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„Das Wissen der Menschen nimmt in hohem Tempo zu, die Weisheit offenbar in der gleichen Geschwindigkeit ab!“

Bernd Thye

INGE FRIEDL

Was sich

bewährt hat

BEGEGNUNG MIT

ALTER LEBENSWEISHEIT


ISBN 978-3-990-40376-1


Wien – Graz – Klagenfurt

© 2015 by Styria premium in der

Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG

Alle Rechte vorbehalten

Bücher aus der Verlagsgruppe Styria gibt es in jeder Buchhandlung und im Online-Shop

Lektorat: Nicole Richter

Buchgestaltung: Maria Schuster

Coverbild: Gerhard Trumler

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

Inhalt

Cover

Zitat

Titel

Impressum

Vorwort

SCHLICHT UND EINFACH GEMEINSCHAFT

Vom miteinander Reden und miteinander Leben

DAS GLÜCK DER ZUFRIEDENHEIT

Ein erster Schritt zur Gelassenheit

DER UMGANG MIT DER ZEIT

Eines nach dem anderen statt alles auf einmal

AUS! SCHLUSS! FEIERABEND!

Die Kraft der Sonntagsruhe

WARTEN KÖNNEN

Die Kunst der Vorfreude

KINDERN ETWAS ZUTRAUEN

Wie die Sprösslinge ins Leben hineinwachsen

EINFACH GUT ESSEN

Mehr als Kraut und Rüben

UNSER TÄGLICHES BROT

Was es wert ist und wie es schmecken kann

DAS GANZE TIER ESSEN

Wer Steak sagt, muss auch Leber sagen

BESCHEIDENHEIT IST EINE TUGEND

Mit wenigen Dingen leben

MÜLL? GIBT’S NICHT

Die Kultur der Reparatur

ERZÄHL MIR WAS!

Warum wir Geschichten brauchen

SINGEN, EINFACH SO!

Warum es uns glücklich macht

STERBEN GEHÖRT ZUM LEBEN DAZU

Der Umgang mit Trauer und Tod

Anmerkungen

Quellenverzeichnis

Die Autorin

Vorwort


Seit vielen Jahren führe ich Gespräche mit Menschen am Land und lasse mir von früher erzählen. Ich habe diese Menschen, meine Gesprächspartner, gefragt, was sie von der „alten Zeit“ am meisten vermissen, was früher also tatsächlich besser gewesen ist als heute. Ganz klar wurden zwei Begriffe am häufigsten genannt: Zufriedenheit und Gemeinschaft.

Das ist verblüffend, denn die Arbeit war hart, das Einkommen gering und das Leben war auch damals bestimmt nicht gerechter als heute. Dennoch war die Zufriedenheit groß und, obwohl der Tag randvoll mit Arbeit war, verfügten die Menschen über mehr Zeit als heute. Was hatten die Menschen früher, was wir nicht mehr haben? Woher kamen ihre Gelassenheit, Zufriedenheit und innere Ruhe?

Der Kulturphilosoph Byung-Chul Han hat festgestellt, dass jedes Zeitalter seine eigenen, besonderen Leitkrankheiten hat. Für uns Menschen des 21. Jahrhunderts wären dies nach seiner Meinung Depression, ADHS und Burnout, resultierend aus einer allgemeinen Überforderung und Erschöpfung. Die Diagnose des Philosophen lautet: Wir sind eine „Müdigkeitsgesellschaft“. Faktum ist, dass alles immer mehr, immer schneller, überall und jederzeit sein muss. Das hat Konsequenzen für die psychische Gesundheit unserer Gesellschaft.

Wir hetzen von einem Termin zum anderen, sind gestresst und versuchen, Zeit zu gewinnen, indem wir sie einsparen. Wir haben so viele Möglichkeiten, dass uns die große Auswahl überfordert. Ob im Supermarkt oder bei der Lebensplanung, das Angebot ist riesig und alles scheint möglich. Und unser Dilemma ist: Je mehr Auswahlmöglichkeiten wir haben, desto unzufriedener und unschlüssiger werden wir.

Wir stehen unter Druck, uns im Leben zu verwirklichen und können schwer zur Ruhe kommen. Wir glauben, immer und überall erreichbar sein zu müssen und schalten unser Handy nicht einmal im Urlaub aus. Wir müssen in jeder Hinsicht flexibel sein und haben dabei einen gesunden Lebensrhythmus völlig aus den Augen verloren.

Nicht erst seit der Wirtschaftskrise 2008 fragen wir uns, worauf man sich überhaupt noch verlassen kann und was Bestand hat. Wir merken, dass es uns in vielen Bereichen gar nicht gut geht und dass auch das Lesen von Ratgeberbüchern oder das Besuchen von (teuren) Lebenshilfe-Seminaren uns nicht wirklich weiterhelfen kann. Was aber so nahe liegt, sehen wir hingegen nicht: noch vor ein, zwei Generationen war das Leben ein völlig anderes.

Da lohnt ein Blick zurück. Früher scheint etwas möglich gewesen zu sein, was wir heute ersehnen: ein Leben in Zufriedenheit und Gemeinschaft, ohne unnötige Hektik, dafür in angemessenem Tempo. Ein Leben, in dem man nicht alles gleichzeitig tun muss, sondern schön eines nach dem anderen, und in dem Multitasking ein Fremdwort ist, dafür Begriffe wie Feierabend, Bescheidenheit und Zufriedenheit existieren.

Das ist für die meisten eine unbekannte Welt. In Zeiten von Burnout, Depression und Stress ist es jedoch sinnvoll, etwas genauer hinzuschauen: Würde uns ein neuer Lebensstil mit altem Wissen helfen, dem Hamsterrad von Überforderung und Zeitdruck zu entkommen?

So wie Byung-Chul Han uns heute als „Müdigkeitsgesellschaft“ bezeichnet, könnte man ganz allgemein die Gesellschaft unserer Vorfahren als „Zufriedenheitsgesellschaft“ charakterisieren. Ganz gewiss waren früher nicht alle zufrieden, genauso wenig wie heute alle müde zu sein scheinen. Dennoch sind viele von uns ausgebrannt und erschöpft, obwohl es kaum je ein solches Freizeitangebot gab. Früher scheinen die Menschen gelassener und zufriedener gewesen zu sein, obwohl sie weniger Freizeit, weniger Selbstverwirklichung und in einigen Dingen gar keine Auswahlmöglichkeit hatten.

Es steht außer Diskussion, dass manche der alten Lebensweisen bestimmt nicht zur Nachahmung geeignet sind. Ich picke mir sozusagen die Rosinen aus dem Kuchen und erinnere an jene Dinge des alten Lebens, die absolut erstrebenswert sind.

Es geht in diesem Buch nicht um Ratschläge, sondern um den Erfahrungsschatz unserer Vorfahren. Es geht um einen Umgang mit Zeit, der uns wohl tut, um den Wert des Innehaltens und die Kraft der Sonntagsruhe, um echtes Miteinander und auch um die Frage, wie viele Dinge man zum Leben wirklich braucht.

Dieses Buch ist eine Entdeckungsreise zu Entschleunigung und ein wenig mehr Gelassenheit. Es hätte nicht geschrieben werden können, wenn ich nicht derart viele Expertengespräche geführt hätte. Bei diesen Experten, meinen Gesprächspartnern, möchte ich mich bedanken, bei den mehr als einhundert Frauen und Männern aus Salzburg, Oberösterreich, Steiermark, Kärnten und dem Burgenland, die ihre Lebenserfahrung und ihre Weisheit mit mir geteilt haben.

Inge Friedl

SCHLICHT UND EINFACH GEMEINSCHAFT

Vom miteinander Reden und miteinander Leben


AM 3. APRIL 1973 wurden die allerersten Worte über ein Handy gesprochen. Der Elektroingenieur Martin Cooper sprach in einer Seitenstraße von Manhattan, ungläubig bestaunt von den Passanten, folgende Worte: „Joel, ich rufe dich von einem mobilen Telefon an. Von einem echten tragbaren Batterietelefon!“ Cooper gilt als der Erfinder des Mobiltelefons und sein erster Anruf galt seinem Konkurrenten Joel Engel in der (gegnerischen) Forschungsabteilung von Bell Laboratories. Das damalige Handy wog übrigens mehr als ein Kilogramm und hatte eine Betriebszeit von nur zwanzig Minuten.

Heute, 42 Jahre später, besitzen 90 Prozent aller Deutschen über 14 Jahren ein Handy und in Österreich wird es nicht viel anders sein. Keiner wundert sich mehr über einen Passanten, der seinem Mobiltelefon begeistert berichtet, wo er sich gerade befindet. Und wir sind es gewohnt, wegzuhören, wenn wir in der Straßenbahn Zeuge eines Telefonats werden, in dem Dinge besprochen werden, die wir gar nicht wissen wollen.

Wir betreten ein Lokal, steigen in die U-Bahn, warten auf den Bus und um uns herum sind alle in ihr Handy vertieft, das mittlerweile ein kleiner Computer geworden ist. Die einen starren auf ihr Display und lesen die Zeitung, die anderen schreiben eine Nachricht auf WhatsApp oder kontrollieren ihren Facebook-Account, eine sieht ein lustiges You Tube-Video an, eine andere hat die Kopfhörer im Ohr und hört Musik. Kaum einer redet miteinander, man schaut einander nicht einmal mehr an.

Eine Szene wie die folgende spielt sich vermutlich täglich unzählige Male ab: Abendessen in einer Raststation an der Autobahn, irgendwo in Österreich. Am Nebentisch sitzt eine Familie mit zwei Kindern, einem Mädchen und einem Buben. Alle vier sind mit ihren iPhones beschäftigt, essen nebenbei und wechseln die ganze Zeit kein einziges Wort miteinander. Irgendwann, nach 15, 20 Minuten fällt endlich doch noch ein Satz. Der Vater fragt den etwa 8-jährigen Sohn: „Musst du auf die Toilette? 1“

Wenn wir jetzt vom „Miteinander“ der alten Zeiten reden, ist es, als blickten wir in ein fremdes Zeitalter zurück. Es ist nicht nur die „Zeit, bevor das Handy kam“, es ist auch die „Zeit, bevor das Fernsehen kam“. Das Leben damals war in vielen Dingen so grundlegend anders als unser Leben heute, dass es uns unendlich weit weg erscheint – dabei liegen nur wenige Jahrzehnte dazwischen.

Das, was die Menschen damals erlebten, war schlicht und einfach „Gemeinschaft“. Damit ist nicht gemeint, dass alle fantastisch miteinander auskamen und sich fortwährend gegenseitig ihr Herz ausschütteten. Nein, die Gemeinschaft war das Ergebnis der Verhältnisse der damaligen Zeit. Viel mehr Menschen als heute lebten miteinander unter einem Dach. Man redete miteinander, man erzählte sich vieles, man fragte nach und hörte zu. Und all das nicht am Telefon, auch nicht übers Internet, sondern in echten Gesprächen mit real anwesenden Menschen.

ES WAR IM MÜHLVIERTEL in den frühen 1940er-Jahren, als eine Volksschullehrerin in ihrer Klasse eine kleine, visionäre Rede hielt. Sie sagte ungefähr Folgendes: „Ich selbst werde es nicht mehr erleben, aber ihr werdet es noch erleben! Ihr alle kennt ja ein Radio. Ein paar von euch haben sogar eines in der Stube stehn. Ich sag euch: Eines Tages werdet ihr ein Radio mit Bildern haben. Ich weiß auch nicht genau, wie das funktionieren kann, aber es wird so etwas wie ein Radio sein und daneben werdet ihr ein Bild sehen.“ Die Schüler hatten damals keine Ahnung, wovon die Frau Lehrerin sprach. Keiner konnte sich nur entfernt vorstellen, was sie meinte.

Als diese Menschen dann das erste Mal in ihrem Leben Fernsehbilder sahen, machte das ungeheuren Eindruck. Jeder von ihnen weiß noch ganz genau, wann und wo er die erste Fernsehsendung gesehen hatte. Man erinnert sich an diesen Moment als etwas Großes, Umwälzendes, Unglaubliches.

Folgende Episode ist typisch für diese Zeit: Ein Familie aus Wien besaß in einem kleinen Dorf im Burgenland ein Ferienhaus. Außerdem gehörte ihnen das einzige Fernsehgerät weit und breit. Fernsehen war neu, eine Sensation, und es übte eine ungeheure Anziehungskraft aus. Wie in anderen Orten war auch in diesem Dorf Fernsehen anfangs ein gesellschaftliches Ereignis. Man verabredete sich, um eine bestimmte Sendung gemeinsam anzuschauen. Hier im Burgenland war es die „Löwingerbühne“ mit ihren volkstümlichen Stücken, die den halben Ort im Wohnzimmer der Familie versammelte. Jeder verfügbare Sessel wurde in den kleinen Raum getragen, und dicht gedrängt verfolgte man gemeinsam die Sendung.

Dasselbe um 1960 in einem kleinen Ort bei Hermagor in Kärnten: Auch hier besaß nur eine einzige Familie ein Fernsehgerät. Diesmal war es der „Kasperl“, der einmal wöchentlich, am Mittwoch, alle Kinder des Ortes anlockte. Allerdings durfte nur schauen, wer die „Eintrittsgebühr“ bezahlte: einen Schilling pro Kind.

In der Anfangszeit war Fernsehen noch ein Gemeinschaftserlebnis. Das änderte sich aber schnell. Unversehens saß jeder bei sich zu Hause abends allein vor seinem Fernsehgerät. Innerhalb weniger Jahre veränderte sich das Leben nicht nur am Land dadurch so nachhaltig, dass man von einer „Zeit davor“ und einer „Zeit danach“ sprechen kann.

In der „Zeit davor“ saß man nach der Arbeit gesellig beieinander, unterhielt sich, sang auch manchmal, spielte Karten und erzählte sich Geschichten. Besonders der Winter mit seiner arbeitsfreien Zeit war besonders gesellig. Niemand saß allein in der dunklen Stube, häufig kamen die Nachbarn dazu und man besuchte sich gegenseitig.

In der „Zeit danach“ scheint dies alles wie ausgelöscht zu sein. Die Nachbarn nehmen auch am Land kaum mehr Anteil am Leben des anderen (zumindest im Vergleich zu früher) und besuchen sich infolgedessen nur mehr selten. In den Häusern ist es stiller geworden, auch weil viel weniger Menschen als früher darin leben. Die Gemeinschaft, die die alten Zeiten so sehr prägte, scheint unwiederbringlich vorbei zu sein.

BEIM REDEN KOMMEN DIE LEUT Z’SAMM, sagte man früher und meinte damit, dass allein durchs Reden Gemeinschaft entsteht. Die Gespräche ergaben sich wie von selbst. Nach Feierabend traf man sich irgendwo, im Sommer im Freien, im Winter in der beheizten Stube. Im kleinen Kärntner Dorf Kamaritsch war in den 1940er-Jahren der tägliche Treffpunkt für die Dorfgemeinschaft die Küche der Großmutter meines Gesprächspartners. Es war eine winzige „Rauchkuchl“ mit offenem Feuer. Die Wände waren schwarz vom Ruß, weswegen eine solche Küche auch „schwarze Kuchl“ genannt wurde. Die Großmutter hielt immer Kaffee am Herd warm, für den Fall, dass sie Besuch bekommen sollte. Und das war oft der Fall, denn sie war eine gesellige Person. Die Nachbarn drängten sich geradezu in dem kleinen Raum. Sie saßen um den Tisch und auf der schmalen Sitzbank, die entlang der Wand verlief. Die Männer trugen Hosen aus selbst gewebter, ungefärbter Leinwand, und wenn sie aufstanden, hatten sie alle am Hinterteil einen Rußabdruck. So sah man schon von Weitem, wer bei der fröhlichen Runde dabei gewesen war.

Im Sommer war die Hausbank im Freien der Ort für Gespräche. Alle, die im Haus lebten, trafen sich dort nach Feierabend, manchmal setzte sich ein zufällig Vorbeikommender dazu, und selbstverständlich waren auch hier die Nachbarn willkommen. Geredet wurde nicht über Weltbewegendes. Meistens ließ man den Tag noch einmal Revue passieren und besprach die Arbeiten des nächsten Tages. Wie wird das Wetter? Wie weit ist der Nachbar schon mit seiner Arbeit? Wer braucht Hilfe beim Heuen? Man nannte das „Abschlussdischkurieren“, und das war durchaus eine wichtige Sache.

Häufig wurden auch die neuesten Informationen bei dieser Gelegenheit an die anderen weitergegeben. Was hatte sich in den letzten Stunden, in den vergangenen Tagen ereignet? Über wen gibt es Neues berichten? Das war natürlich auch Thema, wenn sich die Verwandten trafen oder wenn an den Winternachmittagen Freunde aus dem Dorf zu Besuch kamen. Oft saßen die Kinder dabei, die dann gespannt zuhörten – „zulosen“ nannte man das früher. Atemlos hörten sie, worüber die Großen redeten, welche Geschichten sie erzählten und was sie alles wussten. Immer mussten sie damit rechnen, hinausgeschickt zu werden, wenn das Gespräch auf Dinge kam, die nicht für Kinderohren bestimmt waren. Das machte die Sache nur noch spannender und ließ die Kinder mucksmäuschenstill dasitzen, damit sie nur ja nichts verpassten.

Aber selbst wenn über Alltägliches geredet wurde – und das geschah oft und ausführlich – waren die Kinder dabei und lernten so von klein auf diese Art der Gesprächskultur. Um sie zu beschreiben, hilft vielleicht am ehesten der Vergleich mit dem traditionellen orientalischen Palaver. Es kam nicht darauf an, sich möglichst kurz und präzise in wenigen Worten auszudrücken, sondern man durfte sich Zeit nehmen. Ohne Hektik floss ein Gespräch dahin, oft ohne beabsichtigtes Ergebnis. Dafür sparte man nicht mit Humor und mit Schlagfertigkeit und holte immer wieder aus, um zwischendurch so manche wahre, aber auch erfundene Geschichte zu erzählen.

„MAILBOX VOLL, AKKU LEER. MÜSSEN WIR JETZT REDEN?“, lautet der Titel eines Buches. Der Autor machte auf einem österreichischen Bezirksamt eine denkwürdige Erfahrung, die ihn unter anderem zu diesem Buch inspiriert hat. Die Mitarbeiterin der Behörde saß kaum zwei Meter von ihm entfernt und bot ihm an, einen Termin mit ihr auszumachen. Aber, das wäre leider nur über E-Mail möglich, eine persönliche Vereinbarung sei nicht vorgesehen. Er sollte also sein Smartphone nehmen und ihr, die direkt vor ihm saß, eine Anfrage schicken. Dann bekäme er für eine Woche später einen Termin.

Das hört sich absurd an, ist aber längst Realität. Auch im Privatleben läuft bei vielen die Kommunikation zum großen Teil nur mehr über soziale Netzwerke im Internet. Gibt es einen traurigeren Satz als diesen: „Was bringt es, 500 Freunde auf Facebook, aber niemanden zum Reden zu haben?“

Wenn sich heute Jugendliche treffen, wissen sie oft schon durch Facebook, Instagram oder WhatsApp, wo sich der andere in den vergangenen Stunden aufgehalten und womit er sich beschäftigt hat. Auch wenn man sich längere Zeit nicht sieht, scheinen die Freunde irgendwie am Leben teilzuhaben. Sie lesen einfach, was gepostet wird und schon haben sie sich ein Bild gemacht. Worüber also noch reden?

Es ist kein leichtes Leben für junge Menschen. Früher mussten sich Teenager nur im realen Leben zurechtfinden und sich ihren Platz dort suchen. Heute aber sollen sie zusätzlich einen Platz in der virtuellen Welt finden. Die Fragen „Wer bin ich?“, „Wer will ich sein“, „Wo will ich hin?“ sind bekanntlich schwer genug zu beantworten. Nun gilt es auch noch, die Spielregeln des Netzes zu berücksichtigen: Wer wollen sie da sein? Wie sollen die anderen sie da wahrnehmen? Wollen sie womöglich jemand ganz anderer sein als in der realen Welt?

Die „gute alte Zeit“ liegt in diesem Fall nur wenige Jahre zurück. Selbst junge Menschen Mitte zwanzig stellen fest, dass es diese Dinge in ihrer Jugend so nicht gab. Es ist heute für Jugendliche viel schwieriger geworden, ihre wahre Identität zu finden als noch vor wenigen Jahren.

Dazu kommt der Druck, immer online sein zu müssen. Kaum legt man sein Handy eine halbe Stunde weg, hat man zwanzig Nachrichten auf WhatsApp, neue Postings auf Facebook und vielleicht ein paar SMS. Nun ist man mindestens zehn Minuten damit beschäftigt, auf alle Nachrichten sofort zu reagieren.

Müssen wir da überhaupt noch reden? Das haben sich wahrscheinlich auch die Enkel jener Bäuerin im oberösterreichischen Almtal gedacht, als sie ihre Oma besuchten. Die Großmutter versuchte, so wie sie es gewohnt war, einfach zu plaudern. Die Jungen waren sehr lieb und willig, aber nach ein paar Sätzen wussten sie nichts mehr zu sagen. Nicht nur Generationen prallten hier aufeinander, auch zwei völlig verschiedene Arten von Gesprächskultur.

Viele von uns haben die Kunst, Gespräche dieser Art zu führen, nie gelernt. Wir fragen kurz, was wir wissen wollen und erwarten keine weitschweifige Antwort. Wir erzählen in knappen Worten, was es zu berichten gibt und werden ungeduldig, wenn sich das Gegenüber zu viel Redezeit nimmt. Wir hören halb hin und werfen nebenbei immer wieder einen Blick auf unser iPhone.

Ständig ist in unserer Hochgeschwindigkeitszeit alles in Bewegung und in Veränderung. Was uns immer schwerer fällt, ist die alte, gesetzte, ruhige, langsame und nachdenkliche Kommunikation. Sich einfach „z’sammsetzen“ und mit Abstand und Muße ohne Zeitdruck miteinander zu reden, das wäre zwar theoretisch schön, aber uns fehlt meistens die innere Ruhe dazu.

GEMEINSCHAFT ENTSTEHT, WENN MAN AUFEINANDER ANGEWIESEN IST. Miteinander reden und miteinander leben war früher eins. Das galt für die Dorfgemeinschaft als Ganzes, für die Nachbarschaft im Besonderen und für jedes einzelne Haus. Keiner war davor gefeit, in Notsituationen den anderen zu brauchen. Schon in der nächsten Minute konnte man womöglich Hilfe benötigen. Nehmen wir an, der Ochse schafft es nicht, die Fuhre zu ziehen. Was tut man? Man geht zum Nachbarn, borgt sich seinen Ochsen aus und schon kann man zweispännig ziehen.

Die Nachbarschaftshilfe war ein Grundpfeiler der alten Gemeinschaften. Das Wort Nachbar entwickelte sich nicht zufällig aus den alten Wörtern für nah und Bauer. Nachbarschaft ist in diesem Sinn Gemeinschaft in ihrer ursprünglichsten Form.

Dazu gehörte nicht nur die Mithilfe bei Arbeiten, die nur mit Hilfe der Nachbarn erledigt werden konnten, wie das Dreschen, Brecheln2 oder der Getreideschnitt. Dazu gehörte auch, dass man aufeinander achtgab. Man wusste etwa, dass die (einzige) Kuh eines Nachbarn „trocken“ war, also keine Milch gab. Dann stellte bestimmt irgendjemand eine Kanne Milch vor dessen Haustüre.

Jener Mann, der die Geschichte mit der Rauchkuchl erzählte, verglich sein Dorf damals und jetzt. Heute, sagte er wehmütig, erfahre man oft erst nach ein paar Tagen, wenn jemandem etwas passiert war. Obwohl das Dorf nur eine Handvoll Häuser hat, lebe jeder für sich. Jeder hat ein Auto, fährt da hin und dort hin und selbst am Sonntag gebe es keine Gemeinschaft mehr so wie früher.

Heute lebt man „individuell“, und das ist aus unserer Sicht wohl gut so, denn die alten Dorfgemeinschaften hatten durchaus ihren Preis. Es waren Zweckgemeinschaften. Die Mitglieder hatten sich einander nicht „ausgesucht“, man war einfach aufeinander angewiesen. Dass man in einer so engen Gemeinschaft praktisch nie unbeobachtet bleiben konnte, ist heute, rückwirkend betrachtet, die Kehrseite der Medaille.

Aber es gab auch Geschichten wie diese, die sich in den 1950er-Jahren in Oberösterreich zutrug: Es ist ein heißer, drückend schwüler Sommertag. Man spürt, dass ein Gewitter kommt, aber es hat noch nicht zu regnen begonnen. Man hört den Donner immer näher kommen und sieht bereits die ersten Blitze am Himmel. Das getrocknete Heu muss jetzt so schnell wie möglich heimgeführt werden. Jede Minute zählt. Der Regen würde das Heu durchnässen, sodass es von Neuem getrocknet werden müsste, und dadurch würde es enorm an Wert verlieren. Es ist jene Zeit, als das Heu noch nicht in weiße Plastik-Siloballen eingeschweißt wurde, sondern als Heuschober oder auf Heureitern auf den Wiesen trocknete.

Die Bauernfamilie lädt hastig den Heuwagen voll, aber der Bauer schickt seine Leute allein nach Hause. Er weiß, dass die Nachbarn noch nicht fertig sind, darum geht er zu ihnen, um zu helfen.

Kaum daheim angekommen, beten seine Kinder und seine Frau für ihn um Schutz. Denn was der Bauer tut, ist äußerst gefährlich. Die Gefahr ist groß, dass ein Blitz in die Heugabeln einschlägt.

Bei jedem lauten Kracher zuckt die Familie zusammen, denn die Nachbarn und somit auch der Vater halten sich in der Nähe von Stromleitungen auf. Es blitzt, kracht, blitzt, kracht und noch immer ist kein Tropfen Regen gefallen. Endlich kommt der Vater. Ihm ist nichts passiert. Die Kinder sind erleichtert – und werden diese Geschichte 50 Jahre später so erzählen, als wäre sie gestern passiert.

ES BRAUCHT EIN GANZES DORF, UM EIN KIND ZU ERZIEHEN, sagt ein schönes afrikanisches Sprichwort. Dabei geht es um weit mehr als nur um Kinderbetreuung. Es geht darum, dass das Kind nicht nur in seine Kernfamilie eingebunden ist, sondern dass es Teil eines großen Ganzen, nämlich der Gemeinschaft ist.

Umgewandelt auf unsere (früheren) Verhältnisse könnte man sagen: Es braucht ein ganzes Haus, um Kinder zu erziehen, Alte zu pflegen und sich mit allem zu versorgen, was man im Leben braucht. Hier ist die Rede von der alten Hausgemeinschaft, in der nicht nur Eltern und Kinder zusammen unter einem Dach lebten, sondern da waren auch die Großeltern, die Mägde und Knechte und eventuell noch unverheiratete Onkel und Tanten – alles in allem oft bis zu 15, 20 Personen.

All diese Menschen lebten in einem Haus mit nur einer Küche und mit lediglich einem Aufenthaltsraum, der Stube. Damit so ein Zusammenleben überhaupt funktionieren konnte, gab es eine klare Hierarchie und klare Regeln. Vom Bauern, der Bäuerin über den Moarknecht (dem ersten Knecht) bis hinunter zum Stallbua und zur Saudirn hatte jeder im Haus seine exakt festgelegte Aufgabe, und man wusste immer ganz genau, wer wem was „anschaffen“ durfte.

Diese Lebensordnung hatte sich über viele Jahrhunderte entwickelt. Von Generation zu Generation wurden die Verhaltensregeln weitergegeben, die notwendig waren, um als Großfamilie mit Dienstboten unter einem Dach leben zu können. Die Bäuerin wurden übrigens von allen als „Mutter“, der Bauer als „Vater“ angeredet. Das galt nicht nur für die Familienmitglieder, sondern für jeden, der auf den Hof kam. Das bedeutete sicher nicht, dass sich nun alle wie eine große Familie fühlten, sondern es war die korrekte Anrede für die Besitzer, unter deren Dach alle anderen lebten.

Wir fragen uns heute, wie das nur gutgehen konnte. Gerieten nicht ständig alle aneinander? Dazu eine Innviertlerin: „Das Wichtigste war, Rücksicht zu nehmen. Das Geheimnis, dass es am Bauernhof klappt ist, dass du nachgeben kannst und dass du auch einmal zurückstehst.“ Gleichzeitig pflegte man die Dinge sehr direkt, manchmal fast grob anzusprechen. Man sagte dem anderen die Meinung, trug die Sache kurz aus, und damit war sie erledigt. Mehrere Gesprächspartner versicherten mir, dass es „Beleidigtsein“ nicht gab und dass tagelanges „Nicht-miteinander-Reden“ nicht toleriert wurde. Im Normalfall war nach fünf Minuten alles wieder gut, sonst hätte eine Lebensform wie diese niemals funktioniert.

Miteinander auszukommen war allerdings eine Sache, die man lernen musste. Die Kleinen lernten es von den Großen, die Jungen von den Alten, wobei auch hier die Hierarchie klar war. Die Jüngeren respektierten die Alten und waren selbstverständlich „stad“ (ruhig), wenn der Bauer und die Bäuerin miteinander redeten. So zusammenzuleben war kein Paradies, aber es war auch nicht die Hölle – bis auf wenige Ausnahmen vielleicht. Glaubt man jenen, die es noch erlebt haben, dann war das Schönste daran, dass man nie allein und einsam war. Man war eingebettet in die Sicherheit der Hausgemeinschaft und hatte oft „eine Gaudi“. Das Wort „Spaß“ wäre hier falsch, es ging eher um eine Art Unterhaltung, die leicht und schnell zustande kam, wenn zwei oder mehrere beieinander waren. Es war eine Kultur des Humors, der klug und manchmal derb war und vielleicht am ehesten mit dem Wort „Schmäh“ zu beschreiben ist.

Die Hausgemeinschaft war ein kleiner Kosmos, in dem sich der ganze Kreislauf des Lebens von der Geburt bis zum Tod abspielte. Es war auch ein Ort, an dem Wissen ganz selbstverständlich weitergegeben wurde. Säuglingspflege, Kinderbetreuung, handwerkliche Fähigkeiten, Kochen, Gärtnern und alle Arbeiten in Haus und Hof wurden allmählich, einfach durch Zuschauen und Mithelfen erlernt. Auch das „G’hörtsi“, das gute Benehmen, worunter man früher vor allem Grüßen und Danken verstand, bekam man von zu Hause mit. Es war, wenn man so will, der Kitt, der die alten Gemeinschaften zusammengehalten hat.

HEINI STAUDINGER, DER UNKONVENTIONELLE WALDVIERTLER SCHUHPRODUZENT, erzählte bei einem Vortrag in Berlin zum Thema Gemeinschaft eine Geschichte. Es ging dabei um Wirtschaftsethik: Der Chef einer großen Steuerberatungskanzlei war sich anlässlich einer Tagung in Wien ausgiebig im Jammern über die Absolventen der Wirtschaftsuniversität ergangen, die als Mitarbeiter in seine Kanzlei kommen. Sie seien immer schlechter qualifiziert und er müsse sie noch extra ausbilden, bevor er sie zu Kunden schicken könne. Schließlich platzte einem Wirtschaftsprofessor der Kragen, und er schrie beinah: „Sagen Sie uns endlich, was können sie denn nicht, unsere Absolventen?“ Die Antwort des Steuerberaters: „Zum Beispiel grüßen!“

Pfiat di! Griaß di! So wurde früher jeder auf der Straße gegrüßt. Das Grüßen war einer der Pfeiler des „G’hörtsi“, des richtigen Benehmens. Sah man auf den Feldern Leute stehen, wurden sie schon von Weitem gegrüßt. Ging man an einem Haus vorbei, grüßte man selbstverständlich jeden, den man sah. Kinder wurden angehalten: „Dass ihr mir ja alle grüßt’s! Macht’s mir keine Schande!“

Diese Grußpflicht wird heute oft missverstanden und belächelt. Man grüßte nämlich nicht, um irgendwie vor den Leuten gut dazustehen. Der Grund liegt viel tiefer. Solche Formen wurden gewahrt, um die Gemeinschaft zu erhalten! Hätte man sich verfeindet oder es sich mit den anderen verscherzt, hätte man im Notfall nicht mehr mit Hilfe der Nachbarn rechnen können.

Heini Staudinger sagt, dass seine „University of Economics“ das kleine Kaufmannsgeschäft seiner Eltern gewesen ist. Denn dort hätte er schon mit zwei Jahren grüßen gelernt. Die kleinen Kramerläden waren übrigens auch Treffpunkte der Dorfgemeinschaft. Einkaufen und miteinander Reden waren eins – eine Sitte, die heute kaum noch gepflegt wird. Die Verkäuferin an der Supermarktkassa hat weder Zeit noch Lust auf ein längeres Gespräch.

Ein Zeichen des guten Benehmens war auch die stets unversperrte Tür in den alten Bauernhäusern. Sie war ein Willkommenszeichen an die Nachbarn. Jeder, der wollte, konnte eintreten, auch ohne vorher anzuklopfen. Oft war es ein Kind aus der Nachbarschaft, das einen Botengang verrichtete oder ein Nachbar, eine Nachbarin, die sich etwas ausborgte. Keiner verließ das Haus ohne ein kurzes Gespräch und jeder bekam etwas „aufgewartet“. Die Kinder einen Saft oder eine kleine Nascherei, die Männer ein Schnapserl und jeder, der wollte, eine Jause.

Wie fern ist uns ein solches Leben? Die Autorin Greta Taubert lebte ein Jahr lang so, als wäre die Wirtschaft schon zusammengebrochen. Sie baute Gemüse an, tauschte Kleidung und machte dabei eine völlig neue Erfahrung: „Ich musste anfangen, andere Leute um Hilfe zu bitten. Der Mangel brachte ein neues Gemeinschaftsgefühl.“ Ihr Experiment war ein Ausflug in eine andere, ihr bis dahin unbekannte Welt, in der Teilen, Tauschen und Schenken zählen. Taubert war angewiesen auf andere und sagt dennoch: „Ich habe mich noch nie in meinem Leben so reich gefühlt.“

DAS GLÜCK DER ZUFRIEDENHEIT

Ein erster Schritt zur Gelassenheit


ZUFRIEDENHEIT IST EINE ENTSCHEIDUNG. Das klingt einfach und ist es vielleicht auch. Man sagt „Danke, das genügt!“, und ist zufrieden. Man beschließt, dass das, was man hat und was man ist, gut genug ist. Man ist nicht unentwegt getrieben von der Idee, etwas Besseres, etwas Anderes oder eine größere Auswahl zu finden. Man hat sich entschieden, zufrieden zu sein und bleibt dabei. Die Wissenschaft nennt solche Menschen Satisficer. Das Wort setzt sich aus den englischen Wörtern satisfying (zufriedenstellend) und suffice (genügen) zusammen. Ein Satisficer begnügt sich mit der ersten besten Möglichkeit, die seinen Zielen entspricht. Er entscheidet sich: „Es genügt. Ich bin zufrieden. Ich brauche nicht mehr.“

Heinrich Böll schrieb eine wunderbare Kurzgeschichte zu diesem Thema. Er nannte sie „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“. In einem Hafen treffen ein Tourist und ein Fischer aufeinander. Der Fischer liegt entspannt in seinem Boot und döst. Der Tourist fotografiert diese idyllische Szene. Klick, klick und noch einmal klick. Der Fischer wacht auf und die beiden kommen ins Gespräch. Der Tourist fragt ihn, ob er nicht an diesem Tag noch ein zweites Mal auf Fischfang gehen wolle, da das Wetter doch günstig sei. Der Fischer schüttelt den Kopf. Nein, er werde nicht ausfahren. Er habe heute bereits so viel gefangen, dass er auch für den nächsten und übernächsten Tag genug habe.

„Aber“, sagt der Tourist, „stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen. Stellen Sie sich das mal vor.“ Wenn der Fischer das täglich tun würde, so der Fremde, könnte er sich in einem Jahr einen Motor für sein Boot, in zwei Jahren ein zweites Boot, irgendwann einen oder sogar zwei Kutter leisten. Dann könnte er sich ein kleines Kühlhaus bauen, eine Räucherei, später vielleicht eine Fabrik. Er könnte mit einem Hubschrauber die Fischschwärme suchen und per Funk den Kuttern Anweisung geben. Er könnte ein Fischrestaurant eröffnen und Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren. Und dann, ja, dann könnte er beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen und auf das herrliche Meer blicken. „Aber das tue ich doch schon jetzt“, sagt der Fischer, „ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich gestört.“

Der Fischer ist der Prototyp des Satificer, der selbst entscheidet, wann es genug ist und wann er zufrieden sein kann. Eigentlich ist jemand wie er eine Provokation in einer Welt, in der alles immer größer, schneller und besser sein muss.

Diese Erzählung von Heinrich Böll ist zwar sehr schön, aber dennoch erfunden. Wahr hingegen ist folgende Begebenheit: Der Besitzer eines kleinen Kaufmannsladens3, der alles führte, was das Dorf so brauchte, der aber gerade nur so viel abwarf, dass die Familie bescheiden davon leben konnte, fasste seine Lebensphilosophie in einem Satz zusammen: „Solange wir unser Auskommen haben, gibt es nichts zu jammern.“

Der Fischer und der Kaufmann, beide sind zufrieden, wenn auch auf unterschiedliche Art. Sie haben beide eine Art Stopp-Schild gegen die Unzufriedenheit aufgestellt, auf dem steht: „Ich habe alles, was ich brauche!“ Auch der Kaufmann hat eine Entscheidung getroffen.

Er und seine Familie haben die eigenen Ziele den Umständen angepasst. Sie waren bescheiden in ihren Lebensträumen und waren zufrieden, wenn sie genug verdienten, um einigermaßen gut leben zu können.

DAS WICHTIGSTE, WAS MAN ÜBER ZUFRIEDENHEIT WISSEN MUSS, ist, dass sie immer das Ergebnis eines Vergleichs ist. Dazu eine weitere Geschichte. Eine 1935 geborene Frau, Juliane, die Tochter eines Kleinbauern, meinte, dass ihre Familie nach heutigen Maßstäben eigentlich arm gewesen ist. Bis zum Alter von etwa 12 Jahren wäre ihr so ein Gedanke nie gekommen, weil ihr der Vergleich gefehlt hätte. In ihrer Kindheit hatte sie nie den Eindruck gehabt, dass sie zu kurz kommt, denn alle im Dorf hatten gleich viel oder gleich wenig – je nachdem, wie man es betrachtete.

Die Familie hatte sieben Kinder und besonders während des Krieges eine schwere Zeit. Der Vater war Soldat und die Mutter musste die ganze Last der Arbeit alleine tragen. Man hatte drei, vier Kühe, ein paar Hühner und zwei Schweine. Ein Schwein wurde jährlich verkauft, das andere musste den Fleisch- und Fettbedarf der Familie für ein Jahr decken. Geld war nur vorhanden, wenn das Schwein oder eines der Kälber verkauft wurde – das heißt, Geld war absolute Mangelware. Für die Kinder bedeutete dies: keine (gekauften) Spielsachen und neue Kleidung oder Schuhe nur für die ältesten Geschwister. Die Kleineren mussten „nachtragen“, was den Großen nicht mehr passte.

Juliane erinnert sich noch gut an den Moment, als ihr das erste Mal klar wurde, dass ihre Familie arm war, und dass ihr fehlte, was andere besaßen. Zu diesem Zeitpunkt ging sie bereits in die Hauptschule. An einem heißen Tag wollte sie in einem kleinen Stausee baden. Da der Weg dorthin steinig und voll Schotter war, zog sie ihr einziges Paar Schuhe an. Dies war im Sommer ungewöhnlich, denn die meisten Kinder gingen in der warmen Jahreszeit barfuß, um die kostbaren Schuhe zu schonen. Juliane aber hatte an diesem Tag keine Lust dazu. Sie ließ sich auch nicht von ihrer Mutter überreden, die sie wiederholt aufforderte, doch die Schuhe zu sparen und bloßfüßig zu gehen.

Und so geschah es dann – beim Baden wurden ihr die Schuhe gestohlen. Juliane traute sich nicht, ihren Eltern davon zu erzählen und ging am nächsten Tag barfuß in die Schule. Erst dort realisierte sie, dass sie die einzige Schülerin ohne Schuhe war. In der Volksschule waren fast alle Kinder bloßfüßig gewesen, aber jetzt war sie die einzige an der ganzen Schule. Die Hauptschule besuchten damals fast nur die Kinder der besser gestellten Eltern und alle besaßen selbstverständlich mehrere Paar Schuhe. Juliane schämte sich für ihre Armut. Sie wurde zwar nicht von den Mitschülern gehänselt, aber es war ihr äußerst peinlich.

Ein paar Tage ging das so, bis die Eltern bemerkten, was los war. Sie mussten wohl oder übel ihrem Kind neue Schuhe kaufen – eine unvorhergesehene, große Geldausgabe. Bis zu diesem Zeitpunkt war es Juliane völlig egal gewesen, dass sie nur ein einziges Paar Schuhe besaß. Ihrer Ansicht nach war das absolut ausreichend. Doch nun wurden ihr die Augen geöffnet, indem sie sich mit anderen vergleichen konnte, die mehr besaßen als sie.

Von Søren Kierkegaard stammt der Ausspruch „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“. Genau das macht uns heute Stress. Der Nachbar hat ein größeres Auto, die Kollegin ein höheres Einkommen und die Freundin bucht den teureren Urlaub. Das wollen wir auch. Der zuvor erwähnte Dorfkaufmann aber sagte sinngemäß: „Wenn du genug hast, dann sei zufrieden.“ Das klingt nach Bescheidenheit und das kommt heute gar nicht gut an. Sich-Bescheiden, das klingt nach Sich-zufrieden-Geben, wo man doch noch immer mehr haben könnte.

Die Kaufmannsfamilie, von der oben die Rede ist, war zufrieden, weil die Kluft zwischen ihrer realen Situation und dem, was sie sich erträumten und wünschten nicht besonders groß war. Sie haben „Frieden“ mit ihren Sehnsüchten geschlossen und so ihre Seelenruhe gefunden. Nicht umsonst steckt das Wort „Friede“ im Begriff Zufriedenheit.

ICH KENNE ZAHLREICHE EXPERTEN FÜR ZUFRIEDENHEIT. Sie sind weder Psychologen noch Soziologen noch haben sie studiert. Es sind weise und lebenserfahrene Menschen, die alle von einer Zeit berichten können, in der scheinbar „andere Gesetze“ herrschten. Es handelt sich dabei um die Zeit – bei uns am Land – bis etwa in die 1960er-Jahre.

Immer wieder fragte ich meine Gesprächspartner, was denn „die gute alte Zeit“ wirklich ausgemacht hat, was sie heute vermissen würden. Und immer wieder tauchten vor allem zwei Begriffe als Antwort auf: Zufriedenheit und Gemeinschaft. Stellvertretend für viele steht die Aussage einer älteren Bäuerin: „Obwohl man kein Geld gehabt hat, hat man trotzdem alles gehabt, was man gebraucht hat.“

Kein Geld – das ist fast wörtlich zu nehmen. Die Menschen waren Selbstversorger und lebten äußerst sparsam. Das galt für alle, für Arme und für Reiche. Reich war, wer Landbesitz, ein großes Bauerngut und viel Vieh hatte. Das bedeutete aber noch lange nicht, dass viel Bargeld vorhanden war und noch weniger, dass man es ausgab.

Der große Gleichmacher am Land war früher der Mangel an Bargeld. Alle besaßen gleich wenig davon. Lediglich der Bauer selbst, der Besitzer, konnte größere Ausgaben tätigen, alle anderen lebten (fast) ohne Geld.

Eine Innviertler Bauerntochter erzählte, dass sie in ihrer Jugend über weniger Geld verfügte als eine Magd, die zumindest ein kleines, aber regelmäßiges Einkommen erhielt. Wenn sie hingegen Geld benötigte, musste sie ihre Mutter um ein paar Groschen bitten. Jede Bäuerin hatte einen kleinen Zuverdienst durch den Verkauf von Hühnereiern. Das war übrigens das einzige Bargeld, über das die Bäuerinnen frei verfügen konnten. Die Mutter zweigte vom „Hühnergeld“ ein wenig ab und gab es der Tochter, die damit vielleicht beim Kaufmann ein Stück Stoff oder eine Kleinigkeit am Kirtag kaufte.

Wo wenig Geld vorhanden war, wurde wenig Geld ausgegeben. Ein sparsamer Lebensstil war nicht nur Pflicht, sondern die einzige Möglichkeit, sein Auskommen zu finden. Es ist paradox, dass gerade diese Zeit von meinen Gesprächspartnern als die zufriedenste bezeichnet wird.

Sparsamkeit – nicht zu verwechseln mit Geiz und Knausrigkeit – macht tatsächlich zufrieden. Die US-Psychologin Miriam Tatzel sorgte international für Schlagzeilen, als sie behauptete: „Sparsame Menschen sind sehr glücklich!“ Sie wollte herausfinden, welcher Typ von Konsument am zufriedensten ist. Der Schnäppchenjäger? Der, der sich alles leisten kann? Der Konsumverweigerer? Das Ergebnis war überraschend. Am zufriedensten sind zwei Konsumententypen: Die Sparsamen und die Genießer. Der Genießer gibt sein Geld für Erlebnisse, etwa für Reisen oder für Konzerte aus. Der Sparsame ist nicht einer, der nach Sonderangeboten jagt, sondern jemand, der Nein zu Kaufverlockungen sagen kann und der weiß, wann es genug ist. Eher unzufrieden und nicht sehr glücklich sind hingegen Menschen, die nach Statussymbolen, nach teuren Autos, Villen, Kleidung, Schmuck streben. Diese Menschen haben oft Schulden und sind eher impulsive Käufer.

Dass Geld nicht auf Dauer glücklich macht, merken wir, wenn wir eine Gehaltserhöhung bekommen. Geld spielt durchaus eine große Rolle, wenn wir arm sind. Aber ab einem ausreichenden Einkommen steigt unsere Zufriedenheit nicht weiter an, wenn wir mehr Geld verdienen. Eine Gehaltserhöhung macht nur kurzfristig glücklich, und zwar genau so lange, bis wir uns an den scheinbar besseren und auf jeden Fall teureren Lebensstil gewöhnt haben. Vor nicht allzu langer Zeit waren wir noch zufrieden, wenn wir ein oder zwei Fernsehkanäle in Schwarz-Weiß empfangen konnten. Heute erwarten wir, Dutzende von Sendern empfangen zu können, selbstverständlich farbig und in HD.

DIE QUAL DER WAHL. Die Last, eine Entscheidung angesichts einer unüberschaubaren Auswahl treffen zu müssen, kennt heute wohl jeder. Es beginnt bei der Berufsausbildung. Eine Lehre? Wenn ja, welche? Oder lieber doch eine weiterführende Schule, eine berufsbildende Schule oder gar eine Lehre mit Matura? Alles geht. Soll man danach gleich arbeiten oder lieber eine Hochschule, Universität oder Fachhochschule besuchen? Ein Auslandssemester – ja oder nein? Wehe, man trifft die falsche Entscheidung!

Und erst die Frage nach dem richtigen Lebenspartner. Auch hier scheint alles möglich. Soll man im Bekanntenkreis suchen oder doch lieber im Internet? Und hat man jemanden gefunden – ist er oder sie wirklich der oder die Richtige? Wartet nicht irgendwo da draußen vielleicht noch ein „perfekterer“ Partner?

Eine große Drogeriekette warb mit dem Slogan „Mehr Auswahl als es Wünsche gibt“. Ist es nicht genau das, was sich Konsumenten wünschen? Man stelle sich vor, eine Kundin will ein Parfum kaufen.

Nun hat sie in diesem Geschäft im wahrsten Sinne des Wortes die Qual der Wahl. Sie kann unter vielleicht hundert Düften wählen. Sie will den einen, den für sie richtigen Duft auswählen und riecht einmal an dem einen Flakon, einmal an dem anderen. Sie prüft lange, bringt einige Parfums in die engere Auswahl und entscheidet sich schließlich nach langem Hin und Her für eines. Aber nein, sollte sie nicht doch ein anderes nehmen … Vielleicht ein billigeres, ein teureres, ein blumigeres oder doch lieber eines mit einer Zitrusnote?

Hätte die Kundin nur vier oder fünf Parfums zur Auswahl gehabt, dann wäre sie am Ende mit ihrer Wahl wahrscheinlich zufrieden gewesen. So aber bleibt der Zweifel: Wäre nicht doch ein anderer Duft besser gewesen?

Wir stecken in einem Dilemma: Je mehr Auswahlmöglichkeiten wir haben, desto unzufriedener und unschlüssiger werden wir. Barry Schwartz beschreibt das sehr treffend in seinem Buch „Anleitung zur Unzufriedenheit“: Je mehr Möglichkeiten es gibt, desto mehr Hätte-ich-Dochs lassen sich finden. Und so wird die Zufriedenheit mit der getroffenen Wahl ständig ein bisschen kleiner. Jeder kennt das Phänomen an der Supermarktkassa. Wo auch immer man sich anstellt, die andere Schlange ist die schnellere, und man denkt sich: „Hätte ich doch …!“

Wir können uns vor lauter Möglichkeiten schwer oder gar nicht entscheiden, welchen Weg wir einschlagen sollen. Eine ganze Generation ist unentschlossen und hin- und hergerissen: „Vielleicht ja, vielleicht nein.“ Der Autor des Buches „Generation Maybe“ drückt es so aus: „Ich bin ein Maybe. Ich wäre zwar gern keiner, aber es ist nun mal so. Ich tue mir schwer, Entscheidungen zu treffen. Mich festzulegen. Mich einer Sache intensiv zu widmen. Ich sehe all die Optionen vor mir, die Verlockungen einer ultramodernen Welt, in der alles möglich ist. Egal, was wir wollen, was ich will, es ist meist nur einen Mausklick entfernt.“ So viele Angebote! Und mit jedem Angebot geht die Gefahr einher, sich falsch zu entscheiden und zu scheitern.

DIE GUTE ALTE DORFGREISSLEREI IST EIN GUTES BEISPIEL für Überschaubarkeit. Unendlich viele Wahlmöglichkeiten gab es hier nicht. Wer zum Kaufmann ging, hatte seine Kaufentscheidung schon vorher getroffen, denn erstens hatte man kaum Geld und zweitens gab es dort keine große Auswahl.

Ich traue mich wetten, dass die Kunden der alten Dorfkaufleute zufriedener mit ihren Einkäufen waren als Kunden eines heutigen Supermarktes mit gigantischer Produktauswahl. Dass eine kleinere Auswahl zufriedener macht, lässt sich sogar wissenschaftlich beweisen. In einem Delikatessengeschäft wurden den Kunden zwei Probiertische mit Marmeladen angeboten, einer war mit sechs, der andere mit vierundzwanzig Sorten bestückt. Tatsächlich blieben deutlich mehr Kunden beim Tisch mit der größeren Auswahl stehen. Allerdings konnten sich nur wenige von ihnen zum Kauf entscheiden. Sie grübelten, zweifelten und wirkten verunsichert. Ganz anders dagegen die Kunden, denen die kleine Auswahl vorgesetzt wurde. Sie schienen genau zu wissen, was sie wollen und kauften ein.

Je kleiner die Auswahl, desto sicherer können wir Entscheidungen treffen. Das gilt nicht nur für Marmelade, sondern auch für alle anderen Entscheidungen im Leben. Es muss kein Nachteil sein, nur zwischen wenigen Berufen wählen zu können oder gar einen von den Eltern vorherbestimmten Beruf ausüben zu müssen. Eine Bauerstochter wusste, sie kann entweder als Magd am Hof bleiben, den der Bruder übernimmt, oder einen anderen Bauern heiraten. Der Sohn eines Schmiedes wurde selbst Schmied. Die Tochter eines Gastwirtes übernahm den Betrieb. Diese Menschen wussten schon als Kind, was auf sie zukommt. Die Arbeitswelt der Eltern war ihnen nicht fremd, wie es heute oft der Fall ist. Die allermeisten dieser Menschen waren sehr zufrieden mit dem ihnen zugefallenen Beruf – ausgesucht haben sie ihn ja nicht.

Wir entscheiden heute über Dinge, die früher nicht zur Diskussion standen, etwa ob man Kinder bekommt oder nicht. Das überfordert uns oft und ist anstrengend. Zusätzlich müssen wir noch jeden Tag Tausende kleine Blitzentscheidungen treffen. Welchen Sender stelle ich im Radio ein? Beantworte ich ein E-Mail sofort oder später? Welche der unzähligen Kekssorten kaufe ich?

Früher waren viele Dinge vorhersehbar. Jeder Tag hatte seinen eigenen gleichbleibenden Rhythmus, jede Arbeitswoche endete in der Sonntagsruhe und jedes Jahr hatte seine immer gleichen Ruhezeiten, Festzeiten und Arbeitszeiten. Diese Regelmäßigkeit schuf Sicherheit. Auf Arbeit folgten Ruhephasen, auf den Alltag ein Fest, auf den arbeitsreichen Sommer der Herbst und der ruhige Winter.

Diese Überschaubarkeit machte zufrieden. Es gab einen roten Faden, der sich durch das Leben zog. In den meisten Fällen, hat man so gelebt, wie schon der Vater und die Mutter gelebt haben. Lebenswege waren vorgezeichnet und festgelegt. Berufsentscheidungen, ja sogar die Partnerwahl waren vorhersehbar. Die Arbeit war zeitweise hart, das Leben auch damals schon ungerecht – aber die Lebenslinien waren klarer als heute. Heute hat man das Gefühl, dass man theoretisch alles erreichen könnte, was man will. Alles scheint machbar, wenn man nur die richtigen Entscheidungen trifft und sich genügend anstrengt.

Die Alten waren gelassen, weil sie zufrieden waren. Diese Gelassenheit war eine Art Urvertrauen: „Es wird schon werden!“ Eine innere Sicherheit, die langsam reifen durfte, weil das Leben so überschaubar war. Man war zufrieden, weil man sich in seinem Leben auskannte.

DAS FACH „GLÜCK“ WIRD HEUTE SOGAR IN DER SCHULE UNTERRICHTET. Interessanterweise lässt sich aber keine einzige Schule finden, die das Fach „Zufriedenheit“ auf ihrem Stundenplan hat. Alle wollen glücklich sein, aber keiner sucht nach Zufriedenheit?

Von Glück war in meinen Gesprächen eher selten die Rede. Manchmal erzählten Menschen von einer glücklichen Kindheit – interessanterweise mehr Frauen als Männer. Die eine oder andere Sennerin bezeichnete die Zeit auf der Alm als „glücklich“. Sonst kam das Wort Glück praktisch nie vor. In über 100 Stunden Gesprächszeit mit Dutzenden Personen in fast ganz Österreich wurde Glück als Gemütszustand nur ein paar Mal erwähnt, dafür war unzählige Male von Zufriedenheit die Rede.

Was können wir von den Alten lernen? Ein zufriedenes Leben macht mehr aus, als sich den Stress einer übergroßen Auswahl zu ersparen. Mehr als die Entscheidung zu treffen, mit dem, was man hat, zufrieden zu sein und sich keine unerreichbaren Ziele zu stecken. Es ist das Gesamtpaket der alten Lebensweise, auf die wir schauen sollten: auf den Lebensrhythmus, auf die Gemeinschaftspflege, auf die Rituale und Gewohnheiten, auf die Art und Weise, mit Tempo und Zeit umzugehen. Auch die Kleinigkeiten, die letztlich große Bedeutung haben, sollten wir nicht außer Acht lassen: Humor, Dankbarkeit, Vorfreude, Warten Können, Singen und Musik. Und nicht zuletzt, das Wissen und die Weisheit der Alten zu achten und zu respektieren. All das macht zufrieden, ja, vielleicht sogar glücklich.

DER UMGANG MIT DER ZEIT

Eines nach dem anderen statt alles auf einmal


EIN BAUERNSOHN ERZÄHLTE folgende Geschichte: Der Schmied seines Dorfes trat jeden Tag um Punkt 12, wenn die Glocken läuteten, vor seine Werkstatt, nahm seine Kappe ab und betete ein „Gegrüßet seist du Maria“. Kam nun eines der Dorfkinder gerade dazu, musste es sich auch dazustellen und mitbeten. An ein Vorbeikommen war nicht zu denken. Das „Zwölfebeten“ war der Brauch und wurde eingehalten.

Diese kleine Geschichte zeigt, wie das Läuten der Glocken den Tag der Menschen prägte und einteilte. Ein französisches Sprichwort sagt: „Eine Stadt ohne Glocken ist wie ein Blinder ohne Stock.“ Das Morgenläuten, Mittagsläuten und Abendläuten zeigte nicht nur die Stunde an und rief zum Arbeitsbeginn, zum Mittagessen und zum Feierabend, es rief auch zu einem kurzen Innehalten und Gebet auf. In Bayern zeigten die Glocken sogar an, bis zu welchem Zeitpunkt man Weißwürste essen durfte. Man sagte: „Die Weißwürscht dürfen das Elfeläuten nicht hören!“ Gemeint ist damit, dass die leicht verderblichen Weißwürste in Zeiten ohne Kühlschrank zur Vormittagsjause gegessen werden mussten.

Die Uhren der Glockentürme zeigten wohl die Zeit an, wenngleich sie lange, bis ins 19. Jahrhundert, nur einen einzigen Zeiger hatten, nämlich den Stundenzeiger. Der Minutenzeiger wurde nicht gebraucht. Es kam nicht auf die Minute an!

Pünktlichkeit bezog sich auf Zeiträume, nicht auf einen Zeitpunkt. Ein schönes Beispiel dafür sind die sogenannten Besuchstage. Es gab einige traditionell festgelegte Tage im Jahr, an denen Verwandte und die Taufpatin besucht werden konnten. Das war zu den Weihnachtsfeiertagen meist der 26. Dezember für die Verwandten und zu Allerheiligen und Ostern für die Patin. Im Winter wurden die Rosse eingespannt und man fuhr mit dem Schlitten, in den anderen Fällen ging man aber zu Fuß – und das stundenlang. Man kam an, wenn man da war – das war von Jahr zu Jahr unterschiedlich – meist irgendwann im Laufe des Vormittags.

Robert Levine beschreibt in seinem Buch „Eine Landkarte der Zeit“ wie unterschiedlich in den verschiedenen Ländern der Erde Zeit wahrgenommen wird. Er fand heraus, dass das Lebenstempo in der Schweiz am höchsten und in Mexiko am niedrigsten ist. Er unterscheidet Uhr-Zeit und Ereignis-Zeit, wobei er die westlichen Kulturen der Ersteren zurechnet. Der Zeitforscher Karlheinz Geißler warnt vor einer Zerstörung der fremden Zeitkulturen, in der weniger die Uhrzeit als Rhythmen und Zyklen eine Rolle spielen.

Auch die alte Zeitkultur, von der hier die Rede ist, und die sich nicht in Minuten und schon gar nicht in Sekunden messen ließ, ist stark bedroht oder bereits zerstört. Diese Zeit war nicht geprägt durch die Uhrzeit, die den Tag taktet, in Stücke zerlegt und in kleine Scheibchen gliedert, sondern sie war aufgabenbezogene Ereignis-Zeit. Jeder Tag, jede Woche, jede Jahreszeit hat bestimmte Aufgaben und einen unverwechselbaren Rhythmus.

WENN ES LICHT WURDE, begann der Arbeitstag. Er dauerte im Sommer länger und war im Winter kürzer. Der natürliche „Lichttag“ war auch lange Zeit die Definition für den „Tag“ überhaupt. Die Römer sahen den Sonnenaufgang als Tagesbeginn. Wenn wir in der Osterliturgie hören, dass Jesus um die neunte Stunde gestorben ist, dann heißt das, von 6 Uhr morgens gezählt, um 3 Uhr Nachmittag.

Zeitgeber war nicht die Uhr, sondern die Sonne als Naturzeitmaß. Ein Tag begann mit dem Aufgang der Sonne und endete mit ihrem Untergang.

Selbstverständlich kannten unsere Alten die Uhrzeit-Stunde, aber sie spielte kaum eine Rolle. Nicht einmal die Arbeitszeit wurde danach bemessen. Ein arbeitsreicher Tag war einer, der von „der Finstern zur Finstern“ dauerte, also im Morgengrauen begann und in der Dunkelheit endete. Ein Taglöhner wurde nicht nach Stunden entlohnt, sondern arbeitete einen „ganzen Tag“, einen „Halbtag“ oder einen „Vierteltag“.

Ein Tischlermeister in Waizenkirchen in Oberösterreich bezeichnete in einem Gespräch das Viertel eines Tages noch als „Isetz“. So nannte man in dieser Gegend die Zeit vom Morgen bis zur Vormittagsjause, von da bis Mittag, von Mittag bis zur Nachmittagsjause oder von dieser bis zum Abend. Man brauchte diese Festlegungen vor allem bei Gemeinschaftsarbeiten wie dem Dreschen. Jeder Bauer half beim anderen jeweils so viele Tage, Halbtage und Vierteltage mit, wie es seinem eigenen Grundbesitz entsprach. Das abstrakte Zeitgitter der Stundeneinteilung war nicht nötig. Das heißt, es kam in dieser Kultur nicht auf die Stunde und auch nicht auf die Minute an.

Interessanterweise entspricht diese alte Tageseinteilung ziemlich genau den täglichen Gebetszeiten nach den Ordensregeln des heiligen Benedikt: Sonnenaufgang, Mitte des Vormittags, Mittag, Mitte des Nachmittags, später Nachmittag und Sonnenuntergang (sowie Mitternacht).

Auch die Namen vieler Berggipfel erinnern uns an die Sonne als Zeitgeber: Zwölferkogel, Mittagsspitz, Neunerkogel, Elfer, Zehner, Einser. Der Gipfel diente als eine Art Sonnenuhr. Man wusste, steht die Sonne senkrecht über dem Mittagskogel, ist es 12 Uhr Mittag. In Sexten in Südtirol kann man gleich eine komplette Bergsonnenuhr betrachten. Vom Standpunkt Bad Moss aus gesehen, wandert die Sonne vom Neuner zum Zehner und Elfer, dann zur Mittagsspitze und von dort weiter zum Einser. Der Name Sexten kommt vermutlich aus dem lateinischen sexta hora, sechste Stunde, für 12 Uhr Mittag.

WANN IST ES ZEIT? Der Kochofen ist ein markanter Berg in den Schladminger Tauern. Die Bauern des Sölktales beobachteten ihn im späten Frühjahr besonders genau, denn er zeigte den richtigen Zeitpunkt für die Almfahrt an. Jeder im Tal kannte den dazupassenden Spruch: „Ist der Kochofen wie eine gscheckate Kalm (gescheckte Kalbin), oft fahren Broatlahner auf die Alm. Ist der Kochofen wie ein grüner Hut, ist es auf allen Almen gut.“ Das heißt: Wenn am Kochofen noch Schneereste zu sehen sind, kann man nur auf die Breitlahnalm auffahren. Erst wenn die Weide schön grün ist, können alle Almen befahren werden.

Der richtige Zeitpunkt war eine Sache der Erfahrung und der guten Beobachtung. Wann soll gesät und wann angepflanzt werden? Wann soll das Holz geschlagen werden? Eine Person, meistens der Bauer, traf nach reiflicher Überlegung diese Entscheidung: Jetzt ist es Zeit!

Viele alten Rauchküchen hatten ein erstaunliches Detail: der Kamin über dem offenen Feuer, durch den der Rauch abzog, war oft aus Holz. In einem Kärntner Bauernhaus existierte ein derartiger Holzkamin mehr als 300 Jahre lang ohne je Feuer gefangen zu haben oder morsch geworden zu sein. Man sagt, das Holz für diesen Kamin wurde zum richtigen Zeitpunkt geschlagen.

Das Prinzip des rechten Zeitpunkts ist nach und nach durch den optimalen Zeitpunkt abgelöst worden. Der feine Unterschied liegt darin, dass der optimale Zeitpunkt aktiv mitgestaltet wird, während der rechte Zeitpunkt durch die Natur und durch überlieferte Erfahrungswerte mehr oder weniger vorgegeben ist. Nehmen wir das Holz. Der rechte Zeitpunkt, um Bauholz zu schlagen, ist in der Zeit der Saftruhe im Winter bei abnehmendem Mond. Der optimale Zeitpunkt (für ein Unternehmen) hingegen ist dann, wenn genügend Holzarbeiter verfügbar sind, die Umstände passen und das geschlägerte Holz bald verkauft werden kann. Das kann heutzutage durchaus im Sommer sein, dann wird das Holz eben vakuumgetrocknet.

„Michaeli ist der Erdäpfel fertig und zu Allerseelen das Kraut.“ Das ist altes Erfahrungswissen einer oberösterreichischen Bauernfamilie. Um den 29. September war der richtige Zeitpunkt, um die Kartoffeln zu ernten. Allerseelen war von altersher der Stichtag, um das Kraut einzubringen und im Dezember, um den Nikolotag herum, wurde es gehobelt. „Bartlmei schlagt’s Groamat auf’s Hei“ bedeutet, dass zu Bartholomäus, am 24. August, der zweite Heuschnitt, das Grummet, erfolgen sollte.

Man beachte, dass diese Stichtage nicht als Kalendertage festgelegt sind. Auch das ist eine Eigenart der alten Zeitkultur, niemals einen Tag als Datum festzulegen, sondern ihn immer mit dem entsprechenden Heiligennamen zu nennen. Damit wird das Jahr nicht durchgezählt, vom 1. Januar bis zum 31. Dezember, sondern es wird rhythmisch gegliedert über Josefi, Georgi, Laurenzi, die Jakobstage, den Andreastag, den Leonhardstag bis Martini, Leopoldi und Kathrein. Die Letzte übrigens, auch ein Stichtag, „stellte den Tanz ein“. Ab dem Kathreinstag, dem 25. November, bis zum Faschingsbeginn, dem Dreikönigstag am 7. Januar, herrschte Tanzverbot. Schlimm? Nicht unbedingt. Ganz offiziell durften jetzt ruhige, besinnliche Wochen des Innehaltens beginnen. Der Kathreinstag sagte es an: „Jetzt ist es Zeit.“

EINE GESCHICHTE ÜBERS ZEITSPAREN. Die Mäher wussten, dass sich taunasses Gras mit der Sense leichter schneiden lässt. Deshalb begannen sie in der Nacht um 2 oder 3 Uhr zu mähen und hörten erst auf, wenn die Sonne den letzten Tau getrocknet hatte, also gegen neun. Ein guter „Mahder“ war ein hochangesehener Mann. Er mähte nicht mit Kraft, sondern mit Geschicklichkeit. Deshalb konnte ein guter Sensenmäher bis zu fünf Stunden ohne Pause durcharbeiten.

Die Mäher standen in einer festgesetzten Formation. Der erste, der zweite, der dritte, der vierte Mäher, hintereinander in abgesetzter Reihe. Sie mähten in gleichmäßigem Rhythmus und bewegten sich dabei langsam vorwärts. Stehen blieb man nur, um die Sense am Wetzstein, den jeder in einem Horn an seinem Gürtel mitführte, zu wetzen. Die Klinge selbst hatte jeder bereits am Vorabend gedengelt, also geschärft. Das typische Geräusch, wenn der Hammer dabei auf die Sensenklinge traf, war an den warmen Sommerabenden in allen Dörfern zu hören.

Alte, erfahrene Mäher führten die Reihe an, die Schwächeren und Jüngeren folgten. Es war eine Schande und dem Betroffenen äußerst peinlich, wenn er eingeholt wurde. Jetzt hektisch zu werden half auch nicht, denn beim Mähen konnte man Tempo nicht erzwingen. Es war die Frucht langer Übung.

Nach dem Mähen verstreuten die Frauen das Futter, wie das gemähte Gras gemäß seiner Endbestimmung genannt wurde, mit der Heugabel gleichmäßig über die ganze Wiese, damit es trocknete. Dann, nach einer Weile, meist am Nachmittag, wurde das Heu „umgekehrt“, das heißt gewendet. Gegen Abend wurde es zu kleinen Heuhaufen zusammengerecht. Am nächsten Tag das Gleiche wieder, verstreuen und wenden. Nun endlich war das Heu ganz leicht und dürr geworden, es raschelte und duftete und wurde mit dem Pferdegespann heimgeführt und auf dem Heuboden gelagert.

Heute wird die gleiche Arbeit von einer einzigen Person in nur drei Tagen erledigt. Früher, als noch mit der Hand gemäht wurde, brauchten mehrere Leute für die gleiche Fläche drei bis vier Wochen.

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22 декабря 2023
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202 стр. 21 иллюстрация
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9783990403761
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