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Hermann Ploppa

Die Macher hinter den Kulissen

Wie transatlantische Netzwerke heimlich

die Demokratie unterwandern


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© Nomen Verlag, Frankfurt am Main 2014

Alle Rechte vorbehalten

www.nomen-verlag.de

Umschlaggestaltung: Blazek Grafik, Frankfurt am Main

Printed in Germany

ISBN 978-3-939816-22-5

Inhalt

Ein rauer Wind weht von West

Es war einmal – und ist immer noch

Die Geburt des Neoliberalismus aus dem Corporate State

Runde Tische erobern die Welt

Die Atlantik-Brücke als Mutter aller US-Netzwerke in Deutschland

Die gut erzogenen Kinder der Amerikaner

Deutschland fest in transatlantischer und marktradikaler Hand?

Neue Generation – Neue Herausforderungen

Zusammenschweißen, was nicht zusammenwachsen will

Was tun? Deutschland instandbesetzen!

Literaturverzeichnis

Register

Abkürzungsverzeichnis


ACUE American Committee for a United Europe
AFL American Federation of Labor
AI Atlantische Initiative
AICGS American Institute for Contemporary German Studies
ATA Atlantic Treaty Association
BDI Bundesverband der Deutschen Industrie
BDA Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände
BRT Business Roundtable
BRUEGEL Brussels European and Global Economic Laboratory
CEO Chief Executive Officer
CETA Comprehensive Economic and Trade Agreement
CFR Council on Foreign Relations
CHE Centrum für Hochschulentwicklung
CHK Centrum für Krankenhausmanagement
CIA Central Intelligence Agency
CKM Centrum für Krankenhausmanagement
DAG Deutsche Atlantische Gesellschaft
DGAP Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik
EABC European American Business Council
ECFR European Council on Foreign Relations
EIF European Internet Foundation
ERT European Round Table of Industrialists
GESA German European Security Association
GMF German Marshall Fund of the US
INSM Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
ISDS Investor-State Dispute Settlement
IWF Internationaler Währungsfonds
MAI Multilaterales Abkommen über Investitionen
MIT Massachusetts Institute of Technology
NATO North Atlantic Treaty Organization
NCF National Civic Federation
NSC National Security Council
OSS Office of Strategic Services
SWP Stiftung Wissenschaft und Politik
TABC Transatlantic Business Council
TABD Transatlantic Business Dialogue
TLD Transatlantic Legislators’ Dialogue
TPN Transatlantic Policy Network
TTIP Transatlantischen Freihandelsabkommen

Ein rauer Wind weht von West

Die Politik „… darf sich nicht abhängig fühlen und sich am Nasenring durch die Manege führen lassen von Banken, von Ratingagenturen oder sprunghaften Medien.“

Ex-Bundespräsident Christian Wulff1

Es ist schon erstaunlich, wie schnell in den letzten Jahren Politiker an die Macht gekommen sind – und wie schnell sie dann wieder gegangen wurden.

Da ist zum Beispiel unser ehemaliger Bundespräsident Christian Wulff. Jahrelang wurde Wulff von den Medien aufgebaut und gefeiert als großes Talent. Selbst dass er neben seiner Noch-Ehefrau bereits eine Geliebte hatte, wurde ihm nachgesehen. Dann hält Wulff als Bundespräsident ein paar Reden, die so gar nicht zum Mainstream passen: da sagt der christliche Fundamentalist Wulff, auch der Islam sei ein integraler Bestandteil Deutschlands. Die Banken griff er an, vor allem aber die Europäische Zentralbank, weil diese Schuldtitel von Nationalstaaten aufkauften, was sie nicht dürfen.

Und dann sagte der Darling der deutschen Mainstreampresse noch etwas, das man ihm nun gar nicht zugetraut hätte:

„Wer heute die Folgen geplatzter Spekulationsblasen allein mit Geld und Garantien zu mildern versucht, verschiebt die Lasten zur jungen Generation und erschwert ihr die Zukunft. All diejenigen, die das propagieren, handeln nach dem Motto: Nach mir die Sintflut.“2

Von da an war Wulff nicht mehr der Darling der Mainstreampresse. Es dauerte gar nicht lange, da hagelte es Gerichtsverfahren gegen Wulff. Es handelte sich durchweg um Vorwürfe minderer Explosivität. Die Verfahren wurden längst alle eingestellt oder sie endeten mit einem Freispruch für Wulff. Doch Wulff ist nicht mehr Bundespräsident. Seltsam. Die Delikte, die Wulff zur Last gelegt wurden, könnte man so ziemlich jedem Individuum aus der Kaste der Privilegierten zur Last legen. Es war die Rede von Unverhältnismäßigkeit der staatsanwaltlichen Verfolgung.

Handelte es sich womöglich um einen Komplott gegen Wulff, weil er einige Dinge gesagt hatte, die manche Leute nicht so lustig finden? Wulff hat ein Buch über seine Demontage geschrieben – oder von einem Ghostwriter schreiben lassen –, in dem er aber solchen Vermutungen kein Futter gibt.

Der Pressemensch, der Wulff erst so glamourös zum Supertalent aufgebaut hatte in dem Boulevardblatt Bild und ihn dann so spektakulär bloßstellte in demselben Presseorgan, heißt Kai Diekmann. Sowohl Diekmann wie Wulff sind Mitglied in der noblen Gruppe Atlantik-Brücke. Sein Amtsnachfolger Joachim Gauck ist ebenfalls Mitglied in der Atlantik-Brücke.

Schneidig und dynamisch eilte der junge Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg an die Spitze der Politiker-Charts. Mit seinem gegelten Haar stiefelte er in Lederjacke und in Begleitung seiner jungen Frau Stefanie zum Heavy Metal Konzert. Cool! Überall wurde der geborene Multimillionär und Forstbesitzer als neuer Messias und Nachfolger von Angela Merkel im Bundeskanzleramt gefeiert. Im Gegensatz zu Wulff hat Guttenberg nie etwas von sich gegeben, was das Missfallen der Mächtigen erregte.

Gegen die Schwadronen der Guttenberg-Fans aus der Mainstreampresse schien kein Kraut gewachsen. Wachsame Bürger fanden jedoch heraus, dass Guttenbergs Doktorarbeit aus unzähligen anderen Texten zusammengestoppelt war. Ein wissenschaftliches Patchwork sozusagen. Man könnte sich vorstellen, dass Guttenberg einen hungernden Akademiker mit der Abfassung einer Doktorarbeit für die eigenen Zwecke beauftragt hat, und der hat ihn mit so einem Mix aus fremden Texten gelinkt und auf diese Weise schnelles Geld verdient. Wie auch immer: es waren im Prinzip politikferne Gründe, die den Medienhype um den jungen Freiherrn gestoppt haben. So war der Erkenntnisgewinn für die Allgemeinheit auch eher mager.

Die Geschichte mit den aufgehenden und rasch wieder verglühenden Politiker-Sternschnuppen wirkt auf uns in etwa wie dumpfer Kopfschmerz: es tut was weh, aber wir wissen nicht genau, wo der Schmerz herkommt. Wir wissen, das kann alles nicht mit rechten Dingen zugehen, hier passiert nichts zufällig, hier wird massiv an einem Rad gedreht. Aber wer dreht? Und wie? Wer gegen wen? Das ist kein behagliches Gefühl in einer Demokratie.

Der Kopfschmerz tritt auch auf, wenn wir Politikerdebatten im Fernsehen oder im Radio verfolgen. Ja, warum um alles in der Welt sind da immer wieder dieselben Experten am Reden? Gibt es nicht viel mehr kluge Leute, die was zum Thema zu sagen hätten? Abwechslung belebt das Geschäft, heißt es doch immer. Aber das gilt nicht im Eintopf unseres Medienalltags. Zu Außen- und Sicherheitspolitik spricht oft der grüne Politiker Omid Nouripour. Auch sein Parteifreund Cem Özdemir ist dabei. Da gibt es gar keine großen inhaltlichen Unterschiede zu dem CDU-Mann Ruprecht Polenz. Irgendwie sind sie sich alle so schrecklich einig, egal zu welcher Partei sie gehören.

Es ist ein Geschrei in den Talkrunden wie beim Kindergeburtstag, wenn es zu viel Kaba-Kakao zu trinken gab. Dennoch sind in den Grundpositionen fast alle einer Meinung. Und die lautet bei außenpolitischen Fragen: zu einem engen Bündnis mit den USA gibt es keine Alternative. Punkt. Nur der uralte, aber immer energetische Peter Scholl-Latour, der mittlerweile leider verstorben ist, durfte mal anderer Meinung sein. Der frankophile Hofnarr war eben von gestern. Und ansonsten: es gibt keine Alternative zu Sozialabbau, Steuersenkungen, Lohnsenkungen, Privatisierung der Renten- und Krankenkassen, Auslagerung von Staatsleistungen an private Firmen und so weiter. Sie kennen das ja aus dem Effeff.

Es gibt einen wenig bekannten Generalnenner dieses eintönigen Chores: nahezu alle diese Leute, fast alle diese Meinungen stammen aus diskreten Netzwerken, von deren Existenz die meisten Mitmenschen noch nichts oder bestenfalls den Namen gehört haben. Oder kennen Sie den Business Roundtable, das European Policy Network, die Körber-Stiftung, den German Marshall Fund of the US, die Atlantische Initiative, die Stiftung Neue Verantwortung, um nur einige wenige Namen aus dem sich rasch weiter metastasierenden Netzwerk zu nennen? Wahrscheinlich nicht. Herumgesprochen hat sich die Kunde von einigen geheimnisvollen logenartigen Honoratiorenklubs wie Atlantik-Brücke, Bilderberger, Trilaterale Kommission oder Aspen-Institut.

Und schon kursieren im Internet unausgereifte Verschwörungstheorien. Wieder einmal werden die oben genannten Namen in Verbindung gebracht mit bösen Verschwörungen der Juden, Aliens, Jesuiten, Templer und Freimaurer. Und weil das Internet auf den ersten Blick nichts weiter hergibt als nur die Namen von Prominenten in Verbindung mit geheimnisvollen Klubs, erschöpft sich die „Recherche“ darin, wer mit wem und wann im Herrenklo des New Yorker Waldorf Astoria gewesen ist. Und das ist dann schon der „Beweis“ für – wer weiß für was Böses. Der Phantasie sind bezüglich Geheimzirkeln naturgemäß keine Grenzen gesetzt.

Durch Kaffeesatzleserei gerät ein wirklich ernstes Thema in ein schiefes Licht. Denn leider fördert eine vertiefte Analyse der diskreten Netzwerke alarmierende Befunde zutage. Eine Gruppe von Unternehmern, Bankern, Unternehmensberatern, Wirtschaftsanwälten, Politikern, Wissenschaftlern und Medienleuten arbeitet weitgehend im Verborgenen daran, die Bundesrepublik Deutschland unwiderruflich als Juniorpartner an die USA festzuschweißen. Zum anderen geht es darum, Deutschland und Europa nach amerikanischem Modell marktradikal umzukrempeln.

Das bedeutet: der Staat wird herunter gestutzt auf die Funktion, den freien Fluss des Kapitals zu sichern und das Privateigentum zu schützen. Alle anderen Funktionen, die jetzt noch der Staat übernimmt, übernehmen in Zukunft Privatbetriebe. Dieses Projekt vollzieht sich bereits seit Generationen. In geduldiger Kleinarbeit wurden bereits enorme Terraingewinne für die Netzwerke erarbeitet. Das sind heftige Vorwürfe. Es bedarf einer geduldigen Recherchearbeit, um diesen Vorgang angemessen erfassen und beschreiben zu können.

Zunächst wird beleuchtet, wie die Gesellschaft, in der wir leben, strukturiert ist. Welche Weltanschauung liegt der deutschen Gesellschaft zugrunde? Wodurch unterscheidet sie sich fundamental von der amerikanischen Gesellschaft? Ist unser Sozialstaat wirklich nicht mehr zukunftstauglich? Die deutsche Wirtschaftsordnung gründet auf drei Säulen: auf Genossenschaften, auf öffentlich-rechtlicher Ordnung und auf privatem Unternehmertum. Das hat sich in den letzten Wirtschaftskrisen als großer Standortvorteil gerade gegenüber den USA erwiesen.

Im dritten Kapitel geht es um den Neoliberalismus. Zunächst wird jedoch analysiert, wie überhaupt – im Vergleich zu Deutschland – die US-Gesellschaft funktioniert. Wenn es auch paradox klingt, war die US-Gesellschaft nach dem Börsencrash von 1929 zunächst organisiert als privatwirtschaftliche Planwirtschaft. Dann jedoch kam als Reaktion auf den New Deal des überraschend eigenwilligen Präsidenten Franklin D. Roosevelt die große Kehrtwendung. Die Losung eines kleinen, aber mit der Zeit immer mächtiger werdenden Kreises von Ökonomen hieß: zurück zum Liberalismus des Neunzehnten Jahrhunderts! Modifiziert auf die neue Zeit angewendet, aber auf jeden Fall: so wenig Staat wie möglich.

In der heutigen Zeit ist viel die Rede von Governance und wenig von Government. Soll heißen: es hat sich auch bei uns zunehmend der angelsächsische Regierungsstil durchgesetzt. Es gibt zwar demokratisch gewählte Regierungen und Parlamente. Aber die Richtlinien der Politik werden an so genannten Runden Tischen gemacht. Eine handverlesene Schar von Wirtschaftslenkern, Wissenschaftlern und Politikern trifft sich in geheimer Runde, diskutiert locker über die anstehenden Aufgaben und was in der Zukunft getan werden muss. Das wird dann an die Politiker herunter gereicht. Diese Politik der Runden Tische ist das Thema des vierten Kapitels.

Wie kam es dazu, dass sich diese Art der diskreten, privatisierten Politik seit dem Bestehen der Bundesrepublik bei uns durchsetzen konnte? Damit befassen sich die Kapitel fünf bis acht. Am Anfang war die Schar der Transatlantiker in Deutschland noch überschaubar. Geheimdienste aus den USA mussten massiv anschieben. Doch mit der Zeit gewannen die Transatlantiker eine Schlacht nach der anderen um Einfluss in der Regierung, unter anderem gegen die so genannten „Gaullisten“. Die bestehenden transatlantischen Organisationen förderten die Gründung immer neuer Schwesterorganisationen, und die Förderung des Nachwuchses trug immer mehr Früchte. Unabhängig von den traditionellen Netzwerken drängten sich eine Reihe neuer Stiftungen in den inneren Kreis, wie die ungeheuer mächtige Bertelsmann-Stiftung. Der Knoten für marktradikale Privatisierer und USA-Lobbyisten platzte erst so richtig mit dem Fall der Mauer. Durch die Privatisierungsgewinne aus der Abwicklung der DDR entstand eine neue Kaste von Glücksrittern. Die Verspeisung des DDR-Volksvermögens machte Lust auf mehr: nämlich das Volksvermögen der gesamten Bundesrepublik.

Das neunte Kapitel schließlich erweitert den Blick auf Europa. Die europäische Einigung war zunächst ein geopolitisches Vorhaben der USA, um die westeuropäischen Staaten zu immunisieren gegen angebliche Übernahmegelüste der Sowjetunion. Nachdem Westeuropa als Festung gegen den Kommunismus etabliert war, entstand so langsam eine neue Agenda: den Apparat der Europäischen Gemeinschaft und später der Europäischen Union als Werkzeug für die Durchsetzung der marktradikalen Schwächung der Nationalstaaten zu nutzen. Seitdem wacht die EU mit Argusaugen darüber, dass die Nationalstaaten auch brav ihre eigene Amputation durchführen.

Doch schon bevor diese Variante der europäischen Einigung richtig vollendet ist, geht es an die Zwangsvereinigung von Europa mit den USA. Die Eile und Heimlichkeit, in der dies geschieht, lässt es zu, von einem Putschversuch zu reden. Die USA haben überall Kopien ihrer selbst produziert. Es geht darum, diesen angelegten Garten sauber zu halten durch zuverlässige Bündnissysteme, die auch dann noch intakt sind, sollten die USA doch eines Tages mal implodieren.

Die Aktivitäten, Deutschland und Europa auf diese Agenda festzuzurren, sind gerade wegen der Geheimhaltung der Akteure und ihrer Pläne so erfolgreich und widerstandslos durchgeführt worden. Es ist also enorm wichtig, über diese Mechanismen aufzuklären. Im zehnten und letzten Kapitel dieses Buches werden ein paar Gedanken ausgebreitet, wie der oberste Souverän dieser repräsentativen Demokratie, das Volk nämlich, wieder die Oberhand gewinnen könnte und welche Agenda man dem transatlantischmarktradikalen Programm entgegensetzen kann.

Es war einmal – und ist immer noch

„Im Besonderen fällt der öffentlichen Wirtschaft die Aufgabe zu, in Unterstützung der staatlichen Wirtschaftspolitik den Ausgleich gegenüber den durch die private Wirtschaftsbetätigung geschaffenen Einseitigkeiten und Härten herbeizuführen. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen soll sie die Kräfte entwickeln, die ein Gegengewicht gegen die großkapitalistischen Monopolisierungstendenzen bilden.“

Josef Hoffmann, ehemaliger Hauptgeschäftsführer des Sparkassen- und Giroverbandes Deutschland

„There is no Alternative!“, es gibt keine Alternative zum sozialen Kahlschlag des Marktradikalismus!

So verkündete es Anfang der Achtzigerjahre die „Eiserne Lady“ Margaret „Maggie“ Thatcher unverkennbar britisch näselnd der eifrig mitschreibenden Presse. Die resolute Dame kündigte jegliche Schonung der unteren Gesellschaftsschichten auf, zwang die dereinst starke Bergarbeitergewerkschaft in die Knie, verscherbelte Staatsbetriebe für ’n Appel und ’n Ei. Im verschärften globalisierten Wettkampf um Marktanteile könne man sich keine Kultur des Mitgefühls und der Rücksichtnahme mehr leisten. Die Radikalrasur der Frau Thatcher hat im Laufe der Jahrzehnte immer mehr Nachahmer gefunden. Fast scheint es, als gäbe es tatsächlich nichts anderes mehr als die bitteren Pillen des Neoliberalismus.

Es fand sich jedoch ein Häuflein Aufrechter, zusammengesetzt aus Alt-Achtundsechzigern und jungen Leuten, die sagten: Doch, es gibt Alternativen zum TINA-Syndrom („There Is No Alternative!“). Sie organisierten sich in der Gruppe Attac. In Seminaren und Kongressen hält man Ausschau nach Alternativen zum zerstörerischen Neoliberalismus. Hier erfährt man Interessantes über das Bioenergiedorf Jühnde bei Göttingen oder die Energiegenossenschaft Schönau im Schwarzwald. Dann gibt es Regionalwährungen wie den Chiemgauer, wo das Geld nicht als Spekulationskapital auf Amokfahrt gehen kann, sondern allein den Menschen im Chiemgau dient.

Das ist alles wunderschön und durchaus zukunftweisend. Was ich aber nie verstanden habe: warum sagt kein Mensch aus dieser Alternativwelt, dass wir in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Skandinavien schon seit über hundert Jahren über Kräfte und Strukturen verfügen, die so ganz anders sind als der Radikalkapitalismus angloamerikanischer Prägung?

Die Alternative zum Neoliberalismus ist keineswegs ein Nischen-Phänomen einer Handvoll Exzentriker mit Studienabschluss.

Die Wirtschaft besteht in Deutschland aus drei Teilen: neben dem privatwirtschaftlichen Sektor mit seiner Profitorientierung haben wir den öffentlich-rechtlichen Sektor und dazu als dritte Komponente die zahlreichen Genossenschaften. Daran zu erinnern, mag zunächst wie Nachhilfeunterricht in Staatsbürgerkunde klingen. Jedoch sind diese Binsenweisheiten aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verdrängt worden. Es wird so getan, als seien diese Errungenschaften, die unsere Vorfahren in geduldiger Kleinarbeit in die Welt gebracht haben, überflüssige Blinddärme, die man mal eben so weg operieren kann.

Ein Beispiel: Da werden in einem Handstreich öffentliche Landesbanken liquidiert. „Wozu brauchen wir DIE denn?“, fragt sich dann auch die Öffentlichkeit und applaudiert. Da werden unfähige Landesbankchefs wie Dirk Jens Nonnenmacher vorgeführt, und mit ihrer Entmachtung werden auch gleich deren Opfer, die dem Volk gehörenden Landesbanken nämlich, mit entsorgt. Wie ist so viel Unwissenheit möglich? Landesbanken sind nämlich nicht um ihrer selbst willen da. Landesbanken sollen Geld für die Wirtschaft aus der Region bereitstellen. Geld, das Privatbanken, die den großen internationalen Konzernen verpflichtet sind, nicht zur Verfügung stellen wollen. Landesbanken sind ein Schutzdeich gegen die Übernahme einer ganzen Region durch übermächtige Konzerne!

Dasselbe gilt für Sparkassen oder Raiffeisenbanken. Es gäbe in Deutschland schon lange keine bäuerliche Landwirtschaft mehr, wenn nicht Genossenschaftsbanken den Bauern in schwierigen Zeiten Geld vorstrecken würden. Wir hätten dann schon lange keine kleinen Äcker mehr mit ihren Schutzräumen für vielfältige Flora und Fauna. Sondern riesige agroindustrielle Monokulturen wie in den USA. Im Mittelwesten der USA werden Landschaften nämlich einfach verbraucht, bis sie unwiderruflich ruiniert sind. Dann ziehen die Farmer weiter. Oklahoma ist schon seit den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts ausgelaugt und wird als „Sandbüchse der USA“ belächelt. Oklahoma ist seitdem ein Schauplatz sich abwechselnder Naturkatastrophen. Und das Gleiche zeichnet sich auch für andere US-Bundesstaaten ab.

In Deutschland ist noch Platz und flüssiges Kapital da für kleinräumige Landwirtschaft. Saftige Äcker und Wiesen führen uns vor Augen, was wir an unserer so ganz anders gearteten Wirtschaftsform immer noch haben. Lassen wir uns durch das immer gleiche Lied vom Vorbild Amerika, das uns die Mainstreampresse unermüdlich vorsingt, nicht die Sinne vernebeln: unser Modell der Dreiteilung der Wirtschaft ist eindeutig dem angloamerikanischen Marktradikalismus überlegen! Überlegen, wenn wir den Menschen und seine natürlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen und nicht die optimalen Profitmöglichkeiten einiger weniger Elitemenschen.

Unsere belächelte „Konsensgesellschaft“

Die Segnungen der Dreiteilung sind uns ja auch nicht durch einen feudalen Gnadenakt zugefallen. Die Arbeiterbewegung hat Kolossales geleistet mit ihren Arbeiterbildungsvereinen, Konsumgenossenschaften, Gewerkschaften und Wohnungsbaugenossenschaften. Die Bauern haben sich zusammengetan, gemeinsam Saatgut eingekauft und gemeinsam ihre Ernteerträge vermarktet. Hinzu kommt der glückliche Umstand, dass diese Basisbewegungen tatkräftige Unterstützung aus dem aufgeklärten Bildungsbürgertum erhielten. Hermann Schulze-Delitzsch stellte den jungen Genossenschaftsgründern seine Kenntnisse in der Organisation und Verwaltung zur Verfügung. Und er betrieb mächtig Lobbyarbeit für die neue Bewegung bei den Mächtigen im Preußen des Neunzehnten Jahrhunderts. Friedrich Wilhelm Raiffeisen tat dasselbe aus christlichem Antrieb, Ferdinand Lassalle aus sozialistischer Perspektive.

Die Obrigkeit in Preußen benötigte gewiss eine gehörige Zeit, bis der Groschen gefallen war. Bis man in Berlin begriff, dass man sich den Ast absägt, auf dem man sitzt, wenn man den unteren Ständen nicht entgegenkommt. Doch schon 1869 wurde ganz offiziell ein Gesetz angenommen, das den Genossenschaften einen anerkannten Platz in der preußischen Gesellschaft garantierte. Und die Initiative zu öffentlich-rechtlichen Sparkassen ging sogar von preußischen Ministerialbeamten aus. „Kleinvieh macht auch Mist“, wird man sich wohl gedacht haben. Die „Sparbüchse des kleinen Mannes“ ermöglichte segensreiche Investitionen in der Region, aus der das Geld stammte. Das Ersparte kam den Leuten direkt wieder zugute, zum Beispiel durch saubere Straßen mit Abwasserkanälen. Das gestiegene Bewusstsein für Hygiene und das Wissen um die Gefahr durch Bakterien verlängerte die Lebenserwartung und verbesserte die Lebensqualität.

Es herrschte in den aufgeklärten Kreisen des deutschen Adels durchaus eine Sensibilität für die Probleme der unteren Schichten, wie man sie in gehobenen Kreisen der USA und Englands nie wahrgenommen hat. Als im Jahre 1888 in Westdeutschland schwere Auseinandersetzungen zwischen streikenden Bergarbeitern und Streitkräften auszubrechen drohten, griff der gerade ins Amt gekommene blutjunge Kaiser Wilhelm II., der Nationalökonomie studiert hatte, in das Geschehen ein. Der Kaiser traf sich mit Delegierten der Bergarbeiter. Er forderte Bismarck auf, Gesetze zur Begrenzung der Arbeitszeit und für den Arbeitsschutz auf den Weg zu bringen. Bismarck entgegnete dem Kaiser, was auch Otto Graf Lambsdorff nicht anders gesagt hätte: wir verlieren unseren Wettbewerbsvorteil, wenn wir den Arbeitern zu sehr entgegen kommen. Woraufhin Wilhelm eine internationale Konferenz in Paris einberufen ließ, auf der die Arbeitszeit und die Sicherheitsnormen international verbindlich geregelt werden sollten.3 Wenn auch jene Konferenz keine sichtbaren Ergebnisse zeitigen sollte, so ist Wilhelms Initiative trotzdem bemerkenswert. Von Wilhelms Großmutter, Königin Victoria von England, oder vom amerikanischen Präsidenten ging niemals eine solche Initiative aus.

Zu dieser von neoliberalen Milchbärten als „Konsenskultur“ mokant belächelten Sensibilität der deutschen Regenten gehört auch folgende Episode: Kaiser Wilhelm wagte es im Jahre 1890, die Ikone Bismarck fristlos zu feuern, weil dieser einen Bürgerkrieg von oben gegen die Arbeiterbewegung auf den Weg bringen wollte. Seit jenem Zeitpunkt hatte Kaiser Wilhelm II. in den angloamerikanischen Oligarchien eine durchweg negative Presse. Und Bismarck ist zum Heiligen der Neoliberalen erhoben worden. Die bereits erwähnte Maggie Thatcher bekam in Anlehnung an den „Eisernen Kanzler“ Bismarck von der neoliberalen Presse den Ehrentitel „Eiserne Lady“ verliehen.

In Deutschland war bis in die Achtzigerjahre des Zwanzigsten Jahrhunderts klar, dass in den Kernbereichen des gesellschaftlichen Lebens das Profitprinzip nichts zu suchen hat. Ich liste im Folgenden der Kürze halber einmal die bedeutendsten Wohltaten unserer bespöttelten „Konsenskultur“ auf, die vor dem Profitstreben geschützt waren:

•Bildung, Forschung und Lehre

•Gesundheit und Versorgung der Schwachen

•Öffentliche Personenbeförderung

•Öffentliche Infrastruktur: Straßen, Schienennetze, Stromtrassen, Telefonleitungen, Post

•kommunale Stadtwerke

•öffentlicher Wohnungsbau

•existentielle Vorsorge durch Renten- und Krankenkassen

•Justiz, Polizei und Strafvollzug.

Unschwer erkennen wir, dass bis auf den letzten Punkt alle Bereiche dem Zugriff der profitorientierten Privatwirtschaft ausgeliefert sind. Und bei genauerem Hinsehen bleibt bislang nur die Justiz in staatlichen Händen. Unsere Polizisten tragen mittlerweile keine friedfertigen grünen Uniformen mehr. Mit den neuen schwarzen Uniformen sehen die verbeamteten Ordnungshüter nicht nur ungleich martialischer aus. Zudem sind sie jetzt von den privat bezahlten Sicherheitsmännern, den so genannten „Schwarzen Sheriffs“ auf den ersten Blick nicht mehr zu unterscheiden. In England wird bereits über die Privatisierung der Polizei laut nachgedacht.

Der Strafvollzug wird auch in Deutschland privatisiert. Es gibt in Hessen und in Mecklenburg-Vorpommern zwei privat betriebene Gefängnisse. Die Privatisierung der Gefängnisse in den USA führte übrigens zu einer Vermehrung der Gefängnisinsassen um den Faktor elf: von 1970 bis heute nahm die Anzahl der Strafgefangenen von damals 200 000 auf heute 2,2 Millionen zu! Der Gefängnisindustrie ergebene Politiker ließen immer neue Straftatbestände in das Gesetzbuch hineinschreiben, um die Gefängnisse und Arbeitslager immer weiter aufzufüllen.4

Viele Zitadellen des Sozialstaats sind bereits vom Dauerbeschuss der neoliberalen Sturmtruppen stark gezeichnet. Doch geschleift sind sie noch nicht. Unsere Daseinsvorsorge zum Beispiel erfreut sich trotz aller Störmanöver noch guter Gesundheit. Gerade nach den Finanzdesastern der letzten Jahre wollen viele Leute zurück in die gesetzlichen Krankenkassen. So hielten die gesetzlichen Krankenkassen im Jahre 2013 einen Marktanteil von 86,5 Prozent, die privaten Versicherungen lediglich von 11 Prozent.5 Die gesetzlichen Krankenkassen verfügen über ein enormes Geldvolumen, was man daran ermessen kann, dass sie 2012 über 300 Milliarden Euro an Leistungen ausgezahlt haben.6 Diese Potenz möchten sich private Finanzhaie gerne aneignen. Und so sind die von ihren marktradikalen Einflüsterern beeinflussten Politiker fest entschlossen, trotz zu erwartender höherer Versorgungsansprüche an die gesetzlichen Krankenkassen den Beitragssatz zu senken und auf niedrigem Niveau festzunageln.7

Das alles frei nach Shakespeare: Ist es auch Schwachsinn, so hat es doch Methode!

Was wir an unserer öffentlichen Wirtschaft haben

Wer Verwandte oder Bekannte hat, die in die USA ausgewandert sind, fühlt sich manchmal etwas klein und mickrig, wenn diese neuen US-Bürger damit angeben, was für hohe Gehälter sie dort beziehen. Gewiss, wer jung, flexibel und kerngesund ist, kann in den USA schnell viel Geld verdienen. Aber wehe, es geht irgendetwas schief! Ein Unfall, eine ernstere Krankheit oder auch ein Knick in der Konjunktur der US-Wirtschaft können aus Menschen des gehobenen Mittelstandes schnell Obdachlose machen. Denn für die eigene Daseinsabsicherung muss man selber sorgen. Und das geht richtig ins Geld. „Wird schon irgendwie gut gehen!“, sagen sich viele Amerikaner und sparen sich die Vorsorge.

So kommt es, dass der Finanzcrash von 2008 eine massenhafte Obdachlosigkeit in den USA verursacht hat. Menschen aus der Mittelschicht mussten von gestern auf heute ihre schicken Häuser räumen und in Zeltlager vor den großen Städten überwechseln. Entlassene Autoarbeiter in Detroit mussten Kartoffeln anpflanzen, um nicht zu verhungern.

Es ist davon auszugehen, dass unsere Opel-Arbeiter in Bochum, deren Werk geschlossen wurde, nicht auf der Straße schlafen und auch keine Kartoffeln im Stadtpark anbauen müssen. Sie haben über Jahre in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt und bekommen jetzt ihren Anteil wieder. Sie müssen auch nicht ihr Häuschen verkaufen und im VW-Bus nach Baden-Württemberg fahren, im Auto hausen und ihre Arbeitskraft jedem anbieten, der gerade des Weges kommt. Vielmehr werden der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen zusammen mit dem „Mutter“konzern General Motors Pläne zur Weiterbeschäftigung in der Region oder eine Vorruhestandsregelung für die dreieinhalbtausend Opelaner erarbeiten.

Während in den USA Rentner bei Wal Mart Regale befüllen müssen, um nicht zu verhungern, hat man bei uns von dem Finanzcrash von 2008 im Alltag nicht viel bemerkt. Es herrscht eben in Deutschland, in der Schweiz, in Österreich und in Skandinavien immer noch eine viel menschlichere Sozialkultur als in den Paradiesen des Neoliberalismus, namentlich in den USA oder England. Der Staat ist bei uns trotz Merkel, Gabriel und Co. immer noch eine Gestaltungsmacht.

Genossenschaften sind die wichtigsten Finanzpartner der Bundesbürger. Mehr als jemals zuvor. Nach dem offensichtlichen Versagen der Privatbanken im Börsencrash 2008 sind die Leute in Scharen zu den Sparkassen, Raiffeisen-, Volks- und Spardabanken übergelaufen. 17 Millionen Bundesbürger sind Genossenschaftler bei diesen Banken. Ungefähr zwei Drittel der Bundesbürger wickeln ihre Geldbewegungen über diese Banken ab. Hier kann man zwar nicht über Nacht Millionär werden. Aber das Geld ist absolut sicher angelegt und bleibt in der Region.

Genossenschaften und öffentlich-rechtliche Einrichtungen sind im Prinzip immun gegen die Auswüchse des Kapitalismus. Von ihrer Struktur her werden Gelder aus der Region in die Region reinvestiert. Risikospekulationen sind im Prinzip ausgeschlossen. Mein Onkel Dr. Josef Hoffmann war von 1924 bis 1933 und dann wieder von 1947 bis 1966 Hauptgeschäftsführer des öffentlich-rechtlichen Sparkassen- und Giroverbandes. Den Plänen der Nazis, das immense Kapital der Sparkassen der Kriegswirtschaft zuzuführen, hatte sich Hoffmann entgegengestellt und musste deswegen für 14 Jahre seinen Posten räumen. Und was er über die Aufgaben der Sparkassen zu sagen hat, sollte in goldenen Lettern in sämtlichen Sparkassen aushängen:

„Im Besonderen fällt der öffentlichen Wirtschaft die Aufgabe zu, in Unterstützung der staatlichen Wirtschaftspolitik den Ausgleich gegenüber den durch die private Wirtschaftsbetätigung geschaffenen Einseitigkeiten und Härten herbeizuführen. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen soll sie die Kräfte entwickeln, die ein Gegengewicht gegen die großkapitalistischen Monopolisierungstendenzen bilden.“8

Der Sparkassendirektor und seine schlüpfrigen Aktien

Dr. Hoffmann ist schon lange außer Diensten. Es ist anzunehmen, dass ihm heutzutage nicht die Nazis, sondern die neoliberalen Seilschaften das Arbeiten unmöglich machen würden. So mancher Sparkassenfunktionär träumt nämlich heutzutage davon, seine regionale Sparbüchse zum „Global Player“ aufzupusten.

So auch Frerich Eilts, ehemaliger Direktor der Flensburger Stadtparkasse, die im Jahre 2008 nach 189-jährigem Bestehen ihr Leben aushauchte.9 Herr Eilts hatte die Öffentlichkeit beeindruckt mit einem schwindelerregenden Wachstum der Flensburger Sparkasse. So war auch nicht recht zu verstehen, dass im Februar 2008 der Flensburger Oberbürgermeister an die Öffentlichkeit trat und die rasche Fusion der Flensburger Sparkasse mit der Nord-Ostsee Sparkasse, kurz: Nospa, bekanntgab. Erst mit der Zeit kam in kleinen Häppchen ans Tageslicht, dass die Flensburger Stadtsparkasse vollständig pleite war und durch eine Notoperation in der Nospa aufgehen musste, um die Einlagen der Kunden zu retten.

Direktor Eilts hatte seine Sparkasse schlicht zweckentfremdet. Anstatt solide die Einlagen seiner Kunden in den regionalen Geldkreislauf einzuspeisen und in kleinen Portionen zu streuen, hatte er Großkredite auch außerhalb der Region vergeben und damit ein so genanntes „Klumpenrisiko“ auf die Schultern der Bank geladen. Soll heißen: er hatte das Geld an einige wenige Kunden gegeben. Wenn die dann ins Straucheln kommen, strauchelt sofort auch die Kredit gebende Bank. Eilts hatte zudem weit mehr Geld verliehen, als die Bank überhaupt an Einlagen hatte. Das musste er von außen holen. Alles Dinge, die für eine Sparkasse grundsätzlich tabu sind.

Und an dieser Stelle muss man leider sagen: alle diese Verstöße gegen die guten Sitten öffentlicher Geldbewirtschaftung sind nur möglich, wenn die Öffentlichkeit schläft. Wenn die Aufsichtsorgane aus Bequemlichkeit alles abnicken. Warum hatte die Stadtregierung von Flensburg als Vertreter der Flensburger Bürgerschaft, denen die Sparkasse ja schließlich gehört, kein Veto eingelegt, als Eilts einen Megakredit an den Erotikkonzern Beate Uhse auf den Weg brachte? Als Sicherheit für die Kredite bot der Konzern nur ein Aktienpaket an, das sich in den Händen des Besitzers Ulrich Rotermund befand und das nie zuvor den Crashtest an der Börse absolviert hatte. Als Rotermund dann ein Aktienpaket auf den Markt warf, stürzte der Kurs der Erotik-Aktie ins Bodenlose von 200 Euro auf 35 Cent.

Erst nachdem die Flensburger Stadtsparkasse in der Nospa aufgegangen war, erfuhr die Öffentlichkeit Scheibchen für Scheibchen, dass die Flensburger Sparkasse einen gigantischen Schuldenberg von 181 Millionen Euro in die Ehe mit der Nospa eingebracht hatte. Nun geriet auch die Nospa in Schieflage. Das Flensburger Stadtparlament, in das nach den Kommunalwahlen eine basisorientierte Bürgerliste „Wir-in-Flensburg“ als stärkste Fraktion eingezogen war, setzte keinen parlamentarischen Untersuchungsausschuss ein, sondern lediglich eine „Arbeitsgruppe“ unter Vorsitz des frisch gewählten WIF-Stadtpräsidenten Christian Dewanger. Die AG hatte keine Befugnisse, Akteneinsicht einzufordern oder Akteure des Skandals zum Erscheinen vor der Arbeitsgruppe zu zwingen.

Unglaublich: gewählte Vertreter der Flensburger Bürgerschaft, die die legitimen Eigentümer der Sparkasse sind, dürfen keinen Einblick nehmen in die Akten ihrer eigenen Firma!

Den Mitgliedern der Arbeitsgruppe blieb nur übrig, jenen Personen zu danken, die freiwillig zu erscheinen geruhten. Die Amateurpolitiker ließen sich, auf Deutsch gesagt, einseifen. Der Abschlussbericht bringt dafür Verständnis auf, dass Sparkassendirektor Eilts und seine Mitstreiter sich von der Börseneuphorie mitreißen ließen und findet lobende Worte für Oberbürgermeister Tscheuschner, der erst im Amt war, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war, nämlich im Jahre 2005. Kein Wort darüber, dass Tscheuschner dann noch gute vier Jahre die heranreifende Erkenntnis, dass die Flensburger Sparkasse gerade untergeht, für sich behalten und die Motive für die Fusion allein mit Synergie-Effekten begründet hat. Die Arbeitsgruppe kam zu folgendem Urteil: „Jedenfalls waren die damaligen Geschäfte mit dem herkömmlichen Geschäft einer Sparkasse, die für die Kreditversorgung des regionalen Mittelstands sorgen soll, allenfalls teilweise zu vereinbaren.“10

Ich habe diese Posse aus dem hohen Norden deswegen so ausführlich geschildert, weil man hier sehen kann, wie weit sich Sparkassenchefs von den Grundsätzen der öffentlich-rechtlichen Geldwirtschaft entfernt haben; sich quasi nur noch als Artgenossen der Ackermann, Fitschen und Co. von der Deutschen Bank wähnen. Und wie ihnen dieser Größenwahn und Verrat an der Sparkassenidee leicht gemacht wird durch eine Öffentlichkeit, die aufgrund jahrzehntelanger Gehirnwäsche längst vergessen hat, wozu die deutsche Dreiteilung der Wirtschaft eigentlich gut ist. Die Ratsmitglieder aus der Sparkassen-Arbeitsgruppe sind schlicht zu gutmütig, um ihre Bürgerrechte mit einem energischen Faustschlag auf den Tisch zu verteidigen.

Die wackeren Bürgersleut‘ können sich einfach nicht vorstellen, wie abgebrüht und skrupellos die Gegenseite zuschlagen kann. Wie strategisch hier vorgegangen wird: getrennt marschieren, vereint zuschlagen. Das werde ich jetzt in einem weit größer dimensionierten Maßstab aufzeigen.

Genossenschaftsbanken auf der Todesliste der neoliberalen Seilschaften

Wir erfuhren aus den Nachrichten bereits ausführlich, wie es großen öffentlich-rechtlichen Banken ergangen ist. Die WestLB hat das ihr anvertraute Geld unter anderem bei umweltzerstörenden Projekten in der Dritten Welt verloren und ist jetzt von der Bildfläche verschwunden. Die meisten Landesbanken sind im Kern ruiniert und stehen als Förderer der regionalen Wirtschaft nicht länger zur Verfügung.

In ruhigerem Fahrwasser schwimmen bislang noch die Genossenschaftsbanken. Doch auch hier werden die Messer bereits gewetzt. Die Messer kommen diesmal aus der Europäischen Union. Die europäischen Bankenaufsichtsbehörden bekommen nämlich neue Regulierungsinstrumente für die nationalen Kreditinstitute an die Hand. Angeblich möchte man nach den Finanzkatastrophen der letzten Jahre jetzt alles besser machen. Die Banken sollen mehr Einlagen bereithalten im Verhältnis zu den Krediten, die sie gewinnbringend vergeben. Jede noch so unbedeutende Maßnahme einer Bank soll zudem bürokratisch penibel dokumentiert werden. Regelwerke wie Basel II und Basel III geben haarklein vor, wie Banken immer Treu‘ und Redlichkeit üben sollen.11

Das alles klingt ja recht löblich und ergibt bei privaten, renditeorientierten Bankhäusern durchaus einen Sinn. Leider spielt die europäische Aufsichtsbürokratie blinde Kuh, wenn sie auch öffentlich-rechtliche und genossenschaftliche Banken in dieses neue Regelwerk mit einbezieht. Bei privaten Bankhäusern, die in globalem Maßstab agieren, wo Kredite oft anonym vergeben werden; da ist es recht und billig, die Kredithändler an die kurze Leine zu nehmen. Ganz anders sieht es bei öffentlich-rechtlichen Sparkassen sowie Raiffeisen- und Volksbanken aus. Die Mitarbeiter der Raiffeisenkassen agieren in einer überschaubaren Region, sie kennen ihre Kunden persönlich und werden mit ihnen zusammen älter. Wenn der selbständige Dachdeckermeister Material einkaufen muss für einen Großauftrag, dann wird sein Partner von der Raiffeisenbank nach kurzem Gespräch das nötige Geld schnell bewilligen.

Doch damit, so suggerieren manche Studien, könnte es bald vorbei sein. Wenn die neuen Verordnungen europaweit durchgepeitscht werden, könnte der Verwaltungsaufwand derart zunehmen, dass viele kleine Banken fusionieren müssen, Mitarbeiter entlassen werden und statt Filialen im Dorf nur noch Geldautomaten stehen. Wenn überhaupt. Wo ist da auf lange Sicht noch der Unterschied zu den Direktbanken, die schon jetzt günstigere Konditionen anbieten, da sie ohne Filialen zentral und online ihre Kredite vergeben? Werden Sparkassen, Raiffeisen- und Volksbanken gezwungen, zu anonymen Online-Banken zu mutieren?

Wieder einmal haben sich unsere Volksvertreter einen Tiefschlaf gegönnt. Dabei ist es doch offenkundig, dass wesentliche Filetstücke unserer Lebensqualität, unseres menschlichen Miteinanders, unserer Kultur ohne erkennbare Notwendigkeit auf dem Brüsseler Altar geopfert werden. Warum haben Politiker, die sich ja angeblich für die Belange des Mittelstandes einsetzen, diese administrative Hinrichtung unserer Lebensgrundlagen nicht verhindert? Man hätte sich energisch für eine Gesetzgebung stark machen müssen, die zwischen privaten und öffentlichen Banken Unterschiede kennt.

Das Mitgefühl des Fuchses für das flügellahme Huhn

Die DZ Bank ist in einem schicken futuristischen Hochhauskomplex in Frankfurt am Main untergebracht, eingebettet zwischen bombastischen Wolkenkratzern privater Banken. Die DZ Bank ist sozusagen Herz und Hirn der 900 Genossenschaftsbanken mit 12 000 Filialen in Deutschland. Die DZ Bank vertritt die Kreditgenossenschaften nach außen, stellt internationale Kontakte her, reguliert Geldströme zwischen den einzelnen unabhängigen Genossenschaftsbanken.

Auf der Webseite der DZ Bank findet man allerdings keine Stellungnahmen zu den bedrohlichen neuen EU-Regulierungen öffentlicher Banken.12 Dafür kann man sehr viel über Aktienkurse erfahren, viele beflissene Anglizismen sollen den Stallgeruch einer stinknormalen Universalbank vermitteln. Und dann erfährt man, dass die DZ Bank seit einem extra dafür abgesegneten Bundesgesetz aus dem Jahre 1998 gar keine Genossenschaft mehr ist, sondern eine Aktiengesellschaft! Der Kopf ist sozusagen vom genossenschaftlichen Rumpf abgetrennt. Noch gehören die Aktien der DZ Bank den vielen Genossenschaftsbanken. Ihre Dienstleistungen gewährt die DZ Bank jetzt ihren „Kunden“, den Genossenschaften.

Führungskräfte rekrutiert die DZ Bank nicht mehr allein aus der genossenschaftlichen Szene. So genannte „Headhunter“ – zu Deutsch: Kopfjäger – heuern für eine stolze Provision Banker aus privaten Bankhäusern an. Ob diese Bosse wohl eine innere Beziehung zum Genossenschaftsgedanken entwickeln können und – wollen? Thomas Duhnkrack hat seine Karriere bei der Deutschen Bank begonnen, bevor er zur DZ Bank überwechselte, wo er bis 2009 blieb. Jetzt arbeitet er wieder privat bei der Lloyd Funds AG. Zudem ist Duhnkrack bei der Atlantik-Brücke aufgetaucht.13 Chefvolkswirt der DZ Bank ist Stefan Bielmeier, der 14 Jahre bei der Deutschen Bank arbeitete, bevor er 2010 bei der DZ Bank einstieg.

Die Nummer eins bei der DZ Bank ist Wolfgang Kirsch, der im Jahre 2002 von der Deutschen Bank zur DZ Bank überwechselte. Man ließ ihn nur ungern von einem Kopfjäger abwerben, wie es in den Verlautbarungen heißt. Ganz nebenbei: Just hat ihn ein Presseclub zum „European Banker of the Year 2013“ gewählt.14 Ob Wolfgang Kirsch die genossenschaftlichen Interessen gut vertritt? Zweifel sind angebracht. Seitdem Kirsch der DZ Bank vorsteht, taucht diese Bank immer öfter als Sponsor neoliberaler und transatlantischer Veranstaltungen auf.

Die proamerikanische Lobbyorganisation Atlantik-Brücke, die wir noch vorstellen wollen, veranstaltete am 8. Februar 2011 ihre zwölfte Arthur Burns Memorial Lecture,15 eine alljährlich abgehaltene Lobrede auf die enge Bindung Deutschlands an die USA. Der Redner war kein Geringerer als Karl-Theodor zu Guttenberg, damals noch Bundesverteidigungsminister und Träger eines ihm kurz danach aberkannten Doktortitels. Guttenberg plädierte für eine bedingungslose Gefolgstreue gegenüber den USA und erteilte allen Bestrebungen nach außenpolitischer Unabhängigkeit eine klare Absage. Jene Rede wurde vor 250 Mitgliedern und Gästen der Atlantik-Brücke in den Räumen der Frankfurter Zentrale der DZ Bank gehalten. Gastgeber war DZ-Chef Wolfgang Kirsch, der stolz neben Guttenberg steht – wie man auf der Webseite der Atlantik-Brücke bestaunen kann.

Wie kommt der Direktor einer Genossenschaftsbank dazu, neoliberalen Feinden der Genossenschaftsbanken die Räume der DZ Bank zur Verfügung zu stellen? Kirsch ist nicht nur der transatlantisch-neoliberalen Atlantik-Brücke sehr verbunden. Der DZ-Banker befindet sich noch weiter im Zentrum transatlantischer Netzwerke. Die Webseite der Trilateral Commission nennt Wolfgang Kirsch als festes Mitglied ihrer deutschen Gruppe.16 Die Trilateral Commission wurde von David Rockefeller gegründet und verbindet neoliberale proamerikanische Spitzenkräfte aus den Kontinenten Amerika, Asien und Europa im Einsatz für eine grenzenlose Welt des freien Handels der großen Konzerne.

Ob Konzernlobbyist Kirsch nun der richtige Mann ist, um den Dachverband der Genossenschaftsbanken durch die Wellen gischtenden Fahrwassers zu lotsen, die schon absehbar sind? Da hat nämlich im Auftrag einiger Regionalbanken ein Professor Nolte mit seiner Beratungsfirma 4p Consulting ein Gutachten erstellt, dessen Inhalt bislang nicht veröffentlicht wurde. Dessen Befunde man aber umso eifriger in die Presse lanciert.17 Demzufolge werden im Jahre 2018 zwei Drittel aller Regionalbanken nicht mehr rentabel arbeiten. Die Regionalbanken könnten mit ihren Zinsen nicht mehr gegen die Onlinebanken konkurrieren. Die strengeren Regeln der EU-Aufsicht würden den bürokratischen Aufwand so erhöhen, dass kleine Banken die Lasten nicht mehr schultern könnten. Drittens würden die Kunden immer kürzere Fristen für ihre Geldeinlagen wünschen, während sie gleichzeitig aber weiterhin langfristige Kredite frei Haus bekommen möchten. Viertens würde sich der hohe Personalaufwand bei Regionalbanken definitiv nicht mehr rentieren.

Prognosen sind schon viele gegeben worden. Es kann aber auch ganz anders kommen. Trotzdem gingen quasi auf Knopfdruck sofort an höchster Stelle gewisse Lichter an, wie das Handelsblatt berichtete: „Die europäische und die Bundespolitik alarmieren diese Erkenntnisse: EZB-Chef Mario Draghi und IWF-Chefin Christine Lagarde haben das Thema bereits auf dem Zettel. Die Bundesbank überprüft die ‚Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells deutscher Regionalinstitute‛. Regierungskreise bestätigen dem Handelsblatt, dass der Ausschuss für Finanzstabilität ‚mögliche Rückwirkungen des Niedrigzinsumfeldes mit Blick auf mögliche Gefährdungen‘ bei Sparkassen und Volksbanken eingehend analysiert.“18

Frage: was geht dieses Thema den IWF an? Welche Bevormundung maßen sich die internationalen Finanzbürokraten hier eigentlich an? „Auf dem Zettel“ klingt bedrohlich. EZB-Chef Mario Draghi ist sicher kein Freund der Genossenschaften. Er war bei der Privatbank Goldman Sachs tätig, bevor er in den öffentlichen Sektor überwechselte. Draghi ist immer noch ständiges Mitglied in der von David Rockefeller gegründeten Banklobbyorganisation Group of Thirty, sozusagen einer Schwesterorganisation der Trilateral Commission.19 Und IWF-Chefin Lagarde arbeitete als Wirtschaftsanwältin für die US-Sozietät Baker & McKenzie, bevor sie in den öffentlichen Sektor überwechselte.20 Die Anteilnahme dieser Damen und Herren an den vermeintlichen Problemen der deutschen Regionalbanken ist der Anteilnahme des Fuchses an flügellahmen Hühnern nicht unähnlich.

So sieht es auch der Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Schmidt von der Goethe Universität Frankfurt: „Auf europäischer Ebene wird dem deutschen Sparkassen- und Genossenschaftsbanken-System nicht viel Verständnis entgegengebracht. Ich sehe erneut harte Attacken gegen das Drei-Säulen-System kommen – und eine Vereinheitlichung in Richtung börsennotierte Großbanken fände ich bedauerlich. Auf drei Beinen steht es sich sicherer als auf zweien. … Wenn ich richtig verunsichert wäre, dann würde ich mein Geld zu einer Sparkasse tragen. Das empfindet man in Brüssel noch immer als Wettbewerbsverzerrung.“21

Wir können aus den gezeigten Beispielen klar erkennen: von Hause aus sind die nicht-kapitalistischen Wirtschaftszweige unkaputtbar. Es müssen erst Kräfte einsickern in die intakten Organismen, um sie durch Zweckentfremdung systematisch zu zerstören. Das klingt ungeheuerlich und nach Verschwörung. Dennoch werden wir in den folgenden Kapiteln die Akteure und Netzwerke näher kennenlernen, deren erklärtes Ziel die Welt eines enthemmten Privatkapitalismus ist. Ohne Grenzen für den Handel. Ohne demokratisch legitimierten Staat, dessen Bürger womöglich andere Ziele verfolgen könnten als die Erzielung größtmöglichen Profits für ganz wenige Individuen.

Rettet die Biodiversität unserer Gesellschaft!

Ich hätte Beispiele aus anderen Bereichen der Gesellschaft – aus Gesundheit, Bildung, Sozialarbeit oder öffentlicher Infrastruktur – ausführlich darlegen können, wo genau dieselben Methoden zur Verarmung unserer so reichen Gesellschaftskultur angewandt werden. Die Monokultur des nackten Profits ist das Ziel dieser Seilschaften. Das macht die Menschen mürbe und führt zur inneren Kündigung von Millionen begabter Mitarbeiter. Unter dem Strich haben wir jetzt eine Pfuschkultur des: „Es wird schon irgendwie gut gehen!“

Unter der Diktatur des Neoliberalismus erinnert so vieles an die Endzeit der DDR: eine Explosion der Bürokratie, deren papierene und digitale Ausscheidungen immer nichtssagender werden, weil nicht gesagt werden darf, was gesagt werden muss: es läuft alles schief. Unerfahrene Dummbeutel werden in Führungspositionen gehievt von irgendeiner unsichtbaren Seilschaft. Dummbeutel, die sich von erfahrenen Mitarbeitern nichts sagen lassen und täglich einen neuen Arbeitsplan nach dem anderen anschleppen, der auch wieder die Arbeit nur schwerer macht. Dummbeutel, die die Mitarbeiter überwachen bis zur absoluten Schamlosigkeit. Kein Mensch kann gesund bleiben unter dieser unwürdigen Distanzlosigkeit.

Und so wird unsere immer noch so wunderbar vielfältige Lebenswelt im alten Europa immer weiter verwüstet. Es erinnert nicht nur mich an die Zerstörung des tropischen Regenwaldes. So schnell wird aus Karstland nicht wieder ein saftiger Regenwald. Lassen wir den bereits zitierten Professor Reinhard Schmidt dieses Kapitel abschließen: „Ich sehe … die Gefahr eines Verlusts an Diversität. Das ist wie bei der Umwelt: Meist fällt erst nach ihrem Aussterben auf, wozu eine Spezies gut war. Vielleicht stellt sich erst in vierzig oder fünfzig Jahren heraus, wozu es gut war, die Gattungen der Sparkassen und Genossenschaftsbanken zu erhalten. Wir sollten diese Biodiversität im Finanzsystem nicht gefährden. Vielleicht sind ja gerade diese Säulen der Bankenwelt dauerhafter als die Shareholder-Value-getriebenen Großbanken.“22

Die Geburt des Neoliberalismus aus dem Corporate State

„Eine freie Gesellschaft benötigt eine bestimmte Moral, die sich letztlich auf die Erhaltung des Lebens beschränkt: nicht auf die Erhaltung allen Lebens, denn es könnte notwendig werden, das eine oder andere Leben zu opfern zugunsten der Rettung einer größeren Anzahl anderen Lebens. Die einzig gültigen moralischen Maßstäbe für die ‚Kalkulation des Lebens‘ können daher nur sein: das Privateigentum und der Vertrag.“

Friedrich August von Hayek, Theoretiker des

Marktradikalismus

Die Vereinigten Staaten von Amerika entfalteten sich im 19. Jahrhundert von der Ostküste wie eine Dampfwalze nach Westen und sogen im Süden große Teile des Nachbarstaates Mexiko auf. Gigantische Völkerwanderungen ergossen sich über ein noch naturbelassenes Land. Hier war sich jeder selbst der Nächste, und die verschiedenen eingewanderten Völker wetteiferten um den Erfolg im Selbsthilfe-Bauherrenmodell.

In dieser Situation konzentrierte sich im Zeitraffer unvorstellbarer Reichtum. Gleichzeitig mussten Arbeitgeber auf die Empfindlichkeiten ihrer Mitarbeiter keinerlei Rücksicht nehmen. Denn wenn eine Belegschaft aufbegehrte, wurde sie umgehend entlassen und gegen neue Mitarbeiter ausgetauscht. Es standen genug Neuankömmlinge aus Europa bereit. Bemühungen der kleinen Leute, Gewerkschaften und Genossenschaften zu bilden, gab es auch in den USA reichlich. Jedoch wurden sie brutal niedergeschlagen. Die sozialen Gegensätze traten in einer Nacktheit auf wie sonst nirgendwo anders.

Deswegen ist es auch kein Wunder, dass sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts Konzerne zu Kartellen verdichteten. Der entfesselte freie Wettbewerb hatte sich selber abgeschafft. Das Antitrustgesetz mit Namen Sherman Antitrust Act sollte Kartelle verhindern und zurückbauen. Bis auf die berühmte Zerschlagung des Ölkonzerns Standard Oil, der eine Monopolstellung aufgebaut hatte, in einige Dutzend neue Gesellschaften haben Staat und Parlament nicht viel gegen die Machtzusammenballung der Wirtschaft zustande gebracht. Stattdessen wurden mithilfe des Sherman Antitrust Act freie Gewerkschaften mit empfindlichen Geldbußen belegt.

Einigen Konzernherren wurde dennoch klar, dass Karl Marx vielleicht nicht ganz Unrecht haben könnte, wenn er sagte, die immer größere Polarisierung der Klassen würde unweigerlich zur Aufhebung des Kapitalismus führen. Es waren die Rockefellers, Morgans und Carnegies, die Intellektuelle für sich arbeiten ließen, um der Revolution vorzubeugen. Um den Druck aus dem Kessel zu nehmen, bevor es richtig knallt.

Der Ölmagnat John D. Rockefeller war de facto Mehrheitseigner der privaten Universität von Chicago. Von der Universität Chicago gingen Impulse aus, Sozialfürsorge privat zu organisieren.23 Die Chicago Civic Federation wurde gegründet und Bürgerhäuser eingerichtet mit Versammlungsräumen für die ärmere Bevölkerung von Chicago. Hier standen Bäder, Duschen und Waschplätze bereit. Sozialarbeiter und Millionärsgattinnen kümmerten sich um alleinerziehende Mütter und Prostituierte.

Die Erfolge in Chicago führten zu einer USA-weiten Ausdehnung des Konzeptes in der National Civic Federation (NCF). Im Vorstand der NCF fanden sich Repräsentanten der führenden Stahl-, Öl- und Bankkonzerne sowie profilierte Intellektuelle. In Arbeitsgruppen dachten die NCF-Vertreter nach über einen gesetzlichen Mindestlohn, über Spielregeln bei Tarifverhandlungen oder auch über ein Kartellgesetz. All diese Entwürfe waren zurecht geschneidert nach Gusto der Unternehmer, in der eindeutigen Absicht, Initiativen aus der Arbeiterbewegung zuvor zu kommen. Die NCF wurde rasch zum Gravitationspunkt für Minderheitengruppen und für die Gewerkschaft American Federation of Labor (AFL). Es gab zwar auch echte Gewerkschaften wie die Industrial Workers of the World (IWW). Doch die Unternehmer in der NCF setzten durch, dass in ihren Betrieben nur Mitglieder der AFL beschäftigt werden. Die AFL mit ihrem auf Lebenszeit gewählten Vorsitzenden Samuel Gompers versteht sich als rechte Hand der Bosse. Der enge Berater des US-Präsidenten Theodore Roosevelt, Mark Hanna, war auch im Vorstand der NCF. Er bezeichnete die Gewerkschaftsfunktionäre zutreffend als „Erste Offiziere der Industriekapitäne“.

Hier zeigt sich wieder die beeindruckende Fähigkeit US-amerikanischer Unternehmer, das Potential für Revolten rechtzeitig zu erkennen und die Protestpotentiale einzuhegen. Bald hatte die NCF Organisationen für Farmer, Arbeiter, Mittelstand und für ethnische Minderheiten unter ihrer Kontrolle.

Alles war in privater Hand, was in Europa Sache öffentlich-rechtlicher, genossenschaftlicher oder staatlicher Instanzen war. Allerdings in erheblich bescheideneren Größenordnungen und absolut auf die Bedürfnisse der Konzerne zugeschnitten.

Hat ein Privatmann zum Beispiel so viel Geld angehäuft, wie er es in tausend Leben nicht verbrauchen kann, dann gibt er einen beträchtlichen Teil seines Vermögens an eine von ihm gegründete Stiftung. Das Geld muss nicht versteuert werden und geht nicht in Erbstreitigkeiten verloren. Der großmütige Spender verleiht der Stiftung seinen Namen. Er bestimmt, welche edlen Zwecke seine Schöpfung verfolgen soll. Für die Nachwelt ist der Geber als Gutmensch für immer in Erinnerung. Mögen die Zeitgenossen John D. Rockefeller auch als „Räuberbaron“ geschmäht haben – nachfolgende Generationen wissen vielleicht eher die gute Behandlung in einer Klinik der Rockefeller-Stiftung zu preisen. Die Rockefeller-Stiftung ging 1913 in New York mit dem beachtlichen Kapital von 100 Millionen Dollar an den Start. Der Stahlfabrikant Andrew Carnegie hatte seine Stiftung 1903 mit 10 Millionen Dollar ausgestattet.

Klingt löblich. Wenigstens ein paar Brosamen fallen vom Tische der Herren. Dennoch hat auch das Stiftungswesen so sein Geschmäckle: das Stiftungsgeld ist der Solidargemeinschaft als Steuereinnahme vorenthalten. Nicht die Öffentlichkeit entscheidet demokratisch, wie das Geld eingesetzt wird. Vielmehr entscheidet der Industriemagnat nach eigenem Gutdünken wie ein Kurfürst, wo das Geld eingesetzt wird.

Die Rockefeller-Stiftung und die Carnegie Institution haben einen Teil des Geldes, das sie der Steuerbehörde ganz legal vorenthielten, beispielsweise für Forschung in Eugenik eingesetzt. Eugenik will das Erbgut der Menschheit veredeln – durch gezielte Zuchtwahl, das heißt durch Ausschluss von Menschen aus der Fortpflanzung mithilfe von Sterilisation oder Einsperrung. Die Eugenik war dank der tatkräftigen Finanzierung der oben genannten Stiftungen in den Zwanzigerjahren in den USA der Mainstream.24 Und wenn heutzutage die Melinda und Bill Gates Stiftung mehr Geld für Forschung in Genmanipulationen an Pflanzen ausgibt, als es ein Staat kann, dann ist das ein im demokratischen Sinne mehr als bedenklicher Rückfall in feudalistische Machtvollkommenheit.

Auch in der Kommunalpolitik war die Privatisierung Anfang des 20. Jahrhunderts bereits weit vorangeschritten. Das ging so weit, dass viele Kommunen zunehmend nicht mehr von demokratisch gewählten Stadtregierungen geführt wurden, sondern von Managern, die vom Unternehmerverband NAM bestimmt wurden. Commission Government nannte man das. Bisweilen residierte der Bürgermeister oder Stadtmanager, wie er genannt wurde, nicht mehr im Rathaus, sondern im Sitz der Industrie- und Handelskammer.

Und: haben wir nicht in letzter Zeit in unserer Presse auch schon Sätze gehört, wie sie bereits 1896 John H. Patterson, seines Zeichens Präsident der National Cash Register Company, von sich zu geben wusste:

„… eine Stadt ist ein großes Geschäftsunternehmen, dessen Aktienbesitzer ihre Bürger sind. … kommunale Angelegenheiten werden nach streng geschäftsmäßigen Grundlagen geführt … nicht von Parteipolitikern … sondern von Männern, die in Geschäftsführung und Sozialwissenschaften ausgebildet sind.“25

Heute werden viele Kommunen der USA in dieser Art geführt.

Der Erste Weltkrieg und die kapitalistische Planwirtschaft

Die Formierung der US-Gesellschaft durch die National Civic Federation war schon weit vorangeschritten. Doch der Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg sollte diese korporative Gleichschaltung noch einmal wesentlich beschleunigen. Die damals einflussreichste Privatbank der USA, J. P. Morgan nämlich, hatte Frankreich und England von Anfang des Krieges an gigantische Summen geliehen, in der sicheren Annahme, die beiden Länder würden Deutschland schnell niederringen.26 Doch der Krieg zog sich über Jahre hin, und 1916 waren Frankreich und England de facto pleite. Die USA mussten gegen den Willen der eigenen Bevölkerung in den Krieg gegen die Achsenmächte ziehen, um die faulen Kredite und damit das Bankhaus Morgan sowie letztendlich auch die gesamte Wirtschaft der USA zu retten.

Deswegen sind die dann folgenden Kriegsanstrengungen der USA mit heißer Nadel gestrickt worden. Improvisation pur. Doch die Herausforderungen des Krieges stellten sich letztlich als wirkungsvolle Katalysatoren der formierten korporativen US-Wirtschaft heraus. Das Volk sollte strammstehen für die propagierte „Military Preparedness“, die militärische Einsatzbereitschaft. Die formierten Unternehmer profilierten sich entsprechend durch „Industrial Preparedness“, die industrielle Einsatzbereitschaft. Das von den Konzernchefs dominierte Committee on Industrial Preparedness erfasste 30 000 Unternehmen landesweit. Welche Arbeiter sind für die Produktion unverzichtbar und welche kann man unbesorgt an die Front schicken? Wie schnell und durchgreifend können Betriebe auf Kriegsproduktion umgestellt werden? Diese Fragen stellten sich eine ganze Reihe neuer privater Behörden, wie der General Munitions Board oder der War Industries Board.

Hier wurde die erste Planwirtschaft der Moderne aus der Taufe gehoben – nicht sozialistisch, sondern radikal-kapitalistisch. Denn die Planungsbehörden waren eher privater Natur, mit Unterstützung der Regierung. Eine Art von öffentlich-privater Partnerschaft, wie unsere neoliberalen Zeitgenossen sagen würden. Das stieß nicht immer auf Gegenliebe. Die Kartell-Planwirtschaftler wollten beispielsweise der Schuhindustrie vier standardisierte Schuhmodelle bis ins Detail vorschreiben. Der billigste Treter sollte „Liberty Shoe“, also „Freiheitsschuh“ heißen. Diese Zumutung konnten die Schuh-Hersteller dann doch erfolgreich abwenden.

Dennoch haben Wallstreet-Banker in den Ausschüssen kleineren Unternehmen im Handstreich das Lebenslicht ausgepustet, indem sie deren Produktion als nicht kriegswichtig einstuften und ihnen damit die Zuteilung von Rohstoffen abschnitten. Die Kapitalkonzentration wurde auf diese Weise künstlich von oben her beschleunigt.

Roosevelt: Ein bisschen mehr Europa in Amerika kann nicht schaden

Nach dem Ersten Weltkrieg regierten für zwölf Jahre nicht mehr die Demokraten, sondern die Republikaner. Die Präsidenten Harding, Coolidge und Hoover fuhren die Gestaltung der Außenpolitik auf ein Mindestmaß herab und überließen die Wirtschafts- und Sozialpolitik den Konzernen. Dieses Laissez-faire, dieses lässige Laufenlassen, führte bekanntlich zu dem verheerenden Börsencrash von 1929. Der Finanzkapitalismus hatte sich selber an die Wand gefahren.

So kam auch von den Bankern kein nennenswerter Widerstand, als der neue Präsident, der Demokrat Franklin Delano Roosevelt, ab 1933 die wild gewordene Finanzwelt mit eisernen Regulierungen an die Kandare nahm. Roosevelt sollte in den folgenden zwölf Jahren den Kapitalismus vor sich selbst retten.

Um das zu erreichen, übernahm Roosevelt viele nützliche Elemente aus Europa. Der Staat trat jetzt als aktiver Gestalter der Wirtschaft auf. Mit dem New Deal finanzierte die Bundesregierung in Washington Hunderttausende von neuen Arbeitsplätzen im ganzen Land. Die Leute verfügten jetzt wieder über Bargeld, mit dem sie sich etwas kauften, so dass nun auch der Mittelstand wieder Geld einnahm und sich die staatlichen Kassen mit frischen Steuergeldern füllten. Diese wundersame Geldvermehrung hatte der englische Ökonom John Maynard Keynes vorgeschlagen und damit zunächst in seiner Ökonomenzunft für blankes Entsetzen gesorgt.

Die „New Dealer“ packten längst fällige Infrastrukturprogramme an. Straßen, Staudämme oder auch Naturschutzgebiete entstanden. Roosevelt und seine Mitstreiter stärkten die Rechte von Farmern, Arbeitern und Verbrauchern. Intellektuelle und Künstler verdienten endlich wieder gutes Geld mit Regierungsaufträgen. Der Präsident wandte sich in Radioansprachen, den so genannten Kamingesprächen, direkt an das Volk und erläuterte seinen Mitbürgern einmal in der Woche seine Absichten. Für die Roosevelt-Administration waren die US-Bürger keine dumme manipulierbare Masse.

Die Oligarchen ließen diesen vollkommen ungewöhnlichen Präsidenten, der aus der allerfeinsten High Society stammte, eine Zeit lang gewähren. Ihr Standesgenosse hatte ja schließlich das Vertrauen in die Banken und in die Industrie zurück gebracht. Umso nervöser scharrten die Konzernherren mit den Füßen, als Roosevelt nach dem ersten New Deal – was so viel heißt wie: die Karten neu mischen – den zweiten, noch ehrgeizigeren New Deal auflegte. Helles Entsetzen brach schließlich aus, als Roosevelt die Wiederwahl 1936 mit einem Erdrutschsieg für sich entscheiden konnte. Ein überzeugendes Mandat, das der geplanten Stärkung der staatlichen Gestaltungsmacht natürlich ein viel größeres Gewicht verlieh. Zum ersten Mal in der Geschichte der USA war ein Präsident durch hohe Wahlbeteiligung mit einer echten Stimmenmehrheit gewählt worden! So ein starkes Gegengewicht gegen die Übermacht des Kapitals hat in jüngerer Vergangenheit nur Hugo Chavez in Venezuela erlangt.

Es dauerte nicht lange, bis die Oligarchie zurückschoss. Fernsehen gab es noch nicht. Aber fast alle privaten Rundfunkstationen und fast alle Zeitungen machten von morgens bis abends Roosevelts Umverteilungspolitik von oben nach unten und seine Stärkung des öffentlichen Sektors nach europäischem Vorbild madig. Trotzdem begriffen die Oligarchen schnell: Roosevelt und seine Koalition der kleinen Leute würde man noch eine verdammt lange Zeit ertragen müssen. Hier half nur das Bohren dicker Bretter. Stück für Stück müsste man den Einfluss des Staates zurückfahren. Aber nur meckern und bohren reichte nicht aus, das war klar. Die Mächtigen und Reichen der USA mussten dem Gesellschaftsentwurf Roosevelts und seiner Partner eine kapitalistische Utopie entgegensetzen.

Als erste große Bühne der schönen neuen Welt des Konsumkapitalismus bot sich die Weltausstellung in New York im Jahre 1939 an.27 Inmitten der Pavillons fremder Gastländer mit ihrer Exotik stand als Zentrum und konkurrenzloser Blickfang ein Ensemble, bestehend aus einem schlanken Obelisk von 212 Meter Höhe und daneben einer gigantischen Kugel mit dem beziehungsreichen Namen „Democracity“. Im Innern dieses Domes ein Diorama. Von einer Galerie aus sahen die erstaunten Besucher auf das großformatige Modell einer futuristischen Kulturlandschaft aus dem Jahre 1960: Moderne Hochhäuser, eingebettet in Gärten; 16-spurige Autobahnen; stressfreie Autofahrt dank Verkehrsleitsystemen; schöne Wohnhäuser schmiegten sich an Hänge. Der Elektrokonzern Westinghouse präsentierte auf einer eigenen Bühne seinen Roboter Electro, der sich gerne mal eine Zigarette anzünden ließ. Fernsehen; Videotelefonie; Softeis. Solche schier utopischen Annehmlichkeiten versprach die schöne neue Welt, in der urbane Modernität und Demokratie eine harmonische Einheit bilden sollten.

Der Kapitalismus hatte sich nach einer schweren Krise endlich neu erfunden. Roosevelt verbesserte die Situation der einfachen Leute. Dahinter konnte und wollte man nicht zurückgehen. Vielmehr sollte das Erreichte jetzt überboten werden. Jeder sollte bald ein Auto und ein Häuschen im Grünen haben. Allerdings war der neue Mensch nur gedacht als passiver Konsument und nicht als mitgestaltender Bürger. Adressat des konsumistischen Glücksversprechens war nicht der Verstand, sondern das Unbewusste und die Sinnlichkeit.

Ausgedacht hatten sich die schöne neue Welt der Democracity schlaue Leute aus der Werbe- und Public-Relations-Branche. Einer von ihnen war Edward Bernays28, der auch das Wort Democracity ersonnen hatte. Bernays war der Neffe von Sigmund Freud. Er hatte schnell die Potentiale des Unbewussten für erfolgreiche Verkaufsstrategien erkannt. Die Frauen hatte der Werbestratege als Konsumenten für Zigaretten gewinnen können, indem er das Qualmen von Glimmstengeln als Frauenemanzipation gesellschaftsfähig gemacht hatte. Männer sind erst richtige Männer, wenn sie über die vervielfachten Motorkräfte eines Autos herrschen können. Die Verführungskraft der Werbestrategen, ihre Ansprache an das Unbewusste sollte über Roosevelts Appell an den logischen Verstand letztendlich den Sieg davontragen.

Die Geburtsstunde des Neoliberalismus

Die Wallstreet-Oligarchen um Rockefeller, Harriman oder Morgan wollten Roosevelts starken Staat so schnell wie möglich wieder loswerden. Sie wollten dann doch lieber wieder den guten alten liberalen Nachtwächterstaat, der das Eigentum schützt, den freien Kapitalfluss garantiert und ansonsten die Äuglein zumacht. Jedoch hatten sie mittlerweile Geister aus der Flasche geholt, die sich nicht einfach mal eben so zurückwinken ließen.

Denn die politische Landkarte hatte sich seit dem Ersten Weltkrieg erheblich verändert. Italien war 1922 unter die Knute des Mussolini-Faschismus geraten, woran die Wall Street alles andere als unbeteiligt gewesen war. Das Bankhaus J. P. Morgan gewährte Mussolini 1926 einen Megakredit von 100 Millionen Dollar.29 Zudem liehen die Wallstreet-Banker ihm einen ihrer besten Wirtschaftsanwälte, John McCloy, für ein Jahr aus, damit er den Duce bei der sinnvollen Anlage des Geldes beraten sollte.30 Und dass sich ab 1933 US-Konzernmanager bei Hitler die Klinke in die Hand reichten, wurde nicht nur vom damaligen US-Botschafter in Berlin William E. Dodd bemerkt.31

Auch die Beziehung der US-Wirtschaft zur Sowjetunion war in jenen Jahren außerordentlich fruchtbringend. Die Bolschewiken wurden zunächst tatkräftig bekämpft. Denn sie waren ja von den deutschen Kriegsdiktatoren Hindenburg und Ludendorff an die Macht geschubst worden, um Ruhe an der deutschen Ostfront zu schaffen. Als die Bolschewisten aber nach einem aufreibenden Bürgerkrieg fest im Sattel saßen, fanden die US-Oligarchen zunehmend Gefallen an den „roten Zaren“. Letztere hatten sich, um es in den Worten der Geostrategen zu sagen, zu einem verlässlichen Ordnungsfaktor in der Region entwickelt.

Das ermutigte Rockefellers Standard Oil, über einen lukrativen Liefervertrag mit der sowjetischen Ölförderfirma Azneft den rasant steigenden Bedarf an fossilen Brennstoffen in den Industrieländern zu decken. Die Sowjetunion war in den Zwanziger- und Dreißigerjahren für die USA das, was heute Saudi-Arabien ist: ein zuverlässiger Rohstofflieferant mit Untertanen, die frei von jeglichen Bürgerrechten sind und von den reichlich fließenden Öleinnahmen schier gar nichts abbekommen. Henry Ford baute deswegen auch Autofabriken in der UdSSR und Averell Harriman konnte im Arbeiter- und Bauernparadies Mangan abbauen und exportieren lassen. Die Elite der USA war auch sonst von dem Planwirtschaftsmodell der Sowjetunion sehr angetan. So ergab eine Umfrage an der Elite-Uni Harvard unter Studienabsolventen im Jahre 1926, dass 32 Prozent der Befragten von der UdSSR begeistert waren.32

Das war allerdings alles schön weit weg. Dass nun ausgerechnet Franklin Delano Roosevelt mitten im Herzland des Kapitalismus mehr Demokratie wagte, indem er den Staat in Stellung brachte gegen die Allmacht der Oligarchen, das fanden Letztere nun allerdings gar nicht mehr witzig.

Und: den Konsumkapitalismus zu versprechen, wie er auf der New Yorker Weltausstellung 1939 so schön bunt und locker vorgeführt wurde, das alleine reicht auch nicht aus. Denn um die Entscheidungsträger in Politik, Medien und Kultur auf eine Antithese zum New Deal umzupolen, bedurfte es dessen, was man heute so schön „Diskurshoheit“ nennt.

Das heißt in der Praxis: Professoren an den Universitäten müssen mit dem Gewicht ihrer Autorität in dicken Büchern und in Vorträgen und Seminaren die neue Lehre verkünden. Jahrgangsring um Jahrgangsring von Studenten inhaliert die neue Weisheit und streut sie dann aus in ihren praktischen Berufen als Politiker, Journalisten, Verbandschefs, Geschäftsführer, Prediger. Andere Zöglinge promovieren oder habilitieren bei den Professoren, und so keimt der Samen der Doktorväter zu großen Sippen einer neuen wissenschaftlichen Schule heran. Und so langsam wird aus den Weisheiten der Professoren immer konkretere praktische Politik. Der Ökonom John Maynard Keynes sagte einmal, die Praktiker der Jetztzeit seien die Sklaven längst verstorbener Professoren.

Natürlich konnten sich die Wallstreet-Banker nicht einfach Professoren kaufen und ihnen sagen: „Verkünde meine Lehre!“ Da traf es sich gut, dass es etliche Intellektuelle gab, die als Linke, als Sozialisten oder gar als Moskau-Kommunisten angefangen hatten und nun, vollends enttäuscht von der neuen Heilslehre und im Eifer der Konvertiten, den Oligarchen geradewegs zuliefen wie ausgehungerte Katzen.

James Burnham war Trotzkist, bevor er zum Urvater der amerikanischen Neokonservativen mutierte. 1941 trat Burnham mit dem Bestseller The Managerial Revolution an die Öffentlichkeit.33 Der Exlinke schlug Alarm: an die Stelle kreativer Unternehmer, die ihre Umwelt umkrempelten wie dereinst Edison oder Ford, würde nunmehr überall auf der Welt die neue Kaste der Manager das Steuer übernehmen. Egal ob im Sowjetkommunismus, ob im Hitlerfaschismus oder in Roosevelts New Deal: graue unpersönliche Apparatschiks übernähmen die Macht, und die Unternehmer würden nur noch als passive Rentiers ihre Einnahmen genießen. Der Kapitalismus sei am Ende und würde einem technokratischen Einheitsbrei Platz machen müssen.

Der Managementberater Peter Drucker schrieb das Buch The End of the Economic Man.34 Drucker prophezeite das Ende ökonomisch motivierter Aktivitäten. Angesichts des weltweiten Aufkommens von staatsbürokratischen Systemen sah auch der enttäuschte Sozialist George Orwell die Götterdämmerung des Liberalismus in seinem Roman 1984. Der Soziologe Walter Lippmann begann seine Laufbahn als Linker und hatte seine Enttäuschungserlebnisse bereits hinter sich, als er schon vor dem Ersten Weltkrieg zu einem antidemokratisch elitären Chefideologen der Wallstreet wurde. Lippmann verfasste für Präsident Wilson die berühmten 14 Punkte, mit denen der amerikanische Präsident die Nachkriegsordnung in Europa festklopfen wollte. 1920 schrieb Lippmann das Manifest der elitären Massenmanipulation, sein legendäres Buch Public Opinion, auf das wir später noch zu sprechen kommen.

Lippmann ist der wichtigste Ideologe des amerikanischen Finanzkapitalismus im 20. Jahrhundert, noch einflussreicher und nachhaltiger als Henry Kissinger oder Zbigniew Brzeziński. Denn Lippmann hat nicht nur das Selbstverständnis des amerikanischen Elitismus und das Konzept für eine Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg formuliert. Lippmann ist obendrein der Erfinder des Neoliberalismus. Nichts weniger als das. Während der Chor der Klagemänner um Burnham keine diskursfähigen Theorieversatzstücke liefern konnte, hat Lippmanns Bestseller The Good Society aus dem Jahre 1937 eine nachhaltige Wirkung bis in die Jetztzeit erlangt.35

Der Liberalismus war nach dem großen Börsenkrach von 1929 nicht sehr gut angesehen in der Öffentlichkeit. Er wurde gleich gesetzt mit der Philosophie des Laissez-faire: dass der Staat sich nämlich aus allen wirtschaftlichen Aktivitäten rauszuhalten habe. Lippmann wusste, dass er einen solchen Liberalismus den Leuten nicht mehr verkaufen konnte. Also verkündete er: das Laissez-faire war doch nur in einer ganz bestimmten Situation in der Vergangenheit angesagt. Ein verantwortungsbewusster moderner Liberalismus teilt dem Staat wichtige Aufgaben zu. Der Staat soll sich sehr wohl um Bildung und Erziehung kümmern und sogar eine Steuerprogression durchsetzen, die das Geld von oben nach unten verteilt, sagt Lippmann.

Absolut unakzeptabel für zukünftige Gesellschaftsentwürfe sei die Planwirtschaft, wie sie in der Sowjetunion oder in Hitlerdeutschland praktiziert wurde. Diese Systeme würden zwangsläufig implodieren. Denn die kapitalistische Wirtschaft neige zu immer größerer Arbeitsteilung und Komplexität. Und das Entwicklungstempo nehme so drastisch zu, dass ein Plan schon veraltet sei, wenn er in Kraft tritt. Eigentlich funktioniere eine Planwirtschaft nur in Kriegs- und Mangelzeiten. In Friedenszeiten stiegen die Bedürfnisse der Massen immer weiter, und die Planwirtschaft gerate immer mehr ins Hintertreffen, wenn es um die Befriedigung dieser Bedürfnisse gehe. Was man den Leuten in der eigenen Planwirtschaft nicht geben könne, müsse man sich durch Eroberungskriege von außen holen. Deswegen führe Planwirtschaft zwangsläufig immer in einen Krieg.

Und was nun Roosevelt und seinen New Deal angeht: Lippmann bezeichnet ihn als „gemäßigten Kollektivismus“. Roosevelt stütze sich auf „Interessenhaufen“; man würde heute sagen, ein Bündnis von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, die alle nur ihre Partikularinteressen im Sinn hätten. Der Fehler des New Deal sei, in der Rücksichtnahme auf seine Bündnispartner ähnlich gelähmt und unflexibel zu handeln wie die „richtigen“ Planwirtschaften in Übersee.

Und wie schon bei Lippmanns früheren Arbeiten wird eine Abneigung gegen die unteren Schichten erkennbar: wenn die Menschen draußen im Lande mit der zunehmenden Komplexität nicht mehr fertig werden, dann revoltieren sie. Deswegen müssten die unteren Schichten quasi für die zunehmende Komplexität umprogrammiert werden:

„Da ist die ungelöste Aufgabe der Erziehung großer Bevölkerungsmassen, der Ausrüstung der Menschen für ein Leben, in dem sie sich spezialisieren und doch die Fähigkeit behalten müssen, ihre Spezialität zu wechseln. Die Wirtschaft der Arbeitsteilung erfordert, dass diese eugenischen und erzieherischen Probleme mit Erfolg angepackt werden. … Die Wirtschaft erfordert, dass die eugenischen Qualitäten und die Ausrüstung der Menschen für den Lebenskampf nicht nur in irgendeinem minimalen Wirkungsgrad erhalten bleiben, sondern dauernd verbessert werden.“36

Dabei bleibt die Frage offen: wer soll denn nun eigentlich die „eugenischen und erzieherischen Probleme mit Erfolg“ anpacken? Selbst erklärte Eliten oder der Staat? Erstaunlich auch das Wort „eugenisch“. Als die Eugenik in den USA ihre große Zeit hatte, in den Zwanzigerjahren, hatte Lippmann sich energisch gegen eugenische Maßnahmen ausgesprochen. Ende der Dreißigerjahre, als sich die Rockefeller-Stiftung und die Carnegie Institution aus der Eugenik zurückziehen, spricht sich Lippmann plötzlich für Eugenik aus. Offenkundig will der Neoliberale Lippmann die Menschen aus den unteren Schichten biologischen Umstrukturierungen aussetzen, um sie fit für den wirtschaftlichen Wandel zu machen! Es klingt auch nicht sehr anheimelnd, wenn Lippmann andeutet, der Liberalismus habe „nichts Geringeres vor als die Umstellung der Menschheit auf eine neue Lebensweise.“37

Bahnbrechend für eine Neudefinition des Liberalismus in Zeiten des New Deal ist die Einschätzung der internationalen Arbeitsteilung und zunehmenden gegenseitigen Abhängigkeit der nationalen Wirtschaften: Eigentlich seien die Nationalstaaten schon latent dabei, in einer grenzenlosen Weltwirtschaft aufzugehen.

„Es war die historische Sendung des Liberalismus, die Bedeutung der Arbeitsteilung zu entdecken. Seine noch nicht erfüllte Aufgabe ist es, zu zeigen, wie Gesetz und Staatspolitik am besten dieser Produktionsweise anzupassen sind, die die Arbeit der Menschen spezialisiert und damit in zunehmendem Maße eine gegenseitige Abhängigkeit der Einzel- und Gemeinwesen der ganzen Welt voneinander schafft.“38

Damit erhielten die Liberalen endlich wieder eine Vision: nämlich eine grenzenlose Weltwirtschaft, in der alle Bürger dieser Welt gar nicht mehr in der Lage sind, Kriege zu führen, weil das einem Selbstmord gleichkäme. Wo alle Lebensbereiche so eng miteinander verzahnt sind, dass niemand mehr ohne die wirtschaftliche Tätigkeit der anderen auf dem Globus leben kann. Eine friedliche Welt der Arbeitsteilung. Aber definitiv keine demokratische Welt. Hätte man, so Lippmann, in den USA eine Demokratie getreu nach Buchstaben gehabt, wäre man wohl nie so weit gekommen, wie man jetzt war:

„Wären sie39 wirklich im Sinne ihrer konfusen Kritiker ‚Demokraten‛ gewesen, dann wäre Amerika einem Aufruhr und einer Ohnmacht ausgeliefert gewesen, die aus ihm nicht ein Gelobtes Land, sondern ein riesiges Mazedonien gemacht hätte.“40

Und an anderer Stelle:

„Die Amerikaner waren nie von ganzem Herzen der Überzeugung, dass die Demokratie so ganz ohne Gefahr für die Welt sei.“41

„Die Amerikaner“ – wer immer das auch gewesen sein soll.

Wir fassen noch mal zusammen: der Staat soll nach Lippmann durchaus gestalterisch und sozialpolitisch in die Gesellschaft eingreifen. Ein Nachtwächterstaat des Laissez-faire schwebt Lippmann nicht vor. Aber Staat und Eliten sollen ihre Bürger so umbauen, dass sie sich den Anforderungen größerer Arbeitsteilung und verfeinerter Komplexität anpassen können. Am Ende des Anpassungsweges steht, so kann man Lippmanns Äußerungen entnehmen, die Auflösung der Nationalstaaten in einer großen Weltgesellschaft. Ein bisschen Demokratie ist dort vorgesehen, aber bitte nicht zu viel.

Und wie alle wirklich einflussreichen Texte der Weltgeschichte lässt auch Lippmanns Good Society viele Fragen unbeantwortet, was den unterschiedlichsten Fraktionen Platz lässt, ihn für sich zu reklamieren.

Mont Pèlerin Society: Der totale Sieg der Saurier

Lippmanns Good Society löst ein Pfingstwunder aus. Die in alle Welt zerstreuten demoralisierten Wirtschaftsliberalen entwickeln plötzlich ein neues Sendungsbewusstsein.

Schon im August des Jahres 1938 lädt der Philosoph Louis Rougier Walter Lippmann zu einem Kolloquium nach Paris ein. Und 26 Denker aus Amerika und Europa folgen gerne der Einladung. Aus dem amerikanischen Exil kommt der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek. Aus dem türkischen Exil die Deutschen Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow. Und der neue Messias des Liberalismus Walter Lippmann hält in Paris persönlich das Impulsreferat. Lippmann prägt für die Systeme der Planwirtschaft den griffigen Terminus „Totalitarismus“, und stellt ihm das zusammen geschweißte Begriffspaar „freier Markt – Demokratie“ entgegen. Lippmann ist eben ein begabter Public-Relations-Fachmann.

Dass das neue Baby nicht auf den kompromittierten Namen „Liberalismus“ getauft werden darf, ist Konsens in Paris. Also, wie nun? „Positiver Liberalismus“, oder „Sozialer Liberalismus“? Alexander Rüstow wirft den Begriff „Neoliberalismus“ in die Runde. Der Neoliberalismus soll sich vom alten Liberalismus durch eine neue soziale Sensibilität unterscheiden. Rüstows Vorschlag wird angenommen.

Lippmann in seinem Referat: wir brauchen einen langen Atem. Die Durchsetzung der neuen Heilslehre ist ein „langwieriges Werk“. Sein Zuhörer von Hayek inhaliert Lippmanns Botschaft tief. Einige Jahre später denkt Hayek laut darüber nach, wie der Neoliberalismus in einem generationenübergreifenden Projekt die Oberhoheit oder Hegemonie über die Gesellschaft gewinnen kann. Er beobachtet, wie „sozialistische“ Denker zunächst ein Netzwerk von Intellektuellen gebildet hätten und dann die neue Lehre immer mehr in die Gesellschaft eingesickert sei:

„Die Erfahrung legt nahe, dass, wenn einmal diese Phase erreicht ist, es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis jene Ansichten, die jetzt von Intellektuellen vertreten werden, die vorherrschende Strömung in der Politik darstellen. … Was für den zeitgenössischen Beobachter wie ein Kampf miteinander ringender Interessen erscheint, ist in Wirklichkeit schon lange entschieden als ein Kampf der Ideen in kleinen Zirkeln.“42

Ein grundlegender Mentalitätswandel ist unerlässlich. Hayek stellt fest:

„… dass die wichtigste Veränderung, die weitreichende Regierungskontrolle produziert, eine psychologische Änderung, eine Wandlung im Charakter des Volkes darstellt. Das ist notwendigerweise ein langsamer Prozess, ein Vorgang, der sich nicht über ein paar Jahre erstreckt, sondern möglicherweise über eine oder zwei Generationen. … In dieser langen Sicht müssen wir unsere Aufgabe betrachten. Wir müssen uns mit den Meinungen befassen, die sich verbreiten müssen, wenn eine freie Gesellschaft erhalten oder wiederhergestellt werden soll, nicht mit dem, was im Augenblick durchführbar scheint.“43

Man weiß nun, was zu tun ist. Jedoch kommt der Zweite Weltkrieg dazwischen, und die Neoliberalen können sich einstweilen nicht treffen. Nachdem die Waffen verstummt sind, nimmt Friedrich August von Hayek den Faden wieder auf. Hayek ist ein prominenter Wirtschaftswissenschaftler der so genannten Österreichischen Schule. Diese Fraktion mag staatliche Eingriffe in die Wirtschaft ganz und gar nicht. Mittelpunkt der Österreichischen Schule war Ludwig Edler von Mises. Der hatte in seinem Grundlagenwerk Die Gemeinwirtschaft im Jahre 1922 bereits die Planwirtschaft als nicht praktikabel verurteilt. In der Planwirtschaft werde die Möglichkeit vereitelt, durch freie Preisbildung zu erfahren, wie begehrt und marktfähig eine Ware eigentlich ist. Aufgrund dieser mangelnden Information produziere staatliche Intervention in das Marktgeschehen immer neue Engpässe, auf die der Staat mit erneuten Interventionen reagieren müsse. Staatliche Intervention produziere nur immer mehr Armut – ein Effekt der so genannten Interventionsspirale.

Die Österreichische oder auch Wiener Schule um von Mises war extrem einflussreich, weil zu Füßen des Edlen nicht nur Ökonomen, sondern auch Soziologen und Philosophen saßen: Wittgenstein, Popper, Frege oder auch Albert Einstein.

Hayek war bereits 1931 zur London School of Economics gewechselt und profilierte sich als Gegenspieler von John Maynard Keynes. Im Krieg hatte sich Hayek auf die Linie von Lippmann eingestimmt und in dem Buch The Road to Serfdom – zu Deutsch: Der Weg zur Knechtschaft – dargelegt, dass Faschismus und Nationalsozialismus konsequente Weiterentwicklungen des Sozialismus darstellten.

1947 findet Hayek einen schweizerischen Unternehmer, der ihm das Geld locker macht, um in dem Örtchen Mont Pèlerin in der Nähe des westschweizerischen Ortes Vevey eine Neuauflage des Pariser Treffens von 1938 zu veranstalten. Inspirator Walter Lippmann ist dieses Mal nicht anwesend. Aber Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow sind wieder dabei. Und viele neue Gesichter, zum Beispiel ein kleines Männchen mit Hornbrille – Milton Friedman. Oder ein gewisser Ludwig Erhard, damals noch schlank. Und neben diesem Alfred Müller-Armack. Und ein Weißhaariger mit stechendem Blick durch die Nickelbrille: Walter Eucken. Ein buntes Häuflein also.

Was verbindet diese Leute? Ganz einfach: die Abneigung gegen die Planwirtschaft. Die Planwirtschaft Hitlers und Görings war niedergerungen, ebenso der italienische Faschismus. Dafür breitete sich der Plankommunismus der Sowjetunion weltweit aus, und auch die europäischen Nationen kapitalistischer Prägung unterlagen in der Not der Nachkriegsjahre einer Art von Planwirtschaft, erzwungen durch die Mangelsituation. Das Häuflein Ökonomen auf dem Mont Pèlerin schaute herab auf eine Götterdämmerung des freien Marktes. Das schweißt zunächst einmal zusammen.

Heute sind in der Mont Pelerin Society 500 Wirtschaftsexperten versammelt. Im diskreten Kampf um die Vorherrschaft des Neoliberalismus durchdringen diese Ökonomen unzählige einflussreiche Institutionen weltweit. Aus den zaghaften Abwehrkämpfern gegen die Planwirtschaft ist heute eine angriffslustige Truppe geworden, die die Früchte ihrer zähen generationenübergreifenden Wühlarbeit genießen kann. Und sie hat im Vollzug von Walter Lippmanns Agenda „nichts Geringeres vor als die Umstellung der Menschheit auf eine neue Lebensweise.“

Beobachter des Neoliberalismus stellen fest, dass unter dieser Heilslehre sehr unterschiedliche Positionen versammelt sind. Ist das nun eine Schwäche oder ein Stärke des Neoliberalismus? Die einen sagen, der Neoliberalismus wird an seiner Inkonsistenz zu Grunde gehen. Die anderen sagen, alle Neoliberalen folgen ein und derselben Agenda und haben sich nur aus taktischen Gründen verschieden aufgestellt, nach dem Motto: getrennt marschieren, vereint schlagen.44

Es gab von Anfang an in der Geheimloge des Neoliberalismus, der Mont-Pèlerin-Gesellschaft, neben der gemeinsamen Abneigung gegen jede Form der Planwirtschaft doch auch ganz schwerwiegende Differenzen. Schauen wir uns mal die in letzter Zeit wieder öfter beschworenen Geister des deutschen „Ordoliberalismus“ an. Mit Ludwig Erhard als Wirtschaftsminister hatten wir ja gleich von Anfang der Bundesrepublik an einen waschechten Neoliberalen ganz an der Spitze – und wir haben das über Jahrzehnte gar nicht bemerkt! Unter Erhard ging es den Arbeitern immer besser – viel mehr Lohn und am Samstag nicht mehr arbeiten. Die Renten und die Krankenversicherung baute „der Dicke mit der Zigarre“ aus. Und schwache Betriebe wurden mit Subventionen künstlich am Leben gehalten, um Arbeitsplätze zu retten. Und Mont-Pèlerin-Mitglied Alfred Müller-Armack hat Erhard als dessen Staatssekretär dabei tatkräftig unterstützt.

Die deutschen Mitglieder der ersten Generation in der Mont Pelerin Society unterschieden sich deutlich von ihren österreichischen und amerikanischen „Logenbrüdern“.

Da ist zum Beispiel Wilhelm Röpke. Röpke lehrte unter anderem in Marburg an der Lahn. Als die Nazis kamen, nahm der streitbare Röpke kein Blatt vor den Mund und besetzte dann lieber einen Lehrstuhl an der Universität Istanbul. Dort fühlte er sich allerdings nicht wohl, so dass er 1937 an das Genfer Hochschulinstitut für internationale Studien überwechselte. Nach dem Krieg lehrte er dann wieder in Deutschland.

Röpkes Lehre ist in sich widersprüchlich. Er propagiert einen Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus, einen „ökonomischen Humanismus“. Ganz im Sinne heutiger Globalisierungskritiker fordert Röpke eine dezentrale regionale Wirtschaftsform und hat in diesem Sinne auch gegen die europäische Einigung Stellung bezogen, die nach seiner Meinung von oben aufgepfropft würde, anstatt langsam von unten nach oben zusammen zu wachsen. Der weltmännische Liebhaber italienischer Sportwagen und ausgedehnter Fernreisen pries die idyllische Welt der Landwirtschaft, predigte christliche Nächstenliebe, während er gleichzeitig gegen Sozialhilfe stänkerte.

Röpke war 1960 als Nachfolger von Hayek zum Präsidenten der Mont-Pèlerin-Gesellschaft gewählt worden. Allerdings hatten die Intrigen durch die Marktradikalen um Friedman und Hayek gegen die soften Deutschen ein solches Maß angenommen, dass Röpke schon 1961 wütend den Vorsitz niederlegte und aus der neoliberalen Loge austrat. Damit überließ er den Marktradikalen kampflos das Feld.

Das war sicher nicht schön für seinen Mitstreiter Alexander Rüstow. Denn auch Rüstow unterschied sich in seinen Grundüberzeugungen wesentlich von seinen amerikanischen Mitstreitern. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er im Reichswirtschaftsministerium als Aufseher der Kartelle. Rüstow war schwer frustriert, weil er in seinem Kampf gegen die Kartelle so wenig Unterstützung durch die SPD erhielt. Trotzdem gilt er als der „Vater der Kartellverordnung“ von 1923. Und er lernte Lobbyisten hassen wie die Pest.

Angesichts der Sisyphusarbeit in der Behörde verdiente Rüstow von 1924 an sein Brot lieber als Geschäftsführer in einem Verband für Maschinenbau. 1932 wurde es brenzlig. Um Hitler und seine potenten Geldgeber aus der Wirtschaft von der Macht fernzuhalten, hatte General Kurt von Schleicher eine linke Koalition für eine alternative Regierung zusammengestellt. In der Kabinettsliste war Rüstow, der Kartellknacker, als Wirtschaftsminister vorgesehen. Von Schleicher wurde von den Nazis erschossen. Rüstow zog es vor, nach Istanbul an die dortige Universität zu wechseln. Mit seinem Leidensgenossen Röpke konnte er im türkischen Exil unter den Dämpfen der Wasserpfeifen über einen humanen Kapitalismus für die Zeit nach der Naziherrschaft diskutieren.

Die deutschen Neoliberalen der ersten Stunde waren definitiv aus einem anderen Holz geschnitzt als ihre amerikanischen Mitstreiter. Mit diesen hatten sie lediglich die richtige Erkenntnis gemeinsam, dass man wirtschaftliche Aktivitäten nicht durch Planwirtschaft auf dem Verordnungswege regulieren kann. Nichts jedoch lag Rüstow, Röpke, Erhard oder Müller-Armack ferner, als die deutsche Dreiteilung der Wirtschaft in privatwirtschaftliche, genossenschaftliche und öffentlich-rechtliche Säulen mutwillig zu zertrümmern.

Alexander Rüstow hat immer bedauert, kein Copyright für seine Namensschöpfung „Neoliberalismus“ angemeldet zu haben. Damit gehen jetzt Leute hausieren, die etwas völlig anderes im Sinn haben als der Namensgeber. Von Hayek hielt Rüstow nun gar nichts. So schrieb er an Röpke: Hayek und „sein Meister Mises gehören in Spiritus gesetzt ins Museum als eines der letzten überlebenden Exemplare jener sonst ausgestorbenen Gattung von Liberalen, die die gegenwärtige Katastrophe heraufbeschworen haben.“45 Und Röpke bekräftigte, Hayek und seine Mitstreiter seien „Paleo-Liberale“. „Paleos“ ist altgriechisch und bedeutet so viel wie: „urtümlich, extrem alt“. Also sozusagen: Saurier-Liberalismus. Nun haben aber die Saurier den Neoliberalismus an sich gerissen. Die Saurier haben den totalen Sieg davon getragen.

Von den guten alten Ordoliberalen deutscher Schule ist nichts übrig geblieben. Über den heutigen Zustand der Ordoliberalen oder der Freiburger Schule, wie man diese Fraktion auch nennt, urteilt ein angesehenes Wirtschaftslexikon: „Die Lehren der Freiburger Schule sehen sich heute weniger mit offenen Anfeindungen als vielmehr einer schleichenden Verdrängung oder vereinnahmenden Verharmlosung konfrontiert, die sie wissenschaftlich in den Bereich der Dogmengeschichte und politisch in den Bereich unverbindlicher Sonntagsreden zu verweisen droht.“46

Sturmtruppen für den Nackt-Kapitalismus: Friedman und Co.

Die deutschen Ordoliberalen waren integre Einzelkämpfer und keine taktisch aufeinander abgestimmte Mannschaft, die koordiniert angreift. Sie hatten keine konsistente Philosophie. Jeder Ordoliberale hatte sein ganz persönliches Flickwerk an Theorien ohne Anschlussfähigkeit zu anderen Ordoliberalen. Hinter ihnen stand keine starke Gemeinschaft von Geldgebern und Seilschaften.

Da spielen die amerikanisch-österreichischen Marktradikalen um Hayek und Friedman in einer ganz anderen Liga. Mit der London School of Economics in London und den zehn großen Privatuniversitäten in den USA fanden die Marktradikalen ein gut ausgebautes Netzwerk vor, auf dem sie sich mühelos ausbreiten konnten. Die Mannschaft der Marktradikalen mit ihren Flügelstürmern Hayek und Friedman wurde mit Sponsorengeldern nur so überschüttet. Allein der Unternehmer Richard Mellon Scaife hat für das konservative Rollback der Saurier und ihrer evangelikalen Bündnispartner 600 Millionen Dollar aus seiner Portokasse beigesteuert.47

Doch zunächst gab es einen empfindlichen Rückschlag für die Marktradikalen. Denn in den Sechziger- und Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts besannen sich die Industriestaaten für eine gewisse Zeit auf den Keynesianismus. Nach zwölf Jahren innenpolitischer Abstinenz unter den Präsidenten Truman und Eisenhower geht der für den ermordeten Kennedy ins Amt gelangte Präsident Johnson daran, die Dinge fertig zu stellen, die von Roosevelts New Deal noch liegen geblieben waren: die Sanierung der Slums in den Großstädten; die Gleichberechtigung von Afroamerikanern und Juden – kurzum, die Integration der noch draußen Gebliebenen in die „Great Society“. Dafür wirft der Staat viel Geld in den Wirtschaftskreislauf. Die Neoliberalen um Milton Friedman scharen sich um Johnsons Herausforderer bei der Präsidentschaftswahl 1964, den rechtsradikalen Barry Goldwater. Und wie schon Roosevelt, so gewinnt auch Johnson in einem Erdrutschsieg. Was beweist, dass US-Präsidenten die besten Wahlergebnisse erzielen, wenn sie eine Politik für die Mehrheit der Bevölkerung machen.

In Deutschland muss der neoliberale Bundeskanzler Ludwig Erhard seinen Platz 1966 räumen, unter anderem weil zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine Rezession eintritt, in deren Folge 600 000 Menschen arbeitslos werden, was damals – das mache man sich mal klar – zu großer Beunruhigung führte. Der neue Wirtschaftsminister Karl Schiller kurbelt die Konjunktur mit staatlichen Geldspritzen an, die der Finanzminister und CSU-Rechtsaußen Franz Josef Strauß mit großer Überzeugung bewilligt.

Während dessen wühlen und netzwerken die Marktradikalen unerschrocken weiter. Sie wissen ja, dass sie ihr Ziel vielleicht erst in ein oder zwei Generationen erreichen werden.

Ausgangspunkt ist, wir lernten es schon, die Universität. Denn wieder einmal ist Rockefellers Privatuni in Chicago Ausgangspunkt einer mächtigen Umwälzung. 1946 heuert Milton Friedman an der Rockefeller-Universität an. Friedman ist von Hause aus Monetarist. Er führt die meisten Krisen des Kapitalismus auf eine unsachgemäße Steuerung der Geldmengen durch die Zentralbanken zurück. Ansonsten predigt Friedman: die Wirtschaft funktioniert auch keinen Deut anders als die Natur. Die Natur reguliert sich selber und findet nach jeder Turbulenz von selber wieder ihr Gleichgewicht. Also: am besten gar nicht in das Gleichgewicht der Wirtschaft eingreifen. Dann regelt sich alles wieder von selbst. Und das bedeutet als Empfehlung an die Politik: nichts anderes machen, als das freie Spiel der Kräfte in der Wirtschaft unterstützen; das Eigentum und die Vertragssicherheit garantieren. Der Staat muss sich von allen Staatsbetrieben trennen. Der Staat darf die Wirtschaft nicht mit Finanzspritzen ankurbeln in Zeiten der Rezession. Der Staat darf extreme Einkommensungleichheiten in der Gesellschaft nicht abmildern. Denn all diese und andere staatliche Eingriffe machen das Leiden noch schlimmer.

Glaubt man den enthusiastischen Erzählungen seiner Mitstreiter und Jünger von der Chicago-Uni, so muss der kleine Mann eine elektrisierende Wirkung ausgeübt haben. Als er einmal eine E-Mail von Friedman erhalten habe – so erzählt einer seiner Jünger – habe er sich gefühlt wie Moses auf dem Berg, als Gott ihm über die Schulter gestrichen habe. Friedman versteht es, seine simplen Weisheiten in populären Büchern und Fernsehsendungen den Menschen draußen im Lande schmackhaft zu machen.

Das generationenübergreifende Projekt des Marktradikalismus, von dem Hayek schon gesprochen hat, spult sich mit planmäßiger Genauigkeit von der Universität Chicago und der Mont-Pèlerin-Gesellschaft aus ab: Man muss zunächst in einer überschaubaren nationalen Wirtschaft empirisch testen, ob Friedmans Nackt-Kapitalismus wirklich funktioniert, oder ob man noch ein wenig daran feilen muss. Um sodann das marktradikale Modell weltweit durchzusetzen.

Als Versuchskaninchen sind die Bürger des lateinamerikanischen Staates Chile ausgewählt worden. In aller Ruhe werden an der Universität Chicago in den Fünfziger- und Sechzigerjahren chilenische Nachwuchsökonomen ausgebildet. Die Katholische Universität von Santiago de Chile fungiert als Partneruniversität, wo die marktradikalen Kader sich durch weitere Studenten multiplizieren. Der Putsch am 11. September 1973 wird allgemein als geostrategische Eindämmung gegen einen Linksruck Lateinamerikas interpretiert. Das mag richtig sein. Viel wichtiger ist aber, dass die Diktatur unter General Pinochet das Volk der Chilenen stillhält, um ungestört ein marktradikales Laborexperiment durchzuführen. Eine brutale Vergewaltigung und Demütigung.

Es wird in der Pinochet-Ära weit über jede Schmerzgrenze hinaus privatisiert. Die Schutzzölle, mit denen die Chilenen sich unabhängig machen wollten von der Dominanz der nördlichen Industriestaaten, werden auf ein Minimum heruntergefahren. Ein Fall von Zwangs-Globalisierung. Das auf dem deutschen Prinzip der Umlagefinanzierung basierende Rentensystem wird auf Kapitaldeckung umgestellt, um dem internationalen Finanzkapital neues Risikogeld zuzuführen.

Milton Friedman jubelt: eine faschistische Junta lässt Freihandel zu! Und er besucht Pinochet. Auch Hayek besucht den General. Eine Regionaltagung der Mont Pelerin Society findet in Pinochets Chile statt, und Hayek sagt dort:

„Eine freie Gesellschaft benötigt eine bestimmte Moral, die sich letztlich auf die Erhaltung des Lebens beschränkt: nicht auf die Erhaltung allen Lebens, denn es könnte notwendig werden, das eine oder andere Leben zu opfern zugunsten der Rettung einer größeren Anzahl anderen Lebens. Die einzig gültigen moralischen Maßstäbe für die ‚Kalkulation des Lebens‘ können daher nur sein: das Privateigentum und der Vertrag.“48

Nachdem die Marktradikalen ihre Experimente an lebenden wehrlosen Opfern gemacht haben, stellt man fest: die angerichteten Verwüstungen führen nicht automatisch zum vollständigen Exitus der nationalen Wirtschaft. Nun werden die Versuche in Großbritannien durch Maggie Thatcher und in den USA unter Ronald Reagan durchgezogen – mit den allseits bekannten Ergebnissen.

Nur Deutschland erweist sich nach wie vor als harte Nuss für die Marktradikalen. Zu stark sind in Deutschland die genossenschaftlichen und öffentlich-rechtlichen Strukturen. Wir haben aber schon im vorherigen Kapitel gesehen, wie die Marktradikalen die gewachsenen Strukturen der Solidarität infiltrieren, um durch geplanten Missbrauch diese Einrichtungen in den Ruin zu treiben.

Transatlantische Netzwerke und marktradikale Seilschaften sind nicht hundertprozentig identisch. Die keynesianische Episode in den Sechziger- und Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts wurde von den transatlantischen Netzwerken durchaus mitgetragen und nach außen hin vertreten. Augenblicklich finden wir aber eine beinahe hundertprozentige Übereinstimmung von Neoliberalen und Transatlantikern vor. Nur der Wirtschaftsnobelpreisträger und Princeton-Ökonom Paul Krugman hält zu Keynes und ist trotzdem in David Rockefellers Lobbyzirkel „Group of Thirty“ vertreten.

Nachdem wir nun gesehen haben, wie unterschiedlich angloamerikanische und kontinentaleuropäische Demokratien funktionieren, beleuchten wir im nächsten Kapitel die gleichermaßen elitären wie diskreten Netzwerke angloamerikanischer Governance.

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22 декабря 2024
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261 стр. 2 иллюстрации
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9783939816249
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