Читать книгу: «Untergärig und Dunkel»
Für Sabine und Elva
THOMAS KRAUS-WEYERMANN

HORST DORNBUSCH


Haftungsausschluss
Alle Angaben in diesem Buch wurden von den Autoren nach bestem Wissen erstellt und gemeinsam mit dem Verlag mit größtmöglicher Sorgfalt überprüft. Dennoch lassen sich (im Sinne des Produkthaftungsrechts) inhaltliche Fehler nicht vollständig ausschließen. Die Angaben verstehen sich daher ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie seitens der Autoren oder des Verlages. Autoren und Verlag schließen jegliche Haftung für etwaige inhaltliche Unstimmigkeiten sowie für Personen-, Sach- und Vermögensschäden aus.
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnd.d-nb.de abrufbar.
Verlag Hans Carl
© 2020 Fachverlag Hans Carl GmbH, Nürnberg
1. Auflage
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in elektronische Systeme.
Gestaltung: Wildner+Designer GmbH, Fürth
ISBN: 978-3-418-00928-5
eISBN: 978-3-418-00927-8
Inhalt
Ein Dankeschön
Geleitwort der Autoren: Unser erstes Treffen
Vorwort von Jim Koch, Samuel Adams Boston Brauerei
Vorwort von Dr. Martina Gastl, Technische Universität München
Vorwort von Dr. Josef Fontaine, Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin
Vorwort von Garrett Oliver, Brooklyn Brewery
Vorab einige Begriffserklärungen
Ein Wort zum Reinheitsgebot
Definitionen
Umrechnungstabelle
Alphabetische Liste der Rezepte in den Kapiteln 7 bis 9
1.Als das Bier dunkel wurde
Die Geschichtlichkeit dunkler Biere
Blonde, obergärige Biere an der Wiege der Zivilisation
Die gesellschaftsbildenden Auswirkungen des Getreideüberschusses
Die sumerische Art des Brauens
Die Ausbreitung der sumerischen Braukunst
Das Ende des Bieres im Nahen Osten — und dessen Neugeburt in Mitteleuropa
Wie Dunkelheit (und Rauchgeschmack) ins Bier kamen
Die Rückkehr von Malz ohne Rauch
Die Rückkehr von Malz ohne Dunkelheit
Die Weiterentwicklung der Malztechnologie
Bierfreiheit!
Die dunkle Brauweise heute
2.Als das Bier untergärig wurde
Die Zeit der skrupellosen Bierpanscher
Dunkel: Der erste „echte“ Bierstil der Welt
Die manifesten und latenten Konsequenzen eines Feudaledikts
Eiszeit in der Renaissance und der Anfang einer neuen Bierkultur
Weizenbier: Die merkwürdige Ausnahme zur bayerischen Lagerbier Revolution
Bayerische Bierkultur: Ein zeitloses Erbe
3.Als die Cerevisiae mit dem Eubayanus
Von der Alchemie zur Wissenschaft: Das Verständnis der Hefe im Wandel der Zeit
Je mehr wir lernen, desto weniger scheinen wir zu wissen
Was geschah in Patagonien?
Das Wunder einer Mikroben-Migration
Transatlantische Vektorreise?
Vom Winde verweht?
Der Triumpf von Saccharomyces Pastorianus
Wissenschaftler holen die Brauer ein
4.Geschmacksprofile einiger klassischer, dunkler Lagerbiere
Bayerisches bzw. Münchner Dunkel
Schwarzbier
Böhmisches Dunkel
Dunkelbockbier und Dunkeldoppelbockbier
Rauchbier
Kellerbier
Kontinentaleuropäisches Porter
Mexikanisches Dunkel
5.Zutaten für dunkle Lagerbiere
Wasser
Hopfen
Hefe
Malz
Der moderne Keimkasten und die moderne Rösttrommel
Dunkle Malze für dunkle untergärige Biere
6.Sudhaus- und Gärkellerverfahren für dunkle Lagerbiere
Definitionen: Zwei idealtypische Maischeverfahren
Die Geschichte des Dekoktionsmaischens: Kaum Beweise, aber viele Vermutungen
Dekoktion: Die klassische Maischemethode
Dekoktion und die Maillard-Reaktion
Mehrstufen-Infusionsmaischen
Einstufen-Infusionsmaische
Die Gärung und Lagerung
Der Röstgeschmack: Die große Herausforderung beim Brauen dunkler Lagerbiere
Dunkle Farbmalzextrakte
7.Rezepte Teil 1: Klassische dunkle Lagerbiere
Rezept 1: Bayerisches/Münchner Dunkel I
Rezept 2: Bayerisches/Münchner Dunkel II
Rezept 3: Bayerisches/Fränkisches Dunkles Landbier
Rezept 4: Tmavý Ležák (Böhmisches Dunkel)
Rezept 5: Bayerisches Schwarzbier I
Rezept 6: Bayerisches Schwarzbier II
Rezept 7: Bamberger Hofbräu Schwarzbier
Rezept 8: Thüringer Schwarzbier
Rezept 9: Bayerisches Dunkelbockbier
Rezept 10: Bayerisches Dunkeldoppelbockbier I
Rezept 11: Bayerisches Dunkeldoppelbockbier II
Rezept 12: Bamberger Hofbräu Exquisator Dunkeldoppelbockbier
Rezept 13: Bamberger Rauchbier
Rezept 14: Bayerisches Dunkelkellerbier
Rezept 15: Deutsches Porter
Rezept 16: Baltic Porter (Baltisches Porter)
8.Rezepte Teil 2: Innovative Dunkle Lagerbiere
Rezept 17: Bayerisch-fränkisches trockenes Dunkel
Rezept 18: Bayerisch-fränkisches Dessert Dunkel
Rezept 19: Dunkles „Negra“ Wiener Lager
Rezept 20: Barke® Dunkles Wiener Lager
Rezept 21: Dunkelmärzen
Rezept 22: Dunkles Bauernlagerbier (Dark Farmhouse Lager)
Rezept 23: Birra Rossa
Rezept 24: Süffiges Dunkel („Session“ Dunkel)
Rezept 25: Barke® Sinamar® Dunkel
Rezept 26: Schlotfegerla® Bamberger Rauchbier
Rezept 27: Estländisches Baltisches Porter (Estonian Baltic Porter)
Rezept 28: Dunkelrauchdoppelbock
9.Rezepte Teil 3: Experimentelle Dunkle Lagerbiere
Rezept 29: „Schwarz-ator“-Triplebock
Rezept 30: „Imperial“ Fünf-Korn „Dinkel-Dunkel“
Rezept 31: Dunkles Lagerbier mit gerösteter Gerste, Kakao und Vanille
Rezept 32: Schwarzes Kaffee-Lagerbier
Rezept 33: Untergäriges Gersten-Weizen-Rauch-Starkbier
Rezept 34: „Imperial“ Barrique Rauchbock
Rezept 35: „Imperial“ Hafer-Schwarzbier
Rezept 36: Dunkles Sauergut-Lagerbier
Rezept 37: Dunkles Montmorency-Sauerkirschen-Lagerbier
Rezept 38: Dunkles California „Un-Common“ Lagerbier
Rezept 39: Spätrenaissance Bayerisches Dunkel
Rezept 40: „Hildegard-von-Bingen“-Bier aus dem Mittelalter
Rezept 41: American Imperial Hoppy Dunkel
10. Dunkle Lagerbiere in der Küche
Dunkle Lagerbiere als Zutat
Dunkle Lagerbiere als Speisebegleiter
Rezept I: Auberginen-Ziegenkäse-Terrine mit Kräuterbier-Dressing
Rezept II: Gemüse im Bierteig
Rezept III: Dunkle Kürbis-Lagerbier-Suppe
Rezept IV: Biersuppe
Rezept V: Biergulasch
Rezept VI: Carbonade à la Bavière
Rezept VII: Lamm (oder Schwein) in Rauchbier mariniert
Rezept VIII: Weihnachtsgans
Rezept IX: Thanksgiving Turkey (Truthahn) mit dunkler Lagerbiersoße
Rezept X: Spanferkel
Rezept XI: Roastbeef in dunkler Lagerbier-Senfsoße
Rezept XII: Braumeister-Steak
Rezept XIII: Dunkelbiersoße
Rezept XIV: Demi-Glace de bière selon Escoffier
Rezept XV: Garum nigrae cerevisiae: Eine Dunkeldoppelbock-Reduktion à la Apicius
Rezept XVI: Dunkle Lagerbier-Steaksoße
Rezept XVII: Gegrillte Champignons und Zucchini mit dunkler Lagerbierfüllung
Rezept XVIII: Birnen im dunklen Lagerbier pochiert
Quellen (nach Kapitel geordnet)
Register
Bildnachweis
Über die Autoren
Thomas Kraus-Weyermann
Horst Dornbusch
Ein Dankeschön
Dieses Buchprojekt wäre nicht ohne die enthusiastische Unterstützung vieler Freunde auf der ganzen Welt zustande gekommen, besonders da etwa die Hälfte der in den Kapiteln 7 bis 9 aufgeführten 41 klassischen, innovativen und experimentellen Bierrezepte, die speziell für dieses Buch konzipiert wurden, in 12 großen und kleinen Brauereien in den Vereinigten Staaten und in Kanada getestet und sensorisch bewertet wurden. Alle restlichen Rezepte wurden in der Braumanufaktur der Weyermann® Malzfabrik in Bamberg getestet. Unser Dank geht an diese Kollaborations-Brauereien, die ihre Tore großzügig für uns öffneten, in ihren Braukalendern für uns Platz machten und uns erlaubten, in Zusammenarbeit mit ihren Brauern und unter Benutzung ihrer Anlagen Biere nach unserem Entwurf zu brauen, selbst wenn diese Biere nicht unbedingt in ihre Sortimente oder Brauprogramme passten. Diese 12 Brauereien sind (in alphabetischer Reihenfolge):
1.Samuel Adams, Boston, Massachusetts. Dank an David Grinnell, Jim Carleton, Shelley Smith und Eryn Bottens für das Brauen eines klassischen, baltischen Porters sowie eines sehr experimentellen, mittelalterlichen, dunklen „Hildegard-von-Bingen“-Bieres, welches mit einer Mischung aus Hopfen und Gruit gewürzt und mit einer Mischung aus unter- und obergäriger Hefe vergoren wurde.
2.Microbrasserie Archibald, Lac-Beauport, Québec. Dank an Braumeister Frederick Moreau und die Brauer Pascal Nadeau und Jean-Simon Rancourt für das Brauen eines fränkischen, trockenen Dunkels und eines fränkischen Dessert-Dunkels.
3.Brasserie Dieu Du Ciel, Montréal, Québec. Dank an Inhaber und Braumeister Jean-François Gravel für das Brauen eines untergärigen, dunklen Rauch-Starkbieres mit einer Mischmaische aus Gersten- und Weizenmalz.
4.Fanatic Brewing Company, Knoxville, Tennessee. Dank an Inhaber und Braumeister Marty Velas für das Brauen von zwei Dunkeldoppelbockbieren unterschiedlicher Stärke.
5.Microbrasserie Farnham Ale & Lager, Farnham, Québec. Dank an Braumeister Jean Gadoua für das Brauen eines dunklen Lagerbieres mit gerösteter Gerste, Kakaopulver und Vanilleextrakt.
6.Flying Goose Brew Pub & Grill, New London, New Hampshire. Dank an Braumeister Rik Marley und Brauer Kyle Welch für das Brauen eines Bamberger Rauchbiers, eines schwarzen Tripelbockbieres, und eines starken, „Imperial“ Mehrkorn-Dunkels mit Malzen aus Gerste, Weizen, Hafer, Roggen und Dinkel.
7.Jack‘s Abby, Framingham, Massachusetts. Dank an Inhaber und Braumeister Jack Hendler für das Brauen einer historischen Nachbildung des ursprünglichen, bayerischen Dunkels aus der Spätrenaissance, welches „Dawn of the Dunkel“ (Dämmerung des Dunkels) getauft wurde.
8.Mayflower Brewing Company, Plymouth, Massachusetts. Dank an Inhaber und Geschäftsführer Drew Brosseau sowie die Brauer Ryan Gwozdz und Jay Southwood für das Brauen eines mit Montmorency-Kirschen-Konzentrat angesäuerten Dunkelmärzens sowie eines süffigen „Session“ Dunkels.
9.Schilling Beer Company, Littleton, New Hampshire. Dank an Inhaber und Braumeister John Lenzini für das Brauen eines mexikanisch inspirierten, dunklen „Negra“ Wiener Lagerbieres und eines untergärigen, dunklen California “Un-Common“.
10.Tributary Brewing Company, Kittery, Maine. Dank an Inhaber und Braumeister Tod Mott und Brauer Ian Göring für das Brauen eines dunklen, untergärigen Bauernbieres („Farmhouse Lager“) und eines amerikanischen, experimentellen, super-gehopften „American Imperial Hoppy Dunkels“.
11.Wormtown Brewing Company, Worcester, Massachusetts. Dank an Inhaber und Braumeister Ben Roesch und Brauer Scott Drake für das Brauen eines Barke® Dunkel Wiener Lagers.
12.Zero Gravity Craft Brewery, Burlington, Vermont. Dank an Inhaber und Braumeister Paul Sayler und Brauer Destiny Saxon für das Brauen eines dunklen Lagerbieres mit Weyermann® Sour Wort.
Dank gebührt auch der Brewers Supply Group, einem nordamerikanischen Großhändler im Brauwesen, für die großzügige Unterstützung bei der Beschaffung von Rohstoffen für die in den Vereinigten Staaten und in Kanada gebrauten Biere.
Darüber hinaus möchten wir uns bei einigen besonderen Freunden für ihre enthusiastische Unterstützung bedanken:
Judy Nadeau, die damalige Vertriebsleiterin der Brewers Supply Group für New England, hat sich mit unermüdlichem Einsatz und gutem Mut um die komplexe Logistik der Rohstoffe bemüht, so dass alles zum richtigen Zeitpunkt in den richtigen Mengen im richtigen Sudhaus vorhanden war.
Ebenso danken wir Deborah Wood, der Rohstoff-Spezialistin der Brewers Supply Group Canada, für die Organisation der Testsude in den drei Brauereien in Québec.
Denise Jones, die damalige Braumeisterin und Brennerin bei Weyermann®, hat viele unserer Rezepte in der Braumanufaktur auf dem Weyermann® Firmengelände verwirklicht und anschließend als fertige Biere verkostet.
Ein Dankeschön geht auch an Ulrich Ferstl, dem Kundenservice-Teamleiter bei Weyermann®, für seine Beiträge zu den Malzbeschreibungen in Kapitel 5.
Wir danken den vier Vorwort-Autoren, zwei in Europa und zwei in Nordamerika: Dr. Martina Gastl (TUM-Weihenstephan), Jim Koch (Boston Beer Company), Dr. Josef Fontaine (VLB) und Garrett Oliver (Brooklyn Brewery).
Schließlich kann kein Dankeschön vollständig sein, ohne unsere Ehefrauen Sabine Weyermann und Elva Ellen Kowald zu erwähnen, die von Anfang an unsere größten Fans waren. Ihre Ermutigungen haben zu unserem Durchhaltevermögen während der Arbeit an diesem Werk beigetragen!
Danke, thank you, merci beaucoup! Thomas und Horst
Geleitwort der Autoren: Unser erstes Treffen
Es war das Jahr 1999; der Ort war die Craft Brewers Conference® und Brew Expo America® (CBC) in Phoenix, Arizona, USA. Zu jener Zeit, kurz vor der Jahrtausendwende, war die amerikanische Craft-Brew-Revolution rasant im Schwung und es schien absolut nichts unmöglich zu sein. Besonders auf der Brew Expo-Messe war die ungebündelte Energie und der Enthusiasmus der anwesenden Brauer spürbar!
Die Veranstaltung in Phoenix war die vierte Messe im Rahmen der CBC, an der die Weyermann® Malzfabrik als Aussteller teilnahm. Das Unternehmen war damals 120 Jahre alt und der Export von Weyermann®- Produkten in die Vereinigten Staaten war gerade angelaufen. Für die Messebesucher hatten Sabine Weyermann und Thomas Kraus-Weyermann freundlicherweise zu Werbezwecken ein Fass frisches Schlenkerla Rauchbier zum Ausschank mit nach Phoenix gebracht. Das war damals eine echte Attraktion für die experimentierfreudigen und lernbegierigen Brauer der Neuen Welt.
Im gleichen Jahr hatte der Verlag Brewers Publications, eine Abteilung der Brewers Association (BA), gerade Horst Dornbuschs Buch, Altbier – History, Brewing Techniques, Recipes, als Nummer 12 in der Classic Beer Styles-Serie veröffentlicht. Es war das erste Buch überhaupt in englischer Sprache über dieses kupferfarbene, damals weltweit noch relativ unbekannte Obergärige aus dem Rheinland. Als gebürtiger Düsseldorfer kannte sich Horst mit diesem Bier jedoch sehr gut aus und es war eines der Hauptangebote seiner damaligen Microbrauerei in Massachusetts, der Dornbusch Brewing Company Inc. Ein Jahr nach Phoenix wurde sein Altbier sogar mit einer Bronzemedaille beim Great American Beer Festival® 2000 prämiert.
Es gab zwei Gründe, weshalb der Weyermann® Stand rein zufällig auf der Messe in Phoenix zum Ort der ersten Begegnung zwischen den Autoren dieses Buches wurde: das Schlenkerla Rauchbier und das Altbierbuch, denn Horst stellte sich am Stand auf Englisch vor, wechselte dann aber auf Deutsch, als er um eine Probe des Schlenkerlas bat. Eine Gruppe von Brauern hatte diesen kurzen, zweisprachigen Austausch gehört und einer davon bemerkte: „Bist du nicht der Typ, der das Buch über Altbier geschrieben hat?“ Es stellte sich heraus, dass die Familie Weyermann dieses Buch, welches auf der Messe erhältlich war, ebenfalls am gleichen Morgen erstanden hatte. Damit wurde das zufällige Treffen am Weyermann®-Stand schnell zu einer ungeplanten Signierstunde und zu einem Foto-Event. Für eine deutsche Mälzerfamilie aus Bamberg war es natürlich etwas ganz Unerwartetes, einem Brauer und Autor in die Quere zu laufen, der in den USA wohnt, fließend Deutsch spricht, aber ein Buch auf Englisch über einen selbst in Deutschland nur regional bekannten Bierstil schreibt. Umgekehrt war jener Exildeutsche ebenfalls überrascht, eine deutsche Spezialmalzfabrik aus Bamberg mit Ambitionen, im nordamerikanischen Craft-Brauwesen Fuß zu fassen, in Phoenix kennenzulernen.
Das nächste „Treffen“ war nicht persönlich, sondern per Brief (Email war damals noch nicht, was es heute ist). Horst arbeitete an seinem nächsten Buch, „Bavarian Helles“, als Nummer 17 in der Classic Beer Styles-Serie für englischsprachige Leser. Es behandelte die Geschichte und das Brauverfahren dieses klassischen, bayerischen Bierstils komplett mit Rezepten, für welche Weyermann®-Malze natürlich perfekt geeignet sind. So fragte Horst, ob Sabine und Thomas daran interessiert wären, das Vorwort zu schreiben … und die Familie Weyermann nahm diese Gelegenheit gleich beim Schopf. So konnte man im Sommer 2000 zwei deutsche Mälzer an einem italienischen Strand mit Blick auf die Adria beobachten, wie sie ein Vorwort auf Deutsch für ein Buch auf Englisch über Bayerns berühmten Biergarten-Gerstensaft verfassten. Das übersetzte Horst dann fürs Buch ins Englische.
Und das war der Beginn einer großen und dauerhaften Freundschaft. Es war auch der Beginn einer fruchtbaren professionellen Zusammenarbeit zwischen der Weyermann® Malzfabrik und Cerevisia Communications LLC, einem Beratungsunternehmen in der Brauindustrie, welches Horst im Jahr 2000 gründete. In den folgenden Jahren haben sie an vielen Projekten zusammengearbeitet. Unter anderem hat man gemeinsame Artikel in Fachzeitschriften verfasst. In der Weyermann® Braumanufaktur in Bamberg wurden diverse mittelalterliche Klosterbiere, klassische Biere aus der Renaissance und sogar germanische Brotbiere aus der Römerzeit rekonstruiert. Zusätzlich wurde gemeinsam in Bamberg und bei gastfreundlichen Brauereien in vielen Ländern der Welt mit innovativen Kombinationen von Weyermann®-Malzen und auch mit ungewöhnlichen Hopfenmischungen experimentiert. Währenddessen entwickelte sich die Marke Weyermann® zu einem bedeutenden Player im Craft Brew-Bereich der Neuen Welt, wo Weyermann®-Malze nach den Anfängen in den 1990er Jahren bald zum vielseitigsten und gefragtesten Spezialmalz-Sortiment im nordamerikanischen Markt avancierten.
Das hier vorgestellte Buch ist ein weiteres Ergebnis dieser langjährigen Zusammenarbeit. Es basiert auf gemeinsamem, über Jahre gesammelten Brauwissen und auf vielfältigen, praktischen Erfahrungen in der Mälzerei und im Sudhaus. Es ist ein vielseitiges und ungewöhnliches Buch, welches sowohl historische als auch brautechnische Fragen mit einem wissenschaftlichen Ansatz und der gebührlichen Reverenz, aber – so hoffen die Autoren – auch mit ein wenig Humor behandelt. Möge dieses Buch das Verständnis der Leser für das Wunder, welches die dunklen Lagerbiere darstellen, erweitern und möge es auch zum Nachbrauen bzw. zum innovativen Experimentieren mit unseren Rezepten anspornen.
Thomas Kraus-Weyermann, Bamberg Horst Dornbusch, West Newbury, Massachusetts, USA Juli 2020
Vorwort von Jim Koch, Samuel Adams Boston Brauerei
Es macht Spaß, Brauer zu sein. Ein Teil des Spaßes besteht darin, ein unbekanntes Bier zu trinken und sich zu fragen, wohin es einen führen kann. Als ich 1985 Samuel Adams Boston Lager zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorstellte, waren alle großen amerikanischen Brauereien bestrebt, ihre Biere so leicht wie möglich zu machen. Es war damals ein Kalorien-Zähl-Wettbewerb auf niedrigstem Niveau. Der Geschmack war irrelevant, solange das Bier weniger als 100 Kalorien hatte! Das war eine schwierige Herausforderung, mit der auch wir damals gespielt hatten. Am Ende sahen wir jedoch darin keine Mission, die uns wirklich faszinierte. Meine Neugier zielte eher auf das andere Ende des Bierspektrums ab, auf die mysteriöse, dunkle Seite des Bieres. Und das bedeutete dunkle Lagerbiere (und Ales).
Es war ein aufregender Moment, als ich meinen ersten Samuel Adams Doppelbock braute. Als ich ihn jedoch zum zweiten Mal braute, kam mir der Gedanke: „Nun, wenn wir einen Doppelbock brauen können, warum nicht auch einen Tripelbock. Also haben wir es gemacht, und das war der Anfang einer Reise in die untersten Regionen des Brauens – zu den extremen Bieren. Erst kam der Tripelbock, dann das Millennium und schließlich Utopias! (Technisch ist Utopias ein Ale, also ein Obergäriges. Jedoch bedeutet „Lager“ auch ein gut gereiftes Bier; und Utopias ist ein Verschnitt aus verschiedenen extremen Bieren, wobei einige mehr als 20 Jahre alt sind.)
Dunkle Biere, insbesondere Lagerbiere, sind gerade deshalb verführerisch, weil es dort drinnen so dunkel ist und man oft nicht genau sehen kann, wohin man geht oder wo man endet. Extreme Biere sind für mich als Brauer immer ein spannender Pfad der Liebe.
Aufgrund der international explodierenden Craft-Brewing-Bewegung ist es unmöglich den Überblick zu behalten, wer was braut. Wir verdanken es Horst Dornbusch und Thomas Kraus-Weyermann, dass wir jetzt die Möglichkeit haben, auf der ganzen Welt über dunkle Lagerbiere zu lernen und, was noch wichtiger ist, Einblicke in und ein Verständnis für die Zusammenhänge dieser dunklen Juwelen des Brauens zu gewinnen.
Was sie geschaffen haben, wird meines Erachtens die Bibel der dunklen Lagerbierherstellung werden. Ich denke, die wahre Genialität dieses Buches liegt in seiner Fähigkeit, die Informationen sowohl für professionelle Brauer als auch für neue Biertrinker klar und überzeugend darzustellen. Es liefert die Grundlagen: die Wurzeln dunkler Lagerbiere, die grundlegende Biochemie, die Zutaten und Rezepte … aber dann hebt es wie eine Rakete ins Unbekannte ab und erforscht das weltweite Spektrum klassischer und experimenteller dunkler Lagerbiere.
Wir bei Samuel Adams fühlen uns geehrt, dass wir eingeladen wurden, Rezepte für dieses Buch beizusteuern. Es hat uns großen Spaß gemacht und ich denke, dass es eine großartige Möglichkeit für unsere Brauer war, neue dunkle Lagerbierrezepte zu kreieren und damit das Thema des Buches in den richtigen Rahmen zu rücken.
Es ist heute fast gang und gäbe geworden, ein umfassendes Buch über ein Thema mit dem Wort „Bibel“ zu belegen. Damit ist das Wort fast zu einem Klischee geworden. Im Falle dieses Buches haben wir es jedoch wirklich mit einer Bibel über dunkle Lagerbiere zu tun, denn es befasst sich mit dem Ursprung dieser Biere und den Brauanleitungen; und erzählt dann die Geschichten der Entwicklung dieser Biere in verschiedenen Regionen. Damit entfacht es Leidenschaft und gibt uns Hoffnung und Vertrauen für die Zukunft.
Also, liebe Leser, zapfen Sie sich ein feines, dunkles Lagerbier, nehmen Sie sich einen Stuhl und schließen Sie sich unserer Reise an, die in der Spätrenaissance beginnt und noch kein absehbares Ende hat. Lesen Sie weiter! Brauen Sie weiter!
Jim Koch Gründer und Geschäftsführer Samuel Adams Boston Brauerei
Vorwort von Dr. Martina Gastl, Technische Universität München
Der überwiegende Teil des Biermarkts im 20. Jahrhundert schien vom Einheitsbier der großen Konzerne dominiert. Demzufolge basierten die klassischen am Markt befindlichen Biersorten auf nur wenigen Malzsorten wie Pilsener Malz, Dunkles Gerstenmalz, Helles Karamellmalz, Helles Weizenmalz und ggf. Röstmalz. Auch das Potenzial des Hopfens wurde zumeist auf seine rein bitternde Wirkung reduziert. Demzufolge wurden die Biere immer einheitlicher und büßten an Geschmacksvielfalt und individuellem Charakter ein.
Als Mitte der 80er Jahre die Craft-Bier-Bewegung aufkam und die Brauer die enorme Aroma- und Geschmacksvielfalt der Rohstoffe Hopfen, Malz und Hefe wiederentdeckten und auch die vielfältigen Technologien im Heiß- und Kaltbereich aktiv einsetzten, erlebte die Aroma- und Geschmacksvielfalt des Bieres ein spektakuläres Comeback. So vielfältig die Welt der Zutaten ist, so vielfältig sind auch die kreierten Sorten.
Den Aufbruch in eine neue Ära der kreativen Biervielfalt spiegelt auch die Brauliteratur der letzten Jahre wieder. Obwohl inzwischen zahlreiche Rezeptesammlungen bestehen, ist es doch eine Seltenheit auf ein Buch zu stoßen, dass sich explizit mit dunklen Lagerbieren und dunklen Malzen beschäftigt. Aufgrund der facettenreichen Darstellung dieses Bierstiles sticht dieses Buch in einzigartiger Weise aus der bestehenden Literatur hervor!
Mit der aufgezeigten beeindruckenden Vielfalt, der dahinterstehenden Historie sowie den möglichen Herstellungsprozessen sind mit Sicherheit auch wahre Bierkenner und Liebhaber dieser Biersorte nur auszugsweise vertraut.
Doch der Reichtum dieser Thematik wird dem Leser schnell bewusst. Kurzweilig dokumentieren die Autoren die faszinierende und weitgehend unbekannte Geschichte der dunklen Lagerbiere und beschäftigen sich intensiv und mit Liebe fürs Detail mit den abwechslungsreichen Rohstoffen und Brauverfahren dieses Bierstils, ausgeschmückt mit ansprechenden Illustrationen.
Einzigartig ist auch die Rezeptesammlung, die dem Brauer mehr als 40 einzigartige, ideenreiche und erprobte Rezepte für die Herstellung eigener Variationen zur Hand gibt. Das Buch lebt von der praktischen Expertise und jahrzehntelangen Erfahrung der beiden Autoren Thomas Kraus-Weyermann und Horst Dornbusch in Mälzerei und Brauerei.
Sicher wird dieses Buch die klassische Brauliteratur wertvoll und ergänzen und in zahlreichen Bibliotheken Einzug finden – auch an der TUM-Weihenstephan.
Dr.-Ing. Martina Gastl Technische Universität München (TUM) Lehrstuhl für Brau- und Getränketechnologie – AG Rohstofforientierte Brau- und Getränketechnologie (Arbeitsgruppenleitung)
Vorwort von Dr. Josef Fontaine, Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin
Dunkle Biere haben eine große Tradition. Sie sind die „Hidden Champions“ in der Welt der Biere. Mit ihrem kräftigen, malzbetonten Aroma und den dunklen Farbnuancen waren sie lange Zeit weit verbreitet. Heute wird der Biermarkt in Deutschland aber mehr von Pilsner, Export, Hellen und Weizenbieren bestimmt. Die dunklen Biere dagegen sind ein wenig ins Hintertreffen geraten und werden meist als Spezialität von kleinen regionalen Brauereien angeboten. Zwar gibt es bei uns einige wenige überregional erfolgreiche Biere dieses Typs, wie beispielsweise das Schwarzbier. Generell fristen die dunklen Lager aber eher ein Nischendasein. Völlig zu Unrecht, wie auch ich finde!
Die Craft-Brewer weltweit haben in den vergangenen Jahren die Biervielfalt wiederentdeckt. Allerdings stehen bei vielen modernen Craft-Bieren die Hopfenaromen im Vordergrund. Bei den dunklen Lagerbieren kommt es aber eher auf die Malzkomposition und das Sudverfahren an. Es handelt sich bei dunklen Lagerbieren also um einen Biertyp, bei dem es noch viel zu entdecken bzw. wiederzuentdecken gibt. In den zahlreichen internationalen Brauerkursen, die die VLB Berlin anbietet, sind dunkle Lagerbiere auch immer wieder ein Thema. So gehört das „VLB Dunkel“ oder der „Dunkle Winterbock“ zu den Standardbieren unserer Studienbrauerei. Rezeptentwicklung ist natürlich auch ein Schwerpunkt in unseren Brauerkursen. Dabei müssen die angehenden Braumeister und Braumeisterinnen ein Rezept in allen Details planen. Das heißt, der Biertyp mit Aromaprofil wird festgelegt, dazu die passende Malzkomposition, die Hopfengabe und der Hefestamm ausgewählt. Anschließend werden die erforderlichen Prozessparameter für Sudhaus und Gärung/Reifung definiert. Dann muss das Ganze in unserer Studienbrauerei in die Praxis umgesetzt werden. In die abschließende Bewertung der Arbeit fließt auch ein, ob das gebraute Bier den Vorgaben des Rezepts entspricht und nicht ein Ergebnis von zufälligen Faktoren ist. Bei diesen Brauversuchen entscheiden sich immer wieder einzelne Gruppen für ein dunkles Lagerbier. Neben dem Verständnis über den Einsatz von Spezialmalzen bietet dieser Biertyp auch eine gute Gelegenheit, das heutzutage nur noch selten benutzte Dekoktionsverfahren einzusetzen. Das gibt den angehenden Braumeistern ein gutes Gefühl für die Bandbreite des Bierbrauens, die über Rohstoffauswahl, Brauverfahren und Gärführung beeinflusst werden kann. Die Resultate dieser Brauversuche sind immer wieder erfreulich und wohlschmeckend!
Wir sehen an diesem Beispiel, dass die dunklen Lagerbiere nach wie vor sowohl für Brauer als auch für Biergenießer attraktiv sind. Ich freue mich daher sehr, dass die beiden ausgewiesenen Bierexperten Horst Dornbusch und Thomas Kraus-Weyermann mit diesem besonderen Buch den Fokus auf diesen unterschätzten Biertyp richten, der zweifellos ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient hat, als ihm in der jüngeren Vergangenheit entgegengebracht worden ist.
Ich drücke die Daumen, dass dieses Buch viele Brauer weltweit zu mehr „Mut zur natürlichen Farbe“ im Bier inspiriert!
Dr. Josef Fontaine Geschäftsführer Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin (VLB) e.V. fontaine@vlb-berlin.org
Vorwort von Garrett Oliver, Brooklyn Brewery
Selbst im dunklen Zeitalter des amerikanischen Bieres wussten wir immer, wonach wir suchten und wo wir es finden konnten. In den frühen 1980er Jahren, während der rauen Punkrock-Ära von New Yorks East Village, gab es ein verborgenes Biergeheimnis. East 6th Street, zwischen 1st und 2nd Avenue, wurde als „Little India“ oder „Curry Row“ bekannt, denn der gesamte Block bestand aus einer nahezu monokulturellen, indischen Gastronomie. Eigentlich gab es zwei Geheimnisse. Das erste war, dass viele der Restaurants überhaupt nicht „indisch“, sondern pakistanisch waren und daher von muslimischen Familien geführt wurden. Infolgedessen waren fast alle diese Restaurants BYOB-Betriebe (Bring Your Own Beer bzw. Bringe dein eigenes Bier), denn die Inhaber schenkten keinen Alkohol aus.
Das Problem war … was sollte man bringen? Sicherlich nicht die nichtssagenden, langweiligen amerikanischen Pilsner-Lagerbiere von gestern. Wir reden hier von einer Zeit lange vor der Craft-Beer-Revolution. Aber schon damals wussten wir, was „dunkel“ bedeutet. Und wir wussten, was hinter einem Etikett mit dem Suffix „-ator“ steckte. Denn an beiden Enden der Curry Row befanden sich die ersten New Yorker Bierspezialitätengeschäfte, und deren bedeutendste Ware war dunkles Lagerbier. Unsere Favoriten von damals hallen immer noch in meiner Erinnerung wider: Aass Bock aus Norwegen mit seiner tiefen, rötlichen Farbe, seiner rassigen Bittere und seinem lebendigen Toffeegeschmack. Das Spaten-Logo des berühmten Optimators tauchte in denselben Regalen auf und wir nahmen die Flaschen mit in die Restaurants und an warmen Tagen saßen wir damit manchmal auch auf den Treppen fremder Häuser. Um die Ecke schenkte McSorley’s Old Ale House kleine Becher mit schaumigem McSorley’s Dark Lager aus, was angeblich ein Bier mit dem echten Namen „Prior's Double Dark“ war, also ein Bier, welches zumindest davon träumen ließ, dass es bayerische Wurzeln habe.
Als ich schließlich zum ersten Mal in München ankam, arbeitete ich mich durch jedes Dunkel und Bockbier, das ich finden konnte, und entschied mich schließlich für das wundersame Gleichgewicht der Biere, das unter dem Augustiner Dach serviert wurde. Von dort stürzte ich mich in die Wildnis der kommunistischen Tschechoslowakei und entdeckte, was auch immer der Kommunismus dort ruiniert hatte, dass er den dunklen Lagerbieren von Prag nichts anhaben konnte. Viele Jahre später, als mir Prinz Luitpold von Bayern, der selbst ein Braumeister war und der damals mehr dunkle Lagerbiere produzierte als jeder andere in Bayern, eine Audienz gewährte, hörte ich Geschichten von Fürsten, Adligen und Geistlichen. Ab dem 16. Jahrhundert, sagte der Prinz wehmütig, kamen sie alle zu Hunderten auf diese Burg und tranken den ganzen Tag lang dunkle Lagerbiere.
Im Laufe der Jahre habe ich viele solcher Biere selbst gebraut und Mälzer (von denen einer sehr intensiv mit diesem Buch verknüpft ist) dazu ermutigt, aromatische Gersten zu mälzen, die für die Herstellung dunkler Biere geeignet sind. Ich liebe die moderne Bierkultur – wir können jetzt mehr wundervolle Biere trinken als je zuvor. Trotzdem denke ich, dass einige der jüngeren Leute heutzutage etwas verpassen. Hopfen ist natürlich wunderbar, aber wenn ich mich erinnere, war Malz damals das Objekt meiner ersten Bierromanze; und dieses Malz war in üppige Rot- und Brauntöne gehüllt. Sie hatten nicht nur Aromen von Karamell, sondern auch von Kaffee, Melasse, Honig, dunklem Brot, Schokolade und getrockneten Früchten, die selten übermäßig süß waren und die am besten von einem blumigen Hauch aus den Hopfengärten gekrönt wurden.
Gibt es einen feineren Bierstil? Darüber könnten wir durchaus diskutieren. Aber sollten Sie mich an einem kühlen Herbsttag in einer Brauerei oder Bierhalle mit einem Glas Dunkelbier in der Hand antreffen, werden Sie mich nie von einem anderen Bier überzeugen. Gehen Sie am besten gleich zur Bar und holen Sie sich eins für sich selbst. Ob Sie nun nur das Beste dieser Biere finden möchten, ob Sie über deren Geschichte lernen möchten oder ob Sie selbst eine würdige Version brauen möchten, dies ist das Buch, auf das Sie gewartet haben. Auf diesen gründlich recherchierten Seiten, die von meinen alten Freunden Horst und Thomas geschrieben wurden, finden Sie nur Dunkelheit auf dem Weg nach vorn. Seien Sie guten Mutes – denn alles geht aufwärts!
Garrett Oliver Braumeister, Brooklyn Brewery Autor, The Brewmaster’s Table Herausgeber, The Oxford Companion to Beer (mit Horst Dornbusch als Mitherausgeber)
Vorab einige Begriffserklärungen
Die ursprüngliche Version dieses Buches wurde im Jahre 2018 auf Englisch von der Master Brewers Association of the Americas (MBAA) in Minneapolis, Minnesota, USA, unter dem Titel Dark Lagers – History, Mystery, Brewing Techniques, Recipes veröffentlicht. Bücher, die sich ausschließlich mit der Herstellung dunkler Lagerbiere befassen, sind nicht nur selten, sie gab es damals nicht, in keiner Sprache. Die Autoren hofften daher, diese gähnende Lücke in der internationalen Fachliteratur mit dem vorliegenden Werk zu stopfen.
Alle hier wiedergegebenen Rezepte wurden von den Autoren speziell für dieses Buch konzipiert und getestet. Die im Kapitel 7 aufgeführten Rezepte sind für dunkle Lagerbiere, die allgemein als Klassiker der Kategorie angesehen werden (siehe dazu auch Kapitel 4), gedacht. Zu diesen Archetypen der Bierstile gehören u.a. das bayerische Dunkel, das thüringische Schwarzbier, das böhmische Dunkel (Tmavý Ležák) sowie die bayerischen Starkbiere Dunkelbock und Dunkeldoppelbock. Diese Traditionsbiere haben den Test der Zeit überstanden. Die hier aufgeführten Rezepte sind Rekonstruktionen dieser historischen Modelle, aber mit leichten Abwandlungen, die es Brauern erlauben, diese Biere auch in zeitgenössischen Sudhäusern mit modernen Rohstoffen herzustellen.
Die Rezepte in Kapitel 8 sind dagegen eher „innovativ“. Sie wurden zwar auf der Basis klassischer Sude konzipiert, weichen aber dennoch wesentlich von diesen ab. Ein typisches Beispiel ist ein bayerisch-inspiriertes Dunkel mit einem Zusatz von ungemälzter Gerstenrohfrucht, also von Röstgerste, welche in Deutschland gegen das Reinheitsgebot verstößt, jedoch anderswo auf der Welt durchaus erlaubt ist. Schließlich sind die Rezepte in Kapitel 9 „experimentell“, da sie im Sinne des modernen Craft-Brau-Experimentierens das Konzept dunkler Lagerbiere in sehr kreative, vielleicht sogar abenteuerliche Richtungen weiterführt. Ein Beispiel ist ein dunkles Lagerbier, welches sowohl im Maischebottich als auch in der Sudpfanne mit einem Zusatz von entfettetem Bio-Kakaopulver, sowie in der Sudpfanne und im Gärtank mit etwas natürlichem Vanilleextrakt abgerundet wurde. Diese Zutaten lenken ein Dunkel in ganz neue geschmackliche Bahnen.
Natürlich sind die Trennlinien zwischen diesen drei Rezeptgruppen überwiegend subjektiv, weshalb jeder Leser diese Biere ganz legitim auch anders klassifizieren kann. Nur ein Ziel sollte dabei nicht aus den Augen verloren werden: Bei allen diesen Rezepten geht es weniger um deren Kategorisierung in der Bierstil-„Taxonomie“ als darum, interessante und leckere Biere zu brauen.
Ein Wort zum Reinheitsgebot
Während alle klassischen Rezepte in Kapitel 7 den Grundsätzen des Reinheitsgebots entsprechen, verstoßen selbstverständlich viele der „innovativen“ Rezepte in Kapitel 8 und besonders der „experimentellen“ Rezepte in Kapitel 9 gegen diese deutsche Zutatenverordnung für Bier. Nach deutschem Recht dürfen alle im Inland gebraute, untergärige Biere – also Lagerbiere – nur aus Wasser, Gerstenmalz, Hopfen und Hefe bestehen. Das Bundesgesetz ist für obergärige Biere, also für „Ales“, etwas weniger restriktiv (mit Ausnahme von Bayern und Baden-Württemberg, wo nach den jeweiligen Landesgesetzen das deutsche Reinheitsgebot gleichermaßen für unter- und obergärige Biere gilt). Wenn es sich um ein Weizenbier handelt, gilt jedoch in allen Ländern, dass mindestens die Hälfte der Maische aus Weizenmalz bestehen muss. Der Rest muss Gerstenmalz sein. Andere in Deutschland (außerhalb Bayerns und Baden-Württembergs) hergestellte obergärige Nicht-Weißbiere – wie zum Beispiel Altbier und Kölsch – dürfen ebenfalls eine nicht spezifizierte Menge an Weizenmalz sowie eine begrenzte Anzahl von klar definierten Zusatzstoffen wie zum Beispiel Invertzuckersirup enthalten. Darüber hinaus dürfen Biere mit Dinkel-, Hafer- oder Roggenmalz nur obergärig gebraut werden. Allerdings sind Zutaten wie Kaffee, Kakao, Vanille, Früchte, ungemälzte Getreiderohfrüchte für alle deutschen Biere, ob ober- oder untergärig, grundsätzlich verboten, obwohl viele dieser Zutaten bis zur Spätrenaissance auch in Deutschland in Bieren verwendet wurden. Selbst Gruit (ein Bouquet aus Kräutern und Gewürzen), welches von der Frühzeit bis ins Mittelalter eine Standardgeschmacksbeigabe zu Bier war, ist heute nicht mehr gestattet.
Daher dürfen vergorene Getränke auf Getreidebasis, die außerhalb der strengen Bestimmungen des Reinheitsgebots hergestellt werden, in Deutschland nicht als „Bier“ bezeichnet werden, es sei denn, sie werden dank eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs von 1987 für den Export gebraut oder sie werden aus dem EU-Ausland nach Deutschland eingeführt. Da dieses Buch sich international orientiert und da viele Craft-Brauer auch in Deutschland alkoholische Getränke auf Getreidebasis herstellen, die technisch in Deutschland nicht als „Biere“ gelten, wurden diese internationalen „Bier“-Sorten hier in die Kapitel 8 und 9 aufgenommen.
Definitionen
Da die erste Version dieses Buches auf Englisch primär für nordamerikanische Brauer verfasst wurde, wurden ursprünglich auch alle Mengen in den Rezepten in amerikanischen Maßeinheiten berechnet und ausgedrückt. Diese wurden für die deutsche Version ins Dezimalsystem übertragen. Auch beziehen sich einige Begriffe und Definitionen – wie zum Beispiel die Ermittlung der Extrakteffizienz eines Sudhauses oder die Berechnung der Bierfarbe – zum Teil auf die in Nordamerika geläufige Braupraxis. Auch diese Elemente wurden an das Vorverständnis der deutschen Brauer angepasst. Dazu folgende Erklärungen:
Definition: Extrakteffizienz
Alle Mengenangaben in den Rezepten in diesem Buch sind nominelle Proforma-Werte. Sie basieren auf einer hypothetischen Extraktausbeute von 75 Prozent. Die Gleichung zur Berechnung der Sudhauseffizienz ist:
%E = (°P × OG × Vol)/M
Wobei:
%E = Sudhaus Extraktausbeute
°P = Stammwürze in Plato = Prozent Stammwürze
(z. B. 12 °P = 12 % Stammwürze)
OG = „Original Gravity“ = Stammwürze als Dichte (z. B. 1,048)
Vol = Netto-Ausschlagvolumen (der Sudpfanne nach dem Kochen) in Litern
M = Gesamtgewicht des Schrotes in Kilogramm
Diese Formel bezieht sich nur auf die Ausbeute eines konkreten Sudhauses, nicht auf den potenziellen, im Labor erzielbaren Extraktwert einer Schüttung. Die mit dieser Formel definierte Ausbeute ist ein Nominalwert, dessen echte Größe auch von verschiedenen örtlichen Faktoren abhängt. Zu denen gehören u. a. die Sudhauskonfiguration, das Verhältnis von Durchmesser zu Höhe des Läuterbottiches, die Feinheit des Schrotes, die Tiefe der Maische und die Perforierung des Senkbodens. Deshalb sind manche Sudhäuser bei identischem Schüttungsgewicht wesentlich effizienter als andere. Anders ausgedrückt, um ein bestimmtes Würzevolumen mit einer bestimmten Stammwürze zu erzielen, brauchen manche Sudhäuser wesentlich größere Schüttungsmengen als andere. Dieser Tatbestand hat natürlich Auswirkungen auf die Bierfarbe, den Endvergärungsgrad und den Alkoholgehalt. Auch sollte berücksichtigt werden, dass die Malz- und Hopfenspezifikationen von einer Lieferung zur nächsten selbst vom gleichen Lieferanten variieren können.
Definitionen: Würzefarbe und Bierfarbe
Es gibt eine Vielzahl von Methoden und Formeln zur Berechnung der Würze- und Bierfarben. Die hier verwendete Formel für die Würzefarbe wurde von Daniel Morey in der Einheit SRM (Standard Reference Method) entwickelt und ausführlich in How To Brew: Everything You Need to Know to Brew Great Beer Every Time (John Palmer, 4. ergänzte Ausgabe, 2017) beschrieben.
SRM ist ein mit einem Spektralphotometer gemessener Nominalwert, der von der American Society of Brewing Chemists (ASBC) im Jahre 1950 entwickelt wurde. Er erfasst die Verringerung (Absorption) der Intensität eines tiefblauen Lichtstrahls mit einer Wellenlänge von 430 Nanometern, wenn er durch eine genormte Küvette durch 0,5 Zoll (1,27 cm) Bier oder Würze geschickt wird. Die für solche Messungen verwendete Bier- oder Würzeprobe wird normalerweise filtriert, um Verfälschungen durch Trübungen zu vermeiden. Je dunkler das Bier oder die Bierwürze, desto größer ist der numerische SRM-Wert. Die SRM Formel zur Bierfarbenstimmung lautet:
Würzefarbe = 1,4922 × MCU0,6859 SRM
In dieser Formel ist 1,4922 eine Berechnungskonstante. Die Abkürzung MCU steht für Malt Color Unit und 0,6859 ist der konstante Exponent (Hochzahl) für den MCU-Wert. Die Malzfarbeinheit MCU ist die Summe der relativen Farbbeiträge (je nach Gewicht) der verschiedenen Malze in der Maische, wobei jeder einzelne Farbwert in Lovibond-Graden (°L) ausgedrückt wird.
Erklärung von °L: Diese Malzfarbeneinheit wurde im Jahre 1893 vom britischen Brauer Joseph William Lovibond entwickelt. Sie beruht auf einem Vergleich der zu messenden Bierfarbe mit einem Satz standardisierter farbiger Glasscheiben. Am unteren Ende der Lovibond-Skala sind die Werte in °L und SRM ziemlich ähnlich. Am oberen Ende weichen sie jedoch aufgrund des nichtlinearen Effekts, nach Gewicht, von Malzen unterschiedlicher Farbe auf die Gesamtbierfarbe erheblich voneinander ab. Mit anderen Worten, eine geringe Menge von tiefdunklem Malz hat einen proportional viel größeren Einfluss auf die Bierfarbe als eine gleiche Menge eines hellen oder bernsteinfarbenen Malzes.
Die Beziehung zwischen °L und SRM wird durch folgende Formeln ausgedrückt:
SRM = (1,3546 × °L) - 0,76
Eine andere Methode der Bierfarbmessung wurde von der European Brewery Convention entwickelt. Die Einheit dieser Farbmessung ist EBC. Sie wird praktisch auf der ganzen Welt, mit Ausnahme von Nordamerika, benutzt. Die EBC-Methode basiert auf einer Küvette mit einem Durchmesser von 1 cm. Jedoch ist das Testlicht das Gleiche wie in der SRM-Methode. Es hat ebenfalls eine Wellenlänge von 430 Nanometern. Da die SRM- und EBC-Methoden eng miteinander verwandt sind und sich nur im Küvettendurchmesser unterscheiden, können ihre Werte in beide Richtungen umgerechnet werden. Ein EBC-Farbwert beträgt ungefähr das 1,97-fache des SRM-Farbwerts. Daraus ergeben sich folgende Umrechnungsformeln:
EBC = 1,97 × SRM
SRM = 0,508 × EBC (oder SRM = EBC:1,97)
In der deutschen Version dieses Buches werden alle Bierfarbwerte ausschließlich in EBC-Einheiten wiedergegeben.
Definition: Bittere
Die in diesem Buch verwendeten Hopfenmengen basieren auf den Alphasäureangaben der Hopfenverarbeiter in der Einheit IBU (International Bitter Unit) für den Gehalt an Iso-Alphasäure im fertigen Bier. Dabei entspricht 1 IBU 1 Milligramm Alphasäure pro Liter Bier (mg/l). Alle in den Testsuden für dieses Buch verwendeten Hopfengaben bestanden aus T90 (statt T45) Pellets und nicht aus Dolden. Daher sollten die angegebenen Hopfenmengen beim Gebrauch von Dolden um etwa 10 Prozent erhöht werden.
Für die Iso-Alpha-Ausbeute pro Kochlänge benutzen verschiedene Quellen unterschiedliche nominale Referenzwerte. In diesem Buch (siehe Tabelle) wird eine nominale Isomerisierungsrate von 30 Prozent des vom Hopfenhersteller angegebenen Alphasäurewertes bei einer Kochlänge von 60 Minuten angenommen. Bei einer Hopfengabe zum Kochende bzw. im Whirlpool wird eine Isomerisierungsrate von 6 Prozent angenommen.
Daraus ergibt sich für jede Hopfengabe folgende Formel:
IBU = (H x AA% x AB%)/(WV x 10)
Wobei:
H = Hopfenmenge in Gramm (g)
AA% = der vom Hopfenverarbeiter angegebene Prozent an Alphasäure pro Gewicht
AB% = Ausbeute (in Prozent; aus der Tabelle) in Abhängigkeit von der Kochlänge
WV = Würzevolumen in der Sudpfanne in Liter (l)
10 = eine Kalkulationskonstante
Die Bitterwerte mehrerer Hopfengaben summieren sich zur Gesamtbittermenge in IBU, wobei in diesem Buch die relativ geringen Bitterwerte durch Hopfenstopfen (Dry-Hopping) im Kaltbereich ignoriert werden. Da die in der Brauerpraxis von Fall zu Fall erzielten Echtwerte der Bittere unterschiedlich ausfallen, gelten die in den Rezepten angegebenen Hopfenmengen pro Gabe nur als Leitfaden; und die Gaben sollten für jeden Sud, je nach den aktuellen Spezifikationen sowie auch nach dem Alter und den Lagerbedingungen des verwendeten Hopfens neu berechnet werden.
| Kochlänge in Minuten | Alphasäuren-Ausbeute (%) |
| ≥60 | 0,30 |
| 55 | 0,29 |
| 50 | 0,28 |
| 45 | 0,27 |
| 40 | 0,25 |
| 35 | 0,23 |
| 30 | 0,21 |
| 25 | 0,19 |
| 20 | 0,17 |
| 15 | 0,14 |
| 10 | 0,10 |
| 5 | 0,06 |
Umrechnungstabelle
Viele Rezepte, besonders im Craft-Bier-Bereich, werden heutzutage auf Englisch auf der Grundlage amerikanischer Maßeinheiten statt des international gebräuchlichen Dezimalsystems Système international d'unités (SI) veröffentlicht. Brauer, die es vorziehen, ausschließlich mit Einheiten im Dezimalsystem zu arbeiten (oder umgekehrt), können mit folgenden Umrechnungskonstanten die relevanten Mengen errechnen:
1 kg = 2,2 amerikanische Pounds (lbs.)
1 Ounce (oz.) = 28 g
1 Quart (qt.) = 0,95 Liter
1 Barrel (bbl.) = 1,173 hl
1 Pound (lb.) = 0,45 kg
1 Fluid Ounce (fl. oz.) = 30 ml
1 Liter = 34 fl. oz.
1 hl = 0,85 bbl.
Alphabetische Liste der Rezepte in den Kapiteln 7 bis 9
1.American Imperial Hoppy Dunkel (Rezept 41)
2.Baltic Porter (Baltisches Porter: Rezept 16)
3.Bamberger Hofbräu Exquisator Dunkeldoppelbockbier (Rezept 12)
4.Bamberger Hofbräu Schwarzbier (Rezept 7)
5.Bamberger Rauchbier (Rezept 13)
6.Barke® Dunkles Wiener Lager (Rezept 20)
7.Barke® Sinamar® Dunkel (Rezept 25)
8.Bayerisch-fränkisches Dessert Dunkel (Rezept 18)
9.Bayerisch-fränkisches dunkles Landbier (Rezept 3)
10.Bayerisch-fränkisches trockenes Dunkel (Rezept 17)
11.Bayerischer Dunkeldoppelbock I (Rezept 10)
12.Bayerischer Dunkeldoppelbock II (Rezept 11)
13.Bayerisches Dunkelbockbier (Rezept 9)
14.Bayerisches Dunkelkellerbier (Rezept 14)
15.Bayerisches/Münchner Dunkel I (Rezept 1)
16.Bayerisches/Münchner Dunkel II (Rezept 2)
17.Bayerisches Schwarzbier I (Rezept 5)
18.Bayerisches Schwarzbier II (Rezept 6)
19.Birra Rossa (Rezept 23)
20.Deutsches Porter (Rezept 15)
21.Dunkelmärzen (Rezept 21)
22.Dunkelrauchdoppelbock (Rezept 28)
23.Dunkles California „Un-Common“ Lagerbier (Rezept 38)
24.Dunkles „Negra“ Wiener Lager (Rezept 19)
25.Dunkles Bauernlagerbier (Dark Farmhouse Lager; Rezept 22)
26.Dunkles Lagerbier mit gerösteter Gerste, Kakao und Vanille (Rezept 31)
27.Dunkles Montmorency-Sauerkirschen-Lagerbier (Rezept 37)
28.Dunkles Sauergut-Lagerbier (Rezept 36)
29.Estländisches Baltisches Porter (Estonian Baltic Porter; Rezept 27)
30.„Hildegard von Bingen“-Bier aus dem Mittelalter (Rezept 40)
31.„Imperial“ Barrique Rauchbock (Rezept 34)
32.„Imperial“ Fünf-Korn „Dinkel-Dunkel“ (Rezept 30)
33.„Imperial“ Hafer-Schwarzbier (Rezept 35)
34.Schlotfegerla® Bamberger Rauchbier (Rezept 26)
35.Spätrenaissance Bayerisches Dunkel (Rezept 39)
36.Süffiges Dunkel („Session“ Dunkel; Rezept 24)
37.„Schwarz-ator“-Triplebock (Rezept 29)
38.Schwarzes Kaffee-Lagerbier (Rezept 32)
39.Thüringer Schwarzbier (Rezept 8)
40.Tmavý Ležák (Böhmisches Dunkel; Rezept 4)
41.Untergäriges Gersten-Weizen-Rauch-Starkbier (Rezept 33)

| Als das Bier dunkel wurde … | 1 |
Heutzutage macht sich kaum ein Brauer oder Biertrinker darüber Gedanken, dass es nicht nur helle, sondern auch dunkle Biere gibt sowie Biere jeder Farbe dazwischen. Aber die Existenz dunkler Biere ist viel weniger „natürlich“ als deren weite Verbreitung heutzutage vermuten lässt. Man bedenke nur, dass die wichtigsten Bierrohstoffe, nämlich Gerste und Hopfen, im natürlichen Zustand eigentlich eher hell als dunkel sind, denn die reifen Gerstenähren wogen goldgelb und nicht dunkel auf den Feldern im Wind und die Hopfendolden sind alle gelblich bis hellgrün. Gleichsam ist ein Hefebrei grau-weiß bis elfenbein-gelb und reines Wasser ist natürlich farblos. Selbst Getreidearten, die seltener zum Brauen verwendet werden wie Weizen, Roggen, Hafer, Dinkel und Einkorn verdienen kaum das Attribut „dunkel“. Trotzdem findet man heutzutage rabenschwarze, sepia-braune, rötliche und bernsteinfarbene Biere in fast allen bedeutenden Bierkulturen der Welt. Um nur einige Beispiele zu nennen: Es gibt das bayerische Dunkel; das fränkische Rotbier; das dunkelgoldene, kupferrote oder mahagonibraune Festbier; den Dunkelbock; das Dunkelweizen; das dunkelbraune, belgische Trappisten-Dubbel; und die mokkabraunen bis tiefschwarzen englischen Porters und Stouts. Mit anderen Worten, Dunkelheit im Bier ist nicht ein Produkt der Natur, sondern das Ergebnis von Herstellungsverfahren in der Mälzerei und der Brauerei … aber warum?
Die Geschichtlichkeit dunkler Biere
Um das Aufkommen dunkler Biere zu verstehen, ist es aufschlussreich, einen Blick auf die tiefe Vergangenheit des Brauens seit dem Beginn der Zivilisation, also auf eine Zeit vor etwa acht- bis zehntausend Jahren, zu werfen, als noch alle Biere hell oder bernsteinfarben waren. Damals waren sie höchstwahrscheinlich auch alle obergärig. Dieser Rückblick mag in einem Buch, welches sich ausschließlich mit dem Brauen dunkler, untergäriger Biere befasst, unorthodox erscheinen, jedoch basiert dieser scheinbare Widerspruch auf einer schlüssigen Logik: Aus der Entstehungsgeschichte und Weiterentwicklung dieser alten Biere können wir – wenn nicht mit Sicherheit lernen – so doch erahnen, warum dunkle Biere, einschließlich dunkle untergärige Biere, überhaupt entstanden sind und auch heute noch einen festen Platz im Biersortiment der Welt einnehmen.
Die Biergeschichte lehrt uns, dass sowohl die Dunkelheit im Bier als auch die untergärige Brauweise historische Anfänge haben. Irgendwann und irgendwo wurde wohl zum ersten Mal dunkel gebraut; und irgendwann und irgendwo wurde auch zum erst Mal untergärig gebraut. Auch wissen wir heute, dass diese beiden Übergänge – von hell auf dunkel und von ober- auf untergärig – nicht zeitgleich stattfanden, sondern dass die Dunkelheit im Bier etwa ein Jahrtausend vor dem Wechsel von ober- auf untergärige Hefe kam. Damit gab es also auch irgendwann und irgendwo einen ersten Sud, der nicht nur dunkel war, sondern auch untergärig vergoren wurde. Folgerichtig schickt uns das erste Kapitel dieses Buches auf die Spuren der ersten, wahrscheinlich obergärigen, dunklen Biere, während wir im zweiten Kapitel versuchen, das Erscheinen der ersten, wohl ebenfalls dunklen Lagerbiere zu entschlüsseln. Dieser Forschungspfad führt dann automatisch im Kapitel 3 zu einer Analyse der – wie sich herausstellt – mysteriösen, mikrobiologischen Revolution, welche die Transformation obergäriger in untergärige Biere überhaupt erst ermöglichte. Schließlich verbleibt noch die Darlegung in den Kapiteln 4 bis 6 der historischen Entwicklung der Rohstoffe und Braumethoden vom ersten Erscheinen dunkler Lagerbiere bis zur heutigen Vielfalt dieser Biergattung. Danach enthalten Kapitel 7 bis 9 mehr als drei Dutzend speziell für dieses Buch entwickelte, weltweit getestete und sensorisch bewertete Rezepte für das Brauen klassischer, innovativer und experimenteller untergäriger Dunkelbiere. Letztlich bietet Kapitel 10 eine Exkursion in die Küche, wo 18 Gerichte vorgestellt werden, die man mit dunklen Lagerbieren kochen kann.
Bei den Recherchen für dieses Buch zeigte sich, dass die Fahndung nach den komplizierten historischen und brautechnischen Hintergründen der etappenmäßigen Transformation der blonden Obergärigen der Antike in die dunklen Untergärigen der Moderne eine überraschend breit gestreute und recht fantasievolle Detektivarbeit verlangte. Die Aufzeichnungen dieser Untersuchungen lesen sich daher fast wie ein echter Krimi!
Blonde, obergärige Biere an der Wiege der Zivilisation
Die meisten Archäologen und Anthropologen sind sich einig, dass die ersten Biere der Geschichte der Menschheit in der Jungsteinzeit in einer Region ungefähr zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat, also im Zweistromland des Fruchtbaren Halbmonds des Nahen Ostens (im Wesentlichen im heutigen Irak), gebraut wurden. Sie behaupten dies aufgrund von Ausgrabungen, in denen sie bis zu 9000 Jahre alte Körner aus gemälztem Getreide gefunden haben! Die Zivilisation, die diese Errungenschaft der Weltkultur vollbracht hat, nennen wir heute die Sumerer. Sie sind die ersten nachweisbaren Einwohner des Zweistromlandes. Ursprünglich waren die Sumerer nomadische Jäger und Sammler; und es ist unklar, wann genau oder von woher sie damals in ihre neue Heimat wanderten, aber viele Experten halten es für wahrscheinlich, dass sie aus Westasien oder gar aus dem heutigen Indien in die fruchtbare Ebene zwischen Tigris und Euphrat gezogen sind. Es waren die Griechen, die dem Land der Sumerer den Namen Mesopotamien gaben, was „zwischen den Flüssen“ – also Zweistromland – bedeutet. Das geschah im Jahre 331 v. Chr., als sie unter Alexander dem Großen Babylon, die damals bedeutendste Stadt im Nahen Osten, eroberten.
In diesem Zusammenhang sollte noch kurz erwähnt werden, dass einige Forscher auch die Chinesen als zeitgenössische Bierhersteller der Sumerer aufführen. Allerdings hat sich die frühe, meist auf Reis aufgebaute, chinesische Braukunst nicht in der weiten Welt verbreitet. Im Gegensatz dazu wurde die sumerische Braukunst in Abwandlungen zunächst von den alten Ägyptern übernommen und breitete sich dann spätestens im ersten Millennium v. Chr. (wahrscheinlich jedoch schon früher) entlang der Levante und quer durch den Balkan bis ins keltische und germanische Mitteleuropa aus, von wo sie sich schließlich ab dem Zeitalter der Entdeckungen in der Renaissance weltweit durchsetzte.
Wichtig für unsere Biergeschichte ist, dass die Sumerer die ersten Menschen waren, die ihre urzeitliche, nomadische Existenz aufgaben, um in ihrer neuen Heimat sesshaft zu werden und dort Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Mit diesem monumentalen Schritt wurden die Sumerer das erste Volk, welches aus dem Nebel der Vorgeschichte in das helle Licht der Zivilisation trat! Wir nennen diesen Schritt heute die neolithische Revolution. Einer der Hauptvorteile dieser epochalen Transformation unserer Art, Homo sapiens, von Nomaden im Naturzustand zu Siedlern im Zivilisationszustand war der Übergang vom permanenten, allgegenwärtigen, zufallsbedingten und damit auch potenziell lebensbedrohenden Nahrungsmangel zu einer relativ gesicherten landwirtschaftlichen Ernährungsgrundlage und schließlich sogar zu Agrarüberschüssen. Einige anthropologisch orientierte Ernährungswissenschaftler sehen in dieser Revolution im Neolithikum nicht nur eine neue Form der Lebensmittelproduktion, sondern auch den Anfang dessen, was wir heute als Freizeit bezeichnen; und sie betrachten die Befreiung vom konstanten Sachzwang der Nahrungssuche als die wichtigste und notwendige Voraussetzung für die Entstehung von Zivilisation.
Einer dieser Forscher ist Michael Pollan, Autor des wegweisenden Buches zu diesem Thema, Cooked: A Natural History of Transformation. In diesem Werk vertritt er die fundamentale These, dass Kochen eine Form der Vorverdauung außerhalb des Körpers ist, welche dem Menschen – anders als allen anderen Kreaturen – Zeit und Energie gewährt, sich anderen Aktivitäten als nur der Nahrungssicherung, der Verdauung und dem Schlaf zu widmen. Für Pollan ist die Fähigkeit, Lebensmittel auf Vorrat zu halten und sie zu kochen, statt sie roh essen zu müssen, was eine längere Verdauung erfordert, der wohl größte evolutionäre Schritt vom Menschenaffen zur Gattung Homo. Die Sumerer als vormalige Nomaden waren damit die ersten, die von diesem kolossalen Luxus der Überschusszeit und -energie ausgiebig Gebrauch machten und Kultur produzierten. Hing das kollektive Wohlergehen der Sumerer in deren früheren Dasein im Naturzustand noch primär vom Glück bei der Jagd und der Suche nach wilden Früchten und Cerealien ab, so genossen sie in ihrer Sesshaftigkeit wohl als erstes Volk der Menschheitsgeschichte eine Art von Wohlstand.
Eine Zeichnung mesopotamischer Biertrinker auf einer Amphore von ca. 2600 v. Chr. ist offenbar die älteste Darstellung von Biertrinken in der Welt. Sie zeigt zwei Personen, die aus einer gemeinschaftlichen Amphore Bier — möglicherweise in einer Kneipe — durch Strohhalme saugen. Die Halme dienen dazu, die im Bier suspendierten Partikel herauszufiltern.
Ein anderer Wissenschaftler, der Biologe und Professor für angewandte Ökologie an der North Carolina State University in den Vereinigten Staaten, Robert Dunn, geht sogar noch einen Schritt weiter. In seinem Essay „The internal, external and extended microbiomes of hominins“, welcher 2020 in der Fachzeitschrift Frontiers in Ecology and Evolution erschien, vertritt er die These, dass primär adaptive Mikrobiota in unserem Verdauungssystem dafür verantwortlich sind, dass die Menschheit sich verbreiten und unter unterschiedlichen geografischen Bedingungen überleben konnte. Sein Hauptargument dafür ist, dass „Homo erectus die Intelligenz und die Werkzeuge entwickelte, sowohl Fleisch als auch Alkohol zu vergären.“ Man darf wohl davon ausgehen, dass diese These, nach der sozial kooperierende Menschen überlebensfördernde Mikroben über vergorene Nahrungsmittel miteinander teilen können, nicht nur auf Homo erectus, wie Neandertaler, sondern auch auf uns, Homo sapiens, anwendbar ist.
Aus dieser anthropologischen Perspektive war die neolithische Revolution speziell eine kulinarische Revolution, denn die Sumerer konnten mit zunehmender Erfahrung im Ackerbau schließlich sogar mehr Getreide anpflanzen, als sie für ihre eigene Ernährung und für die Verpflegung ihres Viehs benötigten. Historiker und Archäologen versichern uns, dass die Sumerer in manchen Jahren in der Tat doppelt so viel Getreide ernteten, als sie konsumieren konnten. Somit standen die Sumerer zum ersten Mal vor einem Problem, welches den Nomaden in der Urzeit vollkommen unbekannt war, nämlich der Frage, wie man überschüssige Körner als Rücklage gegen Missernten aufbewahren kann, ohne dass sie verderben. Diese neue Problematik führte schließlich zu zwei umwerfenden neuen Errungenschaften in der Lebensmittelverarbeitung, dem Backen und dem Brauen! Diese beiden Künste der Haltbarmachung von Getreide gelten heute als wichtige Triebkräfte der menschlichen Evolution, denn sie trugen damals dazu bei, uns als kulturelle Kreaturen zu definieren.
Die gesellschaftsbildenden Auswirkungen des Getreideüberschusses
Mit der Sesshaftigkeit und der relativ gesicherten Versorgung mit Nahrungsmitteln änderte sich auch das soziale Gefüge der Sumerer. Allmählich entwickelten sie neue Wege der Zusammenarbeit in allen Lebensbereichen. So kooperierten sie bei Gemeinschaftsprojekten wie der Trockenlegung von Feldern und der gezielten Bewässerung, um reichliche Ernten zu erzielen. Gleichfalls entwickelten sie die soziale Arbeitsteilung und die berufliche Spezialisierung, welche nicht nur zu einer Erhöhung der kollektiven Produktivität, sondern auch zur Grundlage einer wirtschaftlichen und sozialen Schichtung führte.
Sobald die Sumerer nicht mehr von der Hand in den Mund lebten, wuchsen ursprünglich zerstreute Wohnstätten zu organisierten Wohngruppen im Umkreis öffentlicher Plätze und Gemeinschaftseinrichtungen zusammen. Das sesshafte Zusammenleben förderte die Entwicklung sozialer Normen und Bräuche, sowie religiöser Rituale und Praktiken. Es bildeten sich ganze Städte als Wirtschaftsund Kulturzentren mit Planungs- und Verwaltungsspezialisten sowie einer damit verbundenen politischen Machtverteilung. All diese soziologischen, politischen, wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen führten dazu, dass spätestes um 3500 v. Chr. die Jungsteinzeit in Mesopotamien in die Bronzezeit überging.
Als die sumerische Gesellschaft immer komplexer wurde, brachte sie auch immer mehr wegweisende Innovationen hervor. So entwickelten die Sumerer handwerkliche Manufakturen wie Webereien, Gerbereien, Ziegeleien, Kupferschmelzen und Töpfereien; und mit der Einführung der Töpferscheibe gab es endlich ausreichende Mengen an Tonbehältern, die für viele Zwecke, einschließlich der Herstellung und Lagerung von Bier, verwendet werden konnten. Allmählich etablierte sich das Konzept des Privateigentums, was ein Rechtssystem zur fairen, gewaltlosen Beilegung von Streitigkeiten nach sich zog. Das wiederum brachte die Notwendigkeit einer Schrift zur Aufzeichnung urkundlicher Vereinbarungen mit sich sowie deren Bewahrung in öffentlichen Archiven. Bereits um 3000 v. Chr. – also etwa zeitgleich mit der Einführung des Wagenrades – entwickelten die Sumerer das älteste uns bekannte Schriftsystem, die Keilschrift. Die Zeichen waren eine Weiterentwicklung von Piktogrammen und anderen Symbolen, die Handelswaren und Vieh darstellten. Umso mehr sich die Sumerer auf die Erzeugung, Lagerung und Verteilung ihrer pflanzlichen und tierischen Lebensmittel sowie ihrer handwerklichen Produkte konzentrierten, umso mehr führte schließlich der Handel zu den Anfängen einer Geldwährung, die den Tausch als Bewertungsmethode im Waren- und Dienstleistungsverkehr ersetzte.
Die sumerische Art des Brauens
Aufgrund des Funds einer Tontafel mit Keilschriftzeichen von etwa 1800 v. Chr. haben wir eine Vorstellung davon, wie die Sumerer Bier herstellten. Archäologen haben die Schrift als Ode entschlüsselt, der sie den Titel „Hymne an Ninkasi“ gaben. Im sumerischen Jenseits war Ninkasi die Hauptgöttin. Ihr Name bedeutet "diejenige, die die Münder der Götter (mit Bier) füllt“. Ninkasi war für die Fruchtbarkeit, die Erotik, das Getreide und damit auch für das Bier verantwortlich, weshalb einer der angesehensten Berufe im blühenden sumerischen Gesellschaftsgefüge der Brauer war – oder besser gesagt, die Brauerin, denn die meisten sumerischen Bierhersteller waren Frauen. Nicht nur war Brauen bei den Sumerern primär Frauensache, sondern auch das Führen von Kneipen.
Diese mesopotamische Tontafel von etwa 3100 bis 3000 v. Chr. ist heute im Britischen Museum in London zu sehen. Die Keilschriftzeichen wurden auf nassem Ton mit einem Stift aus Schilf eingeritzt, bevor die Tafel in der Sonne getrocknet wurde. Experten interpretieren die Zeichen als eine Auflistung täglicher Gerstenbierrationen für Tempelarbeiter.
Die Hymne an Ninkasi leitet uns Schritt für Schritt durch die Herstellung mesopotamischer Biere. Die Sumerer verwendeten praktisch alle ihnen verfügbaren Getreidesorten – wahrscheinlich vornehmlich Gerste und Dinkel, aber auch dessen genetische Vorläufer, Emmer und Einkorn. Mit diesen Cerealien buken sie Bappir, eine Art von ungegangenem, hartem Zwieback, den man gut lagern konnte, ohne dass er verschimmelte. Nach unserem besten Verständnis stellten die Sumerer ihre Biere aus einem Gemisch aus eingeweichtem Bappir-Brot und luftgetrocknetem und damit hellem Grünmalz verschiedener Getreidesorten her. Enzyme waren den Sumerern natürlich unbekannt, jedoch verstehen wir heute, dass die aktiven Malzenzyme in diesen Mischmaischen sowohl die Getreide- als auch die Bappir-Stärken in vergärbare Zucker umwandelten – genauso wie selbst heute noch moderne Großbrauereien in vielen Ländern die Stärken von Malzersatz-Produkten wie Reis- und Maisflocken mit Hilfe von Enzymen sechszeiliger Gersten abbauen.
Manchmal veredelten die Sumerer ihre Maischen auch geschmacklich mit Trauben, Datteln und Honig, also mit Zutaten, welche bestimmt lebhafte Kolonien von S. cerevisiae beherbergten. Die Sumerer kochen ihre Maischen offenbar nicht und läuterten sie auch nicht ab. Stattdessen wurden die kompletten Maischen in großen Töpfen vergoren. Am Ende der Gärung zogen die Sumerer einfach die nun alkoholische Flüssigkeit aus der Maische über einen Spund am Boden des Gärbehälters in Amphoren ab. Dabei blieben das ausgelaugte Malz und die Bappir-Überreste als Treber zurück. Das fertige Bier, welches bestimmt trübe und kaum rezent war, tranken die Sumerer dann mit langen Strohhalmen direkt aus den Amphoren.
Es gibt praktisch keine Zutaten oder Verfahrensweisen, die bei dieser sumerischen Bierherstellung als Farbquellen hätten dienen können, mit Ausnahme vielleicht der zugegebenen Früchte oder einer kleinen Portion schwarzer Gerste, von der bekannt ist, dass sie in der Antike im Fruchtbaren Halbmond (wie auch am Ufer des Nils in Ägypten) angebaut wurde. Schwarze Gerste konnte jedoch in den Brauhäusern der Menschheit nicht Fuß fassen – nicht wegen Darwins Theorie der natürlichen Selektion, sondern wegen der praktischen Auswahl der Brauer. Schwarze Gerste ist nackt, das heißt, sie ist spelzenlos. Daher stammt auch ihr wissenschaftlicher Name, Hordeum vulgare nudum. Eine Maische aus spelzenlosem Getreide hat jedoch den Riesennachteil, dass man sie kaum effizient abläutern kann. Aus allen uns überlieferten sumerischen Quellen können wir daher schließen, dass die meisten antiken Biere im Fruchtbaren Halbmond mit großer Wahrscheinlichkeit helle Biere waren. Diese waren auch ungehopft, denn die Entdeckung des Hopfens als Bierzutat war eine Errungenschaft der mittelalterlichen Klosterbrauer in Mitteleuropa. Weiterhin ist es nicht sicher, welchen Alkoholgehalt sumerische Biere hatten, aber es gab bestimmt eine große Streuung dieser Variable, je nachdem bei welchen Temperaturen die Maischen zufällig angestellt und damit die entsprechenden stärke-konvertierenden Enzyme aktiviert wurden.
Dieses Modell einer altägyptischen Bäckerei-Brauerei kurz nach 2000 v. Chr. wurde im Grab von Meketre, einem hohen Beamten im alten Ägypten gefunden.
Die Ausbreitung der sumerischen Braukunst
Auch die Ägypter waren frühe Brauer; und es ist wahrscheinlich, dass sie spätestens zum Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. die Braukunst den Sumerern abgeschaut hatten. Sie brauten genau wie die Sumerer sowohl mit Brot als auch mit gemälztem Getreide, was zahlreiche Darstellungen des ägyptischen Brauens auf Wandgemälden in Gewölben, Pyramiden und Opferkammern aus der Pharaonenzeit zu bestätigen scheinen. Ein besonders aufschlussreiches Artefakt über das ägyptische Brauen stammt aus dem Grab von Meketre, einem Hofverwalter unter König Mentuhotep II, welcher für ein halbes Jahrhundert von etwa 2050 bis 2000 v. Chr. das Land entlang des Nils regierte. Als Meketre im hohen Alter um 1975 v. Chr. starb, wurde er mumifiziert und seine Zeitgenossen legten ihm eine Sammlung von Miniatur-Holzfiguren ins Grab, welche Ägypter bei der Arbeit zeigten. Da gab es eine Miniatur-Tischlerei, einen Schlachthof, eine Küche, ein paar Flussschiffe, einen Getreidespeicher und eben eine Bäckerei-Brauerei. Ein Teil dieses Fundes befindet sich heute im Metropolitan Museum in New York.
Das Ende des Bieres im Nahen Osten — und dessen Neugeburt in Mitteleuropa
Mit dem Aufkommen der weintrinkenden griechischen und römischen Zivilisationen in der Antike wurde der Nahe Osten schließlich von einer Eroberungswelle nach der anderen überrannt, was dort zu einem drastischen Rückgang des Bierbrauens führte. Zuerst kamen die oben erwähnten Griechen im Jahre 331 v. Chr. unter Alexander. Danach kamen die Römer im Jahre 30 v. Chr. unter Octavian, was zum Ende des ägyptischen Reiches unter Kleopatra führte. Mit der Oberherrschaft der Römer wurde ein Großteil des ägyptischen Getreides entlang den Ufern des Nils statt zu Bier, entlang den Ufern des Tibers zu Brot verarbeitet. Im 7. Jahrhundert n. Chr. war es dann im Zuge der arabischen Eroberung des Nahen Ostens und Nordafrikas mit der dortigen Alkoholproduktion komplett vorbei. Die islamische Herrschaft weitete sich von der arabischen Halbinsel über Damaskus (634) auf Jerusalem (638), Ägypten (642) sowie Mesopotamien und Persien (651) aus. Im Jahre 711 landeten die Araber sogar per Schiff in der Bucht von Algeciras im Süden der Iberischen Halbinsel. Erst im Jahre 732 gelang es dem fränkischen Hausmeier Karl Martell, die islamische Expansion in der Schlacht von Tours und Poitiers, in der Nähe des heutigen Moussais-la-Bataille, einem kleinen Dorf in Aquitaine, in Frankreich, zu stoppen. Mit seinem Sieg bewahrte Karl Martell nicht nur den Westen vor der arabischen Herrschaft, sondern er rettete auch ganz nebenbei das europäische Bier – denn der Koran befiehlt, dass heilige Krieger keinen Alkohol trinken!
Diese keltische Bieramphore von etwa 800 v. Chr. ist der älteste uns bekannte Nachweis von Bierherstellung in Mitteleuropa.
Während die Bierherstellung in den Ländern rund um das Mittelmeer nach der Blütezeit der sumerischen und ägyptischen Kulturen zurückging, fasste sie bei den keltischen und germanischen Stämmen in Mitteleuropas richtig Fuß. Es ist nicht exakt belegt, wie das Wissen der Bierherstellung vom Nahen Osten nach Norden vordrang oder ob es sich dort autonom entwickelte, jedoch ist der Fund einer Amphore aus der Zeit um 800 v. Chr. der älteste uns bekannte Nachweis von Bierbrauen in Kontinentaleuropa. Dieses Gefäß wurde 1935 im Grabhügel eines keltischen Häuptlings aus der Hallstatt-Kultur in der Nähe des fränkischen Dorfes Kasendorf, knapp 15 km von Kulmbach, entdeckt. Die organischen Ablagerungen in diesem Artefakt wurden seitdem als Rückstände eines mit Eichenblättern gewürzten Weizenbieres identifiziert. Man kann die Amphore heute im Kulmbacher Biermuseum bewundern.
In den germanischen und keltischen Stammeskulturen Europas jener Zeit hat Bier anscheinend genau wie bei den alten Sumerern und Ägyptern eine große gesellschaftliche Rolle gespielt. Dies belegt zum Beispiel der römische Senator und Historiker Publius Gaius Cornelius Tacitus in seinem Buch, De origine et situ Germanorum (Über die Herkunft und das Gebiet der Germanen), welches er um 98 n. Chr. fertig stellte. Darin berichtet Tacitus sarkastisch, dass die germanischen Stämme ein alkoholisches Getränk aus Gerste tranken, welches einem „korrumpierten“ (wohl infizierten, verdorbenen) Wein ähnelte (Potui umor ex hordeo aut frumento). Auch erzählt er uns, dass Durst für Germanen unerträglich war (Adversus sitim non eadem temperantia). Wenn man ihnen daher erlaubte, sich betrunken zu saufen, konnte man sie sogar mit Hilfe ihres eigenen Lasters leichter besiegen als mit feindlichen Waffen (Si indulseris ebrietati suggerendo quantum concupiscunt, haud minus facile vitiis quam armis vincentur).
Jedoch scheinen sich die Römer irgendwann trotzdem mit dem „korrumpierten“ germanischen Getreidegetränk angefreundet zu haben. Der Beweis dafür ist eine Ausgrabung einer römischen (ja, einer römischen!) Brauerei in Regensburg nur wenige hundert Meter vom Donauufer entfernt. Die Überreste dieses römischen „Gewerbegebäudes“ – so lautete die anfängliche Interpretation dieser Anlage – wurden 1983 entdeckt. Dessen Konstruktion geht auf das Jahr 179 n. Chr. zurück, als Regensburg noch Castra Regina hieß und ein Außenposten des Römischen Reiches war. Dort hausten damals etwa 6000 durstige Legionäre sowie eine etwa gleiche Anzahl von germanischen und keltischen Handwerkern, Dienern, Sklaven und Huren. Ursprünglich war die Funktion dieses Gebäudes den Archäologen ein Rätsel. Unter den merkwürdigen Elementen dieses Baus waren ein tiefer Brunnen sowie zwei quadratische Versenkungen im Boden (siehe Bildmitte) welche inzwischen als Malz-Weichewanne und als Darre identifiziert wurden. Die Darre hatte offenbar einen Holzboden, der indirekt durch einen Schacht (hypocaustum auf Latein) mit Heißluft aus einer Feuerstelle (praefurnium) beheizt wurde. Über einer weiteren Feuerstelle hing offenbar eine Sudpfanne aus Metall. Die Sudpfanne existiert nicht mehr, da das Metall wohl irgendwann für andere Gegenstände eingeschmolzen und wiederverwertet wurde.
Diese Rekonstruktionen einer direkt befeuerten mittelalterlichen Sudpfanne und eines hölzernen Läuterbottichs wurden von der Weyermann® Malzfabrik in Bamberg speziell für die Experimente der Autoren in Auftrag gegeben.
Diese Ausgrabung eines römischen „Gewerbegebäudes“ am Ufer der Donau in Regensburg stammt aus dem Jahr 179 n. Chr. zur Zeit des Kaisers Marcus Aurelius. Dieses Gebäude gilt heute als die älteste uns bekannte, „moderne“ Brauerei der Welt. Sie hat einen tiefen Brunnen, ein Weichbecken zum Keimen von Getreide, eine Darre zum Trocknen des Grünmalzes und eine Feuerstelle für eine Sudpfanne.
Wenn die Interpretation dieses römischen Gewerbegebäudes in Regensburg als Brauerei korrekt ist, so enthält es die älteste uns bekannte Malzdarre der Welt. Das heißt auch, dass das dort produzierte Malz hell war, da die Darre indirekt von unten beheizt wurde! Diese Besonderheit macht die Römerdarre supermodern, denn, wie wir im Weiteren sehen werden, wurden Darren erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wieder indirekt beheizt. Es bedurfte der Industriellen Revolution und der Erfindung der pneumatischen Malztechnologie, bevor indirekt beheizte Darren ein Comeback in der Moderne feiern konnten!
Wie Dunkelheit (und Rauchgeschmack) ins Bier kamen
Kurz und bündig: Malz – und damit auch Bier – wurde erst dunkel, als die Menschen anfingen, mit direkt statt indirekt befeuerten Darren ihr gekeimtes Getreide zu trocknen. Warum? Wahrscheinlich, weil die Römerdarren mit ihrem einfachen Heißlufttrocknen, aus welchem nur helle Malze hervorgehen konnten, durch effizientere Darren ersetzt wurden. Die Lufttrocknung von Malz hielt sich jedoch zum Teil bis ins späte Mittelalter im Freien oder auf einer gut belüfteten Dachboden-Tenne, wo die keimenden Kerne in einer Schicht ausgebreitet und befeuchtet wurden. Das Malz musste dann tagelang von Hand gewendet werden, bis es endlich trocken war. Das ständige manuelle Umschaufeln des Malzes war notwendig, um das Trocknen zu vereinheitlichen, Wärme abzuleiten und zu verhindern, dass das Malz verfaulte oder verschimmelte. Diese Prozedur ist natürlich langsam, arbeitsintensiv und auch entsprechend teuer.
Wir wissen nicht, wer zuerst auf die Idee kam, eine schneller arbeitende, direkt befeuerte Darre zu bauen, jedoch ist bekannt, dass solche Darren zumindest seit dem 9. Jahrhundert in den fortschrittlichsten Klosterbrauereien jener Zeit gang und gäbe waren. Der Beweis dafür ist eine Architekturzeichnung von etwa 830. Sie zeigt den Grundriss der Benediktinerabtei St. Gallen in der nördlichen Schweiz, etwa 50 km südöstlich vom Bodensee, welche im Hochmittelalter als die prächtigste Abtei in ganz Europa galt. Wir wissen aus einem Kompendium mit dem Titel Casus Sancti Galli (Die Ereignisse von St. Gallen), dessen Hauptautor der Abt Ekkehard IV (ca. 980 bis ca. 1056) war, dass in der Abtei etwa 150 Mönche sowie Dutzende von Laien und Schülern wohnten. Auch beherbergte die Abtei einen ständigen Strom von Pilgern auf dem Weg nach Rom.
Auf dem Plan der Abtei sind drei separate Brauereien verzeichnet. In der ersten Brauerei stellten die Benediktiner ein Starkbier namens Celia aus Weizen- und Gerstenmalz her, welches ausschließlich für den Abt und dessen Besucher von hohem Rang reserviert war. In der zweiten Brauerei wurde Cervisa gebraut, ein Bier für die gewöhnlichen Mönche, die diesen Gerstensaft in Riesenmengen von morgens bis abends konsumierten. Letztlich produzierte die dritte Brauerei Conventus, ein Dünnbier, welches aus Hafer und den Nachgüssen der Celia- und Cervisa-Maischen hergestellt und dann an die Laienarbeiter und Leibeigenen des Klosters sowie an Bettler ausgeschenkt wurde. Der Klosterplan weist auch Skizzen eines Getreidespeichers (granarium) und einer Stelle „für das Rösten von Getreide / Mörser / [und] Mühlen“ (ad torrendas annonas / pilae / molae) auf. Im Getreidespeicher droschen die St. Gallener Pater das Getreide, befeuchteten es bis es spross. Dann darrten, schroteten und maischten sie es. Die Sudpfannen waren alle direkt befeuert. Sie waren über runde, gemauerte Feuerstellen montiert, deren Wände aus einem mit Lehm verputzten Weidengeflecht bestanden. Die Rauchabzüge der Sudpfannen-Feuerstellen wurden entweder ins Freie oder durch die Darre, in der das Malz getrocknet wurde, geleitet. Mit anderen Worten, das in St. Gallen verwendete Malz wurde direkt mit Hilfe heißer Verbrennungsgase getrocknet. Das fertige Malz war daher meistens etwas dunkel, manchmal sogar leicht angeröstet und definitiv auch rauchig und phenolisch im Geschmack. Ungefähr eintausend Jahre lang gehörten solche direkt befeuerten Darren zur Standardausstattung aller Mälzereien, nicht nur auf dem europäischen Kontinent, sondern auch auf den britischen Inseln, wie wir aus einem anglo-normannischen Gedicht aus der Mitte des 13. Jahrhunderts mit dem Titel Le Tretiz (Die Abhandlung) von Walter von Bibbesworth entnehmen können. In diesem Gedicht bezieht sich der Autor u.a. auf getrocknetes Malz aus direkt befeuerten Darren. Bibbesworth bezeichnet diese Darren mit dem altfranzösischen Wort torrail, was vom lateinischen torrere abgeleitet ist und etwa „braten“ oder „rösten“ bedeutet.
Diese Architekturzeichnung zeigt, wie das Kloster St. Gallen im 9. Jahrhundert n. Chr. möglicherweise aussah. In diesem Kloster gab es drei Brauereien, in denen die Mönche Bier mit dunklem, rauchigem Malz herstellten.
Viele spätere Quellen über das britische Mälzen und Brauen belegen, dass solche „torrail“-Darren aus perforierten Siebböden bestanden, auf denen das Getreide über offenen Flammen lag. Diese Darren verrichteten ihren Zweck schnell und effektiv; aber alle Malze, die mit dieser Methode hergestellt wurden, waren relativ inhomogen, wobei einige Körner „untergemälzt“ und hell, andere perfekt verarbeitet und wieder andere mit Sicherheit bräunlich, versengt oder gar schwarz waren. Die Farbe eines aus solchem Malz hergestellten Bieres war daher immer eine Schattierung von Braun oder dunkler. Der Geschmack war oft brenzlig und bitter, denn er spiegelte den in der Darre verwendeten Brennstoff wider – von verschiedenen Holzarten über Holzkohle, Stroh, Torf und in späteren Jahren auch Kohle und Koks.
Die Rückkehr von Malz ohne Rauch
Die britischen Brauer machten schließlich aus der Not eine Tugend. Wenn ihre Biere fast immer dunkel sein mussten, so sollten sie doch wenigstens keinen Rauchgeschmack haben. Die erste Neuerung in dieser Richtung war eine Erfindung, welche zunächst nichts mit Malz zu tun hatte, denn im Jahre 1713 patentierte ein britischer Eisenfabrikant namens Abraham Darby ein Verfahren zum Erhitzen von Kohle in Abwesenheit von Luft. Dabei gelang es ihm, die flüchtigen Elemente der Kohle zu vergasen und entweichen zu lassen. Was zurückblieb, war nichts als reiner und gleichmäßig brennender Kohlenstoff. Darbys Ziel war es, ein Brennmaterial zu produzieren, mit dem er die Qualität von Gusseisen verbessern konnte. Mit anderen Worten, Darby hatte herausgefunden, wie man Kohle in Koks umwandeln kann.
Obwohl Mr. Darby mit seiner Erfindung wohl kaum an die Malz- und Brauindustrie seiner Zeit gedacht hatte, stellte sich heraus, dass Koks auch ein sehr geeigneter Brennstoff für Malzdarren war, da Koks langsam glüht und nicht wie Stroh, Torf, Holz oder Kohle lodernde Flammen schlägt und mit viel Phenolrauch brennt. Stattdessen ist Koks eine saubere Hitzequelle, mit der britische Mälzer selbst in ihren direkt befeuerten Darren relativ homogenes, helles („pale“) Malz herstellen konnten – natürlich zu höheren Kosten als konventionell gedarrtes Malz. Koksgetrocknetes Malz war einfach ideal für die besten, helleren britischen Ales und andere feine Bierspezialitäten der damaligen Zeit, wohingegen normales, billigeres, rauchiges, braunes Malz weiterhin zum Brauen von Bier für die einfachen Leute verwendet wurde.
Die nächste Revolution in der Malztechnologie kam im Jahre 1817, als der britische Ingenieur Daniel Wheeler eine Erfindung patentierte, die er als „Eine neue oder verbesserte Methode zum Trocknen und Zubereiten von Malz“ (A New or Improved Method for Drying and Preparing Malt) betitelte. Mr. Wheeler gelang es zum ersten Mal, die Rauchgeschmacksbildung in dunklen Malzen komplett zu verhindern. Seine Erfindung war eine geschlossene Rösttrommel, die er den Kaffeeröstern abgeschaut hatte. Das Grünmalz ging dabei in die Trommel und die „verbesserte Methode“ bestand darin, dass die mit einer Kurbel rotierbare Trommel von außen durch Feuer erhitzt wurde, ohne dass das Malz direkt mit der Hitzequelle oder deren Verbrennungsgasen in Berührung kam. Bei diesem Vorgang trockneten die feuchten Körner langsam und gleichmäßig im Trommelinneren ohne jedwede Aufnahme von Rauchgeschmack. Wheelers Trommel wurde hauptsächlich zum Rösten dunkler bis schwarzer Malze verwendet, welche zu dieser Zeit aufgrund der wachsenden Popularität von Porter und Stout auf den Britischen Inseln besonders gefragt waren. Da Wheeler für seine Erfindung ein Patent bekommen hatte, erhielt das mit seiner Methode hergestellte Malz den Namen black patent malt (schwarzes Patentmalz).
Die Rückkehr von Malz ohne Dunkelheit
Als nächstes kam eine Erfindung von Patrick Stead, einem schottischen Mälzer, der im Jahre 1842 ein sogenanntes „pneumatisches“ Malzverfahren patentierte. Dieses Patent kann man auch heute noch unter dem Titel Patent No. 9475, 1842, Specification of Patrick Stead, Manufacture of Malt beim britischen Patentamt einsehen. „Steads Patent“, erklärt die Historikerin Rachel Lawrence (siehe Referenzen für Kapitel 1), „war sehr umgreifend. Es basierte auf der Verwendung von Dampf und von mit Dampf erzeugter Wärme, sowohl während das Getreide auf dem Boden keimt und schwellt als auch während des Darrvorgangs. Anstelle der damals üblichen Ein-Horden-Darren sprach Stead sich für eine Vier-Horden-Darre aus. Jede Horde hatte eine Falltür durch die das Malz von einer Horde auf die nächsttiefere fallen konnte. Die oberen Horden wurden mit Dampf beheizt, welcher mit Hilfe eines [mechanischen] Gebläses von unten durch die Böden und durch das Malz getrieben wurde.“
Entwurf eines pneumatischen Galland-Keimkastens, welcher 1899 bei der Firma Weyermann® installiert wurde.
Im pneumatischen Verfahren wird das gekeimte Getreide ausschließlich heißluftgetrocknet. Das Blasen der sauberen, mit Dampf erwärmten, rauchfreien Luft erfordert natürlich mechanische Kraft, die zu Steads Zeiten dank der Erfindung einer praktischen Dampfmaschine von James Watt, der diese mechanische Energiequelle im Jahre 1781 patentiert hatte, verfügbar war. Das pneumatische Mälzen war ein großer Fortschritt, denn es ermöglichte den Mälzern den Malzprozess kontrolliert zu steuern und ihn damit auf einen reproduzierbaren Sieben-Tage-Rhythmus zu standardisieren. Mit anderen Worten, Steads Methode der mechanischen Belüftung ersetzte das Tennenmälzen; und seine „mit Dampf erzeugte Wärme“ ersetzte direkt befeuerte Darren. Diese einfachen Prinzipien werden selbst heute noch in Varianten in nahezu jeder modernen Mälzerei eingesetzt.
Das Schema einer pneumatischen Galland-Keimtrommel.
Die Weiterentwicklung der Malztechnologie
Der französische Ingenieur Nicolas Josef Galland ließ sich im Jahre 1874 einen neuen Malz-Keimkasten als Verbesserung des Stead-Systems patentieren. Er entwickelte diesen Kasten mit seinem Assistenten und Landsmann Jules Saladin, der selbst ein fleißiger Erfinder war und sich primär mit pneumatischen Keimkästen befasste (siehe Kapitel 5). Die Weiterentwicklung des Galland-Keimkastens bestand darin, dass das grüne Malz auf einem perforierten und belüfteten Eisenboden in Reihen von Zellen deponiert wurde und das Malz während des Keimens mechanisch von einer Zelle auf die benachbarte Zelle gewendet wurde. Einer der ersten Galland-Keimkästen wurde 1899 in der Weyermann® Malzfabrik installiert (siehe Abbildung). Galland verwendete wassergesättigte Kaltluft, um die beim Keimen anfallende Wärme sowie das bei der Atmung der Gerste produzierte CO2 aus der Getreideschicht zu treiben. Anschließend entwickelte Galland eine pneumatische Keimtrommel, die aus einem über ihr installierten Weichbottich mit Gerste gespeist wurde. Die Belüftung erfolgte durch Luftkanäle in der Keimtrommel. Die Trommel selbst lag auf sich langsam drehenden Rollen, deren Antrieb über Schneckengetriebe erfolgte (siehe Abbildung). Dieses System wurde erstmals 1883 in einer Berliner Brauerei installiert. Langfristig setzte es sich jedoch nicht durch, da das Konstruktionsprinzip eines rotierenden Stahlzylinders einer Größenbeschränkung unterlag, welche die Wirtschaftlichkeit dieser Keimtrommel einschränkte, als Mälzer versuchten, immer größere Chargen auf einmal zu verarbeiten.
Diese Werbung ist für eine handgekurbelte Malzrösttrommel aus dem frühen 20. Jahrhundert. Sie wurde von der Emmericher Maschinenfabrik & Eisengießerei GmbH in Emmerich am Niederrhein entwickelt.
Eine moderne Malzrösttrommel.
Auch die Rösttrommel wurde nach den Prinzipien der Wheeler-Trommel weiterentwickelt. So baute am Anfang des 20. Jahrhunderts ein kleines Unternehmen in Emmerich am Rhein, die Emmericher Maschinenfabrik & Eisengießerei GmbH, nahe der niederländischen Grenze, eine aus zwei ineinander gefügten Trommeln bestehende Röstvorrichtung. Die innere, hermetisch verschließbare Trommel wurde zunächst handgekurbelt, aber später mechanisch angetrieben. Wurde die Luft zwischen den beiden Trommeln erhitzt, so verkleisterte und verzuckerte sich die Stärke in den Grünmalzkörnern in der inneren Trommel. Danach wurde die Heißluft durch die innere Trommel geleitet, um gleichzeitig verschiedenen Zwecken zu dienen, nämlich die Feuchtigkeit zu entfernen; die Temperatur für die Bildung von Melanoidinen zu erhöhen; typische Röstmalzaromen zu entwickeln; und dem Malz den gewünschten dunklen Farbton zu verleihen.
Bierfreiheit!
Mit diesen neuen Keim- und Darrmethoden konnten die Mälzer schließlich die Charakteristiken ihrer Malze in Bezug auf Farbe, Feuchtigkeit, Lösung, Diastase, Geschmack und vielen anderen Variablen gezielt regulieren. Malz konnte endlich ein breites Spektrum von Farben annehmen, von hell über tiefbraun bis dunkel und schwarz. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden insbesondere die Malzfarbe und der Malzgeschmack – und damit die Bierfarbe und der Biergeschmack – nicht mehr durch die begrenzten Mittel des Mälzers bestimmt, sondern sie konnten vom Brauer frei gewählt werden. Bier brauchte also nicht länger dunkel und rauchig zu sein, es sei denn, es war die Absicht des Brauers, ein solches Bier zu brauen. Diese Flexibilität wiederum brachte eine Vielzahl neuer Bierstile hervor, die das 19. Jahrhundert in eine veritable Belle Époque der Bierstil-Innovationen verwandelte. Brauer konnten jetzt nicht nur zuverlässig hell oder dunkel brauen; und selbst für dunkle Biere konnten sie nun mit einem hellen Grundmalz einmaischen und viele verschiedene Karamell-, Schokoladen- und Röstmalze für eine große optische und geschmackliche Vielfalt hinzufügen. Im Wesentlichen bedeutete dies die Wiedergeburt der Dunkelheit im Bier, aber diesmal als schöpferisches Ergebnis der Braukreativität statt, wie in der Vergangenheit, aus Notwendigkeit.
Auf den britischen Inseln führte die Anwendung der pneumatischen Malzmethode natürlich zur Entwicklung der klassischen Pale Ales, Bitters und India Pale Ales. Auf dem Kontinent ermöglichte es derweil die Transformation der klassischen Untergärigen vom dunklen Lagerbier zum blonden Hellen (siehe Kapitel 2); und rauchige Biere, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch die Norm waren, machen heute nur noch einen winzigen Prozentanteil der globalen Bierproduktion aus. Rauchmalze werden heutzutage hauptsächlich in der Scotch-Whiskey-Produktion oder als kleine Zugaben in einigen Biermaischen verwendet, wo sie dem fertigen Bier eine gewisse Geschmackstiefe verleihen. Andere Verwendungen von Rauchmalzen findet man noch in gewissen Terroir-Landbier-Spezialitäten wie dem finnischen Sahti und dem schwedische Gotlandsdricka, zwei Ales also, deren Malze durch phenolische Aromen bestechen, die über harzige Birkenscheite gedarrt werden. Traditionell wurden solche Malze in Skandinavien in rauchigen Saunen getrocknet.
Das vielleicht berühmteste moderne Rauchbier ist das dunkle, untergärige Bamberger Märzen-Rauchbier mit einem leicht speckigen Geschmack, der von einem Malz stammt, welches in einer mit gut abgelagerten Buchenscheiten beheizten Darre getrocknet wird. Ein weiteres Rauchbier-Beispiel ist ein alter Bierstil aus der polnischen Stadt Grodzisk Wielkopolski (früher Grätz). Das obergärige Piwo Grodziskie (Grätzer Bier auf Deutsch) dieser Stadt wird ausschließlich aus einem hellen Eichenrauch-Weizenmalz hergestellt.
Die dunkle Brauweise heute
Waren bis etwa zur Industriellen Revolution helle Biere aus teurem, luftgetrocknetem Malz noch die Ausnahme, so ist die Situation heute eher umgekehrt. Helle Biere sind heute die Norm. Das ist zum Teil das Ergebnis zweier Erfindungen, die der hellen Brauweise noch zusätzlichen Auftrieb gaben. Zunächst erfand der bayerische Ingenieur Lorenz Adalbert Enzinger im Jahre 1878 den Bierfilter; danach machten Fortschritte in der Glasverarbeitung die Produktion relativ preiswerter Trinkgefäße aus Glas als Ersatz für die traditionellen Steingutkrüge möglich. Daher konnten Biertrinker nun ihre partikel- und trübungsfreien, hellen Biere in ihrer ganzen goldenen Brillanz auch optisch genießen.
Das bedeutete aber nicht das komplette Ende der dunklen Brauweise. Sie hielt sich zunächst in Marktnischen, wurde aber schließlich in den letzten Jahrzehnten besonders von den modernen Craft-Brauern wiederentdeckt. Mit ihrem Innovationsdrang entwickelten diese Braurevolutionäre unzählige Permutationen zum Thema dunkles Bier, besonders im obergärigen Bereich. Nur die Wiederentdeckung des Brauens untergäriger dunkler Biere kam relativ langsamer in Gang. Daher hoffen die Autoren dieses Buches, dass die 41 getesteten und sensorisch bewerteten Rezepte für dunkle Lagerbiere (Kapitel 7 bis 9) viele Brauer dazu inspirieren werden, ihre Kreativität nun auch in dieser immer noch leicht vernachlässigten Bierkategorie walten zu lassen.
Ein sehr dunkles Baltic Porter (Rezept 16), welches in der Samuel Adams Boston Brewery in Boston, Massachusetts, speziell für dieses Buch gebraut wurde.
| Als das Bier untergärig wurde … | 2 |
Das vorige Kapitel erläutert, warum Biere in den verschiedenen Epochen der Biergeschichte vorwiegend heller oder dunkler sowie auch mehr oder weniger rauchig waren und warum diese Unterschiede aus den gebräuchlichen Verfahren der Malzherstellung, besonders aus der Befeuerung der Darren, herrührten. Dabei war die historische Entwicklung dieser beiden Variablen, Bierfarbe und Geschmack, vollkommen unabhängig von der Gärführung. Mit anderen Worten, sowohl ober- als auch untergärige Biere wurden (und werden auch heute noch) von den gleichen Faktoren farblich und geschmacklich geprägt.
Damit kommen wir in diesem zweiten Kapitel zur Frage, wann und wo Biere, die einige Jahrtausende lang obergärig waren, auf einmal untergärig wurden. Die Suche nach Antworten in der einschlägigen Literatur ist jedoch überraschend verwirrend, da viele Autoren den Anfang der untergärigen Brauweise in ein breites Zeitspektrum irgendwann zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert einordnen, und zwar meistens ohne schlüssige Argumente für deren Einstufung. Daraus darf man getrost ableiten, dass es objektiv schwierig ist, den ersten Gärbottich, in dem untergärige Hefen gezielt oder rein zufällig zum Einsatz kamen, zu identifizieren. Dennoch lassen es die Recherchen für dieses Buch wahrscheinlich erscheinen, dass der Zeitpunkt des Übergangs von der obergärigen zur untergärigen Brauweise in eine wesentlich kürzere Epoche, nämlich in die Spätrenaissance, fiel und dass der wahrscheinlichste Ort dieser Transformation irgendwo im heutigen Bayern lag. Der vielleicht ungewöhnlichste Kern dieser Argumentation besteht aus einem einmaligen Zusammenfluss von zwei klar definierbaren historischen, geografischen, politischen und klimatologischen Ereignissen (siehe weiter unten). Auch stellt sich heraus, dass eine notwendige Voraussetzung für das Aufkommen untergäriger Hefen in Mitteleuropa eine mysteriöse und unwahrscheinliche genetisch-mikrobiologische Entwicklung war, welche in Kapitel 3 behandelt wird.
Die Zeit der skrupellosen Bierpanscher
Wie in Kapitel 1 dargelegt, stellten die Menschen wahrscheinlich mindestens seit der Jungsteinzeit Bier her. Auch wissen wir, dass diese frühen Brauer bewusst Gärungen initiiert haben, obwohl sie praktisch nichts von der Hefe als Ursprung der alkoholischen Gärung wussten. Selbst die simple Erkenntnis, dass die Hefe ein biologischer Organismus ist, wurde von vielen Wissenschaftlern noch bis ins 19. Jahrhundert angezweifelt! Stattdessen galt bis zu den Anfängen der Mikrobiologie vor knapp 200 Jahren der im Gärbottich am Ende der Bierherstellung zurückbleibende Hefebrei praktisch als eine tote organische Substanz, d. h. als Produkt statt als Initiator der Gärung. Die gleiche mikrobiologische Unkenntnis erstreckte sich auch auf die bierverderbenden Bakterien. Bis vor kurzem hatten Brauer also kaum Ahnung, wie man sauberes, nicht infiziertes Bier kontrolliert herstellt. Folglich wussten sie auch nur wenig von der Rolle der Hygiene bei der Bierherstellung sowie von den Bedingungen, unter denen der Metabolismus und der Fortpflanzungszyklus von Mikroben, einschließlich der Hefe, begünstigt oder gestört werden kann.
Als Mittel gegen den Bierverderb zogen Brauer in der Vergangenheit – und auch die politischen Herrscher, die sich um die Gesundheit ihrer Untertanen sorgten – oft drastische, aber meistens wirkungslose Abhilfen heran. Manchmal richteten diese Maßnahmen sogar mehr Schaden als Nutzen an. Aus vielen historischen Quellen wissen wir zum Beispiel, dass besonders in der Renaissance im Sommer die Bierqualität in Bayern viel zu wünschen übrig ließ. Da Biere damals oft sauer oder anderweitig infiziert waren, verfielen viele Brauer auf fragwürdige Lösungen, um ihre schlecht schmeckenden Biere doch noch genießbar zu machen. Ein besonderer Trick war die Zugabe von allen möglichen, stark aromatischen Geschmackszutaten mit welchen sie versuchten, ihre verdorbenen Biere zu „verfeinern“. Unter den gängigen „Biergewürzen“ benutzten sie oft, neben harmlosen Kräutern wie Gagel und Myrte, auch Stechapfelsamen, Baumrinde, Ruß, Kreide, Hühnerblut, Ochsengalle und selbst giftige Pilze sowie das narkotisch wirkende Binsenkraut und die Alkaloid-halluzinogene Alraunwurzel.
Eines der berüchtigtsten, auf jene Art präparierten Biere im Mittelalter war das sogenannte Antonius-Bier, welches hauptsächlich aus Roggenmalz hergestellt wurde. Es enthielt Giftstoffe, die wir heute mit dem Mutterkornpilz (Claviceps purpurea) in Verbindung bringen. Dieser Pilz kann alle Getreidearten befallen, gedeiht aber besonders gut auf Roggen. Er produziert LSD-ähnliche Alkaloide, die bei Menschen schwerwiegende Nebenwirkungen hervorrufen können. Einige dieser Störungen sind Darmkrämpfe, Halluzinationen, Atemlähmungen, Verengungen der Blutgefäße, Durchblutungsstörungen, Herz-Kreislauf-Versagen und Nierenversagen. Diese Krankheitssymptome der Mutterkornvergiftung werden heute unter dem Begriff Ergotismus zusammengefasst. Zu seiner Zeit war Ergotismus als Antoniusfeuer bekannt. Dieser Name stammt vom Mönchsorden der Antoniter, welcher 1095 als Zweig des Augustiner Ordens gegründet wurde. Die Antoniter spezialisierten sich damals auf die Pflege von an Antoniusfeuer erkrankten Menschen. Obwohl die Gefahren des Antoniusfeuers bekannt waren, widmeten sich einige skrupellose Brauer trotzdem der Herstellung des Antonius-Biers für Kunden, die die psychoaktive Wirkung dieses Bieres suchten.
Dunkel: Der erste „echte“ Bierstil der Welt
Für die damaligen bayerischen Feudalherren war Bier nicht nur ein fester Bestandteil der Ernährung ihrer Untertanen, sondern auch ein wichtiges Element des Brauchtums und der Volkskultur. Dies ist der Grund, weshalb die damalige Obrigkeit in Bayern die „Verbesserungspraktiken“ ihrer Brauer, welche die Menschen oft krank oder verrückt machten, kritisch betrachteten. In dem Maße, in dem verdorbenes und verpanschtes Bier zum Problem der öffentlichen Gesundheit wurde, wurde es zwangsläufig auch zum Anliegen der Politik auf höchster Ebene. Im feudalen Gesellschaftssystem, in dem alle adeligen Herrscher – vom einfachsten Grafen bis zum höchstwohlgeborenen Kaiser – mit absoluter Macht und Legitimität ausgestattet waren und daher von Gottes Gnaden regierten, sollte es eigentlich kein Problem auf Erden geben, welches die gottesbeauftragten Statthalter der niedrigen Stände nicht lösen konnten. Ein einfacher Erlass sollte doch dazu ausreichen, die Welt wieder heil zu machen!
Das wachsende Interesse der Obrigkeit an der Arbeit ihrer Brauer fand daher in vielen, oft nutzlosen Verordnungen ihren Niederschlag, mit denen die Herrscher glaubten, die Bierqualität in ihren Landen sicherstellen und so die Gesundheit ihrer Untertan schützen zu können. Einer der frühesten Eingriffe der Obrigkeit ins deutsche Braugewerbe war die Justitia Civitatis Augustensis, eine Verordnung des Kaisers Friedrich „Barbarossa“ des Heiligen Römischen Reiches (1122–1190), in der er im Jahre 1156 der Stadt Augsburg vorschrieb, dass ein „Brauer, der schlechtes Bier macht …, bestraft wird und sein Bier umsonst unter den Armen verteilen oder es vernichten muss.“ Spezifischer war der Stadtrat von Nürnberg, der im Jahre 1293 eine Verordnung verabschiedete, nach der in allen innerhalb der Stadtmauern gebrauten Bieren nur Gerste verwendet werden durfte. In Regensburg, wo die Römer bereits in der Spätantike Bier gebraut hatten (siehe Kapitel 1), fiel es den Brauern ebenfalls schwer, einer Steigerung ihrer Gewinne durch Senkung ihrer Bierqualität zu widerstehen. So verbot der Stadtarzt Konrad Megenwart, der dort auch als offizieller Bierinspektor fungierte, im Jahre 1453 kurzerhand den Brauern, innerhalb der Stadtmauern „Samen, Gewürze oder Binsen“ als Bieraromen zu verwenden.
Dieses Gemälde von Hans Wertinger zeigt Herzog Wilhelm IV. von Bayern (1493-1550), den Hauptautor des Reinheitsgebots von 1516.
Auch in München war die Regulierung der Brauer und ihres Handwerks für den zwölfköpfigen Stadtrat offensichtlich ein ständiges Anliegen. So übernahm 1363 der Rat selbst die Aufgabe, die gesamte Bierproduktion der Stadt zu überwachen, statt sich auf beamtete Bierkieser zu verlassen. Im Jahre 1447 erließ der Rat dann eine Verordnung, in der er den Brauern befahl, ausschließlich Gerste, Hopfen und Wasser in ihren Bieren zu verwenden. Vierzig Jahre später, im Jahre 1487, zwang der bayerische Herzog Albrecht IV. alle Brauer in München, einen öffentlichen Eid auf die Verordnung von 1447 zu schwören; und schließlich weitete Herzog Georg der Reiche im Jahre 1493 diesen Münchner Eid auf das gesamte Herzogtum Landshut in Mittelbayern aus. Aus diesen Verordnungen kann man ablesen, dass eine behördliche „Säuberung“ des bayerischen Volksgetränks Bier ein heißes und beständiges politisches Problem war.

Das Original des Reinheitsgebots von 1516.
Diejenigen Leser, die sich mit dem modernen deutschen Reinheitsgebot auskennen, werden in diesen frühen Vorschriften bestimmt die Vorläufer der berühmten Bierverordnung wiedererkennen, welche Herzog Wilhelm IV., Oberhaupt des Geschlechts der Wittelsbacher, im Jahre 1516 für ganz Bayern verkündete und welche heute als wahrer Ursprung der aktuellen Biergesetzgebung in Deutschland gefeiert wird. Die Verordnung von 1516 wurde am 23. April auf einer Ständeversammlung in Ingolstadt, knapp 100 km nördlich von München, verkündet. In der hochtrabenden und heute ulkig klingenden Sprache der Jurisprudenz des 16. Jahrhunderts lautet der relevante Abschnitt des Dekrets von 1516 wie folgt: „Ganz besonders wollen wir, dass forthin allenthalben in unseren Städten, Märkten und auf dem Lande zu keinem Bier mehr Stücke als allein Gersten, Hopfen und Wasser verwendet und gebraucht werden sollen.“ Das gesamte Dekret ist 315 Wörter lang, doch nur die obigen 31 Wörter befassen sich mit Bierzutaten. Der Rest befasst sich mit Bierpreiskontrollen und mit Strafen für Verstöße.
Die meisten Bierhistoriker sind sich einig, dass Herzog Wilhelm in der Verkündung seines Edikts zwei Ziele verfolgte: Zum einen wollte er abscheuliche und schädliche Zutaten aus den Bieren des Volkes verbannen. Zum anderen wollte er auch den Weizen nur zum Backen bewahren, denn Weizen galt zu jener Zeit als wesentlich wertvoller als Gerste. In Bayern gab es damals oft Missernten. Um eventuellen Hungersnöten vorzubeugen, wollte der Herzog dafür sorgen, dass die immer durstigen Bayern in schlechten Zeiten ihren kostbaren Weizen besser als Brot verzehrten statt ihn als Bier zu trinken.
Aufmerksame Leser werden auch bemerkt haben, dass die Begriffe Hefe, Malz und Reinheit sowie die Unterscheidung zwischen ober- und untergärigen Bieren im Originaltext des Reinheitsgebotes nicht vorkommen, obwohl sie alle im Wortlaut des modernen deutschen Gesetzestextes eine Schlüsselstellung einnehmen. Zum Beispiel darf Weizen heutzutage nach dem Reinheitsgebot nur in obergärigen Bieren verwendet werden. Auch spezifizierte Wilhelm nur Gerste, also nicht Gerstenmalz, was, strikt interpretiert, die Tür zur Verwendung von ungemälzter Gerste öffnet. Im heutigen Reinheitsgebot sind jedoch alle Cerealien-Rohfrüchte strikt verboten. Auch schweigt sich der Herzog ganz über die Hefe als erlaubte Bierzutat aus. Der Grund dafür ist die simple Tatsache, dass Hefen und andere luftgetragene Mikroben, die bestimmt ebenfalls in den damaligen bayerischen Gärbottichen hausten, als Initiatoren der Gärung im frühen 16. Jahrhundert noch vollkommen unbekannt waren (aber darüber mehr weiter unten und in Kapitel 3).
Die vielleicht wichtigste, langfristige Errungenschaft der Verordnung von 1516 ist nicht die heute so gern zitierte „Reinheit“ des deutschen Bieres, sondern dessen Vereinheitlichung in Bayern. Da nun „forthin allenthalben“ alle Brauer in Wilhelms Herrschaftsgebiet „zu keinem Bier mehr Stücke als allein Gersten, Hopfen und Wasser“ verwenden durften, und da das Gerstenmalz der damaligen Zeit aufgrund der Malztechnologie (siehe Kapitel 1) überwiegend dunkelbraun und leicht rauchig war, so können wir die Biere, welche nach 1516 überall in Bayern gebraut und getrunken wurden als echte Rauchbier-artige Vorläufer des heutigen Dunkel bezeichnen, was diese Biere wohl mit einem gewissen Recht zur ersten echten Biersorte bzw. dem ersten echten Bierstil der Welt macht!
Die manifesten und latenten Konsequenzen eines Feudaledikts
Natürlich hatte Herzog Wilhelm gehofft, dass seine heute so berühmte Verordnung für Bierinhaltsstoffe das Problem der Fehlgeschmacke in den bayerischen Bieren seiner Zeit – welche wir heute wohl auf bierverderbende Mikroben zurückführen dürfen – lösen würde. Zu seinem Leidwesen war dies jedoch nicht der Fall, denn besonders die Sommerbiere schmeckten selbst nach 1516 oft weiterhin scheußlich. Offensichtlich waren wesentlich drakonischere Maßnahmen erforderlich, um die bayerische Bierqualität zu retten. Und genau das geschah 37 Jahre später, im Jahre 1553, nachdem Wilhelms Sohn Albrecht V. das Amt des Herzogs von Bayern übernommen hatte. Im Gegensatz zu seinem Vater hatte Albrecht eine wichtige Tatsache bemerkt, nämlich das saisonal zyklische Auftreten der Fehlgeschmacke. Im kontinentalen Klima im Voralpengebiet Bayerns, wo die Sommer generell sehr heiß und die Winter sehr kalt waren (und auch heute noch sind), schmeckten die Biere, die im Mittelalter und in der Renaissance in der heißen Jahreszeit dort gebraut wurden, wesentlich öfter wesentlich schlechter als die, die in der kalten Jahreszeit gebraut wurden. Heute verstehen wir natürlich, dass luftgetragene Mikroben bei gemäßigten Temperaturen gut gedeihen, jedoch in der Kälte entweder absterben oder zumindest in den Zustand der Winterruhe eintreten.
Für einen „vor-mikrobiologischen“ Herrscher wie Albrecht lag daher der nächste Schritt zur Regulierung des Bieres klar auf der Hand. Im Jahre 1553 erließ er ein komplettes Sommerbrauverbot, eine Verordnung also, wonach Brauer in Bayern nur noch zwischen dem 29. September und dem 23. April (dem Geburtstag der ursprünglichen Verordnung von 1516) brauen durften. Dieses Edikt blieb in Bayern fast drei Jahrhunderte lang bis 1850 in Kraft. Es legte die Brauereien in Bayern für fünf Monate im Jahr still, weshalb die Brauer im Sommer, also während der Zeit der schlechten Biere, andere Beschäftigungen suchen mussten. Auch veränderte das Verbot drastisch die Arbeitsbedingungen der Gärungsmikroben während der Zeit, als das Brauen erlaubt war. Die Kälte zwang die Mikroben dazu, sich anzupassen. Albrechts weitreichende Verordnung hatte endlich das gewünschte Ergebnis: Die Wintertemperaturen in Bayern beendeten oder verlangsamten tatsächlich die Aktivitäten der Bierverderber, was rein zufällig Albrechts Ziel der Verbesserung der Bierqualität in Bayern diente. Allerdings trugen sie auch zu einer Änderung in einer anderen kritischen Eigenschaft der bayerischen Biere bei, offenbar ohne dass Albrecht oder seine Brauer diese Entwicklung anfänglich bemerkten. Die niedrigen Temperaturen in Bayern beeinträchtigten die Arbeit der wärmeliebenden (und den Menschen der Renaissance vollkommen unbekannten) Hefe, S. cerevisiae, weshalb die Gärung pro Sud und damit die gesamte Bierherstellung nach dem Sommerbrauverbot eigentlich hätte wesentlich langsamer werden sollen. Jedoch sind uns keine Quellen überliefert, nach denen der Bierausstoß in Bayern nach 1553 rückläufig war. Ganz im Gegenteil, die Brauer brauten einfach im März und April Überschussvolumen an Bier, welches sie dann für den Sommerverbrauch abgefüllt in Kellern einlagerten. Das ist übrigens auch der Anfang der Bezeichnung „Märzenbier“ für diese Art von stärker eingebrauten und besonders gut gereiften Spätwinterbieren.
Im Jahre 1553 proklamierte Albrecht V. das Sommerbrauverbot für ganz Bayern.
Irgendetwas war offenbar in den Gärbottichen Bayerns um die Zeit des Albrechtschen Sommerbrauverbots geschehen, welches es den Brauern erlaubte, den ganzen Winter im gleichen Rhythmus wie vorher ihre Kunst auszuüben. Heute können wir nur davon ausgehen, dass sich nach dem Sommerbrauverbot eine neue, kältetolerante Hefe in den bayerischen Gärkellern ansiedelte, die die Alkoholproduktion übernahm, als S. cerevisiae träge wurde. Dieser neue Saccharomyces Organismus hatte offenbar die Fähigkeit, selbst dann Zucker zu metabolisieren, wenn S. cerevisiae aufgrund der Kälte fast ganz inaktiv war. Sobald es dann wieder wärmer wurde und S. cerevisiae „aufwachte“ (bei >10 °C), hatte der neue Organismus jedoch bereits alle verfügbaren Nährstoffe in der Würze aufgebraucht, was ihm auch einen Vorteil bei der Vermehrung einräumte. Da Hefen allgemein recht leicht mutieren, können wir davon ausgehen, dass diese neue Hefeart in Bayern nach einiger Zeit unter den neuen Bedingungen genetisch stabil und metabolisch dominant wurde, was dazu führte, dass S. cerevisiae in allen Bieren verdrängt wurde – mit Ausnahme in Weizenbieren, welche im 16. Jahrhundert in Bayern weder dem Reinheitsgebot noch dem Sommerbrauverbot unterlagen.
Moderne Brauer wissen natürlich, dass es einen solchen, mit S. cerevisiae konkurrierenden Organismus gibt. Wir nennen ihn heute Saccharomyces pastorianus. Diese Hefe arbeitet untergärig, im Vergleich zur obergärigen S. cerevisiae. Der Ernährungsvorteil von S. pastorianus gegenüber S. cerevisiae in kalten Gärkellern liegt darin, dass die bevorzugte „Betriebstemperatur“ von S. pastorianus weit unter der von S. cerevisiae liegt. Zur Not kann ein kältetoleranter S. pastorianus-Hefestamm sogar bis zu Temperaturen von etwa 3,5 °C – wenn auch nur sehr langsam – Zucker metabolisieren, während sich S. cerevisiae bei dieser Temperatur definitiv im tiefsten Dornröschenschlaf befindet.
Eiszeit in der Renaissance und der Anfang einer neuen Bierkultur
Neben Albrechts Sommerbrauverbot gab es einen weiteren, bisher in der Literatur kaum beachteten Faktor, der offenbar dazu beitrug, S. pastorianus gegenüber S. cerevisiae in bayerischen Gärkellern Vorteile zu verschaffen. Dieser Faktor ist ein plötzlicher Klimawandel, den wir heute als „Kleine Eiszeit“ bezeichnen. Diese Klimaänderung, in der die Temperaturen, besonders auf der Nordhalbkugel der Erde, drastisch abnahmen, erstreckte sich über Jahrhunderte. Die meisten Klimawissenschaftler gehen davon aus, dass diese Abkühlung von einer ungewöhnlich starken vulkanischen Aktivität irgendwo auf der Welt ausgelöst wurde, die viel Staub in die Atmosphäre wirbelte, was wiederum die wärmenden Strahlen der Sonne zurück in den Weltraum reflektierten, statt sie bis zur Erdoberfläche durchdringen zu lassen. Den Anfang der Kleinen Eiszeit verlegen viele Klimatologen spätestens auf das Jahr 1550 – also rein zufällig nur drei Jahre vor der Verkündigung des Albrechtschen Sommerbrauverbots – während andere Experten glauben, die Anfänge der Kleinen Eiszeit bereits in der Mitte des 14. Jahrhunderts wahrnehmen zu können. Der Endpunkt der Kleinen Eiszeit wird jedoch generell als das Jahr 1850 angesehen, welches rein zufällig auch das Jahr der Aufhebung des Sommerbrauverbots war. Es dauerte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, bis die Temperaturen auf der Nordhalbkugel wieder vollkommen normal wurden.
Der Mechanismus der Erdabkühlung als Folge von Vulkanausbrüchen scheint unbestritten zu sein: Vulkanische Eruptionen katapultieren Tephra (Partikel und Gestein) sowie giftiges Schwefeldioxid (SO2) in die Atmosphäre. Die Stärke solcher Ausbrüche wird mit Hilfe einer logarithmischen Skala, dem Volcanic Explosivity Index (VEI), gemessen. Zum Beispiel wird ein Ausbruch mit weniger als 10.000 m3 ausgeworfener Tephra als VEI 0 eingestuft. Die weltweit stärksten Eruptionen erreichen auf der VEI-Skala einen Wert von 8. Solche starken Ausbrüche können bis zu 1012 m3 Tephra und eine Wolkensäule von mehr als 20 km Höhe ausstoßen. Für Leser, die sich an den Vulkanausbruch des Mount St. Helen im US-Bundesstaat Washington am 18. Mai 1980 erinnern können, dessen Stärke war VEI 5.
Während Vulkanologen zwischen den Jahren 930 und 1450 AD auf der ganzen Erde nur fünf Ausbrüche mit einem VEI von 6 oder 7 nachweisen können, so gibt es Hinweise auf 12 solcher Ausbrüche zwischen 1450 und 1900. Dieses Zeitintervall deckt sich damit in etwa mit der Periode der Kleinen Eiszeit auf der nördlichen Halbkugel. Zu diesen Ausbrüchen gehört u. a. ein massiver und länger anhaltender Ausbruch auf Niveau VEI 6 auf den Neuen Hebriden im Südpazifik. Dieser Vulkan war von 1452 bis 1453 aktiv und erzeugte etwa 36 bis 96 km3 Tephra. Aus diesem Grund sehen einige Klimatologen (aber nicht alle!) das Jahr 1452 als das Startjahr der Kleinen Eiszeit an. Ein weiterer bemerkenswerter Ausbruch ereignete sich zwischen Juni 1783 und Februar 1784 im Nordosten Islands, als zwei Vulkane, Laki und Grimsvotn, genug Asche und SO2 in die Luft spuckten, um einen sogenannten „vulkanischen Winter“ auf der Nordhalbkugel zu verursachen, welcher dazu beitrug, die Kleine Eiszeit bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zu verlängern. Schließlich „explodierte“ am 10. April 1815 Mount Tambora in Indonesien mit einem VEI Wert von 7 und schickte 150 km3 Tephra und 200 Millionen Tonnen SO2 in die Atmosphäre. Deshalb ist 1815 weltweit auch als das „Jahr ohne Sommer“ bekannt.
Viele Klimatologen sind sich jedoch einig, dass Europa im Jahre 1550 definitiv kälter wurde. In jenem Jahr waren die Temperaturen in weiten Teilen der nördlichen Halbkugel ungefähr 0,6 °C niedriger als heute. Das hört sich nicht umwerfend an, war aber ausreichend, um eine Eisdecke auf der Themse in London und auf Teilen der Ostsee zu formen. Keines dieser Ereignisse hat sich seitdem wiederholt. In Bayern wirkte sich dieser Kälteeinbruch in der Form eines um mehrere Wochen längeren und viel kälteren Winters aus. Entsprechend wurde die Vegetationsperiode viel kürzer.
Wir wissen nicht, ob in Bayern vor Albrechts Regierungszeit, die von 1550 bis zu seinem Tod im Jahre 1579 dauerte, untergärige Hefen aktiv waren. Offensichtlich hatte es in Bayern lange vor der Kleinen Eiszeit kalte Winter gegeben. Es gibt auch einige kryptische Hinweise, einschließlich einer Nürnberger Brauverordnungen vom Anfang des 14. Jahrhunderts, in welcher „fallende“ Hefen vage und unspezifisch erwähnt werden. Das hat zu Spekulationen geführt, dass es in Bayern möglicherweise vor Mitte des 16. Jahrhunderts untergärige Hefen gegeben hat. Einige Autoren führen sogar die Herkunft des Begriffs „untergärig“ auf die Beschreibung der Hefen als „fallend“ zurück.
Unabhängig von diesen unterschiedlichen Meinungen über den wahren Anfang von Lagerbieren in Bayern steht fest, dass die außergewöhnliche Kombination vom Sommerbrauverbot und dem Beginn der Kleinen Eiszeit ideale – vielleicht sogar einzigartige – Voraussetzungen dafür schuf, dass die meisten bayerischen Biere sich dauerhaft zu Lagerbieren entwickelten. Selbst wenn wir nicht genau nachvollziehen können, warum dem so war, so wissen wir doch, dass es so war, denn die Umweltbedingungen zu jener Zeit erwiesen sich als dauerhaft. Da Hefezellen sich hauptsächlich durch Knospenbildung oder Zellteilung vermehren, konnten untergärige Hefen im 16. Jahrhundert eine gewisse Chromosomen-Stabilität entwickeln. Da wir auch wissen, dass die meisten Biere in Bayern in der Spätrenaissance dunkel waren (siehe Kapitel 1), können wir die kaum anzuzweifelnde historische Hypothese aufstellen – Trommelwirbel bitte! – dass Bayern der wahrscheinlichste Ort und die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts der wahrscheinlichste Zeitpunkt der Entstehung dunkler Lagerbiere sind und dass sich damit die gesamte bayerische Lagerbierkultur erst in der Spätrenaissance fest etablieren konnte. Diese Theorie wird auch von jüngsten mikrobiologischen Erkenntnissen unterstützt, die in Kapitel 3 ausführlich behandelt werden.
Weizenbier: Die merkwürdige Ausnahme zur bayerischen Lagerbier Revolution

Das Wappen des Hauses Degenberg.
Im Bayern der Spätrenaissance gab es nur eine Ausnahme zu Herzog Wilhelms drakonischem Nur-Gersten-Edikt von 1516 sowie zu Albrechts Sommerbrauverbot von 1553 – eine Ausnahme, die ohne Zweifel gegen den Strich der damaligen bayerischen Bierkultur ging. Der Grund dafür liegt in einem Problem, welches der Reinheitsgebot-Herzog Wilhelm sich und seinen Nachfolgern im Jahr 1529 scheinbar unnötig aufgehalst hat. In dem Jahr gewährte Wilhelm unerklärlicherweise einem seiner treuen Vasallen, dem Herzog Hans VI. von Degenberg, das exklusive Privileg, das ganze Jahr über Weißbier zu brauen. Hans war das Oberhaupt des Geschlechts der Degenberger, einer Adelsdynastie in Schwarzach, einem kleinen Dorf am Rande des Bayerischen Waldes. Rückblickend ist dieses Degenberger Bier, also der Gegenstand der herzoglichen Ausnahme, der Vorläufer dessen, was wir heute als bayerisches Weißbier oder Hefeweizen bezeichnen. Seltsamerweise verlieh Wilhelm den Degenbergern diese Ehre nur 13 Jahre nach seiner Verkündung eines allgemeinen Brauverbots für Biere mit Weizen. Im Jahre 1548 erweiterte Wilhelm aus unerfindlichen Gründen das Weißbierprivileg der Degenberger von Hans auf dessen gesamte männliche Nachkommen. So verwandelte er die Weißbierherstellung der Degenberger in ein scheinbar ewiges Erbmonopol einer einzigen Familie. Da Weizenbiere auch vom Sommerbrauverbot ausgenommen waren, führte das Degenberger Privileg wohl unbeabsichtigt dazu, dass Weißbiere die einzigen Biere waren, in welchen sich die obergärige Hefe, S. cerevisiae, in Bayern selbst nach 1553 noch behaupten konnte … und selbst heute schreibt das deutsche Reinheitsgebot noch vor, dass alle Weizenbiere nur obergärig und nie untergärig gebraut werden dürfen.
Die Degenberger zogen spektakulären Nutzen aus ihrem Weißbiermonopol, denn in kurzer Zeit schuf Hans ein Vermögen aus dem Verkauf des ansonsten verbotenen Gebräus. Das führte allerdings zu einem Meinungswandel des nun eifersüchtigen Wittelsbacher Herzogs, dem es schwerfiel, zu akzeptieren, dass trotz seines Dekrets von 1516 nun viel Weizen statt in die Backöfen des Volkes in die Sudpfannen der Degenberger wanderte. Die Schizophrenie eines allgemeinen Verbots der Herstellung von Weißbier in ganz Bayern und eines Monopols nur einer Familie für die Herstellung von Weißbier ebenfalls in ganz Bayern endete daher in einer erbitterten Fehde zwischen den Häusern der Wittelsbacher und der Degenberger, welche über Generationen dauerte.
Als Herzog Albrecht V. an der Reihe war, sich mit den Degenbergern um die Profite aus dem Weißbierhandel zu streiten, hatte er im Jahre 1567 endlich die Nase voll: Nach einer schlechten Ernte kam es in Bayern erneut zu einem Weizenmangel und Albrecht erklärte, dass Weizenbier „ein nutzloses Getränk ist, dass weder nährt noch stärkt, sondern nur zur Trunkenheit anregt“, und – in typischer Feudalherren-Manier – machte er die Tat seines Vaters rückgängig und verbot das Brauen von Weißbier kategorisch in seinem ganzen Reich. Nur hatte Albrecht dabei vergessen, dass selbst ein Herzog die Regeln der feudalen Etikette nicht missachten konnte. So stellten die Degenberger auch weiterhin im Hinterland ihr Weißbier her; und die einzige Revisionsinstanz für die Wittelsbacher wäre der Kaiser selbst gewesen, was, wie jedem klar war, keine Aussicht auf Erfolg hatte. Mit anderen Worten, Albrechts Weißbierverbot von 1567 war in der Praxis einfach nicht durchsetzbar!
Jedoch hatten die Wittelsbacher im Jahre 1602 plötzlich ein Schweineglück, denn der zu der Zeit dem Degenberger Geschlecht vorstehende Herzog Hans Sigmund verstarb, ohne einen männlichen Erben zu hinterlassen. Vielleicht war Hans Sigmund mit seiner Fehde mit den Wittelsbachern zu beschäftigt, so dass er es einfach verpasste, seinen Pflichten in der dynastischen Schlafkammer nachzukommen. Das gab Albrechts Sohn, Herzog Maximilian I., endlich die lang ersehnte Gelegenheit, das Weißbierrecht zurückzufordern, was er auch umgehend tat. Er beschlagnahmte sofort alle 28 Degenbergischen Weißbierbrauereien in Bayern und gewährte sich selbst das gleiche Weißbiermonopol, welches die Degenberger mehr als sieben Jahrzehnte lang genossen hatten.
Herzog Maximilian I. von Bayern gibt sich selbst ein Weißbiermonopol, was zu einer Rieseneinnahmequelle für den bayerischen Staatshaushalt wurde.
Maximilian gebot bald allen Gastwirten in seinem Reich, dass sie neben dem dunklen Standard-Gerstenbier auch Weißbier ausschenken mussten, welches sie nur von den nun staatlichen Wittelsbacher Brauereien kaufen konnten. Kneipenbesitzer, die sich weigerten, verloren kurzerhand ihre Lizenzen. Diese neue Bierpolitik des bayerischen Herrscherhauses entwickelte sich genauso wie vorher das Degenberger Monopol zu einem äußerst ertragreichen Geschäft, denn in den Sommermonaten, in denen es kein Bier auf Gerstenbasis gab, blieb das Weißbier weiterhin ohne Konkurrenz. Es wird gemunkelt, dass die Gewinne aus dem Wittelsbacher Weißbiermonopol bald die Größe des gesamten Militärhaushalts des Freistaates Bayern übertrafen.
Das Wittelsbacher Weißbiermonopol hielt sich für ungefähr zwei Jahrhunderte, bis Herzog Karl Theodor von Bayern im Jahre 1798 mehreren Klöstern und Bürgerbrauereien die Erlaubnis erteilte, ebenfalls Weißbier zu brauen. Er machte dieses Zugeständnis nur, weil Weißbier zu jenem Zeitpunkt aus der Mode gekommen war und die Wittelsbacher mit ihren Weißbierbrauereien Verluste erwirtschafteten. In der Folge bot das Wittelsbacher Haus die Weißbierrechte verschiedenen Brauereien zum Verkauf oder zur Pachtung an, aber es fanden sich keine Abnehmer, da die Nachfrage nach Weißbier im Laufe des 19. Jahrhunderts weiter zugunsten der dunklen, auf Gerstenbasis gebrauten Lagerbiere ständig zurückging. Ein wichtiger Grund für den steigenden Absatz der dunklen Gerstenbiere war die erhebliche Verbesserung der Malz- und Brauverfahren und der damit verbundenen Bierqualität (siehe dazu Kapitel 1).
Im Jahre 1872 gaben die Wittelsbacher endlich jede Hoffnung auf Rettung ihrer vormaligen, goldenen Weißbier-Gans auf und sie verkauften ihr Weißbierrezept an einen „zivilen“ Braumeister namens Georg Schneider. Die Private Weißbierbrauerei G. Schneider & Sohn GmbH braut ihr Weißbier auch heute noch nach diesem Rezept … und alle bayerischen Weißbiere sind immer noch ausschließlich obergärig!
Bayerische Bierkultur: Ein zeitloses Erbe
Wie bisher ausgeführt, sind die Wurzeln der modernen bayerischen Bierkultur tief in einer Reihe herzoglicher Verordnungen und Handlungen aus dem 16. und frühen 17. Jahrhundert verankert. Das Ergebnis dieser Entwicklungen ist die Vervollkommnung zweier breiter, einzigartiger und im Wesentlichen hefebedingter Bierkategorien. Auf der einen Seite stehen die sauber vergorenen, süffigen, bayerischen Lagerbiere. Auf der anderen Seite stehen die fruchtigen, leicht nach Nelken und Bananen schmeckenden, oft hefetrüben, bayerischen Weißbiere. Während bayerische Lagerhefen die ihnen vorgesetzten Würzen aus Gerstenmalz kühl und langsam vergären und dabei relativ wenige fruchtige Ester und wenig butteriges Diacetyl produzieren, vergären bayerische obergärigen Hefen ihre Würzen aus Weizenmalz relativ warm und schnell, wobei sie auch relativ viel bananenartiges Isoamylacetat und nelkenartiges 4-Vinylguaiacol produzieren.
Traditionell werden die bayerischen Hefen mit einheimischem bayerischen Malz und bayerischem Hopfen vereint, was den bayerischen Bieren eine unverwechselbare Identität verleiht. Damit rangiert die bayerische Bierkultur auf der gleichen Ebene wie die beiden anderen klassischen Bierkulturen der Welt, die belgische und die britische. Während die Brauereien auf den britischen Inseln den Weltmaßstab für geschmacksintensive und komplexe obergärige Gerstenbiere gesetzt haben – vom London Porter bis zum Burton Pale Ale, vom Scottish Ale und zum Irish Stout – haben die Brauereien in Belgien den Weltmaßstab für viele ungewöhnliche Biere gesetzt. Dazu gehören Biere mit phenolischen Hefenoten, saure Biere mit Lactobacillus, Holzfass-gereifte Biere mit Fruchtzusätzen, sowie Biere mit Brettanomyces-Aromen, die oft als „Pferdeschweiß“, „Stallgeruch“ oder „nasser Hund“ beschrieben werden. Zu den klassischen belgischen Bierstilen gehören Lambic, Gueuze, Witbier/Bière blanche, Bière blonde, Bière de saison, Trappisten Triple, Flämisches Rot-Ale, und Goldene Starkbiere. Heute gesellt sich zu diesen drei Traditions-Bierkulturen auch die amerikanische Craft-Braukultur als vierte große Weltbierkraft. Sie nimmt ihre Inspiration von den klassischen europäischen Bierkulturen und verwandelt diese mit Kreativität und Fantasie in neue Bierstile mit ausgesprochen amerikanischen Noten, besonders in der Hopfung.
Der Beitrag des Dunkels zum Aufstieg der bayerischen Bierkultur war kritisch. Das Dunkel leitete im 16. Jahrhundert den Wandel von einer durchweg obergärigen in eine primär untergärige Bierkultur ein und behauptete sich als der dominante Bierstil Bayerns für etwa drei Jahrhunderte. Heute ist das Dunkel immer noch einer von vielen weltweit gebrauten Lagerbierstilen. Die erste Herausforderung für das Quasi-Monopol des Dunkels auf seinem einheimischen Biermarkt kam im 19. Jahrhundert mit der zeitgleichen Einführung des bernsteinfarbenen Märzenbiers der Spaten Brauerei in München und des Wiener Lagers der Dreher Brauerei in Schwechat bei Wien im Jahre 1841. Ein Jahr später folgte das erste goldblonde Pilsener aus dem benachbarten Böhmen.
Weitere Konkurrenz für das Dunkel gab es 1872 auf dem Münchner Oktoberfest, als die Münchner Franziskaner-Leist-Brauerei ein goldgelbes Gebräu mit der Bezeichnung „Märzen-Bier“ präsentierte, für das sie mit der Aufschrift „gebraut nach Wiener Art“ Werbung betrieb. Franziskaner-Leist fusionierte übrigens im Jahre 1922 mit der Spaten Brauerei und das heutige Spaten-Oktoberfestbier wird immer noch nach dem Rezept von 1872 hergestellt. Danach war der Trend zu helleren Lagerbieren nicht nur in Bayern, sondern praktisch überall auf der Welt nicht mehr aufzuhalten, was auch den Münchner Bierbaronen nicht entging. Die zunehmende Bewegung der Biertrinker weg vom Dunkel zwang auch die Münchner Brauereien, ihr langjähriges, fast exklusives Engagement für das traditionelle Dunkel zu überdenken. Das war keine leichte Sache, denn das Dunkel hatte ihnen seit unendlichen Zeiten die Taschen brechend vollgemacht.
Die erste Münchner Brauerei, die sich dazu durchrang, ein echt helles Lagerbier zu brauen war die Hackerbrauerei, die 1893 ein blondes Lager auf den Markt brachte, welches sie „Münchner Gold“ nannte. Dieses Bier verschwand jedoch innerhalb von ein oder zwei Jahren vom Markt, ohne dass wir wissen warum. Danach ließ das erste beständige blonde Münchner Lager nicht lange auf sich warten. Es kam von der fortschrittlich denkenden Spaten Brauerei. Sie braute Ende 1893 den ersten Sud eines neuen, hellen Lagerbiers und verfrachtet dieses Bier im darauffolgenden Jahr zu einem Markttest ins ferne Hamburg. Dieses Bier gilt jetzt als der wahre Vorläufer des heutigen bayerischen Helles. An der Waterkant war es so erfolgreich, dass Spaten es wagte, das Bier im Juni 1895 endlich auch auf den heimischen Markt in München zu bringen.
Dieses „Helle LagerBier“ der Spaten Brauerei von 1894 ist das erste echte Münchner Helles im deutschen Biermarkt. Die verwaschene Abbildung hier zeigt eine Kopie des Etiketts, welche in den späten 1890er Jahren auf einem Patentdokument für dieses Bier abgedruckt war. Es existiert heute kein einziges Originaletikett mehr aus der historischen, ersten Flaschenabfüllung des Münchner Helles.
Dieser scheinbar waghalsige Akt erweckte offenbar die Opposition der anderen Münchner Großbrauereien, wie aus einer heftigen Debatte bei einem Treffen des Vereins Münchner Brauereien am 7. November 1895 hervorgeht. Eine Aufzeichnung dieser Debatte wurde 1994 von der Spaten-Franziskaner-Bräu KGaA veröffentlicht. Zum Zeitpunkt jenes Treffens hatte auch eine zweite Brauerei, die Thomas Brauerei, begonnen, ein helles Lagerbier herzustellen. Die Traditionalisten unter den Münchner Brauereibonzen, angeführt von Joseph Wagner, dem Inhaber der Augustiner-Brauerei, sahen die Forderung der Öffentlichkeit nach hellen Lagerbieren als eine nur vorübergehende Modeerscheinung. Viele Münchner Brauereien hielten daher jedwede Investition in Produktions- und Lagerkapazitäten für eine zweite, helle Bierkategorie für zu riskant und klammerten sich an eine exklusive Zukunft ihrer bisher unangefochtenen, auf dem Dunkel aufgebauten Marktposition. Einige wollten sogar die Uhr mit einem Kartell zurückstellen. Sie schlugen vor, dass es jeder Münchner Brauerei grundsätzlich untersagt werden solle, helles Lagerbier herzustellen. Diese Kartellvereinbarung sah auch vor, dass Brauereien, die bereits angefangen hatten, helles Bier zu brauen, diese Produktion sofort einstellten.
Herr Wagner argumentierte: „Ich bin der Ansicht, dass der Ruf der Münchner (dunklen) Biere durch das Brauen von hellen Bieren stark geschädigt wird, da es nichts anderes als eine unnötige Werbung für Pilsener Biere ist.“ Die Spaten Brauerei wollte jedoch nicht mitspielen. So konterte der Spaten Chef Carl Sedlmayr: „Pilsener Biere werden immer beliebter… Hätten wir kein Helles gebraut, so hätte eine konkurrierende Brauerei dieses Geschäft an sich gerissen. Ich glaube, wir haben keinen Fehler gemacht, sondern sind den Wünschen eines großen Teils der Öffentlichkeit nachgekommen. Wir leben jetzt in einem Zeitalter des freien Wettbewerbs und müssen dementsprechend handeln. Daher können wir nicht aufhören, helles Bier zu brauen.“
Georg Theodor Pschorr, Inhaber der Pschorr-Brauerei, drückte das Dilemma, mit dem die Münchner Brauereien konfrontiert waren, so aus: „Wenn wir sie (die hellen Lagerbiere) nicht brauen, werden wir viele Vorteile verlieren. Was ist jetzt die beste Vorgehensweise: Helles brauen oder nicht?“ Das Ergebnis des Treffens war Uneinigkeit. Die Brauereien, die helle Lagerbiere herstellen wollten, machten einfach weiter, während diejenigen, die versuchten, sich dem Trend zu widersetzen, zunächst Marktanteile verloren, und schließlich eine nach der anderen nachgab. Als das Helles in der Popularität in München und überall immer weiter anstieg, konnte das klassische Dunkel nur noch eine kleine Nische im Markt verteidigen, obwohl es diesen Markt jahrhundertelang regiert hatte.
Seit etwa dem Beginn des gegenwärtigen Millenniums findet jedoch eine Art Renaissance des Dunkels statt. Die handwerklich orientierten Craft-Brauer der Welt wenden sich nämlich zunehmend diesem Bierstil (und auch dem Schwarzbier) zu. Auch dieses Buch möchte daher mit 41 klassischen, innovativen und experimentellen dunklen Lagerbier-Rezepten einen Beitrag zur Wiederbelebung dieser einzigartigen Bierstilgruppe leisten.
Бесплатный фрагмент закончился.
