Читать книгу: «In Your Arms»
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Prolog – Regen in meinem Herzen
Christina
Kapitel 1 – Ein Schaltvorgang mit Folgen
Träumereien
Kapitel 2 – Sehnsüchtige Träume
Die Eine
Kapitel 3 – Eine Rettung und ein Herzenswunsch
Dir so nah
Kapitel 4 – Seine Traumfrau
Kapitel 5 – Eierspeise für Schüchterne
Dass diese Zeit nie vorübergeht
Kapitel 6 – Wunsch und Wirklichkeit
Deine Liebe ist wie Poesie
Kapitel 7 – Frühstück und andere Peinlichkeiten
Ein Sommertag
Kapitel 8 – Vermaledeite Kellertreppen und das Alter
Kapitel 9 – Ein Spaziergang im Schnee
Bange Stunden
Kapitel 10 – ein Gespräch der besonderen Art
Deine strahlenden Augen
Kapitel 11 – Wenn Seelen sprechen, schweigt der Verstand
Du bist zurück
Kapitel 12 – Zweifel und ein Plan
Ein neuer Schicksalsschlag
Kapitel 13 – Überstürzte Abreise
Der schwere Weg zurück
Kapitel 14 – Harter Alltag
Die Frage
Kapitel 15 – Schwere Vergangenheit
Bildnis meiner Traumfrau
Kapitel 16 – Valentinstag
Nach Hause
Kapitel 17 – Eine aufkommende Hoffnung
Ein neuer Morgen
Kapitel 18 – Besuch
Der schönste Tag
Kapitel 19 – Ein langer Weg
Kapitel 20 – In Your Arms
Anhang/Danksagungen
In Your Arms – Teil 1 – Als ich dich sah
Impressum
Text: © by Isabella Kniest, 9184 St. Jakob im Rosental, Österreich,
Songtext: © by 2004 Tim Camponeschi, Oui Oui Music, ascap
Cover: © by Isabella Kniest
Verwendete Pinselvorgaben: © by webdesignerlab (www.brusheezy.com), © by Colorburned/Grant Friedman www.colorburned.com, © by truly-sarah.com, © by Obsidian Dawn www.obsidiandawn.com, © Miko Rezno http://www.blinding-light.com, Graphics © Marielle P. Kokosidou https://imouritsa.deviantart.com
Verwendete Schriftarten: Adobe Garamond Pro, Snell Roundhand, monsieur-la-doulaise (© by www.sudtiops.com)
E-Mail: swevennovel@gmail.com
1. Auflage 26. Januar 2017
2. Auflage 03. Mai 2018
3. Auflage 02. Juli 2021 (geringfügige Korrekturen, Buchsatz, Infotext)
Nun noch der übliche rechtliche Mist:
Alle in diesem Roman vorkommenden Personen, Ereignisse und Handlungen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen oder Ereignissen sind rein zufällig.
Markennamen, die von der Autorin benutzt wurden, sind Eigentum ihrer jeweiligen Inhaber und wurden rein zu schriftstellerischen Zwecken benutzt.
Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Anhang und den Danksagungen am Ende des Buches.
Ein paar wichtige Worte in eigener Sache! (Wie immer an dieser Stelle)
Schrecklicherweise häufen sich Attentate, Familiendramen und sexuelle Übergriffe. Tagtäglich hören oder lesen wir davon. Und nicht minder selten wird angegeben, dass der oder die vermeintlichen Täter an Depressionen leiden.
Und damit sind wir beim heutigen Thema angelangt: die mediale Darstellung von Gewalttaten gepaart mit Depressionen.
Da in Niederösterreich Anfang Dezember 2016 ein schreckliches Familiendrama stattfand, war in diesem Kontext ein Gerichtspsychiater um eine Stellungnahme gebeten worden. Aufgrund der Tatsache, dass dieser Artikel nach wie vor im Internet auffindbar ist, möchte ich meine Eindrücke anhand dessen bekräftigen. Dazu zitiere ich die Aussagen des Gerichtspsychiaters Herrn Reinhard Haller aus dem Kronenzeitungsartikel über die 35-jährige Mutter, welche ihre drei Kinder, ihre eigene Mutter, ihren Bruder sowie sich selbst erschossen hat.
(Das vollständige Interview ist nachzulesen auf: http://www.krone.at/oesterreich/gerichtspsychiater-sie-hat-aus-liebe-getoetet-familiendrama-in-noe-story-542140)
Herr Reinhard Haller gab dazu an: »Zu 90 Prozent stehen aber schwere Depressionen dahinter.«
Ehe ich genauer auf seine Aussagen und Einschätzungen gehe, möchte ich erst einmal erklären, was man unter Depressionen versteht. Dazu zitiere ich aus Wikipedia:
»Die Depression (von lateinisch deprimere „niederdrücken“) ist eine psychische Störung. Typisch für sie sind gedrückte Stimmung, negative Gedankenschleifen und ein gehemmter Antrieb. Häufig gehen Freude und Lustempfinden, Selbstwertgefühl, Leistungsfähigkeit, Einfühlungsvermögen und das Interesse am Leben verloren. Diese Symptome treten auch bei gesunden Menschen zeitweise auf. Bei einer Depression sind sie jedoch länger vorhanden, schwerwiegender ausgeprägt und senken deutlich die Lebensqualität.«
Des Weiteren möchte ich anmerken, mich mit Depressionen sehr gut auszukennen, da ich selbst an dieser Krankheit leide (mehr darüber erfahren Sie im Anhang). Was ich im Nachstehenden geschrieben habe, sind meine persönlichen Eindrücke und Erfahrungen – keine nachgeplapperten Meinungen irgendwelcher Ärzte.
Nun aber zur vollständigen Aussage Herrn Hallers:
»Krone« (Interviewer): Ein Verbrechen schockt Österreich: Eine Mutter hat ihre Kinder, ihren Bruder und ihre Mutter getötet. Was geht in so einem Menschen vor?
Reinhard Haller: »Es handelt sich um einen erweiterten Suizid. Er geschieht aus Liebe und nicht aus Rache wie bei Männern, die im Zuge einer Trennung ihre Familie als todsichere Konsequenz auslöschen. Außerdem muss man schauen, ob die Frau nicht an Wahnvorstellungen litt. Zu 90 Prozent stehen aber schwere Depressionen dahinter. Diese Menschen sind verzweifelt, wissen nicht mehr weiter, da nehmen sie jene mit, die sie lieben, in eine bessere Welt.«
Gut. Herr Haller erwähnt Wahnvorstellungen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Doch dann wirft er diese hirnverbrannte, fatale Deduktion in den Raum, wohin solche Täter zu 90 Prozent an schweren Depressionen leiden.
Und ab da nimmt die Katastrophe seinen Lauf.
Bedauerlicherweise liegt nicht nur Herr Haller diesem Irrtum auf. Dutzende selbst ernannte Experten schleudern mit solchen Unwahrheiten durch die Gegend, verängstigen die Bevölkerung und grenzen damit ganze Menschengruppen aus.
Warum?
1. Weil durch ein solches Statement die Taten eines Irren bagatellisiert, und 2. (und das ist das weitaus schlimmere Übel) depressive Menschen mit Psychopathen auf eine Stufe gestellt werden.
Gleichgültig, ob wir es nun mit einem Amokfahrer, einem traumatisierten Flüchtling oder einer Mutter zu tun haben, die ihre Familie auslöscht – Depressionen sind nicht der Auslöser für solch schreckliche Taten!
Wer unter schweren oder auch nur mittelschweren Depressionen leidet, schafft es üblicherweise nicht einmal aus dem Bett, geschweige denn vermag er es, einen Plan auszuhecken, indem es darum geht, so viele Unschuldige wie möglich mit sich in den Tod zu reißen.
Ein Mensch, der an Depressionen leidet, ist viel zu sehr damit beschäftigt, über seine Probleme zu sinnieren (siehe Wikipedia). Depressionen nötigen dich, über immer dieselben Dinge nachzudenken, die dich verletzt haben, wodurch dein Gehirn einer ständigen Dauerbelastung ausgesetzt ist. Das kann man sich wie bei einem Computer vorstellen: Die CPU ist im roten Bereich, aber die Programme kann man einfach nicht mehr beenden. Sie laufen weiter und weiter. Da hilft nicht einmal ein Strg+Alt+Entf.
Dies ist bereits ein Grund, weshalb depressive Menschen keine Energie zur Verfügung haben, um zum Beispiel komplexe Attentate zu entwickeln und in weiterer Folge auszuführen.
Überspitzt ausgedrückt müssten nach Herrn Hallers Aussage (und einigen anderen Experten) viele depressionskranke Menschen also mit einer Kalaschnikow durch die Gegend rennen und Leute erschießen.
Klingt das logisch? Nein? Eben!
Wie dem auch sei. Kommen wir zu einer weiteren Aussage, die Herr Haller tätigte: »Sie sind oft depressiv und wollen ihre Liebsten in eine vermeintlich bessere Welt mitnehmen.«
Das ist völliger Bullshit!
Täter, welche dutzende Menschen töten, vergewaltigen oder auf andere Weise Leid zufügen, haben weitaus größere Probleme als eine Depression.
Natürlich, manche dieser Personen können auch unter Depressionen leiden. Bei der Suche nach der Ursache sollte das Hauptaugenmerk aber (wie von Herrn Haller richtig angemerkt) auf Wahnvorstellungen gelegt werden. In manch seltenen Fällen könnte sogar eine völlig verzerrte Persönlichkeitswahrnehmung vorliegen, hervorgerufen durch falsche Erziehung, Medikamente, ja womöglich sogar eine physische Ursache, wie ein Gehirntumor. Ausgeschlossen kann jedoch werden, dass Täter allein aufgrund Depressionen andere Menschen töten.
Info: Wenn Depressionskranke sich umbringen wollen, dann tun sie dies alleine.
Es ist eine bodenlose Frechheit, durch solcherlei Falschaussagen vermeintlicher Experten Menschengruppen an den Rand der Gesellschaft zu drängen – Menschen, die ohnehin am Ende sind. Menschen, die nichts mehr als Liebe und Verständnis brauchen. Menschen, die jeden Tag um ihr Leben kämpfen.
Kurz und knapp: Depressive Personen sind keine Psychopathen!
Ja, es ist großteils eine psychische Erkrankung (Untersuchungen haben längst belegt, dass das Gehirn sich in physischer Weise bei einer Depression verändert – nicht nur die Gehirnströme. Des Weiteren können Depressionen durch hormonelle Schwankungen ausgelöst werden). Ja, es verändert die Persönlichkeit – man zieht sich zurück, spürt keine Freude mehr, fühlt sich schlapp, manchmal zum Teil sogar aggressiv. Doch letztlich ist es eine Krankheit, die man alleine mit sich selbst ausfechtet.
Eine Depression ist eine schreckliche Krankheit, die vom Erkrankten wie von seinem Umfeld alles abverlangt. Ich sehe diese Krankheit als ein Äquivalent zu Krebs. Denn genau wie Krebs fangen Depressionen langsam zu wachsen an. Sie fressen sich durch deine Psyche – so lange, bis du den Schmerz nicht mehr erträgst.
Menschen, die noch niemals an dieser Krankheit gelitten haben, können sich die Qualen niemals vorstellen, mit welchen Depressionskranke zu kämpfen haben. Wenn Herr Haller selbst einmal an einer Depression gelitten hätte – da bin ich mir sicher – würde er niemals mehr einen solchen hirnverbrannten Mist von sich geben.
Anstatt depressive Leute also als Psychos abzustempeln, sollte besser jeder Einzelne sich an die eigene Nase fassen. Neben Trennungen, Todesfällen, anderen körperlichen und psychischen Erkrankungen, sowie Jobverlust sind Mobbing und der gefühlskalte Umgangston, welcher in unserer Gesellschaft vorherrscht nämlich einer der Hauptgründe, weshalb Depressionen überhaupt erst ausgelöst werden.
Also nochmals: Depressionen machen Menschen nicht zu Psychopathen. Das haben sie nie, und das werden sie nie!
Und zu dieser 35-jährigen Frau aus Niederösterreich: Über eine Tote kann man nicht mehr urteilen. Darum ist es umso wichtiger, sich um noch lebende Täter zu kümmern und deren Psyche zu studieren, ehe man mit falschen Vermutungen um sich wirft und damit die Gesellschaft vergiftet!
Und nun viel Spaß mit dem ersten Teil von »In Your Arms«.
Um Missverständnissen vorzubeugen, hier einige wichtige Informationen für jeden potentiellen Leser:
Erstens.
Ich bin Selfpublisher. Korrektorat, Lektorat, Coverdesign, Buchsatz, eBook-Gestaltung, Kapitelverzierungen – alle diese Arbeiten werden ausschließlich von mir selbst durchgeführt. Für ein fehlerfreies Buch kann ich somit nicht garantieren. Dafür jedoch einer jeden Seite, einem jeden Kapitel, einem jeden niedergetippten Wort, einer jeden Szene und Aussage meine gesamte Aufmerksamkeit und Liebe gewidmet zu haben. Jeder Satz beinhaltet mein Herzblut, meine Gefühle, meine Lebensauffassung – ein Stück meiner selbst. Wenn ich ein Buch zur Veröffentlichung freigebe, präsentiert es meinen aktuellen Wissensstand. Aus diesem profanen Grund überarbeite ich meine Bücher in regelmäßigen Abständen. Wenn ich mir über Fehler bewusst werde, korrigiere ich diese und lade die überarbeitete Version hoch. Sollte Ihnen, lieber Leser, eine solche Vorgehensweise zu amateurhaft oder zu billig anmuten, bitte ich Sie, mein Buch nicht zu kaufen. Falls Sie sich nun unsicher sind oder die Vermutung in Ihnen hochklettert, ich könnte Schund verkaufen, bitte ich Sie, zuerst die Leseprobe zu lesen und sich dann zu entscheiden. Ist Ihnen meine Fehlerquote zu hoch, werde ich Ihnen nicht böse sein, wenn Sie mein Werk nicht in den Warenkorb legen.
Schreiben ist mein Hobby. Weder strebe ich Reichtum noch Berühmtheit an. Menschen zu bereichern, ihnen den intellektuellen und seelischen Horizont zu erweitern und eine andere Sichtweise zu offenbaren – das ist mein einziges Bestreben. Deshalb bin ich finanziell außerstande, ein Lektorat und Korrektorat oder Coverdesign auszulagern. Besäße ich die Möglichkeiten, würde ich keine Sekunde zögern und meine Werke einem Profi übergeben.
Zweitens.
Trotz mehrerer Rechtschreibreformen verwende ich die alte Schreibweise der unterbrochenen direkten Rede.
Ein Beispiel: Nach der neuen Regelung müsste ich schreiben »Man wird nicht«, sagte sie und schloss die Tür ab, »als Misanthrop geboren – man wird dazu gemacht.«
Ich hingegen schreibe »Man wird nicht«, sagte sie und schloss die Tür ab. »Als Misanthrop geboren – man wird dazu gemacht.«
Wie man sieht, ist mir die korrekte Schreibweise bestens bekannt. Ich entschied mich jedoch bewusst dafür, diese Regel aus persönlichen und ästhetischen Gründen zu brechen.
Drittens.
Da ich Österreicher bin, schleichen sich zwangsläufig viele österreichische Begriffe in meine Texte ein. Begriffe, die von deutschen Landsleuten unwissentlich als Fehler angesehen werden können.
Ein Beispiel:
In unseren Breitengraden spricht man nicht von Kasse, sondern von Kassa. Dies ist kein Tippfehler und hat auch nichts mit einer Rechtschreibschwäche oder läppischen Korrektur meinerseits zu tun.
Abschließend danke ich jedem Leser, der diese Information durchgelesen hat und sich entscheidet, erst nach der Leseprobe sein endgültiges Urteil zu fällen.
Lies mit deinem Herzen
Fühle mit deiner Seele
Für denjenigen, der mein Licht sehen wird.
If you only knew
What’s going through my head
And my heart
Whenever I think of you
Bella mia
There’s a story in your eyes
A secret in your smile
I want to make you mine
A story in your eyes
A secret in your smile
I want to make you mine
Bella mia
What I wouldn’t do
To look into your heart
And your soul
I want to get close to you
A story in your eyes
A secret in your smile
I want to make you mine
Everytime I look at you
I see what love could be
I’m going to find a way somehow
A way to make you see
Your were meant for me …
Bella mia
A secret love I hide
But I’m going to let you know
How I feel
Maybe tonight’s the night …
Lyrics © Tim Camponeschi
Prolog – Regen in meinem Herzen
Liebe ist so zerbrechlich wie die Flügel eines Schmetterlings
»Kannst du irgendwann etwas richtig machen?«, entgegnete Anna genervt. »Ich habe dir das schon zweimal gezeigt! Bist du so blöd, oder tust du nur so?« Mit einer überschwänglichen Geste warf meine Arbeitskollegin das blondierte Haar zurück, welches von der häufigen Färberei bereits unnatürlich strohig aussah.
»Hörst du mir überhaupt zu?«
Ihre schrille Stimme tat mir in den Ohren weh.
»Ja, tue ich.«
»Dann sieh mich nicht so blöd an, sondern rechne das noch einmal vernünftig aus!«
Mit einem bedrückenden Gefühl fasste ich nach dem Bleistift.
Jedes Mal musste sie mir helfen. Jedes Mal machte ich Fehler. Wann würde ich endlich in der Lage sein, meine Arbeit richtig zu machen?
»Hier musst du die Ausgaben eintragen, nicht in der linken Spalte!« Mit ihrem rot lackierten Fingernagel klopfte Anna auf die rechte Seite des Hefts. »Das ist doch nicht so schwer! Jedes Kindergartenkind kriegt das besser hin!«
Nickend wollte ich die Summe eintragen, da legte eine beschämende Erkenntnis sich über mich: Ich hatte sie abermals vergessen.
Eine das Herz zum Klopfen bringende Furcht krampfte mir den Magen zusammen. Zitternd legte ich den Stift zur Seite und zog nochmals den Kassenbeleg hervor.
»Meine Fresse!«, hörte ich Anna keine Sekunde darauf schimpfen, wodurch ich mich nicht davon abhalten konnte, leicht zusammenzuzucken. »Du hast den Betrag schon wieder vergessen? Das kann doch nicht wahr sein! Wo bist du immer mit deinen Gedanken? Kriegst du eigentlich irgendetwas auf die Reihe?«
Das beklemmende Gefühl des Versagens kroch in eine jede einzelne Faser meines Körpers – lähmte mir den Geist, raubte mir meine ohnehin winzige Selbstsicherheit.
Anna hatte recht.
Es gelang mir partout nicht, etwas richtig zu machen … nicht ein einziges Mal.
Gab es etwas, das ich gut konnte?
Tausendmal hatte ich mir darüber den Kopf zermartert – stets mit demselben zermürbenden Ergebnis: Ich besaß kein Talent. Für gar nichts.
Aufkommende Tränen unterdrückend trug ich die fünfunddreißig Euro neunzig ein.
»Und jetzt«, ordnete Anna weiter an. »Schreibst du die Nummer, die du auf den Beleg notiert hast, hier hinein.« Sie zeigte auf die links befindliche leere Spalte. »Sonst weiß die Buchhaltung ja nicht, welcher Beleg gemeint ist.«
»Ja, in Ordnung.«
Eben war ich dabei, Annas Forderung zu entsprechen, da rief Letztgenannte lautstark durch den Büroraum: »Hey Saskia! Lisa bringt es wieder nicht fertig, die Buchhaltung richtig zu machen.«
Allein mit äußerster Mühe hielt ich mich davon ab, vor Schreck hochzuspringen.
Ein mokierendes, kratzendes Kichern erklang. »Ach ja?«
In meinen Augenwinkeln bemerkte ich, dass Saskia zu uns stolzierte. Wie üblich trug sie viel zu viel Make-up und einen zu knappen Rock. Die ewig langen schwarzen Haare hatte sie zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden.
Sie musterte mich abschätzig. »Ist unser Mauerblümchen mit ihren Gedanken wieder einmal ganz wo anders?«
»Wahrscheinlich denkt sie an ihren eingebildeten Freund«, vermutete Anna lachend. »Welcher Mann würde sich auch für die interessieren?«
Betroffenheit und Scham schnürten mir die Kehle zu.
Weshalb mussten sie solche gemeinen Dinge sagen? Ich regte mich schließlich nicht auf, wenn ihnen Fehler passierten – obgleich dies so gut wie nie geschah.
Schluckend hob ich den Blick an. »Warum interessiert dich das überhaupt?« Ich klang genauso unsicher, wie ich mich tagein, tagaus fühlte. »Mich interessiert es ja auch nicht, ob du einen Freund hast oder nicht. Oder, wie viele du bereits hattest.«
Es überraschte mich, wie leicht diese Äußerung aus mir drang. Doch gleichermaßen schnell, wie ich mich an meinem Mut erfreute, überfiel mich eine Welle Panik, ausgelöst durch Annas ebenmäßiges Gesicht, welches sich zu einer zornerfüllten Fratze verzog.
»Was mich das interessiert?! Ich muss schließlich deine Fehler ausbessern!« Ihre braunen Augen funkelten. »Also halt den Mund und schreib die richtigen Beträge auf, anstatt dich aufzuregen!«
Aufwallende Furcht unterdrückend setzte ich meine Arbeit fort.
Es hatte keinen Sinn, etwas Weiteres zu entgegnen. Sie fand andauernd Widerworte – ob sie im Recht lag oder nicht. Darüber hinaus war mein Mut längst verschwunden.
»Wahrscheinlich ist sie bloß frustriert, weil sie keinen abbekommt«, hörte ich Saskias Kratzstimme verlauten. »Das musst du ihr schon durchgehen lassen … Sie hat halt niemanden. Da bleiben ihr nur Fantasien übrig.«
Anna kicherte. Es klang weniger schadenfroh, als vielmehr böswillig. »Wie viel Fantasie kann ein unerfahrenes Ding, wie die, haben? Die weiß bestimmt nicht mal, wie ein Männerschwanz aussieht.«
Mir wurde es übel.
Wie ich solche Bezeichnungen verachtete! Dermaßen aufgestylt und ladylike sich diese zwei Frauen gaben, derart taktlos klangen sie, alsbald sie den Mund aufmachten.
»Die weiß ja nicht einmal, wie eine richtige weibliche Brust aussieht!«, flötete Saskia.
»Ja, genau«, gab Anna sarkastisch zurück. »So flach, wie die ist.«
»Und damit wäre geklärt, weshalb sie keinen Macker abkriegt.«
Ein Kichern beiderseits folgte.
Das Zittern meiner Hände nahm an Intensität zu.
Ihre Worte taten mir unbeschreiblich weh.
Warum mussten sie sich ausgerechnet über das lustig machen, was ich mir so sehr wünschte, aber niemals bekam?
»Also, Kitty.« Säuselnd lehnte Anna sich zu mir. Ein Schwall an ekelerregendem süßen Parfum kroch mir in die Nase. Zugleich durchbohrte ein Stich mein schmerzendes Herz. »Du kommst jetzt alleine zurecht oder?«
Auf diese erniedrigende Weise nannte sie mich, seitdem sie ein Gespräch zwischen mir und einer Kollegin aufgefangen hatte, in welchem wir über Haustiere unserer Kindheit gesprochen hatten.
Von meinen Eltern hatte ich im zarten Alter von acht Jahren eine Katze geschenkt bekommen. Lieber wäre ihnen ein Hund gewesen. Bedauerlicherweise fehlte dazu das nötige Geld. Mir selbst war es komplett egal. Ich war einfach glücklich, ein Haustier mein Eigen nennen zu dürfen. Schließlich hatte ich keine Freunde oder Geschwister, und mit dieser kleinen süßen Katze fühlte ich mich bedeutend weniger allein. Sie war ein wunderbarer Spielgefährte gewesen. Und oft, wenn sie sich zu mir ins Bett gekuschelt hatte, hatte ich mir meinen Kummer von der Seele geweint … Das Mobbing, die Ängste, das Gefühl der Unfähigkeit …
Da ich der Kollegin damals von den vielen Abenteuern mit meiner kleinen Katze erzählte – unter anderem, wie niedlich sie in meinem Bett geschlafen oder in der Wiese herumgetollt hatte – nahm Anna dieses Gespräch selbstredend zum Anlass, sich über mich lustig zu machen. Erst hatte sie darüber gespottet, wie ich ein schmutziges Tier, das weiß Gott, wo überall herumstreunte, in meinem Bett schlafen lassen könne. Dann meinte sie, eine Katze sei kein Spielgefährte. Ein Tier wäre schließlich bloß ein dummes Tier – ohne Emotionen oder Intellekt. Und zu allem Überfluss folgte der Spitzname »Kitty«.
Anfangs hatte ich die Spöttelei mit dem Hintergedanken ignoriert, dass Anna irgendwann ihre Freude daran verlieren würde. Alsdann selbst nach mehreren Wochen keine Veränderung eintreten wollte, hatte ich ihr zu erklären versucht, nicht auf diese Weise genannt werden zu wollen. Ihre Antwort kam prompt: »Du magst doch Katzen, oder hast du gelogen?« Ich verneinte. »Na, dann passt der Name ja perfekt. Was regst du dich auf? Außerdem kann ich mir diesen Namen besser merken.« Es hatte eine Pause gefolgt, ehe sie mit gerümpfter Nase fortgefahren hatte: »Liza … Wer heißt schon so? Deine Mutter muss damals in einer ganz großen Krise gesteckt haben, als sie dir diesen abscheulichen Namen gegeben hat.«
Damit hatte ich mein Brandzeichen erhalten – einen Spitznamen, der überhaupt nicht zu mir passte. Schließlich besaß ich kein Haustier mehr. Wie denn auch! Die Verantwortung war viel zu groß und die Zeit dafür fehlte mir ebenfalls, immerhin arbeitete ich dreißig Stunden in der Woche.
War es bereits schmerzlich genug, auf eine solche Weise genannt zu werden, hörte der herablassende Ton, mit welchem Anna dieses Wort andauernd aussprach, sich noch tausendmal fürchterlicher an.
»Hast du mich gehört?!«, drang Annas polternde Stimme mir ins Ohr.
Ich schreckte hoch. »Ja.«
»Na dann, Kitty.« Sie zeigte mir ein verzogenes Lächeln, dann drehte sie sich um und schritt von dannen – Saskia ihr wie ein treuer Hund nachtrottend.
…
Gott sei Dank waren sie weg.
Lautlos, deshalb nicht minder erleichtert ausatmend drehte ich mich zum Fenster.
Der Herbst war hereingebrochen. Dunkle Regenwolken zierten den Himmel. Ein heftiger Wind wehte, welcher die Zweige der hochgewachsenen Pappeln bedrohlich tief Richtung Boden bog.
Die kriegt doch nie einen ab, echote es mir durch den aufgewühlten Verstand.
Ja, es stimmte. Ich hatte keinen Freund … Ich hatte noch nie einen gehabt.
Weshalb auch? Männer interessierten sich nicht für mich. Das hatten sie nie. Weder im Teenageralter noch jetzt mit dreißig. Weder als ich mit Jeans und Shirts herumgelaufen war noch mit Kleidern. Unbedeutend was ich tat – es hatte nie gereicht.
Vielleicht lag es tatsächlich an meiner Oberweite? Oder an der Brille? Vielleicht auch bloß an meiner Art?
Lange Zeit hatte ich gegrübelt. Jetzt war es mir gleichgültig geworden. Ich war mir im Klaren darüber, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte. Lediglich was genau es war, wusste ich nicht. Wahrscheinlich war ich – wie Anna stets zu sagen pflegte – ein Mauerblümchen und darum uninteressant.
Einen entstehenden Weinkrampf hinunterschluckend richtete ich den leicht getrübten Blick auf die Buchhaltung.
Ich musste die Aufgabe fertigstellen und mich bemühen, einen anderen Posten zu erhalten. Ursprünglich war ich für die Ablage, Datensicherung und Rechnungslegung aufgenommen worden, allerdings hatte Saskia es vermocht, sich meinen Posten anzueignen, wodurch ich mich nun gezwungen sah, eine Arbeit zu machen, die mir bereits in der Schule ärgste Probleme bereitet hatte.
Ich atmete tief durch, fasste nach dem Stift und fuhr damit fort, die restlichen Belegsummen einzutragen.

Um vierzehn Uhr dreißig packte ich meine Sachen und machte mich auf den Weg nach draußen. Während ich das großräumige mit beigen Marmorfliesen ausgelegte Foyer durchquerte, erblickte ich meinen Arbeitskollegen Tobias. Die linke Hand lässig in die schwarze Hosentasche gesteckt, stand er alleine neben dem Kaffeeautomaten.
Unwillkürlich beschleunigte sich mein Puls.
Tobias war der einzige Mann, mit dem ich mich längere Zeit unterhalten durfte, ohne dabei veräppelt, schief angesehen oder in einer anderen Form beleidigt zu werden. Dies war ein Grund, weshalb ich ihn sehr mochte. Dazu gesellte sich sein unglaublich gutes Aussehen, ebenso sein Kleidungsgeschmack. Er trug ausnahmslos elegante Outfits – Hose, Hemd, Sacco – Winter wie Sommer.
Mittlerweile hatten wir einige Mittagspausen zusammen verbracht und dabei über unsere Trailermusic-Leidenschaft gesprochen. Als ich ihm einige Male Filmtrailer vorgespielt hatte, dessen Lieder ich nicht kannte, hatte er mir auf eindrucksvolle Weise bewiesen, wie unendlich sein Wissensschatz darüber ausfiel. Tobias benötigte keine zehn Sekunden, um Interpret und Produzent zu nennen sowie in welchem Internetshop man den Song käuflich erwerben konnte oder ob dieser überhaupt für den offiziellen Markt freigegeben war.
Seine hellblauen Augen sahen in meine Richtung. Manchmal machten sie auf mich den Eindruck, mir bis in die entlegensten Winkel meiner Seele blicken zu können.
»Hallo Lisa!«, rief er mir freundlich zu. »Schon Feierabend?«
Lächelnd trat ich zu ihm. »Ja.«
Es tat unsagbar gut, wenigstens von einer Person unbefangen angesprochen zu werden.
»Und du? Auch fertig für heute?«
Er bejahte.
Ein sanfter Adrenalinausstoß brachte mein Herz erneut in Schwung.
Sollte ich ihn heute fragen?
Dutzende Male hatte ich es wagen wollen, es im letzten Moment jedoch stets einen Rückzieher gemacht. Immerzu aus demselben Grund: der Angst vor einer Zurückweisung. Der Angst, infolgedessen ignoriert zu werden.
Wie damals … im Kurs. Und die Male davor …
Mit ihm auf ein Getränk gehen.
Gedanklich schüttelte ich den Kopf. Weshalb sollte er es nicht wollen? Schließlich tranken wir auch in der Mittagspause zusammen. Wieso dann nicht einmal außerhalb der Dienstzeiten?
»Tobias?«
Er lächelte. »Ja?«
»Hast du Lust, nach der Arbeit mit mir etwas Trinken zu gehen?«
Das Lächeln verschwand abrupt – und mein Herz hielt für den Bruchteil einer Sekunde inne. »Nein. Für so was habe ich leider keine Zeit.«
Ich hatte die Situation noch nicht gänzlich realisiert, bog plötzlich Anna um die Ecke.
»Hey, Schatz!« Sie warf sich ihm um den Hals und gab ihm einen innigen Kuss. »Wir gehen doch heute ins Kino, oder?«
Er strahlte sie an. »Natürlich, Hase. Um neunzehn Uhr?«
»Nun ja –« Mit dem Zeigefinger malte sie Kreise auf seine Brust – mir krampfte es das Herz zusammen. »Du könntest auch früher vorbeikommen … dann können wir gemeinsam duschen.«
Mich überkam ein heftiger Schwindel. Durch die Seele jagte mir ein solch schmerzhafter Stich, es raubte mir für ein paar Sekunden die Luft.
Anna drehte sich zu mir. »Was glotzt du so? Ist dein Dienst nicht schon vorbei?«
Ohne mein Zutun setzten meine Beine sich in Bewegung.
»Geh nach Hause und verkriech dich dort unter deine Bettdecke«, hörte ich sie nachrufen. Darauf folgte irgendetwas Unverständliches, das Tobias zu ihr sagte. Was es war … es war mir egal geworden. Das Einzige, das mich noch beschäftigte, war, meine Tränen erfolgreich zurückzuhalten.
Alsbald ich in den strömenden Regen hinaustrat, verließen mich meine Kräfte.
Die durch das Kleid dringenden kalten Regentropfen nahm ich bloß am Rande wahr – zu sehr schmerzte mir das Herz.
Was hatte ich verbrochen? Warum passierten solche Dinge stets mir? Warum hatte ich kein Glück mit Menschen? Weshalb gab es keinen Mann, der sich mit mir abgeben wollte?
Tropfnass stieg ich in meinen alten Fiat, startete durch und fuhr los. So wie der Regen erbarmungslos auf die Frontscheibe peitschte, wollten meine Tränen nicht mehr zu fließen aufhören. Gleichgültig wie sehr ich mich bemühte, an etwas anderes zu denken, diese schreckliche, sich hartnäckig um meine Seele geschlungene Traurigkeit gedachte nicht mehr abzunehmen. Im Gegenteil. Je stärker ich mich gegen sie auflehnte, desto größere Ausmaße nahm sie an.
Wie lange dauerte es dieses Mal, bis der Schmerz zur Gänze vorübergezogen war?
Ich lenkte in den Hinterhof des Wohnblocks, parkte den Wagen auf den Parkplatz mit der Nummer sechs – stets einen prüfenden Blick in den rechten Seitenspiegel, ob ich wohl kerzengerade dastand – fasste nach der Tasche und stieg aus. Flott schloss ich die Tür ab und eilte zum Eingang, unter dessen glasüberdachter linken Seite Frau Maier stand und genüsslich an einer Zigarette zog.
Das dämmrige Licht ließ ihre verzwickten Gesichtszüge um einiges verbissener erscheinen, als sie für gewöhnlich wirkten. Die fahle, höchstwahrscheinlich von zu intensivem Sonnenliegen herrührende wie gegerbt aussehende Gesichtshaut, kurze dunkelgraue Haare, Schlupflider, ein spitzes Kinn und eine knochige Nase komplettierten ihre ausgemergelte vom Leben verbitterte dürre Statur.
Sie warf mir einen giftigen Blick zu, von dem mir noch ein wenig unwohler wurde. »So ein weißes Kleid ist nicht gerade vorteilhaft bei Regenwetter.« Ihre tiefe rauchige Stimme unterstrich ihre ohnehin gut sichtbare und in den letzten Monaten oft zur Sprache gebrachte Abneigung gegenüber meinem Kleidungsstil. »Und rote Unterwäsche um einiges weniger.«
Beschämt wie kein Wort über die Lippen bringend huschte ich an ihr vorbei ins Innere des Wohnblocks. Ich wandte mich zum rechts gelegenen Aufzug, entschied mich letztlich aber gegen dessen Benützung. Bis dieser im Erdgeschoss ankam, hätte Frau Maier womöglich fertig geraucht und sich zu mir gesellt.
Mir wurde es mulmig zumute.
Nein.
Weitere Belehrungen und beleidigende Aussagen ertrug ich nicht mehr. Es war genug für heute.
Ich drehte mich nach links. Drei Stockwerke lagen vor mir und einer heißen, entspannenden Dusche …
Mit der letzten Kraft, die ich mir von irgendwoher zusammenkratzte, hechtete ich die Stufen hoch.
Hoffentlich begegnete ich keinen weiteren Mietern. Mein durchnässtes Kleid mit der durchscheinenden Unterwäsche musste nicht jeder sehen. Darüber, da war ich mir sicher, würde sowieso Frau Maier berichten.
Eine jäh in meinem Rücken ertönende, nach mir rufende weibliche Stimme vernichtete jegliche Hoffnung, um stattdessen eine frische Welle Schamgefühl über mich hereinbrechen zu lassen.
Wieso jetzt? Wieso musste ausgerechnet jetzt jemand ins Stiegenhaus treten?
Ich drehte mich um.
Frau Müller mit ihrer wasserstoffblonden lockigen Mähne stand in der Haustür, die Arme vor ihrer Brust verschränkt. »Frau Hirter! Was habe ich Ihnen gesagt?«
Ich verstand nicht …
Genervt über meine verzögerte Reaktion und die daraus entstandene Unfähigkeit, ihr Antwort zu geben, wölbte sie eine Augenbraue. »Sie wissen, Sie sind heute mit der Stiegenhausreinigung dran! Aber bis jetzt ist noch nichts in dieser Richtung passiert.«
Die Reinigung des Stiegenhauses übernahmen wir Mieter. Jede Woche wurde gewechselt. Diese Woche war ich dafür eingeteilt. Und wie jedes Mal liebte Frau Müller es, mich darauf aufmerksam zu machen. Sie selbst sah sich als die Ordnungshüterin des Hauses. Wenn es beispielsweise Beschwerden gab – gleichgültig welcher Art – war sie es, die dies an die Vermietung weiterleitete.
»Ich war Arbeiten«, verteidigte ich mich, wohl wissend, dass ich die Reinigung vor Antritt meines Dienstes hätte erledigen können. Allerdings fühlte ich mich seit mehreren Tagen nicht fit genug, um irgendwann zwischen fünf und sechs Uhr morgens eine solche anstrengende Tätigkeit durchzuführen.
»Alle Leute hier arbeiten«, fuhr sie mich an. »Das hält sie aber nicht davon ab, ihren Pflichten nachzukommen.«
Es wurde mir kalt – ob von meiner regennassen Kleidung oder ihrer unheilschwangeren Bemerkung wusste ich jedoch nicht. »Keine Sorge … das mache ich noch.«
»Ich habe keine Sorge«, gab sie schnippisch zurück. »Sie sollten sich eher Sorgen um sich machen. Wenn Sie so weitermachen, verlieren sie nämlich das Wohnrecht.«
Eine ungleich frostigere Kälte jagte mir über den Rücken.
Mit einem knappen »In Ordnung« verabschiedete ich mich und eilte die letzten Stufen hoch zu meiner Wohnungstür.
Ich musste die Arbeit schnellstmöglich erledigen. Wenn sie sich bei der Vermietung über mich aufregte, hatte ich richtige Probleme.
Bereits des Öfteren war mir zu Ohren gekommen, wie Mieter von heute auf morgen aus ihren Wohnungen geworfen worden waren.
Sollte ich in diesen Genuss kommen … es war nicht auszudenken.
Das Problem lag auf der Hand: Ich kannte niemanden in Klagenfurt oder Umgebung, bei dem ich kurzzeitig unterkommen konnte. Die einzige Möglichkeit der Obdachlosigkeit zu entgehen, wäre somit gewesen, wieder bei meinen Eltern einzuziehen, welche knapp drei Autostunden entfernt von mir lebten. Dies wiederum bedeutete, meine Arbeit aufgeben zu müssen. Und davor fürchtete ich mich weit mehr, als vor einem Wohnungsverlust.
…
Ewig hatte ich gebraucht, um eine Arbeit zu finden – und dann sollte ich meine im Anwachsen befindliche Selbstständigkeit von einem Tage auf den anderen verlieren, alleine aufgrund der Gegebenheit, das Stiegenhaus nicht gewischt zu haben?
Hochzüngelnde Sorgen verdrängend sperrte ich die Tür auf und trat in meine Fünfzig-Quadratmeter-Wohnung.
Ein an Quittenblüten erinnernder, von meinen langsam verblühenden Surfinien, welche ich vor der Herbstkälte vom Balkon gerettet und in den kleinen Vorraum gestellt hatte, herrührender und mit Rosenduft meiner Duftlampe vermischter Geruch wehte mir entgegen, erweckte sanfte Geborgenheit und erlaubte mir die bleierne Traurigkeit der letzten Ereignisse für einen kurzen Moment zu verscheuchen.
Ehe ich etwas aß oder die Wäsche machte, sprang ich erst einmal unter die Dusche.
Mir war furchtbar kalt. Eine Erkältung war das Letzte, das ich jetzt brauchte.
Sobald meine kalte Haut das heiße Wasser empfing, mich allmählich in eine innige Umarmung nahm, brach eine weitere Welle Melancholie über mich herein, welche in Form neuer Tränen einen Weg aus meiner Seele fand.
Weshalb war es so schwer geworden, sich glücklich zu fühlen?
Immerhin besaß ich alles, was ich brauchte: eine Wohnung, gutes Essen, warmes Wasser, schöne Kleidung … Dennoch tat mir der grobe Umgang meiner Mitmenschen jedes Mal in der Seele weh.
War ich zu verweichlicht? Zu empfindlich? Zu sensibel?
Das Stiegenhaus.
Eine Hitzewelle brauste mir durch den Leib, veranlasste mich, mich flott abzutrocknen, in meinen einzigen, alten, dafür unbeschreiblich bequemen Trainingsanzug zu schlüpfen und einen Eimer mit Wasser zu befüllen. Ich schüttete etwas Allzweckreiniger hinzu, fasste nach dem Wischmopp und eilte nach draußen.
Wie jedes Mal brauchte ich eine gute Stunde, bis ich das Erdgeschoss erreichte – müde, mit Kreuzschmerzen und schwachen Armen. Ich drehte mich zurück und blickte zum glänzenden Marmorboden.
Hoffentlich würde es den Mietern passen …
Eine sich schlagartig ausbreitende brutale Müdigkeit verwandelte meine Extremitäten in Blei. Ich drückte die Nach-Oben-Taste des Aufzugs. Es dauerte lange, bis die Türen sich öffneten und ich eintreten durfte. Während der Fahrstuhl nach oben fuhr, wischte ich dessen Boden, ehe ich völlig erschöpft meine Wohnungstür aufsperrte.
Für so was habe ich leider keine Zeit, hallten Tobias’ Worte mir durch den Kopf.
Ohne es zu wollen, kamen mir die Tränen.
Wann waren die beiden ein Paar geworden? Nie hatte ich die zwei zusammen gesehen.
Ich schniefte.
Wie er Anna angelächelt hatte … Würde auch mich irgendwann einmal jemand auf eine solche zärtliche Weise anlächeln wollen?
Einen Kloß hinunterwürgend spülte ich den Eimer aus und stellte ihn hinter die Badtür.
…
Jemand, der mit mir ausging … mit mir verbringen wollte – miteinander lachen, Spaß haben, reden …
Nachdem ich eine Kleinigkeit gegessen hatte, verkroch ich mich ins Bett. Normalerweise las ich gerne ein paar Seiten eines Romans oder sah ein wenig fern. Heute hingegen sehnte ich mich einzig nach Schlaf – einschlafen und nicht mehr über diesen schrecklichen Tag nachdenken. Doch sosehr ich es mir wünschte, der Schlaf wollte sich nicht einstellen … Ich drehte mich von einer Seite auf die andere, tausend Gedanken durch meinen Geist irrend.
Wer will dich schon sehen?!
Spaßbremse!
Zieh dir was Vernünftiges an! Wie läufst du rum!
Bei dir hat man die Nachgeburt aufgezogen.
Seht euch die an … seht sie euch genau an! Die ist verrückt. Mit der dürft ihr euch nicht abgeben.
Tränen quollen aus meinen geschlossenen Augen hervor, benetzten mein Kissen, brachten meinen Körper zum Beben …
Wie viel mehr hatten sie mir an den Kopf geworfen? Wie viel hatte ich verdrängt? Wie viel musste ich noch zu hören bekommen?
…
Die Beleidigungen waren hart – doch gab es da tausendmal fürchterliche Geschehnisse: die Ausgrenzungen, das Stehenlassen, das Ignoriert-Werden, die kalten verächtlichen Blicke.
Schniefend kuschelte ich mich inniger in die Decke.
Wann endlich würden mir ihre Aussagen egal werden? Wann würde ich darüber stehen und ihnen mit einem Lächeln antworten können?
Du kannst es sowieso nicht. Also lass es besser gleich bleiben!
Da wo nichts ist, da kann auch nichts werden!
Gott, ist die blöd!
Ein heftiger Weinkrampf erfasste mich. Ich presste die Lippen aufeinander und betete, dass der brutale Seelenschmerz schnell verschwinden möge.
…
Weshalb wuchsen andere an Schwierigkeiten, hingegen ich an ihnen zu zerbrechen drohte? Woher nahmen andere Menschen diese Stärke? War es möglich, selbst dergestalt stark zu werden?
Tief einatmend wischte ich mir über die nasse Wange.
Ich wünschte lediglich eines: Mich glücklich fühlen – aus vollem Herzen lachen und die kleinen Wunder wiederentdecken können, welche mich einst in ihren Bann gezogen hatten. Ich wollte mich wieder an der Natur, an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen … an der Magie der Stille … des Augenblicks …
Es dauerte endlos lange, bis der erlösende Schlaf sich endlich über mich zu legen gedachte und ich den Schmerzen zu entfliehen vermochte.

Christina
Ich sehe, wie sie durch die Türe tritt. Ein buntes Kleid schmiegt sich an ihre langen Beine, die goldenen Haare trägt sie aufgesteckt, ihre hellrosa Lippen erinnern mich an eine süße Tortenglasur.
Freundlich grüßt sie mich und legt die Briefe auf den Tresen.
Wie jeden Dienstagnachmittag.
Seit nunmehr einem halben Jahr arbeitet sie in der internen Postverteilung.
Christina.
Dieser Engel einer Frau.
Doch solcherweise gerne ich sie ansprechen will, fehlt mir letztlich jedes Mal der Mut, es zu wagen. Aus diesem Grunde grüße ich bloß zurück und nehme die Briefe an mich. Sie wirft mir ein herzerwärmendes Lächeln zu. Blaue Augen leuchten wie Saphire in der Sonne, bringen mein nach ihr rufendes Herz zum Klopfen.
Was würde ich alles geben, um bei ihr sein zu dürfen! Was würde ich alles tun, um sie in meinen Armen halten zu dürfen!
Allein ich, niemand sonst.
Was würde ich alles tun!
Ein sanftes nach Maiglöckchen duftendes Parfum umgibt ihre zierliche Gestalt. Zwei funkelnde Ohrringe zieren ihre niedlichen kleinen Ohren – so unscheinbar und doch ebenso außergewöhnlich – wie sie selbst.
Sie verabschiedet sich und verlässt den Raum.
Damit verschwindet der Zauber, wie er gekommen war.
Weshalb wage ich es nicht, sie anzusprechen? Weshalb fürchte ich mich solchermaßen davor?
Wenn ich meine Kollegen beobachte, erfüllt es mich nahezu mit Neid, wie leicht und unbefangen diese mit ihr und anderen Frauen sprechen.
Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass diese bereits verheiratet sind. Im Gegensatz zu mir fürchten sie keine Absage, keine Zurückweisung, haben sie ihre Liebe schließlich längst gefunden.
Somit gehe ich neuerlich leer aus, kann die Frau, für welche ich unendlich viel empfinde, alleine von der kühlen Ferne aus sehnsüchtig-verstohlene Blicke zuwerfen.
Seufzend und die Gedanken auf die Seite schiebend erhebe ich mich und bringe die Briefe meinem Vorgesetzten.
Kapitel 1 – Ein Schaltvorgang mit Folgen
Dicke Schneeflocken.
Zu Abertausenden wirbelten sie durch die hereinbrechende Januarnacht, bedeckten das Land unter ihrer weißen Pracht und beschränkten meine Sicht auf nur wenige Meter. Der Scheibenwischer arbeitete auf Hochtouren ebenso die rauschende Heizung. Die verlassene lang gezogene, sich durch den dichten Wald schlängelnde Bergstraße mutete mir sekündlich befremdlicher an. Dabei war ich diese Strecke bereits dutzende Male gefahren.
»In den kommenden Tagen wird sich an der Großwetterlage nichts ändern. Mit Schneefällen, die lokal teils heftig ausfallen können und Nachttemperaturen um die minus sieben Grad müssen wir uns also noch ein wenig länger herumärgern. Und nun …«
Eine leichte Müdigkeit sich in mir ausbreitend drehte ich das Radio leiser.
Kein anderes Auto war unterwegs. Ich schien die Einzige zu sein, die ausgerechnet bei diesem Wetterchaos zu ihren Eltern fahren musste. Und dies einzig aufgrund meines Nichterscheinens zu Weihnachten.
Hätte ich zu Heiligabend vorbeigeschaut, hätte ich mir diese Strapazen heute erspart. Damals waren die Straßen nämlich trocken gewesen. Nicht einmal gefroren hatte es. Und die Sonne war grell am Firmament gestanden – wie zu Sommers Zeiten.
Ich atmete tief durch.
Jammern half mir nun auch nicht weiter. Versprochen war versprochen. Außerdem fühlte ich mich heute seelisch ein kleines Bisschen besser, als es im Dezember der Fall gewesen war und ich es aus exakt diesem Grund nicht vermocht hatte, meine Wohnung zu verlassen …
Es war eigenartig.
Einst hatte ich Weihnachten geliebt. Das Fest der Familie. Das Fest der Liebe. Eine Zeit, in der Magie in der Luft lag. Eine Zeit des Innehaltens und der Dankbarkeit.
…
Die Magie war verflogen, genauso die Wärme und Fröhlichkeit in meinem Herzen …
Die zusehends lauter werdenden Reifengeräusche, welche eine Verschlechterung der Straßenverhältnisse bekundeten, verscheuchten meine Gedanken.
Nicht gut … gar nicht gut.
Wenn es bereits hier dermaßen eisig war, in welchem Zustand befand sich dann die marode Bergstraße zu meinen Eltern?
Seufzend drosselte ich die Geschwindigkeit auf vierzig Kilometer pro Stunde.
Weshalb hatten meine Eltern das Haus in der Stadt verkaufen müssen? Skifahren konnten sie schließlich überall gehen. Da mussten sie kein Eigenheim in der hintersten Einöde und auf tausendfünfhundert Metern Seehöhe kaufen.
Eben mal Strom und fließend Wasser gab es dort. Kanal? Fehlanzeige. Internet? Noch weniger. Erst recht nicht mit Funk.
Ich gähnte.
Kommenden Montag fing die Arbeit wieder an. Wenn das Wetter sich aber bis Samstag nicht besserte, musste ich meinen Urlaub höchstwahrscheinlich um eine Woche verlängern.
Dabei wollte ich dieses Jahr meine Kreuzschifffahrt buchen. Bei meinem Glück würde daraus jedoch ebenso wenig etwas werden, wie aus dem Bestreben, einen anderen Job zu finden …
Der Schneefall intensivierte sich, nötigte mich, auf dreißig Kilometer pro Stunde zu verlangsamen.
Wenn das so weiterginge, würde ich frühestens um Mitternacht eintreffen.
Ich wechselte vom dritten in den zweiten Gang – und das Heck brach aus.
Sogleich versuchte ich, gegenzulenken. Zu meinem Leidwesen reagierte die Lenkung zuallererst überhaupt nicht und kurz darauf umso heftiger, infolge dessen das Heck in die andere Richtung schlug und ich letztlich vollends die Kontrolle verlor. Der Fiat drehte sich einmal, ein zweites Mal und schließlich ein drittes Mal, ehe er auf der linken Straßenseite im Tiefschnee hängen blieb.
Leicht benommen blickte ich mich um. Ich war heil geblieben. Mein Wagen schien ebenfalls in Ordnung zu sein. Vielleicht musste ich mit einem kleinen Blechschaden am Kotflügel rechnen … Sobald ich mein Ziel erreicht hätte, würde ich ihn einer genauen Prüfung unterziehen.
Ich startete den abgestorbenen Motor, legte den Rückwärtsgang ein und setzte vorsichtig zurück.
Die Räder drehten durch.
Nein, nein, nein!
Nur keine Panik!, dachte ich. Erst einmal aussteigen und schauen, wie es draußen aussieht.
Gesagt, getan.
Die linke hintere Seite sah soweit gut aus, der Reifen stand auf schneebedecktem Boden.
Ich umrundete den Wagen und blickte auf die rechte Seite.
Nein, nein, nein.
Das vordere Rad hing in der Luft.
Ich duckte mich, um einen Blick unter das Auto werfen zu können.
Himmel!
Der Unterboden saß auf. Deshalb kam ich nicht vom Fleck!
Ich eilte zurück zur Fahrertür und kontrollierte den linken vorderen Reifen. Ihm fehlte es ebenfalls an Bodenkontakt.
Mir wurde es kalt – weniger aufgrund der Temperaturen, als vielmehr aufgrund der Situation, in welcher ich mich befand.
…
Alleine auf einer gottverlassenen Straße irgendwo im nirgendwo …
Mit klopfendem Herzen stieg ich wieder ein, schloss die Tür und griff nach meinem Handy.
Kein Empfang.
Himmelherrgott …
Was nun?
Wann kam hier jemand vorbei? Würde in den nächsten Stunden überhaupt jemand vorbei fahren? Und wenn jemand vorbei fuhr – würde mir derjenige helfen wollen?
Bekannterweise hatte sich die Hilfsbereitschaft der Menschen in den letzten Jahren nicht eben erhöht …
…
Müsste ich womöglich erfrieren?
Ich blickte mich um.
Der Schneefall hatte sich abermals verstärkt.
Meine Hoffnung gegen null sinkend beobachtete ich, wie die dicken flauschigen Flocken sich liebevoll-zart auf die Frontscheibe niederließen. Anfangs verwandelten sie sich sofort in Wasser. Mit der Zeit blieben aber mehr und mehr liegen, und keine zehn Minuten dauerte es, bis ich meiner Sicht vollständig beraubt worden war. Furcht und Machtlosigkeit schlichen sich in meine Glieder.
Bitte Gott, hilf mir. Bloß ein Auto. Es braucht lediglich ein einziges Auto vorbeizufahren.
Was ich jedoch noch durch die Seitenscheibe erkannte, fuhr da überhaupt nichts vorbei. Obendrein begann die eisige Januarkälte allmählich in das Wageninnere zu kriechen, mich zaghaft umschlang – wie eine Königspython ihr Opfer. Sie glitt über meine Gesichtshaut, nagte an meinem Mantel … Gottlob bestand dieser aus warmer Schurwolle. Dazu trug ich gefütterte Stiefel, eine warme Uschanka und ein dickes Kleid.
Vor Frau Kälte lag somit noch einiges an Arbeit, bis sie mich vollends in ihre tödliche Umarmung nehmen konnte …
Meine Beklemmung hinunterschluckend kuschelte ich mich in den Sitz und betete weiter.

Träumereien
Wenn sie geht, dann bewegt sie sich nicht bloß – dann küsst sie den Boden mit ihren Füßen. Wenn sie lacht, lächelt die gesamte Welt zurück. Wenn sie spricht, hält das Universum den Atem an, um ihr zu lauschen.
Ich kann es noch immer kaum glauben. Sie hat Ja gesagt! Sie will mit mir ausgehen! Nächsten Samstag!
Ich schließe die Wohnungstür und lehne mich mit nach wie vor rasendem Herzen an diese. Seit heute Morgen, als ich endlich den Mut aufbrachte, Christina zu fragen, klopft es wie verrückt.
Sie hat mich nicht zurückgewiesen. Sie hat sich sogar ungemein gefreut! Wie ihr Antlitz erstrahlte. Wie sie mich musterte …
Sie ist die schönste Frau, welcher ich jemals begegnet bin.
Und nun darf ich dieses wunderschöne Wesen zum Essen ausführen! Ich, dieser schüchterne Mann, welcher von Frauen üblicherweise kaum bemerkt wird, oder eine Zurückweisung nach der anderen erhält.
Langsam schreite ich durch meine Zwei-Zimmer-Wohnung. Die Februarsonne schickt ihre mit jedem Tag an Kraft zunehmenden Strahlen durch das hellgelb gestrichene Wohnzimmer. Sie tastet sich vor, durch die mit Blumenmuster verzierten weiß leuchtenden Gardinen, gleitet über die ebenso weiße Stoffcouch, dem quadratischen Ahorntisch, weiter über den hellen Parkettboden, um meine selbstgemalten auf der gegenüberliegenden Wand hängenden Landschaftsbilder zu beleuchten.
Ich liebe es, zu malen. Vor allem Wasser und Bäume, saftiges Gras und lang gezogene Hügel vor einem opulenten, mit Schleierwolken geschmückten dunkelblauen Himmel.
Womöglich würde ich eines Tages Christina malen dürfen. Ihre wunderschönen in der Sonne glänzenden goldenen Haare, die großen blauen, mich interessiert musternden Augen, gekleidet in einem dunkelgrünen, bodenlangen, tailliert geschnittenen Kleid – im Tau benetzten glitzernden Gras sitzend, umgeben von Abertausenden bunten Blumen …
Seufzend lege ich die Kleidung ab, stelle mich unter die Dusche und überlege mir, was ich mit Christina unternehmen werde.
Kino? Ein romantisches Essen in einem edlen Restaurant? Ein langer Spaziergang im verschneiten Park?
Es gibt so viele wunderschöne Möglichkeiten!
Während ich meinen Körper einseife, entscheide ich mich für einen Spaziergang im Park. Bestimmt würde ihr dies zusagen. Schließlich vernahm ich des Öfteren, wie sie über ausgedehnte Spaziergänge sprach.
Mit ihr eingehakt durch die verschneite Winterlandschaft flanieren … Welch wundervolle Vorstellung! Sie näher zu mir ziehen, wenn es sie fröstelt … ihr so lange in die Augen blicken, bis unsere Lippen sich berühren …
Ich schließe die Lider und träume weiter – von zarten Küssen und lieblichen Umarmungen.
Kapitel 2 – Sehnsüchtige Träume
Kleine bauschige, schneeweiße Wölkchen zieren einen hoffnungsvollen dunkelblauen Aprilhimmel. Bäume tragen ihre üppige rosa und weiße Blütenpracht selbstbewusst zur Schau. Vereinzelte Blütenblätter tanzen verspielt-fröhlich durch die süßlich duftende Frühlingsluft und lassen sich zärtlich auf das satte dunkelgrüne Gras nieder.
Inmitten dieser prachtvollen, verschwenderischen Schönheit steht ihre zierliche Gestalt. Ein kurzes Kleid schmückt ihren betörenden Leib – so weiß wie die uns umgebenden abertausenden Apfelblüten. Das goldene Haar umrahmt ihr engelsgleiches Gesicht. Dunkelblaue in meine Seele zu blicken vermögende Iriden, so strahlend wie der Himmel über uns, lassen mein Herz höherschlagen.
Ich fasse nach ihrer behandschuhten Hand. Rosa Lippen treffen auf meine. Meine Finger vergraben sich in ihr Haar. Ein süßer Seufzer bringt mein Herz zum Rasen. Behutsam leite ich sie zu Boden – keine Sekunde von ihr ablassend –
»Jan?«
Er schreckte hoch – und schlug sich den Kopf an der Dunstabzugshaube.
In drei Teufels Namen.
Tina beäugte ihn besorgt. »Hast du dich verletzt?«
»Nein … nein.« Kopfschüttelnd fuhr er sich durchs Haar. »… es geht schon.«
»Wo warst du mit deinen Gedanken? Ich habe dich fünfmal gerufen.« In ihren Händen hielt sie einen Stoß schmutziges Geschirr.
»Ich äh … stell die Teller gleich –« Sein Blick huschte über hochgetürmte Fleisch- und Suppenteller, Kaffeetassen, Pfannen und Unmengen Besteck, das längst abgewaschen gehörte.
»Genau darüber wollte ich mit dir sprechen«, kam es leicht genervt aus ihrem Mund. »Ich habe keinen Platz mehr zum Hinstellen. Und langsam fallen mir die Hände ab.«
Eine Welle Adrenalin brachte sein Herz zum Pumpen. »Tut mir leid. Ich bin heute nicht sonderlich gut drauf.« Hastig griff er nach zwei großen Pfannen und ließ diese in das mit stark schäumendem Geschirrspülmittel versetzte warme Wasser des Edelstahlspülbeckens gleiten.
Er musste seine Träumereien auf heute Abend verschieben, ehe er sich in ernsthafte Schwierigkeiten brachte …
Für seine Ohren wie gewöhnlich einen Tick zu laut, stellte Tina die Teller auf den frei gewordenen Platz. »Das wären die Letzten.«
Mit geübten Händen fing er an, die größere der zwei Pfannen zu schrubben. »Haben die Gäste sich in ihre Zimmer begeben?«
»Nein, die machen einen Spaziergang.« Es folgte eine Kunstpause, in welcher Jan sich bereits gut vorstellen konnte, wie Tina ihr hübsches Gesicht verzog. »Bei dem scheußlichen Wetter! Unglaublich.«
Unvermittelt huschte ihm ein sanftes Lächeln über die Lippen.
Sie hatte den Schnee noch nie sonderlich viel Positives abgewinnen können.
»Wie verrückt muss man sein, jetzt freiwillig vor die Tür zu treten?« Dies sagte sie in einem Ton, als würde draußen der Tod auf eine jede arme Seele warten, die sich bei einem solchen Wetter hinauswagte.
Neue schmerzhaft scheppernde Geräusche brachten Jan beinahe dazu, die Ohren zuzuhalten. Darauf folgte ein Türenknallen der Küchenkästen, worauf er seiner Kollegin mit dem frechen roten Kurzhaarschnitt einen schnellen Blick zuwarf.
Unerheblich wie oft er es in seinem Leben zu ignorieren versucht hatte, der ruppige Umgang mit Gegenständen tat ihm ohne Ausnahme in der Seele weh. Selbst, wenn solch robuste Alltagsgegenstände wie Pfannen oder loses Besteck weggeräumt wurden.
Es war ein blitzartiger silberner Schmerz, der von seiner Brust aus durch seinen Magen rauschte und in Beinen und Armen ein abruptes Ende fand.
Jan verlor niemals ein Wort darüber.
Zu schwer wog die Furcht, auf eine ähnliche Weise gehänselt zu werden, wie von seinen einstigen Schulkollegen.
…
In ferner Vergangenheit und in einer unbedachten Minute hatte er einen seiner guten Freunde und Klassenkameraden gebeten, das Wasserglas nicht solcherweise laut auf den Tisch zurückzustellen – erstens, weil es ihm stets in den Ohren wehtat und zweitens, weil ihm das Glas leidtat.
Hätte er dieses zweite Argument niemals laut ausgesprochen!
Ab diesem Zeitpunkt hatte er seine ohnedies spärlichen Freunde verloren, und war zu allem Übel angesehene Zielscheibe für Neckereien der eigenen und der Parallelklasse geworden.
»Der Dinge-Liebhaber« hatten sie ihn geschimpft. »Der verrückte Jan« oder »der Glasophile« waren weitere Spitznamen, welche er erhalten und sich bis zum Ende der Schulzeit hatte anhören müssen – nebst anderen erfundenen Ansichten und aufgezwungenen, nicht existenten Charaktereigenschaften …
Obgleich es eine unwahrscheinlich harte Zeit dargestellt hatte, wollte er sie nicht aus seinem Leben streichen. Sie gehörte zu ihm. Sie hatte ihn zu der Person gemacht, welche er heute darstellte. Sie war ihm eine große Lehre gewesen. Eine Lehre, darauf zu achten, was er sagte und wie er es sagte. Eine Lehre, Menschen nicht blind zu vertrauen. Eine Lehre, nicht von sich selbst auf andere schließen zu dürfen.
Aber die wichtigste Lehre stellte nach wie vor die folgende dar: Mobbing war heimtückisch – ja, tödlich. Es raubte dir deine Freude, dein Vertrauen, deine Unbeschwertheit, dein Glück und deine Fantasie.
Jan wusste, wovon er sprach, schließlich hatte er Jahre gebraucht, um sich von den Schikanen der Schulzeit zu erholen, neues Selbstwertgefühl sowie Vertrauen aufzubauen.
Im Grunde genommen kämpfte er nach wie vor damit.
…
Zu jener Zeit hatte er sich etwas geschworen: Niemals mehr würde er Mobbing zulassen – weder bei sich selbst noch bei anderen.
Man konnte ihn schüchtern nennen, oder einen Trau-mich-Nicht – bei Mobbing allerdings hatte er stets die Stimme erhoben. Manchmal mit mäßigem, manchmal mit großem Erfolg. Manchmal hatte er auch den Kürzeren gezogen. Doch das war ihm gleich. Von seinem Standpunkt rückte er keinen Zentimeter ab. Nicht, solange er lebte.
»Nun, dergestalt schlimm ist das Wetter nun auch nicht«, erwiderte er, Tinas Arbeitsweise und seine Erinnerungen ignorierend und sich wieder auf den Abwasch konzentrierend. »Die Natur sieht doch schön aus, wenn sie mit dieser weißen Pracht zugedeckt wird.«
»Die Eiseskälte und das grauenhafte gefrorene Zeugs, das dir die ganze Zeit in dein Gesicht weht? Nein danke!«
Jan verstand sie nicht.
Er liebte den Schnee. Seit jeher. Das Funkeln in der Sonne. Der metallische Geruch vor einem Schneesturm. Die dicken durch die Luft wirbelnden Schneeflocken …
Was gab es da an Schönheit Vergleichbares?
…
Gedanklich seufzend fiel ihm lediglich eine Sache ein: die wahre Liebe.
Mit seiner wahren Liebe bei solch einem Wetter eng umschlungen einen Spaziergang machen – dies konnte an Romantik nicht überboten werden.
»Ich würde gern rausgehen«, murmelte er, das schmerzende Gefühl der Einsamkeit unterdrückend.
»Nachdem das Abendessen beendet ist«, schlug seine Kollegin vor und warf lautstark eine weitere Schranktür zu. »Kannst du ja eine Runde drehen.«
Leider fehlte ihm dazu die passende Begleitung …
»Mhm.«
»Beeilt euch!«
Ein sanfter Adrenalinausstoß brachte Jans Herz abermals in Schwung.
Der Chefkoch.
»So lange habt ihr schon lange nicht mehr gebraucht. Macht euch das Wetter zu schaffen?« Der dunkelhaarige fünfundvierzigjährige großgewachsene schlanke Mann griff nach einem langen Suppenschöpfer. »In zwei Stunden muss das Abendessen fertig sein.«
»Übertreib nicht so, Cheffe«, erwiderte Tina keck. »Wir sind nicht langsamer als sonst!«
Tina liebte es, Christof Paroli zu bieten. Die beiden neckten sich ohnehin täglich, sich wohl gewahr, vom anderen stets das Beste zu halten. Sie waren ein eingespieltes Team, darum durfte Tina sich diesen frechen Umgangston erlauben.
Jan hingegen hätte sich nie angemaßt, auf eine solche selbstsichere, aufgeweckte Weise zu antworten – dafür war er grundsätzlich zu schüchtern. Darüber hinaus wollte er sich nicht unbeliebt machen oder negativ auffallen. Ihm war es lediglich wichtig, einen Job zu haben, in welchem er von seinen Kollegen akzeptiert wurde und sich wohlfühlte.
Alles andere war Nebensache.
Er fasste nach den Fleischtellern. »Wie lange noch bleibt die Hochzeitsgesellschaft?«
Als der Hotelchef vor einigen Tagen von einer dreißigköpfigen Hochzeitsrunde erzählt hatte, welche eine Trauung in einem derart abgelegenen Dörfchen wie das ihre veranstalten wollte, war Jan zu allererst von einem Scherz ausgegangen.
Wer bitte schön heiratete auch im Januar?
Die schönste Zeit stellte nach wie vor der Frühling dar! Blühende Pflanzen, wohin man sah, angenehme Temperaturen und ein leichter Wind, welcher die langen Haare der Braut zum Wehen brachte.
»Morgen reisen die ersten Personen wieder ab.«
Stirnrunzelnd drehte er sich zu Christof. »Wann haben sie denn geheiratet?«
Es war ihm nicht aufgefallen, wie die gesammelten Gäste sich in die vom Hotel einen Kilometer entfernte Kirche begeben hatten. Und überhaupt: Wie war die Braut durch den Schneesturm gestapft … mit wallendem Schleier und Highheels?
Tinas kehliges Kichern erklang. »Na, heute.«
»Wirklich?« Mit warm werdenden Wangen blickte er zu seiner Kollegin. »Das habe ich nicht bemerkt.« Neuerlich das Bild einer durch Sturm und Schnee kämpfenden Frau vor sich sehend wandte er sich wieder dem Abwasch zu.
Tina trat zu ihm und tippte ihm auf die Stirn. »Du warst mit deinen Gedanken wohl wieder irgendwo am anderen Ende der Galaxie.«
Himmelherrgott!
Dies bewies einmal mehr, dass seine kleinen gedanklichen Ausflüchte allmählich ein ungesundes Maß erreichten.
»Ja, wahrscheinlich«, gab er kleinlaut zurück.
Allerdings konnte und durfte ihm dies niemand verübeln!
Was war ihm neben seinen Träumereien noch geblieben?
Tagein, tagaus arbeitete er als Kellner und Abwäscher, einzig um seine Schulden zu tilgen, welche durch seinen gefloppten Roman entstanden waren.
Dabei hatte alles unwahrscheinlich zuversichtlich ausgesehen: Ein renommierter Verlag hatte seinen Roman angenommen – ihm einen Durchbruch zugesichert. Er hatte es geglaubt und in weiterer Folge einen Kredit aufgenommen, um die horrenden Verlagskosten, welche sich aus Druck, Lektorarbeit und Vermarktung zusammensetzten, bezahlen zu können. Zwar verkaufte sich das Buch – selbst jetzt brachte es ihm etwas Geld ein – jedoch bei Weitem nicht genug, um davon leben zu können, geschweige denn den Kredit abzubezahlen.
Jan griff nach dem Spülmittel und drückte etwas von der gelben Flüssigkeit auf den grünen Schwamm.
Nach einigen Monaten – als die Verkaufszahlen einfach nicht weiter ansteigen und ihm keine Ideen für einen neuen Roman einfallen wollten – musste er sich eingestehen, dass die Sache mit der Schriftstellerei damit ein jähes Ende gefunden hatte. Spätestens die Raten, welche er nicht mehr abzubezahlen vermochte, drängten ihn – trotz gewaltigen Widerstandes seiner damaligen Verlobten und Jugendliebe – einen Job als Kellner in einer Schnellimbiss-Kette anzunehmen. Jeden Tag, sieben Tage die Woche hatte er geschuftet und damit nicht bloß seinen Jugendtraum aufgegeben, sondern letzten Endes seine große Liebe verloren, die ihn aufgrund nicht mehr gemeinsam verbrachter Freizeitaktivitäten wie Tanzen, Schwimmen, Ausgehen, Shoppen sowie den Verlust seiner finanziellen Stabilität den Laufpass gegeben hatte.
Gedanklich seufzend schwemmte er den Teller ab.
Jeder Mensch musste einmal arbeiten gehen! Weshalb hatte sie diesen Umstand dazu benutzt, ihn zu verlassen? Schließlich hatte er sich stets mit ihr beschäftigt, ihr all die Zuneigung und Liebe entgegengebracht, die sie wollte und die sie brauchte!
…
Ihr Argument bezüglich seiner finanziellen Situation verstand er jedoch am wenigsten – selbst jetzt brachte sie ihn um den Schlaf. Damals hatte sie zu seinem Heiratsantrag Ja gesagt. Wenn sie ihn dermaßen geliebt hatte, hätte Geld streng genommen an zweiter Stelle stehen müssen, oder etwa nicht?
…
Jäh fiel ihm ein weiterer Trennungsgrund ein, welchen seine Verflossene ihm brühwarm und gefühllos ins Gesicht geschleudert hatte –
»Jan, träumst du schon wieder?« Tinas Stimme zerriss jegliche Erinnerungen und entfesselte in ihm einen mittelschweren Adrenalinausstoß.
»N … nein.« Mit zitternden Händen setzte er den Abwasch fort. »Nein.«
Was war heute denn los mit ihm?
Hatte er etwa einen Moralischen? Oder lag es tatsächlich bloß am stürmischen Wetter, welches das Feuer der Sehnsucht nach der wahren Liebe in ihm schürte?

Die Eine
Wir lustwandeln durch die vereiste, tief verschneite Winterlandschaft. Die über und über mit Schnee beladenen Zweige neigen sich bedrohlich unter der Last der weißen Pracht. Doch die Stärke, welche in ihren zarten Adern fließt, lässt sie gegen die unbeugsamen Kräfte der Erdanziehung bestehen.
Die mit Christina um die Wette strahlende Sonne und ein paar den Frühling sehnlichst herbeisingende Vögel begleiten uns auf unserem romantischen Spaziergang durch die lang gezogene Allee.
Ich ziehe Christina näher zu mir.
Wie schön das Empfinden, sie endlich bei mir zu wissen. Wenngleich ich mir noch immer nicht über ihrer Gefühle zu mir gewahr bin.
Mag sie mich?
Liebt sie mich?
Ein scheuer Blick, ein unsicheres Lächeln, errötende Wangen.
Sie ist so schön. So schön wie eine Göttin. So schön wie ein Engel des Herrn.
»Solcherweise lange habe ich gehofft, du würdest mich ansprechen«, fängt sie zögerlich und mit zusehends heißer werdenden Wangen zu erzählen an. »Aber irgendwann gab ich es auf … Und dann, aus heiterem Himmel, fragst du mich das, was ich mir sehnlichst wünschte.«
Mein Herz beginnt zu rasen.
Kann es die Möglichkeit sein? Waren ihre langen Blicke doch keine Einbildung gewesen?
»Ich … ich habe nichts davon geahnt.« Mein Arm zieht sie noch näher zu mir. »Ich dachte, du hättest kein Interesse.«
Verwunderung spiegelt sich in ihrem betörenden Angesicht wider. »Aber nein!« Ich spüre, wie sie ihren Arm um den meinen schlingt. »Jeden Tag dachte ich ›Heute spricht er mich an. Heute wird er etwas sagen.‹ –« Sie senkt das Haupt. »Aber nie kam es dazu.« Dies verlautet, finden ihre wunderschönen blauen Augen wieder die meinen. »Bis letzten Dienstag.« Ein gewaltiges Lächeln lässt ihr Seelenlicht erstrahlen. »Zuallererst dachte ich, ich würde träumen. Es war surreal.«
»Mein Gott … Christina … wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dich bereits vor einem halben Jahr angesprochen.«
Wir bleiben stehen.
Sie dreht sich gänzlich zu mir und fasst nach meinen Händen.
»Ich war unsicher«, gebe ich schweren Herzens zu. »… bisher erhielt ich ausnahmslos Absagen. Ich fürchtete mich unwahrscheinlich davor, auch von dir weggestoßen zu werden.«
Sie schüttelt den Kopf. »Niemals hätte ich dich weggestoßen.«
Langsam lehne ich mich zu ihr. Ihre rosa Lippen erinnern an frisch aufgeblühte zärtlich duftende Rosen in der heißen Junisonne, welche der zu hart gewordenen Welt ihre jugendliche, durch naive Hoffnung und Tatendrang bestehende Schönheit stolz präsentieren.
»Selbst dann nicht, wenn ich dich küsse?«
Sie erzittert.
»Geht es dir zu schnell?« Ich suche ihren Blick. »Sag mir, wenn es dir unbehaglich wird.«
Ein beinahe unmerkliches Kopfschütteln folgt. »Ich bin lediglich etwas … verunsichert. Zwar hatte ich Verabredungen … aber noch nie hat jemand mich zu küssen versucht.«
Hitze erfasst mich. »Noch nie?«
Kummer huscht über ihr bildhübsches Angesicht. »Noch nie.«
»Darf ich dich küssen? Lässt du mich es dir zeigen, wie schön es sich anfühlen kann?«
Christinas unaussprechlich scheues Nicken lässt meinen Worten Taten folgen.
Ein neues Zittern ergreift Besitz von ihr. Meine rechte Hand legt sich um ihre Taille, meine linke auf ihren Hinterkopf. Sachte, unaussprechlich sachte lasse ich meine Lippen über ihre tanzen. Ein nahezu unhörbares Seufzen verlässt ihren Mund, gleichzeitig schlingen ihre Arme sich um meinen Oberkörper. Ich verliere mich in den durch ihre weichen, süßschmeckenden Lippen hervorgerufenen prickelnden unkontrollierbar durch meine Seele stürmenden Gefühlen, gestatte mir, mich in ihre zarten Arme fallen und von ihrem blumig pudrigen Parfum jegliche Zweifel nehmen zu lassen.
Sie ist es.
Ich weiß es.
Sie ist diejenige, welche.
Kapitel 3 – Eine Rettung und ein Herzenswunsch
Finsternis hatte sich über die verschneite Landschaft gelegt.
Als ich vor zehn Minuten meine Seitenscheibe von einer dicken Schneeschicht befreit hatte, hatte ich mich davon bezeugen dürfen, wie wenig die sinkenden Temperaturen dem starken Schneefall ausmachten.
Drei Stunden.
Drei geschlagene Stunden wartete ich nun auf Hilfe! Doch niemand war vorbeigefahren. Keine einzige Menschenseele.
Zitternd drückte ich mich tiefer in den Sitz.
Ich steckte ganz schön in der Klemme.
Wenn wahrhaftig niemand mehr vorbei kam, was sollte ich dann tun? Bei dem Wetter sich zu Fuß auf den Weg zu machen, wäre einem Selbstmord gleichzusetzen. Die letzte Ortschaft lag über zehn Kilometer weit entfernt. Und die Nächste tauchte ebenfalls erst in ungefähr zehn Kilometern auf.
Ich richtete meine Brille.
Wie es aussah, musste ich weiterhin untätig in meinem erkalteten Wagen auf Hilfe warten –
Zwei Lichtstrahlen verdrängten meine Überlegungen. Da wo sie die Dunkelheit durchschnitten, enthüllten sie mir allmählich kritische Ausmaße annehmendes Schneegestöber.
Ein Auto, schoss es mir durch den Kopf. Das muss ein Auto sein!
Hektisch und mit rasendem Puls riss ich die Wagentür auf und stolperte hinaus.
Ungefähr vierzig Meter von mir entfernt erblickte ich ein von Schneeflocken umwehtes Fahrzeug.
Das konnte meine Rettung sein!
Gleichermaßen wie Erleichterung sich in meiner Seele ausbreitete, tauchte meine vertraute Menschenscheue auf.
Der schiere Gedanke daran, einer wildfremden Person meine missliche Lage zu erklären, bescherte mir einen heftigen Adrenalinausstoß.
Ich ordnete mich zur Ruhe.
Es brachte nichts, vor Panik durchzudrehen. Ohne Hilfe war ich verloren. Das war Fakt. Demzufolge blieb mir gar nichts anderes übrig, als meine Schüchternheit auf die Seite zu schieben, meine Arme nach oben zu reißen und zu winken.
Hoffentlich sah mich der Fahrer … er musste mich einfach sehen!
Nach einigen Momenten erkannte ich eine Schaufel, welche pulvrige Massen an Schnee auf die Seite schob.
Ein Schneepflug.
Während ich weiterhin wie verrückt mit den Armen schwenkte, setzte ich einen Schritt Richtung Straße.
Das Fahrzeug drosselte die Geschwindigkeit.
Oh, Gott sei Dank!
Dafür beschleunigte mein Herzschlag sich nochmals um gut fünfzig Prozent.
Würde die Person mich mitnehmen? Würde sie mir helfen wollen? Oder würde sie Geld verlangen? Geld, das ich nicht hatte …
Mit leicht quietschenden Bremsen wurde das Fahrzeug zum Stehen gebracht. Die Fahrertür öffnete sich und ein graubärtiger Mann gekleidet mit einer dicken braunen Winterjacke, orangefarbenen Hosen und einer roten Haube auf dem Kopf stieg aus.
»Was machen Sie denn hier?« Den Ton in seiner Stimme vermochte ich nicht recht einzuschätzen. Klang er vorwurfsvoll oder doch ein wenig besorgt?
»Ich war auf den Weg zu meinen Eltern«, versuchte ich zu erklären und zeigte in die Richtung, in welche ich weiterfahren wollte. »Vier Dörfer weiter … bin dann aber ins Schleudern geraten und hier steckengeblieben … Wäre es möglich … könnten Sie mich mitnehmen?«
Ich wunderte mich, wie schnell und flüssig ich mein Ansinnen über die Lippen gebracht hatte. In der Vergangenheit war mir dies nie gelungen.
»Das würde ich sofort machen«, antwortete er sachlich. »Aber leider ist die Straße gesperrt worden.«
»Was?« Mir wurde es flau im Magen. »… Aber wieso das?«
»Umgestürzte Bäume.« Er blickte in die Richtung, aus der ich gekommen war. »Und auf der anderen Seite siehts nicht besser aus … ich habe gerade erst die Nachricht erhalten.« Er tippte auf das in seiner Brusttasche herauslugende Funkgerät. »Und in den nächsten Tagen wird sich an diesem Zustand mit Sicherheit nichts großartig ändern.«
Leichte Panik züngelte hoch in mir. »Und wie kommen wir von dieser Straße runter?«
Etwa überhaupt nicht?
Musste ich die nächsten zwei, drei Tage hier ausharren und warten? Das konnte einfach nicht sein, oder?
Er nickte nach rechts in den Wald. »Ein paar Kilometer weiter geht eine Straße in ein abgelegenes Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Dort wollte ich warten, bis sich das Wetter etwas beruhigt hat.«
Seine Worte brachten mir bloß geringe Erleichterung.
Ich knetete die Hände.
Würde er mich mitnehmen? Oder müsste ich zu Fuß dorthin gehen?
…
»Würden Sie mich … könnten Sie mich mitnehmen?« Nervosität veranlasste mich, meine Nase zu kratzen. »… Ich weiß nicht, was ich tun soll. Mein Wagen steckt fest –«
Ein breites sich in sein Gesicht schleichendes Lächeln ließ mich verstummen. »Ich kann sogar noch etwas Besseres … Ich ziehe Ihren Wagen heraus. Dann können Sie mir bis ins Dorf nachfahren.«
Ich fühlte mich um tausend Felsbrocken erleichtert. »Ja wirklich? Das würden Sie tun?«
Er nickte. »Na sicher! Überhaupt kein Problem. Das geht ganz schnell.«
Und er behielt recht.
Keine zehn Minuten benötigte er, um meinen Wagen aus dem Schneehaufen herauszuziehen.
»Folgen Sie mir«, rief er mir zu, während er in den Schneepflug einstieg. »Es ist nicht weit.«

Mit klopfendem Herzen hielt ich das Lenkrad verkrampft in den Händen, eine konstante Geschwindigkeit von dreißig Kilometern pro Stunde beibehaltend. Eine Armee an Schneeflocken wehte gegen meine Frontscheibe, erweckte den Anschein, sämtliche Fahrzeuge an einer Weiterfahrt hindern zu wollen.
Ich fühlte mich erschöpft, und die Angst, nochmals die Kontrolle über mein Fahrzeug zu verlieren, nagte an meinen Nerven.
Reiß dich zusammen, Liza! … Du hast alles richtig gemacht. Der Mann scheint ebenfalls nett zu sein. Und dein Auto fährt. Alles ist gut ausgegangen.
Ja, alles war gut ausgegangen. Meine Zweifel waren komplett umsonst gewesen. Somit wurde es höchste Zeit, dass meine nervliche Anspannung sich legte …
Meine Gedanken schweiften ab.
Wann hatte es eigentlich zuletzt solchermaßen heftig geschneit?
Das musste mindestens fünf Jahre zurückliegen.
…
Wie schön es als Kind gewesen war, im tiefen Schnee zu spielen … mit kalten Beinen und nassen Haaren in die wohlig warme, gut duftende Stube zu treten … Ein heißer Kakao … Buchteln mit Vanillesoße … Kekse … fröhliche Weihnachtsdekoration …
Weiße Weihnachten … Das hatte es lange nicht mehr gegeben.
Würde ich es noch einmal erleben dürfen?
Die von dem alten Herrn erwähnte auftauchende Straßengabelung beförderte mich aus der Vergangenheit zurück ins Hier und Jetzt.
Während wir links abbogen, erblickte ich ein beinahe zur Gänze zugeschneites Straßenschild. Lediglich die ersten zwei Lettern waren zu erkennen: »Se« und auf einer kleineren Zusatztafel darunter »10 km«.
…
Wenn ich mich nicht gänzlich irrte, bedeutete dies, für weitere zwanzig Minuten die Konzentration beizubehalten.
Dichtes, von der Schneelast sich allmählich gefährlich nach unten beugendes Nadelgehölz säumte die unbekannte, in Dunkelheit liegende Landstraße.
Wie mochte das Dorf heißen?
Ich konnte mich partout nicht daran erinnern, je ein Schild mit diesen Anfangsbuchstaben gesehen zu haben – weder ein paar Dörfer davor noch danach. Und die Einfahrt zu dieser Nebenstraße war mir genauso wenig aufgefallen.
Nach weiteren endlosen Minuten des Kopfzermarterns ließ ich es dabei bewenden und schaltete das Radio an.
»Driving Home for Christmas«, drang aus meinen Radioboxen.
Ich musste schmunzeln.
Mein Lieblingslied.
Die Melodie, der Text – die dadurch entfesselten Gefühle … es erinnerte mich ebenfalls an meine Kindheit. An diese wundervolle Zeit ohne Zweifel, Ängste und Sorgen. Andererseits erweckte es Leere. Und Einsamkeit – wie ich dies im Winter, aber speziell zur Weihnachtszeit, oft empfand. Ein Gefühl, entstanden aus dem Wunsch endlich einem Mann zu begegnen, der sich nicht von mir abwandte. Ein Mann, der mich auf dieselbe Weise liebte, wie ich ihn. Ein Mann, dem ich vertrauen durfte …
Nun allerdings, seitdem dieses winzige Licht der Hoffnung namens Tobias ebenso erloschen war wie all die Vorherigen, riss dieser dumme Traum mir ein noch tieferes Loch ins Herz, als dies in der Vergangenheit je der Fall gewesen war.
Ja, es war mein größter Wunsch.
Seit jeher.
Einen Partner zu finden, der zu mir gehörte. Jemand, der mich auf dem restlichen Weg meines Lebens begleitete. Jemand, den ich auf dem restlichen Weg seines Lebens begleiten durfte …
Gähnend drehte ich die Lautstärke höher.
Ein Mann … der Mann. Derjenige, welcher. Der Eine, zu dem ich gehörte. Derjenige, für welchen ich mein Leben geben würde … der Mann, an den ich mich anlehnen durfte … und umgekehrt. Jemand, für den es sich zu kämpfen lohnte. Ein Mann, der sich gleichermaßen um mich sorgte, wie ich mich um ihn.
Das leicht ausbrechende Heck meines Wagens vernichtete sämtliche Gedankenspiele und trieb mir den Schweiß aus den Poren.
Konzentrier dich!
Wenn ich nicht besser aufpasste, würde ich ein zweites Mal in einem Graben landen.
Fürchterlicherweise dauerte es keine fünf Minuten, bis diese unbarmherzige Sehnsucht erneut über mich niederstürzte. Und in weiterer Folge begann mein Verstand zu arbeiten.
Weshalb gelang es mir nicht, jemandem zu begegnen, welcher dasselbe für mich empfand, wie ich für ihn? Sah ich wahrlich derart kindlich-naiv aus, sodass kein einziger Mann auf dieser Welt Interesse an mir zeigen wollte?
Bestimmt lag es an meiner geringen Oberweite gepaart mit meiner Brille, meiner Make-up-Verweigerung und meinem introvertierten Charakter – wie Anna mir dies andauernd unter die Nase rieb.
Je öfter ich weggestoßen wurde, desto unsicherer wurde ich …
Lediglich geliebt und von meinen Mitmenschen geachtet werden wollte ich. Wozu war mein Leben gut, wenn ich Tag für Tag alleine zurechtkommen musste? Sollte dies wahrhaftig den Sinn des Lebens darstellen? Erkennen zu müssen, im Grunde genommen, alleine zu sein … von niemandem beachtet zu werden? Dass alles, was ich tat und wofür ich kämpfte, letztlich völlig belanglos war … ich mein Leben lang alleine bleiben würde, bis zu meinem Tode?
Unweigerlich kamen mir die Tränen.
Dieses schreckliche Gefühl der Trauer nahm tagtäglich zu, wiederum meine Hoffnung schwand. Eine Hoffnung, die einmal unbezwingbar angemutet hatte – damals, als ich nach bestandener Abschlussprüfung aus dem Schulgebäude getreten war.
Ich war mir so sicher gewesen, ein jedes meiner Ziele erreichen zu können.
…
Lediglich drei Wünsche waren es gewesen: Ein eigenes Haus, eine fixe Arbeit mit netten Kollegen und einen mich liebenden rücksichtsvollen Partner.
Mehr wollte ich nicht. Mehr brauchte ich nicht. Mehr verlangte ich nicht. Ich wünschte mir keine Reichtümer, keinen »hippen« gut bezahlten Job, ein nagelneues Sportcabriolet oder eine Stadtvilla in Wien.
Lieber begnügte ich mich mit den kleinen Dingen im Leben. Mir reichte eine warme Wohnung und vernünftiges Essen. Und wenn ich mir ab und an ein hübsches Kleid kaufen durfte … ja, was brauchte ich mehr? Keine von uns in diesem Leben angehäuften materiellen Güter konnten wir mit in den Tod nehmen. Positive Eindrücke und Erinnerungen – dies zählte … und nur wenige davon hatte ich bislang erleben dürfen.
Ich drängte mich nicht gerne in den Mittelpunkt. Bereits deshalb hatte ich mich niemals nach übertrieben verantwortungsvollen Jobangeboten umgesehen oder überdurchschnittlich gut aussehende Jungs angesprochen. Des Weiteren war ich mir über meine eher bescheidenen Talente überaus im Klaren. Es gab nicht viel, das ich wirklich gut konnte. Zwar wusste ich von allem ein klein wenig, aber von nichts gut genug, um damit aufzufallen, daraus Profit zu schlagen oder von Männern im Allgemeinen bemerkt zur werden.
Seit jeher standen mir meine Unsicherheit, Ängste und Selbstzweifel gehörig im Wege. Immerhin hatten diese mich in eine beinahe fünfjährige Arbeitslosigkeit gedrängt. Ebenso rührte der beschämende Umstand davon her, noch niemals zuvor geküsst worden zu sein.
Nun, womöglich wäre ich rascher zu einen Job gekommen, wenn ich über einen großen Bekanntenkreis hätte blicken dürfen. Bedauerlicherweise war es mir weder damals noch heute möglich, auf eine solche Option zurückzugreifen. Die einzigen Menschen, die allzeit zu mir standen, waren meine Eltern. Sie glaubten an mich und sie unterstützten mich. Und dafür liebte ich sie bedingungslos.
Durch das Arbeitsmarktservice hatte ich schließlich den Job in der Buchhaltung erhalten. Obgleich ich mit den Kollegen nicht sonderlich gut zurechtkam – und es im Laufe der Zeit bloß schlimmer zu werden schien – hatte ich auf eine Besserung gehofft – gleichermaßen, wie ich dies von vielen anderen Gegebenheiten meines Lebens erhofft hatte …
Ich hatte fest daran geglaubt, der Weg aus der durch Mobbing gezeichneten Schulzeit würde irgendwann in ein glückliches Leben münden. Ich hatte vermutet, die Schatten meiner Vergangenheit abschütteln zu können. Ebenso war ich mir sicher gewesen, spätestens mit fünfundzwanzig Jahren in einer glücklichen Beziehung sein zu dürfen, und mit meiner großen Liebe meinen dreißigsten Geburtstag zu verbringen – irgendwo auf einer tropischen Insel … mein Traummann an meiner Seite … die Füße im weißen Sand vergrabend …
…
Wie töricht ich gewesen war, anzunehmen, es würde tatsächlich geschehen!
Als ob es wahre Liebe gab! Als ob es Freundschaft und Verständnis gab!
Ein brustzusammenziehendes Gefühl nötigte mich, tief einzuatmen.
Ich musste aufhören, mir über solch dumme Dinge den Kopf zu zerbrechen!
Doch sämtliche Versuche, mich auf den Schneefall und den Schneepflug vor mir zu konzentrieren, misslangen, und meine Gedanken rutschten abermals in dieselbe Schiene ab.
Eine Beziehung.
Weshalb brauchte ich überhaupt eine Beziehung? Weshalb sehnte ich mich nach einer für mich ohnehin in unerreichbarer Ferne legenden Sache?
Fakt war: Niemand wollte mich! Ich war ein naives Mauerblümchen. Eine Frau, die sich nicht wie eine Frau, sondern wie ein dummer Teenager fühlte. Eine Frau, die zu allem Überfluss wie ein Teenager aussah! Aber das Schlimmste stellte nach wie vor die Tatsache dar, diesen vermaledeiten Wunsch nach einem Partner nicht aus meiner Seele löschen zu können! Dabei war ich mir über mein infantiles Verhalten zur Gänze bewusst.
Wenn ich darüber nachdachte … Es brauchte mich nicht zu wundern, dass ein jeder sich von mir abwandte. Wer wollte auch jemanden an seiner Seite, der wie ein trotziges Kind nach der großen Liebe quengelte? Wer wollte jemanden an seiner Seite, der zu schüchtern geworden war, um einen Mann anzusprechen? Wer wollte jemanden an seiner Seite, der an Realitätsverlust litt?
…
Anna hatte wie immer recht: Ich war unfähig, irgendetwas richtig zu machen. Demzufolge funktionierte es auch mit einem Partner nicht. An etwas anderem konnte es nicht liegen.
Sonst hätte ich längst jemanden kennengelernt.
Trauer presste mir die Seele zusammen.
Gleichgültig wie sehr ich es mir einzureden versuchte, keinen Partner zu brauchen, dieser in die Knie zwingende Seelenschmerz gedachte weiter anzuwachsen.
Meine Seele schien nach irgendjemandem zu schreien, der mir einen Beweis für die Existenz wahrer Liebe gab.
Mein Herz wollte es so sehr. Meine Seele verzehrte sich danach.
Alleine mein Verstand hatte begriffen, welch großen Irrsinn diese peinliche romantische Vorstellung eines liebevollen, mich küssenden und in seinen Armen haltenden Mannes darstellte.
Und überhaupt: Selbst wenn es einen solchen Mann geben sollte, wie vermochte ich es, diesem zu begegnen, wenn ich nie in Diskotheken und auf Feste ging? Wie sollte ich, ein solch dummes, unscheinbares und flachbrüstiges Ding, einem derartigen Traummann auffallen?
Ich musste den Kopf schütteln.
Heutzutage wollten Menschen verreisen, mit ihren Statussymbolen angeben und Spaß haben. Sie wollten tanzen, singen, Party machen – Prioritäten, welchen ich rein gar nichts abgewinnen konnte.
Anstatt Festivals zu besuchen, mich hoffnungslos zu betrinken und ausschließlich meine eigenen Bedürfnisse ohne Rücksicht auf andere zu befriedigen, wünschte ich mir ein freundliches Miteinander, Respekt und Anstand, lange Spaziergänge im Wald, gemeinsames Zusammensitzen, Reden, sich wortlos in die Augen blicken …
Die kurz aufflackernden Bremslichter des Schneepflugs vor mir brachten mich zum Schluss, für diese Zeit schlichtweg zu altmodisch zu sein.
Ich musste mich damit abfinden. Ich passte nicht in diese Welt.
Irgendwann würde mein Herz dies wohl verstanden haben.
Hoffentlich dauerte es nicht mehr allzu lange!
Ein Popsong, welcher an Fingernägel erinnerte, die über eine Schultafel kratzen, veranlasste mich, das Radio abzuschalten.
Eines hatte ich in den vielen Jahren der Einsamkeit gelernt: Das Leben bestand nicht daraus, Träume zu verwirklichen. Das Leben bestand daraus, Hoffnung und Glauben zu verlieren. Mit Gewalt öffnete es meine Augen, zeigte mir die Realität. Eine Realität aus Rücksichtslosigkeit, Einsamkeit und Gefühlskälte.
Mein Verstand arbeitete weiter, wollte wieder einmal keine Ruhe mehr geben … Erst das Dorf, welches langsam zwischen den eingeschneiten Wäldern hervortrat, vollbrachte es, meine tristen Gedanken für einen Moment kaltzustellen.
Wie ein Bild von Thomas Kinkade lag es in einem lang gezogenen Hang – die Häuser durch den starken Schneefall beinahe nicht zu erkennen. Einzig die hell erleuchteten unzähligen kleinen Fenster, die gelb scheinenden Straßenlampen sowie bunte Weihnachtsdekorationen ließen Straßen und Grundstücke erahnen.
Ein romantischer wie kitschiger Anblick, der mir das Herz zum wiederholten Male zusammenkrampfte.
Ich zählte mich wahrlich nicht zu den Romantikern, jedoch mit meiner großen Liebe durch eine derartige bezaubernde Winterlandschaft spazieren – diese Vorstellung trug ich seit Kindesbeinen an in meinem Herzen.
…
Wieso tauchten diese vermaledeiten Bilder bloß andauernd auf?! Sie waren es schließlich, die mir mein Herz zerrissen!
Ich war keine sechzehn mehr. Selbst, wenn ich mich solchermaßen dumm fühlte – ich war dreißig Jahre alt! Ich war erwachsen! Dieser Umstand alleine sollte mir zu verstehen geben, dass eine Zeit, in welcher ich wie ein verliebter Teenager durch die Gegend herumstolzieren hätte können, endgültig vorübergezogen war.
Gegangen war die Chance auf Küsse im Park, sorgenfreie Ausflüge, mit Liebe und Glück gefüllte Sommerferien oder Spontanurlaube.
In meinem Alter sollte man solche Dinge längst erlebt haben. Da sollte man einige Jahre zusammen gelebt, womöglich sogar ein Haus gekauft haben. Da gründete man eine Familie. Da hatte man sich ein Leben aufgebaut.
Ergo: Sollte ich noch irgendwann einmal irgendjemanden antreffen, der sich überwand und mit mir abgab, wäre die Zeit des kindischen Verliebtseins ohnehin nicht mehr möglich. Sie war still und heimlich an mir vorübergezogen. Ich hatte sie verpasst.
Wie sagten meine Arbeitskolleginnen? »Es ist deine Schuld, wenn du dir nicht früher einen Mann geangelt hast. Jetzt bleibst du allein.«
Der Schneepflugfahrer leitete mich durch die lieblich geschmückten Blockhütten hinauf zu einer sanft erleuchteten Pension.
Ich stellte meinen Wagen in einer halb ausgeschaufelten Parklücke ab und stieg aus.
»Ich weiß gar nicht, wie sehr ich Ihnen danken soll«, entgegnete ich erschöpft, dafür wenigstens die schmerzenden Überlegungen zu verdrängen vermögend.
Der Mann präsentierte mir ein verschmitztes Lächeln. »Sie können mich zu einem kleinen Bier einladen.« Er nickte zur Pension. »Das Edelweiß hat ein eigen gebrautes köstlich schmeckendes Weißbier.«
Diesen Gefallen tat ich ihm gern.
Kichernd bejahte ich. »Einverstanden … Ich muss bloß meinen kleinen Trolley aus dem Kofferraum heben, dann kanns losgehen.«
»Soll ich Ihnen behilflich sein?«
»Nein, nein.« Kopfschüttelnd öffnete ich die Heckklappe. »Er ist ganz leicht. Ich brauche nicht sehr viel Gepäck.«
»Dann sind Sie aber eine große Ausnahme unter dem weiblichen Geschlecht.«
Glucksend hob ich den weißen Rollkoffer heraus und schloss die Klappe. »Danke für das Kompliment.«
…
Ich erschrak.
Seit wann gelang es mir, auf eine solchermaßen lockere und ungezwungene Art mit einer mir völlig fremden Person zu sprechen? Üblicherweise überwogen meine Selbstzweifel, sodass ich eine Aussage wie diese bestenfalls mit einem kurzen Lächeln beantwortet hätte.
Wahrscheinlich hatte meine Aufgekratztheit Schuld daran. Der Beinahe-Unfall, die drei Stunden des bangen Wartens auf Hilfe – da konnte man schon ein wenig durcheinandergeraten.
Ein raues Lachen seinerseits erklang. »Gern geschehen.« Er streckte mir die Hand entgegen. »Ich heiße übrigens Walter. Wenn es dir recht ist, können wir uns gern Duzen … das tun hier eigentlich alle.«
Hochzüngelnde leichte Ängste unterdrückend ergriff ich seine Hand. »Gerne. Und ich bin Liza. Freut mich.«
»Wie?« Er schien verwirrt. »So einen Namen habe ich aber noch nie gehört.«
»Äh … du kannst mich auch gerne Lisa nennen, wenn es für dich einfacher ist.« Ich zog meine Hand zurück. »Das tun sowieso die meisten.«
»Das klingt gut.« Seine Lippen zeigten mir ein Lächeln. »Na, dann komm mal mit, Lisa.«
An meinem Namen war bisher ein jeder verzweifelt. Und, wie in Walters Fall, hatte ich damit kein Problem. Weh tat es allerdings, wenn man mich hänselte oder mir irgendwelche selbst ausgedachten Spitznamen gab.
Wie Kitty …
Walter öffnete mir die schwere Holztür. »Nur herein in die gute Stube.« Alsbald er zur Rezeption blickte, an der ein junger, elegant gekleideter schwarzhaariger Mann stand, verwandelte sein Lächeln sich in ein breites Grinsen. »Michi! Sieh mal, wen ich mitgebracht habe.«
Während ich meine Stiefel abklopfte, baute meine Menschenscheue sich abermals auf.
Schluckend trat ich zu den beiden.
»Das ist Lisa«, stellte Walter mich vor. »Sie braucht ein Zimmer, solange die Straße gesperrt ist.« Er sah zu mir. »Ich gehe schon mal zur Bar. Komm einfach nach, wenn du dein Zimmer reserviert hast.«
»In Ordnung.« Ich lächelte meine Unsicherheit weg, stellte den Trolley neben mich hin, griff in meine Handtasche und holte nach einigem Suchen mein Portemonnaie hervor. »Wie viel kostet denn ein Einzelzimmer?«
»Fünfundvierzig Euro plus zwanzig Euro Single-Aufschlag.«
Verflixt und zugenäht!
Das kam mir ganz schön teuer.
»Das ist etwas viel … Gibt es vielleicht ein Einzelzimmer? Irgendwo eines im hintersten Eck, oder so?«
Der Mann wirkte entsetzt. »Nein, tut mir leid. Wir bieten nur Doppelzimmer an.«
Und ich wollte mich für meine unbedachte Äußerung liebend gerne selbst ohrfeigen.
Weshalb musste meine Nervosität und Unsicherheit mir durchwegs Steine in den Weg legen? Weshalb brachte mein Gehirn solch dumme Erwiderungen hervor?
Wo blieb die Schlagfertigkeit und Redegewandtheit, wenn ich sie brauchte?
»Ist es möglich, mit Kreditkarte zu zahlen?«
Der Rezeptionist bejahte. »Sehr gerne.«
Ich war kein Freund bargeldloser Bezahlung. Allein meine Musikeinkäufe, welche ich ausnahmslos online abwickelte, hatten mich dazu gedrängt, ein solches Zahlungsmittel beantragen zu lassen.
Als sie mich in den darauffolgenden Jahren aus einer großen Anzahl heikler Situationen gerettet hatte – wie zu niedrig geschätzte Tankkosten oder Geldknappheit ausgelöst durch Nachzahlungen der Stromrechnung – war sie mir jedoch zu einem unabdingbaren Freund im Kampf des Lebens einer jungen Frau geworden.
Ich zog die graue Karte hervor und reichte sie dem jungen Mann. »Bitte sehr.«
Eben wollte er sie in das POS-Gerät stecken, da beäugte er sie nochmals kritisch. Er räusperte sich. »Tut mir leid, aber diese Karte ist abgelaufen.«
Mir wurde es heiß und kalt und schwindlig zugleich.
Bitte, was?!
»Zeigen Sie mal.« Ich nahm sie zurück und blickte auf das Datum: Zwölf zweitausendsechzehn.
Grundgütiger!
»O nein …« Leicht panisch durchsuchte ich die gesamte Brieftasche. »Nein … Nein. Das kann nicht wahr sein!«
Bittere Verzweiflung ummantelte mich.
Ich suchte die Handtasche vollständig ab sowie sämtliche Manteltaschen.
Nichts.
Resigniert blickte ich in die dunklen Augen des Rezeptionisten. »Ich … Ich habe die neue Karte dann wohl zu Hause auf meinem Bürotisch liegen gelassen.«
Der Mann nickte verständnisvoll. »Sie können auch gerne mit einer Bankomatkarte bezahlen.«
O nein!
Diese Option kam für mich ebenso wenig infrage. Aus dem einfachen Grund: Mein Konto war leer.
»Das geht zur Zeit leider nicht …«
Gott, war das peinlich! Schließlich konnte ich ihm schlecht sagen, wie Pleite ich war. Welch Bild hätte das abgegeben?
…
Und jetzt?
Was sollte ich tun? Meine Eltern anrufen und sie fragen, ob sie mir etwas liehen?
Nein.
Ihre finanzielle Situation sah nicht unbedingt rosiger aus.
Ich hatte mich da selbst reingeritten, demzufolge musste ich mich selbst rausholen … Bloß wie?
Nachdenklich blickte ich mich um.
»Gibt es eine andere Möglichkeit der Bezahlung?«
Im selben Moment wurde ich mir meiner – neuerlich – dummen Worte gewahr.
Herrgott!
Was konnte er mir denn anbieten? Ratenzahlung vielleicht?
Es wurde sekündlich schlimmer mit mir …
Der junge Mann runzelte die Stirn. »Worauf wollen Sie hinaus?«
Eben wollte ich zu einer, wahrscheinlich wesentlich dummeren Antwort ansetzen – da ertönte eine satte männliche Stimme.
»Oh! Ein neuer Gast.«
Ich wandte mich nach rechts. Ein vielleicht ein Meter siebzig großer, ziemlich übergewichtiger älterer Herr trat zu uns. »Sie scheinen etwas besorgt. Kann ich Ihnen behilflich sein?«
Er wirkte sehr herzlich und aufgeschlossen – allen voran sein entwaffnendes Lächeln.
Würde er es verstehen, wenn ich ihm meine Lage erklärte?
…
Es wurde mir flau im Magen.
Für gewöhnlich hatte ich Pech, wenn ich andere Menschen um Hilfe bat. Da traf ich auf Personen, welche sich für meinen Schlamassel nicht interessierten, oder mit genügend eigenen Problemen kämpften und mich aus diesem Grunde links liegen ließen.
Würde es, wie zuvor bei Walter, in dieser Situation anders verlaufen? Durfte ich es wagen? Oder würde der Herr mich hochkant rauswerfen?
Im Auto Übernachten war nicht eben die Vorstellung eines verlängerten Wochenendes in den Bergen. Andererseits: Welche Alternativen gab es?
…
Die Augen des Mannes strahlten mich glücklich an. Sie schienen ungemein verständnisvoll und aufrichtig …
Ach, was solls!
Ich kratzte meinen gesamten Mut zusammen und begann zögerlich zu erklären: »Ich habe ein Problem … Nun … Es ist so …«
Meine Güte! Ich klang so unsicher. Wahrscheinlich vermutete der Mann bereits, ich sei ein völlig hilfloser und unfähiger Mensch …
»Ich war auf den Weg zu meinen Eltern. Sie wohnen vier Dörfer weiter –«
Ein zärtliches Berühren meines linken Oberarmes durch seine Hand brachte mich dazu, innezuhalten.
»Kommen Sie mit. Besprechen wir das am besten in meinem Büro.«
Mit aller Kraft hielt ich mich davon ab, zurück zu stolpern.
Ich ertrug es nicht, wenn Personen mir zu nahe kamen. Dazu zählten bereits ein einfaches Berühren meines Arms oder ein unverbindliches Händeschütteln – selbst dann, wenn ich, wie heute, einen langen Mantel und Handschuhe trug.
All meiner Aufregung zum Trotz begann mein Verstand die Situation blitzschnell zu werten. Und keinen Augenblick später brachte er eine Frage hervor: Weshalb wollte der Herr in seinem Büro, und nicht hier mit mir sprechen? Schließlich wusste er nicht, in welcher Lage ich mich befand.
…
Wollte er womöglich etwas ganz Spezielles von mir?
Beruhige dich!, ermahnte ich mich. Du bist einfach zu übervorsichtig. Viel mehr, als im Auto zu übernachten, kann bei der Sache nicht rauskommen … also, versuche dich ein wenig zurückzuhalten.
Lautlos seufzend nickte ich dem Mann zu.
Ich folgte ihm durch einen langen, mit Holz verkleideten Korridor, auf dessen Wänden Knüpfbilder von verschneiten Häusern und Wildtieren hingen. Ein altrosa Teppichboden verschluckte sämtliche Geräusche unserer Schritte und unterstrich die heimelige Atmosphäre.
»Da wären wir.« Dort, wo der Flur einen Knick nach links machte, befand sich eine nachgedunkelte Holztür. Diese mündete in ein mittelgroßes mit Vollholzmöbeln, Holzstuck und schweren dunkelroten Vorhängen eingerichtetes Zimmer. Ein behaglicher Duft von ebendiesen Möbeln vermischt mit Vanille hing in der Luft, und ein in verschiedenen Brauntönen gehaltener Teppich schmückte den Boden.
»Hier bitte.« Er zeigte auf einen von zwei Holzstühlen, auf dessen Rückenlehnen Edelweißblüten eingeschnitzt worden waren. »Setzen Sie sich.«
Dankend ließ ich mich nieder.
»Sie scheinen mir ziemlich verzweifelt«, entgegnete der dickliche Mann besorgt, während er sich mir gegenüber auf einen gewaltigen Ledersessel setzte. »Haben Sie Schwierigkeiten?«
Mein Herzschlag beschleunigte sich.
»Wie? Was –«
Woher konnte er das wissen?
»Tut mir leid …« Er vollführte beruhigende Handgesten. »Ich falle schon wieder mit der Tür ins Haus, nicht?«
»Äh, also –«
»Es tut mir wirklich leid. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.« Einige Augenblicke lang hielt er die Lider geschlossen. »Es ist bloß so … ich erkenne, wenn Menschen bedrückt sind … Darum mein Vorschlag, hier mit Ihnen darüber zu sprechen.«
Spätestens jetzt war ich vollends meiner Worte beraubt.
Strahlte ich meine Verzweiflung etwa dermaßen heftig aus?
…
Wollten Mitmenschen deshalb nichts mit mir zu tun haben? Hatte das daran Schuld? Machte sich deshalb ein jeder lustig über mich?
Kälte erfasste mich.
Wollte etwa deshalb kein Mann mit mir zusammen sein?
…
»Also«, riss der Herr mich aus meinen Grübeleien. »Wenn Sie darüber sprechen möchten – nur raus damit.«
»Ich … nun –«
Meine finanziellen Sorgen konnte ich nicht irgendeinem fremden Menschen anvertrauen! Damit gab ich mich höchstens der Lächerlichkeit preis – etwas, das mir in der Vergangenheit unzählige Male widerfahren war und ich aus exakt diesem Grunde zwingend verhindern wollte.
Andererseits – was hatte ich noch großartig zu verlieren, außer einen Stolz, welchen ich ohnehin längst verloren hatte?
Des freundlichen Herren wärmeausstrahlende Augen nahmen mir einen Teil meiner Verunsicherung.
»Ich bin gänzlich pleite«, gab ich seufzend zu und nahm meine Uschanka ab. »Ich habe meine Kreditkarte zu Hause vergessen und mein Konto ist blank. Darüber hinaus trage ich nur fünfzig Euro bei mir – mein Tankgeld für diesen Monat.«
Stumm nickend hörte er mir angestrengt zu. Erkennen konnte ich dies an seinen leicht zusammengezogenen Augenbrauen und der in Falten gelegten Stirn.
»Und jetzt ist die Straße gesperrt, und ich komme nicht zu meinen Eltern. Sie hatten mich eingeladen – wollten unbedingt, dass ich sie besuche.«
»Und dann musste der Schneesturm aufkommen«, warf er nachdenklich ein.
»Ja, genau so siehts aus.« Ich legte meine Hände um die Kopfbedeckung in meinem Schoß. »Ich kann Ihnen bloß vorschlagen, meine Eltern anzurufen, damit sie mir das Geld vorstrecken … Ich habe wirklich nichts mit.«
Abermals nickte er.
Meine Eltern wollte ich damit am wenigsten belasten, aber irgendwie musste ich das Hotelzimmer schließlich bezahlen. Was blieb mir da anderes übrig?
»Können Sie kochen, abwaschen, putzen?«
Ich blinzelte. »Äh … ja, natürlich.«
Er setzte sich etwas auf. »Wenn es Ihnen recht ist, können Sie die Zeit, in der Sie hier warten müssen, für mich arbeiten.«
Perplex starrte ich in sein rundliches glattrasiertes Gesicht.
Meinte er …?
»Somit können Sie Verpflegung und Übernachtung abarbeiten und müssen weder Ihre Eltern noch sonst wen um Hilfe fragen.« Etwas Undeutbares blitzte in seinem Gesicht auf. »Wie ich das nämlich sehe, wollen Sie andere nicht sehr gerne um Hilfe bitten … Aber damit wäre allen geholfen, nicht?«
Mit der Zeit wurde es unheimlich.
Wie machte er das?
War dies Zufall?
Dieser Mann machte nicht den Eindruck, auf gut Glück zu raten oder sich kurzfristig irgendetwas zusammenzureimen und damit ab und an einmal richtig zu liegen.
Plötzlich wurde es mir klar: Es musste eine Art Gabe sein. Er hatte das nötige Feingefühl, um zu erkennen, wann Menschen sich in Not befanden.
…
Grundsätzlich hatte ich solche Reaktionen und Fähigkeiten als eine Art Hollywood-Märchen abgetan – nette ältere Herren oder Damen, welche auf nahezu zauberhafte Weise das Leid fremder Menschen erkannten und ohne Gegenleistung Hilfe anboten …
»Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Peinlich berührt richtete ich meine Brille. »Ich will niemandem Schwierigkeiten bereiten … und bedeutend weniger möchte ich wie ein Versager aussehen.«
»Das tun Sie absolut nicht«, erwiderte er fröhlich. »Sie wirken sogar sehr stark … Sie können Ihr Innerstes ganz gut verstecken.« Verspielt zwinkerte er mir zu. »Meine Frau ist Ihnen da sehr ähnlich. Sie spielt auch ständig die Toughe, dabei benötigt sie eine starke Schulter zum Anlehnen viel öfter, als es ihr lieb ist.« Für einen Wimpernschlag huschte etwas Ähnliches wie Unsicherheit über seine herzlichen Züge. »Aber bitte sagen Sie es ihr nicht … sonst bekomme ich ernste Schwierigkeiten.«
Ich musste schmunzeln.
Es war einfach zu komisch.
Da saß ich mit einem wildfremden Mann, der mehr über mich zu wissen schien als meine eigenen Eltern – und plauderte mit ihm über charakterliche Schwächen und leere Bankkonten.
Dieser Tag würde wohl als der verrückteste in meine Lebensgeschichte eingehen.
»Ich werde ihr nichts verraten«, versprach ich.
Sein Lächeln wuchs an. »Ach ja.« Er griff nach Papier und Stift und legte diese vor mich hin. »Bitte schreiben Sie mir Namen, Anschrift, Geburtsdatum und Telefonnummer auf.«
Ich fasste nach dem Kugelschreiber.
»Nur für Notfälle.«
»Ich verstehe … Wenn irgendjemand vom Amt vorbeischaut … oder ich Schwierigkeiten mache, oder?«
Er bejahte. »Obwohl ich solche Vorsichtsmaßnahmen wirklich ungern treffe.« Ein unerwartet trauriger Unterton schwang in seiner Erklärung mit. »Ich habe leider einiges erlebt. Darum passe ich jetzt etwas besser auf.«
Durch meine vermaledeite Nervosität brachte ich es wieder einmal nicht zuwege, meine Daten schön leserlich auf Papier zu bringen. Wie das eines Kindes, welches eben seine ersten Schreibversuche unternommen hatte, mutete mein fürchterliches Gekrakel an.
»Das kann ich gut nachvollziehen.« Meine Finger steif und schmerzend gab ich ihm Papier und Stift zurück. »Die Gesellschaft ist leider nicht mehr das, was sie einmal war.«
»Ja.« Sein kummervolles Gesicht versetzte mir einen Stich.
War er, wie ich, tief verletzt worden?
»Es ist furchtbar … andererseits –« Schlagartig brachte der Mann strahlende Hoffnung zum Ausdruck. »Beweisen Sie mir, dass es noch Ausnahmen gibt.«
Eine unangenehme Wärme stieg mir in die Wangen. »Meinen Sie? … Ich bin mir da nicht so sicher.«
Ich sollte anders sein?
Ich bekam nichts auf die Reihe … Stets beschwerten die Leute sich, jammerten und schimpften. Über jede Kleinigkeit. Ich war sicherlich keine Ausnahme. Ich war nicht einmal die Regel. Ich war ein Niemand.
Der Mann erhob sich. »Aber ich.« Er präsentierte mir ein breites Grinsen. »Das muss reichen.«
Von seinem fröhlichen Ausdruck angesteckt, stand ich lächelnd auf.
Er umrundete den Schreibtisch und hielt mir die Hand hin. »Übrigens. Mein Name ist Manfred Weiß … Aber am liebsten ist es mir, wenn wir uns Duzen.« Seine Lippen verzogen sich geringfügig. »Obwohl das nicht alle meine Angestellten tun.«
»Gerne.« Ich ergriff seine Hand und schüttelte sie. »Ich heiße Liza.«
»Wie Liza Minelli?«
»Ja, genau.«
Ich konnte es kaum fassen! Der erste fremde Mensch, der meinen Namen richtig aussprach!
»Dann weiß ich Bescheid.« Er führte mich aus dem Büro. »Ich bringe dich zu Michi. Der wird dir deinen Zimmerschlüssel geben.«
Frische Unsicherheit kletterte in mir empor. »Eine Bitte hätte ich noch.«
»Ja?« Er musterte mich mit demselben neugierigen Blick wie vorhin. »Nur raus damit.«
»Darf ich meine Eltern anrufen?« Ich knetete meine behandschuhten Hände. »Mein Handy hat keinen Empfang … und sie werden sich bestimmt Sorgen machen.«
»Aber natürlich! Das Telefon bei der Rezeption steht zu deiner freien Verfügung.«
Erleichterung ließ mich aufatmen. »Vielen Dank.« Ich überlegte. »Ach ja … ab wann soll ich morgen zum Dienst antreten?«
»Am liebsten würde ich dich ausschlafen lassen. Da wir zurzeit aber eine Hochzeitsrunde mit dreißig Personen im Hause haben, bin ich dankbar für jede helfende Hand. Es wäre somit toll, wenn du zwischen sechs und halb sieben in der Küche sein würdest.«
»Selbstverständlich. Gar kein Problem. Ich bin sowieso Frühaufsteher.«
»Wenn das bloß alle meine Angestellten wären!« Herzliches Lachen drang aus seiner Kehle. »Na ja, vielleicht schauen sie sich bei dir etwas ab.«
Ich machte eine wegwerfende Handgeste. »Ich denke, erst sollte ich mich beweisen … Man sollte den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben.«
Ganz besonders mich nicht …
Kichernd führte Herr Weiß mich zum Empfang.
»Michi! … Gib Liza die Schlüssel.«
»Sehr gern.« Der junge Mann fasste nach einem auf der Mauer hinter ihm hängenden Schlüssel mit einem ovalen Anhänger, auf dem die Nummer 26 eingraviert worden war, und reichte ihn mir. »Hier bitte.« Er zeigte zur langen Holztreppe. »Ihr Zimmer befindet sich im ersten Stock. Haben Sie einen schönen Aufenthalt.«
»Ihr könnt euch gerne Duzen«, informierte Manfred. »Liza wird uns für die nächsten Tage etwas zur Hand gehen. Jedenfalls solange das stürmische Wetter anhält und die Straße gesperrt ist.«
»Oh.« Michis Augen weiteten sich geringfügig. »Dann kommen heute wohl keine Gäste mehr.«
»Nein«, erwiderte Manfred beschwingt. »Ich glaube nicht.«
»Dann wird das ein ruhiger Abend werden.«
»Ja.« Der Hotelbesitzer nickte. »Da bin ich mir ziemlich sicher.«
»Super!«
Die beiden Männer warfen sich vertraut-wissende Blicke zu.
Was hatte dies zu bedeuten?
Ich atmete lautlos durch. »Nochmals vielen Dank für die Hilfe. Ich wüsste wirklich nicht, was ich sonst gemacht hätte.«
Der dickliche Mann schenkte mir ein weiteres Lächeln. »Dafür sind wir ja da.« Er klatschte in die Hände. »Aber jetzt muss ich mich noch um ein paar Dinge kümmern.« Damit verschwand er Richtung Korridor.
Ich drehte mich zu Michi. »Darf ich bitte kurz das Telefon benutzen? Ich müsste meine Eltern anrufen … mein Handy hat nämlich keinen Empfang.«
»Sicher.« Er machte mir Platz. »Mit diesem Funk-Zeugs hat man einzige Probleme, stimmts?«
Nickend trat ich hinter die Rezeption und hob den weißen Hörer des an die Achtzigerjahre erinnernden Telefons ab, welches etwas seitlich jedoch gut sichtbar neben einer Wasserlilie stand. »Ja, das sehe ich genauso. Ein Festnetzanschluss funktioniert beinahe immer. Handys dagegen geben bald einmal den Geist auf.«
»Genau meine Rede! Aber am schlimmsten finde ich die Akkulaufzeit. Jedes Mal, wenn man schnell etwas nachschauen oder jemand anrufen will, ist der Saft aus.«
Ein Kichern zurückhaltend drehte ich mich zum jungen Mann um. »Mir gehts ganz gleich! Oder die Software hängt sich auf und das Telefon startet neu.«
»O Mann!« Er verdrehte die Augen. »Das ist der Horror!«
Wir lachten beide laut auf.
…
Meine Güte, tat das gut. Nach solch einer langen Zeit ein gänzlich normales Gespräch führen, ohne unterbrochen oder gemaßregelt zu werden …
Obgleich Arbeitskollegen sich ohnehin nicht sonderlich gerne mit mir unterhielten, waren kurze Gespräche in den letzten Monaten zu einer echten Seltenheit geworden. Dies lag an der Tatsache, aufgrund meiner Kaffeeeinladung von Tobias nun ebenfalls ignoriert zu werden.
»Aber jetzt lasse ich dich einmal dein Gespräch führen.« Lächelnd drehte Michi sich zur Seite und begann Papiere wegzuordnen.
»Es dauert nicht lang«, versprach ich und begann die Nummer zu wählen.
»Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst.«
Ich wollte etwas Weiteres erwidern, da hielt ein besorgt klingendes »Hallo« meiner Mutter mich davon ab.
»Hey, Mama! Ich bin’s!«
»Liza?!« Ihre Stimme überschlug sich regelrecht. »Geht’s dir gut?«
Ein gewaltiges Schuldgefühl fing an, sich um meine Seele zu wickeln.
Wie lange hatte sie sich meinetwegen gesorgt?
»Es tut mir leid, dass ich mich erst jetzt melde … Aber es geht mir gut.«
»Ist etwas passiert?« Gott sei Dank klang sie ein wenig gefestigter. »Bist du noch unterwegs?«
»Nun … nein … Ich hatte einen kleinen Unfall, aber passiert ist mir nichts. Und was ich bisher gesehen habe, hat auch das Auto keinen Schaden genommen –«
»Einen Unfall?! In Gottes willen! Was genau ist denn passiert? Wo bist du jetzt? Sollen wir dich abholen kommen?«
Himmel!
Durch meine törichte Erzählung war das exakte Gegenteil geschehen: Nicht beruhigt hatte ich sie, sondern ihren Kummer angefacht!
Ich hätte erst gar nichts erwähnen sollen.
»Ich bin in einem Hotel in Seedorf«, versuchte ich zu beschwichtigen. »Ihr könnt mich nicht abholen. Die Landstraße ist bis auf Weiteres gesperrt. Ich sitze also so lange hier fest, bis der Schneefall aufgehört und die umgestürzten Bäume weggeräumt worden sind.«
Es entstand eine längere Pause, in welcher meine Mutter aller Wahrscheinlichkeit nach die Situation zu überdenken versuchte.
»Sag mir bitte genau, was passiert ist.« Einerseits flehend, andererseits streng gab sie diese Anweisung kund.
Ich räusperte mich, schluckte Scham- und Versagensgefühle hinunter. »Ich bin ins Schleudern geraten und im Schnee stecken geblieben … Dann habe ich drei Stunden lang gewartet. Zum Glück ist ein Schneepflug vorbeigekommen. Der Fahrer hat mir geholfen, den Wagen herauszuziehen.«
Solch eine schlechte Autofahrerin wie mich gab es in Österreich mit Sicherheit kein zweites Mal …
Meine Mutter atmete erleichtert aus. »Dann ist ja noch einmal alles gut ausgegangen.«
Und ich fühlte mich beträchtlich erleichterter.
»Ja. Mir gehts wirklich gut. Jetzt muss sich bloß das Wetter beruhigen, dann kann ich zu euch kommen.«
»Mach dir da bitte keinen Kopf. Hauptsache, dir geht es gut.« Eine kurze Zeit der Stille folgte. »Ich hätte dich nicht drängen sollen, zu uns zu kommen. Wärst du nicht losgefahren, dann wäre das nicht passiert … Es tut mir furchtbar leid.«
Mir wurde es reichlich anders zumute. »Red keinen Unsinn! Da hat niemand Schuld dran.«
Wie kam sie auf die Idee, sich selbst die Schuld zu geben? Niemand konnte etwas dafür … Wenn überhaupt, dann war der Fehltritt einzig und allein bei mir zu suchen! Wäre ich zu Weihnachten vorbeigekommen, hätte ich mir dieses Fiasko und meinen Eltern unnötige Sorgen erspart.
»Es gibt aber ein anderes Problem«, fuhr ich zögerlich fort. »Sollt es derart heftig weiter schneien, komme ich womöglich überhaupt nicht mehr zu euch durch.«
»Wieso das?«
»Ich muss Montag wieder arbeiten. Weiteren Urlaub beantragen, ist nicht möglich. Mein Chef hat mir nur für diese paar Tage frei geben können. Zurzeit ist viel zu tun.«
Ich vernahm ein leises Seufzen. »Na ja, dann schauen wir, dass wir zu dir kommen.«
»Das wäre toll.« Ich lächelte. »Zurzeit ist es leider ziemlich stressig.«
»Seit du bei dieser Firma arbeitest, scheinst du keine freie Minute mehr zu haben … Wird das mit der Zeit nicht zu belastend für dich?«
Jetzt fing sie wieder damit an.
Seitdem ich ihr vom Arbeitsstress erzählt hatte, beharrte sie auf eine Kündigung.
Selbstredend verstand ich ihre Besorgnis. Sie hatte recht, wenn sie meinte, ich müsse mich in einem Job wohlfühlen … Leider Gottes funktionierte die Welt nicht auf diese Weise.
Aus diesem Grunde verschwieg ich ihr auch meine seelische Verfassung und vertröstete sie jedes Mal, wenn sie oder mein Vater mir einen Besuch abstatten wollten oder ich zu ihnen fahren sollte.
Ich wollte sie nicht belasten. Zeitlebens hatten sie sich um mich gekümmert. Nun war ich erwachsen und musste mit meinen Schwierigkeiten selbst zurechtkommen.
Wie hieß es noch gleich? Das Leben war hart …
»Bitte, Mama … Du weißt, wie schwer es ist, seine Arbeit zu wechseln. Die Zeiten haben sich geändert. Ich muss froh sein, überhaupt einen Job zu haben.«
»Das weiß ich, Schätzchen.« Sie hörte sich bekümmert an. »Ich mache mir nur Sorgen. Das verstehst du, oder?«
…
»Natürlich.«
Aber exakt dies wollte ich verhindern!
Himmel!
Wollte mir wahrhaftig gar nichts mehr gelingen?
»Lass dich nicht zu sehr einspannen. Achte auf dich. Es soll dir gut gehen. Wenn es dir dort nicht gefällt, dann kündige. Besser ein paar Monate arbeitslos zu sein, anstatt sich fertigzumachen.«
Wenn dies so einfach gewesen wäre! Schließlich brauchte ich das Geld. Vor allem jetzt, wo dergestalt viele Zahlungen ins Haus geflattert waren und auf meinem Konto gähnende Leere herrschte. Außerdem war ich mir sicher: Wenn ich jetzt kündigte, würde ich weit länger als ein paar Monate arbeitslos sein …
»Ich passe auf mich auf, versprochen.«
»Das sagst du andauernd … und dann fühlst du dich trotzdem unwohl.«
Sie kannte mich einfach zu gut.
»Mir geht es wirklich gut … aber jetzt muss ich aufhören.«
»Ja, ich verstehe.« Der leise vorwurfsvolle Protest in ihrer Stimme versetzte mir einen Stich.
Ich verstärkte den Griff, mit welchem ich den Telefonhörer festhielt.
Was bitte schön sollte ich denn tun? Sie wusste, wie mein Leben verlief und wie wichtig mir meine Unabhängigkeit war. An meiner Situation konnte sie ebenso wenig etwas ändern wie ich selbst. Was brachte es da, dieses Thema erneut bis ins kleinste Detail durchzukauen? Darüber hinaus hätte ihr eine solche Diskussion im günstigsten Falle weiteren Kummer bereitet.
»Hast du genügend Geld mit?«
Manchmal schien sie Gedanken lesen zu können. »Ja … ja, keine Sorge.«
»Wirklich?«
Mir wurde es heiß. »Ja … es ist alles in Ordnung. Ich rufe dich an, sobald ich mich auf den Weg mache, okay?«
»Ist gut.« Erneut hörte ich sie leise aufseufzen. »Aber wenn du doch Hilfe brauchst, dann ruf mich an.«
»Danke … das mache ich, versprochen.«
»Na gut.«
…
Sie war sich meiner Flunkerei bewusst geworden.
Ich fühlte mich hundsmiserabel deswegen.
»… Dann schlaf gut. Und pass auf dich auf.«
»Mach ich.« Ich rieb mir über die rechte Schläfe – die Gewissensbisse wollten dadurch aber in keiner Weise abnehmen. »Gute Nacht. Und grüß Papa von mir.«
»Ich werde es ihm ausrichten … Gute Nacht, Schätzchen.«
Ausatmend legte ich den Hörer auf die Gabel.
»Eine besorgte Mutter?«, vermutete Michi.
Mit warmen Wangen nickte ich ihm zu.
Es war klar gewesen, dass er mitgehört hatte … So etwas Peinliches!
»So sind Mütter eben.«
Er kicherte. »Ja, aber besser so, als andersrum.«
»Da hast du recht.« Ich trat zu meinem Koffer. »Ich werde einmal in mein Zimmer gehen und meine Sachen auspacken. Und dann werde ich mich noch kurz zu Walter setzen.«
»Mach das.« Michi fasste nach einem Buch und hielt es hoch. »Und ich werde mir diesen Thriller hier zu Gemüte führen.«
Sein glückseliger Anblick brachte mir ein Lächeln ins Gesicht zurück. »Darfst du das denn?«
Er nickte eifrig. »Ja, wenn es ruhig ist und wir nichts zu tun haben, dürfen wir auch mal ein wenig lanzeln.«
…
Von daher rührten die wissenden Blicke vorhin!
»Na, dann viel Spaß mit der Geschichte.« Ich hob den Trolley auf und trug ihn über die Holztreppe hoch in den ersten Stock. Oben angekommen, stellte ich ihn zurück auf den Boden, fasste nach dem Griff und zog ihn hinter mir her.
Der Korridor hatte große Ähnlichkeit mit dem in Erdgeschoss. Lediglich die mit Ölfarben gemalten Bilder, welche Jäger mit ihren geschossenen Trophäen, darunter Steinböcke, Hirsche und Gämse zeigten, brachten die typisch österreichische Atmosphäre nochmals besser zur Geltung.
Mein Zimmer lag ungefähr in der Mitte, von einer mächtigen Vollholztür versperrt. Ich schloss auf und trat ein. Ein behaglicher Duft von Holz und Zimt stieg mir in die Nase. Mein Blick glitt durch den schätzungsweise fünfzehn Quadratmeter großen Raum. Das Doppelbett befand sich auf der rechten Seite, gegenüber davon stand ein Schrank. Vor mir, unter dem quadratischen zweiflügeligen Kastenfenster mit den altrosa Vorhängen und dem Store mit Blumenmuster, erstreckte sich eine kurze Kommode, auf der eine Duftlampe stand. Der Boden war mit einem naturfarbenen Teppich ausgelegt worden, welcher sich bereits unter meinen Stiefeln unbeschreiblich weich anfühlte.
Um diesen nicht zu beschmutzen, zog ich mir zu allererst die Schuhe aus. Ich entledigte mich des Mantels und der Handschuhe und begann sodann, den Koffer auszupacken. Mit den Hygieneartikeln in der Hand schritt ich an der Kommode vorbei in das kleine hellgelb verflieste Bad. Es beinhaltete eine Dusche, ein WC und ein winziges Waschbecken mit einem vielleicht sechzig mal sechzig Zentimeter großen Spiegel an der Wand.
Niedlich war kein Ausdruck.
Ich musste gestehen, so wohl wie ich mich hier fühlte, fühlte ich mich nicht einmal in meiner kleinen Vorstadtwohnung mit den vielen Laubbäumen und den im Sommer blühenden Stauden drumherum.
…
Um ehrlich zu sein, hatte ich mich dort noch nie sonderlich wohlgefühlt. Das lag zum einen an der viel befahrenen Straße und zum anderen an den Mietern.
Was will die Angeberin hier?
Kannst du dir die Miete überhaupt leisten?
Ich sage es dir das letzte Mal: Wenn du an der Reihe bist mit dem Stufenwischen, dann muss das pünktlich erledigt werden, oder es wird der Hausverwaltung gemeldet – und dann verlierst du die Wohnung schneller, als du schauen kannst.
Kopfschüttelnd versuchte ich, die Gedanken loszuwerden.
Weshalb mussten Menschen stets solchermaßen kalt sein? Was hatte ich ihnen getan? Was hatten sie davon, andere runter zu machen? Wieso konnte die Gesellschaft nicht freundlich miteinander umgehen?
Seufzend trat ich zum Waschbecken und wusch mir die Hände, dann machte ich mit dem Ausräumen weiter.

Dir so nah
Christina liegt neben mir, an meinen Körper gekuschelt. Ihr sanfter Atem kitzelt in meinem Nacken, entfesselt mir immerzu ein kribbeliges Gefühl im Bauch.
Wie schön die Nacht gewesen war! Unvergleichlich. In Worte nicht zu kleiden.
Niemals hätte ich vermutet, ihr noch am selben Tage solchermaßen nahe kommen zu dürfen – speziell einer Jungfrau nicht.
»Es war wunderschön«, höre ich sie hauchen. »Unfasslich schön. So habe ich es mir immer erträumt.«
Ich lege die Hände auf Christinas meinen Oberkörper geschlungene Arme. »… Es war unglaublich.« Ihr Bein, welches zärtlichst über meines reibt, bringt mein Herz wie wild zum Klopfen. »Am liebsten würde ich nie mehr aufstehen.«
Ein von Glücksgefühlen und Dankbarkeit genährtes Kichern dringt aus ihrem Mund in meine Ohren. »Hier gemeinsam liegen, bis ans Ende der Zeit.«
Welch wundervolle Vorstellung!
Christinas Magenknurren lässt mich auflachen. »Wie es scheint, hat der Hunger bedauerlicherweise ein Wörtchen mitzureden.«
»Ja«, seufzt sie. »Unseligerweise.«
Ich drehe mich zu ihr um. »Willst du frühstücken?«
Jäh färben ihre Wangen sich dunkelrot, zugleich senkt sie den strahlenden Blick. »Lieber würde ich dich noch einmal spüren.«
Heiße Erregung stürmt mir durch den Leib. »Meinst du wirklich?« Behutsam fahre ich ihr durchs samtweiche Haar. »Es hat dir wehgetan. Meinst du nicht, wir sollten etwas warten, bis wir erneut …«
Beträchtlich beschämter schmiegt sie sich an meinen nackten Körper. »Entscheide du …«
Liebend gerne hätte ich Christinas Wunsch erfüllt. Doch irgendetwas sagt mir, mich ein wenig in Geduld zu üben.
»Gehen wir erst frühstücken und sehen dann weiter, einverstanden?«
Nickend richtet sie sich auf. Hellbraune, leicht gewellte Strähnen fallen ihr über die Brüste. Es ist ein unbeschreiblicher Anblick – der schönste Anblick überhaupt.
»Du bist wunderschön.« Ich schenke ihr einen nicht enden wollenden Kuss. »Meine Traumfrau.«
Alsbald ich meine Stirn auf ihre gelegt habe, wispert Christina: »Das klingt nun vielleicht etwas zu naiv … aber du bist wahrhaftig all das, was ich mir jemals wünschte. Es mutet mir an, dich bereits mein gesamtes Leben lang zu kennen.«
Unaussprechliche Erleichterung vermengt mit Gefühlen des reinen Glücks und der Freude lähmen mir den Verstand.
Ihr abertausende Küsse schenkend drücke ich sie zurück auf die weiche Matratze – und revidiere meine vorhin gefällte Entscheidung.
Ihre Finger vergraben sich in meinem Rücken, sanfte Laute der Sehnsucht erfüllen den Raum.
Kapitel 4 – Seine Traumfrau
Jan sah sie an der Rezeption.
Ein dunkelgrüner, figurbetonter, langer Mantel mit schwarzem kurzen Fellkragen, eine dazu passende elegante schwarze Fellhaube, schwarze Lederhandschuhe und Stiefel, goldenes Haar, welches sich wie ein Wasserfall über ihren Rücken ergoss … strahlende Augen … ihr unsicheres wie erschöpft wirkendes sanftes, ihn an einen Engel erinnerndes Lächeln …
Für die ersten Sekunden hatte er vermutet, einen Herzschlag zu erleiden.
Sie.
Sie sah ihr derart ähnlich. Unglaublich ähnlich … als entsprünge sie seinem Buch.
Konnte es stimmen? Konnte dies wahrhaftig der Möglichkeit entsprechen? Oder spielten Verstand wie Sehnsucht ihm einen bösen Streich?
»Wer ist diese Frau?«, flüsterte er einer vorbeigehenden Tina zu.
Woher kam sie? Warum war sie alleine unterwegs? Solch ein bezauberndes Geschöpf musste doch in Begleitung eines edlen Mannes stehen!
Seine Kollegin drückte sich neben ihn an die Mauer und warf der Holden einen verstohlenen Blick zu. »Keine Ahnung … aber sie scheint dein Typ zu sein … niedlich, jung, naiv, unschuldig … meinst du, sie ist noch Jungfrau?«
Grundgütiger!
Eine unbeschreibliche Hitze stieg in ihm auf.
»Wie kommst du auf eine solche Annahme?! Das kannst du unmöglich sagen. Das … das geht einfach nicht!«
Gemeiniglich gefiel ihm Tinas Direktheit … aber manchmal … nun … da war diese Charaktereigenschaft schlicht und ergreifend fehl am Platze.
Tina blieb von seiner Reaktion vollkommen unberührt. »Sie ist süß.« Ihre Lippen formten ein verschmitztes Lächeln. »Mach dich an sie ran, Tiger! Vielleicht wirds ja was.« Abschließend klopfte sie ihm mutmachend auf die Schulter und huschte davon.
Bloß für eine Millisekunde vermochte er es, seiner Kollegin nachzublicken, ehe diese mysteriöse Schönheit einer Frau ihn wieder vollends in ihren Bann zog.
Sie mutete wie ein Engel an … ein Engel des Herrn … nein, eine Göttin, herabgestiegen vom Himmel … Korrektur … entsprungen aus seinem Roman.
»O nein«, kam es jäh geschockt aus ihrem Mund, sodass es ihm eisigkalt den Rücken hinab lief. »Nein …« Angestrengt durchsuchte sie ihr grünes Portemonnaie. »Das kann nicht wahr sein.«
Was war geschehen? Hatte sie etwa nicht genügend Geld bei sich?
…
Nein. Ausgeschlossen. Hinsichtlich ihres Aussehens und ihrer Grazie musste sie von der gehobeneren Gesellschaft abstammen.
Ihre Gesten, der Blick und ihre Körpersprache strahlten reine Eleganz und Selbstsicherheit aus … und etwas, das ihm nicht recht zu beschreiben gelang. Eine Art Distanz. Sie schien unnahbar … unerreichbar.
Eine solche Wirkung besaß ausschließlich eine Person aus gut situierten Kreisen. Da war er sich sicher. Bestimmt verfügten ihre Eltern über ein gewaltiges Vermögen …
Waren sie Rechtsanwälte?
Makler?
Bänker?
Industrielle?
Jan seufzte.
Wusste dieses edle Geschöpf überhaupt, was es zu arbeiten bedeutete? Oder hatte sie gar genügend Stolz und Charakter, um ihr Leben eigenständig zu finanzieren, anstatt von Papi laufend mit Geld unterstützt zu werden?
»Jan!«, donnerte eine tiefe männliche Stimme – die Stimme des Hoteleigentümers.
Eine Mischung aus Panik, Adrenalin und Ertappt-worden-Sein veranlasste Jan, sich wie von der Tarantel gestochen umzudrehen. Dabei geriet er ins Straucheln, vermochte es in weiterer Folge nicht mehr, sich an der kleinen Holzkommode festzuhalten, infolgedessen er mit dem Gesicht voran geradewegs zu Boden stürzte.
»Jan. In Gottes Willen! Hast du dich verletzt?«
Er stemmte sich hoch, fühlte dabei kurz durch seinen Körper: Die Knie taten ihm ein wenig weh … und sein rechter Ellbogen.
»Nein, nein … nichts passiert.«
Der Chef musterte ihn besorgt. »Warum erschreckst du dich andauernd so heftig?«
Jan blickte dem mit einer schwarzen Anzughose, dem typisch österreichisch geblümten Trachtenhemd und der dazu passenden Weste bekleideten kleinen rundlichen Mann, dessen ergraute Halbglatze und die rötlichen Bauschbäckchen seinen gönnerhaften und gutgläubigen Charakter ebenso visuell darlegten, entschuldigend ins Gesicht. »Bitte verzeihen Sie. Ich habe –«
Des Chefs Augen begannen zu leuchten. »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.« Der vierundfünfzigjährige Mann nickte zur Rezeption. »Kann es sein, dass du die junge Frau da beobachtet hast?«
Eine unangenehme Wärme stieg ihm in die Wangen. »Nun –« Er räusperte sich. »Ja … Ich wollte kurz auf die Toilette … und da habe ich sie gesehen.«
Ein breites Grinsen auf den Lippen tragend machte der Hoteleigentümer einer ausladenden Geste Richtung Gang. »Dann erledige mal das, was du zu tun gedachtest.«
Jan nickte und rauschte davon.
Himmelherrgottsakrament!
Dies hatte die unüberbietbar beschämendste Situation des Tages dargestellt!
Mit kontinuierlich glühenderem Haupt trat er in die Angestelltentoilette.
Was war heute bloß los mit ihm?
Erst drifteten seine Gedankenspiele unkontrollierbar ab, und dann musste er obendrein von seinem Chef aufgeklatscht werden …
Nun, ein Gutes hatte diese Situation dennoch: Peinlicher konnte es fürwahr nicht mehr werden.
Kapitel 5 – Eierspeise für Schüchterne
Nachdem ich den Koffer vollständig ausgepackt hatte, machte ich mich auf zur Theke.
Wie ausgemacht fand ich Walter dort vor, ein kleines dunkles Bier in der Hand, den Barkeeper bequatschend – so man den jungen Mann mit der stämmigen Figur, den kurzen schwarzen Haaren und dem Trachtenoutfit benennen durfte.
»Ah, da kommt sie ja endlich!«, rief mein Retter und hob das Bier in die Höhe. Ein Blick zum Barkeeper folgte. »Das ist Lisa. Sei bloß nett zu ihr!«
Letztgenannter nickte mir zu. »Willst du etwas trinken?«
Lächelnd setzte ich mich auf einen der aus Vollholz bestehenden dunkelbraunen Barhocker. »Nur Leitungswasser –« Ich stockte. »Wenn das denn geht. Ich mag Mineralwasser nicht besonders.«
Wie oft hatte ich ob dieser Bestellung schiefe Blicke geerntet oder mir dumme Sprüche anhören müssen?
»Kein Problem.« Er zwinkerte mir zu, fasste nach einem Glas und füllte es. »Du kommst wohl aus der Stadt.«
»Du meinst wegen des Wassers, oder?«
»Ja … In den Städten ist es normal, Leitungswasser nicht mehr anzubieten, weil die Wirtshäuser damit nichts verdienen … Aber wir –« Mit stolzen Gesichtszügen und einer gleichermaßen ausladenden Körpersprache stellte er das Wasser vor mich auf den polierten dunklen Holztresen. »Machen da nicht mit.«
»Einmal kein Kommerz? Das gibt es selten.«
Und einmal mehr ertappte ich mich dabei, wie ich völlig ungezwungen meine Gedanken laut aussprach.
Halte dich zurück. Halte dich ein wenig zurück.
»Hier ist die Welt noch in Ordnung«, warf Walter fröhlich ein und prostete mir zu. »Deshalb kommen die Leute so gerne auf Urlaub hierher.«
Ich erwiderte die Geste und trank einen Schluck. »Kann ich mir gut vorstellen. Soweit ich bisher gesehen habe, ist euer Dorf ein richtiges kleines Juwel … versteckt und abgelegen … ich muss zugeben, mir ist bisher nicht einmal die Seitenstraße aufgefallen … geschweige denn die Tafel mit dem Ortsnamen auf der Hauptstraße.«
Walter nickte stolz. »Wir sind sogar auf der UNESCO Liste vertreten.«
Der Barkeeper schmunzelte. »Ja, aber leider nur in Form des alten Dorfbrunnens.«
Ich konnte gar nicht anders, als laut aufzulachen.
Wie er es gesagt hatte – sarkastisch wie fröhlich zugleich – es klang unglaublich witzig.
Lach nicht so laut!, hallte es mir durch den Kopf. Das hört man ja bis hinaus auf den Gang!
Gleichermaßen schnell, wie mir diese peinliche Gefühlsregung herausgerutscht war, unterdrückte ich sie wieder.
Verflixt!
Diese Leute kannten mich nicht … und ich kannte sie nicht. Und dann lachte ich hier unverschämt laut auf. Das war nicht eben die feine englische Art …
Unangenehme Gefühle geboren aus Erinnerungen vergangener Erlebnisse und hochzüngelnde Scham verdrängend trank ich einen weiteren Schluck.
Abermals war ich drum und dran, mich in nicht einmal fünf Minuten bis auf die Knochen zu blamieren –
»Und die große fünfhundert Jahre alte Kirche auf der Anhöhe«, wurden meine Gedanken durch eine jugendlich-sanfte wie unsicher klingende Männerstimme unterbrochen, welche anscheinend hinter meinem Rücken ihren Ursprung fand. Der unterschwellige warme Ton entfesselte eine leichte, langsam über meinen Rücken bis in meinen Nacken kriechende Gänsehaut, wodurch mein Puls unweigerlich an Geschwindigkeit zulegte.
Wie mir schien, hatte ich heute wahrhaftig ein wenig zu viel Aufregung erfahren. Anders konnte ich mir meine törichte körperliche Reaktion kaum erklären.
Obgleich ich den unbekannten Mann hinter mir ignorieren wollte, stieg eine leichte Neugier in mir hoch.
Wie sah die Person aus, deren Stimme mich solchermaßen berührte?
Langsam drehte ich mich um – und für die nächsten Momente stand die Welt still.
…
Mittellange im schummrigen Schein der Barbeleuchtung goldbraun glänzende Haare. Niedlich-zarte Gesichtszüge. Olivgrüne mich durchdringend musternde Augen … Ich konnte ihre Form nicht bestimmen. Weder waren sie länglich noch rund, jedoch unsagbar klar – schön … beinahe zu schön für einen jungen Mann.
Ich blickte etwas genauer hin. Nein, olivgrün beschrieb es nicht richtig. Eher Grasgrün. Oder Zartgrün … gar Moosgrün?
…
Ich wusste es nicht mehr.
Ich wusste gar nichts mehr. Lediglich eines war mir klar: Ich vermochte es nicht, mich von diesen elysischen Augen loszureißen.
Ebenso wenig vermochte ich es, diese neuen über mich hereinbrechenden mir gänzlich unbekannten Empfindungen zu benennen oder zu unterbinden.
Sie lähmten mich gleichermaßen, wie sie mich aufwühlten. Sie umschlangen mein Innerstes, kurbelten meinen wilden Herzschlag nochmals kräftig an, erleichterten und schützten mich.
Reiß dich zusammen!
Es gelang mir partout nicht zu sagen, wie lange ich den Mann schlussendlich angestarrt hatte. Oder ob oder wie er darauf reagierte, war ich doch weiterhin viel zu sehr damit beschäftigt, seine unbeschreiblichen Augen zu betrachten. Augen, in welchen ich ungeheuer viel zu erkennen glaubte … Und irgendwie auch nicht.
Ich fühlte mich verwirrt.
Einerseits war ich mir sicher gewesen, für den Moment eines Wimpernschlags unbändige Neugier, eine Art Tatendrang, kindliches Staunen, Mut, Ehrlichkeit und Hoffnung zu erkennen ebenso Unsicherheit, Furcht, Resignation und Traurigkeit. Aber jäh schienen all diese Emotionen wie verschwunden – als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Womöglich hatte ich es mir bloß eingebildet …
Menschen einzuschätzen gelang mir nie sonderlich gut. Dies bewies bereits mein nicht existenter Freundeskreis.
Ja, bestimmt hatte ich die vorhin erlebte gütige Freundlichkeit Manfreds nun auf diesen Menschen projiziert.
Nur, was hatte dazu den Anlass gegeben?
Ich wollte den Mann einer genaueren Prüfung unterziehen – doch auf Gedeih und verderb, es gelang mir nach wie vor nicht, meinen Blick von seinem zu nehmen.
Diese hellgrünen ehrlichen Augen … nein … dieses Licht in ihnen. Ja, dies hatte daran Schuld. Es lag gar nicht an der Form oder der Farbe – einzig an diesem strahlenden Licht, welches direkt aus seiner Seele zu kommen schien. Ein Licht, das ich in dieser Form noch nie zuvor erblickt hatte.
Es war eigenartig.
Üblicherweise sträubte sich alles in mir, wenn ich einen gänzlich fremden Menschen dergestalt lange und intensiv musterte. Hier hingegen geschah das exakte Gegenteil: Je länger ich ihn anstarrte, desto sicherer fühlte ich mich. Weder überkamen mich Scham, Furcht noch Zweifel oder Unsicherheit. Alleine Wärme spürte ich. Echte mein Herz erfüllende Wärme … nein … Geborgenheit, Sicherheit, Schutz … zu Hause.
Endlich bist du da. Wo hast du bloß solchermaßen lange gesteckt?
Durch diesen merkwürdigen Gedanken vollständig verwirrt, versuchte ich die vorhin getätigte Aussage des jungen Mannes aus meinen Erinnerungen abzurufen.
Es gelang mir beim besten Willen nicht!
Hatte dies ebenfalls mit dem Unfall zu tun? Womöglich ein nachträglicher Adrenalinausstoß, oder etwas Ähnliches?
»… was stehst du da, wie versteinert. Die Dame hat bestimmt Hunger. Bring ihr etwas.«
Manfreds allmählich in meinen Verstand vordringende Äußerung half mir teilweise, mich aus meiner Starre zu lösen.
»Nein … nein … Machen Sie sich bitte keine Umstände.« Nervös gestikulierte ich in des jungen Mannes Richtung. »Ich brauche nichts mehr. Außerdem ist es viel zu spät.«
»Red keinen Unsinn!«, widersprach Walter an mich gerichtet, ehe er wieder den Jüngling beäugte. »Bring ihr was! Sie hat genügend Aufregung gehabt. Da braucht sie jetzt was im Magen.«
Es verging ein Moment, bis der Mann eifrig nickte – seinen Blick nahm er zu keiner Zeit von mir. »Natürlich … was … was wünschen Sie denn?«
Ich vernahm die lachende Stimme des Barkeepers: »Ich wusste nicht, dass wir jetzt sogar Menüwünsche entgegennehmen.«
»Ich … nein … so meinte ich das nicht.« Er befeuchtete die schmalen Lippen, wollte weitersprechen, brachte aber kein einziges Wort mehr hervor.
Von einer Sekunde auf die andere fühlte ich mich hundeelend. Die gewaltige Scham des jungen Mannes schien komplett auf mich überzugehen.
Diese Situation war mir nicht fremd.
In den letzten Jahren hatte ich ein beinahe schmerzhaftes Talent dafür entwickelt, nervliche Anspannungen wahrzunehmen. Dies wirkte sich in zitternden Händen, manchmal sogar leichten Schweißausbrüchen und einem allgemeinen Unwohlsein meinerseits aus.
Dergestalt intensiv wie bei ihm hatte ich allerdings noch nie empfunden.
Strahlte er Empfindungen, verglichen mit anderen Menschen, stärker aus? Oder hatte ebenfalls meine eigene Lage Schuld daran?
Was es auch war: Ich kannte sein Gefühl … viel zu gut. Wenn man sich ohnehin unsicher fühlte, keine Fehler begehen wollte, in exakt dem Moment aber vollends den Faden verlor … es war fürchterlich. Es war grauenvoll. Es war entsetzlich.
Ich wollte ihm Mut zusprechen, ihn irgendwie dazu verhelfen, seine Nervosität zu verlieren. Letzten Endes blieben all meine Bemühungen, meinen Verstand in die Gänge zu bringen, nutzlos.
Es war wie verhext!
Eben erst hatte ich meinen Standpunkt ohne zu zögern darlegen können. Und nun wollte mir nicht einmal mehr ein einziges beruhigendes Wort einfallen …
Was war heute bloß los?
Ein Blick Richtung Esstische brachte mir den erlösenden Einfall.
Vielleicht sollte ich mir selbst einen schnellen Nachtimbiss zusammenrühren? Dann brauchte niemand mehr für mich zu kochen. Und der Kellner – das vermutete ich jedenfalls aufgrund der schwarzen Hose und des schneeweißen Hemds, welche der schüchterne Mann trug – musste nicht noch längere Zeit nach geeigneten Begriffen suchen, um dieser peinlichen Situation die Schärfe zu nehmen.
»Ich kann mir selbst schnell etwas machen«, schlug ich nach weiteren endlosen Sekunden vor. »Sie müssen sich nicht bemühen.«
»Um Himmels willen!« Schockiert schüttelte er vehement den Kopf. »Das geht nicht! Sie sind hier Gast! … Ich … ich werde sofort nachschauen, was wir noch dahaben.« Und damit rauschte er davon.
O nein … nein, nein, nein.
Weder hatte ich ihn über meine Nahrungsmittelunverträglichkeit in Kenntnis setzen können, geschweige denn ihn darüber aufklären, dass ich gar kein Gast, sondern eine Mitarbeiterin war!
Eine prickelige Erkenntnis jagte mir durch den Leib.
Ich drehte mich zu Walter. »Er wird nicht extra kochen, oder? … Das will ich nicht. Das ist unnötig. Außerdem –« Ich stockte.
Üblicherweise sprach ich nicht gerne über meine gesundheitlichen Probleme. Besonders nicht mit fremden Leuten. Da fühlte ich mich stets wie eine nach Mitleid verlangende alte Frau.
…
Mein mich neugierig taxierender Lebensretter verscheuchte sämtliche Sorgen.
»Ich meine … ich vertrage einige Lebensmittel schlecht bis überhaupt nicht. Wenn er mir nun etwas bringt, das ich nicht essen darf …« Ich räusperte mich. »Es wäre fürchterlich, wenn er umsonst kocht.«
Walter antwortete mit einem überraschten »Oh« und glitt dabei vom Barhocker. »Dann werde ich ihm das schnell ausrichten.«
Er ging los.
…
»Warte, ich komme mit!« Ich jagte ihm nach. »Dann kann ich ihm gleich erklären, was ich essen darf und was nicht.«
Sonst ergab dies alles erst recht keinen Sinn mehr!
…
Mir wurde es sekündlich unwohler.
Verflixt und zugenäht!
Diese blöden Hemmungen!
»Gute Idee!« Walter grinste mich an. »Du denkst wenigstens mit.«
Ob seiner Äußerung es mir unmöglich ein sanftes Schmunzeln zu unterbinden, folgte ich ihm durch den lang gezogenen Raum bis zum schmalen an der linken Seite gelegenen Durchgang, welcher Speisesaal und Küche miteinander verband.
Nun wusste ich wenigstens, wohin ich mich morgen Früh zu begeben hatte …
»Jan?« Walter trat in die Küche. »Wo bist du?«
Ein mir das Wasser im Munde zusammenlaufender köstlicher Geruch wehte mir entgegen.
Schluckend blickte ich mich um. Die Küche war gar nicht so groß, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Vielleicht an die fünfunddreißig Quadratmeter. Dafür wurde jeder Zentimeter ausgenutzt. Die sich von der linken bis zur rechten Seite durchziehende Anrichte präsentierte sich in glänzender Edelstahloptik. Ziemlich in der Mitte der Räumlichkeit stand ein von allen vier Seiten benutzbarer Edelstahltisch, über welchem unzählige Schöpfer, Messer und andere Kochutensilien hingen – ungeduldig darauf wartend, benutzt zu werden. Keinen Meter vor uns befand sich eine weitere schmale, quer stehende Anrichte, auf der aller Wahrscheinlichkeit nach Desserts zubereitet wurden. Dies bewiesen die oberhalb hängenden Kuchenformen sowie der auf der Arbeitsplatte abkühlende goldbraune Striezel.
Damit wäre auch geklärt, von woher der köstliche Geruch stammte.
Jäh tauchte der junge Mann hinter der länglichen Anrichte hervor. In seinen Händen hielt er eine ovale Schüssel.
»Brauchst du etwas Bestimmtes?« Des Jünglings Augen blickten ebenso fragend, wie seine Stimme klang. Es war unmöglich zu beschreiben, wie niedlich er dadurch anmutete.
Alsbald er mich bemerkte, verschwand dieser Ausdruck jedoch blitzartig und Befangenheit erschien. »Ich … ich bin gleich so weit.« Zögerlich stellte er die Eisenschüssel auf die Anrichte, den Blick gesenkt. »Ich muss bloß etwas zusammenrühren.«
»Erstens.« Walters strenge Stimmlage entfesselte mir einen leichten Adrenalinausstoß. »Seit wann kochst du? Zweitens, wo ist der Chefkoch überhaupt? Und drittens, bevor du anfängst, solltest du erst mit Lisa reden.«
Diese vielen Fragen brachten den jungen Mann gänzlich aus dem Konzept. Nach Erwiderungen ringend hielt er sich krampfhaft an der hingestellten Schüssel fest. »Der Koch …? Der ist fertig für heute … Wahrscheinlich befindet er sich bereits in seinem Zimmer und schläft … Deshalb dachte ich, schnell eine Kleinigkeit zusammen zu rühren.«
Er tat mir furchtbar leid. Wie erschrocken er aussah … War er etwa derart schüchtern?
Walters herzliches Lachen erklang. »Du und deine Unsicherheit! Also wirklich, Jan!« Bedächtig schüttelte der Schneepflugfahrer den Kopf. »So gut musst du mich jetzt aber schon kennen, dass das keine Kritik sein sollte.« Mein Retter wandte sich mir zu. »Er hat ständig Angst, etwas falsch zu machen, weißt du?«
Ich blinzelte.
Dann ging es ihm ja ähnlich wie mir!
Walter legte seine Hand auf meine Schulter. »Lisa hat Allergien, hat sie gesagt. Also solltest du dich mit ihr mal kurz unterhalten.« Er straffte die Gestalt. »So … und ich gehe jetzt zu meinem Bier zurück, sonst wird es noch warm.« Verschwörerisch zwinkerte er mir zu und verschwand in den Speisesaal.
Ganz lustig.
War das ein Scherz? Wollte er etwa …? Dachte er, ich hätte Interesse an dem Kellner?
Unangenehme Wärme kroch mir ins Gesicht.
O nein!
Nicht auch noch das!
Ich ertrug es nicht, vor anderen Menschen rot anzulaufen – insbesondere nicht vor mir gänzlich unbekannten Personen.
…
Was musste mir heute eigentlich noch widerfahren?
…
»Sie haben Allergien?«, brachte der junge Mann, welcher nebenbei erwähnt, ebenfalls ziemlich verstört wirke, entsetzt hervor. »Das ist ja furchtbar … Was dürfen Sie denn nicht essen?«
Krampfhaft versuchte ich, meiner stechenden Nervosität Herr zu werden. »Nun … sagen wir eher, was darf ich essen.« Ich drehte mich zum Striezel. »Ist der aus Weizenmehl?«
»Ja.«
Natürlich … was auch sonst?
Gedanklich seufzte ich. »Nun … den darf ich dann schon einmal nicht essen.«
»Ach du … Dabei wollte ich Ihnen ein Stück von diesem geben … mit Vanillepudding und Schokosoße.«
Bei dieser Vorstellung fing mein Magen lautstark zu knurren an. Das wiederum machte diese ohnedies fürchterlich beschämende Situation nochmals prekärer.
»Das klingt ja herrlich«, erwiderte ich eine Spur lauter, um meine Magengeräusche zu übertönen. »Nur leider darf ich auch keine Milchprodukte.«
Dabei liebte ich Pudding!
In der Zeit vor meinen Allergien hatte ich Milchprodukte für mein Leben gern verspeist. Speziell Joghurt, Milchshakes und Kakao.
Der stetig verzweifelter dreinschauende junge Mann schob meine Überlegungen beiseite.
»Nein, nicht auch das!« Nervös blickte er durch den Raum. Alsbald er einen gewissen Schrank anvisiert hatte, hellte seine Miene sich auf. »Wie wäre es dann mit Soja? Wir haben Sojamilch. Ich kann Ihnen damit einen Pudding kochen.«
Es erwärmte mein Herz … und ein weiteres Mal meine Wangen. Derartige Fürsorge von einem mir gänzlich fremden Mann … das erlebte ich heute zum ersten Mal.
»Leider … leider gibt es da noch ein Problem.« Allmählich wusste ich nicht mehr wohin mit meiner Scham. Dieser wunderbare Mensch versuchte alles, um mir etwas zu essen zu richten, und ich vertrug keine seiner genannten Zutaten. »Ich bin gegen Soja genauso allergisch wie gegen Milch und Weizen.«
Als der Jüngling dies vernommen hatte, hielt er inne – musterte mich bloß intensiv. Es lief mir im Sekundentakt heiß und kalt den Rücken hinab.
»Nun –« Unvermittelt eilte er zur linken Seite, öffnete einen Schrank, griff nach zwei Eiern und hielt sie mir entgegen. »Wie wäre es mit Eierspeise? Dürfen Sie Eier essen?«
Ich warf ihm ein erleichterndes Lächeln zu. »Ja, die darf ich.«
Meine Worte brachten sein Gesicht zum Strahlen. »Dann koche ich Ihnen diese ganz flott.«
»Warten Sie.« Ich trat zu ihm, und er machte einen Schritt auf die Seite. »Ich kann das selbst … Sie müssen sich nicht für mich abmühen.«
Das wäre ja noch schöner gewesen, wenn er mir zu dieser späten Stunde ein Essen kredenzt hätte! Er war lediglich der Kellner. Darüber hinaus beschlich mich die Vermutung, dass seine Schicht längst beendet sein sollte.
»Aber … aber das ist immerhin mein Job.«
Lächelnd streckte ich die rechte Hand zu ihm. »Geben Sie mir die Eier. Ich mache das gerne selbst.«
»Aber …«
Weshalb zierte er sich solchermaßen? Brachte ich ihn dadurch etwa in Schwierigkeiten? Durfte ich mich nicht in der Küche aufhalten?
Unsicherheit stieg in mir auf. »Ist es verboten, wenn ich mir das Essen selbst koche? Bekommen Sie Probleme, wenn ich hier bin?« Zwar klangen meine Zweifel laut ausgesprochen noch tausendmal unlogischer – immerhin half ich ab morgen in der Küche aus – andererseits reagierte dieser Mann derart seltsam, sodass ich allmählich selbst nicht mehr wusste, was ich denken oder wie ich mich verhalten sollte.
Er schüttelte sein hübsches Haupt. »Nein, überhaupt nicht.«
»Warum darf ich mein Essen dann nicht alleine kochen?«
»Weil ich dafür da bin.«
Nun war ich es, die den Kopf schüttelte. »Wie lange sind Sie schon auf den Beinen?«
Ich musste gestehen, normalerweise hätte ich einem fremden Menschen niemals eine persönliche Frage wie diese gestellt. Erstens trat ich ihm damit viel zu nahe, zweitens ging es mich nichts an.
Hier allerdings gab mir irgendetwas das Gefühl, es geradewegs zu tun. Dieser Mann wirkte nicht wie meine unfreundlichen Kolleginnen oder eine Person, welche andere gerne schikanierte oder beleidigte.
Er mutete einfühlsam an … und introvertiert.
Wie ich.
»Nun.« Der Jüngling hielt inne. »… seit circa sechs Uhr morgens.«
Ich atmete lautlos aus. »Dann wird es Zeit, dass Sie langsam ins Bett kommen. Es ist doch schon neun.«
Würde ich mich in seiner Situation befinden – ich wäre im Stehen eingeschlafen.
Ich brauchte meine acht bis zehn Stunden Schlaf – mindestens.
Er errötete. »Dann machen wir es anders.« Mit den Eiern in der Hand trat er zum rechts gelegenen Herd. »Kochen wir gemeinsam, dann sind wir am schnellsten.« Aus einem unteren Schrank zog er eine kleine Pfanne hervor, stellte diese auf die Herdplatte und schaltete sie ein. »Sie können die Eier aufschlagen … und ich hole die Zutaten. Sonst würden Sie bestimmt ziemlich lange danach suchen, oder?«
Meine Wangen erglühten.
Ich war so dumm! Wie kam ich auf die Idee, alleine zu kochen, wenn ich nicht einmal im Ansatz wusste, wo all die benötigten Küchenutensilien lagen und standen, um mir eine Eierspeise zuzubereiten?
»Da haben Sie wohl recht.«
Ein herzerwärmendes zartes Lächeln huschte über seine sanften Gesichtszüge. »Dann hole ich das Salz und den Pfeffer.«
Peinlich berührt gesellte ich mich zu ihm. »Ich brauche bloß Salz. Das reicht völlig.«
»Gut.« Er eilte auf die andere Seite.
Und ich wandte mich der Pfanne zu.
Fehlte noch etwas? Ja … die Butter.
Angestrengt hielt ich nach einem Kühlschrank Ausschau.
Wo war er nur? Die Kästen sahen sich alle zum Verwechseln ähnlich.
Das konnte in den kommenden Tagen ja noch heiter werden …
»Wo ist denn der Kühlschrank? … Ich bräuchte nämlich etwas Butter.«
Exakt gegenüber dem Herd öffnete der Mann eine mit Edelstahl verkleidete Schranktür. »Hier ist er. Man erkennt ihn beinahe nicht, oder?«
»Ja, alles sieht gleich aus. Wie lange haben Sie gebraucht, bis Sie sich gemerkt haben, wo sich all die Dinge befinden?«
Die Butter in der linken Hand und den Salzstreuer in der rechten haltend trat er zu mir. »Ganz ehrlich?« Seine schmalen Lippen formten ein weiteres zärtliches Lächeln. »Bei manchen Sachen suche ich selbst jetzt noch.«
Es war mir unmöglich, ein Kichern zu unterdrücken. »Ernsthaft?«
Von einer Sekunde auf die andere verschwand sein liebreizender Ausdruck, und Furcht legte sich über ihn.
Und mir wurde es kalt.
Hatte ich etwas Falsches gesagt? Hatte ich ihn verletzt?
…
O Gott!
Hegte er etwa die Vermutung, ich würde ihn auslachen?
»Mir gehts bei vielen Dingen gleich«, versuchte ich freundlich-beruhigend einzulenken. »Nur betrifft es weniger Dinge, die ich suche … sondern Dinge, die ich andauernd vergesse, obwohl ich sie längst dutzende Male gemacht habe.«
Glücklicherweise entspannten seine Züge sich. »Wie genau meinen Sie das?«
»Nun ja …« Ich zuckte die Achseln, fasste nach der Butter und öffnete sie. »Ich –«
»Warten Sie.« Vorsichtig nahm er mir die Butter aus der Hand. »Das kann ich erledigen.« Er machte einen Schritt nach links, öffnete eine Lade und entnahm einen kleinen Holzkochlöffel.
Eine jede seiner Bewegungen vollführte er mit unwahrscheinlicher Sanftheit und Bedachtsamkeit.
Wenn er nach einem Gegenstand fasste, dann griff er diesen nicht einfach an – seine Finger küssten ihn, liebkosten ihn. Sie gaben ihm das Gefühl, besonders zu sein … gebraucht zu werden.
Sorgsam gab er etwas von der Butter in die Pfanne.
»Bitte, fahren Sie fort«, ermunterte er mich, seine Stimme unsagbar sanft klingend – und mich aus meinen kruden Überlegungen ziehend.
Himmelherrgott Sakrament!
Dass meine Gedanken sich ab und an einmal in höhere Gefilde aufmachten, stellte nichts Neues dar … Doch derart abgelenkt … das war ich wahrhaftig noch nie gewesen. Erst recht nicht durch eine anwesende Person!
Zum wiederholten Male stieg mir eine beschämende Wärme ins Gesicht. »Mir … nun –« Ich hüstelte. »Zum Beispiel wird mir gezeigt, wie ich eine gewisse Abrechnung machen muss … und beim nächsten Mal habe ich wieder alles vergessen.«
Die Erinnerung daran schmerzte mir in meinem Innersten – und es nagte an meinem nahezu nicht mehr vorhandenen Selbstwertgefühl.
»Das kenne ich.« Die Augen des jungen Mannes begannen zu leuchten. »Das ist mir selbst bereits ein paar Mal passiert.«
»Es ist furchtbar«, erwiderte ich leise und blickte zur Pfanne.
Zwar fühlte ich mich nun ein wenig niedergeschlagen, dafür schien es dem Kellner viel besser zu gehen. Und seltsamerweise half diese Erkenntnis, meine eigenen negativen Empfindungen abzuschwächen.
»Die Butter ist heiß«, bemerkte er. »Sie können die Eier somit ruhig aufschlagen.«
»Oh … ja, natürlich.«
Jetzt wurde es wahrlich kritisch!
Flott brach ich die Eierschalen auf und ließ das Innere in die Pfanne gleiten.
»Genügen Ihnen zwei Eier?«
»Ja, natürlich.«
Er reichte mir den Salzstreuer. »Bitte.«
Lächelnd fasste ich danach und blickte in sein wunderschönes Gesicht. »Vielen Dank.«
…
Diese Situation war komplett verrückt!
Da rührte ich gemeinsam mit einem mir völlig fremden Mann eine Eierspeise zusammen und fühlte mich dabei wie zu Hause bei meinen Eltern.
Diese eigenartige Vertrautheit … diese Verbundenheit …
War es normal, auf eine solche Weise zu empfinden?
Ich hegte starke Zweifel.
An meiner Arbeit fanden Menschen üblicherweise allzeit etwas auszusetzen. Sie besserten mich im Sekundentakt aus, machten mich auf Fehler aufmerksam, kritisierten und schimpften. Darüber hinaus hatte ich in Gegenwart fremder Menschen stets mit starkem Unwohlsein zu kämpfen – nebst mich halb wahnsinnig machender Nervosität. Besonders, wenn ich mit oder neben Personen Arbeiten verrichten musste.
Aber hier? Hier kochten wir bloß … ohne Druck, ohne Stress, ohne Gezeter … ohne Angst.
Angst.
Natürlich!
Nun wusste ich, was mir seltsam vorkam! Die Versagensangst war verschwunden. Ich hegte keinerlei Bedenken, etwas falsch zu machen.
Das erste Mal überhaupt.
Der Kellner reichte mir den Holzkochlöffel. Dankend nahm ich ihn entgegen und rührte die zwei Eier kräftig um.
Weshalb fühlte ich diese Angst nicht mehr? Lag es an den Leuten, oder am Wetter? Der Schnee hatte mir wohl seit jeher Geborgenheit vermittelt …
Womöglich lag es doch alleine daran – und an dem Unfall.
Während ich mir das Gehirn zermarterte, färbte das mit dem Dotter vermengte Eiklar sich weiß.
Weshalb sollte meine Angst urplötzlich verschwinden? Immerhin plagte ich mich damit seit Jahren herum. Da konnten einige offenbar nette Menschen nichts daran ändern …
Der Mann stellte einen Teller neben den Herd. »Brot habe ich leider keines, das Sie essen dürfen. Ist das sehr schlimm?«
Verneinend schüttete ich die Eierspeise auf den Teller. »Überhaupt nicht. Ich esse Eier sehr gerne ohne Beilage.« Ich suchte des Mannes klaren Blick. »Wo darf ich die Pfanne hinstellen.«
»Warten Sie –« Behutsam nahm er sie mir aus der Hand.
Im Detail sah dies folgendermaßen aus: Zögerlich, ja nahezu verängstigt trat er zu mir und fasste nach dem Griff, ohne dabei meine Hand zu berühren. Darauffolgend ließ ich los und er machte hektisch zwei Schritte zurück. »Ich wasche sie ab. Essen Sie in der Zwischenzeit.«
Das war einfach unglaublich …
»Kann ich nicht noch etwas tun?« Ich wandte mich zu Butter und Salzstreuer. »Soll ich das wegräumen?«
»Nein, nein.« Ein kräftiges Kopfschütteln seinerseits folgte. »Essen Sie. Sonst wird es kalt.«
»In Ordnung … Danke.«
Währenddessen er die Pfanne in die Spüle legte, warf er mir ein schüchternes Lächeln zu – und mein Herz fing wie wahnsinnig zu rasen an.
Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht mit mir …
Ich machte mich auf den Weg hinaus – nach wie vor ein schlechtes Gewissen in mir lungernd, ihn mit dem schmutzigen Geschirr alleine zurückgelassen zu haben.
»Eierspeise?«, rief Walter mir von der Theke zu.
Nickend steuerte ich ihn an.
»Und nicht einmal ein Brot?« Stirnrunzelnd musterte er den Teller. »Das ist aber eine ganz schön magere Ausbeute.«
»Nein, das passt schon.«
Eben bemerkte ich das Fehlen von Besteck, da tauchte der junge Mann neben mir auf und legte eine silberne Gabel auf den Tresen. »Die haben Sie vergessen.«
Ich wollte mich bedanken, aber er war längst auf den Weg zurück in die Küche.
»Jan denkt an alles«, kam es vom Barkeeper.
Jan.
Genau.
So hatte Walter ihn genannt.
…
Jan.
…
Ein wunderschöner Name … Er klang sanft. Irgendwie weich, zärtlich … wie er Dinge anfasste – behutsam, liebevoll.
Ich verscheuchte alle wirren Einfälle und fing endlich zu essen an. Beim dritten Happen wurde ich mir erst meines Hungers gewahr. Im Folgenden brauchte ich keine fünf Minuten, um den Teller restlos zu leeren und in die Küche zu tragen.
Jan war eben dabei, die gewaschene Pfanne wegzuräumen.
Verwunderung lag auf seinen sanften Zügen. »Sie sind schon fertig?«
»Ja.« Ich trat zur Spüle.
»Wollen Sie noch etwas? Haben Sie noch Hunger?«
Die Wahrheit war: Ja, ich hatte nach wie vor Hunger. Meine Erschöpfung wog dennoch um ein Vielfaches schwerer, sodass ich mich weit mehr nach einem kuscheligen Bett sehnte.
»Das Einzige, das ich jetzt noch will, ist, heiß duschen und mich ins Bett kuscheln … Der Tag war anstrengend genug gewesen.«
Er lächelte mich an. »Mir gehts ähnlich.« Zögerlich gesellte er sich zu mir. »Ich werde den Teller noch schnell abwaschen.«
»Nein, nein. Ich mache das. Sie können gerne gehen.«
Kopfschüttelnd wie bedachtsam nahm er mir das Geschirr aus der Hand und drehte den Wasserhahn auf.
Da konnte ich wohl hoch und niederhüpfen, dieser Mann würde nicht nachgeben.
Schweigend beobachtete ich ihn bei seinem Tun. Es wurde mir regelrecht warm dabei. Dermaßen lieblich, ja rücksichtsvoll, wie er mit dem Geschirr umging, hätte ich ihn am liebsten stundenlang zugesehen.
Zärtlich griff er nach dem Geschirrtuch, trocknete den Teller ab und räumte ihn nahezu geräuschlos weg. »Geschafft.« Nachdem er das Tuch fürsorglich über den Ofengriff gehängt hatte, drehte er sich zu mir. »Ein weiterer Tag überstanden.«
Erschrocken ob der Tatsache, ihn ungeniert beobachtet zu haben, räusperte ich mich. »Vielen Dank nochmals.«
Sein Lächeln wuchs an. Auf eine Art schien seine Schüchternheit abzunehmen. »Keine Ursache.«
Gemeinsam traten wir in den Essbereich.
»Dann wünsche ich Ihnen eine gute Nacht.«
Ein letztes Mal blickte ich in seine hellgrünen klaren Augen. »Das wünsche ich Ihnen ebenfalls.«
Für den Moment eines Wimpernschlags erweckte Jan den Eindruck, den Speisesaal nicht verlassen zu wollen. Doch ehe ich weiter darüber nachzudenken in der Lage gewesen wäre, drehte er sich um und ging los. Flott schritt er an der Theke vorbei weiter hinaus Richtung Rezeption.
»Er ist ein netter Bursche, oder?«, riss Walter mich aus meiner abermaligen Glotzerei.
Himmel! Das wurde sekündlich schrecklicher!
Ein Gähnen unterdrückend wandte ich mich zu meinem Lebensretter um. »Ja, das ist er wirklich … ihr alle seid anders als die Leute, die ich kenne.«
Der Schneepflugfahrer zog die Augenbrauen hoch. »Wie meinst du das denn?«
»Nun ja.« Ich überlegte. »Die meisten Personen sind das genaue Gegenteil … kühl, distanziert.«
»Dann wohnst du in der falschen Gegend.«
Ich musste schmunzeln. »Ja, wahrscheinlich.«

Dass diese Zeit nie vorübergeht
Hand in Hand schlendern wir durch das Einkaufszentrum.
»Wie wäre es hiermit?« Christina zeigt auf ein Bistro, dessen Sitzgelegenheiten sich in einer groß angelegten, geschwungenen Aussparung neben dem Gang befindet. »Das kenne ich. Es schmeckt da sehr gut.«
»Einverstanden.«
Wir wählen einen etwas abseits gelegenen Tisch und setzen uns.
Mit zusehends heißer werdenden Wangen legt sie ihre Hand auf meine. »Diese wunderbaren Dinge, welche du vorhin mit mir anstelltest … Ich kann es nach wie vor kaum fassen …« Unvermittelt formen Tränen sich in ihren strahlenden Augen. »So sehr habe ich es mir gewünscht … so sehr.« Die letzten Worte sind nicht mehr denn ein gepresstes Flüstern. »Sag mir bitte, dass es kein Traum ist. Ich habe Angst, aufzuwachen – in einem leeren kalten Bett, ohne dich.«
Ich bette meine linke Hand auf ihre. »Das ist kein Traum. Dafür fühlt es sich erstens viel zu schön an. Und zweitens vermag ich gar niemals etwas solchermaßen Wunderschönes zu träumen.« Ich schenke ihr ein breites Lächeln. »Deshalb kann es kein Traum sein. Zumal ich selbst jede Sekunde aufzuwachen vermute.«
Ihr süßes herzerwärmendes Kichern erfüllt die Luft, vermischt sich mit Musikklängen und Gesprächsfetzen der vorbeischreitenden kauffreudigen Menge. »Das beruhigt mich … Dennoch fürchte ich mich bereits davor, dass diese schöne Zeit ein jähes Ende findet.« Bekümmert blickt sie zur Seite, auf welcher eine Orchidee ihre üppige rosa Blütenpracht würdevoll präsentiert. »Mein Leben lang trug ich diesen Wunsch in meinem Herzen … Ein Leben lang wartete ich, betete ich, hoffte ich … so fürchterlich viele Jahre … dennoch hält sich stets diese Beklommenheit im Hintergrund, uns früher oder später zu trennen – uns aneinander sattzusehen.« Zögerlich wendet sie sich mir zu. »Das will ich nicht. Niemals. Ich will bei dir sein. Mein Leben lang.«
Diese unbeschreibliche Geborgenheit sich in meiner Seele ausbreitend drücke ich Christinas Hand. »Das will ich ebenso!« Ich lehne mich über den rundlichen Metalltisch und gebe ihr einen kurzen Kuss. »Da wir beide gleich empfinden und dieselben Sorgen teilen, bin ich mir sicher, dass unsere Liebe allen Problemen trotzen wird.«
»Und wenn irgendwann der Alltag über uns hereinbricht?«
»Dann werden wir beide dafür kämpfen, ihn erfolgreich zu verscheuchen … selbst wenn dies bedeutet, uns jeden Tag vor Wut mit Tellern zu bewerfen.«
Für einen Moment scheint Christina erschrocken. Doch schließlich versteht sie die Bedeutung meiner Aussage und fängt herzlich zu lachen an – ein solch glückliches Lachen, bei welchem mir keine andere Wahl bleibt, denn miteinzustimmen.
»Unsere Liebe hat erst angefangen«, erkläre ich weiter, alsbald unsere überschwängliche Freude sich gelegt hat. »Geben wir ihr Zeit, um zu wachsen und zu gedeihen. Sie ist ein zärtliches Pflänzchen, welches schnell verwelken kann. Bei uns allerdings, da bin ich mir sicher, wird dies niemals geschehen.«
»Du kleiner Poet.« Sichtlich berührt wie beruhigt tätschelt Christina meinen Handrücken. »Eine jede deiner Äußerungen ist unwahrscheinlich kostbar.«
Ohne es zu wollen, erröte ich. »Für dich würde ich alles tun – ein paar unscheinbare Worte aneinanderzureihen, ist da das Mindeste.«
Kichernd schüttelt sie ihr entzückendes Haupt. »Du bist wie aus meinen geheimen Träumen entsprungen.«
Heftige brennende Gefühlswellen brechen über mich herein. »Das Kompliment gebe ich uneingeschränkt zurück.«
Solange ich lebe, werde ich meine Liebe zu ihr aufs Neue erblühen lassen – und ihr diese Blüten zum Geschenk machen.
Wie eine stolze Orchidee.
Wenn eine Blüte verwelkt, erblüht die nächste.
Kapitel 6 – Wunsch und Wirklichkeit
Erst, wenn Liebe dich überschwemmt, dich hinfort reißt, dich deines
Verstandes beraubt, ist sie echt.
Das klingt toll?
Ist es auch!
Bloß hat diese Sache einen gewaltigen Haken:
Dieses Gefühl muss stets von zwei Seiten kommen.
Es konnte doch peinlicher werden!
Jan eilte die Stufen hoch.
Jetzt bloß ab ins Zimmer und unter die Dusche, dachte er und sperrte die Tür auf.
Grundgütiger!
Dieses bezaubernde Wesen einer Frau!
In der ersten Sekunde hatte er sie nicht wiedererkannt. Daran waren aber lediglich das wunderhübsche figurbetonte Kleid mit dem Blumenmuster und die hüftlangen, gewellten, durch die schummrige Abendbeleuchtung dunkelbraun wirkenden Haare schuld gewesen!
Alsbald sie sich umgedreht hatte … Himmel! Da war es ihm heiß und kalt geworden.
Ihre meerblauen Augen … ebenso blau, wie er sich Christinas Augen stets vorgestellt hatte. Sanft geschwungene Augenbrauen … einer Prinzessin würdig. Ihr süßer Mund … zum Küssen gemacht.
…
Wenn es ihm gestattet gewesen wäre, hätte er sie stundenlang betrachtet. Stundenlang und eine Ewigkeit …
Jan legte seine Kleidung ab und huschte unter die Dusche.
Und dann bestand sie darauf, selbst zu kochen! … Mit ihm zu kochen!
Solch eine elegante wie betörende Frau, welche mit einem minderwertigen Küchengehilfen zusammenarbeitete … Konnte dies denn der Realität entsprechen?
Je mehr Zeit verging, umso fantastischer mutete die letzte halbe Stunde an.
War sie etwa gar ein weiterer bittersüßer Tagtraum, entsprungen aus seinem sich nach Liebe sehnenden Herzen?
Er drehte das Wasser heiß auf.
Wie sehr er sich von ihrem edlen Aussehen hatte täuschen lassen!
Sie war keine verwöhnte, eingebildete Tochter eines reichen Geschäftsmannes. Sie war eine herzensgute, bezaubernde, liebevolle Tochter eines reichen Geschäftsmannes!
…
Dass er einen solchen Umstand noch erleben durfte.
Wenn er an die letzten Jahre zurückdachte, erinnerte er sich bestenfalls an eine Handvoll gutherziger – und üblicherweise betagter – Gäste, welche ihn und die anderen Hotelbediensteten wie Gleichberechtigte behandelt hatten.
Aber eine junge wunderhübsche Frau wie sie …?
Nein.
Das hatte es bislang nicht gegeben.
Das heiße Wasser strömte über seinen schmerzenden Rücken, lockerte die verspannte Muskulatur.
Lisa.
So hatte Walter sie genannt.
Lisa.
Welch wunderschöner Name!
Er schloss die Augen, gab sich dem Gefühl des ihn umarmenden Wassers hin. Doch gleichgültig wie gut es sich anfühlte, das kostbare Nass vermochte es einfach nicht, sein rasend Herz zu beruhigen. Seine Nervosität, hervorgerufen durch Lisas Grazie und die Art, wie sie ihn anblickte – voller Güte und Liebe – raubte ihm nach wie vor den Atem.
Wie es ihm gelungen war, sich mit ihr zu unterhalten – darüber wunderte er sich selbst jetzt.
Für gewöhnlich saß er lieber irgendwo alleine, las ein Buch oder beobachtete die vorüberziehenden Wolken. Bloß manchmal, wenn er sich sicher und geborgen fühlte, kamen ihm Worte über die Lippen.
Lisa.
Wie gerne hätte er sie länger um sich gehabt.
Als sie gemeinsam in den Speisesaal zurückgegangen waren … mein Gott … wie schön es sich angefühlt hatte, sie an seiner Seite zu wissen. Er hatte sich zwingen müssen, weiter zu gehen und nicht bei ihr zu bleiben … ihre Hand zu erfassen … sie an sich zu drücken.
…
Wie schmeckten ihre Küsse? Wie würde es sich anfühlen, wenn sie in seinen Armen läge?
Grundgütiger!
Sie sah ihr doch so ähnlich! … Ihre Ausstrahlung, ihre Gesten … als wäre seine Romanfigur zum Leben erwacht.
Er schüttelte den Kopf.
Dabei war sein Buch einzig und allein aus Sehnsucht entstanden.
Er hatte es zu jener Zeit geschrieben, als seine große Liebe ihn zum ersten Mal verlassen hatte. Damals war seine Welt zusammengebrochen. Aber noch ehe er die Geschichte zu Ende verfasst hatte, kam sie zu ihm zurück. Er hatte es als eine Art Zeichen angesehen, hatte vermutet, sein Traum von einer lebenslangen zärtlichen Partnerschaft würde endlich Wahrheit werden. Er machte ihr einen Heiratsantrag. Sie stimmte zu. Er vollendete sein Werk und veröffentlichte es.
Damals hatte er tatsächlich auf ein Happy End gehofft. Er hatte geglaubt, die Frau aus seinem Roman wäre seine Verlobte gewesen.
Wie töricht er gewesen war!
Niemals war sie diese Frau gewesen, und niemals würde sie es sein!
Er fuhr sich durchs nasse Haar.
Weshalb hatte es nicht glücken dürfen? Weshalb war sie nicht geblieben? Weshalb hatte sie nicht die fürsorgliche und gefühlsbetonte Frau darstellen können, die er sich inniglich wünschte?
Lisas meerblaue Augen blitzten vor ihm auf.
…
Ja, Lisa war es! Sie war es.
Das wiederum hörte sich solchermaßen töricht an, sodass er allmählich nicht mehr wusste, was er denken oder empfinden sollte.
Derart oft hatte er sich geirrt. Derart oft hatte er gelitten …
Dabei fühlte es sich unwahrscheinlich richtig an – ihre Gegenwart, ihr Aussehen, ihr Benehmen.
Schlicht und ergreifend alles.
Er fasste nach dem Duschgel.
Verrennte er sich da in irgendetwas? War er etwa bereits dermaßen kleinmütig, auf dass es bloß eine hübsche Frau bedarf, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen?
Er fühlte sich zerrissen, verunsichert – einsam.
Existierte wahre Liebe? Existierte bedingungsloses Vertrauen? Vermochte eine Frau es, einen Mann bis in alle Ewigkeit zu lieben?
Wie oft hatte er sich über diese Fragen den Verstand zermartert – einzig, um sich ungleich verzweifelter und frustrierter zu fühlen?
Er seufzte.
Seine Verlobte hatte ihm alle Träume geraubt. Sie hatte ihn innerlich getötet und weggeworfen.
Anfangs hatte er wahrhaftig angenommen, seine große Liebe gefunden zu haben. Für ihn war gar nichts anderes vorstellbar gewesen. Er war blind gewesen – blind und taub. Zu spät war ihm bewusst geworden, dass Liebe stets von zwei Seiten kommen musste.
Für sie hatte er sich aufgeopfert – alles gegeben, was er geben konnte. Und Sie? Ihr war es nie genug gewesen. Sie wollte haben und bekommen – Geschenke, Aufmerksamkeit, Zuneigung, Gewand, Schmuck, Schminke … Geben, jedoch war ihr kein Begriff gewesen.
Jan verteilte das frische Duschgel auf seiner Haut.
Vielleicht sollte er versuchen, die Sache etwas ruhiger anzugehen.
Fakt war: Lisa stellte etwas ganz Besonderes dar – Zweifel hin oder her.
Bedauerlicherweise vermochte diese Feststellung ihm keine Garantie dafür zu geben, von ihr nicht ebenso ausgenutzt zu werden, wie es durch seine ehemalige Verlobte geschehen war.
Er musste sich vorsichtig vortasten – sie beobachten, zwischen den Zeilen lesen, akribisch darauf hören, was sie sagte. Womöglich war es ihm auf diese Weise möglich, einen kurzen Blick auf ihr wahres Gesicht zu erhaschen.
Er duschte zu Ende, trocknete sich ab und schlüpfte in seine weiße dünne Trainingshose. Tief durchatmend trat er ans Fenster und zog den Vorhang zur Seite. Das ausgestrahlte Licht der Außenbeleuchtung wie die beleuchteten Fenster der angrenzenden Häuser waren durch den dichten Schneefall kaum mehr auszumachen.
Obwohl er den Schnee aus tiefster Seele liebte, wurde es nun selbst ihm etwas mulmig zumute. Wenn der Schneefall diese Intensität beibehielt, da war er sich sicher, würde es nicht mehr lange dauern, bis die ersten Dächer nachgaben.
Mit anwachsender Sorge zog er die Vorhänge zu und kuschelte sich in das kleine Bett. Hoffentlich verunglückte niemand da draußen. Hoffentlich hielten die Häuser dem gewaltigen Gewicht des Schnees stand. Hoffentlich geschahen keine Autounfälle. Aber weit mehr hoffte er, Lisa morgen erneut zu begegnen.
Womöglich durfte er ihr das Frühstück servieren … oder das Mittagessen. Und vielleicht – wenn es ihm gelang, seinen vermaledeiten Mut zusammenzukratzen – würde er sie auf ein Getränk einladen … am Abend, nach getaner Arbeit. Womöglich konnten sie ein wenig zusammensitzen und reden.
…
Worüber?
Er wusste es nicht.
Einfach zusammensitzen … in ihre wunderschönen Augen blicken, ihre Hand ergreifen, sie in die Arme nehmen …
Seufzend drehte er sich auf die Seite.
Ihre Haare hinter ihre Ohren streichen, seine Lippen auf ihre legen …
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