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Horst Bosetzky/ Jan Eik

Nach Verdun

Kappes vierter Fall

Kriminalroman

Jaron Verlag

Horst Bosetzky alias -ky lebt in Berlin und gilt als «Denkmal der deutschen Kriminalliteratur». Mit einer mehrteiligen Familiensaga sowie zeitgeschichtlichen Spannungsromanen avancierte er zu einem der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Zuletzt erschien von ihm der Berliner Familienroman «Bratkartoffeln oder Die Wege des Herrn». Für die Reihe «Es geschah in Berlin» verfasste er auch die Krimis «Kappe und die verkohlte Leiche» (2007) und «Der Lustmörder» (2008).

Jan Eik geboren 1940 in Berlin als Helmut Eikermann, ist seit 1987 freiberuflicher Autor und Publizist. Er schrieb zahlreiche Kriminalromane und -erzählungen sowie Hör_ und Fernsehspiele. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u. a. «Der siebente Winter» (1989), «Der Geist des Hauses» (Ein Friedrichstadtpalastkrimi, 1998), «Trügerische Feste» (2006) und «Schaurige Geschichten aus Berlin» (Neuausgabe 2007). In der Reihe «Es geschah in Berlin» erschien auch sein Krimi «Der Ehrenmord» (2007).

Originalausgabe

1. Auflage 2008

© 2008 Jaron Verlag GmbH, Berlin

1. digitale Auflage Zeilenwert GmbH 2013

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

Satz: LVD GmbH, Berlin

ISBN 9783955520038

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelseite

Impressum

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

Die Reihe

EINS

SEIT DIENSTAG, dem 4. Februar 1916, lag die Kompanie in der Nähe von Chaumont in Stellung, gleich hinter der Eisenbahnlinie, die Verdun einstmals mit dem Norden verbunden hatte. Von dem ansteigenden Gelände aus waren im Süden deutlich die Ruinen von zwei kleinen Dörfern zu erkennen, Flabas und Ville. Dahinter lag düster der Caures-Wald, durch dessen nördliche Zipfel sich die Frontlinie schlängelte.

Mehr über die Gegend wusste keiner aus dem ganzen Zug. Nicht einmal der oberschlaue Oberlehrer Seifert, der mit seinem Geschwafel allen auf die Nerven ging. Dass sie sich einige Kilometer nördlich von Verdun befanden und dass diese schwerbefestigte Stadt das Ziel ihres Angriffs sein würde, brauchte er niemandem mehr zu erklären, dennoch wiederholte er es zwölfmal am Tag. Jeder wusste, dass man die 5. Armee unter dem Oberbefehl des Kronprinzen nur zu diesem Zweck hierher verlegt hatte. Die Offiziere taten dennoch sehr geheimnisvoll, insbesondere der Oberleutnant von Zabelsdorff. Der stolzierte umher, als habe er den Plan für die Offensive mit dem Kronprinzen persönlich entworfen.

Seit Zabelsdorff kurz nach Weihnachten den Befehl übernommen hatte, war es ihm gelungen, sich mit seinen Garnisonsmanieren bei jedermann gründlich unbeliebt zu machen. Nur Seifert kroch ihm in den Hintern. Die anderen - gewiefte Frontschweine, die sie waren - gingen ihm aus dem Weg, soweit das zwischen den zerschossenen Häusern des kleinen Fleckens überhaupt möglich war. Von Wegen oder gar Straßen konnte sowieso keine Rede sein. Es regnete seit Tagen, und alles versank nach und nach immer tiefer im Schlamm.

«Jenau wie daheim in Astpreißen», stellte der Riesenkerl Böwert mit seiner gewohnten stoischen Ruhe fest, während Heinrich Pietsch vergeblich nach begehbaren Stellen im aufgeweichten Grund fahndete. Als Großstädter war er es nicht gewohnt, bei jedem Schritt ins Bodenlose zu versinken - in Stiefeln aus Ersatzleder und mit Holzsohle. Dieser ganze Krieg stank ihm zum Himmel. Wenn er eine Möglichkeit gesehen hätte zu desertieren, hätte er es getan. Doch wohin sollte man sich in dieser zerschossenen Ödnis wenden? Und wie würden die Kameraden reagieren?

Der kleine Ludwig mit der verstimmten Mundharmonika würde vermutlich gar nichts merken, aber sein hasserfüllter Rivale Clement, Primgeiger in einem Berliner Vorstadt-Theater, hatte seine Heimtücke und seine ruhige Hand beim Zielen mehr als einmal bewiesen. Und Seifert, das Oberarschloch, würde in Geschrei ausbrechen, noch bevor er zehn Schritte getan hätte.

Der einzige aufgeweckte Kerl, mit dessen Verständnis er wohl rechnen könnte, schien ihm sein Vornamensvetter und Altersgenosse Schimaniak zu sein, mit dem er sich ein wenig angefreundet hatte. Straßenbahnschaffner war der, irgendwo in einem Kaff östlich von Berlin, und in seinem ganzen Auftreten eben ein richtiger Kleinstädter und Mucker, zu keiner Widerrede bereit. Nicht etwa, dass Pietsch zu besonderer Widersetzlichkeit neigte. Das konnte er sich in seinem Beruf gar nicht leisten. Als Verkäufer von Herrenkonfektion in einem der ersten Berliner Ausstattungshäuser war er es gewohnt, gegenüber Kunden und Vorgesetzten Diskretion und Distinktion an den Tag zu legen.

Beim Spieß Marschallek kam er mit diesem Verhalten auch einigermaßen durch. Das war ein richtiger Beamter, und solange man den Korrekten spielte, ging alles gut. Nur bei von Zabelsdorff half das alles nichts. Wie er es auch immer anfing - der verfluchte Kompaniechef hatte ihn auf dem Kieker. Irgendetwas fand er immer auszusetzen an dem «Koofmich», wie er Pietsch allzu gerne titulierte. Pietsch war kein Koofmich! Pietsch war Herrenkonfektionär. Das Beharren auf dieser Berufsbezeichnung hatte ihm allerdings nur vier Stunden Exerzierübung im Schlamm eingebracht. Das würde er dem Oberleutnant eines Tages heimzahlen!

Dem Mistkerl von Kompaniechef hatte er auch sein elegantes Menjou-Bärtchen opfern müssen. «Undeutsche Rotzbremse», hatte von Zabelsdorff gehöhnt. Als wären der Kaiser und Hindenburg kahlgesichtig!

Gemeinsam mit dem jungen Leutnant von Hiebenthal, auf den Zabelsdorff aus Sicht der Mannschaften einen ausgesprochen ungünstigen Einfluss ausübte, hatte ebendieser das einzige bewohnbare Gebäude in Chaumont für sich requiriert und residierte darin, als handle es sich um das kaiserliche Schloss. Natürlich hatte sich auch Leutnant d. R. Wittkopp dort einquartiert. Und betrübt feststellen müssen, dass hier nach anderthalb Kriegsjahren selbst für einen bescheidenen Sammler von Kunst und Antiquitäten nichts mehr zu holen war. Vorbei die schönen Zeiten in Belgien und im Lothringischen, wo er manches schöne Stück erbeutet hatte.

In der Nacht zum 12. Februar rückte die Kompanie bei strömendem Regen bis in die vordersten Stellungen vor. Am Morgen erwarteten sie jede Minute das Angriffssignal. Doch es blieb an diesem Tag aus - und in den nächsten neun Tagen ebenfalls. Erst am

21. Februar setzte sich die Armee mit ihrer geballten Feuerkraft in Bewegung.

Es wurden furchtbare Tage und Nächte. Die Nässe und der kalkige Schlamm verwandelten die Kompanie innerhalb von Stunden in eine Truppe weißgrauer Gestalten, die sich vergeblich in dem aufgeweichten Boden festzukrallen versuchten. Nachdem sie die Unterstände der eigenen und der französischen Frontlinie hinter sich gelassen hatten, suchten die Männer hinter jedem Baumrest, hinter jeder Bodenwelle Schutz, immer wieder angetrieben von dem Befehl: «Vorwärts! Vorwärts!»

Eine endlos lange Woche war vergangen, und noch immer lagen sie im Dreck, kaum ein Dutzend Kilometer von ihrem Ausgangspunkt entfernt, wo sie ihr Gepäck zurückgelassen hatten. Klarte es einmal auf, erahnte man rechts das Flusstal der Marne. Von Süden her flogen im Minutenabstand die schweren Geschosse der französischen Artillerie heran, hinter ihnen antworteten die 38er und die 42er der Dicken Bertha.

Die Mannschaftsstärke der Kompanie war auf knapp die Hälfte geschrumpft. Dem kleinen Ludwig hatte ein Granatsplitter den Hals zerfetzt. Ungerührt hatte Böwert am Abend dessen Verpflegung in Empfang genommen und vollständig vertilgt.

Die versprochene Ablösung ließ ebenso auf sich warten wie an den meisten Tagen das Essen. Gerade hatte man ihnen ein paar zusätzliche Notrationen bewilligt. Böwert wurde immer aufsässiger, und Heinrich Pietsch stand ihm kaum nach mit seinem wortlosen Widerstand gegen alles, was von Zabelsdorff anordnete. Selbst der friedliche Schimaniak begann allmählich zu rebellieren.

Von Zabelsdorff, von irgendeinem wirren Papier angestiftet, begann von Stoßtruppunternehmungen zu faseln, für die er die Männer bereits in Chaumont auszubilden versucht hatte: «Nur der rücksichtslose Drang jedes einzelnen Soldaten nach vorn in Verbindung mit der hervorstechenden Kampfkraft eines Stoßtrupps schafft den Erfolg! Die Hauptaufgabe eines solchen Stoßtrupps besteht in der Wegnahme vorgeschobener Sappen, Flankierungsanlagen, Maschinengewehrstellungen und verteidigter Unterstände sowie im Aufrollen von Gräben.»

Eines Abends war es dann so weit. Der feindliche Beschuss hatte ein wenig nachgelassen. Sie hofften, in einem zerschossenen französischen Unterstand, in dem ein grauenvoller Verwesungsgeruch hing, etwas Ruhe zu finden, als die Essenholer eintrafen, begleitet von dem tiefgebückt schleichenden Oberleutnant.

Der ließ ihnen keine Zeit für eine ruhige Mahlzeit. «Männer!», sagte er mit unterdrückter Stimme. «Es ist so weit! In einem kühnen Stoßtruppunternehmen werden wir die vom Feind gehaltene Höhe 317 nehmen, die uns den Weg zur Marne versperrt.»

«Herr Oberleutnant, dort is äin dickes MG-Nest!», wandte Böwert ein. Er war der Einzige, der schon kaute.

«Na eben, Böwert! Und Sie mit Ihrer Kraft werden es ausräuchern!»

Böwert sah Pietsch an und der ihn.

«Es ist so gut wie keine Deckung vorhanden», wagte Schimaniak anzumerken. Die Höhe vor dem Talou-Rücken, die sich kaum gegen den dunklen Himmel abzeichnete, lag kahl und nur von einem schütteren Rest zerschossener Baumstümpfe umgeben vor ihnen. Sie kannten das Gelände. Die Flieger hatten sogar Luftaufnahmen geliefert.

«Sie können ja warten, bis man Ihnen eine eigene Brustwehr errichtet!», fuhr von Zabelsdorff Schimaniak an. «Ich verbitte mir alle Widerreden!»

Er gönnte ihnen kaum Zeit zum Essen und setzte seine Einweisung währenddessen fort. «Ausrüstung des Stoßtrupps: Patronen in Rocktaschen oder Brotbeutel, möglichst viele Handgranaten. Zwei Sandsäcke mit je drei, vier Handgranaten um den Hals, Drahtschere am Koppel, Gewehr ohne Seitengewehr umgehängt auf dem Rücken, Pionierschanzzeug im Futteral am Koppel, dazu weitere Handgranaten. Angriff frontal oder noch besser von der Flanke her im Graben, entsprechend ‹Stoßtrupp im Angriff›! Böwert als bester Werfer voran. Dazu Seifert, damit ein bisschen patriotische Stimmung aufkommt. Schimaniak darf meinetwegen noch den Kanisterdeckel als Schutzschild mitnehmen. Dazu Clement, der ja angeblich immer die erste Geige gespielt hat.»

«Nur wir viere, Herr Oberleitnant?», erkundigte sich Böwert ungläubig.

«Warten Sie gefälligst ab!», donnerte der zurück. «Grundsatz ist, zur Vermeidung unnötiger Verluste und gegenseitiger Behinderung, einen Trupp nur so stark zu machen, wie es zur Erreichung der gestellten Aufgabe notwendig ist. Verstanden?»

Er nannte einen weiteren Namen und musterte das Häufchen der Übriggebliebenen. «Na, gibt’s noch einen Freiwilligen? Wenn’s klappt, ist das Eiserne Kreuz sicher!»

Niemand rührte sich. Alle wussten, wen von Zabelsdorff noch auswählen würde. Doch er legte es darauf an, den Betroffenen zappeln zu lassen. «Basteln Sie sich zwei, drei geballte Ladungen, falls es Hindernisse gibt», sagte er und dann, wie nebenbei: «Koofmich Pietsch, das ist doch ’ne Aufgabe wie geschaffen für Sie!»

Eine Stunde später zogen sie los. Es regnete wieder einmal in Strömen. Das Feuer aus Richtung der Franzosen war stärker geworden, aber die Maschinengewehre schossen wenigstens nicht von der Höhe. Man hatte den Trupp offensichtlich noch nicht bemerkt … Doch in den Drahtverhauen und Unebenheiten zwischen den nur von ferne kahl wirkenden Baumstümpfen blieb ihr Unternehmen hoffnungslos stecken. Die Helmspitzen der ledernen Pickelhauben hatten sie weisungsgemäß längst abmontiert, um damit nirgends hängenzubleiben, doch an eine andere Gefahr hatte niemand gedacht: Der Regen weichte die papierenen Sicherungskappen der Handgranaten auf.

Seifert, der ein wenig zurückgeblieben war, versuchte vergebens, sich durch ein Gewirr von Stacheldraht aus einer flachen Mulde zu befreien, als sich die am Stiel der Handgranate baumelnde Abreißschnur in dem Draht verfing und die Explosion auslöste.

Sofort setzte heftiges MG-Feuer ein. Clement schrie auf und warf sich wie alle anderen zu Boden. Böwert lag etwa zehn Meter entfernt hinter einem Baumstumpf. Pietsch und Schimaniak, zwei geballte Ladungen am Körper, kauerten nebeneinander. «Keinen Schritt weiter!», murrte Schimaniak. Pietsch schwieg. Eine MGGarbe strich eine Handbreit über sie hinweg. Sie duckten sich noch tiefer. Jeder hatte neben sich ein Bündel aus sieben Handgranatenköpfen, die Sprengkapseln in den Öffnungen mit Hölzchen festgeklemmt und mit Draht um einen weiteren Kopf herumgebunden. Man musste nur den Stiel mit der Sprengkapsel einschrauben und abreißen - und nach fünfeinhalb Sekunden würde die achtfache Ladung krepieren.

Rechts neben Pietsch war das Gelände ein wenig abschüssig, wie er im Feuerschein einer einschlagenden Granate bemerkte. Er griff nach der Ladung und stellte sie wie ein Rad auf. Beinahe von selbst kullerte sie den sanften Hang hinunter. Im Lärm der Feuerstöße, die jetzt hinter ihnen erwidert wurden, hörte er nicht, ob das Bündel irgendwo an einem Baum oder im Draht hängenblieb.

«Wir müssen hier weg!», sagte er rau.

Der Kamerad, an dessen Namen sich Pietsch nicht erinnerte, kroch heran. «Der Clement ist schwer verwundet», keuchte er.

Clement, ein falscher Fuffziger, wie ihn Pietsch insgeheim nannte, seit der ihn einmal beim Spieß verpfiffen hatte, lag nur wenige Schritte entfernt und stöhnte. «Wir bringen dich zurück», versprach ihm Schimaniak. Leise rief er nach Böwert, der auch antwortete.

Wieder setzte das MG ein.

«Lass das Scheißding hier liegen», zischte Pietsch zu Schimaniak, der noch immer die geballte Ladung schleppte. «Da braucht nur …»

Ja, es brauchte nur ein Fünkchen oder eine Kugel, um eine der Sprengkapseln zur Explosion zu bringen. Was genau es war, erfuhr niemand. Ein Feuerschlag flammte auf und hinterließ Tod und Verderben.

ZWEI

ES GING auf Feierabend zu. In dem schmalen Laden in der Seitenstraße war es schon fast dunkel. Dennoch trödelten noch immer zwei Kundinnen im schummrigen Licht herum, obwohl Erich Röddelin schon zweimal vernehmlich geäußert hatte, die Warenvorräte seien für heute erschöpft - bis auf Kaffee-Ersatz, Rübenmarmelade und saure Gurken, die in ihrem Fass vor sich hin stanken.

Das bisschen, was sonst noch vorhanden war, gedachte er nicht mehr heute Abend und schon gar nicht an solche Figuren zu verkaufen wie die beiden ärmlich gekleideten Weibsen. Solche Gestalten kannte er zur Genüge. Die hofften jedes Mal, was Besonderes zu erhaschen - und versuchten am Ende, auch noch anschreiben zu lassen.

Kredit is nich - der’s tot, hatte Erich mal über einer Wirtshaustheke gelesen. Der Spruch hatte ihm gefallen. Dabei war Erich Röddelin ein guter Mensch. Jedenfalls hielt er sich dafür, und selten hatte ihm jemand widersprochen - von seiner Thea mal abgesehen, aber auf deren Urteil gab er noch weniger als auf das fremder Leute. Und mit fremden und fast immer unangenehmen Leuten hatte er es den lieben langen Tag zu tun, von der morgendlichen Warenbeschaffung, die immer schwieriger wurde, bis zum späten Ladenschluss. Selbst danach hämmerten sie noch an die Jalousie oder belästigten einen sogar an der Wohnungstür mit ihren einfältigen Wünschen, als gäbe es für einen deutschen Kolonialwarenhändler keinen Feierabend. In Friedenszeiten hatten Thea und er sich das notgedrungen gefallen lassen, da zählte jeder Pfennig.

Nun war seit fast zwanzig Monaten Krieg, und der entwickelte sich nicht ganz so, wie sich Erich Röddelin das in seinen treudeutschen Träumen vorgestellt hatte. Mit den anfänglichen Siegen war es längst vorbei, und den ganzen Winter über hatte es ausgesehen, als stecke der Karren ziemlich tief im Dreck. Erst jetzt ging es wieder vorwärts, wie es sich für ein deutsches Heer gehörte. In den nächsten Wochen musste dieses verfluchte Verdun fallen. Dann war der Weg nach Paris endlich frei.

Darauf wartete Erich Röddelin sehnsüchtig. Seiner Ansicht nach kam alles Übel nur von den Juden und davon, dass der gutmütige Kaiser das linke Sozialistenpack viel zu lange toleriert, ja in den Reichstag hatte einsickern lassen, wo es einzelne von den Kerlen tatsächlich wagten, den notwendigen Kriegskrediten ihre Zustimmung zu verweigern und damit Deutschlands Sieg zu gefährden. Wenn Erich Röddelin dergleichen des späten Abends im Preußischen Staatsanzeiger las, überkam ihn jedes Mal eine solche Wut, dass seine Thea sich vorsichtshalber ins Bett begab, um ihm nicht in die Quere zu kommen.

Manchmal war Röddelin nach solchen Nachrichten - es reichte schon ein verlorenes Gefecht oder ein kurzzeitiger Rückzug an der Front - aus dem Haus und in die nächste Kneipe gestürmt, um seinen gerechten Zorn im Kreise Gleichgesinnter herunterzuspülen. An denen hatte es zu Kriegsbeginn nicht gemangelt. Inzwischen jedoch glich das Bier verdünnter Pferdepisse, und selbst in der Eckkneipe war man nicht mehr sicher vor aufrührerischem Gesindel, das immer lauter aufmuckte, je länger der Krieg andauerte. Und je knapper die Lebensmittel und nötigsten Gebrauchsartikel wurden. Von Bier bis hin zu Mehl und Zimt bestand alles nur noch aus Ersatz. Und alle taten sie, als wäre er daran schuld und nicht das feindliche Ausland mit seiner Blockadepolitik!

«Jewisse Heringsbändja fressen sich dick und duhn», rief da beispielsweise einer von der Theke zum Stammtisch hinüber, «und unsaeins kann sehn, det die Würmer wat zwischen de Kiemen kriejen.»

«Denn musste erst mal die Olle dazu sehn», ergänzte ein anderer halblaut, aber Erich Röddelin hatte gute Ohren und verstand genau, worauf das abzielte. Als hätte er die aufquellende Figur seiner Thea nicht selber Tag für Tag vor Augen. Sie war nicht schlank gewesen, als er sie vor nunmehr 26 Jahren nach langem Werben geehelicht hatte, und jung auch nicht mehr. Aber was machte das schon? Er stammte vom Lande und war eher für was Handfestes zu haben als für Hungerhaken, die sich hinterm Besenstiel verstecken konnten. Sie schielte ein bisschen, na schön, und war ein paar Zentimeter größer als er, und ihre Stimme klang unüberhörbar in dem Grünkramkeller, den sie vom Vater Nieswandt übernommen hatte.

«Wenn die sich mal umdrehn will, muss eena rausjehn», hatten die Kundinnen in der Füsilierstraße schon damals hinter vorgehaltener Hand gelästert. Erich hatte es nicht gestört. Er war froh gewesen, nach all den Jahren in Pferdeställen und als Schlafbursche in stinkigen Furzmulden doch noch ein Auskommen gefunden zu haben in dieser unwirtlichen Stadt. Behaglich schmiegte er sich des Abends an das Fleischgebirge neben sich und schlief gewöhnlich schnell und traumlos ein.

Im Übrigen war Theas Korpulenz, der weder mit Hungerkur noch mit Korsett beizukommen war, keineswegs der einzige Grund gewesen, den verlotterten Grünkramkeller in der Nähe des Schönhauser Tors aufzugeben und hier, weit draußen in den Neubauten des Ostens, von vorn zu beginnen. Wäre es nach Thea gegangen, so hätte es ein Feinkostgeschäft mindestens in der Frankfurter Allee sein müssen. Doch Erich konnte rechnen. Selbst mit dem Erbteil des zur rechten Zeit dahingegangenen Schwiegervaters Nieswandt reichte es nur zu dem kleinen Laden in einer ruhigen Seitenstraße von Alt-Boxhagen, immerhin eine Stufe hoch vom Trottoir, wie das hier hieß, und nicht mehr neun runter in den dumpfen Kellermief wie in der Füsilierstraße. Kein Asyl für obdachlose Frauen gegenüber und kein jüdischer Fischgroßhändler an der Ecke. Die miesen Häuser im Scheunenviertel, in denen nicht mal mehr die ärmsten Juden wohnen wollten, waren inzwischen abgerissen. Eine weite Freifläche erstreckte sich dort, wie Erich bei einer morgendlichen Tour zur Zentralmarkthalle festgestellt hatte, der sogenannte Babelsberger Platz, dem man schließlich doch noch eine vaterländische Benennung hatte zukommen lassen. Bülowplatz hieß er jetzt und - da war sich Erich Röddelin sicher - für alle Zeiten.

Gleich rechts hinter der Kuhbrücke lag der Viehmarkt, und dahinter konnte man vom Ufer des Rummelsburger Sees hinüber nach Stralau gucken. Das war fast so etwas wie Heimat für Erich. Nur Thea musste gelegentlich an den steilen Abstieg in das Kellerloch und den feuchten Schimmel in allen Ecken erinnert werden, wenn sie der Vergangenheit allzu sehr nachjammerte. Er hingegen, Erich Röddelin aus Bismark in Vorpommern, war ein Mann des Fortschritts, der sich im nahen Aboli-Kino von Herzen an den Bildern deutscher Geschütze und deutscher U-Boote erfreuen konnte. Von den siegreichen deutschen Truppen hatte er allerdings eigentlich mehr erwartet. Sein eigener Militärdienst bei den Pasewalker Ulanen lag beinahe vierzig Jahre zurück, und weit hatte er es dabei nicht gebracht. Aber die Erinnerungen der Offiziere und Feldwebel an die siegreichen Kriege anno 1864, 1866 und 1970/71, an Alsen, Düppel und Sedan, waren da noch lebendig gewesen und hatten sich ihm eingeprägt. Stundenlang hatte er den Berichten gelauscht. Bald wusste er, wie man eine Attacke zu reiten und eine Schlacht zu schlagen hatte. Obwohl er nur der Pferdebursche war. Er stammte eben vom Lande und verstand, mit Tieren umzugehen.

Besser, als er mit Menschen umgehen konnte, wie Thea mitunter maulte, wenn seine pommersche Sturheit ihr besonders aufstieß. Oder wenn er eine Kundin mit ausnehmender Schroffheit bedachte, die vielleicht nicht mehr verlangte, als von der minderwertigen Ware wenigstens die korrekte Menge zu bekommen.

Thea war einfach zu weich. Sie fiel auf jedes mitleidheischende Gesülze der Weiber herein, die mit Engelszungen um ein paar Gramm oder ums Anschreiben feilschten, während sie vom Mann an der Front und von den hungrigen Kindern zu Hause schwafelten. Bohrte man ein wenig tiefer, wie es Erichs Art war, so stellte sich heraus, dass es sich der Ehegemahl in der belgischen Etappe wohl ergehen ließ und die Kinder sich bei der Großmutter auf dem Lande erholten.

Nein, ihm machte keiner was vor. Die Weiber nicht und die Kerle schon gar nicht, die Thea wie die Schellfische anglotzten, als wäre sie nicht in die Jahre gekommen und nicht so fett, wie sie nun einmal war. Am liebsten bediente Erich deshalb selber im Laden. Dann hatte alles seine Ordnung. Ein anerkennendes Lächeln hatte er allenfalls für die echten Kriegsverletzten übrig, von denen es in der Gegend schon einige gab. Arme Kerle! Was sich da vor Verdun und Douaumont tat, war gewiss nicht von Pappe, auch wenn die Berichte in der Kreuz-Zeitung knapp ausfielen. Am Ende würde der liebe Gott schon wissen, wem er den Sieg zusprach. Dann galt die stolze Aufschrift Kolonialwaren über der Ladenfront endlich wieder mit Fug und Recht!

Die ältere der beiden Frauen hatte sich zu einem Glas Rübenmarmelade entschlossen. Erich kannte die Leupolten und wusste, weshalb sie so lange gezögert hatte: weil sie hoffte, von Thea bedient zu werden.

Die andere dagegen, eigentlich noch im besten Alter für eine Frau, mickerte in den letzten Jahren mehr und mehr dahin, als bekäme ihr der Krieg nicht. Dabei kannte Erich Röddelin die Wahrheit so gut wie jeder andere Mensch im Umkreis von dreihundert Metern um die Mietskaserne in Alt-Boxhagen, in der sie wohnte: Sie hatte sich in der Kriegsbegeisterung der ersten Augusttage von ihrem Galan ein Kind anhängen lassen, ein pergamenthäutiges, ewig kränkelndes und greinendes Gör, das seinen ersten Winter nicht überlebt hatte. Seitdem schlich die Mutter wie ein schwarzer Strich durch die Landschaft, mit böse verzogenem Gesicht, als wären andere Leute an ihrem Unglück schuld. Es hieß, sie würde neuerdings bei der Eisenbahn arbeiten.

Kaum hatte die Leupolt die Groschen für die Marmelade aus ihrer zerschlissenen Geldbörse gefischt und einzeln vor Röddelin hingezählt, da klingelte die Ladenglocke, und gleichzeitig tauchte Theas nicht zu übersehende Masse in der Tür zum dunklen Hinterzimmer auf. «Nahmd, Frau Leupolt», grüßte sie leutselig, und die Leupolten hätte anscheinend am liebsten einen Hofknicks gemacht. Half ihr aber nichts mehr, denn Erich war schon um den Ladentisch herum getreten und schob das alte Weiblein sanft in Richtung Ladentür. Dabei erst fiel ihm auf, dass die andere, die jüngere Kundin spurlos verschwunden war.

«Machst du endlich Feierabend?», keuchte Thea.

«Nee», antwortete Erich gallig. «Vielleicht kommt ja noch deine Freundin, die Schlächtermamsell, und versucht, dich anzupumpen!»

Er wusste sehr wohl, von wem Thea die Wurstzipfel bezog, die sie heimlich im Bett kaute, im Glauben, er merke es nicht.

Statt einer weiteren Entgegnung schrie Thea plötzlich auf, als wäre ihr eine Ratte über den Fuß gelaufen. Schreckensbleich wies sie auf das Schaufenster. Von außen drückte jemand seine Visage gegen das Glas.

«Der schon wieder!», grollte Röddelin grimmig und hob drohend die Faust in Richtung Fenster. Doch schon tauchte das Gesicht, das sich zu einem diabolischen Grinsen verzerrte, ins Dunkel der Straße zurück.

Erich atmete auf. Ein Glück, dass der Kerl nicht in den Laden gekommen war, um auf seine übliche Weise zu stänkern! Einmal hatte ihm Erich mit den Blauen gedroht, und der Kerl hatte unter höhnischem Lachen den Laden verlassen, nicht ohne dabei absichtsvoll einen Sack mit Erbsen umzustoßen.

Er trat zum Fenster, lockerte den Gurt und ließ die Jalousie herunter. Im Laden war es jetzt beinahe vollständig dunkel. Die sauren Gurken, deren weißer Belag sich kaum noch verbergen ließ, verbreiteten einen so infernalischen Geruch, dass er beschloss, die Ladentür hinter dem Rollladen noch offenzulassen.

Langsam, damit sich die Lüftungsschlitze weit öffneten, ließ er die hölzernen Lamellen nach unten, als er plötzlich einen heftigen Schmerz an seinem Schienbein verspürte und vor Schreck den Gurt fahrenließ. Rasselnd knallte die Jalousie auf die Türschwelle. Jemand hatte genau den Augenblick, da er den Rollladen herabließ, abgepasst, um einen Stein oder einen anderen größeren Gegenstand in den Laden zu werfen und Erich damit zu verletzen. Zorn packte ihn. Doch noch ehe er jenes ominöse Wurfgeschoss zu ertasten vermochte, tat sich vor ihm ein krachender Feuerschlund auf, der den Laden in ein blutrotes Licht tauchte. Das war das Letzte, was Erich Röddelin wahrnahm.

DREI

HERMANN KAPPE schlief in der Sekunde, in der Erich Röddelin getötet wurde, tief und fest. Nicht etwa zu Hause, sondern im Büro, den Kopf auf die Schreibtischplatte gebettet. Er konnte sich das erlauben, denn der Amtsarzt hatte bei ihm eine Art Narkolepsie festgestellt, im Volksmund auch Schlafkrankheit oder Schlummersucht genannt. Am Tage wurde er manchmal derart müde, dass er nicht anders konnte, als fünf bis zehn Minuten zu schlafen.

Dieses Leiden war ein großes Glück für Kappe, denn es verhinderte, dass man ihn zum Soldaten machte und zum Sterben nach Verdun schickte. Seine Vorgesetzten hatten von der Krankheit erst erfahren, als sie ihn Ende 1915 zum Kriminalkommissar beförderten. Wegen seiner hervorragenden Leistungen, die er seit 1910 in der Berliner Polizei erbracht hatte, aber auch, weil andere, die vor ihm an der Reihe gewesen wären, in den Schlachten in der Champagne, bei Ypern, in den Masuren oder bei Ternopil gefallen waren.

Kappe kam aus dem märkischen Wendisch Rietz, und so träumte er jetzt, in einem Angelkahn zu sitzen und über den Scharmützelsee zu rudern. Eine Nixe tauchte neben ihm aus dem Wasser. Sie sah aus wie seine Braut.

«Klara, du?!»

«Ja, ich! Und wenn nicht bald Hochzeit ist, dann ziehe ich dich hinab zu mir in die Tiefe.»

Kappe schrie auf und war im Nu hellwach.

Galgenberg, der gerade eingetreten war, sah ihn fragend an.

«Na, wer hat Sie denn erschossen, Kappe?»

«Niemand, aber Klara ist aus dem See aufgetaucht und hat verlangt, dass ich sie endlich heirate.»

Galgenberg lachte. «Wie sag ick imma: Jenieß den Frühling deines Lebens, / leb im Sommer nich verjebens, /denn sehr bald stehst du im Herbste. / Wenn der Winter kommt, denn sterbste.»

«Erlauben Sie mal!» Kappe schüttelte sich und schlug sich mit den Handflächen gegen die Wangen, um richtig wach zu werden. «Ich bin gerade erst achtundzwanzig Jahre alt geworden …»

«Ja ebent! Wie alt werden wir Männer denn? Keine dreißig, keine zwanzig, wenn wir bei Verdun vor die Hunde gehen. Und sonst …? Fünfundsechzig vielleicht, höchstens siebzig. Da haben Sie also mit achtundzwanzig Jahren schon vierzig Prozent ihres Lebens hinter sich.»

Kappe erschrak. «O Gott, ja. Dann sollte ich wirklich mal langsam vor den Traualtar treten …»

«Wenn nicht, wernse von Ihrer Klara schon getreten werden.»

«In diesen lausigen Zeiten auch noch heiraten und Kinder in die Welt setzen?» Kappe zeigte auf das Berliner Tageblatt, das auf Galgenbergs Schreibtisch ausgebreitet war. «Erst haben sie uns verboten, Kuchen zu backen, solange wir Krieg haben, und jetzt soll es Butter nur noch auf Karten geben.»

«Na, bald gibt’s ja wieder Mückenschwärme», sagte Galgenberg.

Kappe konnte ihm nicht folgen. «Was hat denn das damit zu tun?»

«Ne Menge, denn mein Vater hat immer jesagt: Man sollte nicht denken, wat so ’ne Mücke für’n Fett hat.»

Über dieses Thema ließ sich stundenlang reden. Immer größere Mengen an Fett wurden der Ernährung entzogen, denn die Nachfrage des Militärs nach Glycerin wuchs und wuchs. Man brauchte es für Sprengstoffe. Und die Kanonenrohre und Torpedos mussten mit Schmieröl versorgt werden.

Im Polizeipräsidium am Alexanderplatz war eigentlich schon lange Feierabend, aber beide hatten keine rechte Lust, nach Hause zu fahren. Galgenberg hatte eine große Familie und fürchtete den Trubel zu Hause, Kappe hatte Angst davor, dass ihm die Decke auf den Kopf fallen würde, wenn er den ganzen Abend über allein in seinem kleinen Zimmer saß. Seine Verlobte hatte heute keine Zeit, sie ließ sich privat in Stenographie und Schreibmaschine unterrichten, damit sie im Kaufhaus Rudolph Hertzog vom Verkauf ins Bureau wechseln konnte.

«Stöhnen wir von etwas anderem», sagte Galgenberg und schüttete den Rest seines Kaffees ins Waschbecken. «Können Sie sich noch daran erinnern, wie richtiger Kaffee geschmeckt hat?» Seiner hatte aus karamelisiertem Rohrzucker und Rübenmehl bestanden, andere tranken welchen aus Gerste, Malzkaffee also, Kathreiner, manche eine braune Brühe aus Lupinen, Feigen oder Eicheln.

Über dem Waschbecken hing das Schild Spare Seife!

Es war erstaunlich, dass die Behörde ihnen als Seifenersatz noch keinen Scheuersand hingestellt hatte, denn für alles gab es jetzt Ersatz, nicht nur für Bohnenkaffee. In Deutschland aß man Kunsthonig statt richtigen Honig und Margarine statt Butter, und man hatte Fleisch-, Milch-, Eier-, Tee-, Branntwein- und Bierersatz zu verkraften. Einer hatte nachgezählt und war auf 837 fleischlose Wurstersatzsorten gekommen.

Kappe kam immer noch ganz gut über die Runden, denn die Eltern schickten ihm aus Wendisch Rietz einmal im Monat ein großes Fresspaket, während Galgenberg mit dem vorliebnehmen musste, was es in Berlin zu kaufen gab. Und als er seine letzte Klappstulle essen wollte und dabei am «Natura Brotaufstrich» roch, einer aus gelb gefärbtem Mehlkleister und etwas Butter bestehenden Schmiere, konnte er nur murmeln: «Jibt dir det Leben einen Puff, / so weene keene Träne. / Lach dir ’n Ast und setz dir druff / und bammle mit de Beene.»

In diesem Augenblick stand Waldemar von Canow in der Tür, ihr Vorgesetzter, und freute sich, sie noch zu sehen.

«Bravo, meine Herren!», rief er. «Auch in der Heimat kann man seinem Volke dienen, nicht nur an der Front.»

Kappe und Galgenberg hatten Mühe, nicht laut werden zu lassen, was sie dachten: «Selig sind die Bescheuerten, denn sie brauchen keinen Lappen mehr!» Da sie fürchteten, dass man ihnen ihre Gedanken von den Gesichtern ablesen konnte, senkten sie schnell den Blick und taten, als seien sie in irgendwelche Akten vertieft.

«Ja, was ich sagen wollte … äh … Schön, dass Sie beide noch da sind.» Von Canow musste sich erst wieder auf das besinnen, was ihn zu Kappe und Galgenberg getrieben hatte. «Ah ja: Sie müssen nämlich noch ausrücken.»

Galgenberg sah auf und tat empört. «Ich bin doch kein Feigling, ich bin noch nie im Leben ausgerückt und werde auch nicht ausrücken, wenn irgendeine Gefahr im Verzuge ist.»

«Lassen Sie doch diese kindischen Späße!», fuhr ihn von Canow an. «Wir befinden uns im Krieg, und ich mahne Ernsthaftigkeit an.»

Kappe fand, dass er diesen Dialog schnellstens unterbrechen musste, und fragte, ob denn irgendwo ein Mord geschehen sei.

«Ja, in der Glatzer Straße. Jemand hat eine Handgranate in einen Kolonialwarenladen geworfen und den Inhaber getötet. Einen gewissen Erich Röddelin.»

«Eine Handgranate … Da müssen wir also nich extra nach Verdun», sagte Galgenberg. «Jetzt ham wa det ooch in Berlin.»

«Ach, Unsinn!», rief von Canow, der stolz darauf war, dass ihn in seiner Kriegsbegeisterung niemand übertreffen konnte.

«Und der Täter?», fragte Kappe. «Hat er sich gestellt, ist er schon ergriffen worden?»

«Nein, weder noch.»

Kappe erhob sich. «Dann werden wir uns mal auf den Weg machen.»

«Ist denn das Automobil für uns schon vorgefahren?», fragte Galgenberg.

«Wo denken Sie hin?!», rief von Canow. «Jeden verfügbaren Kraftwagen haben wir dem Oberkommando unseres Heeres zur Verfügung gestellt. Sie nehmen die Straßenbahn, meine Herren. Dr. Kniehase wartet schon an der Pförtnerloge auf Sie.»

Kappe und Galgenberg trafen ihn an besagter Stelle mit der «Mordtasche» in der Hand. Darin steckten Tinte und Füllfederhalter für das Protokoll, Pinzetten zur Spurensicherung, Sonden zur Untersuchung der Tiefe von Wunden, Glasröhrchen für blutige Haarbüschel, abgerissene Knöpfe und dergleichen mehr.

Dr.-Ing. Kniehase fühlte sich ganz als Wissenschaftler und damit den anderen haushoch überlegen. Er hatte als Ingenieur im kaiserlichen Heer gedient und dann lange Jahre an der Berliner Artillerie- und Ingenieurschule gelehrt, bevor man ihn gezwungen hatte, wegen einer Liebesaffäre mit der Frau eines Vorgesetzten den Militärdienst zu quittieren. Nach einigem Hin und Her war er zur Kriminalpolizei gestoßen, wo man langsam aber sicher daranging, sich bei der Aufklärung von Verbrechen auch naturwissenschaftlicher Methoden zu bedienen. Er war ein Tüftler, der mit seinen kriminaltechnischen Untersuchungsergebnissen bei der Aufklärung von Morden unentbehrlich geworden war.

Da der Photograph zum Kriegsdienst eingezogen war, schleppte Kniehase selbst den Photoapparat, während er Galgenberg das Stativ und die Blitzvorrichtung zum Tragen gab und Kappe die Mordtasche. Derart ausgerüstet zogen sie zur Haltestelle der 82 am Alexanderplatz, Richtung Küstriner Platz.

«Wenigstens haben sie uns Dienstfahrscheine mitgegeben», sagte Dr. Kniehase.

Der Fahrplan war in diesen Zeiten oft nur Makulatur, diesmal aber kam die Straßenbahn wirklich halbwegs pünktlich, doch Trieb- und Beiwagen waren jetzt zum Feierabend hin derart überfüllt, dass Galgenberg meinte, ohne Gebrauch seiner Dienstwaffe würden sie kaum mitkommen. «Wen soll ich denn …?»

«Galgenberg!», ermahnte ihn Dr. Kniehase. «Nicht in aller Öffentlichkeit!»

«Na, wenn ick erst zu Hause bin, nützt et doch nüscht mehr.» Erst beim dritten Versuch gelang es allen dreien mitzukommen. Galgenberg stand zwar nur auf dem Trittbrett, und Kappes Nase wurde beim Drängeln vom Kamerastativ so eingedrückt, dass sie blutete, aber es ging. Lange zu fahren hatten sie ja nicht.

Röddelins Kolonialwarenladen war unschwer zu finden, die gaffende Menge zeigte ihnen, wo sie hinmussten. Die Kollegen von der Schutzpolizei waren bemüht, den Tatort weiträumig abzusperren. Es roch nach Gas. Offensichtlich waren Rohre zerstört worden, und man fürchtete eine Explosion. Männer von der Gasanstalt wuselten herum. Die Feuerwehr hatte Akkumulatoren herbeigeschafft und Scheinwerfer angeschlossen, so dass für eine ausreichende Beleuchtung gesorgt war. Elektrisches Licht hatten im Kiez um den Boxhagener Platz herum nur wenige.

Ein Schupo versperrte ihnen den Weg. «Für Leute vom Fülm is hier keen Platz!»

«Für Leute aus ’m Mustopp ooch nich», sagte Galgenberg und schob den Mann beiseite. «Wir sind vonne Mordkommission.»

«Entschuldijung, et war ja nich so jemeint.»

Kappe wäre es lieber gewesen, sie hätten hier tatsächlich nur einen Film zu drehen gehabt und der Tote wäre nur vom Maskenbildner so schrecklich zugerichtet worden. In seinen bislang sechs Jahren bei der Berliner Kripo hatte er schon viele Leichen gesehen, aber niemals so dicht vor einem Zusammenbruch gestanden wie heute. Der Kolonialwarenhändler war von der Handgranate regelrecht zerfetzt worden. Sie musste direkt vor seinen Füßen explodiert sein. Ein Bein war ihm abgerissen worden. Gesicht und Brust waren nur noch als rohe Fleischklumpen auszumachen.

Kappe flüchtete sich hinter ein Feuerwehrauto, um sich zu erbrechen.

«Da haben wir ja Verdun mitten in Berlin», hörte er, als er in den Laden zurückkehrte, nun auch Dr. Kniehase sagen.

«Da hat eener janze Arbeit jeleistet», stellte Galgenberg fest. Das bezog sich auf den Zustand von Erich Röddelin wie die Einrichtung seines Geschäfts. Im Fußboden klaffte ein gewaltiges Loch. Einige Dielenbretter waren total zerstört worden, andere ragten bizarr in die Luft. Was auf den Regalen gestanden hatte, war durch den Druck der Explosion heruntergefegt worden. Mehlstaub lag auf allem, Marmeladengläser waren zerplatzt, und Gurkenfetzen schmückten das Ganze. Die Schaufensterscheibe war herausgeflogen.

Dr. Kniehase balancierte zwischen den Trümmern und suchte nach den Resten der Handgranate. Ihr Typ konnte vielleicht einen Hinweis auf den Täter geben. Kappe und Galgenberg standen ein wenig hilflos herum. Was blieb ihnen, als nach Augenzeugen zu suchen und zu fragen, wer was beobachtet hatte?

Sie bewegten sich auf die Menge zu, die sich hinter den Absperrungen versammelt hatte, und Galgenberg fragte, ob jemand den Täter gesehen habe.

«Nee, wir ham nur jehört, wie et jeknallt hat.»

Eine Portiersfrau aus dem Nachbarhaus platzte damit heraus, dass Erich Röddelin ein ziemlicher Schubiak gewesen sei. «Der hatte mehr Feinde als Haare uff ’m Kopp, weila die Leute beim Abwiegen imma beschissen hat. Harthertzig wara ooch, nie hatta anschreim lassen, da konnten die Leute vahungan.»

«Ja, so isset jewesen, det kann ick uff mein Eid nehm!», rief der Mann, der neben ihr stand.

«Und was ist mit Röddelins Frau?», fragte Kappe.

«Die hat ’n Nervenzusammenbruch jehabt und liegt im Krankenhaus.»

«Da wird sie auch noch morgen liegen», murmelte Kappe.

«Mir geht’s nicht gut, ich will nach Hause.»

Dr. Kniehase fühlte sich bei der «Morgenandacht» in den Räumen der Mordkommission in seinem Element, war wieder ganz der Dozent, der er jahrelang an der Artillerie- und Ingenieurschule gewesen war. In der Nacht hatte er kaum Schlaf gefunden, dennoch war ihm keine Müdigkeit anzumerken.

«Wie gesagt, die Explosion einer Handgranate in einem geschlossenen Raum ist zumeist für alle sich im Wirkungsbereich befindlichen Personen tödlich. Wir können im Falle Erich Röddelin davon ausgehen, dass der Täter die Handgranate von der Straße aus durch die offene Tür in den Laden geworfen hat, sozusagen um die Ecke, um sich dann fluchtartig zu entfernen. Genug Zeit hatte er … Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen offensiven Granaten und defensiven Splittergranaten. Offensive Granaten haben einen vergleichsweise kleinen, unterhalb der Wurfweite liegenden Gefahrenbereich, was es dem Anwender ermöglicht, sie ohne eigene Deckung einzusetzen. Sie werden für das Eindringen in feindliche Stellungen verwandt und wirken vor allem durch die Druckwelle ihrer Sprengladung. Wir unterscheiden ferner zwischen aufschlagzündenden und zeitzündenden Werkzeugen.»

«Werkzeuge», murmelte Kappe. Es war schon pervers, Handgranaten als Werkzeuge zu bezeichnen: Werkzeuge zum Töten.

«Aufschlagzündende Handgranaten haben den Vorteil, dass der Gegner der Waffe nicht ausweichen und sie nicht zurückschleudern kann. Bei den Engländern haben wir Handgranaten gefunden, da war aufgedruckt: Pull the ring and throw …, und handschriftlich war hinzugefügt: … it to your comrade.»

«Diese Sprache möchte ich in unseren Räumen nicht hören», sagte Waldemar von Canow.

«Pardon.»

«Und Französisch auch nicht, Herr Dr. Kniehase.»

Kappe wusste nicht, ob sein Vorgesetzter das ironisch gemeint hatte, es schien ihm aber nicht so.

Dr. Kniehase jedenfalls achtete nun auf die Reinheit seiner Sprache. «Geworfen worden ist im Falle Röddelin keine Eierhandgranate, sondern eine Stielhandgranate, im Volke Kartoffelstampfer genannt, wie sie von unserer Industrie millionenfach hergestellt wird. Bei dieser Handgranate ist der Sprengkopf an einen breiten Holzstiel angeschraubt. Dieser wirkt wie ein Hebel und verstärkt die Kraft des Wurfarms, so dass größere Wurfweiten als bei der Eierhandgranate erzielt werden. Der Zeitzünder ist im Stiel untergebracht. Wir gehen von einer Verzögerung von acht bis zehn Sekunden aus. Am unteren Ende des Stiels befindet sich, normalerweise durch eine abschraubbare Kappe geschützt, die Abreißschnur für den Reibungszünder mit der daran befestigten Perle.»

«Lassen Sie’s damit gut sein», mahnte von Canow.

«Sehr wohl … Sich eine solche Stielhandgranate widerrechtlich anzueignen, in einer Kaserne, auf dem Schlachtfeld oder in der Fabrik, dürfte für den Täter in diesen Zeiten nicht schwer gewesen sein.»

«Sie machen uns ja Mut!», rief von Canow. «Das ist geradezu defätistisch.»

«Diesen Ausdruck aus dem Französischen weise ich mit Nachdruck zurück!», rief Dr. Kniehase.

«Ende der Besprechung», sagte von Canow. «An die Arbeit, meine Herren!»

Das taten Hermann Kappe und Gustav Galgenberg dann auch und machten sich auf den Weg zu Dorothea Röddelin. Die war inzwischen, wie man am Telefon erfahren hatte, aus dem Krankenhaus entlassen worden und hatte erst einmal bei ihrer Schwester, einer gewissen Amanda Nieswandt, Quartier genommen. Deren Adresse war schnell in Erfahrung gebracht, da sie einen Seifenladen auf der Neuköllner Seite des Kottbusser Damms betrieb.

Wieder setzten sich die beiden Kriminalbeamten in die Straßenbahn, denn die U-Bahn zwischen dem Gesundbrunnen, dem Alexanderplatz und der Stadt Neukölln, ehemals Rixdorf, existierte bislang nur auf dem Reißbrett. Zwar hatte man, das heißt die AEG, schon 1913 mit ihrem Bau begonnen, nach Beginn des Krieges aber waren die Arbeiten eingestellt worden.

Als sie im Seifenladen ankamen, lag Dorothea Röddelin dort hinten im Wohnzimmer auf einer Chaiselongue und hatte einen mit kaltem Wasser getränkten Waschlappen auf der Stirn liegen. Galgenberg, der so etwas wie kein Zweiter konnte, sprach ihr das tiefempfundene Beileid aller Kriminalbeamten aus und versprach ihr, dass man alle Kraft aufwenden würde, um den Mörder ihres Mannes zu finden.

Obwohl ihre Tränen ihn anrührten, hielt sich Kappes Mitleid mit Dorothea Röddelin in Grenzen, denn zu unsympathisch wirkte sie auf ihn. In der Waldemarstraße nannte man Frauen wie sie eine «fette Wachtel». Sicherlich war sie in der Glatzer Straße nicht eben beliebt. Kappe konnte sich lebhaft vorstellen, was die Leute über sie sagten: «Die ist volljefressen, und wir hungan.» –

«Klar, die frisst uns allet weg, die kriegt den Schlund ja nie voll jenug.» - «Ihr Oller bescheißt uns beim Abwiegen und zweigt von allet, watta jeliefert bekommt, für seine Olle wat ab, damit die dick und fett wird.»

Aber beim Gespräch mit ihr durfte er sich auf keinen Fall von seinen Gefühlen leiten lassen, und um dem entgegenzusteuern, war er besonders freundlich.

«Wir können Ihren Schmerz verstehen, Frau Röddelin, und wollen nicht alles wieder aufrühren, was gestern passiert ist, aber vielleicht haben Sie etwas gesehen, was uns weiterbringt … wer der Täter gewesen sein könnte?»

«Wer es war?» Die Röddelin richtete sich auf und nahm den Waschlappen von der Stirn. «Na, sicher dieser Lork, der vorher durchs Schaufenster reingeguckt hat.»

«Lork», wiederholte Kappe und schrieb das in sein Notizbuch. «Und kennen Sie auch seinen Vornamen?»

Dorothea Röddelin sah ihn böse an. «Sie kommen wohl nicht aus Schlesien, wie?»

«Nein, aus der Mark Brandenburg.»

«Ein Lork ist ein Miststück», belehrte ihn die Röddelin keuchend. «Also … Ich gehe in den Laden, um meinem Mann zu sagen, dass gleich Feierabend ist. Da sehe ich draußen einen Kerl stehen und reingucken. Ganz neugierig, die Nase fast an die Scheibe gepresst. Als er mich sieht, geht er weiter. So eine Visage, wie der gehabt hat … So richtig wie ein Neandertaler hat er ausgesehen. Und in der Hand hat er auch was gehalten. Ich habe gedacht, das ist ein Ball oder ein großer Apfel, aber das muss die Handgranate gewesen sein. Ich bin dann in die Küche, um Kließla zu machen, weil mein Mann ganz nerrsch nach Klößen ist, da knallt es draußen und …» Wieder brach sie in Tränen aus.

Kappe ließ ihr Zeit, sich wieder zu fangen. «Dieser Mann, der kurz vor Ladenschluss vor Ihrem Schaufenster gestanden hat, den kennen Sie also?»

«Ja, das ist einer vonne Kommunisten, die uns alle abschaffen wollen, ein ganz übler Bursche. Den hätten Sie schon längst ins Gefängnis stecken sollen!»

«Den Namen kennen Sie aber nicht?», fragte Galgenberg.

«Doch, natürlich kenne ich den: Ernst Bergmann heißt der. Der hat schon letzten Oktober Morddrohungen gegen meinen Mann ausgestoßen, ich kann Ihnen sagen!»

Kappe erinnerte sich an die sogenannten Lichtenberger Butterkrawalle, die sich am 16. Oktober 1915 bis zum Wochenmarkt am Boxhagener Platz ausgebreitet hatten. Was die Frau sagte, klang also plausibel.

Gott sei Dank, sie hatten eine heiße Spur.

VIER

IN BERLIN herrschte zwar Ende April 1916 noch keine Anarchie, aber zunehmend das, was mit einem Begriff des französischen Soziologen Émile Durkheim als Anomie bezeichnet wird, das heißt, die deutsche Gesellschaft zeigte sich in einem Zustand, in dem die traditionellen Werte keine Autorität mehr besaßen, neue Ideale, Ziele und Normen aber noch nicht an ihre Stelle getreten waren. Eine für alle verbindliche Ordnung existierte nicht mehr, wenn sie denn seit 1848 je existiert hatte.

Am 23. Februar 1915 war im Bereich der «Brotkartengemeinschaft für Groß-Berlin» die tägliche Ration auf 225 Gramm Mehl festgelegt worden, und die Ernährungslage wurde immer schlechter. Schon wurde die Einrichtung von Großküchen erwogen. Kein Wunder, dass unter diesen Umständen erst das Essen kam und dann die Moral - und ein Mann wie der Handgranatenmörder überall Unterschlupf finden konnte. Wer im Verdacht stand, einen Schmarotzer wie Erich Röddelin aus dem Verkehr gezogen zu haben, konnte mit der klammheimlichen Freude vieler rechnen.

So waren bereits über sechs Wochen vergangen, ohne dass die Mordermittler in der Sache Röddelin irgendein Ergebnis vorweisen konnten. Nach dem Anarchisten Ernst Bergmann, dem mutmaßlichen Täter, war vergeblich gefahndet worden. Sein Vorstrafenregister war beachtlich. Zumeist hatte er wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt gesessen, aber auch, weil er in die Fabriken und Villen von Unternehmern eingedrungen war und dort einigen Schaden angerichtet hatte. Einen Fabrikanten hatte er so verprügelt, dass der mit einer Gehirnerschütterung und mehreren Rippenbrüchen ins Krankenhaus gekommen war. Der Richter hatte Bergmann eine Neigung zum Jähzorn und zum blinden Hass unterstellt.

Zuletzt war Bergmann in der Holteistraße polizeilich gemeldet gewesen, also ganz in der Nähe des Röddelinschen Kolonialwarenladens, dort aber am 29. Februar ausgezogen, ohne sich anderswo wieder anzumelden. Seiner Wirtin hatte Bergmann gesagt, er würde zu einem Freund in eine Laube ziehen. Da es unmöglich war, jede der zig Berliner Laubenkolonien zu durchkämmen, waren sie in der Mordkommission am Alexanderplatz gezwungen, abzuwarten und zu hoffen, dass der Mann nicht ein zweites Mal zuschlug. Blieb nur der zynische Trost, wie ihn Galgenberg formulierte: «Wer in Verdun einen anderen mit ’ner Handgranate ins Jenseits geschickt hat, der wird ja auch nie zur Verantwortung gezogen werden.»

«Und kriegt sogar noch ’n Orden umgehängt», fügte Kappe hinzu.

Galgenberg hatte das Berliner Tageblatt vor sich ausgebreitet und referierte, was sich an den verschiedenen Fronten getan hatte.

« Tag und Nacht Artilleriekämpfe um Verdun. Französische Gräben links der Maas genommen. Ein englisches U-Boot versenkt. Ein russisches Linienschiff mit Bomben belegt. Nichts Neues an den k. u. k.-Fronten. »

In diesem Moment erschien Waldemar von Canow in der Tür, er hatte die letzten Worte mitbekommen.

«Das ist ja wie bei Ihnen, meine Herren: Nichts Neues an der Front, was den Handgranatenmörder betrifft!», rief er.

«Manchmal ist eben jede Kunst vergeblich», sagte Kappe. «Bei Röddelin war es die ärztliche, bei uns ist es die kriminologische. Bergmann ist und bleibt abgetaucht. In Wendisch Rietz wäre er ja aufzustöbern, nicht aber in Berlin. Zumal wir immer weniger Männer haben.»

«Das weiß ich selber!», fauchte von Canow ihn an. «Aber ein guter Kriminaler hat eben überall seine Informanten.»

«Die habe ich auch», sagte Galgenberg. «Aber von denen ist noch nichts gekommen. Man müsste mal eine kleine Belohnung aussetzen: zwei Brote und ein Pfund Butter. Dafür tut doch heute jeder alles.»

«Galgenberg, unterlassen Sie Bemerkungen wie diese!» Galgenberg nickte und stand auf, um sich zur Toilette zu begeben. «Jut, dann muss ick ebent wat anderet unter mir lassen.» Galgenberg konnte sich einen solchen Ton erlauben, denn sein Wissen um die Dinge, erworben in langen Dienstjahren, machte ihn unangreifbar. Außerdem war er kein Sozi, sondern hing deutschnationalen und monarchistischen Werten an und hatte deshalb in der Polizeiführung genügend Leute, die ihn deckten. Man wusste auch, dass von Canow nicht gerade der Hellste war und ohne Pragmatiker wie Galgenberg gescheitert wäre.

Wie auch immer, Galgenberg zog, kaum war er von der Toilette zurück, das gemeinsame Telefon zu sich herüber und begann alle anzurufen, die er sozusagen als private V-Leute auf seiner Liste stehen hatte. Meist waren es kleine Ganoven und zwielichtige Geschäftsmänner, aber auch Frauen aus dem horizontalen Gewerbe, denen er irgendwann einmal geholfen hatte. Meist dadurch, dass er beide Augen zugedrückt hatte. So etwas zahlte sich meistens aus. So auch im Fall Ernst Bergmann. Jemand flüsterte Galgenberg ins Ohr, dass er den mutmaßlichen Handgranatenmörder in einem Lokal in der Nostizstraße 16 gesehen habe.

Sie beschafften sich einen weiteren Vorrat an Dienstfahrscheinen und machten sich auf den Weg nach Kreuzberg.

«Ich werde mal bei von Canow einen Antrag stellen, dass sie für uns einen Straßenbahnwagen als rollendes Büro anmieten», sagte Kappe. «Bei der Zeit, die wir unterwegs sind.»

Galgenberg war begeistert von dieser Idee. «Da stehe ick dann aba selba an da Kurbel. Det war schon imma mein Traum.»

«Meiner aber auch», bekannte Kappe.

Diesmal brauchten sie nicht lange nach der optimalen Verbindung zu suchen, denn mit der Linie 3, dem Großen Ring, kamen sie ohne Mühe vom Alexanderplatz zur Gneisenaustraße. Die Kreuzung Nostizstraße war schnell erreicht.

Galgenberg zeigte nach Süden. «Da hinten ham se unsam Handgranatenmörder schon ’n Denkmal gesetzt.»

«Wieso das?» Auch nach sechs Jahren gemeinsamen Dienstes wollte es Kappe nicht gelingen, sofort zu verstehen, was Galgenberg meinte.

«Na, weil da die Bergmannstraße liegt!»

«Ah ja.»

Kappe hätte das eigentlich wissen müssen, denn ganz in der Nähe hatte er bei den Grenadieren gedient. Dafür wusste er, dass die Nostizstraße eine Hochburg der Roten war, der SPD, aber vor allem derer, die links von ihr standen. Deren Kreise zu stören rief bei ihm ein gehöriges Unbehagen hervor, doch Mörder war Mörder, und er hätte seinen eigenen Bruder, ohne zu zögern, der Justiz übergeben, wenn der einen anderen Menschen mit einer Handgranate getötet hätte.

«Hat es denn Sinn», fragte er Galgenberg, «wenn wir beide ins Lokal gehen und nach Bergmann fragen? Uns sieht doch jeder an, wer wir sind …»

Der Kollege lachte. «Nach Bergmann muss man nicht fragen, den erkennt man auf den ersten Blick: Er sieht wie ein Neandertaler aus.»

So gingen sie hinein, bestellten sich je ein Bier, konnten aber Bergmann nicht entdecken. Von allen Gästen erkannt und durchschaut wurden sie auch nicht, nur der Zapfer, der ihnen ihr Bier an den Tisch brachte, wusste, wer Kappe war. Man kannte sich vom Fußball her.

«Na, Hermann, tust de wat für deine Form, nächsten Sonntag gegen 95, den 1. FC Neukölln?»

«Irrtum, auf dem Exer gegen Alemannia 90. Aber meinste denn, wir kriegen elf Mann zusammen?»

«Ick bringe meine beeden Söhne mit.»

«Die sind doch erst vierzehn», wandte Kappe ein.

«Meinste denn, die in Verdun geben Schulle, Spinne und Murkel det Wochenende frei?»

«Nee, aber …» Kappe sah sich um, ob auch niemand mithörte.

«Und wie ist es mit Ernst Bergmann, kann der nicht …?»

«Nee, der kann nich. Aber frag mal bei dem Liebknecht nach, in dem sein Büro. Oder bei Stiller.»

Sie gaben dem Mann reichlich Trinkgeld, obwohl nicht sicher war, ob von Canow das als Spesen akzeptieren würde, und gingen zum Postamt am Halleschen Tor, um im Telefonbuch nachzusehen, wo das Anwaltsbüro Karl Liebknechts zu finden war.

«Chausseestraße 121.»

Dort, das wusste Kappe von seinem Freund Theodor Trampe, hatte die «Gruppe Internationale» am 1. Januar 1916 ihre erste Reichskonferenz abgehalten. Den Namen hatte sie sich gegeben, weil Rosa Luxemburg ihren alles entscheidenden Satz «Am 4. August 1914 hat die deutsche Sozialdemokratie politisch abgedankt» in der Zeitschrift Die Internationale veröffentlicht hatte.

«Chausseestraße», wiederholte Galgenberg. «Det is ja det nächste Ende von hier. Und wat is mit diesem Stiller, is dit der Schuhfritze?»

«Carl Stiller? Wohl nicht.» Kappe überlegte. «Irgendwann hat mir Trampe auch mal was von einem Stiller erzählt, und der hieß …» Er brauchte ein paar Sekunden, bis er es hatte: «Alfred.»

Laut Adressbuch gab es einen Maler namens Alfred Stiller mit einem Atelier am Blücherplatz 2, und da es von der Nostizstraße bis dorthin nur ein Katzensprung war, beschlossen sie, zuerst ihn nach Bergmann zu fragen.

Als sie die Wohnung Alfred Stillers betraten, war auf einen Blick zu erkennen, wo dieser politisch stand, denn überall lagen Entwürfe mit roten Fahnen herum, dazu Plakate und Flugblätter, auf denen dazu aufgerufen wurde, am 1. Mai um acht Uhr abends auf dem Potsdamer Platz zu erscheinen:

Auf zur Maifeier! Am 1. Mai reichen wir über alle Grenzsperren und Schlachtfelder hinweg die Bruderhand dem Volke in Frankreich, in Belgien, in Rußland, in England, in Serbien, in der ganzen Welt! Am 1. Mai rufen wir vieltausendstimmig: Fort mit den ruchlosen Verbrechern des Völkermordes! Nieder mit den verantwortlichen Machern, Hetzern und Nutznießern! Unsere Feinde sind nicht das französische, russische oder englische Volk, das sind deutsche Junker, deutsche Kapitalisten und ihr geschäftsführender Ausschuß: die deutsche Regierung!

Kappe teilte grundsätzlich diese Meinung, wenn er es auch als Beamter mit starker Neigung zur Sozialdemokratie nie so krass formuliert hätte, während Galgenberg die Galle hochkam, wenn er so etwas las. Die Obrigkeit war von Gott, so wie es im Paulus-Brief an die Römer stand und wie er es bei den Konfirmanden gelernt hatte:

Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden ein Urteil über sich empfangen.

Kappe wartete, bis Alfred Stiller, der gerade über eine Lithographie gebeugt stand, zu ihm aufsah. «Entschuldigen Sie bitte … Wir suchen den Genossen Bergmann, Ernst Bergmann.»

«Den könnt ihr lange suchen. Raus hier!»

Zu einer Hausdurchsuchung reichten die Fakten nicht, und so blieb ihnen nichts weiter übrig, als abzuziehen und es bei Karl Liebknecht zu versuchen. Am schnellsten wären sie mit der neuen UBahn, der sogenannten Nord-Süd-Bahn, am Ziel gewesen. Doch die fuhr noch nicht. Zwar hatte man schon am 2. Dezember 1912 mit dem Bau begonnen, aber auch hier waren die Bauarbeiten kurz nach Beginn des Krieges wieder eingestellt worden. Also blieb ihnen wieder nur die langsam durch die Stadt zuckelnde Straßenbahn. Galgenberg als Berliner Urgestein hatte zwar die Linienpläne der vielen konkurrierenden Straßenbahngesellschaften weitgehend im Kopf, brauchte aber bei deren Durcheinander doch einige Zeit, ehe er herausgefunden hatte, wie sie am besten vom Halleschen Tor zur Chausseestraße kamen.

«Ganz einfach: Mit der Hochbahn zum Kottbusser Tor und dort umsteigen in die 28.»

Karl Liebknecht war, nachdem er seine Doktorarbeit an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg mit einem magna cum laude abgeschlossen hatte, nach Berlin gekommen und hatte hier 1899 zusammen mit Oskar Cohn und seinem Bruder Theodor ein Anwaltsbureau eröffnet.

Als Kappe und Galgenberg dort eintraten und frohgemut nach Ernst Bergmann fragten, schlug ihnen dieselbe eisige Ablehnung entgegen wie schon bei Alfred Stiller. Ein Anwaltsgehilfe gab ihnen einen höhnischen Rat mit auf den Weg: «Kommen Sie doch am 1. Mai auf den Potsdamer Platz, da finden Sie ihn ganz bestimmt.»

Galgenberg lüftete seinen Hut. «Danke sehr, der Herr, machen wir.»

Der 1. Mai fiel im Jahre 1916 auf einen Montag, und Kappe nutzte den Sonntag davor, um auf andere Gedanken zu kommen. Das gelang ihm am besten, wenn er Fußball spielte. Schon lange war er ja Mitglied bei Viktoria 89. Vor dem Krieg hatte es bei ihm nie zur ersten Mannschaft gereicht, dazu erschien er den Übungsleitern doch zu ungelenk und schläfrig, aber nun, da die besten Kicker alle im Felde standen, war man froh, mit ihm die Mannschaft auffüllen zu können, und stellte ihn auf. Wenn auch nur als Linksaußen, weil er dort am wenigsten Schaden anrichten konnte.

Auf dem «Gelände an der einsamen Pappel» an der Schönholzer Allee, einem ehemaligen Exerzierplatz und darum im Volksmund «Exer» genannt, ging es gegen Alemannia 90, im selben Jahr wie Viktoria als «Jugendlust» gegründet.

Es dauerte eine Weile, bis sie herausbekamen, auf welchem der vielen Plätze sie heute spielen sollten. Als sie es erfahren hatten, bemerkten sie, dass im Vorspiel die Latte zerbrochen war. Nach einigen Mühen war aber ein Zimmermann gefunden, der das gute Stück reparierte.

Die beiden Mannschaften nahmen Aufstellung. Vor dem Torwart gab es den rechten und den linken Verteidiger, dann kamen die Läufer: rechter Läufer, Mittelläufer und linker Läufer, vor ihnen die Stürmer: der Halbrechte und der Halblinke sowie Rechtsaußen, Mittelstürmer und Linksaußen. Das größte Prestige hatten der Mittelläufer und der Mittelstürmer sowie der Spielmacher auf halbrechts oder halblinks, immer balltechnisch beschlagen und mit dem strategischen Überblick eines Feldherrn.

Anpfiff. Als der ertönte, musste Kappe unwillkürlich an Galgenberg denken, der sofort gerufen hätte: «Nicht doch, Anpfiffe kriege ick schon im Dienst jenuch!»

Es war schwer, einmal abzuschalten. Schon gar nicht gelang ihm dies, als ihr Mittelstürmer einen gewaltigen Schuss aufs Tor abgefeuert hatte.

«Mann, war det ’ne Granate!», rief einer der Zuschauer. Kappe zuckte zusammen, denn er hatte sofort wieder ihren Misserfolg bei der Ergreifung des Handgranatenmörders vor Augen.

Noch mehr erschrak er aber, als er Klara unter den Zuschauern erblickte. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Sie trat an die Barriere und winkte ihn heran. Er ließ sich Zeit.

Neben ihm schrie ihr Halblinker auf. Er hatte einen Schuss in den Unterleib abbekommen und wand sich am Boden.

«Mach hier nicht den sterbenden Schwan!», kam es von den Rängen. «Wir sind nich vor Verdun!»

«Mann, hab da nich so!», schrie ein anderer. «Det war nur ’n Ball und keen Schrapnell!»

Ein Dritter gab sich als Sanitäter. «Reib dir den Sack, aber kräftig - und gleich pinkeln gehen, sonst kriegste keene Kinda mehr.» Kappe nutzte die Spielunterbrechung, um zu Klara zu gehen und sie mit einem kurzen Kuss auf die Wange zu begrüßen.

«Das ist ja lieb von dir, dass du dich mal sehen lässt, wenn ich spiele …»

«Wir müssen nachher unbedingt noch über unsere Hochzeit reden.»

Kappe überlegte lange, wie er dem entgehen konnte. Eine Gelegenheit dazu bot sich erst kurz vor dem Halbzeitpfiff. Da stieg er zu einem Kopfball hoch und stieß dabei so unglücklich mit einem Gegenspieler zusammen, dass seine Augenbraue aufplatzte. Das war nicht schlimm, er blutete aber, so sollte es der Schiedsrichter später im Spielbericht vermerken, wie ein angestochenes Schwein und musste ins Krankenhaus, um genäht zu werden.

Als das erledigt war, sah er den Arzt so treuherzig an, wie er eben konnte. «Ob Sie meiner Braut nicht sagen können, ich hätte eine Gehirnerschütterung und müsste noch zur Beobachtung hierbleiben? Sie möge aber bitte schon nach Hause gehen.»

«Muss Liebe schön sein», murmelte der Doktor und tat ihm den Gefallen.

Am nächsten Nachmittag war alles vergessen, nur ein dickes Pflaster klebte noch auf seiner rechten Augenbraue. Kappe hatte sich mit Theodor Trampe in der Waldemarstraße vor der Haustür getroffen, um mit ihm zur großen Maikundgebung auf dem Potsdamer Platz zu fahren. Galgenberg stieß am Kottbusser Tor zu ihnen.

«Wohl dem, der eine Gehirnerschütterung hat», sagte Galgenberg, als er von Kappes Malheur erfuhr. «Weeß man wenichstens, det da wat is, wat erschüttert werden kann. Bei manch eenem Zeitjenossen wär ick mir da nich so sicher.»

Während Trampe rein privat zum Potsdamer Platz fuhr, um Karl Liebknecht zu lauschen, waren Kappe und Galgenberg dienstlich unterwegs, wobei Kappe gern das Private mit dem Nützlichen verband, Galgenberg hingegen linke Sozis wie Karl Liebknecht nicht ausstehen konnte.

«Klar, die Welt muss vabessert werden, aba nich von Knallköppen, wie der eena is.»

«Na, hören Sie mal!», rief Trampe.

«Nee, kann ick nicht», entgegnete Galgenberg. «Ick bin ja schließlich nich mein Nachbar.»

«Was hat denn das mit Ihrem Nachbarn zu tun?», wollte Trampe wissen.

«Na, der heißt Völker und hört immer die Signale - die, von denen Sie imma singen.»

Theodor Trampe unterließ es, den Agitator zu spielen. Einem Mann wie Galgenberg konnte man nicht böse sein. Ohne Gemütsathleten wie ihn wäre das Leben kaum zu ertragen gewesen.

Obwohl Kappe eng mit Trampe befreundet war, hatte er ihm nicht verraten, was sein eigentlicher Grund war, zum Potsdamer Platz zu fahren, denn dass er darauf aus war, Ernst Bergmann zu verhaften, hätte Trampe gar nicht gefallen. Kappe konnte sich nicht entscheiden, was er hoffen sollte: dass sie Bergmann trafen oder dass sie Bergmann nicht trafen.

Wie er aussah, wussten er und Galgenberg ziemlich genau, denn bei der Politischen Polizei gab es ein paar Photos von ihm. Und da hatte die Röddelin gar nicht mal so unrecht, denn Bergmann sah wirklich aus wie ein Neandertaler. Aber dass ihnen dieser Neandertaler bei einer Massenkundgebung in die Arme lief, war praktisch ausgeschlossen, es sei denn, man vertraute Galgenbergs Welterkenntnis Nummer eins, die da lautete: «Haste Glück, machste dick.»

«Janz schön wat los hier», sagte Galgenberg, als sie am Potsdamer Platz aus der U-Bahn stiegen. «Wenn die mir alle ’ne Mark schenken würden, hätte ick für den Rest meines Lebens ausjesorgt.» Alles drängte in Richtung Rednertribüne. Man lief Ellenbogen an Ellenbogen, und teilweise war die Drängelei so groß wie auf dem Bahnsteig Alexanderplatz beim Entern eines gerade eingefahrenen Stadtbahnzuges. Unter den Arbeitern bemerkte Kappe auffällig viele Frauen und Jugendliche. Die ersten Scharmützel mit der Polizei ließen nicht lange auf sich warten. Einige Arbeiter hatten unten an ihren Spazierstöcken Nadeln angebracht, und pikte man mit denen in die breiten Hinterteile der Polizeipferde, bäumten die sich auf, gingen durch und verhinderten so eine befohlene Attacke.

Als es einer ausprobierte, ließ der Effekt nicht lange auf sich warten: Die Blauen und ihre Offiziere wurden nervös und fingen an, die Masse mit Fäusten hin und her zu stoßen.

Kappe hatte Mühe, nicht in Panik zu verfallen. Hier zerquetscht zu werden war auch kein schöner Tod. Wäre er doch bloß Wachtmeister in Wendisch Rietz und Storkow geblieben! Welcher Teufel hatte ihn nur geritten, ausgerechnet hier nach dem Handgranatenmörder zu suchen?

Sie waren zu weit von der Rednertribüne entfernt, um sein Gesicht deutlich erkennen zu können, sie hörten aber deutlich die sonore Stimme Karl Liebknechts: «Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!»

«Bravo!», rief Trampe.

«Pfui!», schrie Galgenberg.

Kappe lag mit seiner Meinung irgendwo dazwischen und wusste nicht so recht, wie er seine Gefühle in Worte fassen sollte. Außerdem … Er rammte Galgenberg den Ellenbogen in die Seite.

«Mensch, da ist der Bergmann!»

Richtig, der Mann, der da etwa zehn Meter von ihnen entfernt an einem Laternenpfahl lehnte, musste es sein. Stichwort: Neandertaler.

Nun ging alles ganz schnell. In dem Moment, als sie sich durch die Menge drängeln wollten, um Ernst Bergmann zu verhaften, wurde Karl Liebknecht, der kurz zuvor festgenommen worden war, inmitten eines Knäuels von Polizisten zur Wache abgeführt.

«Hoch, Liebknecht!», rief Theodor Trampe.

Sofort waren zwei Polizisten zur Stelle, um auch ihn zu arretieren.

Kappe zögerte keinen Augenblick, den Freund herauszuhauen, und zückte seine Marke.

«Das ist meiner, den habe ich schon festgenommen, der hat mir eins aufs Auge gegeben.»

Da unter dem Pflaster auf der Augenbraue noch alles blau war, zog dieses Argument, und man ließ Trampe los.

Als sich Kappe wieder auf Bergmann konzentrieren wollte, war der verschwunden. Nein, Galgenberg war ihm noch dicht auf den Fersen …

Doch auch Galgenberg hatte keinen Erfolg, denn die Berittenen hatten inzwischen blankgezogen, und ein Hieb mit der flachen Seite eines Säbels warf ihn nieder.

FÜNF

DIE BACKSTEINERNEN GEBÄUDE der Firma «Klaucke & Kutzner, Telegraphenkabel & Zubehör» standen weit draußen im Norden der Stadt, auf einem öden Grundstück an der Flottenstraße. Immerhin in der Nähe des Bahnhofs Reinickendorf an der Vorortstrecke nach Velten, so dass Karl Nassmacher morgens vom Ringbahnhof Stralau-Rummelsburg kaum mehr als fünfzig Minuten bis hier hinaus benötigte. An die Eisenbahnfahrt 3. Klasse war er seit Jahren gewöhnt, und er wäre nie auf die Idee gekommen, sich etwa am nahen Wedding eine Behausung zu suchen. Als jung zugewanderter Werneuchener fühlte er sich ganz als eingeborener Berliner. Und ein Berliner blieb seinem Kiez treu, selbst wenn sein Quartier, genau betrachtet, knapp außerhalb der eigentlichen Stadtgrenze lag, in Boxhagen-Rummelsburg, das zur jungen Stadt Lichtenberg gehörte.

In der Gryphiusstraße bewohnte er ein möbliertes Zimmer bei der Gardeoffizierswitwe Knippenhain, die einerseits über ihn und den betagten Lehrer Mehlhase, den Mieter des zweiten Zimmers nach vorn raus, ihr strenges Regiment führte, ihn andererseits jedoch auch ein wenig bemutterte, als Ersatz für den als Leutnant im Felde stehenden Sohn. Seine Gedanken über den Sohn und den Krieg behielt Karl Nassmacher tunlichst für sich. Und dass er den Vorwärts las, schien die Witwe nicht zu erschüttern. Ihr Interesse an Geschriebenem beschränkte sich auf die unregelmäßig eintreffenden Briefe des Herrn Leutnant aus Belgien - eine Zeitung zu lesen hielt sie für unter ihrer Würde. Nur Mehlhase ließ sich gelegentlich auf hitzige Diskussionen mit dem radikalen Agitator ein, als den er Nassmacher ansah.

Ein weiterer Grund, die freundliche Gegend um den Boxhagener Platz nicht zu verlassen, existierte seit nunmehr gut einer Woche nicht mehr: die gemeinsame, meist wortlose Fahrt zur Arbeit mit Emil Wasikowsky, der mit seiner Minna in Alt-Boxhagen dem Friedhof gegenüber gewohnt hatte. Am vergangenen Freitag hatten sie den alten Meister zu Grabe getragen. Nassmacher hatte ihn in den dreizehn Jahren seiner eigenen Tätigkeit bei Klaucke & Kutzner mehr und mehr schätzen gelernt. Ohne Wasikowsky wäre in dieser Bude wahrscheinlich seit Jahren kein einziger Meter Telegraphenkabel mehr gefertigt worden. Die Firma, noch vor dem Krieg mit ihren überalterten Bottichen und Maschinen aus einer baufälligen Remise am Ostbahngelände hierher in die Flottenstraße umgesiedelt, bestand eigentlich nur aus dem nie gesehenen Teilhaber Klaucke, dem ebenso redseligen wie unfähigen Direktor Kutzner - und Emil Wasikowsky, dem Einzigen, dem es gelang, dass am Ende der musealen Fertigungsstrecke tatsächlich daumendicke schwarze Kabel auf Trommeln gewickelt und verkauft wurden. Mit zunehmend hohem Gewinn, so wusste Nassmacher von Wasikowsky - wie überhaupt nahezu alles, was er über den Betrieb wusste, von Wasikowsky stammte.

Neben mancher drohenden Gebärde und gelegentlichen schmerzhaften Rippenstößen erfuhr er von ihm die Grundbegriffe der Schlosserei und der Kabelfertigung sowie Kenntnisse aus einem guten halben Dutzend anderer Berufe. Er lernte, was Guttapercha war und wie man daraus unter Zusatz von Holzteer und Harz die Isoliermischung Chatterton-Compound herstellte, und er verbrachte Tage damit, das korrekte Verlöten der Kupferadern beim Verlängern zu üben.

Zu Wasikowskys Genugtuung erwies sich Karl Nassmacher als ein anstelliger Lehrling mit beinahe ebenso goldenen Händen wie der Alte selber. Nach vier Jahren hatte es jedenfalls zu einem Gesellenbrief gereicht. Schweren Herzens musste sich Kutzner zu einem Hungerlohn für den Vorarbeiter herablassen, als den sich Nassmacher trotz seines immer noch jugendlichen Alters nach weiteren drei Jahren bezeichnen durfte. Während Wasikowsky sich weiterhin um den von einer uralten englischen Dampfmaschine angetriebenen sogenannten Maschinenpark kümmerte, unterstanden Karl Nassmacher fortan die zwei Dutzend Arbeiter, was zwar seiner Eitelkeit schmeichelte, seinem nun einmal links schlagenden Herzen aber nicht guttat.

Noch schlechter erging es jedoch der Gesundheit. Immer wieder kam es vor, dass bei Klaucke & Kutzner Männer plötzlich umkippten, entweder an den Bleibottichen oder an den stinkenden Guttapercha-Pressen, aus denen die schwarze Masse an allen unerwünschten Stellen drang. Nachdem der Stabsarzt bei der Musterung fürs Militär Karls breiten Brustkorb mit kritischer Miene abgehorcht und anschließend dessen untere Augenlider weit heruntergezogen und misstrauisch beäugt hatte, bellte er: «Beruf?» und schüttelte auf Karl Nassmachers Antwort hin nur den Kopf und sagte: «Umgang mit Blei und Kupfer, wie?»

Karl bestätigte es und erfuhr zu seiner freudigen Überraschung, er sei ausgemustert. Das Beste für ihn sei, viel Milch zu trinken und sich an der frischen Luft zu bewegen. Karl verabscheute Milch, und von frischer Luft konnte allenfalls sonntags in der Laubenkolonie die Rede sein, wenn die Genossen sich nicht in irgendeinem verräucherten Saal versammelten oder sonst etwas Wichtiges für Partei oder Gewerkschaft anlag. Außerdem: Weshalb sollte ausgerechnet er etwas für seine Gesundheit tun, wenn sie ihn anschließend dafür zu den Preußen holten?

Er hustete morgens ein bisschen und abends vor dem Einschlafen auch, aber das konnte ebenso gut von den Zigaretten herrühren, von denen er täglich an die zwanzig, dreißig Stück rauchte. Er war ein kräftiger und, wie ihm die Mädchen immer wieder bestätigten, gutaussehender junger Kerl, nicht sehr groß geraten, der aber dennoch allemal mehr Mumm in den Knochen hatte als die übrigen bleichgesichtigen Gespenster in der Halle, deren Kraft zum Schluss nicht mal mehr zum Drehen der Kabeltrommeln reichte. Selbst von denen standen inzwischen ein paar im Felde vor Verdun oder wo auch immer. Ihre Plätze nahmen - unerhörtes Ereignis bei Klaucke & Kutzner - Frauen ein! Junge Frauen sogar, die ihre Arbeit nicht einmal schlecht und für weniger Geld taten. Man musste nur auf sie aufpassen, und das fiel Karl Nassmacher nicht immer leicht. Die Mädels hatten ganz andere Tricks drauf als die Altgedienten, um den wachsamen Vorarbeiter einzuwickeln oder von irgendwelchen Fehlern abzulenken. Tricks, die Karl Nassmacher mitunter erröten und sekundenlang wegblicken ließen, denen aber gelegentlich auch mal eine Handgreiflichkeit seinerseits folgte. Und siehe da: Das schien der einen oder anderen nicht einmal unangenehm zu sein.

Seit jedoch Betti Boretzki an der Litzenflechtmaschine arbeitete, war es vorbei mit solchen Vertraulichkeiten. «Entweder du fässt mir an und keine andere - oder du fässt alle andern an und mir nie wieder», hatte sie ihm an ihrem ersten gemeinsamen Abend im Treptower Eierhäusschen klipp und klar erklärt. Er hatte sich sofort entschieden und war mit einem kühnen Vorstoß seiner Hand sehr weit an ihrem Oberschenkel vorgedrungen. «Nur noch dich», hatte er gelobt und sich seitdem streng daran gehalten. Sie war ein ausnehmend hübsches Ding, und sie himmelte ihn an, wie er bald merkte. Und nicht nur er. Die flotte Betti wurde zum Gespött ihrer eifersüchtigen Kolleginnen, wusste sich jedoch mit ihrer Berliner Kodderschnauze gut zu wehren. «Man bloß nich so neidisch, ihr alten Eisenten», war noch das Mildeste, was sie denen entgegenschmetterte. «Wer hat, der hat!»

Ja, sie hatte ihn, und er war stolz darauf. Das Problem war nur, dass sie noch in der Kochstube bei ihren Eltern in der Marienburger Straße wohnte und er bei der gestrengen Frau Knippenhain. Jetzt, wo es wärmer wurde, konnte er vielleicht die halbfertige Laube zu einem gemütlichen Nest ausbauen, aber in der kalten Jahreszeit war ihnen nur gelegentlich das spärlich möblierte Zimmer von Bettis Freundin Lotte geblieben, deren Wirtin gegen ein geringes Entgelt männliche Besucher ihrer Untermieterinnen großzügig übersah. Charlotte Naujoks arbeitete seit kurzem ebenfalls bei Klaucke &

Kutzner, ein dralles, mitunter etwas grell angemaltes Mädchen mit einem bemerkenswerten Hinterteil und aufreizendem Wesen. Nett anzusehen, aber kein Vergleich mit Betti Boretzki.

Wie hübsch und aufreizend seine Betti auch auf andere Männer wirkte, hatte Karl Nassmacher vor gut sechs Wochen zu spüren bekommen, als der plattfüßige Kutzner eines Vormittags plötzlich mit einem Offizier an seiner Seite in den Niederungen der Kabelfertigung aufgetaucht und herumgeschlendert war. Der Oberleutnant - so weit kannte sich Karl in der militärischen Rangordnung aus - durchschritt die Halle, als wate er knietief in Exkrementen, und seine Miene verriet höchsten Widerwillen. Erst als er Bettis ansichtig wurde, hellte sich sein narbiges Gesicht ein wenig auf. Leutselig und von Karl aus einiger Entfernung misstrauisch beäugt, näherte er sich der jungen Frau und setzte zu einem Gespräch an.

Betti, als hätte sie ihn gar nicht wahrgenommen, fuhrwerkte gekonnt in dem Gesträuch der Kabellitzen herum und wandte sich ihm erst zu, als der Oberleutnant sie vertraulich an die Schulter fasste. Im nächsten Augenblick war es auch schon zu spät. Die Maschine gab stotternde Knurrlaute von sich, würgte noch einen Augenblick an den Drähten und blieb stehen. Schlappend lief der Treibriemen leer.

«Sie dürfen mir hier nich ablenken!», fuhr Betti den erschrockenen Offizier an. «Jetz ham wa den Kabelsalat!»

Höchste Zeit für Karl Nassmacher einzugreifen. Natürlich nicht ohne diesem dämlichen Oberleutnant einen verächtlichen Blick zu gönnen.

Damit hatte alles Unglück angefangen.

Wie sich herausstellte, handelte es sich bei dem Offizier um Kutzners leibhaftigen Schwiegersohn, mit einem Heimatschuss soeben siegreich aus dem Felde heimgekehrt und vom Herrn Direktor als sein unmittelbarer Vertreter inthronisiert, «um den ganzen Laden mal richtig auf Vordermann zu bringen!», wie der Herr von Zabelsdorff sich auszudrücken beliebte. Er verstand zwar nichts von Elektrizität, von Kabeln oder Guttapercha-Ersatzstoffen, aber er gedachte, die Firma gründlich umzukrempeln und die Kabelproduktion erheblich zu steigern.

«Sie haben ja keine Ahnung, wie wichtig diese Kabel und Drähte draußen im Felde sind!», pflegte er etwa dreimal stündlich zu behaupten, verknüpft mit einem unpassenden Beispiel aus dem Schützengraben, das jeder in der Halle bald mitsingen konnte, gipfelnd in der Bemerkung: «Unsere Munition - das sind diese Kabel!» Von denen von Zabelsdorff allerdings nie eines auch nur mit dem kleinen Finger berührte. Der teerige Ersatzstoff für die Isolation hinterließ bleibende Flecke.

Karl Nassmacher hielt sich auf Wasikowskys Rat hin zunächst einmal zurück im Umgang mit dem forschen Herrn von von Zabelsdorff. Aber der Alte geriet schnell genug selber mit ihm aneinander, als von Zabelsdorff versuchte, ihn über Stand und Zustand deutscher Technik zu belehren. Darauf reagierte der Alte empfindlich. Und ebenso empfindlich auf von Zabelsdorffs Befehl, das Tempo der Dampfmaschine und damit aller angeschlossenen Maschinen und Aggregate zu erhöhen. Gegen Wasikowskys ausdrücklichen Willen hatte Kutzner die übliche jährliche Inspektion des schnaufenden Ungeheuers aus Manchester im letzten Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr versäumen lassen, und nun, Ende April, begannen die ersten Lager zu schlagen, und eine Welle lief hörbar unrund.

Von Zabelsdorff gab dem alten Meister die Schuld. Er tönte von Unfähigkeit und Zersetzung an der Heimatfront, von alten Knackern, die nicht vom Siegeswillen angesteckt seien und nichts von Maschinen verstünden.

Wasikowsky blieb ihm nichts schuldig, und Karl Nassmacher fühlte sich verpflichtet, seinem so ungerecht beurteilten Förderer beizuspringen.

Das brachte von Zabelsdorff erst recht in Harnisch. Von sozialistischem Gesindel war da plötzlich die Rede, von Drückebergern und Simulanten, die sich dem heldischen Kampf einer ganzen Nation zu entziehen verstanden, was er, Oberleutnant Arndt von Zabelsdorff, nicht länger hinzunehmen geneigt sei. Und ebenso wenig die Gewerkschaftsumtriebe in einem Unternehmen von nationaler und möglicherweise kriegsentscheidender Bedeutung.

Da hatte also jemand geplaudert. Vor Kutzner hatten sie ihre Parteizugehörigkeit zwar nicht direkt geheim gehalten, aber der hatte sich um derlei nie geschert. Auf der gemeinsamen Heimfahrt hatten Nassmacher und der gar nicht zu beruhigende Wasikowsky zum ersten Mal seit langer Zeit mehr als zehn Worte miteinander gewechselt. Ein Ausweg, sich dieses Ekels von Zabelsdorff zu entledigen, war ihnen nicht eingefallen.

Als Wasikowsky am nächsten Morgen nicht wie gewohnt vor der Haustür wartete, war Karl im Hinterhaus bis in den dritten Stock gestiegen, wo er auf die weinende Minna Wasikowsky traf. Ihr Mann hatte sich die ganze Nacht über unruhig herumgequält und sich immer wieder im Bett aufgerichtet, um seinen linken Arm zu massieren. Gegen Morgen war er dann plötzlich mit einem lauten Stöhnen in die Kissen zurückgesunken. Vor einer Viertelstunde hatte der Arzt den Tod festgestellt. Erschüttert stand Karl neben der Leiche des Mannes, dem er so viel verdankte, und Wut stieg in ihm auf, als er an den Verursacher dieses Unglücks dachte. Der sollte ihn kennenlernen!

Von Zabelsdorff reagierte wie erwartet auf die Todesnachricht. In seinem gläsernen Kabuff, das er sich in erhöhter Position in der Hallenmitte hatte aufbauen lassen, nahm er Nassmachers grimmigen Rapport nahezu ungerührt entgegen. «An der Heimatfront gefallen», sagte er nüchtern. «Ich habe viele Männer sterben sehen, darunter bessere als ihn.»

Am liebsten hätte ihm Karl ins Gesicht geschlagen. Doch er bezwang sich und kehrte von Zabelsdorff wortlos den Rücken.

Der rief ihn zurück. «Ich habe ein Auge auf Sie, Nassmacher!», meinte er mit einem drohenden Unterton. «Und wenn Sie glauben, dass Sie jetzt den großen Maxen spielen können, dann irren Sie sich gewaltig. Hier bin ich der Befehlshaber. Und Sie sind allenfalls ein Armierungssoldat. Einer, den ich morgen an die Front schicken kann, wenn es mir beliebt. Daran sollten Sie immer denken! Es gibt Ärzte, die einen Simulanten mal etwas gründlicher untersuchen. Und es gibt Kräfte, die sich lebhaft für politische Unruhestifter in der kriegswichtigen Industrie interessieren. Das sollten Sie niemals vergessen, Nassmacher!»

Auch das hatte Karl schweigend über sich ergehen lassen. Nur als ihn von Zabelsdorff noch einmal zurückpfiff, um ihm mit einem maliziösen Lächeln mitzuteilen, dass er künftig keinerlei Vertraulichkeiten zwischen dem offiziell nie bestätigten Vorarbeiter und den Arbeiterinnen an den Maschinen dulden würde, entgegnete Karl mit vor Wut trockener Kehle: «Fräulein Boretzki ist meine Verlobte!»

Von Zabelsdorff grinste verkniffen. «So? Das haben Sie aber bisher geheim gehalten, wie? Und Ringe tragen Sie auch nicht.»

«Bei der Arbeit an Maschinen trägt man keine Ringe», sagte Karl kalt. «Außerdem sollten doch gerade Sie den Spruch kennen: Gold gab ich für Eisen.»

Vergeblich versuchte von Zabelsdorff, seine Linke mit dem klobigen goldenen Siegelring unter der Schreibtischplatte verschwinden zu lassen. «Kümmern Sie sich um die Bleischmelze!», sagte er wütend. «Da gibt es angeblich Schwierigkeiten.»

Als er Betti in der Mittagspause von der Auseinandersetzung erzählte, wollte Karl ihr den Teil mit der Verlobung eigentlich verschweigen. Dann siegte sein gutes Herz. Betti sah ihn ungläubig an.

«Meinste det ernst?», fragte sie zweifelnd.

Karl griente. Zum ersten Mal an diesem traurigen Tag. «Gesagt ist gesagt», meinte er.

Betti fiel ihm um den Hals. «Wenn et so is, denn komm ick am 1. Mai sojar mit zu deine Dämonstruierung oder wie det heißt.»

Das war mehr, als Karl erwartet hatte.

«Eine Frau jehört an der Seite ihres Mannes», verkündete Betti hoheitsvoll.

Karl widersprach ihr nicht.

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22 декабря 2023
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9783955520038
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