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Arabella

1. Auflage, erschienen 8-2020

Umschlaggestaltung: Romeon Verlag

Text: Hildegard Maas

Layout: Romeon Verlag

ISBN (E-Book): 978-3-96229-879-1

www.romeon-verlag.de

Copyright © Romeon Verlag, Kaarst

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Hildegard Maas

ARABELLA

Die Abenteuer der kleinen blauen Schlange

Kapitel 1

Arabella war eine kleine blaue Schlange.

Ja, auf einmal war sie da!

Und das kam so:

Ein Clown auf einer kleinen Insel hatte ziemliche Langeweile. Es gab gerade mal nichts zu tun. Er schaute sich um und seufzte. Langeweile mochte er nicht. Langeweile haben, war nicht schön. Zum Glück hatte er nicht oft Langeweile, weil ihm doch dann irgendwann irgendetwas einfiel, was er tun konnte. Ja, und weil er jetzt gerade nichts anderes zu tun fand, pustete er Luftballons auf. Alle Luftballons, die er in seiner Wohnung finden konnte, pustete er auf. Er pustete aus Leibeskräften: rote, gelbe, grüne, weiße und einen blauen.

Als er fertig war, schaute er sich alle Ballons ganz genau und von allen Seiten an. Ja, es war eindeutig: der blaue war am allerschönsten von allen. Er bestaunte ihn ausgiebig von allen Seiten. Und er freute sich! Und weil er sich so freute, nahm er ihn in die Hand und tanzte mit ihm kreuz und quer durchs Zimmer. Er umarmte ihn und knuddelte ihn und da, auf einmal schwupps – war aus dem blauen Luftballon die kleine blaue Schlange entstanden. Sie hatte ein freundliches rundes Gesicht, einen langen Körper und zwei Beine mit natürlich auch Füßen dran. „Uiuiui“ – der Clown war superstolz auf sich. „Da ist mir aber mal was wirklich sehr Schönes gelungen.“ Er stellte sich mit seinem neuen Kunstwerk vor den Spiegel und machte ein Selfie von sich und der Schlange. Selfies machen, war nicht so sein Ding. Na ja, um ehrlich zu sein, eigentlich konnte er es gar nicht. Entweder es war nur seine Stirn zu sehen oder seine großen, großen Schuhe oder sein schöner dicker Bauch. Manchmal funktionierte es auch ganz gut. Nur diesmal wollte und wollte es nicht klappen, denn wenn man sich im Spiegel selbst fotografiert und dann noch zu zweit, ist es noch mal schwieriger, fand er.

Der Clown hatte also die kleine blaue Schlange auf dem einen Arm, das Handy in der anderen Hand und versuchte nun zum x-ten Mal, sich selbst mit der Schlange im Spiegel zu fotografieren. Da plötzlich hörte er wie jemand freundlich, aber doch etwas ungeduldig sagte: „Hey, jetzt mach Dein Foto und dann lass uns mal ein bisschen rausgehen.“ Erschrocken guckte er sich um und stolperte dabei fast über seine großen Schuhe. Das Handy hatte er fallen gelassen. War nicht schlimm, kann immer mal passieren in aufregenden Situationen, fand er. Aber dies hier war doch eine superbesondere Sache.

Der Clown, er hieß übrigens Theobald, kratzte sich am Kopf, murmelte irgendwas von schlecht geschlafen und überarbeitet und urlaubsreif. Dann rückte er seine Perücke gerade, zog seinen Anzug zurecht, hob das Handy vom Boden auf und setzte sich und die blaue Luftballonschlange wieder in Position vor den großen Spiegel. Er hob das Handy und wollte gerade das perfekte Foto machen, da ertönte wieder diese freundliche, aber jetzt doch sehr bestimmte Stimme. „Ich müsste mal zur Toilette!“ „Wer spricht denn da mit mir?“, fragte Theobald laut. „Na ich!“, sagte Arabella. „Wer ist ich?“, fragte Theobald. Dabei sah er sich noch mal um. „Hallo, ich! Ich sitze schon stundenlang auf Deinem Arm, während Du versuchst, ein Foto von uns beiden zu machen, dabei ist das doch ganz einfach: Mach einfach ein Foto!

Die besten Selfies sind sowieso die, die nicht perfekt sind, das bringt die meisten Menschen zum Lachen und Lachen ist gut!“

„Ja, da hast Du recht, wieso war mir das entfallen, ich bin doch Clown und will die Menschen zum Lachen bringen.“ Theobald musste über sich selbst lachen. Das tat erst mal gut. Dann aber stellte er die blaue Schlange vor sich auf den Boden, ging in die Hocke, sodass er in ihre Augen schauen konnte und sagte herzlich: „Hallo und willkommen hier, wie heißt denn Du?“ Das Selfie war mit einem Mal sehr unwichtig. Erst musste er wissen, mit wem er es zu tun hatte und er musste herausfinden, ob er nicht doch plötzlich verrückt geworden war und sich das alles nur einbildete. „Hallo zurück!“, sagte da die kleine, blaue, freundliche Schlange. „Ich bin Arabella. Ich war mal ein blauer Luftballon und nun bin ich ich, und so wie ich bin, fühlt sich das ziemlich gut an. Ich unterhalte mich gerade mit Dir und außerdem, wie ich schon sagte, müsste ich jetzt mal dringend auf die Toilette.“

„Jaja, aber selbstverständlich doch, dort drüben ist das Badezimmer. Warte, ich bring dich hin.“

„Da drüben die Tür, sagst du? Danke, da find ich allein hin. Warte hier, bin gleich wieder da.“ Sprach’s und machte sich unter den Augen eines sehr verwunderten Theobald auf den Weg ins Badezimmer. Theobald blieb vorsichtshalber auf dem Fußboden sitzen. Vielleicht steckte er ja auch mitten in einem Traum?

Da ging die Tür aber schon wieder auf und die kleine blaue Luftballonschlange stand tatsächlich vor ihm. „So, das wäre erledigt. Und was machen wir jetzt?“ Ihr Tonfall war leicht ungeduldig. Theobald dachte sich: Egal, ob ich träume oder wach bin, ich will jetzt wissen, wie es weitergeht mit mir und dieser kleinen freundlichen Schlange. Und schon hörte er sich sagen – ja und er war froh, dass er alleine in seiner Wohnung wohnte und ihn jetzt keiner hören konnte - „also nochmals herzlich willkommen, liebe Arabella. Ich würde vorschlagen, wir machen uns erst mal ein paar Pfannkuchen und dann zeige ich Dir die Insel, auf der wir hier wohnen.“ Arabella sprang vor Freude in die Luft „Super Idee, guter Plan!“, rief sie und folgte Theobald in die kleine gemütliche Küche. Hier roch es nach Kaffee und Zimt und es war ein Duft vom Meer im Raum. Das Fenster stand auf.

Die Sonne schien herein. Man konnte in einen kleinen Garten blicken. Da waren viele Vögel die zwischen den unterschiedlichsten bunten Vogelhäusern geschäftig hin und herflogen und sich offensichtlich unterhielten und Neuigkeiten austauschten. Es gab dort auch viele bunte Blumen und eine große Wiese mit Gänseblümchen und vielen Bienen. Es war ein so wunderschöner Ort, fand Arabella. Zufrieden ließ sie sich auf der Holzbank am großen Esstisch am Fenster nieder. Sie ließ die Sonnenstrahlen in ihr freundliches rundes Gesicht scheinen, atmete den Duft von Meer, Wiese und Blumen und hörte dem Gezwitscher der Vögel und dem Summen der Bienen zu. Entspannt lehnte sie sich in die großen, dicken, weichen Kissen auf der Bank zurück und schlief ein.

Kapitel 2

Geweckt wurde Arabella von einem lauten Gepiepe, Geschepper und nachfolgenden Schimpftiraden. Theobald wieselte von einer Ecke der Küche zur anderen, riss Schränke auf, schlug sie wieder zu. Er machte den Kühlschrank auf, um ein paar Eier und Milch herauszuholen, lief zum Küchenschrank, um Eier und Milch in den Mixer zu füllen. Auf einmal piepte es laut und schrill. Davon war Arabella geweckt worden. „Was piept denn hier so laut?“

„Ach, das ist mein Kühlschrank. Der macht einen Höllenlärm, wenn man ihn zu lange offenstehen lässt. Sehr lästig das alles. Meine Freunde haben gedacht, ich brauch so’n Ding, na ja, weil ich immer vergesse, den Kühlschrank wieder zuzumachen. Einmal war ich verreist und hatte mir vorher einen Apfel aus dem Kühlschrank geholt. Natürlich habe ich auch da die Kühlschranktür vergessen und, also was soll ich sagen, als ich wiederkam, war es so kalt in meiner Wohnung und im Kühlschrank war es viel zu warm, alles war verdorben. Ich habe mir einen Schnupfen geholt. Das Essen musste alles in den Müll und mein Magen blieb an dem Abend leer. Das habe ich meinen Freunden erzählt, als sie fragten, woher ich den Schnupfen habe. Und am nächsten Tag kamen sie und brachten diesen neuen Kühlschrank mit. Der erinnert mich jetzt ständig, wenn ich vergesse, die Tür zu schließen.“

„Ja und?“, fragte Arabella, „wieso machst Du ihn denn dann jetzt nicht zu?“

„Och, ich muss da ja gleich wieder dran. Aber Du hast schon recht, ich sollte es mir doch mal angewöhnen“. Arabella saß mit verschränkten Armen auf der Bank und wartete. „Und?“, fragte sie wieder, „Was und?“, fragte Theobald zurück. Es piepte immer noch. „Ach so, jaja, ich mach ja schon.“ Theobald schlurfte zum Kühlschrank und schloss die Tür. Sofort wurde es angenehm still in der Küche. „Ahhh“, Arabella seufzte erleichtert auf und auch Theobald hielt einen Moment inne. „Wow, sehr angenehm diese Ruhe. Ja, in der Tat ich muss schon sagen sehr angenehm. Viel besser als das elende schrille Piepen.“ Und das Beste war, er konnte sicher sein, dass der Kühlschrank nicht offenstand. Gut, wenn man Freunde hat, die wissen, was man wirklich braucht, dachte er zufrieden. Über dies hatte er aber wieder vergessen, dass er ja eigentlich Pfannkuchen backen wollte.

Arabella saß auf der Bank, ließ sich von der Sonne bescheinen, sah wieder dem Treiben im Garten zu und wartete. Ein Hungergefühl machte sich in ihrem Bauch bemerkbar. Theobald stand versonnen in der Mitte der Küche und freute sich immer mehr über sein erfülltes Leben mit solch guten Freunden und einem Haus mit einem schönen Garten und all den Vögeln und Bienen und Blumen und … Da wurde er unsanft aus seinen Gedanken gerissen durch eine ungeduldige kleine, blaue Schlange namens Arabella. „Ich hätte dann auch Hunger“, sagte sie mit quäkender Stimme und gar nicht mehr so freundlich wie am Anfang. „Ach Du je, natürlich.“ Theobald wurde plötzlich sehr geschäftig. „Du musst entschuldigen, ich bin sehr vergesslich. Nun wird’s Zeit, mein Magen ist auch schon wieder vollkommen leer. Warte kurz. Gleich wirst Du die weltbesten Pfannkuchen essen.“

Er tat alles, was auf dem Küchenschrank stand, in den Mixer. Eier und Milch waren ja schon drin. Das hatte er behalten von dem Pfannkuchen-Rezept seiner Oma. Nun wusste er aber nicht so recht weiter und musste sich schnell etwas ausdenken. Also füllte er das in den Mixer, was vom Vorabend noch auf dem Küchenschrank stehen geblieben war, weil er vergessen hatte, es wegzuräumen. Dies waren: saure Gurken, Tomaten, Lakritz-Schnecken, eine Currywurst und ein Erdbeerjoghurt. Zum Schluss tat er noch ein bisschen Salz und Pfeffer dazu, schloss den Mixer und stellte ihn an. Der Mixer mixte mit einem Höllenlärm und es entstand eine grünlichbraune Masse, die, das musste Theobald selbst zugeben, nicht sonderlich appetitlich aussah und auch nicht so sehr gut roch. Arabella schaute auf den Mixer, dann auf Theobald und dann wieder zum Mixer. „Bist Du sicher, dass es der richtige Pfannkuchenteig ist?“, fragte sie. Theobald kratzte sich am Kopf. „Nicht so ganz“, sagt er, „bei meiner Oma hat der Teig irgendwie eine andere Farbe und auch einen besseren Geruch. Ach was, es wird schon richtig so sein.“ Er stellte die Pfanne auf den Herd, tat etwas Fett hinein und stellte die Platte auf die höchste Stufe. Schon bald brutzelte das Fett in der Pfanne und Theobald löffelte den grünbraunen Teig hinein. Zufrieden setzte er sich auf die Bank. „So das wäre erledigt!“, sagte er und klatschte in die Hände. „Das wird ein feiner Schmaus.“ Nach dieser ganzen Schufterei fielen ihm die Augen zu und fast wäre er eingeschlafen, hätte nicht Arabella ihn angestupst. „Du, Theobald, ist das denn so richtig, dass die Pfanne stinkt und qualmt?“, fragte sie.

„Was? Wie? Es stinkt und qualmt? NEIN! Oh, oh nein, oh nein!“ Theobald sprang auf und jammerte laut. Es zog ein strenger Geruch durch die Küche, der überhaupt nichts mit dem Geruch zu tun hatte, der in der Küche lag, wenn Theobalds Oma Pfannkuchen backte. „Ach Du lieber Schnickschnack! Nein, nein, nein“, jammerte Theobald in einem fort. Er riss die Pfanne vom Herd, stellte sie in die Spüle und ließ Wasser hineinlaufen. „Warum vergesse ich bloß immer alles?“ Er wurde ziemlich traurig und mutlos. „Was sollen wir jetzt nur machen?“ Mit hängenden Armen und hängendem Kopf stand er vor der Spüle. Er war hungrig und müde und erschöpft und er wusste, dass Arabella auch Hunger hatte. „Hmm.“ Arabella überlegte: „Ruf doch einfach Deine Oma an und frag nach, wie sie immer Pfannkuchen backt“, schlug sie vor.

„Ja, Du hast recht! Das könnte ich machen.“ Theobalds Laune besserte sich. Er zögerte kurz. „Aber noch besser ist es, wir gehen gleich zu ihr hin und sie backt uns den weltbesten Pfannkuchen.“ Gesagt, getan. Theobald nahm Arabella und setzte sie in seinen großen Einkaufskorb. Er selbst zog seine schöne rote Strickjacke über seinen bunten Anzug. Arabella bekam einen blauen Schal umgelegt und eine Baseballkappe auf den Kopf, die sie fast vollständig verdeckte. „Hey, so kann ich doch überhaupt nichts mehr sehen!“, beklagte sie sich.

„Ach, das ist nicht schlimm. Hauptsache Du erkältest Dich nicht. Ich trag Dich ja, da brauchst Du nichts zu sehen.“ In Wirklichkeit hatte Theobald Sorge, dass Arabella ihm auf dem Weg zu seiner Oma irgendwelche Fragen stellte und er darauf antworten musste. Die Leute auf der Straße würden denken, er sei verrückt geworden. Das war er nicht. Er war vielleicht ein bisschen verrückter als andere, aber darum war er ja auch Clown geworden und brachte viele Menschen zum Lachen. Nun war aber eine Unterhaltung mit einer sprechenden Luftballonschlange noch etwas anderes als ein bisschen verrückt, fand er. Aber, verrückt hin oder her, Arabella und er hatten Hunger und Oma konnte definitiv den besten Pfannkuchen der ganzen Welt backen.

Er machte die Wohnungstür auf, spähte hinaus und versicherte sich, dass keiner der Nachbarn im Flur war. Schnell zog er die Tür hinter sich zu und ging zügig die drei Stufen hinunter zur Haustür. „Am besten ist es, Du lässt den Mund zu, wenn wir auf der Straße sind“, flüsterte er der Schlange zu, „sonst wird Dein Mund zu kalt und du frierst.“ Arabella runzelte die Stirn unter der großen Baseballkappe. „Wieso sollte ich denn frieren, wenn ich den Mund aufmache?“, fragte sie unwirsch, „und dazu noch im Sommer? Ihr Menschen seid schon komisch.“

„Pssst“, sagte Theobald. Mit schnellen Schritten ging er die Straße entlang. Es war nicht weit zu seiner Oma. Schon bald waren sie vor ihrem Haus angekommen. Es war ein großes, weißes Haus über und über mit Efeu bewachsen. Und es war von einer großen Hecke aus rosa Rosen eingezäunt. Daneben lag eine Garage mit einem rosafarbenen Tor. Theobald war so schnell gelaufen, dass er ganz außer Puste war. Arabella war etwas übel geworden, weil sie durch den schnellen Gang ziemlich durchgerüttelt worden war. Theobald guckte unter die Baseballkappe und fand eine leicht verärgerte Arabella vor. „Es ist schon sehr warm unter dieser blöden Mütze und auch den Schal hätte ich, glaub ich, nicht gebraucht“, sagte sie missmutig. Theobald machte sich nichts daraus. Er war froh, den Weg überstanden zu haben und freute sich jetzt auf seine Oma und die Pfannkuchen. Sein Magen knurrte schon ganz laut. Er hoffte nur, dass seine Oma auch zu Hause war. Die Sache mit Arabella würde er ihr schnell erklären können. Seine Oma würde das alles verstehen. Vielleicht könnte er Arabella auch bei ihr lassen, wenn er arbeiten musste, man würde sehen. Er drückte auf die Klingel und wartete.

Kapitel 3

Nachdem sie fünf Mal geklingelt hatten, hörten sie endlich Schritte. „Jaja, Moment doch, ich komme ja schon. Immer diese ungeduldigen Menschen, nicht mal zwei Minuten können sie warten“, nörgelte eine Stimme.

Die Haustür öffnete sich mit einem leisen Quietschen und da stand Theobalds Oma vor ihnen. Sie war mittelgroß, hatte ihre grauen Haare zu einem Dutt hochgesteckt und hatte unfassbar freundliche Augen in einem runden Gesicht mit roten Bäckchen. Sie trug eine rosafarbene Schürze, die schon etwas verblichen war vom vielen Waschen. Sie war 137 Jahre alt, sah aber mindestens 10 Jahre jünger aus. Nicht, dass sie darauf irgendeinen Wert gelegt hätte, das Alter war nur eine Zahl, fand sie, entscheidend war doch, wie man sich fühlte, aber trotzdem freute es sie, wenn die Leute erstaunt waren über ihr Alter und sie jünger einschätzten, als sie tatsächlich war. Als sie die beiden sah, hellte sich ihr Gesicht schlagartig auf. Sie fiel Theobald lachend um den Hals. „Mein Theobald, wie schön Dich zu sehen.“ Sie klatschte vor Freude in die Hände. „Lange hast Du Dich nicht blicken lassen, dabei wohnen wir nicht weit voneinander entfernt. Gut siehst Du aus, wie immer. Wen hast Du denn da mitgebracht, und warum um Himmels willen muss dieses arme Wesen bei der Wärme so vermummt sein unter einer so riesigen Baseballkappe? Ist das vielleicht der König von China inkognito? Kommt schon herein, Ihr zwei.“ Sie trat einen Schritt zurück und ließ die beiden Gäste eintreten. Sofort umfing Arabella ein wohliges Gefühl der Geborgenheit.

Neugierig kletterte sie aus dem Korb, sobald Theobald ihn abgestellt hatte. „Na, Du scheinst ja neugierig zu sein.“ Anastasia schaute Arabella belustigt an. „Wenn Du magst, schau Dich ruhig erst mal um.“ Das ließ Arabella sich nicht zweimal sagen. Ein kleiner Flur führte rechts in eine große Wohnküche und links in ein gemütliches Wohnzimmer mit einem roten Sofa und einem bunten Sessel, auf dem eine schwarzweiße Katze lag und im Schlaf zufrieden schnurrte. Vom Wohnzimmer führte eine kleine Wendeltreppe nach oben in ein Schlafzimmer mit einem riesigen Fenster, sodass man vom Bett aus direkt aufs Meer schauen konnte. Dann gab es oben noch ein Badezimmer mit einer großen runden Badewanne und einem Trimm-Rad, das genau vor dem großen, runden Fenster stand, durch das man auf die Dünen und das Meer gucken konnte.

Arabella war überwältigt. Wie schön es hier war. Verträumt stand sie am Fenster und schaute aufs Meer. Sie nahm den Geruch von Zitronen und Zimtgebäck war und lauschte den Stimmen, die unten aus der Küche kamen. Theobald hatte seine großen Schuhe und seine Strickjacke ausgezogen und wollte es sich gerade in Anastasias Küche so richtig schön gemütlich machen. Da fiel ihm ein, dass er ja nicht allein zu seiner Oma gekommen war. „Uiuiui, fast hätte ich es vergessen, Oma, warte, ich hole eben meinen Besuch.“ Er ging in den Flur zurück und rief. „Hey, Arabella, komm, hier spielt die Musik. Komm in die Küche, hier ist es schön und gemütlich und es gibt immer etwas zu essen.“

Das war das Stichwort. Sofort begann Arabellas Magen zu knurren. Deshalb waren sie überhaupt hergekommen. Arabella lief vorsichtig die Treppe hinunter – unbekannte Treppen lief sie erst mal lieber langsam hinunter – und folgte Theobald in die Küche. Da stand ein riesiger Berg Zimtschnecken auf dem runden, hölzernen Küchentisch in der Mitte des Raumes. Eine große Schiebetür führte in einen wunderschönen Garten, der nur durch einen kleinen Holzzaun vom Strand getrennt war. Die Tür war geöffnet und ein warmer Wind wehte in die Küche. Genau wie bei Theobald hörten sie auch hier lautes Vogelgezwitscher und Bienengesumme. In diesem Garten gab es noch viel, viel mehr Vogelhäuser als bei Theobald und auch einen Bienenstock. Es gab eine kleine Wiese, welche kniehoch mit Gras und bunten Blumen übersät war. Außerdem gab es noch einen kleinen Teich. „Hier wohnen die zwei Frösche Waldemar und Knut“, erfuhr Arabella von Theobald.

„Glück gehabt“, sagte Theobalds Oma, „gerade habe ich Zimtschnecken gebacken! Gut, dass Ihr jetzt kommt, da sind sie noch ganz frisch und schmecken am besten.“ Theobald saß schon am Küchentisch und hatte bereits in eine Zimtschnecke gebissen. Versunken schaute er in den Garten. „Entschuldigung“, sagte seine Oma zu Arabella gewandt, „wir kennen uns noch gar nicht. Theobald hat es wohl wieder vergessen, dass wir uns noch nicht kennen. Er vergisst manchmal – nein, nicht manchmal, sondern eigentlich ziemlich oft – ein paar Dinge, dafür kann er aber Menschen so zum Lachen bringen, dass sie noch tagelang daran denken müssen. Und wenn er Zimtschnecken isst, dann kann er sowieso an nichts mehr denken“, lachte sie. „Also, dann stellen wir uns eben selbst mal vor: Ich bin Anastasia und ich bin Theobalds Oma.“ Sie reichte Arabella die Hand, „und wer bist Du?“, fragte sie neugierig. Arabella legte Baseballkappe und Schal ab. Puh, endlich, es war viel zu warm gewesen unter all dem Zeugs. Sie reichte Anastasia feierlich die Hand und sagte: „Sehr erfreut, Dich kennenzulernen. Ich bin Arabella. Ich wohne seit einigen Stunden bei Theobald.“

„Aha, sehr schön, sehr schön! Theobalds Gäste sind auch bei mir herzlichst willkommen. Theobald ist bei mir aufgewachsen. Seine Eltern sind viel in der Welt unterwegs und Theobald hat’s nicht so mit dem Verreisen“, sagte Anastasia und nickte freundlich.

„Es freut mich ebenfalls wirklich sehr, Dich kennenzulernen. So, das wäre erledigt. Nun setzen wir uns mal besser schnell zu Theobald, bevor er alle Schnecken verspeist hat. Möchtest Du etwas trinken? Ich habe selbstgemachte Zitronenlimonade, mit Zitronen aus meinem Garten.“ Das konnte Arabella sich natürlich nicht entgehen lassen. „Also“, sagte Anastasia während sie sich zu Arabella und Theobald an den Tisch setzte, „und nun erzählt mal wie es dazu kam, dass Arabella nun hier ist, von Anfang an und bitte ganz genau!“

Und so saßen sie zusammen in Anastasias Küche, tranken Zitronenlimonade – Theobald wollte natürlich auch ein großes Glas – aßen Zimtschnecken, bis ihre Bäuche bis zur letzten Ecke voll waren, und erzählten bis die Sonne unterging.

Kapitel 4

„Ups, da bin ich wohl eingenickt.“ Arabella schreckte hoch und wusste im ersten Moment nicht, wo sie war. Aber dann fiel es ihr wieder ein. Sie saß bei Theobalds Oma in der Küche. Ihr Bauch war noch gut gefüllt von dem herrlichen nachmittäglichen Zimtschneckenschmaus. Es war schon fast dunkel draußen. Die Vögel hatten ihr Gezwitscher eingestellt. Sie waren wohl schlafen gegangen, dachte Arabella. Vögel stehen früh auf und müssen daher natürlich auch früh wieder ins Bett. „Ist ja logisch“, sagte sie zu sich selbst. Dann horchte sie auf. Nebenan hörte sie, wie sich Theobald und seine Oma unterhielten. Ein paar Wortfetzen konnte sie aufschnappen, denn die Türen waren nur angelehnt. „Muss arbeiten … zu viel alleine … nicht aufpassen … Langeweile“, hörte sie von Theobald und dann Anastasias leise Stimme: „nicht genug unternehmen … zu alt … Kontakt zu Kindern … Abwechslung … Goethe … um Tiere kümmern …“ Wer oder was war denn nun schon wieder Goethe?, fragte Arabella sich. Sie machte sich auf den Weg ins Wohnzimmer.

Da stieß sie mit ihrem Fuß an etwas Weiches und sehr Pelziges. Dieses Etwas sprang mit einem lauten Fauchen und Miauen auf und baute sich mit einem großen, runden Buckel vor Arabella auf. Grüne Augen blickten sie skeptisch fragend, aber auch etwas neugierig an. Arabella hatte sich so sehr erschrocken, dass sie mit einem Satz wieder auf die Küchenbank gesprungen war und sich vorsichtshalber in die hinterste Ecke am Fenster verkroch. Ein Kissen von der Bank hielt sie als Schutz vor sich. Man konnte ja nicht wissen, was dieses Wesen so vorhatte. „Goethe? Was machst Du denn schon wieder für ein Getöse und Gewese?“ Anastasias Stimme ertönte im Flur. Bald darauf ging auch schon die Küchentür auf und sie kam herein, gefolgt von Theobald. „Was ist denn hier los?“, fragten sie beide gleichzeitig. Das klang komisch. Theobalds Stimme so tief und die von Anastasia sehr hoch und etwas schrill. „Goethe, das ist Arabella – entschuldige, dass ich Euch nicht schon früher vorgestellt habe. Aber zuerst hast Du geschlafen und dann Arabella, so hatte ich noch keine Gelegenheit.“ Aha, dachte Arabella, Goethe musste also die Katze – vielmehr der Kater – sein, das machte Sinn.

„Also“, sagte Anastasia „darf ich also feierlich vorstellen: Arabella –Goethe – Goethe – Arabella.“ Sie machte bei dieser Vorstellung entsprechende Handbewegungen von einem zum anderen, um ihre Worte zu unterstreichen, obwohl natürlich jeder selber wusste, wer er war, und dass der andere der mit dem anderen Namen sein musste – auch logisch. Die Menschen schienen etwas komplizierter zu sein, als es auf den ersten Moment schien, dachte Arabella. Sie legte das Kissen zur Seite, machte eine Verbeugung in Richtung des Katers – so majestätisch sie das nur eben konnte mit ihrem Luftballonkörper.

Dann rutschte sie von der Bank, stellte sich vor Anastasia und Theobald und fragte mit beleidigtem Tonfall: „Und was hattet Ihr beiden überhaupt so Wichtiges zu besprechen, dass Ihr mich mit diesem Ungeheuer allein in der Küche gelassen habt?“ Betreten schauten sich Anastasia und Theobald an. Dann guckten beide zu Arabella herunter. Theobald setzte sich auf den Küchenboden und Anastasia auf die Bank. „Hör mal“, begann Theobald, „wir haben darüber gesprochen, was mit Dir werden soll.“ „Wie jetzt, was mit mir werden soll? Wer oder was soll denn mit mir werden sollen? Ich bin doch schon da?“, fragte Arabella verständnislos. „Jaja, natürlich bist Du da und das ist auch sehr schön!“ Theobald kratzte sich am Kopf, auf dem die noch wenigen Haare kreuz und quer durcheinander standen. „Aber das Problem ist, dass ich als Clown jeden Tag woanders arbeite – mal im Kindergarten, mal im Krankenhaus, dann in der Schule und im Arbeitsamt.“

„Ach, im Arbeitsamt auch? Seit wann arbeitest Du denn im Arbeitsamt?“, wollte Anastasia wissen. „Na ja, seit einigen Wochen – ist eine längere Geschichte, erzähl ich bei Gelegenheit, tut jetzt nichts zur Sache“, sagte Theobald. Arabella schaute von einem zum anderen. „Was ich damit sagen will“, fuhr Theobald fort, „ist, dass ich jeden Tag morgens aus dem Haus gehe und erst abends nach Hause komme. Dann muss ich ja auch noch üben zu Hause und Sport machen und natürlich schlafen, da habe ich doch überhaupt gar keine Zeit mich um Dich zu kümmern. Und außerdem vergesse ich sehr viel.“

„Stimmt!“ Anastasia lachte: „Das kann ich bestätigen. Wenn ich nur daran denke, dass Du Deinen Terminkalender drei Wochen lang gesucht hast, weil Du vergessen hattest wo Du ihn hingelegt hast und dann hast Du so viele Auftritte natürlich vergessen. Das war eine Katastrophe!“

„Jaja, genau das zum Beispiel“, sagte Theobald ungeduldig. Es war ihm gar nicht so recht, dass Anastasia gleich alles erzählte. Wie stand er denn dann da? Wie ein Volltrottel und das war er gewiss nicht! „Ach, Theobaldus“, sagte Anastasia und strich Theobalds Haarsträhnen auf dem Kopf glatt, so gut es eben ging, „jeder hat doch seine Schwächen, und alle sind wir gut so, wie wir sind. Stell Dir vor, alle wären gleich, wie langweilig das doch wäre.“ Das besänftigte Theobald. Nachtragend war er nicht – ging auch nicht –weil er ja so schnell vergaß. „Also, um auf Deine Frage zurückzukommen“, sagte er nun erneut zu Arabella gewandt, „wir haben uns Gedanken darüber gemacht, wo Du in Zukunft wohnen kannst. Ich denke, es ist das Beste, Du bleibst hier bei Anastasia. Da bist Du gut versorgt, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Sie ist ohne Zweifel die weltbeste Oma mit den weltbesten Pfannkuchen. Und ich kann Dich besuchen, wenn ich Zeit habe“, fügte er noch hinzu. „Moment mal, Moment mal.“ Anastasia stand mit erhobenem Zeigefinger vor Theobald: „Dagegen spricht eindeutig Goethe, und dass ich schon ein bisschen älter bin und nicht mehr so viel unter die Leute gehe, Dir, Arabella, also wenig Abwechslung bieten kann und wenig Kontakt zu Kindern habe. Nicht, dass ich Dich nicht gern hier hätte, aber etwas anstrengen würde es mich auf meine alten Tage schon, das gebe ich zu.“

„Alten Tage, alten Tage, papperlapapp, so einen Quatsch hab ich selten gehört“, fiel Theobald seiner Oma ins Wort. „Ich kenne keinen Menschen, der mit 137 Jahren noch jeden Tag auf dem Trimm-Rad fährt, Yoga macht und täglich im Meer schwimmt, egal was für ein Wetter und was für eine Jahreszeit ist und außerdem ständig irgendwelche neuen Kuchen und Plätzchenrezepte ausprobiert …“

„Jaja stopp, ist ja schon gut. Trotzdem ist Arabella bei Dir besser aufgehoben! Ich glaube, es ist für Euch beide sehr gut, wenn ihr zusammen wohnt, denn Arabella scheint nicht vergesslich zu sein. Sie könnte Dich also an Deine Auftritte erinnern und Du könntest Dich revanchieren, indem Du sie in Kontakt mit Kindern bringst. Das ist für die Kinder bestimmt schön und für Arabella auch. Ich glaube nämlich nicht, dass jemand jemals schon mal eine sprechende blaue Luftballonschlange erlebt hat. Du würdest ein noch berühmterer Clown sein, und Arabella würde gleich mit berühmt.“

„Berühmt? Was bedeutet das denn, berühmt sein?“, wollte Arabella wissen. „Na ja“, sagte Theobald „das bedeutet, dass einen viele Leute kennen, weil man etwas Besonderes ist oder macht.“

„Aha“, sagte Arabella „aber das macht doch jeder jeden Tag, oder nicht?“ Darauf wussten weder Anastasia noch Theobald eine gute Antwort. Alle drei nickten versonnen vor sich hin. Goethe hatte sich wieder auf den bunten Sessel im Wohnzimmer zurückgezogen. „Also ich schlage vor“, unterbrach Anastasia die Stille, „heute Nacht schlaft Ihr beide bei mir im Gästezimmer und morgen sehen wir weiter. Wie findet Ihr das?“ Und dann fügte sie begeistert und mit einem Leuchten in ihren kleinen freundlichen Augen hinzu: „Ich backe uns Pfannkuchen und wir könnten noch eine Runde Mensch- ärgere-Dich-nicht spielen“… Erwartungsvoll machte sie eine Pause. „Nun ja“, Theobald rieb sich seinen großen Bauch in voller Vorfreude, „das hört sich nach einem sehr guten Plan an. Ich habe Urlaub bis übermorgen, glaube ich. Das heißt, ich habe Zeit genug! Und Du Arabella? Hast Du noch irgendetwas Wichtiges vor, das Dich davon abhält, die weltbesten Pfannkuchen zu essen und gegen den weltbesten Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spieler zu verlieren?“ Er freute sich sehr auf einen schönen, gemütlichen Abend.

Und den hatten sie dann auch in Anastasias Küche, die mit herrlichem Pfannkuchenduft erfüllt war. Nach 46 Runden Mensch- ärgere-Dich-nicht, in denen Arabella sich doch geärgert hatte – aber sie war ja auch kein Mensch – gingen sie zu Bett. Anastasia nach oben in ihr Schlafzimmer und Theobald und Arabella ins Gästezimmer unten hinter dem Wohnzimmer. Die Tür machten sie vorsichtshalber zu, man konnte ja nie wissen, was Goethe so in den Kopf kam. Satt, müde und zufrieden schliefen alle vier bis zum nächsten Morgen, ohne ein einziges Mal aufzuwachen.

Kapitel 5

„Ach Du grüne Neune, Autsch, so was Dummes.“ Ein ziemlich lautes Poltern, gefolgt von ziemlich lautem Gejammer, weckte Arabella und Theobald am nächsten Morgen. Die Sonne schien schon ins Zimmer und die Vögel im Garten waren auch schon sehr geschäftig von Vogelhaus zu Vogelhaus unterwegs. Theobald sprang aus dem Bett und stieß mit seiner rechten großen Zehe an die Kommode, die gegenüber dem Bett an der Tür stand.

„Au, au, au“, jammerte nun auch er und hüpfte auf einem Bein durchs Zimmer. Arabella rieb sich die Augen. Das machte ein etwas quietschend, knatschiges Geräusch. „Was ist denn hier los?“, fragte sie noch leicht verschlafen. Sie hatte von einem Land geträumt, in dem es nur Luftballons gab in jeder Form und jeder Farbe und alle konnten sprechen, so wie Arabella. So fiel sie gar nicht auf, weil alle so waren wie sie. Aber das war im Traum gewesen, jetzt war sie in Anastasias Haus und hörte lautes Jammern und Zetern und schon sprang sie aus dem Bett. „Hey, Theobald, lass mal sehen! Was ist los?“ Theobald rieb sich seinen dicken großen Zeh mit zusammengekniffenen Augen. Er versuchte, Luft auf den Zeh zu pusten.

Aber er kam nicht nah genug an seinen Zeh heran. Sein Bauch war im Weg. Sehen konnte man nichts. Der Zeh sah aus wie immer. Als Arabella ein wenig Luft auf den Zeh pustete, öffnete Theobald die Augen und sagte: „Ohhh, das hilft sehr gut. Das hat Anastasia früher auch immer gemacht, wenn ich mich gestoßen hatte.“ Der Schmerz schien bald vergessen, das Gejammer und Geschimpfe aus der oberen Etage war jedoch immer noch lautstark zu hören. Schnell machten Arabella und Theobald sich auf den Weg nach oben, um nachzuschauen, was passiert war. „Oh je“, riefen beide, als sie oben ankamen wie aus einem Mund. Da lag Anastasia auf dem Boden im Badezimmer und das linke Bein lag unter dem Trimmrad. Anastasia versuchte, das Trimmrad zur Seite zu schieben, aber offensichtlich war es sehr schwer und es ließ sich von ihr keinen Millimeter bewegen. „Ach du grüne Neune, ach du grüne Neune“, jammerte sie in einem fort. Es klang aber eher ärgerlich als wirklich jammerig. „Hey, was hast Du denn gemacht?“, fragte Theobald. „Ja, wonach bitte schön, sieht es denn aus?“ Anastasia reagierte ziemlich unwirsch. „Ich war gerade dabei, mir die Haare zu kämmen und Kuchen zu backen.“ Theobald legte seinen Zeigefinger auf seinen Mund. Das tat er gerne, wenn er nachdachte. Dann sagt er: „Das ist aber überhaupt nicht logisch. Wieso liegst Du denn dann hier oben unter deinem Trimmrad?“

„Oh, du meine Güte, Theobald, finde den Fehler! Ich habe einen Witz gemacht! So war es natürlich nicht!“

„Aha“, sagte Theobald „und wie war es dann“?

„Vielleicht befreist Du mich erst mal freundlicherweise und dann können wir gerne den gesamten Tatbestand erörtern.“ Anastasias Tonfall wurde nun doch sehr ernst. „Aber ja, natürlich, ich Schusseldussel“, sagte Theobald, trat einen Schritt vor und hob das Trimmrad auf, um es wieder an seinen ursprünglichen Platz vor dem runden Fenster zu postieren. „Ahh, was für eine Wohltat, ich dachte schon, ich müsste die nächsten 137 Jahre so verbringen.“ „Was für ein Quatsch, ich bin doch hier“, sagte Theobald.

„Oh man, Theobald, das war, glaub ich, auch nicht so ernst gemeint“, mischte Arabella sich nun ein, „vielleicht musst Du nicht immer alles so wörtlich nehmen.“

„Genau mein Reden“, sagte Anastasia, nun mit schon fast normaler Stimme. Wenn Ihr mir jetzt noch aufhelfen könntet, wäre ich Euch ewig zu Dank verpflichtet.“ Mit vereinten Kräften stellten sie nun auch Anastasia wieder auf die Beine. „Und? Tut irgendetwas weh?“, wollte Arabella wissen. „Ja, mein Knie tut mir weh“, sagte Anastasia und rieb sich das linke Knie. „Aber es geht schon, es geht schon wieder.“ Das Knie war rot und dicker als das andere, sonst konnte man nichts sehen. „Versuch doch mal ein paar Schritte“, forderte Theobald seine Oma auf. Anastasia humpelte durchs Schlafzimmer. Sie trug eine Sporthose, ein T-Shirt und Turnschuhe. Darin sah sie ziemlich gut und sportlich aus, fand Arabella.

Kurz überlegte sie, ob sie schon jemals einen 137 Jahre alten Menschen in Sportkleidung gesehen hatte. Spontan fiel ihr da keiner ein. Aber das war jetzt ja auch gar nicht wichtig. Wichtig war Anastasias Bein. „Was können wir tun?“, fragte Theobald, als hätte er Arabellas Gedanken lesen können. Konnte er vielleicht auch, wer weiß das schon, dachte Arabella. „Helft mir bitte die Treppe herunter und seht zu, dass Goethe nicht auf irgendeiner Treppenstufe im Weg steht. Er macht seinen Frühsport nämlich immer auf der Treppe, während ich auf dem Trimmrad sitze.“ Anastasia setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, gestützt auf der einen Seite von Theobald, auf der anderen Seite hielt sie sich selbst am Treppengeländer fest. Arabella lief vorweg und hielt sozusagen den Weg frei. Es war kein Goethe in Sicht, er war entweder schon fertig mit seiner Frühgymnastik oder hatte sich von dem Lärm und der Unruhe vertreiben lassen.

So kamen sie ohne Komplikationen unten an. „Ich setz mich erst mal in der Küche auf die Bank“, sagte Anastasia, während sie in Richtung Küchenbank humpelte. Arabella und Theobald folgten ihr. „Was sollen wir denn jetzt machen? Soll ich vielleicht einen Arzt rufen?“, fragte Theobald etwas unsicher. Er wusste in Wirklichkeit gar nicht, wie das geht, weil er das ja noch nie gemacht hatte. Brauchte er auch jetzt nicht, weil Anastasia sehr bestimmt und energisch verlauten ließ: „Was denn, so weit kommt das noch. Einen Arzt, wer braucht bei so was schon einen Arzt, noch nie im Leben bin ich bei irgendeinem Arzt gewesen. Wenn jeder mit solchen Lappalien zum Arzt ginge, wäre der ja vollkommen überlastet und hätte keine Zeit mehr für die wirklich kranken Menschen.“

„Na ja“, Theobald wurde nachdenklich, „aber wer sagt schon, ob man wirklich krank ist? Das bestimmt ja jeder selber für sich. Der eine ist doch bestimmt schneller krank als der andere, oder?“

„Ja, ja, kann ja jeder machen, wie er lustig ist“, entgegnete Anastasia, „aber ich geh da jedenfalls jetzt nicht hin und es kommt auch keiner her. Ihr besorgt mit bitte zwanzig große Pakete Quark, damit mache ich mir Quarkwickel um das Knie und in ein paar Tagen bin ich wieder topfit.“ Das klang nach einem guten Plan, fand Arabella.

„O. k., brauchst Du sonst noch irgendwas?“ Theobald war froh, etwas tun zu können, anstatt dumm in der Küche herumzustehen. „Ein bisschen Vogelfutter und Zimt, ansonsten brauch ich nichts“, sagte Anastasia und deutete auf den Korb, der in der Ecke stand, „den könnt Ihr mitnehmen zum Einkaufen. Theobald, ich bitte Dich, schreib Dir lieber auf, was Du einkaufen sollst, sonst hast Du alles vergessen, wenn Du im Laden stehst. Dann kaufst Du bestimmt Möhren und Lakritz, statt Quark und Vogelfutter. Ich kenn Dich doch.“

„Ach papperlapapp, die paar Sachen auf dem kurzen Weg, das wäre ja wohl gelacht“, prahlte Theobald. Er nahm den Korb und wollte gerade die Haustür öffnen, da rief Anastasia hinter ihm her: „Willst Du denn Arabella gar nicht mitnehmen? Dann kann sie schon mal ein kleines bisschen von der Insel sehen und kommt unter die Leute.“

„Ach ja, natürlich Arabella! Dich hätte ich jetzt doch fast vergessen.“ Theobald kratzte sich verlegen am Kopf. „Siehst Du, genau das meine ich“, witzelte Anastasia, „aber wenn Arabella dabei ist, besteht eine gute Chance, dass wirklich auch Quark bei mir ankommt.“ Sie zwinkerte Arabella zu. „Viel Spaß Ihr zwei. Du wirst sehen, die Insel ist wunderschön. Ich wohne hier schon mein ganzes Leben und würde nie woanders leben wollen. Dies ist mein Zuhause und wird es immer bleiben, weil es sich gut anfühlt, hier zu sein.“ Glücklich schaute sie aus dem Fenster in ihren Garten. „Theobald, bevor ihr geht, macht doch bitte noch die Tür zum Garten auf, dann duftet es hier drin nach Sommer, Sonne und Meer.“ Theobald schob die Terrassentür weit auf. Sofort war die Küche erfüllt mit einem unbeschreiblich schönen Gemisch aus Vogelgezwitscher, Meeresrauschen und dem Duft aus Sommerblumen und Gras.

„Ahhh, wie herrlich!“ Ganz verträumt, weil das alles so schön war, stand Theobald in der Küche und wollte sich gerade auf die Bank setzen, als Anastasia und Arabella einstimmig lachend riefen: „Nein, nein, Theobald, jetzt steht Einkaufen auf dem Plan, schon vergessen?“

„Ups.“ Theobald setzte sich schnell in Richtung Haustür in Bewegung. „Nein, nix vergessen, klar, einkaufen! Komm Arabella, los geht’s.“

„Der Korb, Theobald“, erinnerte Anastasia geduldig.

„Ach ja klar, selbstredend! An was man alles denken muss schon am frühen Morgen“, murmelte er, holte den Korb aus der Küche, setzte Arabella hinein und wollte ihr gerade die Baseballkappe aufsetzen, da rief Anastasia empört: „Theobald, halt! Was machst Du denn? Wie soll sie denn darunter was sehen von der schönen Insel? Und außerdem ist die Kappe doch viel zu warm. Wir haben Sommer!“

„Ja, aber wenn uns jemand sieht und merkt, dass ich mich mit einer Luftballonschlange unterhalte, dann denken doch die Leute, ich bin plemplem.“ Theobald wirkte sehr verunsichert. “Aha, das war also auch gestern Abend der Grund der Maskerade“, sagte Anastasia. Arabella verstand nur Bahnhof. „Ja klar“, sagte Theobald, „ich habe schließlich einen sehr guten Ruf hier auf der Insel.“

„Dein Ruf kann durch Arabella nur noch besser werden.“ Wieder zwinkerte Anastasia fröhlich Arabella zu: „Also Kappe ablassen und loslegen, lautet die Devise, glaub mir, die Menschen werden Arabella lieben und Dich lieben sie sowieso schon.“

„Na, wenn Du meinst?“ Theobald war noch nicht ganz überzeugt, aber er glaubte seiner Oma alles, denn alles was sie ihm bisher beigebracht und gesagt hatte, stimmte, also war dies hier jetzt bestimmt auch richtig. Theobald hängte die Baseballkappe wieder zurück an den Garderobenhaken und platzierte Arabella so im Korb, dass sie gut herausgucken konnte. So machten sie sich auf den Weg zum Einkaufen. „Ohne Einkaufszettel, na, da bin ich mal gespannt“, murmelte Anastasia etwas skeptisch, als die beiden das Haus verließen, aber Arabella war ja dabei.

Kapitel 6

Theobald und Arabella gingen rechts die Straße hinunter in Richtung Stadtzentrum. Dort befand sich am Anfang der Fußgängerzone ein kleiner Supermarkt. Der hatte eigentlich alles vorrätig, was man so zum Leben brauchte. Ja und war mal etwas nicht da, konnte man es beim Supermarktbesitzer bestellen und bekam es meistens schon am nächsten Tag. Die Straße führte am Strand entlang. Das Wetter war seit gestern wieder gut. Nach einer Woche Dauerregen und Sturm schien jetzt die Sonne und der Himmel war blau, ohne eine einzige Wolke. So waren sehr viele Menschen am Strand zum Schwimmen und Sonnenbaden. Etwas weiter hinten sah man Surfer und Stand-up-Paddler. Es war eine sehr schöne, entspannte Stimmung, man hörte Musik von irgendwo her, ein Eiswagen fuhr langsam an der Promenade entlang und klingelte ab und zu mit einer kleinen Glocke, um sich auch bei allen bemerkbar zu machen. Arabella genoss ihren Ausflug mit Theobald und guckte hin und her, um nichts zu verpassen. Sie stellte Theobald tausend Fragen, die er erst etwas verhalten, aber dann immer selbstverständlicher beantwortete. „Was machen denn die ganzen Menschen hier am Strand?“, wollte Arabella wissen.

„Ist hier jeden Tag so viel los? Warum sind denn da gar keine Hunde am Strand? Was ist das denn da? „Sie zeigte auf einen großen Lenkdrachen, der die Form einer bunten Mickey Mouse hatte. Theobald wusste auf jede ihrer Fragen eine Antwort. Arabella war sehr zufrieden und wurde nach einiger Zeit etwas ruhiger, als ihre Aufregung sich legte. Sie atmete die frische Meerluft ein und fühlte sich pudelwohl in ihrem Korb.

Da hatten sie auch schon den Supermarkt erreicht. Theobald nahm einen von den Einkaufswagen, die vor der Tür standen, stellte den Korb mit Arabella hinein und fuhr in den Laden. Arabella staunte mit offenem Mund über die vielen Sachen, die sich in den Regalen befanden. Direkt am Eingang befand sich die Obst- und Gemüseabteilung. Da brauchten sie nichts, also fuhr Theobald weiter und blieb am Milchregal stehen. Er nahm drei Liter Milch und 5 Pakete Butter. Dann fuhr er weiter zum Gewürzregal. Hier suchte er nach Koriander, fand es und packte es ein. Arabella schaute seinem Treiben zu und fragte dann vorsichtig: „Theobald ist das denn Quark und Zimt, was Du hier in den Wagen getan hast?“ Theobald kratzte sich am Kopf, wie er es ja immer tat, wenn er nachdachte. „Nein, das ist es natürlich nicht. Ich wollte Dich auf die Probe stellen, ob Du Dir gemerkt hast, was wir einkaufen sollen“, sagte er schelmisch. In Wirklichkeit wollte er damit vertuschen, dass er komplett vergessen hatte, was er für Anastasia im Supermarkt einkaufen sollte. „Aha, verstehe“, sagte Arabella, die das Ganze schnell durchschaute. „Na, dann ist es ja gut, dass ich dabei bin. Also mach ’ne Kehrtwende zum Milchregal und such den Quark. Den anderen Krempel kannst Du wieder wegstellen, braucht kein Mensch … obwohl … warte mal… Milch braucht man für Kakao und Pfannkuchen, oder?“

„Ja, ich glaub schon, dass Oma Milch in den Pfannkuchenteig getan hat“, pflichtete Theobald ihr bei, „also nehmen wir die auf jeden Fall mit.“ Schnell hatte er den richtigen Quark gefunden, den, den seine Oma immer aß, der mit dem roten Deckel nämlich. Nun konnte er umdrehen wieder in Richtung Gewürzregal. Dort räumte er den Koriander wieder ins Regal, nachdem er kurz daran gerochen hatte und sich naserümpfend fragte, wofür man den wohl brauchte. Gerade wollte er weiterfahren, als eine quäkende Stimme sich aus dem Korb meldete: „Theobald, wo bleibt der Zimt?“

„Uiuiui, stimmt ja! Wo Du recht hast, hast Du recht.“ Schnell schwenkte er zurück und stolperte dabei über seine viel zu großen Schuhe. Theobald hielt sich am Einkaufswagen fest und hätte diesen beim Stolpern fast umgeworfen. Der Wagen stand schon auf 2 Rädern und kippte bedrohlich zur Seite. Arabella sah sich bereits kopfüber auf den Boden purzeln. „Nein, nein, nein, Theobald, was machst Du denn da“, rief sie panisch. „Hilfe!“. Sie sah sich unter der Milch und dem Quark auf dem Boden begraben und wollte sich gar nicht ausmalen, was dann passieren konnte.

Sie hielt sich vorsichtshalber die Augen mit beiden Händen zu und ließ nur einen kleinen Schlitz zwischen zwei Fingern frei, um doch noch ein bisschen sehen zu können. Sie war eben eine sehr neugierige kleine Luftballonschlange. Plötzlich kam der Wagen mit einem Ruck wieder auf 4 Rädern zum Stehen und eine freundliche ältere, dunkle Stimme sagte lachend: „Hey, Theobald Grossfuß, das hätte auch schiefgehen können. Habe ich nicht schon oft gesagt, dass Deine Schuhe ein kleines Stück vielleicht zu groß sind? Und hab ich recht? Natürlich habe ich das, wie immer, ich hab immer recht!“ Arabella guckte vorsichtig aus dem Korb heraus und sah einen kleinen, ziemlich dicken, gutmütig blickenden, weißhaarigen Mann, der Theobald auf die Beine half. Der Mann musste dem Aussehen nach schätzungsweise 170 Jahre alt sein, wenn man ihn mit Anastasia verglich, dachte Arabella. Er war viel kleiner als Theobald.

Er musste nach oben schauen, um ihm ins Gesicht zu blicken, als Theobald wieder sicher auf zwei Beinen stand. Theobald hatte seinen Schreck schnell überwunden. Er zog seine Hose und sein Hemd gerade und guckte sich um, wer ihn denn da gerade gerettet hatte und ob ihm irgendetwas aus der Hosentasche gefallen war bei dem Sturz. Auf diese Art und Weise hatte er nämlich auch schon mal seinen Kalender verloren. Als er nichts fand, schaute er den kleinen Mann an, der mit triumphierendem Blick vor ihm stand. „Ach Du bist es, Markus! Dich habe ich ja ewig und drei Tage nicht mehr gesehen.“ Lachend umarmten sich beide. Sie waren so laut, dass alle Leute in dem sonst eigentlich immer sehr ruhigen Supermarkt sich mittlerweile umgeschaut hatten, wer da so ein Spektakel machte. „Sag an, wie geht’s Dir“, fragte der Mann, der Markus hieß. „Gut, gut! Danke, Danke!“, erwiderte Theobald. Lächelnd und staunend und wortlos standen sie sich gegenüber.

„Und mir ginge es dann auch gut. Wie schön, dass auch einer nach meinem Befinden fragt“, kam es aus dem Korb im Einkaufswagen.

Beide Männer schauten wie auf Knopfdruck in die Richtung aus der die Stimme kam. Theobald verlegen und Markus verwundert. „Na, wen haben wir denn da?“, fragte Markus, „willst Du uns nicht mal vorstellen Theobald?“ Und zu Arabella gerichtet sagte er: „Sie müssen entschuldigen, aber Höflichkeit war noch nie Theobalds Stärke.“ Theobald trat einen Schritt auf den Einkaufswagen zu und sagte: “Na gut, also darf ich vorstellen: Arabella – Markus – Markus – Arabella“, wieder mit der jeweiligen Handbewegung von einem zum anderen, damit man auch wusste, dass man nicht der andere war. Den Sinn dieses Vorstellungsmanövers würde sie wohl nie verstehen, dachte Arabella, aber so war das wohl bei den Menschen. Sie schüttelte den Kopf und dann die Hand, die Markus ihr entgegenstreckte. „Sehr erfreut“, sagte Markus.

„Ebenfalls super sehr und ganz doll erfreut“, sagte Arabella höflich und versuchte, eine Verbeugung hinzubekommen inmitten von umgekippten Milchflaschen und Quarktöpfen. Es gelang ihr scheinbar recht gut, denn Markus sagte erstaunt. „Oh, eine Dame von Welt. Was macht Ihr beiden denn im Supermarkt? Da hätte ich Dich gar nicht vermutet, sonst kauft doch immer Anastasia für Dich ein“, wunderte sich Markus.

„Ja, das tut sie normalerweise“, bestätigte Theobald, „aber heute Morgen ist sie gestürzt. Nun hat sie ein dickes Knie und kann nur humpeln. Sie sitzt zu Hause auf der Küchenbank und möchte Quark haben, um sich Wickel zu machen.“

„Ah ja, sehr gut, sehr gut. Quarkwickel sind bei so was das Beste, ja, ja, empfehle ich auch immer gerne.“

„Du kennst Dich damit aus?“, fragte Arabella. „Ja, ich bin Markus Huflattich, der beste und einzige Heilpraktiker auf der Insel. Ich und mein Freund Antonius Sanguin, der beste und einzige Arzt der Insel, behandeln eigentlich alles, was behandelt werden muss. Wenn der eine nicht weiter weiß, hat der andere oft eine gute Idee. So können wir den meisten Menschen, die zu uns kommen, helfen.“

„Ja, das stimmt“, sagte Theobald, „ich habe noch nie wegen irgendwas ins Krankenhaus gehen müssen. Ihr habt immer alles hinbekommen.“ Arabella fand, dass Markus sehr sympathisch war. Daher fragte sie ihn, ob er sich nicht auch das Bein von Anastasia mal ansehen könne, irgendwann wenn er Zeit habe.

„Aber selbstredend“, erwiderte Markus eifrig. „Ich komme nachher mal vorbei. Vielleicht bringe ich Antonius mit. Vier Augen sehen mehr als zwei und vier Hände tasten mehr als zwei, sag ich immer. Also dann, eigentlich wollte ich ja jetzt auch einkaufen, hab aber gerade wieder einen Anruf bekommen.“ Er seufzte ein bisschen, weil sein Kühlschrank zu Hause schon ganz leer war. Ich muss nun erst noch zu einem Hausbesuch wegen Fieber und Hals- und Kopfweh, dann komme ich zu Euch und hol auf dem Weg Antonius ab.“

Er machte sich auf den Weg zum Ausgang. „Super, das ist nett“, sagte Arabella, Anastasia wird sich bestimmt freuen.“

„Na, da bin ich mir nun überhaupt nicht so sicher“, murmelte Theobald, sagte es aber nicht laut, um Arabella nicht zu verärgern. Er hatte nämlich mittlerweile mitbekommen, dass Arabella, wenn sie verärgert war, auch gerne sehr penetrant und laut sprach und das wollte er hier mitten im Supermarkt verhindern. Komisch fand er aber schon, dass Markus gar nicht erstaunt gewesen war über eine kleine, blaue, sprechende Luftballonschlange. Bei Anastasia war das nicht sonderlich verwunderlich. Anastasia guckte gar nicht auf Äußerlichkeiten und hieß erst mal jeden, so wie er war, willkommen. Wirklich eine schöne und liebevolle Angewohnheit, dachte Theobald, die nur wenige Menschen hatten. Offensichtlich gehörte Markus auch zu diesen Menschen.

Theobald wollte nun aber schnell wieder nach Hause zu Anastasia und schob den Einkaufswagen zur Kasse. „Hast Du Zimt und Vogelfutter?“, quäkte es genervt aus dem Korb. “Ups, vergessen“, entschuldigte sich Theobald. Er hatte wegen dem Beinahe-Sturz von vorhin Arabella gegenüber doch ein etwas schlechtes Gewissen. „Zimt steht hier im Gewürzregal“, sagte er und griff zielsicher hinein „und Vogelfutter gibt’s in der Getränkeabteilung.“

„Aha, na dann mal los“, sagte Arabella. Sie hatte sich wieder vollständig erholt und freute sich, dass Anastasias Knie nun doch noch fachmännisch angeguckt werden würde. Das Vogelfutter war nicht in der Getränkeabteilung – was sollte es auch dort – es war natürlich bei der Tiernahrung untergebracht, das fand Theobald dann auch logischer. Es gab aber fünf verschiedene Sorten. Theobald und Arabella standen ratlos vor dem Vogelfutterregal. Theobald holte eine Tüte nach der anderen heraus und gemeinsam lasen sie alles, was auf den Tüten stand. Nachdem sie alles gelesen hatten, waren sie genauso ratlos wie vorher. Da kam eine ältere Dame auf sie zu und blieb vor dem Regal stehen. Sie zog rasch eine Tüte Vogelfutter heraus, nickte Ihnen freundlich zu und wollte wieder gehen.

„Darf ich sie mal fragen, welches Futter das Beste ist?“

„Los, frag sie doch“, hatte Arabella ihm nämlich vorher relativ laut zugeflüstert. Theobald gab sich dann schnell einen Ruck, sprach die Frau an, auch um zu verhindern, dass Arabella noch lauter wurde.

„Oh für welche Vögel brauchen Sie es denn“, fragte die Dame. Theobald und Arabella schauten sich fragend an – was sollte man darauf antworten, Vogel ist Vogel, dachten sie beide.

„Sind es Vögel draußen, oder haben sie Vögel im Haus“, wollte sie wissen. „Um Gottes willen, nein!“, rief Theobald, „die sind alle draußen! Es ist für meine Oma. Also natürlich nicht für meine Oma“, berichtigte er sich schnell, „sondern für die Vögel im Garten meiner Oma. Sie hat ganz viele Vogelhäuser im Garten und darin sind natürlich auch sehr viele Vögel. Ich nehme für meine Vögel immer das Futter in der blauen Tüte, aber das hat meine Oma nicht so gerne. Sie sagt, das schmeckt ihren Vögeln nicht so gut und sie sagt auch, das hat nicht genug Vitamine.“

„Aha“, sagte die Dame, „wer ist denn Ihre Oma?“

„Anastasia“ sagte Theobald.

„Ach, die gute alte Anastasia“, die Dame wurde nun sehr freundlich und war hocherfreut. „Dann musst Du, Theobald, ihr Enkel sein. Das ist ja toll, dass ich Dich mal kennenlernen darf! Ich habe schon so viel Schönes über Dich gehört. Es heißt, Du kannst die Menschen zum Lachen bringen, und ja, jetzt kann ich mir vorstellen, dass Du das kannst.“ Sie schaute Theobald an und lachte. „Also ich kenne Anastasia schon seit 94 Jahren. Wir haben mal früher zusammen einen Malkurs gemacht. Soweit ich weiß, nimmt sie immer dieses Futter für ihre Vögel. Ja, ja, ich erinnere mich, da ist sie ja ziemlich eigen, was ihre Tiere angeht.“ Sie zeigte auf eine grüne Tüte. „Das ist zwar das teuerste Futter hier, aber die gute Anastasia sagte immer, dass es das Beste ist.“

„Also gut, dann nehme ich das grüne Futter“, sagte Theobald. Er war froh, dass ihm geholfen wurde. „Oje, jetzt muss ich mich beeilen“, sagte die Dame. „Ich komme demnächst mal bei Anastasia zu einem kurzen Besuch vorbei. Richte ihr doch schon mal liebe Grüße aus von Marianne. Sie wird sich freuen. Wir haben uns lange nicht gesehen und viel zu erzählen. Ich hoffe, es geht Anastasia gut?“, fragte sie bereits im Weggehen.

„Sie hat sich …“, fing Arabella an, dann wurde ihr aber von Theobald der Mund zugehalten „ja sicher, es geht ihr gut, sie wird sich bestimmt sehr über Besuch in der nächsten Zeit freuen“, sagte Theobald stattdessen. Marianne zog verwundert eine Augenbraue hoch. „Habe ich da noch eine andere Stimme als Deine gehört, Theobald?“, fragte sie nachdenklich. Theobald lächelte sie freundlich an und winkte ihr zu, wie zum Abschied. Marianne rieb sich kurz beide Ohren, lächelte, wenn auch etwas verunsichert, winkte, drehte sich um und ging zur Kasse. „Puh“, sagte Theobald, „nicht jedem musst Du auf die Nase binden, dass Anastasia krank ist, wer weiß, ob ihr das recht ist und außerdem kannte ich diese Frau ja gar nicht.“ Arabella war beleidigt und schmollte. Dass man ihr den Mund zuhielt, ging gar nicht, fand sie, auch wenn es Theobald war. Kurzzeitig sagte sie nichts. Das nutzte Theobald, um schnell zur Kasse zu fahren, seine Einkäufe zu bezahlen und den Supermarkt zu verlassen. Als er wieder auf der Straße stand, atmete er erleichtert auf. Das wäre geschafft und stolz war er auch, dass er diesmal nun wirklich nichts vergessen hatte.

Er klopfte sich selbst auf die Schulter. Zufrieden schlendernd trat er den Rückweg an. Jetzt würde er die Sachen zu seiner Oma bringen, vielleicht dort noch eine Tasse Tee trinken und dann würde er sich auf den Weg nach Hause machen. Arabella würde er bei Anastasia lassen und dann hätte er morgen den ganzen Tag für sich allein. Da könnte er jonglieren üben und seilspringen, das ging immer noch oft schief bei seinen Auftritten.

Er müsste nur noch Anastasia davon überzeugen, dass Arabella bei ihr viel besser aufgehoben war als bei ihm, aber das würde ihm schon ziemlich sicher gelingen, dachte er und war bester Stimmung, als er am Haus seiner Oma ankam.

Kapitel 7

Er schloss die Haustür auf, ging ins Haus und trug den Korb mit den Einkäufen und Arabella in die Küche. Anastasia saß immer noch auf der Küchenbank und war eingeschlafen. Auf ihrem linken Knie lag eine Tüte Tiefkühlerbsen, die aber schon etwas vor sich hin tauten. Theobald und Arabella räumten Milch und Quark in den Kühlschrank. Als Arabella vorsichtig die Erbsen von Anastasias Knie hob, klingelte es Sturm an der Haustür, gefolgt von heftigem Klopfen. Alle drei schreckten hoch. Anastasia rieb sich die Augen. „Was ist denn um Himmels willen nur los hier. So eine Unruhe habe ich ja die letzten 120 Jahre nicht erlebt.“ Unwirsch setzte sie ihre Brille wieder auf, die sie auf dem Küchentisch abgelegt hatte. „Auf Besuch bin ich nun wirklich überhaupt und gar nicht eingerichtet“, rief sie unglücklich. „Guckt nur wie ich aussehe und Kekse habe ich auch keine gebacken, geschweige denn Kuchen. Kaffee ist nicht gemahlen und schon überhaupt noch gar nicht ansatzweise gekocht, oh nein, oh nein, oh nein.“ Sie wollte von der Küchenbank springen, wurde jedoch bei der ersten Bewegung an ihr krankes Knie erinnert „Au, ach Du grüne Neune, das dumme Knie ist ja immer noch nicht wieder gut. Tja, dann weiß ich jetzt auch nicht weiter. So etwas hatte ich noch nicht.“ Mutlos ließ sie sich zurück auf die dicken Kissen der Küchenbank fallen. „O. k., es ist, wie es ist, kommt Zeit, kommt Rat“, sagte sie erschöpft. „Tadaaa“, tröteten Arabella und Theobald einstimmig, „genau jetzt ist Zeit und nun kommt Rat.“

Theobald lief zur Haustür. Draußen standen Markus Huflattich und Antonius Sanguin. „Herzlich willkommen, seid gegrüßt Ihr Retter in der Not.“ Theobald ließ die beiden Herren eintreten und leitete sie in die Küche weiter. Arabella war auf die Küchenbank gehüpft, von dort hatte sie einen besseren Überblick. Außerdem wollte sie in Anastasias Nähe sein, wenn sie Antonius Sanguin kennenlernte. Den kannte sie ja noch nicht und sie war bei Fremden lieber immer erst etwas zurückhaltend. Sie wollte selbst bestimmen, wen sie näher kennenlernte und wen nicht, und das konnte sie am besten mit anfänglichem Abstand, fand sie. Anastasia machte große Augen, als die beiden Herren in ihrer Küche auftauchten. Markus Huflattich war ziemlich rundlich und einen Kopf kleiner als Theobald. Er war also ungefähr genau 1,55 m groß. Antonius Sanguin dagegen war lang und dünn. Mit seiner Größe von 1,98 überragte er Theobald um einiges. Er musste den Kopf einziehen, als er durch die Küchentür ging. Beide hatten aber so ein herzliches warmes Lächeln, als sie eintraten und Anastasia sahen, dass Arabella sie sofort in Ihr Herz geschlossen hatte. Menschen, die so ein schönes Lächeln hatten, konnten nur gut und richtig sein, dachte sie. „Na was machst denn Du für Sachen“, sagte Markus zu Anastasia und setzte sich ihr gegenüber auf den Lehnstuhl am Tisch. Da lässt man Dich mal zwei Wochen aus den Augen und schon machst Du Geschichten. Er schüttelte den Kopf. Ich habe Antonius zur Verstärkung mitgebracht. Wie Du weißt, behandeln wir ja meistens und gerne zusammen. Was der eine nicht weiß, weiß der andere.“ Glücklich schaute er Antonius an. „Was für ein Glück wir doch haben, Antonius, nicht wahr?“

„Ja, recht hast Du, mein lieber Kollege Huflattich.“ Antonius blieb vor der Küchenbank stehen und reichte erst Anastasia und dann Arabella die Hand. Sehr höflich und zurückhaltend war er, stellte Arabella erfreut fest. Solche Menschen waren ihr lieber als die, die sofort mit der Tür ins Haus fielen und sich aufdrängten. „Darf ich mich mit auf die Bank setzen?“, fragte er Arabella. „Ich liebe Küchenbänke und zu Hause habe ich keine. Also setze ich mich auf jede Küchenbank, die ich finden kann“, grinste er freundlich. Arabella rutschte schnell zur Seite und machte Platz für Antonius. Viel Platz brauchte er nicht, weil er ja so dünn war. Theobald stand in der Küche und schaute erwartungsvoll von einem zum anderen. „Ja, also was machen wir denn jetzt in dieser fröhlichen Runde“, freute er sich, „ich denk, wir spielen eine Runde Mensch-ärgere-Dichnicht oder was meint Ihr?“ Es herrschte eine kurze Verlegenheitspause. Arabella runzelte die Stirn. „Ich glaube, die beiden Herren sind aus einem bestimmten Grund hier und sicher im Moment nicht, um Mensch-ärgere-Dich-nicht zu spielen“, sagte sie streng. „Schon vergessen? Anastasia hat ein dickes Knie!“, erinnerte sie Theobald. Der kratzte sich am Kopf und sagte leicht verlegen: „Aber ja, natürlich habe ich das nicht vergessen. Wie könnte ich so etwas vergessen; ich wollte nur zu Beginn die Stimmung etwas auflockern … ja und ich wollte mal testen, ob die beiden noch wissen, warum sie hier sind“, fügte er schelmisch hinzu. „Ja, schon klar.“ Arabella winkte ab. „Antonius, ich darf doch Antonius und Markus sagen, oder?“ Antonius und Markus nickten freundlich und zustimmend. „Passt auf, ich mache Platz und koche Kaffee, und Du und Markus Ihr werft mal einen Blick auf Anastasias Knie. Es ist noch ein bisschen dicker als heute Morgen, scheint mir, und ein bisschen blau ist es auch“? Es ist ja fast so blau, wie ich bin, dachte sie und sprang von der Bank, nicht ohne vorher einen Blick auf den Boden geworfen zu haben, um sich zu vergewissern, dass Goethe sich da nicht irgendwo herumtrieb.

Auf ein nochmaliges Zusammentreffen mit diesem Kater konnte sie vorerst verzichten. Verächtlich dachte sie, dieser überhebliche Kater konnte von ihr aus bleiben, wo der Pfeffer wuchs! Sie machte sich daran, Kaffee zu mahlen und Wasser in den Kessel zu füllen. Indessen machten sich Markus und Antonius Gedanken über Anastasias Knie. Sie tasteten ab, bewegten es hin und her unter heftigen Schimpftiraden von Anastasia. „So ein Quatsch … Aua, lasst das doch mal, das tut weh und hilft nicht weiter … ,nein, nein ich kenne mein Knie am besten selbst … das geht alles von alleine wieder weg … so eine dumme Pute, wie ich bin, muss eben für ihre Dummheit gerade stehen …“ Sie lamentierte und lamentierte in einem fort und sah dabei so zerknirscht aus, dass alle vier sich bald nicht mehr halten konnten vor Lachen. Markus und Antonius hatten ihre Untersuchung bald beendet, besprachen sich kurz leise und nickten. „Theobald, wo ist denn der Quark, den ich in Eurem Einkaufswagen heute Mittag gesehen habe?“ Markus schaute sich fragend um. „Im Kühlschrank“, antwortete Arabella. Theobald hatte es, wen wundert es, vergessen. Er suchte den Quark im Wohnzimmer. Arabella rollte die Augen. Mannomann, wo sollte das nur hinführen mit Theobald. Da musste man sich dringend etwas überlegen, dachte sie sich. „Her damit“, sagte Markus, „und zwei oder drei Leinentücher brauchen wir auch.“ Er krempelte sich die Ärmel seines gestreiften Hemdes hoch. Theobald schaute Anastasia fragend an. Die hatte sich ihrem Schicksal ergeben. Mit Quarkwickeln war sie einverstanden, die wollte sie ja sowieso machen. „Leinentücher sind dort oben im Küchenschrank“, sagte sie zu Theobald, „nimm die untersten, die sind schon alt.“ „Eine große Schüssel brauchen wir auch“, sagte Antonius. Bald füllten die beiden den Quark in die Schüssel, rührten ihn zu einem Brei und strichen dann den Quark auf ein zusammengefaltetes Leinentuch. Daraus formten sie fachmännisch einen Wickel, den sie um das verletzte Knie banden. Das zweite Leinentuch banden sie noch darüber.

Sie arbeiteten schweigend rasch und Hand in Hand. Zufrieden betrachteten sie anschließend ihr Werk. „So, nun gibt’s noch ein paar Arnikatropfen“, sagte Markus, „und dann müssen wir abwarten.“ Sofort machte sich eine angenehme Kühle in Anastasias Knie breit. Entspannt lehnte sie sich wieder an. Kerzengerade und angespannt hatte sie nämlich die ganze Zeit während der Untersuchung gesessen. Kaffeeduft zog durch die Küche. Arabella hatte noch Schokoladenplätzchen im Kühlschrank gefunden. Nun stellte sie Kaffeetassen, Kaffee und Plätzchen auf den Tisch, holte Milch aus dem Kühlschrank und setzte sich zu Anastasia auf die Bank. Antonius nahm natürlich auch wieder seinen Platz auf der Bank ein. Markus nahm den großen Lehnstuhl von vorhin und Theobald den Stuhl am Fenster. So saßen sie in gemütlicher Runde. Die Sonne schien angenehm warm in die Küche. „Ich danke Euch, dass Ihr da seid“, sagte Anastasia nun. Sie war jetzt wirklich froh über die Hilfe. „Entschuldigt meine anfänglichen Schimpftiraden, aber ich …“

„Ach, papperlapapp. Das ist schon in Ordnung“, fielen ihr Markus und Theobald ins Wort „Wir kennen Dich ja nun lange genug, und wissen wie störrisch Du sein kannst“, lachten sie, „aber Du bist die allerallerbeste Oma auf der ganzen Welt“, fügte Theobald hinzu. Anastasia war sehr gerührt und wischte sich heimlich eine Träne aus dem Auge. Es war wirklich schön, fand Arabella. Geborgenheit, Liebe und echte Zuneigung gab es hier und das fühlte sich richtig gut an. Nach dem Kaffee verabschiedeten sich Antonius und Markus. „Wir müssen jetzt noch zu einem anderen Hausbesuch“, erklärte Antonius, „aber auf dem Rückweg nachher schauen wir gerne noch mal rein, wenn’s Dir recht ist, Anastasia? Denn, wenn das Knie dann immer noch so dick geschwollen ist, sollten wir besser doch mal eine Röntgenaufnahme im Krankenhaus machen lassen.“ Anastasia zog ärgerlich die Stirn in Falten. „So weit kommt das noch“, begann sie schon wieder zu schimpfen. Arabella, Theobald, Markus und Antonius konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Das werden wir nachher schon sehen, dann ist das Knie wieder tipptopp. Ja, ja, Ihr werdet es schon sehen“, bekräftigte Anastasia ihre eigenen Worte. „Nun macht aber, dass Ihr weiterkommt, Ihr beiden“, sagte sie zu Markus und Antonius. „Ihr könnt gerne nachher wiederkommen. Dann essen wir zusammen Pfannkuchen mit Apfelmus, wenn ihr mögt.“

„Oh, was für rosige Aussichten.“ Markus und Theobald rieben sich in Vorfreude auf das angekündigte Festmahl die Bäuche. Antonius nickte freundlich. Arabella fragte sich, wer wohl die Pfannkuchen und das Apfelmus zubereiten sollte. Markus und Antonius waren gegangen und sie räumte den Tisch ab. Theobald legte sich in den Liegestuhl im Garten für ein nachmittägliches Nickerchen und Anastasia hatte sich ebenfalls für ein kleines Schläfchen auf der Küchenbank zurückgelehnt.

Arabella war nicht müde. Sie hatte Lust auf einen Strandspaziergang. Warum eigentlich nicht, dachte sie. Sie nahm vorsichtshalber den Schal aus der Garderobe, den Theobald ihr gestern umgelegt hatte, und verließ leise das Haus. Kurz überlegte sie, einen Zettel mit einer Nachricht auf den Küchentisch zu legen, aber da sie ja noch nicht wusste, wohin sie ging, konnte sie das ja auch nicht schreiben. Sie war schon fast an der Haustür, da kamen ihr doch Bedenken. Anastasia und Theobald würden sich vielleicht Sorgen machen, wenn sie nicht da war, wenn sie aufwachten. Also gut, dachte sie, und schrieb auf einen Zettel: „Ihr Lieben, ich, Arabella, bin spazieren gegangen – bis gleich!“ So, das musste reichen. Sie wollte sich ja auch nur kurz die Beine vertreten, die Insel erkunden und frische Luft schnuppern. Das war ja schnell erledigt. Sie ging durch die Haustür und freute sich auf ihren Ausflug. Leise fiel die Tür ins Schloss und frohen Mutes machte Arabella sich auf in Richtung Strand.

Kapitel 8

Sie wollte direkt zum Strand, und zwar zu der Stelle, an der sie mittags die vielen Kinder gesehen hatte. Da war es lustig und schöne Musik hatte gespielt. Ja, genau dort wollte sie hin! Summend ging sie den schmalen Holzpfad entlang, der direkt zu der Stelle führte, wo sich viele Menschen aller Altersgruppen tummelten. Es war eine schöne, kleine Bucht, in der man in Ruhe schwimmen konnte, auch wenn man es noch nicht so gut konnte, aber natürlich auch, wenn man es schon perfekt konnte. Manche tauchten auch und zwei Jungen hatten ein kleines Schlauchboot und plantschten träge darin herum. Weiter hinten sah man Surfer und Stand-up-Paddler. Auch Kitesurfer mit riesigen bunten Segeln waren dort. Das sah wirklich wunderschön aus, fand Arabella. Und sah auch nicht so schwierig aus. Sie nahm sich vor, unbedingt Kitesurfen zu lernen. Aber später mal, jetzt wollte sie erst mal hier die Gegend erkunden. Fröhlich und neugierig lief sie weiter an der Wasserkante entlang und ließ das Wasser über ihre Füße fließen. Wenn mal eine höhere Welle kam, sprang sie einfach darüber weg. Schön war das hier!

Da sah sie plötzlich zwei Mädchen, die exakt gleich aussahen. Träumte sie, sah sie jetzt doppelt, hatte sie einen Sonnenstich? Arabella rieb sich die Augen, schloss sie, öffnete sie wieder. Nein, die beiden waren ohne Zweifel da. Wie war das denn möglich? Sie kam einen Schritt näher. Die beiden hatten rötliche Haare, die zu ganz vielen kleinen Zöpfen geflochten waren. Sie waren übersät mit Sommersprossen, hatten beide einen hellblauen Badeanzug an, trugen um das rechte Handgelenk ein kleines, mittelbraunes Lederarmband mit einem kleinen silbernen Stern drauf. Die beiden Mädchen unterhielten sich über irgendetwas, das Arabella aber nicht verstehen konnte. Sie hörte irgendetwas von Clown … und Vorstellung … und morgen Nachmittag … und lustig …, aber sie konnte sich keinen Reim drauf machen. Arabella blieb vor den Mädchen stehen und schaute ihnen zu. Sie hatten eine Sandburg gebaut und verzierten diese gerade mit wunderschönen Muscheln und Steinen, die sie um sich herum fanden. Sie schienen sehr beschäftigt und versunken in dem, was sie taten.

Arabella trat ein bisschen näher heran, sodass ihr Schatten auf die Sandburg fiel. Die beiden Mädchen schauten auf. Die eine der beiden fragte neugierig: „Hey, wer bist Du denn? Wieso bist Du so blau?“, wollte sie wissen. Die andere sagte nichts. Sie guckte aber auch sehr freundlich und auch sehr neugierig. „Hey“, sagte Arabella und stellte sich erst mal vor: „Ich heiße Arabella, ich war mal ein blauer Luftballon und nun bin ich so, wie ich bin.“ Das musste erst mal reichen, fand sie. Mehr wusste sie eigentlich auch nicht zu sagen. „Und wer seid Ihr beiden? Und wieso seht ihr genau gleich aus?“, fragte sie. Die beiden Mädchen kicherten und hielten sich beide Hände gegenseitig zum Abklatschen entgegen. Sie setzten sich im Schneidersitz vor Arabella hin „Also“, sagte wieder das Mädchen, das schon mal geantwortet hatte, „ich bin Katharina und das ist Pauline“, sie deutete auf das andere Mädchen. „Wir sind Zwillinge und für die meisten sehen wir genau gleich aus; das tun wir aber gar nicht in Wirklichkeit. Pauline hat z. B. zweihundertsiebenundfünfzig Sommersprossen und ich habe zweihundertvierundfünfzig. Pauline ist zwei Minuten jünger als ich. Ich male gerne und lese gerne und erzähle gerne. Pauline rechnet gerne und spielt Klavier. Sie ist eindeutig besser im Hochsprung, aber Sport machen wir beide gerne und viel. Ach ja, und Eis und Pfannkuchen mit Apfelmus sind unsere absoluten Lieblingsessen. Ja und unsere Lieblingsfarbe ist blau – alle Blaus, die es gibt.“ Katharina machte eine kurze Pause, dachte kurz nach und sagte dann: „So, nun weißt Du fürs Erste eigentlich schon das Wichtigste über uns.“

„Und meine Lieblingszahl ist die 7! Katharina weiß ihre Lieblingszahl noch nicht, sie kann sich nicht entscheiden“, meldete sich nun Pauline erstmals zu Wort. „Ja, stimmt, das hatte ich vergessen“, sagte Katharina nickend. Puh, das waren aber viele Informationen auf einmal. Arabella war fast schwindelig. Aber sie fand es schön, sich mit den beiden zu unterhalten. „Setz Dich doch zu uns“, forderten Katharina und Pauline sie jetzt auf, „du kannst uns helfen die Burg weiter zu bauen. Bis morgen muss sie fertig werden, übermorgen fahren wir nämlich nach Hause.“

„Ach wirklich?“ Arabella setzte sich und war ein bisschen enttäuscht. Gerade hatte sie Freunde gefunden und schon waren sie wieder weg. „Wieso fahrt Ihr denn nach Hause? Wo wohnt Ihr denn? Und wieso bleibt Ihr nicht hier wohnen? Hier ist es doch schön“, fragte sie verwundert. Wieder kicherten Katharina und Pauline, jetzt etwas lauter als vorhin. „Unsere Ferien sind zu Ende. Wir müssen nächste Woche wieder zu Schule.“ Wieder führte Katharina das Wort. Das war wohl so bei den beiden, dachte Arabella, aber beide schienen zufrieden damit. „Hmm, aha, darum also …, aber eine Schule gibt’s doch auch hier.“ Arabella bohrte weiter. „Ja klar, überall gibt es Schulen!“ Pauline meldete sich jetzt doch zu Wort: „Aber man geht doch immer zur Schule da, wo man auch am meisten wohnt. So ist das bei allen.“ Ja, das machte wohl Sinn, fand Arabella. „Und wo wohnt Ihr, wenn Ihr nicht hier seid?“, fragte sie die beiden. „Auf dem Festland in einer ziemlich großen Stadt mit Hochhäusern und U-Bahnen und vielen Menschen“, sagte Pauline. „Ist es schön da?“, fragte Arabella neugierig.

„Ja, schon“, antwortete Katharina, „es gibt jeden Tag viel zu gucken und zu sehen, immer was Neues. Es gibt viele Kinder, mit denen wir uns treffen und spielen können“…

„Aber auch nur wenn wir Zeit dafür haben“, unterbrach Pauline sie seufzend. „Ja, aber das geht schon ziemlich oft“, sagte Katharina schnell. Sie hatte jetzt keine große Lust an Zuhause und an die Schule und all das zu denken. Und sie wusste auch, dass Pauline eigentlich viel lieber auf der Insel bleiben würde. Daher wechselte sie schnell das Thema und fragte: „Sag mal, hast Du auch schon was gehört von einem Clown, den es hier auf der Insel geben soll? Er ist total berühmt und macht die lustigsten Vorstellungen, die man sich vorstellen kann. Er ist sogar in unserer Stadt bekannt, da war er wohl mal vor ganz vielen Jahren. Jetzt soll er hier wohnen und gibt ab und zu Vorstellungen. Aber wir haben ihn noch nicht gefunden, obwohl wir schon die ganzen drei Wochen, die wir hier sind, nach ihm suchen. Jetzt wird es wohl auch nicht mehr klappen.“ Sie wurde etwas traurig.

Das merkte Pauline sofort, denn sie sagte schnell: „Den finden wir, wenn wir ihn finden sollen, so ist es meistens nämlich, dass man etwas findet genau zu der Zeit, wo man es braucht. Und ich brauch jetzt dringend ein Eis und da vorne seht ihr – Tadaaa – kommt der Eiswagen um die Ecke, so ist das im Leben.“ Sie zeigte triumphierend nach links, wo der Eiswagen langsam klingelnd um die Ecke auf die Promenade bog. Sie hielt wieder ihre Hand Katharina zum Abklatschen hin und stand auf. „Los, kommt ihr eingerosteten Gestalten.“ Katharinas Gesicht hellte sich sofort auf. Die beiden schienen sich wirklich gut zu kennen. Vielleicht war das bei Geschwistern so, dachte Arabella. „Los, nun macht schon“, Pauline wurde ungeduldig. Die drei standen auf, klopften sich den Sand von Händen Bauch und Beinen ab und machten sich gemeinschaftlich in Vorfreude auf ein riesengroßes Eis auf den Weg zum Eiswagen.

Katharina und Pauline nahmen Arabella in ihre Mitte. Alle drei fassten sich an den Händen. Arabella war sehr glücklich. Sie hatte Freunde und war auf einer wunderschönen Insel und ging jetzt zum Eisessen, besser konnte das Leben eigentlich nicht sein, fand sie. Darüber, dass die beiden schon morgen ihren letzten Ferientag hatten, dachte sie jetzt erst mal nicht weiter nach.

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
Объем:
251 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783962298791
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