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Horst Bosetzky

Aufruhr am Alexanderplatz

Von Gontards fünfter Fall

Criminalroman

Jaron Verlag

Horst Bosetzky alias –ky, emeritierter Soziologieprofessor, lebt in Berlin und gilt als »Denkmal der deutschen Kriminalliteratur«. Mit einer mehrteiligen Familiensaga, zeitgeschichtlichen Spannungsromanen und biographischen Romanen (wie »Kempinski erobert Berlin«, 2010, und »Der König vom Feuerland« über August Borsig, 2011) avancierte er zu einem der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Im Jaron Verlag erschienen von ihm daneben mehrere Titel für die erfolgreichen Krimiserien »Es geschah in Berlin« (zuletzt »Razzia«, 2013) und »Es geschah in Preußen« (zuletzt »Mamsellenmord in der Friedrichstadt«, 2012). Zusammen mit dem bekannten Rechtsmediziner Prof. Dr. Gunther Geserick veröffentlichte er Kriminalgeschichten unter dem Titel »Berliner Leichenschau« (2013).

Originalausgabe

1. Auflage 2013

© 2013 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

1. digitale Auflage 2013: Zeilenwert GmbH

ISBN 978-3-95552-034-2

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Eins

Als Christian Philipp von Gontard erwachte, brauchte er einige Sekunden, um sich zu orientieren. Die niedrige Zimmerdecke … Er war offensichtlich nicht auf seinem Gut in Wutike. Die Stille draußen … Das war auch nicht seine Wohnung in der Berliner Dorotheenstraße. Endlich erkannte er, wo er sich befand: in Wahn. Nicht etwa im Wahn, sondern in Wahn. Genauer gesagt, in der Wahner Heide nahe Köln. Er schlug die Bettdecke beiseite, setzte sich auf und massierte seine Schläfen. Der Abend mit den Kameraden war lang gewesen, und anderthalb bis zwei Flaschen Wein bei einer Feier war er nicht gewohnt.

Man schrieb das Jahr 1838, und man hatte ihn, den jungen Lieutenant des 3. Garde-Feldartillerie-Regiments, abkommandiert auf den Schießplatz Wahner Heide. Der war nach Ende der Freiheitskriege gegen Napoleon angelegt worden, als unter Prinz August von Preußen die Artillerie neu organisiert worden war. Man hatte eine möglichst gefechtsnahe Ausbildung und jederzeit einsatzbereite Truppen haben wollen und zu diesem Zweck in der Nähe von Garnisonsstädten Übungsplätze eingerichtet. Für die 1816 in Köln aufgestellte 7. Königlich Preußische Artilleriebrigade hatte die Gemeinde Wahn ab 1817 ein Gelände, das man als Truppenübungsplatz nutzen konnte, zur Verfügung stellen müssen. Die Größe dieses »Revue-Platzes« war der Reichweite der Geschütze und der Sprengwirkung der zur Verfügung stehenden Artilleriegranaten angepasst gewesen. Doch der rasante Fortschritt in der Militärtechnologie führte dazu, dass die Reichweite der Geschütze ständig zunahm.

Einquartiert hatte man Gontard im Dorf Altenrath östlich des Schießplatzes, und zwar beim Bäcker Georg Engels. Dessen Vorfahren waren allesamt Töpfer gewesen, doch nachdem dieses Gewerbe zum Erliegen gekommen war, hatte man sich anderen Betätigungen zuwenden müssen.

Gontard hatte gelacht, als ihm der Bäcker davon berichtet hatte. »Das Beschicken eines Ofens steckt Ihnen offenbar im Blut. Bei Ihren Ahnen waren es die aus Ton geformten Krüge, die in den Ofen kamen, bei Ihnen sind es die Brotlaibe.«

»Vor allem meine Kuchen. Den Kirschstreusel müssen Sie unbedingt einmal probieren!«

Viel lieber hätte Gontard Marie probiert, die Tochter des Bäckers, doch kaum hatte ihre Mutter seine begehrlichen Blicke bemerkt, warnte sie ihn auch schon: »Passen Sie nur auf, Herr Lieutenant! Unser Mariechen ist verlobt, und ihr Verlobter, der Drickes, ist ein Schmied, wo der hinlangt, da wächst kein Gras mehr.«

Also beschränkte sich Gontard darauf, Marie verstohlene Blicke hinterherzuwerfen. Seinem Freund Friedrich Kußmaul schrieb er nach Berlin, sie sei ein wahres Zuckerpüppchen.

Wenn die Engels’ mit Gontard redeten, bemühten sie sich, ein auch ihm verständliches Deutsch zu sprechen, wenn sie aber unter sich waren oder vergaßen, dass er mit am Tisch saß, dann verfielen sie in ihren rheinischen Dialekt.

So geschah es auch an diesem Morgen, als Gontard mit einiger Verspätung am Frühstückstisch erschien und sich dafür entschuldigte.

Die Bäckersfrau winkte ab. »Wer lang schlöf, dä schlöf sich wärm, wer fröh opsteit, dä friss sich ärm.«

Und gleich danach verkündete der Hausherr mit einem Blick aus dem Fenster: »Et Wedder wed jot: Die Aape klimme.«

Gontard sah ihn verständnislos an. »Wie?«

»Das Wetter wird gut: Die Affen klettern.«

Auch als Maries Mutter noch einmal auf ihren künftigen Schwiegersohn zu sprechen kam, konnte sich Gontard den Sinn ihrer Worte nicht so recht erschließen. »Wenn dä stirv, möht mer demm sing Mul extra dutschlage.« Das sollte heißen, dass der Drickes ein Schwaadlappe war – also einer, der dauernd schwätzte und dem man nach seinem Tod sogar noch den Mund totschlagen musste.

Marie fragte Gontard, ob er nicht zum Mittagessen vom Schießplatz zurück nach Altenrath kommen wolle.

Das Frühstück mit der Familie Engels hätte für ihn ewig dauern können, doch war es Zeit, sich zu erheben und zur Kirche St. Georg zu laufen, wo der Kutschwagen hielt, der ihn und seine Kameraden abholte und zum Schießplatz brachte.

Dort hatte Richard von Randersacker das Sagen, geboren am 4. Januar 1799 in Schramburg als Sohn eines Woiwoden und mit seinen Eltern aus Livland nach Preußen gekommen, nachdem man in Preußen und Österreich den Grafenstand der Familie anerkannt hatte. In Polnisch-Livland, Kurland und Litauen gehörte ihm ein von der Düna durchströmtes Gebiet von 35 Quadratmeilen mit rund 15 000 Seelen. Vermählt war er mit der Freiin Magdalene von Lixna.

Randersacker war nach dem Besuch der Liegnitzer Ritterakademie 1815 zur Artillerie gekommen. Am Ende der Befreiungskriege war er zur Garde-Artillerie nach Berlin versetzt worden. 1825 hatte man ihn zum Premier-Lieutenant befördert, danach reichte er seinen Abschied ein, weil ihm die Verwaltung und der Erhalt seiner Besitzungen sehr am Herzen lagen. Nach Ausbruch des Novemberaufstands in Polen Ende 1830 war er zur Landwehr einberufen worden und hatte die 5. Artillerie-Brigade übernommen. Dort war er 1833 zum Hauptmann ernannt worden und später zum Major aufgestiegen. Seit 1837 fungierte er als Director in der Abteilung für Artillerie-Angelegenheiten im Kriegsministerium in Berlin.

»Was ich Ihnen heute vorführen will, meine Herren, ist ein von Wahrendorff in Schweden neuentwickelter Kolbenverschluss, wie er in den nächsten Jahren für alle Hinterlader eingeführt werden soll. Ich will Ihnen aber nicht verschweigen, dass ich den Hinterladern skeptisch gegenüberstehe und für die Beibehaltung des guten alten Vorderladers plädiere. Warum wohl? Weil bei Vorderladern eine größere Treibladung benutzt werden kann und wir dadurch eine größere Reichweite und eine höhere Durchschlagsleistung erreichen. Quod esset demonstrandum!”

Randersacker hatte zu diesem Zwecke zwei Kanonen der unterschiedlichen Bauarten nebeneinander aufstellen lassen. Schon waren die bereitstehenden Kanoniere dabei, die Granaten in die Rohre zu schieben und diese auszurichten. Randersacker gab den Befehl zum Feuern.

In der Dorfschmiede von Altenrath gab es an diesem Vormittag für Meister Bernhard Büllersbach und seinen Gesellen viel zu tun. Ohne Unterlass waren sie unterwegs zwischen Feuer und Amboss, zogen mit ihren Zangen glühendes Eisen aus der Glut und formten daraus mit ihrem Hammer Hacken, Pflugscharen, Kettenglieder, Türscharniere und Hufeisen.

Doch immer wieder hielt der Geselle mitten in der Arbeit inne, starrte in Richtung der Engels’schen Bäckerei und musste von Büllersbach an die oberste Weisheit seines Berufes erinnert werden: dass man ein Eisen nur so lange schmieden konnte, wie es heiß war.

»Mensch, Drickes, wo bist du denn bloß mit deinen Gedanken!«, rief Büllersbach. »Bei Mariechen wieder?« Der Geselle bekannte, dass ihn die Eifersucht gepackt habe, denn in der Engels’schen Bäckerei habe man einen Berliner Lieutenant einquartiert, der seiner Verlobten schon den Kopf verdrehen könne. »Ein schöner Mann ist er – und adlig auch noch. Der kann sicher mem Aasch Nöss knacke. Den hätt se besser en dä Wald jespritz, do wör hä ne schöne Tannenboom jewoode.«

Der Schmied lachte. »Zänkt üch nit, schlot üch leever!« Der Geselle winkte ab. Sich mit dem Lieutenant zu schlagen, würde er nicht wagen, denn sein zweiter Schlag wäre schon Leichenschändung, und die Preußen würden ihn sicher unters Fallbeil schicken. Er versuchte, sich wieder zu beruhigen und auf seine Arbeit zu konzentrieren, doch andauernd drang vom Schießplatz Kanonendonner herüber, und er wurde immer wieder an Marie und ihren uniformierten Verehrer aus Berlin erinnert. Wer weiß, vielleicht kam der am helllichten Tage aus der Wahner Heide zurück und versuchte, Mariechen den Hof zu machen. Die Angst, seine Verlobte zu verlieren, wurde übermächtig. Er bat Büllersbach, für ein paar Minuten verschwinden zu dürfen, um zu sehen, ob die Marie auch wirklich im Laden stand und Brote verkaufte.

Büllersbach hatte volles Verständnis für Drickes’ Anliegen. Er solle nur laufen. »Jeh met Jott, äwer loss de Lieutenant levve, wenn er sich wirklich övver dat Marieche hergemaach hat!«

Drickes band seine Lederschürze ab und machte sich auf den Weg zur Engels’schen Bäckerei, die unweit von St. Georg gelegen war. Kaum hatte er den einstöckigen Backsteinbau im Blick, ließ ihn ein gedehntes Rauschen zusammenzucken, das sich anhörte, als würde ein Meteor niedergehen. Er kannte das vom Manöver her. Eine Granate! Instinktiv warf er sich der Länge nach auf den Boden. Da krachte es auch schon dicht vor ihm, und die Erde bebte. Eine Druckwelle ging über ihn hinweg, eine Staubwolke hüllte ihn ein. Als er sich wieder aufgerappelt und der Staub sich gelegt hatte, schrie er auf. Die Granate hatte die Bäckerei getroffen, Maries Elternhaus war nur noch ein einziger Trümmerhaufen. Er lief so schnell, wie er noch nie in seinem Leben gelaufen war. Vielleicht war sie noch zu retten. Herr, höre meine Worte, Herr, vernimm mein Schreien! Hilf mir um deiner Güte willen, lass Marie am Leben! Er war kein Kirchgänger, das Beten fiel ihm schwer.

Er war als Erster an der Engels’schen Bäckerei, und mit seinen gewaltigen Kräften warf er große Steinbrocken wie Kiesel beiseite und zersplitterte Balken wie Streichhölzer. Als die Nachbarn ihm zu Hilfe kommen wollten, hatte er seine Verlobte schon gefunden.

Doch er kam zu spät. Marie starb in seinen Armen.

Zwei

An diese Marie Engels musste Gontard unwillkürlich denken, als er zehn Jahre später, am 10. Februar 1848, mit seinem Freund Dr. Friedrich Kußmaul schon am Vormittag im Café Stehely saß und der Arzt von den Schriften eines gewissen Friedrich Engels zu erzählen begann. »Kennst du den?«, fragte Kußmaul, als er Gontard ein wenig spöttisch lächeln sah.

»Na sicher. Er war bei der Garde-Artillerie-Brigade hier in Berlin, wo er seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger absolviert hat. Und an der Universität hat er auch noch Vorlesungen besucht, in Philosophie, glaube ich. Aber eigentlich wollte ich den Namen Engels ein für alle Mal aus meinem Gedächtnis gelöscht haben. Zu schrecklich war das damals mit dem Schießunfall in der Wahner Heide, bei dem die Marie ums Leben gekommen ist, die Bäckerstochter, in die ich mich ein bisschen verguckt hatte.«

»Die werden doch nicht miteinander verwandt sein, die Marie Engels und der Friedrich Engels«, nahm Kußmaul an.

»Ich weiß nur, dass Friedrich Engels aus Barmen kommt – das liegt bekanntlich nicht weit entfernt von Wahn – und einen ganzen Haufen von Brüdern und Schwestern hat.« Gontard hielt inne und überlegte. »Aber wenn die Marie mit ihm verwandt gewesen wäre, hätte sie mir doch von ihm erzählt.«

»Warum sollte sie das tun?«, fragte Kußmaul. »1838 hat ihn doch noch niemand gekannt.«

»Gut, lassen wir das Thema.« Gontard wies auf die Zeitungen, die an der Wand am Haken hingen und die er noch nicht studiert hatte. »Was gibt’s denn Neues in Berlin und anderswo?«

»Im Augenblick nicht viel, aber das könnte sich in Bälde ändern.«

»Wieso denn das?«

»Ich habe einen Patienten, der gerade aus Paris gekommen ist – und da soll es mächtig gären.« Kußmaul senkte die Stimme. »Der Thron des französischen Königs Louis-Philippe wackelt beträchtlich. Das Bürgertum ist enttäuscht von ihm, weil er dem Adel die Rückeroberung seiner Privilegien beschert hat, und die Arbeiter stöhnen über ihre verzweifelte Lage und sind nahe daran, erneut auf die Barrikaden zu gehen.«

»Selbst wenn es in Frankreich wieder eine Revoluton gäbe, würde sich hier bei uns nichts ändern – so wie 1789.« Gontard gab sich in dieser Hinsicht keinerlei Illusionen hin. »Weder der Weberaufstand in Schlesien noch Bettina von Arnims sozialkritische Schrift Dies Buch gehört dem König haben hierzulande irgendjemanden aus seiner wohligen Lethargie gerissen.«

»Nun ja …« Kußmaul wusste nicht richtig, wo er ansetzen sollte. »Neulich habe ich in der Jung’schen Apotheke, an der Ecke Neue Königstraße und Barnimstraße, ein wenig mit dem Apotheker Fontane geplaudert, und der meint, dass die meisten Bürgersleute die politischen Verhältnisse satthätten. Nicht, weil sie sonderlich unter ihnen leiden würden, nein, sondern weil in Preußen alles so furchtbar antiquiert sei, als habe man am Hofe und in seiner Umgebung das letzte halbe Jahrhundert verschlafen.«

Gontard schüttelte den Kopf. »Auch im Adel gibt es genügend Menschen, die darunter leiden, dass wir keine Pressefreiheit haben, von einer liberalen Verfassung ganz zu schweigen, und dass wir von der Politischen Polizei auf Schritt und Tritt bespitzelt werden. Die Armut nimmt nie gekannte Ausmaße an. Nahrung und Wohnraum werden immer teurer, und schon ein Viertel aller Berliner ist so arm, dass man sie von der Mietsteuer befreien muss.«

Kußmaul zog seine Taschenuhr hervor. »Entschuldige, ich muss in die Sprechstunde. Meine Patienten warten schon.«

»Henriette wird auch schon ungeduldig sein, weil ich noch nicht zu Hause bin.« Damit erhob sich auch Gontard.

Als sie auf den Gensdarmen-Markt herausgetreten waren, verabredeten sie sich für den Abend, dann strebte Kußmaul seiner Ordination entgegen und Gontard dem häuslichen Herd in der Dorotheenstraße. Nach seiner Beförderung vom Major zum Oberst-Lieutenant – pünktlich zu des Königs Geburtstag – hatte er das Haus, in dem er bislang nur Mieter gewesen war, gekauft und seine Frau und die beiden Kinder endgültig vom Gut Wutike nach Berlin geholt. Es war auch höchste Zeit gewesen, denn Henriette war ihm immer fremder geworden, und die Kinder, Ferdinand und Luise, hatten ihn mehr als Onkel denn als Vater gesehen.

Mit sich und der Welt weithin zufrieden, schlenderte Gontard die Friedrichstraße hinauf und kam, nachdem er die Behrenstraße gekreuzt hatte, von der Friedrichin die Dorotheenstadt.

Die Dorotheenstraße, benannt nach der Kurfürstin Dorothea, reichte vom Kupfergraben bis zur Casernenstraße am Rande des Thiergartens. Gontard genoss es, in dieser Straße zu wohnen, in der sich ein ansehnliches Haus an das andere reihte, und erzählte Ortsfremden immer mit einem gewissen Stolz, welche Geistesgrößen hier in den letzten zwei Jahrzehnten Quartier genommen hatten. Zu ihnen gehörten der berühmte Arzt Christoph Wilhelm Hufeland und der Philosoph Arthur Schopenhauer, beide noch zu Zeiten hierher gezogen, da die Dorotheenstraße den Namen Letzte Straße getragen hatte, weil sie die letzte Straße in der Dorotheenstadt nach Norden hin war. Außerdem hatten hier der Apotheker und Chemiker Andreas Sigismund Marggraf gewohnt, dem Europa die Entdeckung des Zuckers in der Runkelrübe verdankte, und Enrique Gil y Carrasco, ein spanischer Schriftsteller, der mit Wilhelm und Alexander von Humboldt befreundet gewesen war und mit seinem romantischen Roman Der Herr von Bembibre einiges Aufsehen erregt hatte.

Vor seinem Haus angekommen, fand Gontard seine Tochter und seinen Sohn mit den Nachbarskindern in einen heftigen Streit verwickelt. Sie hatten sich darauf gefreut, die Schlacht von Waterloo nachzuspielen, aber nun wollte niemand der Napoleon sein.

»Soll ich Bonaparte sein?«, fragte Gontard.

»Nein, Papa!«, erregte sich sein Ferdinand. »Das geht doch nicht, du bist zu stark, dich kann keiner besiegen.«

Die Bewunderung, die sein 14-Jähriger ihm entgegenbrachte, freute ihn. Doch dann brach der Pädagoge in ihm durch, schließlich war er schon seit Jahren Lehrer an der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule, und er erklärte den Kindern, dass sie es wie die Schauspieler sehen müssten. »Wer auf der Bühne einen Mörder spielt, kann doch im wirklichen Leben ein herzensguter Mensch sein, der keiner Fliege etwas zuleide tut, und wer im Königlichen Schauspielhaus den Napoleon gibt, der ist im wirklichen Leben vielleicht ein glühender preußischer Patriot. Und jeder gute Schauspieler reißt sich um die Rolle des Napoleon, weil es sich um einen interessanten Charakter handelt.«

Nun wollten auf einmal alle der Napoleon sein, und Henriette, die alles vom Fenster aus verfolgt hatte, klatschte Beifall. »Ich bewundere dich, Christian, wie du alle Probleme im Handumdrehen lösen kannst«, rief sie nach unten.

»Hm, ja …« Nun konnte er seine Autorität als Königlich Preußischer Oberst-Lieutenant nutzen und von sich aus den Napoleon bestimmen – oder aber die Kinder losen lassen. Aber eigentlich hätte er, der sich so sehnsüchtig ein Parlament nach amerikanischem Muster wünschte, alle des Längeren diskutieren und dann abstimmen lassen müssen. Dies alles zu bedenken erforderte einige Zeit. Zu viel Zeit, meinten seine Kinder und ihre Freunde.

»Papa, dann spielen wir lieber, wie Königin Luise stirbt!«, rief seine Tochter gleichen Namens, nun auch schon zwölf Jahre alt.

»Ja, eine wunderbare Idee!« Da sie das einzige Mädchen war, gab es bei diesem Spiel sicher keinen Streit um die Rollenverteilung. Um aber seine Tochter nicht leblos auf einem Katafalk, sprich ihrem Handwagen, liegen zu sehen, machte er, dass er ins Haus kam.

Gontard trat in den Flur und eilte in die erste Etage hinauf, wo ihn seine Frau erwartete. Dabei rief er: »O was macht doch mein Herz für einen Sprung, wenn ich dich nur sehe!« Das war eine Anspielung darauf, dass seine Henriette eine geborene von Herzsprung war.

»Herr Oberst-Lieutenant belieben zu schmeicheln.«

»Wenn, dann nur in der Absicht, Euch zu verführen, liebste Baroness.«

»Das wird Euch nicht leichtfallen …«

Doch Gontard gelang genau dies, ehe ihre Mamsell vom Einkaufen zurück war. Bis zum Mittagessen konnte er sich nun ein wenig erholen, danach hatte er zu seiner nachmittäglichen Lehrveranstaltung in den Hörsaal zu eilen. Die Vereinigte Artillerie- und Ingenieurschule war 1816 gegründet worden und hatte 1823 Unter den Linden No. 74, an der Ecke zur Wihelmstraße, ein repräsentatives Hauptgebäude bekommen. In einjährigen Kursen wurden hier die Lieutenants ausgebildet, die bereits auf einer Kriegsschule gewesen waren und danach zwei oder drei Jahre Dienst bei der Truppe geleistet hatten. Das Curriculum beinhaltete nicht nur die Fächer Artillerie- und Ingenieurwissenschaften, sondern auch Mathematik, Geographie, Geschichte, Deutsch und Französisch.

Was ihn an seiner Tätigkeit reizte, waren nicht nur der Umgang mit jungen Menschen und das Dozieren, sondern auch das tägliche Gespräch mit Kollegen, die aus zivilen Berufen kamen. So freute er sich, heute am Eingang der Schule Gotthilf Hagen zu treffen, einen geborenen Königsberger, der Dozent für Wasserbau war. Er war Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften und Ehrendoktor der Universität Bonn.

Gontard liebte es, den ernsthaften Hagen dadurch zu verwirren, dass er einen heiteren Ton anschlug. »Wissen Sie eigentlich, dass die Berliner schon 1448 eine große Tat der Wasserbaukunst vollbracht haben?«

Der Ingenieur überlegte. »Hier an der Spree hat es doch nie richtige Deiche gegeben, und an die wasserwirtschaftlichen Regulierungen im Oderbruch und im Rhinluch war 1448 noch lange nicht zu denken.«

»Nein, aber 1448 haben die Berliner einen Damm zur Spree durchstochen und die Baugrube des Schlosses unter Wasser gesetzt. Sie wollten keine Zwingburg der Hohenzollern an dieser Stelle.«

»Ja, der Berliner Unwille«, brummte Hagen. »Ich hoffe nur, dass die Berliner vierhundert Jahre später nicht wieder unwillig werden. Man hört da so einiges munkeln …«

Was dies betraf, hielt sich Gontard lieber bedeckt, und er brachte das Gespräch wieder auf Hagens Fachgebiet.

»Die Preußen beklagen schon lange, dass sie keinen Nordseehafen haben, und es heißt, sie wollen nun am Jadebusen ein Stück Land kaufen und dort einen errichten …«

»Das sind wohl alles nur Träume von Prinz Adalbert von Preußen. Aber wenn es tatsächlich so weit kommt, dann hoffe ich schon, dass man mich ruft, um diesen Hafen zu bauen«, erklärte Hagen.

Damit verabschiedeten sie sich voneinander, und Gontard machte sich auf den Weg zum Hörsaal. Beim laufenden Jahrgang hatte er vertretungsweise das Fach Kriegsgeschichte übernommen und dies auch nicht bereut, denn die Herren Lieutenants waren wesentlich aufmerksamer, wenn man über große Schlachten sprach und ihnen nicht die mathematischen Formeln zum Berechnen der Flugbahn von Granaten beizubringen versuchte.

»Kommen wir heute zur zwölften Schlacht des Siebenjährigen Krieges, nämlich zu der von Zorndorf, nordöstlich von Küstrin, am 25. August 1758. Bei Zorndorf gibt es eine teilweise sumpfige Niederung mit dem Galgen- und dem Zaberngrund, verschiedenen Tümpeln und kleinen Gehölzen, die eingebettet ist in eine weiträumige Heidelandschaft.« Gontard ging an die Tafel, skizzierte die Stellungen der Russen und der Preußen und erklärte den Schlachtverlauf. »Die Russen unter General Wilhelm von Fermor kommen von Küstrin her, das sie mit der Artillerie beschossen haben, und erwarten hier bei Zorndorf die Preußen unter Friedrich dem Großen. Der hat 36 800 Mann aufzubieten, die Russen 44 300. Bei Sommerhitze wird den ganzen Tag über erbittert gekämpft. Der preußischen Infanterie gelingt es nicht, eine Bresche in die gegnerischen Stellungen zu schlagen, und schließlich muss der linke preußische Flügel zurückweichen. Da passiert etwas höchst Beachtliches: Der König selbst steigt vom Pferd, ergreift die Fahne des Infanterieregiments No. 46, das General von Bülow befehligte, und bringt seine fliehenden Soldaten dazu weiterzukämpfen. Das nützt aber nichts, die Niederlage scheint sicher, zumal der Reitergeneral Friedrich Wilhelm von Seydlitz, der mit seinen fünfzig Schwadronen auf dem rechten Flügel steht, entgegen dem ausdrücklichen Befehl des Königs nicht eingreift. ›Er haftet mit Seinem Kopf für die Bataille!‹, ruft der König aus. Doch Seydlitz’ Erfahrung, seine Intuition und seine einzigartige Fähigkeit, eine Schlacht zu lesen, sagen ihm, dass der richtige Zeitpunkt für eine Kavallerieattacke noch nicht gekommen ist, und so wartet er ab. Erst als die Russen, die weit in die preußischen Stellungen eingedrungen sind, ihm den Rücken zuwenden, entscheidet er die Schlacht zugunsten Preußens mit einer fulminanten Kavalkade.«

Hurra-Rufe erklangen im Hörsaal, und nun wurde darüber diskutiert, ob es klug war, dass der König mit seinem Eingreifen sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte und ob sich Kaiser und Könige überhaupt mitten auf dem Schlachtfeld aufhalten sollten. Eine andere wichtige Frage war, ob man Seydlitz wegen Befehlsverweigerung vor das Kriegsgericht hätte stellen sollen oder er als der eigentliche Sieger von Zorndorf auf einen Denkmalssockel gehörte.

»Das ist ja das Thema von Kleists Prinz von Homburg!«, rief einer der Lieutenants.

Gontard nickte. »So ist es, nur mit dem Unterschied, dass Friedrich dem General Seydlitz noch auf dem Schlachtfeld dankte und nicht wie der Große Kurfürst das Kriegsgericht bemühte.«

Darüber wurde noch eine Weile diskutiert, dann war die Stunde zu Ende, und Gontard konnte sich wieder auf den Heimweg machen. So ließ sich das Leben genießen, sogar in dem großen Gefängnis namens Preußen. Gerade war er wieder auf die Straße Unter den Linden getreten, da lief er Julius Hitzig in die Arme.

Der stammte aus der Hofjudenfamilie Itzig, war aber 1799 zum Christentum konvertiert und hatte ein H vor seinen Namen setzen lassen. Hitzig betätigte sich als Jurist und Verleger. Er war 1815 Criminalrat in Berlin geworden, und 1827 hatte man ihn zum Director des Inquisitoriats sowie zum Mitglied im Criminal-Senat ernannt. Seit 1835 befand er sich allerdings im Ruhestand. Er hatte strafjuristische Fachzeitschriften begründet, war aber dem breiteren Publikum vor allem durch die Sammlung Der neue Pitaval bekannt geworden, die er zusammen mit Willibald Alexis herausgab und in der in regelmäßiger Folge Bände mit aufregenden Criminalfällen erschienen.

»Na, mein lieber von Gontard, von Ihnen war in letzter Zeit ja wenig zu hören. Haben Sie es aufgegeben, die Fälle unseres wackeren Criminal-Commissarius Werpel zu klären?«

»Mitnichten, aber seit dem Mamsellenmörder und dem Mord an Oberst-Lieutenant von Streyth hat es keine Fälle mehr gegeben, die mich hätten interessieren können. Und wenn Sie mich dazu animieren möchten, wieder einmal eine Tat aufzuklären, dann müssten Sie schon selbst den perfekten Mord begehen.«

Hitzig kam nicht umhin, Gontards besondere Leidenschaft von der moralischen Seite her zu betrachten.

»Sehnsüchtig auf den nächsten Mord zu warten erscheint mir doch ein wenig zweifelhaft.«

Gontard lachte. »Das Publikum will es so. Es liebt das Erschaudern, und jeder ist glücklich, dass es ihn nicht getroffen hat. Außerdem eint das Verbrechen die aufrechten Gemüter im Abscheu vor Tat und Täter und macht dem Volke, wenn der Täter erst einmal am Galgen hängt, klar, dass sich das Morden nicht lohnt.«

»Ach Gontard, jetzt weiß ich endlich, dass ich nicht vergebens gelebt haben werde!«, rief Hitzig, um sich dann zu verabschieden und seinen Weg in den Thiergarten fortzusetzen. »Also, hoffen wir auf den nächsten schönen Fall!«

Gontard liebte sein Zuhause, seine Frau und seine Kinder, doch den ganzen Tag dort zu verbringen langweilte ihn. So hatte er sich auch für den heutigen Abend mit Friedrich Kußmaul verabredet, um durch Berlin zu streifen und zu hören, was im Volke so geredet wurde. Sie hatten vereinbart, dass Gontard in die Ordination kommen sollte, da nie ganz genau vorherzusagen war, wann der letzte Patient gegangen war. Also machte sich Gontard auf zum sogenannten Löben’schen Haus, das an der Ecke Leipziger und Jerusalemer Straße gelegen war. Früher war hier das Hauptritterschaftskreditkollegium untergebracht gewesen, jetzt gab es in dem vierstöckigen Eckhaus Privatwohnungen, und Kußmaul hatte sich auf der ersten Etage seine Praxis eingerichtet.

Bei der letzten Volkszählung vom 3. Dezember 1846 hatten 408 502 Menschen ihren Wohnsitz in Berlin gehabt, und inzwischen mochten es noch ein paar mehr geworden sein, so dass Gontard eigentlich damit rechnen konnte, Unter den Linden, in der Friedrich oder der Mohrenstraße einen Verwandten oder einen lieben Freund zu treffen, doch der Zufall war heute gegen ihn. Dafür lief er auf dem Hausvogteiplatz Waldemar Werpel in die Arme.

Der Criminal-Commissarius gab sich übertrieben freundlich. »Nun, verehrter Herr Oberst-Lieutenant, wie ist das werte Wohlbefinden?«

»Danke für die Nachfrage, lieber Werpel. Ich möchte sagen, schlecht, denn schon allzu lange haben wir beide zusammen keine Bluttat mehr aufklären können.«

Werpel kniff die Augen zusammen. »Ich dachte, der Innenminister habe Ihnen das ausdrücklich untersagen lassen …«

Gontard lachte. »Nein, das hat Herr von Bodelschwingh nicht getan.« Am liebsten hätte Gontard hinzugefügt: Schließlich schätzt er mich als einen Liberalen und ist mit seinem König alles andere als d’accord. Aber das brauchte er Werpel nicht auf die Nase zu binden. »Ich hätte zu gern einmal gewusst, wer sich an den Minister gewandt hat. Haben Sie da einen Verdacht?«

Werpel drehte sich um. »Meine dienstlichen Pflichten gestatten mir leider keine längere Plauderei. Adieu, Herr Oberst-Lieutenant!«

Gontard sah dem Criminal-Commissarius schmunzelnd hinterher. Irgendwie tat er ihm leid. Zu oft hatte er ihm den Sieg beim Kampf gegen das Verbrechen weggeschnappt. Andererseits wäre Werpel sicherlich schon längst in die tiefste ostpreußische Provinz versetzt worden, wenn er nicht auch von Gontards Erfolgen profitiert hätte.

Nachdenklich, aber doch bestens gelaunt stieg er dann zu Kußmauls Praxis hinauf. Er freute sich schon darauf, im Wartezimmer in den ausgelegten Journalen zu blättern. Doch als er eingetreten war, erstarrte er. Denn wer dort saß und in der Vossischen Zeitung las, war keine andere als … Flora Morave. Bevor er Henriette kennengelernt hatte, hatte er viele Amouren mit Tänzerinnen und Schauspielerinnen gehabt, und Flora hatte zu seinen Favoritinnen gehört. Und er wäre jetzt auch nicht derart in Panik geraten, wenn zu dieser Zeit nicht gerade eine gewisse Lola Montez, auch eine Tänzerin, das gesamte bayerische Königreich durcheinandergewirbelt hätte. Die Dame hatte eine Affäre mit Ludwig I. und von diesem Verhältnis finanziell bereits erheblich profitiert. Er hoffte inständig, dass Flora ihn nach rund fünfzehn Jahren nicht wiedererkennen würde – oder nicht wiedererkennen wollte. Doch seine Hoffnung war vergebens.

In ihrem Gesicht arbeitete es einen Augenblick, dann lächelte sie, leicht maliziös, wie ihm schien, stand auf und streckte ihm ihre Hand entgegen. »Oh, que c’est beau de vous voir encore une fois, mon ami une fois tant aimé .”

Gott sei Dank hatte sie das auf Französisch gesagt, und die anderen im Wartezimmer Sitzenden verstanden es offenbar nicht. Nur der Junge, der neben ihr saß, grinste anzüglich.

»Auch für mich ist es ein Vergnügen, Ihnen, Mademoiselle Flora, in diesem Leben noch einmal zu begegnen.« Gontard küsste ihr die Hand.

Sie wies auf den grinsenden Jungen. »Darf ich vorstellen? Mein Sohn Jean-Paul.«

Gontard erschrak, denn er hatte schnell zurückgerechnet. O nein, diese Ähnlichkeit! Aber wenn Jean-Paul wirklich sein Sohn war, warum hatte sich Flora nie gemeldet? Und jetzt? War sie etwa aus Paris zurückgekommen, um ihn, wie die Berliner sagten, auszunehmen wie eine Weihnachtsgans? O Gott, der Skandal, wenn Henriette davon erfuhr! Und all die preußischen Beamten, die ihn wegen seiner liberalen Tendenzen schon lange im Visier hatten! Plötzlich hatte er eine Schreckensvision vor Augen: Flora wurde in Berlin ermordet – und für Werpel wie auch den Polizeipräsidenten von Minutoli gab es da nur einen möglichen Täter, nämlich ihn. Ihm wurde siedend heiß. Was tun? Fliehen oder standhalten?

Wer ihn rettete, war sein Freund, denn gerade in diesem kritischen Augenblick öffnete Kußmaul die Tür zum Sprechzimmer und erfreute die Wartenden mit der Aufforderung: »Der Nächste bitte!«

Da sprang Gontard vor, drängte einen Rentier zur Seite, presste die rechte Hand auf den Unterbauch und stöhnte: »Herr Doktor, mein Blinddarm! Ich sterbe!«

Dr. Kußmaul ahnte natürlich nichts von den Zusammenhängen, begriff aber sofort, dass Gontard in Not war, und ließ ihn an sich vorbei ins Behandlungszimmer schlüpfen, wo er dann auch über alles aufgeklärt wurde.

»Was nun, Fritz?«, fragte Gontard, nachdem er seinem Freund die Geschichte erzählt hatte.

Der Arzt musste nicht lange überlegen. »Ich lasse dich jetzt durch die Hintertür entkommen, und du gehst rauf zu meiner Frau und lässt dir einen Baldriantee aufbrühen.«

Der tat dann auch bald seine Wirkung, aber noch mehr half Gontard der Trost, den ihm Luise Kußmaul zuteilwerden ließ. »Deine Henriette hat ein großes Herz, und sie wird es hinnehmen, dass du noch ein drittes Kind gezeugt haben könntest – es war ja alles vor ihrer Zeit.«

»Aber was ist, wenn Flora Geld von mir haben will, viel Geld, und damit droht, sonst einen Riesenskandal zu entfesseln?«

»Dann hast du uns an deiner Seite, und du kennst selbst eine Menge einflussreicher Leute. Was soll da schon passieren?«

Gontard war verzweifelt. »Falls sie umgebracht wird, werde ich als ihr Mörder verdächtigt werden.«

Luise Kußmaul sah ihn verständnislos an. »Warum sollte sie denn umgebracht werden?«

»Ich habe so ein merkwürdiges Gefühl …«

Und von diesem Gefühl kam er auch am Abend nicht los, als er mit Kußmaul durch Berlin streifte, um herauszufinden, ob es irgendwo Anzeichen für ein bevorstehendes politisches Erdbeben gab. In Mailand, Palermo, Neapel und Padua hatte es schon Unruhen gegeben. Breitete sich die Revolte von dort nach Norden aus? Wurde München, wo Lola Montez weiter für Aufregung sorgte, als erste deutsche Stadt erfasst? Dies alles fragten sich die Berliner, insbesondere die Intellektuellen, die im Roten Salon des Lesecafés Stehely oder im Lese-Cabinet der Berliner Zeitungs-Halle am Gensdarmen-Markt beisammensaßen und diskutierten. Zeitungen mussten in Preußen von der Zensur genehmigt werden, aber viele ausländische Blätter wurden im Reisegepäck nach Berlin geschmuggelt. Besonders begehrt waren die aus der Schweiz, wo das liberale Bürgertum gerade einen grandiosen Sieg errungen hatte. Wer eine der raren Zeitungen aus Zürich oder Bern ergattert hatte, stellte sich oft auf einen Stuhl und las den anderen laut daraus vor. Diesmal erlebten Gontard und Kußmaul den Tierarzt Friedrich Ludwig Urban in dieser Rolle. Es hieß, Urban sei prädestiniert dafür, das Volk anzuführen, wenn es in Berlin zu einer Revolution kommen sollte.

»Gott«, murmelte Gontard, »einen preußischen Danton oder Robbespierre hätte ich mir anders vorgestellt. Dieser Urban ist doch nur eitel und geltungssüchtig und viel zu romantisch und gefühlsselig, als dass er die Massen mitreißen könnte.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, widersprach Kußmaul ihm.

Wesentlich besser gefiel Gontard später der Kellerhalsredner Heinrich Carrenzien, den sie in der Weinmeisterstraße erlebten. Kellerhalsredner hießen Leute wie er bei den Berlinern, weil sie auf den niedrigen, überdachten Treppen standen, die in die Kellerlokale führten, und von dort aus zu den anwesenden Gästen sprachen.

»Ihr Männer alle«, rief er mit Stentorstimme, »erhebt euch, um für das zu kämpfen, was für euch am wichtigsten ist: das Recht auf Arbeit! Fordert die Einrichtung von Nationalwerkstätten, wo man euch mit gemeinnützigen Arbeiten beschäftigt und gut entlohnt. Das sichert euer Überleben und den allgemeinen Wohlstand.«

»Dann soll der Carrenzien mal den Karren ziehn«, reimte Kußmaul. »Und zwar aus dem Dreck.«

Sie hätten ihm gern noch länger zugehört, doch hinter ihnen gab es einen kleinen Auflauf. Zwei Männer waren in eine heftige Schlägerei geraten. Offenbar ging es um ein auffallend schönes Mädchen. Wie Gontard und Kußmaul den Zurufen der Umstehenden entnehmen konnten, handelte es sich bei den Herren um den Arbeitsmann Ferdinand Dünnebier und den Tischlergesellen Gottlieb Letschinski und bei der Dame um eine gewisse Auguste Gärtner, offenbar eine Dienstmagd. Jeder drohte dem anderen, ihn auf der Stelle umzubringen.

»Dir is wohl schon lange keen blutijet Ooge übers Chemisett jekullert!«

»Dir hau ick uff ’n Kopp, dette in keen Sarg mehr passt!«

»Een Schlag, und deine Neese sitzt hinten!«

»Ick schmeiß dir an de Wand, dette kleben bleibst und der Criminal-Commissarius dir abkratzen muss!«

Kußmaul wandte sich an Gontard. »Da scheint es endlich mal einen Fall für dich zu geben.«

Gontard wehrte ab. »Nicht doch, du beleidigst mich. Wer da der Täter ist, findet sogar Werpel auf Anhieb heraus, das ist weit unter meinem Niveau.«

Drei

Franz Theodor Kugler saß mit Adolph Menzel am 14. Februar, einem Montag, im Hotel Ruppiner Hof in der Spandauer Straße No. 79. Die beiden verband nicht nur eine innige Freundschaft, sondern auch eine gemeinsame berufliche Erfahrung: Menzel hatte für Kuglers Geschichte Friedrichs des Großen rund vierhundert Zeichnungen angefertigt und damit zu dem großen Erfolg des Werkes beigetragen. Menzel war es dadurch außerdem gelungen, sich als Künstler einen Namen zu machen und Kontakte zum Hof zu knüpfen. Kugler hatte schon vorher einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht, nicht zuletzt durch sein 1830 erschienenes Skizzenbuch mit dem Volkslied An der Saale hellem Strande. Er war Mitglied der Sing-Akademie zu Berlin und der literarischen Vereinigung ›Tunnel über der Spree‹.

»Wie geht es bei dir zu Hause?«, wollte Menzel nun von Kugler wissen.

Kugler lächelte. »Danke, gut, wenn auch manchmal recht hitzig.« Das war eine Anspielung darauf, dass er vor fünfzehn Jahren Clara Hitzig geheiratet hatte, die Tochter von Julius Eduard Hitzig. »Wir haben drei sehr lebhafte Kinder.«

Da schwieg Adolph Menzel. Wegen seiner »Gnomenhaftigkeit« – 1,40 Meter maß er lediglich – war er nicht nur als untauglich für das Militär erklärt worden, sondern wurde auch von allen Frauen übersehen, die ihm gefielen. Die menschliche Wärme fand er bei seiner Mutter und seinen Geschwistern, mit denen er auch zusammenwohnte.

Menzel griff nach seinem Weinglas. »Ich hoffe nur, wir schaffen es zeitlich wie finanziell, in diesem Sommer einmal zu verreisen.«

Kugler legte ihm die Hand auf den Unterarm. »Warte nur, bis sie deine Bilder überall ausstellen und dich zu allen Vernissagen anreisen lassen.«

»Ja, Dresden, Wien, Paris – das wäre wunderbar!«

»Und Breslau nicht?«, fragte Kugler. Dort war Menzel am 8. Dezember 1815 zur Welt gekommen – wie so viele echte Berliner.

Menzel winkte ab. »Über Breslau habe ich erst letzte Woche mit Borsig geredet, der kommt ja auch von daher.«

»Willst du nicht eine seiner Lokomotiven malen, wie sie durch die Schöneberger Wiesen dampfen?«, fragte Kugler.

Menzel fasste sich an den Kopf. »Gott, Franz, das habe ich doch schon letztes Jahr getan!«

Kugler seufzte. »Dass ich das vergessen konnte! Wie kann ich das nur wiedergutmachen?«

»Ganz einfach. Sorg dafür, dass sie mich aufnehmen in diesen Verein mit dem Namen ›Tunnel über der Spree‹.«

»Versprochen.«

Damit leerten sie ihre Gläser, zahlten die Zeche und nahmen Abschied voneinander. Danach machten sie sich auf den Heimweg, was ein ziemliches Abenteuer war, denn eine elektrische Straßenbeleuchtung gab es in Berlin noch lange nicht, und man musste sich darauf verlassen, dass etwas Licht aus den Wohnungen fiel und die trüben Gaslaternen an den Hauseingängen nicht vom Wind ausgeblasen worden waren. Dazu kam, dass die Bürgersteige nur grob gepflastert waren und zum Fahrdamm hin von einer breiten Rinne gesäumt wurden, durch die das Regenwasser abfließen sollte. Ab und an gab es schmale hölzerne Stege, auf denen man sie überwinden konnte.

Aber Kugler hatte es nicht weit, er wohnte in der Stralauer Straße, gleich hinter dem Molkenmarkt, brauchte also nur die Spandauer Straße hinunterzugehen. Das war eigentlich in ein paar Minuten zu schaffen – und dennoch dauerte es heute eine gute Stunde, ehe er zu Hause war. Denn an der Nikolaikirchgasse stolperte er über einen menschlichen Körper.

»Heh, Wache!«, schrie er in die Dunkelheit. »Hier liegt ein Betrunkener. Kommt den mal holen, sonst erfriert er noch.«

Als der Nachtwächter mit seiner Laterne heran war, erkannte Kugler den Mann: Es war Ferdinand Dünnebier, ein Dienstmann, der ihm schon oft beim Tragen schwerer Lasten geholfen hatte.

»Der is ja gar nich besoffen«, stellte der Nachtwächter fest, nachdem er sich zu Dünnebier hinuntergebeugt hatte. »Der ist tot, dem hamse ’n Schädel einjeschlagen. Sehn Se det Blut hier hinten am Koppe …«

Der Criminal-Commissarius Waldemar Werpel wohnte schon seit einer halben Ewigkeit in der Oberwallstraße. Die begann Unter den Linden, quetschte sich zwischen Kronprinzen und Prinzessinnenpalais hindurch Richtung Süden und endete am Hausvogteiplatz. Direkt neben ihm, im Hause No. 4a, hatte August Neidhardt von Gneisenau gelebt, einer der großen preußischen Heerführer in den Befreiungskriegen, und das erfüllte Werpel, der Preuße durch und durch war, mit nicht geringem Stolz.

Wie an fast allen Abenden langweilte er sich auch an diesem. Seine acht Kinder schliefen schon, ebenso seine Frau. Das war bedauerlich, weil er sich gern wieder einmal als Ehegatte betätigt hätte. Nun war er mit Minna schon seit über zwanzig Jahren verheiratet, und da sie zudem in letzter Zeit sehr in die Breite gegangen war, begehrte er sie eigentlich nicht mehr, doch am Tage hatte er in seiner Amtsstube die Tänzerin Flora Morave zu Besuch gehabt, der man Geld gestohlen hatte, und seitdem war er sexuell derart aufgeladen, dass er es ohne Kopulation kaum noch aushalten konnte. In ein Bordell zu gehen, was das Naheliegendste gewesen wäre, verbot ihm sein Amt. Was tun? So saß er beim Schein seiner Rübenöllampe am Küchentisch, tat so, als würde er Akten studieren, und ließ seine rechte Hand ihr Werk vollbringen. Gerade nahte die Erlösung, da wurde kräftig an seine Haustür gebummert.

»Herr Commissarius, schnell, kommen Sie!«, schrie jemand von der Straße her. »Ein Mord an der Nikolaikirche.«

Werpel fühlte sich um seine Lust betrogen und verfluchte Gott und die Welt. Aber was half ’s? Über allem standen Dienst und Pflichterfüllung. Also knöpfte er eilig seine Hose zu und lief auf den Flur. »Wer ist denn da?«

»Der Kugler.«

»Pardon, ich eile!« Werpel war natürlich nicht entgangen, dass Franz Theodor Kugler beim König ein Stein im Brett hatte. Er öffnete, bedankte sich in blumigen Worten für die Aufmerksamkeit des Schriftstellers und lief dann zur Kammer seines Ältesten. »Johannes, zieh dich an, und lauf zu Constabler Krause! Er soll sich auf der Stelle an der Nikolaikirche einfinden. Wir müssen sogleich herausfinden, um wen es sich bei dem Ermordeten handelt.«

Kugler lächelte. »Das kann ich Ihnen jetzt schon sagen. Es ist der Dienstmann Ferdinand Dünnebier.«

Werpel zuckte zusammen. Alle taten so, als wäre er ein Kretin. »Hat Ihnen das der Oberst-Lieutenant von Gontard verraten?«

»Nein – wieso? Der war doch gar nicht an der Nikolaikirche.«

»Gut, dann wollen wir mal!« Er sagte noch schnell seiner Minna Bescheid, die schlaftrunken in den Flur getreten war, dann machte er sich an der Seite Kuglers auf den Weg zur Nikolaikirche. Sie liefen über die Französische Straße zum Werderschen Markt und weiter zum Schloßplatz, um die Spree zu überqueren. Hier stank es fürchterlich, denn die sogenannten Latrinen-Emmas hoben gerade die Fäkalieneimer, die sie in den anliegenden Straßen aufgeladen hatten, von ihrem Handkarren und kippten sie in den Fluss. Beim Einbiegen in die Poststraße kam ihnen der Constabler Krause entgegen.

»Welchen Wirt soll ick festneh’m?«, fragte er Werpel.

»Welchen Wirt Sie festnehmen sollen?«, wiederholte Werpel, der sich darauf beim besten Willen keinen Reim machen konnte.

»Na, den, der det zu dünne Bier ausjeschenkt hat.« Werpel seufzte. Es stimmte leider, was viele von Krause behaupteten: dass er dümmer sei, als die Polizei erlaubte. Er erklärte ihm, dass der Ermordete den Namen Ferdinand Dünnebier trug.

»Det muss doch ’m dummen Menschen jesagt werden«, maulte Krause.

»Darum sag ich’s Ihnen ja.« Werpel wandte sich an Kugler, da sie nun das Gotteshaus erreicht hatten und auf der Nordseite umrundeten, um in die Nikolaikirchgasse zu gelangen. »Wo genau liegt denn nun der tote Dünnebier?«

»Da drüben, vor der Wenzel’schen Holz- und Kohlenhandlung.«

Werpel staunte, als sie die besagte Stelle erreicht hatten.

»Da liegt aber keiner!«

»In der Tat«, musste Kugler einräumen.

»Dabei is doch noch ja nich Himmelfahrt«, stellte Krause fest.

Vier

Christian Philipp von Gontard hatte als Königlich Preußischer Oberst-Lieutenant viele dienstliche Pflichten, und eine von ihnen war die Teilnahme an den Beerdigungen hochrangiger Militärs. Die wurden – sofern sie denn einen Platz in Anspruch nehmen mussten, weil sie keinen eigenen Landbesitz in Preußen hatten – auf dem Invalidenfriedhof beigesetzt. Inzwischen lagen hier viele Helden der Befreiungskriege, und im Februar 1848 waren Leopold Hermann Ludwig von Boyen und Johann Friedrich Constantin von Lossau dazugekommen. Letzteren schätzte Gontard ganz besonders, weil dessen Standardwerk Ideale der Kriegsführung, in einer Analyse der Thaten der größten Feldherren für seine Lehrveranstaltungen im Fach Kriegsgeschichte unentbehrlich war. Die Entscheidungen von Alexander dem Großen, Hannibal, Caesar, Gustav Adolf, Turenne, dem Prinzen Eugen, Friedrich dem Großen und Napoleon wurden darin kenntnisreich diskutiert. Dabei teilte Gontard Lossaus Meinung voll und ganz, dass nur derjenige Feldherr auf Dauer erfolgreich sein konnte, der seine Entscheidungen nicht nach starren Regeln der Kriegskunst, sondern aufgrund der örtlichen Gegebenheiten und besonderen Verhältnisse traf und konventionellem Denken nicht verhaftet war.

Als der Trauerredner über Lossau sprach, hörte Gontard ganz genau zu und machte sich sogar heimlich Notizen, um das Gehörte in seine Vorlesungen einfließen lassen zu können.

»Johann Friedrich Constantin von Lossau wurde am 24. Juli 1767 als Sohn eines preußischen Generals der Infanterie in Minden geboren. Bekannt geworden ist er vor allem als Militärhistoriker …«

Auf dem Weg von der Kapelle zur Grabstelle hatte Gontard einen Mann mittleren Alters vor sich, der ihm irgendwie bekannt vorkam. Er war untersetzt und ging mit leicht schlurfenden Schritten. Mit seinem Nebenmann unterhielt er sich leise in einer Sprache, die Gontard erst für Polnisch, dann für Litauisch hielt, von der er aber kein Wort verstand außer »Lossow«.

»Taip, mūsų draugas buvo labai puikus vyras Lossow, ir dabar mes turime vykdyti jį jo kape …«

Als sie dann am offenen Grab Aufstellung genommen hatten, um den letzten Worten des Garnisonpredigers zu lauschen und zu warten, bis sie ihre drei Hände Sand auf den inzwischen herabgelassenen Sarg werfen konnten, drehte der andere ihm sein Gesicht zu, und bei Gontard zündete es sofort: Richard von Randersacker, Schießplatz Wahner Heide. Nach Ende der Zeremonie fand er dann Gelegenheit, Randersacker anzusprechen. »Christian Philipp von Gontard, Oberst-Lieutenant und Lehrer an der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule Unter den Linden. Sie erinnern sich an unsere erste Begegnung?«

In Randersackers breitem und etwas teigigem Gesicht begann es zu arbeiten. »Nein, ich bedauere sehr …«

Gontard half ihm auf die Sprünge. »Schießplatz Wahner Heide. Das Vergleichsschießen, bei dem die junge Marie Engels ums Leben gekommen ist.«

Randersacker lächelte. »Normalerweise töten ja unsere Granaten nur Männer, und wenn es damals auch einmal eine Frau getroffen hat, dann ist das nur Gottes ausgleichende Gerechtigkeit.«

So viel Zynismus war Gontard nicht gewohnt, und so dauerte es einen Moment, bis er sich gefangen hatte und Randersacker fragte, welche Konsequenzen der Schießunfall für ihn gehabt habe.

»Keine. Weshalb denn auch?«

Gontard war nicht bereit, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. »Weil Sie die Schussbahn der Kanonen mit den neuartigen Kolbenverschlüssen falsch berechnet hatten und der verantwortliche Mann auf dem Schießplatz waren.«

Randersacker winkte ab. »Da war vorher nichts abzusehen und zu berechnen, das war alles technisches Neuland. Keiner kann mir in dieser Hinsicht einen Vorwurf machen.«

Gontard schwieg jetzt lieber. Seiner Meinung nach hätte man exakter rechnen können und mehr Vorsicht an den Tag legen müssen. Wäre Randersacker vor ein Gericht gebracht worden und er der Richter gewesen, so hätte er ihn wegen fahrlässiger Tötung zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Aber Randersacker war nicht angeklagt worden, dazu hatte er viel zu gute Beziehungen zum Hofe und zu einflussreiche Freunde im Kriegsministerium.

»Nichts für ungut«, sagte Gontard, als er sich von Randersacker abwandte.

»Sollten Sie in Ihrer Anstalt etwas von sich geben, das meine Ehre antastet, dann gnade Ihnen Gott!«, zischte Randersacker noch.

Die Wilhelmstraße war nach 1731 auf Geheiß von Friedrich Wilhelm I. bei der Erweiterung der Friedrichstadt angelegt worden. Anfangs hatte sie noch den Namen Husarenstraße getragen. In ihrem nördlichen Teil hatten sich bald darauf Minister und Vertraute des Königs ihre Palais hinstellen lassen, so auch Richard von Randersacker.

Getrieben von Langeweile, streifte der nach dem Frühstück durch die Gänge seines Prunkbaus. Vielleicht traf er auf das neueingestellte Dienstmädchen, diese Auguste Gärtner, und vielleicht ließ die sich für ein paar Thaler kurz von der Arbeit ablenken. Auch eine Küchenmamsell war ihm recht. Die fühlte sich womöglich sogar noch geehrt, wenn er sich herabließ, ihr kurz beizuwohnen. Und wenn sich in dieser Hinsicht nichts ergab, dann wollte er wenigstens auf Menschen treffen, mit denen er sich streiten konnte.

Doch das Glück war ihm hold, denn als er an der Wäschekammer vorbeikam, sah er durch die offenstehende Tür Auguste, wie sie Tischtücher von der Leine nahm und in eine Truhe legte. Dabei beugte sie sich so weit nach unten, dass ihn der Wunsch überkam, hinter sie zu treten und ihr auf der Stelle die Röcke hochzuschieben. Er wollte schon zur Attacke übergehen, da tauchte seine Frau hinter ihm auf.

»Hände weg von dem Mädchen!«, zischte sie. »Nicht, dass ich dir den Spaß nicht gönne, aber Augustes Bräutigam schlägt dir den Schädel ein, wenn er davon erfährt.« Auguste hatte alles mitbekommen, drehte sich um und lachte. »Ja, det stimmt, gnä’ Frau, den Ferdinand Dünnebier ham se wejen mir schon erschlagen.«

Randersacker machte, dass er weiterkam. Als Nächstes lief ihm sein Kammerdiener über den Weg.

»Ist Ihnen nicht wohl, Herr Baron?«, fragte der. »Sie sehen so blass aus.«

Randersacker stöhnte laut. »Jacques, ich brauche unbedingt eine Frau …«

Der Kammerdiener grinste. »Da trifft es sich ja gut, dass Flora wieder in Berlin ist …«

»Was, sie ist hier?«

»Ja, ich habe sie vor ein paar Tagen bei Doktor Kußmaul aus der Ordination kommen sehen.« Jacques beugte sich vor, weil er den nächsten Satz nur noch zu flüstern wagte. »Soll ich wieder etwas arrangieren, Herr Baron?«

»Dafür wäre ich dir sehr zu Dank verpflichtet. Und so bald wie möglich!«

Damit machte er sich auf den Weg zu seinem Bureau im Kriegsministerium, das an der Leipziger Straße lag und in den letzten drei Jahren ausgebaut und um ein Stockwerk erhöht worden war. Es war ein großartiges, palastähnliches Gebäude. Die beiden Portale in der Fassade waren mit lebensgroßen Figuren eines Garde-Kürassieres, eines Garde-Infanteristen und eines Husaren geschmückt, die man aus sogenannter Chaussée-Masse gefertigt hatte.

Im Treppenhaus traf er auf seinen Vorgesetzten, den Kriegsminister Ferdinand von Rohr, mit dem er ein wenig über den Krieg zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten von Amerika redete. Der bot in diesen Tagen am meisten Gesprächsstoff.

»Es erreichen uns immer mehr Details«, begann Randersacker seinen Bericht. »Generalmajor Robert Patterson hat mehrere seiner Soldaten wegen begangener Kriegsverbrechen hinrichten lassen.«

»Interessant«, murmelte von Rohr.

»In Huamantla haben Mexikaner einen amerikanischen Major ermordet, und daraufhin hat der Brigadegeneral Joseph Lane seine fast zweitausend Mann starke Truppe auf die Bevölkerung losgelassen. Sie haben geplündert, die Stadt zerstört, vielfach gemordet und die Frauen geschändet.«

»Fürchterlich! Und undenkbar in Deutschland.« Randersacker nickte. »Fürwahr! Außerdem wird von vielen Desertionen berichtet. Der Dienst in der amerikanischen Armee ist beschwerlich, nicht hochangesehen und schlecht bezahlt. Es sollen viele Soldaten, insbesondere Katholiken und Neu-Einwanderer, zu den Mexikanern übergelaufen sein.«

Der Minister seufzte. »Das könnte auch für uns ein Problem werden, wenn es zum Krieg zwischen Preußen und Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland kommt, was mir unausweichlich erscheint.«

»Nachdem die Amerikaner die nächsten Schlachten gewonnen hatten, haben sie die Rädelsführer der Deserteure hängen oder erschießen lassen. Richtig so!«

»Und wie wird es weitergehen?«, wollte der Kriegsminister wissen.

»Man sitzt jetzt in einem Nest mit dem schönen Namen Guadaloupe beisammen und verhandelt über einen Friedensvertrag. Es heißt, Mexiko werde fast die Hälfte seines Staatsgebietes an die Amerikaner abtreten müssen.«

Ferdinand von Rohr geriet ins Träumen. »Stellen Sie sich einmal vor, Randersacker, wir führten Krieg gegen Österreich, Bayern und Sachsen, gingen daraus als Sieger hervor und hätten dann unser Guadaloupe …«

Damit verabschiedete er sich von Randersacker. Der verbrachte die nächsten Stunden in Vorfreude auf das erhoffte private Vergnügen. Und wirklich, als er dann nach Hause kam, konnte Jacques ihm ins Ohr flüstern, dass Flora Morave ihn erwartete.

»Und wo?«

»Im ›König von Portugal‹.«

»Sehr gut.«

Dieses Lob bezog sich darauf, dass besagtes Hotel in der Burgstraße No. 16 zu finden war – und man nur drei Häuser weiter die Kriegsakademie untergebracht hatte, in der Randersacker mehrmals in der Woche preußische Offiziere unterrichtete. Und so konnte er jetzt seiner Magdalene zurufen, dass er schnell noch einmal in die Burgstraße müsse, ohne dabei rot zu werden.

Die Burgstraße zog sich am östlichen Spreeufer entlang und durchquerte das Heilig-Geist- und das Nikolaiviertel. Neben dem »König von Portugal«, dessen Fassade von keinem Geringeren als Karl Friedrich Schinkel gestaltet worden war, und der Kriegsakademie gab es hier noch weitere Glanzpunkte preußischer Baukunst: das alte Posthaus, das Palais des Grafen von Wartenberg und das Palais Itzig. Die Gegend war so belebt, dass Randersacker nicht besonders auffiel.

Bereits erregt ob dessen, was ihn erwartete, betrat er das Hotel. Ein in die Hand gedrücktes Goldstück, ein kurzes Flüstern und schon wies ihm der Portier den Weg. »Dritter Stock, Zimmer 310, mit Spreeblick.«

Randersacker stieg die Treppen so schnell hinauf, wie es ihm in seinem Alter noch möglich war. In der dritten Etage angekommen, verschnaufte er erst einmal ein wenig, um nicht sofort Floras Spott herauszufordern. Er orientierte sich kurz und fand heraus, dass ihr Zimmer am Ende des Ganges gelegen war. Zwanzig Schritte noch … Er konnte es kaum mehr erwarten und ging noch ein wenig schneller. Da ging vor ihm eine Tür auf, und ein Mann trat ihm entgegen. Maskiert und mit einer Pistole in der Hand.

Der Portier unten in der Empfangshalle hörte einen Schuss und einen Schrei.

Criminal-Commissarius Waldemar Werpel und sein Constabler waren weiterhin nach Kräften bemüht, das Rätsel um den angeblich erschlagenen und dann wieder von den Toten auferstandenen Arbeitsmann Ferdinand Dünnebier zu lösen.

Krause hatte schon eine Idee. »Wir müssen ihn bloß mal fragen, wie det allet jekomm is.«

Werpel fasste sich an den Kopf. »Um ihn zu befragen, müssen wir ihn erst einmal haben, aber er ist und bleibt nun mal verschwunden.«

Der Constabler feixte und zeigte nach oben. »Vielleicht issa doch aufjefahr’n gen Himmel.«

»Dann passen Sie nur auf, dass er nicht wieder runterkommt und Ihnen uff ’n Kopp fällt!«

Werpel überlegte, und das ging nicht so schnell, weil es für ihn Schwerstarbeit war. Natürlich war Dünnebier nicht in den Himmel aufgefahren. Es blieben drei Möglichkeiten. Erstens: Der Mörder war zurückgekommen und hatte Dünnebier mitgenommen, um die Spuren seiner Tat zu beseitigen oder um den Arbeitsmann nun endgültig totzuschlagen. Zweitens: Dünnebier war wieder zu sich gekommen und hatte sich, betrunken wie er war, davongemacht. Es konnte ja sein, dass gar niemand versucht hatte, ihn um die Ecke zu bringen, und er in seiner Trunkenheit nur gestürzt und mit dem Kopf auf die Stufen der Kohlenhandlung aufgeschlagen war. Drittens: Es hatte wirklich ein Fremder Dünnebier die Kopfverletzung zugefügt – dass es die wirklich gegeben hatte, war von Kugler und dem Nachtwächter bestätigt worden –, aber der Verletzte war wieder zu sich gekommen und hatte sich davongemacht.

Während Werpel noch all dies gegeneinander abwog, wurde Krause langsam ungeduldig. »Watt is’n nu, Herr Commissarius, wen soll ick’n festnehm?«

»Den Dünnebier.«

»Wieso’n ditte?«

Werpel tat amtlich. »Weil er eine Straftat vorgetäuscht hat.« Das war eine weitere Variante, die ihm eben erst eingefallen war. Dünnebier hatte die Obrigkeit hinters Licht führen wollen.

»Jut, wenn Se mir zeigen, wo a is, nehm ick ihn ooch fest«, erklärte Krause. »Aba wo issa?«

»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen, Krause?«

»Gerne, wenn det ’n Befehl is.« Er setzte wirklich an, den Commissarius hochzuheben, und da Werpel sich wehrte, konnten die umstehenden Berliner ein kleines Schauspiel genießen.

Als sich beide wieder voneinander gelöst hatten, machten sie sich auf den Weg zur Nikolaikirchgasse, um mit dem Kohlenhändler Wilhelm Wenzel und seiner Frau zu reden. Aber die konnten ihnen auch nicht mehr berichten, als dass sie in die hinteren Räume gelaufen waren, um Wasser und Verbandszeug zu holen, nachdem ihnen der Nachtwächter und ein Bürger den vermeintlich toten Arbeitsmann auf die Treppen zu ihrem Kohlenladen gelegt hatten.

»Als wa dann wieda vorne waren, da war der Tote verschwunden.«

Unverrichteter Dinge und leise vor sich hin fluchend, kehrten Werpel und Krause nun zur Stadtvogtei am Molkenmarkt zurück. Und wer wartete da auf sie? Ferdinand Dünnebier! Mit einem riesigen Verband um den Kopf.

»Biste nu als Tota hier oda als Lebenda?«, rief Krause.

»Als Sultan«, antwortete Dünnebier und zeigte auf seinen Turban. »Ick dachte ma, ick melde mir nach allet, wat jestern Nacht passiert is.«

Werpel nickte. »Da sind Sie uns in der Tat eine längere Erklärung schuldig.«

»Na, lang isse nich, aber klar wie Kloßbrühe. Ick bin nich jestürzt, et hat mir wirklich eena niederjeschlagn. Ick war wohl ooch ’ne Weile weg. Als ick dann wieda zu mir jekommn bin, da dachte ick, bloß weg von hier, und bin ab zu’m Freund von mir, dem Liepe.«

»Wer ist Liepe?«

»Gottlieb Letschinski.« Mit dem habe er sich neulich um die schöne Auguste geprügelt, Auguste Gärtner, aber man habe sich längst schon wieder versöhnt. »Sie wissen doch, Herr Commissarius: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.«

»Nun ja …« Werpel mochte dem nicht widersprechen.

»Aber was meinen Sie denn nun, wer Sie in der Nikolaikirchgasse niedergeschlagen hat?«

Da war Dünnebier um eine Antwort nicht verlegen.

»Ick vamute mal, det det der Auguste ihr Bräutigam jewesen is.«

»Und wer ist das?«

»Der Watzlawiak is det, der Franz. Den finden Se bei Borsig draußen in’t Feuerland.«

Fünf

Ein Feuerland gab es 1848 nicht nur am südlichen Ende Südamerikas, sondern auch am nördlichen Rande Berlins, gleich vor dem Oranienburger Thor. Zuerst wurde hier 1804 die Königlich Preußische Eisengießerei in Betrieb genommen, dann hatten sich etliche Fabrikherren mit ihren Eisengießereien und Maschinenbauanstalten niedergelassen, so Franz Anton Egells (1826), August Borsig (1837), Friedrich Adolf Pflug (1839) und Johann Friedrich Ludwig Wöhlert (1842). Inzwischen zählte das Handelsministerium 33 Firmen mit über dreitausend Beschäftigten im Feuerland. Da alle Betriebe für ihre Produktion Eisen schmelzen, gießen oder bis zur Glut erhitzen mussten, brannten überall Feuer und aus unzähligen Schornsteinen stiegen Rauchschwaden in den Himmel, so dass im erfindungsreichen Berliner Volksmund das Areal bald den Namen Feuerland bekam.

Der König vom Feuerland war eindeutig August Borsig, geboren 1804 in Breslau und 1823 nach Berlin gekommen. Begonnen hatte sein Aufstieg mit der Produktion von Kleineisenteilen für den Gleisbau, dann hatte er englische und amerikanische Lokomotiven repariert, und schließlich baute er selbst welche. 1841 hatte die Borsig 1 auf der Strecke Berlin—Jüterbog eine Wettfahrt gegen eine Maschine des großen George Stephenson gewonnen, und schon 1846 war Borsigs hundertste Lokomotive aus der Halle gerollt. Wer bei Borsig arbeitete, war stolz darauf und rief gerne aus: »Ich bin kein Proletarier, ich bin Maschinenbauer!«

Einer dieser Maschinenbauer war Franz Watzlawiak. Er bediente eine der Drehbänke, an denen die Pleuelstangen der berühmten Borsig’schen »Schnellläufer«-Lokomotiven entstanden. Ringsum kreischten die Bohrer, dröhnten die Schmiedehämmer, in den Werkstätten nebenan flackerten die Schmelzöfen. Schlagartig aber brachen die Geräusche ab, als einer der Meister »Feierabend!« gerufen hatte. Es war Sonnabend, und ein jeder strebte voller Vorfreude auf das Wochenende seiner Wohnstatt entgegen. Watzlawiak hatte sich bei der Witwe Grimnitz in der Linienstraße eingemietet und eilte nun mit einer Geschwindigkeit durch das Oranienburger Thor, die die Wache denken ließ, hier sei ein Verbrecher auf der Flucht. Ein kleines Stück ging es die Friedrichstraße entlang, dann musste er nach links in die Linienstraße abbiegen. Die zog sich ewig an der nördlichen Berliner Peripherie entlang, erst hinter der Alten Schönhauser Straße war er am Ziel. Nur schnell aus den alten Klamotten raus, die er bei der Arbeit trug, sich waschen, etwas Anständiges anziehen, und dann ab zu Auguste. Er liebte es, sich als ganzer Mann zu geben, und so stand er auch Ende Februar an der Pumpe unten im Innenhof, die vor ein paar Tagen noch eingefroren war, und ließ sich das eiskalte Wasser über den nackten Oberkörper rinnen.

Über ihm wurde das Fenster aufgerissen, und die Witwe Grimnitz oben am Fenster begann zu zetern. »Sie, det is unschickllich!«

Watzlawiak lachte. »Sie müssen ja nicht hingucken. Weg vom Fenster, gleich wasche ich mich in den unteren Regionen!«

Das wagte er natürlich nicht, dennoch kreischte die Grimnitz und drohte wieder einmal, ihm zu kündigen. Er war sich aber sicher, dass sie ihre Drohung nicht wahr machen würde, denn er hatte den Ruf, ein gewalttätiger Mensch zu sein. Und darauf war er auch stolz. Als er mit seiner Wäsche fertig war, nahm er dennoch eine Rose aus Papier, die er bei einem Maskenball erbeutet hatte, und trat an, sich bei ihr zu entschuldigen.

Sie rollte mit den Augen. »Ihnen kann man auf Dauer nich böse sein …« Seufzend nahm sie die Papierblume entgegen und gestattete ihm sogar, in ihrer Vossischen zu blättern und nachzuschauen, was Berlin am 19. Februar 1848 an Amüsements im Angebot hatte. Es war eine Menge.

Im Königlichen Schauspielhaus gab es ein Lustspiel von Gustav zu Putlitz mit dem langweilig klingenden Titel Ein Hausmittel. Nein, das war nichts für seine Auguste. Eher wäre sie noch ins Königsstädtische Theater gegangen, wo die Compagnia Italiana gastierte, aber da fiel die angekündigte Oper wegen einer Unpässlichkeit der Signora Fodor heute aus. Schade.

Groß waren die Programme der Circusse angekündigt, zum Beispiel:

Circus von Alessandro Guerra

Große Damen-Vorstellung mit neuen Abwechselungen

Zum Schluß: Grand Steeple chase, geritten von 8 Damen der Gesellschaft

Anfang: 7 Uhr abends

Das klang nicht schlecht, aber wie immer war Watzlawiak knapp bei Kasse, und beim Kauf zweier Eintrittskarten hätte er sich wieder etwas von der Witwe Grimnitz borgen müssen. Ausgeschlossen! Weiter im Text. Einige Etablissements priesen Interessantes an. Nicht ganz klug wurde er aus dem, was die Erste Corso-Halle zu bieten hatte: Fortsetzung der eingeübten fahrenden Bedienung, wobei Prell’sches Bier in neuem Costüm verabreicht wird. Kamen da die Serviererinnen mit einer Draisine an die Tische? Kroll’s Garten kündigte für sieben Uhr abends schon den vorletzten Bal Masqué an: Der Königl. Tänzer Hr. Sergeois leitet die Tanzordnung. Die Herren Noack und Hoffmann werden eine vollständige Maskengarderobe aufgestellt haben. Angelangt bei Krumhorn’s Caffeehaus, bekam er das große Gähnen: Große Abendunterhaltung mit Gesang. Launige Vorträge von dem jetzt mit vielem Beifall aufgenommenen Herrn von Bergen nebst Kapelle. Das Maaß’sche Lokal und Sommer’s Salon boten auch nichts Aufregendes. So blieben für Auguste und ihn nur noch zwei Attraktionen:

Bude auf dem Alexanderplatz

Die 7 Wunder der Welt in sieben Bildern

5 großartige Gemälde von J. Lera

Die außerordentliche Naturerscheinung, ein 15 Jahr altes, lebendes Mädchen, welchem Theile eines zweiten Kindes angewachsen sind

Eldorado (Thorstraße 12)

Grand Bal masqué et paré

Nach der Pause: Bohnenfest: die Königin des Festes erhält ein werthvolles Geschenk

Anfang: 8 Uhr abends

Mit diesen Programmen im Kopf machte er sich auf den Weg zum Randersacker’schen Palais, um Auguste abzuholen. Es war ein gewaltiger Fußmarsch bis zur Wilhelmstraße, aber um sie in den Armen zu halten, wäre er auch bis ans Ende der Welt gelaufen. Über die Prenzlauer Straße kam er zum Alexanderplatz, dann ging es die Königstraße entlang zum Schloßplatz, weiter über den Werderschen Markt und den Hausvogteiplatz zur Mohrenstraße und schließlich in die Wilhelmstraße. Auch einem Kraftprotz wie ihm ging da die Puste aus.

»Da biste ja endlich!« Auguste hatte schon eine Viertelstunde auf ihn gewartet.

»Tut mir leid.« Er umarmte sie. Dabei streifte sein Blick die Fassade des Palais, und er sah Randersacker am offenen Fenster stehen. »Der lässt dich wohl nicht mehr aus den Augen …«

»Wer?«

»Na, dein Brötchengeber. Aber wenn er dir zu nahe treten sollte, findet er sich auf ’m Friedhof wieda, sag ihm dit!«

Auguste verfluchte die Eifersucht ihres Verlobten einerseits. Andererseits freute sie sich über die Morddrohungen, die er gegenüber allen ausstieß, die als Nebenbuhler in Frage kamen, waren sie doch ein Zeichen dafür, wie heiß und innig er sie liebte.

Paul Quappe, im Dienstgebrauch nur Kaulquappe genannt, teilte das Schicksal der Offiziersburschen, die es wie er nicht bis zum Gefreiten gebracht hatten: Er war Offizieren aller Dienstgrade, Militärärzten und Zahlmeistern zur persönlichen Bedienung zugewiesen. Quappe war im Jahre des Herrn 1828 auf die Welt gekommen.

Wenn er nach seinem Alter gefragt wurde, musste er jedes Mal mühsam nachrechen. Noch größere Probleme als mit Zahlen hatte er jedoch mit dem Schreiben und Lesen. Um das zu verbergen, hatte er eine Reihe von Techniken und Tricks entwickelt – und war dadurch ein recht schlaues Kerlchen geworden, viel schlauer, als ihn alle einschätzten. Schnell hatte er herausgefunden, dass er viel leichter durchs Leben kam, wenn er sich dumm stellte. Schwierige und kraftraubende Arbeiten wurden dann anderen übertragen. Außerdem brauchten die Preußen, insbesondere die Autoritäten, ihren Hofnarren. Wer andere zum Lachen brachte, war beliebt und konnte viele Vergünstigungen erwarten. Hätte Quappe ein paar Jahrzehnte später gelebt, dann hätte man ihn mit dem von Jaroslav Hašek ersonnenen braven Soldaten Schwejk vergleichen können. Mit dem tschechischen Bruder im Geiste hatte er nicht nur die Freude am exzessiven Erzählen von Anekdoten gemein. Sollte sich Schwejk der Einberufung dadurch zu entziehen versuchen, dass er im Rollstuhl zur Musterung erschien, so hatte Quappe den Ärzten einen Epileptiker vorgespielt – allerdings mit demselben Misserfolg wie der brave Soldat.

Quappe hatte zwei linke Hände, und wo er war, da war das Chaos. Dazu kam, dass man ihm als Kind zu viel von Till Eulenspiegel vorgelesen hatte und er seither danach trachtete, es dem großen Schalksnarren gleichzutun. Schon der Ort seiner Geburt war außergewöhnlich, wenigstens dem Namen nach: Schönschornstein. Das war ein Weiler südlich von Erkner, umfangen von der dort mäandernden Spree, die vor Köpenick und dem Zusammenfluss mit der Dahme kaum breiter war als ein Bach.

Abgesehen von der Leidenschaft für Streiche verband ihn noch ein besonderes Tauferlebnis mit Till Eulenspiegel: Auch seine Amme, die ihn im Anschluss an die Feier nach Hause trug, fiel mit ihm – ein wenig trunken, wie sie war – stracks ins Wasser, als man einen Kahn besteigen wollte. Die Quappes waren nämlich eine alte Schifferfamilie. »Nun ratet mal alle, ob ich damals ertrunken bin oder noch gerettet werden konnte«, sollte Quappe später immer wieder sagen. Mit Spreewasser war Paul Quappe also getauft – und vielleicht hatte der Pfarrer beim Schöpfen des Taufwassers wirklich eine Kaulquappe mit aus dem Fluss geholt, wie man schon in Erkner gespottet hatte, wo Quappe zur Schule gegangen war.

1842 hatte Paul Quappe in Frankfurt an der Oder beim Leib-Grenadier-Regiment König Friedrich Wilhelm III. seine militärische Laufbahn begonnen – und war seitdem weitergereicht worden wie die berühmte heiße Kartoffel. Ende Januar 1848 war er dem preußischen Kriegsminister Ferdinand von Rohr als Bursche zugeteilt worden.

Ferdinand von Rohr saß in seinem Dienstzimmer im preußischen Kriegsministerium, Leipziger Straße No. 5–7, zwischen Wilhelmstraße und Pariser Platz, und quälte sich durch die ihm vorgelegten Akten. Endlos erschien ihm auch dieser Tag. Das Atmen fiel ihm immer schwerer. In der Schlacht bei Bautzen, 1813, hatte er einen Schuss in die Brust bekommen, und seitdem war seine Lunge spürbar geschwächt. Er schloss die Augen und versuchte, Bilder seiner Kindheit herbeizuzaubern. Die Domkirche St. Peter und Paul … der Roland … das Baden im Fluss … Am 17. Mai 1783 war er in Brandenburg an der Havel geboren worden. Mit vierzehn Jahren hatte er den Dienst beim Infanterieregiment Herzog von Braunschweig begonnen. Dann war Napoleon über Preußen hergefallen. Als Grenadieroffizier hatte Ferdinand von Rohr die Schmach von Jena und Auerstedt miterlebt und war danach als Hauptmann in den Stab des Generals von Yorck gekommen. Bei Halle und bei Großgörschen war er in die Schlacht gegen den Franzosenkaiser gezogen, bei Bautzen war dann Schluss gewesen.

Er hörte einen Schuss und fuhr hoch. Nein, die Ordonanz hatte gegen die Tür geklopft, nichts weiter. »Ja, herein!«

Draußen stünde ein entfernter Verwandter von ihm, ein Herr Leopold von Rohr.

»Ja, soll reinkommen.«

Wer eintrat, war sein Cousin Leopold. Sie hatten sich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, und so gab es mancherlei zu erzählen.

»Ich war erst Regierungsdirektor in Stettin und später Regierungspräsident in Stralsund«, berichtete Leopold von Rohr. »1833 bin ich dann in den Ruhestand getreten und nach Berlin gezogen. Seitdem verfasse ich Gedichte.«

»Ich habe davon gehört«, versicherte der Kriegsminister.

»Und du?«

Ferdinand von Rohr überlegte. »Du wirst wissen, dass ich schon einmal im Kriegsministerium gewesen bin: 1813 als Major und als Leiter der Bekleidungsabteilung. Schrecklich! Ich wollte wieder zurück in die Kaserne. Da war ich dann erst beim Alexander-Regiment hier in Berlin und dann in Glogau, wo ich eine neue Art der Ausbildung ins Leben gerufen habe: keine mechanische Dressur mehr, sondern eine Erziehung mit Verständnis für die Rekruten, auf dass sich alle ihre geistigen und körperlichen Kräfte voll entfalten können.«

»Davon wiederum habe ich gehört«, warf nun auch der Vetter ein.

»Von Glogau bin ich dann nach Breslau gegangen … Aber da haben meine Kräfte schon erheblich nachgelassen – und ich habe den Antrag gestellt, in den Ruhestand treten zu dürfen. Und was passiert? Man ernennt mich am 7. Oktober letzten Jahres zum Kriegsminister.«

Die Ordonanz klopfte abermals, bat um Entschuldigung und drängte den Minister, ein vorbereitetes Schreiben auf den Weg zu bringen. »Die Sache Randersacker.«

»Ich habe das Schriftstück schon unterschrieben. Der Quappe soll es sofort nehmen und hinbringen.«

»Sehr wohl!«

Paul Quappe eilte mit dem gesiegelten Kuvert zur Wilhelmstraße. Wo das Randersacker’sche Palais zu finden war, wusste er. Weit war es nicht. Nur ein paar Minuten, aber Zeit genug, sich einen jener kleinen Scherze auszudenken, für die er bekannt und gefürchtet war.

Als er am Dienstboteneingang des Palais am Klingelzug riss, öffnete ihm ein Dienstmädchen.

»Ick hab hier wat vom Kriegsminister Herrn von Rohr.« Damit reichte er dem Mädchen das Schreiben aus der Leipziger Straße. »Aba bitte nich den Boten umbringen, der die schlechte Nachricht übabringt!«

»Wat isset denn?«

»Herr von Randersacker is vom Könich rausjeschmissen worn und soll wejen Hochverrat vors Jericht.«

»Det is ja entsetzlich!«

»Ja, mehr als det.«

Sechs

Der Hausvogteiplatz gehörte nicht zu den beliebtesten Orten der preußischen Residenz. Das lag weniger an dem Namen, den er vordem getragen hatte: Schinkenplatz, benannt nach dem hier verkauften Fleisch wie auch den »unehrbaren Frauen«, die an dieser Stelle ihr Quartier hatten, den »Schinken«

– ein Begriff, der sich vom jiddischen Schickse ableitete. Vielmehr war ein ganz bestimmtes Gebäude an der Ostseite der Grund für die Unbeliebtheit des Platzes: das Hausvogtei-Gefängnis. Dies war die Haftanstalt für Personen, die der Hofgerichtsbarkeit unterstanden, also Bedienstete und Handwerker des königlichen Hofes, für die Bewohner des Stadtteils Friedrichswerder sowie für die Berliner Juden. Besonders in der Zeit der sogenannten Demagogenverfolgung hatten die Berliner einen mächtigen Bammel vor der Hausvogtei und reimten: »Wer die Wahrheit weiß und saget sie frei, / der kommt in Berlin in die Hausvogtei.”

Auch Criminal-Commissarius Werpel liebte diesen Ort nicht besonders, nichtsdestoweniger musste er ihn mehrmals in der Woche aufsuchen, um Delinquenten zu vernehmen. Am späten Abend des 19. Februar 1848 hatte man ihm gemeldet, ein gefährliches Subjekt namens Franz Watzlawiak sei gerade dort eingeliefert worden, arretiert nach einer heftigen Schlägerei auf dem Alexanderplatz.

Werpel arbeitete sich langsam durch die Gänge und Räume. Auf hölzernen Bänken lagen Männer in den seltsamsten Stellungen und schliefen ihren Rausch aus. Einige waren sogar auf den Boden gefallen, ohne es zu bemerken. Andere irrten umher und hatten noch nicht begriffen, wo sie sich befanden. Ein hünenhaft gebauter junger Mann randalierte, sprach von einem Irrtum der Behörden und forderte im Namen Gottes und des Königs seine Freilassung.

Der Aufseher, ein alter Soldat, zog an seiner Pfeife und suchte den Mann zu beruhigen. »Nu schlafen Se endlich! Morjen is ooch noch ’n Tag.«

»Geben Sie mir eine Pistole, ich will mich erschießen!«

»Vorsicht, junger Mann! Wenn eena droht sich umzubringen, kommta inne Zwangsjacke.«

Werpel schob sich zwischen die beiden. »Bist du der Watzlawiak?«

»Ja – warum?«

»Weil du …« Werpel wurde nun etwas amtlicher. »Watzlawiak, Sie werden gesucht wegen versuchten Totschlags, womöglich sogar wegen Mordes.«

»Det ick nich lache! Wer sagt denn det?«

»Ferdinand Dünnebier. Das ist der Mann, den Sie in der Nikolaikirchgasse ins Jenseits schicken wollten, weil er versucht hat, Ihnen eine gewisse Auguste Gärtner abspenstig zu machen.«

»Det is doch Kokolores, Herr Commissarius! Der Dünnebier, diese Nappsülze, kann doch bei meine Juste nie und nimmer wat ausrichten.«

»Und wenn seine Avancen doch erfolgreich waren?

Sie sehen offenbar sofort rot, wenn jemand Ihrer Braut schöne Augen macht, und schlagen blind auf ihn ein, wie gestern da an der Bude auf dem Alex.«

Je erregter Watzlawiak wurde, desto mehr verfiel er nicht nur ins Berlinische, sondern desto ausfallender wurde er auch. »Det war der Liepe, dieset Arschloch, und der hat der Juste anne Brust jefasst!«

Werpel hatte genug gehört. Er holte seine Kladde heraus und notierte:

Dem Watzlawiak ist eine Bluttat durchaus zuzutrauen. Nicht laufen lassen, unbedingt vors Gericht bringen!

Der Kalender zeigte den 2. März 1848 an, einen Donnerstag. Es war für Christian Philipp von Gontard und seinen Freund Friedrich Kußmaul zum Ritual geworden, sich zur Mittagszeit im Café Stehely zu treffen. Gontard hatte dann seine ersten Vorlesungen hinter sich, Kußmaul die Vormittagssprechstunde, und sie genossen es, sich im Café über Weltpolitisches, Berlinisches und Privates auszutauschen.

»Du kennst doch den Randersacker persönlich«, begann Kußmaul. »Hast du gehört, was dem passiert ist?«

Gontard nickte. »Selbstredend.« In den Zeitungen war zu lesen gewesen, dass sich aus der Waffe Randersackers versehentlich ein Schuss gelöst hatte, als er bei einem geheimen Treffen mit einem portugiesischen General im Hotel »König von Portugal« gewesen sei. Es habe aber keine Verletzten gegeben.

»Man sollte diesem Menschen den Umgang mit Schusswaffen strikt untersagen«, fand Kußmaul, »gleichviel, ob es nun Kanonen oder Pistolen sind.«

»Na, wenigstens hat es diesmal keine Toten gegeben«, stellte Gontard fest, »anders als damals in Altenrath, als die arme Marie Engels starb.«

»Was gibt’s ansonsten Neues?«, fragte Kußmaul und blätterte in der Staats-Zeitung.

»Gestern haben sie über die Pariser Revolution berichtet«, sagte Gontard. Die war derzeit bei den gebildeten Schichten Preußens das Thema Nummer eins. Am 21. Februar hatte es in Paris die ersten öffentlichen Proteste gegeben, am 23. und am 24. Februar waren Straßen und Barrikadenkämpfe zwischen den Aufständischen und den königlichen Truppen gefolgt. König Louis Philippe hatte abgedankt und war nach England geflohen, man hatte die Republik ausgerufen. Die Revolutionsregierung hatte dem Volk die Pressefreiheit, das allgemeine Wahlrecht, die Abschaffung der Todesstrafe für politische Delikte und ein Recht auf Arbeit versprochen.

»Diese Rechte würden auch Preußen gut zu Gesicht stehen«, murmelte Gontard, nachdem er sie aufgezählt hatte.

Kußmaul nickte. »Du hast recht. Man munkelt schon, dass unsere Regierung Frankreich den Krieg erklären will, um diese revolutionären Umtriebe zu unterbinden.«

»Psst!«, machte Gontard schnell und legte den Finger auf den Mund, denn soeben war Dr. Joel Jacoby eingetreten, ein Agent des Innenministeriums. Jacoby trat in immer neuen Verkleidungen auf und sollte herausfinden, was man im Volk redete. Seine Berichte gingen direkt an den Polizeipräsidenten Julius von Minutoli.

Gontard und Kußmaul redeten über Unverfängliches, bis Jacoby außer Reichweite war. Dann kam Gontard wieder auf die Französische Revolution und die möglichen Reaktionen der preußischen Regierung zu sprechen.

»Ich bin gespannt, ob ich nachher mehr erfahren kann«, schloss er.

»Bist du etwa zum Abendmahl beim König eingeladen?«, fragte Kußmaul.

»Nein, aber zu einer kleinen Feier bei unserem lieben General von Pfuel. Der König hat ihn zum Gouverneur von Berlin berufen.«

Kußmaul lachte bitter. »Damit hat Friedrich Wilhelm IV. jemanden, der statt seiner die Soldaten auf die Bürger hetzt, wenn sie es wagen sollten, den Franzosen nachzueifern.«

Gontard schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass das so einer ist.«

Die Pfuels waren ein uraltes Adelsgeschlecht aus dem Barnim und dem Kreis Lebus. Es hieß sogar, ihre Vorfahren seien schon nach der Vertreibung der Wenden im Jahr 926 in der Mark ansässig geworden. Der Besitz der Familie vergrößerte sich von Jahr zu Jahr. Unter den Pfuels gab es nicht nur sehr viele Generäle, sondern auch hohe Staatsbeamte, Kurfürstliche Räte, Doktoren der Rechte und Geistliche.

Das wohl bekannteste Mitglied dieser Familie war der 1779 geborene Ernst von Pfuel. Er hatte den preußischen Angriff bei Waterloo geplant und war schließlich Stadtkommandant von Paris sowie preußischer Gouverneur des Schweizer Kantons Neuenburg geworden. Ernst von Pfuel war nicht nur ein Jugendfreund Heinrich von Kleists, sondern verkehrte auch mit Bettina und Achim von Arnim sowie Karl August und Rahel Varnhagen. Theodor Körner, Gerhard von Scharnhorst, August Neidhardt von Gneisenau und der Freiherr vom Stein gehörten ebenso zu seinem Freundeskreis. Im März 1848 wurde Pfuel zum Gouverneur von Berlin ernannt.

Gontard sprach ihm seine Glückwünsche aus. »Berlin kann sich freuen über einen solchen Gouverneur. Ich bin mir sicher, dass man Sie später wegen Ihrer Amtszeit rühmen wird.«

Pfuel lächelte. »Ich hoffe, dass die Berliner dermaleinst wenigstens eine kleine Straße nach mir benennen werden.«

Die nächste politische Größe, mit der Gontard ins Plaudern kam, war der Polizeipräsident Julius Freiherr von Minutoli, der trotz seines exotischen Namens ein angestammter Berliner war. Er war 1804 an der Spree auf die Welt gekommen. Sein Vater Heinrich von Minotuli war vor allem als Altertumsforscher bekannt geworden und hatte es 1810 sogar zum Erzieher des Prinzen Carl gebracht. Seit Heinrich diese Ehre zuteilgeworden war, hatte er mit seiner Familie im königlichen Palast Unter den Linden gewohnt. Sein Sohn Julius hatte als Kind zu den Spielkameraden des Kronprinzen gehört, und so war es nicht verwunderlich, dass Friedrich Wilhelm IV. ihn 1847 in das hohe Amt des Polizeipräsidenten berufen hatte. Vorher hatte Julius von Minutoli sich in der preußischen Provinz Posen als Regierungs- und Landrat sowie als Polizeidirektor seine Meriten erworben. Auf verschiedenen Dienstreisen hatte er halb Europa und sogar Algerien kennengelernt, er war also alles andere als ein bornierter preußischer Kleingeist. Gontard schätzte ihn auch wegen seiner wissenschaftlichen Schriften und seiner kunstvollen Zeichnungen.

»Nun, mein Lieber«, begann Gontard in einem spöttischen Ton, den er sich Minutoli gegenüber durchaus erlauben durfte, »man hört, dass Sie die Polizei erheblich aufstocken wollen – schon im Hinblick darauf, dass Berlin ein zweites Paris werden könnte …?«

Von Minutoli lachte. »Sie meinen, dass die preußische Residenzstadt bald ebenso viele Gäste wird anlocken können?«

»Nein, ich dachte an eine Februarrevolution.«

»Ich bitte Sie, Gontard, wir sind in Preußen! Außerdem ist der Februar längst vorüber. Nein, im Ernst: Gemessen an unseren vierhunderttausend Seelen, hat Berlin viel zu wenig Polizeibeamte, gerade einmal 27 Kommissarien, gut 40 einsetzbare Sergeanten und etatmäßig 110 Gendarmen, von denen mir aber viele wegen Urlaub, Krankheit sowie Ordonanz- und Patrouillendiensten außerhalb der Stadt gar nicht zur Verfügung stehen. Und die berittenen Gendarmen, Gott, die wohnen weit weg von den Stallungen, und ehe die bei Aufläufen oder Gefahren alle auf ihren Gäulen sitzen, vergehen Stunden.«

Gontard schmunzelte. »Das zu hören dürfte alle revolutionär gestimmten Kräften freuen.«

»Da freuen sie sich aber zu früh, denn wenn mir nicht genügend Polizisten zur Verfügung stehen, dann wird der König das Militär marschieren lassen.« Jetzt wechselte von Minutoli doch lieber das Thema. »Doch kommen wir zurück zu unserer viel zu geringen Personalstärke. Die wird glücklicherweise dadurch gemildert, mein lieber Gontard, dass Sie regelmäßig auf Mörderjagd gehen und mir dadurch mindestens drei Kommissare ersetzten. Darf ich wissen, wessen Fährte Sie gerade verfolgen?«

»Minutoli … Pardon, Herr Polizeipräsident, Sie wissen doch selbst am besten, dass im Augenblick kein Fall anliegt, den der wackere Werpel nicht selber lösen könnte.«

»Nun hindert mich mein hohes Amt leider, Ihnen einen spektakulären Fall zu wünschen, aber … Ich bin gespannt!« Damit verabschiedete er sich von Gontard und wandte sich anderen Gästen zu.

Hinter Gontard stand nun Werpel. »Habe ich nicht eben meinen Namen gehört?«

Gontard gab sich ahnungslos. »Nein, wir haben nur von Goethes Werther gesprochen, da müssen Sie sich verhört haben. Aber sagen Sie, was ist denn aus dem Mann geworden, der den Dienstmann Dünnebier ermorden wollte?«

»Sie meinen diesen Franz Watzlawiak? Der hat wegen einer erneuten Gewalttätigkeit auf dem Alexanderplatz eine Nacht in der Hausvogtei zugebracht, ist aber nach einer Intervention des Fabrikherrn Borsig wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Wir können also hoffen, Herr von Gontard, dass wir bald etwas zu tun bekommen.«

Gontard verbot sich diesen Gedanken. »Hören Sie auf, Werpel! Das ist zutiefst unchristlich.«

»Unchristlich ist, dass in jedem Menschen eine Bestie steckt!«, rief Werpel. »Das hätte unser Gott auch anders einrichten können.«

Gontard nickte zustimmend. »Also wird es in Berlin tausend weitere Morde geben, bevor dieses Jahrhundert zu Ende geht.«

Von wegen Schönschornstein! Der Schornstein auf dem Häuschen des Schiffers Konrad Quappe war alles andere als schön. Der erste Frühlingssturm hatte ihn weithin zum Einsturz gebracht. Aber es lag kein Geld mehr auf dem Grund des irdenen Topfes, den der alte Quappe als Versteck nutzte. Wo hätte das Geld auch herkommen sollen?

Wenn Flüsse, Seen und Kanäle vom Eis bedeckt waren, ruhte die Schifffahrt. Nun aber, in den ersten Märztagen, konnte man schon mal den Schiffsmakler in Erkner fragen, den Gliesche, ob bald Fracht zu erwarten war.

»Kommste mit?«, fragte Konrad Quappe seinen Sohn Paul.

Paul Quappe erzählte mal wieder von den Streichen, die er und seine Kumpane unliebsamen Vorgesetzten gespielt hatten. »In Frankfurt hatten wa einen Lieutenant, der uns fürchterlich jepiesackt hat, und der hatte sich nu ’n neuet Pferd jekooft, ’n Rappen. Janz stolz war a. Und am nächsten Morjen jeht er in Stall rin – keen Rappe mehr da. Nur ’n Schimmel. Wat war passiert? ’n paar von uns hatten sich weiße Farbe besorjt und det Tier die Nacht üba anjestrichen.«

Sein Vater verzog das Gesicht. Ihm war nicht zum Lachen zumute. Dazu ging es ihm derzeit zu schlecht: keine Arbeit, kein Geld, die Frau im letzten Jahr gestorben. »Los, Paul, ab die Post, machen wir uns auf die Socken!«

Es waren, über den Daumen gepeilt, etwas mehr als drei Kilometer bis zum Schiffsmakler. Das schafften sie locker in einer Dreiviertelstunde. Zuerst ging es auf der Neu Zittauer Straße schnurgerade nach Norden, die ersten hundert Meter dicht an der Spree entlang, dann durch Wiesen und Felder. Rechts kam der Karutzsee zum Vorschein. Kurz danach erreichten sie die Stadtgrenze. Erkner machte sich langsam: An der Friedrichstraße reihte sich ein Neubau an den anderen.

»Unsere Friedrichstraße in Berlin is aba doch wat anderet«, fand Paul Quappe. »Allein schon der Bahnhof.«

»Einen Bahnhof haben wir seit ’42 auch«, hielt ihm sein Vater entgegen.

Sie überquerten das Flakenfließ auf einer ansehnlichen steinernen Brücke.

»Hier kommt der ganze Kalk aus Rüdersdorf lang«, erklärte ihm der Vater.

»Ick weeß, Berlin is aus’m Kahn jebaut.«

Sie bogen nun links ab, liefen ein Stückchen am Flakenfließ entlang, das den Dämeritzmit dem Flaken- und dem Kalksee verband, und kamen dann zu der Villa des dicken Schiffsmaklers Gustav Gliesche. Der stand gerade am Gartenzaun und prüfte, ob an seiner Hecke schon das erste Grün zu entdecken war. Dabei gab er sich alle Mühe, Konrad Quappe und seinen Sohn zu ignorieren.

Konrad Quappe hüstelte. »Entschuldigung, Herr Gliesche …«

»Es ist keine Geschäftszeit!«, brummte der Schiffsmakler.

»Ich wollte auch nur höflich darum bitten, dass Sie an mich denken, wenn wieder einmal eine Fracht von Rüdersdorf nach Berlin zu bringen ist.«

»Nich, wenn Se mich nich in Ruhe lassen!«, herrschte Gliesche ihn an. »Ich muss außerdem gleich nach Berlin. Dringende Angelegenheit. Auf Wiedersehen!«

Die Quappes traten den Rückzug an. Paul murmelte, dass er dieses fette Schwein am liebsten abstechen würde.

Sein Vater nahm es zwar gelassener, brauchte aber jetzt einen Doppelkorn. »Komm, Paul, ich hab da in der Stadt meine Quelle.«

1842 hatte die Eisenbahn auf der Strecke Berlin—Frankfurt/Oder ihren Betrieb aufgenommen, wobei für Erkner nur eine einfache Haltestelle abgefallen war. Vier Jahre später aber war die Linie bis nach Breslau verlängert worden, und da Erkner inzwischen so wichtig geworden war, hatte man der Stadt einen richtigen Bahnhof nicht länger verwehren können.

Paul Quappe liebte die neumodischen Eisenbahnen, besonders deren Lokomotiven. Von denen konnte er stundenlang schwärmen. »Die 2’A1-Lokomotive von Borsig für die Anhaltische Bahn hab ick mit eijene Oojen fahren jesehn!«, erzählte er mit leuchtenden Augen. »Das war die erste, die se im Feualand jebaut ham. Mit ’nem Stehkessel noch. Und die Wettfahrt mit dem Stephenson seine Maschine nach Jüterbog, die hat der Borsig ooch jewonnen.« Er blickte seinen Vater bittend an. »Du, könn wa nich noch ’nen kleen Abstecha uffn Bahnhof machen?«

Sein Vater zeigte sich von dieser Idee wenig begeistert.

»Da bist du doch gestern erst gewesen, bei deiner Ankunft.«

»Ich kann ma nich sattsehen an allet, wat mit da Bahn zu tun hat.«

»Na gut, meinetwegen.«

Paul Quappe umarmte seinen Vater, obwohl dem so viel »Gefühlsduselei« eigentlich zuwider war.

Nach nicht einmal zehn Minuten standen sie auf dem Bahnhof und warteten auf einfahrende Züge. Ihre Blicke gingen in Richtung Berlin wie in Richtung Frankfurt an der Oder. Da näherte sich von Fürstenwalde her eine Eisenbahn. Die Fahrgäste, die auf dem Perron standen und warteten, reckten die Hälse.

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22 декабря 2023
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9783955520342
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