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Irene Dorfner

Der Heinrich-Plan

Leo Schwartz ... und der Tote auf der Alb

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

VORWORT

ANMERKUNG

1.

2.

3.

4.

5.

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7.

8.

9.

10.

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Liebe Leser!

1.

2.

Von der Autorin sind bisher folgende Bücher erschienen:

Über die Autorin Irene Dorfner:

Impressum neobooks

Impressum

Copyright © 2014 Irene Dorfner

4. überarbeitete Auflage Copyright © 2021

Irene Dorfner, Postfach 1128, 84495 Altötting

All rights reserved

Covergestaltung: VercoDesign, Unna

Lektorat: Felicitas Bernhart, Engelsberg,

EarL und Marlies Heidmann, Spalt

VORWORT

Es gibt kein „Besser“ oder „Schlechter“ sondern nur Unterschiede. Diese müssen respektiert werden, egal ob es sich um die Hautfarbe, die Lebensweise oder eine Idee handelt.

Kote Kotah (Cumash-Stamm, ein Indianerstamm aus der Hoka-Sprachfamilie)

Liebe Leser!!

Dies ist der erste Teil der spannenden Leo-Schwartz-Reihe, von der es noch viele weitere Fälle gibt. Ich wünsche ganz viel Spaß mit Leo & Co.!!

Liebe Grüße aus Altötting,

Irene Dorfner

ANMERKUNG

Die Personen und Namen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Der Inhalt des Buches ist reine Fantasie der Autorin. Auch hier sind Ähnlichkeiten rein zufällig. Die Örtlichkeiten wurden den Handlungen angepasst.

…und jetzt geht es auch schon los:

1.

Die Sonne brannte sehr heiß und Leo Schwartz, Leiter der Mordkommission Ulm, wischte sich den Schweiß von der Stirn. In den frühen Morgenstunden dieses Samstages war er aufgebrochen, um die geliebte Schwäbische Alb zu durchstreifen. Er brauchte die Ruhe in der Natur und die körperliche Anstrengung, um abschalten zu können.

Vor vier Jahren hatte er sich nach seiner Scheidung von Karlsruhe nach Ulm versetzen lassen. Er kannte die Schwäbische Alb von einem Urlaub vor vielen Jahren. Als er von der freien Stelle in Ulm hörte, griff er sofort zu. Auch, weil er so schnell wie möglich weit weg von seiner geschiedenen Frau wollte, die inzwischen wieder einen neuen Partner hatte und er diese Tatsache nicht ertragen konnte. Er befürchtete, dem glücklichen Paar zu begegnen, worauf er nicht scharf war. Und er hatte genug von den vielen mitleidigen und oft auch schadenfrohen Blicken von Freunden, Nachbarn und Kollegen.

Er hatte sich in der Zwischenzeit in Ulm sehr gut eingelebt. Er liebte seinen Job, seine Kollegen und die Natur. Eine neue Liebe hatte er hier noch nicht gefunden. Er war auch nicht scharf darauf, noch einmal so verletzt zu werden.

Das Wetter war dieses Jahr im September besonders schön und er freute sich schon die ganze Woche auf diesen Ausflug, denn jedes Mal nahm er sich eine andere Ecke der Schwäbischen Alb vor und entdeckte immer wieder etwas Neues.

Leo genoss nicht nur die Ruhe in der Natur, sondern vor allem den Umstand, dass er sehr wenigen Personen begegnete. Hier konnte er seinen Gedanken nachhängen und so richtig abschalten. Er mochte es, wenn sich der Schweiß überall breitmachte und seine Lunge und die Muskeln brannten. Angesichts der Hitze beschloss er, eine Pause einzulegen. Es war inzwischen Mittag geworden und er hatte bereits eine beachtliche Strecke hinter sich gebracht. Leo war völlig außer Atem und sein Hemd war komplett durchgeschwitzt. Auf einer Anhöhe, unter einem ausladenden Baum, fand er einen schönen, schattigen Platz. Nach einem großen Schluck Wasser musste er sich eingestehen, dass ihm vor wenigen Jahren die Hitze und ein ordentlicher Fußmarsch nicht so zu schaffen gemacht hatten. Gut in Form war er zwar, aber mit seinen 46 Jahren war er auch nicht mehr der Jüngste. Im Alltag trug er bei seiner stattlichen Körpergröße von 1,90 Meter immer Jeans, eine alte Lederjacke und Cowboystiefel. Mit Vorliebe trug er T-Shirts mit dem Aufdruck einer Rockband, die nicht viele in seiner Umgebung kannten. Banausen! Seine T-Shirts waren legendär und er bezahlte sehr hohe Summen für besonders ausgefallene Stücke. Mit seinem Kleidungsstil war er modisch in den 80er-Jahren hängen geblieben, was ihn aber nicht interessierte. Die dummen Bemerkungen hörte er schon lange nicht mehr, andere Meinungen hatten ihn noch nie interessiert. Er machte schon immer nur das, was er für richtig hielt und was ihm Spaß machte. Nur für seine Ausflüge hatte er sich in einem Second-Hand-Shop eine Wanderhose und karierte Hemden gekauft. Und dazu leistete er sich sündhaft teure Wanderschuhe und einen High-Tech-Rucksack.

Leo Schwartz genoss die wunderschöne Aussicht, nachdem er die heutige Marschroute in die Landkarte eingetragen hatte. Sein Puls beruhigte sich. Er war stolz auf sich und die heutige Leistung. Die Vögel pfiffen und er schloss die Augen, um den Gesang besser genießen zu können.

Plötzlich durchdrang ein markerschütternder Schrei die Stille. Leo wurde sofort hellhörig, es handelte sich eindeutig um einen menschlichen Schrei. Er war aufgestanden und lauschte angestrengt. Da! Wieder ein Schrei. Er versuchte zu lokalisieren, woher der Schrei kam. Von seinem Platz aus hatte er eine gute Aussicht, nahm sein Fernglas aus dem Rucksack und spähte die Gegend aus. Wieder ein Schrei und endlich konnte Leo die Stelle genauer ausmachen. Durch das Fernglas konnte er in dem unwegsamen Gelände eine Person mit Wanderausrüstung erkennen, die mit dem Rücken zu ihm stand. Das war eindeutig eine Frau, denn die Person hatte ein rosafarbenes T-Shirt und ein rosafarbenes Tuch um den Kopf gebunden. Der Rucksack auf ihrem Rücken war in der gleichen Farbe. Das musste eine Frau sein. Kein Mann, zumindest keiner, den er kannte, würde freiwillig so rumlaufen.

Es waren zu viele Sträucher und Gebüsch um die Person herum, um erkennen zu können, warum sie so schrie. War sie verletzt? Hatte sie sich erschreckt? Wovor? Vielleicht ein Tier? Egal, er musste ihr auf jeden Fall helfen. Er nahm seinen Rucksack und rannte los. Wenn er sich ranhielt, könnte er die Stelle in ungefähr fünfzehn Minuten erreichen. Leo kam schnell voran. Immer wieder hörte er die Person schreien. Völlig außer Atem und schweißnass erreichte er endlich den Platz.

Leo ging langsam auf die Person zu und erkannte eine junge Frau Anfang 30, die mit weit aufgerissenen Augen vor sich auf den Boden starrte. Sie war sichtlich geschockt, denn sie zitterte am ganzen Körper und schien die Hitze und auch ihn nicht wahrzunehmen. Er machte sich bemerkbar, rief ihr schon von weitem zu, um sie nicht zu erschrecken. Sie reagierte nicht und starrte nur auf einen Punkt vor sich auf den Boden. Als er die Frau endlich erreicht hatte, begriff Leo die Panik der Frau. Auf dem Boden lag die Leiche eines jungen Mannes, die nur mit Badeshorts bekleidet war. Mitten auf der Schwäbischen Alb! Bevor sich Leo um die Frau kümmerte, nahm er sein Handy aus der Tasche und rief seine Kollegin Anna Ravelli an.

„Hallo Anna, hier Leo. Ich bin auf der Schwäbischen Alb auf eine männliche Leiche gestoßen. Bitte informiere die anderen. Die Leiche liegt in unwegsamem Gelände und ich schlage vor, dass wir uns treffen und ich euch herführe.“ Leo dachte angestrengt nach, wo sie sich treffen konnten. Das war ein riesiges Gebiet und Anna kannte sich hier nicht aus. „Kannst du dich erinnern, wo wir letztes Jahr parkten, als wir mit Christine und Stefan hier waren?“ Inständig betete er, dass sie sich daran erinnerte, welchen Parkplatz er meinte.

„Mach dir keine Sorgen, den Parkplatz finde ich schon,“ sagte Anna.

„Gut. Wenn du doch Probleme hast, frag Stefan oder Christine, die beiden waren schon oft hier. Ich gehe jetzt los und wir treffen uns dort. Wir brauchen einen Krankenwagen. Eine junge Frau hat die Leiche gefunden und ist ziemlich geschockt. Ich werde versuchen, sie zu beruhigen. Vielleicht kann ich sie dazu überreden, mich zu begleiten. Bis gleich.“ Leo hatte aufgelegt und keine Antwort abgewartet. Anna wusste, was zu tun war.

Die junge Frau stand immer noch reglos da und starrte auf die Leiche.

„Mein Name ist Leo Schwartz,“ begann er mit ruhiger Stimme, „ich bin Polizist. Hier ist mein Ausweis.“ Er hielt ihr seinen Ausweis direkt vors Gesicht. Jetzt drehte sie leicht den Kopf und nickte kaum merklich.

„Wie ist ihr Name?“, fragte Leo ruhig weiter.

Die junge Frau musste sich konzentrieren. Sie war so geschockt, dass ihr auf Anhieb nicht einmal ihr Name einfiel. Leo wiederholte geduldig mehrmals seine Frage.

„Mandy,“ flüsterte sie endlich und Leo musste sich anstrengen, sie zu verstehen. „Mandy Singer.“ Ihr sächsischer Dialekt war deutlich zu hören.

„Hallo Mandy. Ich schlage vor, wir gehen in den Schatten. Sie setzen sich erst einmal und trinken einen Schluck Wasser.“

Mandy Singer folgte ihm langsam. Sie schüttelte den Kopf, als sie die Wasserflasche wahrnahm, die Leo ihr an dem schattigen Platz reichte. „Danke,“ sagte sie nur und entnahm ihrem Rucksack eine Dose Bier. Sie trank den Inhalt in einem Zug, wobei sie die Dose mit beiden Händen halten musste.

Leo war erleichtert. Sie reagierte und wenn er es schaffte, sie weiter abzulenken, hatte er gute Chancen, dass er sie mitnehmen konnte. Er wollte sie nur ungern hier lassen. Sie saßen auf einem Stein im Schatten und Mandy beruhigte sich langsam, denn ihr Atem war nun ruhiger und gleichmäßiger und ihr leichenblasses Gesicht bekam wieder Farbe. Leo hatte darauf geachtet, dass sie sich mit dem Rücken zur Leiche setzte.

„Geht es Ihnen besser?“ Leo beobachtete sie genau, da er einschätzen musste, ob sie einen Fußmarsch durchhalten würde. Körperlich war sie zumindest in sehr guter Form.

„Es geht wieder,“ sagte Mandy jetzt etwas gefasster. „Ich weiß, ich benehme mich wie ein Kleinkind, aber ich habe noch nie eine echte Leiche gesehen.“

„Nein, nein, reden Sie sich nichts ein, diese Reaktion ist völlig okay. Ich habe schon riesige Kerle gesehen, die bei einem solchen Anblick sofort aus den Latschen gekippt sind. Nein, Sie verhalten sich sehr tapfer, das können Sie mir glauben.“

Jetzt lächelte sie sogar ein wenig und Leo fiel ein Stein vom Herzen. Er war sich sicher, dass sie es schaffen würde, mit ihm zu kommen. Vor allem, nachdem sie eine weitere Dose Bier aus dem Rucksack fischte und auch diese fast in einem Zug leerte.

„Ich habe meine Kollegen angerufen, die ich auf einem Parkplatz treffe, um sie herzuführen“, sagte Leo. „Ich möchte gerne, dass Sie mit mir gehen. Wir haben eine anstrengende Strecke vor uns. Meinen Sie, Sie schaffen das?“

Mandy überlegte nicht lange.

„Keine Sorge, das schaffe ich schon. Ich gehe auf jeden Fall mit Ihnen, ich bleibe nicht hier bei dem da,“ sagte sie bestimmt, drehte sich um und zeigte auf die Leiche.

„Sehr schön Mandy. Möchten Sie sich noch ausruhen oder können wir los?“

„Je eher, desto besser.“ Mandy war bereits aufgestanden.

Die beiden gingen schweigend nebeneinander her. Leo dachte über die Leiche nach. Warum hatte der Mann inmitten der Schwäbischen Alb nur Badeshorts an? Er wusste genau, dass hier weit und breit keinerlei Gewässer waren. Weder ein See, noch ein Fluss oder dergleichen. Der Mann passte hier absolut nicht in die Gegend. Was sollte das? Seine Neugier war geweckt und er musste unbedingt herausfinden, was dahintersteckte. Vor allem wollte er sich die Leiche genauer ansehen, was aber mit Mandy an seiner Seite nicht ging. Er musste warten, bis er mit seinen Kollegen zurück war.

Leo bemühte sich, eine belanglose Unterhaltung mit Mandy zu führen. Sie sprachen übers Wetter, die Natur, über Kinofilme. Und Leo war sehr zufrieden, wie sich Mandy verhielt. Sie kamen zügig voran und nach einer guten halben Stunde hatten die beiden den Parkplatz erreicht, wo die Kollegen bereits warteten.

Die Kollegin Anna Ravelli sah sie zuerst und kam auf sie zu. Sie drückte beiden ein kaltes Getränk in die Hand, was Mandy und Leo gerne annahmen. Leo arbeitete seit fast zwei Jahren mit Anna zusammen und schätzte sie sehr. Mit ihren 28 Jahren machte sie ihren Job sehr gut und war bei den Kollegen sehr beliebt. Außerdem sah sie dazu auch noch blendend aus. Sie war 1,75 m groß und trug wegen der Hitze ihre langen, schwarzen, lockigen Haare hochgesteckt, was ihren Nacken mit dem kleinen Tattoo freilegte.

„Du ruhst dich aus, Leo. Wir beide gehen zum Krankenwagen,“ sagte Anna bestimmt und zog Mandy Singer mit sich. Sie sprach kurz mit ihr und dem Sanitäter und kam gleich darauf wieder zurück.

„Was ist das für eine wilde Geschichte, die mir Frau Singer eben erzählt hat? Der Tote trägt nur Badehosen? Hier auf der Schwäbischen Alb?“

„Ich habe auch gedacht, dass ich spinne. Ich bin gespannt, was das soll.“ Leo trank noch eine Flasche Wasser und wechselte das Hemd mit einem T-Shirt, das ihm ein Kollege reichte. Er war völlig durchgeschwitzt und inzwischen roch er bestimmt auch nicht mehr sehr gut. Aber für Eitelkeiten war jetzt keine Zeit.

„Ich war mir nicht sicher, ob das hier noch unser Zuständigkeitsbereich ist und habe mit unserem neuen Chef gesprochen,“ sagte Anna. Wie würde Leo reagieren? Sie hätte ihn vorher fragen müssen und hatte eigenmächtig gehandelt.

„Jetzt bin ich aber gespannt. Was hat er gesagt?“ Leo war nicht sauer und Anna entspannte sich.

Leo war sich bezüglich der Zuständigkeit auch nicht ganz sicher und hatte die Leiche und die damit verbundenen Ermittlungen einfach zu seinem Fall erklärt. Egal, was Anna nun sagte, die Leiche hier würde er sich nur ungern vor der Nase wegschnappen lassen. Er wollte unbedingt herausfinden, was es mit diesem Toten auf sich hatte, denn dass etwas hier nicht ganz koscher war, konnte er förmlich riechen. Seit einer Mordserie vor zwei Jahren war nicht viel passiert und er wollte diesen Fall hier unbedingt. Er konnte den neuen Vorgesetzten Michael Zeitler noch nicht einschätzen. Er hatte erst einige Male mit ihm gesprochen, wobei es nur um banale Dinge ging. Wie würde Zeitler reagieren, wenn es Probleme gab?

„Zeitler klärt die Sache noch ab, hat uns aber vorerst grünes Licht gegeben,“ antwortete Anna. Leo war beeindruckt und auch erleichtert, denn das Okay vom Chef vereinfachte die Sache enorm.

Leo hatte die Polizisten um sich versammelt. Die Pathologin Christine Künstle, Leos beste Freundin, war nun ebenfalls vor Ort. Sie hatte sich verspätet und war als Letzte eingetroffen, was sie sehr ärgerte. Sie fluchte und schimpfte, seit sie aus ihrem Wagen ausgestiegen war. Die Kollegen hielten sich zurück, denn wenn Christine sauer war, war sie unberechenbar. Alle hatten Angst vor ihr, außer Leo, der ihre weiche Seite kannte.

Leo erklärte auf seiner Wanderkarte den Weg zur Leiche und wählte nur die fittesten und kräftigsten Kollegen aus. Dann sah Leo die stämmige, nur 1,60 Meter große, 61-jährige Christine Künstle an, zog sie zur Seite und schüttelte den Kopf.

„Du bleibst hier, Christine, das wird zu anstrengend für dich. Selbst für einen trainierten Menschen ist die Strecke sehr schwierig. Außerdem ist es heute wahnsinnig heiß. Bitte bleib hier. Einer deiner Kollegen kann uns begleiten und den Job übernehmen.“

Christine wurde rot vor Wut.

„Was erlaubst du dir eigentlich? Meinst du, nur weil ich ein paar Jahre älter und ein paar Kilo schwerer bin, schaffe ich das nicht? Ich bin nicht zu alt für einen lächerlichen Spaziergang. Lass uns endlich gehen.“

Leo hatte seinen guten Ratschlag schon bereut. Eigentlich hätte er wissen müssen, dass Christine sehr empfindlich reagieren würde. Sie setzte sich mit ihrem Koffer in Bewegung und war sichtlich beleidigt. Er rannte ihr hinterher.

„Also gut, wie du willst. Du bist ein selten stures Weib! Dann gib mir wenigstens deinen Koffer.“

Christine hielt kurz inne. Sie war zwar stolz, aber nicht dumm. Sie wusste, dass er es nur gut mit ihr meinte und dass sie einen anstrengenden Weg vor sich hatten. Sie hatte mitbekommen, dass es mit dieser Leiche etwas Besonderes auf sich hatte. Die Leiche wollte sie sich unter keinen Umständen entgehen lassen. Sie übergab Leo den Koffer und trabte mit hocherhobenem Kopf davon.

Die Gruppe setzte sich in Bewegung. Sie bestand aus Leo, Anna, Christine und vier weiteren Polizisten sowie Stefan Feldmann, Leiter der Spurensicherung und drei seiner Mitarbeiter. Nach 45 Minuten hatten sie endlich den Fundort der Leiche erreicht. Allen war die Anstrengung anzusehen, besonders Christine, die aber nicht ein einziges Mal jammerte. Sie biss die Zähne zusammen und sah zu, dass sie mit den anderen Schritt halten konnte. Christine und ihr Dickschädel! Sie hatten für die Strecke nur 15 Minuten länger gebraucht. Leo war sehr zufrieden, denn ihnen saß die Zeit im Nacken. Sie hatten nur noch wenige Stunden, bis es dunkel wurde.

Alle starrten auf die Leiche und sahen sich irritiert an.

„Ja Leute, meine Reaktion war ähnlich, als ich die Leiche sah. Der Junge hat lediglich Shorts an, und zwar Badeshorts. Schuhe habe ich nicht gesehen, auch einen Rucksack, eine Tasche oder etwas Ähnliches nicht. Suchen wir das Areal ab, vielleicht finden wir etwas.“

Nachdem sie sich einige Minuten ausgeruht hatten, konnte die Suche losgehen. Christine untersuchte mit hochrotem Kopf die Leiche. Leo setzte sich nach zwanzig Minuten neben sie auf seinen Rucksack und sah sie fragend an.

„Männliche Leiche, ca. 22 Jahre alt,“ sagte sie schließlich. Und nach einer kurzen Pause schüttelte sie den Kopf. „Das gefällt mir nicht, Leo. Der Junge ist bestimmt schon länger tot. Wie lange, kann ich dir nicht sagen. Er hat keine äußeren Verletzungen und er liegt bestimmt noch nicht lange hier. Nein, das gefällt mir überhaupt nicht.“

Leo verstand seine Freundin, denn auf der Leiche war kein Blatt, kein Gras, einfach nichts zu finden.

„Ich verstehe nicht, wie er hierhergekommen ist,“ fuhr Christine fort. „Sieh dir seine Fußsohlen an, er ist hier keinen Schritt gegangen. Zwischen seinen Zehen ist Sand. Wo kommt der her?“

Leo stand auf und sah sich die Fußsohlen des Toten an. Christine hatte Recht. Die Füße waren gepflegt und hatten nicht einen Kratzer. Und zwischen den Zehen konnte er mit bloßem Auge den Sand erkennen. Er winkte seine Kollegin Anna zu sich, die sich an der Spurensuche beteiligt hatte.

Anna Ravelli schwitzte stark. Sie hatte Jeans, Turnschuhe und ein T-Shirt angezogen, das inzwischen an ihrem Körper klebte. Sie machte eine gute Figur und ein paar Kollegen sahen sie verstohlen an. Aber keiner von ihnen würde sich mehr getrauen, denn sie war mit Stefan Feldmann zusammen, und vor dem Leiter der Spurensicherung hatten sie jede Menge Respekt.

„Habt ihr irgendwelche Kleidungsstücke gefunden?“

„Nein, absolut nichts. Wir werden die Suche ausdehnen. Hier etwas zu finden ist nicht so einfach. Sehr viel Gestrüpp und jede Menge Gebüsch. Wie sieht es bei euch aus?“

„Nicht gut, Anna,“ sagte Leo und starrte auf die Leiche. „Christine meint, er ist schon eine Weile tot und liegt noch nicht lange hier. Äußerlich hat er keine Verletzungen, auch an den Fußsohlen hat er keinen einzigen Kratzer. Zwischen seinen Zehen ist Sand. Wo kommt der her? Ich weiß ganz sicher, dass es hier weit und breit weder ein Gewässer, noch Sand gibt. Die Leiche muss hergebracht worden sein. Aber wie? Auch wir mussten zu Fuß gehen. Stell dir mal vor, welche Anstrengung das ist, eine Leiche bis hierher zu tragen.“

Anna sah sich die Fußsohlen des Toten an und zog die Schultern nach oben. Auch ihr kam das merkwürdig vor, aber jetzt war die Suche nach Beweisstücken wichtiger. Sie ging wieder zu den anderen. Sie hoffte darauf, etwas zu finden, was die ganze Sache erklären würde. Sie mussten sich beeilen, bis zum Einbruch der Dunkelheit blieb nicht mehr viel Zeit.

„Wir bringen den Jungen in die Pathologie, dort werde ich ihn mir genauer vornehmen. Hier vor Ort kann ich nicht mehr tun,“ sagte Christine bestimmt und stand auf. Sie winkte einigen Kollegen zu und sprach mit ihnen.

„Wenn du mich nicht mehr brauchst, mache ich mich mit meinem Kunden auf den Weg,“ sagte Christine und Leo nickte zustimmend. Er war froh, dass seine Freundin aus der Sonne kam, denn die kurzen, braunen Haare klebten an ihrem Kopf, der immer noch krebsrot war. Das hier war für sie viel zu anstrengend.

„Du setzt dich erst noch ein paar Minuten in den Schatten, trinkst eine Flasche Wasser und ruhst dich aus. – Keine Widerrede!“, fügte er sofort hinzu, da Christine bereits Luft holte, um etwas zu erwidern. Zu seinem Erstaunen ging sie ohne ein weiteres Wort tatsächlich in den Schatten und setzte sich.

„Braves Mädchen,“ sagte Leo. „Du gehst erst, wenn du dich mindestens 20 Minuten ausgeruht hast. Deine Leiche läuft dir nicht davon. Es ist keinem von uns geholfen, wenn du vor übertriebenem Ehrgeiz aus den Latschen kippst. Wenn wir hier fertig sind, schau ich bei dir in der Pathologie vorbei. Hast du mir zugehört und mich auch verstanden?“

„Ja, schon gut,“ keuchte Christine. Sie konnte tatsächlich eine Pause gut gebrauchen. Längst hatte sie es bereut, darauf bestanden zu haben, mitzugehen. Sie hätte auf Leo hören sollen, denn das war für sie die reinste Tortur und sie hatte noch den ganzen Rückweg vor sich. Ihr grauste davor. Andererseits war sie aber auch froh, mitgegangen zu sein, denn der Fall war überaus interessant. Sie konnte es kaum erwarten, die Leiche genauer zu untersuchen.

Die Polizisten suchten noch einige Stunden, jedoch ohne Ergebnis. Sie hatten absolut nichts gefunden. Sie gingen zurück zum Parkplatz, um nicht doch noch in die Dunkelheit zu geraten, was auf der Schwäbischen Alb ein Desaster wäre. Es gab jedes Jahr immer wieder Menschen, die die Natur und ihre eigenen Kräfte maßlos unterschätzten und gerettet werden mussten.

Am Parkplatz angekommen, fuhren sie sofort los. Leo brauchte sich nicht vorher mit seinen Kollegen absprechen, wann und wo sie sich treffen würden. Es war klar, dass jeder ins Präsidium fuhr und seine Arbeit machte, auch wenn es Samstagabend war.

Anna und Leo gingen in ihr gemeinsames Büro, das sie sich seit dem Weggang eines Kollegen teilten. Man konnte genau erkennen, welcher Schreibtisch zu wem gehörte. Annas Schreibtisch war ordentlich und hatte diesen typisch weiblichen Touch: Hier eine Pflanze in einem farbigen Übertopf, dort eine kleine rosafarbene Figur, die wohl einen Elefanten darstellen sollte. Ein weißes Schreibset lag ordentlich an der oberen Kante der sauberen Schreibtischunterlage, eine gespülte Kaffeetasse stand neben dem Telefon.

Leos Schreibtisch dagegen war übersät mit Papieren und Ordnern. Kreuz und quer lagen Kugelschreiber mit verschiedenen Werbeaufdrucken, von denen er selbst nicht wusste, woher er sie hatte. Die Schnur seines Telefons war ein einziger Klumpen und der fleckige Kaffeebecher klebte auf dem Tisch. Beim besten Willen hätte hier kein Deko-Artikel seinen Platz gefunden. Anna hatte ihm zu ihrem Einzug ins Büro die gleiche Topfpflanze geschenkt, wie die ihre, aber sie war ihm ein paar Mal runtergefallen. Er hatte auch vergessen, sie zu gießen. Wenn er ehrlich war, gefiel ihm so ein Schnickschnack auch nicht. Er war froh, als er sie wieder vom Hals hatte und sein Schreibtisch für seine Begriffe wieder übersichtlich war.

„Bei den Vermisstenmeldungen ist niemand dabei, auf den die Beschreibung des Toten passt. Ich gebe sofort ein Foto des Toten an die Medien raus. Eine Beschreibung habe ich auch verfasst. Sieh mal, ob die so okay ist oder ob dir noch etwas einfällt,“ sagte Anna und reichte ihm ein Blatt Papier. Leo sah sich das Foto und die Beschreibung genau an und nickte zustimmend.

„Männlich, weiß, ca. 22 Jahre alt, 1,85 Meter groß, sportliche Figur, dunkelblonde, kurze Haare, braune Augen, keine besonderen Merkmale. Ja, das ist gut so, gib es weiter. Vielleicht hat der Junge hier Urlaub gemacht, wir sind hier schließlich in einem beliebten Urlaubsgebiet. Gib bitte die Suchmeldung auch an alle Polizeidienststellen raus, und zwar überregional. Und natürlich an alle Zeitungen, Radio- und Fernsehsender.“ Leo war immer sehr betroffen, wenn er es mit einem jungen Opfer zu tun hatte.

Anna machte sich umgehend an die Arbeit. Sie scannte die Suchmeldung in ihren Computer und schickte sie an alle Dienststellen der Polizei, sowie an die Medien. Mit dem neuen Computerprogramm war das ein Kinderspiel. Leo hatte sich mit dem Programm noch nicht befasst, er stand mit Computern im Allgemeinen auf Kriegsfuß. Er war froh, wenn er damit nichts zu tun hatte. Zum Glück hatte er Anna, die in solchen Dingen perfekt war.

Das Telefon klingelte. Es war Michael Zeitler, der neue Leiter der Polizei Ulm.

„Ich möchte Sie darüber informieren, dass der Todesfall auf der Schwäbischen Alb in unserem Zuständigkeitsbereich liegt. Der Fall gehört Ihnen,“ brummte Zeitler.

„Vielen Dank,“ sagte Leo knapp.

„Wissen wir schon etwas?“

„Wir stehen noch ganz am Anfang. Bei dem Opfer handelt es sich um einen jungen Mann Anfang 20. Die Todesursache steht noch nicht fest. Bezüglich der Identität des Toten gibt es keinen Hinweis, eine überregionale Suchmeldung ist raus.“

Zeitler legte ohne ein weiteres Wort auf. Ganz schön unfreundlich, der neue Chef!

Anna sah ihn fragend an.

„Das war Zeitler, der Fall gehört uns.“

Leo sah auf die Uhr, es war inzwischen 23.30 Uhr. Zeitler arbeitete um diese Uhrzeit? Und das an einem Samstag? Er war überrascht und auch beeindruckt. Trotzdem hätte Zeitler etwas freundlicher sein können!

„Ich gehe zu Christine, vielleicht hat sie in der Zwischenzeit etwas Brauchbares für uns. Du gehst nach Hause und ruhst dich aus. Es reicht, wenn sich einer von uns die Nacht um die Ohren schlägt. Wir treffen uns morgen um 8.00 Uhr.“

Leo ging in die Pathologie, die sich im Keller des Polizeigebäudes befand. Für ihn war klar, dass Christine um diese Uhrzeit noch bei der Arbeit war. Er hatte heute auf der Schwäbischen Alb deutlich das Funkeln in ihren Augen gesehen. Bei so einem Fall dachte sie gar nicht daran, nach Hause zu gehen.

„Treibt dich die Neugier, Leo?“, fragte Christine, ohne von der Leiche aufzublicken. Sie schien bei sehr guter Laune zu sein, was Leo nach dem heutigen Nachmittag überraschte. Sie müsste von der Anstrengung ziemlich kaputt sein.

„Natürlich treibt mich die Neugier. Hast du irgendetwas für mich?“

„Das ist ein sehr interessanter Fall,“ strahlte Christine ihn an. Man konnte spüren, dass sie sichtlich Spaß an ihrer Arbeit und an diesem speziellen Fall hatte. Von Müdigkeit oder Erschöpfung war überhaupt keine Spur.

„Spann mich nicht auf die Folter,“ sagte Leo ungeduldig. Erst jetzt bemerkte er, dass Christine im Gesicht und auf den Unterarmen einen satten Sonnenbrand hatte. Der Kopf war knallrot und glühte geradezu.

„Du wirst es nicht glauben: Unser junger Freund ist ertrunken. Ich habe Wasser in der Lunge gefunden, und zwar Salzwasser.“

Leo war baff. Hatte er eben richtig verstanden?

„Ertrunken? In Salzwasser? Das kann nicht sein! Auf der ganzen Alb gibt es kein Salzwasser! Du musst dich irren!“

„Willst du mich schon wieder beleidigen? Nein, ich irre mich natürlich nicht, er ist definitiv in Salzwasser ertrunken. Und halt mich nicht für dumm: Ich weiß sehr wohl, dass es bei uns kein Salzwasser gibt. Den Sand, den ich zwischen seinen Zehen und unter den Zehennägeln gefunden habe, ist bei der Analyse. Morgen müsste das Ergebnis vorliegen. Aber das ist noch nicht alles, was ich herausgefunden habe. Aufgrund der Körpertemperatur und des Grads der Verwesung und des Mageninhalts …“ Christine zeigte von der Leiche auf einen Behälter, in dem sich augenscheinlich der Mageninhalt des Toten befand.

„Christine, ich bitte dich! Verschone mich mit deinen makabren Details,“ flehte Leo.

„Du bringst mich um meinen ganzen Spaß. Aber gut, wenn du es so willst, kommt jetzt die Kurzfassung. Es hat sich bestätigt, dass der junge Mann schon länger tot ist. Wie lange, muss ich erst noch abklären. Morgen kommen zwei Kollegen aus Berlin, die sich meinen Kunden ansehen wollen.“

„Was soll das heißen? Seit wann brauchst du den Rat von Kollegen?“

„Ganz einfach, Schätzchen. Ich habe eine Vermutung, die ich aber erst noch abklären muss. Hierzu brauche ich die Meinung meiner Kollegen, um mich in meiner Annahme abzusichern. Die Kollegen habe ich im Internet aufgespürt. Sie hatten mit einem ähnlichen Fall bereits zu tun. Ich habe zwar einschlägige Fachliteratur, aber die Angaben darin sind mir zu schwammig.“ Christine strahlte über das ganze Gesicht und freute sich sehr, dass sie Leo auf die Folter spannen konnte.

„Jetzt mach es doch nicht so spannend,“ sagte Leo ungeduldig. „Was vermutest du?“

„Also gut. Das sage ich jetzt aber nur, wenn du mir versprichst, mich dann in Ruhe zu lassen.“

„Versprochen.“

„Ich denke, dass unser Freund eingefroren wurde. Zu dem Zeitpunkt war er ganz sicher noch nicht lange tot. Er wurde vor kurzem erst am Fundort abgelegt und ist dort aufgetaut. Und wenn du mich fragst, wurde er mit Absicht weit ab mitten in die Prärie gebracht, damit die Leiche dort schnell und ungestört verwesen kann.“ Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: “Oder derjenige, der ihn hergebracht hatte, war Tierfreund und wollte den Wildtieren, den Vögeln und den Kleintieren etwas Futter zukommen lassen.“

„Christine! Du bist unmöglich, du sprichst von einem Toten!“

„Das weiß ich, aber ich habe doch Recht. Wenn du einen Toten in die Natur legst und das auch noch um diese Jahreszeit, dann geht das mit der Verwesung sehr schnell. Viele Tiere sind Aasfresser und ganz wild auf eine Leiche, glaub mir. In ein paar Wochen wäre von dem Jungen nicht mehr viel übrig geblieben. Wir hatten Glück, dass er so schnell gefunden wurde. Wer weiß, was die Wildtiere von ihm weggeschleppt hätten, komplett wäre er mit Sicherheit nicht mehr gewesen.“

Leo wusste, dass Christine Recht hatte. Er reichte ihr das Fahndungsbild mit der Beschreibung.

„Weil wir in unserer Region keine vermisste Person haben, die auf den Mann zutrifft, haben wir diese Beschreibung heute rausgegeben. Sieh sie dir an, ob sie komplett ist.“

Christine las ausführlich und nickte dabei.

„Ca. 22 Jahre alt, weiß, 1,85 Meter groß, dunkelblondes, kurzes Haar, sportliche Figur, braune Augen, keine besonderen Merkmale. Ja, stimmt genau, mehr habe ich auch nicht feststellen können. Der Junge hat keinTattoo, keine Narbe und auch kein auffälliges Muttermal. Und seine Zähne sind in tadellosem Zustand. Wenn ihr mit der Suchmeldung keinen Erfolg habt, könnten wir ihn vielleicht anhand der Zähne identifizieren. Dazu bin ich noch nicht gekommen, das dauert noch. Aber morgen hast du die entsprechenden Unterlagen auf dem Tisch.“ Christine reichte ihm das Blatt zurück und machte sich wieder an die Arbeit.

„Eins muss ich noch wissen: Ist der Junge ermordet worden?“

„Wenn du mich fragst: Ja. Sieh dir die Flecken hier an.“ Sie zeigte auf einige dunkle Flecken an Hals, Gesicht und Oberkörper. „Die Spuren weisen darauf hin, dass er unter Wasser gedrückt wurde. Aber auch hier sind meine Untersuchungen noch nicht vollständig abgeschlossen. Und jetzt denk an dein Versprechen und mach, dass du wegkommst. Vor allem sieh zu, dass du endlich unter die Dusche kommst, du stinkst erbärmlich.“

„Ist schon gut, ich geh ja schon,“ sagte er amüsiert. Wegen ihrer offenen, ehrlichen Art liebte er Christine besonders, sie nahm kein Blatt vor den Mund. Er würde am liebsten hier bleiben und auf neue Ergebnisse warten, aber er war auch froh, hier wegzukommen. Er mochte zwar seine Freundin Christine sehr gerne, aber er hasste die Pathologie. Noch immer drehte es ihm den Magen um, wenn er eine Leiche auf dem Seziertisch sah oder diesen widerlichen Geruch wahrnahm. Aber er konnte auch Menschen wie Christine verstehen, die diesen Job mit Leib und Seele ausübten und kein Problem damit hatten.

Leo musste lächeln, als er sich vor der Tür zu Christine umdrehte. Sie hatte sich schon wieder an die Arbeit gemacht und war völlig in ihrem Element. Sie kannte jetzt keine Müdigkeit und wollte unbedingt an diesem für sie hochinteressanten Fall weiterarbeiten. Von nichts und niemandem würde sie sich davon abhalten lassen.

Zuhause angekommen, stellte Leo seinen Rucksack wieder an den für ihn angestammten Platz im Flur, nachdem er frische Getränke nachgefüllt hatte. Er duschte ausgiebig, er roch nach diesem anstrengenden Tag wirklich nicht mehr gut. Seine Wanderkleidung steckte er in die Waschmaschine und nahm sich vor, morgen früh gleich das Programm zu starten, was er aus Rücksicht auf seine Nachbarn heute Nacht nicht mehr tun wollte, es war schließlich 3.00 Uhr. Leos Magen knurrte. Wann hatte er das letzte Mal gegessen? Zum Frühstück! Wegen der ganzen Arbeit hatte er schon wieder das Essen vergessen. Er öffnete den Gefrierschrank mit seinen Fertiggerichten und wählte einen Hackbraten mit Karottengemüse und Nudeln. Eigentlich war es egal, welches Menü er wählte, es schmeckte sowieso alles gleich. Er aß mit großem Appetit und nahm sich aus der Obstschale noch einen Apfel. Das hatte er sich angewöhnt, um wenigstens etwas Frisches am Tag zu essen und um damit sein Gewissen zu beruhigen. Dass diese Fertiggerichte in dieser Menge, wie er sie zu sich nahm, nicht gesund waren, wusste er. Aber er hasste kochen und für eine Person war ihm der Aufwand einfach zu groß, vor allem das Abspülen danach. Ein ganzer Industriezweig lebte von einem faulen Single, wie er einer war: Folie abreißen, ab in die Mikrowelle und fertig! Es ist so einfach. Einkaufen war ihm lästig. Einmal im Monat ging er immer in den gleichen Supermarkt und kaufte gleich einen Wagen voll unterschiedlicher Fertiggerichte, einen großen Sack Äpfel, einige Steigen Dosenbier und Wasserflaschen, eine Flasche Whiskey und außerdem seine geliebte Marzipan-Schokolade, wovon er ebenfalls gleich einen ganzen Karton kaufte. Mit zwei vollen Einkaufswagen war sein Monatsbedarf abgedeckt. Die Kassiererinnen wunderten sich nicht mehr, sie kannten ihn zwischenzeitlich.

2.

Nach einer kurzen Nacht trafen sich Leo und Anna am nächsten Morgen um 8.00 Uhr im Büro. Leo informierte seine Kollegin über die Neuigkeiten aus der Pathologie.

„Das gibt es doch nicht! Wer macht sich denn solche Mühe? Stell dir das mal vor. Man bringt jemanden um, friert ihn ein und trägt ihn dann mitten in die Natur. Das ist doch verrückt. Warum dieser Aufwand? Wo wurde die Leiche inzwischen gelagert? Schon allein die Vorstellung, dass irgendein Idiot über einen längeren Zeitraum eine Leiche in seiner Gefriertruhe lagert, ist doch krank! Nicht zu vergessen das viel zu große Risiko, dass jemand darüber stolpert. Ich verstehe das nicht. Warum das alles?“ Anna hatte zuvor noch nie etwas davon gehört.

„Ich habe keine Ahnung. Warten wir ab, was die Suche nach dem Mann ergibt. Wenn wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, kommen wir vielleicht dahinter, was das Ganze soll. Auf jeden Fall wird der Fundort der Leiche auf der Schwäbischen Alb abgesperrt und nochmals gründlich durchsucht. Da muss doch etwas zu finden sein. Ich habe bereits mit Stefan gesprochen. Er müsste eigentlich schon dort sein.“

Nach ein paar Stunden ging die Tür auf und eine junge Kollegin wedelte mit einem Stück Papier und legte es Leo auf den Schreibtisch. „Das Fax ist eben reingekommen,“ rief sie. Und bevor die beiden etwas erwidern konnten, war sie auch schon wieder aus der Tür.

Leo las das Papier und Anna sah ihn erwartungsvoll an.

„Der Name des Toten ist Maximilian von Kellberg, 24 Jahre, Student aus Passau. Das Foto ist eindeutig. Die dortigen Behörden haben eine Vermisstenmeldung für von Kellberg vorliegen, und zwar wird er seit dem 14. Juni vermisst.“

Ungläubig sahen sie sich an.

„Wir haben heute den 20. September, er wird schon seit Juni vermisst? Ist das kein Schreibfehler?“, wollte Anna wissen.

„Nein, ich glaube nicht, dass das ein Schreibfehler ist. Das deckt sich mit Christines Vermutung, dass der Tote eingefroren wurde. Ich brauche mehr Informationen über den Toten. Ich rufe den zuständigen Beamten in Passau an, vielleicht habe ich Glück und er arbeitet auch am heutigen Sonntag. Ich möchte ungern bis morgen warten.“

Kaum hatte er ausgesprochen, wählte er die Telefonnummer, die auf dem Fax als Absender der Passauer Polizei ersichtlich war. Gleich darauf meldete sich die Vermittlung und Leo ließ sich mit dem zuständigen Beamten Albert Steinberger verbinden, der heute am Sonntag glücklicherweise Dienst hatte.

„Guten Morgen, Herr Steinberger, hier ist Leo Schwartz, Kripo Ulm. Sie haben uns auf unsere gestrige Anfrage bezüglich einer aufgefundenen Leiche ein Fax mit einer Vermisstenmeldung von Maximilian von Kellberg geschickt. Dazu habe ich ein paar Fragen.“

„Guten Morgen, Kollege. Ich selbst habe Ihnen das Fax geschickt. Was wollen Sie wissen?“

„Zunächst möchte ich bestätigen, dass es sich bei der von uns aufgefundenen Leiche um den von Ihnen vermissten Maximilian von Kellberg handelt, wir konnten ihn einwandfrei identifizieren.“ Leo wartete einen Moment, denn er hörte ein Stöhnen am anderen Ende. „Ist alles in Ordnung?“

„Das trifft mich sehr, weil ich nicht nur den Jungen, sondern auch die Eltern persönlich sehr gut kenne. Bis jetzt hatten wir immer noch die Hoffnung, dass sich Maximilian nur eine Auszeit genommen hat und irgendwann wieder auftaucht, was bei jungen Menschen bekanntlich öfter vorkommt,“ sagte Albert Steinberger betroffen. „Fahren Sie fort, Kollege Schwartz, wie kann ich helfen?“

„Ich möchte zunächst Genaueres über das Verschwinden erfahren.“

Leo hörte Albert Steinberger in seinen Unterlagen blättern.

„Maximilian von Kellberg ist mit drei Studienkollegen am 10. Juni in den Urlaub nach Sylt geflogen. Nach einer großen Strandparty am 14. Juni wurde er nicht mehr gesehen. Die Freunde hatten die dortigen Behörden und die Eltern benachrichtigt, die daraufhin eine Vermisstenanzeige aufgaben.“

„Was hatte Maximilian von Kellberg an, als er zuletzt gesehen wurde?“

„Seine Kollegen hatten angegeben, er trug blaue Badeshorts mit kleinen grünen und orangefarbenen Palmen drauf.“

Leo wurde schlecht. Das war die exakte Beschreibung der Badeshorts, die der Tote auf der Schwäbischen Alb trug.

„Sie können mir bestätigen, dass Maximilian von Kellberg am 14. Juni verschwunden ist? Irrtum ausgeschlossen?“, bohrte Leo nochmals nach.

„Ja sicher, es war der 14. Juni. Warum fragen Sie?“, wollte nun Albert Steinberger wissen.

„Weil die Leiche von Maximilian von Kellberg gestern gefunden wurde. Man fand ihn auf der Schwäbische Alb in sehr unwegsamem Gelände. Er war nur mit Shorts bekleidet. Die Shorts ist blau mit kleinen grünen und orangefarbenen Palmen.“

„Das ist doch nicht möglich. Ich verstehe nicht, was Sie mir da erzählen, das gibt doch keinen Sinn. Die Schwäbische Alb ist weit weg von Sylt. Sind Sie sicher, dass es sich um Maximilian von Kellberg handelt? Bitte haben Sie Verständnis für meinen Zweifel, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie das in so kurzer Zeit einwandfrei feststellen konnten. Sie haben keinen DNA-Vergleich angefordert. Wenn Maximilian noch die gleichen Shorts trug, muss die Leiche nach so langer Zeit dementsprechend aussehen.“

„Ich bin mir absolut sicher, Herr Steinberger. Wir brauchen keinen DNA-Vergleich. Die Leiche ist in einwandfreiem Zustand. Wir konnten Maximilian von Kellberg nach dem Foto der Vermisstenmeldung eindeutig identifizieren.“

„Wie kann das sein? Was erzählen Sie mir da? Er hat die gleichen Badeshorts an wie zum Zeitpunkt seines Verschwindens und ist quasi unversehrt? Maximilian ist vor über drei Monaten verschwunden. Nein, das kann nicht sein!“

„Wir haben die Untersuchungen noch nicht ganz abgeschlossen. Es kommen heute noch Spezialisten, die sich die Leiche ansehen. Sicher ist nur, dass Maximilian von Kellberg ermordet wurde. Ich würde gerne mit Ihnen, den Hinterbliebenen und natürlich mit den Freunden des Toten sprechen. Dafür würde ich gerne nach Passau fahren.“

„Selbstverständlich, das kann ich verstehen. Melden Sie sich direkt bei mir. Wann möchten Sie kommen?“

„Am besten gleich morgen. Den Eltern muss die Nachricht über den Tod des Sohnes mitgeteilt werden. Sie sagten, dass Sie die Eltern kennen. Wollen Sie mit ihnen sprechen?“

„Ich denke, dass es besser ist, wenn wir das gemeinsam machen. Es gibt bestimmt einige Fragen von Seiten der Eltern, die nur Sie beantworten können.“

„Einverstanden. Könnten Sie die Studienkollegen des Toten bitten, in Ihr Büro zu einer Befragung zu kommen? Günstig wäre morgen Nachmittag.“

„Selbstverständlich, Kollege Schwartz, wird gemacht. Ich muss jetzt erst einmal verdauen, was sie mir eben erzählt haben, das ist einfach unglaublich. Und dabei bin ich mir nicht mal sicher, ob ich auch wirklich alles verstanden habe. Wir können uns morgen nochmals ausführlich darüber unterhalten.“

Albert Steinberger war geschockt und durcheinander. Verständlich, wenn er den Toten persönlich kannte.

Am späten Nachmittag klopfte Christine an Leos Tür und trat ein. Leo und Anna waren sehr gespannt, was sie zu sagen hatte.

„Ich mache es kurz. Meine Kollegen aus Berlin haben meine Theorie bestätigt. Es handelt sich eindeutig um Mord. Der Junge ist in Salzwasser ertrunken, wurde eingefroren und auf der Schwäbischen Alb vor kurzem erst abgelegt. Die Sandanalyse liegt ebenfalls vor. Es handelt sich um Sand der Ost- oder Nordsee, hierin sind sich die Experten nicht sicher. Hier ist der ausführliche Bericht.“

3.

Am nächsten Morgen machten sich Leo und Anna auf den Weg nach Passau. Nach knapp 3 ½ Stunden Fahrt trafen sie sich am Vormittag mit dem Kollegen Albert Steinberger in dessen Büro. Der Endfünfziger sah genau so aus, wie Leo vermutet hatte. Korpulent, 1,65 Meter groß und unscheinbar. Mit seinen hektischen, kleinen Augen hatte Steinberger seine Umgebung im Blick. Nach einer kurzen Begrüßung übergab Leo den Bericht der Pathologie an den Passauer Kollegen, der diesen ausführlich studierte.

„O mein Gott,“ sagte er schließlich, als er geendet hatte. „Das ist doch der blanke Wahnsinn! Wie soll ich das den Eltern beibringen? Wir kennen uns seit der Studienzeit, ich habe den Jungen aufwachsen sehen.“

„Welche Ermittlungsergebnisse haben Sie bisher in dem Fall Maximilian von Kellberg?“

„Bitte sehr, Sie können selbstverständlich Einsicht in die Akte nehmen.“ Steinberger nahm eine dünne Mappe aus der obersten Schublade seines Schreibtisches und übergab sie Leo. Außer wenigen Zeugenaussagen beinhaltete die Akte keine weiteren Informationen. Schade.

Nachdem sich Steinberger nochmals den Pathologiebericht durchgesehen hatte und er sich ausführlich berichten ließ, wie man Maximilian von Kellberg gefunden hatte, fuhren sie gemeinsam zu den Eltern, was keinem leicht fiel. Das Überbringen von Todesnachrichten an Angehörige war die schlimmste und unbeliebteste Polizeiarbeit. Vor allem, wenn es sich um einen so komplizierten Fall wie diesen hier handelt. Wie würden die Eltern reagieren? Welche Fragen kamen auf sie zu?

Die Stimmung in Leos Wagen war sehr gedrückt, keiner sprach ein Wort. Leo legte sich in Gedanken die Worte zurecht, die er den Eheleuten von Kellberg wohl sagen würde, und ging davon aus, dass es seinen Kollegen genauso ging. Um sich abzulenken, dachte Leo an den Inhalt der Unterlagen, die ihm Steinberger vorhin gegeben hatte. Die Zeugenaussagen sagten alle dasselbe aus: Keiner wusste etwas und keiner hatte etwas gesehen. Maximilians Hotelzimmer war durchsucht worden und brachte keinen Hinweis über den Verbleib des Vermissten. Die Verbindungsdaten des Handys wurden überprüft und stellten keinerlei Auffälligkeiten dar. Maximilians Handy war verschwunden und man versuchte, das Handy über mehrere Wochen zu orten, was aber zu keinem Ergebnis führte.

Leo, Anna und Steinberger fuhren durch eine sehr schöne Wohngegend mit riesigen, teuren Häusern, die vor vielen Jahren errichtet wurden. Leo liebte diese Häuser, die mehr und mehr modernen Häusern weichen mussten. Damals hatte man sich noch mit den Fassaden sehr viel Mühe gegeben. Heute baute man in Leos Augen einfach Betonklötze ohne jeglichen Charme.

Sie schienen an ihrem Ziel angekommen. Sie passierten ein schmiedeeisernes Tor, das offen stand. Auf einer von Tannen gesäumten, gekiesten Auffahrt fuhren sie bis zu einem riesigen, prunkvollen Haus, vor dem zwei sehr edle Autos standen. Die riesige Garage stand offen und gab den Blick auf weitere Fahrzeuge frei, von denen Leo viele nur aus dem Katalog kannte.

„Donnerwetter,“ sagte Anna, „schau dir diesen schwarzen Sportwagen an. Ein Traum.“

„Die von Kellbergs sind eine alt eingesessene Passauer Familie. Sie besitzen hier sehr viele Immobilien und noch mehr Grund. Johannes von Kellberg ist Arzt mit einer eigenen Praxis.“

„Was für ein Arzt?“, wollte Anna wissen.

„Schönheitschirurg,“ sagte Steinberger knapp. Anna und Leo sahen sich an und nickten. Ihnen war klar, dass man damit ein Vermögen verdienen konnte.

Sie klingelten und ein älterer Herr öffnete die Tür. „Guten Tag. Treten Sie ein, die Herrschaften erwarten Sie.“

„Danke Willi,“ sagte Steinberger.

Sie traten in ein großzügiges, sehr gemütlich eingerichtetes Zimmer, in dem die Eheleute von Kellberg auf einer cremefarbenen Couch vor einem riesigen Kamin saßen.

„Das sind Herr und Frau von Kellberg und das sind Herr Schwartz und seine Kollegin Frau Ravelli von der Kriminalpolizei Ulm,“ stellte Steinberger vor. Sie gaben sich die Hand und alle setzten sich in die großzügige Sitzgruppe.

Johannes von Kellberg war 52 Jahre alt, groß und sehr schlank. Er hatte kurze, braune Haare, einen energischen Mund und schöne blaue Augen, die alles und jeden unaufhörlich musterten. Er strahlte schon allein durch sein Äußeres eine gewisse Überheblichkeit aus, die Leo als sehr arrogant empfand. Frau von Kellberg dagegen war sehr anmutig und man konnte schon dadurch erkennen, wie sie auf dem Sofa saß, dass sie eine sehr gute Erziehung genossen haben musste. Leo hatte noch nie jemanden gesehen, der so aufrecht saß wie sie. Mit ihren 47 Jahren und den schulterlangen blonden Haaren, in denen Leo einige graue Haare entdeckte, war sie zwar keine Schönheit. Aber sie strahlte etwas aus, das er sehr mochte und ihm auf Anhieb sympathisch war. Im Laufe der Jahre hatte er eine Menschenkenntnis entwickelt, auf die er sich fast immer verlassen konnte. Manchmal ertappte er sich dabei, dass er Menschen abschätzte und sofort beurteilte, ob sie ihm sympathisch waren oder nicht, was eine dumme Angewohnheit von ihm war.

Die Eheleute von Kellberg sahen Leo fragend an. Er musste sich mehrmals räuspern, da es ihm auch nach all den Jahren immer noch sehr schwerfiel, Todesnachrichten zu überbringen. Auch das war außer der Pathologie etwas, an das er sich niemals gewöhnen würde.

„Herr und Frau von Kellberg. Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass wir Ihren Sohn Maximilian tot aufgefunden haben. Mein aufrichtiges Beileid.“

Die von Kellbergs fassten sich an den Händen.

„Das wissen wir bereits,“ sagte Johannes von Kellberg ungeduldig. „Unser Freund Albert teilte uns den Tod Maximilians bereits mit. Wir wurden auch schon in Kenntnis gesetzt, dass unser Sohn ermordet wurde. Was wir nicht wissen, sind die Details des Mordes an unserem Sohn.“ Leo war sauer. Albert Steinberger hatte ihm verschwiegen, dass die Eheleute von Kellberg bereits über den Tod ihres Sohnes informiert wurden. Hatten sie nicht vereinbart, dass sie das gemeinsam machen wollten? Leo warf Steinberger einen wütenden Blick zu, der diesem auswich. Diesen Steinberger würde er sich später zur Brust nehmen!

„Wir fanden Ihren Sohn am Samstag auf der Schwäbischen Alb. Ich habe Fotos mitgebracht. Wenn Sie sich die bitte ansehen würden?“

Mit zittrigen Händen nahm Frau von Kellberg die Fotos und sie und ihr Mann sahen sich eins nach dem anderen an. Frau von Kellberg liefen Tränen übers Gesicht und sie strich mit einem Finger sanft über jedes einzelne Foto. „Ja, das ist mein Junge.“ Auch Herr von Kellberg nickte.

„Was um Himmels Willen ist passiert?“

„Das wissen wir noch nicht. Wir stehen mit unseren Ermittlungen noch ganz am Anfang.“

„Wer hat ihn gefunden?“

„Das war ich quasi selbst. Während einer Wanderung auf der Schwäbischen Alb wurde Maximilian gefunden. Er wurde mitten im Gelände abgelegt.“

„Was hatte Maximilian auf der Schwäbischen Alb verloren? Wie ist er umgekommen? Warum hat er sterben müssen? Wir vermissen unseren Jungen seit Juni, das ist über drei Monate her. Was hat er in der Zwischenzeit gemacht? Wieso trägt er nur Shorts?“ Die Fragen sprudelten nur so aus Frau von Kellberg heraus. Jetzt wurde es für Leo wirklich unangenehm, denn er musste die beiden mit den Details konfrontieren. Er konnte sich dem nicht entziehen, er war dazu verpflichtet, den Eltern die Wahrheit zu sagen. Er atmete tief durch, räusperte sich und war bemüht, so ruhig wie möglich die Fakten vorzutragen:

„Die Autopsie hat ergeben, dass Ihr Sohn in Salzwasser ertrunken ist.“

„Ein Badeunfall auf der Schwäbischen Alb? Erzählen Sie keinen Blödsinn! Dort gibt es kein Salzwasser!“, rief Herr von Kellberg.

„Das ist richtig. Es wurde Salzwasser nachgewiesen, daran besteht kein Zweifel. Es handelt sich nicht um einen Badeunfall. Die Spuren am Körper Ihres Sohnes weisen darauf hin, dass er ertränkt wurde.“ Leo entschied, jetzt mit der ganzen Wahrheit rauszurücken. „Wir konnten Sand an den Zehen und unter den Zehennägeln sicherstellen, die der Nord- oder Ostsee zugewiesen werden konnten. Darüber hinaus wurde eindeutig festgestellt, dass Ihr Sohn eingefroren wurde und kürzlich erst auf der Schwäbischen Alb abgelegt wurde. Er trägt dieselben Badeshorts wie am Tag seines Verschwindens. Deshalb liegt es nahe, dass Ihr Sohn noch am Tag seines Verschwindens auf Sylt getötet wurde.“

Ungläubig starrten ihn die Eheleute von Kellberg an. Für einen Moment war es still in dem riesigen Wohnzimmer, man hörte nur das Ticken der uralten Wanduhr.

„Was erzählen Sie denn da? Das gibt doch keinen Sinn. Mein Junge wurde eingefroren, nachdem er in Salzwasser ertränkt wurde? Dann, nach drei Monaten, hat ihn jemand auf die Schwäbische Alb gebracht? Ich kann das alles nicht verstehen. Wer tut denn so etwas?“ Frau von Kellberg sah Leo mit flehendem Blick an. Sie erwartete von ihm eine Erklärung, die er ihr nicht geben konnte; zumindest noch nicht.

„Die Fakten sind leider so. Bitte glauben Sie mir, dass es mir sehr schwer fällt, Ihnen die Details zu nennen. Für uns ist das auch alles merkwürdig und ergibt keinen Sinn. Fest steht, dass Maximilian ermordet wurde. Sind Sie beide in der Lage, uns einige Fragen zu beantworten?“

„Selbstverständlich. Wir werden alles tun, um Ihnen zu helfen, darauf können Sie sich verlassen. Entschuldigen Sie bitte meinen Gefühlsausbruch. Bitte, fragen Sie.“

„Vielen Dank, Frau von Kellberg. Ich weiß, dass ich Ihnen sehr viel abverlange, aber ich bin auf jede Hilfe angewiesen. Wann haben Sie Ihren Sohn zuletzt gesehen?“

„Als er abreiste, also am Morgen des 10. Juni, habe ich ihn zum letzten Mal gesehen. Er hat mich angerufen, als er auf Sylt landete, das war am späten Abend des gleichen Tages. Das war das letzte Mal, dass ich mit meinem Sohn gesprochen habe.“ Sie weinte leise in ihr Taschentuch.

„Und Sie, Herr von Kellberg?“

„Als Maximilian in Urlaub fuhr, war ich nicht zu Hause. Ich war bei einem Seminar in London und wusste nicht einmal, dass Maximilian nach Sylt wollte. Ich habe ihn zuletzt vor meiner Abreise nach London gesprochen, das war am 9. Juni.“

„Es tut mir leid, dass ich das fragen muss: Können Sie Ihre London-Reise belegen? Verstehen Sie das nicht falsch, aber wir müssen alle Angaben überprüfen.“ Leo war das sehr unangenehm.

„Natürlich kann ich das belegen.“ Herr von Kellberg ging aus dem Zimmer und kam nach wenigen Minuten wieder zurück. „Hier ist mein Flugticket und die Hotelreservierung. Ich hoffe, damit können Sie mich aus dem Kreis der Verdächtigen ausschließen.“ Er war spürbar verärgert.

„Ich war zuhause,“ sagte Frau von Kellberg leise. „Ich hatte, da mein Mann und mein Sohn nicht zuhause waren, eine Freundin eingeladen. Ich schreibe Ihnen die Adresse auf, damit Sie meine Angaben überprüfen können.“ Sie stand auf und ging zu dem alten Sekretär, der am Fenster stand. Sie notierte mit feiner Handschrift auf sehr teurem Papier die Adresse ihrer Freundin. „Bitte,“ sagte sie, als sie Leo das Papier mit zitternder Hand übergab und sich wieder setzte. Herr von Kellberg nahm keine Notiz von ihrem Zustand und hatte beleidigt die Arme vor der Brust verschränkt. Leo war eigentlich versucht, diese Frau in den Arm zu nehmen und sie zu trösten. Äußerlich war sie zwar bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, was in ihr vorging. Aber Leo spürte, wie sehr sie litt. Und dieser Trottel von Ehemann ignorierte das.

„Führte Ihr Sohn ein Tagebuch, oder hatte er einen Terminkalender?“

„Nein, meines Wissens nach nicht, mein Sohn war sehr schreibfaul. Alles, was er sich merken musste, tippte er in sein modernes Handy, das er auf Schritt und Tritt überall mitnahm. Sie wissen schon, so eins, das man mit den Fingern auf dem Bildschirm bedient.“

„Das Handy hatte er auch in Sylt dabei?“

„Auf jeden Fall, ohne sein Handy ging er nirgends hin.“

Anna war davon überzeugt, dass Maximilian, wie alle jungen Leute heute, ein Smartphone besaß. Die Handynummer des Toten hatten sie bereits, die Ortung lief damals ins Leere.

„Wir würden uns später gerne das Zimmer von Maximilian ansehen. Natürlich nur, wenn Sie nichts dagegen haben,“ durchbrach Leo die eingetretene Stille.

„Muss denn das sein?“, fragte Johannes von Kellberg ungeduldig mit schroffem Ton.

„Natürlich muss das sein,“ sprach seine Frau beruhigend auf ihn ein. „Die Polizisten machen nur ihre Arbeit, Johannes, versteh das bitte.“

Herr von Kellberg setzte sich mit einem Seufzer neben seine Frau.

„Wofür soll das gut sein?“, schrie von Kellberg Leo an. „Sie haben gesehen, dass wir unseren Sohn nicht umgebracht haben können. Machen Sie sich auf die Suche nach dem Mörder und vergeuden Sie nicht ihre Zeit. Was gedenken Sie denn, in Maximilians Zimmer zu finden? Die Adresse des Mörders? Oder gar die Lösung des Falles?“

Johannes von Kellberg war sichtlich genervt und aufgebracht. Leo schob das zwar auf das eben gehörte und daraufhin, dass er schlecht mit der Nachricht umgehen konnte. Aber insgeheim musste er sich eingestehen, dass er diesen von Kellberg nicht leiden konnte. Frau von Kellberg sprach trotz ihres eigenen Gemütszustandes beruhigend auf ihren Mann ein und nach einigen Minuten konnte man sich wieder einigermaßen normal mit ihm unterhalten. Sie erzählten beide aus dem Leben ihres Sohnes und von dessen Freundeskreis. Anna machte sich eifrig Notizen. Die Befragung hatte nichts Neues ergeben: Maximilian von Kellberg war mit drei Studienkollegen am 10. Juni nach Sylt in Urlaub geflogen und seit der Party am 14. Juni wurde er vermisst. Anna notierte sich die Adresse des Hotels auf Sylt und machte sich mit Leo und dem Hausdiener Willi auf den Weg in Maximilians Zimmer.

Leo und Anna sahen sich erstaunt an, als sie das Zimmer betraten. Das war kein Zimmer, sondern ein Palast. Maximilian war das einzige Kind der von Kellbergs und somit genoss er allein den ganzen Luxus seiner Eltern. Maximilian bewohnte insgesamt sechs Zimmer. Er hatte ein eigenes Badezimmer und ein Gästebadezimmer, das allein schon größer war als Leos gesamte Wohnung. Die Zimmer waren nicht nur sehr groß, sondern auch sehr hoch, was sie noch größer erscheinen ließ. Systematisch durchsuchten sie die geschmackvoll eingerichteten, ordentlichen und sehr sauberen Zimmer. Der Hausdiener Willi stand die ganze Zeit an der Tür und ließ die beiden nicht eine Sekunde aus den Augen.

„Was können Sie mir über Maximilian sagen?“, wandte sich Leo an den Hausdiener, während er weiter Schubläden und Schränke durchsuchte.

„Wie meinen Sie das?“

„Was war er für ein Mensch? Wie lange kannten Sie ihn? Erzählen Sie einfach drauflos, damit wir uns ein Bild machen können, das würde uns sehr helfen.“

„Ich arbeite in diesem Hause schon sehr lange, lange vor der Hochzeit von Frau von Kellberg. Maximilian kenne ich seit seiner Geburt. Er war ein toller Kerl. Er war zu allen immer freundlich und war stets zu Späßen aufgelegt, denen auch ich zum Opfer fiel. Dass er jetzt nicht mehr hier ist, bricht Frau von Kellberg das Herz.“ Willi hatte Tränen in den Augen. Es war klar, dass er Maximilian gemocht hatte und dass auch er sehr unter dem Verlust litt.

„Und was ist mit Herrn von Kellberg?“, bohrte Leo nach.

„Ich bin bei Frau von Kellberg angestellt. Mehr sage ich dazu nicht.“

Anna steckte einige persönliche Unterlagen von Maximilian ein und musste Willi versprechen, alles wieder zurückzubringen. Gemeinsam gingen sie in den Salon zurück, wo Steinberger mit den Eheleuten von Kellberg warteten. Es herrschte beklemmendes Schweigen.

„Wir sind soweit fertig und möchten uns verabschieden.“

Alle standen auf und Frau von Kellberg sagte zu Leo:

„Wenn Sie irgendwelche Fragen haben, melden Sie sich bitte. Scheuen Sie sich nicht, sich an uns zu wenden, egal um was es geht und um welche Uhrzeit es sich handelt. Mein Sohn war ein sehr liebenswerter Mensch, der zu allen freundlich und überaus hilfsbereit war. Trotz seiner Herkunft war er niemals überheblich oder arrogant. Ich möchte unbedingt wissen, wer das meinem Jungen angetan hat und vor allem, warum ihm das angetan wurde. Hier ist meine Karte. Auf die Rückseite habe ich Ihnen meine Handynummer notiert.“

„Vielen Dank, Frau von Kellberg, ich werde bestimmt darauf zurückkommen.“

Er nahm die Karte. Demonstrativ verschränkte Johannes von Kellberg die Arme vor der Brust. Von ihm würde Leo keine Karte mit persönlichen Daten bekommen.

Leo fand Frau von Kellberg sehr sympathisch, das gleiche galt auch für den Hausdiener Willi. Johannes von Kellberg hingegen konnte er nicht leiden. Auch seinen Passauer Kollegen Albert Steinberger mochte er nicht besonders. Er wusste nicht genau warum. Vielleicht waren es die kleinen, stechenden Augen oder einfach nur die Tatsache, dass dieser Steinberger nach Achselschweiß stank und dazu auch noch einen ekelhaften Mundgeruch hatte.

Schweigend fuhren die drei wieder zurück ins Polizeipräsidium Passau. Eigentlich wollte Leo Steinberger darauf ansprechen, warum er die Eheleute von Kellberg entgegen ihrer Absprache bereits über den Tod des Sohnes unterrichtet hatte, aber er entschied sich dagegen. Zu sehr beschäftigte ihn das Gespräch mit den von Kellbergs. Auch Anna war sauer auf Steinberger und konnte ihn genauso wenig leiden wie Leo. Sie hatte den Passauer Kollegen beobachtet, während Leo mit den Eltern des Toten sprach. Steinberger schien nicht so betroffen zu sein, wie er vorgab. Was spielte der Typ für ein Spiel? Sie beschloss, ihn im Auge zu behalten.

Als Nächstes mussten sich Leo und Anna mit den drei Studienkollegen unterhalten, die sich auf Albert Steinbergers Initiative hin um 16.00 Uhr in dessen Büro trafen. Sie hatten sich darauf verständigt, die drei gemeinsam zu vernehmen. Leo und Anna hätten gerne auf Steinbergers Anwesenheit verzichtet, aber der wollte unbedingt bei der Befragung dabei sein.

„Gut. Wir werden die drei lediglich über Maximilians Tod informieren, mit Einzelheiten halten wir uns vorerst noch zurück. Können wir uns darauf einigen?“ Leo sah vor allem Steinberger an, der keine Einwände hatte. „Ich möchte Sie bitten, dass Sie sich diesmal an die Absprache halten,“ fügten Leo hinzu. Steinberger war sauer. Was fiel diesem Schwaben eigentlich ein, so mit ihm zu sprechen?

Es war 16.00 Uhr und die Freunde waren anwesend. Sie saßen gemeinsam in Steinbergers Büro und Leo informierte sie über Maximilians Tod. Anna hielt sich im Hintergrund, um die drei aufmerksam zu beobachten. Maximilians Freunde waren sichtlich geschockt.

Julius Bernrieder war 1,72 Meter groß, 24 Jahre, untersetzt und hatte langes, braunes Haar, das er bestimmt schon einige Tage weder gewaschen, noch gekämmt hatte. Er trug eine kleine Nickelbrille und man konnte aufgrund der Glasstärke der Brille erkennen, dass er sehr schlechte Augen hatte. Seine Kleidung war leger: Jeans, Turnschuhe und ein T-Shirt. Julius war Sohn eines Bankers, seine Mutter war Hausfrau. Er studierte entgegen den Erwartungen seiner Eltern Naturwissenschaften. Leo befragte ihn zu seinem Verhältnis zu Maximilian und zu dem Tag des Verschwindens.

„Ich war mit Maximilian noch nicht lange befreundet, wir kannten uns eigentlich nicht näher. Wir haben uns in einer Passauer Kneipe kennengelernt, als ich meine Eltern zuhause besuchte. Sie müssen wissen, dass ich in Bayreuth studiere. Sie haben Glück, dass ich noch in Passau bin, in einer Woche enden die Semesterferien. Maximilian und ich trafen uns also in der Kneipe und verstanden uns auf Anhieb. Eines Tages beim Bier hat mir Maximilian erzählt, dass er nach Sylt in Urlaub möchte und hat mich dazu überredet, mich anzuschließen. Ich hatte nichts Besseres vor, also bin ich mit.“

„Es geht um die Party am 14. Juni, als Maximilian verschwand. Woran können Sie sich erinnern?“

„Bei der Party war ich nur kurz, es hat mir nicht gefallen. Ich bin nicht der geborene Party-Typ. Ich lass mich nicht gerne volllaufen, ich ziehe interessante Gespräche vor und lese lieber.“

„Wann haben Sie die Party verlassen?“

„So gegen 22.00 Uhr schätze ich.“

„Wann haben Sie Maximilian von Kellberg zum letzten Mal gesehen?“

„Auf der Party. Als ich ging, war er gerade am Tanzen. Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.“ In Julius Augen standen Tränen, deren er sich nicht schämte.

Leo wandte sich an den nächsten Freund, an Benjamin Aschenbrenner. Er war der Sohn eines Zahnarztes und einer Psychotherapeutin, und wie Julius ebenfalls 24 Jahre alt. Er saß mit seiner sichtlich teuren Kleidung aufrecht auf dem Stuhl. Er war 1,83 Meter groß und hatte eine sehr sportliche Figur. Seine Frisur war kurz und sehr modern mit Haargel in Form gebracht. Seine wachen, blauen Augen sahen Leo erwartungsvoll an.

„Auch an Sie habe ich die gleichen Fragen, Herr Aschenbrenner. Wie war Ihr Verhältnis zu Maximilian und wie haben Sie den Abend des 14. Junis erlebt?“

Leo überraschte die tiefe, klare Stimme.

„Maximilian und ich kennen uns schon von klein auf, wir sind praktisch zusammen aufgewachsen. Unsere Eltern sind sehr eng befreundet. Nach der Schule war es klar, dass wir gemeinsam studieren. Wir haben uns für Jura entschieden und uns gemeinsam an der Uni Passau eingeschrieben. Zu dem Abend auf Sylt kann ich nicht viel sagen. Ich saß an der Bar und habe mich mit einigen Leuten unterhalten. Maximilian hat sich vorwiegend auf der Tanzfläche aufgehalten und hat alle möglichen Mädchen angemacht. Irgendwann ist er dann mit einem Mädchen verschwunden. Später habe ich ihn noch einmal mit einem anderen Mädchen gesehen. Das muss nach Mitternacht gewesen sein, eher halb eins. Da ich müde war, habe ich Maximilian und Tim noch zugewinkt und bin auf mein Zimmer.“

„Danach haben Sie Maximilian nicht mehr gesehen?“

„Nein, das war das letzte Mal.“ Er senkte den Kopf, um die Tränen zu verbergen. Von Anfang an hatte er sich bemüht, sachlich zu bleiben, was ihn arrogant erscheinen ließ. Er musste sich anstrengen, um die Fassade aufrecht zu erhalten. Aber gerade diese Gefühlsregung machte ihn fast schon wieder sympathisch.

Leo bekam langsam ein Bild von Maximilian von Kellberg. Er wandte sich an den dritten Studienkollegen Tim Mahler, der in einem roten Jogginganzug vor ihm saß. Tim bemerkte Leos abschätzende Blicke.

„Tut mir leid, ich war im Training und bin direkt hierher. Ich hoffe, Sie stören meine Klamotten nicht.“

„Nein, keineswegs. Bei der Gelegenheit möchte ich mich bei Ihnen allen bedanken, dass Sie es möglich gemacht haben, pünktlich zu erscheinen; in welcher Kleidung auch immer. Welchem Sport gehen Sie nach?“

„Eigentlich mache ich so gut wie alles, aber vor allem spiele ich mit Leidenschaft Fußball. Ich studiere Biologie und Sport auf Lehramt. Um mein Studium zu finanzieren, kellnere ich in einer kleinen Bar in der Altstadt. Meine Mutter hat kein Geld, um mich finanziell zu unterstützen. Sie ist Sekretärin in einem Exportunternehmen und hat mich allein aufgezogen. Ich komme über die Runden, das Studium läuft prima.“

„Sind Sie ein guter Fußballer?“, wollte Leo wissen, der eine Schwäche für Fußball hatte.

„Ich kann das selbst nicht so beurteilen,“ antwortete Tim Mahler bescheiden, „aber mein Trainer meint, dass ich das Zeug zum Profi habe. Die ersten Anfragen von Profivereinen flattern bereits ins Haus. Ich bin erst 20 Jahre alt, mal sehen, was noch kommt. Ich verlasse mich aber nicht auf eine eventuelle Profikarriere. Ein kaputtes Knie oder dergleichen, und ich stehe auf der Straße.“

Insgeheim beneidete Leo diesen Jungen. Er wollte früher auch so sein wie Tim Mahler, aber er hatte nicht die nötige Disziplin. Tim war mit 1,98 Meter sehr groß. Er hatte schwarze, kurze Haare und eine gebräunte, gesunde Gesichtsfarbe. Eben einer dieser Jungs, die von den Mädchen umschwärmt werden und die überall beliebt sind.

„Sehr vernünftig, junger Mann. Ich habe natürlich die gleichen Fragen auch an Sie.“

„Ich kenne Maximilian von der Uni, wir haben uns beim Sport kennen gelernt. Maximilian war auch begeisterter Fußballspieler, aber er hatte nicht den gleichen Ehrgeiz wie ich. Er kommt zwar aus sehr reichem Haus, aber er war nicht so ein eingebildeter Schnösel, sondern völlig normal.“ Dabei sah Tim Benjamin an, der keine Miene verzog. „Maximilian hat mich zu diesem Urlaub auf Sylt überredet und hat das alles auch bezahlt. Ich habe keinen Cent übrig, aber Maximilian sah das locker und hat mich einfach eingeladen. Er wollte unbedingt, dass ich mitkomme. Wir hatten auf Sylt richtig viel Spaß. Bezüglich des weiblichen Geschlechts waren wir auf einer Wellenlänge, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wir beide haben es richtig krachen lassen. Durch mein Studium, das Training und meinen Nebenjob habe ich sehr wenig Freizeit und habe diesen Urlaub wirklich ausgenutzt.“

Leo musste grinsen, genau so hatte er sich Tim vorgestellt.

„Ja, ich kann mir vorstellen, wie Sie das meinen. Fahren Sie fort. Wie ist der Abend verlaufen?“

„Wie Benjamin schon sagte. Maximilian und ich sind gleich auf die Tanzfläche und auf die Mädchen los. Wir wurden ziemlich schnell fündig und sind mit den Mädels abgezogen, jeder für sich natürlich. Später sind wir uns wieder begegnet, tranken ein Bier zusammen und haben uns wieder unter die Leute gemischt. Ich habe gegen später noch ein Mädchen aufgerissen und bin mit auf ihr Zimmer. Maximilian habe ich nur kurz von weitem mit einem Mädchen am Strand gesehen.“

„Welche Uhrzeit?“

„An dem Abend habe ich jegliches Zeitgefühl verloren. Ich ließ mich einfach treiben und genoss das Leben. Ich bin mir sicher, dass das nach Mitternacht gewesen sein muss.“

„War außer Maximilian und dem Mädchen noch jemand am Strand?“

„Darauf habe ich nicht geachtet. Ich sah Maximilian und das Mädchen, das ich nicht beschreiben könnte. Ich kann mich an ihr langes Haar erinnern, das im Wind wehte. Das war das letzte Mal, dass ich Maximilian sah.“

Leo spürte, dass Tim das alles sehr nahe ging. Er atmete schwer und ihm versagte langsam die Stimme.

„Dann waren Sie der Letzte von Ihnen, der Maximilian auf der Party gesehen hat?“, fragte Leo weiter.

„Das kann gut sein, aber sicher bin ich mir nicht. Ich weiß, dass Julius nicht so auf Partys steht. Ich habe Benjamin gesehen, wie er sich mit einigen Leuten heftig gestritten hat. Wann die beiden von der Party weg sind, kann ich nicht sagen.“

„Hör mal Tim,“ empörte sich Benjamin sehr laut, „ich habe dir und Maximilian doch noch zugewinkt. Das muss gegen halb eins gewesen sein.“

„Tut mir leid, Kumpel. Ich kann mich weder an die Uhrzeit, noch an das Winken erinnern.“

Benjamin war sichtlich sauer.

„Mit wem haben Sie sich gestritten und um was ging es dabei?“

„Das war kein Streit, ich habe lediglich mit einigen Leuten diskutiert. Es ging um Politik und bei dem Thema kann es schon mal ein bisschen heftiger zugehen. Aber ich bestehe darauf, dass ich mich mit niemandem gestritten habe.“

Leo sah zu Julius.

„Was sagen Sie dazu, Herr Bernrieder?“

„Was soll ich sagen, Mann? Ich kann von meinem Kumpel nicht erwarten, dass er weiß, wann ich ins Bett gehe. Ich weiß, dass ich gegen 22.00 Uhr ins Bett bin, Zeugen habe ich keine.“

„Kann sich von Ihnen jemand erinnern, was Maximilian an diesem Abend anhatte?“

„Ja klar,“ sagte Tim mit einem Schmunzeln. „Wir haben uns alle darüber lustig gemacht. Es waren blaue Shorts mit bunten, kleinen Palmen drauf. Das ging gar nicht. Maximilian hatte seine Shorts zuhause vergessen und hat in der Boutique des Hotels das scheußliche Ding gekauft. Er sagte, die anderen waren noch hässlicher, was ich mir nicht vorstellen kann.“

„Und die Schuhe?“

„Keine Schuhe. Das war eine Beachparty, im Sand trägt man keine Schuhe. Die Jungs tragen Badeshorts und die Mädchen einen Bikini, das ist ja das Tolle an diesen Strandpartys,“ sagte Tim mit einem Lächeln.

„Ich hatte Schuhe an,“ sagte Benjamin mit einem Seitenblick auf Tim.

„Klar, du warst ja auch wie immer korrekt gekleidet. Mit Hemd, langer Hose und Slippern. Und das bei einer Beachparty im Sand!“, sagte Julius mit einem Lachen. „Du musst immer aus der Reihe tanzen und bei jeder Gelegenheit demonstrieren, dass du etwas Besseres bist,“ sagte Julius sarkastisch. Man spürte sofort, dass er Benjamin nicht leiden konnte. „Ich hatte übrigens auch keine Schuhe an. Das war mir ganz recht, denn in meinem Zimmer hätte ich Stunden gebraucht, um meine Schuhe zu finden. Ich bin etwas chaotisch und es braucht nicht viel, bis es aussieht wie Sau.“

„Jetzt habe ich aber auch eine Frage,“ sagte Tim. „Wie ist Maximilian gestorben? Wo haben Sie ihn gefunden und was zum Teufel hat er die ganze Zeit gemacht?“

Die drei sahen Leo an. Offensichtlich stellten sich die anderen beiden dieselben Fragen.

„Tut mir leid, aber Details können wir Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt aus ermittlungstechnischen Gründen noch nicht nennen.“

„Unfall oder Mord?“ Tim ließ nicht locker. „Es macht mich stutzig, dass Sie von der Mordkommission Ulm sind.“

Leo war in der Zwickmühle und sah Anna an. Sie zuckte nur mit den Schultern und überließ ihm die Entscheidung, Informationen zu nennen. Warum auch nicht? Die drei jungen Männer, die vor ihm saßen, waren Maximilians beste Freunde. Hatten sie nicht ein Recht darauf, wenigstens dieses Detail zu erfahren?

„Wir gehen von Mord aus. Aber mehr kann ich Ihnen wirklich noch nicht sagen.“

Die drei starrten Leo irritiert an, damit hatte niemand gerechnet. Sie stellten Leo noch jede Menge Fragen, die er aber abblockte. Noch scheute er sich davor, ihnen die grausame Wahrheit zu sagen. Was sollte das bringen?

Nachdem die Protokolle aufgenommen wurden, gab Leo jedem noch eine seiner Visitenkarten und sie wurden nach Hause entlassen.

Nach einer kühlen Verabschiedung von Steinberger fuhren Leo und Anna zurück nach Ulm. Es war bereits dunkel geworden und im Radio lief leise Musik.

„Steinberger konnte es kaum erwarten, dass wir endlich wieder abhauen. Kann ich irgendwie nachvollziehen, schließlich haben wir ihn ganz schön in Beschlag genommen. Maximilians Freunde taten mir sehr leid. Die Todesnachricht und vor allem die Info, dass Maximilian ermordet wurde, hat sie ziemlich mitgenommen.“ Anna war betroffen. Der heutige Tag ging ihr ziemlich an die Nieren.

„Ich habe mir das Gespräch mit den Freunden anders vorgestellt. Ich ging davon aus, dass sie untereinander befreundet sind und sich gut kennen. Aber in Wirklichkeit sind die sich alle nicht ganz grün. Die waren nur zusammen, weil sie mit Maximilian befreundet waren. Er war das Bindeglied zwischen ihnen. Wenn wir mehr Erkenntnisse haben, sollten wir sie zu einem späteren Zeitpunkt nochmals getrennt voneinander befragen.“ Auch an Leo ging der heutige Tag nicht spurlos vorbei. Dieser beschissene Tag und die Fahrt in der trostlosen Nacht gingen ihm an die Nieren. Er spürte, dass es Anna ähnlich ging. „Was hältst du davon, wenn wir richtig gut essen gehen? Das haben wir uns nach dem heutigen Tag verdient. Morgen sehen wir weiter. Ich denke, wir sollten uns auf Sylt umsehen, vielleicht werden wir dann etwas schlauer.“ Anna nickte zustimmend. Auch Sie würde sich gerne auf Sylt vor Ort umsehen und sich ein persönliches Bild machen. Bezüglich des Essens hatte sie keine Einwände. Im Gegenteil: Sie hatte tierischen Hunger.

Leo fand im nächsten Ort ein nettes Restaurant mit gutbürgerlicher Küche und sie genossen das Essen.

„Hattest du auch das Gefühl, dass der Butler Willi seinen Chef Johannes von Kellberg nicht besonders mag?“, fragte Leo, als sie ihr Wiener Schnitzel fast aufgegessen hatte.

„Sicher. Und ich kann ihn verstehen: Mir ist der arrogante Typ auch nicht sympathisch.“ Dass er Albert Steinberger ebenfalls nicht mochte, behielt er lieber für sich, schließlich ging es um einen Kollegen.

Sie trafen gegen 23.30 Uhr in Ulm ein. Leo rief trotz der späten Stunde seinen Chef Zeitler an, um ihn über den heutigen Tag zu unterrichten und den Flug nach Sylt genehmigen zu lassen. Zeitler schien über die späte Störung nicht sauer. Er hörte sich alles an und stellte nur wenige Fragen. Bezüglich Sylt hatte er zwar Bedenken, stimmte dann aber doch zu.

Leo kümmerte sich umgehend um Flüge nach Sylt und gab Anna Bescheid, dass er sie um 4.00 Uhr abholen würde. Schon wieder hatten sie eine sehr kurze Nacht vor sich. Dann rief Leo in dem Hotel auf Sylt an, in dem Maximilian im Juni gewohnt hatte. Er kündigte seinen Besuch für den nächsten Tag an und vereinbarte einen Termin mit dem Hotelmanager. Wie würde die Sylter Polizei reagieren, wenn er mit Anna dort auftauchte und recherchierte? Er konnte keine Probleme brauchen, rief dort an und sprach lange mit dem Diensthabenden, bis der schließlich sein Okay gab, das sich Leo schriftlich per Mail bestätigen ließ.

Jetzt war alles geklärt. Leo sah auf die Uhr: 1:24 Uhr! Die Telefongespräche hatten sehr lange gedauert. Wenn er sich ranhielt, dann konnte er noch zwei Stunden schlafen.

4.

Anna stand schon auf der Straße, als Leo sie pünktlich um 4.00 Uhr abholte. Sie hatte wie immer gute Laune, wohingegen Leos Laune auf dem Nullpunkt war. Er hatte wenig und schlecht geschlafen. Er hatte Angst vor dem Flug nach Sylt, denn er litt unter starker Flugangst. Aber es half nichts, da musste er durch.

Sie stellten den Wagen direkt im Parkhaus am Flughafen ab. Die Tickets waren für sie am Schalter hinterlegt.

Leo rief vor dem Abflug bei der Passauer Polizei an, um sich nochmals bei Albert Steinberger für dessen Mitarbeit zu bedanken und um nachzufragen, ob sich etwas Neues ergeben hätte. Das war leider nicht der Fall. Warum war Steinberger so wortkarg, fast unfreundlich? Klar! Es war noch sehr früh am Tag und er hatte den Kollegen ganz sicher geweckt. Hätte er ihm sagen sollen, dass er auf dem Weg nach Sylt war? Nein, warum auch?

Der Flug dauerte nur 1 ½ Stunden und war sehr unangenehm. Wegen der heutigen Stürme wurden sie kräftig durchgeschüttelt. Nach den letzten schönen Tagen machte sich der Herbst nun doch langsam bemerkbar. Leo stand Todesängste aus. Schon der holprige Start war für ihn eine Tortur gewesen. Er krallte sich in seine Oberschenkel und konnte sich keine Sekunde entspannen. Den Snack und ein Getränk lehnte er ab. Anna schien völlig ruhig. Sie las in einem Buch und ihr schienen die Turbulenzen nichts auszumachen. Als das Flugzeug zur Landung ansetzte, wurde Leos Nerven noch einmal strapaziert. Schreckliche Horrorszenarien von Flugzeugabstürzen liefen vor seinem inneren Auge ab. Alles ging gut, sie landeten sicher und Leo atmete erleichtert auf. Hatte Anna gemerkt, dass er Angst hatte? Bestimmt nicht.

Natürlich hatte Anna seine Angst bemerkt, wie auch die Stewardessen und ihr Sitznachbar. Sie ließen Leo in Ruhe. Was hätten sie auch tun können?

Das Wetter auf Sylt war ungewöhnlich stürmisch und es regnete stark, als die beiden um 8.30 Uhr aus dem Flugzeug stiegen. Leo machte das Wetter nichts aus. Er hatte den Flug hinter sich gebracht und war glücklich. Da sie beide kein Gepäck hatten, konnten sie den Flughafen schnell verlassen. Sie nahmen ein Taxi.

Nach guten 20 Minuten hatten sie das Hotel im Blick. Leo war überrascht, er hatte sich das ganz anders vorgestellt. Es machte einen sehr ordentlichen, aufgeräumten Eindruck. Die Auffahrt war mit großen Pflanzen gesäumt und dazwischen waren Figuren und große bepflanzte Amphoren geschickt platziert worden. Hier fand eine der größten Strandpartys Nordeuropas mit hunderten von Jugendlichen statt?

Die Empfangshalle war hell und freundlich mit sehr gemütlichen, farbenfrohen Sitzmöglichkeiten und riesigen, mediterranen Pflanzen ausgestattet. Außerdem war es hier sehr warm, was beide nach dem schlechten Wetter als sehr angenehm empfanden. Hinter dem Tresen begrüßte sie eine junge Frau mit einem leichten Sprachfehler. Leo sah sofort eines dieser schrecklichen Zungenpiercings, die er nicht ausstehen konnte. Er kapierte nicht, wie man sich freiwillig Löcher in irgendwelche Körperstellen machen konnte. Das Gleiche galt übrigens für Tattoos, die in jeder Altersschicht beliebt waren und inzwischen zum guten Ton gehörten. Das musste doch alles höllisch wehtun! Es gab für ihn nur die eine logische Erklärung dafür: Diese Menschen müssen alle masochistisch veranlagt sein, denn schön und schmückend war der Körperschmuck in seinen Augen ganz sicher nicht. Bei diesen Gedanken allein schüttelte es ihn und er bekam eine Gänsehaut.

„Hallo, ich bin Lisa. Was kann ich für euch tun?“

„Guten Tag. Mein Name ist Leo Schwartz, das ist meine Kollegin Anna Ravelli, wir sind von der Kriminalpolizei Ulm. Wir möchten den Hotel-Manager sprechen, wir sind angemeldet.“

„Ja klar, ich weiß Bescheid,“ lispelte die junge Frau und rief mit schriller Stimme quer durch die Halle „Sabrina! Dein Termin ist da!“

Leo und Anna erschraken über die Lautstärke und die saloppe Art der Frau. Kurz darauf kam eine junge Frau in einem Minirock und einem sehr knappen Oberteil auf die beiden zu. „Hallo, ich bin Sabrina. Was kann ich für euch tun?“

„Guten Tag. Mein Name ist Leo Schwartz,“ sagte er irritiert und zeigte seinen Dienstausweis vor. Er starrte auf das riesige, funkelnde Bauchnabel-Piercing und die Tätowierung auf der linken Brust. Sofort bekam er wieder eine Gänsehaut. „Das ist meine Kollegin Anna Ravelli. Wir sind von der Kriminalpolizei Ulm. Unser Aufenthalt wurde von der örtlichen Polizei abgesegnet.“ Er hielt ihr ein Blatt Papier vor, was Sabrina aber wenig interessierte. Sie strahlte Leo mit ihren weißen Zähnen an, was Leo nun noch mehr irritierte. „Wir haben einige Fragen bezüglich eines Mordfalles. Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?“

„Na klar. Ich bin sehr gespannt, was unser Haus mit einem Mord in Ulm zu tun hat. Kommt mit, wir setzen uns an die Bar.“ Ohne auf eine Reaktion zu warten, klapperte sie auf ihren hochhackigen Schuhen davon und die beiden folgten ihr. Anna war sehr amüsiert, denn selten hatte sie Leo so irritiert gesehen.

„Was möchtet ihr trinken?“, fragte Sabrina und winkte dem Barkeeper. „Ich nehme einen Wodka-Orange.“

Leo erschrak. Alkohol um diese Uhrzeit? Das konnte ja heiter werden. Er lehnte dankend ab.

„Und was möchtest du trinken?“, wandte sich Sabrina an Anna.

„Ein Cappuccino wäre super, wenn das möglich wäre.“

„Klar, du bekommst alles, was du willst. Pedro?“ Sie gab dem Kollegen hinter der Theke ein Zeichen. „Wodka-Orange und einen Cappo.“

„Frau Sabrina,“ begann Leo und wurde sofort von ihr unterbrochen.

„Nur Sabrina bitte. Wir nennen uns hier alle beim Vornamen und duzen uns auch alle. Wir pflegen untereinander einen lockeren Ton, was bei unseren meist jungen Gästen sehr gut ankommt. Was nicht heißt, dass das Hotel nicht ordentlich geführt wird und wir keine Ahnung haben.“

„In Ordnung, wie Sie wollen. Sabrina. Wir haben die Leiche eines jungen Mannes gefunden, der im Juni mit seinen Freunden in Ihrem Hotel abgestiegen ist. Ich habe ein Foto. Wenn Sie sich das bitte ansehen würden?“

„Klar, zeig her.“ Sie besah sich das Foto sehr genau. Das Lächeln war verschwunden, sie runzelte die Stirn. Dann stand sie auf, ging ein paar Schritte und rief quer durch die Empfangshalle „Leute, kommt mal bitte alle an die Bar!“

Anna und Leo sahen sich an und konnten sich ein Lachen nicht verkneifen. In dem Hotel ging es wirklich sehr locker zu. Kurz darauf kamen fünf junge Personen. Alle etwa alle im gleichen Alter, ungefähr Mitte 20, und alle sahen ähnlich aus wie Sabrina: Knappe, kurze, sehr aufreizende Kleidung und irgendwo blitzte ein Piercing oder ein Tattoo hervor.

„Leute, seht euch das Foto an. Kennt jemand den Jungen? Es ist wichtig.“

Das Foto ging reihum und das junge Mädchen Lisa vom Empfang kicherte. „Ja, den kenne ich. Der war im Juni während unserer großen Beachparty hier“, lispelte sie und bewegte das Zungenpiercing hektisch hin und her. Leo musste sich zwingen, nicht hinzusehen, da ihm richtig schlecht wurde. Schon die Vorstellung allein, dass dieses Mädchen mit dem Metall in ihrem Mund spielte, verursachte bei ihm abermals eine Gänsehaut.

„Sind Sie sicher, dass Sie den Mann kennen?“, hakte Leo nach.

„Klar. Ich war kurz mit ihm zusammen. Wegen dem war doch die Polizei schon einmal hier, erinnert ihr euch?“ Reihum nickten alle. Sabrina kapierte nun auch, um wen es sich handelt.

„Ach der ist das? Ich dachte mir doch gleich, dass er mir bekannt vorkommt. Ja, der war hier. Die Polizei hat ihn gesucht.“

„Moment, Lisa. Habe ich das richtig verstanden? Sie waren mit Maximilian zusammen?“

„Ja, wir hatten kurz Spaß miteinander. Er ist zurück zur Party und ich musste zur Arbeit, an dem Tag hatte ich Spätschicht.“

„Haben Sie Maximilian später noch einmal gesehen?“, wollte Anna wissen.

„Nein, warum sollte ich?“ Lisa schien erstaunt.

„Waren Sie nicht besorgt, als Maximilian vermisst wurde?“

„Nein, warum denn ?“

„Sie waren doch schließlich mit ihm zusammen.“

Lisa kicherte und auch Sabrina und die anderen konnten sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Das dürft ihr nicht erst nehmen und gleich in die Beziehungskiste stecken. Das mit ihm und mir hatte nichts weiter zu bedeuten. Die Leute kommen zu uns ins Hotel, um Spaß zu haben. Und das wollen wir auch.“

„Wir sind alle sehr jung, seht uns doch an. Bei den jungen Leuten draußen sind wir bekannt und beliebt dafür, dass wir hier Party machen und locker drauf sind. Deshalb ist unser Haus auch immer ausgebucht,“ erklärte Sabrina und verdrehte die Augen. Immer wieder musste sie sich vor Spießern erklären. Warum konnte man nicht einfach akzeptieren, dass es das Konzept des Hauses war, locker drauf zu sein und den Gästen ein Höchstmaß an Spaß, Sicherheit und Exklusivität zu bieten, ohne billig und abgefuckt zu wirken. Hier konnte man so richtig feiern, ohne am nächsten Tag Fotos von sich in der Zeitung zu sehen. Sie war davon überzeugt, dass auch das Personal zu dem Konzept passen musste, was sich in den letzten drei Jahren, in denen sie als Hotel-Managerin angestellt war, bezahlt gemacht hatte. Es war ein riesiger Aufwand, die Sicherheit und den Spaßfaktor zu garantieren, weshalb auch die Hotelpreise überdurchschnittlich hoch waren. Darüber hinaus konnte nicht jeder bei ihnen buchen, Sabrina war da sehr wählerisch. Gäste, die neu zu ihnen kamen, ließ sie überprüfen. Das war zwar nicht korrekt, aber das war ihr egal. Auf Rowdys und gewaltbereite Typen, die sich nicht im Griff hatten, konnte sie gerne verzichten. Sie hatte immer ein Auge darauf, dass die Gäste ihres Hotels ungefähr in derselben Altersgruppe waren, wodurch schon sehr viel Ärger abgewendet werden konnte. In den letzten drei Jahren hatte sich noch nie jemand über den Lärm beschwert.

„Haben Sie als Hotel-Managerin nichts dagegen, dass sich Ihr Personal mit den Gästen einlässt?“, wollte Anna wissen.

„Nein, was soll ich dagegen haben? Zufriedenes Personal ist gutes Personal. Was meine Leute in ihrer Freizeit machen ist mir egal, solange es keine Probleme gibt.“

Leo schüttelte den Kopf, das verstand er nun überhaupt nicht. Wahrscheinlich war er schon zu alt dafür. Er zog weitere Fotos aus seiner Mappe, und zwar von Julius Bernrieder, Benjamin Aschenbrenner und Tim Mahler. „Kennen Sie einen der Herren?“

Wieder wurden die Fotos genau studiert und gingen im Kreis herum. Alle murmelten ein „Nein“ oder „Kann sein“ und Sabrina gab Leo die Fotos wieder zurück.

„Es hilft vielleicht, wenn wir uns das Reservierungsbuch ansehen,“ schlug Sabrina vor und rannte auch schon los. Kurz darauf kam Sie wieder und überreichte Leo ein sehr sauberes, mit ordentlicher Handschrift geführtes Buch.

„Hier sind die Belegungen. Da normalerweise nicht mehr als eine Woche gebucht wird, kannst du dich auf Belegungen ab dem 5. Juni konzentrieren. Die Kopien der Ausweise sind in dieser Mappe. Die Nummer aus den Anmeldungen in dieser Spalte,“ Sabrina zeigte auf die vorletzte Spalte, in der eine dreistellige Nummer stand, “findest du hier den jeweiligen Ausweiskopien zugeordnet. Du kannst die Personen, nach denen du fragtest, mit den Eintragungen vergleichen.“

„Sind das alle Personen, die auf der Party waren?“

„Nein, das waren nicht alle. Die Party im Juni wird zwar von uns veranstaltet, aber sie ist eigentlich öffentlich. Jeder kann gerne mitfeiern, wenn er eine Eintrittskarte ergattern konnte. Zu unseren Hotelgästen kommen in der Regel noch einige Leute dazu, die mit dem Boot da waren. Die legen hier an, feiern mit, und übernachten auf ihren Booten. Von den Einwohnern von Sylt waren nur sehr wenige Leute dabei, das ist immer so.“

„Wie kann ich das verstehen?“

„Wir verlangen ziemlich viel Eintritt und auch die Getränke sind sehr teuer. Dadurch wollen wir die Party exklusiv halten und Schlägereien vermeiden, die durch zu viel Alkohol verursacht werden. Wir möchten auch möglichst vermeiden, dass sich Einheimische mit unseren Gästen und Partybesuchern anfreunden, das gibt nur Ärger. Ihr könnt euch vorstellen, dass sehr viel Neid aufkommt, schließlich sind unsere Gäste überdurchschnittlich wohlhabend. Und dann darf man die zwischenmenschliche Seite nicht außer Acht lassen. Unsere Gäste kommen hier her und wollen ihren Spaß haben, sonst nichts. Es gibt nur Probleme, wenn von einer Seite nur Spaß im Vordergrund steht, und die andere Seite auf eine Beziehung aus ist. Nein, es ist aus unseren Erfahrungen besser, wenn unsere Gäste und die Partybesucher unter sich sind.“

Leo war erstaunt über das fast schon spießig zu nennende Konzept. Er hatte sich eingestehen müssen, dass er Sabrina und das übrige Personal aufgrund ihres Äußeren und der lockeren Art völlig anders eingeschätzt hatte.

Er widmete sich wieder dem Reservierungsbuch zu. Er nahm sich zunächst die Seite vor, auf der die Eintragungen von Maximilian und seinen Freunden stand. Er wurde stutzig.

„Was bedeuten diese Kürzel, die in der letzten Spalte eingetragen sind?“

„Das sind interne Hinweise für uns. SZ heißt ganz banal schmutziges Zimmer. Dabei geht es nicht um Unordnung oder Schmutz, sondern bedeutet: der Kunde hat das Zimmer vollgekotzt. Sie werden verstehen, dass wir darauf nicht scharf sind. Ein D steht für Dieb, was bedeutet, dass der Gast geklaut hat. Dabei sind nicht die üblichen Handtücher, Aschenbecher, Bademäntel oder ähnliches gemeint, sondern dass derjenige einen unserer Gäste oder Partybesucher beklaut hat. In dem Fall reagieren wir sehr empfindlich. Die anderen Kürzel stehen jeweils für ähnliche Informationen, die aber keine so hohe Tragweite haben. Wir machen uns Notizen, die auch banal sein können, uns aber auffielen. Diese haben wir im Computer angelegt. Wenn wieder eine Reservierung reinkommt, können wir nachsehen, ob wir schon einmal negative Erfahrungen mit dem Gast gemacht haben. In dem Fall kann es vorkommen, dass wir auf den Besuch verzichten. Wenn sich aber der Kunde unter falschem Namen doch reinschummeln möchte, dann sehen wir es spätestens an der Kopie der Ausweispapiere, weil wir alle Kopien aufbewahren; zusammen mit den entsprechenden Kürzeln. Wer bei uns bucht, dem garantieren wir jede Menge Spaß und wir sind immer ausgebucht. Auch, weil es bei uns sehr, sehr wenig Ärger gibt, dafür sorgen wir schon bei der Buchungen.“

„Was machen Sie mit einem Gast, der sich während seines Aufenthalts unmöglich aufführt und Sie ihn loswerden wollen? Was passiert dann?“

„Dann muss er sofort seine Sachen packen, beziehungsweise umgehend die Party verlassen. Für solche Fälle haben wir einen Sicherheitsdienst, der uns quasi rund um die Uhr zur Verfügung steht. Der Sicherheitsdienst ist immer unauffällig in unserem Hotel und auch bei den Partys anwesend. Wir garantieren dadurch nicht nur die Sicherheit unserer Gäste vor Paparazzi oder ungebetenen Gästen, sondern schaffen uns mit deren Hilfe auch unliebsame Gäste sehr schnell vom Hals.“

„Sie können sich auf die Leute dieser Sicherheitsfirma verlassen?“

„Immer. Der Chef der Firma ist mein Freund.“

Leo verstand. Dann war es wohl auch ihr Freund, der für Sabrina die Gäste überprüfte. Aber das konnte ihm egal sein, deshalb war er nicht hier. Er widmete sich wieder dem Reservierungsbuch.

Leo entdeckte ein Kürzel hinter Benjamin Aschenbrenners Namen. „Was bedeutet denn SV?“

„Das steht für Spielverderber. Das sind Leute, die an allem und jedem was auszusetzen haben oder den anderen irgendwie den Spaß verderben. Solche Leute mögen wir hier überhaupt nicht und auf die können wir gerne verzichten. Sollte dieser Gast nochmals den Wunsch verspüren, bei uns absteigen zu wollen, hat er Pech gehabt.“

„Sie würden an Aschenbrenner nicht mehr vermieten?“

„Nein.“

Dass Benjamin Aschenbrenner eine Spaßbremse sein konnte, überraschte Leo nicht. Er konnte ihn sich hier in dieser Umgebung bei einer Beachparty einfach nicht vorstellen. Aschenbrenner und eine ungezwungene Party? Undenkbar!

Sabrina bot an, Kopien der Seiten vom Juni zu machen, was Leo dankend annahm.

Leo hatte sich dazu entschlossen, Sabrina die Fotos von Maximilians Freunden zu überlassen.

„Haben Sie noch weiteres Personal?“

„Sicher, das hier sind natürlich nicht alle.“

„Würden Sie bitte die Fotos den übrigen Kollegen und auch dem Sicherheitsdienst zeigen? Vielleicht haben wir Glück und jemand erinnert sich an etwas, das uns weiterhilft.“

„Klar mach ich das. Kannst dich darauf verlassen.“

„Wir würden uns gerne noch umsehen. Wo genau fand die Party statt?“

„Unten am Strand. Wenn ihr aus dem Hotel geht, haltet euch links. Geht um das Gebäude herum. Auf der Rückseite führt ein breiter Steg zum Strand. Den Partyplatz könnt ihr nicht verfehlen.“

„Wie viele Partys finden jährlich statt?“

„Das sind sechs feste Termine, wobei die im Juni die größte ist und immer mit einem riesigen Sonnwendfeuer endet. Darüber hinaus kann man bei uns auch privat gerne Partys steigen lassen, wir sind da sehr offen. Die letzte Veranstaltung war vor fünf Tagen. Einer unserer Gäste hat seinen 25. Geburtstag ganz groß gefeiert, wir waren ausgebucht.“

„Was ist für dieses Jahr noch geplant?“

„Halloween, die Adventsparty am Wochenende des vierten Advents, und die große Party zu Neujahr. Das sind unsere festen Party-Termine. Was darüber hinaus noch privat gebucht wird, ist noch nicht absehbar. Ich schätze, dass noch ungefähr acht bis zehn private Partys dazukommen, wenn nicht sogar mehr. Unser Hotel ist mit seiner Ausstattung, der Lage und nicht zuletzt durch unseren Ruf sehr beliebt.“ Sabrina sah auf die Uhr. „Wenn du keine weiteren Fragen an mich hast, würde ich mich gerne verabschieden. Der nächste Termin steht leider an.“

Nachdem sich Leo und Anna verabschiedet hatten, atmete Leo tief durch.

„Ganz ehrlich, Anna: Findest du das normal hier, oder bin ich einfach schon zu alt, um das alles zu verstehen?“

„Nein, bist du nicht, Leo. Das ist nur eine andere Welt.“

„Nachdem wir jetzt wissen, dass noch Leute mit dem Boot da waren, müssen wir herausbekommen, wer zur fraglichen Zeit mit seinem Boot angelegt hat.“

Sie telefonierten mit dem zuständigen Leiter der Hafenbehörde und der versprach den beiden, so schnell wie möglich eine Liste der Boote in der betreffenden Zeit zusammenzustellen und ihnen diese nach Ulm zu faxen. Da sich alle Boote registrieren lassen müssen, würde das relativ schnell gehen.

Leo und Anna verschafften sich einen Überblick über die Örtlichkeiten. Sabrina hatte den Weg sehr gut beschrieben. Nach wenigen Minuten standen sie vor dem Steg, der zu dem Platz führte, wo die Strandpartys stattfanden. Im Sand war eine riesige Tanzfläche aus Holz. Auf dem riesigen Tisch daneben wurde ganz sicher die Musikanlage aufgebaut. An drei Stellen befanden sich verschiedene Bars, die jeweils locker fünfzig Personen Platz boten. Überall dazwischen standen abgedeckte Strandkörbe.

„Der Platz ist sehr schön. Von hier aus kann man direkt zum Strand gehen,“ rief Anna begeistert. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, hier zu feiern. Sieh dich um! Hier stört man niemanden.“

Sie besahen sich den Partyplatz und das Hotel von allen Seiten. Sie gingen den Strand ab und nahmen auch die Straße vor dem Hotel unter die Lupe. Anna machte mit ihrem Smartphone jede Menge Bilder.

Dann war es Zeit, ein Taxi zu rufen und zum Flughafen zu fahren. Der wenige Schlaf, die frische Luft und die Aufregung weckten in Leo die Hoffnung, dass er vielleicht während des Fluges etwas schlafen konnte. Sobald er im Flugzeug saß, ging es ihm wieder schlecht und die Müdigkeit war verflogen. Panik stieg in ihm auf, als das Flugzeug abhob.

5.

Der Rückflug war sehr ruhig. Anna schlief, während Leo angeschnallt und ohne sich zu bewegen auf seinem Sitz saß. Zitternd und erleichtert stieg Leo in München aus dem Flugzeug und war stolz auf sich: Auch diesen Flug hatte er überlebt.

Leo und Anna fuhren direkt ins Büro. Es war in Sylt schneller gegangen, als sie gedacht hatten. Am Flughafen Sylt mussten sie nur wenige Minuten warten, bis ihr Flugzeug startete und sie waren daher gegen 16.00 Uhr bereits wieder in Ulm. Obwohl sie beide müde und erschöpft waren, kam es nicht in Frage, jetzt schon Feierabend zu machen. Sie waren gespannt darauf, ob sich in der Zwischenzeit irgendetwas Neues ergeben hatte. Auch waren sie neugierig, wer alles auf der Liste der Hafenbehörde Sylt aufgeführt war und mit seinem Boot dort zur fraglichen Zeit angelegt hatte. Sie waren nur noch wenige Minuten vom Präsidium entfernt, als Leos Handy klingelte. Es war Stefan Feldmann.

„Hallo Leo. Ich bin hier in dem abgesperrten Areal auf der Schwäbischen Alb, wo wir den Toten gefunden haben. Wir versuchen, hier unsere Arbeit zu machen. Hier ist eine Frau von Kellberg, die unbedingt mit einem Medium das Areal betreten möchte. Ich gebe auf keinen Fall mein Okay dafür. Bitte klär das so schnell wie möglich ab.“

„Willst du mich verarschen?“

„Keineswegs, ich verstehe das auch nicht. Diese Frau von Kellberg macht keine Probleme, die steht am Rand. Aber dieses Medium will auf das abgesperrte Gelände. Mir ist egal, wer das ist. Keiner betritt das Gelände ohne, dass du das persönlich abgesegnet hast.“

Leo hörte deutlich Stefans Verärgerung, die er durchaus nachvollziehen konnte. Was sollte das?

„Alles klar. Ich komm so schnell wie möglich.“

„Beeile dich, bevor ich gegenüber den Damen ausfällig werde. Lange kann ich mich nicht mehr zurückhalten.“

Leo bremste den Wagen und lenkte ihn in eine andere Richtung.

„Das war eben Stefan, wir haben ein Problem auf der Schwäbischen Alb. Frau von Kellberg und ein Medium möchten auf das abgesperrte Areal.“

„Ein was?“, fragte Anna ungläubig.

„Ein Medium. Ich bin mir auch nicht sicher, was das zu bedeuten hat. Auf jeden Fall ist Frau von Kellberg vor Ort. Wenn das so ein Psychoquatsch ist, mit dem das Fernsehen vollgestopft ist, dann kann das lustig werden.“ Leo war enttäuscht und verärgert, denn er hielt Frau von Kellberg für eine vernünftige Frau. Er musste umgehend herausfinden, was das zu bedeuten hatte.

Kurze Zeit später parkten die beiden den Wagen und machten sich auf zum Fundort der Leiche. Sie mussten sich beeilen, denn die Zeit und somit die Dunkelheit saßen ihnen im Nacken. Anna hatte die falschen Schuhe an. Sie hätte nicht die hochhackigen Stiefel anziehen sollen! Sie schimpfte ständig vor sich hin, wollte es sich aber nicht nehmen lassen, Leo zu begleiten. Er hatte sie mehrmals aufgefordert, auf ihn am Wagen zu warten, die Strecke war mit vernünftigen Schuhen schon schlecht zu gehen. Leo war sauer und Anna neugierig, sodass die beiden die Strecke trotz der Umstände in 40 Minuten schafften.

Schon von weitem konnten sie mehrere Personen ausmachen, die heftig miteinander diskutierten. Leo erkannte Stefan, der wild mit den Händen gestikulierte. Er war 1,75 Meter groß, die wilden schwarzen, kurzen Locken umrahmten sein hübsches Gesicht. Leo kannte ihn schon, seitdem er in Ulm war, und das waren gut vier Jahre. Er schätzte seinen Kollegen sehr und wusste, dass es nicht mehr lange dauerte, bis ihm der Geduldsfaden riss. Neben Stefan stand Frau von Kellberg, die dritte Person musste das „Medium“ sein, was auch zu der chaotischen Kleidung passen würde. Es handelte sich bei der Frau um eine kleine, rundliche Person Mitte 60 mit weißen, langen Haaren, in denen ein langes, rotes Tuch eingebunden war, das fast bis zum Boden reichte. Sie trug ein langes, weißes Kleid und eine riesige Kette mit roten Glaskugeln. Leo war zwar kein Schmuckkenner, aber bei dieser Größe musste es sich um Glas handeln. Wenn diese Steine echt gewesen wären, hätte „das Medium“ ein paar Security-Leute gebraucht. Abseits des Geschehens waren vier Polizisten der Spurensicherung bei der Arbeit, sahen aber immer wieder interessiert zu den Diskutierenden. Mittlerweile war es 17.45 Uhr.

„Guten Abend, Frau von Kellberg. Können Sie mir bitte erklären, was hier vor sich geht?“ Leo war außer Atem und stinksauer. Er nickte Stefan nur kurz zu, der sehr erleichtert war, dass er endlich hier war.

„Guten Abend, Herr Schwartz. Bitte entschuldigen Sie, aber das hier ist wirklich sehr wichtig für mich. Ich arbeite schon seit einiger Zeit mit Madame Esmeralda zusammen. Sie ist ein Medium und verfügt über Fähigkeiten, die über die normale Vorstellungskraft hinausgehen. Wir wollen den Fundort der Leiche meines Sohnes abgehen, aber dieser Polizist hindert uns daran.“ Frau von Kellberg war sehr aufgebracht und Leo versuchte, ihr die Situation zu erklären.

„Selbstverständlich hindert er sie daran. Er hat den Auftrag, das Gelände nicht nur abzusuchen und eventuelle Spuren zu sichern, sondern auch Unbefugte daran zu hindern, das abgesperrte Areal zu betreten. Er muss Unbefugte davon abhalten, dass Spuren durch deren Aufenthalt vernichtet werden oder Spuren dazukommen, die uns nur unnötig aufhalten.“

Erschrocken sahen sich Frau von Kellberg und Madame Esmeralda an, daran hatten sie nicht gedacht.

„Wir müssen trotzdem darauf bestehen, dass Madame das Gelände abgeht. Nur dadurch kann sie Kontakt zu meinem Sohn aufnehmen und irgendetwas wahrnehmen, das uns zum Mörder von Maximilian führt. Je frischer die Spuren sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Madame etwas wahrnehmen kann.“ Sie sah zu Madame Esmeralda, die heftig nickte. „Ich möchte nur, dass Madame das Gelände abgeht. Wir machen nichts kaputt und nehmen auch nichts mit. Sie können selbstverständlich das Ganze überwachen,“ sagte Frau von Kellberg völlig verzweifelt.

Leo runzelte die Stirn. Das war genau das, was er erwartet hatte. Irgendetwas Übersinnliches, an das er sowieso nicht glaubte. Er sah aber auch die Verzweiflung in Frau von Kellbergs Augen und wandte sich Stefan zu.

„Welches Gebiet habt ihr schon fertig?“

„Von hier vorn bis zum Fundort der Leiche, bis rüber zu der Baumreihe,“ zeigte er mit dem Finger.

„Wenn Ihnen das Stück ausreicht, das mein Kollege gerade gezeigt hat, dann können Sie loslegen, Frau Esmeralda.“

Stefan war zwar nicht begeistert, aber er war auch neugierig, was dieses Medium jetzt wohl vorhatte. Er setzte sich zu seiner Freundin Anna, die sich völlig außer Atem auf einen dicken Ast gesetzt hatte. Beide warteten gespannt darauf, welches Schauspiel ihnen jetzt geboten wurde.

Frau von Kellberg strahlte Leo erleichtert an. Madame, die bisher kein einziges Wort gesagt hatte, sagte mit ihrer dunklen, rauen Stimme „Vielen Dank“.

Madame ging langsam über das Gelände, breitete dabei die Arme aus, wobei die Handflächen nach oben zeigten. Sie hatte die Augen geschlossen und den Kopf gen Himmel gerichtet. Trotzdem ging sie kreisförmig um den Fundort und zog dabei den Kreis immer enger. Leo war sich sicher, dass Madame mit den geschlossenen Augen schummelte, denn sie ging so zielstrebig und schloss den Kreis so exakt enger, was mit geschlossenen Augen niemals möglich gewesen wäre. Frau von Kellberg, die neben Leo stand, zitterte vor Aufregung. Anna, Stefan und die vier Polizisten sahen dem Ganzen sehr interessiert zu und Leo konnte sehen, wie sie die Köpfe zusammensteckten, sich unterhielten und zu Madame sahen. Alle schienen von diesem Medium nicht sehr überzeugt und einige machten sich lustig über das ihnen gebotene Schauspiel.

Plötzlich blieb Madame stehen und sackte in sich zusammen. Da sie sich einige Minuten nicht mehr rührte, lief Leo zu ihr und half ihr auf.

„Was ist mit Ihnen, Frau Esmeralda? Geht es Ihnen nicht gut?“

Völlig erschöpft antwortete diese:

„Das war zu viel für mich, ich muss mich ausruhen. Bitte bringen Sie mich weg von diesem Ort.“

Na bravo, dachte Leo. Erst kommt sie ungebeten hierher und dann darf ich auch noch helfen, sie wegzubringen. Da es eh schon spät war, machten sich alle gemeinsam auf den Weg zurück zum Parkplatz. Madame, die sich als ziemlich dick und unsportlich erwies, was ihre weite Kleidung weitgehend verdeckt hatte, keuchte und war knallrot im Gesicht. Frau von Kellberg hielt sich ganz wacker. Sie lief immer in unmittelbarer Nähe von Madame, um vielleicht eine Information von Ihr zu bekommen. Leo war klar, dass sie so, wie sie keuchte, kein Wort rausbekommen würde. Annas Schuhe waren völlig ruiniert und auch die teuren Strümpfe hatten Löcher und Risse. Sie war sauer und mit ihren Kräften am Ende, aber zum Glück war Stefan bei ihr und stütze sie. Trotz ihres Zustandes konnte er es sich nicht verkneifen, sich fortwährend über unpraktische und augenscheinlich unbequeme Schuhe von Frauen lustig zu machen.

Nach über einer Stunde waren sie endlich am Parkplatz angekommen und dort setzten sie sich auf eine für Besucher installierte Bank, die bei schönem Wetter einen gigantischen Blick ermöglichte. Inzwischen war es 19.30 Uhr und dunkel geworden, die Aussicht konnten sie nur noch erahnen. Die letzten Meter hatten sie mit Hilfe von Taschenlampen zurücklegen müssen, die Stefan und seine Männer zum Glück dabei hatten. Frau von Kellberg hatte in ihrem Wagen einige Wasserflaschen, die sie den anderen anbot. Madame trank gierig, erholte sich zusehends und atmete nach endlos langen Minuten endlich wieder etwas flacher, wobei ihr knallroter Kopf zwischenzeitlich zu platzen drohte.

„Bitte Madame,“ flehte Frau von Kellberg sie an, „so sagen Sie doch endlich, was Sie gesehen haben.“

Leo, Stefan, Anna und die anderen Polizisten hatten einen Halbkreis gebildet und starrten Madame an. Sie waren wahnsinnig gespannt auf das, was jetzt kommen würde. Es war totenstill, keiner wollte auch nur ein Wort verpassen, denn darauf hatten sie nun lange genug gewartet.

„Schreckliche Dinge habe ich gesehen,“ begann Madame mit einem jämmerlichen Ton, „schreckliche Dinge. Ich bin noch völlig erledigt. An diesem Ort sind Dinge passiert, die ich mir nicht einmal vorstellen kann. Ich habe Blut gesehen, viel Blut. Und viele junge Menschen, die ein Fest feiern. Dazu viel Alkohol, Aggressivität, Streit, ….. ich muss mich erst einmal beruhigen. Bitte bringen Sie mich weg von hier.“

„Ja natürlich Madame. Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie mit meiner Neugier überfallen habe, aber ich konnte nicht anders. Wir fahren ins Hotel und dort ruhen Sie sich aus,“ sprach Frau von Kellberg. Sie nickte Leo, Anna und Stefan zu, hakte Madame bei sich ein und die beiden liefen zu dem teuren, goldfarbenen Sportwagen. Frau Esmeralda brauchte ein paar Minuten, bis sie in dem Wagen Platz genommen hatte, denn der war sehr tief und für eine Frau mit ihrem Umfang überaus ungeeignet.

Die Umstehenden starrten den beiden hinterher und sahen sich ungläubig an. Und schließlich lachten die Polizisten und auch Stefan laut los.

„Was soll das denn jetzt gewesen sein?“, fragte Anna, der wegen ihrer Schuhe das Lachen vergangen war. „Die veräppelt uns doch.“

„Na klar tut sie das,“ sagte Leo verärgert, „das war völlige Zeitverschwendung. Solche Leute nutzen doch nur die Hilflosigkeit und die Angst von verzweifelten Menschen aus. Ich könnte kotzen.“ Er ging zu seinem Wagen und musste erst einmal tief durchatmen und versuchte, sich zu beruhigen. Was war nur in Frau von Kellberg gefahren, dass sie diesem Unfug Glauben schenkte?

Anna hörte Leo nicht oft so reden und wusste, dass er jetzt nicht mehr ansprechbar war. Er war nicht nur verärgert, sondern stinksauer. Anna war überzeugt davon, dass es tatsächlich Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten gab, aber sie wollte mit Leo jetzt nicht darüber diskutieren. Diese Esmeralda war eindeutig eine Hochstaplerin, die es leider in Massen gab.

„Für heute ist für alle Feierabend. Morgen ist auch noch ein Tag,“ entschied Leo. Das Büro musste warten, für heute hatte er genug. Allen waren die Strapazen anzusehen. Vor allem Anna kam es sehr entgegen, dass sie nach Hause fahren und sich umziehen konnte. So, wie sie aussah, konnte sie sich nirgends blicken lassen, vor allem nicht im Büro. Sie wäre das Gespött der Kollegen.

Nach einem kurzen Stopp bei einer Fast-Food-Kette fuhr Leo in sein Appartement. Er setzte sich vor den Fernseher. Er musste sich dringend ablenken, so sehr hatte er sich über dieses Medium aufgeregt. Er zappte durch einige Programme, denn ein Programmheft besaß er nicht. Er stellte zu seiner Freude fest, dass auf einem Programm eben erst ein Tierfilm angefangen hatte; er liebte diese Filme. Er holte sich ein Bier zu seinen Hamburgern und Muffins und ließ sich berieseln. Er hatte an diesem Tag sehr viel erlebt und wollte jetzt auf keinen Fall darüber nachdenken, sondern nur noch seinen Feierabend genießen und zur Ruhe kommen. Nachdem er gegessen hatte, schlief er auf der Couch ein.

6.

Am nächsten Tag waren Leo und Anna pünktlich im Büro. Es klopfte, die Tür ging auf und eine junge Kollegin wedelte mit einem Stück Papier in der Hand. „Ist eben reingekommen!“, rief sie, knallte das Papier auf Leos Schreibtisch und war auch schon wieder draußen. Leo las das Fax und Anna sah ihn fragend an.

„Die Polizei in Hamburg hat unsere Suchmeldung von Maximilian von Kellberg erhalten. Sie haben einige Gemeinsamkeiten bei einer Suche ihrerseits nach einer jungen Frau festgestellt. Dabei handelt es sich um eine gewisse Nadine Siebert, 22 Jahre, die ebenfalls seit dem 14. Juni vermisst wird. Und auch sie war im Urlaub auf Sylt, sie war im gleichen Hotel abgestiegen.“

„Das kann kein Zufall sein,“ rief Anna, sprang auf und nahm Leo das Fax aus der Hand, um sich selbst von dessen Inhalt zu überzeugen.

„Das ist mit Sicherheit kein Zufall, ich rufe den Kollegen in Hamburg sofort an.“

Leo wählte die Nummer mit der Durchwahl, die auf dem Fax stand, und landete direkt bei dem zuständigen Beamten Viktor Weinmann.

„Hallo Herr Weinmann, hier Leo Schwartz, Polizei Ulm. Ich habe eben Ihr Fax bekommen und bin sehr erstaunt über gewisse Gemeinsamkeiten in unserem Fall Maximilian von Kellberg und Ihrem Fall Nadine Siebert.“

„Moin Kollege Schwartz, ich dachte mir, dass Sie das interessiert. Ich habe Ihre Vermisstenmeldung erst nach dem Wochenende gelesen und da ich den Fall Siebert bearbeite, sind mir die Gemeinsamkeiten sofort aufgefallen. So wie ich das sehe, sind die beiden eventuell gemeinsam verschwunden. Wir sind bisher davon ausgegangen, besser gesagt haben darauf gehofft, dass Nadine Siebert irgendwann wieder auftaucht. Nachdem Sie jetzt einen Todesfall haben, der sehr wahrscheinlich mit dem Verschwinden von Nadine zusammenhängt, müssen wir von dem Schlimmsten ausgehen,“ sagte Viktor Weinmann, der auf Leo einen sehr ruhigen Eindruck machte.

„Das ist zu befürchten. Ich hätte gerne alle Informationen über den Fall Siebert. Vielleicht finde ich eine Spur, die uns weiterbringt. Wenn ich ehrlich bin, haben wir nicht viel. Für jeden noch so kleinen Hinweis wären wir dankbar.“

„Gerne. Ich lasse Ihnen die Unterlagen per Fax zukommen und wünsche Ihnen viel Glück. Wenn Sie Fragen haben, zögern Sie nicht, mich anzurufen.“

„Vielen Dank, Herr Weinmann. Sie bekommen im Gegenzug das, was wir bis jetzt im Fall von Kellberg haben. Dann werden Sie sehen, was wir für Schwierigkeiten haben. Vielleicht fällt Ihnen dazu was ein.“

Kurze Zeit später klopfte es an der Tür, die junge Kollegin kam wieder ohne Aufforderung ins Zimmer, rief: „Ist eben für Sie reingekommen“ und war auch schon wieder draußen.

„Wer ist das eigentlich?“ Leo zeigte auf die geschlossene Zimmertür.

„Das ist unsere neue Kollegin aus der Telefonzentrale, ich kenne ihren Namen nicht. Du musst zugeben, dass sie ein wahnsinniges Tempo hat.“

„Allerdings,“ lachte Leo und fing an, die Unterlagen des Hamburger Kollegen Weinmann zu studieren. Hierin gab es nichts, was sie im Fall von Kellberg weiterbrachte. Er besah sich das beigefügte Foto, das eine junge, hübsche Frau mit fröhlichem Gesicht zeigte. Obwohl das Foto per Fax kam, war die Qualität überraschend gut.

„Wir schicken das Foto an die Polizei Passau. Albert Steinberger soll es den Freunden und den Eltern von Maximilian zeigen.“

„Werde ich gleich veranlassen,“ sagte Anna und machte sich sofort an die Arbeit. Leo fiel ein, dass sich Frau von Kellberg noch in der Stadt aufhalten könnte, und zog sich eine Kopie des Fotos, um es ihr persönlich zu zeigen. Bei der Gelegenheit konnte er auch noch über den gestrigen Abend und über das Medium mit ihr sprechen. Er telefonierte mit dem teuersten Hotel in Ulm und hatte auf Anhieb Glück. Frau von Kellberg war dort abgestiegen und befand sich noch im Haus.

„Soll ich Sie mit Frau von Kellbergs Suite verbinden, Herr Schwartz?“

„Nein danke. Es reicht, wenn Sie ihr eine Nachricht zukommen lassen, dass ich sie sprechen möchte. Ich mache mich umgehend auf den Weg.“

Leo betrat 20 Minuten später die Suite von Frau von Kellberg, die ihn schon ungeduldig erwartete.

„Mir wurde gesagt, dass Sie mich sprechen möchten? Haben Sie Neuigkeiten meinen Sohn betreffend?“

Leo war eigentlich immer noch verärgert über die gestrige Geschichte mit diesem albernen Medium. Als er Frau von Kellberg ansah und die Verzweiflung und die Trauer in ihren Augen bemerkte, erschrak er. Seit gestern schien sie um Jahre gealtert. Sofort verschwanden sein Ärger und seine Enttäuschung und am liebsten hätte er sie in die Arme genommen und sie getröstet.

„Wir haben tatsächlich etwas. Es ist zwar eine kleine Spur, aber man kann ja nie wissen. Ich habe von der Polizei in Hamburg eine Suchmeldung von einem jungen Mädchen erhalten, das zur gleichen Zeit und am gleichen Ort verschwunden ist wie Maximilian.“ Leo zog das Foto aus der Tasche. „Es handelt sich um dieses Mädchen. Ihr Name ist Nadine Siebert, 22 Jahre. Würden Sie sich das Foto ansehen?“

Mit zittrigen Händen betrachtete Frau von Kellberg das Foto und schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Es tut mir leid, ich kenne das Mädchen nicht. Maximilian war bei Mädchen sehr beliebt, sie kamen und gingen, er wollte sich noch nicht festlegen. Sie sagten, sie ist verschwunden?“

„Ja, die Hamburger Polizei sucht seit dem 14. Juni nach ihr.“

„Du lieber Gott! Was ist auf Sylt nur passiert? Denken Sie, sie ist ebenfalls ermordet worden?“

„Das weiß ich nicht.“ Leo behielt seine Befürchtungen für sich.

„Darf ich das Foto behalten? Das Mädchen ist wahrscheinlich die Person, die Maximilian zuletzt lebend gesehen hat.“

„Sicher, behalten Sie es“ Frau von Kellbergs Trauer schnürte ihm fast die Kehle zu. Was musste diese Frau für Qualen ertragen.

„Frau von Kellberg,“ sagte Leo mit ruhiger Stimme. „Sind Sie in der Lage, mir noch ein paar Fragen zu beantworten?“

„Ja natürlich, entschuldigen Sie bitte, ich habe mich gehen lassen.“ Sie schnäuzte kaum hörbar in ein Taschentuch.

„Was hat Ihnen Frau Esmeralda berichtet? Hat sie etwas herausgefunden, das uns helfen könnte?“

Frau von Kellberg schüttelte den Kopf.

„Ich muss mich bei Ihnen für die Unannehmlichkeiten entschuldigen, Herr Schwartz. Sie müssen mich ja für eine komplette Idiotin halten und ich schäme mich sehr für das, was gestern passiert ist. Nachdem ich mich gestern Abend ausführlich mit Madame unterhalten habe und sie sich in immer wildere Aussagen verstrickte, musste ich sie entlassen. Mein Vertrauen zu ihr ist erschüttert und ich lege keinen großen Wert mehr darauf, ihre Dienste weiter in Anspruch zu nehmen.“

Sie machte eine kurze Pause, und Leo gewährte ihr diese, denn er spürte, dass ihr das Sprechen sehr schwerfiel.

„Ich halte mich zwar für eine realistisch denkende Frau, glaube aber trotzdem an Übernatürliches. Es gibt Dinge auf der Welt, die man sich nicht erklären kann und ich finde, man muss nicht immer für alles Erklärungen finden. Solange einem geholfen wird, ist die Quelle dafür doch völlig gleichgültig. Ja, Madame Esmeralda ist eine Hochstaplerin und besitzt nicht die Fähigkeiten, die sie vorgibt zu haben. Sie hat mir während der Zeit der Hoffnung und Verzweiflung ihre Dienste angeboten und ich habe diese gerne in Anspruch genommen. Ich muss zugeben, dass sie mir trotz manchem Blödsinn, den sie mir erzählt hat, doch sehr geholfen hat, denn mit ihr konnte ich immer über Maximilian und dessen Verschwinden sprechen. Dank ihrer Unterstützung habe ich nie die Hoffnung aufgegeben. Können Sie sich vorstellen, dass man als Mutter vor Sorge verrückt werden kann? Es gab Zeiten, da war ich kurz davor, durchzudrehen. Madame Esmeralda war an meiner Seite und gab mir Kraft. Oft hat sie mich zum Lachen und auf andere Gedanken gebracht. Ja, ohne Madame wäre es mir in der ganzen Zeit sehr viel schlechter gegangen. Aber gestern ist sie übers Ziel hinausgeschossen. Ich habe ihr vertraut, als sie mir versicherte, den Mörder Maximilians spüren zu können. Was war ich nur für eine gutgläubige, dumme Gans. Ich habe Madame nicht über Einzelheiten aufgeklärt. Ich wollte sie unbefangen gewähren lassen und war mir sicher, dass sie einen wichtigen Hinweis geben könnte, wenn sie ihre Fähigkeiten voll einsetzen kann. Nach ihrem Auftritt war ich voller Hoffnung und dachte, sie könnte tatsächlich etwas gesehen haben, denn endlich hatten wir ja etwas Greifbares, und zwar den Fundort. Aber leider war das alles nur großes Theater. Als wir gestern miteinander sprachen, habe ich erkannt, dass Madame nichts kann und mich nur zum Narren gehalten hat. Wissen Sie, Herr Schwartz, ich bin zwar verzweifelt, aber nicht verblödet. Und ich habe auch nicht übersehen, dass Sie und Ihre Kollegen kein Wort geglaubt haben und nicht erfreut über unseren Besuch waren. Es tut mir wirklich wahnsinnig leid und ich habe ein richtig schlechtes Gewissen wegen dieser Geschichte, aber ich musste es einfach versuchen. Bitte versuchen Sie, mich zu verstehen. Ich hoffe, ich kann das irgendwie wieder gut machen.“

Leo fiel ein Stein vom Herzen. Er sah Frau von Kellberg jetzt in einem anderen Licht und bewunderte sie für ihre Offenheit.

„Ja, es stimmt, ich war nicht begeistert. Ich bin nun mal Realist und glaube nicht an Übersinnliches. Ich möchte den Glauben daran nicht verurteilen, das muss jeder für sich selbst ausmachen. Und Sie brauchen sich nicht bei mir entschuldigen. Ich kann verstehen, dass Sie in Ihrer Lage alle Möglichkeiten ausschöpfen, mögen die auch noch so kurios sein. Ich nehme mir nicht heraus, über Sie zu urteilen und Sie brauchen das auch nicht wieder gut zu machen. Vergessen wir das Ganze einfach, okay?“

„Sie sind ein sehr netter Mensch, Herr Schwartz, ich danke Ihnen.“

„Ich verspreche Ihnen, dass ich alles daran setzen werde, die Umstände des Todes Ihres Sohnes aufzuklären und seinen Mörder zu finden.“

Leo musste zugeben, dass ihn Frau von Kellberg immer mehr faszinierte. Schon von Anfang an hatte er bemerkt, dass diese Frau etwas an sich hatte, was ihn anzog. Aber er konnte sich nicht erklären, was das war. Ihre Ausstrahlung, wie sie sich bewegte, wie sie sprach und auch ihr Blick zogen ihn an. Ja, er bewunderte diese Frau und er nahm sich vor, dass er alles, was in seiner Macht stand, tun würde, um diesen Fall aufzuklären. Nicht nur, weil es sein Job war, sondern vor allem wegen dieser unglaublichen Frau.

7.

„Was ist eigentlich mit der Hafenbehörde Sylt? Wo bleibt denn die Liste der Bootsanleger?“, fragte Leo ärgerlich, als er nach einigen Tagen immer noch nichts gehört oder gesehen hatte. „Der Mann hatte doch versprochen, dass er das umgehend erledigen würde.“

„Ich habe schon mehrmals nachgefragt, wobei mir immer versprochen wurde, dass man sich umgehend um diese Liste kümmern würde. Ich rufe gleich noch mal an und mache Druck,“ sagte Anna und wählte die Nummer der Hafenbehörde. Anna sprach mit dem zuständigen Mitarbeiter und Leo bemerkte, dass sie sich ärgerte. Er hörte sie sagen: „Ich gebe Ihnen meinen Vorgesetzten,“ und gab Leo ihren Telefonhörer.

„Leo Schwartz hier. Haben wir beide miteinander gesprochen?“

„Richtig. Es geht um die Liste mit Booten vom Juni dieses Jahres. Wie ich eben Ihrer Kollegin bereits versucht habe zu erklären, gibt es Schwierigkeiten mit dieser Liste. Ich kann Ihnen leider keine vollständige Liste zukommen lassen,“ sagte der Beamte.

„Was soll das heißen? Natürlich übersenden Sie uns eine vollständige Liste, und zwar umgehend. Wenn nicht, bekommen Sie ein Disziplinarverfahren an den Hals wegen Behinderung von Polizeiarbeit. Haben Sie mich verstanden?“ Leo war sehr ungehalten. Was sollte das?

„Ja, ich habe Sie verstanden, aber Sie müssen auch mich verstehen. Ich habe eine Person auf der Liste, deren Namen ich Ihnen offiziell nicht nennen darf. Es handelt sich dabei um einen hohen Politiker. Dessen Büro hat mir mehrmals ausdrücklich verboten, den Namen weiterzugeben und hat mit Konsequenzen gedroht. Mein Vorgesetzter ist im Urlaub, ich kann das unmöglich selbst entscheiden. Ich brauche mehr Zeit, geben Sie mir noch eine Woche.“

Leo verstand. Der Mann wurde unter Druck gesetzt.

„Hören Sie. Ich verstehe Ihre Bedenken. Am besten, ich spreche mit meinem Vorgesetzten, wie wir vorgehen. Ich melde mich wieder bei Ihnen.“

Leo legte auf und sagte zu Anna: “Ich geh zum Chef und klär das ab.“

Er wurde gleich vorgelassen und schilderte dem neuen Vorgesetzten Michael Zeitler den Fall. Der nickte und sagte: „Das wollen wir doch mal sehen.“ Er wählte die Telefonnummer, die Leo ihm vorlegte und verlangte die Person, die auf dem Zettel stand. Es wurde nicht viel aber laut gesprochen. Zeitler machte dem Mann klar, dass er die Liste umgehend und vollständig zu übersenden hatte und dafür die volle Verantwortung übernahm. Sollte es Probleme geben, solle er an ihn verweisen. Zeitler legte auf und sagte knapp: „Geht in Ordnung, die Liste ist unterwegs, und zwar komplett. Das wird dem Herrn Politiker nicht schmecken, aber das ist mir egal. Hier handelt es sich um eine Mordermittlung.“

Leo war von Zeitler beeindruckt. Das Ganze ging kurz und schmerzlos. Er kannte seinen neuen Vorgesetzten noch nicht näher und musste zugeben, dass der sich eben nochmals einen dicken Pluspunkt bei ihm geholt hatte. Dieser Zeitler ließ sich nichts gefallen und handelte umgehend, das mochte er.

Tatsächlich traf die Liste eine halbe Stunde später per Fax ein und Leo war erstaunt über den Umfang der Liste. Er war sich nicht bewusst darüber, dass so viele Leute ein Boot oder besser gesagt eine Yacht besaßen, denn die kosteten bekanntlich ein Vermögen. Er machte sich mit Anna an die Arbeit. Sie riefen die Besitzer der Boote an, mailten Fotos, bekamen wiederum Listen mit Namen und Adressen von Personen, die mit an Bord waren. Personen von sieben Booten waren definitiv bei Veranstaltungen von Hotels in Sylt, zwei Boote bei der Strandparty, um die es ging. Drei weitere Boote waren zum fraglichen Zeitpunkt vor Ort, die laut Aussagen der Besitzer lediglich an Bord feierten, ohne an Land gegangen zu sein.

Zur Befragung der Personen aller Boote, besonders der beiden Boote, die bei der Strandparty dabei waren, informierte Leo die betreffenden Polizeidienststellen mit der Bitte, die Befragungen vorzunehmen. Er bat auch darum, Angaben und eventuelle Alibis zu überprüfen und ihm die Aussagen und Ergebnisse umgehend zukommen zu lassen. Das Boot vom Herrn Politiker jedoch wollte er sich selber vornehmen. Leo bat abermals um ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten Zeitler, was er als nicht sehr einfach einschätzte, denn sein Anliegen war außergewöhnlich und sprengte den Rahmen seiner sonstigen Arbeit. Michael Zeitler war 56 Jahre alt, 1,65 Meter groß und ziemlich kräftig. Die wenigen Haare, die er noch hatte, waren kaum sichtbar, da sie die gleiche Farbe hatten wie die Kopfhaut und sich deshalb kaum davon abhoben. Zeitler war bisher immer ziemlich kurz angebunden und teilweise kam er ihm auch mürrisch vor. Seit er diesen Fall bearbeitete, hatte ihn Zeitler jedoch mehrfach überrascht. Aber jetzt musste er seinen Besuch in Köln und der damit verbundenen Befragung des Abgeordneten genehmigen lassen und war auf die Reaktion gespannt.

„Herr Zeitler,“ begann Leo, „wir würden die Befragung des Abgeordneten Bernhard Meyer gerne selbst vornehmen. Der Abgeordnete ist in Köln und das sind nur fünf Autostunden, und da wir…“. Weiter kam Leo nicht, da Michael Zeitler abwinkte und somit Leos Redefluss unterbrach.

„Mir ist schon klar, dass Sie das selbst übernehmen wollen. Ich muss das aber erst mit den Kölner Kollegen abklären und gebe Ihnen Bescheid. Geben Sie mir ein paar Minuten.“

Kaum im Büro zurück, bekam Leo die Nachricht, dass die Kölner Polizei grünes Licht gab. Jedoch nur unter der Voraussetzung, dass sie mit einem dortigen Kollegen zusammenarbeiteten. Leo ging das zwar gewaltig gegen den Strich, aber er musste das wohl hinnehmen. Er notierte den Namen des Kollegen und bedankte sich.

Nach einigen Querelen und mit Druck bekam Leo einen Termin im Büro des Abgeordneten Meyer am nächsten Tag um 15.00 Uhr und sandte ein entsprechendes Fax an die Polizei Köln.

Inzwischen war im Büro bezüglich der Boote eine Flut von Aussagen und Ermittlungsergebnisse per Fax und E-Mail eingetroffen. Leo und Anna einigten sich darauf, dass Leo allein nach Köln fuhr und Anna sich um die Bearbeitung der Unterlagen kümmerte, denn schließlich bekam er ja in Köln die Hilfe eines dortigen Kollegen und war somit nicht auf sich allein gestellt.

Leo machte sich gegen Mittag auf den Weg und erreichte mit einem brandneuen und mit allem Komfort ausgestatteten Fahrzeug die Polizei Köln. Es überraschte ihn, dass er einen neuen Wagen bekam, denn der Fuhrpark der Polizei Ulm bestand zum größten Teil nur aus älteren Fahrzeugen, von denen das jüngste mindestens zehn Jahre auf dem Buckel hatte. Er konnte nicht wissen, dass Zeitler für den Kölner Einsatz extra einen Wagen organisiert hatte, um sich dort nicht zu blamieren. Wie sähe es denn aus, wenn einer seiner Leute mit einer alten Klapperkiste auftauchte?

Leo genoss nicht nur die Vorzüge des neuen Wagens, sondern bemerkte bei der angenehmen Fahrt, dass Köln eine wirklich schöne Stadt war. Die Bilder der Severin-Brücke und des Kölner Doms kannte er nur aus dem Fernsehen und von Zeitschriften, er selbst war zum ersten Mal hier und war von den Eindrücken überwältigt.

Am Nachmittag betrat Leo die Polizeistation und fragte nach dem Kollegen Georg Obermaier, der mit ihm die Vernehmung des Abgeordneter Meyer durchführen sollte. Er musste einige Minuten warten, bis der Kollege die Eingangshalle betrat. Er war dunkelhäutig, hatte wilde, halblange Locken, war 1,65 Meter groß, schlank und 36 Jahre alt. Der Name Georg Obermaier passte so gar nicht zu seinem Äußeren. Er trug einen dunkelgrauen Anzug, ein weißes Hemd und eine rote Krawatte mit kleinen, gelben Enten drauf, die Leo amüsiert musterte.

Georg Obermaier bemerkte die Blicke auf seine Krawatte und sagte: „Ein Geschenk meiner 11-jährigen Tochter zum Geburtstag.“

Sie mussten beide lachen, stellten sich gegenseitig vor und Leo wusste sofort, dass er mit diesem Mann gut klarkommen würde. Sie gingen nicht in Georgs Büro, sondern in ein Café gleich um die Ecke und bestellten starken, schwarzen Kaffee; laut Aussage von Georg der Beste in Köln und Leo stimmte ihm zu.

„Jetzt erklären Sie mir erst mal, um was es eigentlich geht,“ fragte Georg neugierig. „Ich weiß nur, dass wir morgen Nachmittag einen Termin mit dem Abgeordneten Meyer haben. Ich hätte vorher gerne mehr über die Hintergründe erfahren.“

Leo klärte ihn über den ganzen Fall auf und während er berichtete, wurde er von Georg nicht ein einziges Mal unterbrochen, was ihm sehr gefiel.

„Und jetzt bin ich hier, um mit Ihrer Unterstützung den Abgeordneten zu befragen. Ich habe die Akte des Falles selbstverständlich dabei und Sie können sich die Unterlagen in aller Ruhe durchsehen,“ endete er seinen Bericht.

Georg nickte und nahm die ihm gereichte Mappe entgegen.

„Ich hoffe, Sie wissen, auf was Sie sich hier einlassen. Meyer ist ein sehr unangenehmer Zeitgenosse, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Ich verstehe nicht, warum gerade ich ausgesucht wurde, Ihnen zu helfen.“

Leo verstand nicht. „Wie meinen Sie das?“

„Meyer ist ein Rassist, das weiß hier jeder. Und wie man unschwer erkennen kann, bin ich schwarz. Er würde das in der Öffentlichkeit niemals zugeben, denn da präsentiert er sich gerne als Saubermann.“

„Tut mir leid, ich kenne mich in der Politik nicht aus, das hat mich nie interessiert. Mir sagt auch dieser Politiker nichts. Ich habe keine Ahnung, wer das eigentlich sein soll.“

„Es ist ein Fehler, sich nicht für Politik zu interessieren, denn die Damen und Herren Politiker entscheiden schließlich über unser Leben. Diese Einstellung sollten Sie dringend überdenken, Herr Schwartz. Ich werde Ihnen über Bernhard Meyer Informationen zusammenstellen, man sollte seinem Gegenüber nie unvorbereitet gegenübertreten.“

Leo gab ihm Recht, vielleicht war seine Einstellung auf diesem Gebiet wirklich etwas lasch. Aber er war auch wütend und peinlich berührt, denn er konnte Rassisten nicht ausstehen. Er konnte nicht verstehen, dass manche Menschen zwischen Hautfarben unterschieden, ihm war das völlig egal. Für ihn zählt der Mensch selber, und nicht die Hautfarbe, die Religion, das Einkommen oder der gesellschaftliche Stand. Leo war in dieser Beziehung sehr einfach: entweder, es war ihm jemand sympathisch - oder nicht.

Sie unterhielten sich noch einige Zeit sehr angeregt über alle möglichen Themen und beide genossen das Gespräch. Es war inzwischen spät geworden und Leo fragte nach seinem Hotel.

„Eigentlich wollte ich Sie in das nächstbeste Hotel stecken und ich habe bereits ein Zimmer für Sie reserviert. Aber da Sie mir sehr sympathisch sind, würde ich Ihnen gerne anbieten, bei mir zu wohnen. Ich habe ein großes Haus und meine Familie wohnt, um es einmal vorsichtig auszudrücken, vorübergehend bei meinen Schwiegereltern. Ich würde mich freuen, wenn Sie meine Einladung annehmen würden.“ Georg war wirklich ein netter Kerl und Leo nahm dankend an.

„Aber nur unter der Voraussetzung, dass wir das alberne SIE weglassen.“

Als die beiden in die Einfahrt von Georgs Grundstück außerhalb Kölns fuhren, konnte Leo seinen Augen kaum trauen. Das war kein Haus, sondern eine Villa, umrahmt von einem riesigen Grundstück. Georg bemerkte Leos überraschten und bewundernden Blicke.

„Lass dich von dem Äußeren nicht täuschen. Es ist ein uraltes Haus, das ich von meinen Eltern geerbt habe, und das Unsummen an Unterhalts- und Renovierungskosten verschlingt. Allein die Heizkosten sind ein finanzieller Kraftakt. Das Haus ist schon lange im Familienbesitz und meine Familie war immer mächtig stolz darauf. Die Vorfahren meiner Eltern waren alle Ärzte, nur ich bin aus der Art geschlagen. Meine Eltern waren sehr enttäuscht, als ich nicht Medizin studieren wollte, sondern stattdessen nur Polizist wurde.“

„Kann ich irgendwie verstehen, denn unser Job ist kein Zuckerschlecken. Außerdem ist der Verdienst ziemlich mies.“

Sie gingen ins Haus, das sehr gemütlich und geschmackvoll eingerichtet war. In der großen Küche zauberte Georg ein Essen, das Leo sehr gut schmeckte. Er hatte sogar frisches Gemüse und einen Salat zubereitet. Leo genoss nicht nur das Essen, sondern auch die Gesellschaft.

„Was ist mit deiner Familie? Opfer des Polizeidienstes?“ Leo wusste, wovon er sprach und dachte an das Scheitern seiner eigenen Ehe.

„Richtig. Meine Frau kommt schon seit geraumer Zeit nicht mehr damit zurecht, dass ich zu den unmöglichsten Zeiten bei der Arbeit bin. Sie kommt aus einem behüteten Elternhaus und in ihren Augen ist der Beruf eines Polizisten für einen Familienvater zu gefährlich. Wir haben uns nur noch gestritten. Vor drei Wochen ist sie mit meiner Tochter zu ihren Eltern gefahren, um sich eine Auszeit zu nehmen, was immer das auch sein mag. Ich verstehe das nicht. Es sind doch unsere Probleme, die wir klären müssen. Wie soll das funktionieren, wenn sie nicht da ist? Ich verstehe die Frauen nicht, das ist doch völlig unlogisch. Aber was soll ich machen?“

„Frag nicht mich,“ meinte Leo, „ich kenne mich auf diesem Gebiet überhaupt nicht aus. Ich habe selber schon so viel falsch gemacht, dass ich mich hüten werde, dir irgendwelche klugen Ratschläge zu geben, da halte ich mich lieber raus.“

8.

Nach dem leckeren Frühstück fuhren die beiden ins Präsidium. Georg stellte Informationen über den Abgeordneten Bernhard Meyer zusammen, die Leo nun ausführlich studierte. Demnach war der Abgeordnete Bernhard Meyer 58 Jahre alt, verheiratet, und hatte drei erwachsene Kinder. Auf den Fotos lachte ihm ein korpulenter Mann entgegen, der neben den anderen Personen auf den Fotos durch seine stattliche Erscheinung und der Körpergröße von fast zwei Metern herausragte. Er trug das blonde, kurze Haar gescheitelt. Trotz seines Doppelkinns und den dicken Backen hatte er einen energischen Gesichtsausdruck. Bernhard Meyer hatte einen beeindruckenden Lebenslauf. Er hatte sich aus ärmlichen Verhältnissen aus eigener Kraft hochgearbeitet, was er auch immer wieder und bei jeder Gelegenheit gerne erzählte und was bei seinen Wählern auch gut ankam. Neben seiner kaufmännischen Ausbildung machte er das Abitur nach. Er studierte Politikwissenschaft und Geschichte und schloss mit einer Traumnote ab; das Abschlusszeugnis ließ Meyer gerne in Zeitungen abdrucken. Er wurde schon während seiner Studienzeit, die er selbst finanzieren musste, Mitglied der demokratischen Partei. Nicht zuletzt durch sein Talent, Menschen zu beeindrucken und mitzureißen stieg er stetig die Karriereleiter nach oben, bis er schließlich zu einem sehr angesehenen Bundestagsabgeordneten wurde. Leo war sich sicher, dass Meyer noch nicht am Ziel seiner Wünsche angekommen war.

Gegen 14.30 Uhr betraten Leo und Georg das imposante, sehr moderne Bürogebäude, das schon von weitem wahnsinnig teuer und luxuriös aussah. Es war eines dieser modernen Bürogebäude, in denen nur die wichtigsten und einflussreichsten Personen ein Büro besaßen. Wenn man hier ein Büro sein Eigen nennen konnte, hatte man es wirklich geschafft. Der mit glänzendem Marmor ausgestattete Eingangsbereich war riesig und an jeder Ecke stand ein bewaffneter Mann eines privaten Sicherheitsdienstes.

Leo und Georg mussten die Sicherheitsschleuse passieren und wurden dann von einem Wachmann in den achten Stock begleitet, nachdem die Ausweise der beiden über einen Scanner geschoben und für gut befunden wurden. Natürlich mussten sie ihre Waffen abgeben, was besonders Leo sauer aufstieß. War dieser private Sicherheitsdienst dazu überhaupt berechtigt?

„Jetzt mach schon, Leo. Schließlich liegt das Hausrecht auf Seiten des Dr. Meyer.“

Sie betraten das Vorzimmer des Abgeordneten, in dem sich ebenfalls zwei Wachleute befanden, von denen sie nochmals überprüft wurden. Die beiden mussten sich noch einige Zeit gedulden, bis sie Punkt 15.00 Uhr das Büro betreten durften.

Das Büro war riesig und komplett mit teurem Holz vertäfelt, die Einbauschränke waren raffiniert in die Wand eingelassen. Auf dem dunklen Marmorboden lag vor dem Schreibtisch ein bunter orientalischer Teppich, der mit Sicherheit sehr teuer war. Leo machte einen großen Bogen darum, denn seine Cowboystiefel waren meist schmutzig und er wollte auf keinen Fall das teure Stück berühren. Georg hingegen trat absichtlich darauf. Bernhard Meyer saß hinter einem ausladenden Schreibtisch, der sehr ordentlich und übersichtlich war. Sie begrüßten sich und gingen hinüber zu der schwarzen Ledergarnitur, die so groß war, dass bequem zwanzig Leute Platz fanden. Bernhard Meyer bot den beiden Platz an und setzte sich selbst in einen Sessel ihnen gegenüber.

„Nun bin ich aber gespannt, was Sie von mir wollen. Das muss ja enorm wichtig sein, wenn Sie extra von Ulm kommen, um mit mir zu sprechen,“ begann Meyer mit einer tiefen, klaren Stimme. Leo musste zugeben, dass der Abgeordnete in natura noch beeindruckender war als auf den Fotos.

„Wir haben einen toten jungen Mann und ein vermisstes junges Mädchen.“

Meyer zog die Augenbrauen hoch und sah Leo an. „Und Sie meinen, ich hätte etwas damit zu tun? Sollte ich meine Anwälte einschalten?“

„Ob Sie etwas damit zu tun haben, weiß ich nicht. Sicher ist, dass Sie und die beiden jungen Leute zum Zeitpunkt deren Verschwindens am gleichen Ort waren, und zwar auf Sylt Mitte Juni dieses Jahres.“

Meyers Gesichtszüge entspannten sich. „Ich verstehe. Sie möchten wissen, ob ich die beiden kenne und ob ich etwas gesehen habe.“

Leo zeigte ihm die Fotos der beiden, die Meyer sehr genau ansah.

„Nein, tut mir leid, da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Ich gehöre zu den Menschen, die sich Gesichter gut merken können. Sie können sicher sein, dass ich mich an die beiden erinnern würde, wenn ich ihnen schon einmal begegnet wäre.“

„Was haben Sie auf Sylt gemacht, Herr Meyer?“, wollte Georg Obermaier wissen und Leo bemerkte, dass der Abgeordnete ihn dabei nicht ansah.

„Die korrekte Anrede ist Dr. Meyer. Ich habe Urlaub gemacht. Ich habe einen anstrengenden Wahlkampf vor mir und nutze jede Gelegenheit, mich zu entspannen,“ sagte er an Leo gewandt. „Ich war allein. Außer mir war lediglich die Crew an Bord, die aus sieben Personen besteht. Es waren keine Gäste und auch keine Mitglieder der Familie an Bord. Ich bin auch nicht an Land und somit konnte ich mit keinem anderen Menschen in Kontakt treten. Sie fragen sich sicher, warum ich dann auf Sylt vor Anker ging?“

Tatsächlich wollte Leo gerade das fragen, aber Meyer kam ihm zuvor.

„Ursprünglich wollte ich an Land, habe es mir aber anders überlegt. Ich fühlte mich nicht wohl und habe mich lieber hingelegt.“

Der Abgeordnete stand auf, ging zu seinem Schreibtisch und überreichte Leo einen Zettel.

„Hier ist die Liste meiner Crew-Mitglieder. Wenn Sie keine weiteren Fragen haben, würde ich mich gerne wieder meiner Arbeit zuwenden. Es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen konnte und Sie den weiten Weg von Ulm umsonst auf sich genommen haben.“

Sie verabschiedeten sich und Leo bemerkte, dass er Georg zwar die Hand gab, ihn aber keines Blickes würdigte. Sie verließen das Gebäude und Leo machte sich erst einmal Luft.

„Dieser arrogante Sack. Eins ist sicher: Dr. Meyer hat Dreck am Stecken! Der wusste genau, was wir von ihm wollten und hat sich seine Aussage schon zurecht gelegt. Die gespielte Überraschung hätte ich ihm fast abgenommen, aber nur fast. Er war mir auch zu gut vorbereitet. Meyer zog die Liste seiner Crew-Mitglieder einfach so aus dem Hut, die lag doch nicht zufällig auf seinem Tisch.“

„Ganz deiner Meinung. Entweder er weiß was, oder er steckt mittendrin.“

„Gut. Dann werden wir es diesem schmierigen Typen zeigen, machen wir uns an die Arbeit. Ich glaube, dass ich noch länger deine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen muss, ich bleibe noch.“

Georg und Leo waren aus dem gleichen Holz geschnitzt und ihr Interesse war geweckt. Beide mussten nun unbedingt herausfinden, was der feine Herr Politiker mit ihrem Fall zu tun hatte. Leo informierte seinen Vorgesetzten Zeitler. Er war nicht gerade begeistert, auf Leo verzichten zu müssen. Zeitler sah eigentlich keinen Sinn darin, den Aufenthalt in Köln zu verlängern, überließ aber Leo die Entscheidung.

9.

Die Befragungen der Crew-Mitglieder des Abgeordneten ergab überhaupt nichts, das hatten die beiden erwartet. Die Aussagen glichen sich dermaßen, dass es sehr unwahrscheinlich war, dass sie nicht abgesprochen waren.

„Wir haben noch eine Chance,“ sagte Leo, während sie in einem Café saßen.

„Ich denke, ich weiß, was du meinst,“ erwiderte Georg. „Die anderen Boote?“

„Genau. Meyer hatte behauptet, außer seiner Crew wäre er allein an Bord gewesen. Wenn wir die anderen Bootsbesitzer fragen, ob sie noch weitere Personen gesehen haben? Schließlich ist der Abgeordnete bekannt wie ein bunter Hund. Und wenn ich mir das Foto seiner Yacht anschaue, die ist auch mehr als auffällig.“

„Das machen wir, das ist unsere einzige Chance.“

Leos Handy klingelte, es war Anna.

„Ich habe eben mit Tim Mahler gesprochen, um mit ihm nochmals seine Aussage durchzugehen. Wir hatten doch der Polizei Passau das Foto von Nadine Siebert zukommen lassen mit der Bitte, dass Albert Steinberger den drei Freunden und auch Herrn von Kellberg das Foto zeigt. Das ist jetzt schon vier Tage her. Ich habe nachgehakt und dabei herausgefunden, dass Steinberger den Jungs das Foto noch nicht gezeigt hat. Ich habe Tim Mahler das Foto per E-Mail zugesandt und er sagte, dass ihm das Mädchen bekannt vorkommt. Sie war mit Maximilian am Strand, er ist sich ganz sicher. Außerdem hat er sich daran erinnert, dass er auch einen Mann am Strand gesehen hat. Er kommt morgen her und wir versuchen, ein brauchbares Phantombild des Mannes zu erstellen. Er hat ihn zwar nur von weitem, nur im Dunkeln und nicht von vorn gesehen, aber besser als nichts.“ Leo spürte, dass Anna sehr verärgert war.

„Das gibt es doch nicht. Was ist denn mit Steinberger los? Dafür muss es eine simple Erklärung geben. Vielleicht ist das Foto nicht angekommen.“

„Doch, ist es. Das habe ich auch vermutet und habe mit der zuständigen Mitarbeiterin in Passau gesprochen. Sie kann sich genau daran erinnern, dass das Foto vor vier Tagen eingegangen ist. Und sie hat es persönlich an Albert Steinberger übergeben.“

Leo war stinksauer. Was war da los?

„Hat Tim gesagt, wie der Mann ungefähr ausgesehen hat?“

„Er hat ihn, wie gesagt, nicht genau gesehen. Er hat ihn mir nur ganz grob beschrieben: Etwas älter, so circa 50 Jahre, normale Statur, normal groß – so seine bisherige Schilderung. Sehr viel mehr wird wohl nicht dabei rauskommen, aber wir versuchen es trotzdem.“

Zumindest konnte es der Beschreibung nach nicht der Abgeordnete Meyer sein. Oder doch? Schließlich hatte Tim den Mann nicht genau erkennen können.

„Warten wir ab, vielleicht haben wir Glück und er erinnert sich noch an ein wichtiges Detail. Ich wollte dich eben anrufen, Anna, ich habe auch etwas für dich. Der Kölner Kollege Obermaier und ich haben heute den Abgeordneten Meyer befragt und wir haben das Gefühl, dass er uns etwas verheimlicht. Er hat behauptet, er wäre nur mit seinen sieben Crew-Mitgliedern an Bord gewesen. Jetzt wollen wir die anderen Bootsinhaber nochmals befragen, ob Meyer wirklich allein war, oder ob jemand noch andere Personen auf dem Boot gesehen hat. Ich habe mich entschieden, noch ein paar Tage hier zu bleiben, mit Zeitler habe ich das schon abgesprochen. Schick bitte die Aussage per Fax an das Büro von Georg Obermaier nach Köln…“

Georg unterbrach Leo.

„Das mit dem Fax in mein Büro ist viel zu umständlich. Sag ihr, sie soll die Unterlagen an meine E-Mail-Adresse schicken.“ Er nannte ihm die Adresse, die er an Anna weitergab.

„Schick die Unterlagen per E-Mail an Obermaiers Adresse. Gibt es sonst noch was Neues?“

„Nein, sonst nichts. Ich habe Julius Bernrieder, Benjamin Aschenbrenner und die Eheleute von Kellberg nicht erreicht und somit keine E-Mail-Adressen, um ihnen das Foto zu übermitteln. Ich habe heute per Post ein Foto von Nadine Siebert mit einem Kurzbrief weggeschickt, auf Steinberger verlasse ich mich nicht mehr.“

„Ich habe Frau von Kellberg das Foto bereits gezeigt und es ihr überlassen, aber doppelt genäht hält besser. Das hast du gut gemacht. Und jetzt ärgere dich nicht mehr, es gibt bestimmt eine simple Erklärung für Steinbergers Nachlässigkeit. Und es tut mir leid, dass ich dich mit dem ganzen Schriftkram alleine lasse.“

„Für Steinbergers Nachlässigkeit gibt es keine Entschuldigung. Und mach dir wegen mir keine Sorgen, ich komme schon zurecht.“ Leo wusste, dass er sich auf Anna verlassen konnte und war stolz darauf, solch eine Kollegin zu haben. Das war nicht selbstverständlich.

Kurze Zeit später waren die Unterlagen übermittelt. Nachdem die beiden die Aussagen gelesen hatten und darin keinen Hinweis auf das Boot des Abgeordneten fanden, machte Georg eine Liste mit Namen, Adressen und Telefonnummern der Bootsinhaber. Die beiden telefonierten bis spät in die Nacht mit den betreffenden Personen. Sie hatten kein Glück: Niemand hatte irgendwelche Besucher auf Meyers Boot gesehen.

Leo hatte inzwischen bereits mehrfach versucht, Albert Steinberger in Passau zu erreichen, jedoch ohne Erfolg. Leo war stinksauer. Vielleicht wären sie jetzt schon einige Schritte weiter, wenn Steinberger das Foto von Nadine Siebert eher gezeigt hätte. Bevor er zu Bett ging, versuchte er abermals, Steinberger zu erreichen. Nichts. Der würde morgen was von ihm zu hören bekommen.

10.

„Tim Mahler ist tot“. Leo war sofort hellwach, als er gegen 7.00 Uhr noch schlaftrunken an sein Handy ging und Anna ihm diese schreckliche Nachricht mitteilte.

„Was? Tim ist tot?“, schrie er aufgebracht. „Was ist passiert?“

„Albert Steinberger hat mich eben angerufen. Tim ist heute Nacht gegen 23.15 Uhr vermutlich absichtlich mit hohem Tempo gegen einen Baum gefahren. Man hat neben ihm einen Abschiedsbrief mit einem Geständnis bezüglich des Todes von Maximilian von Kellberg gefunden. Steinberger lässt uns die Unterlagen zukommen.“

Leo legte auf, er musste sich erst einmal sammeln. Dieser vor Energie strotzende Tim ein Selbstmörder und Mörder? Das konnte er sich einfach nicht vorstellen, das passte einfach nicht. Oder hatte Tim tatsächlich etwas mit dem Tod von Maximilian zu tun? Er hatte ein ungutes Gefühl und beschloss deshalb, das vor Ort abzuklären.

Daher rief er seine Kollegin einige Minuten später an.

„Ich fahre umgehend nach Passau. Ich kann das mit Tim Mahler nicht glauben und muss mich selbst von den Umständen überzeugen. Ich habe bereits mit unserem Chef gesprochen und er hat mir grünes Licht gegeben. Albert Steinberger werde ich vorab nicht informieren und ich bitte dich, meinen Besuch in Passau nicht an die große Glocke zu hängen.“

„Von mir erfährt keiner etwas, darauf kannst du dich verlassen. Ich bin froh, dass du dich selbst um die Sache kümmerst, denn auch ich bin davon überzeugt, dass da irgendetwas nicht stimmt. Ich habe diesen Tim doch gesehen, das passt einfach nicht zu ihm, da müsste ich mich schon schwer täuschen. Vor allem die Nachlässigkeit von Albert Steinberger mit dem Foto und die Tatsache, dass er die ganze Zeit nicht zu erreichen war, ist seltsam. Viel Glück und halte mich auf dem Laufenden.“

Er telefonierte mit Georg Obermaier, der heute sehr früh einen Termin im Präsidium hatte und schilderte ihm die Situation. Danach führte er ein knappes Telefongespräch mit seiner Freundin, der Pathologin Christine Künstle, zog sich an und ging zu seinem Wagen. Zu seiner großen Überraschung fuhr Georg die Auffahrt hoch.

„Georg? Was machst du denn hier?“ Leo war verblüfft.

„Ich denke, das ist auch irgendwie mein Fall. Ich habe mich nach Absprache mit meinem Vorgesetzten entschlossen, dich zu begleiten,“ sagte Georg bestimmt. „Ich bin einfach davon ausgegangen, dass du nichts dagegen hast. Also, auf was warten wir noch?“

Leo war vollkommen überrascht.

„Was soll ich dagegen haben? Ich bin froh, dass du da bist.“

Gegen 15.00 Uhr trafen sie bei der Polizei Passau ein. Leo war glücklich über das moderne und mit allem Komfort ausgestattete Fahrzeug. Er durfte auf keinen Fall vergessen, seinem Vorgesetzten Michael Zeitler nochmals dafür zu danken.

Leos Handy klingelte, das Gespräch dauerte keine Minute. Sie parkten und gingen raschen Schrittes direkt in Albert Steinbergers Büro, der geschäftig über einigen Papieren saß. Er sah die beiden erstaunt an und begrüßte sie knapp. Man spürte sofort, dass ihm der Besuch nicht willkommen war.

„Das ist mein Kollege Georg Obermaier,“ stellte Leo Georg vor. Die beiden nickten sich kurz zu. Leo kam sofort auf den Punkt. „Ich habe gehört, was mit Tim Mahler passiert ist. Geben Sie mir bitte die Unterlagen.“

Albert Steinberger zögerte und schüttelte schließlich den Kopf.

„Ich bin überrascht, dass Sie wegen des Selbstmordes von Tim Mahler extra hergekommen sind. Die Sache ist doch völlig klar. Ich habe die Akte Maximilian von Kellberg abgeschlossen und bereits veranlasst, dass Ihnen eine Kopie zugesandt wird. Das habe ich auch Ihrer Kollegin gesagt.“

Leo wurde ungeduldig.

„Was ist hier völlig klar? Ich verstehe Sie nicht.“

Mit einem überheblichen Stöhnen nahm sich Steinberger die schmale Brille von der Nase.

„Durch den Selbstmord von Tim Mahler ist doch klar, wer Maximilian getötet hat, oder?“

Leo hätte diesem aufgeblasenen Kerl eine reinhauen können, riss sich jedoch zusammen.

„Woher wissen Sie, dass es sich um Selbstmord und nicht um einen Unfall oder einen Mord handelt?“

„Weil wir einen Abschiedsbrief haben, deshalb.“ Er kramte in einer schmalen Akte. „Hier, bitteschön. Überzeugen Sie sich selbst.“

Leo las den mit Computer geschriebenen Brief, der lediglich aus zwei kleinen Zeilen bestand: Ich habe Maximilian getötet. Es tut mir leid, ich kann nicht mehr mit der Schuld leben. Der Brief war weder unterzeichnet, noch stand ein Name oder ein Datum darauf. Das könnte nun wirklich jeder geschrieben haben. Er konnte sich nicht helfen, aber hier stimmte etwas nicht, sein Misstrauen wuchs. Georg las den Brief ebenfalls, zog die Stirn in Falten und sah ihn an. Leo konnte deutlich erkennen, dass auch er nicht überzeugt war.

„Sie sehen, Herr Schwartz, dass es sich eindeutig um Selbstmord handelt und Sie wieder nach Hause fahren können. Leider haben Sie den ganzen Weg nach Passau umsonst gemacht. Jetzt muss ich Sie leider bitten, zu gehen. Ich habe noch jede Menge Arbeit.“

„Wo ist die Pathologie, Herr Steinberger? Ich möchte mir den Jungen ansehen.“

Überrascht sah ihn Steinberger an.

„Warum das denn?“

„Wo ist die Pathologie?“, wiederholte Leo seine Frage.

„Ich habe den Leichnam zur Beerdigung bereits freigegeben. Was soll das Ganze?“ Leo bemerkte, wie nervös Steinberger wurde.

„Jetzt hören Sie mir mal zu, Steinberger. Ich möchte jetzt umgehend die Leiche sehen und Einsicht in die Akte nehmen, haben Sie mich verstanden?“

„Das dürfen Sie gar nicht, das ist nicht Ihr Zuständigkeitsbereich. Sie dürfen hier lediglich wegen des Todes von Maximilian von Kellberg ermitteln, und nicht mehr. Jetzt machen Sie, dass Sie rauskommen, und zwar schnell,“ Steinberger wischte sich die Schweißperlen von der Stirn.

„Da muss ich Sie leider enttäuschen, werter Kollege. Mein Vorgesetzter hat die Sache bereits mit Ihrem Vorgesetzten, Herrn Hartmann, abgeklärt, ich habe sehr wohl freie Hand. Vor einer halben Stunde bekam ich grünes Licht. Wenn Sie mir nicht glauben, dann rufen Sie Ihren Chef an.“

Mit zittrigen Fingern wählte Steinberger Hartmanns Nummer und ließ Leo dabei nicht aus den Augen. Das Gespräch dauerte nicht lange.

„Sie haben recht, tut mir leid,“ sagte Steinberger und übergab Leo die Akte Tim Mahler. Leo verließ ohne ein weiteres Wort Steinbergers Büro. Georg, der äußerst amüsiert das Gespräch verfolgt hatte, begleitete ihn.

Sie fragten einen Polizisten nach dem Weg zur Pathologie und bekamen eine Wegbeschreibung. Sie fuhren zu der angegebenen Adresse, die in knapp fünf Minuten mit dem Wagen zu erreichen war.

„Was war das denn, Leo? Hast du mit Steinbergers Widerstand etwa gerechnet?“, wollte Georg wissen, als Leo den Wagen vom Parkplatz des Polizeireviers fuhr.

„Ich hatte kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache und wollte mich absichern. Deshalb habe ich heute Morgen meinen Chef angerufen und ihn um Hilfe gebeten. Vorhin bekam ich den Bescheid, dass ich auch in der Sache Tim Mahler grünes Licht habe. Georg, glaube mir: Wenn du mit Tim Mahler gesprochen hättest, würdest du auch daran zweifeln, dass er sich das Leben genommen hat. Merkwürdig ist auch, dass er gerade auf dem Weg nach Ulm war, um ein Phantombild zu erstellen. Zufall? Ich kann mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieser Junge seinen Freund Maximilian getötet haben soll. - Wir sind da,“ sagte Leo und deutete auf ein schlichtes Gebäude. „Ich habe eine Überraschung für dich.“

Sie stiegen aus und betraten das Gebäude. Schon von weitem konnte Leo die Stimme seiner Freundin und Kollegin Christine Künstle hören, die einen hiesigen Kollegen lautstark beschimpfte.

„Darf ich dir meine Kollegin Christine Künstle vorstellen, Georg?“, sagte Leo, als sie vor Christine und einem eingeschüchterten Mann standen. „Christine, das ist Georg Obermaier.“

„Jaja, freut mich, freut mich,“ sagte sie genervt und gab Georg die Hand. „Gut, dass ihr da seid. Dieser sture Kerl hier verweigert mir den Zugang zu meiner Leiche. Ich habe ihm den Wisch gezeigt, der mich berechtigt, die Untersuchung vorzunehmen, aber der Kerl scheint meine Sprache nicht zu sprechen. Jetzt rücken Sie mir sofort die Leiche raus, oder Sie können was erleben junger Mann,“ schrie sie den Kollegen erneut an, der jedoch keine Anstalten machte, irgendetwas zu unternehmen. Er stand nur da und schüttelte den Kopf.

„Sie können doch aus dem Dokument, das Sie in der Hand halten, unschwer erkennen, dass wir berechtigt sind, die Leiche von unserer Pathologin Dr. Künstle untersuchen zu lassen,“ schaltete Leo sich jetzt ein.

„Ja, das kann ich. Aber wie ich schon bereits mehrfach gesagt habe, kann ich Ihnen die Leiche nicht geben.“

Christine hatte schon angesetzt, um den Kollegen weiter zu beschimpfen, als Leo sie stoppte.

„Warum können Sie uns die Leiche nicht geben?“

„Weil ich sie gar nicht hier habe. Ich kenne diesen Namen überhaupt nicht. Das versuche ich schon die ganze Zeit zu sagen, aber diese Frau lässt mich nicht zu Wort kommen.“

Jetzt waren alle sprachlos.

„Wieso ist die Leiche nicht hier? Sie muss doch heute Nacht ungefähr gegen 24.00 Uhr hier eingeliefert worden sein. So steht es zumindest in dieser Akte, die ich eben von Albert Steinberger bekommen habe.“

„Nein. Es ist definitiv seit gestern früh keine neue Leiche eingeliefert worden. Sehen Sie selbst.“ Er übergab Leo eine Liste mit den Eingängen der letzten Tage. Tatsächlich. Es war weder eine Leiche mit Namen Mahler, noch ein Eingang in der letzten Nacht verzeichnet.

Leo griff sofort zum Telefon und wählte Steinbergers Nummer, der jedoch nicht ans Telefon ging.

„Den kauf ich mir,“ sagte Leo und ging los. Christine und Georg folgten ihm. Diesmal fuhr Georg den Wagen und Leo informierte seinen Vorgesetzten Zeitler über die hiesigen Missstände. Der reagierte ungehalten und rief umgehend seinen Passauer Kollegen Hartmann an.

Im Präsidium war Steinberger nicht auffindbar. Niemand wusste, wo er war. Das Telefongespräch seines Vorgesetzten mit dem Chef der hiesigen Polizei hatte jedoch zur Folge, dass sie uneingeschränkt grünes Licht für weitere Ermittlungen bekamen und ihnen auch jegliche Unterstützung zugesagt wurde. Außerdem wurde ihnen der Bericht eines Polizisten über den Unfall Mahler übergeben, der der Akte noch nicht beigefügt war. Diesem Bericht entnahmen sie, dass die Leiche bereits schon vom Unfallort direkt in ein Bestattungsunternehmen abtransportiert wurde, dessen Name und Adresse aus den Unterlagen ersichtlich war. Das widersprach sich jetzt völlig. In der Akte stand, dass die Leiche in die Pathologie gebracht wurde und laut dem Bericht des Polizisten war die Leiche direkt zum Bestattungsunternehmen gebracht worden. Was war hier los?

Umgehend setzten sich Leo, Georg und Christine in den Wagen und fuhren zu dem Bestattungsunternehmen. Leo versuchte fortlaufend, dort jemanden telefonisch zu erreichen, jedoch war ständig besetzt. Nach endlosen Minuten erreichte er schließlich eine freundliche junge Frau.

„Hier Leo Schwartz von der Polizei Ulm. Ich rufe an wegen der Leiche Tim Mahler, die Sie heute Nacht bekommen haben.“

„Das muss ein Missverständnis sein,“ flüsterte sie fast ins Telefon, „bei uns ist keine Leiche mit diesem Namen und wir haben auch letzte Nacht keinen neuen Kunden hereinbekommen.“

„Sind Sie sich ganz sicher?“ Leo war außer sich. Hatte dieser Steinberger auch die Adresse des Bestattungsunternehmens gefälscht?

„Ja, ich bin mir ganz sicher. Wir haben seit zwei Tagen keinen neuen Kunden bekommen.“

Leo musste einen Moment durchatmen. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Welches Spiel wurde hier gespielt?

„Gibt es noch weitere Bestattungsunternehmen in Passau?“

„Natürlich, wir haben in Passau eine große Konkurrenz. Es gibt noch vier weitere Unternehmen. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen die Namen und Telefonnummern geben.“

„Das wäre sehr freundlich.“ Leo notierte sich Namen und Telefonnummern. Georg hatte mitgehört und war rechts rangefahren.

„Habe ich das richtig verstanden? Die Adresse des Bestattungsunternehmens in den Unterlagen stimmt nicht? Das gibt es doch nicht!“ Christine war außer sich. So etwas hatte sie noch nie erlebt.

„Ja, du hast richtig verstanden. Das ist unglaublich. Steinberger hat die kompletten Unterlagen manipuliert. Hoffentlich finden wir die Leiche des Jungen.“ Leo wählte eine Nummer nach der anderen und hatte bei der dritten Nummer Glück.

„Ja, wir haben heute Nacht eine Leiche bekommen, ein Unfallopfer. Wir haben den Auftrag bekommen, den Leichnam so schnell wie möglich zu verbrennen.“

„Unter keinen Umständen wird die Leiche verbrannt, bis wir sie gesehen haben, ist das klar? Sie haften mir persönlich dafür. Wir sind unterwegs.“

„Gut, wenn Sie das sagen, dann warten wir.“

Leo notierte die Adresse und Georg fuhr los. Zur Sicherheit rief Leo noch das vierte Beerdigungsunternehmen an, die zwar eine Leiche während der Nacht bekamen, aber dabei handelte es sich nicht um ein Unfallopfer. Auch diese Leiche sollte so schnell als möglich verbrannt werden. Leo gab strikte Anweisung, noch nichts zu unternehmen, bis er sich wieder melden würde.

„Da brauche ich aber etwas Amtliches in den Händen, das müssen Sie verstehen. Was soll ich den Angehörigen sagen? Mir ist lieber, ich habe ein amtliches Schriftstück in den Händen, das ich vorzeigen kann.“

Leo verstand den Mann und telefonierte mit seinem Vorgesetzten Zeitler, der versprach, umgehend ein entsprechendes Dokument per Fax direkt an das Unternehmen zu schicken.

Im Bestattungsunternehmen angekommen, wurden sie bereits erwartet. Sie ließen sich das Unfallopfer zeigen, das ziemlich übel zugerichtet war. Eine Identifizierung war unmöglich. Christine sah sich den Mann an und runzelte die Stirn.

„Wie alt ist dieser Junge, der heute Nacht umgekommen ist?“

„20. Warum ?“

„Weil dieser Mann hier mindestens 30 ist, eher 35.“

Leo nahm den Totenschein zur Hand, den ihm der Mitarbeiter des Unternehmens übergeben hatte. „Hier steht eindeutig Mahler, Tim, 20 Jahre.“

„Das kann nicht sein, der Mann hier ist eindeutig älter. Was weißt du noch über diesen Mahler? Ich meine, die Leiche ist in einem sehr schlechten Zustand, vielleicht müssen wir eine DNA-Analyse machen. Ich bin mir absolut sicher, dass dieser Mann älter ist.“

„Mahler war Sportler, Fußball-Spieler. Er studierte nicht nur Sport, sondern war wegen seines Talents bereits in Verhandlungen mit Spitzenvereinen.“

Christine schüttelte energisch den Kopf.

„Das hier war nie und nimmer ein Sportler. Sieh dir die Beinmuskulatur an, die ist bei einem Fußball-Spieler viel ausgeprägter, da ist ja quasi gar nichts. Der Mann hier hat niemals dauerhaft Sport gemacht.“

Leo war stinksauer. Albert Steinberger hat nicht nur die ganze Akte manipuliert, sondern besaß auch noch die Dreistigkeit, Toten falsche Namen zuzuordnen.

„Kommt. Wir müssen uns noch eine Leiche ansehen.“

„Das hier ist Peter Kremer, 32 Jahre. Den haben wir heute Nacht geholt,“ sagte der Angestellte des Bestattungsunternehmens. „Plötzlicher Herzstillstand steht auf dem Totenschein.“ Leo und Georg besahen sich die Unterlagen, Christine trat an den Sarg.

„Der ist eindeutig jünger als 32 Jahre.“

Leo versetzte es einen Stich, als er in das junge, hübsche Gesicht von Tim Mahler blickte, das vom Bestattungsunternehmen für die Verbrennung zurechtgemacht wurde. Die Leiche war unversehrt.

Der Leichnam Mahler wurde in die Pathologie gebracht. Bei Christines Anblick stöhnte der Pathologe laut auf, half ihr jedoch bei der Autopsie. Christine hatte ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen und zeigte sich von ihrer besten Seite. Sie gab ihm hilfreiche Tipps und er bewunderte ihr Geschick. Bis sie ihre Arbeit beendeten, war ihr Umgangston schon fast freundschaftlich.

Leo und Georg warteten währenddessen draußen. Die beiden wurden von Polizisten auf dem Laufenden gehalten, was die Suche nach Albert Steinberger betraf, aber leider blieb er verschwunden. Steinberger wurde von Hartmann persönlich zur Fahndung ausgeschrieben, als er die ungeheuerlichen Details erfuhr. Er befürchtete negative Schlagzeilen, sogar einen Skandal für seine Polizeidienststelle, wenn Einzelheiten publik wurden. Leo hatte den Polizisten in die Pathologie beordert, der den Bericht mit dem falschen Bestattungsunternehmen verfasst hatte und er war ihm gegenüber sehr ungehalten.

„Dieser Bericht ist von Ihnen?“

„Ja. Stimmt etwas nicht?“

„Allerdings. Und zwar die Adresse des Bestattungsunternehmens.“

„Die hat mir Albert, also Herr Steinberger genannt und deshalb habe ich das so in den Bericht geschrieben.“

Also hatte hier Steinberger auch seine Finger im Spiel. Unfassbar.

Christine trat auf den Gang, Leo und Georg sahen sie erwartungsvoll an.

„Zyankali, habe ich mir schon fast gedacht. In seinem Mageninhalt befanden sich Speisereste von Putenfleisch, Kartoffeln und Salat. Und von einem Isotonischen Getränk. Ich vermute, dass ihm das Gift mit dem Getränk verabreicht wurde. Und Zyankali hat mit einem plötzlichen Herzstillstand, wie er hier in dem Totenschein als Todesursache steht, so viel zu tun wie ich mit einer Primaballerina.“ Sie übergab Leo den Totenschein. „Find heraus, welcher Stümper diesen Totenschein ausgestellt hat. Mein junger Kollege hier wird den Bericht schreiben und wird ihn euch zukommen lassen. Keine Sorge,“ fügte sie hinzu, als sie die entsetzten Gesichter der beiden sah, „natürlich nicht ohne meine Überprüfung.“ Letzteres sagte sie so laut, dass der Kollege sie hören musste. „Und bevor ihr beiden euch wieder an die Arbeit macht,“ sie sah auf ihre Uhr, „wäre es jetzt höchste Zeit, etwas zu essen. Ich habe einen Bärenhunger. Und euch beiden würde eine warme Mahlzeit auch nicht schaden. Machen Sie den Jungen wieder zu?“, rief sie in den Autopsie-Raum. Der Kollege sagte sofort zu und Leo hatte den Eindruck, dass er sich sogar freute.

„Also, Georg,“ sagte Christine, als sie ein Stück ihres Steaks abschnitt, das ziemlich blutig war, „wie sagt man jetzt politisch korrekt? Schwarzer oder Neger? Wie sagt man?“

„Christine! Reiß dich doch zusammen,“ sagte Leo ärgerlich, denn nicht jeder kam mit der offenen und direkten Art seiner Freundin zurecht.

„Ach komm, so erschrocken sieht er gar nicht aus. Er ist nun mal schwarz. Oder soll ich jetzt so tun, als würde ich das nicht sehen? Ich habe ja auch gesehen, dass er ein ziemlich hübscher Kerl ist. Oder darf ich das auch nicht sagen?“

Leo wollte gerade etwas erwidern, als Georg laut loslachte.

„Sie sind ja eine Marke. Ich glaub, ich spinne,“ rief er aus und einige der anderen Restaurantbesucher sahen verstohlen zu den dreien rüber. „Hören Sie, Lady“, fuhr er fort und wischte sich mit der Serviette eine Träne weg, „Sie können zu mir sagen, was Sie wollen, Sie sind in Ordnung.“

„Na also. Ich bin Christine und weil ich die Ältere bin, kann ich bestimmen, dass wir das SIE weglassen. Das hätten wir geklärt. Wäre Georg nicht etwas für unsere Anna?“ Sie musterte ihn von oben bis unten. „Oder bist du verheiratet?“

„Ich bin verheiratet.“

„Wenn sich der Zustand ändert, ruf mich an. Vielleicht kann ich dann was mit unserer Anna arrangieren. Sie ist ein wirklich nettes, intelligentes und außerordentlich hübsches Mädchen.“

„Christine! Jetzt hör aber auf!“, sagte Leo peinlich berührt. „Anna ist mit Stefan Feldmann zusammen, das weißt du genau.“

„Ja und? Das plätschert nun geraume Zeit so dahin und ich denke mir ja nur, es wäre doch schade, wenn so ein hübscher Junge an die Falsche geraten würde. Woher kommen deine Vorfahren?“, bohrte Christine weiter.

„Ich wurde im Alter von zwei Jahren adoptiert, meine Vorfahren kommen aus Kenia. Meine Adoptiveltern waren wirklich tolle Eltern. Sie konnten selbst keine Kinder bekommen und ich bin sehr behütet aufgewachsen. Meine leiblichen Eltern habe ich nie kennengelernt und ich habe auch keine Ahnung, was aus denen geworden ist. Sie gaben mich in einem Krankenhaus ab und haben mich dort nicht mehr abgeholt. Dann kam ich in ein Waisenhaus, von wo aus ich zur Adoption freigegeben wurde. Das zumindest steht in meinen Unterlagen. Ob das der Wahrheit entspricht, weiß ich natürlich nicht. Vor Jahren habe ich versucht, meine Eltern ausfindig zu machen, aber das war reine Zeitverschwendung. Die Kenianischen Behörden sind nicht sehr kooperativ und haben über mich nur die Unterlagen gefunden, die ich sowieso schon hatte. Entgegen vieler anderer Schilderungen von adoptierten Kindern in ähnlicher Situation hatte ich niemals Probleme wegen meiner Hautfarbe. Auch im sozialen Umfeld gab es nie irgendwelche Anfeindungen. Klar gibt es immer irgendwelche Idioten, die blöd schauen oder Witze machen, aber meine Eltern haben mir schon von klein auf beigebracht, darüber wegzusehen.“

„Die schauen auch blöd, wenn ich ein kurzes Kleid anhabe, was mich aber auch nicht davon abhält.“ Christine sagte das mit einem witzigen Unterton und alle mussten bei der Vorstellung herzlich lachen.

Sie aßen zu Ende, gingen wieder zurück in die Pathologie, wo Christine von ihrem Kollegen der fertige Bericht freudestrahlend überreicht wurde. Sie las ihn durch und nickte. „Sehr schön gemacht, junger Freund. Wie heißen Sie eigentlich?“

„Mein Name ist Daniel Rauscher,“ sagte er strahlend und strich sich mit seinen Händen durch die kurzen, blonden Haare. Eilig zog er seinen Kittel aus, unter dem ein brauner Anzug zum Vorschein kam, der zu Christines Überraschung sehr modern und wohl auch sehr teuer war. Für seine 42 Jahre hatte er noch ein sehr jugendliches Aussehen, wozu auch die 1,64 Meter kleine, sehr schlanke Figur beitrug.

„Darf ich Ihnen meinen Wirkungskreis zeigen, Frau Kollegin? Außer diesem Autopsie-Raum hat meine Pathologie noch so einiges zu bieten,“ fragte er stolz und Christine konnte wegen ihres schlechten Gewissens nicht ablehnen. Sie gab Leo den Bericht und sagte: „Wenn ich hier fertig bin, fahre ich wieder nach Hause. Also los, Kollege Rauscher, dann zeigen Sie mal, was Sie haben.“

Daniel Rauscher führte Christine durch sein Reich. Sie musste zugeben, dass das, was sie hier in der Pathologie Passau zu sehen bekam, ziemlich beeindruckend war.

„Sehr schön, junger Freund, aber meine Pathologie in Ulm ist auch nicht übel. Wenn Sie irgendwann mal in der Nähe sind, kommen Sie doch bei mir vorbei, ich würde mich freuen.“

Sie gab ihm ihre Karte und Daniel freute sich wie ein kleines Kind. Er hatte sich inzwischen über Dr. Christine Künstle informiert und war beeindruckt. Neben ihren zahlreichen Vorträgen veröffentlichte sie in Fachzeitschriften immer wieder Artikel, die in Fachkreisen großen Anklang fanden und von denen er selbst schon einige gelesen hatte. Er ärgerte sich, dass ihm ihr Name nicht sofort ein Begriff war.

Leo und Georg suchten den zuständigen Arzt auf, der in der Nacht den Totenschein ausgestellt und unterzeichnet hatte. Es stellte sich heraus, dass der Arzt „unbekannte Todesursache“ eingetragen hatte, und zeigte den beiden die Kopie in seinen Unterlagen. Also hatte Steinberger auch noch den Totenschein gefälscht. Nur er konnte veranlasst haben, dass Tim so schnell wie möglich verbrannt werden sollte. Steinberger konnte nicht damit rechnen, dass der angebliche Selbstmord untersucht würde.

Als Nächstes wollten sie Julius Bernrieder und Benjamin Aschenbrenner wegen des Fotos der Vermissten Nadine Siebert aufsuchen. Leider trafen Sie Julius Bernrieder nicht an, hinterließen aber eine Nachricht.

Benjamin Aschenbrenner war zuhause. Sie zeigten ihm das Foto von Nadine.

„Ich habe das Foto bereits per Post bekommen. Nein, tut mir leid, ich kann mich an dieses Mädchen nicht erinnern. Das ganze Hotel war voll von diesen Mädchen, die nur auf das eine aus waren,“ sagte er sichtlich angewidert.

„Stehen Sie nicht auf Frauen?“, fragte Georg unverblümt, der diesen arroganten Kerl von Anfang an nicht leiden konnte.

„Natürlich stehe ich auf Frauen,“ schrie Benjamin empört. „Allerdings bevorzuge ich die Sorte Frauen, die anständig sind und einen gewissen Intellekt haben. Ich habe aufgrund der gesellschaftlichen Stellung meiner Eltern eine gewisse Verantwortung, der ich mir bewusst bin. An leichten Mädchen habe ich keinerlei Interesse.“

„Können Sie uns sagen, wo wir Julius Bernrieder finden können?“, warf Leo ein. Auch um den Redeschwall, der kaum zu ertragen war, zu unterbrechen.

„Nein, ich kenne Julius nicht näher. Maximilian hatte ihn, wie auch Tim, entgegen unserer Absprache einfach in den Urlaub auf Sylt mitgenommen. Während des Urlaubes hatte ich keinen engeren Kontakt mit ihm. Wir sind zu verschieden und fanden keinerlei Gemeinsamkeiten. Zuletzt habe ich ihn zusammen mit Tim auf der Polizeistation gesehen, als wir bei Ihnen unsere Aussage gemacht haben.“

„Ihnen ist bekannt, dass Tim Mahler tot ist?“

Benjamin war sprachlos. Er starrte Leo an, als verstünde er kein Wort.

„Tim ist tot?“, schrie er fassungslos.

„Leider ja. Er wurde gestern Nacht tot aufgefunden. Wie gut kannten Sie Tim?“

„Auch nicht viel näher. Er hatte seine Interessen und ich meine. Er ist der zweite Tote innerhalb kurzer Zeit, den ich kenne. Das schockiert mich sehr. Wie ist er gestorben?“

„Da sind wir noch dran,“ sagte Leo, der beschloss, Benjamin Aschenbrenner nichts Näheres über den Tod von Tim zu berichten. Sie verabschiedeten sich und ließen den verstörten Benjamin einfach stehen, der nun nicht mehr ganz so arrogant wirkte.

Leo und Georg hatten nun die schwierige Aufgabe, mit Tims Mutter zu sprechen. Wie würde sie auf die Nachricht eines Mordes an ihrem Sohn reagieren. Beiden war nicht wohl bei der bevorstehenden Aufgabe, aber da mussten sie durch. Frau Mahler wohnte in einem mehrstöckigen Mietshaus in der Innenstadt nahe des Bahnhofs. Nicht die beste, aber eine sehr gute Wohngegend. Frau Mahler hatte in der Nacht bereits schon von Steinberger von dem Unfalltod ihres Sohnes erfahren. Als Leo ihr die Nachricht über den Mord durch Zyankali mitteilte, brach sie zusammen. Sie war so geschockt, dass Leo einen Arzt rufen musste. Zur Sicherheit wurde Frau Mahler zur Beobachtung in die Klinik gebracht. Frau Mahler konnte nicht glauben, dass ihr Sohn getötet wurde. Von wem? Er war überall beliebt und machte nie Probleme. Nachdem der Krankenwagen mit Frau Mahler wegfuhr, durchsuchten die beiden Tims Zimmer.

„Nichts, das uns weiterbringt. Wir nehmen vorsorglich seinen Laptop mit, den soll sich Anna genauer ansehen.“

Sie setzten sich in ein Café und rekapitulierten, was heute passiert war. Hier vor Ort gab es nichts mehr zu tun.

„Ich denke, ich fahre nach Ulm. Wenn du möchtest, kann ich dich am Münchner Flughafen absetzen und du nimmst den nächsten Flug nach Köln.“

„Es passt mir zwar nicht, hier abzubrechen, denn es interessiert mich brennend, was hier los ist. Ich muss dir zustimmen: Wir sind hier in einer Sackgasse. Ich würde dich gerne nach Ulm begleiten und mit am Fall weiterarbeiten, aber da spielt mein Chef ganz sicher nicht mit. Hier trennen sich also unsere Wege. Schade.“

Leo würde Georg vermissen. Ihre Zusammenarbeit in den letzten Tagen ging weiter über das normale Maß hinaus. Er hatte in Georg einen Freund gefunden.

Leo rief Anna an und informierte sie darüber, was sich in Passau ereignet hat. Die konnte kaum glauben, was sie hörte.

„Ich bin hier in Passau soweit fertig und bin quasi auf dem Weg nach Ulm. Vorher setze ich den Kölner Kollegen am Münchner Flughafen ab. In circa drei bis vier Stunden bin ich da.“ Für Leo war das Gespräch beendet und er wollte auflegen. Aber Anna hielt ihn zurück.

„Nicht so voreilig, ich habe auch etwas für dich. Ein Zeuge, der sich an dem fraglichen 14. Juni auf Sylt aufhielt, hat sich bei uns gemeldet. Er hat etwas ausgesagt, was uns weiterhelfen könnte.“ Leo hörte aufmerksam zu. „Dieser Zeuge war Gast auf einem der Boote und war bis gestern auf Geschäftsreise in Südamerika, deshalb hat uns die Aussage erst jetzt erreicht. Ich habe mit ihm telefoniert und er hat seine Aussage bestätigt. Du wirst es nicht glauben: Er schwört Stein und Bein, dass eindeutig mehrere Leute auf dem Boot des Abgeordneten Meyer waren, bei denen es sich nicht um seine Crew handelte. Er sagte, er sei am Abend ins Wasser, um ein paar Runden zu schwimmen. Und dabei ist er dem Boot des Abgeordneten sehr nahe gekommen. Er konnte zwar nicht erkennen, um wen es sich handelte, aber er ist sich absolut sicher, dass außer der Crew weitere Personen an Bord waren. Er sprach von mindestens zwei weiteren Personen.“

„Warum ist er sich so sicher, dass es sich nicht um Crew-Mitglieder handelte?“

„Unser Zeuge kennt den Abgeordneten schon lange und mag ihn nicht besonders. Meyer hat einen Spleen mit seiner Crew. Alle müssen eine weiße Uniform tragen, so eine mit Schulterklappen und so weiter, wie im Fernsehen. Eine Phantasieuniform, die Meyer extra für seine Crew hatte entwerfen lassen. Und die Personen, die er gesehen hatte, trugen Freizeitkleidung und die würde Meyer bei seinen Crew-Mitgliedern niemals dulden. Der Abgeordnete hat ganz klar gelogen. Ich habe die Aussage des Zeugen bereits an euch per Email weitergeleitet. Ich will dir und dem Kollegen Obermaier nicht vorgreifen, aber ich denke es ist vielleicht besser, wenn ihr nochmals den Abgeordneten befragt. Besprecht euer weiteres Vorgehen und haltet mich auf dem Laufenden.“

Leo unterrichtete Georg über diese neue Information. Beide waren sich sofort einig, dass sie wieder gemeinsam nach Köln fahren und umgehend ein weiteres Gespräch mit dem netten Herrn Abgeordneten führen sollten.

Beide unterrichteten ihre Vorgesetzten über diese Zeugenaussage und sie waren beide sehr ungehalten über die dreiste Lüge von Bernhard Meyer. Natürlich bekamen Leo und Georg die Erlaubnis für die erneute Befragung des Politikers.

„Ich werde einen Termin für Morgen organisieren, was nicht leicht werden wird. Sie halten sich genau an die Gesetze, Schwartz, ich möchte keine Klagen hören. Meyer hat einflussreiche Freunde und ich will mich nicht mit Beschwerden und Vorwürfen auseinandersetzen müssen,“ sagte Zeitler.

Obwohl Leo den Abgeordneten am liebsten auseinandernehmen würde, versprach er, sich zurückzunehmen.

11.

Mit Hilfe Zeitlers bekamen Leo und Georg am nächsten Tag einen Termin beim Abgeordneten Meyer, der um 9.00 Uhr angesetzt war.

„Meyer war nicht glücklich darüber, abermals von der Polizei belästigt zu werden,“ sagte Zeitler eine Stunde später. „Machen Sie sich darauf gefasst, dass die Unterhaltung mit ihm kein Zuckerschlecken wird. Ich kenne solche Typen.“

Die Fahrt nach Köln verlief mehr recht als schlecht. Wegen der vielen Baustellen waren sie eine gefühlte Ewigkeit unterwegs. In Köln kamen sie sehr spät an und nur durch Georgs Beziehungen zu einem guten Griechen bekamen sie etwas zu essen. Natürlich übernachtete Leo wieder bei Georg.

Als Leo und Georg am nächsten Morgen um Punkt 9.00 Uhr in das Büro Bernhard Meyers vorgelassen wurden, sahen sie zu ihrem Erstaunen, dass zwei berühmte Anwälte, die Leo aus den Medien kannte, in der Sitzgruppe saßen und offensichtlich zur Befragung zugezogen wurden. Bernhard Meyer war auch bei Weitem nicht mehr so freundlich wie bei ihrem letzten Besuch.

„Jetzt bin ich aber gespannt, was Sie noch von mir wollen, Herr Schwartz. Ich dachte, wir hätten alles besprochen,“ sagte er ärgerlich und blickte demonstrativ auf seine teure Uhr. „Ich bin ein vielbeschäftigter Mann und sehe diese Befragungen als reine Zeitverschwendung an.“

„Sie hatten bei unserem letzten Besuch ausgesagt, dass Sie in der Nacht des 14. Juni vor Sylt alleine auf Ihrem Boot waren. Natürlich abgesehen von der Crew, die aus sieben Personen besteht. Ist das so richtig?“

Bernhard Meyer sah zu seinen Anwälten, die beide kaum merklich mit arroganter Miene nickten.

„Ja Herr Schwartz, genau so war es auch. Ich war mit meiner Crew allein an Bord. War das alles? Deshalb belästigen Sie mich erneut? Das ist doch nicht zu fassen!“

„Nicht ganz Herr Meyer,“ fuhr jetzt Georg fort und Leo freute sich innerlich, dass der Abgeordnete jetzt gezwungen war, mit Georg zu reden.

„Wir haben einen Zeugen, der glaubhaft ausgesagt hat, dass außer Ihrer Crew noch weitere Personen bei Ihnen an Bord waren.“

„Dann irrt sich dieser Mann,“ sagte Meyer zu Leo gewandt. „Ich denke, wir können hier abbrechen. Sie stehlen mir mit dieser albernen Fragerei meine Zeit.“ Meyer wurde für einen Moment unsicher.

„So einfach geht das leider nicht, Herr Meyer,“ fuhr Georg fort. „Wir haben die glaubhafte Aussage eines Zeugen und die ist nicht so einfach vom Tisch zu wischen. Als Verfechter von Recht und Gesetz werden Sie sicher verstehen, dass wir jeder Spur nachgehen müssen.“

Der Abgeordnete sah zu seinen Anwälten, die wieder leicht mit dem Kopf nickten.

„Nein, ich bestehe darauf,“ schrie er jetzt und bekam einen roten Kopf, „ich war alleine an Bord und damit basta. Ihr Zeuge ist ein Lügner. Oder wollen Sie etwa meine Aussage in Frage stellen?“

„Wir müssen darauf bestehen, dass wir eine glaubhafte Aussage haben, die Ihrer Aussage widerspricht. Da Sie auf Ihrer Aussage beharren, müssen wir die Befragung mit einer Gegenüberstellung auf dem Polizeipräsidium fortführen,“ sagte Georg und dem Abgeordneten Meyer blieb der Mund offen stehen.

„Du kleiner Bastard,“ schrie Bernhard Meyer ungehalten und die Anwälte stöhnten laut auf. Sie versuchten erfolglos, ihren Mandanten zu bremsen. Meyer war wütend und in diesem Zustand war es unmöglich, ihn zurückzuhalten. „Was erlaubst du dir eigentlich?“, fuhr Meyer fort und kam Georg nun bedrohlich nahe, wobei sein knallroter Kopf zu platzen drohte. „Du stellst meine Aussage in Frage und möchtest eine Gegenüberstellung? Mit mir? Du Missgeburt nimmst jetzt deinen Negerfreund und verpisst dich ganz schnell. Haben wir uns verstanden? Und wage es ja nicht, hier noch einmal aufzutauchen!“

Ohne ein weiteres Wort standen Leo und Georg auf und verließen irritiert über diesen Wutausbruch ohne einen weiteren Gruß das Büro.

„Wie geht es dir, Georg? Es tut mir sehr leid, was passiert ist,“ sagte Leo, als sie zum Wagen gingen.

„Du musst dich nicht entschuldigen, du hast keine Schuld daran. Es gibt immer wieder Menschen, die in ihrer Entwicklung stehen geblieben sind. Das macht mir nichts aus. Zumindest haben wir den Abgeordneten jetzt am Arsch und nun muss er uns sagen, wer mit ihm an Bord war.“ Georg grinste zufrieden.

„Und wie willst du das anstellen? Die Anwälte werden alles bestreiten und ich als Zeuge werde gegen den Abgeordneten nicht ausreichen.“

„Ja, das ist mir klar,“ sagte Georg und zog triumphierend ein Diktiergerät aus der inneren Jackentasche. „Aber damit haben wir ihn.“ Er spulte zurück und sie konnten sich noch einmal den Wutausbruch des Herrn Abgeordneten anhören.

Am Abend wählte Leo die Nummer eines der Anwälte Meyers.

„Hier Leo Schwartz, Polizei Ulm, guten Abend. Wir haben uns heute beim Abgeordneten Meyer kennengelernt. Die Befragung ist, nun sagen wir es mal vorsichtig, unschön ausgegangen. Ich möchte Sie bitten, Ihrem Mandanten mitzuteilen, dass wir ihn morgen früh um Punkt 9.00 Uhr im Polizeipräsidium Köln Zimmer 12 sehen möchten. Würden Sie das Ihrem Mandanten mitteilen? Selbstverständlich dürfen Sie ihn gerne begleiten.“

Der Anwalt lachte gequält. Es war klar, dass der Wutausbruch seines Mandanten ein Nachspiel haben würde.

„Ich glaube nicht, dass Sie irgendwelche Forderungen stellen können. Selbst nach dem, was heute passiert ist. Mein Mandant, mein Kollege und ich werden alles abstreiten. Es hat nichts gegeben.“

Leo drückte auf PLAY des Diktiergerätes, hielt es an die Hörmuschel und ließ das ganze Band abspielen.

„Ich glaube, ich kann sehr wohl Forderungen stellen. Oder wollen Sie wirklich riskieren, dass das Band in die Öffentlichkeit gelangt? Ich bin mir sicher, dass es Leute gibt, die ganz scharf darauf sind. Stehen nächstes Jahr nicht Wahlen an?“

„Gut, Sie haben gewonnen und bestimmen die Spielregeln. Ich werde mit meinem Mandanten sprechen. Wir werden morgen um 9.00 Uhr bei Ihnen sein, Sie können sich darauf verlassen.“

Leo und Georg amüsierten sich köstlich über die günstige Wendung. Georg hatte genau den richtigen Riecher gehabt. Beide hofften darauf, dass sie durch die Befragung Meyers einen Schritt weiterkommen, denn sie hatten keinen blassen Schimmer, was das alles sollte. Sie hatten es zwischenzeitlich mit zwei Leichen zu tun: Maximilian von Kellberg und Tim Mahler. Nadine Siebert wurde vermisst. Sie hatten beide die Befürchtung, dass sie bislang nur an der Oberfläche gekratzt hatten. Wer wusste, was sie noch alles erfahren und aufdecken würden.

12.

„Guten Morgen, Herr Meyer,“ sagte Leo, als dieser mit seinen beiden Anwälten pünktlich um 9.00 Uhr in den Verhörraum eintrat.

„Auch ich grüße Sie,“ rief Georg ebenfalls freundlich und er bot den dreien Plätze ihnen gegenüber an. Meyer murmelte nur etwas Unverständliches und nahm zwischen seinen Anwälten sichtlich missgelaunt Platz.

„Herr Meyer“, sagte Georg und stellte mitten auf den Tisch ein Tonbandgerät und schaltete es ein. Als er den Blick des Abgeordneten sah, sagte er: „Ich weise Sie darauf hin, dass wir die Befragung aufzeichnen.“

„Wir wurden bei unserer gestrigen Befragung unterbrochen und knüpfen nun direkt daran an. Wir haben die Aussage eines Zeugen, dass Sie an dem fraglichen Tag, und zwar handelt es sich um den 14. Juni dieses Jahres auf Sylt, nicht wie Sie sagten alleine an Bord Ihres Bootes waren, sondern außer den Mitgliedern Ihrer Crew noch weitere Gäste anwesend waren. Was sagen Sie dazu?“

Der Abgeordnete druckste herum, kramte in der Tasche seines Jacketts und übergab Leo wortlos ein Blatt Papier.

„Sie müssen schon etwas dazu sagen, Herr Meyer,“ sagte Georg, „sonst ist die Tonbandaufnahme überflüssig.“

„Ja, verdammt,“ schrie der Abgeordnete und wurde gleich von seinen Anwälten zurückgehalten. Der brauchte keine Anwälte, sondern Bodyguards. „Es stimmt,“ fuhr er mit ruhigerem Ton fort, „ich war mit zwei Freunden an Bord. Ich habe die Namen und Adressen auf den Zettel geschrieben, den ich Ihnen gerade übergeben habe. Es handelt sich bei meinen Gästen um Paul Haller und Karl Kippler.“

„Warum haben Sie so ein Geheimnis daraus gemacht und dies nicht gleich zu Protokoll gegeben, als wir Sie danach fragten?“ Georg genoss die Situation sichtlich. Der Abgeordnete sah ihn zwar nicht an, aber er musste ihm zuhören und ihm antworten.

„Es handelt sich bei den beiden Personen um einflussreiche Geschäftsfreunde und ich wollte deren Namen aus dieser Geschichte heraushalten. Sie als Beamte können das natürlich nicht nachvollziehen. Sie haben Ihren kleinen sicheren Job und Ihr kleines Einkommen und spielen sich hier als großen Helden auf. Wer denken Sie bezahlt Ihr Gehalt?“ Georg unterbrach unbeeindruckt den Redeschwall.

„Was war der Grund dieser Geschäftsreise?“

„Was geht Sie denn das an? Sie haben doch jetzt, was Sie wollten, was wollen Sie denn noch?“

„Herr Meyer, Sie haben uns, was die Gäste auf Ihrem Boot betreffen, nicht die Wahrheit gesagt. Es könnte also sein, dass Sie uns vielleicht in anderen Dingen auch nicht die Wahrheit gesagt haben,“ sagte Georg und Leo konnte zusehen, wie das Gesicht des Abgeordneten immer mehr an Farbe zunahm.

„Wollen Sie damit sagen, dass ich ein Lügner bin, Sie ...“ Weiter kam er nicht, da ihn seine Anwälte umgehend zurückhielten.

„Es tut mir leid, wenn ich Sie verärgert habe. Ich hätte meine Frage etwas anders formulieren sollen, entschuldigen Sie bitte. Ich wollte wissen, ob Sie irgendetwas, entgegen Ihrer Aussage, gesehen oder gehört haben oder vielleicht doch an Land gingen?“

„Nein, ich habe nichts gesehen oder gehört. Und weder ich, noch einer meiner Freunde sind an Land gegangen. Wir haben uns an Bord amüsiert, haben gegessen, getrunken und uns unterhalten. Kurz gesagt: Wir haben einfach mal ausgespannt. Das ist ja wohl nicht verboten, oder? In meinem Beruf ist man auf einflussreiche Menschen angewiesen, deren Freundschaften man auch pflegen muss. Aber was verstehen Sie davon.“

„Gut, Herr Meyer, dann war es das schon. Wir setzen uns mit den beiden von Ihnen genannten Personen in Verbindung, um Ihre Aussage zu prüfen.“ Georg beugte sich vor, direkt vor das Tonbandgerät und sagte: “Ich möchte mich herzlich bei Ihnen für Ihre freundliche Kooperation bedanken.“

In Georgs Büro machten sich die beiden sofort an die Arbeit. Die Befragung der beiden Freunde des Abgeordneten wurde an Polizeibeamten der dortigen Polizeistationen übergeben. Haller und Kippler bestätigten die Aussage des Abgeordneten. Sie gaben an, zur fraglichen Zeit an Bord des Abgeordneten gewesen zu sein. Beide hatten nichts gesehen und gehört und beide verneinten auch, an Land gewesen zu sein. Georg holte mehr Informationen über die Gäste des Abgeordneten ein. Es handelte sich zum einen um Paul Haller, einen reichen Industriellen aus Bochum, und zum anderen um Karl Kippler, den Inhaber einer noblen Restaurantkette aus Frankfurt. Beide waren beruflich sehr erfolgreich.

„Hat sich dieser Julius Bernrieder immer noch nicht gemeldet?“, wollte Georg wissen.

„Nein, bis jetzt noch nicht. Ich hake nochmal nach.“

Leo telefonierte mit Julius‘ Mutter, die immer noch nichts von ihrem Sohn gehört hatte und auch keine Ahnung hatte, wo er sich aufhalten könnte. Sie machte sich nicht die geringsten Sorgen.

„Mein Julius ist ein sehr selbstständiger Mensch, dem ich blind vertraue. Es ist nicht das erste Mal, dass er für mehrere Tage nicht nach Hause kommt,“ sagte sie schnippisch. Es kam für sie nicht in Frage, ihm hinterherzutelefonieren, was in ihren Augen einer Kontrolle glich. „Ich möchte Sie bitten zu warten, bis sich mein Sohn meldet.“ Sie legte auf.

„Na deren Nerven möchte ich haben,“ sagte Georg, als Leo von dem Telefongespräch berichtete. „Maximilian und Tim sind tot, und sie macht sich keine Sorgen.“

Leo überprüfte die beiden Freunde des Abgeordneten, Haller und Kippler, intensiver. Schließlich rief er laut: „Bingo“, sodass Georg erschrocken zusammenzuckte.

„Ich habe etwas bei Karl Kippler gefunden. Das liegt zwar schon einige Jahre zurück, ist aber trotzdem nicht uninteressant. Er bekam eine Anzeige wegen Anstiftung zur Körperverletzung mit Todesfolge, die aber fallengelassen wurde. Mehr gibt die knappe Information nicht her. Ich fordere die Akte an, dann erfahren wir mehr.“

„Und Haller? Was ist mit dem?“, fragte Georg gespannt.

„Fehlanzeige. Der ist blütenweiß.“

Leo telefonierte mit der zuständigen Behörde in Frankfurt und bat, ihm die Akte per Fax zukommen zu lassen. Man versprach, sich umgehend darum zu kümmern. Anstelle der Unterlagen bekam Leo zwei Stunden später einen Anruf, wobei er sich sehr aufregte.

„Die Akte ist verschwunden!“

„Verschwunden? Das gibt es doch nicht, da ist doch was faul.“

„Das denke ich auch. Nicht mit mir. Die ganze Sache liegt nach meinen Informationen 18 Jahre zurück. Ich fahre nach Frankfurt und suche Zeugen.“ Leo war stinksauer. Es war bisher noch nie vorgekommen, dass eine Akte einfach so verschwand.

Georg reagierte auf Leos Aussage mit Kopfschütteln.

„Vergiss dein Vorhaben. Weißt du eigentlich, wie groß Frankfurt ist? Wie willst du nach so vielen Jahren noch Zeugen finden?“

„Aus dem Computervermerk ist die zuständige Gerichtsadresse und die frühere Adresse von Kippler ersichtlich. Vielleicht finde ich ehemalige Kollegen, Angestellte, Nachbarn oder Verwandte? Irgendjemand weiß vielleicht noch was. Was haben wir denn für eine Alternative? Wir haben noch die winzig kleine Hoffnung, dass Julius Bernrieder den Unbekannten auch gesehen hat, mit dem Maximilian gesprochen hat und ihn beschreiben kann. Ich kann mir das nicht vorstellen. Nach seiner Aussage ging er gegen 22.00 Uhr zu Bett, die Begegnung mit dem Unbekannten war weit nach Mittnacht. Das wäre ein großer Zufall, ich glaube nicht daran. Wir haben nur Frankfurt, mehr haben wir nicht.“

„Du hast Recht. Albert Steinberger, der uns einiges erklären könnte, ist immer noch nicht aufgetaucht. Gut, fahren wir nach Frankfurt, obwohl ich das für ziemlich blauäugig halte. Ich würde aber vorschlagen, dass wir vorsichtshalber niemanden von unserem Vorhaben berichten, um schlafende Hunde nicht zu wecken. Wie sollten wir das auch erklären? Wir sind auf dem Handy erreichbar und nach Frankfurt ist es wirklich keine Riesenstrecke, das sind nur ungefähr zwei Stunden Fahrt.“

„Einverstanden. Von mir aus kann es losgehen.“

Leo freute sich, dass ihn Georg trotz seiner Bedenken unterstützte. Gemeinsam war die Chance höher, etwas herauszufinden. Die Zusammenarbeit mit Georg genoss er sehr, sie arbeiteten Hand in Hand und waren vom selben Schlag.

Leo notierte sich die damalige und heutige Adresse von Karl Kippler, sowie die Anschriften einiger Verwandter, die er im Polizeiarchiv, bei der Frankfurter Meldebehörde und im Internet finden konnte. Er hatte Bedenken wegen seines Vorgesetzten, den er nicht von der Reise nach Frankfurt unterrichtete. Er wusste nicht, wie er diese Reise rechtfertigen sollte, denn eigentlich war das eine viel zu vage Spur. Aber was hatten sie sonst für Möglichkeiten? Er beschloss, dass er sich später um dieses Problem kümmern würde. Ärger würde es auf jeden Fall geben, darüber waren sich beide im Klaren.

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