Читать книгу: «Madame Beaumarie und die Melodie des Todes»
Ingrid Walther
Madame Beaumarie
und die Melodie
des Todes
Ein Provence-Krimi
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Ouvertüre und Lamento
1
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3
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7
Passacaglia
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Fuge
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Chaconne
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Finale Furioso
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Postludium
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40
Glossar
Ingrid Walther
Zur Autorin
Impressum
Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig. Von den Schauplätzen des Romans sind einige der Fantasie der Autorin entsprungen, andere sind ganz real. Es bleibt den Lesern und Leserinnen überlassen, den Unterschied herauszufinden.
Ouvertüre und Lamento
1
Florence Beaumarie ließ sich ermattet auf die Bank vor dem großen roten Klavier fallen, dem Instrument, das jedem, der sich halbwegs mit der Bedienung der schwarzen und weißen Tasten auskannte, zur Verfügung stand. Es war die einzige freie Sitzgelegenheit in der Halle des Bahnhofs Gare de Lyon in Paris. Niemandem würde es in der nächsten halben Stunde gelingen, ihr diesen Platz streitig zu machen. Sie hatte im Laufe ihres Lebens mehr als genug Trainingsstunden im Sportstudio von Monsieur Atlas verbracht, um diesen Sitz erfolgreich verteidigen zu können.
Ihr Blick umfing die Menschenmassen, die wie ein vom Sturm gepeitschtes Meer um sie herum wogten. Abgekämpft und gereizt wirkte der Großteil der Leute, was keinesfalls verwunderlich war. Bestimmt war niemand ohne Komplikationen hierhergekommen. Wie so oft in Paris hatte auch heute ein Heer von Streikenden bereits am frühen Morgen die halbe Stadt lahmgelegt. Nur eine alteingesessene und dazu noch besonders krisenfeste Bewohnerin dieser Stadt, wie Florence es zweifellos war, hatte es so früh vor Abfahrt des Zuges bis hierher schaffen können.
Sie stützte sich auf ihren Regenschirm. Den hätte sie jetzt wirklich nicht gebraucht. Nach dem kurzen nächtlichen Gewitterregen war der Himmel über Paris wieder blau wie eine frisch erblühte Glockenblume und die von den Straßenpflastern aufsteigenden Dämpfe kündigten bereits die tropische Hitze an, die die Stadt heute noch heimsuchen würde. Unwillkürlich musste Florence bei der Betrachtung ihres Schirmes den Kopf schütteln. Schon verrückt, dass ihr noch immer so viel daran lag, dass jeder Teil ihrer Garderobe haargenau zum anderen passte. Nein, mit einem x-beliebigen Schirm würde sie sich beim Musikfestival in Avignon nicht blicken lassen. Der weiße Schirm mit seinen schwarzen und orangefarbenen Punkten war ohnedies schon ein Kompromiss und würde noch am ehesten zu ihrer Garderobe passen, die sie in den letzten Tagen genauso sorgfältig für diese Reise ausgewählt hatte, wie sie das am Vorabend eines jeden einzelnen Arbeitstages ihres langen Berufslebens getan hatte. Nur auf diese Weise hatte sie sich für den Ansturm all jener Schrecknisse und Abenteuer gerüstet gefühlt, die einem begegneten, wenn man im Kommissariat des 4. Arrondissements in Paris zeit seines Lebens offiziell die Sekretärin des Chefs, inoffiziell aber jene Person war, die so manchen scheinbar unlösbaren Mordfall aufgeklärt und dafür über die Grenzen des Dienstortes hinaus Anerkennung gefunden hatte. Dass für diese Position nun, da sie in Pension gegangen war, rasch ein Ersatz gefunden werden konnte, war kaum anzunehmen. Immerhin hatte sie sich diese in vierzig Berufsjahren peu à peu erarbeitet. Ihr erster Chef, Kommissar Mordent, hatte in einer Zeit, in der die Stellung eines Kommissars noch ausschließlich Männern vorbehalten war, rasch ihre besonderen Fähigkeiten erkannt und sie nach Kräften gefördert. Jeder in ihrer Dienststelle wusste, dass es aussichtslos war, einen auch nur annähernd gleichwertigen Ersatz für sie zu finden. Würde der Eiffelturm auswandern, könnte man diesen schließlich auch nicht so mir nichts, dir nichts ersetzen.
Apropos Eiffelturm. Direkt vor ihr hatte sich soeben ein Mann aufgebaut, der sie an das berühmte Wahrzeichen ihrer Heimatstadt erinnerte, denn er überragte all die Menschen um sie herum um Haupteslänge. Obwohl sein weißer Anzug bei näherer Betrachtung ein wenig ramponiert wirkte, bot er mit seinem hageren, von feinen Falten durchzogenen Gesicht und seinem langen, silberweißen Haar, das er im Nacken zurückgebunden hatte, einen interessanten und eleganten Anblick.
Jetzt hob er seinen Zeigefinger und richtete ihn direkt auf Florence. „Dieser Platz ist einem Pianisten vorbehalten, Madame. Ich darf Sie bitten, ihn für mich frei zu machen.“
Florence musste laut lachen. „Monsieur, Sie glauben doch nicht, dass hier im Augenblick irgendjemand an einer Beethoven-Sonate interessiert sein könnte. In fünfzehn Minuten muss ich zu meinem Zug und dann wird der Platz für Sie frei sein und Sie können den ganzen Tag hier sitzen und Ihr Talent demonstrieren.“
„In fünfzehn Minuten, Madame, muss ich auch zum Zug, aber ich bin gerade durch halb Paris gerannt und muss mich sofort setzen, sonst klappe ich zusammen. Dieser verdammte Streik …“
Florence unterdrückte das Mitleid, das sie beim Anblick der leicht schwankenden Gestalt erfasst hatte. „So wie Sie sich halten, Monsieur, werden Sie tatsächlich nicht lange stehen können. Also – Beine etwas weiter auseinander, Fersen und Zehenballen fest gegen den Boden drücken, Schultern zurück und ruhig aus- und einatmen!“
Ihre klare, dunkle Stimme, in der ein Hauch von Amüsement mitschwang, verfehlte die gewohnte Wirkung nicht. Es war, als hätte sie ihrem Gegenüber einen Anker zugeworfen, denn schon folgte er ihren Anweisungen und schien sogleich etwas fester und entspannter zu stehen. Florence öffnete ihre Tasche, nahm eine kleine Plastikdose heraus und überreichte ihm einen Riegel aus Trockenfrüchten, Haferflocken und Sesam. „Stärken Sie sich ein wenig, Monsieur! Das Zeug ist selbstgemacht und wird Ihnen guttun.“ Mit einem gemurmelten „Merci, Madame“ nahm er die Gabe in Empfang, biss sofort hinein, und als er sich gleich darauf in Richtung Bahnsteig entfernte, lag tatsächlich ein kleines Lächeln auf seinen Lippen. Sie blickte ihm nach, bewunderte seinen teuer aussehenden Koffer aus rötlichem Leder und dachte sich, dass es doch gut gewesen sei, ihren Platz zu behaupten. Schließlich hatte sie schon eine umständliche Anreise hinter sich, war nicht mehr die Jüngste und eine Vertreterin des zarteren Geschlechts, auf das Männer nun einmal Rücksicht zu nehmen hatten.
Als sie eine gute halbe Stunde später im Schnellzug Richtung Avignon Platz genommen hatte und die Landschaft Frankreichs in verwischten Farbtönen an ihr vorbeiflitzte, konnte sie endlich entspannt aufatmen. Wie sehr hatte sich das Zugfahren doch seit ihrer Kindheit verändert! In den Fünfzigerjahren war sie jeden Sommer mit dem Zug zu ihrer Oma in das zu jener Zeit noch idyllische Montfermeil gefahren. Damals konnte man noch alle Fenster öffnen, um sich den Fahrtwind um die Nase wehen zu lassen. In nostalgische Kindheitserinnerungen versunken, nahm sie ihre Mitreisenden erst allmählich wahr. Eine langweilige Bande schien das zu sein. Fast jeder hatte Kopfhörer auf und die Augen auf irgendein elektronisches Gerät geheftet. Nur das junge Mädchen ihr direkt gegenüber, eine ganz reizende Elfe, las altmodisch in einem Buch. In ihrer schulterfreien Bluse würde sie sich bestimmt noch eine Erkältung holen, dachte sich Florence in einer Aufwallung mütterlicher Gefühle, denn die Klimaanlage lief auf höchsten Touren. Natürlich trug auch die Elfe Kopfhörer, vermutlich nur als Schutz vor dem störenden Geschwätz anderer Passagiere. Die Kopfhörer waren himmelblau und halb in die Stirn gerutscht, denn am Kopf thronte ein mit einem Gummiband zusammengehaltener Knoten aus widerspenstigen dunklen Locken.
Gerade jetzt schaute die Elfe von ihrem Buch auf und musterte Florence. Als diese ihren Blick erwiderte und lächelte, überzog sich das blasse Gesicht mit einem Hauch von Röte und sie nahm ihre Kopfhörer ab.
„Entschuldigen Sie, Madame“ – ihre Stimme klang robuster, als Florence es von einer Elfe erwartet hatte – „ich musste einfach Ihre Jacke bewundern. So etwas Elegantes habe ich auf einer Fahrt von Paris nach Avignon schon lange nicht mehr gesehen. Die meisten Reisenden hier tragen furchtbar langweilige Klamotten.“ Sie blickte an sich hinunter. „Ich ja auch, wie ich zugeben muss. Aber so wie Sie sich kleiden, das finde ich viel interessanter.“
„Sie interessieren sich für Mode?“ Florence schnappte nach dem ersten Gesprächshäppchen. „Habe ich vielleicht eine zukünftige Modeschöpferin vor mir?“
„Oh nein“, die Elfe klang beinahe entrüstet, „dazu habe ich bestimmt kein Talent, und ehrlich gesagt interessiere ich mich normalerweise auch nicht besonders für Mode.“ Florence vermeinte aus dieser Antwort ein wenig Enttäuschung herauszuhören und folgte dem Impuls, der jungen Dame etwas Freundliches zu sagen.
„Wenn ich in meiner Jugend so eine hübsche Mademoiselle wie Sie gewesen wäre, hätte ich es wohl auch nicht nötig gehabt, mir allzu viele Gedanken über meine Garderobe zu machen.“
Jetzt errötete die Elfe gleich noch einmal. „Sehr freundlich von Ihnen, Madame, aber bei einer Musikstudentin kommt es weniger auf die Schönheit als auf den Fleiß und das Können an.“
Florence folgte dem Blick der jungen Frau in Richtung Gepäckablage, wo ein großer, knallroter und seltsam geformter Koffer lag. „Meine Trompete“, erklärte die Elfe, „ich habe gerade mein letztes Studienjahr am Pariser Konservatorium abgeschlossen.“
Florence freute sich. Ihre allererste Reise zu einem Festival für klassische Musik hätte nicht besser beginnen können. Dass sie schon im Zug einer echten Musikerin begegnete, war ein gutes Omen für ein Unternehmen, das den Auftakt zu einer neuen Lebensphase bilden sollte. Eigentlich hatte ihre Begegnung mit diesem Möchtegern von Pianisten am Pariser Bahnhof auch schon ganz gut dazu gepasst.
Sie ließ ihrer Neugier freien Lauf und begann die junge Dame nach ihren Interessen und Lebensumständen auszufragen. Weil sie dabei jene superfreundliche Verhörtechnik anwandte, mit der sie im Kommissariat oft den verstocktesten Übeltätern ihre Geheimnisse entlockt hatte, dauerte es nicht lange, bis sie bald so ziemlich alles über die Trompete spielende Elfe wusste, die Chantal Florentin hieß und aus Avignon stammte.
2
Florence hatte nicht von ungefähr Avignon als Ziel ihrer Reise gewählt. Innerhalb der Landesgrenzen wollte sie schon allein deshalb bleiben, weil sie einer anderen Sprache als Französisch bedauerlicherweise nicht mächtig war, und von einer Reise in den Süden hatte sie schon immer geträumt. Ausschlaggebend war schließlich, dass gerade in diesem Jahr in Avignon erstmals ein kleines, feines Festival stattfinden sollte, das der Barockmusik gewidmet war. Der Initiator dieses Festivals war der berühmte und gefeierte Dirigent Stephan Lemercier. Es war ausgerechnet Lemercier, der vor einigen Jahren mit der konzertanten Aufführung von Händels Oper Xerxes im Pariser Théâtre des Champs-Élysées Florences Leidenschaft für die barocken Klänge geweckt hatte. Lemercier schien sich jedoch mit seinem Konzept eines Barockmusik-Festivals in Avignon bedauerlicherweise nicht nur Freunde geschaffen zu haben, wie Florence den Zeitungen entnommen hatte. Vor allem die Verantwortlichen des bekannten Theaterfestivals, das zur selben Zeit stattfinden sollte, schienen Lemercier als störenden Konkurrenten um die Aufmerksamkeit des Publikums zu betrachten und hatten lange, aber zum Glück vergeblich versucht, das Musikfestival zu verhindern.
Ihre neue Reisebekanntschaft hatte bereits im Zugabteil darauf bestanden, sie zu ihrem Ferienquartier zu begleiten, und ihr davon abgeraten, mit dem Taxi zu fahren.
„Wir fahren zusammen mit dem Bus, Madame“, hatte sie vorgeschlagen, „und dann begleite ich Sie das letzte Stück. Der Fußweg ist nicht lang und beginnt an der Stadtmauer, aber die Taxifahrer kurven gerne durch die halbe Stadt, um möglichst viel Geld aus den Touristen herauszuholen.“
Als sie auf ihrem Weg an einer großen Plakatwand vorbeikamen, blieb Chantal Florentin, die ihren roten Instrumentenkoffer auf dem Rücken trug und einen großen schwarzen Reisekoffer hinter sich herzog, plötzlich stehen.
„Was sagen Sie dazu, Madame? Hier ist kein einziges Plakat vom Barockmusikfestival zu sehen. Das gibt es doch gar nicht!“
Das Festival war mittlerweile zu ihrer gemeinsamen Angelegenheit geworden, denn noch während der Zugfahrt hatte Florence erfahren, dass Chantal für die Aufführung von Marc-Antoine Charpentiers selten aufgeführter Oper Médée nach dem Ausfall einer Trompete als Substitutin verpflichtet worden war. Gemeinsam musterten sie die großen Theaterplakate und entdeckten, dass unter einem ein kleiner Zipfel Rot und Gold hervorlugte. Florence streckte ihre Hand aus und löste ein Stück vom Theaterplakat ab, bis darunter tatsächlich ein rot-goldenes Konzertplakat zum Vorschein kam.
„Was fällt Ihnen ein! Das ist Vandalismus!“
Erschrocken drehten sich die beiden Frauen um. Die strenge Miene des noch recht jungen Polizisten, der unbemerkt hinter ihnen aufgetaucht war, hellte sich beim Anblick der Elfe wieder auf.
„Oh, du bist es, Chantal! Wieder mal zurück in der alten Heimat?“
„Wie du siehst, Pierre.“ Sie setzte eine empörte Miene auf. „Kannst du mir bitte erklären, warum die Plakate für das Barockmusikfestival, bei dem auch ich mitspielen werde, mit diesen Theaterplakaten überklebt wurden?“
Der Polizist errötete und schaute schuldbewusst. Chantals hübsches Gesicht hatte einen verkniffenen und herausfordernden Ausdruck angenommen und ihr Gegenüber beeilte sich mit der Antwort:
„Mit diesem Barockfestival gibt es nur Ärger. Es ist auch so schon genug los in der Stadt wegen des Theaterfestivals, aber diesen Lemercier stört nicht nur der Autolärm, sondern sogar das Geläute der Kirchenglocken während einer Aufführung. Großräumig absperren sollen wir den Platz vor der Kirche, damit eine adäquate Kulisse für die Konzerte geschaffen wird! Er ist eine Nervensäge. Ständig taucht er bei uns auf dem Revier auf und bringt eine Beschwerde vor. Nichts scheint ihm zu passen. Wir hätten sein Event wirklich nicht gebraucht!“
Während Florence sich der Betrachtung der kleinen Szene hingab, die sich vor ihr entfaltete, trat Chantal zur Verteidigung ihres Festivals an.
„Übertreib nicht, Pierre! Monsieur Lemercier ist ein supernetter Typ, aber in dieser Stadt werden ja jedem, der von außen kommt und der etwas anderes als das Gewohnte will, Prügel zwischen die Beine geworfen.“
„Von wegen Prügel, Chantal. Gestern hat mir meine Maman, die als Statistin im Theater arbeitet, erzählt, dass sich Gabriel Perou, der Regisseur, der gerade ein Bühnenstück für das Theaterfestival in der Opéra Grand Avignon vorbereitet, ständig über Lemercier beklagt. Beide proben gleichzeitig im Operntheater und müssen sich auf der Haupt- und Probebühne abwechseln. Dauernd gibt es Streit. Die Hauptschuld, sagt Maman, liegt aber bestimmt bei diesem Lemercier. Er bezeichnet die Arbeit von Perou als Mist und wirft ihm vor, dass er von wahrer Schönheit nichts verstehe.“
Florence lauschte dem Wortgefecht gespannt. Es dauerte jedoch nicht lange, bis der Polizeibeamte gegenüber der zunehmend erregteren Musikerin den Rückzug antrat.
„Nichts für ungut, Chantal. Ich finde es ganz toll, dass du bei der Oper spielen wirst. Vielleicht werde ich sie mir sogar ansehen. Du musst aber auch uns verstehen. Die Polizeistation von Avignon ist chronisch unterbesetzt und da können wir auf diese unnötigen Einsätze, die Lemercier verlangt, wirklich verzichten.“
„Schon gut, Pierre. Ich glaube trotzdem, dass ihr Monsieur Lemercier Unrecht tut! Seine Ansprüche bestehen sicher zu Recht und seine Aufführungen sind einfach große Klasse! Nicht wahr, Madame Florence?“
Mit ihrer offenen Hand zeigte sie auf den Polizisten.
„Darf ich Ihnen Pierre Caspari vorstellen, Madame? Er ist – wie man hört und sieht – ein aufrechter Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit. Wir sind miteinander in die Schule gegangen. Pierre, Madame Florence Beaumarie ist eine große Kunstkennerin aus Paris und extra wegen des Barockmusikfestivals angereist.“
„Dann sind Sie wohl so etwas wie eine Musikkritikerin, Madame! Es tut mir leid wegen vorhin. Ich wusste noch nichts von den überklebten Plakaten.“
„Wie herrlich!“, dachte Florence amüsiert. Drei Wochen nach ihrer Abschiedsfeier war sie in den Augen eines jungen Polizisten bereits zur Pariser Musikkritikerin avanciert. Ihre neue Lebensphase ließ sich interessant an.
„Nein, Monsieur, Musikkritikerin bin ich nicht. Ich bin aber sehr an Musik interessiert. Was Monsieur Lemercier betrifft, muss ich Mademoiselle unbedingt recht geben. Er ist einer der größten französischen Dirigenten und überdies ein inspirierender Regisseur des barocken Musikdramas. Ich könnte mir vorstellen, dass seine Beschwerden gerechtfertigt sind.“
Sie wandte sich an Chantal: „Kommen Sie, Chantal! Höchste Zeit, dass ich in meine Unterkunft komme. Wir dürfen den Arm des Gesetzes nicht weiter bei seiner Dienstausübung stören.“
Mit einem „au revoir“ trennte man sich, ohne dass eine polizeiliche Amtshandlung stattgefunden hätte.
Bald darauf standen Florence und Chantal vor dem blau gestrichenen Tor eines Hauses in der Rue des trois faucons, das als Teil einer Reihe alter Stadthäuser von außen weder als Hotel noch als Pension zu erkennen war.
„Sind Sie sicher, Madame, dass das die richtige Adresse ist? Gerade diese Ecke von Avignon ist in der Nacht etwas unsicher!“
„Keine Sorge. Ich habe mir das Haus bereits im Internet angesehen und erkenne dieses Tor. Ich kann schon auf mich aufpassen. Schauen Sie, was für ein schöner alter Türrahmen das ist!“
Florence beugte sich vor und inspizierte die drei kleinen Messingschilder neben den Klingelknöpfen.
„Ach – und hier steht es ja: B&B Ciel Bleu. Ich bin genau richtig! Sie können mich jetzt wirklich allein lassen, liebe Chantal. Ich sehe Sie ja übermorgen bei der Aufführung der Médée. Ich habe eine Karte in der dritten Reihe und werde Ihnen zuzwinkern.“
„Nein, Madame, nicht nur zwinkern. Treffen wir uns doch in der Pause vor dem Bühnenaufgang!“
„Aber gerne, Chantal. Das wird ja dann ein ganz besonderes Erlebnis für mich. Jetzt aber los. Sie haben schon viel zu viel Zeit für mich geopfert. Ihr Herr Papa wird sich Sorgen machen. Au revoir und bis bald!“
Mit einer Zuneigung, die sie selbst überraschte, blickte sie der fragil wirkenden Gestalt nach, die in einer engen Straße verschwand. Es hätte ihr gefallen, eine solche Tochter zu haben! Chantal hatte ihr erzählt, dass sie hier in Avignon bei ihrem Vater wohnen würde. Sie war sein einziges Kind. Ihre Mutter hatte sich schon vor vielen Jahren mit einem anderen Mann in Richtung Paris verabschiedet und Chantal war bei ihrem Vater geblieben.
Florence drückte den blauen Klingelknopf. Sofort ertönte von innen ein lautes Bellen. Sie zuckte zusammen. Hunde konnte sie nicht leiden. Eine Narbe auf ihrem Kinn zeugte bis heute von einem schrecklichen Erlebnis in ihrer Kindheit. Der Hund, der sie damals gebissen hatte, gehörte der Concierge in ihrem Wohnhaus und trotz der Beschwerde ihrer Maman hatte sie den Hund behalten dürfen – und die kleine Florence hatte sich noch jahrelang vor ihm gefürchtet.
Als sich das blaue Tor öffnete, trat Florence vorsichtshalber drei Schritte zurück. Eine kleine, weißhaarige Dame in einem geblümten Kleid und ein riesiger schwarzer Köter, der glücklicherweise an einer kurzen Leine gehalten wurde, standen vor ihr.
„Madame müssen Florence Beaumarie sein. Bitte haben Sie keine Angst, der Hund tut keinem etwas zuleide. Er ist wie ein Lamm. Ich weiß, alle Hundebesitzer behaupten das von ihrem eigenen Hund, aber bei meinem ist es wirklich so. Sie werden ihn mögen und Ihr Zimmer auch. Es hat ein großes Fenster in den blauen Himmel hinauf. Deshalb heißt mein Bed-and-Breakfast Ciel bleu. Sie wohnen im fünften Stock und es gibt sogar einen Lift. Ich wohne im Erdgeschoss und bin sozusagen die Concierge. Wenn Sie mögen, kann ich Ihnen das Frühstück hier im Hof servieren. Der Hund ist im Hof immer an der Leine. Ja, und ich bin natürlich Madame Robert. Kommen Sie doch herein! Es wird Ihnen hier gefallen.“
Florence hatte den Hund schon fast vergessen. Fasziniert blickte sie die kleine Dame an. Die Worte waren wie ein flinkes Bächlein aus ihrem Mund hervorgesprudelt und Florence ahnte, dass die Quelle dahinter unversiegbar war. Überwältigt reichte sie ihrer Vermieterin die Hand. Sie betraten einen kühlen Flur, Madame Robert schubste den Hund durch eine Tür mit der Aufschrift „Concierge“ und gleich darauf schwebten sie in einem winzigen Lift nach oben.
Endlich allein, ließ Florence sich ermattet in einen blauen Ohrensessel fallen, der einladend mitten in ihrem Zimmer stand. Sie dachte sich, dass sie in den letzten Stunden eigentlich gar nicht viel gesprochen, aber sehr viel erfahren hatte. Waren die Leute hier im Süden gesprächiger als in Paris? Dort dauerte es oft lange, bis man mehr von den Menschen erfuhr, die einem täglich über den Weg liefen. Ihr war es immer recht so gewesen. Im Berufsalltag war dies ohnehin anders und am Abend hatte sie die Stille ihrer in einem idyllischen Hinterhof gelegenen Wohnung zu schätzen gewusst. Je älter sie wurde, desto mehr hatte es sie nach dem abendlichen Alleinsein verlangt. Das allerdings hätte im Kommissariat niemand von ihr gedacht, denn dort galt sie als Kommunikationsgenie. Eine Fähigkeit, die auch ihren Preis hatte. Je mehr sie sich während der Arbeit auf ihr jeweiliges Gegenüber einließ, desto mehr brauchte sie später ihre Ruhe. Außer mit ihrer Maman und mit ihrem Sohn Michel, der längst über alle Berge war, hatte sie nie mit jemand anderem zusammengelebt.
Mit ihrem Ferienquartier war sie jedenfalls zufrieden. Der Raum war groß und wunderbar altmodisch eingerichtet. Eine große Kommode mit fünf Laden, ein Schreibtisch samt einem mit Leder gepolsterten Sessel sowie zwei Lehnstühle, einer davon mit Fußschemel. Vom ciel bleu, der dem kleinen Hotel seinen Namen gab, war momentan allerdings nichts zu sehen. Die ebenfalls blauen Jalousien ließen nur wenig Licht herein. „Bitte lassen Sie die um diese Tageszeit unbedingt geschlossen“, hatte Madame Robert gesagt, „sonst wird es furchtbar heiß im Zimmer.“
Apropos Tageszeit! Wie spät mochte es eigentlich sein? Florence hatte normalerweise einen untrüglichen Zeitsinn und trug keine Uhr, aber auf dieser für sie ungewohnt langen Reise war ihr Zeitgefühl komplett durcheinandergeraten. Sie holte ihr Mobiltelefon aus der Umhängetasche. Schon fünf Uhr nachmittags! Kein Wunder, dass sie langsam wieder hungrig wurde. Einen Moment lang wusste sie nicht, was sie tun sollte: essen, duschen, Koffer auspacken oder schlafen? Sie musste ihre Gedanken ordnen. „Essen, duschen, essen, schlafen, essen, duschen“, schwirrte es durch ihren Kopf. Es dauerte nicht lange und sie war in ihrem Lehnsessel eingeschlafen.
Als ihr Kopf von der Lehne rutschte und nach vorne fiel, schreckte sie hoch. Durch ihren Schlaf waren gerade noch unzählige Konzertplakate gewirbelt, die immer bedrohlichere Formen angenommen und sich wie eine riesige dunkle Wolke auf ihr niedergelassen hatten. Obwohl sie nicht abergläubisch war, konnte sie sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie hier in dieser Stadt nicht nur Gutes erwartete. Wie versteinert blieb sie sitzen und schaffte es nicht, sich zu bewegen. Nach diesem Traum fühlte sie sich niedergeschlagen und lustlos.
„Ach was“, sagte sie sich schließlich. „Du hast nur zu lange geschlafen.“ Endlich erhob sie sich und ging zum Fenster. Auf Knopfdruck fuhren die schmalen Lamellen der Jalousie nach oben und gaben ein Stück blauen Himmels frei. Florences Aussichtspunkt lag über den Dächern. Auf dem Platz unter ihr entdeckte sie ein Lokal, vor dem einige Leute an kleinen Tischen saßen. Vielleicht konnte man da etwas essen. Sie schlüpfte in ein frisches T-Shirt und machte sich auf den Weg nach unten. Zu ihrer Erleichterung begegneten ihr am Weg hinaus weder der Hund noch seine Besitzerin. Das Lokal am Platz entpuppte sich als eine Bar, in der es nichts zu essen gab. In einer Seitenstraße entdeckte sie jedoch ein winziges marokkanisches Restaurant, in dem man ihr die beste Lamm-Tagine servierte, die sie jemals verspeist hatte. Als sie eineinhalb Stunden später beglückt von dieser wunderbaren Mahlzeit ihr Quartier betrat, war ihre Welt wieder in Ordnung.
3
Madame Robert hatte den Frühstückstisch im Innenhof gedeckt. Am Morgen war es dort noch einigermaßen kühl, eine hohe Platane spendete Schatten und das niedrige Holzpodest, auf dem die Tische standen, wurde von mehreren mit Lavendel und Rosen bepflanzten Blumenkästen gesäumt. Schon beim Aufstehen hatte Florence sich vorgenommen, die sprudelnde Quelle von Madame Roberts Wortreichtum durch ihre eigene morgendliche Schweigsamkeit einzudämmen. Es stellte sich jedoch heraus, dass Madame ohnedies mit den Frühstücksvorbereitungen beschäftigt war, die sie – wie es aussah – ohne zusätzliche Hilfe bewältigte. Florence war jedenfalls der erste Gast und durfte sich einen Platz aussuchen. Sie konnte es sich dennoch nicht verkneifen, ihrer quirligen und freundlichen Gastgeberin, die sie am Vorabend nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte, eine Frage zu stellen.
„Wie viele Zimmer vermieten Sie denn eigentlich, Madame?“
„Gute Frage! Das hängt davon ab, ob gerade einer meiner fünf Söhne zu Besuch ist und von mir verwöhnt werden will. Wenn alle fünf da sind, kann ich natürlich nichts vermieten, aber meine Söhne wissen, dass sie mir das früh genug ankündigen müssen. Gleich nach Ihrer Abreise kommt Pascal, mein Jüngster, und dann ist Ihr schönes Dachzimmer schon mal weg. Sie müssen wissen, Madame, dass dieses Zimmer einmal ein Teil unserer großen Maisonnette war. Nach dem Tod meines Mannes habe ich alles umbauen lassen und bin in die Wohnung hinuntergezogen, in der es früher eine Concierge gab. Gott sei Dank hat mein Alain – Gott hab ihn selig – gut verdient und ich habe als pensionierte Lehrerin auch eine Rente. Ich habe schon immer von einem kleinen Hotel geträumt und diesen Traum habe ich mir mit meinem B&B erfüllt. Es ist doch schön geworden, nicht wahr?“
Florence beeilte sich, ihr zuzustimmen. Nun wollte sie wirklich in Ruhe ihren Kaffee trinken. Madame Robert, an diesem Morgen mit rüschenbesetzter Schürze, verschwand in Richtung Küche, war aber bald darauf wieder da. Sie schob einen Servierwagen vor sich her, der mit Köstlichkeiten geradezu überladen war. Als Erstes stellte sie ein Tablett auf den Tisch, auf dem sich eine ganze Kompanie kleiner Gläser mit Konfitüren versammelt hatte, die mit handgeschriebenen Etiketten versehen waren. Es folgten eine große Kanne Kaffee, ein Krug Milch, Brot, Butter, Schinken, Käse, frische Feigen und Aprikosen und schließlich ein großer Korb mit verführerisch duftendem Brot und Brötchen. All das wurde von einem weiteren Wortschwall Madames begleitet, die jede einzelne Marmelade und deren Herkunft erklärte. Einer ihrer Söhne besaß nämlich ein Landhaus in der Nähe von Lourmarin, und die Schwiegertochter, die in ihren Augen sonst nur über wenige Talente verfügte, hatte alles selbst hergestellt.
Glücklicherweise musste sie ihre Erklärungen abrupt abbrechen, weil ein weiteres Gästepaar erschienen war, das an einem der Nebentische Platz nahm.
Florence atmete auf. Sie war froh, dass sie den Tisch für sich alleine hatte, und widmete sich dem Studium der ihr dargebotenen Delikatessen. Dieses Frühstück unterschied sich deutlich von dem, was sie sonst gewohnt war. Die Croissants, die sie in Paris alltäglich am Weg zur Arbeit im Café Deux Artistes samt einem Café au lait zu sich nahm, fehlten hier gänzlich. Das Frühstück war jedenfalls eine gute Gelegenheit, auch diesbezüglich etwas Neues auszuprobieren, denn schließlich hatte sie sich für ihr neues Dasein die größtmögliche persönliche Flexibilität verordnet.
Nach dem Frühstück machte sie sich unverzüglich auf den Weg in die Stadt. Es war noch früh und in den verwinkelten Gassen ging es ruhig zu. Die beiden berühmtesten Sehenswürdigkeiten von Avignon – den Papstpalast und die Brücke – ließ sie vorerst links liegen und strebte stattdessen dem Ort zu, an dem das erste ihrer Konzerte stattfinden sollte. Wie auch sonst in ihrem Leben musste sie sich zu allem und jedem ihren höchst persönlichen Zugang verschaffen. „Dieses Kind hat seinen ganz eigenen Kopf“, hatte die Lehrerin schon nach dem zweiten Schultag zu Florences Mutter gesagt – und das war nicht wirklich freundlich gemeint gewesen. Sie war nur die Erste einer Reihe von Erziehungspersonen, die versucht hatten, den Kopf des ungewöhnlichen Kindes nach eigenen Vorstellungen zurechtzurücken. Erfolglos, wie sich herausstellte.
Dieser Kopf trug heute eine weiße Schirmkappe über widerspenstigen, rötlichbraunen Locken. Es war Juli und Florence musste sich vor der Sonne schützen. Schon gestern Abend hatte sie sich dazu das fliederfarbene Leinenkleid herausgesucht, das in einem gewissen Gegensatz zu der sportlichen Kopfbedeckung und ihren robusten Sandalen stand. Florence liebte Gegensätze, sie hatten etwas Erfrischendes und Anregendes.
Ausgerüstet mit einem guten Orientierungssinn und einem Stadtplan marschierte sie beschwingt in Richtung ihres ersten Zieles und schon nach fünfzehn angenehmen Gehminuten trat sie aus einer der kühlen und schattigen Gassen auf einen Platz, den das Sonnenlicht gerade frisch erobert hatte. Was für ein Anblick! Das musste das berühmte Licht des Südens sein! Es sah aus, als seien die Häuserfassaden, die Bäume und die Kirche mit einem Gespinst von allerfeinstem, leuchtendem Himmelsstaub überzogen.
Sie gab sich der Betrachtung dieser göttlichen Inszenierung hin und entdeckte bald ein rot-goldenes Plakat, das an der Kirchentür prangte. Hier hatte sich niemand getraut, es zu überkleben, denn hier sollte heute Abend das Eröffnungskonzert stattfinden. Ob man jetzt schon in die Kirche hineinkonnte? Nein, das Tor ließ sich nicht öffnen. Gerade als sie sich wieder abgewandt hatte, drehte sich knarrend ein Schlüssel. Neugierig wandte sie sich um. Die Tür war offen und vor ihr stand ein mittelgroßer Mann in einem kurzärmeligen, blauweiß-karierten Hemd und langen hellen Baumwollhosen. Ein dichter Haarkranz umgab eine kleine Glatze und auf seiner Nase saß eine sehr blaue und sehr modische Brille, durch die er Florence überrascht, aber freundlich anblickte.
„Bonjour, Madame! Kommen Sie schon zur Probe? Sind Sie ein Mitglied des Orchesters?“
Florence überlegte rasch. Die Gelegenheit, ihrem Lieblingsdirigenten beim Proben zuzuschauen, durfte sie sich nicht entgehen lassen. Als Orchester- oder Chormitglied konnte sie sich nicht ausgeben, aber ob sie als eine ganz gewöhnliche Besucherin zugelassen würde? Chantal fiel ihr ein und blitzartig entschloss sie sich zu einer Notlüge.
„Ich bin wohl ein wenig zu früh dran. Nein, Orchestermitglied bin ich nicht. Ich komme aus Paris und treffe hier eine meiner Musikschülerinnen. Sie spielt zum ersten Mal in diesem Orchester mit und hat mich zur Probe eingeladen.“
Erst jetzt bemerkte Florence ein kleines Kreuz an der Brusttasche ihres Gegenübers. Dann gehörte er wohl nicht zu den Leuten vom Festival, sondern war ein Vertreter der Kirche.
„Aha! Sie wissen aber schon, dass Sie um einiges zu früh dran sind? Die Probe beginnt ja erst um zehn. Da haben Sie noch mehr als eine Stunde Zeit!“
„Ja, das weiß ich. Ich kenne mich in Avignon nicht aus, daher wollte ich erst meinen Weg hierher finden und dann noch in der Nähe einen Kaffee trinken, mein Frühstückskaffee war mehr als schwach. Könnten Sie mir vielleicht ein Lokal empfehlen?“
„In unmittelbarer Nähe leider nicht. Einen akzeptablen Kaffee bekommen Sie bei Patrick und der ist etwa zehn Gehminuten von hier entfernt. Sie können aber gerne auch in unserem kleinen Pfarrsaal einen trinken. Bei uns bekommen Sie einen ausgezeichneten Kaffee. Sie haben Glück: Ich bin nicht nur der Pfarrer dieser kleinen Gemeinde, ich bin auch Kaffeeliebhaber und als solcher habe ich eine Espressomaschine angeschafft. Ich lade Sie ein.“
Florence hatte ein strategisches Problem. Dass sie dem Pfarrer eine Lüge aufgetischt hatte, war ihr bereits unangenehm. Wenn sie seine Einladung annahm, musste sie ihn weiterhin anlügen. Wenn sie aber jetzt wegging, würde sie womöglich nicht mehr zur Probe in die Kirche eingelassen werden. Nach einem kurzen Stoßgebet akzeptierte sie die Einladung des Pfarrers. Während sie an seiner Seite das prächtige Bauwerk umrundete, begann sie ein Gespräch, denn sie wollte ihn von weiteren Fragen zu ihrer Person abhalten.
„Die Kirche ist wunderschön“, sagte sie, „und auch der Platz davor – so still und friedlich.“
„Das ist er aber nur heute“, antwortete der Pfarrer. „Monsieur Lemercier hat nämlich darauf bestanden, dass die ganze Umgebung für den Autoverkehr gesperrt wird. Wie er das bei der Stadtverwaltung durchgesetzt hat, ist mir ein Rätsel. Die Anrainer haben jedenfalls keine Freude, wenn sie nicht zufahren können. Der Platz ist allerdings viel schöner ohne Autos. Na ja, solange neben dem Chauffeur des Dirigenten auch noch mir und meinem alten Saab die Zufahrt gestattet ist, soll es mir recht sein. Ich bin nämlich ein Saab-Fan, müssen Sie wissen.“
Er deutete auf das türkisfarbene Prachtexemplar eines schon in die Jahre gekommenen Autos, das neben einem grauen Mercedes schräg gegenüber der Kirche geparkt war.
Florence schaute ihn verwundert an: „Eine recht ungewöhnliche Leidenschaft für einen geistlichen Herrn, wenn ich so sagen darf!“
„Da haben Sie schon recht, Madame. Ich habe den Wagen wirklich sehr günstig von meinem Bruder kaufen können. Der hat die Autowerkstatt unseres Herrn Papa geerbt. Der Chauffeur von Lemercier war von diesem Modell auch ganz angetan.“
Florence nickte. „Das kann ich mir vorstellen. So einen bildschönen Wagen sieht man heute nur noch selten.“
Sie waren kurz stehen geblieben und betrachteten das Auto. Als sie weitergingen, kam Florence wieder auf den Dirigenten zu sprechen. „In einem Interview hat Lemercier einmal gesagt, dass er nicht nur die Musik, sondern auch die Stille sehr schätzt. Wahrscheinlich hat er sich deshalb eine autofreie Zone um die Kirche herum gewünscht. Bei ihm darf ja auch erst am Ende eines Konzertes und nicht zwischen den Stücken geklatscht werden. Ich habe schon einmal erlebt, dass er einen hustenden Mann im Publikum beschimpft hat.“
„Das würde zu ihm passen.“ Der Pfarrer nickte zustimmend. „Von mir hat er verlangt, dass ich ihm für die Dauer der Konzerte die Sakristei samt Schlüssel zur Verfügung stelle, damit er sich in aller Stille auf jede Aufführung vorbereiten kann. Ich habe für die Zeit der Proben und der Aufführungen alle Messen in die Taufkapelle verlegen müssen. Ach ja, und die Burschen, die vor der Kirche gerne mit ihren Skateboards auf- und abfahren, hat er auch erfolgreich in die Flucht geschlagen.“
Der Pfarrsaal befand sich hinter der Kirche. Der Zugang führte durch einen imposanten Innenhof samt Kreuzgang aus dem 14. Jahrhundert, der jetzt aber seltsam aus der Achse geraten wirkte. Wie der Pfarrer erklärte, habe einer seiner Vorgänger unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanum diesen schönen Ort durch einige Zubauten, die dem Gemeindeleben nützlich waren, verschandelt. Monsieur Lemercier, ein Ästhet von echtem Schrot und Korn, habe ihn seit seiner Ankunft hier schon mehrmals aufgefordert, diese Bausünden wieder rückgängig zu machen. Er renne da bei ihm prinzipiell offene Türen ein, habe aber keine Ahnung, wie kostenintensiv und schwierig ein solches Unternehmen wäre.
All das erzählte der Pfarrer Florence, während er für sie an einer großen, sehr professionell wirkenden Espressomaschine ein Tässchen Kaffee zubereitete. Allein dessen Geruch ließ die Kaffeeliebhaberin in Verzückung geraten. Zuvor hatte der Pfarrer ihr gezeigt, welche von den beiden weiteren Türen vom Kreuzgang aus ins Kircheninnere und welche in die Sakristei führte. Der Dirigent, der sich schon seit einer Viertelstunde in der Sakristei aufhielte, dürfe dort keinesfalls gestört werden.
Florence trank in Ruhe ihren Kaffee und genoss die Situation. Alles hatte sie erwartet, nur nicht, dass sie gleich zu Beginn ihrer Reise Bekanntschaft mit einer Musikerin machen und dann vom Pfarrer der Kirche, in der das Eröffnungskonzert stattfinden sollte, mit Kaffee bewirtet werden würde.
Eine halbe Stunde später saß sie in Erwartung der Orchesterprobe in der Kirche. Sie hatte sich durch die vom Pfarrer bezeichnete Tür hineingeschlichen, sich hinter eine dicke Säule gesetzt und hoffte, dass man sie dort vom Altarraum aus nicht sehen würde. Bis zum Beginn der Probe waren es noch zehn Minuten und vor dem Altar, wo bereits alles für das Orchester bereitstand, begann ein geschäftiges Treiben. Lichter wurden ein- und ausgeschaltet, Instrumente ausgepackt, Notenpulte und Sessel hin- und hergerückt.
„Nein“, überlegte Florence, „hier wird mich schon niemand bemerken. Hier sind alle viel zu sehr beschäftigt.“
Kaum hatte sie das gedacht, hörte sie hinter sich eine ihr nun schon vertraute Stimme.
„Ich hatte erwartet, Madame, dass Sie heute als Allererstes unseren berühmten Papstpalast besichtigen würden – und nun treffe ich Sie hier in diesen heiligen Hallen an.“
„Pssst“, Florence drehte sich zu Chantal um, die unbemerkt und elfengleich hinter ihr aufgetaucht war. „Es ist wohl besser, wenn ich hier niemandem auffalle.“
„Ach, die sind ohnedies alle mit sich selbst beschäftigt. Ich bin ja bei dieser Probe hauptsächlich auch nur Zuhörerin und werde mich in die erste Reihe setzen. Kommen Sie doch auch mit nach vorne!“
„Vielen Dank! Mir gefällt es hier sehr gut. Von hier aus habe ich einen schönen Überblick. Ich muss nicht unbedingt auffallen.“
„Alles klar! Wir könnten uns aber nach der Probe vor dem Eingang der Kirche treffen und vielleicht zusammen ins Zentrum spazieren?“
„Wunderbar!“ Florence freute sich über die Anhänglichkeit der jungen Frau und sah ihr zu, wie sie mit ihrem Instrumentenkoffer am Rücken der vordersten Reihe zustrebte.
4
Punkt zehn Uhr saßen die etwa zwanzig Mitglieder des Orchestre pour la Musique Anthémique, kurz OhLaMusique, mit bereits gestimmten Instrumenten und nur gelegentlich miteinander flüsternd auf ihren Plätzen. In der ersten Reihe hatten neben Chantal noch einige andere Leute Platz genommen. Florence mutmaßte, dass es sich dabei um Bekannte der Orchestermitglieder oder um Musiker handelte, die erst später zum Einsatz kommen würden.
Der Meister ließ jedoch auf sich warten, was höchst ungewöhnlich war, war er doch für seine Pünktlichkeit bekannt. Es dauerte auch nicht lange, bis einige der Musikerinnen und Musiker unruhig wurden. Man wandte die Köpfe hin und her und auch Chantal drehte sich um und blickte stirnrunzelnd in Richtung Florence. Ehe jedoch dieses leise Lüftchen des Unmuts zu einem veritablen Sturm anschwellen konnte, flog eine Tür seitlich hinter dem Altar auf und der berühmte Dirigent Stephan Lemercier betrat den Raum. Ohne nach links und rechts zu blicken, strebte er dem Dirigentenpult zu, stieg die zwei Stufen hoch und blieb stumm und gesenkten Hauptes stehen. Auf der Stelle erstarben die Stimmen, die Instrumente wurden in Einsatzbereitschaft gebracht und alle Augen hefteten sich auf den Dirigenten. Hinter dem Altar schloss sich leise eine Tür und Florences Blick erhaschte gerade noch den Zipfel eines blau karierten Hemdes, das dem Pfarrer gehörte.
„Mesdames et Messieurs! Ich muss mich für meine Verspätung entschuldigen. Dies ist jetzt eine ganz wichtige Probe und soeben gab es noch einen unangenehmen Vorfall.“ Seine Stimme schwankte kurz, er hatte sich aber rasch wieder gefasst.
„Nein, nein! Das hat nichts mit Ihnen zu tun und braucht Sie nicht zu beschäftigen. Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüßen.“ Er wandte sich um und blickte in den Kirchenraum. Florence zog sich gänzlich hinter ihre Säule zurück. Sein Blick hatte aber nicht ihr, sondern den Zuhörern in der ersten Reihe gegolten.
„Die beiden Proben des heutigen Tages werden sich insofern etwas anders gestalten, als wir zusätzlich noch einige der anspruchsvollsten Stellen der Opernaufführung vom morgigen Tag mit unseren Substituten proben wollen. Ich danke Ihnen, dass Sie schon jetzt anwesend sind.“
Wieder dem Orchester zugewandt, erhob er den Taktstock: „Mesdames et Messieurs! Johann Sebastian Bach – Ouvertüre zur Orchestersuite!“
Sogleich folgte das gesamte Orchester dem Taktstock mit einer Präzision, die keinen Zweifel daran ließ, wer hier das Sagen hatte. Binnen Minuten war der Kirchenraum von Klängen reinster Magie erfüllt und Florence dachte sich, dass die Akustik vermutlich selbst im berühmten „Goldenen Saal“ der Stadt Wien nicht besser sein konnte.
Lemercier ließ die ganze Ouvertüre ohne Unterbrechung spielen und erhob dann erneut seine Stimme.
„Merci. Das war Gott sei Dank schon sehr schön. Die eine oder andere Stelle müssen wir uns noch genauer anschauen. Am Abend werde ich dann etwas schnellere Tempi geben. Wenn die Kirche voll mit Menschen ist, hallt es weniger und dann können wir uns das erlauben. Bitte noch einmal den Anfang ab dem Einsatz der Trompeten, jetzt aber die dritte Trompete bitte mit der richtigen Intonation!“
Fasziniert beobachtete Florence das Geschehen. Die Probe verging wie im Flug und sie konnte feststellen, dass der Meister mit dem Orchester äußerst zartfühlend und sogar recht humorvoll umging. Ein einziges Mal riss ihm jedoch der Geduldsfaden. Eine der Trompeten störte immer wieder die ansonsten ausnahmslos harmonischen Klänge.
„Luc, so geht das leider nicht!“, rief Lemercier schließlich in Richtung Trompeten. „Ich kann mich einfach nicht mehr darauf verlassen, dass du richtig spielst.“ Dann drehte er sich um und blickte fragend in Richtung erste Reihe.
„Haben wir hier noch eine Ersatztrompete?“
Sofort schnellte Chantals Hand in die Höhe.
„Haben Sie den Trompetenpart dieses Stückes schon studiert? Können Sie auch den Händel spielen, der nachher kommt?“
Chantal nickte heftig, brachte aber vor Aufregung keinen Ton heraus.
„Dann, Mademoiselle, bitte ich Sie, sofort den Platz mit unserem Trompeter hier zu tauschen. Tut mir wirklich leid, Luc, so geht das nicht. Das bin ich dem hervorragenden Ruf unserer Truppe schuldig.“
Während sich der Angesprochene betont langsam erhob und mit feuerrotem Kopf durch die Reihen seiner Kolleginnen und Kollegen ging, begannen diese leise miteinander zu tuscheln. Florence beobachtete, wie die Konzertmeisterin, eine ältere Frau mit einem akkurat geschnittenen schwarzen Pagenkopf, ihrem Dirigenten anerkennend zunickte und von diesem ein resigniertes Schulterzucken erntete.
Inzwischen war der Trompeter bis zum Dirigentenpult vorgedrungen. Es war offensichtlich, dass er sich nicht ohne Protest den Anweisungen seines Vorgesetzten fügen wollte. Mit halblauter Stimme, der die Wut anzuhören war, stieß er ein paar kurze Sätze hervor, die Florence trotz der großartigen Akustik des Raumes nicht verstehen konnte.
Die Worte von Monsieur Lemercier waren jedoch überdeutlich zu hören. „Dann mach, was du willst! Ich will dich in meinem Orchester nicht mehr sehen!“
Leise vor sich hin fluchend durchquerte der Gescholtene das Kirchenschiff in Richtung Hauptausgang. Kurz vor Verlassen der Kirche erhob er eine Faust gegen Lemercier und gleich darauf fiel die Tür mit lautem Knall ins Schloss.
Mittlerweile hatte Chantal den frei gewordenen Platz neben dem zweiten Trompeter eingenommen. Der Dirigent musste ab nun keine einzige Rüge mehr in Richtung Trompeten aussprechen. Für Florence war dies der Beweis, dass Chantal trotz ihres jugendlichen Alters bereits eine Musikerin von außergewöhnlichem Format war. Kurz vor dem Ende der Probe gab es noch eine weitere kleine Unterbrechung. Der Pfarrer schaute erneut bei der Tür des Altarraums herein und nickte dem Dirigenten bestätigend zu. Dieser wandte sich nun mit einer kleinen Rede an seine Musiker.
„Mesdames et Messieurs! Ich muss Ihnen jetzt noch eine Mitteilung machen, ersuche Sie aber schon im Vorhinein, Ruhe zu bewahren. Das, was ich zu sagen habe, wird unsere Zusammenarbeit und unser Festival in keinster Weise beeinträchtigen.“
Die Spannung, die sich nun in der Kirche ausbreitete, war mit der Hand zu greifen.
„Ich wollte Sie mit dieser Information nicht beunruhigen, aber ich habe nun keine Wahl mehr. Den meisten von Ihnen wird es nicht entgangen sein, dass unser Festival in dieser Stadt nicht nur Freunde hat. Einige haben mich auch darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Plakate mit Theaterplakaten überklebt worden sind. Ich habe mich bemüht, dem keine große Bedeutung beizumessen. Seit heute Morgen gibt es jedoch neue und etwas anders geartete Vorfälle. Es sind feindselige Plakate aufgetaucht, die ich leider nicht mehr ignorieren kann. Sie sind gelb und handgeschrieben. Das erste wurde schon heute Morgen im Foyer meines Hotels entdeckt, das zweite von meinem Chauffeur an meinem Wagen. Auch das dritte hat er entdeckt, es wurde wohl erst kurz vor der Probe über unser Plakat an der Kirchentüre geklebt.“
Als auf diese Ansprache hin ein Sturm der Entrüstung loszubrechen drohte, hob er gebieterisch seine Hände.
„Bitte bewahren Sie Ruhe! Da Sie erfreulicherweise alle pünktlich zur Probe erschienen sind, hatte der Übeltäter leider das Glück, nicht auf frischer Tat ertappt zu werden. Meinem Chauffeur, Monsieur André, ist das Plakat aber sogleich aufgefallen und er hat mich und den Herrn Pfarrer umgehend informiert. Ich entschied mich daraufhin, die Polizei einzuschalten. Wie mir der Herr Pfarrer gerade zu verstehen gegeben hat, ist diese bereits eingetroffen. Ich gehe davon aus, dass die Beamten mir und eventuell auch einigen von Ihnen nach dem Ende der Probe ein paar Fragen stellen werden, und ersuche Sie, noch kurz hinten im Kreuzgang zu warten.“
„So sagen Sie uns doch bitte endlich, was auf den drei Plakaten steht!“, ertönte eine Stimme aus dem Orchester.
„Es sind nur drei Worte und ein Rufzeichen“, antwortete der Dirigent mit nahezu emotionsloser Stimme, „und diese sind in großen roten Buchstaben geschrieben. Auf den Plakaten steht: ‚Stille kann töten!‘ Die Bedeutung dieser Nachricht entzieht sich meiner Kenntnis und jetzt bitte ich Sie, sich um dreizehn Uhr, wie vereinbart, zu einer weiteren Probe einzufinden. Wir werden dann noch einige wichtige Passagen aus unserer Oper ohne Sänger und mit unseren Substituten proben.“
Als alle Musiker die Kirche in Richtung Kreuzgang verlassen hatten, blieb Florence alleine unter dem imposanten Gewölbe zurück. Chantal hatte sich den anderen Musikern angeschlossen und würde vermutlich nun, da sich die Umstände geändert hatten, nicht so schnell wie verabredet zum Eingang kommen können.
Die Worte des Dirigenten hatten Florence beunruhigt. Ihr Traum von gestern fiel ihr wieder ein. Ein unheilschwangeres Vorzeichen? Nun ja, sie wollte jetzt nicht ausgerechnet im Hause Gottes den Teufel an die Wand malen! Besser, sie ging von einer harmlosen Fehde unter Künstlerkollegen oder einem Dummejungenstreich aus. Langsam erhob sie sich und ging Richtung Ausgang.
Draußen stand die Sonne hoch am Himmel, die wenigen Geschäfte hatten ihre Rollläden hochgezogen, ein paar kleinere Kinder waren mit Rollern und Fahrrädern unterwegs und eine Gruppe älterer Leute stand plaudernd vor einem kleinen, offenen Pavillon. Einige der hohen Platanen waren von Sitzbänken umsäumt. Florence schlenderte über den Platz, betrachtete das nicht besonders spannende Geschehen, und als Chantal nach zehn Minuten nicht erschienen war, fragte sie sich, ob diese überhaupt noch kommen würde. Jetzt, wo sie für den hinausgeworfenen Trompeter eingesprungen war, hatte sie möglicherweise andere Pläne. Florence hätte jetzt einfach alleine losmarschieren können, aber stattdessen trieb sie ihre Neugierde erneut nach hinten zum Kreuzgang, dessen Türe offenstand und der sich inzwischen in einen summenden Bienenstock verwandelt hatte. Die Musikerinnen und Musiker hatten ihre Pullover und Jacken abgelegt und standen sommerlich gekleidet in kleinen Gruppen zusammen, unter ihnen auch zwei Polizisten. Einer davon unterhielt sich gerade mit Chantal und Florence erkannte in ihm den jungen Beamten, der sie gestern angesprochen hatte.
„Wer ist denn nun eigentlich Ihre Schülerin, wegen der Sie extra aus Paris angereist sind?“ Florence hatte gar nicht bemerkt, dass der Pfarrer an ihre Seite getreten war. Sie merkte, dass sie errötete. Jetzt war es wohl Zeit, Farbe zu bekennen. Man konnte einem Mann Gottes nicht ungestraft eine Lüge auftischen. Noch dazu, wo Chantal sie ebenfalls schon entdeckt hatte und auf sie zusteuerte, natürlich in Begleitung des jungen Polizisten.
„Madame Florence“, Chantal strahlte sie an, „ich wollte gerade zu Ihnen. Ich habe nämlich eine große Bitte an Sie.“
Bevor Florence reagieren konnte, kam ihr der Pfarrer zuvor.
„Ah, dann sind Sie wohl die Schülerin dieser Dame aus Paris?“
„Wieso Schülerin?“ Chantals Reaktion kam schnell, aber auch Florence hatte bereits zum Sprechen angesetzt.
„Herr Pfarrer, Chantal! Ich muss Ihnen beiden gestehen, dass ich mich mit einer kleinen Notlüge hier eingeschlichen habe. Eigentlich wollte ich heute Morgen nur diese Kirche besichtigen, aber dann habe ich von Ihnen, Herr Pfarrer, erfahren, dass in Kürze eine Probe mit dem von mir verehrten Meister Lemercier stattfinden wird, und diese Gelegenheit wollte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Deshalb habe ich erklärt, dass ich von einer meiner Musikschülerinnen hierher eingeladen worden bin. Ohne Zweifel hat mich die Bekanntschaft mit Ihnen dazu inspiriert, Chantal. Es tut mir leid.“
„Dann sind Sie also keine Musikprofessorin aus Paris!“, bemerkte der Pfarrer nun doch etwas ungehalten.
„Nein, das bin ich bedauerlicherweise nicht. Aus Paris komme ich jedoch schon. Mein Name ist Florence Beaumarie und genau genommen bin ich seit zwei Wochen in Rente. Zuvor war ich in Paris bei der Polizei und habe über vierzig Jahre lang im Kommissariat des 4. Arrondissements gearbeitet. Wenn Sie möchten, Herr Kollege“ – sie wandte sich an den Polizisten – „können Sie sich davon gerne mit einem kurzen Anruf bei meinen dortigen Kollegen überzeugen.“
Chantal lachte laut los. „Madame! Ich habe gestern im Zug auf den ersten Blick gesehen, dass Sie eine hochinteressante Person sind. Ich hatte aber bis jetzt keine Ahnung von Ihrem Beruf und auf eine Polizistin hätte ich bestimmt nicht getippt. Na sowas, eine Kollegin von dir, Pierre. Hättest du das gedacht?“
„Oder eine Schwindlerin.“ Chantals Freund fand das gar nicht amüsant. „Wer einmal lügt …“
„Also gut“, Florence kramte in ihrer Handtasche. „Ich habe ohnedies vergessen, meinen alten Dienstausweis zu entsorgen. Hier ist er, Monsieur! Reicht Ihnen das?“
Sie überreichte dem jungen Mann ihren Ausweis und der studierte ihn verblüfft.
„Verzeihung“, murmelte er. „Scheint zu stimmen. Madame Beaumarie. – Beaumarie?“ Sein Kopf schnellte hoch. „Wow! Dann sind Sie jene Beaumarie, die den Fall Marie Fontaine, die im Centre Pompidou ermordet wurde, aufgeklärt hat?“
Sein Mund blieb offenstehen und Florence nickte ergeben.
In diesem Augenblick wurde er von seinem Kollegen gerufen. Er entschuldigte sich, schlug tatsächlich die Hacken zusammen, salutierte, gab ihr den Ausweis zurück und war auch schon verschwunden.
„Na dann.“ Der Pfarrer schien sich schon wieder zu amüsieren. „Das hätten Sie mir aber auch gleich sagen können, Madame Beaumarie!“
„Wahrscheinlich. Bekomme ich Ihre Absolution?“ Er nickte und Florence beschloss das Thema zu wechseln. Sie wandte sich an Chantal.
„Sie haben mich sehr beeindruckt, Chantal. Sie waren so souverän, als Sie den Part Ihres Kollegen übernommen haben.“
„Merci, Madame. Mit dem Bach hatte ich keine große Mühe. Ich habe ihn bereits im Konservatorium im Orchester gespielt, aber bei dem Händel, der anschließend gespielt wurde, bin ich ganz schön ins Schwitzen gekommen.“ Sie richtete ihre grünen Augen gegen den Himmel. „Da habe ich mir einiges eingebrockt.“
„Monsieur Lemercier war aber sichtlich zufrieden mit Ihnen.“
„Ja, der war gnädig zu mir. Jedenfalls muss ich jetzt in der Mittagspause den Händel gleich noch einmal üben!“
„Tun Sie, was Sie tun müssen, Chantal! Aber hatten Sie nicht eine Bitte an mich?“
„Ja, und das hängt genau damit zusammen, dass ich noch üben muss. Ich habe nämlich mit meinem Papa vereinbart, mit ihm im Café Mistral auf der Place de l’Horloge zu Mittag zu essen. Falls Sie zufällig in diese Richtung unterwegs sind, würde ich Sie bitten, ihn zu benachrichtigen. Mein Handy habe ich nämlich heute Morgen zu Hause vergessen – ausgerechnet!“
„Das mache ich natürlich gerne.“ Florence hatte sich schon erhoben. „Sie müssen mir nur noch sagen, wie ich den Herrn Papa erkenne. Dass die Place de l’Horloge ganz in der Nähe des Papstpalastes liegt, ist mir bereits bekannt.“
„Tausend Dank, Madame! Meinen Papa werden Sie schon erkennen. Ein älterer Herr in heller Leinenhose, mit Schnurrbärtchen, dunkelroter Brille und schon ziemlich weißem Haar. Keine Glatze. Sein Gesicht wird aber gewiss hinter der Le Monde versteckt sein, die pflegt er sich um diese Zeit immer zu Gemüte zu führen. Sollten Sie ihn dennoch nicht finden, fragen Sie bitte im Café Mistral nach Monsieur Charles Florentin. Man kennt ihn dort.“
5
Der Unterschied zur morgendlichen Stille hätte größer nicht sein können. Ein unübersehbarer Strom von Touristen, von denen vermutlich der größere Teil bereits die Orientierung verloren hatte, drängte sich durch die verschlungenen Gassen von Avignon.
Sobald die Besucher der Stadt auf einem der zahlreichen Plätze ankamen, blieben sie wie angewurzelt stehen, zückten ihre Fotoapparate, holten ihre Reiseführer hervor und suchten die umliegenden Cafés nach den letzten freien Plätzen ab. Man hätte meinen können, dass die Hitze, die sich mittlerweile auf die Stadt herabgesenkt hatte, ihrem Eifer Einhalt gebieten würde, aber die Zeiten, in denen die Straßen des Südens um die Mittagszeit herum wie leergefegt waren, gehörten längst der Vergangenheit an.
Ungeduldig bahnte Florence sich ihren Weg durch die Leute, denn die Hitze setzte ihr mittlerweile zu und so war sie froh, als sie endlich ihren Bestimmungsort erreichte. In der Mitte der Place de l’Horloge angekommen, drehte Florence sich einmal um ihre Achse. Das Café Mistral war schnell entdeckt und auch nach Monsieur Florentin musste sie nicht lang suchen. Das war bestimmt jener angespannt wirkende Mann mit den dichten weißen Haaren, der in der vordersten Reihe des Straßencafés saß, sich halb von seinem Sitz erhoben hatte und seinen Blick durch eine Brille, die tatsächlich rot war, unruhig über den Platz schweifen ließ. Florence zog sich kurz hinter einer Touristengruppe zurück. Eine so belebte Stadt eignete sich bestens für polizeiliche Observationen. Hinter und zwischen den Leuten konnte man sich gut unsichtbar machen. Sie war mittlerweile schweißgebadet und wollte dem Herrn, der einen eleganten Eindruck machte, nicht so ramponiert entgegentreten.
Sie wischte sich mit einem Tuch über die Stirn, nahm die Kappe ab, fuhr sich mit den Fingern durch die plattgedrückten Haare, schob die Sonnenbrille über die Stirn zurück, sprühte sich etwas Eau Thermale ins Gesicht, puderte sich die Nase und trug sogar frischen Lippenstift auf. Gleich darauf steuerte sie entschiedenen Schrittes auf ihre Zielperson zu. Diese hatte wieder Platz genommen und starrte auf die aktuelle Ausgabe der Le Monde.
Eine halbe Stunde später hätte wohl jeder, der den älteren Herrn und die hochgewachsene Dame an einem der vordersten Tische des Café Mistral beobachtete, geschworen, dass es sich bei den beiden um ein Paar handelte, das sich schon lange kannte. Aufgrund der Aufmerksamkeit, mit der sie von den überwiegend männlichen Kellnern behandelt wurden, hätte man vermutlich auf zwei alteingesessene Bürger der Stadt getippt. Bei der Dame wäre man diesbezüglich im Irrtum gewesen, bei dem Herrn hingegen hätte man den Nagel auf den Kopf getroffen.
Gerade erläuterte der Herr der Dame seine höchst persönliche Theorie von den unterschiedlichen Umlaufbahnen, auf denen sich die Ortsansässigen durch die Touristenströme dieser Stadt bewegten, und sie hörte ihm interessiert zu. Normalerweise befand man sich als Einheimischer auf einer Bahn, auf der man nur mit vertrauten Stadtbewohnern verkehrte, erläuterte er. Von Zeit zu Zeit wurde man jedoch durch irgendein Vorkommnis auf jene Umlaufbahn katapultiert, auf der man alle Fremden als Eindringlinge und Störenfriede erlebte und sich über sie empörte oder gar einen Streit vom Zaun brach. Schließlich gab es da noch die Umlaufbahn jener, die aus beruflichen oder privaten Gründen einen regelmäßigen persönlichen Kontakt mit den Besuchern der Stadt pflegten. Gehörte man – so wie er auch – zu diesen, begann man gar bald die Gäste nicht nur als anonyme Masse wahrzunehmen, sondern sie als Individuen und oft als interessante Persönlichkeiten kennen und schätzen zu lernen.
„Wissen Sie, ich bin ein interessierter Beobachter dieses Geschehens“, sagte er gerade. „Bei Ihnen, verehrte Madame, wäre ich allerdings ganz und gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass Sie eine Touristin sein könnten – und glauben Sie mir, ich kenne mich bei Touristen aus.“
„Sie sind ein Charmeur, Monsieur!“ Florence drohte scherzhaft mit dem Zeigefinger. Ihr erging es ähnlich wie allen Touristen. Obwohl sie eine von ihnen war, wünschte sie sie dennoch zum Teufel und fühlte sich selbst nicht als dazugehörig.
„Aber nein, Madame, als Abgesandte meiner Tochter habe ich Sie von vornherein als jemanden betrachtet, der zu uns gehört.“
Soeben kam der Kellner, stellte ihr das Plat du jour auf den Tisch und der verlockende Duft der Moules marinières stieg Florence in die Nase. Monsieur Florentin hatte sich sichtlich erleichtert gezeigt, als er von Florence den Grund für das Fernbleiben seiner Tochter erfuhr, und sie auf der Stelle eingeladen, an seinem Tisch Platz zu nehmen. Der Tagesteller sei hier im Gegensatz zu vielen anderen Touristenlokalen durchaus zu empfehlen. Den Koch kenne er persönlich und der schaffe alltäglich den Spagat zwischen vorgefertigtem Touristenfraß und einem guten, frisch gemachten Mittagstisch.
Florence konnte dazu nicht nein sagen. Sie war hungrig und wusste eine gute Essensempfehlung zu schätzen. Schweigend aß sie ihre Muscheln, während Monsieur Florentin eine um die andere Anekdote von seinen Begegnungen mit Gästen der Stadt zum Besten gab. Als sie aufgegessen hatte, nahm sie noch einen Schluck Weißwein und lehnte sich angenehm benebelt im Sessel zurück.
„Wie kommt es, Monsieur Florentin, dass Sie ein derartiger Kenner der Spezies Touristen sind?“
Er schmunzelte, trank ebenfalls einen Schluck Wein und beantwortete dann ihre Frage.
„Wenn man – so wie ich – sein halbes Leben im Palais des Papes in Avignon zugebracht hat, lässt sich ein Kontakt mit dessen Besuchern wohl schwerlich vermeiden.“
Auf ihren neugierigen Blick hin fuhr er fort.
„Ich bin hier in Avignon geboren und aufgewachsen und habe in jungen Jahren ein Studium der Geschichte in Paris begonnen und in den Ferien als Aufseher in unserem Palast hier gearbeitet. Das Studium habe ich bedauerlicherweise nie abgeschlossen, aber im Palast habe ich es im Laufe von dreißig Berufsjahren bis zum zeitweiligen Museumsdirektor gebracht. Dann haben sich die Zeiten geändert, und als die Vertreter des modernen Marketings eingezogen sind, hatte ich genug davon. Ich habe eines meiner zwei kleinen Landhäuser verkauft, die ich beide geerbt hatte, und hier in Avignon einen Buchladen für antiquarische Bücher eröffnet. Der Handel mit alten Büchern ist meine Leidenschaft und ich führe das Geschäft auch heute noch, obwohl die Zeiten auch in diesem Metier immer schwerer werden.“ Er blickte auf die Uhr.
„Trinken wir rasch noch einen Kaffee, Madame? Dann wird es für mich allerdings höchste Zeit, mich um mein Geschäft zu kümmern!“
Beim Kaffee berichtete Florence ihrem neuen Bekannten von den Vorgängen rund um die überklebten Plakate. Er schien die Sache nicht allzu ernst zu nehmen. Es sei schon kurios, meinte er, dass immer dieselben Mechanismen in Avignon in Gang gesetzt würden, wenn jemand mit einer neuen Idee daherkäme. Die Bewohner Avignons seien eben konservativ. Seiner Ansicht nach war Monsieur Lemercier jedoch taktisch nicht besonders geschickt vorgegangen. Er habe offensichtlich voll auf seine Reputation in der internationalen Musikwelt gesetzt und sich in den längst geplanten Festivalsommer hineingedrängt. Erst vor knapp einem Jahr habe die Planung begonnen. Die Kirche für das Eröffnungskonzert sei zu diesem Zeitpunkt noch zur Verfügung gestanden, aber der Saal in der Opéra Grand Avignon sei neben anderen Regisseuren vor allem dem Monsieur Perou für drei Theaterproduktionen zugesagt gewesen. Perou habe zunächst eine seiner Produktionen zurückstellen müssen und müsse sich nun das Theater mit Lemercier teilen. Dass Perou sauer sei, könne man verstehen.
„Das mag schon stimmen, Monsieur. Dennoch hat dieser großartige Dirigent derartige Unannehmlichkeiten nicht verdient. Er ist – soweit ich das beurteilen kann – der größte Spezialist für Barockmusik. Die neuen Plakate, die heute aufgetaucht sind, sind durchaus als Drohung zu verstehen. Die Polizei jedenfalls scheint die Sache ernst zu nehmen.“
„Aha, die Polizei! Dort sind aber vermutlich auch nicht gerade die hellsten Köpfe am Werk.“
„So sehen Sie das also? Dann sollen Sie aber auch wissen, dass ich meine Berufsjahre nicht so wie Sie in einem Palast, sondern im Dienste der Pariser Polizei verbracht habe!“
„Pardon, Madame!“ Monsieur Florentin hielt sich die Hand in gespieltem Entsetzen vor den Mund. „Wenn ich das gewusst hätte! Da habe ich wohl einen Fauxpas begangen. Können Sie einem Mann, der anno 1968 auf den Barrikaden der Pariser Sorbonne einer Phalanx von Polizisten gegenüberstand, seine gewiss ungerechten Vorurteile noch einmal verzeihen?“
Florence winkte großzügig ab. Es war nun wirklich Zeit zu gehen. Sie rief den Kellner herbei, konnte aber nicht verhindern, dass Monsieur Florentin ihre Rechnung übernahm.
„Vielleicht sehe ich Sie ja beim Konzert heute Abend? Sie werden bestimmt nicht das überraschende Debüt Ihrer Tochter versäumen wollen!“
„Geplant hatte ich es ursprünglich nicht. Ich habe nur Karten für die Opernaufführung übermorgen. Eine Karte bekomme ich wohl nur mehr mit viel Glück. Wenn ja, werde ich bestimmt nach Ihnen Ausschau halten, Madame.“
Als Florence auf dem Weg zurück zu ihrem Quartier war, wunderte sie sich, dass ein älterer Herr, der schon an der 68er-Bewegung in Paris beteiligt gewesen war, noch so eine blutjunge Tochter haben konnte. Bei den Herren der Schöpfung kam so etwas allerdings öfter vor. Ihr eigener Sohn war hingegen selbst schon ein Herr im mittleren Alter.
Auf einmal fühlten sich ihre Füße ganz schwer an. Die Nachmittagshitze zwischen den Stadtmauern war kaum mehr zu ertragen. Gerade als sie sich fragte, wie weit es noch zu ihrem Quartier war, entdeckte sie den Eingang zu einem kleinen Park. Ein Teich und große Bäume lenkten ihre Schritte automatisch in Richtung einer schattigen Bank. Den Kopf an den dicken Stamm einer amerikanischen Linde gelehnt, blickte sie auf eine Gruppe von Männern, die große schwarze und weiße Figuren über den Boden schoben. Das weckte Erinnerungen! Ihr Sohn Michel war seit seiner frühesten Kindheit ein begeisterter und begabter Schachspieler gewesen. Oft genug war sie mit ihm in einem der Pariser Parks unterwegs gewesen, in denen im Freien Schach gespielt wurde. Nun, das war lange her. Sie beobachtete, wie einer der Spieler den schwarzen König zu Fall brachte. Was war das doch für ein verrückter Vormittag gewesen! Die Geschichte mit den Plakaten ging ihr nicht aus dem Kopf. Ein Blick auf den Stadtplan verriet ihr, dass es eigentlich gar nicht mehr weit zu ihrem Quartier war. Sie brauchte eine Dusche und eine Siesta.
6
Die Sabotageaktionen gegen das erste Barockmusikfestival von Avignon waren für die Veranstalter zwar höchst ärgerlich, ihren Zweck hatten sie jedoch nicht erreicht. Das Eröffnungskonzert war gut besucht und die Kirchenbänke bis auf den letzten Platz gefüllt.
Florence traf mehr als eine halbe Stunde vor Konzertbeginn ein und umrundete noch einmal die Kirche. Sie trug ein Kleid aus grün und golden gemustertem Seidenjersey aus dem Atelier ihrer Pariser Nachbarin Madame Sarah Laurant, einer höchst begabten Schneiderin. Florence wusste, dass sie in dieser Aufmachung trotz ihrer flachen Sandalen um einige Zentimeter größer wirkte, als sie ohnedies war, und insgesamt eine imposante Erscheinung darstellte.
Während ihres Rundganges begegnete ihr jedoch kein Mensch. Der Wagen des Pfarrers stand auf demselben Platz wie am Vormittag, der Mercedes des Dirigenten war nicht zu sehen. An dessen Stelle stand nun der Lieferwagen einer Cateringfirma. Halb verdeckt hinter einem Busch sichtete Florence ein rotweißes Fahrrad, das ihr am Morgen noch nicht aufgefallen war.
Im Inneren des Gotteshauses – hinter verschlossenen Türen – fand gerade noch die Einspielprobe statt, und als sie ihre Runde beendet hatte und wieder am großen Eingangstor ankam, sah sie auch schon Monsieur Florentin auf sich zusteuern.
„Bonsoir, Madame! Bezaubernd sehen Sie aus! Wollen Sie sich mir anschließen? Chantal hat versprochen, in den vorderen Reihen zwei Plätze zu reservieren.“
„Oho, gehöre ich nun schon zur Familie?“, fragte sie sich insgeheim. Die Vertrautheit, mit der er sie behandelte, überraschte sie. Offensichtlich war man hier in der Provence entweder eine Fremde oder man gehörte sofort ganz dazu.
Pünktlich um neunzehn Uhr nahmen die Musiker und Musikerinnen vor ihren Notenpulten Platz. Die Strahlen der Abendsonne fielen durch die hohen Glasfenster in den Altarraum und schmückten die Mitglieder des Ensembles mit buntfleckigen, tanzenden Lichtern. Die Gespräche im Publikum verstummten, ein letztes Husten und Räuspern war zu hören, dann trat erwartungsvolle Stille ein. Die Leute schienen zu wissen, was Lemercier von ihnen erwartete. Der ließ sich aber nun schon zum zweiten Mal an diesem Tag Zeit und war auch nach zehn Minuten noch nicht erschienen. Florence musste an die Probe am Vormittag denken und hatte ein Déjà-vu-Gefühl. Waren schon wieder neue Schmutzplakate aufgetaucht? Angesichts der vollen Kirchenbänke harrten die Musiker lange Zeit still auf ihren Plätzen aus. Monsieur Florentin an ihrer Seite schien, oberflächlich betrachtet, die Ruhe in Person zu sein. Ein kurzer Blick auf seine Hände offenbarte ihr jedoch seinen wahren Gemütszustand. Er umklammerte den Daumen seiner linken Hand, als wollte er ihn erwürgen, und das ließ nur eine Diagnose zu: Er litt an Lampenfieber – sozusagen stellvertretend für seine Tochter.
Florence musterte die Reihe der vor ihr Sitzenden. Den Hinterköpfen nach zu schließen waren es vorwiegend ältere Herrschaften, aber da konnte man sich auch täuschen. Eine hochgewachsene, schlanke Blondine ganz rechts in der ersten Reihe fiel ihr auf. Sie hatte ihre Haare auf die elegante Art einer Catherine Deneuve hochgesteckt, und als sie sich kurz zur Seite drehte, zeigte sie ein anmutig liebliches Profil. Auch der lange Hals mit der schweren Goldkette war makellos. Sie unterhielt sich mit einem Mann in einem weißen Anzug, der bei Florence vage Erinnerungen an jemanden weckte, den sie kannte.
Sie sah, wie Monsieur Florentin auf seine Uhr blickte. „Es müsste doch schon längst losgegangen sein“, flüsterte er ihr zu und sie nickte bestätigend.
Es war die Konzertmeisterin, die nach mehr als zehn langen Minuten des Wartens die Initiative ergriff. Als ihre Kolleginnen und Kollegen ihre Ungeduld nicht mehr verbergen konnten, erhob sie sich, legte die Violine auf ihren Sessel und machte ein paar Schritte in Richtung Dirigentenpult. Mit einer sehr klaren Stimme, die auch einer Sängerin würdig gewesen wäre, bat sie das Publikum, sich noch einen Augenblick zu gedulden. Sie werde den Meister holen. Sie vermute, dass er – vertieft in seine Einstimmung auf das Konzert – die Zeit übersehen habe. Dann verschwand sie hinter dem Flügelaltar, gefolgt von der Schönen aus der ersten Reihe, die sich bei ihren Worten sofort erhoben hatte.
Wieder wurde die Geduld der Wartenden auf die Probe gestellt. Nach knapp fünf Minuten kam die Konzertmeisterin zurück, brachte jedoch keine guten Nachrichten. Monsieur Lemercier fühle sich nicht wohl und sei außerstande, den ersten Teil des Konzerts zu dirigieren. Vorübergehend müsse nun sie das Orchester an seiner Stelle von der ersten Geige aus leiten. Sogleich erklang der Kammerton A und die Instrumente wurden gestimmt. Madame Petermann gab den Einsatz und begleitet von den Streichinstrumenten erfüllte der nun ganz reine Klang der drei Trompeten das Gotteshaus.
Monsieur Florentin reckte seinen Hals in Richtung seiner Tochter und lächelte verzückt. Florence dachte, dass diese nun eher einem Erzengel als einer Elfe glich. Erstaunlich, wie gut das Orchester auch ohne Dirigenten zurechtkam. Doch dessen eindrucksvolle Gestalt mit den wunderbaren Gesten fehlte ihr – und sorgenvoll fragte sie sich, was wirklich mit ihm los war. Wenn er nicht in der Lage war, das Eröffnungskonzert seines Festivals zu dirigieren, dann musste das schon gewichtige Gründe haben.
Madame Petermann meisterte ihre Aufgabe jedenfalls auf bravouröse Weise und führte die Musikerinnen und Musiker so, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan.
Als der letzte Satz der Orchestersuite von Johann Sebastian Bach verklungen war, bemerkte Florence, dass nun auch der Platz neben der verschwundenen Dame frei und der weiß gekleidete Herr neben ihr nicht mehr zu sehen war. Erneut begann sie sich Sorgen um den Dirigenten zu machen. In der Pause würde sie hoffentlich von Chantal Florentin den Grund seiner Abwesenheit erfahren.
Die Antwort auf die Frage kam jedoch schneller als erwartet. Madame Petermann hatte noch nicht das Pult verlassen, als der Pfarrer den Altarraum betrat, rasch nach vorne eilte, der Konzertmeisterin etwas zuflüsterte und sich dann an das Publikum wandte.
„Mesdames et Messieurs, ich bin gebeten worden, Ihnen eine Nachricht zu übermitteln, und ich muss gestehen, dass mir das nicht leichtfällt, denn es ist keine gute Nachricht. Ich will nicht lange herumreden: Unser hoch geschätzter Dirigent, Monsieur Lemercier, ist in dieser Stunde von unserem Herrgott zu sich geholt worden.“
Er räusperte sich, faltete die Hände und führte sie an die Lippen, so als würde er die Worte, die er eben gesprochen hatte, noch einmal unausgesprochen wiederholen wollen. Das Publikum saß wie versteinert und Florence hatte ein Gefühl, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen.
Der Pfarrer fasste sich wieder, öffnete seine Hände zu einer resignierten Geste und verkündete nun die Hiobsbotschaft mit unmissverständlichen Worten:
„Monsieur Lemercier ist vor kurzem in seiner Garderobe tot aufgefunden worden. Arzt und Polizei wurden auf der Stelle verständigt. Die Todesursache ist noch nicht bekannt. Bitte erheben Sie sich für eine Gedenkminute von Ihren Bänken, damit wir gemeinsam ein kurzes Gebet für den Verblichenen sprechen können. Im Anschluss daran ersuche ich Sie, das Gotteshaus zu verlassen. Das Konzert kann bedauerlicherweise nicht mehr fortgesetzt werden.“
Wer gemeint hätte, dass die Besucher eines klassischen Konzerts nur grundvernünftige und disziplinierte Menschen seien, der wurde an diesem Abend eines anderen belehrt. Gleich nach den ersten Worten des Pfarrers hatte es ein junger Mann aus einer der vordersten Reihen – blauer Blazer, kurz geschnittene schwarze Haare, Mobiltelefon in der Hand – furchtbar eilig. Er drängte sich durch die noch wie versteinert sitzenden Zuhörer, lief mit lauten, klappernden Schritten über den Steinboden der Kirche zum Ausgang und ließ das Tor offenstehen. Einige andere Leute schlossen sich ihm an. Auch Monsieur Florentin konnte es kaum erwarten, dass der Pfarrer sein Gebet zu Ende sprach.
„Muss das noch sein?“, flüsterte er Florence zu. „Ich will zu Chantal.“
„Pssst“, Florence legte den Zeigefinger an die Lippen. Mit Respektlosigkeit in einer Kirche konnte sie nichts anfangen. Florentin ließ sich gehorsam noch einmal auf seinen Sitz fallen. Als sie schließlich aufstanden, war Chantal schon verschwunden. Monsieur Florentin war kreidebleich.
„Was für eine furchtbare Sache! Ich gehe meine Tochter suchen. Kommen Sie mit mir, Madame?“
„Bitte, Monsieur, gehen Sie vorerst alleine. Ich gehöre nicht zum Orchester. Dort wird jetzt ohnedies genug los sein. Wenn Sie wollen, können wir uns etwas später noch kurz treffen.“
„Ja, gut“, antwortete er. „Ich möchte mit Ihnen unbedingt über diesen schrecklichen Vorfall reden. Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Es gibt einige Minuten von hier entfernt eine kleine Bar. Le Bar heißt sie. Sie ist leicht zu finden. Man geht nur ein kleines Stück die Rue du Portail-Matheron hinunter. Können wir uns dort nachher noch treffen? In einer halben bis Dreiviertelstunde?“
Florence nickte und er eilte in Richtung Altar. Nur allzu gerne wäre sie ihm jetzt gefolgt, denn natürlich wollte sie wissen, was wirklich passiert war. Ein Unfall, eine plötzliche Erkrankung, gar ein Mord? Wenn man vierzig Jahre Pariser Polizeidienst hinter sich hatte, waren diese Überlegungen selbstverständlich. Mit einiger Anstrengung schaffte sie es, sich zurückzuhalten. Die Aufklärung mysteriöser Todesfälle stand nicht mehr auf ihrem Plan. Sie schloss sich der Menge an, die dem Ausgang zustrebte. Der Platz vor der Kirche war voll mit Menschen, die ihrer Aufregung und Erschütterung Luft machten. Am besten, sie besorgte sich jetzt etwas zum Lesen und wartete dann in dieser Bar auf Monsieur Florentin.
„Stopp, Florence. Du kannst doch jetzt nicht einfach gehen! Das passt nicht. Zeit deines Lebens hast du rätselhafte Todesfälle aufgeklärt. Du bist doch viel zu neugierig und der plötzliche Tod von Lemercier kann dich doch nicht kaltlassen!“
Die Stimme, die soeben zu ihr gesprochen hatte, meldete sich immer dann lautstark aus ihrem Inneren, wenn sie gerade dabei war, sich wieder einmal einer Sache anzunehmen, für die sie eigentlich gar nicht zuständig war. Sie hatte ihr den Namen Auguste gegeben, denn einerseits erinnerte sie diese an ihren alten Onkel Auguste, andererseits an Auguste Dupin, eine Figur Edgar Allan Poes. Beiden war gemeinsam, dass sie nicht lockerließen, wenn es darum ging, einer Sache auf den Grund zu gehen. Mit Onkel Auguste teilte sie ihren Hang, neugierige Fragen zu stellen, mit Auguste Dupin das Bedürfnis nach Gerechtigkeit und die Fähigkeit, sich gänzlich in die Gedankenwelt eines Verbrechers einfühlen zu können. Oft genug war Florence dieser Stimme gefolgt, hatte dabei schon viel Interessantes erlebt, war aber dadurch auch einer Reihe unangenehmer Erfahrungen und Abenteuer ausgesetzt gewesen. Es gab auch einen Gegenpart zu ihr – Tante Odette. Sie verstand sich als Stimme der Vernunft. Die war jedoch genauso langweilig wie jene Tante gleichen Namens, die ihren echten Onkel Auguste regelmäßig und vergeblich in seine Schranken zu weisen versucht hatte.
Gerade sah es so aus, als würde wieder einmal Onkel Auguste die Oberhand behalten. Unschlüssig blieb sie stehen, als einige Meter vor ihr ungeachtet der Fahrverbotsschilder ein grauer Mercedes heranrollte und durch die Menschenmenge zum Anhalten gezwungen wurde. Es war der Wagen des Dirigenten.
Die Fahrertüre öffnete sich, ein Mann in dunklem Anzug und blauer Schirmmütze stieg aus und steuerte direkt auf sie zu.
„Was ist denn hier los? Die Pause muss doch längst vorüber sein.“ Schon hatte er sie angesprochen. Er war etwas kleiner als Florence und etwa in ihrem Alter, hatte einen Dackelblick, hellgraue Augen und dichtes, dunkles, von Silbersträhnen durchzogenes Haar.
Als sie ihm nicht gleich antwortete, fügte er hinzu: „Pardon, Madame, ich muss das wissen. Mein Name ist Georges André, ich bin Monsieur Lemerciers Chauffeur. Ich sollte ihn heute gleich nach dem Konzert abholen, weil er sich schon den ganzen Tag nicht wohlgefühlt hat.“
Florence deutete auf eine Bank in ihrer Nähe. Das, was sie ihm zu berichten hatte, war im Sitzen leichter zu verkraften als im Stehen.
„Kommen Sie, Monsieur, setzen wir uns. Dann erzähle ich Ihnen, was passiert ist.“
Er nickte und folgte ihr mit besorgtem Blick. Gleich darauf mischten sich ein paar Tränen in die Schweißperlen auf seinen Wangen. Auch wenn sie sich bemüht hatte, eine derartige Nachricht konnte man nicht schonend überbringen. Er holte ein weißes Stofftaschentuch aus der Jacke seines Sakkos und fuhr sich seufzend über das Gesicht. Dann wollte er sogleich alle Details des Geschehens wissen. Er mache sich Vorwürfe, dass er heute nicht die ganze Zeit in der Nähe seines Chefs geblieben sei. „Er benutzt ja vor einem Konzert kein Handy“, klagte er, „aber heute hat er gesagt, dass ich mir bis nach dem Konzert einen schönen Tag machen soll.“ Florence tröstete ihn mit den für eine solche Situation üblichen Worten, wurde aber langsam ungeduldig, da er keinerlei Anstalten machte, sich von ihr zu verabschieden. Tatsächlich war er noch nicht mit dem Gespräch fertig. „Was soll ich denn jetzt machen? Ich bin jetzt wohl auch meinen Job hier los?“
„Gibt es denn niemand anderen aus der Familie des Dirigenten, der Ihre Dienste benötigt?“
„Ach“, er machte eine abwehrende Handbewegung, „seine Frau ist nie mit ihm zusammen zu einem Konzert oder zu einer Probe gefahren. Sie zieht doch jedes Mal einen anderen Kavalier als Begleiter vor.“
Florences Interesse war geweckt.
„Hm, welche Kavaliere sind denn das?“ Sie wusste, dass diese Frage im Moment nicht unbedingt angebracht war, aber nun hatte ihre professionelle Neugierde die Regie übernommen.
„Sie stellen aber Fragen, Madame. Mit wem habe ich eigentlich die Ehre?“
„Mein Name ist Florence Beaumarie, ich bin eine Pensionistin, komme aus Paris und bin eine große Verehrerin des Meisters.“
„So so, eine Pensionistin aus Paris. Da interessieren Sie sich natürlich für Klatsch und Tratsch. Na gut. Schauen wir einmal, wer mir einfällt. Da war einmal Etienne Lemercier, der Cousin meines Chefs, aber der ist ja letztes Jahr verstorben. Dann haben wir diesen Maler, Jacques Gautier, sowie einen gewissen Martin Rival.“ Jetzt nahm er sogar seine Finger zu Hilfe, zählte ab und fuhr fort: „Da wäre natürlich noch der Schwiegersohn, wenn er nicht gerade im Orchester eingeteilt ist, und neuestens auch wieder Bruno Amontero, der berühmte Klaviervirtuose. Übrigens munkelt man sogar, dass Madame in jüngeren Jahren mit dem bekannten Schauspieler Alain Macron eine Affäre hatte.“
„Ich gehe davon aus, dass Sie schon seit längerem für Monsieur Lemercier tätig sind. Sie wissen ja recht gut Bescheid über sein Privatleben und über das seiner Frau.“
Sie schaute ihn verschwörerisch an und erneut nahm er das Angebot an.
„Ein Privatchauffeur bekommt zwangsläufig einiges aus dem Leben seiner Kunden mit. Ich könnte Ihnen mancherlei erzählen. Monsieur Lemercier selbst war ja auch kein unbeschriebenes Blatt.“ Abrupt stand er auf.
„Haben Sie Dank, Madame, dass Sie mir Ihre Zeit gewidmet haben.“
Auf einmal hatte er es eilig. Er schlug denselben Weg ein, den Florence am Vormittag schon mit dem Pfarrer gegangen war, und steuerte mit raschen Schritten den Kreuzgang an der Rückseite der Kirche an. Florence folgte ihm in gemäßigtem Tempo. Einmal noch blickte sie zurück und sah, dass sich unter die nun schon kleiner werdende Menschenmenge vor der Kirche einige Polizisten gemischt hatten. Es war ihr klar, dass mit dem plötzlichen Tod von Monsieur Lemercier etwas ganz und gar nicht stimmte. Ihr fiel auf, dass das Fahrrad, das sie vor dem Konzert bei ihrem Rundgang um die Kirche gesichtet hatte, nicht mehr an seinem Platz stand. Auch der Lieferwagen war verschwunden. Selbst wenn sie noch nicht wusste, was wirklich passiert war, begann sie ab nun alles, was sie bemerkte, im Archiv ihres exzellenten Gedächtnisses abzuspeichern. Sie besaß ein tiefes und berechtigtes Vertrauen in ihre Merkfähigkeit und benutzte selten ein Notizbuch. Ihre Kollegen und Vorgesetzten hatte sie damit oft genug verblüfft – und auch einigen Neid erregt.
7
Florence wusste, dass sie längst in der kleinen Bar hätte sein müssen. Wahrscheinlich wartete Monsieur Florentin schon ungeduldig auf sie. Der Kreuzgang hinter der Kirche, in dessen Eingang der Chauffeur des Dirigenten verschwunden war, zog sie jedoch magisch an. Sie zögerte nur kurz, dann betrat sie durch das offene Tor den düsteren Durchgang, der in den Innenhof führte. Ihre Neugierde hatte wieder einmal gesiegt. Ehe sie den noch taghellen Innenhof betrat, blieb sie im Schatten des Gemäuers stehen und sondierte die Lage. Der Chauffeur war nicht mehr zu sehen. Es waren nur wenige Leute anwesend. Zwei Polizisten standen vor dem Eingang zur Sakristei. Der Pfarrer lehnte an einer Säule und wirkte müde und erschöpft. Es wurde leise mit unterdrückten Stimmen gesprochen. Wie anders war doch der Anblick gewesen, den dieser schöne Ort morgens und mittags geboten hatte. Alles kam ihr auf einmal unwirklich vor. Wie ein Bühnenbild, das sich mit jedem Akt eines Theaterstücks vom heiteren Anfang hin zur Tragödie verwandelte. Zuerst die friedliche Stille des frühen Vormittags, dann die aufgeregte Stimmung zu Mittag und jetzt diese bedrückende, ja gespenstische Atmosphäre. Florence zog sich noch ein Stück weiter in den Schatten zurück, denn nun strebte jene elegante blonde Dame, die sie schon während der Vorkommnisse in der Kirche beobachtet hatte, in Begleitung des Herrn im weißen Anzug dem Ausgang zu. Als sie näher kamen, zuckte Florence zusammen, denn sie erkannte jenen Mann, der ihr noch gestern in der Früh am Gare de Lyon ihren Sitzplatz vor dem roten Klavier streitig machen wollte. Die beiden schenkten ihr jedoch keinerlei Beachtung, gingen an ihr vorbei und waren bald in Richtung Stadt verschwunden. Florence trat aus dem Schatten des Ganges und ging auf den Pfarrer zu.
„Ah, die Madame von der Pariser Polizei“, murmelte dieser. „Sie haben sich ja wirklich den richtigen Ort für Ihren Urlaub ausgesucht.“
„Hochwürden, Sie können mir glauben, dass ich mir gewiss einen anderen Auftakt für meinen Aufenthalt hier in Avignon gewünscht hätte. Der plötzliche Tod unseres hochverehrten Meisters ist eine so furchtbare Sache, dass ich dafür keine Worte finde. Wie schrecklich, dass das ausgerechnet heute und hier in Ihrem herrlichen Gotteshaus passieren musste.“
„Ja, es ist entsetzlich, aber ganz besonders schlimm ist es für all die Menschen, die ihm nahestehen.“
„Da haben Sie natürlich vollkommen recht und Madame Lemercier ist von allen am meisten zu bedauern. Ist sie die Dame, die soeben mit einem Begleiter durch das Tor hinausgegangen ist?“
„Ja, das war Madame Lemercier. Es ist absolut bewundernswert, welche Haltung sie nach der fürchterlichen Entdeckung bewahrt hat.“
„Es reagiert eben ein jeder Mensch anders auf so ein Ereignis. Manche brechen erst Stunden später zusammen. Ich hoffe, sie hat Menschen um sich, die sich um sie kümmern.“
„Das hoffe ich auch. Ich habe ihr selbstverständlich meinen geistlichen Beistand angeboten und morgen werde ich sie aufsuchen. Sie hat mir aber auch klargemacht, dass sie heute Abend noch mit ihrer Trauer alleine sein will. Deshalb wird Monsieur Amontero sie erst einmal zu ihrem Hotel begleiten.“
„Monsieur Amontero? Der Name kommt mir irgendwie bekannt vor.“
„Das ist kein Wunder. Er ist ja auch ein großer Klaviervirtuose und wird demnächst beim Festival von La Roque-d’Anthéron auftreten.“
„Aha“, Florence war bemüht, sich ihre Bestürzung über diese Information nicht anmerken zu lassen. Da hatte sie also am Gare de Lyon tatsächlich einem berühmten Pianisten das Klavierspiel verwehrt!
Der Pfarrer bemerkte ihren veränderten Gemütszustand. „Was ist, Madame? Kann ich Ihnen noch irgendwie behilflich sein? Ich muss mich wieder um die Polizisten kümmern, die sich noch am Tatort befinden, und kann es schon nicht mehr erwarten, dass hier endlich Ruhe eintritt!“
Tatort!? Florence starrte ihn mit großen Augen an, und schon hatte er seinen Fehler bemerkt.
„Nun gut, Madame, jetzt wissen Sie es also. Außer Ihnen wissen nur ich, Madame Lemercier und Monsieur Amontero, dass Monsieur Lemercier nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Bitte behalten Sie das bis morgen noch für sich. Morgen wird es ohnedies die ganze Welt erfahren. Der berühmte Dirigent Lemercier ist in unserem schönen Avignon und noch dazu in der Sakristei meiner Kirche grausam ermordet worden!“
„Mord“, flüsterte sie, „es ist also doch Mord.“ Dann gab sie sich einen Ruck, warf den Kopf in einer resignierenden Geste zurück und blickte dem Pfarrer in die Augen.
„Natürlich. Ich werde Sie jetzt in Ruhe lassen. Noch einmal vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft heute Morgen. Es war schön, Sie kennengelernt zu haben. Ich hätte unser Gespräch gerne noch fortgesetzt und mit Ihnen über etwas anderes gesprochen als über dieses schreckliche Ereignis. Aber nun müssen wir uns dem Schicksal fügen.“
„Wir fügen uns dem Willen Gottes, Madame“, sagte er und sein Gesichtsausdruck wurde mit einem Mal wieder freundlich. „Und es würde mich freuen, wenn Sie mich in den nächsten Tagen einmal aufsuchen würden, damit wir unsere Gespräche – über das Gute und über das Böse – weiterführen und abschließen können.“
„Amen“, hätte Florence am liebsten gesagt, aber das behielt sie für sich. Stattdessen verabschiedete sie sich. Sie war ohnedies schon viel zu spät dran und Monsieur Florentin würde bereits ungeduldig sein.
Monsieur Florentin war keinesfalls verärgert. Zusammen mit Chantal saß er an einem der Tischchen vor der Bar und nippte an einem Glas Rotwein. Chantal hingegen umklammerte eine große Tasse Kräutertee. Kein Wunder, dass sie nach diesem furchtbaren Ereignis ein beruhigendes heißes Getränk nötig hatte.
„Sie müssen hungrig sein, Florence! Ich habe schon eine Kleinigkeit gegessen, aber Chantal bringt nichts hinunter.“ Monsieur Florentin sprang auf und rückte für Florence einen Sessel zurecht. Chantal blieb sitzen, lächelte traurig und nickte Florence müde zu.
„Merci, Monsieur!“ Florence ließ sich auf einen der bunten Sessel nieder. „Ja, ich sollte wahrscheinlich auch etwas essen.“ Sie wandte sich an Chantal: „Wie geht es Ihnen denn, Chantal? Sie haben so wunderbar gespielt – und dann diese schreckliche Wendung der Dinge.“
„Ja, Madame, ich kann es noch immer nicht fassen, was da passiert ist. Dass mich heute Monsieur Lemercier aufgefordert hat, in der Bach-Suite die dritte Trompete zu spielen, kommt mir wie ein ferner Traum vor. Fast so, als wäre es in einem anderen Leben passiert.“
Eine Kellnerin kam an den Tisch und teilte mit, dass sie außer einem Croque-Monsieur auch noch Lamm mit grünen Bohnen oder ein Bœuf Bourguignon sowie diverse Salate anbieten könne. Monsieur Florentin empfahl das Lamm und wandte sich an die Kellnerin: „Richten Sie bitte Arnaud aus, dass er mit dem Lamm wieder eine Meisterleistung vollbracht hat.“ Die Kellnerin lächelte. „Merci, Monsieur, ich werde es dem Chef sagen! Wollen Sie es auch probieren, Madame?“ Florence lehnte dankend ab. Sie hatte nach all den Aufregungen keinen besonderen Appetit, entschied sich daher für einen schlichten Croque-Monsieur und nahm denselben Rotwein wie Monsieur Florentin, einen Sancerre. Dann wandte sie sich wieder an Chantal.
„Hat man Ihnen denn schon gesagt, wie es mit dem Festival weitergehen soll, Chantal?“
„Das hat man tatsächlich. Heute nach dem Konzert ist alles sehr schnell gegangen. Madame Petermann hat uns sofort in den Pfarrsaal geschickt. Papa hat zu seinem Bedauern draußen warten müssen.“ Sie schenkte ihrem Vater ein müdes Lächeln und fuhr dann fort. „Madame Petermann hat uns zu einer Trauerminute für den Verstorbenen aufgefordert und uns mitgeteilt, dass Monsieur Lemercier bestimmt keine Unterbrechung des Festivals gewünscht hätte. Sie wird ab jetzt selbst am Dirigentenpult stehen. Sie hat auch eine Ausbildung als Dirigentin und ist Barockspezialistin. Es ist nicht zum ersten Mal, dass sie in Vertretung von Monsieur Lemercier das Orchester leitet.“
Monsieur Florentin mischte sich ein. „Heute Abend scheint die Petermann ihre Sache ja sehr gut gemacht zu haben. Ich kann mir dennoch nicht vorstellen, dass ein so bemerkenswerter Dirigent ohne weiteres ersetzbar ist?“
Seine Tochter nickte. „Da hast du schon recht, Papa“, Chantal wirkte nun wieder etwas munterer, „jeder Dirigent hat seine ganz besonderen Eigenheiten und Vorlieben, seine spezielle Handschrift sozusagen, und diese Handschrift ist gewiss nicht ersetzbar. Aber Madame Petermann kennt seine Handschrift vermutlich in- und auswendig, denn sie ist schon seit der Gründung des Ensembles dabei.“
„Eigentlich verwunderlich, dass sich eine Frau ihres Formats so lange damit zufriedengegeben hat, im Orchester zwar die erste, als Dirigentin jedoch immer nur die zweite Geige zu spielen.“ Florence hob nachdenklich ihr Weinglas und hielt es ans Licht, so als wollte sie darin eine Erklärung finden.
„Das hat unser erster Trompeter auch über sie gesagt. Er ist ebenfalls schon seit der Gründung des Orchesters im Ensemble. Sie sei eine starke Persönlichkeit und habe hin und wieder versucht, Monsieur Lemercier einen Vorschlag zu machen. Da sei sie aber an den Falschen geraten, denn er habe keinerlei Einmischung in seine Interpretationen geduldet. Es wird aber auch gemunkelt, dass sie einmal ein Liebespaar gewesen seien.“
„Und mittlerweile hat sie ihn insgeheim gehasst und jetzt umgebracht“, mischte sich Monsieur Florentin ins Gespräch.
„Aber Papa, das ist geschmacklos. Wie kommst du nur auf die Idee, dass er ermordet worden ist? Mit dir geht schon wieder einmal deine Fantasie durch.“
„Du hast recht, Chantal, ich muss mich bei den Damen entschuldigen. Außerdem wäre es gar nicht möglich, denn sie hat ja dirigiert, während er gestorben ist.“
„Das wird man erst wissen, wenn man den Todeszeitpunkt und die Todesursache kennt.“ Florence konnte es nicht lassen, das Thema aufzugreifen.
„Aha“, Chantal klang erbost, „nun glaubt auch noch die Frau Kommissarin aus Paris an die Mordtheorie von Papa. Ich habe für heute genug, ich bin müde.“
Sie sprang auf und schnappte sich ihren Instrumentenkoffer. Dann fiel ihr Blick auf den noch halb vollen Teller von Florence. „Entschuldigen Sie, Madame! Es gehört sich nicht, dass ich Sie jetzt mit Ihrem Essen und mit Papa alleine lasse, aber ich muss wirklich ins Bett. Wir treffen uns morgen schon um zehn Uhr zur ersten Probe und davor muss ich mich noch einspielen.“
„Gehen Sie nur, Chantal! Wollen Sie sich nicht Ihrer Tochter anschließen, Monsieur? Ich komme sehr gut alleine zurecht.“
Monsieur Florentin zögerte, aber seine Tochter legte ihre Hand auf seine Schulter und drückte ihn auf seinen Stuhl.
„Nein, Papa, du kannst jetzt unseren Gast nicht alleine lassen und ich bin ohne dich sowieso schneller zuhause.“
Florence und Monsieur Florentin blickten der schlanken Gestalt in dem ärmellosen Kleidchen aus schwarzer Spitze und mit dem roten Instrumentenkoffer nach. Nun, da sie selbst schon zu den älteren Semestern gehörte, neigte Florence dazu, junge Leute zu unterschätzen. Es war gar nicht so einfach, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass jetzt schon die Generation der eigenen Kinder das Sagen hatte.
„Eine bemerkenswerte Tochter haben Sie, Monsieur. Gescheit und ambitioniert, wie sie ist, wird sie dieses Erlebnis bestimmt gut verkraften.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Insbesondere mit einem so fürsorglichen Vater an ihrer Seite.“
„Jaja, Madame, ich weiß. Unsere Fürsorge ist den Kindern meist lästig. Sie müssen aber jetzt Ihren Croque-Monsieur essen, sonst wird er noch kalt und ungenießbar.“
Florence nickte und widmete sich schweigend ihrem Essen, während sich Monsieur Florentin bemüßigt fühlte, seine Fürsorge für Chantal zu rechtfertigen.
„Wahrscheinlich halten Sie mich bereits genauso für eine Glucke, wie das andere Leute in meiner Umgebung tun. Jetzt, da Chantal endlich wieder aus Paris zurück ist, können meine väterlichen Gefühle schon einmal mit mir durchgehen. Sie war immer ein selbständiges Kind. Als ihre Mutter auf und davon ging, war sie erst acht. Dennoch hat sie sich damals mehr um mich gekümmert als ich mich um sie. Jetzt studiert sie schon seit vier Jahren in Paris und im Sommer ist sie ständig auf Konzertreisen und bei irgendwelchen Musikkursen. Ich sehe sie viel zu selten und das ist nicht ganz leicht zu ertragen.“
Florence hatte ihr Essen beendet, nickte ihm mitfühlend zu und schob den Teller zur Seite.
„Haben Sie auch Kinder, Madame?“
Florence bejahte. Sie habe einen Sohn und wisse, wie das sei, wenn ein Kind fernab von einem lebe. Ihr Michel sei schon vor einigen Jahren nach China gezogen und dort auch verheiratet. Es gehe ihm gut und das freue sie, aber leicht sei es auch für sie nicht gewesen, sich an diesen Umstand zu gewöhnen.
Sie erhob ihr Glas und prostete ihrem Leidensgenossen zu. „Auf das Wohl unserer Kinder, Monsieur!“
Passacaglia
8
Florence hatte kurz, aber gut geschlafen. Keine Träume! Bestens! Schon um sechs Uhr morgens war sie wieder aus den Federn. Die ideale Gelegenheit, um bei einem Morgenspaziergang Klarheit in ihre Gedanken zu bringen und einen guten Kaffee zu trinken. Um diese Stunde konnte man auch an Orte gehen, an denen man sonst vermutlich von Touristenmassen erdrückt wurde. Also auf zur „Brücke von Avignon“! Auf dem Weg dorthin summte sie die Melodie, die ihr Sohn im Alter von drei Jahren immer wieder hatte hören wollen: „Sur le pont d’Avignon, on y danse, on y danse …“
Wie konnte sie nach all dem, was gestern vorgefallen war, heute so gut gelaunt sein? Natürlich wusste sie genau, warum. Die stillen Straßen, die Frische des Morgens, die Stadt, die sie fast für sich alleine hatte, all das trug zu ihrer Hochstimmung bei. Aber es kam noch etwas anderes hinzu. Seit den Vorfällen des Vortages war ihr klar, auf welche Weise sie ihre Zeit hier nun verbringen würde. Den Reiseführer von Michelin, den ihr ein Kollege zum Abschied geschenkt hatte, würde sie nur mehr selten in die Hand nehmen. In die nunmehr von dieser Madame Petermann dirigierten Konzerte würde sie natürlich gehen. Schließlich hatte sie sich so darauf gefreut, zwei Wochen lang in barocken Klängen schwelgen zu können. Irgendwann würde sie auch den Papstpalast besichtigen. Ansonsten aber würde sie den Spuren eines kriminalistischen Rätsels folgen, ohne offiziellen Auftrag und nur zu ihrem eigenen Vergnügen. Denn das war es, was sie seit ihrer Kindheit am meisten faszinierte.
Sie war höchstens zehn Jahre alt gewesen, als sie bei einem der Bouquinisten an der Seine einen Roman von Georges Simenon entdeckt und dort so lange darin geblättert hatte, bis der Buchhändler ihn ihr schenkte. Daraufhin war sie seine Stammkundin geworden und hatte bald darauf Bekanntschaft mit den Romanen von Edgar Allan Poe und Dorothy Sayers gemacht. Erst als sie älter wurde, hatte sie sich manchmal gefragt, ob es denn moralisch angemessen sei, sich ausgerechnet bei der Beschäftigung mit Mord und Totschlag so lebendig zu fühlen. Durfte man denn an etwas, das so viel menschliches Leid verursachte, Gefallen finden? Mit Honoré Mordent, ihrem ersten Chef und Förderer, hatte sie sich oft über dieses Thema unterhalten – und war mit sich ins Reine gekommen. Diese Tätigkeit war genau das, wofür die Natur sie ausgestattet hatte. Ihr großartiges Gedächtnis, ihre Freude am Kombinieren, ihre Ausdauer, ihre Intuition und nicht zuletzt ihr Sinn für Gerechtigkeit hatten sie für einen Beruf prädestiniert, der einem Mädchen ihrer Generation zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht zugänglich gewesen war – schon gar nicht einem, das früh ohne Vater dastand und dessen Mutter sich eine lange Ausbildung für die Tochter nicht leisten konnte. Eigentlich hätte sie ja den Blumenladen ihrer Mutter übernehmen sollen, aber als sie ohne Mühe und mit lauter Spitzennoten durch die Schuljahre brauste, stand für diese fest, dass die Tochter für einen gehobenen Büroberuf in Frage käme. Da hatte Florence aber schon genau gewusst, was sie wollte, hatte mehrere Polizeikommissariate der Stadt nach einer Stelle abgeklappert, war schließlich in „ihrem“ Kommissariat fündig und dort bald Sekretärin des Chefs geworden.
An ihrem Arbeitsplatz waren Florence die unaufgeklärten Verbrechen wie reife Pflaumen in den Schoß gefallen und ihre auf raffinierte Weise platzierten Hinweise hatten anfangs vor allem die Karriere so manches Kollegen befördert, der sonst in den Niederungen des einfachen Streifendienstes hängen geblieben wäre. Ihr Chef, dem sie bis zum heutigen Tag verbunden geblieben war, hatte ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten bald erkannt und sie in die Aufklärung sämtlicher Mordfälle in seinem Arrondissement einbezogen. Das war gegen Ende der Sechzigerjahre gewesen, zu einer Zeit, zu der für Frauen eine Karriere im Polizeidienst nicht vorgesehen war. Erst im Laufe der Siebzigerjahre hatte sich der gehobene Polizeidienst für Frauen zu öffnen begonnen. Zu dieser Zeit war Florence Beaumarie in ihrer Dienststelle als unverzichtbare Mitarbeiterin schon so verankert gewesen, dass niemand – auch nicht sie selbst – an eine langwierige offizielle Ausbildung für sie dachte. Schließlich hatte sie es sogar zu einer gewissen landesweiten Berühmtheit gebracht. Als der entscheidende Hinweis zur Aufklärung eines besonders spektakulären Mordfalles wieder einmal von ihr kam, hatte Honoré Mordent dies einer Journalistin gegenüber erwähnt und diese hatte ihr einen eigenen Zeitungsartikel gewidmet. Ihre Sonderstellung inmitten eines hierarchisch geordneten Polizeiapparates war ab da auch den höheren Stellen bekannt und von diesen toleriert. Wie viele Frauen ihrer Generation hatte sie sich dabei mit ihrem Gehalt als Sekretärin abgefunden. Sie war nie verheiratet, aber eine recht beachtliche Erbschaft, die überraschend vom früh verstorbenen Vater ihres Sohnes kam und die sie klug verwaltete, sicherte ihr schließlich ihre persönliche Unabhängigkeit. Es war ihr privates Vergnügen, jeden Fall, an dem sie mitgearbeitet hatte, in einem eigenen Schreibheft der Marke Clairefontaine zu dokumentieren, einem grünen für aufgeklärte Fälle und einem roten für die ganz wenigen unaufgeklärten.
Mittlerweile hatte sie den Pont Saint-Benezet erreicht und auf ihrem Weg festgestellt, dass um diese Zeit noch alle Cafés geschlossen waren. Im Gegensatz zu Paris, wo man bereits frühmorgens überall Kaffee bekam, hatte man sich hier offensichtlich den später aufstehenden Touristen angepasst.
Mit dem Eingang zur Brücke von Avignon verhielt es sich genauso. Das Tor war geschlossen und außerdem war die Brücke nur gegen Eintritt zu besichtigen. Die als Touristin recht unerfahrene Florence schüttelte den Kopf. Sie brauchte einen Platz zum Nachdenken. Den ganzen Weg hierher war sie von der Vorstellung beflügelt gewesen, sich auf der berühmten Brücke den Morgenwind um die Nase wehen und dabei ihren Gedanken freien Lauf lassen zu können. Das konnte sie nun vergessen! Sie überquerte die breite Autostraße, die am Ufer der Rhône entlangführte. Das Gras auf dem grünen Uferstreifen war noch nass und eine unbändige Lust, barfuß zu laufen, ergriff sie. Mit den Schuhen in der Hand spazierte sie den Fluss entlang, fasziniert vom Anblick der monumentalen Steinbrücke, die mitten im Fluss zu Ende war. Währenddessen machte ihr Gehirn einen Plan für den kommenden Tag. Als sie ihre Schuhe wieder anzog, wusste sie, was ihre nächsten Schritte sein würden. Am Weg zurück in die Stadt sah sie, dass das kleine Café du Pont geöffnet hatte. Endlich bekam sie einen ordentlichen Espresso. Dazu ein Croissant – und dann gleich noch ein zweiter Espresso! Wie immer bestellte sie ihn mit einem Milchkännchen.
Madame Robert würde keine Freude haben, wenn sie nicht zum Frühstück erschien. Aber sie würde sie am Nachmittag aufsuchen und ihr das eine oder andere erzählen. Als alteingesessene Bewohnerin von Avignon war sie möglicherweise sogar eine brauchbare Informationsquelle.
Eine halbe Stunde später betrat Florence das Polizeikommissariat von Avignon, das außerhalb der alten Stadtmauer lag. Ah, dieser vertraute Geruch! Eine Mischung aus Schweiß, chemischen Reinigungsmitteln, Kaffee und Tabak. Über drei Stufen gelangte man zu einem dreiflügeligen Glasportal und dann in eine Vorhalle, in der es neben ein paar Stühlen und einer Anschlagtafel auch eine unbesetzte Portiersloge gab. Ein uniformierter Beamter wies ihr den Weg zu einem Dienstzimmer, in dem mehrere Polizisten an ihren Schreibtischen saßen. Eine weibliche Bedienstete sprach sie sofort an.
„Können wir etwas für Sie tun, Madame?“
Ein weiterer Beamter kam ihrer Antwort zuvor.
„Oh, Madame Florence Beaumarie höchstpersönlich, wir haben Sie schon erwartet. Kommen Sie, ich bringe Sie zu unserem Chef!“ Auf einmal waren die Blicke sämtlicher Anwesender auf sie gerichtet und der Sprecher – es war natürlich Chantals Bekannter Pierre – führte sie durch den lang gestreckten, hellen Dienstraum und den daran anschließenden dunklen Gang. Dann klopfte er an eine Tür und öffnete sie, ohne eine Aufforderung einzutreten abzuwarten.
Mit allem hatte Florence gerechnet, aber nicht damit, hier, siebenhundert Kilometer von Paris entfernt, ein vertrautes Gesicht zu erblicken. Obwohl er nicht in Uniform war und zu langen schwarzen Hosen ein hellblaues Hemd trug, erkannte sie ihn auf den allerersten Blick. „Spürnase“, so hatten ihn in ihrer Pariser Dienststelle alle genannt. Seine auffallend große, leicht gebogene und recht spitze Nase saß in einem durchaus ansehnlichen Gesicht: große blaue Augen, schön gezeichnete Augenbrauen, hohe Wangenknochen und ein wohldimensionierter, aber immer ein wenig skeptisch zusammengezogener Mund.
Kommissar Antoine Lambert hatte seinen Erfolg weniger seiner Kombinationsgabe als seinem ausgeprägten Sinn für Skepsis zu verdanken. Immer wenn seine Kollegen alles schon ganz genau zu wissen glaubten, hatte er seine Lippen zusammengepresst, seinen Kopf geschüttelt, auf seine Nase gedeutet und gemeint: „Meine Nase sagt mir, dass da noch etwas anderes dahintersteckt!“ Mit der Zeit hatten alle gelernt, dieser Nase zu vertrauen. Florence war seine Verbündete geworden, die ihm half, die Kollegen davon zu überzeugen, dass auch ein bereits geschlossener Aktendeckel noch einmal geöffnet werden musste.
„Meine Nase sagt mir, dass er dennoch nicht der Täter sein kann“, sagte er nun zu Florence, die ihm an seinem Schreibtisch gegenübersaß. Eingangs hatte er ihr erklärt, dass er bereits seit gestern von seinem Mitarbeiter Pierre Caspari wisse, dass sich Madame Florence Beaumarie in Avignon und noch dazu direkt am Ort des Geschehens aufhalte. Durch die Zeitungsberichte über sie sei sie auch hier im Süden keine ganz Unbekannte und er selbst habe schon des Öfteren seinen Leuten die von ihr gelösten Fälle als lehrreiche Beispiele präsentiert. So wie er sie kannte, war er sich sicher gewesen, dass sie von selbst hier auftauchen werde, und voilà, da war sie auch schon, und noch dazu zu einer so frühen Stunde.
„Wer bitte soll nicht der Täter sein?“ Florence fühlte sich, als wären die mehr als fünfzehn Jahre, vor denen Lambert der Liebe folgend in den Süden gezogen war, wie ausgelöscht.
„Nun, Monsieur Amontero natürlich, der berühmte Pianist. Es war mir äußerst unangenehm, ihn noch in der vergangenen Nacht in Gewahrsam nehmen zu müssen.“ Er gähnte.
„Er ist hier?“ Florence staunte und die Spürnase nickte.
„Es ist uns nichts anderes übriggeblieben. Er hat gestern am Abend Madame Lemercier nach Hause gebracht, ist aber gegen zweiundzwanzig Uhr noch einmal am Tatort erschienen. Ich war selbst noch dort. Amontero war auf der Suche nach einer Stofftasche mit Musiknoten, von der er vermutete, dass er sie vergessen hatte. Die Tasche war schnell gefunden. Sie lehnte an der Wand der Garderobe im Vorraum zur Sakristei. In der Tasche befanden sich die Noten eines Stücks von Chopin, das Amontero nach eigener Aussage zur Vorbereitung für sein nächstes Konzert dringend benötigte, sowie ein altes Notenblatt eines Komponisten namens Marin Marais. Er behauptete, dieses Blatt sei erst zu Mittag von einem Unbekannten zusammen mit einer kurzen Notiz in einem Kuvert an der Rezeption seines Hotels abgegeben worden. Der Schreiber der Notiz forderte ihn auf, dieses Blatt noch vor dem Konzert an Lemercier zu übergeben. Würde er dieser Anweisung nicht folgen, drohe ihm der Tod. Das war aber nur ein Teil des mysteriösen Inhalts dieser Stofftasche, denn diese enthielt“ – Lambert machte eine kurze, die Spannung steigernde Pause – „außerdem noch die Tatwaffe.“
„Die Tatwaffe?“ Florence blieb der Mund offenstehen und Kommissar Lambert nickte triumphierend.
„Allerdings. Wenigstens eine davon. Nämlich die Saite eines Streichinstruments, und zwar eines Cellos. Das wurde uns von einem Experten bereits bestätigt.“
Lambert lehnte sich weiter nach vorne und senkte seine Stimme: „Sie wissen, Florence, dass ich Ihnen das alles nicht erzählen darf, aber ich hoffe, dass Sie ein Geheimnis immer noch so gut für sich behalten können wie damals, in unserer Pariser Zeit.“
„Natürlich können Sie sich darauf verlassen, Antoine. Sie kennen mich.“ Auch Florence hatte sich nach vorne gebeugt und war zu dem vertrauten Ton zurückgekehrt, den sie früher gepflegt hatten.
„Gut, meine Liebe. Ich hätte nämlich nichts dagegen, wenn Sie auf Ihre bewährte Weise noch ein wenig hinter den Kulissen herumschnüffelten. Ich persönlich glaube Amontero, aber entlastet ist er natürlich nicht! Wie Sie meinen Kollegen gestern mitgeteilt haben, besitzen Sie ja einen Festivalpass und planen, sämtliche Konzerte zu besuchen.“
Florence nickte und der Kommissar erhob sich. „Kommen Sie, Florence! Wir machen besser noch einen kleinen Spaziergang und dann“ – noch einmal senkte er seine Stimme – „erzähle ich Ihnen alles, was wir bisher wissen.“
Er drehte sich um, nahm ein dunkelblaues Sakko von der Sessellehne und warf es sich schwungvoll über die Schultern.
„Das Leben im Süden steht ihm nicht schlecht, er ist eleganter und selbstbewusster geworden“, dachte Florence ihm in Richtung Ausgang folgend.
„Ich bin in einer Stunde wieder zurück“, rief er seinen Mitarbeitern zu, und kurz darauf überquerten sie schon den breiten Boulevard und befanden sich gleich darauf innerhalb der Stadtmauern von Avignon. Der Kommissar schlug vor, ein Stück zu gehen und ein Café aufzusuchen, von dem er annehmen konnte, dass sie dort unbehelligt bleiben würden. Schon auf dem Weg begann er mit seiner Schilderung der Ereignisse des Vortages. Monsieur Lemercier war von Auguste Benoît, dem Pfarrer, tot aufgefunden worden. Dieser hatte vom Altarraum aus beobachtet, wie das Publikum aufgrund der langen Wartezeit immer unruhiger geworden war. Noch ehe die Konzertmeisterin aufstand und nach hinten kam, hatte sich Hochwürden Benoît entschlossen, selbst nach dem Dirigenten zu schauen. Er klopfte mehrmals an die Tür zur Sakristei, ahnte aber, dass dies erfolglos sein würde. Er wusste, dass Lemercier in seiner geheiligten Konzentrationspause vor dem Konzert Kopfhörer trug, die jedes Geräusch ausblendeten. Die Tür sperrte er zwar nie ab, aber exakt zwanzig Minuten vor Konzertbeginn hing das gewohnte und unübersehbare Schild mit der Aufschrift „Bitte nicht stören!“ am Türknauf.
Als der Pfarrer nach erfolglosem Klopfen die Tür einen Spalt öffnete, konnte er sofort erkennen, dass er sich am Schauplatz eines Verbrechens befand. Der Dirigent saß in dem hohen Lehnstuhl aus Leder und geschnitztem Holz, in dem sich schon Generationen von Geistlichen auf ihre Predigten eingestimmt hatten. Sein Kopf war merkwürdig zur Seite gerutscht, die Augen weit aufgerissen. In seiner Brust steckte ein Messer. Eines war vollkommen klar: Dem armen Mann war gewiss nicht mehr zu helfen. Warum der Pfarrer in der Folge so und nicht anders gehandelt hatte, wie er es dann tat, konnte er später nicht wirklich erklären. Wahrscheinlich sei er unter Schock gestanden, mutmaßte der Kommissar. Er habe vielleicht gehofft, sein Gotteshaus noch vor etwas schützen zu können, was bereits irreversibel als Urgewalt des Bösen über dieses hereingebrochen war.
Jedenfalls hatte Pfarrer Benoît die Tür zur Sakristei sofort wieder geschlossen, sich als Wache davorgestellt und den in der Nähe anwesenden Kirchendiener darum gebeten, umgehend einen der beiden anwesenden Polizisten zu holen. Der war binnen kürzester Zeit zur Stelle gewesen und auch dem genügte ein kurzer Blick durch den Türspalt, um das Ausmaß der Katastrophe zu erkennen. Gerade als er sein Handy zückte, um alles Nötige zu veranlassen, hatte Madame Petermann, die Konzertmeisterin, die Szene betreten. In diesem Augenblick entschied sich der Pfarrer zur Notlüge. Monsieur Lemercier sei ernsthaft erkrankt, erklärte er ihr, und derzeit nicht ansprechbar. Er werde das Konzert bestimmt nicht dirigieren können. Madame Petermann hatte sich bestürzt gezeigt, jedoch sofort erklärt, dass in diesem Fall sie selbst den Taktstock übernehmen werde. Schließlich könne man das Publikum nicht um ein Ereignis bringen, für das es bereits bezahlt hatte.
„Die Notlüge des Pfarrers wundert mich nicht wirklich“, sagte Florence etwas später zum Kommissar. „Er ist bestimmt nicht der Erste, der unmittelbar nach dem Einbruch einer Katastrophe so tut, als könne diese nicht geschehen sein.“
„Das stimmt schon, Florence, aber bei einem Pfarrer erstaunt es mich doch.“
Sie hatten inzwischen als einzige Gäste im Hinterzimmer eines kleinen, etwas schmuddeligen Café-Tabac Platz genommen. Von dort aus hatten sie einen guten Blick auf den Eingang und den Tresen, an welchem zwei Männer mit ihren Tageszeitungen lehnten. Ein etwas mürrischer Asiate hatte den Kaffee gebracht und sie konnten ihr Gespräch unbehelligt fortführen.
Antoine Lambert leerte seine Tasse Espresso mit einem Schluck. „Für uns war die Lüge des Geistlichen eigentlich ein Glücksfall. Sonst wäre es äußerst schwierig geworden, ohne größeren Aufruhr den Tatort zu sichern und unsere Vorgangsweise zu planen.“
Florence enthielt sich eines Kommentars. Dass die Öffentlichkeit bis zum nächsten Tag über die wahre Ursache des Todes im Unklaren gelassen worden war, war nicht korrekt, passte aber durchaus zu Antoine Lambert, der es bestimmt vorzog, mit seiner Spürnase noch eine Weile ungestört herumschnüffeln zu können. Am Weg hierher hatte er ihr allerdings verraten, dass er schon frühmorgens die Bürgermeisterin und die Staatsanwältin aus ihren Betten geholt und für Mittag eine gemeinsame Pressekonferenz anberaumt hatte.
„Wann waren denn Sie am Tatort, Antoine, wenn ich fragen darf?“
„Etwa zwölf Minuten nach der Entdeckung des Toten. Rascher ging es nicht. Der Anruf hat mich in einem Restaurant in der Altstadt erreicht, wo ich mit meiner Frau zu Abend gegessen habe. Ich bin gleich losgerannt, denn ich wusste, dass ich zu Fuß am schnellsten sein würde. Der Arzt war schon nach wenigen Minuten da. Er befand sich ganz in der Nähe und konnte nur mehr bestätigen, dass der Tod unmittelbar nach der Tat eingetreten sein musste.“
„Aber hatten Sie nicht zuvor gesagt, dass die Tatwaffe die Saite eines Streichinstruments gewesen ist?“
„Das ist ja das Interessante.“
„Seltsam“, murmelte Florence. „Das muss im Zusammenhang mit der Tat wohl eine symbolische Bedeutung haben. Aber sagen Sie, Antoine. Wie sind Sie so schnell darauf gekommen, dass es sich bei dem Draht um die Saite eines Cellos handelte?“
„Ehrlich gesagt, nicht gleich. Wer kommt schon auf so etwas? Erst als wir in der Tasche von Monsieur Amontero die Saite gefunden haben, kam mir der Verdacht, dass diese das Tatwerkzeug sein könnte.“
„Und dann haben Sie den berühmten Pianisten gleich eingesperrt. War da die Beweislage nicht etwas zu dünn? Eine Cellosaite in einer Tasche mit sich zu tragen, ist ja nicht verboten. Es könnte sie ihm jemand hineingelegt haben.“
„Kommen Sie schon, Florence! Jetzt sind Sie aber die Skeptische! Ich habe die Sachlage sofort prüfen lassen. Unsere Spurensicherung war mit dem Tatort schon fertig, aber ich habe deren Leiter gebeten, die Saite noch in der Nacht auf Blutspuren zu untersuchen. Freude hatte er keine darüber, denn er lag schon im Bett. Bis er kam, habe ich Amontero eingehend befragt. Er behauptete, erst vorgestern in Avignon angekommen zu sein, und schien ehrlich erschüttert von den Ereignissen. Aber das kann er uns auch vorspielen. Ein direktes Tatmotiv haben wir noch nicht gefunden, aber andererseits schien er mit Monsieur Lemercier und insbesondere mit seiner Frau sehr vertraut zu sein. Da kann man nie wissen.“
Florence musste auf einmal schmunzeln: „Also, dass er erst vor zwei Tagen aus Paris angereist ist, kann ich bestätigen. Ich habe nämlich bereits vorgestern früh am Gare de Lyon seine Bekanntschaft gemacht.“
„Mon Dieu, Florence! Sie kennen ihn? Und das sagen Sie mir erst jetzt?“
„Nein, nein. Ich kenne ihn nicht wirklich. Er wollte mir am Bahnhof meinen schwer erkämpften Sitzplatz streitig machen und da habe ich ihn zum ersten Mal in meinem Leben gesehen.“
Der Kommissar musste grinsen. Er winkte den Kellner herbei, bestellte sich noch einen zweiten Kaffee und lehnte sich in dem zerschlissenen Fauteuil zurück. Die Sache schien ihn zu amüsieren.
„Und das ist diesem Amontero natürlich nicht gelungen.“
„Natürlich nicht – und vorgestellt hat er sich mir auch nicht. Erst gestern beim Konzert habe ich ihn wiedergesehen, ohne zu wissen, wer er ist. Am Abend hat mich dann der Pfarrer darüber aufgeklärt, dass der Unbekannte im weißen Anzug der berühmte Pianist ist.“
„Na gut, sieht so aus, als hätten wir mit Ihnen eine weitere Zeugin. Da könnte ich Sie eigentlich auch ganz offiziell als Zeugin in das Kommissariat einladen!“
„Ach was, Antoine! Sagen Sie mir lieber, was der Chef der Spurensicherung zur Cellosaite zu sagen hatte!“
„Dass es sich dabei mit hundertprozentiger Sicherheit um eine der beiden Tatwaffen handle. Er ist sogar noch ins Labor gefahren und hat Blutspuren gefunden, die er dem Mordopfer zuordnen konnte. Die Tötungsart scheint ihn zu faszinieren, sonst hätte sich der alte Griesgram nicht um Mitternacht noch solche Mühe gemacht. Jedenfalls hatte ich danach keine andere Wahl mehr, als Monsieur Amontero als Tatverdächtigen festzunehmen.“
„Nein, die hatten Sie wahrscheinlich nicht. Jetzt sagen Sie mir aber noch, ob Sie einen Zusammenhang zwischen den Plakaten mit den Drohungen und dem Mord sehen?“
„Ach ja, in diese Geschichte sind Sie ja auch verwickelt. Mein Mitarbeiter Pierre Caspari hat mir schon berichtet, dass er die berühmte Florence Beaumarie zunächst als Kunstkennerin vor einer Plakatwand angetroffen hat. Er war es, der mir von Ihrer Anwesenheit in Avignon berichtet hat. Aber, nein, einen Zusammenhang zur Geschichte mit den Plakaten haben wir noch nicht gefunden. Gibt es denn noch etwas, was Sie uns nicht verraten haben?“
Gerade als Florence antworten wollte, betrat eine Polizistin in Uniform das Café. Sehr aufrechte Haltung, mittelgroß, sehr kurze hellblonde Haare, aufmerksamer Blick aus großen blaugrünen Augen, interessantes Gesicht – ein Alphatier, konstatierte Florence und Lambert hatte sich ihr sofort zugewandt.
„Ah, Leonie, Sie haben mich also ausfindig gemacht. Darf ich vorstellen, meine rechte Hand, Capitaine Leonie Perrin, von uns allen auch ‚die Expertin‘ genannt, weil sie in jede Materie, mit der wir uns gerade beschäftigen, rasch und tief einzudringen pflegt. Jetzt wird sie wohl in Kürze unsere Expertin für klassische Musik sein. Wenn sie hier auftaucht, ist es wichtig. Setzen Sie sich zu uns, Leonie!“
Leonie hatte die Beschreibung ihrer Person mit stoischer Miene über sich ergehen lassen. „Nein danke, Commandant. Ich muss gleich weiter. Es gibt eine neue Entwicklung im Fall Lemercier. Ein Cellist aus dem Orchester ist soeben im Kommissariat erschienen und hat gemeldet, dass eine Reservesaite aus seinem Cellokasten verschwunden sei. Ich gehe davon aus, Commandant, dass Sie ihn selbst verhören wollen.“
„Eine Reservesaite?“
„Jeder Streicher hat immer mindestens vier Saiten in einem kleinen Fach seines Koffers. Für den Fall, dass eine Saite während des Konzerts reißt. Der Cellist konnte die Saite sogar identifizieren. In diesem Fall handelt es sich um eine Saite der Marke Larson, die er dann aufzieht, wenn er keine Barockmusik spielt. Sie war auch schon etwas abgenutzt, weil er sie bereits in Verwendung gehabt hatte.“
„Na, was habe ich Ihnen gesagt, Florence. Schon ist meine geschätzte Kollegin zur Expertin für Streichinstrumente avanciert! Seit wann vermisst er denn die Saite?“
„Er hat gesagt, dass er sie bereits seit vier Tagen sucht. Gleich nach der ersten von drei Vormittagsproben des Orchesters in der Kirche sei es ihm aufgefallen.“
„Eigentümlich. Wenn Amontero tatsächlich vorgestern früh noch am Gare de Lyon war, wie meine ehemalige Kollegin hier bestätigen kann, kann er die Saite kaum selbst entwendet haben. Die Beweislage gegen ihn ist zu dünn, um ihn noch länger in Gewahrsam zu halten.“
Lambert erhob sich. „Es war schön, Sie wiederzusehen, Florence, aber jetzt ruft die Pflicht.“ Nach einem kurzen Augenblick des Zögerns fuhr er fort: „Leonie, ich möchte Ihnen noch Madame Florence Beaumarie vorstellen. Meine hochgeschätzte Kollegin aus dem Pariser Kommissariat, an dem ich lange Zeit meinen Dienst getan habe. Ihr Name ist Ihnen sicher nicht unbekannt. Sie ist mittlerweile pensioniert und privat hier in Avignon. Dennoch habe ich sie gebeten, uns im Fall Lemercier zu unterstützen und ein wenig hinter den Kulissen zu ermitteln. Schließlich hat sie einen Festivalpass und mit Sicherheit wird sie Wertvolles zur Aufklärung dieses Falles beitragen können.“
„Wie Sie meinen, Commandant. Ganz korrekt ist das vermutlich nicht. Pardon, Madame Beaumarie. Mein Chef hat manchmal etwas unkonventionelle Methoden, aber es freut mich, Sie kennen zu lernen. Wenn Sie Informationen brauchen, können Sie sich an mich wenden.“
„Danke, Capitaine. Mache ich. Ich werde mich nicht einmischen. Wenn ich aber etwas herausfinde, was Ihnen hier weiterhilft, wird es mich freuen und ich werde umgehend Bericht erstatten. Die ‚unkonventionellen Methoden‘ meines geschätzten Kollegen werden ja unter uns bleiben.“
„So ist es, Florence.“ Lambert streckte ihr die Hand hin. „Bitte trinken Sie noch in Ruhe Ihren Kaffee aus. Unser Wiedersehen hat mich außerordentlich gefreut!“
Als Florence fünf Minuten später am Tresen zahlen wollte, erfuhr sie, dass Lambert das bereits für sie erledigt hatte.
9
Nach dem Treffen mit ihrem früheren Kollegen schlug Florence zunächst automatisch den Weg zum Ciel Bleu ein. Es musste zehn Uhr vormittags sein und die Aufbruchsstimmung von heute Morgen hatte sie noch nicht verlassen. Ganz im Gegenteil, ihr Forscherdrang war nach dem, was sie erfahren hatte, erst recht angestachelt. Sie durchquerte gerade ein stilles Gässchen, als etwas Seltsames passierte. Auf einmal hatte sie den Geruch des Meeres in der Nase. Dabei lag Avignon bestimmt nicht am Meer. War es die Rhône, die am Morgen eine Sehnsucht nach dem Meer in ihr geweckt hatte? Den Hinweisen ihrer Nase folgte sie jedoch gerne, denn die brachten sie in der Regel auf eine interessante Spur. Darin unterschied sie sich gar nicht so sehr von Lambert. Wie weit war es von Avignon bis ans Meer? Sie könnte den Chauffeur des Ermordeten ausfindig machen und ihn fragen, ob er sie hinfahren würde. Der war jetzt vermutlich arbeitslos und würde den Auftrag vielleicht sogar annehmen. Nun ja – eines nach dem anderen.
Jedenfalls wollte sie jetzt noch nicht zurück. Sie erinnerte sich an den Park, an dem sie gestern vorbeigekommen war. Vielleicht war das große Schachspiel frei und sie könnte die Figuren benutzen, um sich einen Überblick über die Personen zu verschaffen, die in einer Beziehung zu Monsieur Lemercier gestanden hatten. Sie hatte schon oft die Szenerie eines Kriminalfalls auf einem Schachbrett nachgestellt, ganz intuitiv und ohne sich dabei an die Regeln zu halten. Sie hatte nie Zeit gehabt, das Spiel zu erlernen, hatte es aber immer wieder reizvoll gefunden, die Protagonisten eines Falles einer Schachfigur zuzuordnen und sie damit noch auf eine andere Weise in ihrer Vorstellung zu verankern.
Als sie den kleinen Park erreichte, stellte sie fest, dass sie diesmal Glück hatte. Die Schachfiguren schienen sie schon zu erwarten und waren rasch aufgestellt. Es war, als würde sie eine unsichtbare Hand zur jeweils passenden Figur führen. Der weiße König in der Mitte auf E5 stand natürlich für den verstorbenen Dirigenten. Die schwarze Dame verkörperte Madame Petermann, die Konzertmeisterin. Sie landete auf C3, drei Felder ober- oder unterhalb von ihm, je nachdem, von welcher Seite aus man das Schachbrett betrachtete. Für Eliette Lemercier wanderte die weiße Dame direkt an die Seite des Königs: F5. Auch der Pianist, Bruno Amontero, musste von einer weißen Figur dargestellt werden. Florence wählte den weißen Springer, der sich nun auf gleicher Höhe mit König und weißer Dame befand: G5. Was war mit dem geschassten Trompeter? Er rückte als schwarzer Läufer gefährlich nahe an die weiße Dame heran und wollte ins Feld direkt hinter ihr: G6. Florence fühlte sich nicht wohl bei diesem Zug, aber es gelang ihr nicht, die Figur an einer anderen Stelle zu platzieren.
Jetzt noch der Cellist, dessen Saite fehlte. Sie entschied sich für einen einfachen Bauern in Weiß. Momentan war noch jeder verdächtig, aber es war doch unwahrscheinlich, dass er der Täter war. In der Nähe der Konzertmeisterin auf D2 konnte es passen.
Wen hatte sie bisher im Umkreis von Lemercier noch kennengelernt? Ach ja, seinen Chauffeur. Die Vertreter dieser Zunft wussten meist sehr viel über die Leute, für die sie arbeiteten, deshalb musste auch er mit ins Spiel. Auf C7 befand er sich in einem gewissen Abstand vom zentralen Geschehen, hatte jedoch einen guten Überblick. Jetzt noch der große Unbekannte! Wie immer wählte sie einen schwarzen Turm für ihren Joker und stellte ihn auf A8, in eine der vier äußersten Ecken des gesamten Feldes.
Das war es wohl vorerst. Florence stellte sich vor ihre Figuren und betrachtete sie. Gerade als ihr noch der verärgerte Theaterregisseur als weiterer Protagonist einfiel, ertönte von hinten eine Männerstimme:
„Das ist ein Schachspiel und kein Kinderspielzeug. Stellen Sie die Figuren wieder richtig hin. Das ist unser Platz.“
Florence drehte sich um und stand zwei jüngeren Männern gegenüber, die sie anstarrten.
„Die halten mich wohl für eine verrückte Alte, die die Schachfiguren als Spielzeug betrachtet“, amüsierte sich Florence. Sie starrte eine Weile zurück und breitete dann ihre Arme mit geöffneten Handflächen aus: „Ich möchte es aber im Moment so haben und Sie beide werden sich noch gedulden müssen, bis ich so weit bin.“
Der eine machte einen Schritt in ihre Richtung, der andere hielt ihn jedoch zurück: „Lass die Alte, wir gehen noch eine rauchen!“ Er wandte sich an Florence: „Aber in zehn Minuten sind wir zurück und dann sind Sie verschwunden.“
Florence blieb einfach so stehen, wie ein Fels in der Brandung, vor dem sich die Wellen zurückzogen. Sie nahm den vorherigen Gedanken wieder auf, schnappte sich den schwarzen König und stellte ihn als Vertreter des ihr noch unbekannten Theaterregisseurs in gehörigem Abstand zum weißen König auf: E1. Sie war sich nicht sicher, ob das passte. Von ihm würde sie sich erst ein Bild machen müssen.
Noch einmal ging sie drei Schritte zurück und betrachtete die gesamte Stellung. Nun konnte sie diese nicht mehr vergessen. Die Figuren würde sie ab nun in ihrem Kopf beliebig hin- und herschieben können. Für Hypothesen war es zu früh. Sie stellte die Figuren in ihre Ausgangsstellung zurück und schlenderte langsam zum Ausgang. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete sie die beiden Männer, die rauchend auf einer Bank saßen und ihr scheinbar keine weitere Beachtung schenkten.
Vor den Toren des Parks war einiges los. Die Stadt war endgültig erwacht und summte und brummte vor Tatendrang und Lebenslust. Die Menschen in ihrer leichten Sommerkleidung schienen alle bester Laune. Ausgerechnet angesichts dieses heiteren Anblicks überkam Florence auf einmal eine melancholische Stimmung. „Und der arme Monsieur Lemercier liegt tot in einem engen, dunklen Kasten und alle Musik ist auf ewig für ihn verstummt“, musste sie denken. Es war doch etwas anderes, wenn man in einem Fall ermittelte, zu dessen Beteiligten man keinerlei persönliche Beziehung hatte, oder ob es sich bei dem Mordopfer um eine geschätzte Persönlichkeit handelte. Dennoch, an diesem Vormittag hatte sie sich schon genug mit diesem Thema beschäftigt. Sie wollte nicht ins Grübeln kommen. Etwas Ablenkung würde ihr guttun. Also noch immer nicht zurück in ihr Zimmer. Sie konnte schließlich tun und lassen, was sie wollte. Sie würde jetzt noch einen Abstecher zur Buchhandlung von Monsieur Florentin machen, immerhin hatte er sie dazu eingeladen. Es konnte nicht allzu weit bis dorthin sein. Alles, was sich im inneren Kreis dieser Stadt befand, schien in relativ kurzer Zeit erreichbar zu sein. Dennoch musste sie eine Weile suchen, bis sie das schöne schwarze Geschäftsportal in einer der Gassen fand, die zum Place Pie führten.
Also, wenn das kein Paradies für Bücherfreunde war! Florence war in eine kühle, aber gut ausgeleuchtete Höhle eingetaucht. Die wandhohen Regale zogen sich durch mehrere Räume eines alten Stadthauses. Der erste Raum war der größte. In dessen Mitte prangte ein großer, schwerer Tisch, auf dem in wohlgeordneten Reihen antiquarische Bücher zusammen mit Neuerscheinungen aufgelegt waren. Ein kleineres Tischchen, das offensichtlich als Kasse diente, befand sich diskret im Hintergrund. Eine Dame in den besten Jahren – schwarze, hoch aufgetürmte Haare, eine elegante türkisfarbene Seidenbluse, sehr große türkisfarbene Brille – saß dahinter und blickte in Florences Richtung. „Der entgeht wohl nichts.“ Florence fühlte sich beobachtet und wandte sich dem Anschlagbrett in der Nähe des Eingangs zu. Dort hing auch ein Plakat, das den heutigen Opernabend ankündigte.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Die Stimme der Dame hinter der Kasse klang ein wenig schrill, aber nicht unfreundlich.
„Im Augenblick nicht, ich sehe mich nur ein wenig um.“
Florence machte einen kurzen Rundgang durch die Buchhandlung und trat dann an den Büchertisch im vorderen Raum. Dort gab es auch Bücher über Barockmusik und Barocktheater, einige antiquarisch, die meisten aber ganz neu. Sie setzte sich auf einen mit brüchigem Leder bezogenen Stuhl und entdeckte eine Biografie über Lemercier. Beim Durchblättern tauchten eine Reihe von Fotos auf. Eines war vor drei Jahren aufgenommen worden und zeigte einige ihr mittlerweile bekannte Personen. „Monsieur Stephan Lemercier samt Ehefrau, Töchtern und deren Familien“ lautete die Unterschrift unter diesem Bild. Neben einer der Töchter stand ein Mann, der seinen Arm auf die Schulter von Madame Lemercier gelegt hatte. Ohne Zweifel war das der hinausgeworfene Trompeter. Steckte etwa ein Familiendrama hinter diesem schrecklichen Mordfall? Vermutlich wusste die Polizei noch gar nichts von der Verbindung des Trompeters zur Familie des Mordopfers. Eine Beobachtung, die Florence demnächst dem Kommissar oder seiner Stellvertreterin mitteilen würde.
Sie nahm das Buch und ging damit zu der Dame an der Kasse. Sollte sie diese nach Monsieur Florentin fragen? Bisher hatte sie ihn noch nirgends entdecken können.
„Ich möchte das gerne kaufen!“ Die zuvor strenge Miene der Verkäuferin hellte sich auf. „Eine gute Wahl, Madame! Warten Sie bitte einen Augenblick, ich zeige Ihnen noch ein anderes reizendes Büchlein über den Leiter des Musikfestivals.“ Konnte es sein, dass sie noch nichts von seinem Tod wusste? Das würde bedeuten, dass Monsieur Florentin heute noch gar nicht im Geschäft gewesen war, denn ansonsten hätte er doch bestimmt von den gestrigen Ereignissen berichtet. Schon war die Dame nach hinten verschwunden und beinahe gleichzeitig öffnete sich die Eingangstür und Monsieur Florentin betrat das Geschäft.
„Ah, Madame Florence, was für eine schöne Überraschung! Ich habe heute schon mit Chantal gefrühstückt. Ich musste doch wissen, ob meine Tochter die gestrigen Aufregungen gut überstanden hat. Die heutige Opernaufführung soll jedenfalls nach wie vor am Abend stattfinden.“
„Wie schön für Chantal! Dieses Engagement ist doch wichtig für sie.“
„Da haben Sie recht, Madame. Haben Sie schon gehört, dass Bruno Amontero, der bekannte Pianist, als Tatverdächtiger festgenommen wurde?“
„Ja, das habe ich.“ Sie überlegte, ob sie ihm von dem Gespräch mit Lambert berichten sollte, aber die Verkäuferin war schon wieder mit einem kleinen Buch in der Hand zurück.
„Schauen Sie, Madame! Hier hat ein Mitglied des Orchesters all die Anweisungen, Hinweise und Erklärungen aufgeschrieben, die Monsieur Lemercier seinen Musikern während der Probenarbeiten gibt. Er hat eine sehr originelle und bildgewaltige Ausdrucksweise. Ich selbst fand dieses Buch sehr interessant und amüsant.“
Monsieur Florentin mischte sich auf der Stelle ein. „Darf ich vorstellen, Madame Florence. Das ist Monique, meine Schwester, nicht nur eine Bücherenthusiastin, sondern auch eine begabte Malerin.“
„Ja“, lächelte diese, „und sehr stolz auf ihre Nichte Chantal, denn sie ist die erste Musikerin in der Familie.“
„Enchantée!“ Florence deutete auf die Bücherwände ringsherum. „Dann sind Sie hier als Bücherfreundin ja mitten im Paradies.“
In diesem Augenblick läutete bei Florence das Telefon. Sie blickte auf die Nummer und entschuldigte sich kurz. „Oh. Aha. Ja, ich komme, in einer halben Stunde kann ich es schaffen.“
Das Gespräch, das sie mit leiser Stimme führte, dauerte keine zwei Minuten. Monsieur Florentin und seine Schwester hatten sich ebenfalls flüsternd unterhalten.
„Es tut mir sehr leid. Ich hätte mich gerne noch länger in Ihrem wunderbaren Geschäft hier umgesehen, Monsieur Florentin, aber ich muss zur Polizeistation!“
Als Florence seinen erschrockenen Gesichtsausdruck sah, fügte sie hinzu: „Nein, nein, ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen. Aus irgendeinem Grund braucht man mich als Zeugin.“
Das war zwar nur die halbe Wahrheit, aber Florence hielt sich an das ihr von Lambert auferlegte Schweigegebot.
„Da enttäuschen Sie mich, Madame. Ich freute mich so über Ihren Besuch und hätte gehofft, noch ein wenig länger Ihre Anwesenheit genießen zu können.“ Die Stimme von Monsieur Florentin war derart erfüllt von tiefstem Bedauern, dass ihn seine Schwester neugierig und amüsiert anblickte.
„Ich habe eine Idee!“ Er gab noch nicht auf. „Ich fahre Sie mit meinem Peugeot Mini ins Kommissariat. Das ist mein Stadtauto für kleine Lieferungen. Das schlängelt sich recht brav durch unsere schmalen Straßen und wir sind in fünf Minuten dort. Zu Fuß gehen Sie von hier aus an die zwanzig Minuten und das ist bei der Hitze nicht ratsam.“
Florence war an diesem Morgen schon genug herummarschiert und nahm das Angebot dankend an. Während ihr Kavalier noch ein paar dringende geschäftliche Fragen mit seiner Schwester zu besprechen hatte, zog sie sich mit den beiden Büchern an den großen Tisch zurück und begann sich in die Persönlichkeit des verstorbenen Dirigenten zu vertiefen. Diese schien recht widersprüchliche Züge aufzuweisen.
Eine Viertelstunde später saß sie in einem kleinen roten Peugeot Cabriolet neben Monsieur Florentin und ließ sich auf Wegen, die nur einem Einheimischen zugänglich waren, zum Polizeikommissariat führen. Einmal musste er sogar aussteigen und vorübergehend einen Poller in die Straße versenken, der die Autos am Weiterfahren hindern sollte. Als Florence sich von Florentin verabschiedete, versprach sie, vor der Opernaufführung am Abend mit ihm essen zu gehen.
10
Der Anruf, den Florence erhalten hatte, war vom Kommissar persönlich gekommen.
„Können Sie in einer halben Stunde hier bei uns sein, Florence?“, hatte er mit förmlicher Stimme gesagt und dann deutlich leiser hinzugefügt: „Wir müssen Monsieur Amontero wieder entlassen. Sein Anwalt macht uns die Hölle heiß und jetzt brauche ich tatsächlich noch Ihre Zeugenaussage.“
Als Florence nun schon zum zweiten Mal das Polizeirevier betrat, waren alle Beamten bis auf zwei und Lambert ausgeflogen. Letzterer stand am Fenster und hatte offensichtlich auf Florence gewartet. Er nahm sie in Empfang und führte sie zu einem der beiden Kollegen. „Richard, Sie nehmen jetzt wie besprochen die Zeugenaussage von Madame Florence Beaumarie auf! Sie wird bestätigen, dass sie mit Monsieur Amontero vor zwei Tagen am Gare de Lyon in Paris gesprochen hat.“
Während Florence dies erledigte, absolvierte Antoine Lambert ans Fensterbrett gelehnt einen Sekundenschlaf. Schon in Paris war er bekannt dafür gewesen, dass er jederzeit im Stehen einschlafen und bald darauf erfrischt wieder aufwachen konnte. Als er sie kurze Zeit später zum Besprechungszimmer führte, war er ganz bei der Sache.
„Es ist so, Florence. Amontero wird in einer Dreiviertelstunde von seiner Managerin abgeholt. Er will das Revier nicht alleine verlassen, weil er Angst vor der Presse hat. Er ist einigermaßen ramponiert und hat daher mein Angebot angenommen, unsere Dusche zu benutzen. Es gibt auch noch einige Formalitäten zu erledigen. Meine Nase sagt mir aber, dass er dennoch in die Sache verwickelt ist. Deshalb will ich Ihnen Gelegenheit geben, seine Bekanntschaft zu machen.“ Er lächelte und wackelte bedeutungsvoll mit einem Finger. „Noch einmal!“
Einige Zeit später saß Florence im Besprechungsraum einem weltberühmten Pianisten gegenüber, der gerade eine Katze streichelte. Er hatte eine Tasse Kaffee sowie einen Teller mit Sandwiches vor sich stehen, die er aber offensichtlich noch nicht angerührt hatte.
Der Kommissar hatte die scheinbar zufällige Begegnung der beiden geschickt eingefädelt. Mit Schwung hatte er die Tür geöffnet und sogleich den Pianisten angesprochen, der trotz der Dusche ziemlich mitgenommen wirkte.
„Ich darf kurzfristig noch eine Dame zu Ihnen setzen, Monsieur Amontero. Sie ist eine Zeugin und wartet ebenfalls darauf, dass sie ihre Aussage unterschreiben kann. Darf ich Ihnen auch eine Tasse Kaffee bringen lassen, Madame?“ Florence hatte genickt und schon war Lambert wieder verschwunden.
Sie hatte den Stier bei den Hörnern gepackt und auf einem Stuhl vis-à-vis von Amontero Platz genommen.
„Mir scheint, Monsieur, wir kennen uns von einer kurzen Begegnung am Gare de Lyon? Ich fürchte, ich habe mich dort Ihnen gegenüber nicht ganz korrekt verhalten.“
Der Pianist hatte nicht reagiert und weiterhin ins Leere gestarrt.
Florence überlegte noch, wie sie am besten Zugang zu Amontero finden konnte, als sich die Tür wieder öffnete und der Kommissar höchstpersönlich den Kaffee vor sie hinstellte. An seiner Seite flitzte eine kleine schwarz-weiße Katze ins Zimmer. „Hoppala“, Lambert wandte sich direkt an Monsieur Amontero. „Unsere Revierkatze! Sie wollte unbedingt mitkommen. Darf sie ein Weilchen hierbleiben?“
Der Pianist nickte und seine Miene hellte sich auf. Florence sah erneut eine Chance, ihn aus der Reserve zu locken.
„Monsieur Amontero scheint nicht nur ein großer Pianist, sondern auch ein großer Katzenfreund zu sein. Das ist aber auch eine reizende Katze – schwarz und weiß gestreift wie jene herrlichen Instrumente, auf denen Sie spielen.“
„Ja, ja, das ist sie“, murmelte er, dann setzte er sich auf, und während eine Hand weiterhin den Nacken der Katze kraulte, musterte er Florence wie einen Gegenstand, dessen Existenz ihm erst in diesem Augenblick bewusst wurde. Auf einmal breitete sich ein amüsiertes Grinsen auf seinem Gesicht aus. „Sie waren es doch, die mir am Gare de Lyon das Spielen verweigert hat!“
„Ja, das war ich.“ Sie hatte sich zu einem schuldbewussten Ton entschlossen. „Jetzt, wo ich weiß, wer Sie sind, tut es mir aufrichtig leid und ich möchte mich dafür entschuldigen.“
„Madame, gestatten Sie mir die Bemerkung, dass man niemandem, den die Muse küsst, das Klavierspiel verbieten sollte. Egal, ob er ein Pianist ist oder nicht. Ich kenne einen ehemaligen Klavierstudenten, dem ein grausames Schicksal seine Leidenschaft für Euterpe ausgetrieben hat, und glauben Sie mir, er ist ein äußerst unglücklicher Mensch geworden. Aber lassen wir das. Ich hatte ohnedies nicht vor, am Bahnhof ein Konzert zu geben. Ehrlich gesagt, habe ich auch nur einen Sitzplatz gesucht. Ihr Müsliriegel hat mir in dem Chaos am Bahnhof übrigens wirklich gutgetan. Selbstgemacht, sagten Sie?“
„Na ja, da habe ich ein bisschen geflunkert. Selbstgemacht war er schon, aber von einer lieben Nachbarin.“
Auf einmal fand sie die Situation ziemlich absurd. Da saß sie nun mit einem Pianisten im Hinterzimmer eines Polizeireviers in Avignon und unterhielt sich mit ihm über Müsliriegel. Eigentlich war er sympathisch.
„Was für eine verrückte Situation!“ Florence ergriff wieder das Wort. „Zuerst begegnen wir uns zufällig am Gare de Lyon und jetzt sitzen wir uns auf dem Polizeikommissariat in Avignon gegenüber und trinken Kaffee. Sie sind also auch als Zeuge des tragischen Todesfalles gestern Abend geladen worden?“
„Was heißt als Zeuge geladen, Madame! Verhaftet hat man mich und des Mordes an meinem lieben alten Freund verdächtigt. Natürlich ist das alles lachhaft und mittlerweile hat man das auch eingesehen und mich wieder freigelassen!“
Florence gab sich erstaunt und unwissend. Sie war neugierig auf seine Version der Geschichte.
„Meine Güte! Wie schrecklich für Sie, Monsieur.“
„Allerdings, das war eine höchst unangenehme Nacht, aber ich werde es überleben.“
„Ich bewundere Ihre Haltung, Monsieur, aber wie kann die Polizei überhaupt auf so etwas kommen? Die müssen hier komplett unfähig sein!“
„Nun ja, ich Esel habe sie ja selbst auf die Spur gebracht. Ich bin gestern gegen Mitternacht noch einmal zur Kirche zurück, weil ich eine Tasche nicht mehr finden konnte, deren Inhalt mir sehr wichtig ist. Vermutlich war ich einer der Letzten, der Stephan noch lebend gesehen hat. Außer dem Mörder natürlich! Ich hatte Stephan vor dem Konzert noch kurz in der Sakristei aufgesucht, um ihm das Notenblatt eines Barockkomponisten zu überbringen. Es war in gewisser Weise dringend. Ich war in Begleitung seiner Frau. Tatsächlich hat er uns beide gleich wieder hinauskomplimentiert. Auf eine äußerst gereizte und unangenehme Weise übrigens. Ob wir denn nicht wüssten, dass er jetzt nicht mehr gestört werden wolle – und die Noten brauche er nicht. Die könne ich gleich wieder mitnehmen. So habe ich ihn nur selten erlebt! Ich war tatsächlich verärgert über seine Reaktion, aber das ist ja um Gottes willen kein Grund, jemanden umzubringen. Ich habe ihm nichts mehr geantwortet und den Raum sofort wieder verlassen. Madame Lemercier ist dann höchstens noch eine Minute bei ihm drinnen gewesen. In so kurzer Zeit kann man bestimmt niemanden töten. Als sie herauskam, hat sie mich gebeten, ihre Stola zu halten, denn sie wollte sich noch frisch machen. Da muss ich die Tasche abgestellt haben und dann habe ich leider darauf vergessen.“
Er machte eine kurze Pause, und als er sah, dass ihn Florence fragend ansah, beendete er seinen Bericht mit den Worten: „Und in der Nacht hing die Tasche in der Nähe der Sakristei auf einem Garderobenständer und dieser Kommissar hat darin die Cellosaite entdeckt, mit der mein armer Freund angeblich ermordet wurde. Keine Ahnung, wie die in meine Tasche gekommen ist.“
Schon wieder hielt er sich die Hand vor den Mund und schüttelte dann seinen Kopf.
„Aber was tue ich eigentlich? Warum erzähle ich Ihnen das alles? Ich weiß ja nicht einmal, wer Sie sind!“
„Entschuldigen Sie, Monsieur. Ich fürchte, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Florence Beaumarie, Pariserin, soeben pensioniert und ein großer Fan des Monsieur Lemercier. Deshalb habe ich mir als Einstieg in meine neue Lebensphase eine Reise zum Barockmusikfestival in Avignon gegönnt!“
„Aha, mein Name ist Bruno Amontero, aber das scheinen Sie schon zu wissen. Sind Sie auch im Kulturbereich tätig?“
„Eher im Gegenteil, könnte man wahrscheinlich sagen, denn dort, wo ich gearbeitet habe, war von Kultur nicht oft die Rede. Umso mehr hatte ich in meiner Freizeit ein großes Bedürfnis nach kultureller Erbauung!“
„Sie machen mich neugierig. Welche Tätigkeit haben Sie denn ausgeübt?“
„Nun ja, ich habe in Paris bei der Polizei gearbeitet.“ Erneut hatte sie eine schuldbewusste Miene aufgesetzt.
„Und jetzt hat man Sie hier auf mich angesetzt, damit Sie noch die letzten Informationen aus mir herausholen?“ Monsieur Amontero war offensichtlich ein scharfsinniger Mann und seine Miene war wieder eisig geworden.
„Aber Monsieur, das ganz bestimmt nicht! Meine Anwesenheit hier hat ausschließlich damit zu tun, dass ich gestern während dieser unseligen Vorkommnisse einige Beobachtungen machen konnte. Ich bin wirklich rein privat in Avignon, aber da Sie so offen zu mir waren, bin ich es auch. Ich bin jetzt pensioniert, hatte aber den Ruf, auch komplizierte Morde aufklären zu können, an denen sich viele Kollegen die Zähne ausgebissen haben. Vielleicht kann ich auch hier dazu beitragen, die Wahrheit herauszufinden.“
„Daran wäre ich in diesem Fall tatsächlich interessiert. Es liegt mir viel daran, meine zu Unrecht beschmutzte Weste wieder gänzlich reinzuwaschen. Auf das Engagement der hiesigen Polizei allein kann und will ich nicht setzen. Dann dürfen Sie aber nur für mich arbeiten! Geld spielt keine Rolle. Nennen Sie mir Ihr Honorar und Sie sind engagiert!“
„Tut mir leid, Monsieur! Honorar will ich bestimmt keines. Ich bin aber interessiert und neugierig genug, auf meine Weise zur Auffindung des wahren Täters beizutragen. Dazu brauche ich so viele Informationen über Monsieur Lemercier und seinen Hintergrund wie nur möglich. Es wäre sehr hilfreich, wenn Sie mir etwas mehr über seine Person und sein Umfeld erzählen könnten. Dass Sie unschuldig sind, glaube ich Ihnen.“
„Also gut, Madame. Vielleicht bringt mir die Begegnung mit Ihnen am Gare de Lyon sogar noch Glück. Warten Sie bitte einen Moment! Ich gebe Ihnen meine Karte.“ Er nahm die protestierende Katze von seinem Schoß, setzte sie vorsichtig auf den Boden und suchte nach seiner Geldbörse. Als er diese gefunden hatte, reichte er Florence eine Visitenkarte.
„Vielen Dank, Monsieur. Auch ich darf Ihnen meine Karte überreichen, aber solange wir noch etwas Zeit haben, möchte ich diese gerne nutzen. Deshalb meine direkte Frage. Haben Sie in letzter Zeit an Monsieur Lemercier oder an seiner Umgebung etwas Auffälliges bemerkt?“
„Aha, die klassische Detektivfrage!“ Monsieur Amontero wischte sich den Schweiß von der Stirn, lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen. Nach einem Augenblick des Schweigens sagte er: „Ich bin ja erst vorgestern mit dem Zug gekommen, wie Sie wissen. Ich wollte nur zwei Nächte hier in der Stadt verbringen, dem Eröffnungskonzert meines Freundes beiwohnen und dann weiter aufs Land nach Lourmarin fahren. Dort besitze ich ein Haus, in dem ich auch während des Klavierfestivals von La Roque-d’Anthéron wohnen werde. An diesem ersten Abend in der Stadt habe ich noch Stephan und Eliette getroffen. Wir haben im Garten meines Hotels einen Aperitif getrunken. Ich und Eliette einen Pastis, Stephan natürlich nur einen Orangensaft, denn er hatte ja noch eine Probe. Alkohol kommt da für ihn nicht in Frage. Eliette ist etwas früher gegangen – sie wollte noch einkaufen – und Stephan blieb noch zehn Minuten, in denen er sich hauptsächlich über Gabriel Perou aufgeregt hat. Das ist der Theaterregisseur, dessen Produktion bereits einen Tag nach den beiden Vorstellungen von Stephans Oper beginnt. Als schauderhaft hat er dessen Inszenierung kommentiert. Es gab wohl mehr als eine heftige Auseinandersetzung zwischen ihnen. Stephan hat vermutet, dass dieser Regisseur hinter jenen Personen steckt, die seine Plakate überklebt haben. Ich kenne ihn aber nicht persönlich und es liegt mir fern, ihn eines Mordes zu bezichtigen.“
Florence überging seine letzte Bemerkung.
„Ist Ihnen an diesem Abend sonst noch etwas Besonderes an Monsieur Lemercier aufgefallen?“
„Nicht, dass ich wüsste.“ Er lehnte sich in dem Sessel zurück und schlug seine langen Beine übereinander. Sie kannte dieses Phänomen. Die meisten Leute entspannten sich, wenn sie sich aussprechen konnten. Viel Zeit würde jetzt aber nicht mehr bleiben. Sie beschloss, ihn auf seine Beziehung zur Dirigentengattin anzusprechen.
„Und Madame Lemercier? Sie sagten, dass sie vor dem Konzert ebenfalls noch bei ihrem Mann in der Sakristei war. Sind Sie gleichzeitig mit ihr eingetroffen?“
„Ja, Stephan bat mich, seine Frau in das Konzert zu begleiten. Ich habe sie vom Hotel abgeholt. Das habe ich natürlich schon alles der Polizei erzählt. Die haben durchblicken lassen, dass sie mir ein Verhältnis mit ihr unterstellen. Kompletter Unsinn! Wir haben eine rein freundschaftliche Beziehung. Ihnen kann ich es ja sagen, dass sie es nicht ganz leicht mit ihrem Gatten hatte. Wenn ein Konzert bevorstand, oder gar so ein Ereignis wie dieses Festival, dann führte er sich seiner Umgebung gegenüber wie eine Diva auf. Wie schon erwähnt, durfte er eine Viertelstunde vor dem Konzert überhaupt nicht mehr angesprochen werden. Er trug dann seine Schallschutzkopfhörer und ging mit geschlossenen Augen noch einmal alles durch, seine Tempi, den Beginn der Stücke, die Höhepunkte. Vor allem aber wollte er sich ganz und gar in die Stimmung versenken, die er mit seiner Interpretation zu erzeugen beabsichtigte. Das Ergebnis war ja dann tatsächlich immer brillant.“
„Ja, alle seine Aufführungen waren höchst beeindruckend“, bemerkte Florence.
„Allerdings. Ohne Zweifel war er eine Klasse für sich.“
Florence nickte. „Und Sie, Monsieur? Sie verstehen das natürlich. Sie sind ja ebenfalls ein großer und berühmter Künstler. Haben Sie Monsieur Lemercier bei einer gemeinsamen Arbeit kennen gelernt?“
„Oh nein, wir kennen uns schon ewig. Wir waren bereits während unseres Musikstudiums in Paris befreundet!“
„Wie schön! Eine Jugendfreundschaft also. Wie war denn Monsieur Lemercier so als Student? Hat er sich später sehr verändert?“
„Was Sie alles wissen wollen! Die Frage ist nicht uninteressant. Stephan hat nämlich im Laufe seines Lebens eine Wandlung durchgemacht. Als Student war er ein ziemlich lustiger und wilder Typ.“ Monsieur Amontero lachte laut auf. „Wenn ich daran denke, wie er damals bei diesem Eissalon am Boulevard Saint-Michel das Reklamefähnchen über dem Portal gestohlen hat und wie wir dann alle zusammen am Polizeirevier gelandet sind. Ich hatte allerdings immer gedacht, dass das mein einziger Kontakt dieser Art mit der Polizei bleiben würde.“
In diesem Moment klopfte es an der Tür und gleich darauf erschien der Kopf des Kommissars im Türspalt.
„Eine Mademoiselle McCarthy erwartet Sie draußen, Monsieur Amontero. Sie müssen nur noch Ihre Aussage vorne im Dienstzimmer unterschreiben! Und Sie kommen bitte auch nach vorne, Madame Beaumarie.“
Damit war das Gespräch beendet, denn der Pianist hatte es auf einmal furchtbar eilig. Im Dienstzimmer wartete bereits eine junge, recht füllige Dame in weißen Jeans und weißem T-Shirt auf ihn. Er verabschiedete sich mit einer kleinen Verbeugung von Florence und bald darauf verließ er gemeinsam mit seiner Assistentin das Polizeirevier von Avignon. Sie blickte den beiden weiß gekleideten Gestalten nach und fragte sich amüsiert, ob die Farbe Weiß so etwas wie ein Markenzeichen von Amontero und seinem Team war.
11
„Haben Sie von Monsieur Amontero etwas Interessantes erfahren, Florence?“
„Nichts, was uns im Moment weiterhilft, Antoine.“ Für Florence war es eindeutig noch zu früh, etwas von dem preiszugeben, was sie soeben gehört hatte.
„Aha, immer noch die geheimnisvolle Florence, die erst am Ende ihre Trümpfe ausspielt.“
„Nein, Antoine, das stimmt so nicht. Ich habe Sie immer rechtzeitig informiert und Ihnen niemals einen Fall weggeschnappt, falls Sie das meinen. Ich habe nicht viel erfahren, muss mir aber die Worte, die ich mit Amontero gesprochen habe, sicher noch einige Male durch den Kopf gehen lassen.“
„Nichts für ungut, Florence. Das verstehe ich schon. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass hier in Avignon die Uhren etwas anders ticken als damals in Paris.“
„Und daran werde ich mich halten, Antoine. Ich bin hier rein privat und deshalb mache ich jetzt eine Pause und begebe mich in mein Quartier. Ich muss mich ausruhen, denn ich bin nicht mehr die Jüngste und der Vormittag war lang.“
„Natürlich, Florence, wir bleiben in Kontakt.“
Sie war schon bei der Tür, als ihr noch etwas einfiel.
„Eine kurze Frage noch, Commandant“, sagte sie leise mit einem Blick auf die zwei anwesenden Polizisten.
Er nickte, schubste sie sanft in die Vorhalle.
„Wir haben den Cellisten genauer unter die Lupe genommen“, kam er ihrer Frage zuvor. „Tatsächlich können wir diesen Bertrand Rousseau von der Liste der Verdächtigen streichen. Seine Behauptung, dass er die Cellosaite schon länger vermisst, dürfte stimmen und für die Zeit zwischen 18:45 und 19:00, dem vermuteten Tatzeitpunkt, hat er ein lückenloses Alibi. Nach der Einspielprobe war er ständig in Begleitung von zwei Kolleginnen und hat mit ihnen noch einen Spaziergang gemacht. Auch sonst haben wir bei ihm keinerlei Verdachtsmomente gefunden. Nein, der Cellist kann nicht der Mörder sein!“
„Sag niemals nie“, dachte sich Florence, die vergessen hatte, ihre Frage zu stellen. Sie beließ den Cellisten an seinem Platz auf ihrem imaginären Schachbrett.
Auf dem Weg zu ihrem Quartier kaufte sie sich ein Sandwich, etwas Obst und ein Mineralwasser und eine halbe Stunde später war sie endlich wieder in ihrem Zimmer. Ihrer Gastgeberin war sie am Weg dorthin nicht begegnet. Das Bett war gemacht, das Bad frisch geputzt und die Jalousien heruntergezogen, sodass die Temperatur noch recht angenehm war. Als sie die Jalousie ein kleines Stück nach oben rollte, um Licht hereinzulassen, sah sie, dass auf dem Tisch ein Blatt Papier mit einer handgeschriebenen Botschaft ihrer Wirtin lag.
Liebe Madame Beaumarie,
ist alles in Ordnung? Bitte schauen Sie doch gelegentlich bei mir vorbei! Es würde mich freuen und beruhigen.
Ernestine Robert
Zwei Stunden später saß sie gemeinsam mit Madame Robert in einer großen, altmodisch eingerichteten Küche und sie tranken einen Kaffee, der wesentlich stärker und besser war als der Frühstückskaffee. Zu ihren Füßen der Hund, der sich offensichtlich bereits in den neuen Gast verliebt hatte. Seine Anwesenheit löste in Florence dennoch ein unbehagliches Gefühl aus. Sie erzählte der neugierigen Dame so viel vom gestrigen Abend, wie sie es für verantwortbar hielt. Der Mord an Lemercier hatte sich tatsächlich noch nicht zu ihr herumgesprochen.
„Das ist ja eine furchtbare Geschichte!“ Madame war angesichts der Neuigkeiten, die Florence zu bieten hatte, längst damit versöhnt, dass diese morgens nicht zum Frühstück erschienen war. Sie gab sich aber mit dem bisher Gehörten noch nicht zufrieden und begann ausführlich jedes Detail zu besprechen. Um ihren unersättlichen Wissensdurst in andere Bahnen zu lenken, erzählte ihr Florence von ihrer Begegnung mit Monsieur Florentin und dessen Tochter.
„So etwas, Sie kennen bereits Monsieur Florentin? Das ist einer der begehrtesten Junggesellen in der Stadt – zumindest bei älteren Damen. Er ist sehr charmant, aber auch sehr zurückhaltend.“
„Ich habe mir heute seine Buchhandlung angeschaut“, sagte Florence. „Sehr beeindruckend. Eine Schwester von ihm scheint auch dort zu arbeiten.“
„Ja, er hat nur die eine. Wissen Sie, das ist eine alteingesessene Familie.“ Madame seufzte. „Man sagt, dass ein Fluch auf dieser Sippe liege. Seit Hunderten von Jahren gibt es immer prunkvolle Hochzeiten, aber keine der dabei geschlossenen Ehen hat gehalten. Die angeheirateten Partner ergreifen regelmäßig die Flucht. Auch der jetzige Monsieur und seine Schwester stehen verlassen da. Eine ihrer Vorfahrinnen hat angeblich einen der Päpste, die hier residiert haben, verführt und seither wird die Familie dafür von allerhöchster Stelle bestraft. Deshalb ist Monsieur Florentin vermutlich Historiker geworden und hat lange im Papstpalast gearbeitet. Die liebe Chantal kann einem jedenfalls leidtun, für sie ist es wohl am besten, sich gar nicht mit Männern einzulassen.“
„Sie kennen also die Familie persönlich, Madame Robert?“
„Na ja, ehrlich gesagt mehr vom Hörensagen. Unsere Kreise haben sich noch nicht überschnitten. Aber das kann sich ja noch ändern!“
Sie schaute Florence herausfordernd an, und diese beeilte sich erneut, das Thema zu wechseln. Wenn schon Madame Robert so neugierig war, dann konnte Florence ihrerseits ein wenig Neugierde zeigen. „Wie viele Gäste haben Sie denn derzeit?“
„Mein Haus ist im Sommer immer voll. Außer Ihnen sind es derzeit noch neun Gäste. Für mehr habe ich keinen Platz. Um diese Zeit wohnen auch immer Schauspieler vom Theaterfestival bei mir. Momentan sind es drei. Leider sind es keine großen Stars, sondern junge Leute mit Nebenrollen. Aber es ist recht interessant, was man von ihnen erfährt!“
„Es ist bestimmt spannend, die Leute vom Theater einmal persönlich kennen zu lernen!“
„Ja, gewiss.“ Madame Robert erhob den rechten Zeigefinger und richtete ihn gestikulierend auf Florence. „Ich habe mir schon gedacht, dass Sie auch so eine neugierige Person sind wie ich, Madame. Wenn Sie morgen früh wieder brav zum Frühstück kommen, werde ich Sie zu den Schauspielern setzen. Die frühstücken immer pünktlich um acht, weil sie dann schon zur Probe müssen.“
Florence hatte nichts dagegen, und da sie fand, dass ihr Besuch schon lange genug gedauert hatte, verabschiedete sie sich und zog sich in ihr Zimmer zurück. Zwei Dinge musste sie noch erledigen, bevor sie sich für das Abendessen mit Monsieur Florentin und für das Konzert zurechtmachte. Lambert musste sie noch über den Hinauswurf des Trompeters am Tag des Mordes und dessen mögliche Verbindung zur Familie Lemercier informieren. Außerdem wollte sie ihn um die Telefonnummer des Chauffeurs von Monsieur Lemercier bitten.
Noch immer spürte sie diese Sehnsucht nach dem Meer in sich und so hatte sie beschlossen, schon am morgigen Tag einen Ausflug an einen nahe liegenden Strand zu machen. So konnte sie sich auch selbst davon abhalten, ihre Ferien ausschließlich mit dem Herumschnüffeln in einem Mordfall zu verbringen.
Als sie sich zwei Stunden später auf den Weg in das von Monsieur Florentin vorgeschlagene Restaurant machte, war alles erledigt. Lambert hatte ihr mit der Telefonnummer des Chauffeurs dienen können. Natürlich war der Chauffeur einvernommen worden und hatte dabei in Form eines polizeilichen Strafmandats sogar einen Beweis für seine Abwesenheit vom Tatort zum Zeitpunkt des Mordes vorlegen können. Er hatte nämlich den Dirigenten vor dem Konzert vor der Kirche abgesetzt und war dann ins Zentrum zurückgefahren, um sich bei einer Tasse Kaffee zu entspannen und ihn später wieder abzuholen. Die Kellnerin des Cafés konnte sich sogar an ihn erinnern. Er hatte irgendwann zwischen halb sieben und sieben seinen Kaffee bestellt und hätte es zu Fuß in dieser Zeit unmöglich bis zum Tatort schaffen können.
„Man sieht, ein Strafmandat kann auch einmal ein Glück sein. Der Chauffeur von Monsieur Lemercier zählt somit nicht zu den dringend Verdächtigen. Sie können gerne mit ihm für einen Tag in Richtung Süden abrauschen, liebe Florence.“
Der restliche Abend verlief angenehm. Während eines ausgezeichneten Essens erzählte Monsieur Florentin Anekdoten aus seiner Zeit als Direktor des Papstpalastes. Ihre Vermieterin, Madame Robert, hatte schon recht, er war ein äußerst charmanter und dennoch zurückhaltender Mann. Seine Zurückhaltung gab er allerdings vollständig auf, wenn es um seine Tochter ging. Als während des begeisterten Applauses am Ende der Oper die Dirigentin auf die Trompeter zeigte, sprang er auf und klatschte derart heftig, dass ihm ein Ring vom Finger rutschte, zu Boden fiel und längere Zeit nicht zu finden war. Als er ihn endlich wieder in der Hand hielt, hörte Florence ihn in sich hineinschimpfen: „Dieser verdammte Ring. Höchste Zeit, dass ich ihn weggebe. Es würde auch meiner Chantal kein Glück bringen!“ Als sie ihn fragte, was es mit dem Ring auf sich habe, war er kurz angebunden: „Nur ein Familienerbstück.“
Die Aufführung von Médée war – dirigiert von Madame Petermann – ohne Zwischenfälle verlaufen. Es war eine konzertante Aufführung ohne Kostüme und Bühnenbild. Die Solistinnen trugen prächtige Kleider und gaben ihre Rezitative und Arien auf so ausdrucksstarke Weise zum Besten, dass zusammen mit dem großartigen Orchester und einem wundervollen Chor keine Langeweile aufkommen konnte.
Da die Musikerinnen und Musiker wegen des tragischen Ereignisses auf die sonst übliche Premierenfeier verzichtet hatten, lud Monsieur Florentin Florence und seine Tochter noch auf einen Drink ein. Florence konnte nicht nein sagen und Chantal bat ihren Vater, schon vorauszugehen. Diesmal traf man sich im Café de l’Opéra. Als Chantal zu ihnen stieß, brachte sie einen Kollegen aus dem Orchester mit.
Wie schon am Abend zuvor saß man im Freien. Das Stadtviertel, in dem sich das Théâtre de l’Opéra befand, war äußerst belebt und Florence fiel auf, dass ihnen einige der vorbeiflanierenden Leute neugierige Blicke zuwarfen.
„Man könnte beinahe den Eindruck gewinnen, dass es sich bei unserer kleinen Gruppe um zwei Liebespaare handelt“, schoss es Florence durch den Kopf, aber natürlich traf das nur auf Chantal und ihren Begleiter zu. Die beiden tauschten Blicke, die man getrost in die Kategorie „verliebt“ einstufen konnte.
Natürlich sprach man auch wieder über Lemercier. Trotz seiner Exzentrizität war er bei den Musikern äußerst beliebt gewesen und während der Proben immer freundlich und höflich geblieben.
Als Florence erklärte, dass sie anderntags früh aufstehen müsse und eine Fahrt ans Meer plane, ließ Monsieur Florentin es sich nicht nehmen, sie erneut nach Hause zu begleiten. Er fand es äußerst bedauerlich, sie am nächsten Tag nicht sehen zu können, und insgeheim gestand sich Florence ein, dass auch sie dies bedauerte.
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