Читать книгу: «Tod im Thiergarten»

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Es geschah in Preußen 1842

Horst Bosetzky

Tod im

Thiergarten

Von Gontards zweiter Fall

Criminalroman

Jaron Verlag

Horst Bosetzky alias -ky lebt in Berlin und gilt als »Denkmal der deutschen Kriminalliteratur«. Mit einer mehrteiligen Familiensaga, zeitgeschichtlichen Spannungsromanen und biographischen Romanen (wie »Kempinski erobert Berlin«, 2010, und »Der König vom Feuerland« über August Borsig, 2011) avancierte er zu einem der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Im Jaron Verlag veröffentlichte er daneben mehrere Bände für die Krimi-Serien »Es geschah in Berlin« (zuletzt »Mit Feuereifer«, 2011) und »Berliner Mauer-Krimis« (zuletzt mit Jan Eik »Am Tag, als Walter Ulbricht starb«, 2010). 2011 erschienen die ersten Bände seiner Mittelalter-Romanserie »Die unglaublichen Abenteuer des fabelhaften Orlando«.

Originalausgabe

1. Auflage 2011

© 2011 Jaron Verlag GmbH, Berlin

1. digitale Auflage 2013: Zeilenwert GmbH

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

ISBN 9783955520311

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelseite

Impressum

Zitat

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Und alles kam, wie es kommen musste, alles, wie es kommen musste.

Georg Hermann, Jettchen Gebert

Eins

Ludwig Dölau nähte den letzten Knopf an einen der dunkelbraunen Röcke, wie sie gutsituierte Herren derzeit gerne trugen, und sah zu seinem Meister hinüber. »Kann ick jetzt jehn, die Anna wartet schon uff mir, wir wolln jleich raus nach Moabit.«

Hoppe nickte. »Geh mit Gott, dann gehste mit keinem Spitzbuben!«

Eine Stunde später trafen sie sich am Neuen Thore, um in einer Droschke auf der staubigen Chaussee Richtung Charlottenburg zu fahren.

Dölau zeigte nach rechts. »Hier soll in nächste Zeit mächtig wat jebaut werden. Zuerst der Bahnhof für die Eisenbahn nach Hamburg, dann det Zellenjefängnis für Männa.«

Anna lachte. »Dann pass mal uff, dette da nich mal rinkommst!« Das schien leichthin gesagt, aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass ihr Bräutigam in etwas Anrüchiges verwickelt war. Und da sie aus ihrem Herzen nie eine Mördergrube machte, kam sie auch gleich zur Sache. »Wo hasten eijentlich det Jeld für die Droschke her?«

Er reagierte etwas unwirsch. »Warum biste denn so misstrauisch imma? Bei Hoppe ham wa nu ma reiche Kunden, und da jibt et imma een dicket Trinkjeld, wenn se mit ihre Westen und ihre Röcke zufrieden sind.«

Ihr Droschkenkutscher fluchte in einem fort, weil er andauernd »Brrr!« rufen und an den Zügeln reißen musste, damit er niemanden über den Haufen fuhr. Schon seit dem frühen Nachmittag zog eine lange Karawane von Müttern, Töchtern und Kindern nach Moabit, wobei die größeren Kinder die kleineren in Wägelchen nachziehen mussten. In Moabit gab es einen Restaurationsbetrieb neben dem anderen. Begonnen hatte es um 1700 mit dem Hugenotten Menardié, der am Fuße seines Weinbergs ein Gasthaus eröffnet hatte. Später war ein kleinwüchsiger Franzose dazugekommen, den die Berliner Martinicken genannt hatten. Um 1769 hatte dann Friedrich der Große einige Westfalen auf den Moabiter Wiesen angesiedelt, und die hatten auf ihren Anwesen weitere Gaststätten und Kneipen eröffnet. Durstige Kehlen gab es ringsum zur Genüge, denn westlich des Moabiter Weinbergs waren 1717 die königlichen Pulverfabriken errichtet und seitdem kontinuierlich ausgebaut worden, und nördlich der Invalidenstraße lag die Kaserne der Ulanen mit einem riesigen Exerzierplatz und dem Laboratorium der Artillerie dahinter. Zu den Soldaten kamen die unzähligen Arbeiter der Königlichen Eisengießerei in der Invalidenstraße und der Borsig’schen Maschinenbauanstalt im sogenannten Feuerland am Oranienburger Thor.

Als Dölau und seine Braut endlich an Ort und Stelle waren, gab es kaum noch einen freien Platz, denn inzwischen hatten sich auch die Väter, Brüder und Cousins der hiesigen Arbeiter eingefunden. Im Schatten hoher Bäume wurden die Tische zusammengerückt, die mitgebrachten »Fresskober« geöffnet und die ältesten Töchter losgeschickt, für den Nachschub an Kaffee zu sorgen. Der alte Brauch »Hier können Familien Kaffee kochen« sorgte dafür, dass man sich auch mit einem knapp bemessenen Budget ein prächtiges Vergnügen gönnen konnte.

Am späten Nachmittag begannen in den benachbarten Brauereien und Bierniederlagen die Concerte, und Dan- dys in billigen Handschuhen, das unechte Rohr schwingend, und junge Soldaten umkreisten die Kaffeelocale, um nach den schönen Töchtern des Landes Ausschau zu halten. Putzmacherinnen und Dienstmädchen trafen sich mit ihren Herren zu sogenannten unschuldigen Spielen wie Fanchon, Bäumchen-Verwechseln oder Blindekuh.

Auch Dölau und Anna waren mit von der Partie, sie enteilten aber bald zum Tanz. Im Saal war es heiß und stickig, aber das störte sie wenig, wenn sich ihre Körper aneinanderrieben. Dann wurden farbige Lampen und Ballons angezündet, und es wurde Zeit für romantische Gefühle. Die Herren leerten ihre Seidel in immer rascherem Tempo, und getrieben von bacchantischer Lust verschwand ein Pärchen nach dem anderen in der lauen Nacht. Viel Zeit blieb ihnen nicht, denn irgendwann erschien die Polizei zur Razzia gegen alles Unsittliche - und wer verbrachte schon gern eine Nacht in der Bezirkswache oder gar in der Stadtvogtei am Molkenmarkt No. 2!

Da Anna immer Ärger mit ihrer Herrschaft bekam, wenn sie nicht zwei Stunden vor Mitternacht zu Hause war, musste Dölau wohl oder übel an den Heimweg denken. Diesmal hatte Anna nichts gegen eine Droschke einzuwenden. Dölau bezahlte den Kutscher, als er Anna in der Georgenstraße absetzte. Zum einen war ihm nun doch das Geld ausgegangen, und zum anderen wollte er nicht beobachtet werden, wenn er Anna noch einmal umarmte und ihr dabei den Rock nach oben schob.

Als oben das Fenster aufging, riss sich Dölau von seiner Herzensdame los und lief in Richtung Osten - nicht etwa mit schnellen Schritten, dazu war das Pflaster zu holprig und das Licht der Gaslaternen zu funzlig, sondern eher vorsichtig und tastend. An der Ecke Friedrichstraße angekommen, zögerte er einen Augenblick. Einerseits war er todmüde, andererseits aber nach der letzten Umarmung noch zu erregt, um gleich ins Bett zu gehen. Sich zur Abfuhr eine der Dirnen zu nehmen, die an der Königsmauer standen und warteten, lag nahe. Doch er konnte sich nicht entscheiden und wandte sich erst einmal nach Norden, um sich auf der Weidendammer Brücke ein wenig abzukühlen. Je näher Mitternacht rückte, desto mehr erstarb alles Leben. Zu dieser Uhrzeit gab es allenfalls noch liederliche Berliner, aber kein Berlin bei Nacht. Auf den Straßen war es geradezu öde, nur hier und dort gab es einen Schatten, der an den Häuserwänden entlangschlich oder -taumelte, oder ein lustiges Häuflein, das von einer Gesellschaft heimkehrte. Die Nachtwächter brachen alle Stunde auf, um ihre Runde zu machen, in der Zwischenzeit aber störten oder schützten sie niemanden.

Auf der Weidendammer Brücke angekommen, musste sich Dölau die Nase zuhalten, denn von den träge fließenden Wassern der Spree quollen üble Düfte nach oben, was daran lag, dass alle Fäkalien der Stadt in den Fluss gekippt wurden. Gerade rumpelte hinter ihm ein großer Wagen heran, flankiert von etwa zehn Frauen mit ihren Laternen. Das waren die sogenannten Nacht-Emmas, deren Aufgabe es war, die gefüllten Fäkalieneimer aus den Häusern zu holen und zur Spree zu schaffen. Dölau war bei ihrem Anblick jede Lust auf ein Frauenzimmer vergangen, und so machte er sich schnell auf den Heimweg. Seine Stube hatte er über einer Remise im Hof des Schneidermeisters Hoppe in der Mittelstraße. Weit war es nicht, ging er die Friedrichstraße entlang in Richtung Belle-Alliance-Platz. Nach der Georgenund der Dorotheenkam schon die Mittelstraße. Er bog rechts ab. Noch hundert Schritte, dann hatte er seinen Hausflur erreicht. Er zog schon den Schlüssel hervor, da hielt eine Droschke direkt an seiner Seite, und der Kutscher beugte sich zu ihm hinunter.

»Wohnt hier einer, der Eisermann heißen tut?«

Dölau musste einen Augenblick lang überlegen. »Nein, nich det ick wüsste.«

»Komisch, ich soll ihn aber hier abholen.« Der Kutscher zog einen Zettel aus der Rocktasche und hielt ihn in den Lichtkegel seiner Laterne. »Gucken Sie mal, hier steht doch der Name …«

Dölau reckte sich hoch, um etwas zu erkennen. Im selben Augenblick fegte ihm der Kutscher mit der Handkante den Zylinder vom Kopf, und aus dem dunklen Hauseingang sprang ein Mann, beide Arme vorgestreckt. Die Fäuste umschlossen einen Strick. Es war eine Sache von Sekunden, diesen Dölau um den Hals zu schlingen und fest zuzuziehen, immer fester …

Preußen war durch die Kriege gegen Napoleon verarmt, so dass man in den folgenden Jahrzehnten einfacher und bescheidener leben musste. Statt des äußeren Glanzes war nun die innere Wärme gefragt, und es ging in Berlin vorwiegend bieder zu, ja spießig. Wer laut vom vereinigten Deutschen Reich mit einer Verfassung träumte, wie sie sich die Bürger in England oder den Vereinigten Staaten von Amerika erkämpft hatten, den hatten die Spione und Häscher der politischen Polizei schnell ausfindig gemacht und eingekerkert in der Berliner Hausvogtei oder dem Köpenicker Schloss. Wichtigste Behörde war der Polizeipräsident. Das fortschrittliche Bürgertum reagierte auf die politische Unterdrückung mit dem Rückzug ins Private, ging seinen künstlerischen und literarischen Interessen nach und widmete sich einem unpolitischen, geselligen Leben, während die Mehrheit der Bevölkerung in sozialer Not und keineswegs idyllisch und behaglich lebte. Andererseits aber blühten Handel und Gewerbe auf, und die Industrialisierung setzte auch in Preußen ein: Die ersten Eisenbahnen wurden gebaut oder geplant, Wissenschaft und Bildung, Kunst und Kultur erlebten eine ihrer glanzvollsten Epochen. Die Einwohnerzahl Berlins verdoppelte sich in den drei Jahrzehnten nach den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 von zweihunderttausend auf vierhunderttausend, womit die Preußenresidenz nach London, Paris und St. Petersburg an der vierten Stelle der europäischen Metropolen stand.

Der 8. Mai war ein Sonntag, und für Professor Heinrich Wilhelm Dove war es eine liebe Gewohnheit geworden, am Vormittag mit einem Freund durch den Thiergarten zu spazieren und In den Zelten einen Schoppen Rheinwein zu trinken. Diesmal hatte er sich am Potsdamer Platz mit Dr. August Wilhelm Danewitz verabredet, doch der Geheime Oberregierungsrath ließ ihn ein wenig warten. Dove war es recht, so hatte er noch Zeit und Muße, den Kopf in den Nacken zu legen und zu prüfen, in welche Himmelsrichtung der Wind die Wolken jagte, denn er war mit Leib und Seele Meteorologe, hatte lange über die Veränderung der Witterung durch den Wechsel von Polar- und Äquatorialströmen geforscht und ein Gesetz über die Drehungen der Winde formuliert, das sogenannte Dove’sche Gesetz. 1803 in Liegnitz geboren, hatte er sich in Königsberg habilitiert und war 1829 nach Berlin gekommen, um hier als Physiker am Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, an der Artillerieschule sowie am Königlichen Gewerbeinstitut zu unterrichten.

Endlich kam Dr. Danewitz in einer Droschke, entlohnte den Kutscher und sprang auf die Straße, um Dove zu begrüßen. »Ich bitte um Pardon, mein Guter, aber in Hamburg wütet ein grässliches Großfeuer, und mir ist die ehrenvolle Aufgabe zugefallen, Seiner Majestät Vorschläge zu unterbreiten, wie Berlin den obdachlos gewordenen Menschen dort Hilfe leisten kann.«

Dove wusste von der Katastrophe, denn das Feuer war bereits in der Nacht vom 4. zum 5. Mai 1842 am Nikolaifleet beim Cigarrenmacher Cohen ausgebrochen. »Aufgrund der vorangegangenen Trockenheit und anhaltender Winde ist es auf gute Bedingungen getroffen.«

»Winde …«, wiederholte Dr. Danewitz, »das ist deine Domäne. Nicht immer sind sie so segensreich wie bei Ozeanquerungen unserer Handelsschiffe.«

Dove winkte ab. »Auch da werden sie ihre Funktion alsbald verloren haben. Fultons Dampfschiff verkehrt ja schon seit 35 Jahren auf dem Hudson zwischen New York und Albany, auch in Schottland und auf der Themse tut sich in dieser Hinsicht einiges, und bald wird man so kleine und leistungsfähige Kessel und Maschinen bauen können, dass man mit Dampfschiffen von New York nach Hamburg fahren kann - wenn auch nicht mit einem Schaufelrad als Antrieb, sondern mit einer Schiffsschraube, wie sie der Josef Ressel erfunden hat. Der gehört die Zukunft, wenn auch der erste Großversuch 1829 im Hafen von Triest ein Fehlschlag war.«

»Man merkt dir an, dass du nicht nur Meteorologe, sondern auch Physiker bist«, sagte Dr. Danewitz. »Schade nur, dass bei uns in Preußen die Sache sozusagen im Sande verlaufen ist - wenn du das schiefe Bild entschuldigst.« Und er erinnerte daran, dass schon 1820 die Princessin Charlotte zwischen Charlottenburg und Potsdam als erstes Dampfschiff in Preußen unterwegs gewesen war, bald aber wieder außer Betrieb gesetzt wurde, da sie einen wirtschaftlichen Erfolg nicht zu erzielen vermochte.

Dove war den trockenen und sachlichen Ton seines Freundes nun satt, als sie dabei waren, in den lauschigen Thiergarten einzutauchen. Nicht umsonst hatte er Goethes Mailied als Sekundaner auswendig lernen müssen. Die ersten beiden Strophen hatte er noch immer parat:

Wie herrlich leuchtet

Mir die Natur! Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten

Aus jedem Zweig, Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch …

Hier stockte Dove, aber Dr. Danewitz war nach kurzem Überlegen in der Lage, auch die dritte Strophe beizusteuern:

Und Freud’ und Wonne

Aus jeder Brust. O Erd’, o Sonne! O Glück, o Lust!

Die Lust hatten sie zunächst einmal beim Frühschoppen im »Hofjäger«. Nachdem sie ihr Viertele getrunken hatten, machten sie sich auf den Weg, um quer durch den Thiergarten in weitem Bogen zum Brandenburger Thor zu laufen.

»Eigentlich habe ich ja die Aufgabe, eine angemessene Sommerwohnung für meine Frau und unsere Töchter zu suchen«, erklärte Dr. Danewitz. »Aber das wird ein so teurer Spaß, dass ich erst einmal erkläre, nichts Passendes gefunden zu haben. Was planst du denn in dieser Hinsicht?«

Dove verzog das Gesicht. »Eigentlich nichts, denn mein Geldbeutel ist nicht gerade prall gefüllt.«

»Die Friedrich-Wilhelms-Universität sollte dir endlich eine Professur geben!«, rief Dr. Danewitz. »Jetzt, wo du schon fünf Jahre Mitglied der Akademie der Wissenschaften bist.«

»Das mit der Professur wird wohl noch ein Weilchen dauern«, sagte Dove. »Es gibt da immer jemanden, der einem vorgezogen wird. Aber wie sieht es denn mit deinem Avancement aus?«

Nun war es an Dr. Danewitz, hörbar aufzustöhnen.

»Der Dr. Wiesenburg intrigiert ständig gegen mich, weil ich ihm angeblich zu liberal bin. Nur weil ich zufällig einmal mit Ludwig Kalisch im Café gesessen und mit ihm geplaudert habe.«

Sie selbst plauderten noch über dieses und jenes, bis Dr. Danewitz mit zusammengebissenen Zähnen hervorstieß, dass er es nun nicht länger aushalten könne. »Meine Blase …«

»Gott!« Dove musste trotz der Not des Freundes ein wenig schmunzeln. »Pass bloß auf, dass es dir nicht so ergeht wie dem wackeren Tycho de Brahe …«

»Was ist mit dem?«, presste Dr. Danewitz hervor.

»Der hat nicht nur bei einem Duell einen Teil seiner Nase verloren, sondern ist auch an Harnverhaltung gestorben, genauer gesagt an einem Riss in seiner Blase.«

Das war zu viel für den Geheimen Oberregierungsrath: Er stürzte in die Büsche - mochte er, wurde er gesehen, auch noch so viel seiner Reputation einbüßen.

Dove wartete geduldig am Wegesrand und sah den Wolken hinterher. Plötzlich aber fuhr er zusammen, denn der Freund hatte einen Schrei ausgestoßen, der von heftigem Erschrecken kündete.

»Doch die Blase?«, rief er ins Unterholz hinein.

Da kam Dr. Danewitz auch schon auf ihn zugestürzt.

»Nein, da baumelt ein Mann an einem Ast … Da hat sich einer aufgehängt!«

Zwei

Der Criminal-Commissarius Waldemar Werpel nutzte wie jeden Sonntag den Frühstückstisch, um seinen Kindern - acht waren es - einen der Höhepunkte preußischer Geschichte nahezubringen.

»Welchen Tag haben wir, Johannes?«

»Den 28. Juni des Jahres 1815, Vater.«

»Vorzüglich, wie aus der Pistole geschossen!« Werpel nahm seinen Kaffeetopf und setzte ihn in die Mitte des Tisches. »Dieses hier ist das kleine Städtchen Waterloo in der belgischen Provinz Brabant, fünfzehn Kilometer südöstlich von Brüssel. Folgt man in südlicher Richtung der Straße nach Charleroi, so trifft man wenige Kilometer von Waterloo entfernt auf zwei Höhenrücken. Hier …«, er markierte diese mit zwei Messern, »… zwischen diesen Erhebungen tobt dann die Schlacht, die das Ende von Napoleon Bonaparte mit sich bringt. Und wer hatte entscheidenden Anteil am Sieg der Verbündeten?«

»Der Rittmeister Waldemar Werpel!«, kam es im Chor.

»Und wo hat ihn die Kugel des Feindes getroffen?« Wilhelm glaubte es zu wissen. »In den Hintern.«

»Setzen! Unsinn! Beim Dorfe Plancenoit. Und was hat der englische Heerführer Wellington flehentlich gerufen?« Marie hatte gut aufgepasst. »Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen.«

»Sehr gut, meine Tochter. Und warum sprechen die Engländer von der Schlacht bei Waterloo, wir Preußen aber von der Schlacht bei Belle-Alliance?«

Emil, der Kleinste, wollte auch einmal belobigt werden und sagte, dies sei so, weil ihre Tante Auguste am Belle-Alliance-Platz wohne.

»Nein, mein Sohn, die Schlacht heißt so, weil …« Niemand wusste es, und so wurden alle belehrt, dass Wellington sein Hauptquartier bei Waterloo gehabt habe, während die Preußen dem Meierhof Belle-Alliance die größere Bedeutung beimaßen, weil sich dort das französische Zentrum befunden habe.

»Nun lass es einmal gut sein, Waldemar!«, sagte seine Frau.

»Wie du meinst, Minna.« Ein wenig verstimmt suchte Werpel nach anderen Gesprächsthemen. »Was habt ihr denn zuletzt in der Schule durchgenommen, Kinder?«

Der Große meldete sich und bekam das Wort erteilt.

»Da war einer beim König, einer aus Persien, und der will einen Garten bauen, wo auch im Winter was wächst.«

Werpel musste einen Augenblick lang überlegen, was gemeint war. »Ach, du meinst den Persius! Aber der kommt nicht aus Persien, sondern aus Potsdam, und der will am Thiergarten ein Treibhaus bauen, einen Wintergarten. Das ist ein Haus aus Glas, und das wird im Winter geheizt, so dass du drin sitzen kannst, ohne dass du dich tot frierst.«

Johannes lachte. »Kann sich auch einer lebendig frieren?«

Werpel hob die Hand. »Du kriegst gleich ’n paar hinter die Ohren!« In diesem Augenblick wurde heftig am Klingelzug gerissen. Werpel war so wütend über diese Störung, dass er ins Berlinische fiel. »Wat soll denn der Quatsch! Sonntagsruhe is wie Friedhofsruhe, und wer die stört, den bring ick in de Hausvogtei.«

Doch das konnte er mit dem Mann, der draußen stand, schlecht machen, denn das war der Constabler Krause, der in strammer Haltung Meldung machte.

»Im Thiergarten hat sich eena uffjehängt, und Sie sollen bei ihm komm’!«

»Beim Erhängen tritt der Tod durch plötzliche Unterbrechung beziehungsweise starke Drosselung der Blutzufuhr zum Gehirn ein«, erklärte der Arzt Dr. Friedrich Kußmaul den Umstehenden. »Der Körper hängt frei, die Fußspitzen befinden sich etwa fünf Zoll über dem Boden. Es ist davon auszugehen, dass der Selbstmörder auf diesen Baumstumpf hier geklettert ist. Danach hat er seinen Strick mit einer Schlaufe um den Ast geworfen, der schräg über ihm hängt, und festgezogen, um sich eine Schlinge um den Hals zu legen, den Strick fest zu verknoten und schlussendlich in den Tod zu springen. Sie sehen hier an den Beugeseiten seiner Finger noch Fasern. Das kommt vom Festziehen des Strickes.«

Werpel dankte dem Mediziner und wandte sich an einen der herbeigeeilten Constabler. »Abschneiden und dann ins Leichenschauhaus. Der Wagner soll sich darum kümmern.«

Das erste Berliner Leichenschauhaus für die Stadtphysici, wie die Rechtsmediziner anfangs hießen, war 1811 errichtet worden. Wegen der unzumutbaren Bedingungen dort wurden ab 1839 Räume des Leichen- und Sektionshauses der Charité für diesen Zweck genutzt. 1833 war an der Friedrich-Wilhelms-Universität die »praktische Unterrichtsanstalt für die Staatsarzneikunde« gegründet worden, wobei unter dieser Bezeichnung die Gerichtliche Medizin und die Medizinalpolizei zusammengefasst waren. Erster Lehrstuhlinhaber war der gerichtliche Stadtphysicus Wilhelm Wagner, der die Staatsarzneikunde auch als akademisches Fach etablierte.

Nachdem man den Toten abgeschnitten und auf den Wagen gelegt hatte, wandte sich Werpel an die Umstehenden und fragte sie, ob einer da sei, der den Selbstmörder kennen würde. Zuerst verneinten alle, dann trat aber Dr. Danewitz vor.

»Mir scheint, dass ich den Mann schon einmal gesehen habe, und zwar beim Schneidermeister Hoppe in der Mittelstraße. Er hat dort auf einem Tisch gesessen und Knöpfe an einen Rock genäht.«

Werpel bedankte sich und machte sich in seiner mitgebrachten Kladde weitere Notizen. Die Herren Dove und Dr. Danewitz baten schließlich, sich entfernen zu dürfen.

»Ja, selbstredend. Sie haben es gut, auf mich wartet noch einiges an Arbeit. Aber wie heißt es doch so schön: Ein immer helles Licht beleuchte deinen Weg - die Pflicht.«

Als sich alles entfernt hatte, die Zeugen, der Arzt und der Wagen mit dem Toten, schnappte sich Werpel den Constabler Krause und marschierte mit ihm Richtung Mittelstraße. Das war zu Fuß ein ganzes Stück: zuerst durch den Thiergarten hindurch zum Brandenburger Thor und dann Unter den Linden entlang bis zur Schadowstraße.

Krause murrte über den langen Marsch. »So wat müsste eijentlich vaboten werden, weil et schlimma is als det Turnen beim alten Vata Jahn.«

Streng sah Werpel ihn an, denn er wollte keine Scherereien mit seinen Oberen. »Den Namen möchte ich nicht gehört haben!« Im Zuge der Karlsbader Beschlüsse war der Turnvater und Burschenschafter Friedrich Ludwig Jahn als Demagoge verfolgt worden und hatte fünf Jahre in preußischen Gefängnissen absitzen müssen. Das Turnen war in Preußen und anderen deutschen Staaten verboten worden.

Bei Hoppe saß man gerade beim Mittagessen und war über die Störung durch die beiden Polizeibeamten nicht gerade erfreut. Schlurfend kam Hoppe die Stiege herunter und öffnete die Haustür.

»Haben Sie einen Gesellen, der abgängig ist?«, fragte Werpel ohne lange Vorrede.

Hoppe, der so beleibt war, wie es ein Schneider eigentlich niemals hätte sein dürfen, erklärte, zwar einen Gesellen zu haben, aber der schliefe sicherlich noch oben in seiner Kammer über der Stallung, weil er in den Nächten vom Sonnabend zum Sonntag immer erst spät nach Hause käme. Und sonntags würde er, anders als in der Woche, auch nicht mit der Familie essen. Was man denn von ihm wolle?

»Im Thiergarten hat sich einer aufgehängt, und der Dr. Danewitz meint, dass er ihn schon mal bei Ihnen gesehen hat.«

Hoppe brauchte ein paar Sekunden, das Gehörte richtig einzuordnen. »Der Dr. Danewitz, der lässt bei uns arbeiten, das stimmt. Und zuletzt hat ihm mein Ludwig einen neuen Rock angemessen. Aber der, der Ludwig, das ist einer von den Fröhlichen, der tut sich bestimmt nich uffhängen. Schon nicht, weil er eine Braut hat, die Anna, um die ihn alle beneiden.«

»Det is aba ’n janz schönet Luda, die Anna!« Oben war das Fenster aufgegangen, und die Frau Schneidermeister hatte sich dieses Kommentars nicht enthalten können.

»Ruhe!«, rief Werpel nach oben. »Hier spricht nur der, der von mir vorher gefragt worden ist. Lassen Sie uns einmal Ihren Gesellen in Augenschein nehmen.«

Hoppe lotste sie durch den schmalen Hausflur in den Hof und führte sie zum Stallgebäude. Von der Seite führte eine wacklige Leiter zu einer Luke hinauf, mit der die Schlafstube des Gesellen verschlossen werden konnte.

»Die Leiter klettern Sie mal rauf, Krause«, sagte Werpel.

»Ich bin doch kein …« So schnell fiel ihm kein Tier ein, das für einen Vergleich geeignet war. »… kein Huhn, kein Affe, kein Papagei - oder was weiß ich.«

Der Constabler stieg vorsichtig nach oben, immer gegenwärtig, dass eine der Sprossen unter seinen schweren Stiefeln zersplittern könnte. Doch er kam heil oben an und zog die Luke auf, und zwar so heftig, dass es ihn fast in die Tiefe riss. »Hier is keena!«, schrie er, nachdem er den Kopf in die Kammer gesteckt hatte. »Aba hier liegt wat.« Mit einem Zettel in der Hand kraxelte er wieder nach unten.

»Geben Sie mal her, Krause!« Werpel erkannte sofort, dass es sich um einen Abschiedsbrief handelte.

Meine liebe Braut, ich bitte Dihr um Vergebung, aber ich konte nicht anders. Meine Schult wiecht zu schwer.

Dein Ludwig

»Also hat er sich wirklich erhängt«, stellte Werpel fest und fixierte den Schneidermeister. »Von Schuld ist die Rede. Wissen Sie, welchen Verbrechens er sich schuldig gemacht haben könnte?«

Hoppe brauchte nicht lange nachzudenken. »Nein, der war immer treu und redlich.«

»Det wird doch allet ’n Irrtum sin!« Pauline Hoppe hatte nun auch die sonntägliche Tafel verlassen und war auf den Hof geeilt. »Keena weeß doch nischt Jenauet nich.« Sie stieß ihrem Mann den Ellenbogen in die Seite. »Jeh doch mal mit dem Herrn Commissarius mit, Heinrich, und kiek dir den Kerl an, der sich da uffjehängt hat. Unsa Ludwig isset bestimmt nich jewesen.«

Werpel nickte. »Eine gute Idee. Hoppe, Sie begleiten mich mal zur Charité!«

»Kann ich nicht erst aufessen, das wird doch alles kalt.«

»Die Leiche ist wichtiger als Ihr totes Karnickel - also hopp, hopp!«

Zu dritt marschierten sie los, vorne Werpel und der Schneidermeister, dahinter der Constabler. Pauline Hoppe zeterte, dass es so aussehe, als hätte ihr Mann einen Mord begangen und würde nun arretiert werden. Werpel überhörte es gnädig und legte es nicht als Widerstand gegen die Staatsgewalt aus, schließlich war Sonntag heute. Weit war es nicht. Es ging die Friedrichstraße hinauf, über die Spree hinweg und dann bei der Tierärztlichen Hochschule links in die Karlstraße hinein. Der Tote aus dem Thiergarten war von den Gehilfen in einen kühlen Raum gebracht worden. Der Stadtphysicus hatte ihn noch nicht in Augenschein nehmen können, wurde Werpel mitgeteilt, denn zum einen sei heute Sonntag, und zum anderen befinde sich Herr Professor Wagner auf einer Reise nach Hamburg, um dort Brandopfer zu identifizieren.

Der Schneidermeister war ein sehr sensibler Mensch, und so musste ihn Werpel mal schieben, mal hinter sich herziehen, bis sie endlich vor der Wanne aus Zinkblech standen, in die man den Selbstmörder gelegt hatte.

»Das ist er«, hauchte Hoppe. »Gott, der Ludwig …« Werpel musste Hoppe stützen und dafür sorgen, dass er sich im Vorraum einen Augenblick auf einer Bank niederlassen konnte. »Und einen Schluck Wasser für ihn!«

Sie brauchten gut zehn Minuten, bis der Schneidermeister wieder einigermaßen bei Kräften war. Er hatte aber noch weiche Knie, als sie das Gelände der Charité wieder verließen und zur Georgenstraße liefen, denn Hoppe hatte sich erinnern können, dass die Braut seines Gesellen Anna hieß und Dienstmädchen in der Georgenstraße war. Bei wem allerdings, hatte er vergessen.

»Macht nichts«, war Werpels Kommentar. »Ich bin dafür bekannt, dass ich jede Nadel im Heuhaufen finde.«

Diese Arbeit überließ er allerdings dem Constabler Krause, der in der Georgenstraße an den Klingelzügen reißen und sich nach einer Dienstmagd namens Anna erkundigen musste. Beim Auskultator Krüger hatte er Glück.

»Ja, wir haben eine Anna.«

Ein Ruf ins Innere des Hauses lockte sie an die Tür.

»Bist du die Braut des Ludwig …« Erst jetzt bemerkte Werpel, dass er den Nachnamen des Erhängten noch gar nicht eruiert hatte.

»Dölau«, half ihm Hoppe aus.

»… des Schneidergesellen Ludwig Dölau?«, vollendete Werpel seinen Satz. Nur wenn er es aussprach, konnte es als amtlich gelten.

»Ja, det bin ick, und balde heiraten wa ooch.«

»Daraus wird nun nichts mehr werden«, sagte Werpel. Anna erschrak. »Wieso? Ham Se ihm einjespunnen?«

Werpel wurde hellhörig. »Nein. Wieso sollten wir ihn eingesperrt haben?«

»Ick meine ja nur so …« Anna war helle und hatte sofort begriffen, dass sie da einen Fauxpas begangen hatte.

»Nun denn …« Selbst Werpel, dem man nicht nachsagen konnte, besonders einfühlsam zu sein, zögerte, dem Dienstmädchen die Wahrheit zu sagen. Er holte tief Luft.

»Einmal musst du es ja erfahren …«

»Wat denn?« Anna ahnte die Katastrophe und begann schon zu schluchzen, ehe der Commissarius ihr eröffnet hatte, was geschehen war.

»Er hat sich heute Nacht im Thiergarten erhängt.« Anna war einer Ohnmacht nahe und musste von Werpel und dem Constabler gestützt werden. »Det er mir det antun musste!«, schluchzte sie.

»Gott, Kind, es gibt noch tausend andere Männer auf der Welt, die du heiraten kannst«, sagte Werpel. Es war eigentlich gut gemeint, löste aber einen Weinkrampf bei Anna aus.

Ein Dienstmädchen aus der Nachbarschaft war neben der kleinen Gruppe stehen geblieben und hatte mitbekommen, worum es hier ging. Sie wartete, bis Werpel und der Constabler Anna auf einen schnell herbeigeschafften Stuhl gesetzt hatten, um dem Commissarius ins Ohr zu flüstern:

»Ich weeß ooch, warum der sich uffjehangen hat. Die Anna hat nämlich ooch andre Kerle jehabt und is ’n janz liederliches Frauenzimma. Det hatta nich ertrag’n könn’n.«

Werpel nahm es interessiert zur Kenntnis. Dann wartete er, bis Anna sich so weit erholt hatte, dass man wieder mit ihr reden konnte. Er zeigte ihr den Abschiedsbrief, den sie in Dölaus Kammer gefunden hatten.

»Ist das seine Handschrift?«

»Ja, det isse«, bestätigte das Dienstmädchen.

»Meiner Meinung nach auch«, sagte Hoppe. »Aber dass er so viele Fehler drin hat …«

»Das wird die Aufwallung gewesen sein«, vermutete Werpel. »Niemand hängt sich ja zweimal auf, so dass einem beim ersten Mal die Übung dabei fehlt.«

»Ich bitte Sie!«, rief der Auskultator Krüger. »Das schickt sich nicht. Anna, du gehst am besten wieder ins Haus.«

Werpel wurde nun sehr direkt. »Mischen Sie sich da nicht ein! Dies ist ein Verhör, denn dieser Dölau war ein Verbrecher, und die hier könnte seine Komplizin gewesen sein.« Er zeigte auf das Dienstmädchen.

»Wieso soll ihr Bräutigam ein Verbrecher gewesen sein?«, fragte der Auskultator.

Werpel zeigte auf den Abschiedsbrief. »Hier! Warum sollte er sonst von einer schweren Schuld sprechen? Es handelt sich also um ein schweres Verbrechen.«

»Ick weeß von nüscht!«, rief Anna.

»Du lügst!«, herrschte Werpel sie an, denn mochte er auch als grober Klotz gelten, so viel Berufserfahrung hatte er, um genau zu spüren, ob jemand die Wahrheit sagte oder nicht. »Gut, wenn du nicht mit der Sprache raus willst, kommst du eben mit. Wir haben immer eine Zelle frei für Geschöpfe wie dich.«

Da brach es aus Anna heraus: »Ick weeß würklich von nüscht, ick weeß nur, detta manchmal mehr Jeld jehabt hat, alßa von sei’m Meesta jekriegt hat.«

»Und du hast nie nachgefragt, woher er das Geld gehabt hat?«

»Nee, hab ick nich, ick hab ihn ja jeliebt, Herr Commissarius.«

Drei

Der Königlich Preußische Major der Artillerie Christian Philipp von Gontard musste sich am Montag erst gegen Mittag auf den Weg zur Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule machen, wo er das Fach Physik vertrat, und so konnte er die freien Stunden nutzen, endlich den Dieb zu fangen, der seit Wochen die Gegend unsicher machte: einen Kerl, der nicht etwa bei Nacht und Nebel in gutbürgerliche Wohnungen einbrach, sondern am helllichten Tage, wenn der Hausherr seinem Broterwerb nachging, die Kinder in der Schule waren und die Frau des Hauses mit dem Dienstmädchen unterwegs war, um auf den Märkten ringsum Frisches einzukaufen.

Der Commissarius Werpel war ratlos. »Ich glaube langsam, dass dieser Mann nur in der Phantasie der Bestohlenen existiert«, hatte er zuletzt geäußert. »Die Leute selber oder ihre Dienstboten schaffen etwas beiseite, warum auch immer, und schieben es einem Phantom in die Schuhe.«

Gontard war da anderer Meinung gewesen. »Von Kammergerichtsrath Harrassowitz kann ich mir schwer vorstellen, dass er zu einer solchen Tat fähig ist. Und bei ihm ist letzte Woche eingebrochen worden.«

Werpel hatte unwirsch reagiert. »Sie sollten bei Ihren Leisten bleiben, Herr von Gontard, und mir nicht immer ins Handwerk pfuschen!«

»Ich bitte um Entschuldigung, Herr Commissarius, aber es ist nun einmal meine große Leidenschaft, dem Verbrechen auf die Spur zu kommen. Es ist ein geheimer Drang in mir, jedes Rätsel zu lösen - in welcher Profession und Wissenschaft auch immer.«

Gontard war klar, dass es sich bei dem Einbrecher um einen intelligenten Menschen handeln musste, der im Gewand eines ehrlichen Bürgers durch Berlin streifte und günstige Gelegenheiten auskundschaftete. Er hatte schon eine Zeitlang fliegende Händler, Scherenschleifer und Laufburschen beobachtet, ohne aber eine verdächtige Person entdecken zu können. Nun hatte sich Gontard eine ganz spezielle List ausgedacht, und zwar hatte er den Victualienhändler Vogel überredet, allen seinen Kunden zu erzählen, er habe eine große Erbschaft gemacht und nun sei bei ihm einiges zu holen. Wenn das kein Köder war, den Unbekannten in die Falle zu locken!

Gontard bewohnte eine Etage in einem Haus in der Dorotheenstraße und hatte bis zum Laden Victor Vogels in der Mittelstraße nur ein paar Schritte durch die Neustädtische Kirchstraße zu gehen. Er hoffte nur, keinen Bekannten zu treffen, denn so unterhaltsam kleine Plaudereien waren, sie hielten immer auf. Doch als er um die erste Ecke bog, lief er Madame Cossé in die Arme. Ihr auszuweichen war bei ihrer Körperfülle schier unmöglich. Andere Damen hätten darunter gelitten, doch als Opernsängerin war sie ausreichend exkulpiert.

»Man ist ja in dieser Stadt seines Lebens nicht mehr sicher!«, begann sie. »Wissen Sie eigentlich, Herr von Gontard, was gestern bei uns in der Mittelstraße passiert ist?«

»Nein, es tut mir leid, ich war bei meiner Familie auf unserem Gut bei Wutike.«

»Na, das hätten Sie erleben müssen!«, rief Madame Cossé. »Stehen plötzlich der Commissarius Werpel und ein Constabler beim Schneidermeister Hoppe vor der Tür und wollen Ludwig sprechen, seinen Gesellen, aber der hatte sich in der Nacht im Thiergarten aufgehängt.«

»Das ist ja weniger schön«, sagte Gontard, der auch zu Hoppes Kunden zählte und Ludwig deutlich vor Augen hatte. »Aber warum fühlen Sie sich nicht mehr sicher, Madame Cossé, wenn ein Schneidergeselle seinem Leben ein Ende macht?«

»Es ist die Angst, dass mir auch einmal in den Sinn kommen könnte, mich aufzuhängen - nach hämischen Kritiken beispielsweise.«

Gontard konnte ein Schmunzeln kaum unterdrücken. Ein Ast, der das Gewicht der Madame Cossé ausgehalten hätte, war kaum zu finden. Zum Glück aber fiel ihm eine Entgegnung ein, die wesentlich charmanter war. »Ich bitte Sie, Gnädigste, bei Ihnen ist doch die Wahrscheinlichkeit einer schlechten Kritik noch geringer als die, jetzt im Mai einen brennenden Weihnachtsbaum zu entdecken.«

»Danke für die Blumen, Herr von Gontard!« Für Madame Cossé war der Tag gerettet, und sie zog frohen Herzens weiter zur Probe.

Gontard machte, dass er zum Victualienhändler Vogel kam. Dessen Frau war in alles eingeweiht und ließ ihn in die Wohnung, ohne dass groß Worte gewechselt werden mussten.

»Am besten, Sie verstecken sich im Schlafzimmer hinter dem Vorhang«, schlug sie Gontard vor. »Denn mein Mann hat gehört, dass sich die Einbrecher immer dorthin begeben, weil sie dort, unter der Wäsche versteckt, Schmuck und Goldstücke vermuten.«

»Eine gute Idee.« Gontard nickte und setzte sich, als sie und das Dienstmädchen die Wohnung verlassen hatten, auf die Bettkante und begann, einen Criminalroman zu lesen, der ihm wärmstens empfohlen worden war. Der Titel lautete Adele oder das grausame Verhängnis, und geschrieben hatte ihn der Jurist Jodocus Donatus Hubertus Temme, den Gontard vor Jahren als Criminaldirector in Stendal kennengelernt hatte. Temme wäre gern nach Berlin gegangen, doch wegen seiner liberalen Gesinnung sah ihn der König gerne weit weg von seiner Residenz, und so hatte man ihn zum Hofgericht Greifswald geschickt.

Nun hieß es warten …

Franz Karbusch stammte aus der Familie eines Lumpensammlers und hatte es anfangs durchaus als sozialen Aufstieg empfunden, mit einem kleinen Bauchladen durch Berlin und die Orte ringsum zu ziehen und auf billigem Papier gedruckte Schriften zu vertreiben, fromme Texte, Lieder, Abenteuergeschichten, Märchen, Sagen, sensationelle Nachrichten, Rezepte, Scherze und dergleichen. Je mehr Menschen aus den unteren Schichten das Lesen und das Schreiben erlernten, desto größer wurde auch die Nachfrage nach Lesefutter, und der Kolportagebuchhandel, der seine Wurzeln in Frankreich hatte, blühte auch in Preußen langsam auf - von den Herrschenden argwöhnisch beobachtet, fürchtete man doch die Verbreitung revolutionärer Gedanken.

Bevor er Beschäftigung als Kolporteur gefunden hatte, war Karbusch Mitglied einer Bande von Kollidieben gewesen und von ihr als »Kletterer« eingesetzt worden, das heißt, er hatte sich an Speditions- und Geschäftswagen herangeschlichen und dieselben erklommen, um das Kollo in einem günstigen Augenblick abzuwerfen. Die älteren Genossen hatten dann die Bergung übernommen. Von ihnen war er auch in die Zunft eingeweiht worden und hatte gelernt, mit Dietrich und Stemmeisen umzugehen. Wegen seiner vergleichsweise hohen Intelligenz war er nie erwischt worden, und Frieda, eine Näherin vom Hausvogteiplatz, hatte es geschafft, sein Leben in eine ehrbare Richtung zu lenken.

Doch als Frieda dann an der Cholera verstorben war, hatte er der Versuchung nicht widerstehen können, einfacher als durch seiner Hände Arbeit zu Geld und Gut zu kommen. Hatte er genug beisammen, wollte er nach Amerika auswandern und dort eine Kleiderfabrik eröffnen. Das war sein Lumpensammlertraum … Seine ersten Einbrüche hatte er als »Klingelfahrer« verübt, das heißt, er hatte vorher nichts ausgekundschaftet und auf gut Glück bei reichen Leuten geklingelt. War ihm geöffnet worden, hatte er gebettelt oder um Auskunft über irgendeinen Mieter gebeten, war aber niemand zu Hause, hatte er sich mit Hilfe seines Dietrichs Zutritt verschafft und alles mitgenommen, was sich abtransportieren ließ, ohne dadurch Aufsehen zu erregen. Bald aber war er zu einem anderen System übergegangen: der gründlichen Observation vielversprechender Objekte, dem Ausbaldowern, wie es in seinen Kreisen genannt wurde. Am einfachsten war dies im Sommer, wo die fortgesetzt verhängten Fenster verrieten, dass die Herrschaften in die Sommerfrische gefahren waren. Das zurückgelassene Dienstmädchen ließ sich schnell

»ablavieren«. Einmal hatte er es sogar mit zwei Kumpanen zusammen geschafft, eine ganze Wohnung mit Hilfe eines Möbelwagens auszuräumen.

In diesem Jahr führte er seine beiden Professionen –

Kolporteur und Einbrecher - in höchst geschickter Weise zusammen, und da er sein inzwischen angehäuftes kleines Vermögen niemanden sehen ließ und nach außen hin einen höchst ehrbaren Lebenswandel führte, war ihm auch noch niemand auf die Schliche gekommen. Er hatte immer Glück gehabt - selbst als er in der Neuen Friedrichstraße einen Rentier, von dem er bei einem Einbruch überrascht worden war, mit mehreren Messerstichen traktiert und fast getötet hätte, war kein Verdacht auf ihn gefallen. Er wusste aber genau, dass man sein Glück nicht überstrapazieren durfte, und hatte deshalb vor, im August dieses Jahres Berlin zu verlassen und in Holland an Bord eines Seglers zu gehen, der ihn nach New York bringen sollte.

Nun, beim Victualienhändler Vogel wollte er noch einmal fette Beute machen. Die örtlichen Verhältnisse bis hin zu den Schlössern kannte Karbusch gut, da er das Dienstmädchen regelmäßig mit Liebesromanen belieferte. Er hatte eruiert, dass Wilhelmine Vogel und ihr Mädchen das Haus immer Punkt zehn Uhr verließen, und seine heutige Tour danach ausgerichtet. Und in der Tat traten die beiden Frauen zur erwarteten Zeit auf das Trottoir hinaus und entfernten sich Richtung Schadowstraße. Karbusch wartete hinter dem Karren eines Mannes, der frischen Sand anlieferte. Ein schneller Blick die Straße hinunter zeigte ihm, dass niemand in der Nähe war, der ihm gefährlich werden konnte. Auch hinter den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses blieb alles ruhig. Schnell zog er seinen Dietrich heraus und machte sich am Schloss zu schaffen. Seine große Umhängetasche und sein breiter Rücken boten Sichtschutz genug. Er brauchte nur Sekunden, dann war er im Haus. Da er das Dienstmädchen ausgehorcht hatte, wusste er, dass beim Victualienhändler Victor Vogel Geld und Schmuck im Schlafzimmer versteckt waren, und so stieg er, ohne zu zögern, ins erste Stockwerk hinauf.

Wilhelmine Vogel hatte für ihre Einkäufe nie weniger als eine Stunde gebraucht, also musste er sich nicht übermäßig beeilen. In aller Ruhe legte er seine Umhängetasche auf das breite Doppelbett und setzte sich auf dessen Kante, um sich umzusehen und die Tapete zu mustern: Oft gab es da eine geheime Tür. Doch kaum hatte er sich niedergelassen, da sprang er auch schon wieder auf, denn nach all den Jahren als Einbrecher hatte er eine Witterung für drohende Gefahren entwickelt, die der eines Tieres kaum nachstand, und so wusste er von seinem Instinkt her in diesem Augenblick ganz genau, dass noch ein anderer Mensch in diesem Zimmer war. Und richtig: Die Schranktür flog auf, und ein Mann wurde sichtbar, der mit einer kleinen Pistole auf ihn zielte.

»Nehmen Sie die Arme hoch, stehen Sie auf und gehen Sie zur Tür!«

Karbusch wusste, dass sein Leben auf der Kippe stand. Jetzt entschied sich: Zuchthaus oder Amerika. Und da er nichts mehr zu verlieren hatte, riss er ein Messer aus seiner Umhängetasche und stürzte sich auf den Mann, der ihn dingfest machen wollte.

Die Vereinigte Artillerie- und Ingenieurschule war 1816 gegründet worden und seit 1823 Unter den Linden 74, Ecke Wilhelmstraße in einem repräsentativen Gebäude untergebracht, das kein Geringerer als Karl Friedrich Schinkel entworfen hatte. Hier fand in einjährigen Kursen die Aus- und Fortbildung der Lieutenants statt, die zuvor eine Kriegsschule besucht und anschließend ein zwei- bis dreijähriges Truppenpraktikum absolviert hatten. Um ihre Ausbildung abzuschließen, mussten sie am Ende ihr Examen bestehen. Lehrveranstaltungen fanden in den Fächern Artillerie- und Ingenieurwissenschaften, Mathematik, Chemie, Physik, Terrainlehre, Taktik, Kriegsgeschichte, Pferdekenntnis, Zeichnen, Englisch und Französisch statt. Dazu kamen Übungen im Terrainaufnehmen und Besuche bei den technischen Artillerie-Instituten.

Christian Philipp von Gontard vertrat das Fach Physik unter besonderer Berücksichtigung der Ballistik. Der galt auch seine heutige Einführungsveranstaltung: »Ballistik, meine Herren, leitet sich vom griechischen Wort für ›werfen‹ ab - und ist die Lehre von den geworfenen Körpern. Als Vater der Ballistik gilt der italienische Mathematiker Nicolo Tartaglia, geboren 1499 oder 1500 in Brescia, so genau weiß man das nicht, gestorben 1557 in Venedig. Er entdeckte die Wurfparabel. Sein Familienname ist nicht bekannt, er nannte sich aber selbst Tartaglia, und zwar aus folgendem Grund: Als die Franzosen im Februar 1512 seine Geburtsstadt Brescia plünderten und ein schreckliches Massaker anrichteten, wurde er von einem Soldaten mit Schwerthieben am Kopf und im Gesicht schwer verletzt, so dass er ohne Vollbart wie ein Monstrum ausgesehen hätte. Eine der Verletzungen ging quer durch den Mund und die Zähne, weshalb er eine Zeitlang nicht richtig sprechen, sondern nur stottern konnte. Das brachte ihm den Spitznamen Tartaglia, der Stotterer, ein, unter dem er noch heute bekannt ist.«

Gontard machte eine kleine Pause, um die Neugierde seiner Zuhörer zu befriedigen, denn es wurde heftig getuschelt, dass er, Gontard, dann wohl Glück gehabt habe.

»Ja, meine Herren, das habe ich wohl. Die Verletzung an meiner rechten Wange ist nicht die Folge des Auftreffens eines geworfenen Körpers, sondern die eines abgewehrten Messers, mit dem ein seit langem gesuchter Einbrecher seine Festnahme durch mich verhindern wollte.«

Man klatschte Beifall, und er verbeugte sich kurz.

»Danke! Nun aber zurück zu unserem zentralen Untersuchungsgebiet: der ballistischen Kurve, deren Idealisierung die Wurfparabel ist. Genauer gesagt ist die ballistische Kurve die von der idealen Wurfparabel abweichende Kurve unter Einfluss des Luftwiderstandes. Versuchen wir, dies mit Hilfe der Mathematik besser zu verstehen, und wenden uns dem ersten Newton’schen Gesetz zu, dem Trägheitsgesetz …«

So verging der Tag, und als Gontard die Artillerieschule verließ, war er ziemlich erschöpft. Der Kampf mit Franz Karbusch forderte seinen Tribut. Es war nicht einfach gewesen, den Mann zu überwältigen. Er hatte es nicht übers Herz gebracht, auf ihn zu schießen, und nur mit Mühe und Not geschafft, dessen Messer auszuweichen. Der Griff ans Handgelenk war zwar spät gekommen, aber immerhin noch rechtzeitig genug, um Schlimmeres zu verhindern. Im Ringkampf war er dem Kolporteur dann um einiges voraus gewesen und hatte ihn schließlich nach einem Warnruf aus dem Fenster einem Constabler übergeben können.

Gontard schlenderte die Linden hinunter und hoffte, auf jemanden zu treffen, mit dem sich bei einem Schoppen Wein über das Erlebte plaudern ließ. Doch es war wie verhext: Es lief ihm niemand über den Weg, den er gut genug kannte. So blieb ihm nur der Gang ins Café. Sein Freund Friedrich Kußmaul war aber zu dieser Zeit sicherlich noch nicht bei Stehely, dazu hatte er immer zu viele wartende Patienten in seiner Praxis sitzen. Gontard überlegte einen Augenblick, dann entschloss er sich zu einem Umweg über die Mittelstraße, wo beim Schneidermeister Hoppe eine Weste abzuholen war. Aber nicht nur dieses Kleidungsstück trieb ihn dorthin, sondern auch die Neugierde. Warum sich ein derart lebensfroher Mensch wie der Geselle Ludwig Dölau erhängt hatte, wollte ihm nicht so recht eingehen.

Hoppe entschuldigte sich vielmals, dass Gontards Weste noch nicht fertig war, doch der winkte ab. »Ich weiß: Dölau …«

Hoppe rang die Hände. »Ja, wir sind fassungslos. Wo er immer so fröhlich gewesen ist! Aber da muss etwas gewesen sein …«

Gontard horchte auf. »Was muss gewesen sein?«

Der Schneidermeister verwies auf den Abschiedsbrief, dessen Inhalt er auswendig kannte. »Meine liebe Braut, ich bitte Dihr um Vergebung, aber ich konte nicht anders. Meine Schult wiecht zu schwer. Dein Ludwig.«

»Meine Schuld wiegt schwer …«, wiederholte Gontard.

»Aber was das für eine Schuld ist, darüber ist noch nichts bekannt?«

»Nein, seine Braut, die Anna, weiß auch nichts Genaueres, sagt aber, dass er manchmal mehr Geld hatte, als er bei seinem Lohn hätte haben dürfen.«

Gontard fiel dazu auch nichts weiter ein als ein langgezogenes »Hm …«. Vielleicht hatte sich Dölau auf dieselbe Art und Weise ein kleines Zubrot verdient wie dieser Karbusch, denn auch ein Schneidergeselle hörte viel und hatte immer wieder spät fertig gewordene Kleidungsstücke zu den Kunden zu bringen, konnte sich also unauffällig in der Stadt bewegen. Aber ach, was ging ihn dieser Dölau an! Was ihn interessierte waren Morde - aber keine Selbstmorde. Die waren Sache der Pfaffen.

»Wenn ich Sie höflich bitten darf, einen Augenblick zu warten, Herr von Gontard«, sagte der Schneidermeister mit einer leichten Verbeugung. »Ich werde Ihre Weste selbst mit den letzten Knöpfen versehen.«

»Gern.« Gontard hatte ja Muße genug.

Hoppe brachte ihm zudem ein Journal. »Wenn Sie sich damit ein wenig Ihre Zeit vertreiben möchten …«

Gontard bedankte sich und begann, darin zu blättern. Der Name Magnus Kahlbaum stach ihm ins Auge, den kannte er von Stehely her. Hin und wieder schrieb der etwas, diesmal war es ein Essay über das Rauchen, das in Berlin immer mehr zur Mode wurde.

IN BERLIN RAUCHT ES NICHT NUR AUS ÖFEN UND SCHORNSTEINEN

Das Kraut, das in England von Sir Walter Raleigh eingeführt wurde, hat nun auch Berlin erobert und verbreitet sich in allen Gesellschaftsschichten. Jeder - ob hoch oder niedrig - zieht den Dampf der virginischen Blätter mit mehr oder weniger Wohlbehagen in sich hinein und stößt ihn mit mehr oder weniger Andacht von sich. Schon die Jugend, die noch das harte Holz der Schulbank drückt, schleicht sich mit einer stibitzten Cigarre heimlich ins entlegene Gartenhaus, um später von der Mutter, deren Geruchssinn sie nicht täuscht, mit dem Rohrstock gestraft zu werden - was aber auch nichts fruchtet. Später, als Commis oder Student, frönen die Jungen weiterhin dem geliebten Laster. Der Verkehr mit den Damen, die um ihre feinen Tüllesachen fürchten, erlaubt dem Commis den ersehnten Genuss aber nur nach geschlossenem Geschäft. Wird er zum Dandy, steckt er, um seine zarten Lippen besorgt, seine Cigarre in eine Spitze aus Horn. Eine akademische Laufbahn berechtigt zur Benutzung einer Pfeife. Der Beamte nimmt die möglichst lange Röhre aus Buchsbaum oder Meerschaum, die vorn mit Silber beschlagen ist, und raucht aus ihr seine Cigarre. Der Jüngling dagegen, der des Ladenhütens überdrüssig geworden ist und sich der großen Kaste der Handlungsreisenden angeschlossen hat, gibt sich kosmopolitisch und damit der türkischen Pfeife den Vorzug. Mit Schibuck und Fez liegt er jeden Morgen, ehe er sich zum Kundenbesuch auf den Weg macht, in den Fenstern seines Gasthofes und lorgnettiert die Fürstin wie das Dienstmädchen. Gütig lächelt er auf arm und reich; sol lucet omnibus!

Von diesen hier aufgeführten Rauchern unterscheiden sich der Arbeitsmann und die Grisette. Der Arbeiter nimmt seine kurze Holz- oder - wenn es hochkommt - Thonpfeife und stopft sie mit allem möglichen Gemüse, nur nicht mit Tabak. Die Grisette und im Allgemeinen die Damen, welche die öffentlichen nächtlichen Soireen besuchen, haben den Entschluss gefasst, sich mit der Cigarre wenigstens vertraut zu machen. Sie nehmen die uns aus Frankreich und Spanien überkommene Cigarette, gefüllt mit Tabak aus Maryland, und rauchen mit einer Verwegenheit, die einen Nachtwächter rasend machen könnte.

Mit allen gemeinsam raucht der gemeine Bummler, der sich die Cigarrenreste zusammensucht, die Pfälzer ebenso gut wie die Havanna.

Alle rauchenden Menschen machen mir einen glücklichen Eindruck, und so will ich mit dem Dichterworte schließen: Wo man raucht, da magst du ruhig harren, / Böse Menschen rauchen nie Cigarren.

Gontard, der selten zur Cigarre griff, legte das Journal beiseite. Eine auffällige literarische Begabung schien ihm bei Kahlbaum nicht vorzuliegen. Aber das konnte ja noch werden, wenn man ihn in bestimmte Kreise einführte, zum Beispiel in den literarischen Verein »Tunnel über der Spree«. Während er darüber nachdachte, kam der Victualienhändler Vogel in die Schneiderei gestürzt, um ihm überschwenglich für die Rettung seines Vermögens zu danken. Fast hätte er den Offizier umarmt. »Wie kann ich das nur wiedergutmachen, Herr von Gontard?«

»Indem Sie darüber Stillschweigen bewahren.«

»Aber einen kleinen Korb Kiebitzeier und eine Flasche Champagner darf ich Ihnen doch nach Hause schicken, oder?«

»Nun ja …« Es gab Versuchungen, denen auch Gontard nicht widerstehen konnte.

»Ihre Weste ist fertig!«, rief Hoppe. »Sie können sie anprobieren.«

»Wunderbar!« Gontard tat es und war mit dem teuren Stück - die Vorderseite bestand aus roter Seide - so zufrieden, dass er es nach der Anprobe gar nicht ausziehen wollte. »Damit laufe ich gleich zu Stehely.«

Trotz aller Schnüffelei und Repression wurde in Berlin lebhaft über alles Politische diskutiert, vor allem in den Weinstuben, von denen es fast dreißig gab - Lutter & Wegner allen voran –, und den Conditoreien und den Lesecafés, von denen zeitweise an die hundert gezählt wurden. Es seien nur Spargnapani, Kranzler und d’Heureuse genannt, besonders Stehely & Comp. in der Charlottenstraße 53 am Gensdarmen-Markt, der französischen Kirche gegenüber. Hier lagen inländische, vor allem aber ausländische Zeitungen aus, die von der geistigen Elite Preußens begierig gelesen wurden, um das, was sich in London, Paris, St. Petersburg oder Wien getan hatte, anschließend zu diskutieren und kritisch mit der Lage in Berlin in Beziehung zu setzen. Stundenlang konnte man sich hier die Köpfe heißreden über die Pressefreiheit und eine moderne Verfassung.

Christian Philipp von Gontard bevorzugte das Stehely. Als er die Tür öffnete, um einzutreten, stieß er mit einem jungen Mann zusammen, dessen hageres, feingeschnittenes Gesicht noch ernster aussah als sonst. Es war Karl Theodor Seydel aus Minden, der nach staatswissenschaftlichem Studium, Ableistung seines Militärdienstes und Ablegung des Assessorexamens in den Dienst des preußischen Staates getreten war und derzeit im Finanzministerium arbeitete.

»Was ist denn passiert, lieber Seydel?«, fragte Gontard.

»Sie sehen ja aus, als ob Sie von Ihrer eigenen Beerdigung kommen!«

»Das nicht, aber sie haben mich strafversetzt nach Oppeln.«

Gontard glaubte, den Grund zu kennen. »Weil Sie wieder einmal etwas in Gazetten veröffentlicht haben, die von Dr. Wiesenburg als regierungsfeindlich eingestuft werden?«

»Genau so ist es«, antwortete der Mann, der zwanzig Jahre später Berliner Oberbürgermeister werden sollte.

»Seien Sie froh, dass es nur Oberschlesien ist!«, sagte Gontard. »Ovid haben sie ans Schwarze Meer verbannt. Und tragen Sie es wie einen Orden!«

Sie umarmten sich kurz, dann eilte Seydel nach Hause, seine Koffer zu packen. Gontard trat ins Stehely ein und setzte sich an einen Zweiertisch in der rechten hinteren Ecke des Lesecafés, von wo aus er am besten die anderen Gäste im Auge hatte, und wartete auf seinen Freund, den Arzt Friedrich Kußmaul, der vor Jahren aus der Nähe von Karlsruhe nach Berlin gekommen war. Doch der Gute ließ noch auf sich warten, so dass Gontard Zeit genug hatte, dem Gespräch am Nebentisch zu lauschen, an dem Christian Friedrich Scherenberg und Bernhard von Lepel saßen und über den »Tunnel über der Spree« diskutierten. Scherenberg kam aus Magdeburg, wo er sowohl als Schauspieler wie auch als Ehemann gescheitert war, und hielt sich und seine Kinder mit Abschreibearbeiten und Hauslehrertätigkeiten nur mühsam über Wasser. Er galt aber im literarischen Verein als hochbegabt, schrieb Gedichte und plante ein großes vaterländisches Versepos über die Schlachten bei Ligny und Belle-Alliance.

Bernhard von Lepel war aus Meppen nach Berlin gekommen und hier in das Kaiser Franz Garde-Grenadier-Regiment No. 2 eingetreten, verstand sich aber mehr als Schriftsteller denn als Offizier. Bernhard von Lepel war ein heiterer Mensch. »Stellen Sie sich vor, Scherenberg, ich komme heute Morgen an einer Schule vorbei, und da singen sie gerade Wenn alle Brünnlein fließen. In diesem Augenblick fällt mir wieder ein, dass ich Ihnen ja den Theodor Fontane für den ›Tunnel‹ empfehlen wollte.«

»Wer ist Theodor Fontane?«, fragte Scherenberg.

»Ein Apothekergehilfe aus Neuruppin, dessen Gedichte ich bemerkenswert finde. Im letzten Jahr ist er an Typhus erkrankt und kuriert sich jetzt im Oderbruch aus, in Letschin, wo sein Vater eine Apotheke besitzt.«

»Warten wir mal ab, bis er wieder in Berlin ist, dann können wir ihm ja eine Einladung ins Haus schicken.«

In diesem Augenblick kam Friedrich Kußmaul durch die Tür, und Gontard stand auf und winkte. Sie begrüßten sich mit einer angedeuteten Umarmung.

»Wie geht es dir?«, war Gontards erste Frage, als sie sich gesetzt hatten.

Kußmaul stöhnte leise auf. »Wie soll es einem Menschen gehen, dessen jüngerer Bruder als Genie gesehen wird? In Anlehnung an Hoffmann von Fallersleben könnte man sagen: Adolf, Adolf über alles.«

Die Kußmauls waren eine alte Medizinerfamilie aus dem Badischen. Vater und Großvater hatten als Physikatsärzte gearbeitet, und Friedrich wie Adolf hatten von Kind auf den Wunsch gehabt, in deren Fußstapfen zu treten.

»Adolf hat doch gerade erst sein Studium in Heidelberg begonnen«, sagte Gontard.

»Ja, aber er ist jetzt schon ungeheuer vielseitig, forscht über die Farbenerscheinungen im Grunde des menschlichen Auges und schreibt gemütvolle Verse.«

Gontard musste grinsen. »Ich kenne noch jemanden, der mit seiner ersten Profession nicht recht zufrieden ist und noch eine zweite braucht. Artillerie-Offizier und Lehrer sein reicht mir nicht, ich muss auch noch auf Verbrecherjagd gehen.«

Kußmaul winkte ab. »Ich weiß. Schließlich habe ich am Vormittag die Wunde versorgt, die das Messer des Einbrechers Franz Karbusch auf deiner Wange hinterlassen hat.«

Um von diesem Thema abzulenken, zeigte Gontard auf seine neue Weste. »Gerade eben vom Schneidermeister Hoppe abgeholt. Und diesen Knopf hier hat er persönlich angenäht, weil sein Geselle Ludwig sich ja im Thiergarten aufgehängt hat.«

»Als ob ich das nicht wüsste!«, rief Kußmaul. »Mich haben sie schließlich gerufen, um seinen Tod festzustellen.«

»Eine komische Angelegenheit«, sagte Gontard. »Hoppe und seine Braut schwören, dass er nie daran gedacht hat, Hand an sich zu legen, aber es existiert ein Abschiedsbrief, in dem von einer schweren Schuld die Rede ist, die er auf sich geladen habe.«

»Und niemand weiß, worin diese bestehen könnte?«, fragte Kußmaul.

»Nein.«

»Der Brief ist aber echt und nicht etwa gefälscht?«

»Alle sagen, es sei seine Handschrift und Tinte, Feder und Papier stammten ohne jeden Zweifel aus dem Schrank Hoppes.«

Sie konnten das Thema Dölau nicht weiter erörtern, denn in diesem Augenblick trat ein Herr an ihren Tisch, zog seinen dunkelgrauen Zylinder und fragte mit ausgesuchter Höflichkeit, ob er an ihrem Tisch Platz nehmen dürfe, denn anderswo sei kein freier Stuhl mehr zu finden.

»Aber selbstverständlich, Herr Kahlbaum, Sie dürfen sich jederzeit zu uns gesellen.«

Zu ihnen setzte sich also Magnus Kahlbaum, jener Autor, dessen Auslassungen über die Berliner Rauchergemeinde Gontard vorhin gelesen und nicht gerade als genial bewertet hatte.

Vier

Die Firma Kahlbaum & Gillieux gab es seit 1702, als sich der einheimische »Kleydermacher« Johann Georg Kahlbaum und der Schneidermeister Louis Gillieux aus der französischen Kolonie zusammengetan hatten, um Uniformen für die Grenadiere des Preußenkönigs zu schneidern. Das Geschäft expandierte, und man warf sich bald nach der Gründung auf Gesellschafts- und Brautkleider, denn im aufblühenden Berlin gab es Hofbälle und Redouten in großer Zahl, seit Andreas Schlüter das bescheidene Hohenzollernschloss an der Spree zu einer großartigen Königsresidenz umgebaut und erweitert hatte. Vor allem auf dem Werder ging es betriebsam zu, und Kahlbaum & Gillieux in der Unterwasserstraße war mittenmang. Lange Zeit war man auf einer Welle des Erfolgs geschwommen, nun aber, da man schon den einen oder anderen Gedanken an das 150. Jubiläum verschwendet hatte, war die Krise gekommen. Das mochte vielerlei Gründe haben: Vielleicht war Ludwig Kahlbaum, der das Geschäft jetzt führte, kein genialer Kaufmann, und vielleicht hatten er und sein Bruder Magnus für den privaten Gebrauch zu viel entnommen, vor allem aber fiel ins Gewicht, dass die Konkurrenz von Jahr zu Jahr größer und härter geworden war. Der Hofkleidermacher Johann Simon Freytag hatte ihnen viele gutbetuchte Kunden und Kundinnen abgeworben, und auch Nathan Israel vom Molkenmarkt lockte immer mehr Leute mit seinem

»Leinwandkram« und seiner Konfektionsabteilung en gros in sein Geschäft. Dazu kamen als ernsthafte Konkurrenten Hermann Gerson, der 1836 sein Modehaus eröffnet hatte, Valentin Mannheimer und David Leib Levin, die in der Oberwallbeziehungsweise Gertraudenstraße Damenmäntel herstellten, und schließlich Heinrich Jordan, der in der Markgrafenstraße Wäscheausstattungen verkaufte und als Erster in eigener Werkstatt Leib- und Bettwäsche herstellte.

Der letzte männliche Spross der Familie Gillieux war am 27. Oktober 1806 verstorben - just an dem Tage, als Napoleon I. seinen Einzug in Berlin gehalten hatte. Obwohl nach der verlorenen Schlacht von Jena und Auerstedt in Preußen die Devise ausgegeben worden war

»Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht«, hatte sich Jean-Baptiste Gillieux über die Geschehnisse so erregt, dass er nach einem Schlaganfall verstorben war. Jahre zuvor aber hatte seine Tochter Cathérine einen Friedrich Kahlbaum geheiratet, und 1797 war ihr Sohn Magnus auf die Welt gekommen. In Magnus Kahlbaum floss also noch eine Menge hugenottischen Blutes, und manch einer führte seinen »unpreußischen« Charakter auf diesen Umstand zurück. Auch hätte er auf den ersten Blick als Franzose durchgehen können, war er doch auffallend schlank und schwarzhaarig und konnte einen Charme an den Tag legen, der im eher spröden Brandenburg-Preußen nur selten anzutreffen war. Zudem war er beredt und in allen Künsten zu Hause, verstand auch einiges von Philosophie und anderen Geisteswissenschaften, hatte ja auch nie seine Zeit damit verbringen müssen, als Handwerker, Kaufmann oder Beamter des schnöden Mammons wegen von morgens bis abends anderen Herren zu dienen, denn als Teilhaber der Firma Kahlbaum & Gillieux fiel ihm das Geld sozusagen in den Schoß. Auch einer Heirat war er bislang, obwohl er nun auch schon 45 Lenze zählte, aus dem Wege gegangen, und wer ihn deswegen einen Feigling nannte, dem kam er damit, dass er im Herbst 1813, als es bei der Schlacht von Großbeeren gegen Napoleon gegangen war, so tapfer seinen Mann gestanden hatte, dass ihm ein hoher Orden verliehen worden war. Viele nannten ihn einen Müßiggänger, er aber sah sich als Flaneur und einen, der in Tradition des Taugenichts stand, wie er in Joseph von Eichendorffs Novelle beschrieben worden war: Der Taugenichts selber ist nutzlos und sieht die Welt als Ganzes auch als nutzlos an. Auf der Suche nach dem Glück und der allerschönsten Frau zieht er mit seiner Geige durch die europäischen Lande.

Nach seiner langen Reise durch Italien hatte sich Magnus Kahlbaum eine herrschaftliche Wohnung in der Neuen Friedrichstraße gemietet, deren eines Zimmer so abgedichtet worden war, dass er stundenlang Geige spielen konnte, ohne die anderen Hausbewohner übermäßig zu belästigen. Sein Lieblingsstück war die Romance von Étienne-Nicolas Méhul. Er widmete es der Schauspielerin Amanda Niemann, mit der er die Nacht in einem Hotel verbracht hatte, in dem man zu schweigen wusste. Nachdem er den Geigenbogen aus der Hand gelegt hatte, setzte er sich an seinen Sekretär, um ein Gedicht zu schreiben, das er ihr mit einem Boten zukommen lassen wollte:

Halt mich fest mit beiden Händen

Und lass mich augenblicklich los!

An diesem Zwiespalt muss ich noch verenden, Was tue ich denn bloß?

Es klopfte an die Tür, und Fräulein Köster, seine Haushälterin, brachte ihm das Frühstück. Mit ihren Pudellöckchen sah sie aus, als sei sie eine Hofdame aus den Zeiten Friedrichs des Großen. Als solche fühlte sie sich auch, was dazu führte, dass sie kaum Umgang mit Frauen ihres Standes pflegte und Kahlbaum daher kaum etwas von dem berichten konnte, was das gemeine Volk bewegte. Es interessierte ihn auch wenig, obwohl er klug genug war, um zu ahnen, dass die Bürger in allen deutschen Staaten den Aufstand gegen ihre Fürsten schon gedanklich probten. Man hörte ja so einiges.

»Haben Sie spezielle Wünsche für den heutigen Tag, Herr Kahlbaum?«, fragte ihn Fräulein Köster.

»Keine, die sich erfüllen ließen«, lautete seine Antwort, und bei Lichte besehen, hatte er eigentlich überhaupt keine Wünsche, abgesehen von dem einen, den er keinem anderen mitteilen mochte, ja den er zu denken sich selbst verbot. Er konnte nicht anders, als sich treiben zu lassen und dabei zu hoffen, dass etwas Einzigartiges geschah. Nahm er Eichendorffs Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts, so gehörte er recht eigentlich zu den beiden Charaktertypen, die dort agierten, das heißt, er war sowohl der Romantiker, der optimistisch in die Zukunft blickte und mutig, naturverbunden und abenteuerlustig war, dies sicherlich zu größeren Teilen - aber auch der Philister, der als pessimistisch, träge und langweilig zu bezeichnen war.

»Gehen Sie noch aus?«, wollte Fräulein Köster wissen.

Kahlbaum sah aus dem Fenster. Es war ein herrlicher Maientag. »Ja, die blaue Blume suchen.« Und er ging an sein Bücherregal, zog seinen Novalis hervor und zitierte aus dem Heinrich von Ofterdingen : »Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn’ ich mich zu erblicken.«

»Meine blaue Blume ist die Kornblume«, erklärte Fräulein Köster. »Und die liebe ich am meisten, wenn sie neben dem roten Mohn und der weißen Margerite wächst.«

Magnus Kahlbaum blickte auf. »Wenn ich die Wahl zwischen einem Schlachtund einem Kornfeld habe, wähle ich auch Letzteres, obgleich ich ohne das Schlachtfeld von Großbeeren nicht der wäre, der ich heute bin.« Er wusste genau, dass er ohne sein damaliges Heldentum und die Tatsache, dass er als Jüngling bereit gewesen war, sein Leben für Preußen hinzugeben, es schwer gehabt hätte, von der politischen Polizei nicht als Demagoge verfolgt zu werden, denn zu nahe stand er der Reformpartei und wünschte sich für Preußen eine Verfassung, wie sie in den Vereinigten Staaten von Amerika beschlossen worden war.

Kahlbaum kleidete sich an und machte sich auf, durch Berlin zu streifen. Er fühlte sich ganz als Jäger. Nicht auf Rehe und Hirsche war er aus, sondern auf Begegnungen, Neuigkeiten, Abenteuer. Von der Neuen Friedrichstraße kam er rechts in die Klosterstraße und schlenderte Richtung Königstraße. Sie beide, dazu die Spandauer Straße und den Mühlendamm liebte er ganz besonders, da sie in ihrer krummen, winkligen Bauart und mit den ganz verschiedenen Häusern noch die Spuren des mehr und mehr verschwindenden Mittelalters zeigten. Die Königsstadt war der lebendigste Stadtteil, sie war das Viertel des gewerbetreibenden Volkes und der Juden. Es ging hier so geschäftig zu wie in einem Ameisenhaufen. Parterrewohnungen existierten nur in wenigen Ausnahmen, die meisten waren zu Läden und Warenlagern umgewandelt worden. Selbst die vielen Bierlocale - so Dahmeß in der Neuen Königstraße und Sichen in der alten Post - waren mehr oder weniger Geschäftslocale geworden, in denen man das Nützliche mit dem Angenehmen verband. In diesem Teil Berlins lagen auch die Gasthöfe, die von den Handlungsreisenden, den commis voyageurs, bevorzugt frequentiert wurden. Mit ihnen nahm Magnus Kahlbaum gern Kontakt auf, denn sie hatten immer bemerkenswerte Anekdoten zu erzählen.

Bis zur Langen Brücke kam er, ohne dass er einem bekannten Gesicht begegnet wäre. Ein wenig enttäuscht blieb er am Geländer stehen und sah auf die trüben Wasser der Spree hinunter. Ein Lastkahn trieb Richtung Schleuse. Er erinnerte sich daran, dass Friedrich der Große - fast hundert Jahre war es her - hier in finsterer Nacht gestanden hatte, um den Silberschatz der Hohenzollern heimlich fortzuschaffen und zu Geld zu machen, das er für seine Kriege brauchte.

Als Kahlbaum wieder aufblickte und weitergehen wollte, kam ihm Giacomo Meyerbeer entgegen. Man kannte sich von der »Gesellschaft der Freunde« her, einem 1792 gegründeten jüdischen Wohlfahrtsverein, in dem sich jüdische Aufklärer trafen und der sich allmählich zum kulturellen Zentrum des Berliner Judentums entwickelte. Magnus Kahlbaum hatte dort mehrfach zu Gast sein dürfen. Meyerbeer, eigentlich Jakob Meyer Beer, 1791 in der Nähe Berlins zur Welt gekommen und Sohn des jüdischen Zuckerproduzenten Jacob Herz Beer, war nach Lehr- und Wanderjahren in Wien, Paris und Italien zu einem erfolgreichen Komponisten herangereift. Seine 1831 in Paris uraufgeführte Oper Robert le Diable hatte ihn ganz weit nach oben gebracht, so dass er von Kennern noch mehr gefeiert wurde als Rossini und Auber. Man begrüßte sich ausgesprochen kordial.

»Was treibt Sie wieder zu uns an den grünen Strand der Spree?«, fragte Kahlbaum, um sich die Antwort gleich selber zu geben. »Natürlich: Der König hat Sie ja als Nachfolger von Spontini zum Generalmusikdirector ernannt.« Gaspare Spontini, der Italiener, hatte sich in Berlin unbeliebt gemacht. Nicht einmal richtig deutsch zu sprechen, hatte er gelernt.

»Ja, es ist eine hohe Ehre.« Meyerbeer sah zum Schloss hinüber, als habe er sich immer wieder zu bedanken.

»Aber … Nun ja, ich liebe aber auch das Pariser Leben.«

»Man hört, dass Sie abwechselnd in Berlin und in Paris leben wollen …«

»So wird es wohl kommen, denn vier Monate im Jahr habe ich an der Berliner Oper das Amt des Dirigenten auszuüben. Ein schönes Ehrenamt.« Das war es für Meyerbeer, denn auf sein Gehalt von viertausend Thalern hatte er zugunsten der Kapelle verzichtet. »Aber morgen steht ja erst einmal die Berliner Erstaufführung meiner Hugenotten auf dem Programm - und da hoffe ich, Sie und Ihre Lieben im Parkett zu sehen!«

»Aber selbstredend!«, rief Magnus Kahlbaum.

Das Königliche Opernhaus Unter den Linden war unter Friedrich dem Großen nach Plänen des Freiherrn Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff erbaut und am 7. Dezember 1742 mit der Oper Cleopatra und Caesar von Carl Heinrich Graun, dem preußischen Hofkapellmeister, eröffnet worden.

Magnus Kahlbaum stand am Fuße der Freitreppe, die zu einem Portikus von sechs korinthischen Säulen führte, und sah zum Giebel hinauf, wo die Inschrift Fridericus Rex Apollini et Musis in der Abendsonne glänzte. Er wartete auf die Familie seines Bruders, aber die beiden Frauen, Clara, seine Schwägerin, und Luise, die Ziehtochter, hatten sich - wie immer - um einiges verspätet. Alles wuselte um ihn herum, und Magnus Kahlbaum genoss den Trubel. So hatte es in der Residenz einer europäischen Großmacht zuzugehen, und bald würde sich Berlin nicht mehr hinter Paris, London, Rom und Wien zu verstecken brauchen. Welche Queue, dachte er, welche Warteschlange, welcher Andrang! Einige stritten sich, es wurde nach dem Constabler und nach Arretierung gerufen. Nur mit ziemlicher Not war noch von einem Unterhändler ein Billet zur Tribüne zu erlangen.

»Was wird denn gegeben?«, hörte Magnus Kahlbaum jemanden fragen.

»Die Hugenotten von Meyerbeer.«

»Ach herrje!«, kam der Ausruf.

»Na, wenn Sie das nicht sehen und nicht hören wollen, so gehen Sie doch ins Schauspielhaus, da wird alle Tage Schiller, Goethe oder Shakespeare gegeben. Da ist immer noch Platz. Elastisch sein, mein Herr!«

Endlich stiegen die Seinen aus der Kutsche. Magnus Kahlbaum eilte hinzu, sie zu begrüßen. Die Damen erregten in ihrer erlesenen Garderobe sofort einiges Aufsehen, und Magnus Kahlbaum flüsterte seiner Nichte ins Ohr, dass sie nicht umsonst Luise hieße: »Du siehst wirklich aus wie eine junge Königin.«

Die Zeit bis zum Beginn der Vorstellung nutzte er, um seinen Bruder und seine Schwägerin mit den Hugenotten vertraut zu machen, denn nur Luise, um deren Bildung er sich stets bemüht hatte, wusste in etwa, worum es beim Libretto ging, das Eugène Scribe und Émile Deschamps geschrieben hatten.

»Das große Thema ist der Zwist zwischen den Katholiken und den Hugenotten. Protagonist ist Raoul von Nangis, ein protestantischer Adliger. Er ist zur Versöhnung mit den Katholiken bereit, nicht aber sein Bruder Marcel. Für die katholische Seite stehen die Grafen Nevers und Saint-Bris, der eine wunderschöne Tochter hat: Valentine. Raoul trifft sie und …«

»Hör auf!« Ludwig Kahlbaum, sieben Jahre älter als Magnus und durch und durch nüchterner Kaufmann, fasste sich an den Kopf. »Wer soll sich denn das alles merken? Und irgendwie interessiert es mich auch nicht, was damals in Frankreich war!«

»Liebes Bruderherz!«, rief Magnus Kahlbaum. »Alles, was die Hugenotten betrifft, sollte dich aber interessieren, schließlich waren unser Großvater und unsere Mutter genuine Hugenotten.«

»Wir sind Preußen und gehören zum Hofprediger Krummacher.«

»Gibt es auch was mit Liebe und Tod?«, fragte Clara Kahlbaum. Sie war eine geborene Kufahl, kam aus der Familie eines Kattundruckers und hätte, wie ihr Schwager Magnus hinter vorgehaltener Hand formulierte, in den Salon einer Henriette Herz oder Rahel Varnhagen in etwa so gepasst wie ein Kiesel in eine Sammlung von Smaragden und Opalen.

»Zum Schluss gibt Saint-Bris den Befehl, Raoul, Marcel und Valentine umzubringen, als sie sich als Hugenotten bekennen«, erklärte ihr Magnus.

»Warum denn das?«

»Weil Valentine zwar Nevers heiratet, aber Raoul nicht vergessen kann - ebenso wenig, wie er sie vergessen kann. Und als sie sich treffen, da …«

Clara Kahlbaum winkte ab. »Das ist mir alles viel zu kompliziert.«

»Und dann singen die alles auch noch«, sagte Ludwig Kahlbaum. »Ich möchte mal wissen, wie ich Geschäfte machen sollte, wenn sich meine Kunden und ich singend zu verständigen versuchen.«

Luise suchte zu vermitteln. »In der französischen Grand opéra ist es nun mal so, und das ist doch auch schön. Außerdem hat uns Onkel Magnus eingeladen.«

»Ja, von dem Geld, das ich mit Kahlbaum & Gillieux verdient habe«, brummte Ludwig Kahlbaum.

Magnus überhörte es und führte seine Familie ins Innere des Opernhauses und zu ihren Plätzen. Das Parkett war ausverkauft, aber der erste Rang wies noch freie Plätze auf.

Magnus Kahlbaum flüsterte seinem Bruder ins Ohr, dass dies ganz anders sei, wenn hier das Ballett auftrete.

»Dort sitzt dann die Garde und die Diplomatie, bewaffnet mit Operngläsern. Und die Herren und die Engel und Nymphen nehmen Kontakt miteinander auf. Mit ihren Reizen kann so eine Tänzerin ihre jährlichen Revenuen auf ungeahnte Höhen steigen lassen.«

Ludwig runzelte die Stirn. »Da spricht wohl jemand aus Erfahrung …«

Magnus wich einer direkten Antwort aus und kam dem Bruder mit einer Zeile aus dem Ring des Polykrates : »Sag doch zu mir: Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen!«

Sie setzten sich und warteten, dass sich der Vorhang heben möge. So prächtig das Haus auch war, Magnus Kahlbaum war zu sehr Ästhet, als dass er nicht seine Bedenken gehabt hätte. Vor allem das Proszenium erschien ihm zu mächtig und zu überladen, und die acht üppigen halbnackten Frauen, die sich an die Hauptpilaster schmiegten, entsprachen so gar nicht seinem Geschmack. Das war ihm zu viel Rubens. Er versuchte herauszufinden, was sie darstellen sollten. Die Klugheit, die Freude, die Kritik, die Furcht … Schon stockte er. Vielleicht noch den Witz und die Unschuld?

»Ich freue mich schon auf den Chor«, sagte Luise. Magnus Kahlbaum nickte. »Ja, es ist Spontinis Despotismus zu verdanken, dass er auf solche stolzen Höhen gestiegen ist, obwohl es schon wieder etwas abwärts mit ihm geht. Aber auch das Orchester verdient alle Hochachtung, denn jedes einzelne Mitglied ist ein Virtuose durch und durch, von der ersten Violine bis zum Paukenund zum Zimbelschläger.«

Nur hatte er an diesem Abend nicht viel von der Qualität dieses Orchesters, denn Meyerbeers Oper war für ihn eine riesige Enttäuschung und mit ihren fünf Akten auch viel zu lang. Es gab auch keine Arie, die sich ihm irgendwie eingeprägt hätte. Und wenn nicht diese fürchterlichen Claqueure gewesen wären, die ihn immer wieder weckten, hätte er es seinem Bruder gleichgetan und bis zum Schlussakkord geschlafen.

»Wir treffen uns am Sonntag auf dem Friedhof«, sagte Ludwig Kahlbaum, als der letzte Ton verklungen war.

»Wieso?«, fragte Magnus Kahlbaum. »Zur Beerdigung dieser Oper hier?«

»Nein, es jährt sich der Todestag unseres Bruders.«

Für die Gemeinden der Dorotheenstädtischen und der Friedrichswerderschen Kirche war 1763 der Acker hinter dem Oranienburger Thor als Begräbnisplatz angelegt worden. Die ersten Bestattungen hatten im Jahre 1770 stattgefunden. Zwischen 1814 und 1826 war der Dorotheenstädtische Kirchhof, der von der Chausseestraße aus zu erreichen war, dreimal erheblich vergrößert worden, und inzwischen gab es hier schon die letzten Ruhestätten vieler Persönlichkeiten der berlinischen, preußischen und deutschen Geschichte zu bestaunen. So ruhten an diesem Ort Johann Gottlieb Fichte († 1814), Georg Wilhelm Friedrich Hegel († 1831), Wilhelm von Hufeland († 1836) und Karl Friedrich Schinkel († 1841).

Magnus und Luise verhielten mit Ehrfurcht vor jedem dieser Gräber, während Ludwig Kahlbaum und seine Frau nur dem Arzt und dem Baumeister die gebührende Hochachtung zukommen ließen und bei Fichte und Hegel schnell weitergingen, denn für sie war jedes Philosophieren unnützer Firlefanz.

Dann waren sie am Grab von Heinrich Kahlbaum angekommen, dem mittleren der drei Brüder, geboren 1792 und verstorben am 20. Mai 1820 nach einem Schiffsunglück in der Nordsee. Neben ihm ruhte seine Ehefrau Amalie, deren Sarg zwei Jahre nach ihm in den märkischen Sand hinabgelassen worden war. Die Schwindsucht hatte sie dahingerafft, und Luise, ihre Tochter und damals gerade einmal vier Jahre alt, war von Ludwig und Clara Kahlbaum ins Haus genommen und aufgezogen worden. Sie hatte es immer gut gehabt bei ihren Zieheltern, war verwöhnt worden wie eine kleine Prinzessin, hatte aber auch, als sie herangewachsen war, die Regie im Haushalt übernommen, da es Clara Kahlbaum an Intelligenz wie an Übersicht fehlen ließ. Nun wäre Luise Kahlbaum mit Sicherheit zu einem ebenso bornierten wie beschränkten bürgerlichen Frauenzimmer herangewachsen, wenn da nicht ihr Onkel Magnus gewesen wäre, der sie stets mit geistiger Nahrung versorgt hatte. Er war mit ihr ins Museum, ins Concert, ins Theater und zu Ausstellungen gegangen, und er hatte ihr die höhere Literatur ins Haus gebracht, denn bei Clara gab es nur Kolportageromane zu lesen. So war sie irgendwie sein Geschöpf geworden, und wer seinen Ovid kannte, verglich Magnus Kahlenbaum mit Pygmalion.

»Möge er seinen Frieden gefunden haben«, sagte Ludwig Kahlbaum, und Magnus hörte dabei deutlich die posthume Kritik heraus: Auch Heinrich hatte sich, gleich ihm, nicht dazu entschließen können, ordentlicher Kaufmann zu werden und in die Firma Kahlbaum & Gillieux einzutreten, sondern war dem Charisma Alexander von Humboldts erlegen und hatte sich der Vulkanologie zugewandt. Das sei etwas sehr Nützliches, hatte der ältere Bruder gesagt, denn mit der Erforschung der brandenburgischen Vulkane ließe sich sicherlich eine Menge Geld verdienen.

Ungleicher hätten die drei Brüder nicht sein können. Ludwig, 1790 zur Welt gekommen, war der strenge preußische Geschäftsmann, ganz fokussiert auf Berlin und sein Handelshaus. Heinrich, 1792 geboren, war der schwärmerische Kosmopolit, der die Nachfolge Alexander von Humboldts antreten wollte und hochfliegende Pläne im Kopf hatte. Und Magnus, 1797 geboren und der jüngste der drei Brüder, wollte eigentlich nichts anderes, als sich dahintreiben lassen, sich selbst lieben und bewundern und seine Lust am Leben haben.

Nachdem sie ihres Vaters, Bruders und Schwagers gebührend gedacht hatten, fuhren alle mit der Kutsche, die Ludwig Kahlbaum für elf Uhr bestellt hatte, von der Chausseein die Unterwasserstraße, wo Ludwig für Clara, Luise und sich die Etage über dem Handelshaus Kahlbaum

& Gillieux zu einer Wohnung hatte herrichten lassen, wie sie einem Berliner Kaufmann angemessen war, der kurz davor stand, zum Commissionsrath ernannt zu werden. Die Wände des guten Zimmers waren mit mattgrüner leichter Seide bespannt, und um die weiße Decke zog sich eine schmale vergoldete Leiste. Symmetrisch waren an zwei Stellen Rosetten aufgemalt, in deren Mitte Kronleuchter aus Holzbronze mit je sechs Lichtern hingen. Die Möbel waren weiß, und auf ihrem harten Lack blitzte die Sonne. Die Seitenlehnen an den Sesseln und den beiden kleinen Bänken waren Schwanenhälsen nachgebildet. Der braune Fußboden war blank gebohnert. Alles war gediegen, nichts wirkte protzig, und man merkte sofort, dass der Hausherr der alten preußischen Devise »Mehr sein als scheinen« huldigte.

Ludwig Kahlbaum führte ein offenes Haus, und auch heute waren drei Gäste zu Tisch gebeten worden: Flora Obornik, eine Breslauer Cousine Clara Kahlbaums, die zu Besuch nach Berlin gekommen war, die Witwe Friederike Ferbitz, die von ihrem Mann, einem Fuhrunternehmer, verschiedene Häuser auf dem Werder geerbt hatte und eines von ihnen dem Handelshaus Kahlbaum & Gillieux als Lager vermietet hatte, und der Geheime Oberregierungsrath Dr. August Wilhelm Danewitz. Flora Obornik, die trotz ihres Alters von schon über dreißig Jahren noch unverehelicht war, hatte aus ihrer mitgebrachten Garderobe ein silbergraues Taffetkleid ausgewählt, dessen Hammelkeulenärmel sie später beim Speisen ziemlich hinderten. Friederike Ferbitz trug ein dunkelviolettes Kleid, hatte sich einen schwarzen Kantenschal um den mageren Hals geschlungen und sich mit viel Malachitschmuck behängt. Clara Kahlbaum hatte sich für eine Krinoline entschieden, die gerade in Mode gekommen war, und gab sich wie eine Dame von Hofe.

Doch Luise stellte sie alle in den Schatten, obwohl ihr Kleid ganz einfach war: eng das Mieder und weit der bauschige Rock, heller Linon mit schmalen violetten Streifen. Die freien Schultern waren von einem durchbrochenen Schal bedeckt. Luise half dem Mädchen beim Decken des Tisches, holte die schweren Damasttücher aus dem großen Eichenschrank im Alkoven, breitete sie über den lang ausgezogenen Tisch und verteilte dann die blaugemusterten Teller.

Als Vorspeise wurde eine Fischsuppe gereicht, dann folgte ein gewaltiger Schweinebraten, und den Abschluss bildete eine rote Grütze, die alle mit Entzücken verspeisten. Während der Gänge und insbesondere dazwischen wurde munter geplaudert, wobei Ludwig Kahlbaum darauf achtete, dass ein jeder Gast angemessen zu Worte kam und sich über sein Lieblingsthema verbreiten konnte.

Friederike Ferbitz legte als Erste los: »War’n Se ooch schon bei dem Fritzen da inne Königstraße und ham sich uff de Platte bannen lassen?«

»Sie meinen die Diorama-Bilder von Daguerre?«, fragte Magnus Kahlbaum.

»Wer? Is det eena von die Hugenotten?«

»Nein, ein waschechter Franzose aus Orléans, Louis Jacques Mandé Daguerre, Erfinder der Daguerreotypie.«

»Ich brauche keine Tüpie!«, rief die Ferbitz. »Ick habe Jeld genuch, det ick mir abmalen lassen kann, ick war beim Hofmaler selba, bei Franz Krüger.«

»Ah, bei Pferde-Krüger!« Magnus Kahlbaum nickte. Der preußische Hofmaler war ein Pferdenarr, und die Rösser gelangen ihm wesentlich besser als die Menschen. Man sagte ihm nach, er würde Ladestöcke mit Menschengesichtern malen. Wenn die Literaten bei Stehely saßen, lästerten sie ständig über Krüger. Alles bei ihm sei pulvertrocken und völlig uninspiriert. Am meisten regten sich die Progressiven über die Portraits auf, die Preußens »Gottesgnadentümler« und Militärs in ihren phantasievollen Uniformen zeigten, »herausgeputzt wie die Pfingstochsen mit speckig-feisten Gesichtern und so selbstzufrieden, dass es weh tun kann«.

»So negativ wie Sie würde ich Franz Krüger nicht sehen«, wandte Dr. Danewitz ein. »Seine kleinen Formate sind doch vorzüglich. Und solange die Welt die Daguerreotypie noch nicht kannte, musste es Maler geben, die mit ihren Farben alles bis ins letzte Detail festzuhalten wussten - preußisch korrekt, wenn Sie wollen.«

Ludwig Kahlbaum fürchtete, die Diskussion würde sich an Franz Krüger entzünden, politisch werden und damit garstig, und fragte deshalb den höheren Beamten schnell nach seinen Erlebnissen auf der Reise nach Potsdam. »Zum ersten Mal mit der Bahn, Herr Doktor?«

»Ja, es wurde ja langsam auch einmal Zeit. Und es ist schon ein anderes Reisen als in der Kutsche.« Dr. Danewitz erinnerte an das, was der König vor drei Jahren bei der Eröffnung der Berlin-Potsdamer Eisenbahn laut Vossischer Zeitung zu Protokoll gegeben hatte: Se. Maj. geruhten Ihre allerhöchste Zufriedenheit über diese Fahrt sowohl, wie über die ganze Anlage, in den huldreichsten Ausdrücken zu erkennen zu geben.

»Wie wird es denn weitergehen?«, wollte Magnus Kahlbaum wissen.

»Nun …« Dr. Danewitz zögerte mit einer Antwort. »Die militärische Führung drängt auf eine Strecke hin zur russischen Grenze, und unsere Kaufmannschaft, beseelt von den Gedanken eines Friedrich List, will ja auch die kleinsten Nester an die Eisenbahn anschließen. Aber unsere Kassen sind leer, Preußens Gloria ist das eine - seine Armut das andere. Die Verbindungen Köln–Antwerpen und Berlin–Hamburg sollen jedoch in den nächsten Jahren realisiert werden.«

»Ist ja auch höchste Eisenbahn!«, rief Ludwig Kahlbaum.

Dr. Danewitz seufzte. »Wenn das alles so einfach wäre! Nehmen sie die Hamburger Bahn: Da verläuft die Strecke über die Hoheitsgebiete von fünf eigenständigen Ländern innerhalb des Deutschen Bundes, als da sind die Freie und Hansestadt Hamburg, die dem dänischen König unterstehenden Herzogtümer Holstein und Lauenburg, das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin und unser Königreich Preußen. Dazu kommt noch Lübeck, das auch vom Bahnbau betroffen ist, da Hamburg-Bergedorf den beiden Freien Hansestädten Hamburg und Lübeck gemeinsam gehört. Aber wir haben ja am 8. November 1841 einen Staatsvertrag geschlossen, in dem die Streckenführung und die Verrechnung der Transitzölle geregelt werden.«

»Ach, wenn es doch auch eine Eisenbahn zu uns nach Breslau und nach Lissa gäbe!«, rief Flora Obornik. »Dann könntet ihr alle kommen und uns besuchen, unsere große Familie, wo sich alle lieb haben.« Sie zählte nun, die anderen auf eine fast grausame Art langweilend, alles auf, was Obornik hieß oder einen Obornik geheiratet hatte. Das waren alles ganz wunderbare Menschen, und besonders ihren Neffen Casimir lobte sie über den grünen Klee. »Der macht in Leder, und sein früherer Chef hält große Stücke auf ihn. Jetzt ist er ja sein eigener Herr.«

Magnus Kahlbaum versuchte, ihren Redefluss mit mildem Spott zu stoppen. »Ja, Leder … Weltbekannt ist ja auch der Strumpf …«

»Was für ein Strumpf?«

»Na, der Lederstrumpf, mit Namen Natty Bumppo. James Fenimore Cooper hat wunderschöne Geschichten über ihn geschrieben, die Leatherstocking Tales, angefangen mit The Pioneers.«

Clara Kahlbaum griff nun ein und verbat sich, ihrer Cousine so zuzusetzen. »Das schickt sich nicht, Magnus! Und wenn du so weitermachst mit deiner spitzen Zunge, bringen sie dich wieder in die Hausvogtei.«

Magnus Kahlbaum zuckte zusammen, denn die Zeit, die er, festgenommen als Demagoge, im Gefängnis zugebracht hatte, war ein einziger Alptraum. Er wollte heftig werden, schwieg aber des lieben Friedens wegen und sah in Richtung seines Bruders, damit der das Gespräch in andere Bahnen lenkte.

Ludwig Kahlbaum reagierte auch prompt, schickte erst Luise in die Küche, um den Braten servieren zu lassen, dann sprach er von seiner Reise nach Karlsbad, die er im Herbst zu unternehmen gedachte. »Wenn es denn nicht klüger ist, im Lande zu bleiben und sich im Thiergarten zu erholen.«

Friederike Ferbitz lachte. »Nee, lieba nich, da hängen doch dauernd welche an die Äste.«

»Hören Sie auf!«, rief Dr. Danewitz. »Ich war es doch, der vor vierzehn Tagen den Schneidergesellen entdeckt hat. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schrecklich es ist, wenn man gegen einen Menschen prallt, der nicht mit beiden Beinen auf dem Boden steht, sondern an einem dicken Aste baumelt!«

Nachdem die Gäste wieder gegangen waren, zogen sich die beiden Brüder ins Herrenzimmer zurück, um über die Misere von Kahlbaum & Gillieux zu reden.

»Was soll nun werden?«, begann Ludwig und blickte in den Rauch, der aus seiner Cigarre an die Zimmerdecke stieg, wie eine Wahrsagerin in ihre Kristallkugel. »Ich war gestern bei Bleichröder, aber sie sind nicht bereit, mir weiteres Geld zu geben. Wir sparen, wo wir können, aber aus eigener Kraft können wir es nicht mehr schaffen. Spätestens Ende des Jahres müssen wir Konkurs anmelden.«

Magnus lächelte. »Ich würde ja gerne in die Bresche springen, aber …« Er zögerte etwas, dann hielt er es aber für klüger, der Attacke seines Bruders zuvorzukommen.

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22 декабря 2023
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240 стр. 1 иллюстрация
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9783955520311
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