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Inga Kozuruba

Geschichten der Nebelwelt

Das Schicksal von Starogrâd

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Danksagung

Vorwort

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Glossar

Impressum neobooks

Danksagung

Vielen Dank an alle, die mich beim Verfassen dieser und anderer meiner Geschichten unterstützt haben! Danke an meine Mutter fürs Babysitten, danke an meinen Mann Harald und meine Freunde, insbesondere Konstantin Hristov, fürs Lesen und für ihren Input!

Vorwort

Wer nach Ordnung strebt, wird am Chaos der Welt verzweifeln, doch in einer großen Gemeinschaft Halt und Einigkeit finden.

Wer die Wellen des Chaos zu reiten vermag, findet Glück und bringt Balance in die Welt, wird jedoch nur bei wenigen Nähe und Geborgenheit erfahren.

Wer die Verderbnis der Welt meistern kann, der ist wahrhaftig erleuchtet und verflucht gleichermaßen.

Altes Sprichwort der Elweni.

Kapitel 7

Richter Karl erwachte im Morgengrauen, ein seltsamer Traum hatte ihn aufgeweckt. Normalerweise passierte ihm das nur äußerst selten, und er konnte sich so gut wie nie an seine Träume erinnern. Doch bei einem Traum wie diesem war an Weiterschlafen nicht zu denken. Es war eigentlich nicht einmal ein richtiger Traum gewesen, mehr ein Fetzen.

Was auch immer er vorher im Schlaf vor sich hatte, plötzlich befand er sich mitten auf der Straße der Stadt, wurde vom Regen begossen und spürte ein über alle Maßen beunruhigendes Gefühl. Er war auf dem Weg zu seiner Arbeitsstätte, so viel war sicher. Es würde wieder einer dieser Tage werden, die nicht aufhören wollten, wenn er denn pünktlich ankam - denn auf einmal war ihm aufgefallen, dass der Tag sehr viel weiter fortgeschritten war, als er zuvor glaubte. Die Kirchenuhr schlug zur vierten Stunde des Nachmittags. Der Richter wurde nervös. Auch wenn er sich vor kaum jemandem in Bezug auf seine Arbeitszeiten zu verantworten hatte - so hatte er doch zu bestimmten Zeiten anwesend zu sein für all die Leute, die ihn mit ihren Anliegen aufsuchten. Doch selbst wenn dieser Tag ein ganz gewöhnlicher werden würde, sein Pflichtbewusstsein fühlte sich massiv verletzt und er spürte die Schuld, seinem Anspruch an sich selbst nicht zu genügen. Nur bei einer schweren Erkrankung erlaubte er sich, seine Pflichten zu vernachlässigen - und nun das, er hatte ohne einen ersichtlichen Grund fast einen ganzen Tag verpasst.

Zumindest in den letzten Stunden vor der Nachtruhe wollte er so viel der verpassten Arbeit nachholen, wie es ihm möglich war. Also eilte er zum Rathaus. Auf dem Weg waren etliche Menschen. Einige Gesichter kamen ihm bekannt vor. Sie sahen ihn fragend an, sagten aber nichts. Er glaubte, tadelnde Blicke zu erkennen, und gab ihnen durchaus Recht. Doch dann lief er einem Mann über den Weg, dessen Gesicht ihm zwar vage bekannt war, aber nicht von seinem üblichen Weg zur Arbeit oder zurück zu seinem Haus. Er wusste nicht, woher er das Gesicht des Mannes kannte, aber er musste es schon oft in der Stadt gesehen haben. Mit ihm stimmte etwas nicht. So wie der Richter schien auch er nicht auf seinem Posten zu sein. Doch im Gegensatz zum Richter war er bester Laune, auch wenn der Regen ihn durchnässte. Mit einem verschwörerischen Grinsen zwinkerte der Mann ihm zu, und begann, eine fröhliche Melodie zu pfeifen. Der Richter wunderte sich sehr über dieses Verhalten. Er wollte den Mann noch fragen, was denn der Grund für sein ausgelassenes Verhalten war. Doch dieser war schon an ihm vorbei und das Pfeifen zerfaserte in ein Sammelsurium dissonanter Töne, als der Traum plötzlich zusammenbrach. Der Mann trug anstelle seines Hinterkopfes ein zweites, identisches Gesicht. Allerdings war dieses voller Bosheit und trug ein verabscheuungswürdiges Grinsen zur Schau. Das letzte, das der Richter in seinem Traum sah, war das leuchtende Aufblitzen des heiligen Sterns auf der Spitze des Kirchturms, der plötzlich nach unten kippte und schwarz wurde wie verbrannte Haut.

Die letzten Bilder des Traums waren von einem derart verstörenden Gefühl begleitet, dass der Richter unvermittelt im Bett hochfuhr. Er erschrak noch mehr, weil ihm auffiel, dass er die Melodie aus seinem Traum selbst gesummt hatte, und dass sie ihm auf einmal überhaupt nicht mehr fröhlich vorkam, sondern unheilvoll und bedrohlich. Er fasste sich an die Stirn und spürte eine dünne Schicht von kaltem Schweiß.

Etwas stimmte nicht, wollte sein Gefühl ihm wohl sagen. Doch er konnte einfach nicht festmachen, was der Grund dafür war. Möglicherweise war die Besprechung mit dem Dämonenjäger über die Verderbnis im Kloster der Grund für diesen eigenartigen Alptraum. Doch warum hatte er dann nicht von Dämonen geträumt?

Der verbrannte, kopfüber stehende Stern war ein Hinweis, den er nicht ignorieren konnte. Er selbst war zwar nicht dafür zuständig, gefallene Dämonenjäger so zu brandmarken, bevor man sie verstieß und für vogelfrei erklärte - wenn man sie nicht gleich für den Verrat hinrichtete. So beliebten es zumindest manche übereifrigen Paladine, da in diesen Belangen das Recht des Klerus zuständig war. Aber er wusste ganz genau, was so ein böser Stern als Omen zu bedeuten hatte - dass nämlich der Dämonenjäger scheitern und sich mit hoher Wahrscheinlichkeit bald gegen sie stellen würde.

Der Richter spielte mit dem Gedanken, einen eiligen Boten auszusenden im Versuch, den Dämonenjäger einzuholen und zur Rückkehr zu bewegen. Doch er verwarf den Gedanken wieder. Noch nie in seinem Leben hatte er eine Vorahnung gefühlt, die von einer übersinnlichen Natur war. Er hatte zwar ein Gespür für Menschen, insbesondere für die verbrecherischen unter ihnen, und konnte im Verlauf einer Verhandlung oft instinktiv unterscheiden, wer ihn belog und wer nicht - aber übernatürliche Dinge lagen definitiv ganz und gar außerhalb seiner Erfahrung.

Nein, es war eigentlich nur das Gesicht des pfeifenden Mannes aus seinem Traum, das ihm nicht mehr aus dem Sinn gehen wollte. Er war sich sicher, er hatte ihn schon dutzende Male in der Stadt gesehen. Er war keiner der Pilger und kein sonstiger Reisender gewesen. Er konnte nur beim besten Willen nicht sagen, zu welchem Teil der Stadt er ihn einordnen würde. Vielleicht sollte er sich nach getanem Tagwerk einen Spaziergang gönnen, wenn das Wetter sich ein wenig bessern würde.

Als er zu seinem gewohnten Frühstück hinabstieg - etwas frisches Brot mit Käse und einem gekochten Ei, begleitet von einer dampfenden Tasse Kaffee, eines der wenigen luxuriösen Dinge, die er sich von seinem durchaus nennenswerten Auskommen leistete, - war sein Bediensteter bereits im Haus unterwegs, um seiner üblichen Arbeit nachzugehen. Dann bemerkte der Richter, dass auf dem Tisch noch etwas anderes lag, ein frisches Stück Gebäck mit süßem Quark. Karl rollte mit den Augen, und schob das Gebäckstück zur Seite, damit sein Bediensteter es später finden und für seine Kinder mit nach Hause nehmen konnte. Diese Bäckerwitwe Hella konnte es einfach nicht lassen, ihm diese ungewollten Beweise ihrer Aufmerksamkeit zu schicken. Wie konnte er ihr nur begreiflich machen, dass Frauen wie sie für ihn nicht von Interesse waren? Solle er das klebrige süße Gebäck etwa ansammeln und dann eines Tages vor ihrer Haustür entladen? Nein, das wäre über alle Maßen beleidigend. Also würde er weiterhin nicht auf ihre Geschenke reagieren und hoffen, dass sie es eines Tages verstehen würde. Immerhin gab es für ein paar Kinder regelmäßigen Grund zur Freude.

In seinem gewohnten Tempo machte sich der Richter auf den Weg. Zu dieser Tageszeit waren üblicherweise nur wenige Leute auf der Straße zu sehen, da sie entweder schon mit ihrem Tagwerk beschäftigt waren, oder noch schliefen. Aber an einem so verregneten Tag war auf den Straßen noch weniger los als sonst. Er nickte im Vorbeigehen der Witwe Hella zu, die kein Wetter davon abhalten konnte, vor ihm auf der Straße zu erscheinen. Er war höflich genug, um nicht beleidigend zu sein, aber so zurückhaltend wie möglich, und eilte weiter, bevor sie ihn ansprechen konnte.

"Er ist immer so beschäftigt", hörte er hinter sich ihre hohe, stets etwas schrill wirkende Stimme, als sie vermutlich zu ihrem Lehrling sprach. Was für ein lästiges Frauenzimmer!

Auf dem ganzen verbliebenen Weg zum Rathaus zerbrach sich der Richter den Kopf über den Mann aus seinem Traum. Aber jedes Mal, wenn er einer Erinnerung auf der Spur zu sein glaubte, entglitt ihm die Erkenntnis wie ein schlüpfriger Fisch. Doch sobald er durch die Eingangstür trat und den Weg durch das Gebäude zu seiner Arbeitsstätte nahm, verflogen die Grübeleien und das Tagesgeschäft trat in den Vordergrund. Es gab so viele Dinge zu tun! Vor allem deshalb, da der Titel Richter nur den Bruchteil all seiner Aufgaben umriss. Die Stadt war groß genug für einige Stadtherren, aber nicht groß genug, um das Amt des Richters und des Bürgermeisters auf zwei verschiedene Schultern zu verteilen – wobei die Stadtherren ihm natürlich nur einen Teil dieser Aufgaben zugestanden, insbesondere die weniger wichtigen und langweiligeren Fragen der Verwaltung. Und insbesondere wenn es in der Stadt vergleichsweise wenige Verbrechen zu ahnden und Streitigkeiten zwischen Bürgern zu schlichten gab, dann füllte sich sein Tagwerk wie von Zauberhand mit eben solchen Tätigkeiten. Nun, zumindest war er niemals in Gefahr, dem Laster des Müßiggangs zu erliegen.

Das erste, das dem Richter beim Betreten seiner Räumlichkeiten auffiel war das Behältnis für Pergamente, das auf seinem Schreibtisch lag. Der Dämonenjäger war offensichtlich vom Fach und hatte sich ihren Inhalt eingeprägt, bevor er aufbrach. Der Richter holte die Schriften sorgfältig und mit gegebenem Respekt heraus, um ihren Zustand zu prüfen, konnte nichts beanstanden und veranlasste, dass die Dokumente wieder an ihren üblichen Platz zurückgebracht werden. Er fing gar nicht erst wieder damit an darüber nachzudenken, ob sein Traum möglicherweise ein schreckliches Schicksal vorwegnahm. Dafür hatte er keine Zeit, denn nur wenig später klopfte es an seiner Tür. Noch bevor er einen Laut äußern konnte, wurde sie gleich daraufhin geöffnet. Karl kannte nur eine Person, die eine solche Dreistigkeit besaß, und nach eben dieser hatte er gestern geschickt. Also lehnte er sich in seinen Sitz zurück, verschränkte die Finger auf dem Tisch vor sich, und gab sich alle Mühe, möglichst ernst zu wirken und nichts von seinem Innenleben preiszugeben.

Der Grund dafür war, dass die Person, die nun den Raum betrat, eher eine Frau nach seinem Geschmack war. Allerdings war ihm wohl bewusst, dass die Waldläuferin von ihm nur in seiner Eigenschaft als Richter und als Auftraggeber von hohem Rang Notiz nahm. Er war ihr mit Sicherheit ein paar Jahre zu alt. Allerdings konnte er nicht ausschließen, dass ihr womöglich doch bereits aufgefallen war, dass er eine Schwäche für sie hatte, und dass das der eigentliche Grund für ihr unverfrorenes Verhalten ihm gegenüber war. Vielleicht war aber auch ihr hervorragender Ruf im Hinblick auf das Erledigen der ihr zugetragenen Aufgaben die Ursache für eine gewisse Arroganz. Karl störte sich nicht daran. Wenn es nach ihm ging, konnte sie sich ein gewisses Recht auf Eigensinnigkeit herausnehmen.

Die Waldläuferin, die alle unter dem Namen Feli kannten, war eine drahtige Frau durchschnittlicher Größe und Karl schätzte sie auf etwa zehn Jahre jünger als sich selbst. Das lag zu einem gewissen Grad an ihrer leicht gebräunten Haut, den lebendigen grünen Augen und dem forschen Auftreten – aber auch daran, dass sie die Energie einer jungen Frau besaß. Nur ihre Selbstsicherheit widersprach diesem Muster. Diese kannte Karl eher von älteren, erfolgreichen Frauen, wie etwa der Oberin der Schwesternschaft in Starogrâd. Doch das konnte schlicht und einfach damit begründet sein, dass die Waldläuferin stets den Erfolg für sich gepachtet zu haben schien. Feli hatte ihre nussbraunen Haare an diesem Tag wie gewohnt zum Zopf geflochten, aber einzelne widerspenstige Strähnen hatten bereits ihren Weg in die Freiheit gefunden und fielen gelockt am Rand ihres Gesichts mit den ausgeprägten Wangenknochen entlang herab. Die meisten Männer würden sie nicht als übermäßig attraktiv erachten, weil ihr Auftreten nicht allzu weiblich war und ihre Erscheinung etwas spröde Züge hatte, aber Karl fand sie gerade deshalb sehr erfrischend.

"Ihr wolltet mich sprechen, Richter? Ich hoffe, es ist dringend. Mir entgeht womöglich ein sehr lukrativer Auftrag eines besorgen, wohlbetuchten Ehemannes, der seine hübsche, junge Frau ungern in Begleitung männlicher Wachen zum Besuch ihrer Mutter reisen lässt", raunte sie mit ihrer herben Stimme.

Der Richter schmunzelte: "Das ist bedauerlich, werte Feli, aber ich fürchte, wir haben größere Probleme als das."

Dann nahm sein Gesicht einen ernsten Ausdruck an: "Außerdem wird die Angelegenheit vermutlich nicht allzu lange dauern. Das sollte sie besser gesagt nicht. Es ist dringend und wichtig, und ich bin gerne bereit, Euch den doppelten Sold zu zahlen für eine möglichst rasche Erfüllung."

Feli zog eine Augenbraue hoch und stützte sich mit den Unterarmen auf der Stuhllehne ab, dem Richter gegenüber, so dass er nicht umhin kam, einen flüchtigen Blick in Richtung ihres nicht vollständig geschlossenen Hemdes zu werfen, bevor er ihr erneut ins Gesicht sah.

"Ich benötige dringend die Information, wo sich gegenwärtig die anrückende Mannschaft der Ordensritter befindet, wie lange sie schätzungsweise noch brauchen, bis sie die Stadt erreichen, wie viele Fußtruppen und Ritter wir erwarten müssen, ob sie eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Paladinen und Ermittlern in ihren Reihen haben - alles über fünf ist ungewöhnlich, und ich freue mich über einen sehr genauen Bericht - und ob Euren Sinnen noch weitere, ungewöhnliche Dinge auffallen."

Sie zog eine Augenbraue hoch und richtete sich auf, um zu ergänzen: "Und ich soll so schnell zurückkehren, wie es mir möglich ist."

Der Richter nickte: "Am besten gestern noch. Ich habe ein sehr ungutes Gefühl, was die Entwicklung der Lage im Kloster angeht, und würde gern wissen, wie viel Zeit uns noch bleibt, um die Angelegenheiten der Stadt so gut in Ordnung zu bringen wie möglich, damit der Kelch einer ausführlichen Prüfung an uns vorübergeht. Ich weiß, dass wir, also die Stadt, uns nach weltlichen Gesetzen durchaus vorbildlich verhalten, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, was diese... übereifrigen Leute uns nach ihrem Kirchenrecht vorzuwerfen gedenken in Anbetracht der jüngsten Ereignisse."

Feli nickte: "Verstehe. Ich werde mich umgehend darum kümmern."

Mit den Worten deutete sie eine leichte Verbeugung an, während sie bereits auf dem Absatz kehrt machte und durch die Tür hinausstürmte. Der Richter sah ihr nach und seufzte kaum hörbar. Frauen in Männerkleidung waren einfach eine Sache für sich. Mit Missfallen dachte er gleich danach, dass damit das Beste an seinem Tag bereits hinter ihm lag, und widmete sich seinen Papieren, um wenigstens im Hinblick auf die Erfüllung seiner Pflicht kein schlechtes Gefühl zu haben. Er verzog das Gesicht, als er erneut die Benachrichtigung der Kirche über die Ankunft der Ordensritter las und die Anordnung, "angemessene Versorgung der Truppen und Unterbringung der führenden Persönlichkeiten" sicherzustellen. Natürlich waren in diesem Schreiben keine exakten Zahlen genannt - wie so oft schienen diese unbedeutenden Kleinigkeiten dem Klerus zu entfallen. Dennoch musste er sich darum kümmern, alles vorzubereiten.

Seine Laufburschen waren schon unterwegs, um die vorhandenen Übernachtungsmöglichkeiten für die hochrangigen Mitglieder der Rächer in den Gasthäusern der Stadt zu prüfen, und zumindest in dieser Hinsicht erwartete der Richter keine Schwierigkeiten. Die Gasthäuser waren aufgrund der nicht aus dem Kloster zurückgekehrten Pilger und des unfreundlichen Wetters gähnend leer - und auch wenn die Kirche oft knauserig und vergesslich war, was das Entlohnen ihrer weltlichen Versorger anging, so war eine niedrige Entlohnung immerhin besser als der gänzliche Ausfall aller Einkünfte. Der Richter fragte sich immer wieder, welchen Scherz die Geschichte mit ihnen getrieben hatte, indem sie einem tüchtigen, auf Mehrung des Wohlstands und Handel ausgerichteten Volk einen Glauben vorsetzte, der alles Weltliche abwertete und nur die jenseitige Welt als wichtig betrachtete. Nun, so versuchte er sich selbst zu trösten, vermutlich mussten sie immer noch glücklich sein, dass ihre Kirche ihrem Lebenswandel gegenüber nicht so feindselig eingestellt war wie der Glaube des Einen in den südlichen Landen.

Die Versorgung der Truppen machte dem Richter allerdings noch große Sorgen. Die Stadt hatte zwar noch gut gefüllte Vorratslager, die dafür gedacht waren, die Versorgung der zurückkehrenden Pilger sicherzustellen sowie in Notfällen für die Bauern und Viehzüchter in der Stadt und den umliegenden Dörfern einzuspringen - aber eine stehende Mannschaft zu unterhalten, insbesondere über eine längere Zeit, könnte sich möglicherweise als sehr problematisch herausstellen. Wenn es dann auch noch mehrere Hundertschaften werden sollten, dann würden sie möglicherweise das Letzte aus den umliegenden Ortschaften und Höfen pressen müssen. Dieser Gedanke behagte dem Richter ganz und gar nicht. Die Bauern mussten schließlich auch von etwas leben und brauchten Zuchttiere und Saatgut, um die künftige Versorgung sicherzustellen. Zum Glück waren einige Getreidesorten und Gemüsepflanzen bereits in der Erde und fürs Erste dem Zugriff entzogen. Aber einige Sorten wurden erst im späteren Verlauf des Jahres gepflanzt, und diese Bestände sollten bewahrt werden. Um nichts dem Zufall zu überlassen, hatte er auch bereits veranlasst, die vorhandenen Mengen an Lebensmitteln in der Stadt und Umgebung genauestens zu erfassen. Die Stadtherren ließen ihm in dieser Angelegenheit zum Glück freie Hand, und er hatte nicht vor, das Vertrauten der Adligen und wohlhabenden Kaufleute zu enttäuschen. Schließlich war er ihnen Rechenschaft schuldig.

Er fragte sich, ob er ihnen gegenüber durchsickern lassen sollte, dass der Aufenthalt des Ordens des Heiligen Rächers möglicherweise nicht allzu reibungslos verlaufen würde. Er beschloss, sich erst noch mit der obersten Schwester zu dem Thema auszutauschen. Eine hoffentlich weit fortgeschrittene Genesung des dem Kloster entkommenen Verrückten würde ihnen sicherlich das Wohlwollen der Ermittler einbringen und für einen schnelleren Abzug der Ordensritter sorgen. Er sandte einen Boten zur Schwesternschaft aus mit der Anfrage, ob die Oberin möglicherweise Zeit hätte, an diesem oder zumindest am nächsten Tag zu Mittag mit ihm zu speisen und dabei ein paar Dinge zu besprechen. Nach dem Stand der Sonne zu urteilen war sie schon seit Stunden wach und konnte ihm aber auch rechtzeitig eine Antwort zukommen lassen, selbst wenn sie den Boten erst einmal eine Weile warten lassen würde, wie das ihre Art war. Je nachdem, wie das Gespräch verlaufen würde, konnte er die Lage vielleicht besser einschätzen und den Stadtherren einen besseren Bericht und eine genauere Empfehlung liefern, wie man mit der Situation umgehen sollte.

Der Tag verging wie im Flug und zum Abend ließ der Regen tatsächlich nach. Als der Richter mit dem Einsetzen der Abenddämmerung seine Arbeitsstätte verließ, schwand das wohlige Gefühl eines produktiven Tages schnell und machte einem nagenden Zweifel in seinem Hinterkopf Platz. Es würde mindestens noch einen weiteren Tag dauern, bis er Nachricht von Feli erhalten würde. Er hoffte aber, dass die Ordensritter der Stadt noch nicht so nahe waren, und sie ihm erst in zwei oder drei Tagen berichten würde. Vielleicht würde er dann einen, zwei oder mit sehr viel Glück sogar drei Tage Vorsprung haben, um auf alles vorbereitet zu sein. Wenn die Götter ihnen gewogen waren, dann wäre bis dahin der Dämonenjäger mit einem Erfolgsbericht zurück, so dass die Ordensritter nicht allzu lange in der Stadt verweilen mussten. Er hoffte sehr, dass Nat erfolgreich zurückkehren würde. Dieser Dämonenjäger hatte sich bereits vor vielen Jahren einen Namen gemacht. Er galt als der Beste seiner Zunft, und er hatte in der kurzen Zeit ihrer ersten Begegnung einen bleibenden Eindruck beim Richter hinterlassen. Wenn dieser außergewöhnliche Mann jedoch scheitern würde, dann stand zu befürchten, dass die Geschichte eine noch dunklere und blutigere Wendung nehmen würde.

„Herr Richter!“, hörte er dann einen der Botenjungen, der atemlos auf ihn zugerannt kam. Es war der Bursche, den er zur Oberin der Schwesternschaft gesandt hatte.

Karl zog eine Augenbraue hoch und musste sich Mühe geben, nicht all zu ungehalten zu klingen: „Was hat so lange gedauert? Was sagt die Oberin?“

Der Junge war knallrot angelaufen und atmete schwer bei seiner Antwort: „Vergebt mir, doch ich habe Stunden ausharren müssen. Die Oberin wird Euch morgen zur Mittagszeit empfangen. Sie hatte heute dringende Geschäfte zu erledigen.“

Der Richter schüttelte den Kopf und drückte dem Boten ein paar Kupfermünzen in die Hand. Er merkte sich vor, nächstes Mal einen anderen mit einem Anliegen zur Oberin zu schicken. Wenn man nach Anzahl der erledigten Botengänge bezahlt wurde, dann war es nur gerecht, solch unnötig zeitfressenden Angelegenheiten nicht immer ein und demselben Boten aufzuhalsen. Der Bursche verbeugte sich knapp und entschwand nach Hause. Immerhin war das geklärt.

Wenige Augenblicke später kehrten Karls Gedanken erneut zum Störenfried seiner Ruhe zurück, zur Erinnerung an seinen schlechten Traum. Da kam ihm der Zweigesichtige in den Sinn, und das Vorhaben, in der Stadt nach ihm zu suchen – also beschloss er, tatsächlich einen ausgedehnten Spaziergang zu machen. Das Wetter spielte wenigstens mit, also ließ er sich durch die Straßen der Stadt treiben.

Der Himmel färbte sich dunkel und auf den Straßen herrschte ein reges Treiben. Offensichtlich waren auch viele andere froh, trockenen Kopfes unter dem freien Himmel herumlaufen zu können. Die Luft war noch vergleichsweise frisch, auch wenn die Gerüche der Stadt sie langsam wieder in Besitz nahmen. Die Menschen eilten durch die Straßen. Vielleicht vertrauten sie nicht auf die Beständigkeit des Wetters, vielleicht wollten Sie aber auch ihre Vorhaben erledigen, bevor die Dunkelheit über sie hereinbrach. Die Nacht war die Zeit der zwielichtigen Gestalten und die Patrouillen der Nachtwachen prüften alles und jeden gnadenlos, den sie auf den Straßen erwischten. Karl hatte zwar wenig zu befürchten, schließlich kannte ihn ausnahmslos jeder Mann der Stadtwache, doch er erinnerte sich noch sehr gut an die Zeit vor seiner Ernennung. Man musste jung oder ziemlich betrunken oder beides sein, um ohne ein kriminelles Vorhaben nachts rauszugehen. Damit war aber auch klar, dass er nicht mehr viel Zeit hatte, um den Mann aus seinem Traum zu finden.

Doch ob es nun ein glücklicher Zufall oder eine Vorsehung war, genau das gelang ihm, als die Zahl der Menschen auf den Straßen bereits abzunehmen begann und die Zahl der erleuchteten Fenster und geschlossenen Fensterläden immer mehr wurde. Er sah den Mann auf der Straße stehen, verwickelt in ein Gespräch mit einem anderen. Beide trugen die Uniform der Stadtwache und machten sich nach einer Einkehr im „Lustigen Bären“ offensichtlich auf den Heimweg. Karl blieb wie angewurzelt stehen und traute seinen Augen nicht. Dass er den Mann vor einem Wirtshaus treffen würde, passte im Nachhinein hervorragend zum Auftritt des Zweigesichtigen. Aber er hätte einen Tunichtgut erwartet, nicht einen respektablen Mann mit Verantwortung für die Ruhe und Gesetzestreue in der Stadt, schon gar nicht den älteren der beiden Wachen. Verunsichert blieb er stehen und beobachtete, wie die beiden Männer sich an einer Straßenkreuzung verabschiedeten und getrennte Wege gingen. Er überlegte erst kurz, dem Mann zu folgen, entschied sich dann aber im letzten Augenblick dafür, lieber ins Gasthaus einzukehren und erst einmal den Namen des Wachmanns herauszufinden.

Noch hatte die einsetzende Dunkelheit nicht alle Gäste aus dem „Lustigen Bären“ vertrieben, und die dort anwesenden waren offensichtlich nicht betrunken genug, um ihn nicht zu erkennen, da sie dem Richter zumindest mit einer leichten Verbeugung ihren Respekt zollten. Dieser antwortete mit einem hastigen Kopfnicken hier und da, während er sich schnurstracks zur Theke bewegte und mit einem kurzen Klopfen auf den Tresen die Aufmerksamkeit des Wirtes auf sich zog.

„Werter Richter, was führt Euch denn in mein bescheidenes Haus?“, fragte Bjarn mit einem freundlichen Lächeln und einer höflichen Verbeugung, soweit der beengte Platz es zuließ.

Karl winkte ab: „Nicht so förmlich, ich bin nicht als Würdenträger hier. Ähm… sagt mir doch bitte, kennt ihr die beiden Wachen, die soeben nach Hause gegangen sind?“

Bjarn zog beide Augenbrauen hoch: „Aber sicher doch, sie sind hier Stammgäste. Das sind Lans und Max.“

Karl nickte: „Und welcher der beiden ist der Ältere?“

„Das wird dann wohl Lans sein. Warum fragt Ihr? Hat das was mit dem Dämonenjäger zu tun?“, Bjarn kam nicht umhin, neugierig zu werden.

Jetzt war es am Richter, fragend drein zu blicken: „Der Dämonenjäger? Wieso?“

Bjarn zuckte mit den Schultern: „Na, der Dämonenjäger hat sich mit ihm und seinen Kumpels ausführlich unterhalten, ich schätze mal wegen der Sache mit dem armen Irren. Aber vor allem mit Lans.“

Der Richter nickte langsam und verlangte nach einem guten, kräftigen Rotwein, den er auch umgehend bekam. Er nahm einen großen Schluck, und sah den Wirt ernst an: „Und hat der Dämonenjäger irgendetwas gesagt, was Lans anging?“

Bjarn schüttelte den Kopf: „Nein, er schien recht zufrieden mit dem Gespräch gewesen zu sein. Stimmt etwas nicht? Ich bin zwar nicht mehr ganz der Alte, aber falls…“

Der Richter leerte den Becher in großen Schlucken und schüttelte den Kopf: „Es ist vermutlich nichts.“

Bjarn beugte sich zu ihm vor und sprach wesentlich leiser: „Und weshalb habt Ihr Euch nach den freien Räumen in meinem Haus erkundigen lassen?“

Der Richter hielt inne und sah Bjarn dann durchdringend an: „Ich denke, Ihr wisst sehr gut, warum.“

Bjarn richtete sich auf und atmete tief durch: „Das gefällt mir nicht.“

Karl seufzte: „Ich denke, das wird hier niemandem gefallen. Es ist gewiss nicht unsere Schuld, was dort drüben passiert“, er deutete mit dem Kopf dezent in Richtung des Klosters, „aber man wird uns gewiss irgendetwas unterstellen. Vielleicht solltet Ihr Eure Frau für eine Weile…“

Bjarns Gesicht verfinsterte sich und er grollte leise: „Meine Frau geht nirgendwohin. Das ist unser Zuhause. Sie hat sich nichts zuschulden kommen lassen…“

„…außer so zu sein wie sie ist“, beendete der Richter leise. „Ihr habt unübersehbar Vorfahren im Norden, sie ist eine Kräuterfrau mit Spuren von Feenblut und Euer Sohn ist demnach auch ein ganz besonderes Früchtchen, wenn Ihr mir den Ausdruck verzeiht. Man wird euch alle ganz besonders genau unter die Lupe nehmen.“

Bjarn verschränkte die Arme vor der Brust: „Dann erwarte ich von Euch, dass Ihr für Gerechtigkeit sorgt, Herr Richter, und die Unschuldigen vor Willkür schützt.“

Karl seufzte erneut: „Glaubt mir, ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um die Angelegenheit für unsere Stadt möglichst… ereignislos zu regeln. Aber wir wissen beide, wenn sich die Stadtherren nicht mit dem Orden streiten wollen – wovon ich ausgehe –, dass dann das Kräfteverhältnis eindeutig nicht zu meinen Gunsten ausfallen wird.“

Selbst wenn er die Oberin auf seine Seite ziehen konnte, würde er nicht viel gegen die Macht des Ordens ausrichten können, erst recht nicht, wenn sie mit einem ausreichend großen Trupp bewaffneter und kampfbereiter Männer anrücken würden. Die Schwesternschaft konnte sich zwar im Notfall verteidigen, aber gegen eine Armee konnten sie nicht viel ausrichten. Sie waren Heilerinnen und Seelsorgerinnen, keine Soldaten. Und selbst wenn zusätzlich zur Stadtwache alle Männer und so manche Frau der Stadt mit Waffen ausgerüstet werden würde, wie man es normalerweise nur im Falle eines Krieges tat, gegen die kampferprobten, gut ausgebildeten und bestens ausgerüsteten Ordenskämpfer hatten sie wenig Chancen. Erst recht nicht, wenn diese Kämpfer sich bereits in der Stadt befanden und das Leben der Kinder und die gesamte Existenz der Leute auf dem Spiel stand. Den Zorn der Rächer auf sich zu ziehen hatte noch keiner Stadt gut bekommen.

Bjarn knurrte leise und nickte: „In Ordnung, ich werde das Thema meiner Frau gegenüber ansprechen. Wenn sie für eine Weile fortgehen will, dann wird Osterik sie begleiten. Wenn nicht, dann hoffen wir, dass Ihr uns alle nicht im Stich lassen werdet.“

Der Richter spürte einen kalten, harten Klumpen in seinem Bauch und nickte: „Wie gesagt, ich werde alles mir mögliche tun. Passt auf Euch auf.“

Mit diesen Worten ließ er einige Münzen auf den Tresen fallen, und verließ eilig das Wirtshaus. Er hasste es, guten Menschen schlechte Nachrichten zu überbringen, und er hasste es, derartiges unvorbereitet tun zu müssen. Er verwünschte den Tag, an dem das Kloster gefallen war, und er verwünschte die Dämonen dafür, dass sie sich ausgerechnet dieses Kloster ausgesucht hatten. Dann fiel ihm auf, dass es beinahe Nacht geworden war, also machte er sich auf den Weg nach Hause. Zu dieser späten Stunde noch den Wachmann aufzusuchen, der nach einem anstrengenden Tag und ein paar Bier sicherlich bereits zu müde für eine Unterhaltung war, hatte keinen Sinn. Und Karl wusste nicht einmal, was er den Mann fragen wollte. Es war wohl besser, den folgenden Tag abzuwarten und sich Gedanken zu machen.

Kapitel 8

Die Stadt kam langsam zur Ruhe. Die meisten ihrer Bewohner waren bereits eingeschlafen, und die Nachzügler kehrten aus den Schenken in ihre Häuser zurück. Die Wolken wichen mehr und mehr dem aufziehenden Wind und das Wetter schien endlich umgeschlagen zu sein. Unter dem Licht des roten und grauen Mondes wirkte der Nachthimmel jedoch unheilvoll und so manches alte Weib wünschte sich die Wolkendecke zurück, die sie vor ihren finsteren, wahnsinnigen Blicken verbergen würde. Die Konstellation war ein düsteres Omen, für alle, die die Zeichen am Himmel in Bezug auf die Ereignisse auf der Erde deuten konnten. Ein merkwürdiger, süßlicher Geruch hing in der Luft, tänzelte mit den Windböhen und Luftzügen herum, in inniger Umarmung mit der Wärme, welche die kommende Zeit der Blüte ankündigte.

So verwunderte es Bjarn nicht, seine Frau in ihrer Kammer vor einem intensiv duftenden Häufchen aus glimmendem Räucherwerk in einer tönernen Schale vorzufinden. Sie kniete auf dem Boden, inmitten eines mit Kreide auf den Holzdielen aufgezeichneten, fünfzackigen Sterns, und umgeben von einem dünnen Kreis aus Salz. Kleine, kreisrunde Schälchen aus Ton standen an den Spitzen des Sterns, gefüllt mit klarem Wasser, warmer Asche, lockerer Erde, Honig und nichts als Luft.

Bjarn blieb im Türrahmen stehen und beobachtete sie. Sie schien nicht auf seine Präsenz zu reagieren, summte leise eine Melodie vor sich hin, die sich hypnotisch in sie hinein wand, wie eine Schlange, die ihren eigenen Schwanz fraß. Er wusste, in solchen Momenten hatte es keinen Sinn, sie anzusprechen. Sie würde ihn in ihrer Versunkenheit nicht hören. Also blieb er geduldig stehen, während sein Gemüt sich immer mehr verfinsterte. Ausgerechnet jetzt den Blutmond zu erblicken, nach den Warnungen des Richters und den unheilvollen Ereignissen im Kloster, das war ihm nicht geheuer. Und zugleich spürte er, wie sich das Blut seiner Vorfahren in ihm regte. Auch wenn Generationen zwischen ihm und seinem legendären Ahnen des Kanidenvolkes Marên lagen, manchmal spürte er das Temperament, den Zorn, die blutrünstige Raserei. Seine Frau war eine der wenigen, die ihn dann zu Sinnen bringen konnte. Sie konnte die Bestie in ihm besänftigen, der er so viele Siege auf dem Schlachtfeld zu verdanken hatte, aber auch so manche unrühmliche Szene abseits davon. Er liebte sie so sehr, dass er niemals die Hand gegen sie erhoben hatte oder je erheben würde. Und nun sollte er sie wegschicken?

Als ob sie spürte, dass seine Gedanken sich um sie drehten, sah sie ihn plötzlich an – doch ohne das besondere Lächeln auf den Lippen, das sie nur für ihn hatte. In ihren Augen standen Sorge und auch der Anflug von Angst. Er hatte noch nie diese Art von Angst in ihrem Gesicht gesehen und das fachte die Glut des Zorns in seinem Inneren weiter an.

„Der Richter sagt, es wäre besser, wenn ich alleine hier bliebe, ohne dich und Rik. Was denkst du?“, grollte er leise in seinem tiefen Bass. An seiner Stimme war klar zu erkennen, dass er in seinem Inneren nach Fassung rang.

Sie seufzte und erhob sich, um zu ihm zu gehen und ihn mit ihren Armen zu umschlingen. Er beugte seinen Kopf nach vorn, um den Geruch ihrer Haare einzuatmen, den er so liebte. Sie nutzte wohlduftende Kräuter bei jeder Haarwäsche, so dass es in ihrer Nähe immer nach der Zeit der Blüte roch. Er drückte sie an sich und wünschte sich, diesen Moment festhalten zu können, bevor alles nur schlimmer werden würde.

„Er ist ein vernünftiger Mann, und so gesehen hat er recht. Ihr beide seid meinetwegen in Gefahr, und ich ohnehin, wenn ich hier bleibe.“ Doch sie drückte sich fester an ihn, als wollte sie ihre Worte Lügen strafen.

Er atmete tief durch: „Dann solltest du morgen aufbrechen, besser noch ihr beide. Zieht nach Osten, weg von diesem Ort, und wartet irgendwo auf mich, wo es sicher ist.“

Sie hob ihr Gesicht, um direkt in seine Augen zu blicken und schüttelte den Kopf: „Ich werde dich nicht verlassen. Du wirst mich brauchen, vielleicht werden viele Menschen hier mich brauchen. Die Schwestern sind nicht die einzigen, die Wunden und Wahnsinn heilen können. Aber unseren Sohn, ihn müssen wir in Sicherheit bringen.“

„Das glaube ich nicht“; hörten sie die Stimme von Osterik aus dem dunklen Gang, schon aus dem Stimmbruch heraus, aber immer noch so jung. Er hatte sich angeschlichen, und anscheinend alles mitgehört.

Bjarn und Selena drehten sich um, und lösten dabei etwas ihre Umarmung. Bjarn sah seinen Sohn prüfend an: „Du bist der Sohn eines Nordmannes und einer Hexe. Du bist eigenwillig und nimmst kein Blatt vor den Mund. Was glaubst du, was die Herrschaften des Rächers mit Burschen wie dir machen?“

Osterik zuckte mit den Schultern: „Ich bin vielleicht eigenwillig, aber nicht blöde. Aber wenn Mutter nicht gehen wird, dann bleibe ich erst recht. Du bist ein Versehrter, und ich habe meine Gliedmaßen alle noch, also muss ich wohl auf euch beide aufpassen.“

Bjarn knurrte als Reaktion auf die freche Rede seines Sprosses, doch die Wahrheit darin war nicht von der Hand zu weisen. Auch wenn er sich in einer Schlägerei immer noch mehr als gut behaupten konnte, gegen die gut gedrillten Truppen der Rächer zu bestehen würde sich als schwieriger erweisen, sollte es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung kommen. Sie würden ihn mit ihren Schwertern vermutlich gar nicht erst in die Nähe lassen, aus der er den Vorteil seiner Größe und Körperkraft ausspielen konnte. Doch seinen Sohn hatte er gut ausgebildet, und er hatte Vertrauen in dessen Fähigkeiten, seinen wachen Verstand, seine aufmerksamen Sinne und seine hervorragende körperliche Verfassung.

Also klopfte er als Reaktion auf die Widerworte anerkennend auf Osteriks Schulter, um ihn dann ebenfalls kurz an sich zu drücken. Ihm gingen viele Worte durch den Kopf, die er vielleicht hätte sagen können, doch kein einziges davon schien auch nur ansatzweise geeignet zu sein, seine Gefühle auszudrücken. Wie so oft blieb er stumm. Doch seine Geste war alles, was zählte, und sein Sohn erwiderte sie.

Dann löste Osterik sich aus der Umarmung, und deutete schief grinsend mit dem Kopf hinter seine Eltern: „Aber so was dort werden wir wohl gut verstecken müssen.“

Selena seufzte: „Wir werden das ganze Haus auf den Kopf stellen müssen, aber ja. Nur Gewürze für Mahlzeiten und Tees sollen sie finden. Alles andere können wir vielleicht im Keller vergraben, tief, unter einem der Fässer.“

Bjarn nickte ihr zu und sah zu seinem Sohn: „Wir machen uns besser gleich daran, mein Junge. Wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt?“

Osterik nickte stumm und folgte seinem Vater. Selena hielt den Atem an, bis sie die beiden nicht mehr hörte, dann begann sie zu schluchzen, während sie aus ihrer Kammer alles zu vertreiben begann, was ihr wichtig war. Die Monde hatten ihr von Schrecken geflüstert, die sie in der Stadt erwarteten, würde sie bleiben. Doch würde sie gehen, dann würde sie ihren Mann nicht lebend wiedersehen, und das konnte und wollte sie nicht ertragen. Sie gewann die Fassung rechtzeitig wieder, als sie die Rückkehr ihrer am meisten geliebten Menschen hörte. Alles, was ersetzbar war, wanderte wenig später ins Feuer des Kamins. Alles, was verzehrt werden konnte, würde am kommenden Morgen ins Essen wandern. Die wenigen unersetzlichen Habseligkeiten ihrer Zunft schaffte sie mit Hilfe ihres Mannes und ihres Sohnes in den Keller, um sie unter Schichten von Erde zu begraben, die von den schwitzenden Männern immer wieder eingestampft wurde, um genauso fest zu werden wie der Kellerboden um das Versteck herum.

Als der Boden dann wieder ebenerdig war, und unter den prüfenden Blicken ihrer aller Augen sich kein verräterisches Zeichen im Übergang zum restlichen Kellerboden zeigte, schoben die Männer ein volles Weinfass an die Stelle, und stellten weitere Fässer dazu, rundum, dicht an dicht, damit es ordentlich aussah. Manche der Fässer, auch das besondere, bedeckten sie mit Brettern und weiteren Fässern in zweiter Schicht, und umringten manche der Fässer am Boden mit einem Haufen von ansonsten nutzlosem Gerümpel, damit es möglichst so aussah, als würde die Ansammlung von Fässern schon sehr lange in dieser Aufstellung verharren. Nichts sollte darauf hinweisen, welcher gefährliche Schatz unter ihrem Haus lagerte. Erst weit nach Mitternacht konnten sie sich endlich dem Schlaf überlassen, beruhigt von einem Hauch vager, verzweifelter Hoffnung. Selena schmiegte sich an ihren Mann, und schlief in seinen Armen ein.

***

Auch Lans fand in dieser Nacht nicht allzu bald Schlaf. Das hatte jedoch ganz andere Ursachen. Seit er den verrückt gewordenen Söldner in der unglückseligen Nacht vom Tor der Stadt zu den Schwestern gebracht hatte, war ihm bewusst geworden, wie wenig Zeit sie alle doch hatten, und wie schnell sich alle schönen Dinge im Leben ins Gegenteil verkehren konnten. Er wollte nicht eine einzige Stunde mehr vergeuden. So wollte er nach der Erfüllung seiner Pflicht als Wachmann und als Kumpane im Gasthaus die verbleibende Zeit seines Tages seiner Frau widmen, und nur ihr allein.

Darauf freute er sich am meisten, und in letzter Zeit schien es ihr genauso zu gehen. Es war, als hätte sie ihre Schwermut überwunden, die Trauer darüber, noch nicht Mutter geworden zu sein, und hatte nun wieder Hoffnung in den Augen. Hoffnung, und das gewisse Funkeln, das er schon länger nicht mehr in ihnen erblickt hatte. Das Funkeln, das er vor ihrem ersten, verstohlenen Kuss gesehen hatte, und damals, als sie das erste mal allein waren und eine Kostprobe von dem bekamen, was sie in der Hochzeitsnacht und danach erwartete. Als hätten die unwichtigen Dinge des Daseins ihren Einfluss auf sie beide verloren und ihre Leidenschaft sie erneut zueinander geführt.

Sie riss die Tür auf, kaum dass er klopfte, und zog ihn in ihre Umarmung. Er schloss hastig hinter sich, um die Neugier der Nachbarn nicht anzustacheln, und schob den Riegel vor. Danach ergab er sich ihren Händen, die an den Schnallen seiner leichten Rüstung zerrten, die er als Wachmann zu tragen hatte. Er konnte ihre Leidenschaft förmlich glühen sehen, die rötliche Glut ihrer Seele, und er war den Göttern unendlich dankbar für diese Gabe. Seine Lippen legten sich auf ihre, die Zungenspitzen fanden zueinander, und er überließ sich ganz und gar seinen Instinkten.

***

Max, einer der Kameraden aus der Wachmannschaft, der Lans angehörte, war nicht allzu traurig darüber, dass ihre abendlichen Runden im Wirtshaus in letzter Zeit kürzer ausfielen, weil Lans seit neuestem so eine Sehnsucht nach seiner Frau verspürte wie man es sonst nur von Frischvermählten kannte. Das ließ ihm wiederum mehr Zeit, um sich seinen eigenen Spaß zu besorgen. Er war jung, noch ungebunden, fand sich recht stattlich und hatte oft genug die eine oder andere Münze locker, um sie für die Zeit mit einem der Freudenmädchen der Stadt einzutauschen. Er musste jedes Mal grinsen, wenn er sich in das verruchte Stadtviertel begab, in dem diese Frauen ihrem Gewerbe nachgingen. Eigentlich wäre es seine Arbeit gewesen, Etablissements wie diese aufzudecken und aufzulösen, da solch ein Treiben nicht im Sinne der Heiligen Familie war. Doch war er kein Kirchenmann, und fand auch, dass die leichten Mädchen und Frauen nichts verwerfliches taten. Er gehörte zu den Wachleuten, die sich taub und blind stellten, wenn es um solcherlei Dinge ging, und die auf diese Weise deutlich günstiger und damit öfter in den Genuss der Dienste der Schönen der Nacht kamen als gewöhnliche Kunden.

Gewiss wollte auch Max eine Frau ehelichen, eine Familie gründen und Kinder großziehen, die sich dann um ihn kümmern würden, wenn er ein schwacher Greis werden würde. Aber noch war er jung, das Alter fern, und er noch nicht bereit dazu, seine Nächte immer nur mit ein und derselben Frau zu verbringen. Nicht jeder hatte so ein Glück wie Lans, und fand die Richtige im ersten Augenblick. Manche mussten lange auf die Begegnung warten, und da war es besser, sich nicht an die falsche Frau zu binden. Und während man wartete, konnte man auch ein wenig Spaß haben. Womöglich brachte das auch noch den einen oder anderen Vorteil in die kommende Ehe mit ein.

Er blieb vor einem Haus mit zwei Stockwerken stehen, das dem Schild nach angeblich die Werkstatt von Schneidern und Nähern war und neben einem Garnknäuel und einer Nadel auch ein mit einer Rose besticktes Tuch zeigte. Demnach sollte es im Erdgeschoss die Arbeitsräume sowie das Lager im Keller beherbergen, während darüber üblicherweise Wohnkammern der Handwerker liegen sollten. Natürlich wusste Max, dass das nur eine Tarnung war. Er sah aufmerksam nach beiden Seiten der Gasse, um sicher zu sein, dass ihn niemand erblicken würde, und kündigte sich mit dem vereinbarten Klopfzeichen an, mit dem die richtigen Kunden von den falschen unterschieden wurden. Er musste kurz warten, dann öffnete sich die Tür einen Spalt breit. Er sah das Aufblitzen von aufmerksamen, schwarzen Augen im Dunkel dahinter, dann die hellen Zähne eines makellosen, verruchten Lächelns und die Tür schwang auf, um ihn einzulassen. Rasch trat er ein, und die Tür wurde leise hinter ihm geschlossen.

Es war selbstverständlich Rose, die gertenschlanke, großgewachsene Frau mit südländischer Herkunft, auf die ihr selbst im tiefsten, dunkelsten Monat der Kälte dunklerer Teint und die einen Hauch mandelförmigen Augen hinwiesen. Sie hatte wie immer aufreizend rot angemalte, sinnliche Lippen, die in aufregendem Kontrast zu ihren schwarzbraunen Haaren standen, die sie einem Krieger gleich kurz trug. Rose achtete stets auf die Tür, kannte Max inzwischen gut und er sie ebenfalls. Unter ihrer auf Figur geschnittenen Männerkleidung hatte sie trotz ihrer schlanken Statur gut definierte Muskeln wie ein Kämpfer, der stets im Training war. Sie war sehr gut in der Lage, die Kunden aus dem Haus hinauszubefördern, wenn sie den Mädchen Scherereien machten, oder gar die Hand gegen sie erhoben. Er wusste auch, dass sie hin und wieder selbst Kunden bediente – allerdings nicht auf die übliche Art, sondern vielmehr durch den Gebrauch einer Reitgerte oder eines Rohrstocks, oder auch mal mit der Hand, die zu solchen Gelegenheiten in einem schwarzen Lederhandschuh steckte. Max hatte sich mal mit betrunkenen Kopf von ihr den Hintern versohlen lassen, dann aber befunden, dass diese Spielart nichts für ihn war. Rose war auch eine der beiden Frauen, die das Geld von den Kunden kassierten.

„Guten Abend, Herr Wachmann“, neckte sie ihn mit einer gespielten Unterwürfigkeit. „Wir freuen uns alle sehr über Ihre Besuche. Heute schon eine bestimmte Blume im Sinn?“

Max schmunzelte, er mochte den Klang ihrer dunklen Stimme. In diesem Haus war es Brauch, dass die Damen sich nach Blumen benannten – passend zu ihrer äußeren Erscheinung oder ihrem Naturell. Er wusste nicht, woher diese Sitte kam, hatten die anderen Freudenhäuser doch keine so verspielte Regel. Aber sie gefiel ihm, und darum kam er stets nur dorthin. Max dachte kurz nach: „Gibt es womöglich eine neue im Blumenstrauß?“

Rose schüttelte den Kopf. „Derzeit nicht, mein Herr. Aber ich bin mir sicher, dass eine eurer Lieblingsblumen heute zu Eurer Verfügung stehen wird, auch wenn die meisten Mädchen schon beschäftigt sind. Seit etlichen Tagen laufen die Geschäfte hervorragend. Das ist wohl der Ausgleich für die schlechten Wochen zuvor.“ Dann sah sie ihn - wie immer - erwartungsvoll an.

Max grinste, löste seinen Waffengurt, um ihn der Frau zur Verwahrung zu überlassen, und drückte ihr die vereinbarte Anzahl von Münzen in der Hand, wie immer. Sie nickte lächelnd mit dem Kopf und ließ ihn aus dem Vorraum ins Innere des Gebäudes passieren.

Im nachfolgenden Raum, der durchaus gemütlich eingerichtet war, sogar durch eine Feuerstelle gewärmt und durch Öllampen ausreichend erhellt, kannte er sich inzwischen sehr gut aus. Er ließ sich von Nelke, der blonden Schankfrau mit graugrünen Augen und mit einer fast schon knabengleichen Statur, noch einen Wein reichen – die andere Person, die ihm das Geld abnehmen würde, falls er nicht schon bei Rose gezahlt hätte – und ließ seine Blicke über die drei Mädchen wandern, die gerade keinen Kunden hatten. Er kannte sie inzwischen alle, auch diejenigen, die gerade nicht anwesend waren. Von oben hörte er gedämpft eindeutige Geräusche aus mehreren Räumen. Es hörte sich für ihn wirklich so an, als wären die drei vor ihm die einzigen, die gerade noch verfügbar waren. Rose hatte demnach nicht geflunkert.

Nachdem sein Blick erst in die eine Richtung gewandert war, dann wieder vollständig zurück, war er sich immer noch unschlüssig. Jede der Frauen hatte ihre Vorzüge, auf die eine oder andere Art. Aber zwei von ihnen hatte er in den letzten Tagen schon einmal aufgesucht, und ihm stand der Sinn nach Abwechslung. Also streckte er seine Hand mit einem wie er fand nicht unfreundlichen Grinsen in Richtung der braunhaarigen, blauäugigen Lilie aus, die er wegen ihrer ausgeprägten Kurven schätzte, aber auch wegen ihrer gefügigen Art. Wie die anderen trug sie nichts weiter als ein aufreizendes Nachtkleid aus dünnem Stoff, der sich um ihren Körper schmiegte und beinahe nichts der Fantasie überließ. Mit einem Lächeln erhob sie sich, nahm seinen Arm und ging mit dem Wachmann nach oben, um ihm zu Diensten zu sein.

Ein Mann begegnete ihm, der gerade auf seinem Weg nach unten und Richtung Ausgang war. Max erkannte dessen Gesicht. Er hatte den Mann schon häufiger in diesem Etablissement gesehen. Er nickte ihm zu, die übliche Art von Begrüßung in diesem Haus, wo man einen anderen Mann nicht nach seinem Namen fragte und auch nach nichts anderem sonst. Für einen Moment, mehr durch Zufall denn durch eine Absicht, trafen sich ihre Blicke. Die Härchen auf Max' Unterarmen richteten sich auf, als ihm für wenige Momente ein Schauer über die Haut lief. Doch dann legte Lilie ihren Arm enger um seine Hüfte und seine Aufmerksamkeit wandte sich erneut ihr zu, so dass der Augenblick verflog und in Vergessenheit geriet. Und während Max sich die Freiheit herausnahm, die besonderen Vorzüge von Lilies Gesellschaft zu genießen, begab sich der andere Kunde nach Hause, zu seiner Familie, und zu seiner Frau.

***

Das Abendessen wartete bereits auf dem Tisch, als der Richter sein Haus betrat. Sein Bediensteter hatte sich aber schon vor einer Weile zurückgezogen. Karl roch frisches, selbstgebackenes Brot und lächelte leicht. Der Duft nahm ihm etwas von der Anspannung des Abends, so dass er den Schlaf womöglich doch schneller finden würde als befürchtet. Er ließ sich mit der Mahlzeit dennoch Zeit, obwohl es an diesem Tag später geworden war als sonst. Die Dunkelheit und das Licht der beiden dominanten Monde machten ihn nervös. Normalerweise machte er sich nichts aus den Dingen, die von Menschen in die Konstellation der Gestirne hineingedeutet wurde, obschon er von einer geheimen Kunst wusste, die daraus ihre übernatürliche Macht bezog. Doch im Anbetracht der jüngsten Ereignisse erschienen auch ihm der Graue und der Rote sehr unheilvoll in ihrem gemeinsamen Wirken. Als der Richter sich dann schließlich zu Bett begab hoffte er, dass ihn diese Nacht keine bösen Träume heimsuchen würden - doch das war ihm nicht vergönnt.

Es regnete erneut, noch sehr viel schlimmer als in den Tagen zuvor, und die ganze Stadt schien überflutet zu sein. Karl sah das Wasser in kleinen Wellen über die Schwelle seines Schlafzimmers schwappen. Im Zwielicht des wolkenverhangenen Tages sah er Körper auf dem Wasser vorbeitreiben, das sich in den Straßen aufstaute. Die Flut machte keinen Unterschied zwischen Männern, Frauen, Alten oder Kindern. Er sah auch eine Ordensschwester, ihr Gesicht war nach oben gerichtet und ihr leerer Blick sah anklagend zum Himmel. Warum habt Ihr uns verlassen, oh Götter?

Das Wasser war dunkel, beinahe schwarz – doch als es dann mit sanften, unerwartet warmen Berührungen seine nackten Füße erreichte und er an sich hinunter sah, waren seine Zehen und die Oberseite der Füße nicht einfach nur nass, sie waren rot. Ein Wimmern des Entsetzens entwich seiner Kehle, das er mit beiden Händen über seinem Mund abzuwürgen versuchte. Dann hörte er ein dumpfes Geräusch und sah sich um – es war der Körper seines Dieners, der mit dem Gesicht nach unten an die Oberfläche des blutigen Wassers aufgestiegen war und gegen die Wand stieß. Dann riss er plötzlich seinen Kopf hoch und fauchte Karl mit einer dämonischen, hassverzerrten Fratze an. Es wurde dunkel.

***

Nachdem Feli sich vom Richter verabschiedet hatte, machte sie sich voller Vorfreude auf den Weg. Egal, was sie herausfinden würde, egal, was noch auf sie zukam – zuerst wartete die Straße auf sie, und die Wiesen und Wälder um sie herum. Das war das wichtigste in ihrem Leben, immerzu in Bewegung zu sein. Ein leichtes Schmunzeln lag auf ihren Lippen, weil sie sich ihrer Wirkung auf den Richter durchaus bewusst war – und es sehr zu schätzen wusste, dass er sich zurücknahm und ihre Beziehung rein geschäftlicher Natur war. Sie hatte schon mehr als einem Mann mit deutlichen Worten erklären müssen, dass sie kein Interesse an einem Heim oder einer Familie hatte. Die Welt war ihr Zuhause. Wer das nicht begreifen konnte, für den hatte sie nichts übrig. Das Haus, in dem sie lebte, war nichts weiter, als eine Zwischenstation, ein Ort zum Lagern von Dingen, die sie nicht immer bei sich brauchte. Sie konnte es sich zwar vorstellen, eine Nacht mit ihm zu verbringen, sowohl aus Sympathie als auch aus der Neugier heraus. Doch sie würde es erst tun, wenn es klar war, dass sie ihn nicht wiedersehen würde, um jegliche Komplikationen zu vermeiden.

Feli legte nur einen kleinen Umweg ein, um ihren Proviant aufzustocken und auch etwas Hafer für das Pferd zu besorgen. Alles andere war bereits aus der Gewohnheit heraus vorbereitet und musste nur noch eingesammelt und verstaut werden. Wie immer reiste sie mit leichtem Gepäck. Wenig später verließ sie die Stadt über das Westtor. Während sie zunächst noch der Straße folgte, stieg sie in Gedanken hoch wie ein Vogel. Die Truppen des Rächerordens würden sicherlich die Straße nehmen. Die Straße wiederum folgte nicht unbedingt dem kürzesten Weg. Sie musste Ortschaften miteinander verbinden, auf Brücken achten, auf ein Gelände, das geeignet war für Kutschen und Fuhrwerke. In Gedanken legte Feli sich eine Route zurecht, die es ihr erlaubte, eine Abkürzung durch den lichten Wald zu nehmen. Auf diese Weise konnte sie sich selbst und ihrem Pferd eine kurze Rast an einem Bach ermöglichen, und würde dennoch vor dem Einbruch der Dunkelheit ein paar Straßenabschnitte prüfen können. Sollte sie bis dahin auf die Kampftruppen oder ihre frischen Spuren treffen, dann könnte sie spätestens in der Nacht zurückkehren und dem Richter wenigstens mit dem Vorsprung von ein paar Stunden die Informationen bringen. Anderenfalls würde sie ein, vielleicht zwei Tage gewinnen können.

Sie streichelte liebevoll über den Hals ihrer Stute Kari mit dem fuchsfarbenem Fell, die sie wegen ihrer Ausdauer ausgewählt hatte und die mit Sicherheit ihr kostbarster Besitz und ihre treueste Freundin war. Um ein Tier wie sie zu finden, war Feli vor Jahren bis in den Süden des Reiches gereist, ins ferne Fürstentum Kôsian, und hatte zudem Glück, die richtigen Leute zu kennen, so dass sie einen Freundschaftspreis bekommen hatte. Die berühmt-berüchtigten Dragons vergaßen nie ihre Feinde, aber noch weniger ihre Freunde, und Feli hatte genug Gefallen bei ihnen angesammelt für eine solche Kostbarkeit.

Ein leichter Druck mit den Oberschenkeln genügte, damit die Stute Felis Absichten verstand. Wenig später verschwanden Reiterin und Reittier aus der Sicht, auf einem schmalen Pfad zwischen den mit frischem Grün bedeckten Laubbäumen. Die Luft war frisch, und wurde zusehends wärmer. Das Wetter war ihr gnädig, und vielleicht war das sogar ein gutes Zeichen, ungeachtet der bösen Omen, die die finsteren Mondaspekte bei Nacht mit sich brachten.

Die erste Unterbrechung legte Feli um die Mittagszeit ein. Während Kari eine kurze Schonzeit hatte, am klaren Wasser eines Bachs und dem frischen Grün am Ufer, nahm Feli sich die Zeit, um die Beschaffenheit der Straße zu prüfen. Der andauernde Regen der vergangenen Tage hatte ganze Arbeit geleistet, die Erinnerung an die vielen Pilger und Händler auszumerzen, die zum Kloster gezogen waren, um nicht mehr von dort zurückzukehren. Auch die Spuren der Glücksritter, die den verschollenen Pilgern gefolgt waren, wurden vom Regen unkenntlich gemacht. Sie sah nur noch vereinzelte Reste von Abdrücken, die zu schwer beladenen Fuhrwerken gehört hatten, und zugehörige Spuren von Zugtieren und Menschen. Doch diese gehörten wohl kaum zu einem bewaffneten Heer mit Hundertschaften von Fußtruppen und Berittenen, sondern eher zu Leuten, die zwischen den Dörfern und Höfen umherzogen, vermutlich fahrende Händler oder Tagelöhner, die Arbeit auf den Höfen suchten. Feli hatte allerdings auch nicht erwartet, an dieser Stelle bereits die Kampftruppen anzutreffen. Es ging ihr vor allem darum, die Beschaffenheit der Straße etwas abseits der Stadt zu prüfen um abschätzen zu können, wie die relativ unberührten Passagen aussahen.

Die zweite Position prüfte Feli, als der Abend sich anzukündigen begann. Sie hatte ein großes Stück Weg gewonnen, da sie eine ihr bekannte Passage über den Fluss nutzen konnte, während die Straße einen meilenweiten Umweg zu einer Brücke schlug. Auch an dieser Stelle sah sie keine Hinweise auf ein vorbeigezogenes Heer. Nur die üblichen Spuren von einfachen Leuten, die ihren eigenen Tätigkeiten nachgingen und vermutlich nicht die geringste Ahnung davon hatten, in welcher Gefahr sie alle schwebten. Feli seufzte und blickte nach oben, um dem Sonnenstand nach ihre weiteren Möglichkeiten abzuschätzen. Sie hatte die Wahl zwischen einer kleineren Abkürzung, bei der sie noch vor dem Sonnenuntergang in einem kleinen Dorf einkehren konnte, aber nicht viel Zeit für den nächsten Tag gewinnen würde. Sie konnte auch eine längere Strecke einsparen, würde dann aber vom Einbruch der Nacht eingeholt werden. Zudem würde sie sich dann in einer weniger dicht besiedelten Gegend befinden, so dass die Gefahr bestand, an ein Rudel Wölfe zu geraten.

Während sie ihre Optionen abwog wurde ihr klar, dass sie die riskantere wählen musste, wenn sie mehr Zeit für ihre Rückkehr herausholen wollte. Dann fiel ihr eine Hütte entlang des Weges ein, die am Waldrand lag und Reisenden Schutz bieten sollte, die es nicht mehr rechtzeitig in ein Dorf schaffen würden und in keiner größeren Gruppe reisten, die ihnen Schutz bot. Damit war ihre Entscheidung getroffen, und Feli schwang sich rasch in den Sattel.

Da sie ihre Kari bisher noch vergleichsweise geschont hatte, nahm sie sich nun heraus, in den verbleibenden Stunden ein etwas höheres Tempo einzufordern. Die schmalen Wege durch die Waldabschnitte, die von Jägern und Waldläufern genutzt wurden, verlangsamten sie zwar im Vergleich zum offenen Feld, da sie auf peitschende Äste und Zweige achten musste und auch die Wurzeln am Boden waren nicht ungefährlich, doch sie kam immer noch schneller voran als über die gewundene Straße.

Die Sonne senkte sich unaufhaltsam zum Horizont. Als Feli an ihrem letzten Punkt der Straße angekommen war, um dort die Spuren zu prüfen, war sie schon fast hinter den Baumwipfeln verschwunden. Feli hatte gerade noch genug Licht, um sicher zu gehen, dass sie auch an dieser Stelle noch vor den Truppen des Rächerordens war. Einen kürzlich vorbeigezogenen Tross hätte man anhand der Spuren klar erkennen müssen. Darüber hinaus war sie sich sicher, dass die Männer zu dieser Tageszeit das Nachtlager vorbereiten würden. So günstig wie der Wind gerade wehte, würde sie die laute Geräuschkulisse noch meilenweit hören, falls das Lager sich weiter in Richtung Starogrâd befand. Sie war sich sicher, dass die Truppen noch vor ihr waren.

Damit wandte sie sich mit Blicken und Gedanken ihrem nächsten Ziel zu. Auch wenn die Tage inzwischen länger waren, würde sie die Hütte nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Doch zu ihrem Vorteil musste sie dafür die Straße nicht mehr verlassen, außer beim allerletzten Stück, der über eine Wiese führte und an den Wald heran. Für alle Fälle bereitete sie eine kleine Laterne vor, füllte das Öl nach und entzündete den Docht. Solange sie noch halbwegs etwas sehen konnte, trieb sie die Stute an, um Zeit zu gewinnen. Je schneller sie bei der Hütte ankam, desto schneller konnte sie schlafen, desto eher konnte sie am kommenden Morgen aufstehen.

Der graue Mond, auch bekannt als das Chaosgestirn und der rote Mond des Feuers waren bereits am Himmel zu sehen, während die übrigen drei im Zwielicht nur zu erahnen waren. Feli trieb Kari zur Eile an. Die Stute spürte die Nervosität ihrer Reiterin und eilte die Straße entlang. Feli hoffte zwar darauf, dass die Wölfe es inzwischen einfacher hatten, in den Wäldern Beute zu reißen im Vergleich zum kargen Winter, und ihr nicht entlang des Weges auflauern würden, doch man konnte sich nie sicher sein. Menschen waren nicht die einzigen, die zur dunklen Phase des roten Mondes stärker zu finsteren, blutrünstigen Gefühlen und Taten neigten, auch die Raubtiere waren in dieser Zeit gefährlicher. Darum nannte man das Gestirn in solchen Zeiten auch den Blutmond.

Das Sonnenlicht schwand immer mehr zu einem immer schwächeren Glimmen über den Baumwipfeln und erstarb schließlich ganz. Mit ihm zusammen verstummten die tagaktiven Vögel. Das Licht der Monde war zwar hell genug, um die Straße zu erkennen, sobald sich die Augen darauf eingestellt hatten, doch nicht ausreichend, um eine lauernde Gefahr um sie herum zu bemerken. Immerhin war es nicht mehr weit. Noch ein Paar Meilen über die Straße, dann eine kurze Strecke über den Wiesenpfad. Die von ihr angepeilte Hütte stand unweit eines Bachs, wo sie ihren Wasserschlauch befüllen und Kari tränken konnte.

Feli griff zur Laterne, um das schwach glimmende Licht stärker aufzudrehen, da sah sie, wie sich die Ohren der Stute aufstellten und hörte selbst das Knurren der Raubtiere um sie herum. Von beiden Seiten sprangen die lauernden Wölfe sie an. Im Bruchteil eines Augenblicks zählte sie drei Tiere auf der einen Seite und drei auf der anderen. Mit einem Kampfschrei zog sie ihre Waffe, gab Kari aber mit ihren Oberschenkeln zu verstehen, dass sie nach vorne preschen sollte. Zwei der Wölfe versuchten ihnen jedoch den Weg abzuschneiden. Die Stute bäumte sich auf und schlug mit den Hufen aus. Feli hielt sich mit etwas Mühe im Sattel fest und schlug nach dem anderen Wolf. Den Hufen entgingen die Räuber, doch Felis Säbel fand ihr Ziel und schnitt dem Wolf ins Fleisch, zog eine Spur aus frischem Blut hinter sich, das über die Erde und das Gras spritzte. Das Tier heulte auf vor Schmerz und zog sich zurück. Dann gab sie Kari erneut das Zeichen, weiter zu reiten, brüllte laut und knurrte dann mit gefletschten Zähnen, um den Wölfen begreiflich zu machen, dass sie keine leichte Beute war. Dann verteilte sie Hiebe nach links und rechts, um diejenigen Räuber abzudrängen, die nach ihren Beinen schnappten. Der linke Hieb verfehlte den Wolf, der geschickt nach Hinten zurückwich. Der rechte jedoch traf zielsicher, und der nächste Räuber musste Blut lassen, heulte auf und winselte sogar. Kari schlug noch einmal mit ihren Hinterläufen aus, dann preschte sie nach vorne, bevor die nächsten Wölfe nachrücken und ihr abermals den Weg versperren konnten.

Feli drückte sich an das Tier, um dem Wind weniger Widerstand zu bieten, und warf einen Blick nach hinten über die Schulter, während Karis Überlebensinstinkt sie nach vorne über die Straße trieb. Sie sah, dass die unverletzten Wölfe ihnen zuerst noch nachjagten, doch dann die Verfolgung aufgaben und von der Finsternis der Nacht verschluckt wurden. Kari raste durch die Nacht, und erst als die Hütte in unmittelbarer Nähe war, gab Feli ihr das Zeichen zur Entwarnung. Sie stieg ab und strich der Stute beruhigend über den Hals, während sie ihr leise zusprach. Dann führte sie das Tier zum Bach, hängte die Laterne an einen nahen Ast, und ließ sie trinken, während sie ihr den Sattel abnahm und mit einem Tuch den Schweiß abwischte. Sie nahm sich auch die Zeit, die Läufe der Stute auf Verletzungen zu prüfen, und stellte mit Erleichterung fest, dass das flinke, wendige Tier in der glücklicherweise kurzen Auseinandersetzung mit den Wölfen nichts abbekommen hatte. Sie trank selbst etwas, aufmerksam lauschend, und füllte ihren Wasserschlauch mit dem klaren Wasser auf. Dann führte sie die Stute in Richtung Hütte.

Feli glaubte zwar nicht, dass das kleine Wolfsrudel ihnen nachsetzen und ihnen womöglich auflauern würde, doch um sicher zu sein ließ sie Feli nicht in der Nacht draußen grasen, sondern nahm sie mit unters Dach. Die Hütte war groß genug, um auch ein Pferd reinzulassen und zu beherbergen. Als kleine Aufmerksamkeit gab Feli ihrer Stute eine Möhre zu fressen, und hing ihr einen Beutel mit Hafer um, während sie selbst noch etwas Dörrfleisch und einen Apfel verspeiste. Danach stellte sie sicher, dass die Tür und die Fensterläden fest verriegelt waren, und hing für sich selbst zum Schlafen eine Hängematte an den in die Wände eingelassenen Haken auf. Sie schlief wie gewohnt schnell ein und wurde bis zum Morgengrauen von keinen Träumen gestört, weder guten noch bösen.

Kapitel 9

Der Richter erwachte am Morgen zur gewohnten frühen Stunde und fühlte sich kaum erfrischt. Die scheußlichen Albträume machten ihm zu schaffen. Mit dieser Art Schreckgespenstern hatte ihn der Schlaf bisher noch nie gequält, und jetzt suchten sie ihn gleich zwei Nächte in Folge heim. Doch da musste er jetzt durch. Leicht benebelt und mechanisch aß er sein Frühstück, verabschiedete sich von seinem Hausdiener, und machte sich auf den Weg zum Rathaus. Er setzte wie gewohnt einen Fuß vor den anderen, nickte gedankenverloren der Bäckerwitwe zu, und bemerkte erst dann, dass er deutlich langsamer unterwegs war im Vergleich zu seinem gewohnten Tempo. Als ob etwas ihn ihm die kommenden Dinge von sich schieben, noch etwas Zeit schinden wollte. Er atmete tief durch, um sich zusammenzureißen, und begann, schneller zu gehen. Er musste noch einiges erledigen, bevor er sich mit der Oberin zum Mittagessen treffen würde. Denn am Nachmittag würde er die Stadtherren aufsuchen müssen, um mit ihnen die noch anstehenden Vorbereitungen zu besprechen. Und auch wenn nur zwei von ihnen derzeit in der Stadt waren, so würde die Angelegenheit dennoch einiges an Zeit benötigen.

Frau Petrana Eisenmeister, eine verbitterte und strenge Witwe, neigte dazu, sich pedantisch mit allerhand Details aufzuhalten. Sie war zudem dem Klerus wohlgesonnen und würde gewiss verlangen, dass die Stadt im besten Licht erscheinen müsste – wozu auch gehörte, dass die hochrangigen Mitglieder des Rächerordens die bestmöglichen Unterkünfte erhielten. Karl hoffte insgeheim, dass sie den ranghöchsten von ihnen eine persönliche Einladung auf ihr Anwesen aussprechen würde. Dann könnte ihr straff geführter Haushalt, in dem es angeblich strenger zuging als in einem Kloster, sicherlich alles nötige dafür tun, damit die Herrschaften des Ordens nichts auszusetzen hätten.

Für Femeon Waldherr würde Karl ebenfalls einiges an Zeit benötigen, allerdings aus anderen Gründen. Dieser Stadtherr war so ziemlich das genaue Gegenteil von Frau Eisenmeister – ein weicher, freundlicher Mann, der dazu neigte, ständig abzuschweifen und nie auf den Punkt zu kommen. Er war eine recht unterhaltsame Gesellschaft bei geselligen Zusammenkünften, doch wann immer es um wichtige Themen ging, war der Mann in seiner Inkompetenz nicht zu ertragen. Seine Frau Daria war diejenige, die sich um alle Geschäfte kümmerte – unglücklicherweise hielt sie sich häufig nicht in der Stadt auf sondern sah persönlich und zusammen mit ihrem Sohn nach den Holzfällern und dem Holztransport über den Fluss. Wenn man der Gerüchteküche glauben konnte, so verließ mit der Hausherrin auch jegliche Disziplin den Haushalt des Waldherr-Anwesens, da Femeon selbst den Leuten allerhand durchgehen ließ und sich nicht im Geringsten um die Dinge kümmerte, die eine Frau Eisenmeister als verderbten Verfall der Sitten bezeichnet hätte.

Auf den Straßen der Stadt war mit dem guten Wetter nun definitiv die gewohnte Geschäftstüchtigkeit eingekehrt. Der Richter achtete nicht besonders auf das Treiben der Leute um ihn herum, da er sich so schnell wie möglich im Rathaus einfinden wollte. Er hatte aber auch nie Interesse daran gezeigt, sich mit den Menschen auf einer so nahen Weise zu befassen. Ihr Geschnatter, ihre Gerüche, ihre oft zu aufdringliche Nähe bereiteten ihm Unbehagen. Er fand keinen Vergnügen daran, sich darüber zu unterhalten, wer mit wem zugange war, wo schon wieder ein Kind geboren wurde, oder mal wieder jemand verstorben war. Verbrechen interessierten ihn, weil das sein Beruf und seine Verantwortung war, aber mit allem anderen konnten die Leute ihm wirklich gestohlen bleiben. Und jetzt, wo es erneut warm wurde und die Leute immer öfter miteinander in Berührung kamen, war er froh, sich so schnell wie möglich wieder in seine Stube zu seinen Dokumenten zurückziehen zu können. Es gab nur sehr wenige Menschen auf der Welt, mit denen er irgendeine Form von Nähe unterhalten wollen würde, und dazu zählte keiner der Leute um ihn herum.

Auf seinem Schreibtisch häuften sich die Rückmeldungen, die ihm von den Boten gebracht wurden. Karl inspizierte sie sorgfältig eine nach der anderen und seine innere Unruhe legte sich ein wenig. Die Stadt hatte genug Vorräte vorzuweisen, um einige Tausend zusätzlicher Münder für ein bis zwei Wochen versorgen zu können – das, was die Pilger nicht hatten aufbrauchen können, da ihre Rückkehr aus dem Kloster nicht stattgefunden hatte. Alternativ würde man mit den vorhandenen Vorräten eine längere Belagerung überstehen können, sollte sich aus irgendeinem Grund ein solcher Notfall einstellen. Der letzte große Krieg lag zwar dankenswerter Weise schon etliche Jahrhunderte zurück, doch man konnte ja nie wissen, was die Zukunft mit sich brachte.

Auch hinsichtlich der möglichen Unterkünfte gab es nichts zu befürchten. Den „Lustigen Bären“ setzte Karl bewusst möglichst weit nach unten auf die Liste, mit dem Vermerk, dass dort nur einfache Leute und Söldner einkehrten und man den ranghöchsten Rächern eine ihres Standes würdigere Unterkunft anbieten wolle. Die Gaststätten rund um die Kirche der Stadt setzte Karl dagegen möglichst vorn auf die Liste, da die Mitglieder des Klerus sicherlich die Nähe des heiligen Ortes bevorzugen würden. Die Möglichkeit einer Aufnahme im Anwesen der Familie Eisenmeister versah er noch mit einem Fragezeichen. Er wollte sich dazu erst noch die Zustimmung der Stadtherrin einholen.

Der Glockenschlag der Kirchturmuhr riss Karl aus seiner Arbeit und er erschrak ein wenig. Beinahe hätte er seine Verabredung mit Oberin Klarina verpasst. Eilig räumte er die Dokumente an den ihnen zugewiesenen Platz und machte sich auf den Weg zum Kloster der Schwesternschaft, wo die Oberin ihn empfangen wollte. Besonderen Appetit hatte er zwar nicht, aber das war vermutlich auch gut so. Das Kloster würde ihm ein eher einfaches Mittagsmahl anbieten, und es würde einen guten Eindruck bei Klarina erwecken, wenn ihm das genügte. Zum Glück war das Rathaus nicht allzu weit von der Kirche und dem Kloster mit seinem Hospital und dem Waisenhaus entfernt.

Die Oberin wartete bereits auf ihn, als er dort eintraf und von einer der Novizinnen zu ihr gebracht wurde. Sie erhob sich zur Begrüßung und verbeugte sich leicht. Der Richter erwiderte diese Geste und verbeugte sich ein wenig tiefer als Zeichen seiner Ehrerbietung.

Sie zog eine Augenbraue hoch und sprach, als sie sich wieder setzte: „Es ist sehr ungewohnt, dass Ihr nicht pünktlich erscheint, werter Richter. Ist etwas passiert?“

Er schüttelte den Kopf und lächelte beschwichtigend, während er ebenfalls Platz nahm: „Ich war nur sehr von meinem Tagwerk eingenommen, das ist alles.“

Sie lächelte versöhnlich: „Müßiggang ist aller Laster Anfang, sagt man – umso besser, dass Ihr Euch nicht davon anstecken lasst. Nun, bei uns gibt es heute einen Gemüseeintopf mit dunklem Brot. Ich hoffe, das ist Euch genehm.“

Eine der Schwestern deckte den Tisch, während die Oberin sprach, und füllte die einfachen Tonteller mit der Mahlzeit, ergänzt mit einer Scheibe Brot für jeden der Beiden.

Der Richter sog den wohlriechenden Duft der Speise ein und lächelte: „Ich danke Euch für diese Speisen, mehr ist wahrlich nicht nötig.“

Die Oberin nickte mit einem Lächeln und die Schwester ließ sie allein. Klarina faltete die Hände vor der Brust, Karl ebenso, und sie sprach ein einfaches Gebet vor dem Essen, mit dem Dank an den himmlischen Vater und die himmlische Mutter für diese Gaben. Dann verspeisten sie den Eintopf schweigend Löffel für Löffel, um im Anschluss mit dem Gespräch zu beginnen. Oberin Klarina bat den Richter, ihr dazu in den Kräutergarten zu folgen, wo sie nach dem Mahl zu spazieren pflegte und gleichzeitig nach den Pflanzen sah, die nicht nur ihre Mahlzeiten mit ihrem Aroma bereicherten, sondern auch in den heilenden Tees, Salben und Tinkturen Verwendung fanden. Es war einer der wenigen Orte, an denen in Ausnahmefällen die Anwesenheit eines Mannes gestattet war, zumindest im Falle eines Würdenträgers wie Karl einer war.

„Nun, was wolltet Ihr besprechen, Richter?“, fragte sie ihn leise, um die wenigen im Garten anwesenden Schwestern nicht in die Versuchung der Neugier zu locken.

Karl seufzte leise: „Ich weiß ehrlich nicht, wie ich anfangen soll. Es ist... eine neblige Sorge, die mich seit ein paar Tagen umtreibt – um genau zu sein, seit der Dämonenjäger zum Kloster aufgebrochen ist. Träume und Ahnungen sind nichts, womit ich mich bislang abgegeben habe, doch nun...“

Klarina warf ihm einen prüfenden Blick zu: „Ihr tut gut daran, damit zu mir zu kommen. Erzählt mir von den Träumen.“

Karl nickte und schilderte ihr alles, woran er sich erinnern konnte. Er beschrieb den Zweigesichtigen und erwähnte auch, dass er inzwischen wusste, dass das Gesicht zu einem der Wachmänner gehörte, und dass eben dieser Wachmann den verrückten Timeon in die Obhut der Schwestern gebracht hatte. Er erzählte vom geschändeten Symbol des Glaubens und dass er befürchtete, dass dies womöglich den Tod oder sogar den Fall des Dämonenjägers bedeutete. Er erwähnte auch den jüngsten Traum, der für ihn nichts anderes bedeutete als ein schreckliches Unheil, das der Stadt drohte. Seinen Besuch bei Bjarn Bärenpranke und die Warnung bezüglich dessen Familie sprach er vorerst nicht an. Er war sich zwar sicher, dass diese Leute von einer Frau wie Klarina selbst nichts zu befürchten hatten. Schließlich war sie keine Fanatikerin. Doch er konnte nicht sagen, ob sie sich nicht verpflichtet fühlen würde, das an die Rächer zu berichten, wenn diese danach fragen würden. Es war besser, keine unnötige Aufmerksamkeit auf diejenigen zu lenken, die grundlos beschuldigt werden könnten.

Die Oberin hörte ihm zu, nickte hin und wieder mit dem Kopf, unternahm meist aber keine Anstalten, ihn zu unterbrechen. Nur hin und wieder fragte sie nach, was genau er gemeint hatte, als wollte sie sich ein besseres Bild von dem machen, was ihm in seinen Träumen erschienen war. Die Erwähnung des Zweigesichtigen hatte bei ihr zunächst keine besondere Reaktion hervorgerufen. Doch Karl merkte, dass seine Entdeckung von dessen Identität sie deutlich beunruhigte – mehr als er erwartet hätte.

Als er zu Ende gesprochen hatte, geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Klarina legte ihm ihre rechte Hand auf den linken Oberarm, knapp unterhalb der Schulter, und sah ihm ernst in die Augen. Er war überrascht über diese Geste, und noch viel mehr darüber, dass sie ihn nicht störte, wie das normalerweise der Fall gewesen wäre.

„Was ich Euch jetzt sage, muss unbedingt unter uns bleiben, zumindest vorerst. Der Dämonenjäger hat angedeutet, dass der Wahnsinn, der Timeon in Besitz genommen hat, auf andere Personen übergehen kann, insbesondere auf die mit einem schwachen Willen, die selbst den einfachen, gewöhnlichen Versuchungen der Welt nicht widerstehen können. Doch diese... Besessenheit könnte sogar von noch stärkerer Natur sein, da wir selbst bei einigen der Schwestern ihren Einfluss hatten feststellen können.“

Der Richter sog erstaunt und auch etwas entsetzt den Atem an und gab sich Mühe, sich die Reaktion möglichst wenig anmerken zu lassen.

Die Oberin sprach unterdessen weiter: „Ihr müsst Euch um unser Kloster keine Gedanken machen. Wir haben alle nötigen Schritte unternommen, um zu verhindern, dass sich der Wahn ausbreitet. Die Schwestern sind außer Gefahr, unsere Kranken und anderen Schützlinge versorgt und selbst der unglückliche Timeon befindet sich auf dem Weg der Besserung und wird wohl wieder in den Schoß der Heiligen Familie zurückfinden.“

Karl führte mit seiner Antwort den Gedanken zu Ende: „Es sind also eher die Menschen außerhalb des Klosters, um die wir uns Sorgen machen müssen.“

Klarina nickte und hielt kurz inne, als ob sie sich nicht sicher war, wie sie weitersprechen sollte. Dann fasste sie sich schließlich: „Und ich bitte Euch um die Erlaubnis, in Euren Geist hinein zu forschen. Ich muss wissen, wo die Ursprünge der Albträume liegen, die Euch heimsuchen.“

Karl nickte: „Das könnt Ihr gerne tun, und solltet Ihr sogar.“

Sie lächelte: „Dann schließt Eure Augen und atmet tief und langsam.“

Er tat wie geheißen und spürte, wie sie die andere Hand auf seinen rechten Oberarm legte und damit einen Kreis bildete. Dann glitten ihre Hände ein wenig nach unten, so dass sie sich auf Höhe seines Herzens befanden. Sie begann, eine Melodie zu summen, die für ihn einen recht klerikalen Klang hatte, von der Tonalität her an die Gesänge erinnernd, die dem Geist des Heiligen Mittlers zuzuordnen waren – der nicht zuletzt für das Aufdecken der Wahrheit verantwortlich war. Dann spürte er, wie ihre Präsenz seine Seele berührte und war überwältigt in diesem einen Moment, in dem erneut alle Emotionen auflebten, die seine Träume in ihm geweckt hatten – Verwirrung, Schrecken, bis hin zum Ekel über die Melodie des Zweigesichtigen, die er selbst nachgesummt hatte. Doch dann spürte er den Hauch einer weiteren Präsenz, die wie ein erfrischender, kühler Wind an ihm vorbeizog und den Dunst des Grauens von ihm nahm.

„Ihr könnt die Augen wieder öffnen“, hörte er Klarinas herbe Stimme, in der trotz der Besorgnis auch eine Spur Hoffnung mitschwang. All das konnte er auch aus ihrem Gesicht herauslesen, in das er nun sah.

Sie lächelte schwach, während sie ihre Hände von seinen Armen löste: „Ihr müsst Euch nicht fürchten vor diesen Träumen. Der Dämonenjäger selbst hat sie euch geschickt, als Warnung. Ich habe deutlich seine Präsenz und seine Absicht in ihnen gespürt. Sie sind so schrecklich, damit Ihr sie nicht zur Seite schiebt, damit Ihr nicht untätig bleibt. Er war es gewesen, der die Verderbnis im Wachmann gespürt hatte, er hatte wohl nur keine Möglichkeit, sich selbst dieses Problems anzunehmen. Es ist unsere Aufgabe, die Aufgabe der Leute hier, dafür zu sorgen, dass unsere Stadt dem Bösen nicht anheimfällt.“

Er nickte und war zumindest etwas erleichtert: „Wenigstens etwas Gutes inmitten der schlechten Nachrichten. Doch können wir noch etwas vollbringen, bevor die Rächer hier eintreffen?“

Sie blickte ihn an, als wäre sie sich nicht sicher: „Nun, was das Kloster angeht, kann ich Euch versichern, dass wir uns gegen jegliche Widrigkeiten halten können. Ich werde umgehend mit dem Großen Bruder Dobreon sprechen. Wenn es jemandem gelingt, ein Wunder zu wirken, dann ihm. Und Ihr solltet euch um die weltlichen Dinge kümmern.“

Karl nickte: „Ja, ich werde heute noch mit den Stadtherren über die Angelegenheit sprechen und auch schnellstmöglich den Hauptmann der Wache aufsuchen. Sagt, worauf müssen wir achten, um die Betroffenen von den Reinen zu unterscheiden?“

Die Oberin senkte die Augen, straffte sich und sah ihn dann wieder ernst an: „Es... ist kein Thema, über das ich gerne spreche, aber natürlich solltet Ihr das wissen. Da die Verderbtheit von den fleischlichen Teleram ausgeht... müssen wir mit allen Schwächen des Fleisches rechnen.“

Der Richter verzog seinen Mund: „Also alles angefangen mit der Wollust bis hin zu Raserei und Blutdurst?“

Sie nickte: „Ja, Zügellosigkeit und Gewalt.“

Der Richter grinste schief: „Zumindest letzteres fällt in meinen Zuständigkeitsbereich und auch in den der Stadtwache. Für das erstere sollte wohl eher der Große Bruder eine Lösung finden. Wir können unmöglich allen Leuten hier Keuschheitsgürtel anlegen.“

Karl hatte es nicht erwartet, aber der Oberin entwich tatsächlich ein kurzes Lachen: „Das wäre eine zu einfache Lösung. Gebt gut auf Euch Acht, Herr Richter. Und möge die Heilige Familie uns beistehen.“

Er verbeugte sich abermals vor ihr, diesmal zum Abschied: „Ich danke Euch. Ich werde mein Möglichstes tun.“

Mit diesen Worten machte er auf dem Absatz kehrt und eilte hinaus. Er wollte nicht einen Augenblick vergeuden und sich sofort auf den Weg zum Hauptmann der Wache machen. Die Oberin schlug das Schutzzeichen über sich und wandte sich ebenfalls zum Gehen. Sie instruierte die Schwestern mit den bevorstehenden Aufgaben und begab sich zur Kirche. Und dann nahm sie sich vor, nach dem Gespräch mit dem Großen Bruder in den Teil der Stadt zu gehen, in den sie bisher noch nie auch nur in Gedanken einen Fuß gesetzt hatte. Sie musste wissen, wie es um die größten Sünder und Sünderinnen in dieser Stadt stand.

***

Um Hauptmann Forster zu sprechen musste Karl wohl oder übel den Marktplatz überqueren, auf dem jetzt schon ein geschäftiges Treiben herrschte und der Markt wie gewohnt erst am nächsten Tag der Woche, dem Bûrtan, angesetzt war. Die aus größerer Entfernung angereisten Händler waren jetzt schon damit beschäftigt, ihre Stände aufzubauen und die Waren soweit einzuräumen, dass sie diese am Markttag nur noch verkaufen mussten. Der eine oder andere übereifrige Kunde war zudem jetzt schon vor Ort und versuchte, möglicher Konkurrenz zuvorzukommen – oder schlicht und einfach jetzt schon Dinge wieder aufzufüllen, die im Haushalt oder in der Werkstatt nicht mehr vorrätig oder kaputt gegangen waren. Normalerweise würden ein paar Ordnungsleute in der Stadt das Treiben beaufsichtigen und dafür sorgen, dass der Handel in geordneten Bahnen erst am nachfolgenden Tag begann. Doch wie es schien, fühlte sich in diesem Augenblick keiner für diese Aufgabe zuständig.

Karl runzelte die Stirn. Dann fiel ihm auf, dass es wohl am anderen Ende des Marktplatzes eine handfeste Auseinandersetzung zwischen ein paar Männern gab, bei der die Stadtwachen eingegriffen hatten und die Streithähne gerade auseinanderzogen. Je nachdem, wie die Angelegenheit sich weiterentwickelte, würden die beiden Männer möglicherweise mit einem blauen Auge davonkommen und nur ein Bußgeld zahlen. Bei schwerwiegenderen Vergehen konnten die Wachleute vor Ort eine Prügelstrafe erteilen, wie das so üblich war. Sofern kein größerer Schaden entstand, würde es sich damit bewenden. Die Wachleute hatten gewisse Handhabe bei Ruhestörungen und Tunichtguten, als nächste Instanz war der Hauptmann angesprochen, und bei schwerwiegenden Verbrechen hatte dann er als Richter eine Entscheidung zu treffen. Diese Leute würden dann in den Kerker gebracht, wo sie auf die Verhandlung zu warten hatten. Karl schätzte die Situation aber als nicht so schwerwiegend ein, als dass er am nächsten Tag davon hören würde. Es sah nicht so aus, als ob einer der Männer eine Waffe gezogen oder schwere Verletzungen erlitten hätte. Also setzte Karl seinen Marsch zum Hauptquartier der Wache fort.

Das Gebäude lag an einer größeren Kreuzung, über die man alle drei Stadttore gut erreichen konnte, und von der aus die verschiedenen Patrouillen starteten. Erstaunt sah Karl, dass genau zum Zeitpunkt seines Eintreffens ein gebundener Mann von zwei Wachleuten in Richtung Kerker geschleppt wurde. Der Mann wirkte sehr ungehalten und versuchte immerzu, sich loszureißen und möglicherweise sogar einen der Wachleute zu beißen. Es sah sogar so aus, als hatte er sogar Schaum vor dem Mund, doch dessen war sich Karl nicht sicher. Im Zusammenhang mit dem, was die Oberin ihm anvertraut hatte, weckte der Anblick ein starkes Gefühl der Besorgnis in ihm.

Karl fragte sich eilig zum Hauptmann durch, der wohl gerade ein paar der Wachleute instruierte. Hauptmann Forster war ein Mann um die Vierzig. Er hatte ein markantes, wenn auch nicht besonders gutaussehendes Gesicht, war großgewachsen und von kräftiger Statur, und machte damit durchaus einen Eindruck. In den letzten Jahren hatte er allerdings ein wenig um die Leibesmitte zugelegt und Geheimratsecken entwickelt. In seinem dunkelbraunen Haar und Bart waren außerdem auch schon die ersten grauen Haare zu sehen. Doch er war noch immer so kräftig und kampferfahren wie eh und je, wurde von seinen Männern stets mit viel Respekt bedacht und von seiner Ehegattin durchaus eifersüchtig gehütet.

Der Richter wartete ab bis der Hauptmann seine Besprechung abgeschlossen hatte und ihn bemerkte. Der ohnehin schon missmutige Gesichtsausdruck von Forster verdunkelte sich noch etwas mehr.

„Ich grüße Euch, Herr Richter“, sprach er ihn mit seinem dunklen Bass an. „Ich vermute, es sind keine guten Neuigkeiten, die Euch zu mir führen.“

Karl schüttelte den Kopf: „Unglücklicherweise nein. Können wir irgendwo unter vier Augen miteinander sprechen?“

Der Hauptmann zog die Augenbrauen zusammen, nickte dann aber und deutete dem Richter an, er möge ihm folgen. Die beiden zogen sich in einen ruhigen, gut gesicherten Raum zurück, in dem der Hauptmann Aufzeichnungen bearbeitete und sich um die Verwaltung der Bußgelder kümmerte.

Ohne Umschweife begann Forster zu reden: „Also, was gibt es in der Stadt, dass der Richter zum Hauptmann kommt? Sagt mir bitte nicht, dass die Ereignisse der letzten Tage damit zu tun haben. Wir geben uns alle Mühe, die Dinge unter Kontrolle zu halten.“

Der Richter zog eine Augenbraue hoch: „Meint Ihr etwa den Besuch des Dämonenjägers?“

Der Hauptmann sah ihn verdutzt an: „Ich meine die vielen Prügeleien und Beschwerden über aufdringliche Männer und Frauen bis hin zu Vergewaltigungen. Was soll der Dämonenjäger damit zu tun haben?“

Karl atmete tief durch und fasste sich an die Stirn. Dann sah er den Hauptmann an: „Der Dämonenjäger hatte durchblicken lassen, dass der unglückselige Glücksritter Timeon eine dämonische Verderbnis in die Stadt eingeschleppt hat, und dass zumindest einer der Wachleute betroffen ist. Doch mir scheint es jetzt, als ob die Sache größere Ausmaße angenommen hat als befürchtet.“

Der Hauptmann gab einen wütenden Aufschrei von sich und schlug mit der Hand auf die Tischplatte. Der Richter zuckte zusammen und fragte sich sofort, ob der Hauptmann nicht möglicherweise selbst schon betroffen war. Doch andererseits hatte Forster schon immer ein aufbrausendes Temperament – er hatte es nur stets gut genug unter Kontrolle. Vielleicht hatte auch er einen Nordmann-Vorfahren in seiner Ahnenlinie, von dem niemand mehr etwas wusste.

Forster knurrte unterdessen: „Falls das stimmt, dann haben wir vermutlich keine Möglichkeit mehr, etwas zu unternehmen. Wie zeigt sich diese Verderbnis? Und welcher Wachmann soll betroffen sein?“

Karl seufzte: „Durch Gewalttaten und Zügellosigkeit. Und die Rede war von Lans.“

Der Hauptmann verengte die Augen: „Nun, was Gewalttaten und Zügellosigkeit angeht, die Schwierigkeiten haben wir seit knapp einer Woche. Wir haben allerdings vermutet, dass das grässliche Leuchten im Kloster im Dunkeln die Ursache dafür ist, dass so viele Leute sich ungehörig benehmen – weil die meisten Gewalttaten bei Nacht passiert sind. Was Lans angeht kann ich nicht glauben, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Sein Verhalten ist tadellos, und er hatte noch nie auch nur eine andere Frau unangemessen angeblickt. Er ist ein wirklich sehr treuer Ehemann, seit Jahren verheiratet und noch immer wie frisch verliebt.“

Karl zog eine Augenbraue hoch und sah Forster skeptisch an: „Noch immer?“

Forster rollte mit den Augen: „Um genau zu sein, war es in den letzten Jahren ruhiger gewesen und Lans hatte mehr Zeit mit den Männern beim Bier verbracht als bei seiner Frau, aber jetzt scheint bei den beiden alles wieder in bester Ordnung zu sein. Ich glaube, sie machen sich sogar Hoffnung auf Nachwuchs, der ihnen bisher verwehrt blieb.“

Der Richter seufzte und dachte sich, dass sich eine so plötzlich wieder entflammte Leidenschaft für ihn schon sehr verdächtig anhörte, wollte aber nicht weiter nachbohren: „Na schön, wie auch immer. Falls Euch ein unangemessen grausames oder lüsternes Verhalten der Wachleute zu Ohren kommen sollte, dann wendet Euch bitte an Oberin Klarina oder an den Großen Bruder persönlich. Sie werden sicherlich wissen, was zu tun ist, um der Verderbnis Herr zu werden.“

Der Hauptmann grinste schief: „Oh ich kann mir gut vorstellen, was sie sagen würden. Gebete, Enthaltsamkeit, Mäßigung und überhaupt der Verzicht auf alles, was auch nur ansatzweise Spaß macht. Und spätestens beim Bier werden die Männer ungehalten sein.“

Der Richter rollte mit den Augen: „Wie auch immer. Wir müssen wachsam sein und uns nichts zuschulden kommen lassen.“ Dann sprach er etwas leiser: „Schon allein deshalb, weil wir die Ankunft des Rächerordens erwarten.“

Der Hauptmann nickte. Das war eine Tatsache, die ihm bereits bekannt war, an die er aber offensichtlich nicht denken wollte. Dann sah er den Richter fragend an: „Und wisst Ihr zufällig, wann wir mit ihrem Eintreffen rechnen können?“

Karl seufzte: „Das versuche ich noch immer in Erfahrung zu bringen. Ich vermute aber, frühestens übermorgen. Sonst wäre meine Kundschafterin schon wieder zurück.“

Forster nickte abermals: „Gut, wenigstens haben wir noch ein paar Tage. Ich werde den Männern nochmals einschärfen, in der nächsten Zeit möglichst... tadellos zu sein. Und was machen wir mit denen im Kerker?“

Der Richter überlegte kurz: „Ich denke es ist besser, sie vorerst noch eingesperrt zu lassen, und sie gut zu bewachen. Ich kann im Augenblick nicht sagen, wie sich diese Verderbnis entwickelt, und wie sie sich verbreitet. In jedem Fall ist es sicherlich besser für die Stadt, wenn sie keine Unruhe stiften können, und wer weiß, vielleicht bringen die Gefangenschaft und die kargen Mahlzeiten sogar eine Besserung, als eine Art unfreiwillige Bußezeit.“

Der Hauptmann sah so aus, als wäre er im Prinzip mit dem Vorschlag einverstanden, aber nicht besonders zufrieden: „Und was machen wir mit den Leuten, die keinen Platz mehr im Kerker finden?“

Karl seufzte: „Haben wir die Möglichkeit, ein behelfsmäßiges Gefängnis einzurichten?“

Der Hauptmann überlegte kurz: „Ich werde sehen, was sich machen lässt.“

Der Richter nickte: „Gut. Dann werde ich sehen, ob ich uns noch die Unterstützung der Stadtherren sichern kann.“

Forster grinste schief: „Viel Glück dabei. Ausgerechnet Eisenmeister und Waldherr sind vor Ort.“

Karl nickte missmutig: „Ich weiß. Euch auch viel Glück... und stellt mehr Männer auf beim Markt. Wer weiß, was da noch passieren könnte.“

Forster nickte: „Ja, das habe ich mir auch gedacht. Ich werde mich bei Euch melden, sollte noch etwas ungewöhnliches passieren. Schickt mir eine Nachricht, wenn sich bei den Stadtherren etwas ergibt.“

Der Richter nickte ebenfalls und reichte Forster die Hand, die dieser mit einem festen Druck bedachte. Dann machte sich der Richter erneut auf den Weg.

Kapitel 10

Feli erwachte wie gewohnt im Morgengrauen. Die minimale Änderung der Helligkeit in der größtenteils abgeschotteten, aber nicht vollkommen abgedichteten Hütte genügte ihr, um den anbrechenden Tag zu erkennen. Sie kletterte aus der Hängematte, packte diese schnell zusammen und führte Kari hinaus, damit sie wieder trinken und etwas grasen konnte, während Feli sich selbst eilig frisch machte und ein wenig Brot und Käse zum Frühstück verspeiste.

In Gedanken ging Feli bereits die Strecke durch, die sie an diesem Morgen prüfen wollte. Diesmal würde sie zunächst einmal auf die Straße zurückkehren und einige Meilen auf diese Weise hinter sich bringen. An diesem Wegabschnitt gab es tatsächlich keine nennenswerte Abkürzung, mit der sie sich Zeit herausholen konnte. Danach aber würde sie wieder eine Windung nutzen können. Die Straße würde Grünau, ein größeres Dorf passieren, und über dieses hinaus einen ziemlichen Umweg in Richtung Fluss und Brücke nehmen. Sie würde hinter Grünau jedoch eine nur wenigen Menschen bekannte Fuhrt ansteuern, die einzelne Reisende und kleine Gruppen nutzen konnten, die für einen größeren Tross oder gar einer Armee jedoch eine zu hinderliche Engstelle war.

Kari warf ihrer Reiterin einen Blick zu. Sie hatte offensichtlich genug vom Herumstehen. Feli lächelte die Stute an und legte ihr Sattel und Zaumzeug an, um sich dann mit einer schnellen, fließenden Bewegung in den Sattel zu schwingen und aufzubrechen. Die Sonne zeigte sich über den Wipfeln der Bäume und es war hell genug, dass Kari ohne Schwierigkeiten querfeldein über die Wiese preschen konnte, die zwischen der Straße und dem Waldrand lag. Das lange Gras wogte im sanften Morgenwind, und der letzte Tau flog funkelnd durch die Luft, wann immer die Grashalme durch Karis Ansturm zur Seite gepeitscht wurden. Feli sog gierig die frische Morgenluft ein, die sie so liebte. Noch war es kühl, aber darum machte sie sich keine Sorgen. Die Bewegung würde sie und Kari schnell aufwärmen.

Die Straße floss unter Karis Hufen vorbei wie ein Fluss aus Erde und Staub. Felis scharfe Augen sahen deutlich, dass ihr die Begegnung mit dem Heer des Rächerordens noch immer bevorstand. Alles, was der Wind ihr zutrug, waren die Geräusche des Waldes und der Wiese, Vögel und Insekten. In dieser Gegend war nichts zu spüren von der drohenden Gefahr, die irgendwo im Südosten lag.

Grünau war schon bald zu sehen. Gewöhnliche Reisende hätten von der Hütte aus sicherlich einen halben Tag gebraucht, aber Feli reiste schnell und mit leichtem Gepäck. Als sie sich dem Dorf näherte, sah sie bereits die Bauern auf den umliegenden Feldern, und in größerer Entfernung auch die Schafe kleinen Wolken gleich auf den grünen Wiesen. Sie fragte sich, ob das von ihr geschlagene Wolfsrudel sich an einem dieser Tiere gütlich getan hatte, oder ob die Bauern Glück gehabt hatten. Sie hatte keine Zeit, um sich dieser Angelegenheit anzunehmen, und konnte nur auf das Beste hoffen.

Die Straße führte sie schließlich mitten ins Dorf hinein, über den Marktplatz, und weiter nach Osten. Sie musste Kari etwas zügeln, um die vielen Menschen auf den Straßen nicht über den Haufen zu reiten, und ihre Anwesenheit immer wieder mit Ausrufen ankündigen. Der Markttag würde zwar erst am folgenden Tag stattfinden, doch auch an einem gewöhnlichen Tag war in einem Ort dieser Größe einiges auf den Straßen los. Die Handwerker hatten ihre Türen geöffnet und präsentierten die zum Verkauf stehende Ware in der Auslage direkt am Straßenrand. Kinder, die gerade nicht dazu verdonnert waren, im Haushalt oder auf den Feldern auszuhelfen, tobten unter der Sonne im Freien. Sie sah den einen oder anderen streunenden Hund, und Katzen, und auch ein rebellisches Huhn, das wohl vor dem Schlachtblock Reißaus genommen hatte und von einer wütend schreienden Bauernfrau verfolgt wurde. Sie sah Waschfrauen am einem großen Zuber am Brunnen, den einen oder anderen bereits rauchenden Kamin, auf dem wohl bereits das Mittagsmahl gekocht wurde, und auch die bemannten Ausgucke in hölzernen Türmchen entlang des Palisadenzauns, der das Dorf umgab und die Wachsamkeit über das offene Gelände in alle vier Himmelsrichtungen sicherte. Feli war sich sicher, dass diese Befestigung das Dorf in einem richtigen Krieg nicht retten würde, doch vor marodierenden Banditen und Wolfsrudeln bot das einen genügenden Schutz.

Die Dorfleute sahen ihr neugierig nach, doch nicht allzu lange. Es kam nicht oft vor, dass Menschen wie Feli in größter Eile durch Grünau geprescht kamen, aber es war nicht unerhört. Die Gilden waren zwar schon lange in den Hintergrund getreten, und hatten in diesen Landen bei weitem nicht mehr die Präsenz und die Macht wie sie sie in den früheren Tagen ausgeübt hatten, aber das Abzeichen der Waldläufer, das Feli deutlich sichtbar an ihrer Reisegewandung und auch am Sattel und Zaumzeug ihrer Stute trug, war den meisten Leuten noch ein Begriff. Wann immer es notwendig war, Nachrichten schnell zuzustellen, oder bedeutende Personen sicher durch die Wildnis zu geleiten, wandte man sich an ihre Zunft. Damit war diese Gilde in den Köpfen der Leute noch immer präsent, während die obskuren Geistesbegabten und verschiedenen Magierschulen schon längst zum Stoff von Geschichten und Sagen wurden, und die legendären Kampfakademien ebenfalls in Vergessenheit geraten waren. Manche Gilden waren in diesen Landen sogar ganz und gar aufgegangen im Klerus, so wie die Heilkundigen und die Geistesbegabten, die nun oftmals als Dämonenjäger oder Seher zu finden waren. Oder aber sie traten an den Höfen der höchsten Adligen als geschätzte Berater auf, da ihr tadelloses Gedächtnis und ihr herausragendes Denkvermögen sie zu unschätzbaren Verbündeten machten, von den weniger bekannten Fähigkeiten ganz zu schweigen.

Trotz der Verzögerung konnte Feli Grünau bald hinter sich lassen, und spornte Kari abermals an. Sobald sie die das Dorf umgebenden Felder hinter sich ließ, ritt sie wieder querfeldein über die Weidegründe der Kühe und Schafe, und wäre beinahe einem Sturmhauch gleich an ihnen vorbeigeschossen, doch dann kam ihr ein beunruhigender Gedanke in den Sinn und sie zügelte das Pferd neben einem ergrauten Schäfer, der sie unter der Krempe seines großen Schlapphuts aus Filz überrascht und auch etwas erschrocken ansah.

„Keine Angst, es ist nichts passiert,“ rief sie ihm hastig zu. „Ich muss gleich weiter. Ein Heer der Rächer wird bald hier über die Straße ziehen, nach Starogrâd. Warnt die Dorfbewohner vor, damit sie möglichst wenig Scherereien haben. Und haltet eure wertvollsten Tiere zurück, nicht dass man sie zum Schlachten einfordert.“

Sie wartete die Antwort des Mannes nicht ab und trieb Kari wieder zur Eile an. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte ihr, dass der alte Schäfer einen der jüngeren Burschen zu sich gerufen hatte und ihm wohl wild gestikulierend die Anweisung gab, ins Dorf zu laufen. Feli hoffte, dass sie den Menschen im Dorf mit dieser Vorwarnung einen Gefallen getan hatte. Auch wenn die Truppen der Rächer sich in vielerlei Hinsicht deutlich disziplinierter und zivilisierter benahmen als die Söldnerheere der Adligen, so nahmen sie sich zumindest in Bezug auf die Versorgung der Soldaten durchaus gewisse Freiheiten heraus, was das Eigentum anderer Leute betraf. Der Klerus und seine Armeen hatten schon immer ihre Sonderrechte. Also war es besser, wenn die besten Tiere, insbesondere die für die Zucht, dem Heer gar nicht erst ins Blickfeld fallen würden, ebenso wie das gelagerte Saatgut. Alles andere ließe sich verschmerzen. Die Zeit der Kälte war zwar wie immer grausam gewesen, aber das Jahr zuvor hatte sich als fruchtbar erwiesen, so dass die Menschen ein paar Verluste verkraften können würden.

Feli war inzwischen an dem kleinen Weg angekommen, den Jäger in dieser Gegend nutzten, um schnell durch die Wälder zur Fuhrt zu gelangen. Sie ließ ihre Stute so schnell vorwärts reiten wie es unter dem Blätterdach möglich war, und wandte ihre Sinne ganz und gar der Umgebung zu. Mit Raubtieren würde sie vermutlich keine großen Schwierigkeiten bekommen, aber sie wollte nicht unerwartet auf einen Trupp Wegelagerer stoßen, die solche versteckten Wege auch gern nutzten, um schnell zwischen verschiedenen Abschnitten der großen Straße zu reisen und einem ausgekundschafteten Ziel einen Hinterhalt bereiten zu können. Diesen Leuten wollte Feli nicht in die Arme laufen. Auch wenn sie den meisten Banditen durch ihre Kampfausbildung, Bewaffnung und Erfahrung überlegen war, gegen eine Überzahl mitten im Wald zu kämpfen war eine riskante Angelegenheit. Sie wollte lieber vorgewarnt sein, und selbst das Überraschungsmoment nutzen können, um so viele Gegner wie möglich mit ihrem Bogen niederzustrecken, bevor sie in den Nahkampf musste. Sie wollte Kari um keinen Preis der Gefahr aussetzen, verletzt oder gar abgestochen zu werden, nur um dann als Mahlzeit zu enden, weil solche Leute den Wert eines derart edlen Tiers nicht erkennen würden. Und wenn die Räuber halbwegs bei Verstand wären, dann würden sie zuerst versuchen, das Pferd niederzustrecken, bevor sie sich an die Reiterin machen. Dieses Szenario wollte Feli unbedingt vermeiden.

Ihre Ohren vernahmen den Ruf eines Falken weit über ihr. Feli lächelte leicht und deutete Kari, anzuhalten. Wenig später stand die Stute still und gab bis auf ein leises Schnauben kein Geräusch von sich. Feli hob ihr Gesicht 'gen Himmel und sah einen winzigen Schemen weit oben durch die wenigen Lücken zwischen den sich im Wind bewegenden Ästen, die über dem Weg nicht so dicht zusammenschlugen wie drum herum. Feli fixierte die geflügelte Gestalt mit ihrem Blick so gut sie konnte, und breitete langsam die Arme auf Schulterhöhe aus, streckte die Finger aus, und sog tief die Luft in die Lungen, während sie ihren Willen auf den Vogel weit über sich konzentrierte. Die Kunst, mit dem Bewusstsein eines Tiers zu verschmelzen, war keine einfache und forderte Kraft, aber es war die beste Möglichkeit, sich einen schnellen Überblick über die nahe Umgebung zu verschaffen. Und falls das Heer der Rächer bereits in der Nähe war, würde sie diese ebenfalls erblicken und sich auf den Rückweg machen können.

Feli spürte, wie ihr Bewusstsein immer leichter wurde und ihr Körper wie gelähmt in seiner Haltung gefror und sich taub anzufühlen begann. Sie streckte sich nach oben, dem Himmel und der Sonne entgegen und spürte dann auf einmal das Federkleid um sich herum, die kräftigen Flügel, die sie im Wind trugen und ließ einen Freudenjauchzer los aus der Falkenkehle, die nun für kurze Zeit die ihre war. Sie sah, wie die Welt sich meilenweit in jede Richtung erstreckte, sah Grünau und die Herden der Tiere, sah den Wald und den kleinen Pfad zwischen den Bäumen, der Richtung Fluss führte und auf dem außer einer einsamen Gestalt auf einem Pferd keine Menschenseele zu erblicken war. Und als ihr Blick dem Fluss folgte, da sah sie auch den Staub, den eine große Menschenmenge aufwirbelte. Ihr Inneres zog sich zusammen, weil sie nur selten so viele Menschen auf einmal sah, und noch nie so viele Bewaffnete auf einmal erblickt hatte. Beinahe hatte sie die Fassung und ihre Verbindung zu den Sinnen des Vogels verloren. Doch sie hatte sich schnell wieder im Griff und wandte ihre Aufmerksamkeit ganz und gar dem riesigen Trupp zu, der sich vergleichsweise langsam, aber unaufhaltsam in Richtung der großen Brücke bewegte.

Feli wusste, dass die Truppen des Klerus vom Brückenzoll befreit waren und daher nur insofern von der Brücke aufgehalten werden würden, als dass sie diese nicht so dicht gepackt passieren konnten, wie sie es auf der Straße taten. Sie wollte dennoch so wenig Zeit wie möglich verlieren. Wenn sie die Lage richtig einschätzte, dann hatte Starogrâd noch bestenfalls drei Tage. Wenn sie gleich umkehren und alle Abkürzungen nutzen würde, die sich ihr boten, dann könnte sie in der Nacht in die Stadt zurückkehren und den Richter in Kenntnis der Truppenstärke und Ankunftszeit setzen. Und dann wollte sie sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen, vielleicht tatsächlich zusammen mit der jungen Gattin des wohlbetuchten Händlers, die ihre Mutter besuchen wollte und womöglich noch nicht aufgebrochen war. Feli hatte nichts übrig für die Rächer, auch wenn sie regelmäßig zur Heiligen Familie betete und einen Teil ihrer Bezahlung stets der Mutter und dem Mittler spendete.

Die scharfen Falkenaugen erkannten allen voran fünfzig Berittene. Die Hälfte von ihnen waren schwer gerüstete Ritter mit deutlich sichtbaren Symbolen des Glaubens an ihren Wappenröcken, Schilden, und den Pferdedecken. Die andere Hälfte trug robuste Reisegewandung, auf der jedoch ebenfalls deutlich die Kirchensymbolik zu erkennen war, und hatten jeder einiges an Schriftrollen und Folianten im Gepäck. Eine ungewohnte, strenge Kälte ging von diesen Männern aus, während die Ritter eine faszinierende und ehrfurchtgebietende Aura umgab, ein Glanz, dem man sich besser nicht näherte. Einer der weniger schwer gerüsteten Kleriker, der von allen der älteste zu sein schien, war etwas aufwändiger gekleidet und hatte einen Bannerträger des Klerus neben sich auf einem einfachen Pferd, ebenso einer der Ritter, der der Gruppe voran ritt.

Diesen Männern folgten weitere Berittene, die weniger schwer gerüstet waren und sowohl mit Bögen, als auch mit Nahkampfwaffen ausgestattet waren, Lanzen und Speere, die sich vom Pferd aus nutzen ließen. Ihre Rüstungen erlaubten eine größere Beweglichkeit und Feli glaubte zu erahnen, dass diese Truppen nicht zuletzt dazu eingesetzt wurden, um fliehende Gegner einholen oder mit Beschuss niederstrecken zu können. Sie zählte insgesamt an die Tausend Berittene. Diesen folgte eine halb so große Zahl an Bogenschützen, und den Rest bildeten einfache Fußtruppen, die ebenso zahlreich waren wie die Reiter. Den Abschluss bildete der Versorgungstross, der neben Proviant und Zelten noch andere Dinge transportierte.

Feli spürte wieder, wie sich ihr Inneres zusammenzog, und sie die Verbindung zum Falken verlor. Innerhalb eines Augenblicks stürzte ihr Bewusstsein zurück zu Boden, fuhr wieder in ihren tauben Körper, dessen Arme eingeschlafen waren und sich nur mühsam bewegen ließen. Feli strengte sich an, bis sie schließlich das grässliche Kribbeln spürte, erst in den Fingerspitzen und dann immer weiter über die Arme hin zum Körper. Viel zu langsam ließ die Lähmung nach, aber das tat sie. Feli war sich sicher, dass die Truppen der Rächer auch Werkzeug und Teile von Belagerungsmaschinen mit sich führten. Sie hoffte, dass diese dazu gedacht waren, das befestigte, verseuchte Kloster anzugehen, und nicht die Stadt. Dem Richter würde die Nachricht so oder so bestimmt nicht gefallen.

Feli atmete tief durch, schüttelte ihre Arme nochmals kräftig durch, streckte ihren Körper und die Gliedmaßen im Sattel und reichte Kari noch eine Möhre, während sie ihr leise zusprach: „So, mein Mädchen, heute müssen wir uns sputen. Du wirst mich sicher nicht im Stich lassen, stimmt's?“

Die Stute nickte leicht mit dem Kopf und schnaubte leise zur Antwort. Feli lächelte, streichelte dem Tier über den Hals und gab ihr den Befehl zu wenden. Dann nahm sie den Weg zurück durch den Wald, am Waldrand entlang, um dann abermals unter das Baumdach zu tauchen. Den Weg, den sie nun nahm, nutzten nur noch die Waldläufer. Jedem anderen wäre er versperrt gewesen. Feli fühlte sich zwar schon ein wenig ermüdet durch die Übernahme des Falken, doch sie war sich sicher, dass ihre Geisteskraft bis zur Rückkehr nach Starogrâd nicht versagen würde.

Diesen Pfad durch die Wälder hatten die legendären Waldläufer der früheren Zeiten angelegt, als die Welt noch voller Wunder und noch viel mehr Gefahren war als in diesen Zeiten. Damals, vor Jahrhunderten, als die Menschen noch an eine fünfgestaltete Göttin glaubten und nicht an die Heilige Familie, den Einen oder die Tausend. Damals, als die Welt noch heil war, und nicht zerrissen durch Kriege und Hass und nicht durch die Verderbnis dem Untergang geweiht, wann auch immer er kommen würde. Feli trieb ihre Stute zur höchsten Leistung an und das Tier ließ sich von ihrer brennenden Entschlossenheit anstacheln, so viel mehr als Sporen und Gerten es je zu tun vermochten. Die dicht wachsenden Bäume und Sträucher des Waldes wichen vor ihnen und gaben einen schmalen Weg frei. Nicht ein winziger Zweig und nicht ein Blatt berührte Felis Haut oder das Fell der Stute. Und kaum preschte sie durch, schloss sich die Vegetation wieder, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Feli hörte die Bäume raunen und das Flüstern der Blätter um sie herum und spürte die Gänsehaut auf ihrem ganzen Körper. Sie wünsche, sie hätte jemals die Zeit gehabt, diese Sprache zu erlernen, die den Feen, den Elweni eigen war. Sie kannte nur die wenigen Wörter, die ihr Lehrmeister ihr auf den Reisen beigebracht hatte, bevor sie ihrer eigenen Wege ging. Sie wusste, was sie denken und fühlen, was sie flüstern oder brüllen musste, sie kannte den Sinn der Worte, doch richtig sprechen konnte sie nicht. Und so blieb das Wispern im Wind ein Geheimnis für sie, wie so oft. Ein Geheimnis, das vermutlich für immer verloren war, wie die Feen, die den Menschen den Rücken gekehrt haben wegen all dem Schmerz, den sie erleiden mussten, und dezimiert durch die Seuche Mansum, die der Fluch dieses Volkes war. Feli hatte manchmal die Ruinen ihrer Siedlungen gesehen, manchmal inmitten der Wälder an Orten, von denen Menschen aus einem alten Aberglauben heraus sich fernhielten, manchmal inmitten von Städten, die Menschen an Plätzen im ehemaligen Feenreich errichtet hatten. Selbst im schlimmsten Verfall war noch die Schönheit und die Makellosigkeit in ihnen zu erkennen, die den Orten früher innegewohnt hatten, selbst dort, wo die groben Hände der Menschen so vieles zerbrochen und verunstaltet hatten. Spuren und Erinnerungen, mehr war ihnen nicht geblieben von diesem alten Volk, das einst Seite an Seite mit den Menschen gelebt und ihnen so vieles beigebracht hatte.

Die Sonne zog über Felis Kopf ihre Bahn über den Himmel, während die Reiterin sich unaufhaltsam ihrem Ziel näherte. Sie spürte, dass ihre Kraft sie nach und nach verließ, hatte ihr Ziel jedoch noch immer klar und deutlich vor Augen und schoss durch den Wald wie ein Fisch durch das Wasser, wie ein Vogel durch die Lüfte. Die Finsternis begann sich erneut über die Welt zu senken, und die Monde erschienen am Himmel. Der große, finstere Feuermond und der mächtig strahlende Chaosmond dominierten noch immer die Konstellation, die sich zu ändern weigerte und die schwachen, hellen Aspekte des Wassers, des Äthers und der Ordnung in den Hintergrund drängte, als wären die Himmelskörper nicht bereit, den Menschen Gnade zu erweisen.

Es war völlig finster geworden, als Feli endlich auf die Straße hinausschoss, und die Stadt nur noch wenige Meilen entfernt vor ihr lag. Sie spürte die bleierne Müdigkeit in ihren Gliedern und den dumpfen Schleier, der sich immer über ihr Bewusstsein legte, wenn sie sich den ganzen Tag über so verausgabte. Den Trick würde sie in den kommenden Tagen sicherlich nicht wiederholen können. Umso wichtiger war es, dass sie dem Richter schnell Bericht erstatten und sich dann zur Ruhe zurückziehen konnte. Sie griff nach ihrer Satteltasche und gab Kari einen Apfel, während sie sich selbst eine Honigpastille in den Mund schob, die mit einem Hauch Minze und etwas scharfem Ingwer versetzt war, ihren Atem erfrischte und ihre Sinne wieder anregte. Dann nahm sie einen tiefen Schluck aus ihrem Wasserschlauch, sprach ihrer Stute noch etwas Mut zu und wenige Augenblicke später eilten Reiterin und Reittier weiter zur Stadt.

Kapitel 11

Da das Anwesen der Familie Eisenmeister ein gutes Stück vom Hauptquartier der Stadtwache entfernt lag, und das Anwesen der Waldherrn wiederum in einiger Entfernung dazu, beschloss der Richter, dass er sich besser eines der Pferde aus den Stallungen der Stadtwache ausleihen sollte. Von Standeswegen stünde ihm sogar eine einfache Kutsche zu, doch um die zu besorgen hatte er keine Zeit. Zudem kamen Kutschen und Fuhrwerke in der Stadt deutlich langsamer voran als Reiter, selbst beim einfachsten Gespann. Wenn man bequemer unterwegs sein wollte, dann wäre eine Kutsche sicherlich das Mittel der Wahl. Er aber wollte lediglich die knappe, verbleibende Zeit des Tages nicht mehr mit Laufen verschwenden. Die Pferde der Stadtwache waren stets dazu bereit, gesattelt zu werden, und so war er wenig später in einem deutlich höheren Tempo unterwegs als zuvor. Hätte er nicht so eine Abneigung gegen die Tiere gehabt, hätte er vermutlich sogar ein eigenes Ross, das er sein eigen nennen konnte. Aber so bediente er sich lieber ab und zu eines fremden Rosses und hatte ansonsten keine Schwierigkeiten mit den oft widerspenstigen, stinkenden, manchmal sogar beißenden Tieren, vor deren Hinterläufen man sich genauso in Acht nehmen musste wie vor dem Maul.

Als er das Anwesen der Eisenmeister erreichte, hörte er die Kirchturmuhr schlagen, und seufzte erleichtert. Ihm blieben noch drei Stunden Zeit für seine Unterredungen und damit die Möglichkeit, am Abend noch die Botenjungen auszusenden, sollte es notwendig sein. Was aber noch viel wichtiger war – er war pünktlich zur vereinbarten Zeit eingetroffen, und ihm blieb noch eine Stunde bis Frau Eisenmeister sich zum Nachmittagsgebet zurückziehen würde. Die meisten Leute hatten gar keine Zeit, jeden Tag alle fünf Gebete einzuhalten, schon gar nicht das zur Mitternacht, und verließen sich darauf, dass der Klerus diese an ihrer statt leisteten, so dass sie nur einmal am Tag die Gedanken an die Heilige Familie richten mussten. Frau Eisenmeister nahm sich jedoch diese Zeit, komme was da wolle. Seitdem ihr Gemahl von einer schweren Krankheit dahingerafft worden war, gegen die selbst die besten Heilerinnen unter den Schwestern der Trauer machtlos waren, wurde sie zu einem geradezu unerträglichen Vorbild für die religiöse Tugend. Sie hatte sich wohl mehr als einmal dazu geäußert, dass ihr verstorbener Gemahl ihrer Ansicht nach ein zu lasterhaftes Leben geführt hatte, und darum keine Rettung finden konnte. Deswegen war er schon vor dem hohen Alter abberufen worden, um im Jenseits Buße zu tun, bevor er ins Himmelreich durfte. Karl war sich nicht sicher, ob diese Behauptung im Einklang mit den Lehren der Kirche war, aber offensichtlich wollte niemand, nicht einmal der Große Bruder, der durchaus mächtigen und ganz und gar überzeugten Frau Eisenmeister Widerworte geben. Ihre großzügigen Spenden an die Kirche und auch an das Waisenhaus und Hospital waren sicherlich auch ein Grund, warum sie nicht behelligt wurde. Damit hatte Karl wiederum keine Schwierigkeiten. Die Versorgung der Kranken half der Stadt ebenso wie die sichere Unterbringung der Waisenkinder, die ansonsten womöglich auf die schiefe Bahn in dem weniger vom Glück begünstigten Stadtviertel geraten könnten.

So oder so, Frau Eisenmeister konnte es kaum erwarten, bis die angekündigten Vertreter des Richterordens eintreffen würden, und es oblag Karl, sie auf dem Laufenden zu halten, ganz egal, welche Meinung er zu ihrer Person hatte. Also ritt er auf das Anwesen, ließ das Pferd versorgen, solange er in der Besprechung war, und begab sich ohne Umschweife in den Arbeitsraum von Frau Eisenmeister, von wo aus sie wie eine Bienenkönigin die verschiedenen Eisenhandwerksbetriebe überwachte und auch über die Ausbeute der im Besitz der Familie befindlichen Bergwerke so gut wie möglich auf dem Laufenden war. Der Richter kannte sich so gut in den öffentlichen Räumlichkeiten des Anwesens aus, dass er den Weg auch in völliger Finsternis gefunden hätte – doch Frau Eisenmeister bestand darauf, dass alle Besucher von einem der Bediensteten begleitet und dann auch angekündigt werden sollten, und sie machte niemals eine Ausnahme.

Und so ließ der Richter sich von einem der männlichen Dienstboten durch die Gänge geleiten, die natürlich tadellos sauber und perfekt aufgeräumt waren. Jedes Mal drängte sich ihm das Gefühl auf, dass er sich gar nicht in einem Haus befand, wo Menschen lebten, sondern in einem Ausstellungsstück, wenn nicht gar einem Mausoleum. Doch an diesem Tag war etwas anders als sonst. Eine merkwürdige Stimmung lag in der Luft, und der Hauch eines Geruchs, den er einfach nicht zuordnen konnte, kitzelte unablässig seine Nase. Es war eine Spur, die sich nicht greifen ließ, etwas, das er auf gar keinen Fall mit dem Anwesen der Familie Eisenmeister in Verbindung brachte. Was ihn aber noch viel mehr irritierte, war das helle Kichern von Frauen, das er immer wieder hörte, sobald sich sein Weg mit einem anderen Gang kreuzte. Es war ein entferntes Kichern, mit ziemlicher Sicherheit nicht auf ihn bezogen, aber es bereitete ihm dennoch Unbehagen. Das war auch etwas, das er auf gar keinen Fall mit dem Anwesen der Eisenmeister in Verbindung brachte. Seit dem Tod des Hausherren wurde dort nicht gekichert.

Der Richter straffte sich etwas, und bemühte sich, die Fassung zu wahren. Er hielt den Blick nach vorne gerichtet und versuchte, das Echo des Kicherns zu ignorieren, in das sich nun auch noch eine junge Männer- oder Knabenstimme mischte. Er späte vorsichtig aus dem Augenwinkel zu dem Bediensteten, der nicht von seiner Seite wich und sein Auge zuckte sofort zurück, weil der Mann anscheinend immer wieder verstohlen zu ihm sah – und Karl trotz seiner Menschenkenntnis nicht sagen konnte, was diese Blicke zu bedeuten hatten. So widersprüchliche Zeichen von Demut und Beherrschtheit einerseits und Aufmüpfigkeit und Zügellosigkeit andererseits hatte er noch nie im Leben gesehen. Es war geradezu verrückt.

Da lief es ihm eiskalt den Rücken runter, und er griff etwas fester nach der Lederrolle, in der er die Abschriften seiner Aufstellung von Versorgungsgütern und Übernachtungsmöglichkeiten für die hochrangigen Mitglieder des Rächerordens für Frau Eisenmeister mit sich trug. Es gab natürlich eine Erklärung, was in diesem Haus los sein konnte. Er hätte nur nicht erwartet, dass sich die dämonische Verderbnis ausgerechnet hier ausbreiten würde. Doch vielleicht war er einfach nur mit seinen Nerven am Ende und sah überall Gespenster. Auch wenn er inzwischen ganz genau wusste, was das für ein Geruch war, der durch das Haus geisterte, er weigerte sich zu glauben, dass alles verloren war.

Mit diesem Gedanken blieb er in gewohnter Entfernung vor der Tür stehen, damit der Diener ihn ankündigen konnte. Das geschah wohl etwas abrupt, weil der Diener offensichtlich vor hatte, ihn am Oberarm zu berühren und damit zum Halten zu bewegen, doch nun fuhr dessen Hand durch leere Luft. Der Mann grinste verlegen als Antwort auf Karls empörten Blick. Zum einen hatte ihn keiner der Bediensteten ohne eine Aufforderung oder einen gesundheitlichen Notfall anzufassen, und zum anderen hätten sie es auch niemals gewagt. Der Diener sah zu Boden, straffte sich dann aber, und öffnete die beiden Flügel der Tür in der perfekt einstudierten Bewegung, so dass die merkwürdige Entgleisung nicht mehr zu erahnen war.

„Richter Karl zum verabredeten Treffen, Frau Eisenmeister“, verkündete der Diener in einem ganz und gar neutralen Tonfall.

„Herein!“, kam die gebieterische Antwort der mittelhohen Stimme.

Der Diener ließ den Richter eintreten und schloss hinter ihm die Tür. Karl stellten sich für einen Moment die Nackenhaare auf, als er hörte, wie der Diener betont laut die Luft in die Nase einsog, als der Richter an ihm vorbeiging. Dann schloss er die Tür und verblieb draußen. Karl wusste, dass der Mann nun so lange ausharren musste, bis die Besprechung beendet war, um ihn wieder hinaus zu geleiten. Karl wünschte sich, er könnte wenigstens einmal eine Ausnahme von der Regel erhalten und allein hinaus spazieren. Obwohl er selbst ein korrekter und pflichtbewusster Mensch war, konnte er dieses Haus nicht leiden, und nun mit der drohenden Gefahr der dämonischen Verderbnis im Hinterkopf war alles nur noch schlimmer geworden.

Der Richter verbeugte sich tief, als er in gebührendem Abstand zu Frau Eisenmeister stehen blieb: „Ich grüße Euch, Stadtherrin Eisenmeister.“

Plötzlich schoss es ihm durch den Kopf, wie absurd dieser Titel war, gab es doch eigentlich das zum Herren passende Wort Frau. Dann fragte er sich, warum er ausgerechnet jetzt einen so verrückten Gedanken hatte. Dann wurde ihm wieder kalt, weil er sich fragte, ob er nicht womöglich selbst von der Verderbnis und dem Wahnsinn betroffen war und es nur noch nicht wahrhaben wollte. All das raste ihm innerhalb eines Augenblicks durch den Kopf. Er verbarg den Tumult in seinem Inneren hinter einem höflichen, formellen Lächeln. Frau Eisenmeister erwiderte es mit einer ebenso leeren Maske der Höflichkeit. Mit einem mulmigen Gefühl bemerkte Karl, dass hinter ihren blass-blauen Augen etwas lauerte, das früher nicht da war, und das sie genauso zu verbergen versuchte, wie er das Chaos in seinen Gedanken.

Bis auf den merkwürdigen Ausdruck in ihren Augen sah Frau Eisenmeister genauso aus wie er erwartet hatte. Sie war eine hagere Frau Ende Fünfzig, die ihr inzwischen mehr graues denn blondes Haar zu einer streng gebundenen Frisur unter einem schwarzen Schleier trug, und deren Gesicht ein dichtes Netz aus Fältchen überspannte, deren Mundwinkel stets nach unten zeigten und insbesondere die Falten, die beim Stirnrunzeln entstanden, waren stärker ausgeprägt. Sie trug eines ihrer strengen, hochgeschlossenen Kleider, die mehr an die Schwesterntracht erinnerten als an die opulente, kostspielige Mode, die von den Stadtherren und ihren Frauen überall in den Städten des Kritenreiches getragen wurde, die zugleich Reichtum und Macht zur Schau stellen sollte. Frau Eisenmeister trug auch fast keinen Schmuck; nur vom Ehering wollte sie sich nicht trennen, und natürlich auch nicht vom Siegelring der Familie, den sie erst mit ihrem letzten Atemhauch an ihren Erben weitergeben würde. Deswegen versuchte dieser den Gerüchten nach seinen Frust über die Sturheit seiner Mutter irgendwo im fernen, lasterhaften Kôsian mit Wein und amüsanter Gesellschaft zu vergessen.

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