Читать книгу: «Schrottreif»
Titel
Isabel Morf
Schrottreif
Kriminalroman
Impressum
Die meisten Schauplätze dieses Romans sind
– mehr oder weniger – authentisch.
Aber die Figuren und die Handlung sind erfunden.
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© 2009 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2009
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung / Korrekturen: Susanne Tachlinski / Katja Ernst
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von muffinmaker / photocase.com
ISBN 978-3-8392-3410-5
Dienstag, 1. Woche
1. Teil
Jetzt reichts, jetzt ermorde ich diese schreckliche Angela, beschloss Valerie Gut. Sie lächelte böse. Und zwar heute Abend. Es war Mitte März, kurz vor 19 Uhr. Draußen dämmerte es. Ein recht milder, frühlingshafter Tag neigte sich dem Ende zu; kaum war die Sonne verschwunden, war die Temperatur empfindlich gesunken. Die Fahrräder waren hineingeräumt. Markus Stüssi, der Mechaniker, und Luís Zafar, der Anlehrling, waren eben gegangen. Valerie warf einen Blick aus dem Fenster. Der Wind trieb einen Papierfetzen vor sich her, eine Passantin zog sich im Gehen Handschuhe über, eine Tram näherte sich vom Bahnhof Wiedikon und nahm mit einem Quietschen die Kurve zur Haltestelle Schmiede Wiedikon. Das war Zürich im Vorfrühling. Valerie schloss die Ladentür ab. Die Fahrradsaison beginnt jedes Jahr eher, dachte sie. Der erste warme Tag des Jahres und schon kamen den Leuten ihre Räder in den Sinn, die in Kellerabteilen überwintert hatten und dringend einer Überholung oder einer Reparatur bedurften. Obwohl, dachte Valerie seufzend, wir doch einen vergünstigten Winterservice anbieten. Aber die Leute konnten natürlich kommen, wann sie wollten. Und ziemlich viele hatten heute kommen wollen. Na ja, gut für den Umsatz. Markus hatte eines der neu eingetroffenen, teuren Mountainbikes verkauft. Nach den Wintermonaten, in denen nicht viel lief, hatte sich Valeries Crew auf die Saison einzustellen begonnen. Das Schaufenster war passend zur Jahreszeit dekoriert: künstlicher Rasen mit Plastikblümchen, darauf ein Rad mit Picknickkorb auf dem Gepäckträger. Aber auf das Schlussbouquet, dachte Valerie, hätte ich gerne verzichten können. Dafür gedachte sie, sich jetzt zu rächen. Endlich. Ein für alle Mal. Sie hatte sich von dieser Frau viel zu viel bieten lassen. Sie ging langsam ins Büro hinunter, dicht gefolgt von Seppli, ihrem kleinen grauen Hundemischling.
Sie starrte auf die weiße Porzellanmöwe, die ihren Schnabel in ein Porzellanrosenblatt tauchte. Es war ein Weihnachtsgeschenk von Luís’ Eltern. Es mit nach Hause zu nehmen, hatte Valerie nicht fertiggebracht. Es wegzuwerfen, ebenso nicht. Also stand der Vogel im Büro auf einem Regal an der Wand und Luís war sehr zufrieden damit.
Eine halbe Stunde vor Ladenschluss hatte Angela Legler das Geschäft beehrt. Angela Legler war eine ihrer Stammkundinnen. Leider. Weshalb, war Valerie ein Rätsel, denn FahrGut war es noch nie gelungen, die Dame zufriedenzustellen. Sie war eine durchtrainierte Person mit ungesund gebräunter Lederhaut, die jedes Wochenende mit ihrem Mann Passfahrten unternahm. Vor einem Jahr hatte sie ein schmales, federleichtes Rad mit allen technischen Schikanen für ihre Bergfahrten gekauft, allerdings in einem langwierigen, für die Gut-Crew aufreibenden und nervenzehrenden Prozess: Die Farbe des Rahmens war eine Nuance zu hell. Beim Pedalen nahm sie ein schwaches schabendes Geräusch wahr. Sie hatte sich überlegt, dass sie doch den schmaleren Sattel wollte. Könnte man nicht, bitte, den anderen Lenker montieren, nur damit sie sah, ob der nicht besser war. Sie hatte aber doch lieber wieder den ersten haben wollen. Und so weiter. Ende letzter Woche hatte sie das Rad gebracht, um das Rücklicht reparieren zu lassen, was Markus am Samstag erledigt hatte.
Valerie hielt sich im Hinterhof auf, als sie hörte, dass Angela Legler im Laden herumschrie. Sie warf einen Blick hinein. Luís hatte der Kundin das Rad aushändigen wollen, worauf sie, nach einem flüchtigen Blick, ausgerastet war und ihn beschuldigt hatte, die Bremse ausgewechselt zu haben. Luís, ein Portugiese, dessen Deutschkenntnisse ausreichten, um die Attacke ungefähr zu verstehen, aber nicht, um sie zu parieren, verwies auf den Mechaniker und brachte sich in Sicherheit. Markus Stüssi wischte sich die ärgste Karrenschmiere von den Händen und schob sich langsam und vierschrötig in den Verkaufsteil des Ladens.
»Ihr habt an meinem Rad die Bremse ausgewechselt!«, tobte Angela Legler, 40-jährig, normal intelligent, von Beruf kaufmännische Angestellte – und jetzt offenbar völlig durchgedreht. Sie wollte die ursprüngliche Bremse, das teure Spitzenspezialmodell, wiederhaben. Sofort. Markus studierte den Reparaturzettel und das Rad eine Weile, betrachtete die Spezialbremse und schüttelte den Kopf.
»Wir haben die Bremse nicht ausgewechselt«, sagte er. »Hier steht: ›Licht reparieren.‹ Das habe ich erledigt. Am Samstag.«
Angela wurde noch wütender und verlangte ihre Superbremsen. Jetzt. Sofort.
Markus zuckte die Schultern. Sagte nichts. Es war offensichtlich, dass er mit dieser Kundin und ihrem Anliegen nichts anzufangen wusste.
Valerie war klar, dass das eine der Situationen war, in denen die Chefin gefragt war. Sie kam herein, Seppli dicht hinter ihr, Angela stampfte ihr entgegen, baute sich vor ihr auf und setzte zu einer Auflistung aller Verfehlungen von FahrGut in den letzten zwei Jahren an. Seppli knurrte leise.
Valerie sah rot. Sie sagte: »Raus! Nimm dein Velo und verschwinde. Definitiv. Die Lichtreparatur ist ein Abschiedsgeschenk.«
Angela holte tief Luft.
»Raus!«, befahl Valerie nochmals etwas lauter. Sie spürte einen Adrenalinstoß durch ihren Körper fahren und dachte: Valerie, gib acht. Sie machte einen Schritt auf Angela Legler zu, und diese wich zwei zurück. Valerie wurde bewusst, dass sie noch immer das Messer in der Hand hielt, mit dem sie draußen Kartonagen zerschnitten hatte.
»Meine Bremse, das werde ich euch heimzahlen!«, stieß Angela hervor, bevor sie ihr Rad packte und machte, dass sie wegkam.
Luís, der Valerie ohnehin bewunderte, applaudierte beeindruckt, während Markus sich ohne Kommentar wieder seiner Reparatur zuwandte. Großartig, dachte Valerie. Sie kannte ihr impulsives Temperament und erlaubte sich nicht mehr als zwei Zornesausbrüche pro Saison unverschämten Kunden gegenüber. Nun hatte sie schon ganz zu Beginn einen davon verbraucht. Zudem kam ihr jene Marketingstudie in den Sinn, gemäß der verärgerte Kunden ihren Frust durchschnittlich bei elf Leuten abluden, während es zufriedenen Kunden reichte, ihre Geschichte viermal weiterzuerzählen. Angela Legler würde die Szene von vorhin vermutlich mindestens 20-mal zum Besten geben.
»Räumen wir zusammen«, wies sie ihre Angestellten an, »es ist gleich halb.« Luís stellte die Fahrräder und den Ständer in den Laden, Markus führte den Diebstahlcheck durch, während Valerie die Kasse übernahm. Der Diebstahlcheck war leider nötig geworden. Seit mindestens einem halben Jahr wurde bei FahrGut regelmäßig geklaut. Mehrmals pro Woche. Immer einzelne Stücke, teures, qualitativ hochwertiges Zubehör. Helme, Schlösser, Sättel. Regenjacken. Es ging ins Geld. Mal 90 Franken. Mal 200. Mal 130. Und nicht nur das. Schlimmer war der unterschwellig allgegenwärtige Argwohn, den Valerie ihren Kunden gegenüber entwickelt hatte, ein leises Misstrauen, wenn sie jemanden bediente, der Gedanke: Bist du vielleicht der Dieb, auch wenn du jetzt so harmlos eine Kinderfahrradglocke kaufst? Wollte jemand dem Geschäft schaden?
»Ein Set Satteltaschen fehlt. 145 Franken«, meldete Markus.
Valerie fluchte. »Und ihr habt beide nichts gesehen?«
Betretenes Kopfschütteln. Sie war ungerecht, Valerie wusste es. Sie hatte ja ebenfalls nichts bemerkt. Seltsam war es schon, dass sogar Dinge verschwanden, die nicht so einfach zu verbergen waren wie Kilometerzähler oder Sport-T-Shirts. Aber Valerie wusste, dass andernorts ganze Musikanlagen aus Geschäften hinausgetragen wurden.
»War Tschudi heute mal da?«, fragte sie.
Luís nickte. Insgeheim hatte Valerie Hugo Tschudi im Verdacht, die Diebstähle zu begehen. Er war Kunde – nun ja, ›Kunde‹ war ein großes Wort. Ein komischer Vogel, fuhr einen Schrottesel, mit dem er wieder und wieder in den Laden kam. Irgendetwas daran zu flicken gab es immer. Aber vermutlich kam er gar nicht deshalb. Hugo mochte um die 50 sein, wirkte ungepflegt, schien nicht zu arbeiten. Er war lang und hager, die meist ungewaschenen Haare hingen ihm ins Gesicht, die Kleider stammten aus dem Brockenhaus, einem Secondhandladen. Irgendwie war er der Zeit in den 70er-Jahren vom Karren gefallen und dort hocken geblieben. Er kam, um Gesellschaft zu haben, um seine Weltanschauung zu predigen – und möglicherweise, um schönes Fahrradzubehör abzustauben und weiterzuverkaufen, mutmaßte Valerie gereizt. Von irgendetwas musste er ja leben. Sie entließ Markus und Luís in den Feierabend und schloss hinter ihnen ab.
Anschließend warf sie einen Kontrollblick auf die Fahrräder, die auf ihre Reparatur warteten. Wieder entdeckte sie eines mit einem schwarz übermalten FahrGut-Sticker. Komisch, dachte sie. Das fiel ihr seit einigen Monaten auf, dass immer wieder Räder in die Werkstatt kamen, bei denen der kleine, grün-weiß gestreifte Werbesticker, der auf dem Schutzblech jedes bei ihr gekauften Velos klebte, unkenntlich gemacht worden war. Valerie hatte die Kunden nie darauf angesprochen. So wichtig war es ja nicht. Sie fand es einfach ein bisschen seltsam. Ging jemand mit einem dicken schwarzen Filzstift durch Zürich, der es auf ihre kleinen Werbebotschaften abgesehen hatte? Der Gedanke war absurd. Und doch. Es gab ja auch jemanden, der klaute. Gab es eine Verbindung zwischen diesen beiden Vorgängen? Gab es eine Person, die etwas gegen FahrGut hatte? – Ach was, Unsinn, rief sich Valerie zur Ordnung. Erst mal war es so, dass sie ein Problem mit jemandem hatte: Angela Legler. Valerie stieg die Gitterwendeltreppe entschlossen hinab in den unteren Stock.
Dort waren die große Fahrradausstellung, die Velobekleidung samt Umkleidekabine, eine Kinderecke und ihr Büro untergebracht. Der Hund folgte ihr, er war ihr immer auf den Fersen. Seinen Pfoten zuliebe hatte sie auf der Metalltreppe kleine Spannteppichstücke platziert. Im Büro startete Valerie Gut den Computer und klickte sich in die Kundenkartei. Gab den Buchstaben L ein. Da war sie. Legler, Angela. Name, Adresse, Telefon, E-Mail-Adresse. Bearbeiten. Markieren. Delete. Gelöscht. ›Ermorden‹ nannte Valerie es, wenn sie einen besonders unangenehmen Kunden aus der Versandliste entfernte. Sie tat es selten. Aber mit Befriedigung. Angela Legler war für sie gestorben.
2. Teil
Im oberen Stockwerk schaute sie sich um. Das war ihr Reich. Seit fast zehn Jahren. Sie war nach wie vor stolz auf diese zweimal 80 Quadratmeter: Werkstatt, Ausstellung, Verkaufsfläche. Geräumig, zweckmäßig eingerichtet, die Produkte vorteilhaft präsentiert. Drei Arbeitsplätze und 3.000 Kunden in der Kartei. Sie schloss hinter sich ab.
Der alte Laden hatte ganz anders ausgesehen. Darin war sie praktisch aufgewachsen. Ihr Vater war Velomechaniker gewesen, hatte eine kleine Bude im Quartier gehabt. Die Mutter hatte ihm ›das Büro gemacht‹, wie man damals sagte. Und für die kleine Valerie war die enge, etwas schmuddelige und nicht sehr helle Werkstatt der spannendste Ort der Welt gewesen. Es hatte dort so viele wunderbare Dinge gegeben: weiches himbeerfarbenes Kugellagerfett und dunkles Grafitfett, in das sie ihre kleinen Hände tauchte; silbern glitzernde Rädchen, Schrauben und Muttern, aus denen sie sich mithilfe von dünnem Draht Schmuck bastelte. Mit altem Werkzeug durfte sie auf zerbeulten Schutzblechen herumhämmern, ausprobieren, ob sie einen kaputten Schlauch wieder dicht bekam. Sie hatte ihrem Vater so oft bei den gleichen Reparaturarbeiten zugesehen, seine Bewegungen beobachtet, wie er das Werkzeug ansetzte – ihr schien es, als habe sie es wie von selbst gelernt. Bevor sie zehn war, konnte sie einen platten Reifen und eine Bremse reparieren, ein Rad zentrieren, Speichen einsetzen. Nach der Schule saß sie zuerst bei der Mutter im Büro und machte Hausaufgaben und anschließend ging sie in die Werkstatt hinüber, wo der Vater sie an schrottreifen Velos herumbasteln ließ.
Valerie nahm den Hund an die Leine und befestigte sie an der Halterung ihres Fahrrads. Sie schob das Rad über die Birmensdorferstrasse, stieg auf und fuhr an der Haltestelle Schmiede Wiedikon vorbei in die Zurlindenstrasse in Richtung Sihl. Seppli zog an der Leine. Sie überquerte den Hertersteig und bog bei der Sportanlage in die Sihlpromenade ein. Dort ließ sie ihn frei laufen. Da sie es nicht eilig hatte, ging sie zu Fuß weiter.
Sie war gerne zur Schule gegangen, hatte gute Noten gehabt. Ihr Vater war stolz auf sie gewesen und hatte gewollt, dass sie aufs Gymnasium ging und studierte. Das hatte Valerie auch gemacht: Betriebswirtschaft und Ökonomie. Sie hatte in einigen Betrieben gearbeitet, in einer Messerfabrik in Delémont das Marketing übernommen, später in der Geschäftsleitung einer kleinen Textilfabrik in Mollis Einsitz gehabt. Ihr Vater hatte gehofft, sie würde in einen großen Konzern eintreten, Karriere machen. Es war für Valerie nicht ausgeschlossen gewesen, diesen Weg einzuschlagen.
Sie lief der Sihl entlang, die träge dahinfloss, schob das Rad neben sich her und schaute ab und zu nach Seppli. Er tobte mit einem anderen Hund herum, mit offenem Maul und fliegenden Ohren. Die Tiere jagten den Sihlhügel hoch und runter.
Dann hatte ihr Vater mit Mitte 60 einen Herzinfarkt erlitten und gleich darauf einen leichten Hirnschlag, von dem er sich nie mehr vollständig erholte. Schnell war klar: Er würde nicht mehr arbeiten können. Plötzlich hatte Valerie gewusst, dass es ihr Spaß machen würde, das Geschäft zu übernehmen. Der Vater war zuerst etwas irritiert gewesen. Hatte seine Tochter an der Universität studiert, um mit Ende 20 das Gleiche zu machen wie er, der gelernte Velomech? Nun ja, es ihrem Vater gleichzutun, hatte Valerie gerade nicht vor, auch wenn sie ihm das natürlich nicht ins Gesicht gesagt hatte. Sie wollte es besser machen. Sie gestaltete den Laden völlig um. Zwischen Werkstatt und Verkaufsteil ließ sie eine Mauer herausbrechen und die dunkle Holzdecke entfernen, sodass der Raum heller, höher, geräumiger wurde und großzügiger wirkte. Sie ließ die Wände neu anstreichen, veränderte die Einrichtung, ging die Produkte durch, warf einiges aus dem Sortiment, führte anderes neu ein, gab dem Geschäft einen Namen, entwarf knackige kleine Inserate für die Quartierpresse und machte nebenher die Fahrradhändlerprüfung.
Im ersten Jahr war sie allein im Laden. Ihr Vater hatte ebenfalls keine Angestellten gehabt, aber die Mutter hatte mitgearbeitet, die Buchhaltung gemacht, sich um Bestellungen gekümmert, geputzt. Valerie hingegen war auf sich gestellt, was ihr anfangs zu schaffen machte. Natürlich ließ sie sich das nicht anmerken. Die Mutter hatte ihr angeboten, weiterhin die Buchhaltung zu übernehmen, aber das wollte Valerie nicht. Es wäre kein richtiger Neuanfang gewesen. Sie wimmelte die Mutter taktvoll ab und diese hatte zudem genug mit der Pflege des Vaters zu tun. Valerie traute sich in der ersten Zeit kaum, aufs Klo zu gehen, fürchtete sich davor, morgens zu verschlafen oder gar krank zu werden. Aber es ging gut. Am allerersten Tag war zwar ihr erster ›Kunde‹ ein Vertreter gewesen, der ihr eine Kaffeemaschine andrehen und sie, als sie ablehnte, zu Jesus bekehren wollte. Sie entkam der Situation elegant mithilfe einer Nachbarin, die ihr gerade im richtigen Moment zur Neueröffnung ein Stück Kuchen vorbeibrachte. Neben der Stammkundschaft aus dem Quartier, die dem Laden treu blieb, zog sie neue Kunden an. Im ersten Sommer arbeitete sie manchmal bis 23 Uhr oder kam am Montag, ihrem freien Tag, für ein paar Stunden. War das zu Zeiten ihres Vaters genauso gewesen? Es war ihr früher gar nicht aufgefallen, wie viel er gearbeitet hatte. Im zweiten Sommer war klar, dass sie jemanden anstellen musste. Nach drei Jahren bewarb sie sich um ein größeres Ladenlokal, ganz in der Nähe, aber in einer besseren Lage, gleich gegenüber der Tram- und Bushaltestelle Schmiede Wiedikon und neben einem Supermarkt, und zog um. Jetzt konnte sie ein breiteres Sortiment führen, mehr Auswahl anbieten, ein größeres Lager haben. Es war nicht mehr so eng zu zweit, und nach einigen Jahren begann sie, einen Anlehrling oder Lehrling auszubilden.
Seppli war verschwunden und tauchte auch nicht auf, als Valerie ihn rief. Das konnte nur eines bedeuten: Er hatte irgendwo im Buschwerk am Hang des Sihlbergs etwas zu fressen gefunden. Wahrscheinlich etwas äußerst Unappetitliches. Hoffentlich nichts, was zudem unbekömmlich war. Sie hatte keine Lust, sich mitten in der Nacht um einen kotzenden Hund zu kümmern. Endlich kam er angeschlichen und sie nahm ihn an die Leine. Sie zerrte ihn mit der einen Hand von einer offensichtlich wunderbar riechenden Stelle weg, während sie mit der anderen ihr Rad schob, und überquerte die Bederstrasse.
Zu Hause duschte sie, schrubbte sich Reste von Karrenschmiere von den Händen, zog sich etwas Bequemes an und warf tiefgefrorenes Gemüse und etwas Rindfleisch in den Wok. Dazu legte sie eine CD ein. Stockhausen. Mit dieser Vorliebe konnte sie in ihrem Bekanntenkreis keine Begeisterung wecken. Aber hier störte es ja niemanden. Valerie lebte seit vier Jahren allein, seit Lorenz ausgezogen war, mit dem sie zehn Jahre zusammen gewesen war. Sie hatte den Gedanken, sich eine kleinere Wohnung zu suchen, aufgegeben und sich großzügig in den viereinhalb Zimmern eingerichtet. Als besonderen Luxus empfand sie ihre Bibliothek. Ins kleinste Zimmer hatte sie alle Bücherregale gestellt, dazu einen bequemen Sessel und eine Stehlampe. Hier verbrachte sie am liebsten ihre Abende, wenn sie nicht ausging oder Besuch hatte. Zum Essen öffnete sie sich ein Bier und schaltete den kleinen Fernseher ein, ohne richtig hinzusehen. Sie hatte keine Lust, an die Szene mit Angela Legler zu denken, und die dissonante Musik von Stockhausen erinnerte sie zu sehr daran. Der Krimi im Fernsehen allerdings brachte ihr die verdammten Diebstähle im Laden ins Gedächtnis zurück und daran wollte sie jetzt genauso wenig denken. Als sie den leeren Teller von sich schob, näherte sich Seppli, der ihre Zeichen zu deuten wusste. Das Tier hatte ein langes Stück robustes Segeltuch im Maul und wollte, dass Valerie am einen Ende zog und er gefährlich knurrend am anderen, dass sie sich dazu im Kreise drehte und Seppli in die Luft gehoben wurde und rundherum flog. Sie tat ihm den Gefallen.
Sie ging, wie meist, früh zu Bett und schlief rasch ein. Plötzlich schreckte sie hoch. Das Telefon. Jetzt? War schon Morgen? Nein, der Wecker zeigte halb drei. Es musste etwas passiert sein. Verschlafen hastete Valerie in den Flur und hob ab.
»Ja, hallo?«
Es blieb still. Falsch verbunden, dachte sie, halb erleichtert, halb empört. Sie fragte nochmals nach: »Was ist denn, wer ist da?«
»Hallo, Valerie«, flüsterte jetzt eine Stimme und kicherte. »Hab ich dich geweckt?«
»Was soll das?«, rief Valerie, plötzlich wach, scharf. »Wer ist da?«
»Das wüsstest du wohl gerne.« Nun war kein Kichern mehr in der Stimme. »Du Miststück. Du wirst noch ganz anders von mir hören. Kannst dich freuen.«
Dann wurde aufgelegt. Valerie saß starr. Was war das? Falsch verbunden war der Typ nicht gewesen, er hatte ihren Namen genannt. War es überhaupt ein Mann gewesen? Nicht eindeutig festzustellen, wenn jemand flüsterte. Vermutlich schon. Woher war der Anruf gekommen? Sie tippte auf dem Display herum, bis sie die Anrufernummer vor sich hatte. Rief die Auskunft an. Aus einer Telefonzelle. Hätte sie sich ja denken können. Aber wie soll man klar denken, wenn man mitten in der Nacht einen Drohanruf erhält? Wer konnte das sein? Jemand, den sie kannte? Kaum möglich. Jemand, der sich irgendeine beliebige Telefonnummer, die einer Frau gehörte, herausschrieb und sich einen Spaß daraus machte, sie zu erschrecken? Oder jemand, der sie kannte? Ein Kunde, der etwas gegen sie hatte? Nein, das war absurd. Der ganze Anruf war absurd.
Valerie vergewisserte sich, dass die Wohnungstür abgeschlossen war. Ab und zu vergaß sie es, sie war keine ängstliche Person. Sie stellte die Lautstärke des Klingeltons auf null und ging wieder zu Bett. Eine Weile lag sie noch wach, bevor die Müdigkeit siegte. Am nächsten Morgen galt ihr erster Blick dem Telefon. Es war kein weiterer Anruf eingegangen. Valerie beschloss, die Sache ad acta zu legen. Lohnte sich nicht, sich wegen eines Spinners aufzuregen. Aber ein ungutes Gefühl blieb.
Mittwoch, 1. Woche
1. Teil
Markus war schon da, als Valerie gegen 8.45 Uhr in den Laden kam. Er war dabei, die Räder, die repariert werden mussten, in den Hinterhof zu stellen, damit im Verkaufsraum mehr Platz für die Kunden war. Valerie half ihm, schaute sich die Reparaturzettel kurz an und bestimmte, welche Aufträge Markus sich zuerst vornehmen sollte.
»Wechsle als Erstes dieses Vorderrad aus. Ich habe Frau Bäbler versprochen, dass sie das Velo heute Mittag abholen kann. Die hat Glück gehabt, dass sie sich nur die Hand leicht verstaucht hat, als sie in den Abfallcontainer gedonnert ist.«
Das Velo hatte weniger Glück gehabt, das Vorderrad war zu einer hässlichen Acht verbogen. Markus griff sich das Rad, blieb unschlüssig stehen, schaute Valerie an, aber sagte nichts.
»Na?«, sagte Valerie.
»Ich wollte etwas fragen«, begann Markus.
»Ja?«
»Wir haben doch keine Putzfrau mehr«, bemerkte Markus.
»Ja?«, wiederholte Valerie leicht ungeduldig.
»Ich wüsste vielleicht eine.«
Aha. Markus brachte es langsam auf den Punkt.
»Meine Freundin. Sie könnte einen Job brauchen. Sie hat schon geputzt. Weiß, was man beachten muss. Hat bei einer Reinigungsfirma gearbeitet.«
»Warum nicht«, meinte Valerie. »Sie kann sich mal vorstellen kommen. Wie alt ist sie? Wie heißt sie?«
»33. Sibylle.«
Bloß kein Wort zu viel, ärgerte sich Valerie. Typisch.
»Okay«, sagte sie rasch. »Mach einen Termin aus für nächste Woche. Am besten an einem Vormittag.«
Markus nickte und wandte sich seiner Reparatur zu.
Markus Stüssi, Anfang 30, groß und breit gebaut, arbeitete seit zweieinhalb Jahren bei FahrGut. Valerie wurde nicht ganz schlau aus ihm. Er war sehr zugeknöpft, erzählte kaum etwas von sich, arbeitete meist stumm vor sich hin und machte den Mund nur auf, wenn es um die Arbeit ging. Dann allerdings zeigte sich, dass er durchaus reden konnte. Er erklärte Luís den Unterschied zwischen zwei Bremssystemen oder wies eine Kundin auf die Vor- und Nachteile einer Nabenschaltung im Vergleich zu einer Kettenschaltung hin. Valerie war so weit zufrieden mit ihm. Er war vielleicht nicht besonders intelligent, ein langsamer Denker, Initiative und Ideen erwartete sie nicht von ihm, aber er war ein geschickter Mechaniker und er hatte Kraft, was sie praktisch fand, denn ihre Körperkräfte waren, bei 1,66 Meter, 53 Kilo und einer Abneigung gegen Krafttraining, eher begrenzt. Zu einem guten Klima im Laden trug Markus nicht viel bei – was, wie sich Valerie sagte, auch nicht sein Job war –, aber er arbeitete zuverlässig, kam nie zu spät und war ohne Weiteres bereit, früher zu kommen oder länger zu bleiben. Und bei den Kunden war er beliebt. In letzter Zeit hatte Valerie registriert, dass sich Hugo Tschudi ein wenig mit Markus angefreundet hatte. Das passte ihr nicht ganz, da sie Tschudi misstraute, aber es ging sie im Grunde nichts an, solange der Kunde ihren Mechaniker nicht von der Arbeit abhielt. Und Markus ließ sich nicht ablenken. Valerie wusste, dass Markus es vor einiger Zeit mit einer eigenen kleinen Bude versucht hatte, aber nach zwei Jahren in Konkurs gegangen war. Das wunderte sie nicht. Aber sie wunderte sich darüber, dass er zuvor mit dem Velo ein Jahr durch die Welt gereist war. Er schien ihr so gar nicht der weltoffene, abenteuerlustige Typ zu sein. Doch man konnte wohl ebenso eigenbrötlerisch, wie man Fahrräder instand setzte, durch Litauen, Transnistrien oder Indien pedalen. Selbstverständlich erzählte Markus kaum etwas von jener Reise, obwohl Luís furchtbar gern aufregende Geschichten gehört hätte. Jedenfalls, auch das wusste Valerie, hatte Markus einige Schulden durch seinen Konkurs, die er monatlich abstotterte. Vermutlich brauchte er wenig Geld zum Leben, er hatte eine günstige kleine Altbauwohnung in Örlikon, einem Quartier im Norden der Stadt. Offenbar hatte er nun eine Freundin, es war das erste Mal, dass er sie erwähnte.
Um fünf Minuten nach 9 Uhr kam Luís angeschlichen. Er kam durch den Hintereingang und versuchte, sich unauffällig in den unteren Stock, wo die Garderobe war, zu verdrücken.
»He«, Valerie fasste ihn am Ärmel und deutete auf die Uhr.
»Tschuldigung«, murmelte er schuldbewusst und versuchte, seinen Charme spielen zu lassen. »Konnte nicht schnell fahren. Überall rote Lichter. Und Lastwagen. Konnte nicht überholen. Und auf Trottoir Leute.« Er grinste. »Aber dafür ich jetzt ganz schnell arbeiten, okay, Boss?«
»Auf dem Trottoir sollst du sowieso nicht fahren«, ermahnte Valerie ihn streng. »Und mit Rotlichtern musst du immer rechnen. Los, zieh dich um.«
Valerie hatte es in dem Dreivierteljahr, in dem Luís bei ihr eine Anlehre machte, fertiggebracht, dass er nicht oft zu spät kam, mehr aber auch nicht. Seine Sprachkenntnisse ließen immer noch zu wünschen übrig. Er war klein für seine 16 Jahre, mager und trug seine Baseballmütze immer ins Gesicht gezogen. Er war seit fünf Jahren in der Schweiz, hatte hier auch ein paar Jahre die Schule besucht. Valerie war es unerklärlich, wieso er nach dieser Zeit immer noch so schlecht Deutsch konnte. Er war ihr vom Verein Job vermittelt worden; einer Stelle, die versuchte, Jugendliche, die kaum eine Aussicht hatten auf Arbeit oder Lehrstelle, irgendwie unterzubringen. FahrGut war in den diversen Institutionen, die sich um Schulabgänger kümmerten, als gute Adresse bekannt und Valerie beherbergte häufig für ein paar Tage einen ›Schnupperstift‹. Die meisten schickte sie wieder weg. Wenn sie sich zu desinteressiert zeigten, machte sie kurzen Prozess. Luís hatte sie behalten. Er hatte eine phänomenale Begabung für alles Mechanische. Er verstand vermutlich Valeries Erklärungen nie vollständig, aber nachdem er einen Blick auf ein kaputtes Licht geworfen hatte, wusste er innerhalb von Sekunden, wo der Fehler lag. Valerie begann, mit Luís zu arbeiten, ihm Deutsch beizubringen. Luís lernte. Anfangs verwunderte es ihn unendlich, dass ihm Valerie Zeit gab, im Büro zu sitzen und zu lernen, wo er doch fürs Arbeiten bezahlt wurde. Valerie brachte ein Kinderbuch in den Laden, Pettersson und Findus. Bilder und eine einfache Geschichte. Sie hatte befürchtet, das könnte dem 16-Jährigen zu blöd sein, aber Luís hatte Spaß daran. Sie ließ ihn die Geschichte vorlesen, erklärte ihm Wörter und sie lachten zusammen über die Pointen. Vor ein paar Tagen hatte sich Valerie etwas Neues ausgedacht. Sie brachte Luís ein kleines Schreibheft mit, ein Tagebuch.
»In dieses Heft schreibst du jeden Tag einen Satz. Was du willst. Du kannst etwas beschreiben, das du gesehen, gemacht oder gedacht hast.«
Er hatte sie nur verständnislos angesehen.
»Heute Morgen«, sagte Valerie, »hast du einem Velo einen neuen Sattel montiert. Das könntest du zum Beispiel schreiben.«
Abends zeigte ihr Luís das Heft. Der erste Satz lautete: ›Ich zendriere Rad heute. Und ich schbiele mit Hund.‹
»Super«, lobte Valerie. Und dann besprach sie mit ihm die Rechtschreibfehler.
Heute war Luís also wieder mal zu spät dran. In Windeseile hatte er sich in den Arbeitsoverall geworfen und tauchte wieder auf. Er schnappte sich rasch das Fahrrad, das Valerie ihm zuschob, und begann, den platten Schlauch aus dem Reifen zu schälen.
Valerie deutete auf die Pneuoberfläche: »Wie nennt man das?«
»Profil«, antwortete er.
Valerie nickte. Es war heute bedeckt und kühler und das machte sich am Kundenvolumen bemerkbar. Sie ging ins Büro hinunter, um Bestellungen zu erledigen und die E-Mails zu checken. Außerdem hatte sie vor, die Website zu aktualisieren. Der nächtliche Anruf ging ihr wieder durch den Kopf. Unangenehm. Aber falls er sich nicht wiederholte, würde sie nichts unternehmen. Lina, ihrer besten Freundin, würde sie es erzählen.
Sie wandte sich ihrer Arbeit zu, musterte einen Bestellzettel, den Markus falsch ausgefüllt hatte, und korrigierte. Tja, die Angestellten. Das war ein Kapitel für sich. Valerie hatte zwar schon, bevor sie ein eigenes Geschäft führte, Leitungsfunktionen innegehabt und war Chefin gewesen. Aber sie hatte ihre eigenen Vorstellungen und strebte eine partnerschaftliche Zusammenarbeit an, wollte flache Hierarchien und Frauen fördern. Allerdings hatte sie es nicht gerade geschickt begonnen. Ihre erste Mitarbeiterin war Rahel Aebli gewesen, eine junge Kindergärtnerin, die aus ihrem Beruf raus und eine Männerdomäne entern wollte. Sie war Autodidaktin, brauchte aber noch Anleitung und Ausbildung. Valerie begegnete ihr freundschaftlich, was bedeutete, dass sie es war, die den Abfall raustrug und putzte, ihrer Angestellten aber genauso viel Lohn bezahlte, wie sie selbst bezog. Valerie kaufte einen neuen Kompressor, damit sie nicht von Hand Pneus aufpumpen mussten. Rahel wies darauf hin, dass der Kompressor die Luft verschmutzte und dringend ein Filter anzubringen war. Valerie bastelte einen. Rahel machte darauf aufmerksam, dass ihr Lohn unter dem branchenüblichen Ansatz lag. Zwar bezog sie sich hier auf ausgelernte Mechaniker, übersah das jedoch großzügig. Rahel wies immer wieder auf dieses und jenes hin, verbunden mit dem Zusatz, dass sie von einer weiblichen Chefin etwas anderes erwartete. Bis Valerie sie in einem Zornesausbruch hinauswarf.
Nach dieser Geschichte war Valerie über die Bücher gegangen. Innerlich. Hatte Lehren daraus gezogen. ›Freunde dich nicht mit dem Personal an‹, hatte sie groß in ihr Tagebuch geschrieben. Von da an änderte sie ihr Verhalten. Sie verwedelte die Tatsache, dass sie die Chefin war, nicht mehr. Und ab diesem Zeitpunkt hatte sie weniger Probleme mit ihren Angestellten. Sie hatte im Laufe der Jahre eine Reihe von Mechanikerinnen und Mechanikern beschäftigt. Bessere und schlechtere. Nettere und weniger nette. Seit zweieinhalb Jahren war es Markus Stüssi. Und im letzten Sommer war Luís Zafar als Anlehrling dazugestoßen. Sie war soweit zufrieden mit der Situation.
Sie machte sich an die Bestellungen, da rief Luís nach ihr. Es war ein unterdrücktes Lachen in seiner Stimme. Valerie ging hinauf. Aha, wieder eine Situation, in der die Chefin ran musste. Die beiden Männer, Markus und Luís, plus ein älterer Kunde standen in einem Kreis ratlos um zwei weinende kleine Mädchen herum. Die beiden trugen Strumpfhosen, aber weder Schuhe noch Hausschuhe. Ihre Kleidchen waren sicher nicht in der Globus-Kinderabteilung gekauft worden.
»Sind da gekommen«, Luís deutete auf den Platz, in Richtung Zentralstrasse. »Haben Hand gehalten und weinen. Konnte sie nicht einfach so lassen. Sind klein.«
Da hatte er sie halt mit hineingenommen. Na ja. Dass lange nicht alle Menschen, die das Leben in ein Fahrradgeschäft spült, irgendetwas mit Rädern zu tun haben oder zu tun haben wollen, wusste Valerie inzwischen aus langjähriger Erfahrung. Lorenz hatte ihr sogar mal vorgeschlagen, FahrGut in ›Strandgut‹ umzubenennen. Diese beiden kleinen Mädchen wollten sicher kein Kindervelo kaufen. Valerie und die Männer versuchten, mit ihnen zu sprechen. Aber die beiden schluchzten bloß. Als Seppli auftauchte, erschraken sie so sehr, dass Valerie ihn hinunterschickte. Die Kleinen konnten weder Deutsch noch Portugiesisch, noch verstanden sie die paar Brocken Türkisch, die eigenartigerweise Markus beizusteuern wusste. Und auf das Kroatisch, das der Kunde an ihnen ausprobierte, reagierten sie ebenso wenig. Valerie nahm die beiden an der Hand und ging mit ihnen zur Regionalwache Wiedikon hinüber. Sie lag ganz in der Nähe, auf der anderen Seite des Platzes, ein altes Eckhaus zwischen Birmensdorfer- und Stationsstrasse.
»Ich habe wieder mal Strandgut abzuliefern«, sagte sie zu Polizistin Elmer, die Dienst hatte. Man kannte sich. In den FahrGut war schon eingebrochen worden, Valerie hatte einmal bei einem Kaffee über die Diebstähle gejammert, und vor ein paar Monaten hatte sie einen verwirrten alten Mann, der nicht ins Altersheim zurückfand, auf der Wache abgeliefert. Außerdem war Zita Elmer dafür zuständig, den Drittklässlern im Quartier auf dem Pausenplatz des Ämtlerschulhauses das Velofahren beizubringen und sie in die Verkehrsregeln einzuweisen. Dabei fuhr sie eines der Falträder, das die Stadtpolizei im FahrGut für diesen Zweck gekauft hatte.
Zita Elmer war Ende 20, groß, etwas massig, hatte kurzes blondes Haar. Ursprünglich Krankenschwester, hatte sie bald nach der Ausbildung umgesattelt, die Polizeischule absolviert, sich in Zürich beworben und einige Jahre Streifendienst gemacht. Auf der Polizeischule hatte sie ihren Mann kennengelernt, der in Höngg Dienst tat. Seit fünf Jahren arbeitete sie in Wiedikon, seit einem Jahr leitete sie die Wache. Sie war gerne Polizistin. Krankenschwester war sie geworden, weil sie es mochte, mit Menschen zu tun zu haben und einen lebhaften Betrieb liebte. In einem Spital passierte etwas mit den Menschen. Sie wurden krank eingewiesen und verließen den Ort meist wieder gesund. Viele Patienten mochten sie, weil sie optimistisch und auf eine etwas resolute Art einfühlsam war. Sie konnte beispielsweise sehr sanft Blut abnehmen. Andere mochten sie nicht. Das waren diejenigen, die mutlos waren, sich kampflos ihrer Krankheit ergaben. Diese Patienten empfanden sie als grob. Nach wenigen Jahren fühlte sie sich nicht mehr wohl in der Spitalwelt. Sie bewegte sich in einer permanenten Ausnahmesituation, so kam es ihr zumindest vor, aber sie wollte doch mitten im Leben stehen, dort, wo etwas los war. So wurde sie Polizistin. Sie hatte keine Angst vor Hektik, vor sich schnell verändernden Situationen, vor Konflikten. Ob sie sich nachts mit jugendlichen betrunkenen Partygängern herumschlug, die sie beschimpften, oder ob sie sich nachmittags einer alten verängstigten Frau annahm, der auf dem Heimweg die Handtasche entrissen worden war – beides waren Facetten ihrer Arbeit, auf beide Situationen konnte sie sich sehr rasch einstellen. Die Arbeit im Quartier gefiel ihr. Sie wurde meist mit kleineren Delikten und Regelverstößen konfrontiert, mit Situationen, in denen die alltägliche Ordnung verletzt wurde und es ihr oblag, sie wiederherzustellen. Aber sie betrachtete diese Arbeit nicht als oberste Stufe ihrer Karriereleiter, denn sie war ehrgeizig. Zwei, drei Jahre würde sie weitere Erfahrungen sammeln, bevor sie sich beim Kommissariat Ermittlung oder beim Kommissariat Fahndung bewerben wollte.
Als die beiden kleinen Mädchen die große Frau in der Uniform sahen, weinten sie noch mehr. Aber Zita Elmer wusste bereits Bescheid.
»Ein Problem weniger«, sagte sie zufrieden. Sie liebte es, Fälle zügig zu lösen. »Der Vater der Kleinen hat angerufen. Drei und vier Jahre alt sind sie. Irena und Diana. Eben erst in der Schweiz eingetroffen. Durch die halb offene Wohnungstür abgehauen. Albanisch hätten Sie mit ihnen reden müssen. Na ja, kann ich auch nicht.« Sie wandte sich an die Mädchen. »Offenbar seid ihr zwei fixe kleine Abenteurerinnen, Irena und Diana. Muss der Papa halt besser auf euch aufpassen, was?«
Die Mädchen, die aufmerkten, als ihre Namen fielen, schauten mit großen Augen die fremde Frau an und wurden still.
Zita Elmer griff zum Telefon und rief den Vater an. Sie reichte das Telefon den Kindern weiter, die, ohne selbst den Mund aufzutun, hineinhorchten.
»Er wird gleich kommen«, sagte Elmer. »Happy End in Sicht.«
Valerie und Zita Elmer unterhielten sich noch ein paar Minuten, dann verabschiedete sich Valerie. Sie überlegte einen Augenblick, ob sie Elmer von dem Drohanruf erzählen sollte, ließ es dann aber bleiben. Bevor Elmer hier gearbeitet hatte, war Beat Streiff da gewesen. Er hatte auf demselben Stuhl gesessen, der nun ihr Platz war. Auch der Schreibtisch war derselbe. Vor ein paar Jahren hatte Streiff zur Kriminalpolizei in der Zeughausstrasse gewechselt. Valerie schob den Gedanken an ihn rasch beiseite.
2. Teil
Valerie kam aus einer kurzen Mittagspause zurück. Spaziergang mit Seppli, eine Cola und ein Sandwich mit scharfer Salami und roter Paprika aus dem Paradicsom nebenan, im Gehen verzehrt. Sehr ungesund, hätte Lorenz, der Arzt war, erklärt. Aber der hatte ja schon länger nichts mehr zu sagen. Zudem, dachte Valerie trotzig, könnte ich auf das Salatblatt zwischen Brötchen und Salami und auf das Stück Paprika verweisen. Trotzdem kaufte sie rasch am Marktstand vor der Migros einen Apfel. Dann schob sie sich einen Nikotinkaugummi in den Mund. Sie war von Gauloises blau umgestiegen, als Lorenz ihr in einer ihrer innigeren und leidenschaftlicheren Phasen gesagt hatte: ›Ich verzeihe es dir nie, wenn du mit Mitte 50 Krebs bekommst.‹ Das hatte Valerie imponiert. Nun, mittlerweile hatte es sich so entwickelt, dass Lorenz sich kaum darum scheren würde, was mit ihr Mitte 50 sein würde. Ihr Kontakt war nach der Trennung abgerissen. Aber beim Kaugummi war sie geblieben.
Markus war dabei, einem Kunden die neu eingetroffenen Cannondale-Mountainbikes vorzuführen. Der Kunde, ein junger Mann, schien sich auszukennen, fragte nach technischen Details, verglich die verschiedenen Modelle miteinander. Valerie deutete an, dass sie ins Büro hinunterginge und man sie, wenn nötig, rufen könne.
Sie wollte Anzeigen entwerfen. Sie inserierte regelmäßig im Tagblatt, im Quartier-Anzeiger, im Tachles, in der Zeitung der orthodoxen Juden – da in Wiedikon ein großer Teil der jüdisch-orthodoxen Bevölkerung Zürichs wohnte – und in der Frauenzeitung. Lange hatte es ihr Spaß gemacht, in ihren Werbetexten mit ihrem Namen zu hantieren, Wortspiele zu kreieren. Aber das verbrauchte sich mit der Zeit. Gewisse klassische Slogans behielt sie bei, schlichte Aussagen wie ›Gute Räder bei Gut‹. Aber sie fand, sie musste ihre Palette etwas erweitern, und hatte vor, sich einem Brainstorming zu überlassen. Nach unzähligen durchgestrichenen Ideen, zerrissenen Blättern, verworfenen Slogans textete sie schließlich ›Warum wie auf Nadeln sitzen? – Satteln Sie Ihr Fahrrad bei uns‹, ergänzt durch ›Gute Sättel bei Gut‹, in kleinerer Schrift am unteren Rand.
Sie hörte ein leises Klopfen und sah auf. Durch die Glasscheibe erblickte sie Adele Goldfarb und winkte sie herein.
»Störe ich?«, fragte Adele und streichelte rasch Seppli.
»Nein, komm nur, ich bin gerade fertig geworden.«
Adele war zehn Jahre alt, wohnte in der Nachbarschaft und kam auf dem Heimweg von der Schule ab und zu bei ihr vorbei. Valerie hatte das Mädchen gern und freute sich, wenn sie kam. Sie war fröhlich, selbstsicher, aufgeweckt, wollte alles wissen. Die Porzellanmöwe fand sie toll. Valerie kannte drei ihrer älteren Brüder, die ebenfalls bei ihr ein und aus gegangen waren; Sruli, Alexander und Aron. Alle mit Löckchen vor den Ohren, kleinen Käppchen, einer Portion unbekümmerten Neugier und großer Diskussionslust. Es war ihnen bewusst, dass bei ihnen zu Hause andere Werte vertreten wurden als außerhalb, und sie erprobten gerne ihre Weltanschauung an den abweichenden Auffassungen von Valerie. Alexander hatte die Plastikdinosaurier in der Kinderecke entdeckt und wollte wissen, was das für Tiere seien. Valerie hatte ihm erzählt, dass sie vor über 100 Millionen Jahren auf der Erde gelebt hätten, dass sie riesengroß gewesen seien und man nicht genau wisse, warum sie ausgestorben sind. Das Alter der Erde war für Alexander aber nicht verhandelbar gewesen. Gott hat die Erde vor 5.766 Jahren geschaffen, da konnte es nicht vor viel, viel längerer Zeit Dinosaurier gegeben haben. Sicher nicht.
Valerie, die nicht viel über die jüdischen Bräuche wusste, unterhielt sich gern mit den Kindern. »Warum dürft ihr nicht gleichzeitig Milch und Fleisch essen?«, fragte sie deshalb eines Tages Alexander.
Der wusste Bescheid. »In der Tora steht, dass man ein Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen darf«, hatte er erklärt. Und hatte mit kindlicher Logik hinzugefügt: »Das ist doch klar. Das Kleine soll die Milch seiner Mutter trinken.«
»Wie ist es denn für euch, wenn wir Weihnachten feiern und auf den Plätzen große Weihnachtsbäume stehen?«, hatte sie sich ein anderes Mal erkundigt.
»Wir haben auch schöne Feste«, hatte Alexander erzählt. »Im Winter haben wir Chanukka, das Lichterfest, da zünden wir Kerzen an. Und Geschenke geben wir einander an Purim. Dann verkleiden wir uns.« Die Kinder kamen offenbar ganz selbstverständlich zurecht mit den beiden Welten, in denen sie lebten.
Die meisten Kinder der jüdisch-orthodoxen Familien im Quartier hatten panische Angst vor Seppli, überhaupt vor Hunden. Valerie hatte nie herausfinden können, warum. Die kleinen Goldfarbs waren die Ersten, die sich dem gefährlichen Mysterium Seppli näherten. Der Pionier war nicht Sruli gewesen, der Älteste, sondern Alexander, der Zweite. Er hatte eines Tages Seppli gestreichelt, zwei Tage später wieder. Am dritten Tag war Aron, der Kleine, mitgekommen, der seinen großen Bruder erst ungläubig bewunderte; ihm dann kurz entschlossen nacheiferte und Seppli ins grau gelockte Fell fuhr. Von da an war der Bann gebrochen. Um ihren Mut für sie selbst und die Eltern zu verewigen, hatte Valerie von jedem der Goldfarb-Buben ein Foto mit Seppli machen müssen. Irgendwann war Adele aufgetaucht. Drittklässlerin. Zahnlücke, frecher Blick, ein etwas zu langes Kleidchen für eine Neunjährige, fand Valerie.
»Ich war mit meinem großen Bruder schon mal bei Ihnen«, hatte sie gesagt und sich gründlich umgesehen. »Sie, was ist das für ein Werkzeug? Was machen Sie damit?« Valerie hatte erklärt. Irgendwann war die Kleine mit dem Wunsch herausgerückt, wie ihre älteren Brüder mit Seppli fotografiert zu werden.
»Klar«, hatte Valerie zugestimmt, den faulen Hund aufgescheucht und von den beiden vor dem Laden ein Bild gemacht. Stolz war Adele mit der Aufnahme abgezogen.
Adele trug immer Strumpfhosen und langärmlige Blusen, sogar im Sommer. Valerie hatte sie gefragt, ob ihr nicht zu heiß sei.
Die Kleine hatte gleichgültig die Schultern gezuckt. »Bei uns ist es halt so, alle Mädchen sind so angezogen. Und wenn ich groß bin, verdecke ich mir die Haare wie meine Mutter. – Es ist wegen unserer Religion«, hatte sie hinzugefügt. »Aber manchmal«, hatte sie Valerie anvertraut, »wenn es gar zu warm ist, kremple ich ein wenig die Ärmel hoch. Aber nur bis hier.« Sie deutete auf die Mitte ihres Unterarms.
Adele besah sich die Inseratvorlage. »Den Spruch finde ich lustig«, stellte sie fest, »aber die Zeichnung ist nicht gut genug. Sie müssen einen Sattel zeichnen, aus dem Stecknadeln herausschauen, und daneben einen, der weich ist, vielleicht könnten Sie ein richtiges Kissen daraufmalen.«
Valerie versprach, sie werde schauen, was sich machen lasse, und Adele bot an, ihrem Bruder die Anzeige anzukündigen, damit er Platz in der Zeitung freihielt. Sruli, der älteste der Goldfarb-Söhne, akquirierte neuerdings als Lehrling die Inserate für die Zeitung der orthodoxen Juden, und Adele genoss es, Valerie zuliebe ihre Connections spielen zu lassen.
Plötzlich fragte Adele: »Was sind Neonazis?«
Valerie fühlte sich überrumpelt und ein wenig überfordert. Wusste das Mädchen, wer die Nazis gewesen waren? Wie gingen jüdische Eltern mit solchen Informationen um? Wurden zehnjährige Kinder über alles informiert oder wurden sie geschützt, bis sie älter waren?
»Nicht wahr, die Neonazis mögen Juden nicht?«, fuhr Adele fort.
»Das stimmt«, bestätigte Valerie.
»Wissen Sie, warum?«
Valerie überlegte einen Moment, weil sie das Kind nicht mit einer billigen Antwort abspeisen wollte.
Aber Adele fragte schon weiter: »Gibt es in der Schweiz viele Neonazis?«
»Nein«, schüttelte Valerie den Kopf, »es sind nur wenige.«
»Kennen Sie selbst Neonazis?«
»Nein, mit Neonazis mag ich nichts zu tun haben. Ich kenne niemanden, der so denkt.«
Adele bedachte sie mit einem langen Blick.
»Fragst du mich das aus einem bestimmten Grund, Adele?«, hakte Valerie nach. »Möchtest du mir etwas erzählen?«
Die Kleine schüttelte den Kopf und stand auf. »Ich muss nach Hause, meine Mama wartet auf mich«, erklärte sie und stieg die Wendeltreppe hinauf. Sie blieb nochmals stehen: »Ich kenne einen Neonazi. Er mag mich nicht.« Dann war sie weg.
*
Eine Minute später stand Markus vor Valerie. Er wirkte beunruhigt. Der sportliche Typ, der sich Mountainbikes habe zeigen lassen, sei von einer Probefahrt nicht zurückgekehrt. Wann er denn losgefahren sei, wollte Valerie wissen. Vor einer Stunde, gab Markus zu.
»Hast du ihm ein Pfand abgeknöpft?«, fragte Valerie.
»Ja, die Identitätskarte.«
»Na, dann ist ja gut. Wir rufen ihn einfach an«, meinte Valerie, der es vor Jahren einmal passiert war, dass sie unfreiwillig ein Fahrrad gegen eine Jeansjacke eingetauscht hatte. Die Jacke war ihr überdies zu groß gewesen. Lorenz hatte sie deshalb eine Weile getragen.
Sie rief den jungen Mann an, der tatsächlich zu Hause war; den Vorwurf, ein Fahrrad angesehen zu haben und zu einer Probefahrt aufgebrochen zu sein, aber weit von sich wies. Das Rätsel wurde rasch und unerfreulich aufgeklärt. Seine Identitätskarte war ihm an diesem Morgen gestohlen worden, zusammen mit einer Reihe weiterer Ausweise. Er hatte den Diebstahl der Polizei bereits gemeldet und war im Moment dabei, Kreditkarten und andere Chipkarten unschädlich zu machen beziehungsweise sperren zu lassen. Armer Tropf. Immerhin erhielt er jetzt seine ID wieder. Er kam vorbei und er war in der Tat nicht jener Kunde, der zur Probefahrt gestartet war. Ein ähnlicher Typ, jung, blond, sportlich. Valerie machte Markus keinen Vorwurf, sie hätte vermutlich ebenfalls nicht so genau hingeschaut und sich austricksen lassen. Aber verdammt unangenehm war es schon. Sie ging zum zweiten Mal an diesem Tag zum Polizeiposten hinüber, diesmal in Begleitung eines betretenen und eines unschuldigen jungen Mannes und erstattete Anzeige.
Kurz nach 19 Uhr kam sie nach Hause und schaute nach ihrer Post. Im Postkasten lag ein Paket. Ohne Absender. Valerie runzelte die Stirn. Geburtstag hatte sie nicht und bestellt hatte sie auch nichts. Der Hund schnupperte.
»Na«, fragte Valerie lachend, »ist das für dich? Hast du heimlich Hundefutter bestellt? Passt es dir nicht mehr, was ich dir vorsetze?«
Irgendwie schien es auch ihr, dass das Paket ein bisschen roch. In der Wohnung riss sie es auf. Sie starrte ein paar Sekunden auf den Inhalt. Ihr Herz klopfte heftig, noch bevor ihr Verstand begriff.
»Verdammte Scheiße«, rief sie aus. Zornestränen schossen ihr in die Augen. In dem Paket lag ein toter Fisch. Ein Fisch, der schon eine ganze Weile verendet war. Ein toter Fisch mit glasigen Augen, einem grauen Leib, der jetzt deutlich stank. Sie legte die Schachtel ab und scheuchte den Hund weg. Halb verborgen unter dem Fisch entdeckte sie einen Bogen Papier. Sie zog ihn heraus. ›Beste Grüße‹ stand darauf. Nichts weiter. Der Text bestand aus Buchstaben, die aus einer Zeitung ausgeschnitten und aufgeklebt worden waren. Sie wollte den Zettel schon zerreißen, hielt aber inne. Moment, dachte sie, der Anruf gestern Nacht. Jetzt das Paket. Bevor sie weiter überlegen konnte, klingelte das Telefon. Lina hatte doch gesagt, sie würde heute Abend anrufen. Valerie hob ab. »Lina!«, rief sie. Es war nicht ihre Freundin.
Es war wieder dieses Kichern von gestern Nacht, dieses Flüstern: »Valerie, wie gefällt dir das? Sieht nicht schön aus, so ein toter Fisch, oder? Du wirst auch nicht besser aussehen, wenn du tot bist.«
Valerie legte augenblicklich auf. Ihr Zorn war verflogen. Sie hatte auch keine Angst. Sie war plötzlich ganz kühl. War das eine Art Todesdrohung gewesen? Ich muss etwas unternehmen, dachte sie. Sie legte das Paket auf den Balkon und setzte sich an den Küchentisch. Es konnte keine ernst gemeinte Drohung sein. Es gab niemanden, der sie umbringen wollte, da war sie sich sicher. Aber es gab offensichtlich jemanden, der sie in Angst und Schrecken versetzen wollte. Wer? Warum? Hatte er gewusst, dass sie um diese Zeit nach Hause kam? Sie würde sich das nicht bieten lassen. Morgen früh vor der Arbeit würde sie auf dem Polizeiposten vorbeigehen.
Donnerstag, 1. Woche
1. Teil
Zita Elmer nahm Valeries Anzeige entgegen. Sehr viel konnte sie nicht tun. Sie würde abklären, ob anderswo in der Stadt in der letzten Zeit weitere Anzeigen wegen ähnlicher Belästigungen eingegangen waren, und das Paket würde sie beim Technischen Dienst auf Fingerabdrücke und andere Spuren untersuchen lassen. Vielleicht konnte man auch herausbekommen, wo der Fisch herkam.
»Früher, als es noch keine Computer gab, wurden anonyme Briefe so zusammengebastelt. Heute könnte man sie einfach tippen. Vielleicht stammt der Schrieb von einer älteren Person, die nicht mit einem Computer umzugehen weiß, überlegte sie. Haben Sie eine Ahnung, wer Ihnen bös will?«
»Darüber habe ich mir wirklich den Kopf zerbrochen«, seufzte Valerie, »aber ich kann es mir nicht vorstellen. Natürlich gibt es ab und zu mal Kunden, die unzufrieden sind und sich beschweren. Und vor ein paar Wochen hatte ich eine kurze Affäre mit einem Mann, der es mir übel nahm, als ich nichts weiter von ihm wollte. Aber das sind alles keine Gründe für eine solche Bosheit.«
»Geben Sie mir trotzdem den Namen jenes Mannes und der Kunden, mit denen Sie in letzter Zeit Auseinandersetzungen hatten.«
Valerie gestand, von jenem Mann nur den Vornamen zu kennen, was ihr ein bisschen peinlich war. »Krach hatte ich kürzlich mit einer Kundin, Angela Legler. Aber ich bin praktisch sicher, dass die Stimme am Telefon einem Mann gehört hat. Und ich kann sie mir auch nicht beim Basteln eines solchen Briefs vorstellen.«
Zita Elmer gab Valerie ihre private Handynummer. »Unter Polizeischutz können wir Sie nicht stellen«, entschuldigte sie sich.
Valerie wehrte ab. »Das will ich auch gar nicht, das brauche ich nicht. Ich käme mir ja komisch vor mit einem Bodyguard.« Es gelang ihr ein Lächeln, auch wenn es etwas verrutscht aussah.
»Sie können mich jederzeit auch außerhalb meiner Dienstzeiten anrufen, wenn wieder etwas geschieht.«
»Danke.« Valerie ging zum FahrGut hinüber und Zita Elmer bestellte einen Kurier, der das unappetitliche Fischpaket zur Untersuchung bringen würde.
Valerie war etwas knapp dran, Markus war schon da. »Guck mal, was ich da gefunden habe. Lag am Boden bei der hinteren Türe.«
Es war ein schmuddliger Briefumschlag, mit Druckbuchstaben beschriftet mit ›Valerie Gut‹. Valerie wurde rot und nahm ihn Markus aus der Hand. Schnell ging sie ins Büro hinunter. Sie wollte auf keinen Fall, dass ihre Angestellten etwas von den Bedrohungen erfuhren. Sie riss den Umschlag auf. ›Tote Fische schwimmen mit dem Strohm‹, stand da. Wieder ausgeschnittene, auf den Bogen geklebte Buchstaben. Ein völlig sinnloser Satz. Es ging offensichtlich nur um die ersten beiden Wörter. Der Rechtschreibfehler mochte etwas zu bedeuten haben oder auch nicht. Am meisten erschütterte Valerie, dass der Unbekannte sie auch in ihrem Geschäft verfolgte. Sie schob den Papierbogen in den Umschlag zurück. Mittags würde sie ihn Zita Elmer bringen. Für den Moment wollte sie sich zwingen, nicht mehr daran zu denken, sondern sich auf die Arbeit zu konzentrieren.
Valerie rief Luís zu sich. Seppli schlief im Büro neben dem Ofen, vermutlich träumte er, denn seine Beine bewegten sich und er gab kleine, aufgeregte Laute von sich. Vielleicht jagte er im Traum über eine grüne Wiese und erlebte große Abenteuer. Luís warf ein Blick hinüber und kicherte, dann konzentrierte er sich wieder auf das Velo vor ihm. Valerie hatte einen Stapel hellgelber Post-it-Zettelchen in der Hand, jedes mit einem Wort beschriftet. ›Speiche‹, ›Bremskabel‹, ›Rücklicht‹ und Ähnliches stand darauf. Sie gab Luís eines nach dem anderen; er las die Aufschrift laut vor und klebte das Zettelchen an die richtige Stelle des Rads. ›Gangschaltung‹. Ein schwieriges Wort. Lang. Kaum auszusprechen. Und was bezeichnete es schon wieder?
»Schau dir zunächst nur den ersten Teil des Wortes an«, gab ihm Valerie einen Tipp.
Gang, klar, ging Luís auf.
»Und was machst du, wenn du nicht mehr im fünften, sondern im sechsten Gang fahren willst?«
Richtig, schalten. Und das Ding, mit dem man das bewerkstelligte, war eben – die Gangschaltung.
Sie ging mit ihrem Anlehrling nach oben, griff sich ein Rad, an dem die Gangschaltung repariert werden musste, und begann, Luís am Objekt zu erklären, wo das Problem lag und wie es anzugehen war.
Die Ladenglocke ertönte und aus dem Augenwinkel sah Valerie, dass Hugo Tschudi seine alte Mühle in den Laden schob. Wehe, wenn heute Abend wieder etwas fehlt, drohte sie in Gedanken gereizt.
Markus kümmerte sich sogleich um ihn; zusammen beugten sie sich über das Fahrrad. Der Mechaniker holte einen Schraubenzieher, es war offenbar nur eine lockere Schraube anzuziehen. Valerie nervte es besonders, dass Hugo mit Problemen ankam, die er selbst hätte beheben können. Wenn er auf dem Fahrrad durch Lateinamerika gefahren war, wie er regelmäßig erzählte, musste er wohl imstande sein, eine Schraube an seinem Velo festzudrehen.
»Also, bis Samstag«, hörte sie Hugo zu Markus sagen. So, dachte sie, gleich wieder verärgert, die treffen sich also in der Freizeit. Es ging sie ja nichts an, aber ihr Unmut blieb. Sie hatte in der letzten Zeit eine Abneigung gegen Hugo entwickelt, was vermutlich ungerecht war, wie sie sich eingestehen musste. Auf den ersten Blick wirkte er ein wenig eigen, ein bisschen schrullig, vielleicht etwas lästig, jedoch harmlos. Aber mit der Zeit hatte Valerie ab und zu Blicke von ihm aufgefangen, die ihr nicht gefallen hatten. Kühl, hochmütig, spöttisch. Sie konnten einen unbeholfenen Kunden treffen oder Luís, wenn er Schweizerdeutsch sprechende Kundschaft nicht verstand, oder auch sie selbst, vor allem, wenn sie von irgendetwas genervt war, zum Beispiel von einem komplizierten Kunden, und es sich nicht anmerken lassen wollte. Hugo schien es zu merken – und zu genießen. Es begann sie zu stören, dass er regelmäßig im FahrGut herumlungerte, und sie überließ es meist Markus, sich mit ihm herumzuschlagen. Möglicherweise war das keine gute Idee gewesen. Hugo zu ›ermorden‹ hatte natürlich nichts genützt, der kam sowieso, ob er nun den halbjährlichen Versand bekam oder nicht. Die teuren Neuheiten, die in den Prospekten vorgestellt wurden, konnte er sich ohnehin nicht leisten. Aber immerhin erhielt er keinen Gutschein mehr, mit dem er zehn Prozent auf einen Winterservice erhalten hätte. Das hätte gerade noch gefehlt. Ob er vielleicht – nein, das traute Valerie ihm denn doch nicht zu, dass er auf solche Gemeinheiten kam.
Sie sah auf. Tschudi war ja immer noch da. Er stand neben ihr, schaute auf sie herunter.
»Und wie gehts der Frau Chefin?«, erkundigte er sich mit gespielter Ehrerbietung. »Viel Ärger im Geschäft wie meistens?«
Valerie nahm sich zusammen. »Danke«, antwortete sie kurz, »mir gehts bestens.« Nur nicht provozieren lassen, ermahnte sie sich. Und fügte doch etwas bissig hinzu: »Wir haben günstige Schraubenzieher im Sortiment. Natürlich nur, falls Sie den Ehrgeiz haben sollten, zu lernen, selbst eine lockere Schraube anzuziehen.«
»Wollen Sie damit sagen, bei mir sei eine Schraube locker?«, fragte Tschudi heiter zurück. »Dann wäre ich bei Ihnen ja an der richtigen Adresse.«
Valerie hatte nicht die geringste Lust auf ein Wortgeplänkel. »Ich bin dabei zu arbeiten«, würgte sie das Gespräch ab. »Und normalerweise kosten Reparaturen bei uns etwas.«
»Ja«, gab er verächtlich zurück. »Der heilige Kommerzius ist auch der Schutzpatron dieses Ladens. Da kann man so alternativ tun, wie man will, letztlich ist man doch die Chefin, die scheffelt. Ciao.«
Tschudi ging. Markus warf ihr einen Blick zu. Scheffeln, dachte Valerie, wider Willen amüsiert. Was der sich wohl vorstellt? Sie konnte gut leben vom Geschäft, in den letzten Jahren war es stetig bergauf gegangen. Aber das richtige Business, um reich zu werden, war die Fahrradbranche mit Sicherheit nicht. Für Tschudi, diesen Moralisten, war man wohl schon eine Kapitalistin erster Güte, wenn man es auf mehr als das Existenzminimum brachte. Na ja, es lohnte sich nicht, viele Gedanken an Hugo Tschudi zu verschwenden.
Valerie ließ Luís einen platten Reifen flicken und ging ins Büro hinunter. Der Hund hob seinen verstrubbelten Kopf und gähnte. »Faultier«, murmelte sie und tätschelte ihn. Aber er sprang, erfrischt vom Morgenschläfchen, auf, alles andere als ein Faultier, und schaute sie erwartungsvoll an. Valerie sah auf die Uhr. »In einer halben Stunde ist Mittagspause, dann gehen wir zusammen raus, okay?«
2. Teil
Als Erstes brachte sie mittags den anonymen Wisch zum Polizeiposten. Elmer studierte die Botschaft. »Scheint keinen Sinn zu ergeben. Da ist nur die Verbindung mit dem toten Fisch. Es sei denn, der Täter ist der Meinung, dass Sie gegen den Strom schwimmen. Könnte sich auf Ihren Beruf beziehen. Aber das hilft uns nicht weiter. Vielleicht ist es schlicht ein Psychopath, der Ihnen einen toten Fisch schickte, weil der leichter aufzutreiben ist als ein Kalbskopf. – Entschuldigung«. Valerie war zusammengezuckt. »Ich werde auch dieses Papier auf Spuren untersuchen lassen. Einstweilen bitte ich Sie, die Sache nicht zu sehr auf die leichte Schulter zu nehmen. Passen Sie auf sich auf.«
Na, vielen Dank, dachte Valerie etwas unzufrieden, als sie davonzog. Sie drehte mit dem Hund eine Runde im Quartier. Seppli schnupperte hingebungsvoll an einem undefinierbaren Fleck auf dem Asphalt. Valerie ließ ihn gewähren. Sie hatte es nicht eilig, sie wollte auch nicht nachdenken, sondern für eine halbe Stunde so tun, als wäre es ein ganz normaler Tag, ein Spaziergang wie jeder andere. In diesem Viertel gab es zum Teil verkehrsberuhigte Straßen mit älteren Mietshäusern, Genossenschaftsgebäuden mit günstigen Wohnungen für Familien mit kleineren Einkommen, für alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern, Wohngemeinschaften, ältere Leute mit kleiner Rente. Es war ein eher ruhiges Viertel, zwar mit gemischter Bevölkerung, aber ohne angesagte Bars und Szenetreffpunkte. Die verschiedenen Gemeinschaften pflegten wenig Kontakt. Die orthodoxen Juden blieben für sich, die muslimischen Familien aus den Balkanländern und der Türkei ebenfalls und die Schweizer guckten wohl den Frauen mit Kopftüchern und langen Regenmänteln oder den Männern mit den Zapfenlocken ein bisschen skeptisch nach, kümmerten sich aber um ihre eigenen Angelegenheiten.
Gut drei Jahre war Seppli nun bei Valerie. In ihrem Bekanntenkreis waren eher Katzen die angesagten Haustiere. Hunde, behaupteten ihre Freunde, seien eher etwas für einsame alte Leute, vielleicht für Familien, bei denen es neben zwei unordentlichen Kindern auf einen Hund nicht mehr ankam, oder für die Hundesportler, die ihre belgischen Schäfer militärisch dressierten. Zu guter Letzt gab es noch die Zuhältertypen und verantwortungslosen jungen Loser, die ihr Image mit einem Kampfhund aufpeppten, den sie nicht im Griff hatten. Aber Valerie mochte Katzen nicht. So sehr auch ihre Bekannten das Loblied auf die Unabhängigkeit und Eigenwilligkeit ihrer Katzen sangen und dies geringschätzig der Unterwürfigkeit und Unselbstständigkeit von Hunden gegenüberstellten, sie mochte diese Tiere einfach nicht und solche Charakteranalysen fand sie schlicht dumm.
Sie hatte sich ihren Hund aus einem Tierheim geholt. Was für eine Mischung er war, wurde nicht klar, auch seine Geschichte blieb im Dunkeln. Jedenfalls war er eine Zeit lang obdachlos gewesen und sehr geschickt im Organisieren von Futter. Leider, dachte Valerie seufzend, hatte er diese Eigenschaft bis jetzt nicht abgelegt, obwohl zuverlässig jeden Morgen ein gefüllter Fressnapf vor ihn hingestellt wurde. Die ersten Wochen mit ihm waren nicht einfach gewesen. Er war zwar stubenrein, gutartig und bellte nicht oft, hatte aber ein unerschöpfliches Kontakt- und Kommunikationsbedürfnis. Valerie lebte zu diesem Zeitpunkt seit einem Jahr allein, und zwar gerne. Und sie merkte mit einem leichten Erschrecken, dass sie jetzt nie mehr wirklich allein sein würde. Egal, was sie tat, stets waren zwei große Augen auf sie gerichtet. Wenn sie ins Bad ging, setzte sich der Hund dicht vor die Tür und wimmerte. Wenn sie nach drei Minuten wieder herauskam, war seine Freude einfach zu groß für den banalen Anlass. Nach ein paar Tagen ertappte sie sich bei dem Gedanken, dass sie gerne wieder einmal einen Abend für sich hätte. Aber mit der Zeit hatte man sich aneinander gewöhnt. Seppli gehörte zum Laden und auf beiläufig angenehme Art zu ihrem Leben.
Sie zog den Hund energisch weg von dem interessanten Fleck auf der Straße und bog mit ihm um die Ecke. Es war die Straße, in der ihr Konkurrent Paul Schiesser seinen Laden hatte. Schiesser konnte sie nicht leiden. Valeries Vater und er hatten jahrzehntelang in einer distanzierten Koexistenz gelebt, keiner grub dem anderen groß das Wasser ab. Valerie hatte ihn als Kind gekannt und er war damals nett zu ihr gewesen. Aber der frische Wind, den die erwachsene Valerie ins Business brachte, schreckte Schiesser auf. Als das größere Ladenlokal an der Schmiede Wiedikon ausgeschrieben gewesen war, hatten sich beide beworben. Valerie hatte den Zuschlag erhalten. Sie konnte es Schiesser also nicht verdenken, dass er nicht gut auf sie zu sprechen war. Sie wusste, dass er bei Lieferanten und Konkurrenten über sie lästerte. Er hatte die Entwicklung im Velobusiness einfach verschlafen, während Valerie genau im richtigen Moment ins Geschäft eingestiegen war und ihre Chancen genutzt hatte. Man grüßte sich knapp, wenn man sich zufällig traf.
Valerie wechselte die Straßenseite, sie musste ja nicht gerade an seinem – übrigens schlecht dekorierten – Schaufenster vorbeistolzieren. Der Mann hatte keine Ahnung von Gestaltung. Er hatte offenbar sein halbes Lager im Schaufenster aufgetürmt, damit die Kunden sahen, was bei ihm alles im Angebot war. Mit dem Resultat, dass man gar nichts wahrnahm, nicht mal Lust hatte, einen zweiten Blick zu riskieren.
Aber nun sah Valerie doch genauer hin. Denn die Ladentür wurde aufgerissen und sie hörte Schiesser laut und wütend, mit sich fast überschlagender Stimme brüllen: »Hauen Sie bloß ab und lassen Sie sich hier nie wieder blicken!«
Aus seinem Geschäft stürzte Hugo Tschudi. Was, hier verkehrt der auch?, wunderte sie sich. Dann sah sie Hugos Gesicht. Sein überlegenes, verschlagenes Lächeln. Sie ging rasch weiter. Womit hatte Tschudi Schiesser wohl so in Rage gebracht? Jedenfalls, daran zweifelte Valerie nicht, hatte er es genossen. Nein, dachte sie, Hugo Tschudi war nicht nur ein eigenbrötlerischer Mensch, er war ein sehr unsympathischer Mensch, der in ihr Unbehagen auslöste. War er darüber hinaus ein Dieb? Sie wünschte, er würde FahrGut und ebenso ihren Mechaniker in Ruhe lassen. Ihn einfach ein für alle Mal rauswerfen konnte sie nicht, dafür hatte sie keinen handfesten Grund und dafür war auch der Streit mit Angela Legler noch nicht lange genug her. Die Sache lag ihr ein wenig im Magen. Man hatte ja schließlich einen Ruf zu verlieren.
Valerie ging weiter. Eine Frau fuhr auf einem Rad an ihr vorbei. Angekoppelt war ein kleiner, mit durchsichtiger Folie bedeckter Anhänger, in dem ein kleines Kind saß. Der wurde bei mir gekauft, registrierte Valerie beiläufig. Aber sie hat dem Kind den Helm ja ganz falsch aufgesetzt. Sie erinnerte sich an eine SUVA-Werbung für Velohelme. Eine ganze Familie, alle mit Helmen ausgestattet – und jeder einzelne saß falsch. Hatte keinen Wert, sich darüber aufzuregen.
3. Teil
Die Ladenglocke ertönte, herein kam Frau Zweifel. Frau Zweifel fuhr nicht Velo. Sie war 80 Jahre alt. Sie wohnte im selben Haus, einen Stock über FahrGut. Valerie freute sich, sie zu sehen. Vor über 30 Jahren war sie bei ihr zur Schule gegangen. Frau Zweifel war im Quartier, im Ämtlerschulhaus, Primarlehrerin gewesen. Längst war sie pensioniert. Auch wenn sich das Quartier in den letzten Jahrzehnten stark verändert hatte, Leute weggezogen waren, andere sich hier niedergelassen hatten, kannte Salome Zweifel bis heute viele der Viertelbewohner. Einige hatten bei ihr lesen und schreiben gelernt. Nicht nur Valerie, auch ihr ungeliebter Kunde Hugo Tschudi, Angela Leglers Mann und sogar Paul Schiesser waren ihre Schüler gewesen. Sie wohnte in der eigenen Wohnung und dachte nicht daran, ins Altersheim zu ziehen. Zweimal pro Woche lieferte Pro Senectute Mahlzeiten, die Frau Zweifel nur aufzuwärmen brauchte; eine Putzfrau hielt die Wohnung sauber und bügelte, und wenn sie krank war, bestellte sie jemanden von der Spitex. Zudem hatte ihr Hausarzt, Doktor Hefti, seine Praxis im selben Haus. So kam sie sehr gut zurecht, obwohl ihr diese und jene Altersgebrechen zu schaffen machten. Aber im Kopf war sie völlig klar. Und dann gab es noch Raffaela, ihre Großnichte. Salome Zweifel war nie verheiratet gewesen und hatte keine Kinder. Aber Raffaela, die Enkelin ihres Bruders, schaute regelmäßig bei ihr vorbei.
»Guten Morgen«, grüßte sie, »haben Sie gerade viel zu tun?« Obwohl sie Valerie als Siebenjährige gekannt hatte, nahm sie es sich nicht heraus, sie zeitlebens zu duzen, und Valerie war ihr dankbar dafür.
»Nein«, erwiderte Valerie, »heute läuft nicht viel.« Sie hatte ein Rad in den Bock eingespannt, dessen Lenker sie auswechseln musste. Es war ein Citybike, das statt eines sportlichen Mountainbike-Lenkers einen bequemen Hollandlenker bekommen sollte. Sie rückte für Frau Zweifel einen Stuhl zurecht. »Ich freue mich, wenn Sie mir ein wenig Gesellschaft leisten.«
Markus und Luís waren im hinteren Teil der Werkstatt zugange. Frau Zweifel grüßte unsicher nach hinten. Luís lächelte, Markus reagierte nicht. Typisch, dachte Valerie genervt, dieser Stockfisch.
Valerie hatte eben eines der Bremskabel des Vorderrads mit einem Inbusschlüssel gelöst, nun griff sie nach einem Gabelschlüssel und machte sich am Schaltkabel des Hinterrads zu schaffen. »Wie läufts denn in Ihrem Kurs?«
»Gut«, gab Frau Zweifel Auskunft. »Das ist gar nicht so schwierig mit diesem Internet, wie ich gedacht hatte. Das war eine gute Idee von Raffaela.«
Valerie lachte. Sie kannte Frau Zweifels Großnichte nur flüchtig, denn Raffaela Zweifel war keine Radfahrerin. Sie war eine gut aussehende junge Frau Mitte 20. Typ Partygirl. Fröhlich, lebenslustig – und bewundernswert souverän auf ihren High Heels. Raffaela Zweifel, die in der Nähe als Sekretärin arbeitete, war weit davon entfernt, sich um ihre Großtante zu kümmern, indem sie sich mit ihr zum Kuchenessen traf. Das hätte sie zweifellos gelangweilt. Sie hatte sie dazu angestiftet, sich einen Laptop zu kaufen, und sie eifrig in dessen Benutzung eingeführt. ›Schreib deine Erinnerungen auf‹, hatte sie vorgeschlagen, ›Geschichten, wie es früher war.‹ Kurze Zeit später hatte sie ihr einen Internetanschluss eingerichtet und sie zu einem Internetkurs für Senioren angemeldet. Als Geschenk zum 80. Geburtstag. Das hatte die alte Frau zuerst etwas überrumpelt, aber dann hatte sie Gefallen daran gefunden.
Alle Achtung, dachte Valerie, während sie sich daranmachte, die Lenkergriffe zu entfernen. Sie fuhr mit einem dünnen Schraubenzieher unter den Gummi und sprühte etwas Kriechöl in den Spalt. Nun ließen sich die Griffe herunterschieben. Valerie wischte das Öl sorgfältig vom Lenker.
Sie hatte sich schon oft mit der alten Frau unterhalten und wusste, dass sie es faustdick hinter den Ohren hatte. In ihrer Jugend hätte sie gern Mathematik studiert, aber das Höchste, was ihr Vater ihr damals zugestanden hatte, war eine Ausbildung zur Primarlehrerin gewesen. Da hatte sie wenigstens mit Kindern zu tun. Was sie da lernte, konnte sie später bei den eigenen Kindern anwenden. Eigene Kinder hatte sie dann aber nicht. Aber sie unterrichtete gern. Kinder waren so lernfähig, sie lernten von Geburt an, egal ob sie versunken spielten, herumtobten, sich stritten, Fragen stellten oder etwas beobachteten. Sie lernten, weil sie wissen wollten, wie die Welt funktionierte, in der sie lebten. Man musste also so unterrichten, hatte die junge Lehrerin Salome Zweifel gefolgert, dass die Kinder das, was sie ihnen beibrachte, tatsächlich wissen wollten. Und sie hatte Erfolg. Wenn sie ihre Klassen nach drei Jahren an den Viert- bis Sechstklasslehrer abgab, waren sie mit dem Schulstoff regelmäßig weiter, als es der Lehrplan vorschrieb, vor allem im Rechnen. Natürlich änderten sich die didaktischen Methoden im Laufe der Jahrzehnte, aber Salome Zweifel hatte davon nur das übernommen, was ihr sinnvoll erschien. Wenn sie in der Zeitung las, dass immer mehr Leute auch nach acht Schuljahren nicht richtig lesen konnten, schüttelte sie nur den Kopf. Lesen war eine einfache Kulturtechnik. Auch ein nicht sehr gescheites Kind – oder wie man heute sagte, ein Kind aus bildungsfernem Elternhaus – konnte diese erlernen, das wusste sie aus langjähriger Erfahrung. Wenn das in acht Jahren nicht klappte, stimmte etwas mit der Schule ganz grundsätzlich nicht.
Neben dem Unterricht pflegte sie weiterhin ihre geheime Leidenschaft, die Mathematik. Sie verfolgte ihre Entwicklung aus der Distanz, las Artikel darüber auf der Seite Forschung und Technik der Neuen Zürcher Zeitung, verschlang Biografien von Mathematikern, verfolgte die Entstehung der Informatik. Besonders beeindruckte sie Heinz Rutishauser, Informatiker an der ETH, ein Pionier der Computerwissenschaften. Er war im gleichen Dorf aufgewachsen wie sie, war aber einige Jahre älter. Trotz dieser Interessen hatte Salome Zweifel eine Scheu vor den elektronischen Medien. Irgendwie schienen sie einer anderen Zeit anzugehören, in der sie, Salome, zwar lebte, aber mit der sie nicht so eng verbunden war wie mit früheren Zeiten. Die Pensionierung war ein tiefer Einschnitt in ihrem Leben gewesen. Eigentlich hätte sie sich jetzt an der Universität immatrikulieren und Mathematik studieren können. Aber sie traute es sich nicht mehr zu. Ich werde alt, hatte sie gedacht, nein, ich bin alt, die Dinge überholen mich. Es hatte die junge, unbekümmerte Raffaela gebraucht, um sie aus dieser Unsicherheit und Resignation herauszuholen. ›Unsinn, Salome‹, hatte sie resolut erklärt, ›das muss man heutzutage können. Du auch. Und das schaffst du mit links.‹ Und die alte Frau stellte fest, dass sie zwar langsamer lernte, aber nicht so eingerostet war, wie sie gedacht hatte.
»Raffaela fürchtet, ich könnte mich langweilen, allein in der Wohnung«, erzählte sie nun Valerie. »Sie hat mir von diesen Chatrooms erzählt, in denen man Leute von überall her kennenlernen kann. Zum Beispiel pensionierte Lehrerinnen aus Australien. Oder Leute, die Anagramme basteln. Oder ich könnte im Internet kanadische Zeitungen lesen. Das hat mich natürlich schon interessiert, auch wenn es bald 50 Jahre her ist, seit ich in Kanada gelebt habe. Immerhin war ich zwei Jahre dort.«
»Waren Sie schon auf der Website von FahrGut?«, wollte Valerie wissen. Sie hängte die Brems- und Schaltkabel, die mit kleinen Köpfchen gesichert waren, aus der Bremse und der Gangschaltung aus. Dann hob sie den Lenker aus dessen Vorbau heraus.
»Ach, so weit bin ich bisher nicht. Wir haben im Kurs erst das mit diesen E-Mails gehabt. Das ist alles ein wenig verwirrend. Das Internet ist ja offenbar riesig. Wie finde ich denn Ihre Seite?«
Valerie erklärte es ihr.
»Ich habe jetzt immerhin eine E-Mail-Adresse«, erzählte Frau Zweifel, »und Raffaela schreibt mir täglich eine kurze Nachricht aus dem Büro. Sie ist wirklich ein liebes Mädchen. Auch wenn sie sich etwas verrückt anzieht. Sie hat diese Stelle nun schon länger als ein Jahr und ihr Chef ist offenbar sehr zufrieden mit ihr. – Ihre E-Mails beantworte ich natürlich. Das ist Ehrensache. Wenn ich täglich nachsehe, vergesse ich zudem mein Passwort nicht. Im Kurs haben sie uns gesagt, wir sollten es auswendig können und nicht notieren. Aber mein Gedächtnis ist nicht mehr so gut.«
»Sie müssten eins wählen, das Sie sich gut merken können.« Valerie hatte den Mountainbike-Lenkervorbau, dessen Krümmung nach unten zeigte, aus dem Rahmen entfernt und setzte den neuen Vorbau, dessen Krümmung nach oben verlief, ein. Darauf kam der neue Lenker. Sie erzählte Frau Zweifel die Geschichte aus Umberto Ecos Roman ›Das Foucaultsche Pendel‹. Wie Casaubon am Computer des verschwundenen Jacopo Belbo sitzt und versucht, an dessen Dateien heranzukommen, obwohl er das Passwort nicht kennt. ›Hast du das Passwort?‹, fragt ihn der Computer höflich. Nach stundenlangen vergeblichen Versuchen ist Casaubon mit den Nerven völlig am Ende und er tippt wütend ›Nein‹ ein. Und siehe da, dieses Wort war das Passwort. Frau Zweifel lachte.
»Ja, so etwas Narrensicheres müsste ich auch haben. Eine Frage, die die Antwort enthält. Eine Eingabeaufforderung, die das Passwort beinhaltet. Ein passendes Wort.« Sie kicherte. Sie hatte Freude an Wortspielen, gleichermaßen gefielen ihr Valeries Werbeslogans, in denen sie mit ihrem Namen spielte. Früher hatte sie mit den Namen ihrer Bekannten und ihrer Schülerinnen und Schüler Anagramme ausgetüftelt.
Ihr würde schon was einfallen, dachte Valerie. Sie holte die neuen Brems- und Schaltkabel, die etwas länger waren als die alten.
Es war kurz nach 16 Uhr. Adele kam, wie oft auf dem Nachhauseweg von der Schule, auf einen Sprung vorbei. Valerie hätte sie gerne auf ihre Bemerkung vom Vortag angesprochen, aber dazu hätte sie mit ihr allein sein wollen. Frau Zweifel war gerade dabei, ihr zu erklären, dass sie sich Fotos, die sie mit ihrer Handykamera aufnahm, per MMS auf den Laptop schickte. Adele blickte sehnsüchtig auf das Handy. Ihre Eltern wollten nicht, dass sie eins hatte. Frau Zweifel hingegen besaß eines, weil ihre Nichte es ihr praktisch aufgedrängt hatte. ›Du musst eins haben‹, hatte sie bestimmt erklärt. ›Wenn du irgendwo hinfällst, mit deinen Schwindelanfällen, musst du dir Hilfe organisieren können.‹ Sie hatte ihr natürlich nicht das billigste gekauft, sondern eines, und das machte das Teil so spannend für Adele, mit dem man Fotos machen und sogar kurze Filme drehen konnte. Das hätte das Mädchen so gern ausprobiert. Sie wünschte sich eines zu ihrem Geburtstag, aber ihre Eltern machten ihr keine Hoffnungen.
»Warum schieben Sie die Fotos nicht per Kabel auf Ihren Laptop rüber?«, schlug Valerie vor. »Wäre doch einfacher und billiger als per MMS.« Von einer Rolle zwackte sie vier abgemessene Stücke Kabelhülle ab, schob nacheinander die zwei Bremskabel und die zwei Schaltkabel hinein und zog sie hindurch. Sie hängte oben die Kabelköpfchen ein und legte die Kabel entlang des Lenkervorbaus und des Rahmens nach unten.
»Ach, das funktioniert irgendwie nicht, Raffaela hat es versucht.« Frau Zweifel zuckte die Achseln. »Aber es geht auch so. Übrigens werde ich auf meine alten Tage noch Fotoreporterin.«
Fotoreporterin? Adele hörte gespannt zu.
»Schauen Sie, das haben sie im Kurs verteilt.« Sie kramte eine Broschüre aus ihrer Handtasche hervor und reichte sie Valerie. Ein Wettbewerb für Senioren. Vom Sozialamt organisiert. Seniorinnen und Senioren sehen ihr Quartier. »Kleine Reportagen mit Texten und Fotos des Quartiers, in dem man wohnt. Was meinen Sie, soll ich da mitmachen?«
»Klar!«, rief Valerie. »Sie leben doch schon so lange hier. Kennen das Quartier, die Leute, haben Erinnerungen, haben die Veränderungen miterlebt.« Sie befestigte die Kabel an den Bremsen und der Gangschaltung. Mit einem Inbusschlüssel drehte sie die feinen Schräubchen fest.
»Dürfte ich in Ihrem Geschäft Fotos machen?«
Valerie machte eine einladende Geste. »Jederzeit.« Sie löste das Fahrrad aus der Halterung, stellte es auf den Boden, ersetzte den schwarz übermalten Sticker durch einen neuen und schob es in den hinteren Werkstattbereich. Nun würde sie noch die Gangschaltung überprüfen und wahrscheinlich neu einstellen müssen.
Adele wusste, dass sie langsam nach Hause gehen sollte. Aber sie konnte sich kaum losreißen. Sie wusste plötzlich, was sie werden wollte: Fotoreporterin. Am liebsten gleich. Aber dafür bräuchte sie einen Laptop. Ein Handy. Einen Fotoapparat. Es war hoffnungslos, wenn man zehn Jahre alt war. Sie streichelte Seppli und machte sich auf den Heimweg.
Auch Frau Zweifel verabschiedete sich. Valerie blieb zurück, etwas getröstet, und nahm sich die nächste Reparatur vor. In der letzten Stunde hatte sie die üble Geschichte ganz vergessen. So sollte es sein, dachte sie, nette Kunden, Nachbarinnen, die zum Plaudern kommen, Arbeit, auch mal nervige Kunden, das gehört dazu. Normal sollte es sein, einfach alltäglich. Was war denn bloß in der letzten Zeit los? Angefangen hatte es mit den übermalten Stickern, dann die Diebstähle, jetzt Drohungen, Belästigungen – was sollte das Ganze? Standen diese Dinge in einem Zusammenhang? Würde es sich noch weiter steigern? Plötzlich stieg eine leise Furcht in ihr auf. ›Du wirst auch nicht besser aussehen, wenn du tot bist.‹ Hatte ein Geistesgestörter sie ins Visier genommen?
Es hatte schon eingedunkelt, als Valerie nach Hause fuhr. Sie nahm heute nicht wie sonst den Fußweg am Fluss entlang, sondern blieb auf der Straße. Nun lasse ich mich doch einschüchtern, gestand sie sich ein, ein bisschen ärgerlich auf sich selbst. Sie war normalerweise unerschrocken, hatte auf Velotouren allein draußen übernachtet, ohne Angst zu haben. Aber im Moment fühlte sie sich nicht auf sicherem Boden.
Als zu Hause das Telefon klingelte, schaute Valerie erst aufs Display, bevor sie sich meldete. Diesmal war es wirklich Lina. Sie erzählte ihr die ganze Geschichte, und ihre Freundin reagierte beunruhigt. Vor einigen Jahren war ihr eine Zeit lang ein Stalker nachgestiegen, ein Typ, der in einer Ausstellung ihre Bilder gesehen und ein Porträt über sie in einer Zeitschrift gelesen hatte. Er hatte sich eingebildet, sie seien füreinander bestimmt, und war, als Lina diese Idee nicht teilte, zunehmend aggressiv geworden. Es ging so weit, dass er sie auf der Straße tätlich angriff. Daraufhin war er in eine psychiatrische Klinik eingeliefert worden. Aber Lina steckte die Geschichte noch in den Knochen. Sie riet Valerie, Telefonanrufe mit unbekannter Nummer gar nicht entgegenzunehmen oder sofort abzubrechen, wenn sich der Unbekannte meldete. »Er will dir ja Angst machen, und wenn du gar nicht reagierst, interessiert es ihn vielleicht nicht mehr.« Valerie hoffte, dass es wirklich nur darum ging, sie in Schrecken zu versetzen. Ganz überzeugt war sie nicht. Als sie zu Bett ging, stellte sie den Klingelton des Telefons wieder auf null.
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