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Hilmar Fuchs

Der Tanz des Kranichs

Tai Chi für Gesundheit und Wohlbefinden

Palisander

Der Verlag dankt Dr. Janett Kühnert und Norbert Wölfel vom Chemnitzer Karateverein für die fachliche Unterstützung bei der Redaktion.

Deutsche Erstausgabe

1. Auflage Juli 2015

© 2015 by Palisander Verlag, Chemnitz

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: Anja Elstner

Lektorat: Frank Elstner

Redaktion & Layout: Palisander Verlag

ISBN 978-3-938305-85-0

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

www.palisander-verlag.de


Der Autor

Hilmar Fuchs, Jahrgang 1948, begann im Jahre 1965 mit dem Studium asiatischer Kampfkünste – Karate, Kobudo und Tai Chi. Er ist heute Träger des 8. Dan im Karate. Zu seinen wichtigsten Lehrern zählten Dr. Georg Stiebler (Deutschland), Roland Habersetzer (Frankreich, Hauptlehrer), Shigehiro Matsumura (Japan, Kobudo) und Yasuhiko Noda (Japan, Karate – Hilmar Fuchs ist Ehrenmitglied des JKA der Präfektur Gifu) sowie George Alexander (USA). Durch letzteren kam er erstmals mit der Kranichform des Tai Chi in Berührung. Er war Präsident der Bayerischen Karate Union und Stilrichtungsreferent für Shotokan-Karate im Bayerischen Karate Verband sowie Bundestrainer im Kobudo Kwai Deutschland. Seit 2008 ist er zuständiger Lehrgangsleiter für die Ausbildung von Tai-Chi-Lehrern im Bayerischen Karate Bund.

Nach einem Maschinenbauingenieurstudium war er zunächst Konstruktionsleiter, später Betriebsleiter in einer mittelständischen Firma für elektrotechnischen Gerätebau sowie freiberuflicher Erfinder. Heute ist er als Heilpraktiker mit einer eigenen Praxis für Homöopathie, Isopathie und chinesische Medizin tätig.

Hilmar Fuchs lebt mit seiner Ehefrau Marlene in Florida (USA). Beide unterrichten gesundheitsbetontes Tai Chi sowohl für Kampfsportler als auch für Senioren und gesundheitlich beeinträchtigte Personen in verschiedenen Einrichtungen wie Kliniken, Senioreneinrichtungen und Rehabilitationszentren.


Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Der Autor

Widmung

Vorbemerkung

1. Die Kunst des Tai Chi

1.1. Über die Geschichte des Tai Chi

1.2. Tai Chi als Kampfkunst

1.3. Vom Sinn der Langsamkeit

2. Die Kranichform des Tai Chi

2.1 Die Herkunft des Kranichstils

2.2. Die Botschaft des Kranichs

2.3. Der Kranich und das Tai Chi

3. Tai Chi und die Gesundheit von Körper und Geist

3.1. Tai Chi und die tibetische Medizin

3.2. Wirkungen von Tai Chi auf Körper und Geist

3.2.1. Tai Chi und Gesundheit

3.2.2. Der physische Aspekt der Übungen

3.2.3. Streicheln und Klopfen

3.2.4. Das richtige Atmen

3.2.5. Das Gleichgewicht

3.2.6. Die Rolle des Geistes

I. Himmel und Erde im Dantian vereinigen

II. Energie mit dem Geist lenken

III. Tai Chi und Spiritualität

4. Yin, Yang und Qi

4.1. Die Manifestation von Yin und Yang

4.2. Qi – die Lebensenergie

4.2.1. Die Energieverteilung

5. Die Intelligenz unseres Körpers

5.1. Das Bauchgehirn

5.2. Ist das Herz »intelligenter« als das Gehirn?

5.3. Das Netzwerk der Organe

5.4. Die sechs heilenden Laute

6. Vorbereitung und Ausführungsweise der Übungen

6.1. Die Form: Imitation und Wandel

6.2. Den Kopf klarmachen

6.3. Wie hart soll ich üben?

6.4. Stress und Aufmerksamkeit

6.5. Die Körperhaltung

6.6. Die Wendeltreppe in der Technik

7. Die Übungen der Kranichform des Tai Chi

7.1. Vorbereitungsübungen

7.2. Die acht wichtigsten Ausdrucksformen des Kranichs

Der Lehrer und die Schatzkarte

Ausblick

Danksagungen

Kontakt

Quellen

Abbildungsnachweis

Weitere Titel

Anmerkungen

Gemeinsam gehen wir einen Weg, auf dem wir uns bemühen, Tai Chi unseren Mitmenschen als Geschenk anzubieten. Ich habe lediglich Verbindungen geknüpft …

Imagination ist die Blüte deiner persönlichen Entwicklung, lass sie nicht verdorren …

Hilmar Fuchs

Gewidmet meiner Frau Marlene und meinen Kindern Sandra und Michael.

Vorbemerkung

Seit vielen Jahren schon haben mich immer wieder Weggefährten und Schüler gebeten, meine Auffassung vom Tai Chi in Form eines Buches herauszugeben. Sie wünschten sich einen Text, der verständlich werden lässt, was Tai Chi für den Praktizierenden bedeuten kann, welche Wirkung seine Techniken auf den Körper und den Geist ausüben können und worauf die Wirkungen beruhen. Und natürlich auch ein Buch, in dem die von mir gelehrte Kranichform des Tai Chi – Hakutsuru, die Form des Weißen Kranichs – auf nachvollziehbare Weise vorgestellt wird.

Ich habe Mitte der 1960er Jahre damit begonnen, asiatische Kampfkünste zu erlernen. Zu jener Zeit drehte sich alles nur darum, möglichst stark und unüberwindbar zu werden. Relativ frühzeitig wurde ich inspiriert durch einen Japaner, Hirokazu Kanazawa, der schon damals weiter dachte als die meisten anderen Kampfkunstlehrer. Seine Auffassung war zu jener Zeit nicht sehr populär. Er sagte, Stärke und Härte würden unsere Körper mit der Zeit zermürben und unserer Gesundheit abträglich sein. Ich glaubte es ihm. Mein späterer Lehrer, der Franzose Roland Habersetzer, hat mich darin bestärkt und mir auf meinem Weg weitergeholfen. Auch heute noch, nach über 30 Jahren, habe ich meine Freude an den inspirierenden Gesprächen mit ihm. Diese beiden Lehrer waren für meine Entwicklung der Zündfunke und das Feuer.

Der in Florida lebende George Alexander, ein Meister des Shorin-ryu-Karate (9. Dan) und hochdekorierter Vietnamkriegsveteran, brachte mich erstmals in Berührung mit der Kranichform.

Nach 20 Jahren der unermüdlichen Auseinandersetzung mit dieser Form gelangte ich zu meiner persönlichen Interpretation derselben aus Sicht der Heilung und Gesunderhaltung des menschlichen Körpers und Geistes. Die Erfahrungen, welche ich im Lauf der Jahrzehnte sammeln konnte, bilden die Grundlage für dieses Buch.

In all diesen Jahren hat sich Tai Chi als eine Bereicherung von unschätzbarem Wert für meine persönliche Kampfkunst erwiesen. Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, dass der eigentliche Kampf weniger auf der Straße, sondern eher im Alltag und in uns selbst stattfindet. Tatsächlich sitzt unser größter Feind oft mitten in uns – in Gestalt von selbstzerstörerischen Gedanken, Süchten verschiedenster Art, Neid auf vermeintlich glücklichere und erfolgreichere Menschen und so weiter. Die immer schwieriger werdende Arbeitswelt, der Leistungsdruck, familiäre Probleme und Zukunftsängste hinterlassen Spuren, die schlimmer sind als die eines Faustschlags. Und in diesen Kämpfen kann uns Tai Chi besser unterstützen als jede harte Kampfkunst. Tai Chi kann uns helfen, mehr über uns selbst und über unsere Umwelt und deren Einflüsse auf Körper, Geist und Seele zu erfahren. Von großem Wert ist dies auch für Kampfkünstler, gleichgültig welchen Stils, die mehr als nur die äußeren Techniken ihrer jeweiligen Kunst verstehen wollen.

Eine dauerhafte Praxis des Tai Chi ist eine echte Charakterschule. Ich möchte in diesem Zusammenhang eine Aussage Risuke Otakes (Meister des Shinto-ryu-Schwertkampfstils) über das Konzept der Erziehung des Charakters zitieren:

Es ist der Charakter, der einem Menschen den Ruf einträgt, ein wirklicher Mensch zu sein. Es gibt viele Mittel, durch die man seinen persönlichen Charakter entwickeln kann: Zum Beispiel durch das Studium des Buddhismus, des Shintoismus, der Kalligraphie, der Teezeremonie, der Kunst des Blumenarrangierens und so weiter. Jeder dieser »Wege« (do) wird denjenigen, der sich ihm vom ganzen Herzen widmet, in die Lage versetzen, das zu erreichen, was seine endgültige Bestimmung ist – ein Mensch zu sein.

Ein altes Gedicht besagt: »Auch wenn es viele Wege gibt, die einen Berg hinaufführen, so wird doch ein jeder, der den Gipfel erreicht, ein und denselben Mond erblicken.« Von all den verschiedenen »Wegen«, auf denen man zu einem guten Charakter gelangen kann, zeichnen sich die kriegerischen Disziplinen (Budo) dadurch aus, dass das Element der Gefahr ein untrennbarer Bestandteil des Trainings ist. Es ist wichtig, auf diese Weise zu trainieren, um Unheil zu vermeiden. Der Trainierende muss sich dessen bewusst sein, dass ein Schwert, das von einem bösen Herzen regiert wird, zum satsujin ken wird, zu einer mörderischen Waffe. Es hat viele Schwertkämpfer gegeben, die das Leben nur deshalb verloren haben, weil ihr Herz und ihr Verstand nicht gut waren. Nur ein Schwertkämpfer, der mit dem rechten Herzen und dem rechten Verstand trainiert, wird das katsujin ken, das Schwert, das Leben spendet und nicht Leben nimmt, in seinen Händen halten. 1

In allen Tai-Chi-Stilen gibt es auch Formen mit dem Schwert. Oft vergessen wir jedoch dabei, dass das Schwert sozusagen nur die Verlängerung unseres Charakters darstellt. Egal, welche Disziplinen wir betreiben, das eigentliche Ziel ist immer die »Bildung des Charakters«.

Dieses Buch kann natürlich keinen Lehrer ersetzen, aber es kann einen »Zündfunken« erzeugen, der Sie auf dem einmal eingeschlagenen Weg weitergehen lässt. Tai Chi ist buchstäblich für einen jeden geeignet – für junge Menschen, für Senioren, für Kampfkünstler und für Leute, die auch ohne einen »Sport« fit und gesund bleiben wollen. Es ist anregend und »schmackhaft« wie eine Tasse Tee.

Tai Chi ist nicht besser und nicht schlechter als andere Methoden; alles, was dem Menschen hilft, körperlich und geistig gesund zu bleiben und seinen Charakter zu schulen, hat seine Berechtigung. Sie selbst müssen herausfinden, welches System für Sie am geeignetsten ist. Worum es immer gehen sollte, ist der Aufbau einer stabilen Mitte (Dantian) als Grundlage für eine Stärke, die von innen kommt und nach außen strahlt. Ein in diesem Sinne ausgebildeter Mensch wird zu Verständnis und Liebe – auch sich selbst gegenüber – fähig sein und auf seine Umgebung anziehend und nicht abstoßend wirken.

Wir sind Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen. Wir können weiter sehen als unsere Ahnen, und in dem Maß ist unser Wissen größer als das ihrige, und doch wären wir nichts, würde uns nicht die Summe ihres Wissens den Weg weisen.

Bernhard von Chartres (1080-1167)

1. Die Kunst des Tai Chi

1.1. Über die Geschichte des Tai Chi

Tai Chi ist ein Weg des Lebens, praktiziert in der chinesischen Kultur seit mehr als tausend Jahren. Die Menschen im alten China waren stets auf der Suche nach einer optimalen Form des Daseins für Körper und Geist und sind auf diese Weise zu bemerkenswerten Ergebnissen gelangt, von denen die Kunst des Tai Chi eines darstellt. Während wir im Westen es gewohnt sind, Körper und Geist als etwas Getrenntes aufzufassen, ist es den Chinesen auf ihrem einzigartigen Weg gelungen, beides als eine Einheit entwickeln zu lernen.

Die alten Chinesen betrachteten den menschlichen Geist als etwas, dessen Fassungsvermögen grenzenlos ist, während sie den Körper als etwas Begrenztes auffassten. Ihr Ziel bestand nun darin, durch die rechte Verbindung von Körper und Geist zu grenzenloser Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten zu gelangen. Tai Chi zielt auf dieses »Grenzenlose«. Es will den Menschen auf eine höhere Stufe seiner Entwicklung heben, will ihm helfen, seine Kreativität frei zu entfalten.

Diese Vorstellungen, denen das Tai Chi vor langer Zeit entsprang, bildeten die unsichtbare Kraft, die die chinesische Geschichte seit Jahrtausenden lenkt. Medizin, Ernährung, Kunst und Wirtschaft, selbst die zwischenmenschlichen Beziehungen, sie alle waren stets davon geprägt.

Für den Weg hin zur grenzenlosen Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten spielt der richtige Umgang mit dem Yin, der negativen Kraft (Zurückhaltung), und dem Yang, der positiven Kraft (Aktion), eine wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang soll auf ein sehr altes Werk, das »Buch der Wandlungen«, »I Ging«, verwiesen werden, in dem Staatsführungs- und Lebensweisheiten vermittelt wurden. Dieses mehrere tausend Jahre alte Orakelbuch wird oft als eine Quelle der Yin-Yang-Lehre betrachtet.

Diese Lehre, die im Zentrum des Tai Chi steht, besagt, dass, wenn Yin und Yang in Harmonie miteinander agieren, die Menschen dem Ziel der grenzenlosen Entfaltung näherkommen werden. Eine einfache, natürliche Lebensweise wird von den Chinesen als der beste Weg hierfür angesehen. Betrachtet man jedoch die Geschichte des chinesischen Staates, so erkennt man, dass das Konzept oft missbraucht wurde, um die Herrschaft der jeweiligen Dynastien zu stützen. Die Herrschenden berücksichtigten zumeist nicht im mindesten die Regeln eines einfachen und natürlichen Lebens. So formte beispielsweise die Qing-Dynastie, die letzte Kaiserdynastie des alten China, mit autoritärer Gewalt eine Gesellschaft, die über zweieinhalb Jahrhunderte Bestand hatte und bei der eine aggressive Yang-Kraft die Grundlage der Autorität bildete. Wer versuchte, ein kooperatives, nach Harmonie strebendes Leben zu verwirklichen, wurde unterdrückt. Frauen wurde gelehrt, dass sie schwach seien und sich unterwürfig zu verhalten hätten.

Und dennoch verschaffte die Philosophie des Tai Chi beziehungsweise die Yin-Yang-Lehre selbst in Zeiten größter Unterdrückung den Menschen die Möglichkeit, sich in gewissen Grenzen entfalten zu können.

Die Geschichte des Tai Chi als Bewegungskunst begann wahrscheinlich vor etwa 1800 Jahren. Ein chinesischer Arzt mit Namen Hua Tuo formulierte damals die Erkenntnis, dass Menschen sich aktiv geistig und körperlich betätigen sollten, um ein Leben in Ausgeglichenheit und Harmonie zu führen. Er glaubte insbesondere, dass es die Lebensqualität und die Gesundheit der Menschen verbessern würde, wenn sie Tiere und deren Bewegungen imitieren würden. So kreierte er ein Bewegungssystem, das als »Die Kunst der fünf Tiere« bezeichnet wird und das sich noch heute in China als ein sehr altes Qigong-System großer Beliebtheit erfreut. Diese Tiere waren der Hirsch, der Affe, der Bär, der Tiger und der Kranich. Somit dürfte Hua Tuo einer der ersten Ärzte gewesen sein, welche Gymnastik in ihre Heilkunst einbezogen.

Etwa um 480 soll Damo (Bodhidharma) von Indien nach China gereist sein, um dort seine religiöse Lehre, den Buddhismus, zu verbreiten. Er begann mit seiner Lehrtätigkeit im Shaolin-Tempel. Neben Religion und Meditation unterrichtete auch er ein System der Tierimitation zur Gesunderhaltung und Kräftigung des Körpers. Er glaubte, dass nur ein Gleichgewicht zwischen Körper und Geist zur Vollendung führen könnte. Über die Schüler von Damo wurde nicht nur der Buddhismus, sondern auch die Kunst der Tierimitation weitergegeben. Letztere entwickelte sich mit der Zeit zu einer äußeren Kampfkunst. Die dafür erforderliche geistige Disziplin wurde durch die Lehren des Buddhismus erreicht.

Um 1200 lebte in einem Tempel in den Wudang-Bergen ein daoistischer Mönch mit Namen Chang San-feng (Zhang Sanfeng). Einst ein Angestellter des Staates, verabschiedete er sich vom Dienst und zog in die Berge, um dort ein Leben als Einsiedler zu führen und im Einklang mit der Natur den Regeln des Dao zu folgen. Bis zu diesem Zeitpunkt galt es als das wichtigste in den Kampfkünsten, große körperliche Kraft zu erlangen. Doch Chan San-feng kam zu der Überzeugung, dass dies den Prinzipien und der Philosophie der Natur widerspreche. Eines Tages beobachtete er den spielerischen Zweikampf eines Kranichs und einer Schlange. Über den Ausgang des Kampfes gibt es unterschiedliche Überlieferungen. Doch spielt dies genau genommen gar keine Rolle, da der eigentliche Gewinner Chang San-feng war. Durch aufmerksame Beobachtung konnte er feststellen, dass sich beide Kontrahenten in spiralförmiger Bewegung aufeinander zu bewegten, auswichen, die Richtung wechselten, sich sofort auf veränderte Situationen einstellten und somit eine perfekte Darstellung des I Ging, des Buches der Wandlungen, dem Vorläufer der Yin-Yang-Lehre, demonstrierten.

In der Folge entwickelte er eine Kunst, welche die innere Kraft bevorzugt, mit der eine brutale äußere Kraft überwunden werden kann. Dies kann als die Geburtsstunde des Tai Chi angesehen werden. Er entwickelte 13 Positionen, Chang-chuan (Zhang-quan) genannt.

Wang Tsung-yueh (Wang Zongyue) war ein Schüler Chang San-fengs. Er verwendete als erster den Begriff Tai Chi Chuan (Taijiquan) und vereinte Changs 13 Positionen zu einer Form.

Chen Wangting (1594-1664) brachte seine militärischen Erfahrungen – er war General unter der Ming-Dynastie – in das Tai Chi Chuan ein. Er begründete den Chen-Stil dieser inneren Kampfkunst. Sein Nachkomme und Stilerbe Chen Changxing (1771-1853) hatte einen Leibeigenen namens Yang Luchan (1799-1872), der zu seinem Schüler wurde, nachdem er lange Zeit die Familienmitglieder heimlich beim Training beobachtet und ihre Bewegungen imitiert hatte. Er wurde ein vollendeter Meister des Tai Chi Chuan und galt als unbesiegbar. Er ist der Begründer des Yang-Stils des Tai Chi Chuan.

Im Jahr 1644 eroberten mandschurische Streitkräfte die Macht in China und installierten die Qing-Dynastie (1644-1911). Die Mandschurenkaiser regierten mit harter Hand, und unter ihrer Herrschaft blühte die Korruption. Xianfeng (1831-1861), der 1850 als Kaiser eingesetzt wurde, hörte von der Einzigartigkeit der Kampfkunst des Yang Luchan. Er befahl diesem, in den Dienst des Kaiserhauses einzutreten und seine Kunst dort zu unterrichten. Zudem berief ihn die Kaiserfamilie 1850 zum obersten Leibwächter des Kaisers. Er übernahm diese Aufgabe nur ungern und unterrichtete lediglich die äußere Form als eine Art der Gymnastik, ohne auch nur im geringsten auf die Philosophie und die mentale Disziplin seiner Kunst einzugehen. Sein tieferes Wissen gab er nur an seine Söhne weiter, obgleich er wusste, dass es ihn das Leben gekostet hätte, wenn der Kaiser davon erfahren würde.

Wu Yu-hsiang (1812-1880) war ein Schüler Yangs. Er schuf später seinen eigenen Stil, den Wu-Stil.

Sun Lutang (1861-1933), kreierte den Sun-Stil.

Yang Chengfu (1883-1936), war die bekannteste Person im modernen Tai Chi Chuan. Er lehrte seine Form in langsamer, sanfter Ausführung. Er stellte die Gesundheitsaspekte an die erste Stelle. Ihm ist es zu verdanken, dass Tai Chi heute eine solch große Popularität erreicht hat.

Meister des Tai Chi wurden stets hoch geachtet, da sie als weise galten. Viele von ihnen waren Gelehrte, die beispielsweise auf dem Gebiet des Rechtswesens, der Wohltätigkeit, der Bildung oder der Medizin tätig waren.

Die Anhänger des Tai Chi glaubten, dass Menschen durch Disziplin zu einem gesunden, freundlichen und spirituellen Lebenswandel gelangen sollten. Sie sollten denen helfen, die Hilfe benötigen und ihnen ein Gefühl des Vertrauens vermitteln. Die Entwicklung innerer Stärke und Standfestigkeit war der eigentliche Kernpunkt dieser Form der Kampfkunst.

1.2. Tai Chi als Kampfkunst

Ich möchte an dieser Stelle einige Überlegungen über die Kampfkunst einflechten, nicht zuletzt natürlich auch deswegen, weil Tai Chi von Anfang an eine Kampfkunst war, bei der es um mehr als die reine Kunst des Kämpfens ging. Bereits Chang San-feng soll gesagt haben: »Ich wünschte, die Menschen würden sich in der Kunst der Verlängerung des Lebens üben und nicht so sehr auf die groben und oberflächlichen Kampftechniken bedacht sein.« – Ich denke, dass es nicht zu weit hergeholt ist, diese Aussage als einen Aufruf zu Gewaltlosigkeit aufzufassen, denn es geht um nichts weniger als den Wert des menschlichen Lebens, der hier hervorgehoben wird. Und der beste Schutz des menschlichen Lebens besteht darin, sich einen gesunden Körper und einen gesunden Geist zu bewahren und Gewalt zu vermeiden. Für beides ist die ausdauernde Praxis des Tai Chi eine ausgezeichnete Voraussetzung.

Mahatma Gandhi (1869-1948) wurde von seinen Getreuen, nachdem viele Inder beim Widerstand gegen die britischen Kolonialherren schwer verletzt worden waren, gefragt: »Warum wehren wir uns nicht?« – »Ein Auge für ein Auge – dann wird bald die ganze Welt blind sein«, war Gandhis Antwort. In seinen Schriften findet sich zudem die interessante Aussage: »Gewaltlosigkeit bedeutet keineswegs Ablehnung jeglicher Konfrontation mit dem Bösen. Sie ist meiner Auffassung nach, im Gegenteil, eine Form eines sehr aktiven Kampfes – echter als der gewalttätige Gegenschlag, dessen Wesen im Grunde die Vermehrung der Boshaftigkeit ist.«2

Der Begriff »Kunst« bezeichnet im weitesten Sinne jede entwickelte Tätigkeit, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist. In der Antike wurden als freie Künste (artes liberales) jene Kenntnisse und Fähigkeiten bezeichnet, die einem freien Mann, nicht aber einem Sklaven zur Verfügung standen. Heute verstehen wir als Kunst im engeren Sinne kreative menschliche Tätigkeit, die nicht eindeutig auf funktionale Zweckmäßigkeit abzielt. Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines schöpferischen Prozesses. Wer systematisch eine Kunst ausübt, wird als Künstler bezeichnet.

Die Kampfkunst wird auf Lateinisch als »ars martialis« bezeichnet, die Kunst des römischen Kriegsgottes Mars. Das verweist darauf, dass Kampfkünste in der Vergangenheit vorrangig für die Vorbereitung auf den Krieg geübt wurden. Vor allem im Fernen Osten entwickelten sich die Kampfkünste jedoch auf eine Weise weiter, dass in zunehmendem Maße Aspekte wie Philosophie, Religion und auch Heilkunde darin einflossen und mitunter sogar ein größeres Gewicht gewannen als die eigentlichen Kampftechniken, die oft nur noch als Mittel zum Zweck angesehen wurden. Wobei der Zweck zum Beispiel darin bestand, dem Menschen zu helfen, seinen Charakter zu entwickeln, sich von den Fesseln seines Egos zu befreien, sich selbst zu ergründen, um das eigene Wesen besser kennenlernen zu können und so einen Sinn im Leben zu finden.

Dr. Jwing Ming Yang, ein zeitgenössischer Meister des Weißen-Kranich-Stils und Tai-Chi-Experte (Yang-Stil), schrieb in diesem Zusammenhang, dass sein Meister Gin Gsao Cheng ihm erklärt habe, dass das Ziel eines jeden Kampfkünstlers nicht das Kämpfen sei. Es gehe nicht darum, in der Lage zu sein, seinen Gegner zu überwältigen. Das eigentliche Ziel beim Erlernen einer Kampfkunst bestehe darin, den Sinn des Lebens zu entdecken. So wird aus der Kampfkunst ein Lebensweg. – Letzten Endes geht es nicht einmal darum, ob man eine Kampfkunst oder eine andere Kunst praktiziert. Auch jemand, der beispielsweise Klavier spielen lernt, wird dabei viel über sich selbst erfahren, und er wird lernen, sich zu disziplinieren und all seine Energie auf ein bestimmtes Ziel auszurichten.

Es geht in jedem Fall um das stete Bemühen, sich zu verbessern, zu vervollkommnen. Die Weisheit, die wir auf diesem Weg erlangen, ermöglicht es, unsere Gefühle zu verstehen und zu beherrschen und generell zu einem höheren, spirituellen Verständnis für unsere eigentlichen Ziele im Leben zu gelangen. Um solch ein Verständnis zu erreichen, bedürfen wir jedoch eines großen »Feindes«, den wir bezwingen müssen. Und dieser große Feind sind wir selbst, genauer gesagt, unser Ego, das unserer freien Entfaltung stets im Wege steht. Und der einzige Weg, diesen ultimativen Feind zu besiegen, besteht in Selbstdisziplin und echtem Verständnis für das Leben.

Es ist ein interessantes Phänomen, dass so viele Kampfkünste in buddhistischen oder daoistischen Klöstern entwickelt wurden. Die Mönche, die sich solch todbringende Fähigkeiten mit viel Mühe und Ausdauer aneigneten, hatten zwei Beweggründe hierfür: Zum einen ging es um die Fähigkeit, sich gegen die in der Vergangenheit geradezu allgegenwärtigen Banditen zur Wehr setzen zu können, zum anderen gestattete das harte Training es ihnen, einen hohen Grad an Weisheit zu erreichen, die es ihnen ermöglichte, Herr über ihre Emotionen zu werden.

It’s not because I’m old And it’s not what dying does I’ve always liked it slow Slow is in my blood

Leonard Cohen

1.3. Vom Sinn der Langsamkeit

Unsere heutige Welt ähnelt Olympischen Spielen. Schneller, höher und weiter – das scheint das Motto unserer Zeit zu sein. Wer nicht mitkommt, bleibt irgendwann auf der Strecke. Wir folgen nicht mehr den Rhythmen und Zyklen der Natur, aus der wir doch kommen, und verlieren so unsere Verbindung zu unseren Ursprüngen. Wer jedoch ein gesundes, aufrichtiges und erfülltes Leben führen will, der sollte den Rhythmus der Natur studieren und seinen eigenen daran anpassen.

So wird es schon im über zweitausend Jahre alten Huangdi neijing, dem »Buch des Gelben Kaisers zur inneren Medizin« dargestellt, das ein ganzheitliches Dasein des Menschen im Einklang mit der Natur propagiert und noch heute als ein Grundlagenwerk für die chinesische Medizin gilt.

Betrachten wir die Natur und ihre Zyklen, so sehen wir, wie langsam manche Veränderungen vor sich gehen. Im Frühling können wir beobachten, wie ein Samenkorn langsam Wurzeln schlägt und sich so mit »Mutter Erde« verbindet. Und ohne »Vater Himmel« und seinen Regen könnte das Samenkorn nicht wachsen und gedeihen. Und bis aus dem Samen zum Beispiel ein Busch wird, muss einiges an Zeit vergehen. Der Sommer mit seiner Wärme wird den Busch erstarken lassen, im Spätsommer ist sein Wachstum abgeschlossen. Im Herbst ist es Zeit, loszulassen; der Busch verliert seine Blätter und seine Früchte. Es beginnt die Phase der Neuorganisation. Ein Kapitel wird abgeschlossen, bevor ein neues beginnen kann. Die Winterzeit dient der Erholung, der Ruhe, dem Sammeln von Kräften für den nächsten Zyklus.

Es ist heute bekannt, dass es die Qualität von Pflanzen, die als Lebensmittel verwendet werden, mindert, wenn ihr Wachstum mit Kunstdünger und künstlichem Licht beschleunigt wird. Ähnlich unnatürlich ist unser Leben in der immer schneller werdenden »Tretmühle« der modernen Gesellschaft. Wir müssen uns mit immer mehr »Düngemittel« stimulieren, damit wir noch Schritt halten können. Der Preis dafür, dass wir auf diese Weise gegen die Natur handeln, besteht darin, dass unsere Lebenskraft vor der Zeit verbraucht wird und wir schneller altern und anfällig für Krankheiten werden.

Die langsame Ausführung der Techniken im Tai Chi hilft uns, unser Tempo zurückzunehmen, zum Rhythmus der Natur zurückzufinden und auf diese Weise ein gesünderes Leben zu führen.

Tai Chi entspricht den Rhythmen und Zyklen der Natur. Langsam entwickeln sich seine Wirkungen im ganzen Körper, und wir können mit großer Aufmerksamkeit das, was wir tun, wahrnehmen und empfinden. Letzten Endes bedeutet Wahrnehmung nichts anderes als Fühlen, und Tai Chi lehrt uns, uns dessen bewusst zu werden.

Führt man Tai Chi aus, so sollte dies auf vollendete Weise geschehen; Fehler sollten vermieden werden. Die Form sollte glatt sein, ohne Unregelmäßigkeit, und sie sollte kontinuierlich, ohne Unterbrechungen geübt werden.

Chang San-feng

2. Die Kranichform des Tai Chi

2.1. Die Herkunft des Kranichstils

Eine der Quellen der Kranichform des Tai Chi ist die südchinesische Kampfkunst »Weißer Kranich von Fujian«. Mein Lehrer Roland Habersetzer schrieb über diesen Wushu-Stil in seinem Buch über das chinesisch-okinawanische Bubishi:

Die Ahnenfolge der Meister dieses Kampfstils beginnt mit einem Mönch des Shaolinklosters mit Namen Fang Shiyu (oder Fang Houshou), der ein Experte des »Boxens der 18 Punkte« war. Nach der Zerstörung des Klosters von Honan im Jahre 1644 und der darauf folgenden Emigration der überlebenden Mönche fand Fang Shiyu Unterschlupf in einem Kloster in der südchinesischen Provinz Fujian. Dieses Kloster übernahm die Bezeichnung Shaolin. In ganz China gab es solche Ableger des ursprünglichen Shaolinklosters. Hier lebten und wirkten die Erben der Kampftechniken, die seit Bodhidharma entwickelt worden waren, und hier lebte der Widerstand gegen die verhaßte Herrschaft der neuen Mandschu-Dynastie. In einem Nachbardorf des Klosters Yongchun (auf japanisch Eishun), in dem Fang Shiyu Zuflucht gefunden hatte, wuchs die Tochter des Mönches auf, ein Mädchen namens Fang Jin Jang. Er lehrte sie seine Kampftechnik. Aber erst nach dem Tode ihres Vaters schuf Fang Jin Jang die Grundlagen jenes Kampfstils, der als »Weißer Kranich von Fujian« bekannt wurde.

Die Archive der von ihr begründeten Schule berichten, dass Fang Jin Jang eines Tages die Gelegenheit hatte, durch eine Bambushecke hindurch den Kampf zweier Kraniche zu beobachten. Ihr fielen die Präzision der Hiebe, der Ausweichmanöver und des Flügeleinsatzes auf. Plötzlich verspürte sie den Wunsch, die beiden Vögel voneinander zu trennen. Sie nahm einen langen Bambusstock, um sie zu erschrecken. Aber zu ihrer größten Überraschung wich der Vogel, den sie zu treffen versuchte, jedes Mal, wenn sie glaubte, ihn im nächsten Moment mit dem Stock zu berühren, mit einer schnellen und präzisen Bewegung aus und entkam mühelos ihrem Angriff. Er schwang sich schließlich auf, ohne dass sie ihn erreichen konnte. Der Vogel erwies sich als unberührbar! Dies war für die junge Frau eine wahre Offenbarung, und sie begriff auf diese Weise unmittelbar das Prinzip des Weichen und des Harten. Unverzüglich machte sie sich daran, eine Synthese aus den Lehren ihres Vaters und dem von ihr beobachteten Verhalten der Kraniche zu schaffen. Das Ergebnis war ein neuer Kampfstil, der sich schnell einen bedeutenden Ruf in der gesamten Provinz erwarb, wo er unter dem Namen Yongchun Hequan bekannt wurde. Die Tradition der Schule berichtet weiterhin, dass Fang Jin Jang die eigentliche Technik um bestimmte Atemtechniken und moralische Grundsätze erweiterte, um jedem Praktizierenden zu innerer Ausgeglichenheit und zur Harmonie mit den Kräften der Natur zu verhelfen.3


2.2. Die Botschaft des Kranichs

Werden Kraniche in Tierparks gehalten, so werden ihnen die Flügel gestutzt. Auf diese Weise können sie nur noch laufen und ein wenig flattern, sich aber nicht mehr frei in die Lüfte aufschwingen. Das heißt, ihr eigentliches Element, die Weite des Himmels, ist ihnen nicht mehr zugänglich. Diese in Gefangenschaft lebenden großen Vögel können zwar durchaus ein hohes Alter erreichen, aber verglichen mit ihren frei lebenden Artgenossen wirken sie weniger lebendig, weniger vor Lebenskraft »vibrierend«. Mit anderen Worten – sie können sich nicht mehr frei entfalten, denn das Potential hierfür schöpft ein freier Kranich aus der Wechselwirkung zwischen Yin (der Erde) und Yang (dem Himmel). Das gleiche gilt entsprechend für jedes Tier, das statt in Freiheit in der Enge eines Käfigs lebt.

Wir Menschen leben in der modernen Gesellschaft ebenfalls wie in einem Zoo. Wir bauen Mauern und Zäune, isolieren uns voneinander, äußerlich und innerlich. Wir leben in »Käfigen«, die wir für unseren eigenen Schutz errichtet haben. Vor allem die inneren Mauern in unseren Köpfen hindern uns an unserer Entfaltung, daran, unser wirkliches Potential als Menschen zu erreichen.

Ein Kranich, dessen Flügel nicht gestutzt sind, kann jeden Zaun, jede Mauer überwinden. Er tut dies nicht, indem er sie niederreißt, sondern indem er sich über sie hinwegschwingt. Seine Freiheit beruht nicht auf Zerstörung, sie beruht auf Harmonie, auf intuitivem Erkennen der Situation und auf intuitiver Anpassung an die Gegebenheiten. Diese Möglichkeit steckt auch in uns, und Tai Chi kann uns die Flügel verleihen, die wir dazu brauchen, unsere inneren Mauern und Zäune zu überwinden.

Ich möchte an dieser Stelle den Psychologen und Buchautor Dr. Steven D. Farmers zitieren, der schrieb, welche spirituelle Nachricht ein großer Vogel wie ein Adler oder ein Kranich für uns haben könnte:

Ob du es weißt oder nicht, aber du hast Zugang zu einer unglaublichen spirituellen Kraft! Wenn dein Blick zu eng ist und du keine Probleme mehr lösen kannst, wenn du jeder Herausforderung hilflos gegenüberstehst, dann schau darauf aus meiner Perspektive. Komm mit mir mit, und ich bringe dich zur Sonne und zu den Sternen. Du musst den Mut haben, alte und bequeme Gewohnheiten und Glaubensgrundsätze abzulegen und in unbekannte Reiche und neue Welten aufzusteigen, indem du deinen Blick unaufhörlich erweiterst. Die Zeit, die volle Verantwortung für dein Leben zu übernehmen, ist jetzt; sei bereit für sofortiges Karma. Und sobald dein spirituelles Bewusstsein ansteigt, wird dies positive und auch negative Wirkungen haben, die unmittelbar sind und immer größere Kraft besitzen werden. Wenn du vor einer Entscheidung stehst, gleichgültig, ob es dabei um eine bedeutende oder unbedeutende Angelegenheit geht, so besieh dir zunächst all die Möglichkeiten, die für dich zur Auswahl stehen, von oben. Dann wähle eine davon aus und halte dich rückhaltlos daran, ohne irgendwelche Mehrdeutigkeiten zuzulassen. Lass dich nicht von materiellen Sorgen davon abhalten, dich aufzuschwingen!4

Bitte einen Kranich um Hilfe:

 wenn Zeitmangel und all die kleinen Dinge des Alltags für dich eine schwere Last bedeuten;

 wenn du schwere Entscheidungen für dein Leben oder deine Partnerschaft zu treffen hast, oder darüber, welche Richtung du für dein weiteres Leben einschlagen möchtest;

 wenn du viel Energie in eine Sache steckst und das Ergebnis dich trotzdem nicht zufriedenstellt.

Wie können wir uns die Kraft des Kranichs zu eigen machen? Wie können wir von ihm lernen, unseren Alltag in den Griff zu bekommen, Energie zu sparen und dennoch unsere Vorhaben, unsere Träume Wirklichkeit werden zu lassen? Eine Möglichkeit besteht darin, die weiter hinten im Buch vorgestellten Übungen zu praktizieren. Das mag zu Beginn schwierig sein, da jedes regelmäßige Üben zunächst einmal eine Überwindung bedeutet und die Übungen zwar nicht übermäßig kompliziert, aber dennoch nicht anspruchslos sind. Aber es geht nicht darum, sofort zur Perfektion zu gelangen. Gewöhnen Sie sich an die Übungen, dann werden Sie sie immer besser »verstehen«, bis sie eines Tages zu Ihrer »zweiten Natur« werden.

2.3. Der Kranich und das Tai Chi

Im Tai Chi ist oft die Rede von den »fünf Tugenden« und den »acht Wahrheiten«. Diese finden sich in alten Manuskripten chinesischer Meister, deren Namen heute nicht mehr bekannt sind.

Die fünf Tugenden des Tai Chi

1  Dein Lernen sollte weitgreifend sein und vielfältig. Beschränke dich nicht selbst. Dieses Prinzip kann mit deinem Stand verglichen werden, der es dir gestattet, dich leichtfüßig und in verschiedene Richtungen zu bewegen.

2  Prüfe und frage. Frage dich selbst, wie und warum Tai Chi funktioniert. Dieses Prinzip kann mit deiner Empfindsamkeit verglichen werden, die dich wahrnehmen lässt, was andere ignorieren.

3  Sei sorgfältig und achtsam in deinem Denken. Nutze deinen Verstand, um zum richtigen Verständnis zu finden. Dieses Prinzip kann verglichen werden mit deiner Fähigkeit zu verstehen.

4  Prüfe sorgfältig. Trenne klar die Konzepte und entscheide dich dann für den rechten Weg. Dieses Prinzip kann mit dem ununterbrochenen Bewegungsfluss im Tai Chi verglichen werden.

5  Übe ernsthaft. Dieses Konzept kann mit dem Himmel und der Erde, dem Ewigen verglichen werden.

Die acht Wahrheiten des Tai Chi

1  Mach dir keine Gedanken über die Form. Mach dir keine Gedanken über die Art und Weise, in der sich die Form ausdrückt. Das beste ist es, die eigene Existenz zu vergessen.

2  Dein ganzer Körper sollte transparent und leer sein. Lass das Innere und das Äußere miteinander verschmelzen, um eins zu werden.

3  Lerne, die äußeren Dinge zu ignorieren. Folge dem natürlichen Weg. Erlaube es deinem Verstand, dich zu leiten, und handle spontan, im Einklang mit der Bewegung.

4  Die Sonne geht über dem westlichen Gebirge unter. Der Felsen tritt hervor, frei im Raum hängend. Sieh den Ozean in seiner Weite und den Himmel in seiner Unermesslichkeit.

5  Des Tigers Gebrüll ist tief und gewaltig. Des Affen Schrei ist hoch und schrill. So sollst du deinen Geist verfeinern, indem du das Positive und das Negative entwickelst.

6  Das Wasser der Quelle ist klar wie Kristall. Das Wasser des Teiches steht still und ruhig. Dein Verstand soll wie das Wasser des Teiches sein und dein Geist wie die Quelle.

7  Der Fluss tost. Der stürmische Ozean brodelt. Lass dein Chi wie diese Naturwunder werden.

8  Strebe ernsthaft nach Vollkommenheit. Lass das Leben gedeihen. Wenn du deinen Geist geklärt hast, kannst du das Chi entwickeln.

Der Kranich scheint all dies zu vereinigen. Er steht für Individualität, die in Harmonie mit anderen Individuen existiert. Der Kranich ist ein zuverlässiges und beständiges Wesen: Findet er einen Lebenspartner, so bleibt er ihm für gewöhnlich sein Leben lang verbunden.

Schaut man einem Kranich zu, so ruft das ein Gefühl der Erhabenheit hervor. Dieser große Vogel bewegt sich mit äußerster Eleganz und Ruhe. Ihn umgibt eine Art Aura, ein Energiefeld, dessen Ausstrahlung wir spüren können und das direkt aus seinem innersten Wesen stammt. Aus diesem Grund galt der Kranich im alten China als Symbol für ein langes Leben, für Weisheit, für die Reife des Alters und ebenfalls für die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Die chinesische Mythologie kennt auch das Konzept des »Himmelskranichs« beziehungsweise des »Seelenkranichs« – man glaubte, dass sich daoistische Priester, die den Zustand der Vollendung erreicht hatten, nach ihrem Tod in einen Kranich verwandelten. In der Qing-Dynastie trugen die höchsten Zivilbeamten ein Abzeichen mit dem Abbild eines Kranichs als Zeichen ihres Ranges.

Dieses Buch, vor allem aber die darin vorgestellten Übungen, sollen Ihnen helfen, sich in die Lebensphilosophie eines Kranichs hineinzuversetzen, sein Wesen zu imitieren. Gelingt Ihnen diese Imitation eine Zeitlang, so werden Sie in eine Phase der Kreativität gelangen. Dann werden Sie »fühlen«, und zwar aus dem Bauch heraus, und Sie werden etwas Neues schaffen. Machen Sie sich beim Üben keine Gedanken darüber, ob Sie es »richtig« machen. Sie sind der Künstler, und am Ende werden Sie Ihre eigene Form entwickeln, die genau Ihnen und Ihrem innersten Wesen entspricht. Um dahin zu gelangen, lernen Sie von Anfang an mit dem Körper und nicht mit dem Kopf. Versuchen Sie nicht, die Übungen intellektuell zu verstehen – üben Sie sie durch Imitation.

Wenn wir uns die Kranichform »aneignen«, gehen wir von außen nach innen und wieder nach außen. Zunächst müssen wir unsere äußere Schutzschicht öffnen, indem wir die Übungen in uns »eindringen« lassen. Wir müssen bereit für Neues sein, es immer tiefer in uns hineinlassen, bis das neue Konzept unser Zentrum erreicht hat, wo es wie ein Samenkorn aufgehen und wieder nach außen dringen kann, wo es wie ein unsichtbares Strahlen von uns ausgehen wird. Das ist es, was wir als »Aura« bezeichnen und was die rational kaum erklärbare Gesamtwirkung eines Menschen auf andere Wesen – Menschen, Tiere und Pflanzen – bestimmt.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
Объем:
641 стр. 819 иллюстраций
ISBN:
9783938305850
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