwähnt, dass eine Mitarbeiterin gekündigt hat, aber ich weiß nicht, ob sie schon Ersatz haben. Soll ich nachfragen?« Seine Hand fuhr bereits zum Mobiltelefon, das neben ihm lag. Einerseits widerstrebte es mir, Beziehungen auszunutzen, andererseits konnte das meine große Chance sein, also nickte ich. Aufregung ergriff mich und mein Puls erhöhte sich spürbar.
»Ich werde mich auf jeden Fall bewerben. Fragst du bitte gleich, an wen ich mich wenden kann?«
Er bedachte mich mit einem Blick, den ich nicht recht deuten konnte, dann wählte er eine Nummer.
»Hallo Rafa, wie geht’s? ... Prima. Was ich dich fragen wollte: Ist die Stelle bei euch noch frei, von der du erzählt hast? ... Sehr gut! Ich hätte da jemanden, die Interesse hätte. ... Nein, eine Jugendfreundin. Sehr sympathisch und mit jahrelanger Verkaufserfahrung. ... Super, das sage ich ihr. Danke, mach’s gut!« Lorenzo lächelte mich verschmitzt an. »Ich denke, es war in deinem Sinne, dass ich ihm erzählt habe, dass du keine meiner Kurzzeitfreundinnen bist, oder?«
Ich nickte. »Auf jeden Fall. Die Stelle ist also noch frei?«
»Ja, sie ist noch nicht einmal offiziell ausgeschrieben und er wäre nicht unglücklich darüber, das Verfahren abkürzen zu können. Ich soll dir seine Nummer geben, damit du gleich einen Vorstellungstermin vereinbaren kannst.«
»Oh, das ist super!« Mein Herz klopfte vor Aufregung schneller und ich konnte mich nur mit Mühe davon abhalten, Lorenzo vor Begeisterung und Dankbarkeit um den Hals zu fallen. Dann fiel mir etwas ein. »Welche Position hat dein Bruder dort?«
Er grinste. »Ihm gehört der Laden.«
4. Kapitel
Lorenzo
»Und er ist Single.« Ich beobachtete Angelina genau, während ich ihr das mitteilte.
»Das heißt, es hängt also einzig von seiner Meinung ab, ob ich den Job bekomme oder nicht?« Sie strich sich eine Haarsträhne zurück, die ihr der Wind sofort wieder ins Gesicht blies. Ich fragte mich, ob sie den zweiten Teil überhört hatte, oder tatsächlich nur an der Stelle interessiert war. Oft genug hatte ich es in Frauenaugen aufblitzen sehen, wenn sie ihre Chance witterten, sich einen wohlhabenden Unternehmer zu angeln. Für einen Moment kam die Erinnerung an Juliana hoch. Sie war anders gewesen. Vielleicht hatte sie mich deshalb so verzaubert. Angelinas fragender Blick holte mich in die Gegenwart zurück.
»Ja, aber sei einfach du selbst, dann klappt das schon. Ich schicke dir seine Telefonnummer.« Erneut nahm ich das Mobiltelefon in die Hand und nur wenige Sekunden später ging die Nachricht bei ihr ein.
»Dann sollte ich mich wohl gleich melden, oder?« Sie sah mich mit einer für sie untypischen Unsicherheit an.
»Mach dir keine Sorgen. Rafa ist nicht ganz so lässig wie ich, aber ein umgänglicher Typ.« Ich zwinkerte ihr aufmunternd zu. Weil ich spürte, dass es ihr unangenehm war, in meiner Gegenwart zu telefonieren, und ich ohnehin Durst hatte, ging ich in die Kajüte hinunter. Dass ich sie trotzdem hörte, wusste sie ja nicht. Ich nahm eine Flasche Wasser aus dem kleinen Kühlschrank und holte zwei Becher aus dem Schränkchen. Erst als es oben still geworden war, stieg ich wieder an Deck.
»Ich soll mich morgen Vormittag vorstellen kommen«, erzählte sie mir aufgeregt, was ich ohnehin schon mitgehört hatte. »Er ist nett!« Sie sprang von der Liege auf und überraschte mich mit einem Küsschen auf die Wange. »Danke, es war so lieb von dir, den Kontakt herzustellen!«
Ich lächelte erfreut. »Keine Ursache. Im Idealfall ist damit euch beiden gedient. Hältst du mich auf dem Laufenden?« Ich füllte Wasser in die Becher und hielt ihr einen hin.
»Danke. Aber sicher!«
»Willst du hier noch mal schwimmen, oder fahren wir weiter?«
»Ganz wie du willst. Es ist schön hier, aber das ist es überall an diesem Küstenabschnitt.«
Ich machte Anstalten, den Anker einzuholen, als sie einen überraschten Laut ausstieß. Fragend drehte ich mich zu ihr um.
»Du solltest dich eincremen! Du bist schon leicht rosa und es ist gerade mal Mittag!«
Bedauernd zog ich die Schultern hoch. »Ich habe aber keine Sonnencreme dabei.«
»Aber ich.« Sie fing schon an, in ihrer Tasche zu kramen, und hielt Sekunden später eine Flasche hoch. Zögernd trat sie näher. »Darf ich?«
Alleine der Gedanke an ihre Hände auf meiner Haut verursachte ein leichtes Kribbeln, das sich in meinem Unterleib sammelte, doch mehr Berührung würde ich von ihr nicht bekommen, also beschloss ich, wenigstens das zu genießen.
»Okay. Aber nur, wenn ich dir nachher die Schultern massieren darf.«
»Warum willst du das?« Es klang, als ob sie es nicht gewohnt wäre, dass ihr jemand etwas Gutes tun wollte. Oder, als ob sie einen Hintergedanken vermutete.
»Ich verwöhne gerne.« Ich nahm mir vor, wenn sie jetzt Nein sagte, würde ich es auf sich beruhen lassen. Doch dann wurden ihre Gesichtszüge weich und sie nickte lächelnd. »Okay.«
Ich drehte ihr den Rücken zu und zuckte zusammen, als die kühle Sonnencreme auftraf. Anscheinend war meine Haut schon ziemlich heiß, was bedeutete, dass Angelina nicht übertrieben hatte. Ich konzentrierte mich auf das Gefühl, das ihre Hände hervorriefen. Sie waren sanft und verteilten die Creme gründlich. Unwillkürlich entfuhr mir ein wohliges Stöhnen.
»Tut es weh?«, fragte sie besorgt. Was sollte ich sagen? Dass ihre harmlosen Berührungen reichten, um mich hart werden zu lassen?
»Nein, alles okay!« Ich räusperte mich und in dem Moment ging mir auf, was es mit mir anstellen würde, ihren glatten, makellosen Rücken zu massieren. Aber ganz sicher nahm ich mein Angebot deshalb nicht zurück.
»Soll ich vorne auch gleich?«, fragte sie nun und hielt ihre fettigen Hände hoch. Oh Himmel! Wider besseren Wissens nickte ich und genoss es mehr, als für mich gut war, wie sie über meine Schultern und Arme glitten, meine Brust eincremten und den Rest auf meinem Bauch verteilten. Ihre Augen waren konzentriert auf die jeweilige Stelle gerichtet, die sie gerade bearbeitete. »Und jetzt noch die Beine.« Ich stöhnte mit zusammengepressten Lippen auf, doch unbeeindruckt davon ging sie vor mir in die Hocke. »Kein Problem, ich habe meine jüngeren Brüder unzählige Male eingecremt.« Sorgfältig fing sie an, mit beiden Händen und reichlich Creme mein rechtes Bein zu bearbeiten. Ein Schauer lief mir die Wirbelsäule hinauf und hinunter, als sie erst den Schenkel, dann Knie und Waden, Knöchel und Rist einrieb. Meine Erektion befand sich praktisch direkt vor ihrer Nase. Die konnte sie unmöglich übersehen, doch sie ließ sich nichts anmerken. Erst als sie auch das zweite Bein gründlich versorgt hatte, erhob sie sich wieder. »Fertig. Kann ich mir irgendwo die Hände waschen?«
Ich räusperte mich erneut und deutete zu den Stufen, die in den Rumpf des Schiffes hinunterführten. »Danke. In der Kombüse. Aber sei sparsam mit dem Wasser.«
Nachdem sie verschwunden war, fuhr ich mir mit allen zehn Fingern übers Gesicht und durch die Haare. Du lieber Himmel, ich konnte mich nicht erinnern, wann mir zuletzt eine Frau so eingeheizt hatte! Mein ganzer Körper kribbelte und mein Schwanz pochte schmerzhaft. Ich fragte mich, ob sie so unschuldig oder so durchtrieben war, das hier durchzuziehen. Verzweifelt rieb ich mit der Hand über meinen Steifen, doch das machte es noch schlimmer. Alles in mir schrie nach Erleichterung, doch sie hatte von Anfang an klargestellt, dass sie an unserem Freunde-Status nichts ändern wollte. Vielleicht hätte es geholfen, mich wieder ins kühle Wasser zu stürzen, aber das hätte die ganze Prozedur sinnlos gemacht. Ich hörte ihre Schritte hinter mir und atmete tief durch, holte den Anker ein und startete den Motor, ohne mich zu ihr umzudrehen. Nur langsam beruhigte sich mein Puls wieder und meine pochende Erektion fiel nach und nach in sich zusammen. Im Augenwinkel nahm ich wahr, dass sie sich auf der Liege niedergelassen hatte. Die langen Beine hatte sie angewinkelt, die Arme darum gelegt und ihr Kinn ruhte auf den Knien, während sie stumm über das Meer sah. Was wohl in ihrem Kopf vorging?
5. Kapitel
Angelina
Noch immer klopfte mir das Herz bis zum Hals und ich spürte meinen Puls höchst beunruhigend auch an anderen Stellen meines Körpers. Ich wusste genau, dass das eben ziemlich fies gewesen war. Das mit meinen Brüdern war natürlich Quatsch. Zuletzt hatte ich sie vor mehr als zwanzig Jahren eingecremt, als wir noch Kinder gewesen waren. Miguel und Alonso waren fünf und sechs Jahre jünger als ich. Ich hatte Lorenzo auf die Probe gestellt und er hatte sie mit Bravour bestanden. Es war nicht zu übersehen gewesen, wie sehr ihn meine Aktion erregt hatte, doch mit keiner Silbe oder Geste hatte er versucht, unsere Abmachung zu brechen und mich zu verführen, oder gar sich zu nehmen, was er wollte.
Der Fahrtwind kühlte meine heißen Wangen, aber gegen die innerliche Hitze, die mich noch immer erfüllte, konnte er nichts ausrichten. Wie kam es, dass mich ein alter Freund so aus dem Gleichgewicht bringen konnte? Wir kannten uns seit Ewigkeiten, doch noch nie hatte ich ihn als so anziehend männlich und attraktiv wahrgenommen. Ich hätte mich ihm am liebsten an den Hals geworfen und ihn angefleht, mit mir Sex zu haben. Aber natürlich kam das nicht infrage. Oder?
Unauffällig schielte ich zu ihm hinüber. Er stand am Steuer, statt sich hinzusetzen. Vermutlich wollte er die Sonnencreme erst besser einziehen lassen. Ich betrachtete das Spiel seiner Muskeln, die das Schlingern, Heben und Senken des Schiffes ausglichen. Ich ertappte mich dabei, mir über die Lippen zu lecken. Verflucht, war der Mann sexy! Was hatte ich mir nur dabei gedacht, ihm so nahe zu kommen? Noch immer hatte ich seinen verlockenden Geruch nach frisch gewaschenem Mann in der Nase, gemischt mit Meer und Sonnencreme. Wie hätte er wohl reagiert, wenn ich ihm den Bund der Badeshorts heruntergezogen und seine verlockende Erektion mit dem Mund verwöhnt hätte? Das Pochen in meinem Unterleib verstärkte sich wieder. Er schien gut gebaut zu sein und erneut fiel mir Lorenzos Ruf ein. Keine meiner Bekannten, die mit ihm im Bett gewesen waren, hatte sich über seine Qualitäten ebendort beschwert. Das Gegenteil war der Fall und so etwas wie Neid stieg in mir auf. Lag es tatsächlich an ihm oder war ich schlichtweg so ausgehungert, dass ich ernsthaft darüber nachdachte, meine eigenen Regeln über Bord zu werfen?
Erneut betrachtete ich ihn, doch diesmal kreuzten sich unsere Blicke. Ich sah in seinen Augen dasselbe brennende Verlangen, das auch mich plagte. Verdammt, was hatte ich da angeleiert? Ich zwang mich, wegzusehen und den Anblick des mittlerweile tiefblauen Meeres zu genießen. Lorenzo führte das Boot in gemäßigtem Tempo durch die Wellen und ließ uns Zeit, die Küstenlinie zu betrachten, die an uns vorüberzog. Schroffe Felsen türmten sich auf, an denen sich die Wellen brachen, dann wichen sie zu einer kleinen Bucht zurück, an deren Ende sich ein schmaler Strand befand. Einige Sonnenschirme waren zu erkennen. Ein paar Gestalten planschten im flachen Wasser, andere lagen auf bunten Tüchern im Sand und genossen die Sonne.
Zwischendurch machte Lorenzo einen weiten Bogen um die belebte Hafeneinfahrt von Cala d’Or und wir fuhren an dem Küstenort vorbei, immer weiter nach Süden. Wenig bewohnte Abschnitte folgten, die mich mit ihrer Ursprünglichkeit und Rauheit beeindruckten. Unwillkürlich stieß ich einen tiefen Seufzer aus, was mir einen forschenden Blick von Lorenzo einbrachte.
»Es ist wunderschön hier. Bezaubernd. Faszinierend.«
Er lächelte zufrieden. »Ja, da bin ich ganz deiner Meinung. Irgendwie muss ich künftig auch während der Saison Zeit finden, öfters auszufahren. Es macht den Kopf frei.« Er gab Gas und wir schossen durch die Wellen. Meine Haare flatterten im Wind und ich genoss das Gefühl von Freiheit, das mich durchströmte, als gäbe es nur diesen perfekten Moment, in dem die Alltagssorgen in den Hintergrund rückten.
Wir passierten die Buchten von Figuera, Santanyí und Lombards und ich stellte fest, dass die Orte vom Meer aus ganz anders wirkten, als wenn man mit dem Auto oder zu Fuß unterwegs war. Nach einer Weile meldete mein Magen mit heftigem Grummeln, dass es Zeit für Energienachschub wurde. In diesem Moment drosselte Lorenzo den Motor und wandte sich zu mir. »Was hältst du von Mittagessen?«
»Wollte ich auch gerade fragen. Suchst du uns ein lauschiges Plätzchen?«
»Ein kleines Stück noch, dann kommen wir zur Cala Figuereta. Dort werden wir ankern. Kennst du die?«
Ich schüttelte den Kopf. »Um ehrlich zu sein, war ich ewig nicht mehr in dieser Gegend.«
Er nickte. »Ich muss gestehen, wenn ich das Boot nicht hätte, würde ich vieles gar nicht kennen.«
Es war eine kleine Bucht, die landseitig von schroffen Felswänden begrenzt war. Auf der anderen Seite hatten wir uneingeschränkte Sicht auf das offene Meer. Lorenzo verankerte das Schiff, dann klappte er einen Tisch aus, der mir bisher entgangen war.
»Wirklich praktisch«, stellte ich anerkennend fest, als wir einander gegenüber saßen und unser mitgebrachtes Essen ausbreiteten, um es miteinander zu teilen.
Er nickte lächelnd. »Es ist ein tolles Boot und ich freue mich jedes Mal, dass ich es habe.«
Ich überlegte, ob wir uns gut genug kannten, um ihm persönliche Fragen zu stellen, beschloss dann jedoch, es darauf ankommen zu lassen. »War es hart für dich, als Juliana das mit euch beendet hat?«
Einen Moment war er still, dann meinte er: »Es gab bisher wenige Frauen in meinem Leben, mit denen ich mir mehr als eine Affäre hätte vorstellen können. Sie war eindeutig eine davon.«
»Hast du dir nie gewünscht, eine Familie zu gründen?«, wagte ich mich weiter vor.
Er zuckte scheinbar gleichgültig mit den Schultern. »Ich denke, ich bin dafür nicht geschaffen.«
Das überraschte mich. »Wie kommst du darauf?«
Lorenzo bedachte mich mit einem langen Blick, bevor er sich daran machte, seinen Serrano-Schinken und meinen Lieblingskäse aus Schaf- und Ziegenmilch auf eine Brotscheibe zu häufen. Als ich bereits davon ausging, dass er meine Frage ignorieren würde, meinte er: »Das liegt bei uns in der Familie. Die Gene oder was weiß ich.« Er nahm einen Bissen, kaute und schluckte. »Mein Vater hat meine Mutter ständig betrogen. Mama hat es akzeptiert, um uns den Vater nicht zu nehmen, wie sie es ausdrückte. Erst als wir aus dem Haus waren, hat sie sich von ihm scheiden lassen. Mein Bruder hat seine Ehe auch in den Sand gesetzt, also denke ich, ist es besser, ich probiere es gleich gar nicht, dann erspare ich mir und einer potenziellen Partnerin eine Menge Kummer und Ärger.«
Diese Sichtweise machte mich sprachlos. Das war also der Grund, warum er fast ausnahmslos flüchtige Affären hatte? Die Gene?
»Entschuldige, wenn ich dir das so hinknalle, aber das halte ich für absoluten Quatsch. Natürlich ist es deine Sache, ob du dich als Single wohlfühlst oder dir eine Familie wünschst, aber Treue ist eine Entscheidung und keine Frage der Gene.«
Seine Augenbrauen zuckten überrascht hoch. »Meinst du? Dann treffen aber eine Menge Leute falsche Entscheidungen.«
»Stimmt. Aber das hat nichts mit einer Veranlagung zu tun, die man in die Wiege gelegt bekommt, und deren Opfer man ist.«
»Klingt, als ob du dich mit dem Thema bereits gründlich auseinandergesetzt hättest.«
Ich zog eine Grimasse. »Das stimmt. Um ehrlich zu sein, hatte ich es schon mit einigen Männern zu tun, für die Treue ein Fremdwort war und alle möglichen Ausreden dafür parat hatten.«
»Trotzdem glaubst du noch immer daran, dass es möglich ist?«, fragte er ungläubig.
»Das ist es ganz bestimmt. Meine Eltern sind einander treu und meine Tante und mein Onkel führen auch eine gute Ehe.«
»Denkst du das oder weißt du es? Wie kannst du dir da so sicher sein?«
Ich verharrte mitten in der Bewegung und meine Olive rutschte von der Gabel und kullerte über den Tisch. Lorenzo fing sie gerade noch, bevor sie auf dem Boden landete, und hielt sie mir vor den Mund. Als ich sie zwischen die Zähne nahm, berührten meine Lippen seine Fingerspitzen. Das sanfte, aufregende Kribbeln, das sich davon ausgehend verbreitete, ließ mich beinahe vergessen, wovon wir gesprochen hatten. Erst nachdem ich den Kern auf den Rand meines Tellers gelegt hatte, war ich auch geistig wieder soweit, antworten zu können.
»Ich will es glauben«, gab ich dann zu. »Vielleicht ist die emotionale Treue aber ohnehin wichtiger als die körperliche.«
Er runzelte die Stirn und griff nach einer weiteren Brotscheibe. »Was meinst du damit?«
»Treue bedeutet für mich in einer Beziehung mehr, als nur mit niemand anderem ins Bett zu hüpfen. Für einander da sein. Achtsam sein, was der andere braucht, damit es ihm gut geht. Sich gegenseitig verwöhnen. Das Gleichgewicht von geben und nehmen. Nicht nur, einander verliebt in die Augen zu sehen, sondern gemeinsam in die gleiche Richtung zu schauen«, zitierte ich einen Dichter. Unter seinem intensiven Blick verstummte ich verlegen und fühlte, wie mir das Blut warm in die Wangen stieg.
»Wie kann jemand alleine sein, der sich so schöne Gedanken über Beziehung macht und offenbar viel zu geben hat?« Seine Stimme war samtig und weich und jagte mir einen wohligen Schauer über den Rücken. Ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr er mich damit berührte, und zuckte mit den Schultern.
»Weil dazu zwei gehören und ich noch niemanden gefunden habe, der die gleichen Vorstellungen hat. Besonders das mit dem Geben und Nehmen funktionierte bisher nicht so richtig und ich habe es satt, mich ausnutzen zu lassen.«
»Das tut mir leid.« Lorenzo nahm einen großen Schluck Wasser, dann richtete er neuerlich den Blick auf mich. »Ich finde es bemerkenswert, dass ich hier sitze und mich mit dir über Beziehungen unterhalte. Am Ende polst du mich sogar noch um.« Er zwinkerte mir zu. »In der letzten Zeit passieren diesbezüglich ohnehin Dinge, die ich nie erwartet hatte. Erst holt sich Alejandro eine Braut aus Österreich und bekommt gleich auch noch einen ziemlich süßen Sohn dazu. Und dann die Sache mit Enrique. Ich hatte ja schon länger den leisen Verdacht, dass er schwul sein könnte, aber da stand ich anscheinend alleine da, oder?«
Er schmunzelte wissend und ich spürte, wie mir erneut die Röte in die Wangen stieg. Wie hatte er mitbekommen können, dass ich jahrelang unglücklich in den zurückhaltenden, liebenswerten Mann verschossen gewesen war, obwohl wir so wenig Kontakt gehabt hatten? Erst in den letzten Monaten, seit ich mich mit Florian angefreundet hatte, war ich öfter mit der Runde zusammen. Wusste vielleicht unsere ganze Clique darüber Bescheid?
»Ich bin froh, dass er Florian gefunden hat«, erwiderte ich, ohne auf Lorenzos Bemerkung einzugehen. »Sie wirken sehr glücklich miteinander.«
»Und du bist seither deutlich entspannter in Enriques Gegenwart«, stellte er unerbittlich fest, lächelte mich aber ohne Spott an.
»Ja, das stimmt«, gab ich nun zu. »Ich bin froh, endlich zu wissen, warum aus uns nichts werden konnte.«
»Kann ich mir vorstellen.« Lorenzo nickte verständnisvoll. »Eva und Florian sind ausgesprochen nette Menschen. Vielleicht solltest du dich auch in Österreich umsehen.« Obwohl er im Scherz gesprochen hatte, erschien mir die Idee plötzlich gar nicht so abwegig, also griff ich sie auf.
»Ich wünsche mir schon lange, Urlaub im Ausland zu machen. Hast du Spanien schon mal verlassen?«
Er schüttelte nur den Kopf, weil er gerade den Mund voll hatte.
»Allerdings ist mir bei dem Gedanken, mich ganz alleine aufzumachen, doch etwas mulmig. Vielleicht fliege ich das erste Mal gemeinsam mit Eva. Sie ist ja regelmäßig in ihrer früheren Heimat.« Alejandros Frau arbeitete auch nach ihrem Umzug nach Mallorca für eine österreichische Agentur, die sich auf literarische Übersetzungen spezialisiert hatte.
»Stimmt, für sie ist das Fliegen vermutlich so aufregend wie für mich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Palma zu fahren.« Lorenzo lächelte schief. »Eigentlich ein bisschen armselig, wenn ich es recht bedenke. Ich bediene jahrein, jahraus Gäste aus aller Herren Länder und war selbst noch nirgends.«
An seinem Blick erkannte ich, dass er über etwas nachdachte, während er die letzten Bissen seines Brotes aß. Ich selbst war schon satt. Mir fiel auf, dass zwei Möwen über uns kreisten, nun kam auch eine dritte hinzu. Ich hatte den Eindruck, dass es die eleganten silbrig-weißen Vögel auf unsere Reste abgesehen hatten und hielt es für klüger, diese zusammenzupacken, bevor sie einen Angriff starten konnten.
»Fertig?«, fragte ich Lorenzo. Er nickte und half mit, alles in den kleinen Kühlschrank zu packen.
Ich reichte ihm das Geschirr über die Treppe in die Kombüse, als er mich mit einer Frage überraschte: »Was hältst du davon, wenn ich dich begleite, falls du deine Urlaubspläne tatsächlich umsetzt? Ich könnte auf dich aufpassen, während du dich unter den österreichischen Männern umsiehst.«
Ich hob erstaunt die Augenbrauen. »Meinst du das ernst?«
Er zuckte mit den Schultern. »Warum nicht?«
»Weil mir vermutlich kein Mann in die Nähe kommt, solange es aussieht, als wäre ich vergeben.«
»Oh, da hast du recht, daran habe ich nicht gedacht. Dann halte ich mich eben dezent im Hintergrund. Du könntest mich ja als deinen Bruder ausgeben.«
Ich musste bei der Vorstellung lachen. »Oder als meinen Bodyguard. Verrückte Idee!«
»Ich denke, es würde Spaß machen. Wie satt bist du? Glaubst du, du kannst bequem auf dem Bauch liegen?«, wechselte er das Thema.
»Ja, warum?«
Als Antwort wackelte er mit den Fingern und deutete auf meine Schultern. Ich gestand mir ein, dass es mir gefiel, wie hartnäckig er darauf beharrte, mir eine Massage zu geben. Ich holte ein trockenes Strandtuch aus meiner Tasche und breitete es auf der Liege aus. Bei der Vorstellung von seinen kräftigen Händen auf meiner Haut erhöhte sich mein Herzschlag.
»Öl habe ich keines, aber wir könnten stattdessen die Sonnencreme benutzen«, schlug ich vor, bevor ich mich hinlegte.
»Macht es dir etwas aus, die Bikiniträger zu öffnen?«
Ich zögerte einen winzigen Moment, dann griff ich nach hinten und löste die Verschlüsse am Rücken und im Nacken und streifte meine Haare zur Seite.
»Perfekt«, murmelte er und etwas an seinem Tonfall ließ mich leicht erschauern. Ich hörte, wie er Sonnencreme aus der Flasche drückte, spürte jedoch nichts. Erst als ich die schmatzenden Geräusche wahrnahm, wurde mir klar, dass er sie erst in den Handflächen anwärmte, bevor er mich damit berührte. Zuerst strich er langsam über meinen Rücken, dann fing er an, mit Fingern und Handballen meine verspannten Schultermuskeln zu lösen. Ich stöhnte auf.
»Steinhart«, stellte er mitleidig fest. »Tut es weh?«
»Nicht wirklich«, nuschelte ich und das stimmte. Noch nie hatte ich eine solche Mischung aus Schmerz und Wohlgefühl gespürt. Er bearbeitete mich mit einem Einfühlungsvermögen, das unerwünschte Assoziationen heraufbeschwor. Knetend und streichend, mal nur mit den Daumen kreisend, dann wieder mit den ganzen Handflächen, jedem Muskelstrang Aufmerksamkeit schenkend, arbeitete er sich langsam vom Nacken bis zur Lendenwirbelsäule nach unten. Ich war längst in einer Art Schwebezustand und wünschte mir, er würde nie wieder damit aufhören. Als er sich über mich beugte und nahe an meinem Ohr eine leise Frage stellte, nickte ich nur träge.
6. Kapitel
Lorenzo
Du lieber Himmel, was hatte ich mir nur dabei gedacht? Nun also auch noch ihre Beine. Ihre wundervollen, schlanken, langen, sonnengebräunten Beine. Ich würde noch etwas Creme brauchen. Während ich nach der Flasche griff, unterhielt ich mich im Geiste mit meinem Ständer, dem die Badehose längst zu eng geworden war. ›Sorry, das wird noch schlimmer, aber ich konnte einfach nicht widerstehen.‹ Wieder verteilte ich die duftende Creme auf meinen Handflächen, bevor ich mir ihren rechten Schenkel vornahm. Mein Schwanz fing schmerzhaft zu pochen an, als ich ihrem süßen Po so verlockend nahe kam. Meine Fingerspitzen kribbelten vor Verlangen, sich unter das kleine Stück Stoff zu schieben, aber natürlich tat ich es nicht. Ich war sicher, Angelina würde mir diesen Vertrauensbruch nie verzeihen. Stattdessen beobachtete ich, wie ihr Hintern sich bewegte, als ich ihren Schenkel mit gleichmäßigen Strichen entlangglitt und dabei den Handballen einsetzte. Ihr leises Stöhnen gab mir beinahe den Rest. Ich war stolz darauf, gutes Stehvermögen und eiserne Selbstbeherrschung vorweisen zu können, aber Angelina brachte mich an meine Grenzen, ohne mehr dazu beizutragen, als diese kleinen, vermutlich unbewussten Laute, die sie ausstieß. Sie hatte mir immer schon gut gefallen, auch wenn ich sonst eher auf Blondinen stand. Dass mich ihr Duft und ihre samtige, weiche Haut so heiß machen würden, hatte ich trotzdem nicht erwartet.
Zu dumm, dass sie auf der Suche nach dem berühmten Mann fürs Leben war, der ihr süße, kleine Babys machte. Dafür war ich nun einmal nicht der Richtige, das stand fest. Es erstaunte mich selbst, mit welcher Dringlichkeit ich mir wünschte, sie auf jede erdenkliche erotische Weise zu verwöhnen, ihren wundervollen Körper überall zu küssen und zu schmecken. Wie gerne hätte ich erforscht, ob sie diese Massage auch nur ansatzweise so erregte wie mich. Lagen ihre Beine nicht eine Winzigkeit gespreizter als zuvor? Oder war das Wunschdenken? Ich ertappte mich dabei, dass ich am liebsten die Nase zwischen ihre Schenkel gesteckt hätte, um ihren spezifischen Duft besser wahrzunehmen, doch auch so hatte ich das Gefühl, dass er intensiver geworden war und mir die Sinne noch mehr benebelte. Mein Gott, ich war so scharf auf sie, dass ich es beinahe nicht mehr aushielt. Nun war ich bei ihren Füßen angelangt und die Versuchung, sie um meinen steinharten Schwanz zu legen, um mir Erleichterung zu verschaffen, wurde beinahe übermächtig. Im letzten Moment gelang es mir, mich zu beherrschen. Ich rollte ihre Zehen zwischen meinen Fingern und zog sanft daran, bevor ich mit den Fingergelenken fest über ihre Fußsohlen strich. Leider hatte ich unterschätzt, wie kitzlig sie war. Sie zuckte und zappelte in meinem Griff und strich dabei mit den Zehenspitzen über meinen hochgradig erregten Schwanz. Das war zu viel. Als sich die aufgestaute Lust explosionsartig entlud, entfuhr mir ein zischendes Geräusch und vor meinen Augen flimmerte es bedenklich. Ich ließ ihren Fuß los, taumelte zwei Schritte zurück, während sich die Nässe in meinen Shorts ausbreitete. Schwer atmend hielt ich mich an der Reling fest. Wie durch einen Nebel sah ich, dass sich Angelina aufrichtete. Erst im letzten Moment fiel ihr ein, das Stückchen losen Stoff über ihren Brüsten festzuhalten, doch der kurze Blick auf ihre wundervollen Formen reichte meinem schon wieder halb zusammengesunkenen Schwanz, sich neuerlich aufzubäumen. Die Bewegung lenkte Angelinas Aufmerksamkeit auf den Ort des Geschehens. Ich wandte mich ab und sprang kopfüber ins Meer. Das Wasser schlug über mir zusammen und fühlte sich auf meinem erhitzten Körper im ersten Moment eiskalt an, doch der Schock war mir höchst willkommen. In meinem ganzen Leben war mir noch nichts so Peinliches passiert. ›Verdammte Scheiße‹, tobte es in meinem Kopf. ›Warum konntest du die Finger nicht von ihr lassen? Was gehen dich ihre verspannten Muskeln an? Ausgerechnet bei einer Frau aus der Clique muss dir das passieren! Idiot!‹
Ich war so damit beschäftigt, mich zu beschimpfen, dass ich nicht bemerkte, dass Angelina mir gefolgt war. Als sie neben mir auftauchte, erschrak ich heftig.
Ihre dunklen Augen waren besorgt auf mich gerichtet, doch es war noch etwas anderes darin. Nein, keine Verachtung und auch keine Belustigung. Sie legte ihre Hand in meinen Nacken, zog mich ein wenig näher und küsste mich zart auf die Lippen. Es war nur eine kurze Berührung, doch sie nahm mir beinahe den Atem. »Danke!«, flüsterte sie.
Mein Denkvermögen war offenbar noch nicht wieder hergestellt, denn ich hatte keine Ahnung, wofür sie sich bedankte. Wohl kaum dafür, dass ich mich zum Narren gemacht hatte. Sie sah mir meine Verwirrung anscheinend an, denn sie lächelte leicht, als sie erklärend hinzufügte: »Für die herrliche Massage und dafür, dass du dich beherrscht und mich nicht bedrängt hast. Deutlicher hättest du mir deine Achtung und deinen Respekt nicht zeigen können. Und keine Sorge, das bleibt unter uns.« Für einen Moment wurde ihr Lächeln breiter, dann wandte sie sich ab und schwamm zum Schiff zurück. Trotz allem konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, sie zu beobachten, als sie die Leiter hinaufkletterte. ›Perfekt‹, hämmerte es in meinem Kopf. ›Sie ist perfekt ... Was für eine Scheiße!‹
Ich ließ mir Zeit, wieder an Bord meines Schiffes zu gehen. Obwohl sie mir offenbar nicht böse war, fand ich meinen Auftritt noch immer mehr als peinlich.
Als ich sah, dass Angelina voll bekleidet aus der Kajüte kam, sank meine Laune noch ein Stück, obwohl ich das kaum mehr für möglich gehalten hatte.
»Willst du nach Hause?«, fragte ich sie und wagte kaum, sie anzusehen. Trotzdem erkannte ich, dass sie überrascht die Augenbrauen hochzog.
»Nein, eigentlich nicht. Du etwa?«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich dachte nur, weil du ...« Mit einer Handbewegung deutete ich auf ihre Kleidung.
»Mir ist schon zu kühl, um im nassen Bikini herumzusitzen. Wolltest du nicht bis zum Leuchtturm von Ses Salines fahren, bevor wir umkehren?«, erinnerte sie mich an meinen ursprünglichen Plan.
Ein Windstoß fuhr mir über die nasse Haut und ließ mich frösteln. »Brrr, du hast recht. Ich ziehe mich auch rasch an und dann fahren wir weiter.«
Ich schnappte mir Hose und Shirt und verschwand nach unten. Plötzlich fühlte ich mich ganz leicht und beschwingt und ich wollte lieber nicht so genau hinterfragen, warum das so war.
7. Kapitel
Angelina
»Also, Señora Morena, erzählen Sie mir etwas über sich, das ich wissen sollte.« Rafael García Lopez lehnte sich zurück, die Hände lässig auf den Armstützen seines lederbezogenen Schreibtischstuhles, und lächelte mich mit leicht schief gelegtem Kopf erwartungsvoll an.
»Ich bin fünfunddreißig Jahre alt, ledig und lebe in Portocolom, wo ich auch aufgewachsen bin.« Da er meine Bewerbungsmappe nur flüchtig durchgeblättert hatte, fing ich lieber ganz von vorne an.
»Ah, daher kennen Sie meinen Bruder«, warf er ein und ich nickte.
»Meine Ausbildung absolvierte ich in Felanitx bei ›Hermanos Ferrer‹, aber das Unternehmen löste sich auf, als die Besitzer in den Ruhestand gingen.«
Señor García nickte. »Ich erinnere mich. Ich hatte mit den Brüdern Ferrer bezüglich einer Nachfolge verhandelt, aber sie hatten total überzogene Preisvorstellungen.«
Ich bemühte mich, mir meine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Obwohl seine leicht gewellten schwarzen Haare an den Schläfen bereits ergrauten, schätzte ich ihn auf maximal fünfundvierzig, eher etwas jünger. Demnach war er zu diesem Zeitpunkt höchstens dreißig gewesen. Das Unternehmertum schien ihm im Blut zu liegen.
»Auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle landete ich im neu erbauten Supermarkt in Portocolom, wo ich seither arbeite.«
»Und warum wollen Sie wechseln?«
»Ich mag den Kundenkontakt, aber an Fischtheke und Feinkost hing mein Herz nie«, meinte ich leichthin und hoffte, damit durchzukommen.
»Das ist aber nicht erst seit Kurzem so, nehme ich an. Gibt es einen aktuellen Anlass, dass Sie gerade jetzt wegwollen?«, bohrte er weiter.
»Es stehen personelle Änderungen an, die mir nicht zusagen.« Unter seinem forschenden Blick gab ich die Ausflüchte auf und erzählte ihm von meinen Bedenken.
»Nun, Choleriker bin ich keiner, dahingehend kann ich Sie beruhigen.« Mir fiel auf, dass sich um seine Augen ein Kranz kleiner Fältchen bildete, wenn er lächelte. »Was hat Ihnen denn an Ihrem ursprünglichen Aufgabengebiet am besten gefallen? Oder anders gefragt: Was macht diese Stelle hier für sie attraktiv?«
»Die Beratung der Kunden«, antwortete ich spontan. »Ich liebe es, herauszufinden, was ihnen gefällt, was sie sich wünschen und wie ich dazu beitragen kann, dass sie sich in ihrem Zuhause wohlfühlen. Ich sehe es als meine Aufgabe, aus einem Raum das Optimum herauszuholen, damit er den gewünschten Effekt auf seine Bewohner hat.«
Der Geschäftsinhaber nickte sichtlich zufrieden mit meiner Antwort. »Wann können Sie anfangen?«
Ich stutzte. Hieß das, er wollte mich einstellen? Einfach so? Ich überlegte kurz. »Mitte oder Ende Dezember, vermute ich. Das müsste ich erst abklären.«
»Perfekt. Die Stelle ist zwar bereits ab Mitte November frei, aber einige Wochen können wir intern überbrücken. Ich führe Sie jetzt durch den Betrieb und Sie geben mir morgen Bescheid, ob Sie annehmen.« Im Hinausgehen nahm er meine Bewerbungsunterlagen in die Hand und hielt sie im Nebenraum seiner Assistentin hin. »Bereite bitte den Dienstvertrag für Señora Moreno vor, damit sie sieht, worauf sie sich mit uns einlässt.« Sie zeigte keine Überraschung, was für mich den Schluss nahelegte, dass sie an spontane Entschlüsse ihres Chefs gewöhnt war. Beeindruckend.
Mir schwirrte der Kopf, als ich eine gute halbe Stunde später mein Auto aufsperrte und mich auf den Sitz fallen ließ. »Das ist ja verrückt!«, murmelte ich vor mich hin und spürte, wie sich mein Mund zu einem breiten Grinsen verzog. Mein Herz klopfte noch immer schneller als normal, auch wenn sich mein Adrenalinspiegel während des Rundgangs etwas reguliert hatte.
Ich musste jemanden davon erzählen. Sofort. Es war nicht verwunderlich, dass mir zu allererst Lorenzo einfiel. Schließlich hatte ich den Job ihm zu verdanken.
Trotzdem zögerte ich. Ich wollte nicht aufdringlich erscheinen. Schließlich waren wir nur Freunde, auch wenn der Ausflug am Vortag einige ziemlich aufregende Momente gehabt hatte. Ein Kribbeln lief durch mich hindurch, das meine Unsicherheit noch verstärkte, doch dann griff ich zum Telefon. Ich würde ihm eine Nachricht schicken, das erschien mir unverfänglicher.
Meiner Freundin Inés konnte ich ebenfalls nur eine SMS senden, weil sie in einer Mode-Boutique arbeitete, in der private Gespräche während der Arbeitszeit nicht gerne gesehen waren. Danach schob ich das Handy in meine Handtasche zurück. Noch immer fühlte ich mich zu aufgeregt, um loszufahren. Ich konnte es kaum fassen! Von gestern auf heute hatte ich meinen Traumjob gefunden, denn dass ich ihn annehmen würde, stand natürlich fest. Im selben Moment beschloss ich, es meinen Eltern erst zu sagen, wenn auch Señor García den Arbeitsvertrag unterzeichnet und ich im Supermarkt meine Kündigung abgegeben hatte. Ich hatte keine Lust, mir meine Begeisterung und Vorfreude von ihnen miesmachen zu lassen. Mein Telefon signalisierte einen Anruf und ich griff eilig danach.
»Das ist ja fantastisch«, tönte die Stimme von Inés begeistert aus dem Lautsprecher. »Ich freue mich so für dich! Du musst mir alles genau erzählen! Hast du heute Abend schon etwas vor? Mit Lorenzo vielleicht?«
Ich lachte über ihren Eifer und überging gleichzeitig die letzte Frage. »Natürlich müssen wir das feiern. Soll ich zu dir kommen?«
»Das ist eine prima Idee. Aber nicht vor acht, da bringe ich den Kleinen ins Bett. Ich habe sogar noch einen Prosecco im Kühlschrank. Das ist ja so aufregend!«
»Ja, das ist es! Bei dir ist alles okay?«
»Äh, nicht wirklich, aber davon lassen wir uns den Abend nicht verderben. Es wird mir guttun, den ganzen Mist mal für ein paar Stunden zu vergessen.«
»Ich weiß noch etwas, das dich ablenken wird. Wir müssen demnächst shoppen gehen!«
Ihr freudiges Quietschen hatte ich noch im Ohr, als ich den Motor startete, um endlich heimzufahren. Ich brauchte für den neuen Job unbedingt passende Kleidung und vertraute auf die fachkundige Beratung meiner Freundin, die ein sicheres Gespür und das perfekte Auge dafür hatte. Im Supermarkt gab es für alle Mitarbeiter die gleiche konforme Arbeitskleidung, aber bei ›Muebles García‹ wurde großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres gelegt und nur ein Namenskärtchen kennzeichnete die Mitarbeiter.
Auf dem Heimweg kam mir zu Bewusstsein, dass ich bald nicht mehr zehn Minuten Fußweg, sondern beinahe eine halbe Stunde Fahrt zu meiner Arbeitsstelle haben würde. Ein großer Pluspunkt waren hingegen die Dienstzeiten. Im Supermarkt arbeitete ich auch am Sonntag und er schloss wochentags erst um zweiundzwanzig Uhr. Dieser Schichtdienst bis in die Nacht hinein hatte bald ein Ende, denn ›Muebles García‹ hatte sechsmal die Woche von zehn bis zwanzig Uhr geöffnet, was ich als eindeutige Verbesserung empfand. Vor allem aber konnte ich mich mit dem befassen, das mir Freude und Befriedigung verschaffte, und das war das Allerwichtigste. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir uns überhaupt nicht über die Bezahlung unterhalten hatten, aber schlechter konnte sie ohnehin nicht werden. Im Supermarkt bekam ich kaum mehr als das, was mir gesetzlich zustand.
Als ich meine Wohnungstür aufschloss, befand ich mich in absoluter Hochstimmung. Meine Pumps stellte ich ordentlich nebeneinander, dann ging ich in mein Schlafzimmer, schlüpfte aus dem blauen Kleid und hängte es auf seinen Bügel. Ich hatte noch immer das Gefühl, unter Strom zu stehen, als ich mich in Leggins und T-Shirt mit einem Glas Orangensaft auf meinen kleinen Balkon setzte. Während ich tief durchatmete, fragte ich mich, was Lorenzo wohl gerade machte. Hatte er meine Nachricht schon gelesen? Ich stutzte und lauschte angestrengt. Ja, das war mein Klingelton! Das Telefon steckte noch in der Handtasche. Bevor ich es erwischte, wurde es still. Mein Herz fing schneller zu klopfen an, als ich sah, dass der Anruf von ihm gekommen war. Ich drückte die Rückruftaste und er hob sofort ab.
»Gratuliere! Ich wusste doch, dass das passt!« Er klang genauso euphorisch, wie ich mich fühlte.
»Danke, Lorenzo, vielen Dank! Der Laden ist toll und ich freue mich total, bald dort zu arbeiten, statt Wurst aufzuschneiden und Fische auszunehmen.«
Er lachte. »Das kann ich mir vorstellen. Rafa ist begeistert von dir!« Es entstand eine kurze Pause, bevor er fragte: »Was machst du denn heute noch? Ich finde, das sollten wir feiern!«
Mein Puls, der sich mittlerweile beinahe normalisiert hatte, erhöhte sich erneut. Wollte er mich heute schon wieder treffen?
»Am Abend bin ich bei einer Freundin.«
»Oh.« Das klang eindeutig enttäuscht. »Und davor?«
»Mittagessen.« Spontan kam mir eine Idee. Schließlich war ich ihm was schuldig. »Bist du schon hungrig? Hast du Lust, zu mir zu kommen? Ich könnte eine Kleinigkeit für uns kochen.« Mit klopfendem Herzen wartete ich auf seine Reaktion.
»Wow, ja gern!«
Rasch überschlug ich gedanklich, was meine Vorräte hergaben. »Magst du Meeresfrüchte?«
»Ja, klar. Wann?«
»In einer halben Stunde?«
»Ich freue mich!«
***
»Du hast ihn bekocht?« Inés starrte mich überrascht an. Unter ihrem Blick wurde ich verlegen, was mir gar nicht gefiel. Irgendwie fühlte ich mich ertappt, doch das war ja absolut lächerlich.
»Warum nicht? Wir sind alte Freunde und ich wollte mich bedanken.«
Sie grinste. »Ja, klar. Ihr habt als Kinder miteinander gespielt, aber alte Freunde? Na, egal. Also Spaghetti mit Meeresfrüchten. Und sonst noch? Wie ging es weiter? Was gab es zum Dessert?« Sie zuckte vielsagend mit den Augenbrauen.
Schmunzelnd verschaffte ich ihrer Fantasie einen Dämpfer: »Eis aus der besten Heladeria im Ort. Das hat er nämlich mitgebracht.«
Inés nickte anerkennend. »Und dann? Lass dir doch nicht alles herauskitzeln!«
Ich lachte über ihre Ungeduld. »Was denkst du denn, was wir gemacht haben?«
Meine Freundin rollte mit den Augen. »Also, wenn er nur halb so sexy ist, wie du ihn mir beschrieben hast, wäre mir an deiner Stelle so allerhand eingefallen.«
»Vielleicht sollte ich euch bekanntmachen?«, witzelte ich. »Ich könnte mir vorstellen, dass ihr eine Menge Spaß miteinander haben würdet.«
Inés winkte ab. »Im Moment hab ich die Nase voll von Männern. Außer meinem süßen Kleinen natürlich.« Ich betrachtete sie genauer und mir fiel auf, wie müde und frustriert sie aussah. Ihr von meinem unbeschwerten Nachmittag mit Lorenzo vorzuschwärmen, fand ich plötzlich keine so gute Idee. Stattdessen forderte ich sie auf: »Erzähl mir doch mal, was bei dir los ist!«
Im ersten Moment wollte sie abwehrend den Kopf schütteln, doch dann siegte ihr Mitteilungsbedürfnis. »Manuel macht Terror. Er will einfach nicht akzeptieren, dass es vorbei ist. Seit Neuestem versucht er es mit der Papa-Masche, dabei will er nur in mein Bett. Ich soll unserem Sohn nicht den Vater vorenthalten!« Sie schnaubte entrüstet und zeigte damit deutlich, was sie von diesem Argument hielt. »Dabei hat er sich all die Monate nicht für ihn interessiert. Kein einziges Mal hat er mit ihm gespielt, ihn gewickelt, oder sonst irgendetwas gemacht.«
Mir tat bei dem Gedanken das Herz weh. »Dabei ist Luca so ein liebes Kind.«
Inés nickte, ihre Gesichtszüge wurden weich und ihre Augen bekamen diesen besonderen Glanz. »Ja, das ist er. Mein kleiner Sonnenschein. Es macht mich traurig und wütend zugleich, dass Manuel überhaupt nicht begreift, was er versäumt und was er seinem Kind damit antut. Er benutzt ihn nur als Druckmittel.«
»Das ist wirklich schlimm. Ich würde ihn am liebsten schütteln, um ihn zur Vernunft zu bringen. Es wäre höchste Zeit, dass er sein Leben auf die Reihe bekommt und Verantwortung übernimmt. Luca ist doch auch sein Kind!«
Sie nickte zustimmend. »Das hab ich ihm auch gesagt, aber mittlerweile muss ich mich nicht nur mit Manuel herumschlagen. Jetzt macht sich auch noch mein eigener Vater für ihn stark.«
Eine Bemerkung lag mir auf der Zunge, doch ich zögerte.
»Na los, spuck’s aus«, forderte sie mich mit einem müden Lächeln auf.
»Er ist ja leider sehr ähnlich gestrickt, von da her ist es kein Wunder, dass er zu Manuel hält«, stellte ich fest. Beiden gemeinsam war die schlechte Angewohnheit, zu viel Alkohol zu trinken und sowohl ihre Arbeit als auch die Familie zu vernachlässigen. »Was sagt deine Mutter?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Du weißt ja, wie sie tickt. Sie hat es nie geschafft, sich durchzusetzen. Lieber duckt sie sich und hält den Mund. Aber ich mache das ganz bestimmt nicht mit. Schlimm genug, dass ich auf den gleichen Typ Mann hereingefallen bin. Ich hätte die Anzeichen erkennen müssen.« Sie nahm einen Schluck aus ihrem Sektglas. »Wenn er wenigstens ein bisschen guten Willen zeigen und sich wieder einen Job suchen würde, könnte ich Luca zuliebe noch einmal darüber nachdenken. Aber er hängt nur rum und ich habe keine Lust mehr, ihn weiter durchzufüttern. Sollen sich doch seine Eltern wieder mit ihm herumärgern.«
»Da hast du ganz recht«, stärkte ich ihr den Rücken.
»Ich weiß gar nicht, warum ich irgendwie noch immer hoffe, er würde sich ändern.« Nun stiegen meiner Freundin auch noch die Tränen in die Augen und ich griff über den Tisch und drückte tröstend ihre Hand. »Letztens hat seine Mutter ihren Enkel für ein paar Stunden geholt und ich dachte, Manuel wäre auch dabei, weil er doch jetzt wieder bei ihr wohnt. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass sie mit dem Kleinen alleine war. Er hat es vorgezogen, mit seinen Kumpels einen trinken zu gehen. Wie konnte ich bloß auf einen solchen Kerl hereinfallen?« Energisch wischte sie sich die Augenwinkel trocken. »Er ist keine einzige weitere Träne mehr wert«, stieß sie hervor. »Sollte ich mich jemals wieder auf eine Beziehung einlassen, dann muss der Mann mich und Luca wirklich wichtig nehmen. Aber wie wahrscheinlich ist das schon?« Sie stürzte sich den Rest aus ihrem Glas in die Kehle.
Darauf wusste ich leider auch keine Antwort. Realistisch besehen wurden die Chancen mit einem Kind bestimmt nicht größer. Stattdessen griff ich nach der Sektflasche, um unsere Gläser erneut zu füllen.
»Wie gefällt es Luca im Kindergarten?« Als er ganz klein war, hatte Inés nur in Teilzeit gearbeitet und die paar Stunden hatte ihre Großmutter ihn beaufsichtigt. Sobald er laufen konnte, war er wie die meisten anderen Kinder auf Mallorca in den Kindergarten gekommen. Kaum jemand konnte es sich leisten, daheim zu bleiben. Und mit einem solchen Nichtsnutz wie Manuel als Partner schon zweimal nicht.
»Mittlerweile hat er sich eingewöhnt.« Inés fing an zu strahlen, wie immer, wenn die Sprache auf ihren süßen Sohn kam. »Es gefällt ihm und er geht gerne hin. Trotzdem ist es hart, ihn erst wieder am Abend zu sehen. Wenigstens macht mir mein Job Spaß.«
»Ja, das ist schon viel wert! Die Boutique ist toll und mit deiner Chefin hast du auch Glück! Sie ist echt nett«, erinnerte ich mich lächelnd. »Und den passenden Mann findest du auch noch, du wirst schon sehen!« Auf jeden Fall war es hilfreich, optimistisch zu bleiben.
Ines nickte zustimmend, sah aber auch nicht wirklich überzeugt aus. »Ich bin schon gespannt, was dein Chef sagt, wenn du jetzt auch noch kündigst. Zwei Mitarbeiterinnen innerhalb einer Woche. Ob ihm das mal zu denken gibt?«
»Da bin ich eher skeptisch. Was die Lernfähigkeit von Männern anbelangt, bin ich mittlerweile sehr ernüchtert. Aber wenn wir ehrlich sind, haben wir auch noch viel zu lernen.«
Inés nickte. »Ja, vor allem, uns nicht mehr mit Männern einzulassen, die uns überhaupt nicht verdienen.«
»Du sagst es!« Wir hoben unsere Gläser und stießen darauf an.
8. Kapitel
Lorenzo
Ich lag lang ausgestreckt auf meinem Sofa und zappte mich durch das Fernsehprogramm. In den Sommermonaten würde es mir wochenlang nicht einmal auffallen, wenn der Fernseher kaputt wäre. Dafür genoss ich es umso mehr, nach sieben Monaten ohne einen freien Tag, einfach mal herumzugammeln. Es war herrlich, mich nach einem lauten, hektischen Sommer in meine Wohnung zurückzuziehen und mich um nichts kümmern zu müssen. Der Vorspann eines Action-Thrillers, den ich nur dem Titel nach kannte, erregte mein Interesse und erwartungsvoll rückte ich das Kissen in meinem Rücken noch etwas bequemer zurecht.
Während des Werbeblocks drosselte ich die Lautstärke und holte mir noch ein Bier aus dem Kühlschrank. Dabei stellte ich fest, dass ich langsam hungrig wurde. Die Gedankenkette zum Supermarkt und zu Angelina knüpfte sich ganz von selbst. Bei der Erinnerung an ihre spontane Einladung zu dem leckeren Mittagessen lief mir das Wasser im Mund zusammen. Danach waren wir schwimmen. Verwandte von ihr besaßen in der Nähe des Leuchtturms von Portocolom ein schönes, altes Haus direkt am Ufer, schon mehr eine Villa, die sie in deren Abwesenheit betreute. Dort gab es einen privaten, versteckten Zugang zum Meer. Auch wenn es sich dabei nur um eine Metallleiter handelte, die von einer betonierten Plattform ins Wasser führte, war es ein ganz anderes Vergnügen, als auf dem überfüllten Strand zu liegen. Ich schmunzelte bei dem Gedanken daran, was mir bei der abgeschiedenen Lage so alles eingefallen wäre, aber auch nur dort zu baden, war ein schönes Erlebnis. Normalerweise war ich keine ausgeprägte Wasserratte. Ich mochte das Meer, aber ich war lieber auf dem Wasser als darin. Außer mit Angelina. Mit ihr zu schwimmen, ihren geschmeidigen Körper in dem knappen Bikini in Aktion zu erleben und zu sehen, wie elegant und mühelos sie sich bewegte, war ein unerwartetes Vergnügen.
Unwillkürlich drängte sich die Überlegung auf, wie sie sich wohl beim Sex bewegen würde. Eine Vision von ihr auf mir und dem langen, dunklen Haar, das nach vorne fiel und meinen Brustkorb streifte, ließ mich hart werden. Sie war definitiv heiß, das stand außer Frage. Ebenso wie die Tatsache, dass sie sich auf der Suche nach einer festen Partnerschaft befand. Seufzend griff ich nach der Fernsteuerung und schaltete den Ton lauter, um mich wieder der Handlung des Filmes zu widmen.
Ich stöhnte genervt, als nun auch noch die Darsteller sich näher kamen, statt die Bösewichte ordentlich aufzumischen. Der leidenschaftliche Sex auf dem Bildschirm ließ meine permanent auf standby schlummernde Libido aufflammen. Ungeniert schob ich die Hand in meine Jogginghose. Ich schloss die Augen und ohne meine Fantasien bewusst zu lenken, glitten sie sofort wieder zu der hinreißenden Frau, mit der ich den Nachmittag verbracht hatte. Nun bewegte sich ihr geschmeidiger Körper unter mir und ihre langen Beine umklammerten meine Hüften. Ihr berückender Duft umgab mich, gierige Lippen streiften meinen Hals, als sie die Arme um mich schlang und ihre weichen Brüste verführerisch an meinen Brustkorb drückten. Ich schloss meine Faust noch fester um meinen pulsierenden Schwanz und pumpte schnell. Die Vorstellung, wie sie unter mir zum Orgasmus kam, sich wand und stöhnte, ließ mich kommen. Kraftlos ließ ich den Kopf in den Nacken sinken und genoss die Lust, die durch meinen Körper flutete und mich für ein paar grandiose Sekunden komplett außer Gefecht setzte.
Ich liebte dieses Gefühl der Entspannung, das einsetzte, sobald sich mein Herzschlag langsam beruhigte, und normalerweise einige Stunden anhielt. Deshalb irritierte es mich, dass ich, kaum hatten die Bösewichte ein unrühmliches Filmende gefunden, erneut von sexuellen Fantasien heimgesucht wurde. Und natürlich auch diesmal von meinem schwarzhaarigen Engel. War es tatsächlich erst einen Tag her, dass ihre Hände scheinbar unschuldig über meinen Körper geglitten waren? Unvermittelt hatte ich wieder den Duft der Sonnencreme in der Nase und meinen Penis in der Faust. Ich erinnerte mich an jede ihrer sanften Berührungen, doch dann gab es eine Programmänderung: Die Vorstellung, wie sie ihre vollen, weichen Lippen um meine Eichel schloss und mit der Zungenspitze jedes Detail erkundete, löste den zweiten explosiven Höhepunkt aus.
Der nächste Film hatte angefangen, ohne dass ich von der Handlung auch nur irgendetwas mitbekommen hatte. Mittlerweile knurrte mein Magen heftig und ich beschloss, den Kühlschrank zu plündern. Viel war da allerdings nicht mehr zu holen. Ich bedeckte den Boden einer Pfanne mit ein paar Scheiben Sobrasada und briet darauf zwei Spiegeleier. Die würzige, streichfähige Wurst lieferte genug Fett, dass die Kruste schön knusprig wurde. Ein paar Scheiben Brot vervollständigten die Mahlzeit. Während ich aß, versuchte ich, mich zu erinnern, ob mir Angelina ihre Dienstzeiten für diese Woche verraten hatte, und fragte mich gleichzeitig, warum mich das überhaupt interessierte. Als Nächstes fiel mir auf, dass ich sie, sobald sie in Rafaels Einrichtungshaus in Manacor arbeitete, noch weniger zu Gesicht bekommen würde. Jedenfalls nicht zufällig und das ging mir ziemlich gegen den Strich. Das wiederum ärgerte mich erst recht. Was war es nur, das mich so zu ihr hinzog, obwohl sie nichts von mir wollte? Das war ja beinahe so, als wäre ich süchtig nach dieser Frau!
Erbost beschoss ich, dass es höchste Zeit war, mein Sex-Leben wieder anzukurbeln. Ich nahm mein Smartphone zur Hand und rief die Kontakte auf.
Es gab da eine Reihe von Frauen, die mir zu verstehen gegeben hatten, dass sie sich weitere Treffen durchaus vorstellen konnten. Zumindest war das zu dem Zeitpunkt der Fall gewesen, als wir nach einem befriedigenden Zusammensein wieder getrennte Wege gegangen waren. Nun würde ich mich daran machen, abzuchecken, wie weit das Angebot noch aktuell war.
Ich scrollte mich von A bis Z durch meine Kontakte und kehrte unentschlossen zum Anfang zurück. Als mein Blick bei A wie Angelina hängen blieb, warf ich das Handy ärgerlich auf das Sofa und verzog mich in die Küche, um das Geschirr abzuwaschen.
Vielleicht brauchte ich einfach erst einmal etwas Erholung von der anstrengenden Saison, bevor ich mich für heiße Dates bereit fühlte? Ja, das musste es sein!
Ein greller Blitz und der darauffolgende Donner rissen mich aus meinen Gedanken. Ich hatte überhaupt nicht bemerkt, dass uns die für den nächsten Morgen angekündigte Schlechtwetterfront bereits erreicht hatte. Rasch lief ich durch die Wohnung, um die Fensterbalken zu schließen und zu überprüfen, ob alles dicht war. Es dauerte keine fünf Minuten, bis der Regen hart gegen die Balken prasselte und nach einem weiteren Blitz war der Strom weg. Es war so stockdunkel, dass mir sofort klar war, dass auch die Straßenbeleuchtung ausgefallen sein musste. Vorsichtig tastete ich mich in den Vorraum, um die Taschenlampe zu holen, die ich dort in einer Kommode aufbewahrte. Ich stolperte über meine Schuhe, die mitten auf dem Flur lagen und fluchte laut. Prompt hatte ich die Stimme meiner Mutter im Ohr, die mich ermahnte, nicht so schlampig zu sein. Na, vielen Dank, das war genau das, was ich zu dem pochenden Schmerz in meinem großen Zeh noch brauchte!
Die Taschenlampe brachte nur einen schwachen Lichtkegel zustande. Vermutlich waren die Batterien beinahe leer und würden nicht mehr lange halten. Ich beschloss, ihre letzten Reserven zu nutzen, um mir die Zähne zu putzen und mich ins Bett zu verziehen. Ein heftiger Donnerschlag ließ die Fensterscheiben vibrieren. Kaum lag ich, fing auch noch der Wind an, ums Haus zu pfeifen. An Schlaf war wohl noch länger nicht zu denken.
Ich starrte im Dunkeln an die Decke, als mir einfiel, dass sich Angelina mit ihrer Freundin getroffen hatte. Ob sie es noch vor Ausbruch des Unwetters nach Hause geschafft hatte? War es aufdringlich, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen? Schließlich waren wir Freunde, da durfte man sich doch Gedanken machen, oder? Dass mir das noch vor ein paar Tagen im Traum nicht eingefallen wäre, schob ich geflissentlich weit in die hinteren Regionen meines Gehirns, als ich nach dem Mobiltelefon tastete, um ihr eine Nachricht zu schicken. Ihre Antwort kam schnell.
›Ich bin gerade noch rechtzeitig nach Hause gekommen. Hast du auch keinen Strom?‹
›Nein, der ganze Ort ist dunkel. Sonst alles in Ordnung bei dir? Was machst du gerade?‹
›Ich liege auf der Couch und ziehe mir die Decke über den Kopf.‹
Ich runzelte die Stirn. Wozu das denn? Hatte sie am Ende Angst? ›Ist vielleicht eine dumme Frage, aber fürchtest du dich bei Gewitter?‹
›Keine dumme Frage. Ja, auch wenn ich weiß, dass mir in meiner Wohnung nichts passieren kann.‹
Ein ungewohnter Anfall von Beschützerinstinkt wallte in mir auf, als ich mir vorstellte, wie sie da so alleine in ihre Decke gehüllt auf dem Sofa kauerte. Da kam auch schon die nächste Nachricht:
›Mit dir zu schreiben, lenkt mich ab. Das tut gut.‹
Angelina wohnte nur zweimal um die Ecke von mir entfernt. Ein Katzensprung. Allerdings würde keine Katze freiwillig bei diesem Wetter draußen herumspringen. Ich lauschte. Der Regen schien nachgelassen zu haben, doch der Wind rüttelte an den Balken. Spontan drückte ich auf die Anruf-Taste. Sie hob sofort ab.
»Hola, Lorenzo. Lieb, dass du anrufst.«
Deutlich konnte ich das angstvolle Zittern in Angelinas sonst so fröhlicher, fester Stimme hören. Donner krachte und ihr entschlüpfte ein Schreckenslaut.
»Soll ich vorbeikommen?« Im selben Moment, als ich es aussprach, fragte ich mich, ob ich verrückt geworden war, doch da war es schon zu spät.
»Das würdest du wirklich tun? Danke! Das ist so lieb von dir!«
Oh, Mist. Das hatte ich nun davon. Allerdings hatte ich das Gefühl, gar keine andere Wahl zu haben. Sie klang so erleichtert, dass ich keinen Rückzieher mehr machen konnte. »Ich bin in ein paar Minuten bei dir.«
Ich tastete nach meinen Klamotten, die ich neben das Bett geworfen hatte, und zog sie wieder an. Im Schein der Taschenlampe stopfte ich ein T-Shirt und eine Jogginghose in einen Plastikbeutel und verknotete ihn, damit darin alles trocken blieb. Ein Regenschirm würde mir nichts nützen, also wählte ich eine wasserdichte Jacke und schlüpfte barfuß in Flip-Flops. Je weniger ich anhatte, umso weniger konnte nass werden. Als ich die Treppe hinunter tappte, hoffte ich, dass meine Taschenlampe durchhielt.
Kaum trat ich aus dem Haus, wollte mir der Sturm auch schon die Kapuze vom Kopf reißen. Schnell griff ich danach und zog sie mit der Kordel fest. Der Regen fiel dichter, als ich erwartet hatte, und es hatte seit dem Nachmittag empfindlich abgekühlt. Ich fröstelte.
»Was für ein Scheißwetter! Ich muss echt verrückt sein«, murmelte ich vor mich hin. Die wenigen hundert Meter legte ich im Laufschritt zurück, während ich den Blick auf den Boden gesenkt hielt, wo der schwache Strahl meiner Lampe eine glitzernde Spur in der Nässe zog. Ich wollte gerade nach dem richtigen Klingelknopf suchen, als die Haustür aufgerissen wurde. Angelina musste mich durch die kleine vergitterte Glasscheibe gesehen haben, die im Türblatt eingelassen war.
Schnell trat ich ein und schloss die Tür. Sie beugte sich mit langem Hals zu mir, um nicht anzustreifen, während sie mir einen Kuss auf die Wange gab. »Danke!« Ihr Lippen waren warm und bildeten einen aufregenden Gegensatz zu meiner regennassen, kühlen Haut. »Lass uns raufgehen.«
Sie ging voraus und das Licht ihrer LED-Lampe erhellte das Treppenhaus wesentlich wirkungsvoller als meine Taschenlampe. Aber immerhin funktionierte sie noch und das war schon mehr, als ich befürchtet hatte.
Wieder krachte der Donner und Angelina zuckte so heftig zusammen, dass sie beinahe die Lampe fallen ließ. Sie stieß einen wimmernden Laut aus, der so gar nicht zu der toughen Frau passen wollte, die ich zu kennen glaubte.
In ihrer Wohnung angekommen, leuchtete sie mir, während ich die Jacke auszog. Sie streckte die Hand danach aus und zog sie über einen Kleiderbügel. »Ich hänge sie in die Dusche.«
»Okay, warte einen Moment.« Meine Jogginghose war bis über die Knie nass und ich schob sie mir über die Hüften nach unten. Wortlos nahm sie sie mir ab und verschwand damit in der nächstgelegenen Tür, wo ich das Badezimmer vermutete. Rasch schlüpfte ich in die trockene Hose, die ich mitgebracht hatte. Angelina tauchte wieder neben mir auf und ich folgte ihr und dem Lichtstrahl ins Wohnzimmer, wo einige Kerzen ein heimeliges Licht verbreiteten. Ein greller Blitz erhellte den Raum für eine Sekunde, gefolgt von einem beeindruckenden Donnerschlag, der den Boden unter meinen nackten Füßen vibrieren ließ. Angelina stieß einen kleinen Schrei aus und schmiegte sich Schutz suchend an mich. Es war eine vollkommen natürliche Reaktion, meine Arme um sie zu legen. Ihr Zittern wäre der wirkungsvollste Beweis gewesen, dass sie tatsächlich Angst hatte, falls ich einen gebraucht hätte.
Sanft dirigierte ich sie zum Sofa, setzte mich und zog sie auf meinen Schoß. Angelina kuschelte sich an mich und verbarg ihr Gesicht an meinem Hals wie ein kleines Mädchen. Der erleichterte Seufzer schickte einen federleichten, warmen Hauch über meine Haut. Wieder donnerte es so heftig, dass alles vibrierte. Nach dem harten Trommelwirbel an den Fensterscheiben zu schließen, wurde auch der Regen wieder schlimmer. Zusammen mit dem Pfeifen des Windes und dem in unregelmäßigen Abständen krachenden Donner ergab das eine beeindruckende Geräuschkulisse. Während ich das eher nüchtern analysierte, zitterte die Frau in meinen Armen unkontrolliert.
»Ist ja gut. Dir kann nichts passieren«, murmelte ich an ihrem Ohr.
»Mein Verstand weiß das auch, aber ich komme einfach nicht dagegen an«, gestand sie kleinlaut. Ich spürte deutlich, wie peinlich es ihr war.
»Alles gut.« Beruhigend strich ich ihr über den Rücken und registrierte gleichzeitig den feinen Duft ihres seidigen Haares, das ihr offen über die Schultern fiel.
»Ich habe nicht damit gerechnet, dass das Unwetter schon heute Abend kommt«, meinte sie und hob den Kopf, um mich anzusehen. »Am Nachmittag war doch noch keine Rede davon.«
»Stimmt, mich hat es auch überrascht, aber du weißt ja, wie das hier ist. Wenn der Wind sich dreht oder stärker wird als vorausgesagt, kann sich das Wetter schnell ändern. Ist es für dich in der Nacht schlimmer als am Tag?«
Sie nickte. »Ja, tagsüber kann ich besser damit umgehen, aber im Dunkeln ist es, als wäre ich wieder sieben Jahre alt.« Ein Donnerschlag ließ die Fensterscheiben klirren und sie zuckte erneut zusammen. Ich drückte sie noch fester an mich und stellte zu meiner Schande fest, dass ich ihre Nähe sehr anregend fand. Hoffentlich bemerkte sie die Stelle unter ihrem Po nicht, die spürbar härter wurde.
Um uns beide abzulenken, fragte ich weiter: »Gab es da einen Auslöser?«
»Ich war mit meiner Familie bei einem Onkel zu Besuch, der eine weitläufige Finca in der Nähe von Artá bewohnt. Zusammen mit meinen Cousins und Cousinen spielte ich in einem Pinienwäldchen, als uns gegen Abend ein Gewitter überraschte. Wahrscheinlich haben wir im Eifer die Anzeichen einfach übersehen. Wir liefen zurück zum Haus, aber ich stolperte. Außerdem waren sie viel schneller, weil sie alle älter sind als ich. Ich rief ihnen zu, sie sollten auf mich warten, aber der Wind pfiff so laut durch die Baumkronen, dass sie mich nicht hörten. Ich kannte mich auf dem Gelände nicht aus und verlor die Orientierung, also kauerte ich mich an einen Stamm und wartete, bis mich jemand fand. Meine Eltern behaupten, ich war höchstens eine Stunde alleine da draußen, aber mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Es wurde dunkel, das Gewitter tobte um mich herum und es schüttete. Neben mir schlug krachend ein großer Ast auf den Boden, den der Sturm von dem Baum gerissen hatte, unter dem ich saß.« Ich fühlte den Schauer, der durch Angelina lief, als sie sich an die Szene erinnerte. Sie hatte den Kopf auf meine Schulter gebettet und obwohl ich mich auf ihre leisen Worte konzentrieren musste, um sie zu verstehen, registrierte ich den warmen Hauch ihres Atems an meinem Hals.
»Das muss furchtbar gewesen sein.« Ich strich sanft mit dem Daumen über ihre Wange.
»Ich hatte noch Jahre später immer wieder Albträume. Sieht so aus, als ob ich diese blöde Angst nie wieder loswerde.« Sie klang genervt, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sie sich im Moment da recht wohlfühlte, wo sie sich gerade befand.
»Was denkst du?«, fragte sie.
»Dass ich froh bin, hier bei dir zu sein, damit ich dir ein bisschen Sicherheit geben kann.« Ich drückte sie sanft an mich. Wie sehr ich es insgeheim genoss, sie so nahe bei mir zu haben, musste sie ja nicht wissen.
»Darüber bin ich auch froh«, gestand sie und hauchte mir ein Küsschen auf den Hals. »Sehr froh sogar. Wenn ich damit gerechnet hätte, dass es schon in der Nacht losgeht, wäre ich bei Inés geblieben oder zu meinen Eltern gefahren.« Erneut donnerte es und die Fensterscheiben klirrten.
»Sieht so aus, als ob wir gestern und heute die letzten schönen Tage erwischt hätten. Es hat empfindlich abgekühlt. Jetzt kommt unwiderruflich die ungemütliche Jahreszeit«, stellte ich fest. Das war auch die Zeit, in der ich mich besonders gerne an einen weichen, warmen Frauenkörper kuschelte, aber das behielt ich lieber für mich.
»Ja, wenigstens haben wir es noch richtig genossen.« Sie hob den Kopf und lächelte mich an. Der Kerzenschein zauberte Glanzlicher in ihre Augen und ihr Haar. Es gab mir ein gutes Gefühl, dass sich Angelina langsam entspannte. Ich mochte es, wenn sich Frauen mit mir wohlfühlten. Eine Weile saßen wir einfach so aneinandergekuschelt, bis ich merkte, dass sie ein Gähnen unterdrückte. Auch bei mir machte sich langsam Müdigkeit breit. Noch immer tobte das Unwetter unvermindert.
»Klingt nicht so, als ob es bald vorbei wäre«, stellte ich fest. Das war nicht ungewöhnlich. Im Sommer regnete es auf Mallorca fast nie, dafür fiel in den kühleren Monaten der Niederschlag, der für den Rest des Jahres reichen musste. Außerdem war die Insel den heftigen Stürmen schutzlos ausgeliefert. Die Aussicht, Angelina mit ihren Ängsten alleine zu lassen, behagte mir genauso wenig, wie mich durch Sturm und Regen zurück zu meiner Wohnung zu kämpfen.
Angelina räusperte sich und klappte den Mund auf, schloss ihn dann aber wieder. Fragend sah ich sie an. »Wolltest du etwas sagen?«
»Ich habe gerade überlegt ... Ich meine ... Wäre es sehr seltsam, wenn ich dir vorschlage, heute Nacht bei mir zu bleiben?«
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. »Du wärst nicht die erste Frau, die mich das fragt.«
Sie schlug mir mit der flachen Hand strafend an die Schulter. »Nicht so! Als Freund natürlich.«
Ich lachte. »Das hab ich schon verstanden. Hier auf der Couch?« Ich besah das Möbelstück demonstrativ kritisch. »Zu zweit hier zu liegen, stelle ich mir sehr unbequem vor. Um genau zu sein, wäre es nicht einmal für eine Person bequem, fürchte ich.«
Nun wurde Angelina noch verlegener, was mich ziemlich amüsierte. »Wir könnten uns auch ins Bett legen.«
»Hast du keine Bedenken, dass ich mich in der Nacht an dich ranmache?« Das konnte ich mir einfach nicht verkneifen und sogar in dieser schummrigen Beleuchtung konnte ich erkennen, dass ihr die Röte in die Wangen stieg. Sie war echt süß.
»Nein. Man hört so einiges über dich, aber dass du dich einer Frau aufgedrängt hättest, war nicht dabei.«
Die Antwort überraschte mich. »Sag bloß, über mich wird getratscht.«
Nun schmunzelte sie und ein schelmisches Blitzen trat in ihre Augen, das mir wesentlich besser gefiel, als der ängstliche Ausdruck von vorhin. »Aber sicher doch. Sag bloß, Männer reden nicht über ihre Eroberungen.«
Abwehrend schüttelte ich den Kopf. »Ich nicht. Bei mir gilt: Der Gentlemen genießt und schweigt. Ich hab es nicht nötig, mich damit zu brüsten.« Die Neugier trieb mich zu einer Frage, die ich vielleicht besser nicht stellen sollte. »Und was erzählt man sich über mich?«
»Das willst du wirklich wissen?«
Ich nickte und sie schien zu überlegen, was davon für meine Ohren bestimmt sein könnte.
»Ich hab gehört, dass du gerne verwöhnst und dir wichtig ist, dass deine Partnerin es genießt.«
»Na klar ist es das. Und sonst?« Ich war natürlich neugierig, wie mein bestes Stück bewertet wurde, aber so offen wollte ich nicht danach fragen.
»Du hast den Ruf, ein einfühlsamer und ausdauernder Liebhaber zu sein«, gab sie nun mit einem anerkennenden Lächeln zu. »Und das ist das Wichtigste überhaupt.«
War es das? Ich beschloss, mich mit dieser Auskunft zufriedenzugeben. Wer zu viel fragte, lief Gefahr, etwas zu hören, was besser ungesagt geblieben wäre. Und es war auch nicht so, dass ich Komplexe bezüglich meines Schwanzes hatte oder nach Komplimenten fischen musste. »Also soll ich bleiben?«, fragte ich stattdessen. Sie nickte und rutschte von meinem Schoß. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie auf die Dauer doch etwas schwer geworden war und meine Beine taub waren. Ich biss die Zähne zusammen, als sich das Blut wieder kribbelnd durch die Adern verteilte, während Angelina aus dem Zimmer eilte, um meine Betthälfte zu überziehen.
Mir ging noch einmal durch den Kopf, was sie gesagt hatte. Dass ich Gegenstand des örtlichen Tratsches sein könnte, war mir nie in den Sinn gekommen, doch eigentlich hätte es mir klar sein müssen. Wenn es das Gerede nicht gäbe, hätte unser Freund Enrique sich nicht so lange damit gequält, seine Homosexualität geheim zu halten. Aber wie sah man mich? War ich der Dorfcasanova oder eine männliche Schlampe? Wurde ich vielleicht sogar mit meinem Vater verglichen? Der Gedanke verursachte mir Unbehagen, dabei war ich bisher einfach Stolz darauf gewesen, einen guten Ruf bei den Frauen zu haben. Angelina kam wieder ins Wohnzimmer und erst jetzt fiel mir auf, dass da eine weitere Tür war.
»Ich war so durch den Wind, dass ich dir nicht einmal etwas zu trinken angeboten habe«, stellte sie schuldbewusst fest. »Noch ein Glas Wein vor dem Schlafengehen?«
»Lieber nicht.« Mir war es wichtig, dass ich einen klaren Kopf bewahrte, um meine Hände bei mir zu behalten, auch wenn eine verführerische Frau neben mir lag. Hatte ich schon jemals mit einer das Bett geteilt, ohne erotische Absichten zu haben? Ich konnte mich nicht daran erinnern.
9. Kapitel
Angelina
Ich fühlte mich unglaublich entspannt, wohl und geborgen. Das war das Erste, was ich registrierte, als ich aufwachte. Nur widerstrebend öffnete ich die Lider einen Spalt. Ich wollte noch nicht wach werden. Nicht, wenn ich mich deshalb von dem schönen Traum trennen musste, der noch nachwirkte. Mein Schlafzimmer wurde von den milden, weichen Strahlen der frühen Morgensonne erhellt und ich wunderte mich, dass das herrliche Wohlgefühl meines Traumes nicht verblasste. Da war dieser Mann gewesen ... So liebevoll ... Plötzlich wurde mir bewusst, dass der Arm, der über meinem Brustkorb lag, sehr real war. Ebenso wie der Atem, der gleichmäßig über meinen Nacken strich. Ein großer, warmer Körper schmiegte sich eng an meine Rückseite und etwas Heißes, Langes drückte hart gegen meinen Po. Lorenzo! Schlagartig fielen mir die Ereignisse der vergangenen Nacht ein und ich unterdrückte ein Stöhnen. Hatte ich ihn tatsächlich darum gebeten, mir bei dem furchtbaren Gewitter zur Seite zu stehen? Nein, eigentlich war es andersrum gewesen. Er hatte selbst angeboten, mitten durch Sturm und Regen zu mir zu kommen, und war dann geblieben. Oh mein Gott, das war das Süßeste, was jemals ein Mann für mich gemacht hatte! Und wie konnte es sein, dass ich trotz des Unwetters so gut geschlafen hatte? Normalerweise hätte ich kaum ein Auge zugemacht und würde mich jetzt fühlen wie gerädert.
Seine Erektion sandte Impulse in meinen Unterleib, als hätte ich einen Empfänger eingebaut, der auf seine subtilen Signale reagierte. Ich hatte schon viel zu lange keinen Sex mehr gehabt, das musste der Grund sein. Zumindest redete ich mir das ein. Gleichzeitig nahm ich mir vor, mich nicht mit ihm einzulassen, weder heute, noch irgendwann. Ich war keine von den Frauen, die sich einfach so mit einem Mann vergnügen konnten, ohne etwas für ihn zu empfinden. Doch wenn ich an die vergangenen zwei Tage und die letzte Nacht dachte, spürte ich, dass ich verdammt nahe daran war, mich in ihn zu verlieben. Er war fürsorglich, aufmerksam und hörte zu. Mit ihm konnte ich lachen, reden und schweigen und fühlte mich von ihm ernst genommen. Wäre das Zusammensein mit ihm auch noch auf körperlicher Ebene erfüllend, und davon konnte ich ausgehen, nach allem, was ich über ihn gehört hatte, war ich verloren.
Mich in einen Mann zu verlieben, der keine feste Beziehung wollte, würde meinem Herzen eine weitere Narbe zufügen und meine Zeit verschwenden. Und davon hatte ich nicht mehr allzu viel, bevor ich meinen Traum von einer eigenen Familie begraben musste.
Eine Bewegung an meinem Rücken holte mich aus den Grübeleien. Für einen Moment zog mich Lorenzo noch enger an sich und seine Hand drückte warm und fest gegen meinem Bauch. Von dort breitete sich das Verlangen rasend schnell in mir aus und beinahe hätte ich der Versuchung nachgegeben. Statt weiter seine wundervolle Umarmung zu genießen, wand ich mich heraus und drehte mich zu ihm um. Er sah genauso sexy und süß aus, wie ich das erwartet hatte, mit seinem verstrubbelten Haar, dem Fünftagebart, der ihn verwegen aussehen ließ, und dem verschlafenen, etwas schuldbewussten Lächeln.
»Guten Morgen. Entschuldige bitte. Wenn ich schlafe, tut mein Körper Dinge, die ihm mein Verstand verbieten würde.«
»Kein Problem. Um ehrlich zu sein, war es gar nicht schlecht, so aufzuwachen, auch wenn deine körperliche Reaktion nichts mit mir zu tun hatte«, antwortete ich.
»Oh, das würde ich nicht unbedingt behaupten.« Sein Blick glitt über mein Oberteil, unter dem sich meine Brüste abzeichneten. »Schade, dass wir beschlossen haben, nur Freunde zu sein.«
Ich fühlte, wie sich meine Brustwarzen aufrichteten, und beeilte mich, das Thema zu wechseln. »Ich bin dir sehr dankbar, dass du gekommen bist.«
Seine Augen blitzten belustigt auf und ich korrigierte mich hastig.
»Dass du mir beigestanden bist, meine ich.«
Sein Grinsen wurde breiter, als er die Decke ein Stück wegzog. »Ich stehe dir noch immer bei, falls dir das nicht aufgefallen ist.« Er biss sich auf die Lippe. »Entschuldige bitte, ich bin einfach übermütig. Es war trotz des Unwetters ein schöner Abend, finde ich, und mit dir einzuschlafen, habe ich sehr genossen. Du passt gut hierher.« Er klopfte auf seine Schulter, die ich als Kopfkissen benutzt hatte.
»Ich muss zugeben, ich habe auffallend gut geschlafen. Das ist dein Verdienst.«
Er lachte leise. »Üblicherweise bin ich eher dafür zuständig, meine Partnerin vom Schlafen abzuhalten, aber ich fühle mich trotzdem geehrt. Das zeigt zumindest, dass ich vertrauenswürdig bin.«
»Das bist du«, versicherte ich ihm und richtete mich halb auf, um ihm einen Kuss auf die bärtige Wange zu drücken. »Danke noch mal!« Als ich mich auf mein Kissen zurückgleiten ließ, streifte ich mit der Hand versehentlich die harte Erektion, was ihm ein leises Keuchen entlockte. Das brachte mich auf eine Idee. Erneut strich ich darüber, diesmal langsam und bewusst und spürte nach, wie ich mich dabei fühlte, ihn anzufassen.
»Was hast du vor?«, fragte Lorenzo gepresst.
Wieder streichelte ich auf und ab und Hitze drang durch den dünnen Stoff seiner Boxershorts. »Du hast mir letzte Nacht einen wahren Freundschaftsdienst erwiesen. Was hältst du davon, wenn ich dir jetzt im Gegenzug in aller Freundschaft etwas Gutes tue?« Gleichzeitig legte ich meine Finger mit leichtem Druck um seinen Penis, so gut das mit dem beengenden Kleidungsstück möglich war.
Er stöhnte. »Oh Gott, was für ein Angebot! Ich wäre verrückt, das abzulehnen.« Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, griff er mit beiden Händen nach dem Gummi seiner Hose und hob den Po von der Matratze. Er schob das dunkelblaue Teil nach unten und kickte es mit einer ungeduldigen Bewegung von den Füßen. Nun lag er vor mir in all seiner nackten Pracht und ich gönnte mir einen Augenblick, mich optisch damit vertraut zu machen, bevor ich mich meiner selbst gewählten Aufgabe widmete. Von seiner Brustbehaarung führte eine hauchdünne Linie feiner Härchen bis zu seinem Nabel, setzte sich darunter fort und mündete in der schwarzen Schambehaarung, die auf Zentimeterlänge gestutzt war. Mit den Fingerspitzen strich ich über seinen Bauch, umkreiste den Nabel und folgte der Haarlinie nach unten. Der pralle Penis zuckte, als ich die festen Härchen an seiner Wurzel berührte. Ein Schauer durchlief mich bei der Vorstellung, wie köstlich sie sich an meinen empfindlichsten Stellen reiben würden, falls ich mir einen heißen Ritt gönnte. Was natürlich nicht passieren würde. Hastig rief ich mich zur Ordnung und konzentrierte mich auf meine Mission. Ich streichelte über seine Leiste, berührte hauchzart die glatt rasierte Haut seiner Hoden und beendete die Runde bis ich wieder in dem schwarzen Nestchen anlangte, aus dem ein Phallus aufragte, der Bildhauer hätte inspirieren können. Oder Hersteller von Sexspielzeug. Mir wurde heiß und zwischen meinen Schenkeln fing es verlangend zu pochen an. Langsam begann ich mich zu fragen, ob das eine gute Idee gewesen war.
»Nimm ihn dir«, stöhnte Lorenzo. »Bitte!«
Und das tat ich. Ich legte meine Finger um ihn, strich daran auf und ab und ging ganz ins Spüren. Heiß. Hart. Seidenweiche Haut. Dick und lang. Stark hervortretende Adern gaben ihm Struktur. Oh mein Gott, fühlte er sich gut an! Die Eichel war rund und breit und ein erstes Lusttröpfchen machte sie glitschig. Erregung breitete sich in mir aus, schneller und heftiger, als ich das erwartet hatte. Ich richtete mich auf, um auch die zweite Hand freizuhaben. Mit Hingabe massierte ich den Schaft auf und ab, liebkoste zart die Hoden und achtete genau auf Lorenzos Körpersprache, seinen Atem, sein Ächzen und Stöhnen, das mich gewaltig anheizte. Es war ein berauschendes Gefühl, den Mann, der sich sonst so gut unter Kontrolle hatte, an die Grenzen seiner Beherrschung zu treiben, wobei gleichzeitig auch meine Vorsätze auf eine harte Probe gestellt wurden. Er warf den Kopf hin und her und ich verstärkte den Druck meiner Hand, die seinen Schwanz umklammerte. Besonders auf der Unterseite schien ihm das zu gefallen. Ein Beben durchlief den schönen Männerkörper, das Becken hob von der Matratze ab, seine kräftigen Hände ballten sich zu Fäusten und mit einem tiefen, unkontrollierten Stöhnen kam Lorenzo zum Höhepunkt. Der Ejakulat spritzte in mehreren Schüben bis auf seine Brust. Wie gebannt verfolgte ich das Geschehen. Erst jetzt, nachdem meine eigene Anspannung etwas nachließ, kam mir zu Bewusstsein, dass mein ganzer Unterleib vor Verlangen pochte und ich meinen Herzschlag von dort bis in die Schläfen spürte.
Lorenzo öffnete die Lider so träge, als ob es ihm große Mühe bereitete. »Wow«, hauchte er und räusperte sich. »Das war ... einfach nur wow. Fantastisch. Weltbewegend. Ist die Erde noch in ihrer Umlaufbahn?«, erkundigte er sich und sein verklärtes Lächeln brachte mein Herz zum Stolpern. Wie konnte er sogar in einem solchen Moment noch so charmant sein?
Ich lachte. »Ich denke schon. Obwohl ich es wahrscheinlich selbst nicht gemerkt hätte, so sehr war ich auf dich konzentriert.« Noch immer lagen meine Hände auf seinem Unterleib, während sein Penis langsam in meinem Griff erschlaffte. Mit einer abschließenden Liebkosung zog ich mich zurück.
Er stöhnte leise und genussvoll, während er mich aufmerksam ansah. »Ja, das habe ich gespürt. Es war einfach unglaublich.« Mit den Fingerspitzen strich er zart über meinen äußeren Schenkel. Ein wohliger Schauer durchlief mich und alles in mir schrie danach, sie auch an einer anderen Stelle zu spüren, die sich in hellem Aufruhr befand. Statt dem Drang nachzugeben, schob ich mich aus seiner Reichweite und stellte ihm den Karton mit den Papiertüchern hin.
Mit zitternden Knien floh ich vor meinem eigenen Begehren auf die Toilette. Nur weg von ihm, bevor ich mir selbst untreu wurde. Oder würde ich es bedauern, die Gelegenheit nicht ergriffen zu haben? Meine Vulva war dick und empfindlich wie schon ewig nicht mehr und ich fragte mich, ob er ahnte, wie erregt ich war. Sollte er versuchen, mich zu verführen, ich hätte ihm im Moment nicht viel entgegenzusetzen. Ich blickte mir im Spiegel in die vor Erregung glänzenden Augen und gestand mir ein, dass ich es mir wünschte. Sehr sogar.
10. Kapitel
Lorenzo
»Verdammt! Du bist so ein Idiot«, zischte ich mir im Spiegel entgegen, als ich den Rasierschaum verteilte. »Sie war so was von heiß auf dich. Du hättest sie pflücken können wie eine reife Frucht. Du mit deinen bescheuerten Prinzipien!«
Ein wohliger Schauer ließ mich erzittern, als ich mich daran erinnerte, wie fantastisch sich ihre Hände auf meinem Schwanz angefühlt hatten. Begnadete Finger. Angelina hatte genau gespürt, was ich brauchte. Worüber beschwerte ich mich eigentlich? Sie hatte mir einen unglaublich befriedigenden Höhepunkt geschenkt. Wenn sie dasselbe für sich nicht in Anspruch nehmen wollte, war das ihre Sache. Allerdings hätte ich sie unheimlich gerne zum Stöhnen gebracht. Mein Instinkt sagte mir, dass sie eine Frau war, die sich beim Sex fallen lassen und genießen konnte. Dass sie ihren Vorsätzen treu geblieben war, imponierte mir, auch wenn es sehr reizvoll gewesen wäre, sie davon abzubringen. Doch sie hatte die Spielregeln aufgestellt und ich hatte versprochen, mich daran zu halten.
»Klar hätte ich sie verführen können. Ich konnte riechen, wie erregt sie war«, teilte ich meinem Spiegelbild mit. »Aber damit hätte ich unsere Freundschaft riskiert.« Überrascht hielt ich inne und sah mir in die Augen. Jahrelang hatten Angelina und ich nur flüchtigen Kontakt gehabt. Erst in den letzten Wochen lernten wir uns über unseren Freundeskreis näher kennen, und so richtig miteinander zu tun hatten wir seit wenigen Tagen. Warum, zum Teufel, war mir so wichtig, was sie von mir hielt? Ich beschloss, darüber nicht so genau nachzudenken, sondern mich lieber auf meine Rasur zu konzentrieren.
»Da bist du ja endlich«, empfing mich meine Mutter eine Stunde später. »Rafael ist schon seit zehn Minuten da, obwohl er einen viel weiteren Weg hat als du.«
›Er hat vermutlich auch nicht mit einer faszinierenden Frau das Bett geteilt und sich deshalb verspätet‹, dachte ich, aber natürlich behielt ich das für mich.
»Dafür habe ich mich extra für dich rasiert, Mama!« Ich beugte mich vor und gab ihr links und rechts einen Kuss auf die Wange. Rafael klopfte ich zur Begrüßung auf die Schulter. »Dann lasst uns anfangen.«
Nach langem Hin und Her hatten wir unsere Mutter überreden können, sich von uns zum Geburtstag eine neue Küche schenken zu lassen. Die Alte war nach mehr als vierzig Jahren Gebrauch einfach nur noch schäbig und kaputt. Obwohl sie ihren Fünfundsechziger bereits Ende August gefeiert hatte, konnten wir das Projekt erst jetzt nach Saisonende starten. Da sie Fremde in der Wohnung verabscheute, übernahmen wir es auch selbst, die Möbel herauszureißen. Wir hatten gehofft, dass Mama die Schränke bereits ausgeräumt hatte, doch wir wurden enttäuscht. Also nahmen wir das als Erstes in Angriff.
»Nicht so viele Teller aufeinanderstapeln«, ermahnte mich Mama. »Sei vorsichtig, Rafael, mach keinen Kratzer in die Pfannen!« Unzählige Male liefen wir zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her, während unsere Mutter sich hauptsächlich darauf beschränkte, uns zu überwachen und zu ermahnen. Doch schließlich hatten wir es geschafft.
»Na, schon müde?«, fragte ich meinen großen Bruder, der sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn wischte.
»Von wegen! Ich laufe gerade erst zu Bestform auf«, gab er zurück. »Macht Spaß, mal wieder körperlich zu arbeiten!« Er versetzte dem Unterschrank einen kräftigen Tritt, der Mama einen erschrockenen Ausruf entlockte, aber seinen Zweck erfüllte und die Tür aus den Scharnieren riss. Ich war gespannt, wie lange sein Eifer anhielt. Erstens war Rafa fünf Jahre älter als ich und zweitens war er an diese Form der Arbeit noch weniger gewöhnt als ich. Aber egal wie, wir mussten die Küche heute ausbauen und die Wände streichen, denn morgen wurden die neuen Möbel geliefert und von Rafaels Montagetrupp aufgestellt.
Ich versuchte, mit einem kräftigen Ruck die Tür eines Oberschrankes ähnlich brachial zu entfernen. Dabei kam ich zu dem Schluss, dass es ungefährlicher war, die Scharniere abzuschrauben.
»Ich kann es gar nicht mit ansehen, wenn ihr so brutal mit den Sachen umgeht.«
Dass sie sich mehr um den alten Kram sorgte, als darum, dass ich mich vielleicht verletzen könnte, war typisch für Mama. Rafa reichte mir unaufgefordert den Schraubendreher und wandte sich gleichzeitig genervt an unsere Mutter: »Die Möbel sind doch ohnehin nur noch zum Wegwerfen. Wozu sollen wir sie dann noch mit Vorsicht behandeln?«
»Das vielleicht nicht, aber ihr macht solchen Lärm! Die Nachbarn werden sich aufregen!«
»Es ist ein ganz normaler Wochentag, da halten sie ein paar Stunden Krach schon aus«, gab er ungewohnt scharf zurück. »So ist es nun einmal auf Baustellen.«
»Ich hätte dem Ganzen gar nicht zustimmen sollen«, jammerte sie nun und mein Bruder und ich zogen eine Grimasse. Vermutlich war das auch das letzte Mal, dass wir so etwas initiierten. Schon seit Wochen diskutierten wir mit ihr darüber. Die Möbelauswahl, die neuen Geräte, die Wandfarbe und die Fliesen, alles wurde von ihr zu einem Riesenproblem aufgebauscht. Nun wollten wir das Projekt, das eigentlich Spaß und Freude machen sollte, nur noch hinter uns bringen. Ich spürte, dass Rafa neben mir bereits kochte, was mich sehr wunderte, denn normalerweise war er der Ruhigere von uns beiden.
»Mama, bitte setz dich ins Wohnzimmer oder geh zu deiner Nachbarin Kaffee trinken.« Ich lächelte sie treuherzig an. »Wir machen das schon und es wird ganz toll werden. Aber wir müssen uns beeilen, sonst kommt der ganze Zeitplan durcheinander. Du weißt doch, Rafa ist ein viel beschäftigter Unternehmer.« Mit dem Stolz auf ihren älteren Sohn konnte man ihr üblicherweise ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, doch diesmal wirkte sie eher beleidigt, wandte sich wortlos um und verließ die Küche. Wir atmeten erleichtert auf.
»Gott, war sie immer schon so nervig?«, raunte mir mein Bruder zu und ich zuckte mit den Schultern.
»Vermutlich wird es mit dem Alter schlimmer.«
Er verzog gequält das Gesicht. »Noch schlimmer?«
Lachend stupste ich ihn mit dem Ellenbogen in die Seite. »Lass uns weitermachen. Nur gut, dass es über Nacht abgekühlt hat.«
»Stimmt, aber das Gewitter war heftig. In Manacor ist das Wasser nur so durch die Straßen geschossen. Die Kanalisation war mal wieder hoffnungslos überfordert. Wie war es hier?«
»Wir hatten die ganze Nacht keinen Strom. Weltuntergangsstimmung«, berichtete ich. Natürlich erzählte ich ihm nicht, dass ich genau deshalb seine zukünftige Angestellte im Arm halten durfte. Das Krachen eines zerbrechenden Schrankes unterbrach unser Gespräch und er sammelte die Trümmer auf, um sie vor dem Haus in den Container zu werfen, den wir bestellt hatten.
Als er die Baustelle wieder betrat, berichtete er: »Angelina Moreno hat übrigens schon zugesagt. Sie nimmt die Stelle an und wird heute abklären, ab wann sie frei ist.« Er wirkte sehr zufrieden. »Das war eine gute Idee von dir. Ich denke, sie kann gut auf die Kunden eingehen. Eine sehr sympathische Frau.«
»Ja, finde ich auch«, gab ich mich neutral, obwohl sich ein freudiges Lächeln auf meinem Gesicht ausbreiten wollte. Um mich nicht zu verraten, beugte ich mich in den nächsten Schrank und überließ es Rafael, die Teile wegzuräumen. Weder wollte ich mich zur Zielscheibe seiner brüderlichen Neugier machen, noch war Angelina damit gedient, wenn ich ihm etwas von unserer besonderen Freundschaft erzählte.
Stück für Stück montierten wir alles ab. Glücklicherweise befand sich die Wohnung im Erdgeschoss. Besonders als wir die Elektrogeräte abtransportierten, war ich froh, dass wir keine Treppen bewältigen mussten.
»Wir hätten bei Mama nicht nachgeben, sondern die Arbeit jemanden machen lassen sollen, der das gewohnt ist«, stöhnte Rafael und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Rücken, nachdem wir den Kühlschrank in den Möbeltransporter gehievt hatten. Ihn und die anderen Geräte mussten wir getrennt von den Möbelteilen entsorgen.
Besorgt musterte ich ihn. »Ich will ja nicht ätzen, aber darf ich dich daran erinnern, dass ich das gleich vorgeschlagen hatte? Du bist zu nachgiebig. Mama muss nicht immer ihren Willen durchsetzen.«
Zu meiner Überraschung nickte er. »Du hast recht. Ich hatte immer das Gefühl, wir müssen was gutmachen. Dabei war es nicht unsere Schuld, dass sie ihr Leben so verkorkst hat.«
»Nein, das war es nicht. Mittlerweile denke ich, es wäre für uns besser gewesen, alleine mit ihr aufzuwachsen, als das Drama mitzuerleben, das sich bei unseren Eltern Ehe nannte.«
Rafael wandte sich prüfend um und erst, als er sicher war, dass sich unsere Mutter noch immer außer Hörweite befand, meinte er leise zu mir: »Um ehrlich zu sein, wenn ich mit einer Frau wie ihr zusammen wäre, würde ich wahrscheinlich auch das Weite suchen. Oder sie erwürgen.«
Ich starrte ihn schockiert und sprachlos an. Solche Töne hatte ich von ihm noch nie gehört. Er war immer derjenige gewesen, der sie in Schutz genommen hatte. Nun zuckte er mit den Schultern. »Na, ist doch wahr. Das hält doch keiner aus«, brummte er.
»Stimmt, aber dann muss man einen klaren Schnitt machen und nicht ständig was nebenher am Laufen haben«, spielte ich auf die zahlreichen Affären unseres Vaters an.
Rafael hielt mitten in der Bewegung inne, dann wandte er sich mir zu. »Wie es aussieht, ist nicht immer alles nur schwarz oder weiß.« Sein Kehlkopf hüpfte, als er schluckte, bevor er mir eröffnete: »Papa ist vergangene Woche bei mir im Geschäft aufgetaucht.«
»Was? Und das erzählst du mir so nebenbei? Was wollte er?«
»Er ist wieder auf der Insel und wünscht sich Kontakt mit uns. Er wohnt mit seiner Frau seit ein paar Wochen in Montuïri. Wir waren gemeinsam was trinken.«
Diese Information musste ich erst verdauen. In den letzten zwanzig Jahren hatten wir nur sporadisch von unserem Vater gehört.
»Ich hatte gezögert, mich überhaupt mit ihm zu treffen, aber um ehrlich zu sein, war es mehr als nur interessant, seine Version der Vergangenheit zu hören.«
Ich sah ihn fragend an. »Erzähl mir, wie ist er so?«
Rafael sah mich für ein paar Sekunden still an, dann meinte er: »Mach dir selbst ein Bild. Ich will dich nicht beeinflussen und bin gespannt, wie du ihn erlebst. Falls du dich überhaupt mit ihm treffen willst. Er war sich da nicht so sicher. Ich soll dir seine Nummer geben, damit du selbst entscheiden kannst.«
Obwohl ich mich von der Information etwas aus der Bahn geworfen fühlte, war mir sofort klar, dass ich ihn sehen wollte. Ich war fünfzehn gewesen, als er abgehauen war. Unser Verhältnis war nicht das Beste, aber er war immerhin mein Vater und Rafaels Bericht machte mich noch zusätzlich neugierig. »Schick sie mir aufs Telefon. Boah, damit hätte ich echt nicht gerechnet.«
»Warte erst mal, was er dir erzählt«, gab sich Rafa geheimnisvoll und bekam von mir dafür einen Stoß in die Rippen.
»Spuck es aus oder halt die Klappe. Ich bin ohnehin schon nervös genug deshalb und solche Anspielungen machen es nicht besser.«
Doch er grinste nur und wandte sich wieder den Löchern in der Wand zu, die wir zuspachteln mussten.
Zu Mittag wuschen wir uns notdürftig und gingen ein paar Straßen weiter zu einem kleinen Lokal, das schmackhafte Tagesmenüs anbot. Die Nachbarin hatte uns zwar eingeladen, mit Mama bei ihr zu essen, doch wir hatten dankend abgelehnt.
»Gut, dass dir das hier eingefallen ist.« Rafael deutete mit einer Handbewegung auf den gemütlichen, etwas schummrigen Gastraum. »Señora Serreno war schon früher kaum zu ertragen.« Ich nickte zustimmend. Sie war eine ähnliche Frohnatur wie unsere Mutter und die beiden zusammen waren ein unschlagbares Team bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, über Nachbarn und Bekannte herzuziehen.
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