Читать книгу: «Vom Schwarzweg zum Gedicht»

Ganz still musst du nach deinem Geiste wandern gewaschnen Steinpfad dein Gebirg empor, entschweben auch der reinsten Hand der Andern zur Einsamkeit, der bunten Firne Flor.
Dort atmen mit der klaren Luft dies Wandern, dem diese Sterne blühen kühl hervor.
dort schweigt dein Gold verborgnen Wesens Munde dort singt das All dir jede Lebensstunde.
Todesstanze LXXXIII
Vom Schwarzweg zum Gedicht
Für Gabriela
Alle Rechte vorbehalten
© 2020 Friedrich Reinhardt Verlag Basel
Projektleitung: Alfred Rüdisühli
eISBN 978-3-7245-2445-8
ISBN der Printausgabe 978-3-7245-2416-8
Der Friedrich Reinhardt Verlag wird
vom Bundesamt für Kultur mit
einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020
unterstützt.
www.reinhardt.ch

Inhalt
Vorwort
Dichtung und Wortung «Todleben»
Prolog
Vom Kindheitsweg zum Schwarzweg des Gedichts
Gedichte
Abschied durch Todlebens Reigen
Ein Todlebenslauf
Heimkehr
Klarstellung eines Gedichts
Simone Weil
Zweiter Weltkrieg
An Heines Herzwortbronn
Mondhelle
Anfang End Todlebens
Des Seyns Geburt in grosser Stille Reigen
Flucht flutet Abschiedsgorge
Fluchtbeschieden
Kindheit todlebt in Urbilds Gluten
Was Todlebens Schrein bewahrt
Was Todlebens Tage wahren
Was Urbilds Weisheit deutet
Dein Licht über den Wassern
Wem Todleben endet
Windharfe des Leids
Zweite Seinsgeburt
Zwischen Nichts und Nichts verraben
Anfangends Todlebensfahrt
Anfang Ende junger Kraft Todleben
Anfang fragen
Dämmerlandes Morgenaug
Cuylens Sphinx
Der Sechstklasslehrer
Fluchtheimkehr
Ins Ewiglenzlos
Zum Lichtloslicht
Zwei Porträts
An Novembers Seynsabgrund
Deine Seele ist mein Dichten
Feuerrose
Ulysses
Wo Zeit Todleben stillt
Abendlied im Frühherbst
An Heideggers Grab
Aus des Menschen Geschick
Aus Menschenantlitz Frieden
Der dunklen Woge Gang
Der Liebe Gral
Todleben herbsthin
An der Kindheit Traufe
An wasserklarem Weihnachtstag
Dylan Thomas
Flucht vor der Druckerschwärze
Imre Kertész sei Dank
Innehalten
Ausflug der Taube
Liebesbrief
Liebeslied
Vergessen Herbstzeitlose
Zum Drama der Liebe
Anfangs Duichfreiheitssinnen
Der Seynswahrheit pfingstlich gewagt
In Wesensnähe
Ins Wurzellose
Die grosse See
Kriegszustände
Wenn Odysseus Heimkehr innert
Zu Flüchtlingsheeren
Zur Wahrheit des Seyns
Anfang spricht das Ende
Anfangs Grenzlosfall
Denken ist Seynsbezug
Vor dem ersten Schnee
Der künftige Denker des Seyns
Des Kindheitweges Seynssinn zugedacht
Holocaustgesang
Odysseeisches Heimkehrlied
Sonett CCCLXII
Sonett CCCLXXIII
Sonett CCCLXXXIX
Urbild
Sonett CCCLXXXVI
Sonett CDXIX
Sonett CLXLV
Sonett XXV
Todlebens Sag
Von Odysseus freiheitshin gerufen
Zur Seynswahrheit meerabgrundhin
Höllenqual
Sonett CDXXIX
Schwarzweg im Schnee
Sonett CDLIII
Sonett DCL
Sonett DCXIX
Sonett DCXL
Sonett DCXLVII
Sonett DCXLVIII
Sonett DLXIII
Sonett DLXIV
Sonett DXLVI
Sonett DXXXV
Sonett DCXXXII
Zur Mitte deines Seyns
Epilog
Von Todlebens Todesstanzen zu den Stelen
Bildnachweis
Zum Autor
Danksagung
Vorwort
Dichtung und Wortung «Todleben»
Einführung in die Lyrik von Hermann Zingg
Es ist nichts Alltägliches, wenn ein neunzigjähriger «Spätexpressionist» aus der Fülle seiner über 30 000 Sonette und anderer Gedichte eine Auswahl von 101 Werken trifft und sie zur Veröffentlichung freigibt. Staunend steht man vor der Ergebnisfülle und fragt sich, woher der Verfasser seine Fantasie und die Schöpferkraft der Umsetzung genommen hat, denn bisher war nur ein sehr enger Freundeskreis in das Geheimnis seines Schaffens eingeweiht.
Der vorliegende Lyrikband erlaubt eine Annäherung in Form einer Einführung an das Weltbild von Hermann Zingg. In seinen eigenen Worten ergründet der Dichter die existenziellen Erfahrungen, die es ihm ermöglichten, in seiner Lyrik einen ganz eigenen Weg zu beschreiten. Den Lesern tut sich kein leichter Zugang auf. Das ist nicht erstaunlich, denn Zinggs Lyrik ist nicht dialogisch angelegt, sondern entzieht sich bewusst einer hermeneutischen Entschlüsselung. Sie ist Ausdruck eines Seelenzustands, ein Ausweg aus der «Trennung vom Selbstsein». In der Lyrik überwindet er die Diskrepanz zwischen Hell und Dunkel, zwischen «schwarznichtsleerem Abgrund» und «blütenweisser Helle». Wenn die Lyrik also einerseits Ausdruck eines Seelenzustands ist, so zeigt sie andererseits auch einen Weg auf, den der Autor «Kindheitsweg» nennt, eine nie endende Reflexion der eigenen geistigseelischen Identität.
Trotz dieser Absage an mögliche Deutungsversuche reizt es den Sprachwissenschafter, an einigen ausgewählten Beispielen aufzuzeigen, wie Hermann Zingg mit dem verbalen Fundus, der ihm zur Verfügung steht, umgeht. Zu gewagten Neubildungen verbinden sich primär widersprüchliche Begriffe wie Todleben oder Duich und Komposita wie etwa Duichwesensmal. Duichhelle. Dazu zählen wir auch scheinbar bloss orthografische Neubildungen wie Seynswahrheit, seynserhellt, deines Seyns, Seynssinn, Seynswahrheitgeschick, die aber auf ältere Sprachzustände und ihren Erneuerer Martin Heidegger zurückgehen, oder Entlehnungen aus anderen Sprachregionen wie etwa das norddeutsche Tiden für die neuhochdeutschen «Gezeiten» mit der Zusammensetzung Tidentracht oder die niederländische Gracht für einen «schiffbaren Kanal» oder archaisierende Formulierungen, wo sich Seyn eräugnet. Dazu kommen neuartige Zusammenrückungen vertrauter Wörter wie Zwieaugtracht, Zwieaugwort, Seinsbruchnot, Kantfelsbrockengrund, Sternallnacht, abschiedsweglang, Blauabgrund, Schneeahnungsprozession. Tatrabön «Böen aus der Tatra».
Eine Besonderheit zeigt sich auch in den um ihre Endungen verkürzten deutschen Wörtern: Sonnkimmwald, lohgeschürte Gartenrah, duld, Kindheitsgüt, Trauf, Herzwortbronn, Sonnstrahl, den Zerrinn; jed Wiedersehn, die uns nicht selten etwas ratlos zurücklassen
Ein Teil der nicht alltäglichen Entlehnungen stammt aus dem Altgriechischen und Lateinischen, wozu wir Kairos«der rechte Augenblick», Lethe «Unterweltstrom, aus dem die Toten Vergessen trinken», Letheflut, Adyton‚ eigentlich «das Nichtbetretbare, das Allerheiligste im Tempel», Aletheia «Aufrichtigkeit, Wahrheit», Apeiron «das Unbegrenzte, Unermessliche», oder das lateinische Adjektiv seren «heiter» zählen. Diese rücken das Werk in den Geistkreis der antiken Mythologie.
Es ist eine Sprache, die nicht Verständigung an die erste Stelle setzt und deshalb ihr Wortmaterial und auch entlegenere Wendungen von überall her entlehnt: Aus Zinggs reichem Bildungshintergrund fliessen auch Verweise auf Mörikes «Peregrina»-Lieder, Goethes «Werther», aber auch auf die Mystiker des persischen Mittelalters Ibn Arabi oder Baha-e Walad ein.
Zu den zahlreichen inspirierenden Einflüssen gehört schliesslich auch das bildnerische Werk des Künstlers Pieter van de Cuylen (1909–1990), das selber wiederum von Zinggs Gedichten angeregt und beeinflusst ist. In den zehn in diesem Lyrikband ausgewählten Gegenüberstellungen verschmelzen Wort und Bild zu einem synästhetischen Ganzen.
Wir haben Hermann Zingg am Anfang dieser Betrachtung als Spätexpressionisten bezeichnet. Diese Kategorisierung ist klar zu eng gefasst, auch wenn der Dichter selber eine Affinität zu Werken von Paul Celan und Nelly Sachs erwähnt. Mit den Spätexpressionisten verbindet ihn sicher die Erkenntnis, dass sprachliche Grenzen gesprengt werden müssen, um dem Unsäglichen Raum zu geben.
Elisabeth und Rolf Max Kully
Prolog
Vom Kindheitsweg zum Schwarzweg des Gedichts
Dem ersten Gedicht, das ich in mir sich ballen fühlte, begegnete ich als Primarschüler der vierten oder fünften Klasse nach einer abenteuerlichen Nachtbesteigung des Rigi. Sie geschah während des Zweiten Weltkriegs.
Das Verdunkelungsgebot herrschte. Wir drei Klassenkameraden wagten nicht, unsere Taschenlampen zu benutzen, nachdem wir in Küssnacht die Fahrräder verlassen und dann den Aufstieg begonnen hatten. Wir fanden
Licht genug und wollten keinen amerikanischen Bomber, wie er etwa vor ein paar Wochen über Olten von schweizerischen Jagdflugzeugen angegriffen wurde und ohne die über der Stadt mit Fallschirm abgesprungene Besatzung in unserm Wohnort Trimbach zerschellt war, zum Angriff verleiten. Ja, wir befanden uns im Krieg der Welt gegen die verhassten Nazis!
Eigenartigerweise fanden wir Licht genug, den Weg zu sehen, der seltsam aus sich selbst zu leuchten schien. Nach ein paar kniffligen Felskraxeleien vor Rigi-Sattel begann aber plötzlich der Kampf mit der Dunkelheit. Wir drangen durch einen finsteren Wegtunnel und standen plötzlich vor einem riesigen schwarzen, wie uns schien ausgebrannten Hotelkasten, dessen Fenster blind ins Leere blinkten. Dabei hörte ich überlaut die fistelige Stimme meines Lateinlehrers, eines Freundes meines Vaters, zum Sterngeprassel emporschallen:
Si fractus illabatur orbis,
Impavidum ferient ruinae.
Wenn der Weltbau krachend einstürzt,
treffen die Trümmer einen noch Furchtlosen.
Eine panische Angst ergriff uns, wir rannten durch den Tunnel zurück zur Sattelstation der Vitznau-Rigi-Bahn, froren uns den Schlaf bei sich steigender Angst weg, bis die Sonne die Welt wieder zu dem machte,was trotz des Krieges in leuchtender Pracht angstlos erschien. Froh gestimmt schauten wir lange in die wogende Landschaft hinaus. Die in der Nacht ausgebrannt wirkende Hotelruine war wieder zum Leben erweckt worden. Frühstücksteller klapperten. Gesänge ertönten mit ab und zu schallendem Gelächter.
Bald nach der ausgiebig gewürdigten Wiedergeburt der Welt begannen wir den Abstieg auf heiteren Pfaden. An einer blumigen Bergwiese hielten wir Rast. Nach der nächtlichen Schwarzwegsituation fanden wir uns nun in der friedlichsten Idylle. Eigenartigerweise empfand ich dabei unvermittelt die Ballung eines Gedichts in mir, das ganz aus dieser Idylle bestehen sollte und deshalb auch nie entstehen konnte. Denn der schwarze Weg des Aufstiegs hatte nichts zu tun mit dem erfrischenden Frieden der stillen Oase. Die erfahrene Finsternis und Angst fand keinen Bezug zum wunderbar freien und zugleich leeren Ort duftender Winde, der sich jetzt zum Gedicht ballen wollte. Es konnte sich nie verwirklichen, weil es die Kluft zwischen tragischer Wirklichkeit und paradiesischem Glanz nicht zu einer Einheit verbinden konnte. Die Gegensätze blieben sich in mir fremd. Deshalb vermochte sich das Gedicht nie zu verwirklichen. Die Beschreibung der Ballung einer schönen Erscheinung aber ist noch kein Gedicht, denn ein solches lebt in der existenziellen Auseinandersetzung der grundsätzlich lichten mit den grundsätzlich dunklen Mächten. Erst das Geworfensein auf den schwarzen Pfad, der kaum eindeutig zum Kindheitsweg gehört, reisst das Ganze in die Wahrheit der Sprache, die gedichtswürdig ist.
Es dauerte nun viele Jahre, bis ich aus meiner geschichtlichen Situation auf dem schwarzen Weg, das heisst auf dem Weg der Schuld in meiner Unschuld das erste Gedicht schrieb, unter das ich die Frage setzte: Ist das mein letztes? Und zwar in der ungeheuren Bedrängnis des Ausgeliefertseins an eine die Bergwiese schwarz umlauernde Wirklichkeit. Mir graute nämlich vor dem Tag, der mich der Anonymität einer blinden Öffentlichkeit einer unbekannten Ortschaft irgendwo übergeben sollte. Die Botschaft kam auf einem schäbigen Fresszettel daher, hiess Bättwil, Gesamtschule. Der bisherige Lehrer war eben abgewählt worden. Gleich nach dem Lehrerseminar eine neunklassige Gesamtschule übernehmen? Diese Aufgabe war gewiss interessant, aber sie betraf einen grauen öffentlichen Raum, der seine Sklaven gewiss in ein Niemandsland versetzte. Das Bild Vor dem ersten Schnee von Paul Klee, im selben Jahr wie ich selbst geboren, das ich als Erstes in meiner leeren Wohnung aufhängte, sollte mir als ein Vertrautes helfen. Doch es war Frühling. Die Kirschbäume blühten in schneeweisser Pracht. Die Frage der Bewältigung des Unterrichts blieb ein Problem, das der Freizeitbewältigung diente. Das wurde in schier uferloser Arbeitszeit gelöst. Der schwarznichtsleere Abgrund der Öffentlichkeit, worin ich wie ein Ertrinkender steckte, wirkte schwerer; er trieb mich zum Gedicht. Die selbsterzeugten dunklen Texte wurden für mich ein Licht zwischen Dunkelheit und blütenweisser Helle. So war ich nun mit mir allein, verfremdet in der schönen Frühlingswelt arbeitsverkrümmt. Rettung in Schwarzgedichtes leisem Schrei?
Die Schwerstarbeit der Schule frass mich auf. Korrekturen der Schülerarbeiten füllten Samstag und Sonntag ganz aus, wie später als Rektor eines vielklassigen Oberstufenzentrums die wochenlange Fronarbeit der Erstellung der Jahresstundenpläne. Doch das Spiel des lehrend Lernens wurde gestaltungsfrohe Routine.
Mein Lehrerfolg sprach sich herum. Eltern anderer Dörfer schickten ihre Kinder zu mir. So bekam ich eines Tages einen kecken Blondschopf in einem giftgrünen Pullover, den ich Jahre später wieder als Philosophielehrer an einem Gymnasium betreute und noch später als Summacumlaudestudenten, noch später als Botschafter in Berlin achten durfte. Doch unter den vielen hundert Schülern, die ich bis zu meinem dreiundachtzigsten Lebensjahr unterrichtete, befindet sich einer, der mein wirklicher Freund wurde in einer Freundschaft, die seit dem ersten Schuljahr 1950 bis heute im Jahr 2017 dauert und bis zum Lebensende fortdauern wird. Der Schüler von 1950 gab mir mit seinem Schmetterlingskasten die Zucht von Fuchsschmetterlingen, einem Ameisennest inklusiv Ameisenlöwen viel Anregung. Plötzlich stand eines Tages eine voll ausgewachsene Maispflanze im Topf mitten im Schulzimmer. Die Mithilfe bei der Ausstattung der Weihnachtsspielbühne kam dazu. Später wirkte mein Freund durch die korrigierende Lektüre und Sammlung meiner Schriften mit Verzeichnissen bis auf den heutigen Tag. Das alles gehörte zur Erfahrung einer einzigartig wunderbaren Freundschaft, der meine unendliche Dankbarkeit gehört. Sie trägt den Namen Paul Stöcklin.
Aber was half mein bisschen Schullehrerfolg? Es blieb die Einsamkeit des Schwarzwegs durch die vergrauten öffentlichen Fluren. Sie wuchs. Zudem hatte ich begonnen, meine Schwarzweggedichte in die Form von Todesstanzen zu bannen, die ich später Stelen nannte. Damit wäre vielleicht ein gequetschtes Bergwiesengedicht möglich geworden. Ich versuchte es nicht. Aber die Gedichte drängten sich mehr und mehr auf. Von fast jedem Schwarzweggedicht glaubte ich, es sei mein letztes gewesen.
Dreifach alleingestellt befand ich mich nun im grauen Niemandsland, in Modetheorien, Schulfron und im Bildungsbürgerschreck. Alleingestellt auf fremden Fährten im Theorienholzwegwald, allein vor allem in der Schuld der Trennung vom Selbstsein. Da nahte in aller Heimlichkeit die Huld des Schattenwesens, das ein Warten einläutete in glaubender Geduld. Damit erwachte in mir die Duichmelodie der Liebvernunft, von der seitdem viele Sonette sprechen.
In Einsamdunkelheit vernahm ich Herzwortton
Ich lauschte nun seiner Dunkelheiten Endelohn. Ganz neu erwachte in mir das Wesenslicht der Huld, die damit zu einem neuen bewussten geistseelischen Seynsabgrund in meiner ursprünglichen, das heisst in meiner untilgbaren grossen Wesensnot, in meiner eingeborenen Grundsituation, die mich frei von den gängigen modisch-öffentlichen Gängeleien zum Gedicht treibt.
Was aber ist des eigentlichen Schreibens Schmerzensgrund?
Etwa die persönliche Hilfe eines mir aus der Jugendzeit bekannten Beda Allemann, die Dichter Nelly Sachs oder Paul Celan; ich benutzte sie nie zu Schreibrezepten oder zu Unterstützungen anderer Art. In Kuriosität dazu verliess ich mich schlechterweise auf die kameradschaftlich verbundenen Modekämpfer, die mich mehr beraubten als bewahrten. So fiel ich fremd gegängelt aus mir selbst in Modemöglichkeiten, die fern der eignen Not und Pein lagen. Die durchlebten Tage verketteten sich zur Sklaverei, die mich aus mir selbst vertrieb zu fremder Modetümelei.
Freiheit gab mir freilich die Universität viel, in Zürich durch Emil Staiger, in Basel durch Heinrich und Karl Barth, Karl Jaspers und Walter Muschg. Nebenbei hörte ich in der Auseinandersetzung mit Dichterkameraden viele Theorien darüber, wie ein Gedicht zu machen sei. Ich liess mich sogar von seligmachenden Konstrukten irregeleitet lähmen, verfertigte nach Aufbau- und Inhaltsmeinungen bizarre und leere Wörtergespinste, die dürftig sillabierten.
Die Rettung zum Gedicht ist nicht die Verneinung des Schwarzweges, sondern die radikale Wahl desselben. Die eigene Existenz ist zu ihm geboren aus des Anfangs Not und Pein, die zur Bruderschaft mit der Welt führen. Der Dichter trägt Verantwortung für seine Welt. Das Gedicht trägt sie mit. Es ist seine geistseelische Identität.
Ich kenne die Schuld als gewissenstreuer Gast der Welt. Aus diesem existenziellen Gewissen heraus wächst die Freiheit meiner Dichtung, wächst ihr getreuer Abgesang. Die Ballung des ersten, nie geschriebenen Gedichts aus der Dunkelheit des Zweiten Weltkriegs wartet indes in Anmuts Duichhuld seiner gewesenden Wirklichkeit.
Mein Schwarzweg führte nie zum Gedicht. Der Stoff ist seit 77 Jahren vorhanden, aber das ungewisse poetische Etwas fehlt immer noch zu einer Niederschrift. Zu diesem rätselhaften Etwas suchte ich einen Zugang. Zwar verbinden sich grossartige Bilder und Empfindungen mit dem nächtlichen Abenteuer dreier elfjähriger Knaben während der Zeit landesweiter Verdunkelungsvorschriften im Zweiten Weltkrieg bis auf den heutigen Tag. Und der Rigiberg ist uns lieb geblieben; die Fakten sind uns immer noch so inwendig, dass wir sie auswendig hersagen können, sogar mit den authentischen Gefühlsregungen. Die Sensationen waren unerwartet, die Verzweiflungen und Beglückungen eindrücklich. Vielleicht ist die Reichhaltigkeit der Erlebnisse unter einem prasselnden Himmel zu eindrücklich, um dann in wohldosiert berechneter Dar-Stellung in ein Gedicht zusammengebastelt zu werden. Vielleicht ist die Voraussetzung zu einem Gedicht kein Schwarzweg, sondern geistseelisches Ereignis stillerer Art, das der Einzelne allein oder aus einer tiefen Einsamkeit heraus bewältigen muss. Unser anfängliches Todleben vollzieht einen Entwicklungsgang in der Kindheit. Der Einzelne ist mit seiner Kindheit allein. Als Einzelner geht er den Gang durch die Kindheit. Diese ist der Raum seiner Welt, die in ihrer Ursprünglichkeit anfänglich und geheimnisvoll bleibt. Dennoch ist er in ihr zu Hause. Sie gibt ihm das Seins- und Selbstbewusstsein. Das Selbstsein erwacht und gedeiht in der Kindheit. Wo ich geh, geh ich durch meine Kindheit. Ich gehe immer auf meinem Kindheitsweg, wenn ich wahrhaftig und echt das bin, was mir meine Kindheit abverlangt. Der Schwarzweg führt zum möglichen Gedicht, der Kindheitsweg dichtet ständig das Wesen, das er ist als Selbstsein in seinem Gedicht. Zur Dichtung bedarfs des Kindheitsweges. Das Kind – der Mensch als Kind – ist daher seine Freiheit und dies todlebenslang. Im gereiften Menschen hat die Kindheit seine reife Kindgestalt erreicht. Um in der Kindheit als Mensch zur Reife zu kommen, bedarf es des Kindheitsweges. Um in der Dichtung zur Reife zu gelangen, bedarf es des Kindheitweges, auf dessen Gang der Mensch im Kindheitsraum zu sich selber kommt. Dieses Selbstsein bezieht sich in der Folge auf das Geschwisterliche und auf das Elterliche. Der Tod von Geschwistern und Eltern kann dies erschütternd zeigen, weil ein Teil der eigenen Kindheit damit zu Grabe getragen wird. Die Verbindungen sind schonungslos abgebrochen. Der Kindheitsweg scheint als Bruch in der Kindheit plötzlich abgebrochen und eine Flut von Unsagbarkeiten beginnt jetzt zu sprechen vom Geheimnisrätsel kindheitlicher Bezüge, wie sie sich auch in der Liebe bewahrt haben. Das Wesenhafte, das wesentliche Miteinander wird offenbar. Die philosophisch bedeutsame Subjekt-Objekt-Spaltung im Leben des Menschen scheint auf dem Kindheitsweg überwunden. Der Weg der Kindheit ist keine Auseinandersetzung von Subjekten und Objekten, die in irgendeinem verbrämten Machtkampf stehen, sondern ein liebender Gang der Vergewisserung mit dem Seelgeist der Kindheit.
Der Kindheitsweg als permanente Vergewisserung seines Wesens ist nur innerhalb des Ganzen der Kindheit möglich. Seine Seynswahrheit wäre die Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung. Diese Überwindung aber wäre das Werk der Lyrik, deren Resultat nicht eine Vormachtsstellung ist, sondern die Denk- und Besinnungsarbeit auf dem Kindheitsweg: die Freiheit des Selbstseins, der es um die Wahrheit des Seyns im Raum der eigenen sowie der anderer Kindheit geht. So könnte Lyrik der reinste Ausdruck der Erfahrung des Kindheitswegs sein, der die Kindheit in ihrer Anfänglichkeit bis in ihren Ewigabschied bedeutet.
Kindheit ist der Wesensraum, worin sich das Kind entwickelt. Der Weg des Kindes in diesem Wesensraum ist der Kindheitsweg, der die Kindheit in ihrer Grenzenlosigkeit bewusst werden lässt. In diesem Prozess reift das Kind, und in diesem reift die Kindheit zu seinem eigentlichen Wesensort, der ihm gleichzeitig entläuft. So endet eines meiner Sonette mit dem Satz: Anmuts Huld geduldig Wesen träuft, kindheitswegentlang Kindheit entläuft. Aber dies Entlaufen der Kindheit ist auch ein Reiferwerden mit ihr. Kindheit und Kindheitsweg stellen eine reine Wesensidentität dar. Kindheit ist die unendliche Welt des Kindes, das seinen Weg zum Selbstsein mit der Kindheit wesensmässig sucht. Der einzige Weg zur existenziellen Erfahrung der Kindheit ist der Kindheitsweg. Nur auf ihm gelangt das Kind zu seiner existenznotwendigen Identität mit seiner Kindheit. Nur diese Identität vermittelt dem reifenden Kind die Sprache der Einheit von Kindheit und Kind, worin sich die Seynswahrheit erfüllt. Sofern der Mensch todlebenslang als Identität von Kindheit und Kind existiert, bleibt er ein in seinem Selbstsein wahres Wesen. Dabei muss er jederzeit bewusst sagen können, dass die Kindheit als Wesenszentrum des kindlichen Geschöpfes ewig dauert, somit auch der Kindheitsweg nie endet. Der Mensch erhält seine Identität als Mensch in der Kindschaft in der Mitte seiner Kindheit. Innerhalb dieser Situation und ihrer Bedingung kann er die sprachliche Reife erfahren, dass seine Worte auch zur Identität mit seiner Kindheit und dem entsprechenden Kindheitsweg führen. Indem er so Kind und kindheitstreu bleibt, reift der Mensch zu sich selbst, indem er das Kind seiner Kindheit, es ständig weiterführend, bleibt. Der Kindheitsweg ist somit der treue Gang durch eine unendliche Kindheit, auf dem der Mensch zu sich und seiner unverfälschten Kindheit gelangt, und zwar aufgrund gegenseitiger Treue. Dies aber bleibt die unabdingbare Voraussetzung zur sprachlichen Umsetzung des ursprünglichen Treueverhältnisses von Kindheit und Kindheitsweg. Das ständig erhellende Bewusstmachen des Wesenhaften im Zusammenspiel mit dem Sein von Kindheit und Kindheitsweg bewirkt unser existenzielles Wahrsein im Wesentlichen. Ich ahnte bald, dass so der Gang auf dem Kindheitsweg todlebenslange auch existenziell heimführen muss. Diese Ahnung, inzwischen zur Gewissheit geworden, gibt der kindheitlichen Existenz die Kindheitsweihen und die freiheitliche Unabhängigkeit der geistseelischen Existenz und im Ewigabschied die Gewissheit der wortlosen Stille der Unvergänglichkeit, die wiederum der Kindheit und dem Kindheitsweg die Weihen gibt zur Seynswahrheit.
Im Raum der Kindheit führt der Kindheitsweg Seelgeist und Existenz zur Seynswahrheit im Selbstsein. Von der Liebe der Seele der Kindheit verbunden, bleibt der Kindheitsweg beständig. Wo Kriege wüten, feiert der Kindheitsweg als Brücke durch alles Elend des Menschen in der Hölle. Auf dem Kindheitsweg versiegt nie des Menschen stilles Wirken im Ganzen des Seins, das sich im Ewigabschied grenzenlos befreit. Kindheitsweg ist Weg der Freiheit. Ewigabschied eint den Kindheitsweg dem unendlich hohen Weisheitssteg.
Das bis jetzt zur Diskussion Angestossene findet sich in zahlreichen Sonetten und anderen Gedichten. Daraus sei nun aphoristisch und inhaltlich einiges zitiert. Den Schluss bildet das Sonett von Marc Chagalls Kindheitsweg:
Erstens meldet sich: Mörike:
Und wieder in die Peregrina-Lieder
versinkst du schauernd stillen Sinns zurück
da spürst du altes Kindheitsfluggefieder
sich breiten sanft in Kindheitweges Glück
Kindheitsweg ins Seinsgeheimnis tragt
dessen Ursprung aus der Kindheit ragt
Kindheit ist dem Kindheitsweg geweiht
wortet sich zum Freiheitsall bereit
Der Kindheitsweg führt in die Freiheitseinsamkeit
Kindheitsweg zum Abgrundsturz
dieser dauert kurz
was mit Fall bedroht
verkündet Rettung aus Todlebens Not
Kindheitsweg führt Seinssinns inn
Taosang im Atemlicht der Landschaft
Dank für Kindheitweges Seynsbekanntschaft
Ein Schattenwesen aus der Landschaft äugt
des Kindheitwegs vertrautem Heil gebeugt
das Kindheitswegen Tödlichsegen zeugt
Verlierst du Kindheitsweg in Seinsvergessenheit
ist Kindheit fort du stehst an falscher Örtlichkeit
Kindheit ist Seelgeists Liebe
lilienweisse Herzworttriebe
Kindheitweges Trank
ein Satz in Schönschrift
an der schwarzen Tafel
der im Hitzesommer frank
schneekühl Atem trifft
im Schulgeschwafel
Jahrgezeiten Kindheitswegdurchgehn
unvergesslich Geistseelwahres sehn
Kindheits Gang zum letzten Horizont
dort das Rätsel zu durchschauen trachte
wie der Hoffnung Wahrheit sonnt
die sich aus dem Staube machte
Auf Kindheitweges Urnenflur
West eines Kindes Totenspur
Chagalls Kindheitsweg
erweckt das Raumzeitphänomen
Witebster Kindheit pan to hen
Chagall geht Kindheitsweg entlang
Des Menschen Freiheit Heimat sei
Abschied durch Todlebens Reigen
Teil des Ganzen der Natur
selbstvergessen allverbunden
ins Alloffne strebt die Spur
deiner Wahrheit durch die Stunden
die unendlichhin vergehn
Teil der Selbstvergessenheiten
seliges Daseinsverwehn
in Verwandlungsseins Gezeiten
ganz vom Duichlied gebannt
ganz verliest dem Duichschweigen
such ich deines Klanges Hand
Abschied durch Todlebens Reigen
Ein Todlebenslauf
Lagersystematiktötung
überlebt doch schicksalslos jetzt
in der Massenherde die nach
Grausigdiktatur stets ruft gier
nach dem Nichts der funktionalen
Freiheitsmassakrierung nach der
Steigerung der Tragik bis zum
Ende aller Daseinsnähe
im Verlust der Ewigkeit in
armer Existenz am Rand in
deren Leere Selbstverleugnung
erst die Neugeburt gedeiht zum
Wahrsein eigner Gegenwart im
Überlebensabsturz mit dem
Kindlichstaunen in naiver
Einsicht in die Logik teuflisch
präparierter Folterqualen
zum Erfahrungsglück des Schaffens
dichterischer Elendsbilder
aufgeschobnen Selbstmords Feier
der Erlösung Utopie durch
Totenstimmen von Auschwitz von
Buchenwald von Birkenau von
Dachau allen Schandmordstätten
menschlich dummen Grössenwahns im
Sog zum Nullpunkt seines Wesens
atmet plötzlich Grösse menschlich
eingebornen Adels kindlich
aus der Niederlage Wortung
Umgestaltung von Todlebens
Sein den Fug des abgewetzten
Steins des Sisyphos im Herzen
voll Verzweiflung Zuversicht von
später Reife Scherz gestimmt
Heimkehr
Unsere Fahrten
durch die klaren Gründe
von Wein und Mond
wo die Berge enden
trägt uns der Abgrund empor
den Aufbruch ins Nachtlicht
führt die Wunde des Tags
Traum und Wachen
dein lautloser Reiherflug
im Spiegel des Alls
wo die Nacht
grün zu schimmern beginnt
lösen deine Finger
trunkene Töne den Sternen
deine Stimme blüht silbern
östlich fern im blauen Strahlengezweig
im tiefen Schlummer spannt die Flügel
des blinden Fährmanns Frühlicht
die Winde wehn aus hellen Wassern
zum Tod
schwesterlich
klingt dein Haar an die Schläfen
Бесплатный фрагмент закончился.
