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Ino Weber
Carl Friedrich von Weizsäcker Ein Leben zwischen Physik und Philosophie

Ino Weber
Carl Friedrich
von Weizsäcker
Ein Leben
zwischen Physik
und Philosophie

ISBN 978-3-86191-025-1
Deutsche Originalausgabe
1. Auflage
© 2012 Crotona Verlag GmbH & Co.KG
Kammer 11 • D-83123 Amerang
www.crotona.de
Umschlaggestaltung: Annette Wagner
Titelphoto mit freundlicher Genehmigung
der Carl Friedrich von Weizsäcker-Gesellschaft
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Inhalt
Zur Persönlichkeit – Lebenslauf und Familie
Physik
Die Quantentheorie als wissenschaftliche Revolution
Weizsäckers Leistungen als Physiker
Wissenschaft und Wirklichkeit im Licht der Quantentheorie
Die unvollendete große Einheitstheorie
Politik
Theoretische Politik – Macht an sich und ihre menschliche Tragik
Mitarbeit am Uran-Projekt im 2. Weltkrieg
Der Friedensforscher – Theorie und Praxis („Göttinger Erklärung“)
Das Starnberger Institut – ein gesellschaftspolitisches Denklabor
Wissenschaft und Politik
Philosophie
Weizsäcker und die Griechen – die Liebe zu Platon
Die Vernunft der Affekte – Probleme der Rationalität
Religion
Religion in Toleranz – Weizsäckers theologische Haltung
Meditation: Theorie und Praxis
Nachwirkungen
Anhang 1
Anhang 2
Anhang 3
Literatur
Vorwort
Carl Friedrich von Weizsäcker war ein Mann der Wissenschaft, der aufgrund seines philosophischen und politischen Sachverstandes oft um Rat gefragt wurde. Er war als Redner zu allen möglichen Anlässen – und keineswegs nur auf wissenschaftlichen Fachtagungen –, sehr begehrt. Weizsäcker besaß jedoch nicht nur eine ungemein vielseitige fachliche Kompetenz, sondern er strahlte auch eine angenehme menschliche Wärme aus. Diese persönliche Ausstrahlung von Besonnenheit, Würde und Menschlichkeit war in der Hektik und Ungeduld der modernen Welt eine ebenso wohltuende wie seltene Eigenschaft.
Weizsäcker war eine Ausnahmeerscheinung – als Wissenschaftler und als Mensch! Auf so unterschiedlichen Feldern wie Physik, Philosophie und Politik hat er Wegweisendes geleistet. Dabei erstreckte sich sein Engagement jeweils bis weit ins Private. Er tauchte voll und ganz in die jeweiligen Welten ein. Sein Wissen um die großen Zusammenhänge wuchs stetig an, und er wollte es mitteilen, möglichst ein größeres Publikum inspirieren.
Der eigentliche Grund für Weizsäckers Ausrichtung auf eine größere Öffentlichkeit lag sicher in seinem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein, denn er hielt es für seine wichtigste Pflicht, vor dem drohenden Dritten Weltkrieg zu warnen und positiv auf die Politik einzuwirken, sie für das Friedensproblem und seine eigentlichen Ursachen zu sensibilisieren. Es war sein sehnlichster Wunsch, die Menschen zur Einsicht zu führen und ein neues Bewusstsein für alle großen Weltprobleme zu befördern. Dabei bildeten die Intellektuellen und die Politiker Weizsäckers erklärte Zielgruppe, besonders für sie waren seine anspruchsvollen Erkenntnisse und Analysen gedacht. Doch seine vielfältigen Themen sowie sein überaus klares und gründliches Denken vermochten weite Kreise der Bevölkerung anzusprechen. Dies beweisen die immer sehr gut besuchten Vorträge und der große Erfolg seiner Bücher.
Wissenschaftliche Genauigkeit ist sicher ein Markenzeichen dieses großen Denkers, und so kann es nicht verwundern, wenn seine Aussagen für manche Leser oft schwer verständlich sind. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass Weizsäcker stets in größtmöglichem Respekt vor der Wahrheit dachte und handelte. Philosophisch und politisch voll und ganz der Wahrheit verpflichtet, im strikten Bemühen um Redlichkeit, gab er kaum wirkliche Empfehlungen, aber viele Anregungen für ein neues, modernes Denken und Handeln. Er zwang den Menschen zum selbstständigen Nachdenken und wollte ihn zudem auch zur Selbstkritik anleiten.
Carl Friedrich von Weizsäcker war kein Gesellschaftskritiker im eigentlichen Sinn, schon gar kein Moralist, der etwas besser als andere wissen wollte, sondern er praktizierte an sich selbst die härteste Selbstkritik. Dieser Charakterzug disziplinierte ihn zu extrem gründlichem Denken, immer auch aus der Sicht der Gegenparteien, und förderte auf diese Weise zahlreiche wertvolle Erkenntnisse zutage.
Ziel dieser Studie ist es, nicht nur die rein wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern auch die persönlichen Thesen und Ansichten, ja die tiefsten Ahnungen dieses großen Denkers transparenter zu machen und zusammenzufassen. Interdisziplinäres Forschen, offenes Denken in wirklich alle Richtungen sowie die Freiheit des Geistes vor dem Hintergrund tiefer Menschlichkeit, das ist, in wenigen Worten umrissen, die Ganzheit, um die es Weizsäcker zeitlebens ging. Religion war ihm ein außerordentlich wichtiges Feld – und keinesfalls nur aus intellektueller Perspektive. Er sprach freimütig von eigenen Erlebnissen, aber auch von der Entwicklung seines persönlichen Glaubens. Auch diese Seite seines Lebens werden wir nachzuzeichnen versuchen.
Weizsäckers tiefe Menschlichkeit wird erst dann voll verständlich, wenn man sein Gefühl für die religiöse Wahrheit, seine Achtung vor den höchsten Fragen des Geistes, seine eigene Spiritualität, vielleicht sogar das persönliche Gespür für die göttliche Gegenwart im Dasein, im Kosmos sowie im Wesenskern der Menschen, gebührend berücksichtigt.
Zweifellos kam auch eine gesteigerte Geistigkeit in Weizsäcker selbst zum Ausdruck. Man sah dies schon an den Gesichtszügen, und man hörte es am überlegen ruhigen Sprechen, besonders auch am wohltuend warmen Tonfall seiner Stimme.1
Er war ein Suchender und ein Wissender, sich wohl bewusst, dass man nie vollständig zu Ende denken kann. Man darf angesichts seines Werkes und seiner persönlichen Ausstrahlung vielleicht annehmen, dass dieser Mann mehr als bloß eine Ahnung von den höchsten Ebenen des Geistes besaß – und genau darum kann er durchaus als moderner Weiser bezeichnet werden.
Ein guter Wissenschaftler muss neue Thesen aufstellen und ungewöhnliche Gedankengänge wagen. Die übliche Methode dafür ist, nach Analogien zu suchen. Dies beherrschte Weizsäcker absolut meisterhaft, da er die Themen in ihrer komplexen Tiefendimension überblickte. Dies machte noch etwas anderes erst möglich: Weit über den Tellerrand der Physik, aber auch über die üblichen Deutungen von politischen, wirtschaftlichen und historischen Zusammenhängen hinaus zu schauen. Weizsäcker tat dies mit unvergleichlicher Akribie und Sorgfalt, doch auch mit dem großen Mut für wirklich kreative, ja sogar zukunftsweisende Denkansätze. Die folgenden Ausführungen orientieren sich an einem relativ groben Schema, analog zu Weizsäckers Hauptthemen: Physik, Politik, Philosophie und Religion. Seine Interessens- und Arbeitsgebiete waren sehr differenziert, und die genannte Einteilung kann dies nur schlagwortartig andeuten. Sie erleichtert aber den Zugang.
Alle wichtigen wissenschaftlichen Sachgebiete hatte er in Grunderkenntnissen stets präsent, so dass er aus dem Stehgreif darüber sprechen konnte. Zudem vermochte er die notwendigen Querverbindungen herzustellen, um seinen Zuhörern, ebenso wie den Lesern seiner tiefschürfenden Texte, eine Erkenntnis auf höchstem Niveau, gleichsam eine ganzheitliche Erkenntnis, zu ermöglichen. Das Talent, gut zu sprechen und sich klar auszudrücken, ist auch unter hochkarätigen Wissenschaftlern äußerst selten. Aufgrund seiner vielseitigen Begabungen und Interessen war es fast unvermeidlich, sich auch auf dem Gebiet philosophischer Grundfragen zu bewegen. Besonders dieses Interesse gereicht uns heute zum Vorteil, denn wir können die allgemeinen Gedankengänge, die sich hier finden lassen, auf das praktische Leben beziehen und somit leichter aufnehmen. Seine schonungslos vorgebrachte und gut begründete Kultur- und Ideologiekritik zeigt bereits die entscheidenden Ansatzpunkte, um eine bessere Zukunft zu gestalten, und insofern eröffnet sie weitreichende Perspektiven. Nicht nur von den Regierenden, sondern von der gesamten Gesellschaft forderte er ein radikales Umdenken, einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel. Das Kapitel „Wissenschaft und Politik“ zeigt im Detail, was er kritisierte und forderte, während das Schlusskapitel „Nachwirkungen“ den Blick auf die praktische Nutzanwendung der Weizsäckerschen Gedanken lenkt und dabei auch eine etwas freiere Deutung wagt.
Weizsäcker regt zum Nachdenken an. Er vermag dies aufgrund seiner Persönlichkeit, noch mehr aber durch seine Themenwahl. In der Philosophie, speziell in den klaren Konzepten zur modernen Ethik, liegt sicher die größte Nachwirkung seines Lebens. Weizsäcker war ein das eigene Denken fördernder Philosoph. Zurückhaltend in seinen Forderungen an andere, gab er aus Prinzip keine konkreten Handlungskonzepte oder Empfehlungen, und daher entwickelte er auch kein geschlossenes philosophisches System. So sind wir auf Deutungen angewiesen, die einerseits den Geist richtig erfassen, andererseits zur konkreten Praxis überleiten können.
Klugheit ist keine Charaktereigenschaft, sondern ein Umstand, der teils in die Wiege gelegt wird, den man sich aber zum größeren Teil durch harte Arbeit erwerben muss. Klugheit an sich kann andere Menschen kaum beeindrucken, wirkt oft sogar sehr abstoßend. Bei Weizsäcker jedoch wirkte sie nie auf diese negative Weise. Menschliche Wärme, Verständnis, Toleranz und stete Lernbereitschaft, das waren seine herausragenden Charaktereigenschaften. Ein entscheidend wichtiges Element kommt noch hinzu – Weizsäckers tiefe Gläubigkeit. Diese legte er in freier Denkweise offen dar, intensiv und authentisch, vom Intellekt kontrolliert, doch ehrlich bewegt. Er hat seinen christlich-protestantisch geprägten Glauben mutig zum Ausdruck gebracht, sogar öffentlich. Als Freidenker war er sehr aufgeschlossen für alle Weltreligionen und ihre jeweiligen Blickwinkel auf die Wahrheit. Er meditierte täglich und zog daraus nicht nur Kraft, sondern auch geistige Erkenntnisse. Erst in dieser außergewöhnlichen Kombination entsteht der Mensch Carl Friedrich von Weizsäcker als Ganzheit. Dieses Zusammenwirken aus Wissen und Gefühl, die Paarung aus suchender Willenskraft und Gelassenheit, aus Hoffnung und gesundem Skeptizismus, macht ihn zum Vorbild für viele. Er kann mit Fug und Recht als Wegbereiter unseres modernen Zeitalters betrachtet werden, der die Wissenschaft in neuem Licht erscheinen lässt, aber auch vor ihren Gefahren ausgiebig warnt. Doch er versäumt nicht, die notwendige Besinnung auf menschliche Werte, auf eine universelle Ethik, als positives Gegengewicht in Erinnerung zu rufen.
Wie kaum ein anderer dachte Carl Friedrich von Weizsäcker vorrangig global. Er war ein Weltbürger, dem die ganze Menschheit am Herzen lag, der aber im selben Maß jeden einzelnen Menschen als eigenständiges Individuum wahrnahm und respektierte. Was wirklich beeindruckend ist: Weizsäcker lebte diese Ethik mustergültig vor, als ungemein fleißiger Arbeiter in den endlosen Welten des Geistes. Sein Streben und Wirken reichte bis weit in die reale Politik hinein. Alle diese Aktivitäten übte er sehr bewusst, dezent und zurückhaltend aus, immer auf die Wahrheit und eine möglichst gute und seriöse Wirkung bedacht. Weizsäcker trug sein Wissen und sein geistiges Innenleben aktiv nach außen, in Reden und Vorträgen, im Briefwechsel mit namhaften Persönlichkeiten und vor allem in zahllosen Gesprächen, die er bereitwillig suchte. Diese Form der Aktivität ist nicht nur wissenschaftlich geprägt, sie ist vom philosophischen Willen nach einer wirklichen Erfahrung, speziell der Erfahrung des allgemein Menschlichen, beseelt. Carl Friedrich von Weizsäcker war und ist ein Vorbild, ein vorbildlicher Mensch mit charakterlicher Größe. Sein Werdegang ist einzigartig. Was man aber sehr wohl übernehmen oder jedenfalls stark auf sich wirken lassen kann, ist sein humanistisches Denken, getragen von nüchterner Vernunft und liebevoller Weitsicht. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, dieses wichtige, aber im alltäglichen Gang der Gesellschaft und Wirtschaft leider oft völlig missachtete Gebot, bekommt in der Person Weizsäckers eine neue und sehr reale Bedeutung.
Es gibt nur sehr wenige Menschen der Neuzeit, die man mit Recht als weise bezeichnen kann. Bei Carl Friedrich von Weizsäcker darf es geschehen, ohne sich einer Übertreibung schuldig zu machen; denn das Element der Klugheit tritt deutlich zurück hinter einer wahrhaft philosophischen Lebenshaltung. Auf seine vornehme, zurückhaltende Art übte er sehr wohl auch Kulturkritik. Dies war aufgrund seiner klaren Analyse der Wirklichkeit unausweichlich. Jedoch blieb er überaus selbstkritisch und bescheiden, lebte eine absolut mustergültige Haltung vor. Was kann die Nachwelt von einem Universalgelehrten solchen Ranges lernen? Diese Studie will eine Antwort versuchen, versteht sich aber vorrangig als Schlüssel zu Weizsäckers gewaltigem geistigen Werk.
Zur Persönlichkeit
– Lebenslauf und Familie
Kindheit, Jugend
und wissenschaftliche Karriere in Grundzügen
Carl Friedrich von Weizsäcker wurde am 28. Juni 1912 in Kiel geboren und starb im Alter von 94 Jahren in Starnberg bei München, nur zwei Monate vor Vollendung des 95. Geburtstags.
Kiel war nur eine Zwischenstation im beruflichen Werdegang des Vaters Ernst von Weizsäcker (bis 1918 Marineoffizier). Schon 1915 lebte die Familie wieder in Stuttgart, wo beide Elternteile ursprünglich herstammten. Dort wuchs auch der junge Carl Friedrich auf. Heimatgefühle verband er daher zeitlebens mit dieser Stadt und mit der Württembergischen Landschaft, trotz des Geburtsortes im hohen Norden Deutschlands.
Stuttgart kann sogar als Zentrum und Stammsitz der weitverzweigten Weizsäcker-Familie gelten. Schließlich war der Großvater, Karl Hugo von Weizsäcker, von 1906 bis 1918 Präsident des Württembergischen Staatsministeriums (vergleichbar mit dem Amt eines Ministerpräsidenten). Im Jahr 1916 wurde der hochdekorierte Großvater, ein sehr angesehener Staatsmann, von König Wilhelm II. von Württemberg mit der erblichen Freiherrnwürde geadelt. Somit war auch der Enkel Carl Friedrich in den Adelsstand erhoben.
Im verträumten Städtchen Oehringen, gelegen im Hohenloher Land (zwischen Neckar und Tauber), kommt der gesamte „Weizsäcker-Clan“ alle fünf Jahre zusammen. Die Tradition, das Familientreffen in Oehringen abzuhalten, besteht seit 1967. Der organisatorische Aufwand ist enorm, denn schließlich treffen sich jeweils weit über einhundert Personen, oft hochrangige Persönlichkeiten mit dicht gefülltem Terminkalender, die aus aller Welt anreisen.2
Die Mutter Marianne, eine geborene von Graevenitz (1889-1983), lebte bis zu ihrem Tod in der württembergischen Heimat, und der erwachsene Sohn ließ es sich nicht nehmen, sie so oft wie möglich zu besuchen. Im Elternhaus herrschte eine sehr tolerante und liebevolle Atmosphäre. Über Politik wurde eifrig diskutiert, denn schließlich war der Vater, Ernst von Weizsäcker, seit 1919 als Diplomat tätig. Man besaß also auch Informationen aus erster Hand.
Über die frühe Kindheit ist nicht viel zu berichten. Es versteht sich von selbst, dass der Erste Weltkrieg (1914-1918) eine nachhaltige Wirkung auf den Jungen ausübt, obwohl er die Vorgänge geistig noch nicht zuordnen kann. Gerade in den Kriegsjahren verbringt Carl Friedrich viel Zeit zusammen mit dem Großvater in Stuttgart. Die beiden verstehen sich offenbar prächtig. Sie scherzen miteinander: Der Alte nennt ihn „Spitzbub“ und der Junge kontert frech, schimpft ihn einen „Spitzgroßpapa“. Beim gemeinsamen Pilzesammeln im Wald begeistert sich der Opa für ein sehenswertes „Parlament“ von Steinpilzen. Das Politische wird Carl Friedrich von Weizsäcker von frühester Kindheit an nahegebracht, vom Vater gibt es diesbezüglich einige lehrhafte Unterweisungen, später auch für den kleinen Richard. Ein ebenso liebevolles Verhältnis bestand zu den beiden Onkeln Viktor von Weizsäcker und Fritz von Graevenitz. Letzterer war Bildhauer. Vor allem bei ihm entwickelt der begabte Schüler und angehende Wissenschaftler einen ausgeprägten ästhetischen Sinn, ein Gespür für die künstlerische Haltung sowie für die Bedeutung von Kunst und Kreativität.
Der Onkel väterlicherseits, Viktor von Weizsäcker, war ein fortschrittlicher Arzt, ein Neurologe und Psychologe mit besonderem Hang zur Anthropologie und Philosophie. Psychosomatische Medizin ist zur damaligen Zeit ein weitgehend unbekanntes Fachgebiet. Sein Onkel Viktor hat sogar eine völlig neue ganzheitliche Methode erfunden, die sogenannte Gestalttherapie. Der junge Mann gewinnt entscheidende Einblicke, denn er erhält die Information gewissermaßen aus erster Hand. Carl Friedrich von Weizsäcker schreibt über seinen Onkel: Er „öffnete mir unerlässlich wichtige Horizonte“.3 In späteren Jahren setzte sich Weizsäcker noch sehr intensiv mit diesem Gedankengut auseinander, las die Schriften des Onkels mit großer Aufmerksamkeit und kam, wie immer, während der Analyse zu eigenen Erkenntnissen und Überzeugungen: „Jahrzehntelang konnte ich über Äußerungen von ihm meditieren.“
Gerade im Gespräch, in der Diskussion mit den Erwachsenen, deren Umgang er von klein auf bevorzugt, entsteht Weizsäckers sehr differenziertes Urteilsvermögen. Wissbegier ist ein Charakterzug, der sich bei ihm sicher auch mit den familiären Verhältnissen erklären lässt. Doch die Intensität seiner urpersönlichen Gefühlslage, sein unablässiges Drängen und der unbezähmbare Wille, stets ein ganzheitliches Wissen zu erlangen, bleibt ein bemerkenswertes Phänomen.
Da ist ein achtjähriger Junge, der inständig wissen möchte, wie alles zusammenhängt, der das Ganze zu ergründen trachtet, freilich ohne sich dieses Streben schon geistig klar bewusst machen zu können. Das „Ganze“ versteht er zunächst auch mehr kosmologisch, nicht philosophisch. Es ist das Weltall, das ihn fasziniert, weil es eine unbegreifliche Ganzheit widerspiegelt. Als 12-jähriger, frisch ausgestattet mit einer Sternenkarte, geht er in die Nacht hinaus, um Beobachtungen anzustellen, und hat dabei ein intensives religiöses Erlebnis. Neben der intellektuellen Veranlagung spricht dies für eine besondere Gefühlsintensität.
Die große Leidenschaft für Astronomie ist sehr auffällig, und sie gipfelt im klar geäußerten Wunsch, dieses Fach einmal zu studieren. Keine Frage, dass diese Leidenschaft eng mit der Wissbegier zusammenhängt, speziell mit der philosophischen Neugier für die Urgründe und den Sinn des Daseins. Ein tiefes Gefühl für Schönheit und Gesetzmäßigkeit schwingt ebenfalls dabei mit.
Ob das Kind mehr oder weniger deutliche Ansätze zur Genialität zeigt, lässt sich heute nur schwer beantworten. Carl Friedrich ist sicher kein typisches „Wunderkind“. Doch gewisse Auffälligkeiten sind zweifellos vorhanden, wie z.B. sein geliebtes „Schwätzen“ (schwäbisch „schwätze“), sogar eine Art frühes Dozieren, ein altkluges Benehmen, das jedoch bereits durchaus auf Wissen beruht, und schließlich die Fähigkeit, sich mit Erwachsenen gut unterhalten zu können. Der große Intellekt leuchtet also bereits sehr früh in ihm auf.
In den ersten Schuljahren zeigt er sich als stilles, schüchternes, nach innen gekehrtes Kind. Er ist ein wenig scheu und ängstlich, außerdem auffallend träumerisch. Dem widerspricht nicht der bereits hell auflodernde Ehrgeiz. Das Verhältnis zur Schule ist rein äußerlich schon dadurch erheblich gestört, dass die Familie in jenen Jahren sehr häufig umzieht. Stuttgart – Basel – Den Haag – Kopenhagen – Berlin, so heißen die Stationen von 1915 bis 1929.
Besondere Schulerlebnisse Weizsäckers sind nicht überliefert, vielleicht mit einer Ausnahme: Sein Gespräch mit dem sehr verehrten Lehrer Hilmer von der St. Petri-Realschule in Kopenhagen, der ihm zusätzlich Privatunterricht in Latein und Griechisch erteilte. Weizsäcker selbst berichtete von einem „Begeisterungsausbruch“ während einer solchen privaten Stunde. Anlass dazu war sein gedankliches Abschweifen, nämlich zum Lieblingsthema Weltall. – Diese Größe, dieses Wunder! – Wir können sein wirkliches Gefühl weder nachempfinden noch korrekt wiedergeben. Doch Hilmer ging sogleich darauf ein und ermahnte den Schüler: „Aber vergiss es nie, größer als das Weltall ist dein Geist, Carl Friedrich v. Weizsäcker, der das Weltall zu denken vermag.“ 4 Weizsäcker zitiert diesen Satz in seiner „Selbstdarstellung“, abgedruckt ganz am Ende des Buches „Der Garten des Menschlichen“. Ob der Lehrer seinen jungen Schüler wirklich derart formell mit dem vollen Namen ansprach und ob dieser Satz, aus der Erinnerung hervorgeholt, tatsächlich so formuliert war, ist heute unerheblich. – Der Geist ist größer noch als das Weltall. – Diese Aussage versinnbildlicht auf wunderbare Weise Weizsäckers gesamtes Lebenswerk, seinen persönlichen geistigen Kosmos.
Das Abitur legte Weizsäcker in Berlin ab, wo er 1929 auch das Studium aufnahm. Seine Entwicklung zum Wissenschaftler wird im Kapitel „Physik“ näher beschrieben.5
Viele Anmerkungen, auch einige kleine Geschichten und Anekdoten zur Persönlichkeit Weizsäckers, sind an anderer Stelle dieser Studie eingeflochten. Es sei diesbezüglich vor allem auf das Kapitel „Religion“ verwiesen, doch findet sich reichhaltiges Material auch in Teilen der „Politik“-Kapitel. Dieses Extra-Material ist allerdings nicht in voller Breite dargelegt, sondern es wird meist auf den Kern der Aussage reduziert. Weizsäckers Denken hat erst derjenige wirklich verstanden, der es in eigenen Worten ausdrücken kann. Es geht daher hier primär um das reine Verständnis der Aussagen und darum, auch die komplexeren Gedankengänge in ihrer eigenständigen Logik nachvollziehen zu können. Selbst wenn sich eine Deutung ein wenig vom Original entfernt, bleibt der Sinngehalt das Entscheidende. Statt den allerfeinsten Nuancen des Gesagten nachzuspüren, ist es sinnvoller, zunächst einmal die Bedeutung als solche zu erfassen. Vereinfachung in Maßen kann das effektiv Gemeinte, das zu Sagende, sogar wesentlich deutlicher machen als es einzelne Textpassagen vermögen, die viele Einzelaussagen enthalten, ohne jedoch eine Quintessenz aufzuzeigen. Weizsäcker selbst zieht keine Resümees. Man muss dies nachholen, um seine Gedanken einzufangen, sie geistig zu verarbeiten und vielleicht auch einen praktischen Nutzen daraus zu ziehen.
Die lebensentscheidende Begegnung mit Werner Heisenberg ist im Kapitel „Physik“ nacherzählt, denn dort ist sie thematisch besser aufgehoben. Zu dem genialen Physiker (Nobelpreisträger des Jahres 1932) sollte sich eine lebenslange Freundschaft entwickeln.
| Lebenslauf | |
| Carl Friedrich von Weizsäcker, geb. am 28. Juni 1912 in Kiel. Seit 1937 verheiratet mit Gundalena, geb. Wille (Historikerin) | |
| Eltern: | Ernst v. Weizsäcker (Offizier, Diplomat), Marianne v. Weizsäcker (geb. v. Graevenitz, Krankenschwester) |
| Geschwister: | Adelheid, Heinrich und Richard (geb. 1920) |
| Kinder: | Carl Christian (geb. 1938), Ernst Ulrich (geb. 1939), Elisabeth (1940), Heinrich (1947) |
| 1918-29 | Schulen in Wilhelmshaven, Stuttgart, den Haag, Basel, Kopenhagen, Berlin (1927-1929) |
| 1929 | Abitur in Berlin (Bezirk Wilmersdorf) |
| 1929-33 | Studium der Physik, Astronomie und Mathematik in Berlin (Friedrich-Wilhelm-Universität), ab 1929/30 in Leipzig |
| 1933 | Promotion zum Dr. phil. in Leipzig bei Werner Heisenberg. „Durchgang schneller Korpuskularstrahlen durch ein Ferromagnetikum“ |
| 1936 | Habilitation an der Universität Leipzig. „Über die Spinabhängigkeit der Kernkräfte“ |
| 1936-42 | Assistent am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, ab 1937 auch Dozent für theoretische Physik an der Universität Berlin |
| 1942-44 | Professor für theoretische Physik an der Universität Straßburg |
| 1946-57 | Abteilungsleiter am Max-Planck-Institut für Physik in Göttingen und Honorarprofessor an der Universität Göttingen |
| 1957-69 | Professor für Philosophie an der Universität Hamburg |
| 1970-80 | Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt, Starnberg |
Lebenstationen, Grundhaltungen und Wirkungen
Weizsäcker war in erster Linie Physiker, aber auch Philosoph und Friedensforscher. Obwohl er mit Leib und Seele Wissenschaftler war, engagierte er sich doch auch mit großer Kraft für politische Ziele. Als Philosoph erkannte er früh die Notwendigkeit eines umfassenden Bewusstseinswandels. Von ganz eigenständigem Wert und vielleicht wichtiger als alle tagespolitischen Bemühungen der Berufspolitiker sind seine tiefsinnigen Anregungen für eine Weltinnenpolitik. Frei von jeglichen spekulativen Tendenzen, war Weizsäcker davon überzeugt, dass eine übergeordnete politische Vision durchaus notwendig ist. Mit deutlichen Worten zeigte er auf, was im globalen Interesse geschehen müsse, um eine friedliche, lebenswerte Zukunft zu sichern. Dabei verzichtete er darauf, die mögliche, ja aus seiner damaligen Sicht wahrscheinliche Zukunft im Detail auszumalen. Seine sehr vorsichtige Form einer „Vision“ war getragen von einer fundamentalen Analyse aller relevanten Fakten und Problemlagen. Was er herausfand, ist trotz der veränderten und scheinbar immer rascher fortschreitenden weltpolitischen Voraussetzungen von verblüffender Aktualität. So bilden Weizsäckers Überlegungen und Anregungen im Bereich der Weltpolitik, zumal in der Friedensforschung, ein wertvolles Vermächtnis an die Nachwelt.
Von religiösem Empfinden und klarem Denken gleichermaßen tief geprägt, vertrat Weizsäcker einen hohen moralischen Anspruch. Er legte den Finger in die Wunde, übte mutig Kritik, wollte aber niemanden verletzen. In vorbildlicher Denkweise, liberal und philosophisch, gab er niemals vor, im Besitz einer letztgültigen Wahrheit zu sein. Es lag ihm deshalb auch fern, anderen seine Erkenntnisse aufzuzwingen. Er zielte vor allem auf ein eigenständiges Mitdenken seiner Ansprechpartner ab.
Weizsäcker maß sich nicht an, ein völlig neues Gesellschaftssystem zu empfehlen, hielt es nicht einmal für sinnvoll, ein solches auszuarbeiten. Stattdessen mahnte er die mögliche, allein schon durch die Vernunft gebotene Umsetzung einer universellen Ethik an. Dieses Wertesystem wies bei ihm allerdings unverkennbar starke urchristliche Züge auf. Toleranz und Respekt gegenüber Andersdenkenden hatten in Weizsäckers Ethik einen außerordentlich hohen Stellenwert. Nächstenliebe kann man kaum durch Predigten erzeugen, man muss sie selbst empfinden und praktizieren. Genau das konnte man Weizsäcker deutlich anmerken, in seinen Vorträgen und mehr noch im persönlichen Gespräch. Schon seine Stimme, ihr warmer Tonfall, ließ kaum Zweifel über das innerste Wesen dieses Mannes aufkommen. Die Menschenliebe war in der Tat Weizsäckers stärkste Kraft, welche seine geistigen Energien harmonisch bündelte.
Oberflächlich betrachtet, könnte man meinen, der Erfolg wäre ihm in die Wiege gelegt worden. Geboren in einer sehr angesehenen Gelehrtenfamilie, wohl behütet, liebevoll erzogen und nach Kräften im Talent gefördert, war der Weg sicher gut vorbereitet. Doch es waren höchst unsichere Zeiten. Schicksalhafte Einflüsse, unvorhersehbare Ereignisse, die Weltwirtschaftskrise 1929 und die Wirren der beiden Weltkriege konnten so manchen Lebensweg nachhaltiger bestimmen als eine noch so gute Bildung. Das altdeutsche Schulsystem wies ohne Zweifel ganz besondere Härten auf, die mit den heutigen Anforderungen schwer vergleichbar sind. Für eine gute Bildung mussten erhebliche Widerstände überwunden werden, durch großen Fleiß, starke Willenskraft und Eigeninitiative. Weizsäckers Weg verlief auch aus einem anderen Grund nicht einfach, denn der Vater war im diplomatischen Dienst tätig und wurde häufig versetzt. Fünfmal musste Carl Friedrich die Schule wechseln, sich auf ganz verschiedene Schultypen einstellen, im In- und Ausland. Schließlich legte er in Berlin das Abitur ab, mit durchwegs guten Noten. Vom Intellekt her bereitete ihm keines der Schulfächer Schwierigkeiten, wobei sich jedoch eine besondere Begabung für Physik und Mathematik schon früh abzeichnete.
Ein Diplomat verdiente damals nicht so viel, wie man meinen könnte, und die Familie empfand sich ganz und gar nicht als reich, erst recht nicht zu jener Zeit, als man in einer wenig komfortablen Berliner Altbauwohnung lebte.
Zu wissen, was man will, kann bereits eine gute Basis für den erfolgreichen Lebensweg sein. Beim jugendlichen Weizsäcker kam dieses „Geschenk“ in Form einer denkwürdigen Begegnung – mit Werner Heisenberg. Weizsäcker war erst vierzehn Jahre alt, als er den späteren Nobelpreisträger zum ersten Mal traf, doch da er bereits einen brillanten Intellekt entfaltet hatte, wurde es ein mehrstündiges Gespräch. Heisenberg überzeugte ihn davon, Physik zu studieren, nicht Philosophie oder womöglich Theologie. Vielseitige Anlagen und Interessen waren in Weizsäcker von früher Kindheit an vorhanden. Daher wollte der junge Mann zuerst Sternenkundiger werden, aus purer Begeisterung für die Größe des Weltalls, mit einem religiös geprägten Empfinden für die unfassbaren Geheimnisse des Kosmos.
Weizsäcker wurde Physiker, mit all den Verwicklungen, die durch die zeitgeschichtlichen Umstände bedingt waren. In der Nachkriegszeit warf man ihm und Heisenberg vor, sich nicht entschlossen genug vom Nazi-Regime distanziert, sich gar mit den Machthabern allzu bereitwillig arrangiert zu haben. Richtig ist dagegen: Carl Friedrich von Weizsäcker war nie konkret an der Entwicklung einer atomaren oder sonstigen Waffe beteiligt, weder theoretisch noch praktisch. In der Tat kam er nie in die furchtbare Zwangslage einer konkreten Gewissensentscheidung, denn die technischen Möglichkeiten und die notwendigen Rohstoffe zur Herstellung einer Atombombe waren während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland nicht gegeben.
Weizsäcker war ein sehr junger Physiker, und der einzige Fehler, den er sich selbst später eingestehen musste, war eine gewisse politische Naivität. Seine moralische Integrität jedoch steht außer Zweifel, wenn man seine Beweggründe und seinen Charakter genauer kennt.
Was für eine Persönlichkeit war der Mensch Carl Friedrich von Weizsäcker? Es wäre völlig verfehlt, ihn nur als Physiker, als unerhört klugen und ehrgeizigen Forscher zu sehen.
Die Existenz der Atombombe hatte die Welt für immer verändert. Jede Form der künftigen Außen- und Weltpolitik würde unter diesem Damoklesschwert ihre Entscheidungen treffen müssen. Den Frieden zu bewahren, war nunmehr das wichtigste Anliegen der Menschheit. Aber reichten die rüstungspolitische Vernunft und das politische Durchsetzungsvermögen der Machthaber dafür aus? Wann würden endlich jene internationalen politischen Strukturen entstehen, die Weizsäcker dringend anmahnte, damit der möglicherweise alles vernichtende Atomkrieg verhindert werden konnte? So intensiv wie kaum ein anderer beschäftigte sich Weizsäcker wissenschaftlich mit diesen lebenswichtigen Fragen. Es galt, jede Spur von Naivität abzulegen und der Gefahr ins Auge zu sehen. Tatsächlich gelang es Weizsäcker in jahrelanger mühevoller Arbeit, sich eine umfassende rüstungspolitische Kompetenz anzueignen und gangbare „Wege in der Gefahr“, so sein Buchtitel aus dem Jahr 1976, aufzuzeigen. Spätestens in den Siebzigerjahren, als Direktor eines interdisziplinär forschenden Instituts, sollte er sich ein außerordentliches Fachwissen im Bereich des politischen Handelns, vor allem die theoretischen Hintergründe betreffend, gezielt aneignen. Er begann, konkreten Einfluss auf das Weltgeschehen zu nehmen und reale geistige Macht auszuüben, denn über die Jahre war er zum gefragten Ratgeber aufgestiegen. Bundeskanzler Willy Brandt wandte sich mehrmals an ihn.
Weizsäcker war ein Weltbürger. Er nahm an zahllosen Konferenzen teil und suchte das intensive Gespräch mit Fachleuten. Zeitlebens führte er eine erstaunlich umfangreiche Korrespondenz mit hochrangigen Politikern und Staatsoberhäuptern, Philosophen und Schriftstellern. Mit Henry Kissinger verband ihn ein freundschaftliches Verhältnis. Mit der geistigen Elite Deutschlands und einigen kirchlichen Würdenträgern stand er in regem Austausch, so etwa mit Martin Buber, dem pazifistischen Rebellen Gollwitzer oder dem theologischen Querdenker Hans Küng. Er setzte sich bei Tschernenko eindringlich für die Freilassung des sowjetischen Regimekritikers und Friedensnobelpreisträgers Andrei Sacharow (1921-1989) ein. Sogar mit Erich Honecker gab es einen Briefwechsel.
Heinrich Böll wollte 1972 die Entspannungspolitik aktiv unterstützen und schlug Weizsäcker vor, sich in Brüssel zu treffen, doch dieser war für spontane Aktivitäten nicht zu haben. Seine Begründung: Mangelnde Vorbereitung und öffentliche Erklärungen, die nicht ausreichend durchdacht sind, schaden nur der Sache.
Mit Martin Heidegger, den er bereits 1935 kennengelernt hatte, traf er sich regelmäßig zu ausgiebigen philosophischen Debatten; auch dem illustren Gesprächszirkel der früheren griechischen Königin wohnte er seit 1960 viele Jahre bei. Dies alles verschaffte ihm einen geistigen Horizont, ein weltpolitisches Wissen und eine profunde Menschenkenntnis, die nur wenige Menschen auf der Welt besitzen. Er war wissenschaftlich, geistig, politisch und gesellschaftlich auf der Höhe des Geschehens.
Zweimal, 1964 und 1979, hatte Weizsäcker selbst die Gelegenheit, aktiv in die Politik einzusteigen und für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren. Er lehnte aus persönlichen Gründen ab. 1979 trugen SPD und FDP die Kandidatur an ihn heran, bedrängten ihn förmlich, allerdings erst sechs Tage vor dem Wahltermin. Das zeugt von sehr schlechtem Stil. Weizsäcker reagierte mit sicherem Instinkt, war nicht dazu bereit, der Koalition lediglich aus einer Verlegenheit zu helfen. Bereits 1964 hatte Helmut Schmidt vertraulich mit ihm gesprochen, aber eine prompte Ablehnung erhalten; denn zu jener Zeit ging es beruflich nicht. Die Wissenschaft hatte nach seiner innersten Überzeugung klaren Vorrang.
Als Bundespräsident zu wirken, wäre selbstverständlich eine hohe Ehre und ein weites Betätigungsfeld gewesen, zumal für einen philosophisch hochgebildeten Mann mit unzweifelhafter Moral, feinem diplomatischen Spürsinn und noch dazu großer sprachlicher Ausdruckskraft. Sicher hätte er sich nicht hinter formellen Zwängen versteckt, sondern auch mutig die notwendige Kritik angebracht. Diese Aufgabe übernahm von 1984-1994 Richard von Weizsäcker – in hoch respektierter Art und Weise. Der ehemalige Berliner Bürgermeister füllte das Präsidentenamt mit Bravour aus, so dass gewissermaßen „der Ruhm in der Familie blieb“.
Carl Friedrich von Weizsäcker trat nie in eine Partei ein, wurde aber mehrfach für die SPD aktiv. Obwohl er sich selbst als skeptischen Konservativen einordnete und seine Herkunft weder leugnen konnte noch wollte, fand er anfangs die bürgerliche Welt durchaus fragwürdig. Jeglicher Fanatismus lag ihm fern, was ein unabhängiges Urteilen möglich machte.
Weizsäckers Rolle als Friedensforscher und Rüstungsgegner ist weitreichend gewesen und hatte Bedeutung für Deutschland und Europa. Die Erklärung einiger hochkarätiger Wissenschaftler, der „Göttinger Achtzehn“ im Jahr 1957, bewirkte letztlich, dass Adenauer auf die atomare Rüstung Deutschlands verzichtete. Weizsäcker hat den überaus klaren und eindringlichen Text der Erklärung maßgeblich selbst verfasst, nach Rücksprache mit den berühmten Unterzeichnern. Es war seine erste große politische Aktion – und eine der wirkungsvollsten seines Lebens. Sie bot Gelegenheit, seine hochstehende Ethik in der Praxis zu demonstrieren. Wie er selbst rückblickend feststellte, ging es ihm und den Physiker-Kollegen keineswegs nur um die deutschen Belange, sondern um „einen Schritt in Richtung der Nichtverbreitung der Kernwaffen“.6 Das ethisch motivierte weltpolitische Anliegen schwang in der Erklärung deutlich mit und wurde auch von der Öffentlichkeit genau so aufgefasst.
Weizsäckers beruflicher Aufstieg zeichnete sich sehr früh ab: Promotion mit einundzwanzig, Habilitation mit vierundzwanzig, erfolgreiche Betätigung als Grundlagenforscher auf dem noch neuen Gebiet der Kernphysik, Lehrtätigkeiten als Professor für Physik, später auch im Fach Philosophie. Persönlich und beruflich bedeutsam ist die enge Zusammenarbeit, ja Freundschaft mit Werner Heisenberg. Schon in jungen Jahren hatte er ständigen Kontakt mit Nobelpreisträgern, und dies setzte sich bis weit in die Fünfzigerjahre fort. Praktisch die gesamte Riege deutscher und auch ausländischer Nobelpreisträger im Fach Physik (z.B. Max von Laue, Max Born, Niels Bohr), teilweise auch im Fach Chemie (z.B. Peter Debeye, Otto Hahn), war ihm durch persönlichen Umgang bekannt. Niels Bohr ragte in gewisser Weise heraus, denn er war der wahrhaft entscheidende Gesprächspartner, um die weitreichenden Konsequenzen der Quantentheorie besser zu verstehen. Der dänische Atomforscher war, ebenso wie Weizsäcker, gerade an den philosophischen Konsequenzen der physikalischen Entdeckungen sehr interessiert. Bohrs Denkansätze wirkten so nachhaltig auf Weizsäckers gesamte Physik- und Naturauffassung, dass dieser die persönliche Begegnung im Jahr 1932, vom wissenschaftlichen Standpunkt betrachtet, als die zweitwichtigste nach Heisenberg empfand.
Schon in der Entwicklung der wegweisenden Quantentheorie wirkte Weizsäcker an der vordersten Forschungsfront mit. Die genialen Forscher jener Zeit inspirierten sich oft gegenseitig. Eine vergleichbare wissenschaftliche Revolution wie in den Zwanziger- und Dreißigerjahren, als die Quantentheorie entstand, hat es seither in der Physik nicht mehr gegeben.
Weizsäcker, der nach der Ganzheit des Wissens strebte, boten sich vielfältige Möglichkeiten und Kontakte. Nur Einstein hat er nie kennengelernt, obwohl er die zufällige Begegnung in Berlin insgeheim erhoffte. Sie wäre durchaus möglich gewesen, zumal sein Wohnort ganz in der Nähe lag.
1939 bis 1945 (Zweiter Weltkrieg)
Bei Kriegsbeginn, am 1. September 1939, war Weizsäcker bereits zweifacher Familienvater. Knapp einen Monat zuvor hatte sich der emigrierte Albert Einstein durch Unterschrift auf einem brisanten Brief Leo Szilards an den amerikanischen Präsidenten gewandt. Der Briefschreiber drängte darauf, den Bau einer Atombombe zu veranlassen, um mit der sich abzeichnenden Bedrohung durch das Dritte Reich fertig zu werden. In Deutschland ahnte niemand etwas davon, schon gar nicht von den realen Konsequenzen dieses Appells. Selbstverständlich blieb das „Manhattan-Projekt“, wie man das forcierte atomare Forschungs- und Rüstungsprogramm der USA seit 1942 bezeichnete, streng geheim.
Weizsäcker wurde bereits im Herbst 1938 dem Heereswaffenamt in Berlin unterstellt, wie Heisenberg und andere Fachkollegen. Sein bisheriger Arbeitsplatz am ehrwürdigen Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik blieb bestehen, doch nun sollte hier die (militärische) Nutzbarmachung der Kernspaltung erforscht werden. Als Ziel wurde eine kontrollierte Kettenreaktion in einem Uranbrenner vorgegeben. Im Erfolgsfall hätte dies fraglos auch friedfertigen Zwecken dienen können, allerdings waren die näheren Umstände eindeutig: Man forderte von den Forschern ganz konkret, die Möglichkeiten zum Bau einer Kernwaffe abzuschätzen.
Außenstehende können kaum begreifen, dass ausgerechnet Weizsäcker, der philosophisch denkende, friedliebende und mit moralischem Feingespür begabte Wissenschaftler, sich daran beteiligte. Auch Werner Heisenberg, der bis 1942 in Leipzig tätig war, wirkte beim „Uran-Projekt“ mit. Otto Hahn wies eine Beteiligung 1939 schroff zurück. Er antwortete mit persönlicher Entrüstung, drohte gar mit Selbstmord, falls Hitler die Verfügungsgewalt über eine Atombombe erhielte. Er hätte diese Konsequenz als seine persönliche Schuld empfunden! Wie konnte ein moralisch empfindender Wissenschaftler 1939 reagieren? Welche Position war die vernünftige? Bei Weizsäcker war die Gemengelage aus rationalen und irrationalen Motiven offensichtlich komplex. Auswandern kam für ihn allerdings überhaupt nicht in Frage. Es gab sicher keine Absicht, die Atombombe zu bauen, aber auch keinen verschwörerischen Plan, es gegebenenfalls zu verhindern.
Einzelne Beweggründe herauszugreifen, wird der Komplexität der Lage nicht gerecht. Auffällig ist nur Weizsäckers Entschlossenheit, unter offenkundig militärischem Auftrag weiter zu forschen, sie ist eine unzweifelhafte Tatsache. Es bestand die erhebliche Gefahr, Hitler in den Besitz einer Atombombe zu bringen, und dies wurde von den Beteiligten anscheinend in Kauf genommen. Die wissenschaftliche Neugier war sicher ein gewichtiger Grund, aber es gab möglicherweise noch ein stärkeres, wenngleich nur halbbewusstes Motiv: Weizsäckers Vorstellung, mithilfe der künftigen Bombe, deren Entwicklung in Anbetracht des weltweiten wissenschaftlichen Fortschritts ohnehin nicht mehr zu verhindern war, könne die Menschheit schließlich die Institution des Krieges endgültig abschaffen, einfach deshalb, weil sie unter dieser immens zerstörerischen Bedrohung dazu gezwungen sein würde. Natürlich setzte dieses Gedankenspiel ein Obsiegen der Vernunft voraus, was angesichts der weltpolitischen Lage äußerst zweifelhaft erscheinen musste.
1946 bis 1957
In der Zeit von 1946 bis 1957 widmet sich Carl Friedrich von Weizsäcker noch intensiver als bisher der Physik, nämlich als Abteilungsleiter am Max-Planck-Institut in Göttingen und zusätzlich als ordentlicher Professor für Physik an der Göttinger Universität. Seine fast einjährige Internierung, vor allem das letzte halbe Jahr in Farm Hall (England) bis März 1946, hatte allerdings Spuren hinterlassen, nicht aufgrund auszuhaltender Härten, sondern weil genügend Zeit war, um über den grauenvollen Krieg und die eigene Rolle im Nazi-Deutschland nachzudenken. Wie Weizsäcker sich selbst eingestehen musste, überstiegen die Ereignisse seine „intellektuelle Verarbeitungsfähigkeit“,7 Trotz bewusster geistiger und ethischer Distanz übte Hitler eine mysteriöse Anziehungskraft auf ihn aus, wobei besonders seine Gabe beeindruckte, dem verzagten Volk wieder Hoffnung zu geben inmitten des niederdrückenden wirtschaftlichen Elends in den frühen Dreißigerjahren. Man muss dies richtig verstehen: Für Weizsäcker stand zweifelsfrei fest, dass es sich in der Person Hitlers um einen gefährlichen Scharlatan, einen menschenverachtenden Rassisten, Kriegstreiber und Verbrecher handelte, den Weizsäckers Vater zutiefst hasste und dem auch der Sohn durchaus reserviert gegenüberstand. Aber der Diktator schien „irgendeine Mission“8 zu haben.
Ahnungen und unklare Wahrnehmungen waren zwischen 1933-1945 derart vorherrschend, dass die gebotene „rationale Nüchternheit“ erst nachträglich neu erlernt werden musste. Nach Weizsäckers eigener Aussage blieb sein geistiges Verhältnis zu den politischen Zeitproblemen, ja seine gesamte Vorstellung von Politik überhaupt, bis 1952 eher unscharf. Ernst von Weizsäcker, der seinen ältesten Sohn schon als Kind spielerisch und doch sehr gründlich in politischer Theorie unterwies, riet ihm einmal rundheraus, möglichst nicht in die Politik zu gehen.
1945 spürt Weizsäcker deutlich die kollektive Selbstverblendung, die nach Kriegsende in Deutschland weiter andauert. Was offensichtlich fehlt und dringend nachgeholt werden muss, ist eine intensive, heilsame Trauerarbeit. Wer die historischen Fakten leugnet oder nicht anzuschauen bereit ist, kann seine eigene Schuld nicht erkennen. In der Konsequenz wird so auch die Arbeit am notwendigen Bewusstseinswandel verweigert, was für die kulturelle Entwicklung ein ausgesprochenes Hemmnis darstellt. Verdrängung ist ein politisch eminent gefährliches Problem. Neue Krisen sind vorprogrammiert. Dies sind wichtige Überzeugungen, die zu jener Zeit in Weizsäcker heranreifen.
1950 reist er in die USA und stattet der Quäker-Universität in Haverford (Pennsylvania) einen Besuch ab. Von Professor Douglas Steere, den er als Freund bezeichnet, ist er tief beeindruckt, denn dieser Mann ist offenbar ein lebendes Beispiel dafür, wie glücklich eine strikte Glaubensauslegung gemäß der Bergpredigt und das furchtlose, unbeirrte Praktizieren dieses Glaubens machen können. Gern hätte er ebenfalls der inneren Stimme gehorcht, aber zu einem solchen Schritt, die angestammte Zugehörigkeit zu seiner lutherischen Kirche einfach aufzugeben, ist er dann doch nicht bereit. Außerdem ist er davon überzeugt, dass auch die modernen Quäker kaum etwas Konkretes zur Rettung der Welt beitragen können.
Weizsäcker erfuhr viel von den Gräueltaten der Nazis. So verzichtete er auch konsequent auf die gängige Schutzbehauptung, nicht gewusst zu haben, was an Unrecht tatsächlich geschehen war. Zur relativ schonungslosen Selbstkritik gehörte der leise Vorwurf, den er gegen sich erhebt, als die Wahrheit über Auschwitz bekannt wird: „… ich hätte es ja wohl erfahren können. Aber man war ja auch in der Selbstverteidigung begriffen.“9 Auch Weizsäcker war letztlich nicht frei davon, während der Aufarbeitung des Erlebten zugleich nach geeigneten Gründen zu suchen, die ihn entlasten und das eigene Verhalten rechtfertigen konnten. Doch eins wurde ihm allmählich vollkommen klar: Er hatte den Nationalsozialismus zwar überlebt, aber noch längst nicht bewältigt.
Sich seiner Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Oberschicht sehr bewusst, erkennt Weizsäcker das widersprüchliche Problem, dass man trotz aller moralischen Bedenken mit den Nazis zusammenarbeitete. Für dieses Phänomen gibt er zwei Gründe an: „Bewahrung des Bestandes“ und „Hoffnung auf eine Änderung“. Wohl ahnend, dass diese Motive seinen Stand in wenig schmeichelhaftem Licht erscheinen lassen, schiebt er den Hinweis nach: „Einige aus dieser Schicht haben sich dann zum aktiven Widerstand entschlossen, bis zum Opfer der eigenen Person; diese, zu denen ich persönliche Beziehungen hatte, habe ich hoch geachtet, aber ich habe mich ihnen nicht angeschlossen.“10
Ernüchtert von der Gewissensklärung, kommt bald ein neuer politischer Wille zum Vorschein. Allerdings scheitert Weizsäcker zunächst noch an der harten Realität. Nicht zuletzt machen ihm sein immenses Arbeitspensum und die Zersplitterung seiner vielen Interessen sehr zu schaffen. „Ich fühlte einen Auftrag, etwas für eine radikale Veränderung zu tun, aber ich fand die Kraft nicht in mir vor.“11 Er gerät in eine längere Phase depressiver Verstimmungen, die erst 1952 endet. Ausschlaggebend war eine schmerzhafte, aber offenbar sehr heilsame persönliche Krise, eine sogenannte „midlife crisis“, wie er es selbst nannte. Der feste Entschluss, sich auf die familiären und beruflichen Pflichten zu beschränken, zugleich die bewusste Aufgabe einiger bislang gehegter „Größenträume“, machten den Weg frei für reale Erfolge.
1954 gelingt es Weizsäcker, in der Deutung der Quantentheorie einen entscheidenden Durchbruch zu erzielen. Diesem wissenschaftlichen Erfolg folgt 1957 mit der „Göttinger Erklärung“ auch die politische Wirkung.
1957 bis 1969
Die Jahre zwischen 1957 und 1969 verlebt Weizsäcker als Professor für Philosophie an der Universität Hamburg. Da diese Berufstätigkeit seinen Neigungen sehr entspricht und eher als „geistiges Vergnügen“ denn als Arbeit empfunden wird, ist dieser Lebensabschnitt eine besonders freudvolle Zeit. Indessen ist auch der politische Denker aktiv, und die Kritik an der Gesellschaft, am herrschenden System, wächst stetig an. Auf theoretischer Ebene setzt sich Weizsäcker intensiv mit globalen Problemen auseinander. Daneben arbeitet er praktische Themen konkret aus, die ihm persönlich besonders am Herzen liegen, so z.B. „die politische Verantwortung des Nichtpolitikers“ und die „Bedingungen des Friedens“.12
Seine „Gedanken über die Zukunft des technischen Zeitalters“ bringt er bei einem Festvortrag in der Hamburger Handelskammer zu Gehör (1965). Der Ton wird kritischer, bleibt aber gemäßigt. Von einer ausgesprochenen Protesthaltung ist trotz aller Seitenhiebe auf einige Fehlentwicklungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kaum etwas zu spüren. Als seriöser Wissenschaftler will und muss er glaubhaft bleiben. Es geht darum, mit kompetenten, sachlichen Äußerungen ohne Emotionen möglichst gute Wirkungen zu erzielen.
Weizsäcker genießt bereits in den späten Fünfzigerjahren ein hohes Ansehen im In- und Ausland. Die zahlreichen Ehrungen, die ihm seit 1957 zuteil werden, bestätigen dies eindrucksvoll. 1959 erhält er das Große Bundesverdienstkreuz, 1961 den Orden Pour le mérite für Wissenschaft und Künste. 1963 ist eine traditionell besonders öffentlichkeitswirksame Auszeichnung an der Reihe – der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Dann bricht die 68er-Bewegung über Deutschland herein. Die Studenten gehen auf die Barrikaden und fordern basisdemokratische Reformen. Ihr gewaltsamer Aufruhr erschüttert das Land, zerschmettert aber neben Mobiliar und sonstigen Sachgütern auch einige Verkrustungen, die der bürgerliche Konservatismus mit seinem bequemen Obrigkeitsgehorsam erzeugt hatte. Obwohl der neue Drang nach individueller Freiheit bald nachlässt und die heftigen Proteste wirkungslos zu verpuffen scheinen, setzt die Bewegung doch ein markantes Mahnzeichen für die gesamte Kultur. Weizsäcker sieht sich allerdings mit Verhaltensweisen konfrontiert, die ihm nur mit äußerster Selbstbeherrschung erträglich sind. Wie er als Vertreter des „Establishments“ attackiert wird, obwohl er in ausgeprägt liberaler Haltung wirklich gesprächsbereit ist, raubt ihm fast den Atem. Als die Sowjetunion im August 1968 die Tschechoslowakei besetzt, kommt zu diesen Unannehmlichkeiten noch ein stärkeres, politisches „Todeserlebnis“. Jetzt ist er fest davon überzeugt, dass ein Dritter Weltkrieg kommen wird, vermutlich unter Einsatz atomarer Waffen.
Nach diesen Ereignissen kann die Gesellschaft nicht mehr so einfach zur gewohnten politischen Sorglosigkeit übergehen. Viel zu lange war die reale Gefahr des Militarismus und der Rüstungswettläufe aus dem Blickwinkel geraten. Als ausgezeichneter Kenner der politischen Strukturen und Mechanismen, auch der einseitigen militärischen Denkweisen, empfindet Carl Friedrich von Weizsäcker sehr deutlich die enorme Bedrohung. Er ist also durchaus pessimistisch gestimmt, hält es aber für seine erste Pflicht, daran mitzuwirken, die Katastrophe zu verhindern.
1969 übernimmt Weizsäcker den Vorsitz im Verwaltungsrat des Deutschen Entwicklungsdienstes. Er hat klar erkannt, welche Verantwortung westliche Wissenschaft und Technik gerade für die Dritte Welt tragen, und möchte direkte Erfahrungen sammeln. So reist er im November 1969 für fünf Wochen nach Indien, wo er am Ende sogar ein außergewöhnliches religiöses Erlebnis hat. Außerhalb des Protokolls besucht Weizsäcker auch drei Ashrams und das Grab von Ramana Maharshi, einem von den Hindus hoch verehrten Heiligen. An diesem Ort erlebt er eine blitzartig hereinbrechende Bewusstseinsveränderung, die sich mit Worten kaum beschreiben lässt. In diesem Moment sind alle seine Fragen beantwortet.
1970 bis 1980
Die Siebzigerjahre umfassen die letzte Phase in Weizsäckers aktiver Berufstätigkeit. Wiederum fängt er etwas völlig Neues an und zieht mit seiner Frau Gundalena nach Starnberg bei München um. Zielstrebig hat er seit Jahren auf den Wechsel hingearbeitet. Gemessen an seiner inneren Verfassung, am aktuellen Entwicklungsstand seines Bewusstseins, ist dies ein konsequenter Schritt. Weizsäckers zentrales Anliegen ist von nun an die „Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“. Wie wichtig ihm diese Thematik war, erkennt man schon daran, dass die Max-Planck-Gesellschaft das neue Institut auf ihn zugeschnitten gründet. Damit dieses „Institut für unbequeme Fragestellungen“, wie es später scherzhaft auch genannt wurde, überhaupt in Betrieb gehen kann, muss sich Weizsäcker erst gegen die Lobby der chemischen Industrie durchsetzen und zusichern, sich nicht mit Zukunftsprognosen zu beschäftigen. Als wissenschaftliches Ziel gibt er Konfliktanalysen an. Sich selbst muss er die Gefahr eingestehen, mit den hier bearbeiteten gesellschaftspolitischen Themen lediglich einen „engagierten Dilettantismus“ zu betreiben. Immerhin bringt ab März 1970 Jürgen Habermas als Co-Direktor seine soziologische Kompetenz mit ein.
Nebenher schreibt Weizsäcker eine Reihe von Büchern: 1971 erscheint „Die Einheit der Natur“, eines seiner Hauptwerke, 1975 „Fragen zur Weltpolitik“, 1976 „Wege in der Gefahr“. „Der Garten des Menschlichen“ (1977) enthält gewissermaßen einen Querschnitt seiner Erkenntnisse und Überzeugungen, auch seiner persönlichen Lebenserfahrung im Fortlauf der zeitgeschichtlichen Entwicklung.
Die systemkritische Haltung erreicht in dieser Dekade wohl den Gipfelpunkt. Weizsäcker setzt alle Kraft dafür ein, die Gesellschaft erneut daran zu erinnern, dass ein großer Bewusstseinswandel lebensnotwendig ist. Sein Denken hat sehr wohl auch praktische Relevanz, denn er zeigt die Fallstricke auf, die den notwendigen Wandel verzögern. Ein aktiver Politiker, der Amt und Partei verpflichtet ist, kann und will er aber nicht sein. Dafür sind seine Freiheitsliebe, seine tolerante Haltung und auch seine Zurückhaltung viel zu stark ausgeprägt. Als Philosoph weiß er zu genau, wie verfänglich alle Ideologien wirken, wie sie aufgrund innerer Widersprüche zu Gewalt und Verderben führen und Menschen unfrei machen. Weizsäcker ist und bleibt ein unabhängiger Denker, der gehört und respektiert wird.
1981-2007
Weizsäckers „Ruhestand“ ist durch eine weiterhin hohe Arbeitsintensität und einen prall gefüllten Terminkalender geprägt. Zunächst scheint der religiöse Glaube ein vorherrschendes Thema zu sein, aber keineswegs in privater Zurückgezogenheit, sondern als konkreter Einsatz für den Weltfrieden. Weizsäcker schwingt sich noch einmal zu einer außerordentlichen geistigen und physischen Kraftanstrengung auf, indem er das Konzept für ein umfassendes „Christliches Friedenskonzil“ entwirft. Die Vorbereitungen dazu beginnen beim Evangelischen Kirchentag 1985 in Düsseldorf. Weizsäcker ist als Fachmann zur Veranstaltung eingeladen worden und hat den Text mit erstaunlicher Klarheit formuliert. Sein Grundgedanke war nicht nur ökumenischer Art, vielmehr waren alle geistigen Kräfte dazu aufgefordert, an einem Strang zu ziehen und sich wirkungsvoll für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Wieviel Mühe es letztlich kostete, auch in der Praxis Einigkeit zu erzielen und die organisatorischen Probleme zu lösen, sieht man daran, dass die „Weltversammlung der Christen“, so wurde das beabsichtigte Friedenskonzil nun genannt, erst 1990 in Seoul (Südkorea) stattfand.
Von 1990 bis 1992 erscheinen zahlreiche Bücher, die jedoch meist nur ältere Texte neu zusammenfassen. Gewissermaßen als Krönung seines naturwissenschaftlichen Forschens bringt Weizsäcker 1992 schließlich ein 1184 Seiten starkes Werk heraus, das sein Weltbild in noch größere Zusammenhänge stellt. Auf Basis der maßgeblich selbst entwickelten Theorie der Ur-Alternativen wird ein integraler philosophischer Entwurf präsentiert, wobei es gelingt, die gesamte objektive Welt und alle Bereiche des menschlichen Bewusstseins mit einzubeziehen. Der Titel des Werkes lautet „Zeit und Wissen“.
Eine sehr markante Zeitmarke des „Ruhestands“ ist Weizsäckers 85. Geburtstag im Jahr 1997. Er wird im würdigen Rahmen gefeiert. Bundespräsident Roman Herzog hält die Festrede. Darin lässt er wichtige Lebensstationen Revue passieren und kommt nicht umhin, seine „aufrichtige Bewunderung“ mit den Worten zu umschreiben: „Sie sind für mich … der Inbegriff des Universalgelehrten.“ Dies ist ein Lob, das angesichts des zu würdigenden Lebenslaufes keineswegs übertrieben klingt. Herzog betont außerdem Weizsäckers Status als Mitglied einer verantwortungsvollen Elite, die durch Wissen und Leistung hervortritt und sich die besondere Fähigkeit erworben hat, ein Vorbild für viele Menschen zu sein.
In den Neunzigerjahren setzt sich Weizsäcker vor allem für einen radikalen Pazifismus ein, äußert seine Einsichten weiterhin als Autor und gelegentlich noch als Redner. Seinen Lebensabend verbringt er zurückgezogen in Söcking, unweit des Starnberger Sees. Von schwerer Krankheit gezeichnet, ist er am 28. April 2007 verstorben.
Carl Friedrich von Weizsäcker strahlte eine ungewöhnlich starke geistige und moralische Autorität aus, bei aller persönlich gepflegten Bescheidenheit. Trotz ungewöhnlich weit gespannter Interessen waren seine Prioritäten im Leben recht klar definiert: An erster Stelle rangierte stets die Wissenschaft, und im Verbund mit ihr die philosophische Suche nach hilfreichen Erkenntnissen.
Physik
Die Grundprobleme
Was macht den Physiker Weizsäcker aus? Was bedeutet ihm die Physik?
Weizsäckers Neigung zur Naturwissenschaft war sehr früh in dem neugierigen Kind angelegt. In der Schule stellte sich auch bald die besondere Begabung für Physik und Mathematik heraus.
Versetzen wir uns für einen Moment in die Zwanzigerjahre zurück. Ein biografischer Kunstgriff soll uns dabei behilflich sein, denn das verfügbare Material zur Person ist eher dürftig. Aus eigenen Berichten Weizsäckers und aus Äußerungen von nahestehenden Menschen, mit etwas Fantasie zum Leben erweckt, lässt sich folgende kleine Geschichte konstruieren:
Ort des Geschehens ist ein herrschaftlicher Salon in Kopenhagen, gut besucht mit erlauchten Gästen. Die Gesellschaft unterhält sich vergnügt, es herrscht eine etwas feierliche, doch auch sehr ausgelassene Stimmung, wie es in den Goldenen Zwanzigern nicht selten vorkam. Wir schreiben das Jahr 1927. Der vierzehnjährige Carl Friedrich ist auch anwesend, in Begleitung seiner Mutter. Persönlich weniger an solchen Festlichkeiten interessiert, ließ er sich schließlich zum Mitkommen überreden.
In der Ecke fällt ein anderer junger Mann auf, gutaussehend, nach damaliger Mode schick gekleidet, nur rund zehn Jahre älter als Weizsäcker. Er wirkt etwas schüchtern, spielt aber ausgezeichnet Klavier. Die Aufmerksamkeit der Gäste ist voll auf ihn gerichtet, und Carl Friedrich ist ebenfalls gespannt. Man lauscht andächtig der Musik.
Wer da so gekonnt musiziert, ist kein anderer als Werner Heisenberg. Marianne von Weizsäcker macht ihren Sohn darauf aufmerksam, dass der Klavierspieler ein ziemlich kluger Kopf ist, ein aufstrebender Physiker. Carl Friedrich hat schon von ihm gehört und ist vollends begeistert. Was ihn so fasziniert, ist nicht nur die persönliche Erscheinung Heisenbergs, es ist der Glanz des großen Entdeckers, den das Physik-Genie bereits merklich ausstrahlt. Eine Vorahnung grundlegender Erkenntnisse geistert durch Weizsäckers wachen Verstand.
Nach der Veranstaltung unterhält man sich kurz. Mutter Marianne führt sogar ein kleines Streitgespräch mit dem Physiker – über die Jugendbewegung. Carl Friedrich ist so beeindruckt, dass er die Mutter inständig bittet, diesen Musiker einmal nach Hause einzuladen. Sie gibt dem Drängen schließlich bereitwillig nach.
So oder so ähnlich fand die Geschichte wirklich statt.
Nur wenige Wochen später kommt es zur alles entscheidenden, unvergesslichen Begegnung. Die Gedanken klären sich im mehrstündigen Gespräch sehr schnell, was die künftige Wahl des Studienfachs anbelangt. Heisenberg, zu diesem Zeitpunkt erst fünfundzwanzig Jahre alt, spricht mit solcher Begeisterung von der Physik, dass Carl Friedrich einen Entschluss fasst: Physik zu studieren ist wohl doch das Beste, um die wirkliche Welt zu verstehen und um mit fester Basis Philosophie betreiben zu können. In großer Unbefangenheit erteilt Heisenberg dem Heranwachsenden gute Ratschläge. Schnell hatte er dessen Hang zur Philosophie erkannt und ging nun gezielt darauf ein. Etwas scherzhaft, doch ernst gemeint, argumentiert er in stark zugespitzter Form:
1 Physik ist notwendig, um Philosophie betreiben zu können, jedenfalls wenn sie für das 20. Jahrhundert (in Anbetracht der begonnenen und weiter erwarteten großen Entdeckungen) relevant sein soll.
2 Physik ist nur dann richtig erlernbar und man bekommt erst ein Gespür dafür, wenn man sie ausübt.
3 Physik macht man am Besten vor dem dreißigsten Lebensjahr, Philosophie aber erst nach fünfzig.
All dies vermittelt er dem empfänglichen Geist Weizsäckers in freundschaftlichem Ton. Und es ist tatsächlich der Beginn einer lebenslangen engen Freundschaft. Carl Friedrich von Weizsäcker nimmt sich den Rat zu Herzen, doch das Philosophieren ist ihm schon jetzt ein natürliches Bedürfnis, das kaum unterdrückt werden kann.
Als Primaner wurde ihm erst völlig klar, „dass das, wonach ich eigentlich strebte, bei den Menschen Philosophie heißt …“13
Studium, Doktorarbeit, Habilitation, diese mühsame Kleinarbeit geht fast rasend schnell vonstatten. Sie ist für Weizsäcker größtenteils ein Vergnügen, eine intellektuelle Herausforderung, die er gern annimmt, obwohl er ein bisschen über die schwierige Mathematik klagt. Schließlich hat er ausgezeichnete Lehrer und ist fast ständig von Nobelpreisträgern umgeben. Sogar in fremden Fächern (Biologie!) erweitert er seinen Wissensschatz. In nur sieben Jahren hat sich der Weg vom Studenten zum Professor vollzogen (Habilitation 1936).
1937, Carl Friedrich von Weizsäcker ist erst fünfundzwanzig Jahre alt und arbeitet als Assistent am hoch angesehenen Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin und zusätzlich an der Universität als Dozent für theoretische Physik, erscheint sein erstes Buch. Das Thema ist rein physikalisch, und der Titel lautet: „Die Atomkerne“. Weizsäcker gehört zur Avantgarde der Atomphysiker, führt regen Austausch und spannende Diskussionen mit den führenden Köpfen seiner Zeit.
Im Jahr 1943 erscheint das Fachbuch „Zum Weltbild der Physik“. Es atmet bereits den typisch Weizsäckerschen Geist der Philosophie. Durchaus um physikalische Themen kreisend, ist der Hauptinhalt jedoch keine konkrete Physik, sondern eine Art Grundsatzdebatte aus sehr verschiedenen Blickwinkeln. Ein zentraler Punkt ist die Quantentheorie, vor allem im Hinblick auf ihre weltanschaulichen Folgerungen. Das Buch besteht aus verschiedenartigen Vorträgen, niedergeschrieben in den Jahren 1938-1942.
„Zum Weltbild der Physik“ ist ein Standardwerk, es leistet eine fachlich ausgereifte und zudem stark philosophisch orientierte Gesamtschau, die über das eigentliche Fachgebiet weit hinausgeht.14 Wenn man sich das Buch näher anschaut, stellt man zunächst fest, dass es für Nicht-Physiker und philosophische Laien kaum sehr erquicklich sein wird, es vollständig zu lesen. Man muss lediglich einen aufmerksamen Blick in das fein aufgeschlüsselte Inhaltsverzeichnis werfen, um zu erkennen, wie Weizsäcker das Thema angeht – aus ganzheitlicher Perspektive! Dies fällt sehr schnell auf bei Kapitelüberschriften wie „Ganzheit“, „Anschaulichkeit“, „klassische Physik“, „Realismus“, „Meditationsstufen“ usw.
Dann gibt es noch weitere hoch komplexe, eher philosophisch interessante Themenkreise:
„Die Auswirkung des Satzes von der Erhaltung der Energie in der Physik.“
„Das Verhältnis der Quantenmechanik zur Philosophie Kants.“
„Eine Studie über das Symbolische in der Naturwissenschaft.“
„Naturgesetz und Theodizee.“
„Komplementarität und Logik.“
„Wohin führt uns die Wissenschaft?“
Querverbindungen ziehen, ungewöhnliche Gedankenfelder erschließen, philosophische Grundsatzfragen stellen, dies alles ist typisch für Weizsäcker. Man kann den Physiker nicht vom Philosophen trennen.
Der Wissenschaftler folgte einer unbändigen Neugier. Doch der Mensch folgte stets seinem humanistischen Ansatz – im Alter mit zunehmender Bewusstheit und Zielstrebigkeit –, der Gesellschaft, sogar der Menschheit als Ganzes zu dienen.
Immer herrscht in Weizsäcker der Wille vor, ein gewähltes Thema mit größtmöglicher Gründlichkeit zu durchdringen. Die Methode, dies zu leisten, ist die wissenschaftliche; und die Physik ist eine objektive Wissenschaft, gleichsam das Aushängeschild an wissenschaftlicher Objektivität und rationaler Logik, eine kulturelle Errungenschaft der Menschheit, tief verwurzelt in der geistesgeschichtlichen Aufklärung. Weizsäcker war die traditionelle, effiziente, sachliche Denkweise des Wissenschaftlers in Fleisch und Blut übergegangen, dennoch versäumte es der große Physiker nie, auch die anderen, subjektiven Bezüge sowie Kultur und Geschichte und die sozialen und globalen Folgerungen einzubeziehen.
Die Physik war sein übergeordnetes Lebensthema, und er strebte danach, es in allen bedeutsamen Beziehungen und Querverbindungen zu untersuchen, als Forscher im Bereich der theoretischen Kernphysik sowie auch als Philosoph. Fragte man ihn im Interview, als was er sich selbst sehe, welchen Beruf er eigentlich ausübe, so kam die Antwort ohne zu zögern und im Brustton der Überzeugung: „Ich bin Physiker!“
Die Quantentheorie als wissenschaftliche Revolution
Man kann die revolutionären Entdeckungen der Physik zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr übersichtlich chronologisch auflisten. Das empfiehlt sich auch, um den Überblick zu behalten.
Diese Übersicht, sie ist gleichzeitig ein kurzer Abriss zur Wissenschaftsgeschichte, enthält die großen Namen der bedeutendsten Physiker, alles Nobelpreisträger, wobei die meisten aus Deutschland stammen. Niels Bohr, der Däne, taucht allerdings zweimal in der Liste auf. Hier interessiert dabei in erster Linie die Entdeckungsgeschichte der Quantentheorie.
1900 Max Planck:
Planck formuliert ein neues physikalisches Gesetz (E = h x f), wonach Lichtwellen auch als Quanten (also „Teilchen“, sogenannte Photonen) deutbar sind. „h“ ist eine universelle Naturkonstante, die man als „Plancksches Wirkungsquantum“ bezeichnet. „f“ ist die Frequenz der Welle, „E“ die Energie.
Nobelpreis 1918 (verliehen 1919) für seine Verdienste zur Entwicklung der Physik mit Hilfe der Quantentheorie.
1905 Albert Einstein:
Spezielle Relativitätstheorie und andere wissenschaftliche Arbeiten, z.B. „Zur Elektrodynamik bewegter Körper“. Der in den Annalen der Physik veröffentlichte Aufsatz enthielt die heute sehr berühmte Formel E = m x c² (m ist die Masse, c die Lichtgeschwindigkeit).
Nobelpreis 1921 (verliehen 1922), rückwirkend für die Entdeckungen im Jahr 1905, jedoch nicht für die Relativitätstheorie, sondern für seine Deutung des photoelektrischen Effekts mit Hilfe der Lichtquantenhypothese.
1909 Ernest Rutherford:
Streuversuch – Beschuss einer Metallfolie mit Alphateilchen (positiv geladene und relativ massereiche Teilchen). An den Experimenten war u.a. auch der deutsche Physiker Hans Geiger beteiligt. Ernest Rutherford (1871-1937) wurde in Neuseeland geboren, war aber als Wissenschaftler in England (Cambridge) tätig.
Nobelpreis 1908 (für Chemie).
1913 Niels Bohr:
Stark vereinfachtes Atommodell (wie ein Planetensystem im Kleinen).
Die Atomhülle besteht aus negativ geladenen Elektronen, die auf ganz bestimmten Bahnen den Atomkern umkreisen. Jedoch bewegen sich die Elektronen im Mikrokosmos des Atoms so, dass sie keine Energie verlieren (entgegen den Gesetzen der Elektrodynamik, die in der klassischen Physik gelten). Bei entsprechender Energieaufnahme oder -abgabe wechselt ein Elektron auf eine äußere oder innere „Umlaufbahn“ (Quantensprung). Bei sehr starker Energiezufuhr verlässt das Elektron die Atomhülle endgültig, und es bleibt ein positiv geladenes Atom (sogenanntes Ion) zurück.
Nobelpreis 1922 „für seine Verdienste um die Erforschung der Struktur der Atome und der von ihnen ausgehenden Strahlung“.
1926 Erwin Schrödinger:
Wellenmechanisches Atommodell. – Es gibt keine scharfe Außengrenze des Atoms, vielmehr kann für jedes Elektron nur eine Wahrscheinlichkeit berechnet werden, mit der es sich an einem bestimmten Ort in der Atomhülle aufhält. Eine bildhafte Vorstellung des Atoms ergibt sich hier aufgrund der sogenannten Wahrscheinlichkeitsdichte (entsprechend einer speziell geformten „Elektronenwolke“).
Nobelpreis 1933 für seine Weiterentwicklung der Quantenmechanik.
1927 Werner Heisenberg:
Unschärferelation – Es ist prinzipiell unmöglich, Ort und Impuls (Geschwindigkeit) eines Elementarteilchens gleichzeitig völlig exakt zu messen. Ist z.B. der Ort genau bekannt, so wird der Impuls unbestimmt (unscharf) und umgekehrt. Der Zusammenhang gilt in der Quantenphysik allgemein für alle komplementären Eigenschaften eines Teilchens. Es gibt auch eine Unschärferelation zwischen Energie und Zeit.
Nobelpreis 1932 (verliehen 1933) für die Begründung der Quantenmechanik.
1927 Niels Bohr:
Komplementaritätsprinzip (entdeckt in Diskussion mit Heisenberg). – „Wellen- und Teilchenbild sind komplementär. Beweist eine Messung den Wellencharakter von Strahlung oder Materie, dann ist es unmöglich, in derselben Messung den Teilchencharakter nachzuweisen. Das Experiment bestimmt, welches Bild zu benutzen ist.“
Die Bedeutung der Quantentheorie
Max Planck entdeckte die Formel zur Berechnung der Quantenenergie und legte damit den ersten Grundstein zur umwälzend neuen Theorie. Niels Bohr hat dann mit seinem Komplementaritätsprinzip den entscheidenden Schritt zur Ausarbeitung der Quantentheorie getan. Doch erst Heisenberg und Schrödinger brachten die Theorie in eine mathematisch ausformulierte, abgeschlossene Form.
Bohr und Heisenberg zusammen entwickelten die sogenannte „Kopenhagener Deutung“: ,,Die Quantentheorie bezieht sich auf das atomare Naturgeschehen, wie es sich zeigt, wenn es mit realisierbaren Messgeräten untersucht wird.“
Dies ist gleichsam der Vorgedanke zur umstrittenen und oft falsch verstandenen Subjektivitätsthese, wonach die Quantentheorie lediglich solche Ergebnisse zutage fördert, wie sie Menschen in bewusster Wahrnehmung (eben durch physikalische Messungen) erst erzeugen können. Subjektiv ist dabei eigentlich nicht die menschliche Wahrnehmung selbst, sondern die im Prinzip willkürlich gewählte Art der Messung.
Plancks Entdeckungen hoben bereits den Wissensstand in Bezug auf die atomare Welt auf ein völlig neues Niveau. Man wusste nun: Atome geben ihre Energie nicht stetig, sondern in Portionen ab (nach vorheriger Anregung bzw. bei entsprechenden Temperaturen). Dies ist die physikalische Grundlage der sogenannten Quantentheorie. Was noch sehr wichtig ist: Strahlungen (elektromagnetische Wellen) können auch als Teilchen verstanden werden. Umgekehrt ist im Prinzip jedwede Materie ebenso als Welle deutbar.
Da die Energie eine universelle physikalische Größe darstellt, ist es problemlos möglich, die beiden „Phänomene“ ineinander umzurechnen. Mit dem Begriff „Phänomen“ und überhaupt mit anschaulichen Deutungsversuchen muss man jedoch sehr vorsichtig umgehen; denn beide Vorstellungen (Welle und Teilchen) sind überhaupt keine real existierenden Zustände. Es sind lediglich gleichberechtigte physikalische Modellvorstellungen. Man spricht deshalb vom sogenannten Welle/Teilchen-Dualismus.
Welche „Existenzweise“ die wahre ist, was nun genau der Natur entspricht, kann vom Physiker nicht entschieden werden.
Aufbauend auf Versuchen des deutschen Physikers Philip Lenard, der den „Fotoeffekt“ entdeckte, untersuchte Planck die Wechselwirkung von elektromagnetischer Strahlung (Licht) mit Materie theoretisch noch genauer. Mit seiner neuen Formel (E = h x f) konnte er die experimentellen Ergebnisse exakt erfassen und z.B. die spektrale Verteilung der Temperaturstrahlung vorausberechnen.15
Jedoch bedeutete die Quantelung der Energie, die zur Erklärung notwendig war, einen eklatanten Bruch mit der bisherigen „klassischen“ Physik; denn die alte Physik konnte sich die Natur bislang nur als eine kontinuierlich gestaltete Welt vorstellen. Diskontinuierlich auftretende physikalische Eigenschaften waren undenkbar. Es galt der Spruch: „Die Natur macht keine Sprünge.“
Bei Rutherfords Streuversuch hatte man theoretisch Folgendes erwartet: Da die Atome im Metall sehr dicht gelagert sind, kann keine Teilchenstrahlung hindurchdringen. Aber das Ergebnis sah tatsächlich völlig anders aus: Fast die gesamte Strahlung durchdringt nämlich die Atome der Metallfolie ungehindert, und nur ein sehr geringer Teil wird zurückgeworfen.16
Aus den Experimenten drängt sich die wichtige Schlussfolgerung auf, dass die Atome größtenteils aus leerem Raum bestehen. Fast die gesamte Masse ist im winzigen Atomkern konzentriert. Die Größe des Atomkerns beträgt nur ca. ein Zehntausendstel des Atomdurchmessers. Der Atomkern ist positiv geladen, denn die Alphateilchen werden durch Abstoßung gleicher elektrischer Ladungen daran gestreut.
Von nun an gibt es drei Arten von Atomphysik, je nachdem ob man die äußere Atomhülle (bestehend aus Elektronen), den Atomkern (bestehend aus Protonen und Neutronen) oder sonstige Elementarteilchen (die man bald noch finden sollte) untersucht. Somit ist auch der Unterschied zwischen Atom- und Kernphysik klar, obwohl es natürlich Überschneidungen in den Experimenten gibt.
Das von Niels Bohr in die Diskussion gebrachte Komplementaritätsprinzip hat Generationen von Physikern Kopfzerbrechen bereitet und ist auch heute noch nicht endgültig verstanden. Gerade Carl Friedrich von Weizsäcker machte sich darum verdient, die philosophischen Konsequenzen der Quantentheorie und speziell auch der geheimnisvollen Komplementarität bis in die letzten Feinheiten zu durchdenken. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass die Erkenntnis vorerst nur dadurch fortschreiten kann, Denkfehler und vorschnelle populärwissenschaftliche Deutungen aufzudecken und zu vermeiden. Eine positive Aussage mit neuem, vielleicht auch revolutionärem oder gar endgültigem Wahrheitsgehalt darf man sich wohl nicht erwarten. Weizsäcker war wie kaum ein anderer dazu befähigt, die Tatsachen und ihre korrekte Interpretation seriös und auch relativ leicht verständlich auszubreiten.
Weizsäckers
Leistungen als Physiker
Seine Liste von Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften ist außerordentlich lang. Sie beginnt 1931, als Weizsäcker noch Student war, mit dem Thema „Ortsbestimmung eines Elektrons durch ein Mikroskop“ (Zeitschrift für Physik). Weizsäcker arbeitete nur bis 1957 offiziell als Physiker und war dann als Philosophie-Professor tätig. 1937 und 1938, in den Jahren nach der Habilitation, beschäftigte er sich mit der Höhenstrahlung, neuen Modellvorstellungen vom Bau der Atomkerne und „Elementumwandlungen im Innern der Sterne“ (Physikalische Zeitschrift). Nach dem Krieg wird die Entstehung des Planetensystems, also Astrophysik, Weizsäckers großes Thema. Herausragend ist jedoch eine Arbeit des Jahres 1939 mit dem Thema „Kernumwandlungen als Quelle der Sternenergie“.
Etwas lapidar, aber nicht ohne Stolz bemerkte er in seiner „Selbstdarstellung“: „Ich dachte mir den Kohlenstoffzyklus aus, den Bethe gleichzeitig fand und gründlicher ausarbeitete.“ 17 Eine gewisse Tragik ist darin zu sehen, dass Hans Bethe, der während des Krieges in die USA auswanderte, allein die wissenschaftlichen Lorbeeren erntete.
Bethe erhielt den Nobelpreis zwar erst im Jahr 1967, aber genau für jenes Thema des Jahres 1938, womit auch Weizsäcker befasst gewesen war. Immerhin blieb Weizsäcker der relativ schwache Trost, als Mitentdecker des Bethe-Weizsäcker-Zyklus in den Lehrbüchern genannt zu werden.
Was den verwehrten Ruhm anbelangt, könnte man die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees als ungerecht empfinden, doch im Jahr 1967 war nur Bethe noch voll als Physiker tätig, während Weizsäcker sich längst völlig anderen Aufgaben widmete. Auch die Frage der „Gleichzeitigkeit“ von Entdeckungen ist eine diffizile Sache. Die Frage, wer denn wirklich der Erste war, der den entscheidenden Schritt unternahm, musste in der Geschichte der Wissenschaften immer wieder gestellt werden. Im Fall Weizsäckers scheint klar zu sein, dass er tatsächlich als Erster, nämlich schon 1935, die Grundformel zur Berechnung der Bindungsenergie im Atomkern präsentierte, nur wurde sie dann durch Hans Bethe und Enrico Fermi weiter verfeinert und schließlich als „Bethe-Weizsäcker-Formel“ bezeichnet.
Die erwähnte Formel ist nicht zu verwechseln mit dem sogenannten „Bethe-Weizsäcker-Zyklus“. Er beschreibt eine mehrstufige, kreisförmige Reaktion, die vor allem eins liefert: Energie! Bei dieser Reaktion entstehen verschiedene Isotope von Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff. Im ersten Schritt reagiert Kohlenstoff, C-12 (also das bei Weitem häufigste Isotop dieses Elements), mit Wasserstoff zu Stickstoff N-13. Die Grafik verdeutlicht die einzelnen Reaktionen, die sich in den Atomkernen abspielen, wobei vier Fusionen auftreten und zwei Zerfälle. Jeder Atomkern enthält Protonen und Neutronen, nur beim Element Wasserstoff enthält der Kern lediglich ein Proton. An den Reaktionen des Bethe-Weizsäcker-Zyklus sind ausschließlich Atomkerne und einige Elementarteilchen beteiligt. Wasserstoff liegt hier in Form des bloßen Atomkerns, ohne Elektron, also als sogenanntes Proton vor. N-13 zerfällt wieder zu C-13 und einem Positron. Jetzt reagiert C-13 mit Wasserstoff zu N-14. Bei den nächsten beiden Schritten entsteht Sauerstoff, der wieder zerfällt, so dass N-15 übrig bleibt. Eine erneute Fusion des N-15 mit Wasserstoff ergibt nun im letzten Schritt neben C-12 auch etwas völlig Neues, nämlich Helium. Da hier wieder das Kohlenstoffisotop C-12 freigesetzt wird, das am Anfang die Reaktionen eingeleitet hat, ist der Zyklus somit komplett. Als Endergebnis aller genannten Zwischenschritte des Bethe-Weizsäcker-Zyklus wurde durch Kernfusion ein neues Element erzeugt. Was diesen Vorgang so besonders macht: Es wird ein ungeheurer Überschuss an Energie freigesetzt. Das ist, grob gesagt, der maßgebende atomphysikalische Prozess, der im Inneren der Sonne abläuft und diejenige Energie liefert, von der wir auf der Erde profitieren, die hier das Leben erst ermöglicht. Damit ist das alte Rätsel um die Entstehung der Sonnenenergie gelöst. Die materielle Grundlage dieser Energie ist letztlich die Kernfusion.

Grafik: Bethe-Weizsäcker-Zyklus.
In sechs Reaktionsschritten entsteht Helium aus Wasserstoff.
Bei jedem Schritt wird sehr viel Energie frei. N-13 und O-15 sind instabil,
die übrigen Isotope sind sehr stabil.
In die Gesamtbilanz des Zyklus geht viermal Wasserstoff ein, zweimal wird ein Positron freigesetzt. Dies ist in der Grafik leicht zu erkennen. Insgesamt geht Masse verloren, die in Energie verwandelt wird. Positronen haben eine extrem geringe Masse, sie beträgt nur etwa ein Zweitausendstel von der Masse eines Protons oder Neutrons. Als entscheidendes Ergebnis aller sechs Reaktionsschritte entsteht Helium, das leichter ist als die vier Protonen, woraus es letztlich hervorging. Jeder der einzelnen Schritte liefert einen sehr hohen Überschuss an Energie.
Wichtig ist auch, dass unter dem Strich Masse verlorengeht, was man als „Massendefekt“ bezeichnet. Diese Masse kann man nach der berühmten Einstein-Formel E = m x c² mit einem bestimmten Betrag an Energie gleichsetzen. Der Wasserstoff stellt gewissermaßen das Brennmaterial zur Kernfusion dar, er wird im Prozess immer mehr verbraucht; denn er wird einerseits zu Helium andererseits auch in Energie verwandelt. Man spricht deshalb auf lange Sicht vom Ausbrennen der Sterne. Es ist dies ein kosmisches Schicksal, das nach Kenntnis der modernen Physik und Astronomie auch unsere Sonne in sehr ferner Zukunft einmal erleiden wird.
Wer die Einstein-Formel zu „lesen“ versteht und weiß, dass c das physikalische Symbol für Lichtgeschwindigkeit darstellt, die rund 300.000 Kilometer pro Sekunde beträgt, der kann erahnen wie groß die Energiebeträge sein müssen, um die es hier geht. Denn c steht „im Quadrat“, und c mit sich selbst multipliziert macht bereits 9 x 1010 oder neunzig Milliarden. Selbst bei sehr geringer Masse eines einzelnen atomaren Teilchens ist der Endbetrag enorm; denn wir haben auf der Sonne auch eine riesige Zahl von Teilchen, die an der energieerzeugenden Reaktion teilnehmen.
Alle diese Erklärungen, die heute bereits zum allgemeinen Wissensschatz gehören und oft in populärwissenschaftlichen TV-Sendungen zum Besten gegeben werden, gehen im Prinzip auf Weizsäckers außerordentliche wissenschaftliche Entdeckung zurück.
Wissenschaft und Wirklichkeit im Licht der Quantentheorie
Die vorstehenden Ausführungen sind die Voraussetzung, um den philosophischen Gedankengängen Weizsäckers im Bereich der Physik folgen zu können. Jedenfalls bilden die dort aufgeführten Fakten die Grundlage, welche den Zugang einigermaßen erleichtern kann.
Es sei noch einmal darauf hingewiesen, was das Komplementaritätsprinzip heute üblicherweise aussagt: Jedes quantenphysikalische „Objekt“ hat sowohl Teilchen- als auch Wellencharakter. Ein wenig weiter gedacht kommt man zu dem Schluss, dass hierin der eigentliche Grund für die Heisenbergsche Unschärferelation liegt. Es ist aber auch richtig, gleichzeitig folgenden Zusammenhang hervorzuheben: Die Messungen im subatomaren Bereich verursachen notwendigerweise eine Störung des zu untersuchenden Systems, und deshalb sind keine exakten Wertepaare (z.B. Ort und Impuls) feststellbar.
Im folgenden Abschnitt kommt Weizsäcker selbst öfters zu Wort. Sämtliche Zitate stammen aus seinem Buch „Zum Weltbild der Physik“18. Die folgenden Ausführungen sollen Weizsäckers philosophische Haltung möglichst detailgetreu wiedergeben, und zwar so allgemeinverständlich und deutlich wie nur möglich. Drei fortlaufende Kapitel werden im Detail untersucht. Die Darstellung verfolgt die Absicht, die wichtigsten Erkenntnisse hervorzuheben. Gelegentlich werden zu diesem Zweck kurze Kommentare und Erklärungen angefügt.
Die Atomlehre der modernen Physik19
Die Quantentheorie „steht zur klassischen Mechanik nicht eigentlich im Gegensatz. Sie ist vielmehr umfassender und enthält die klassische Mechanik als einen Grenzfall in sich, welcher gültig wird für das Zusammenwirken einer sehr großen Anzahl von Atomen“. (S. 39)
Weizsäcker trifft zuerst die Feststellung, dass zwischen Welle und Teilchen ein Gegensatz besteht, behauptet aber dann (S. 40), dieser Widerspruch könne aufgelöst werden, wenn man nur Folgendes berücksichtigt: Atome stellen eine physikalische Wirklichkeit dar, die sich unserer sinnlichen Wahrnehmung entzieht, und nicht nur das, sie lassen sich prinzipiell nicht anschaulich beschreiben, selbst wenn man viele Messungen und Untersuchungen anstellt. Man kann sogar mit gewisser Berechtigung sagen: Die Vorgänge im Atom sind einfach mit unseren gewohnten räumlichen und zeitlichen Begriffen nicht erfassbar. Darin liegt das eigentliche Problem, das Wesen der Atome bzw. ihr physikalisches Verhalten zu verstehen.
Natürlich ist in der heutigen Wissenschaft und Forschung kaum noch ein Sachverhalt mit der wünschenswerten Anschaulichkeit darstellbar. Der Hinweis darauf, dass mangelnde Anschaulichkeit kein entscheidendes Hindernis und keinesfalls die Grenze der wissenschaftlichen Erkenntnis sein kann, erübrigt sich heute. Weizsäcker gibt diesen Hinweis trotzdem, nur etwas anders formuliert. (S. 41) Vermutlich will er damit die Sonderstellung der atomaren Welt in Erinnerung rufen.
Mit Hilfe der Quantenmechanik (Psi-Funktion) kann man immerhin die Wahrscheinlichkeit dafür berechnen, wie ein bestimmtes Experiment ausfallen wird, z.B. an welchem Ort man ein Elektron vorfindet. Ein bekannter Zusammenhang, der letztlich auf den Welle/Teilchen-Dualismus zurückzuführen ist.
Weizsäcker folgert daraus: „Dass man hierbei im Allgemeinen nicht mit Sicherheit prophezeien kann, ist nur ein anderer Ausdruck der Tatsache, dass wir die atomaren Gebilde nicht in einem der beiden Bilder vollständig beschreiben können.“ (S. 41)
Atome und Elementarteilchen begegnen dem Forscher so, wie er sie untersucht, nicht wie sie eigentlich sind. Die Möglichkeiten wissenschaftlicher Erkenntnis stoßen hier offenbar an ihre Grenzen. Versucht man die Welt richtig zu deuten, bekommt man Probleme mit dem scheinbar so einfachen Begriff der Wahrheit oder Wirklichkeit. Auch der Physiker ist mit dem Anspruch überfordert, die Wirklichkeit zu erklären.
Die missliche Lage der Kernphysiker, nicht definitiv feststellen zu können, welchen Ortswechsel ein Elektron innerhalb der Atomhülle vollzieht, wurde vereinzelt als ein Versagen des Kausalgesetzes im atomaren Bereich interpretiert. Doch dagegen wehrt sich Weizsäcker mit Nachdruck. Das „Kausalgesetz“ ist eine sehr allgemeine logische Gesetzmäßigkeit, die nichts weiter aussagt als dies: Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen einer Ursache und einer Wirkung. Dieses Prinzip ist eine sehr grundlegende Voraussetzung für sinnvolles Forschen an der Natur.
Carl Friedrich von Weizsäcker hält am Kausalgesetz fest und schlägt vor, besser von einem „Versagen des Determinismus“ zu sprechen. Außerdem weist er noch auf eine andere Ebene des Problems hin: Lediglich unser Wunsch nach einer „dinglichen Objektivierbarkeit“ (S. 42), einer anschaulichen Erklärung des Naturgeschehens, wird hier enttäuscht. Physiker sind es gewohnt, gemäß der klassischen Physik im makroskopischen Bereich, z.B. im alltäglichen praktisch-technischen Zusammenhang, exakte Berechnungen und Vorhersagen anstellen zu können. Doch auf der Mikroebene ist das nicht mehr möglich. „Jede Messung über das Atom hat nur einen klaren Sinn in Bezug auf die Messung, durch die sie gewonnen wurde. Wir können wählen, welchen Ausschnitt der Wirklichkeit wir jeweils anschaulich erfassen wollen; das Ganze aber entzieht sich dem Zugriff des messenden Menschen.“ (S. 42) Dies rechtfertigt jedoch noch nicht den Schluss, die Vorgänge im Atom erfolgten nicht nach kausalen Gesetzmäßigkeiten. Eine solche Behauptung geht Weizsäcker zu weit. In profunder Kenntnis der Sachlage weiß er selbstverständlich genau, welche Deutungen sinnvoll und zulässig sind.
An der „Undinglichkeit der atomaren Welt“ wird besonders deutlich, dass unsere Kenntnis der Natur abstrakten Charakter besitzt, sie ist lediglich „das treue Abbild des Weges, der zu ihr führt“. Diese Aussage Weizsäckers ähnelt der vorher zitierten (S.42), drückt den Sachverhalt aber noch deutlicher und wesentlich allgemeiner aus. Weizsäcker versucht hier, eine geistige Brücke zu bauen zwischen der Atomphysik und der gesamten technisch dominierten Naturwissenschaft. In beiden Bereichen, so sein Argument, können wir meist keine unmittelbare sinnliche Erfahrung der untersuchten Natur gewinnen; denn die Naturwissenschaft arbeitet mit „Hebeln und Schrauben“ (Goethe), und die alte Kritik der Ästheten und Feingeister ist sicher berechtigt, dass jegliche technisch angewandte Untersuchungsmethode eigentlich nur künstliche Erlebnisse schafft, die von der grundlegenden Realität immer noch weit entfernt sein können.
Experimente üben einen Zwang auf die Natur aus, der so nicht natürlicherweise vorkommt, selbst wenn einige Größen und Bedingungen möglichst realitätsnah gewählt werden. Weizsäcker spricht sogar von Gewaltakten, wodurch die moderne Physik ihre Erfahrungen hervorbringt. Wenn man an Hochspannungsanlagen oder die riesigen Teilchenbeschleuniger denkt, ist dies wohl keine Übertreibung. Die Reaktionen der Natur, konkret ist es immer nur ein kleiner Ausschnitt der Natur, den man im Experiment gezielt auswählt, werden gemessen, und anhand dieser Ergebnisse stellt man Formeln auf. Die Rede ist dann von gesetzmäßigen Reaktionen oder kurz „Naturgesetzen“, die sich im Experiment immer wieder bestätigen, meist ohne jegliche Ausnahme. Der Zusammenhang ist in der klassischen Physik so eindeutig, dass sich aus genügender Kenntnis eines Anfangszustands die folgende Entwicklung exakt vorausberechnen lässt, freilich nur dann, wenn keine sonstigen Störeinflüsse hinzukommen. Doch selbst wenn starke Störungen des zunächst erwarteten Ablaufs eintreten, kann der Physiker in Kenntnis der ursächlichen Faktoren seine Voraussagen korrigieren und wieder ein verblüffend genaues Bild des Geschehens darlegen. In der Miniaturwelt der Atome geht dies jedoch grundsätzlich nicht. „Jede Aussage gilt nur in Bezug auf das Experiment, durch das sie gewonnen wurde, und kann nicht verallgemeinert werden auf einen hypothetischen objektiven, ungestörten Zustand der Teilchen oder Wellen.“ (S. 49f)
Das mechanistische und materialistische Weltbild hat im Atomzeitalter arge Risse bekommen. Es liegt an jedem Einzelnen, die Erkenntnisse der modernen Physik, speziell auch der Quantentheorie, in ein neues Weltbild zu integrieren, das sowohl der Wirklichkeit als auch seinen geistigen Fähigkeiten angemessen ist. Die philosophischen Konsequenzen aus den genannten Entdeckungen sind erheblich, wenn nicht sogar umwälzend. Weizsäcker fordert in seinen Werken nachdrücklich dazu auf, bis in unerreichte Tiefen weiter zu denken und dabei den Geist selbst neu zu entwickeln. Er gibt mit seinen detaillierten, aber sehr prägnanten Ausführungen physikalischer und philosophischer Art eine geistige Schulung, die das moderne Bewusstsein, mithin die Erkenntnis von Ich und Welt, durchaus herausfordert.
Jene Andeutungen, die seine persönliche Einstellung aufzeigen, werden in vielen Büchern und Zeitungsartikeln über Weizsäcker meist völlig ignoriert, obwohl gerade hier das interessanteste Material vorliegt. Man muss zwischen den Zeilen lesen und alle seine Aufsätze mit größter Aufmerksamkeit Satz für Satz analysieren, um solche Aussagen zu entdecken. Sie können als Fingerzeig dafür dienen, worum es ihm im Tiefsten als Physiker ging – und als Philosoph. Eine dieser „Andeutungen“ findet sich am Ende des Kapitels „Die Atomlehre der Physik“: „Es darf wohl zum Schluss dieser Betrachtung bemerkt werden, dass wir hier unter physikalischem Blickwinkel einen der geheimnisvollsten Punkte der menschlichen Erkenntnisfähigkeit überhaupt zu sehen bekommen haben.“ (S. 50) Einige Nebenbemerkungen dazu sind mindestens ebenso interessant. Weizsäcker sagt es in unerreichter Deutlichkeit, noch klarer und mutiger als in seinen übrigen Werken und Schriften, dass seiner Meinung nach das „Erkenntnisvermögen selbst eine Art schöpferische Kraft besitzt“.
Wenn das physikalische Weltbild die Phänomene in Ich und Außenwelt, in Subjekt und Objekt spaltet, so zerreißt es damit den lebendigen Zusammenhang des Seienden. Es macht sich einer „Umdichtung der Wirklichkeit“ schuldig! Doch Weizsäcker sieht darin weder eine Schuld im moralischen Sinn noch einen rein willkürlichen Akt, sondern eine produktive Umdichtung, wozu gerade die atomare Wirklichkeit zwingt, sofern wir Erkenntnisse erlangen wollen. Aus seiner Begeisterung als Physiker macht er keinen Hehl, wenn er feststellt, das atomphysikalische Experiment selbst sei „eine besonders eindrucksvolle Manifestation des Geistes, der nur erkennt, indem er schafft“. (S. 50)
Man kennt heute einen ganzen Zoo an Elementarteilchen, wobei die vielen Sorten dieser Teilchen und ihre Eigenschaften von der Quantentheorie nicht erklärt werden. Auf die neuesten Theorien können wir hier nicht eingehen, Weizsäcker tat es auch nicht. Allerdings hebt er ein besonders mysteriöses Teilchen extra hervor, das sogenannte Neutrino.
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