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Hermann Bauer
Grillparzerkomplott
Wiener Kaffeehauskrimi

Zum Buch
Kaffeehausdoppel Oberkellner Leopolds Freund David Panozzo trägt im Zuge seiner neuen Arbeit als Ober im Café Schopenhauer der gehbehinderten ehemaligen Schauspielerin Katja Winkler ihre Einkäufe in die Wohnung. Dabei findet er ihre Leiche. Er wird vom Mörder niedergeschlagen und gerät unter Mordverdacht, als er nach einer kurzen Ohnmacht panisch reißaus nimmt. Auf Bitte von Oberinspektor Juricek springt Leopold im Schopenhauer für David ein. Er arbeitet nun in zwei Kaffeehäusern gleichzeitig, um dessen Unschuld zu beweisen. Katjas schauspielerische und private Vergangenheit beschäftigt Leopold dabei ebenso wie die fragwürdigen Umstände, die zu ihrer Verletzung führten. Rasch machen sich einige Schopenhauer-Gäste verdächtig. Außerdem erfährt Leopold von einem Telefonat, das David mithörte, und in dem Katja mit einer »Grillparzer-Geschichte« in Verbindung gebracht wird. Ist es die entscheidende Spur? Leopold ist davon überzeugt, doch der Mörder bleibt nicht untätig …
Hermann Bauer wurde 1954 in Wien geboren. Dreißig wichtige Jahre seines Lebens verbrachte er im Bezirk Floridsdorf. Bereits während seiner Schulzeit begann er, sich für Billard, Tarock und das nahe gelegene Kaffeehaus, das Café Fichtl zu interessieren, dessen Stammgast Bauer lange blieb. Von 1983 bis Anfang 2019 unterrichtete er Deutsch und Englisch an der BHAK Wien 10. Er wirkte in 13 Aufführungen der Theatergruppe seiner Schule mit. Als Herman Bauer 1993 seine Frau Andrea heiratete, verließ er ihr zuliebe seinen Heimatbezirk. Im Jahr 2008 erschien sein erster Kriminalroman »Fernwehträume«, dem zwölf weitere Krimis um das fiktive Floridsdorfer Café Heller und seinen Oberkellner Leopold folgten. »Grillparzerkomplott« ist der 13. Kaffeehauskrimi des Autors.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Das wunderschöne Alt-Wiener Café Schopenhauer in der Staudgasse 1 im 18. Wiener Gemeindebezirk Währing nahe der Volksoper gibt es jedoch wirklich und ist einen Besuch wert.
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Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Senta Wagner, Wien
ISBN 978-3-8392-6582-6
Widmung
Für Martin Berger, der mir die entscheidende Idee
zu diesem Buch gegeben hat.
Kapitel 1
Montag, 8. Oktober, bis Donnerstag, 11. Oktober
Leopold W. Hofer saß im Kaffeehaus und ließ sich sein Frühstück munden. Er bestrich eine Semmel mit Butter und Marmelade und nahm zwischendurch einen Schluck vom Kaffee. Allerdings tat er dies nicht im Café Heller in Floridsdorf, wo er als Oberkellner arbeitete, sondern im Café Schopenhauer auf der anderen Seite der Donau, im 18. Wiener Gemeindebezirk Währing, in der Nähe des Gürtels. Dementsprechend handelte es sich um ein Schopenhauer-Frühstück: zwei Gebäck, Eierspeise mit zwei Eiern, Schinken, Käse, Salami, hausgemachter Aufstrich, hausgemachte Marmelade, Butter, frisches Gemüse und 1/8 Orangensaft.
Wenn Leopold seinen Heimatbezirk verließ und noch dazu die Donau überquerte, musste das einen bestimmten Grund haben, denn so etwas kam nicht oft vor. Er besuchte David Panozzo, den er durch die glücklose Beziehung seines Freundes Thomas Korber zu dessen Mutter Christa kennengelernt hatte. David arbeitete seit Kurzem als Ober im Schopenhauer, und Leopold hatte ihm zu dieser Stellung verholfen. Er kannte Moritz Bäcker, den Seniorchef des Kaffeehauses und Vater des jetzigen Chefs Herbert Bäcker von früher. David, der seine Ausbildung abgebrochen und zuletzt im Hotel Floridus als Rezeptionist gejobbt hatte, hatte eine Arbeit mit angenehmeren Dienstzeiten ohne Nachtschicht gesucht. Da hatte Leopold bei Moritz Bäcker ein gutes Wort für ihn eingelegt, als er gehört hatte, dass man im Schopenhauer nach einem Oberkellner Ausschau hielt.
»Du solltest hier ein wenig länger bleiben als im Hotel«, machte er David aufmerksam, als der ihm die Eierspeise brachte. »Sonst hab ich eine schlechte Nachrede.«
»Auf jeden Fall«, bestätigte David. »Hier komme ich vor Mitternacht von der Arbeit nach Hause und habe damit viel mehr Zeit für mein Privatleben.« Er stellte dabei Salz- und Pfefferstreuer vor Leopold hin.
»Du bist ein wankelmütiger Geist«, erinnerte Leopold ihn. »Lang hast du’s noch nirgendwo ausgehalten.«
David zuckte mit den Achseln. »Mir gefällt’s hier gut«, bemerkte er. »Ich habe sehr nette Kolleginnen und Kollegen, und der Chef kümmert sich in geradezu rührender Weise um mich.«
Leopold nickte. Herbert Bäcker hatte also wie sein Vater früher immer ein offenes Ohr für die Sorgen seines Personals. »Und die Gäste?«, fragte er neugierig.
»Erste Klasse«, geriet David sofort ins Schwärmen. »Das Schopenhauer hat halt eine ganz andere Lage als das Heller. Das Cottageviertel mit seinen Villen ist nicht weit weg, und auf der anderen Seite vom Gürtel befindet sich die traditionsreiche Volksoper. Gleich nebenan haben wir das Evangelische Krankenhaus mit seinen Ärzten und Patienten. Da kommt einiges an anspruchsvollem Publikum zustande.«
»Anspruchsvoll?« Leopold zog die Augenbrauen in die Höhe. »Wie äußert sich denn das?«
»Bei der Zubereitung der Speisen etwa sind manche sehr heikel«, erklärte David. »Nehmen wir zum Beispiel das beliebte Ham and Eggs. Die einen wollen den Dotter der Spiegeleier ganz weich, sodass sie wie ein Pudding schwabbeln, die anderen fester und mit milchiger Farbe. Oder die Gulaschsuppe: Manche mögen sie ganz heiß, andere auf Körpertemperatur, damit sie sich nicht den Mund verbrennen. Bei uns musst du wirklich bei jedem Stammgast wissen, was zu tun ist, um ihn zu verwöhnen, sonst kommt er gleich ein paar Tage nicht.«
»Bei uns haben die Leute auch ihre Extrawürste«, entgegnete Leopold. »Aber das mit der Suppentemperatur finde ich überkandidelt. Wenn sie zu heiß ist, kann man sie ein paar Minuten auskühlen lassen. Wo liegt das Problem? Bei uns hat sich einmal ein Gast über den Kaffee beschwert und auch etwas von Körpertemperatur erwähnt. Ich habe ihm vorgeschlagen, dass ich seinen kleinen Braunen für eine halbe Minute in meinen Mund nehme und dann in seine Tasse zurückbefördere, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Das hat ihm dann auch nicht gepasst.«
David musste lachen. »Das war aber nicht sehr aufmerksam. Du solltest dich in solchen Fällen ein wenig mehr bemühen.«
»Das ist mir viel zu anstrengend!«
»Aber es gehört nun einmal zu unserem Beruf. Ist es nicht schön, als freundlicher Oberkellner seinen Gästen jeden nur erdenklichen Wunsch von den Augen abzulesen?«
»Genau das Gegenteil ist richtig«, widersprach Leopold. »Du musst als Ober einen grantigen Eindruck machen und für eine Ordnung sorgen, die dir genehm ist, sonst glauben deine Gäste, sie können dich mit ihren Extrawünschen terrorisieren. Und kommen tun sie alle wieder, weil’s woanders nicht besser ist. Letztendlich ist alles eine Frage der Erziehung.«
»Das ist halt der Unterschied zwischen einem Café wie dem Heller in der Vorstadt und dem Schopenhauer«, merkte David an.
»Ach was«, tat Leopold seine Worte ab. »In einem sind sich alle Kaffeehäuser gleich: In ihnen verkehren oft äußerst seltsame und närrische Typen, denen man nicht immer gleich nachgeben muss.« Er fixierte dabei einen verwirrt aussehenden Mann mit zerzaustem Haar in einfacher, aber sauberer Kleidung. Er setzte sich, ohne aufzublicken, an einen freien Tisch und summte in schrecklich falschen Tönen immer dieselbe Melodie.
»Das ist Herr Burckhardt«, gab David Auskunft. »Ein äußerst genügsamer Mensch. Ein kleiner Brauner und jede halbe Stunde ein frisches Glas Wasser dazu.«
»Mag sein«, konzedierte Leopold. »Aber dieses furchtbare Gesumme hält man ja kaum aus.«
David machte eine wegwerfende Handbewegung. »In genau fünf Minuten hört er damit auf«, informierte er seinen Freund. »Das kannst du auf deiner Uhr stoppen.«
*
Einige Stunden später – es war schon Nachmittag und Leopold war längst zu seinem Dienstantritt im Heller aufgebrochen – betrat eine ältere, gut aussehende Dame mit gewelltem halblangem Haar, das leicht ergraut war, das Schopenhauer. Sie wusste sich zu kleiden und herzurichten. Ihr dunkelblaues Kostüm wirkte elegant, aber unauffällig. Die Schminke nahm dem Gesicht nichts von seiner Natürlichkeit. Nur mit dem Gehen tat sie sich etwas schwer. Deshalb setzte sie sich gleich an den ersten freien Tisch neben der Tür.
Sie bestellte ein Glas Rotwein. Ein paar Gäste blickten auf und nickten ihr grüßend zu. »Hallo, Katja, wie geht’s?«, rief ein schon weißhaariger, aber sportlich wirkender Mann mit leicht anzüglichem Ton in der Stimme.
Katja Winkler reagierte nicht darauf. Sie hatte offenbar nicht die Absicht, sich länger im Kaffeehaus aufzuhalten. Zügig leerte sie ihr Glas und rief David zum Zahlen. »Ach«, fragte sie dabei wie beiläufig. »Wären Sie wieder so nett, mir meinen Einkauf aus dem Supermarkt in die Wohnung zu bringen?«
David nickte: »Selbstverständlich, gnädige Frau. Ich habe ohnehin gleich Dienstschluss.«
»Dann bis später«, sagte sie und ging.
David hatte Katja Winkler vor einigen Tagen schon einmal diesen Dienst erwiesen. Es war offenbar eine Marotte von ihr, sich die Sachen nicht vom Supermarktpersonal, sondern einem Kaffeehausober nach Hause befördern zu lassen. »Ein Oberkellner wie Sie ist wohlerzogen und hat gutes Benehmen, was man von einem dahergelaufenen Verkäufer nicht behaupten kann«, hatte sie zu David gesagt und ihm dabei fünf Euro Trinkgeld zugesteckt. Warum sollte er ihr nicht noch einmal den Gefallen tun? Sie wirkte sympathisch und hatte immer noch eine faszinierende Ausstrahlung. Wie David erfahren hatte, war sie als Schauspielerin an vielen Bühnen Wiens beschäftigt gewesen. Jetzt wollten halt ihre Füße nicht mehr so richtig. Und sie wohnte im zweiten Stock ohne Lift.
Also holte David Frau Winklers Waren im Supermarkt ab, trug sie zu ihrer Wohnungstür und läutete. Sie öffnete in einem schlichten Hausanzug, in den sie sich mittlerweile umgezogen hatte. »Kommen Sie doch auf einen Sprung herein«, bat sie ihn.
»Eigentlich habe ich einen dringenden Weg«, behauptete David. Das stimmte zwar nicht, aber er verspürte keine Lust, der Einladung Folge zu leisten.
»Ist er wirklich sooo dringend?«, versuchte Katja, ihn zum Bleiben zu überreden. »Trinken Sie doch ein Glas mit mir, das dauert nicht lange.« Am Wohnzimmertisch stand eine offene und bereits halb leere Rotweinflasche, an der sie sich gütlich tat. Sie nahm ein zweites Glas aus dem Schrank.
»Sehr aufmerksam, aber ich fürchte, das geht sich nicht aus«, versuchte David, standhaft zu bleiben.
Plötzlich hatte Katja einen Zehn-Euro-Schein in der Hand. »Ich bin bereit, Sie für Ihre Hilfsbereitschaft anständig zu entlohnen«, lockte sie ihn. »Und es wird noch mehr Geld, wenn Sie mir ein wenig Gesellschaft leisten. Sie gefallen mir! Sie sind so ein netter junger Mann.«
Widerwillig setzte sich David zu ihr. Er fühlte sich so gar nicht geeignet als Tröster einsamer Herzen, die ihre Lebensmitte bereits überschritten hatten.
»Ich kann Ihnen genug zahlen, wenn Sie mir den einen oder anderen Wunsch erfüllen«, fuhr Katja fort. »Ich habe Geld, und Schmuck besitze ich auch nicht zu knapp. Wollen Sie sich überzeugen? Sie brauchen nur den Safe im Schrank drüben zu öffnen.« Sie steckte ihm einen Zettel mit dem Code zu.
»Ich glaube, ich gehe jetzt doch lieber!« David fühlte sich unwohl und stand wieder auf.
»Aber, aber! Nur keinen Genierer! Schauen Sie sich in Ruhe die prächtigen Halsketten, Armbänder und Ringe an. Vielleicht ist etwas für Ihre Freundin dabei«, bearbeitete Katja ihn.
»Ich habe keine Freundin«, gestand David. Er öffnete den Safe nun doch, weil er neugierig geworden war. Die Schmuckstücke waren wirklich eine Augenweide.
»Umso besser! Dann können Sie sich aussuchen, wem Sie es schenken«, ließ Katja nicht locker.
David besann sich. »Ich denke, ich mag nichts davon«, erklärte er.
»Das ist aber schade. Dann geben Sie die Stücke zurück in den Safe. Jetzt wissen Sie ja, wo sie sind. Sie können jederzeit etwas davon haben«, offerierte Katja Winkler ihm. »Sie haben ja noch gar nichts getrunken«, warf sie ihm dann vor.
Um nicht unhöflich zu erscheinen, nahm David einen Schluck von dem Wein, während Katja ihm zuprostete. »Warum haben Sie eigentlich keine Freundin?«, fragte sie ihn. »Sie haben gute Manieren und sehen blendend aus. Sogar mein altes Herz bringen Sie durcheinander.« Sie fuhr mit der Hand durch sein Haar, dann streichelte sie über seine Wange. »Bist du etwa unerfahren?«, hauchte sie ihm dabei ins Ohr. »Wahrscheinlich bist du viel zu rücksichtsvoll für die Damenwelt von heute. Trau dich ruhig. Ich kann dir vieles zeigen, was du später einmal gut gebrauchen kannst.«
Ihre Lippen waren plötzlich nah den seinen. David sprang wie von der Tarantel gestochen auf und stürzte den Inhalt seines Glases hinunter. »Ich muss jetzt wirklich«, stieß er hervor. »Ich habe noch einen Weg, und …«
»Du brauchst mir nichts zu erklären, ich kenne mich schon aus«, lächelte ihn Katja Winkler lasziv an. »Du musst erst deine Schüchternheit ablegen, das geht nicht von heute auf morgen. Vielleicht hast du das nächste Mal länger Zeit. Wie wär’s mit einem kleinen Vorschuss?«
Katja war es gelungen, David vollends aus der Fassung zu bringen. Er hatte nur noch einen Gedanken, nämlich, schnellstmöglich aus ihrer Wohnung zu kommen. »Warte, ich habe abgesperrt«, rief sie ihm nach. Beim Öffnen der Tür legte sie noch einmal ihre Hand auf die seine. »Du hilfst mir doch wieder?«, fragte sie ihn dabei.
David nickte, ehe er die Treppe hinunterhuschte. So merkwürdig sich Katja Winkler ihm gegenüber heute verhalten hatte – richtig anlassig war sie gewesen –, so sehr war es seine Pflicht als Oberkellner des Café Schopenhauer, die Wünsche seiner Stammgäste zu erfüllen. Wenn er Frau Winkler die Einkäufe hinauf zu ihrer Wohnung brachte, handelte es sich um keine private Gefälligkeit, sondern gehörte zu den Erfordernissen seines Berufs. Beim nächsten Mal würde er die Einkäufe im Vorzimmer abstellen und damit eine peinliche Situation wie soeben vermeiden.
Aus Gewohnheit griff er in seine Sakkotaschen, als er das Haus verließ. Dabei machte er eine Entdeckung, die ihn nicht sonderlich erfreute. Katja Winkler hatte ihm doch tatsächlich eine ihrer Halsketten zugesteckt, die zudem wertvoll aussah. Für einen Augenblick überlegte er umzudrehen und noch einmal hinaufzulaufen. Dann aber verwarf er den Gedanken. Es würde bloß zu einer Debatte und weiteren Anzüglichkeiten führen. Sicher würde David bald wieder von Frau Winkler gebeten werden, ihre Einkäufe aus dem Supermarkt zu holen. Da konnte er ihr die Halskette dann zurückgeben.
*
Als Leopold sich das Mascherl zum Zeichen seines Dienstantrittes im Café Heller richtete, atmete er einmal kräftig durch. Er war wieder in der Heimat angekommen. Der Besuch im Schopenhauer war ja schön gewesen und das Frühstück hatte ausgezeichnet gemundet, aber nach so einem Ausflug lernte man die eigene Arbeitsstätte wieder zu schätzen. David Panozzo mochte sich von manchem Gast mit seinen Sonderwünschen terrorisieren lassen. Es war seine Angelegenheit, ob er die Gulaschsuppe jedes Mal mit einem Thermometer kontrollierte, ehe er sie servierte. Hier im Heller hatte Leopold dafür gesorgt, dass eine Ordnung herrschte, die gewährleistete, dass es in erster Linie nach seinen Wünschen ging. Man musste seine Gäste erziehen, damit sie sich darauf einstellten, was man von einem Oberkellner verlangen konnte. Darin bestand die hohe Kunst dieses Berufsstandes.
Frau Heller holte ihn aus seinen Gedanken. »Na, wie war’s? Kommt David gut zurecht?«, erkundigte sie sich bei ihm.
»Er hat sich schon recht ordentlich eingelebt«, antwortete Leopold.
»War der Moritz auch da?«
»Nein, Frau Sidonie. Ich glaub, der geht nicht mehr so oft ins G’schäft. Macht jetzt alles der Herbert.«
Leopold schmunzelte. Auf diese Frage hatte er gewartet. Frau Heller hatte ja angeblich, noch bevor er seine Tätigkeit als Oberkellner in ihrem Kaffeehaus begonnen hatte, ein Pantscherl mit Moritz Bäcker gehabt. Sie soll damals allerdings bereits mit Herrn Heller liiert gewesen sein.
»Aber er muss doch ein bisserl auf die alten Stammgäste schauen«, bemerkte Frau Heller. »Und seinem Sohn würde es auch nicht schaden, wenn ihm der Moritz unter die Arme greifen würde.«
»Die jungen Leute haben das heutzutage nicht so gern«, erwiderte Leopold, wobei ihm einfiel, dass Herbert Bäcker auch schon die 40 überschritten hatte. »Außerdem läuft das Geschäft, glaube ich, recht gut.«
Jetzt war Frau Heller hellwach. »Besser als bei uns?«, erkundigte sie sich.
»Das kann ich nicht beurteilen«, antwortete Leopold ausweichend. »Sie erfüllen ihren Gästen im Schopenhauer halt jeden Wunsch.« Dabei verdrehte er seine Augen missbilligend nach oben zur Decke.
»Aber das tun wir doch auch«, behauptete Frau Heller.
»Wenn es sich tatsächlich um einen Wunsch handelt«, stellte Leopold klar. »Meistens sind es ja nur Einbildungen: Wie weich ein Ei zu sein hat und welche Kaffeetemperatur gerade angenehm erscheint. Das ist Firlefanz und davon abhängig, mit welchem Fuß die Leute aufgestanden sind. Auf so etwas kann man keine Rücksicht nehmen, sonst ist die ganze schöne Ordnung zum Teufel.«
»Sie könnten sich ruhig ein wenig mehr bemühen«, wies ihn Frau Heller zurecht.
»Bei einem wirklichen Wunsch, wohlgemerkt«, beharrte Leopold. »Wenn ein Gast zum Beispiel gerade flach ist und mich um einen Fünfziger anschnorrt, habe ich noch nie Nein gesagt. In so einer Situation möchte ich einmal den David sehen, der selbst kein Geld eingesteckt hat. Oder wenn jemand wünscht, dass ich seiner Frau erzähle, er sei am Vortag hier gewesen, obwohl er sich gerade bei seiner Freundin aufgehalten hat …«
»Von Ihren zwielichtigen Arrangements möchte ich gar nichts wissen«, schnitt ihm Frau Heller das Wort ab. »Mir geht es darum, dass Sie freundlicher zu unseren Gästen sind. Unlängst hat sich etwa der Herr Emmerich beschwert, dass Sie ihn erst nach einer Viertelstunde bedient haben.«
»Er war selber schuld. Er ist ganz ungünstig gesessen«, rechtfertigte Leopold sich. »Alle anderen Gäste waren an den Tischen neben der Theke versammelt. Der Herr Emmerich hat sich im hintersten Winkel platziert, wohin man den doppelten Weg gehen muss, obwohl es gar nicht notwendig war.«
»Wollen Sie den Leuten etwa vorschreiben, wo sie zu sitzen haben?«, fragte Frau Heller gereizt.
»Immer bei der Schar«, antwortete Leopold achselzuckend.
Frau Heller wollte zu einer längeren Tirade ansetzen, da vernahmen ihre Ohren das irritierende Geräusch einer mit Inbrunst, aber völlig falsch gesummten Melodie. Leopold kamen diese Töne bekannt vor. Er hatte sie heute schon einmal gehört. Im Schopenhauer. Tatsächlich erspähte er aus dem Augenwinkel denselben zerzausten Herrn, nur diesmal im Heller.
»Der vertreibt mir ja alle Gäste«, mokierte sich Frau Heller. »Sagen Sie ihm, dass er sofort damit aufhören soll.«
»In fünf Minuten ist Schluss, das können Sie mit Ihrer Uhr stoppen«, informierte Leopold sie. »Kleiner Brauner?«, wandte er sich dann an Herrn Burckhardt.
Der nickte und summte in aller Seelenruhe weiter, sodass sich bereits ein paar Leute umdrehten. Erst als ihm Leopold seinen Kaffee brachte, hörte er auf.
»Gehen Sie mit Ihrem Lied jetzt von Kaffeehaus zu Kaffeehaus auf Tournee?«, konnte sich Leopold einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen.
»Was meinen Sie?«, reagierte Burckhardt irritiert.
»Ich hab Sie heute schon einmal gehört, nämlich im Schopenhauer«, klärte Leopold ihn auf.
»Das Schopenhauer ist mein Stammcafé. Dass ich heute hier bin, ist reiner Zufall«, erklärte Burckhardt barsch. »Und jetzt lassen Sie mich bitte in Ruhe!« Zur Bekräftigung dieses Wunsches summte er kurz zwei Takte.
Dann sollen sie sich im Schopenhauer auch weiterhin mit ihm herumärgern, dachte Leopold bei sich. Er staunte nicht schlecht, als da eine hübsche junge Frau, die aussah, als sei sie Schülerin des benachbarten Gymnasiums, schwungvoll bei der Tür hereinkam und sich mit leicht gerötetem, aber freudigem Gesicht zu Burckhardt gesellte. Sie unterhielt sich rege mit ihm und trank dabei eine Flasche Limonade. Das hatte Leopold diesem zerzausten und verwirrten Kerl nicht zugetraut.
Nach einer Viertelstunde verließen die beiden das Heller. Durch die großen Glasscheiben der Kaffeehausfenster beobachtete Leopold, wie sie in einen dunklen BMW stiegen, mit dem die junge Frau anschließend losfuhr. Ob das Summen nur eine Masche von ihm ist?, fragte er sich. Jedenfalls hat er es faustdick hinter den Ohren. Aber der Erfolg gibt ihm recht.
Kapitel 2
»Ich soll also bei dir leben, bis ich meine Wohnung beziehen kann?«, fragte Sabine Patzak.
»Fällt dir etwas Besseres ein?«, antwortete Thomas Korber mit einer Gegenfrage.
»Ich könnte auch wieder beim Papa wohnen.«
Korber druckste herum. »Bei mir ist es problemloser. Du hast mehr Platz und ein eigenes Zimmer«, führte er ins Treffen. »Außerdem kann dich dein Vater nicht so gut kontrollieren. Der spürt dir sonst wieder auf Schritt und Tritt nach.«
In Wahrheit musste sich Korber eingestehen, dass er in Leopolds Tochter Sabine verliebt war. Wie aus dem Nichts war sie aus ihrem burgenländischen Heimatort Halbturn im Frühsommer in Wien aufgetaucht, um Leopold nach 21 Jahren mitzuteilen, dass er ihr Vater sei. Leopold hatte es zunächst nicht geglaubt, dann aber starke väterliche Gefühle für sie entwickelt. Mit seinem Freund, dem Gymnasiallehrer Thomas Korber, hatte sie sich ohne sein Wissen auf eine kurze Affäre eingelassen, ehe sie wieder nach Hause gefahren war. Nun war sie Anfang Oktober zurückgekehrt. Sie hatte an der Universität Wien inskribiert, um ein Lehramtsstudium für Deutsch und Englisch zu absolvieren. Ob sie bis zum Bezug ihrer ständigen Bleibe bei Korber wohnen wollte, wie es beide vor ihrem Abschied noch angedacht hatten, dessen war sie sich nicht mehr so sicher.
»Ich weiß nicht«, sagte sie. »Wenn der Papa da draufkommt!«
»Dann kommt er eben drauf. Du bist erwachsen und kannst tun und lassen, was du willst«, versuchte Korber weiterhin, sie zu überreden.
»So einfach ist es nicht«, konterte Sabine.
»Vor einer Woche am Telefon waren wir uns noch einig«, erinnerte Korber sie.
»Ich fühle mich schäbig. Ich hätte Papa darüber informieren müssen, dass ich zum Studieren nach Wien komme«, plagten Sabine Gewissensbisse.
»Als du das letzte Mal hier warst, hat er nicht einmal gewusst, dass du seine Tochter bist«, gab ihr Korber zu bedenken. »Da hast du dir auch keine Vorwürfe gemacht.«
Beide standen noch immer im Vorzimmer von Korbers Wohnung, wo Sabine Patzak ihre Reisetasche vorläufig abgestellt hatte. »Im Augenblick ist alles ungewohnt. Bei Erika und beim Papa habe ich mich damals schnell eingelebt«, überlegte sie.
»Mein Vorschlag: Du bleibst fürs Erste hier«, drängte Korber auf eine Entscheidung. »Du kannst immer noch zu Erika und Leopold wechseln.«
»Und ihnen sagen, dass ich von dir komme?«
»Natürlich nicht! Du hast bei einer Freundin gewohnt, zum Beispiel bei Natalie, mit der du mich bei deinem letzten Aufenthalt besucht hast. Mach doch nicht alles so kompliziert!«
Sabine seufzte. »Papa kommt mit seinem detektivischen Gespür sicher drauf. Dann ist er für alle Ewigkeit auf dich und mich böse. Aber ich riskier’s unter einer Bedingung: Du vergisst, was kurzzeitig zwischen uns war, und wir bilden eine ganz normale Wohngemeinschaft. Dann hole ich meine restlichen Sachen aus Halbturn und ziehe in ein paar Tagen bei dir ein.«
»Selbstverständlich«, stimmte Thomas Korber zu. Er sah ein, dass im Augenblick nicht mehr drin war. So hatte er Sabine wenigstens in seiner Nähe.
Sabine wiederum wusste, dass sie sich auf eine heikle Sache eingelassen hatte. Sie war sich über ihre Gefühle Thomas Korber gegenüber nicht im Klaren. Einerseits mochte sie ihn sehr, andererseits wollte sie sich keinesfalls an ihn binden, schon gar nicht am Beginn eines Studiums. Studentin sein hieß doch, unbegrenzte Freiheiten zu haben und sich einfach auf Erlebnisse und Bekanntschaften einzulassen.
Sie hatte dabei vor, ihren Vater Leopold möglichst oft zu sehen. Sie freute sich schon auf ihn und seine Freundin Erika. Sie freute sich auch auf das Café Heller, in dem er arbeitete. Vielleicht durfte sie dort wieder einmal aushelfen. Und wenn sie Glück hatte, war ihr Vater sogar wieder mit der Aufklärung eines Verbrechens beschäftigt.
*
Katja Winkler saß in ihrem großen Fernsehsessel. Jetzt, wo sie dem Alkohol bereits über das verträgliche Maß zugesprochen hatte, ergriffen die Ereignisse aus der Vergangenheit wieder Besitz von ihren Gedanken. So muss es sein, wenn man stirbt, dachte sie. Das ganze Leben zieht in wenigen Zehntelsekunden an einem vorüber. In diesen Momenten dauerte es freilich etwas länger, und sie musste feststellen, dass ihre Erinnerung lückenhaft war.
Es gab zwei Brennpunkte in ihren Träumereien. Da war einerseits ihre Karriere als Schauspielerin und Bühnenliebling. Im Burgtheater und in der Josefstadt hatte sie nicht gespielt, aber sonst beinahe überall in Wien. Die Leute hatten sie fest ins Herz geschlossen. Der Applaus klang ihr noch immer in den Ohren, und sie roch den Duft der Blumen, die sie von ihren zahlreichen Verehrern bekommen hatte. Viele davon hatten eine oder mehrere Nächte mit ihr verbracht.
Dann der andere Brennpunkt: der Unfall, der komplizierte Bruch. Trotz Operation war der Fuß im Eimer gewesen, die Bühnenkarriere damit beendet. Hätte ich damals nicht gleich sterben können, fragte sie sich. Denn was war aus ihrem Leben anderes geworden als ein einziges Warten auf den Tod? Sie saß in ihrer Wohnung, lebte in der Vergangenheit und schaute sich ihren Schmuck an. Manchmal ging sie ins Schopenhauer, damit sie unter Leute kam. Dort gafften sie dann ein paar ältere Männer an, wenn sie sich allein an einen Tisch setzte. Die Auswahl war nicht gerade berauschend. Katja Winkler war immer noch attraktiv, sie pflegte sich, und der Alkohol hatte kaum sichtbare Spuren hinterlassen. Aber Männer von Qualität bekam sie keine mehr. Sie hatte es zuletzt deutlich bei diesem netten Oberkellner gemerkt.
Freunde oder Bekannte gab es praktisch keine, das Verhältnis zu ihrer Tochter war schlecht, genauso wie das zu ihrem Ex-Mann. Katja meinte deshalb, allen Grund zu haben, auf die Welt böse zu sein und anderen Menschen Böses anzutun. Bei ihren Reisen in die Vergangenheit erinnerte sie sich in erster Linie an Zwistigkeiten, Eifersüchteleien und Zerwürfnisse. Darauf gründete sie ihre Aktivitäten. Hier hatte sie etwas, wo sie anderen Menschen das Leben schwer machen konnte.
Gerechtigkeit durfte man nicht verlangen, niemand hatte Anspruch darauf. Aber jeder Mensch hatte die Möglichkeit, böse Dinge, die ihm widerfahren waren, durch ähnliche Gemeinheiten auszugleichen. Diese Dinge beschäftigten Katja, wenn sie abends zu Hause bei einer Flasche Rotwein saß. Im Kopf war sie noch sehr aktiv, und sie hatte in genug Dramen mitgewirkt, um sich ihre eigenen auszudenken.
Den Betroffenen gefiel das ganz und gar nicht. Aber darauf konnte Katja Winkler keine Rücksicht nehmen. Strafe musste eben sein.
*
Der Wind wurde in diesen Tagen heftig und kühl. Es war der erste Temperatursturz Anfang Oktober, der das Ende des Sommers einläutete und den Herbst ankündigte. Urteilte man nach den Gesichtern der Menschen an diesem Vormittag im Café Schopenhauer, so stand bereits der Winter vor der Tür. Grimmig sahen sie drein, als würden sie gegen eine unmittelbar bevorstehende Erkältung ankämpfen. Mancher trug bereits einen Schal um den Hals. »Ist denn gar nicht eingeheizt?«, fragte ein Glatzkopf mit Drahtbrille und weißem Vollbart vorwurfsvoll.
»Gleich drehen wir die Heizung auf«, beruhigte ihn Herbert Bäcker, wobei er mit ›gleich‹ bewusst ein Adverb mit höchst nebuloser Bedeutung verwendete. Er hatte nicht vor, sich wegen eines griesgrämigen Gastes in Unkosten zu stürzen. Auch ein heißer Tee wärmte.
David Panozzo schaute nicht gern in die Gesichter dieser mieselsüchtigen Gäste. Wo er konnte, wich er ihnen aus. Am liebsten stand er an so einem Tag hinter der Theke und blickte melancholisch zum Fenster hinaus, bis wieder etwas zu tun war.
Dabei schnappte er die Fetzen eines Telefongespräches auf, die ihn die Ohren spitzen ließen: »Sie wärmt schon wieder die alten Sachen auf. … Ja, die ›Grillparzer-Geschichte‹ … Unangenehm. … Katja kann einen bis aufs Blut ärgern. … Aber bei mir kommt sie damit nicht durch.«
War damit etwa Katja Winkler gemeint? Unwillkürlich war es Davids erster Gedanke, dass es um sie ging. Der Mann, der telefonierte, saß weiter vorn mit dem Rücken zu ihm.
»Nein, sie ist nicht gekommen … Gehört wohl zu ihrer Taktik … Ich hätte es mir gleich denken können.« Der Mann redete leise, aber David verstand trotzdem erstaunlich viel. Deshalb, weil ihn die Sache interessierte? Er beugte sich ein wenig nach vorn.
»Du brauchst keine Angst zu haben. … Ich lasse mir das nicht gefallen. … Dieses Mal nicht. … Ich werde ihr das Maul stopfen, ein für alle Mal. …« Der Mann wurde eine Spur heftiger, nahm sich dann jedoch wieder zurück. Für einen Augenblick schien es David, er wolle sich umschauen, ob ihm jemand zuhörte. Schließlich tat er es doch nicht.
Was er sagte, klang für David ziemlich bedrohlich. Ich muss wissen, wer das ist, ging es ihm durch den Kopf. Da stand der Mann auch schon auf und wandte sich zum Gehen. Richtig, er hatte ein paar Minuten vorher bezahlt. Aber wie hatte er ausgesehen? Jetzt rächte sich Davids Gleichgültigkeit den griesgrämigen Gesichtern der Kaffeehausgäste gegenüber. Er konnte sich nur mehr flüchtig an das äußere Erscheinungsbild des Mannes erinnern. Längeres schwarzes Haar, das über den Kragen hing, aber nicht bis zu den Schultern ging, das sah man jetzt noch. Und sonst? Eine dicke Sonnenbrille hatte er auf. Die trugen ja alle Menschen, die etwas zu verbergen hatten. Ein dünner Schnurrbart, die Lippen ebenfalls eher dünn. Das war’s dann auch schon. Alter? Keine 40 mehr, aber sicher noch keine 60. Kleidung? Jetzt dunkelblauer Mantel, vorher vermutlich graues Sakko. Ergab insgesamt keine zufriedenstellende Personenbeschreibung. David hätte sich ohrfeigen können.
Als er nach vor stürmte, um sich den Mann noch einmal genauer anzusehen, war dieser bereits durch die Tür hinaus verschwunden. Leopold hätte sich in einem solchen Fall wahrscheinlich an die Verfolgung gemacht, aber David, der erst seit Kurzem im Schopenhauer arbeitete, konnte sich so etwas nicht leisten. Er musste den Unbekannten wohl oder übel ziehen lassen.
Was blieb, waren Vermutungen über das rätselhafte Gespräch, das er aufgeschnappt hatte. Hatten sie tatsächlich jener älteren Dame gegolten, der David gelegentlich die Einkäufe hinauftrug? Wer wollte ihr Böses und warum? Sollte David ihr etwas darüber mitteilen, wenn er sie das nächste Mal sah? Oder schickte sich das denn doch nicht?
Er beschloss, es auf die Situation ankommen zu lassen. Aber zunächst ergab sich keine Gelegenheit dazu, da sich Katja Winkler während der nächsten Tage nicht im Schopenhauer blicken ließ.
Kapitel 3
Dienstag, 16. Oktober
Dann war sie plötzlich wieder da. Sie wirkte jedoch so desinteressiert, dass David sich nicht traute, ihr etwas über den seltsamen Zwischenfall zu erzählen. Sie trank ein Glas Rotwein, ging gleich wieder und schaute ihn beim Zahlen nicht einmal an.
Am nächsten Tag rief sie vormittags im Schopenhauer an und verlangte David zu sprechen. »Mir geht es schlecht. Ich kann heute nicht ins Kaffeehaus kommen«, eröffnete sie ihm. »Ich habe deshalb eine große Bitte an dich. Ich habe Lebensmittel im Supermarkt bestellt. Wenn du deinen Dienst beendet hast, sind sie fertig zum Abholen. Bring sie mir bitte wie gewohnt in meine Wohnung. Das tust du doch für mich, oder?«
»Selbstverständlich, gnä’ Frau«, zeigte sich David erbötig. »Ich hoffe nur, ich komme nicht ungelegen, wenn Sie sich nicht gut fühlen.«
»Aber geh, du störst doch nie«, versicherte Katja ihm. »Im Gegenteil! Und es soll dein Schaden nicht sein.«
»Machen Sie sich bitte keine Umstände«, beeilte sich David zu sagen. Katjas Worte erinnerten ihn an die Halskette, die er ihr unbedingt zurückgeben musste. Doch davon wollte er am Telefon nichts erwähnen. Er nahm sich stattdessen vor, konsequent zu bleiben, ihr höflich, aber bestimmt mitzuteilen, dass derartige Zuwendungen den erlaubten Rahmen überschritten, und sich von ihr unter keinen Umständen in eine verfängliche Situation bringen zu lassen.
David holte also nach seinem Dienstschluss Katjas Einkäufe aus dem Supermarkt, die dort schon für ihn bereitstanden. Es war deutlich weniger als bei den letzten Malen, aber schließlich fühlte sie sich nicht gut. Da brauchte sie wohl nur das Nötigste. Ob sie bettlägerig war? Beinahe tat sie David ein bisschen leid.
Er ging zu dem Haus in der Semperstraße, das er bereits kannte, läutete an und meldete sich durch die Gegensprechanlage. Sofort wurde ihm aufgemacht. Als er im zweiten Stock ankam, war die Tür bereits offen. Trotzdem klopfte David kurz an, um sich anzukündigen, und trat mit einem »Ich bin’s, Frau Winkler« ein.
Was ihm dabei sofort auffiel, war die merkwürdige Stille in der Wohnung. Vielleicht schlief Katja. Aber nein, das konnte nicht sein, sie hatte ihn doch eben hereingelassen. Egal, er wollte sich nicht lange aufhalten. Eigentlich genügte es, wenn er die Einkaufstasche im Vorzimmer abstellte und wieder ging.
Da erinnerte David sich an die Halskette. Die musste er Katja Winkler noch zurückgeben. Sie sollte wissen, dass er ihr Geschenk nicht annahm. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als kurz ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Es war ihm jedoch unangenehm, in der Wohnung nach ihr zu suchen. »Frau Winkler?«, rief er deshalb fragend.
Als sie nicht antwortete, nahm er sich ein Herz und ging ein paar Schritte weiter. Im Wohnzimmer war alles leer, nicht einmal die übliche Flasche Rotwein stand auf dem Tisch. Also schaute er ins Schlafzimmer daneben. Dort lag sie, aber nicht im Bett, sondern auf dem Boden. War ihr etwa schlecht geworden?
David blickte in den gequälten Ausdruck ihres Gesichtes, die weit aufgerissenen Augen. Es bestand kein Zweifel daran, dass sie tot war. Er wollte sich zu ihr niederbeugen, da spürte er einen Schlag auf den Kopf und ihm wurde schwarz vor den Augen.
*
Als David Panozzo wieder zu sich kam, dröhnte sein Schädel. Für einen Augenblick hoffte er, alles sei nur ein böser Traum gewesen. Doch Katja Winklers Leiche vor ihm belehrte ihn rasch eines Besseren. An den Malen an ihrem Hals erkannte er, dass sie stranguliert worden war. Sie war nur mit einem blauen Morgenmantel, Slip und BH bekleidet.
David fuhr mit der Hand über seinen Kopf. Jemand hatte ihn niedergeschlagen, so viel stand fest – mit aller Wahrscheinlichkeit der Mörder oder die Mörderin. Er oder sie hatte sich offensichtlich noch in der Wohnung befunden, als David mit der Einkaufstasche hereingekommen war, hatte ihm sogar die Tür geöffnet. Ihn schauderte.
Wie lang war er da gelegen? Genau ließ sich das nicht feststellen, da er vorher nicht auf die Zeit geachtet hatte, aber sicher einige Minuten. An der bedrückenden Situation hatte sich jedenfalls nichts geändert. Irgendwo tickte eine Uhr, sonst war es vollkommen still. Katja Winklers Augen starrten ins Leere, und doch kam es David vor, als ob sie ihn fixierten. Ihr Mund, der im entscheidenden Augenblick nicht mehr zum Atemholen gekommen war, sah aus, als hätte er noch etwas sagen wollen, Worte, die nun endgültig erstickt blieben. David Panozzo merkte, wie schwach seine Füße waren. Am liebsten hätte er sich für unbestimmte Zeit wieder auf den Boden gelegt. Er sollte wohl die Polizei verständigen. Aber dazu fehlte ihm der entscheidende Mumm. Wenn er den Notruf betätigte, würde man ihm sicher mitteilen, er solle sich nicht vom Fleck wegrühren, bis die Beamten eingetroffen seien. So lange hielt er es aber allein neben der Leiche nicht aus.
»Wenn Leopold jetzt hier wäre, wäre alles einfacher«, sagte David zu sich. Gemeinsam mit ihm und seinem Kollegen von der Rezeption hatte er im Hotel Floridus schon einmal ein Mordopfer entdeckt. Dabei hatte er sich besser gefühlt. Leopold strahlte in solchen Situationen Ruhe aus und verhielt sich so, als sei das Auffinden eines Toten die selbstverständlichste Sache der Welt. Aber Leopold war im Augenblick nicht hier, er versah seinen Dienst im Café Heller jenseits der Donau. David musste also allein zurechtkommen.
Er schaute nochmals auf die Tote, die mit leerem Blick zurückstarrte. Ihn schwindelte. Er hielt es nicht länger hier aus. Hinaus, war sein einziger Gedanke, zumindest für ein paar Minuten, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
Er lief zur Tür und stand unversehens vor einer sehr jungen Frau, die gerade hereinkam. Sie hatte dunkles Haar, das zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war, und trug einen grauen Pulli, Jeans und Stiefel. »Was tun Sie hier?«, fragte sie nach einer Schrecksekunde.
»Dasselbe würde ich gern von Ihnen wissen«, reagierte David nervös.
»Wo ist meine Mutter?«, kam es resolut von der Frau.
Es handelte sich also um Katja Winklers Tochter. Das machte die Sache auch nicht gerade leichter. »Hören Sie … Sie dürfen sich jetzt nicht aufregen …«, stotterte David, der mit der Situation nun gänzlich überfordert war.
Die junge Frau stieß ihn zur Seite und lief in die Wohnung. Gleich darauf hörte David ihren Aufschrei: »Sie haben sie umgebracht, Sie Mörder!«
Nun verlor David Panozzo endgültig den Kopf. Ohne über die Folgen nachzudenken, rannte er panisch aus der Wohnung, aus dem Haus, auf die Straße.
*
Dort landete er direkt in den Armen von Inspektor Bollek. »Schau an, schau an! Wo kommen Sie denn her?«, wunderte der sich, David wiedererkennend, über die unerwartete Begegnung.
David stammelte unbeholfen: »Ich war in dem Haus … bei einer Bekannten.«
»Und die haben Sie so eilig verlassen?«, meldete sich nun auch Oberinspektor Richard Juricek zu Wort. Raschen Schrittes, sein Markenzeichen – den Sombrero – tief ins Gesicht gezogen, ging er auf David Panozzo zu.
Es half wohl nichts mehr, um den heißen Brei herumzureden. Davids Situation war schlimm genug. Offenbar war die Polizei nicht zufällig da, sondern hatte bereits eine Information bekommen. »Sie ist tot«, räumte er kleinlaut ein.
»So etwas Ähnliches haben wir befürchtet«, teilte ihm Juricek mit und kratzte sich dabei an der Schläfe. »Allerdings nicht, dass Sie damit in Zusammenhang stehen.«
»Ich habe bloß die Leiche gefunden«, verteidigte David sich sofort.
»Sie kommen am besten mit uns hinauf und erklären uns oben alles«, schlug Juricek vor. David war das gar nicht recht, aber es blieb ihm wohl nichts anderes übrig. Als er sich zähneknirschend anschickte mitzugehen, fiel Bollek etwas an ihm auf. Er stieß Juricek an und deutete auf David Panozzos Sakkotasche. Juricek zog seine Augenbrauen in die Höhe. »Was haben wir denn da?«, fragte er. Dann streifte er Handschuhe über und zog sorgfältig einen Nylonstrumpf heraus.
»Wenn der nicht zur Leiche gehört, gehe ich von da zu Fuß nach Hause«, raunte Bollek ihm zu.
David stand wie zur Salzsäule erstarrt da. »Ich kann mir das nicht erklären«, beteuerte er.
Juricek ließ das Beweisstück einpacken und durchsuchte anschließend Davids Taschen genauer. Nun kam auch Katja Winklers Halskette zum Vorschein, die David Panozzo in der Aufregung bei sich behalten hatte, anstatt sie wie geplant zurückzugeben. Alles schien sich gegen ihn zu verschwören. »Wenn die nicht zur Leiche gehört, gehe ich von mir daheim wieder hierher zurück«, frohlockte Bollek.
»Ihr Erklärungsbedarf wird immer größer«, ließ Juricek David wissen. »Aber schauen wir einmal nach oben. Dort sollten wir auf Jennifer Winkler, die Tochter der Toten, treffen.«
Mittlerweile hatten sich auch die ersten Leute von der Spurensicherung eingefunden. Katja Winklers Wohnung, zuerst noch so schrecklich leer, füllte sich rasch mit Leben. Ihre Tochter Jennifer identifizierte David als den Mann, den sie bei ihrer Mutter überrascht hatte. Dann schilderte sie Juricek mit Tränen in den Augen den Ablauf der Dinge aus ihrer Sicht: »Ich bekam eine SMS von meiner Mutter: ›Ruf die Polizei und komm schnell. Bin in Gefahr!‹« Sie zeigte Juricek den Text auf ihrem Handy. »Ich habe sofort die Polizei alarmiert und bin gleich hergefahren. Da ich nicht weit weg war, ist es sehr schnell gegangen und ich bin gerade gekommen, als der Mörder dabei war zu fliehen. Meiner Mutter habe ich leider nicht mehr helfen können.«
»Haben Sie vorher noch versucht, sie telefonisch zu erreichen?«, wollte Juricek wissen.
»Sicher! Aber sie hat nicht abgehoben«, schluchzte Jennifer. »Da wurde ich richtig panisch.«
»Kennen Sie den Mann, der Ihnen in der Wohnung begegnet ist?«
»Ich habe ihn noch nie in meinem Leben gesehen.«
»Wieso sind Sie dann zu dem Schluss gekommen, dass er der Täter ist?«
»Wer sollte es sonst sein? Er hat sich mehr als verdächtig benommen.«
Juricek musterte Jennifer. Sie war noch keine 20 Jahre alt. »Wohnen Sie noch bei Ihren Eltern?«, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf. »Zum einen sind meine Eltern geschieden, zum anderen bin ich im Sommer endgültig von hier ausgezogen«, sagte sie, nun schon etwas gefasster. »Aber ich habe natürlich noch einen Schlüssel.«
»Sie leben allein?«
»Ja, in der Wohnung meiner Großtante Erna in Floridsdorf, die im Frühjahr leider verstorben ist. Ich war vorher schon mehr bei ihr als bei meiner Mutter. Es ist praktisch, weil ich dort ins Gymnasium gehe und im Sommer die Matura mache.«
Respekt, dachte Juricek. Patentes Mädel. Geht noch zur Schule, hat aber bereits eine eigene Bleibe und fährt mit dem Auto durch die Gegend. »Sie hatten also nur mehr losen Kontakt zu Ihrer Mutter?«, forschte er.
»Bitte fragen Sie mich nicht so viel«, jammerte Jennifer. »Sehen Sie nicht, in welchem Zustand ich bin? Meine Mutter ist gerade gestorben. Egal, wie oft ich sie in letzter Zeit gesehen habe und wie gut wir uns vertragen haben, sie war meine Mutter. Sie haben den Mörder doch schon. Ich verstehe gar nicht, warum Sie so viel von mir wissen wollen.«
Juricek hatte ein Einsehen. »Davon, dass der Fall bereits gelöst ist, kann keine Rede sein«, informierte er Jennifer. »Aber wenn Sie möchten, setzen wir die Befragung später fort. Denken Sie vor allem darüber nach, mit wem Ihre Mutter häufigen Umgang pflegte, ob sie Feinde hatte, ob Sie sich an etwas erinnern, was Sie mit dem Mord in Zusammenhang bringen können. Sie müssen sich auf jeden Fall zu unserer Verfügung halten. Vorerst eine letzte Frage: Besitzt Ihre Mutter Schmuck?«
Jennifer blickte auf. Sie wirkte erleichtert, dass sie nur mehr über so etwas Triviales Auskunft geben musste. »Jede Menge«, erklärte sie. »Sie hat alles hier bei sich in einem Safe.«
Juricek zeigte ihr die Halskette, die man bei David Panozzo gefunden hatte. »Gehört die ihr?«, fragte er.
»Sicher! Ich habe sie schon ein paarmal damit gesehen«, nickte Jennifer aufgeregt. »Hat er sie deswegen umgebracht?«
»Wir wissen vorerst noch gar nichts über Täter und Motiv«, gab sich Juricek bedeckt. Nachdem er sich ein Bild vom Tatort und der Leiche gemacht hatte, wandte er sich David Panozzo zu.
*
Juricek hörte sich Davids Schilderung der Ereignisse aus seiner Sicht in aller Ruhe an: Wie er in die Wohnung gekommen und von hinten niedergeschlagen worden war, nachdem er die Tote entdeckt hatte; wie er nach einigen Minuten aus seiner Ohnmacht erwacht und in Panik geraten war; und schließlich, wie er nach seinem Zusammenstoß mit Jennifer Winkler erfolglos versucht hatte, davonzulaufen.
»Ich verstehe nicht, warum Sie so reagiert haben, wenn Sie keine Schuld trifft«, bohrte Juricek. »Sie sind doch sonst kein Angsthase und schon gar kein kopfloser Mensch.«
»Wenn Sie’s genau wissen wollen: Ich habe mich hundsmiserabel gefühlt«, führte David aus. »Ich hatte Kopfschmerzen, die Beine waren schwach und der Magen flau. Außerdem war ich allein mit der Toten. Ihr Gesicht hat so einen schrecklichen Ausdruck gehabt. Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten.«
»Wie kommt der Nylonstrumpf in Ihre Sakkotasche?«
»Das weiß ich nicht. Ich nehme an, die Person, die mich niedergeschlagen hat, hat ihn mir hineingesteckt.«
»Die Halskette hatten Sie laut Ihren Angaben aber bei sich, um sie Frau Winkler zurückzugeben. Sie behaupten, sie habe sie Ihnen schenken wollen. Warum hätte sie das tun sollen?«
David Panozzo wetzte unruhig im Vorzimmer auf dem Klappstuhl hin und her, auf den man ihn gesetzt hatte. »Frau Winkler hat sich wahrscheinlich einsam gefühlt und wollte mich näher kennenlernen«, räumte er ein und wurde dabei sehr leise. »Ich vermute, sie hat mir die Kette zugesteckt, damit ich mich ihr verpflichtet fühle.«
»Haben Sie die Kette irgendjemandem gezeigt oder jemandem von ihr erzählt? Ihren Kolleginnen und Kollegen im Schopenhauer etwa?«, fragte Juricek.
David lachte gereizt auf. »Nein, sicher nicht«, dementierte er sofort. »Das wäre doch urpeinlich gewesen.«
»Es wusste also niemand davon – außer Ihnen?«
»Nein!«
»Hatten Sie sexuelle Handlungen mit Frau Winkler?«
»Um Gottes willen, nein! Ich stehe nicht auf alte Frauen. Was soll diese geschmacklose Frage?«
»Ich versuche, einen Grund zu finden, warum Ihnen Frau Winkler diese Kette hätte schenken sollen«, setzte ihm Juricek auseinander. »Ihr Aussehen und Ihre zuvorkommende Art allein reichen meiner Ansicht nach dafür nicht aus. Soll ich Ihnen Ihre Geschichte glauben? Die Kette scheint mir wertvoll zu sein – in Gold eingefasste Edelsteine, soviel ich gesehen habe. Ihren Ausführungen zufolge kann niemand bestätigen, dass Sie sie bereits einige Zeit bei sich hatten. Sie könnten sie also genauso gut erst heute aus der Wohnung mitgenommen haben.«
David Panozzo schluckte. »Sie meinen … ich hätte …«
»Ich meine gar nichts, aber Sie müssen zugeben, dass dieses Stück ein logisches Motiv für den Mord an Frau Winkler wäre«, erklärte Juricek.
»Ich war’s aber nicht! Der Mörder war bereits vor mir da. Er hat mir die Tür geöffnet, sich versteckt und mich dann niedergeschlagen. Sie sehen doch, dass ich am Kopf verletzt bin«, wehrte David sich.
»Ich bestreite das nicht«, stellte Juricek klar. »Der Gegenstand war vermutlich ein Aschenbecher. Neben der Leiche liegt einer auf dem Boden. Könnte es aber nicht Frau Winkler gewesen sein, die damit zugeschlagen hat, weil sie sich verzweifelt gegen Sie zur Wehr setzte? Dass Sie nicht für kurze Zeit das Bewusstsein verloren haben, wie Sie behaupten, sondern nur einen plötzlichen starken Schmerz verspürt haben, der Sie nicht daran gehindert hat, die Frau mit einem ihrer Nylonstrümpfe zu erwürgen? Dass Sie daraufhin in Panik geraten sind, Strumpf samt Halskette eingesteckt haben und einfach raus aus der Wohnung wollten, wobei Ihnen Frau Winklers Tochter Jennifer in der Tür begegnet ist?«
»Was reden Sie da daher? Ich habe die Frau nicht umgebracht. Sie kennen mich doch, Herr Oberinspektor! Sie wissen, dass ich zu so etwas nicht fähig bin«, verteidigte David Panozzo sich verzweifelt.
»Wozu Sie fähig sind, kann ich nicht beurteilen«, blieb Juricek sachlich. »Die Indizien sprechen aber allesamt gegen Sie. Wir werden Ihre Fingerabdrücke nehmen und schauen, wo wir sie überall finden. Wir werden den Aschenbecher und den Nylonstrumpf untersuchen. Wenn sich daraufhin unser Verdacht erhärtet, sieht es nicht gut für Sie aus.«
»Welchen Grund hätte ich haben sollen? Ich wollte Frau Winkler die Kette zurückgeben, nicht wegnehmen. Ich habe keine Verwendung dafür.«
»Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie zeitweise einen sehr leichtsinnigen Umgang mit Geld gepflegt. Und die Kette ist einiges wert, das sehe sogar ich als Laie. So viel dazu. Wir werden alles nachprüfen, aber der Hauptverdächtige sind aufgrund der Faktenlage vorläufig Sie«, eröffnete Juricek dem betrübten David Panozzo. »Ich muss Sie deshalb bitten, uns zu begleiten.«
Kapitel 4
Frau Heller träumte in diesen Tagen wieder oft von vergangenen Zeiten. Herr Heller beschränkte sich seit geraumer Zeit bei der Arbeit im Kaffeehaus auf das Notwendigste, wirkte auch sonst nicht sehr unternehmungslustig und verbrachte seine Freizeit lieber vor dem Fernsehapparat als mit seiner Frau. Normalerweise hätte das Frau Heller gar nicht so gestört. Man war viele Jahre verheiratet, die Ehe verlief in eingefahrenen Bahnen, aber man konnte sich aufeinander verlassen, und das Kaffeehaus war sowieso der Lebensmittelpunkt, der alles andere in den Hintergrund drängte.
Doch nun waren Erinnerungen an Moritz Bäcker wach geworden. Der Seniorchef des Café Schopenhauer war einmal ihr großer Schwarm gewesen. Obwohl sie ihrem Heinrich bereits versprochen gewesen war, hatte Sidonie Heller sich nichtsdestotrotz heimlich mit Moritz getroffen und mit ihm das eine oder andere Schäferstündchen verbracht. Sie machte sich heute deswegen keine Vorwürfe. Sie hatte damals nicht anders gekonnt. Hätte sie sich diesem Mann nicht hingegeben, hätte sie nachher immer das Gefühl gehabt, sie habe etwas versäumt. So hatte sie genossen und war danach die Ehe mit ihrem Heinrich eingegangen, die bis zum heutigen Tag gehalten hatte. Herr Heller hatte nie von diesem Gspusi erfahren, nur Leopold hatte sie in einer schwachen Stunde etwas darüber gebeichtet. Gott sei Dank konnte sie sich hundertprozentig auf die Diskretion ihres Oberkellners verlassen.
Mit Leopolds Besuch im Schopenhauer hatte die Gestalt des Moritz Bäcker wieder von Frau Hellers Gedanken Besitz ergriffen. Natürlich war es eine idealisierte Gestalt, der charmante Draufgänger aus früheren Tagen. Der Verführer mit der Schmalzlocke, der einer Frau einreden konnte, dass nur sie für ihn existierte, auch wenn das nicht stimmte. Kurzum, der Mann, in den sie einmal verliebt gewesen war.
»Wann gehen Sie denn wieder einmal unseren David im Schopenhauer besuchen?«, fragte sie deshalb scheinheilig in Leopolds Richtung. Soeben senkte sich der Abend über das Café Heller, und das weckte in ihr romantische Gefühle.
»Jetzt sicher eine ganze Weile nicht«, gab ihr Leopold zur Antwort, während er eine Melange von der Theke abholte. »Ich hab meinen Anstandsbesuch gemacht und weiß, dass es ihm dort gut geht. Das ist die Hauptsache. Das Schopenhauer interessiert mich nicht, weil dort ganz andere Sitten und Gebräuche herrschen als bei uns. Das verwirrt mich nur.«
»Sie könnten sich dort einiges abschauen, was die Freundlichkeit den Gästen gegenüber betrifft«, erinnerte ihn Frau Heller. »Es schadet Ihnen also überhaupt nicht, wenn Sie wieder einmal hingehen. Das wäre ganz in meinem Sinn!«
Leopold fragte sich, was das nun wieder sollte. »Glauben Sie wirklich, dass das vonnöten ist? Es läuft doch gut bei uns. Und ich halte es eben mit der Tradition«, befand er.
»Dann gehen Sie am besten zum Herrn Moritz! Der kann Ihnen eine Menge über die Geschichte des wertschätzenden Umgangs in seinem Haus erzählen«, forderte Frau Heller ihn auf.
Jetzt ging Leopold ein Licht auf. »Ah, daher weht der Wind! Es geht Ihnen gar nicht um die Freundlichkeit, es geht Ihnen um den Seniorchef! Sie wünschen offenbar, dass ich etwas über sein wertes Befinden in Erfahrung bringe und ihn schön von Ihnen grüßen lasse«, ließ er seine Chefin wissen.
»Seien Sie still«, ordnete Frau Heller an, wobei sich ihr Gesicht verräterisch rötete. »Wärmen Sie bitte nicht diese alten Geschichten auf, in die ich Sie leider einmal eingeweiht habe.«
»Aber ein bisserl nachfragen soll ich schon«, ließ sich Leopold nicht beeindrucken.
»Wenn Sie hingehen, warum nicht«, deutete Frau Heller vorsichtig an. »Aber ich habe Sie nicht darum gebeten, ist das klar?«
»Vollkommen klar, Frau Sidonie«, versicherte Leopold. »Ich weiß, was Sie meinen. Außerdem bin ich die Verschwiegenheit selbst. Ich mach ja gern wieder einen Sprung ins Schopenhauer, wenn ich mir die dortigen Unarten nicht auf meine alten Tage noch angewöhnen muss. Jetzt, wo unser David dort arbeitet …«
Bei diesen Worten nahm Leopold eine bekannte Gestalt neben sich wahr, nämlich die seines Freundes, des Oberinspektors Juricek, dessen breitkrempiger Sombrero einen Schatten auf die Theke warf. »Servus, Richard! Was machst du denn hier?«, fragte er verwundert.
»Ich bin gekommen, um dir mitzuteilen, dass du David Panozzo derzeit leider nicht im Schopenhauer besuchen kannst«, verkündete Juricek, der beim Hereinkommen den letzten Teil des Gespräches zwischen Leopold und Frau Heller mitgehört hatte.
»Und warum nicht?«, staunte Leopold.
Juricek informierte ihn und Frau Heller daraufhin über den Mord an Katja Winkler und den dringenden Tatverdacht gegen David. Derweil schlürfte er genüsslich an einem von Leopold liebevoll zubereiteten großen Braunen.
»Eins sag ich dir, Richard: David hat es zwar manchmal faustdick hinter den Ohren, aber zu so einer Tat ist er nicht fähig«, machte Leopold seinem Ärger sofort Luft. »Das müsstest du eigentlich auch wissen. Du hättest ihn nicht gleich einsperren dürfen.«
»Was ist mir denn anderes übrig geblieben?«, rechtfertigte der Oberinspektor sich. »Ich muss mich an der Faktenlage orientieren. Ich habe einen öffentlichen Auftrag. Nehmen wir einmal an, wir beide würden David Panozzo nicht kennen. Welche Indizien gibt es? Ein Mann läuft aus einer Wohnung, in der gerade ein Mord begangen worden ist. Er hat den Mord nicht gemeldet. In der einen Sakkotasche findet man die Mordwaffe, in der anderen eine wertvolle Halskette, die der Toten gehört. Es stellt sich heraus, dass der Mann das Opfer persönlich kannte. Seine Geschichte, er sei vom Täter niedergeschlagen worden, erweist sich als äußerst zweifelhaft, da auf dem dazu benutzten Aschenbecher nur die Fingerabdrücke von Frau Winkler zu finden sind. Wenn ich da keinen Haftantrag stelle, bekomme ich die größten Schwierigkeiten. Jede Wette, dass der Richter morgen alles bestätigt.«
»Ehrlich: Glaubst du, dass er’s war?«, stellte Leopold seinem Freund die Gewissensfrage.
»Was ich glaube, ist im Moment zweitrangig«, antwortete Juricek ausweichend.
»Du musst unbedingt nach Beweisen suchen, die David entlasten.«
»Das wird nicht leicht sein.«
»Stell dir einmal vor, dass Davids Version der Geschichte stimmt«, legte Leopold Juricek nahe. »Es klingt doch plausibel. Er kommt in die Wohnung und entdeckt die Leiche. Dann wird er vom Täter, der ihm geöffnet und sich dann versteckt hat, mit etwas niedergeschlagen, was gerade zur Hand ist: mit einem Aschenbecher. Er fällt kurz in Ohnmacht. Das nützt der Mörder, der natürlich Handschuhe trägt, aus, indem er die Tatwaffe in Davids Tasche schmuggelt. Dann setzt er eine SMS an die Tochter ab. Nun kann er verschwinden und in aller Ruhe abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Wenn er Glück hat – und er hat Glück –, hat die Polizei nun einen Hauptverdächtigen, und er ist vorerst aus dem Schneider.«
Juricek steckte den Kaffeelöffel in seinen Mund und leckte ihn genüsslich ab. »Leider unterstützen die Fakten deine Theorie nur wenig«, erinnerte er Leopold.
»Strengt euch ein bisschen an, dann werden eure Ermittlungen beweisen, dass ich recht habe«, konterte sein Freund.
»Wir werden unsere Nachforschungen natürlich in allen Richtungen anstellen«, versicherte Juricek. »Aber die Sache hat einen Haken. Je mehr sich die Indizien gegen David Panozzo verdichten, desto mehr wird es im Interesse der Staatsanwaltschaft liegen, den Fall im Sinne der Anklage abzuschließen. Da bleibt dann nicht mehr viel Zeit und Energie, sich mit eventuellen anderen Möglichkeiten zu befassen.«
»Du bist der Wahrheit verpflichtet«, mahnte Leopold ihn.
Juricek schmatzte genüsslich. »Das ist auch der Grund, warum ich hier bin«, ließ er verlauten. »Ich mache dir das erste Mal im Leben ein Angebot, Leopold, und ich hoffe, du weißt es zu schätzen. Da sich David Panozzo derzeit in unserem Gewahrsam befindet, ist seine Stelle als Oberkellner im Schopenhauer vakant. Wie wär’s, wenn du in den nächsten Tagen dort arbeitest, dich umhörst und versuchst, Beweise für die Unschuld deines Freundes zu finden? Herr Bäcker hat nichts dagegen. Frau Winkler war Stammgast dort und hat nicht weit entfernt gewohnt. Vielleicht stößt du bei deinem Talent auf eine heiße Spur. Das könnte uns und David helfen.«
Leopold schaute skeptisch drein. »Das würdest du wirklich befürworten?«, fragte er.
»Du könntest mir diesmal eine große Hilfe sein, wenn du dich an die Spielregeln hältst«, versicherte Juricek. »Du darfst eine gewisse Eigeninitiative entwickeln, hast uns aber stets über deine Aktionen auf dem Laufenden zu halten. Na, wie gefällt dir das?«
»Einen Augenblick«, mischte sich jetzt Frau Heller in die Unterhaltung ein. »Heißt das, Sie wollen mir einfach so mir nichts, dir nichts einen meiner beiden Oberkellner wegnehmen?«
»Natürlich nicht«, beruhigte Juricek sie sofort. »Es wäre auch zu auffällig, wenn sich Leopold nicht mehr im Heller blicken ließe. Er müsste sich die Arbeit aufteilen und seine Stunden hier selbstverständlich weiterhin ableisten. Aber das stört dich doch nicht, wenn’s was zu ermitteln gibt, oder?«
»Ich bin nicht mehr der Jüngste, Richard«, gab Leopold zu bedenken. »Und im Schopenhauer ist alles anders: das Angebot, die Preise und vor allem die Sitten und Gebräuche. Ich komme sicher ganz durcheinander. Wie soll ich mich da auf einen Kriminalfall konzentrieren?«
»Ich dachte, du würdest mehr Begeisterung zeigen«, meinte Juricek achselzuckend. »Mein Offert gilt jedenfalls. Du kannst es annehmen oder auch nicht. Ich würde dich auch immer auf dem neuesten Stand unserer Ermittlungen halten«, fügte er gönnerhaft hinzu.
In Leopolds Brust kämpften zwei Seelen. Natürlich war er Feuer und Flamme, in einem Mordfall einmal auf Juriceks ausdrückliches Ersuchen ermitteln zu dürfen. Das war seiner Erinnerung nach noch nie der Fall gewesen. Es handelte sich um eine Auszeichnung, eine Anerkennung seiner bisherigen Leistungen, spät, aber doch. So etwas lehnte man nicht ab. Andererseits sah er erhebliche Belastungen auf sich zukommen. Am Vormittag da servieren, am Nachmittag und Abend dort, ohne angemessene Freizeit, das hörte sich heftig an. Das Schopenhauer hatte zudem sogar am Sonntag geöffnet und servierte da seinen berühmten Brunch. Leopolds Körper und Arbeitsmoral würden auf eine harte Probe gestellt werden. Und wie viel Zeit würde er für seine Lebensgefährtin Erika Haller haben? Die wenigen Stunden im gemeinsamen neuen trauten Heim würde er zur Ruhe und Regeneration brauchen. Das würde Erika überhaupt nicht gefallen, und Leopold würde sich einiges überlegen müssen, um sie bei Laune zu halten.
Er schaute ins gestrenge Gesicht von Frau Heller. Von dieser Seite war keine Unterstützung zu erwarten. Seine Chefin würde ihn höchstens als Vermittler benutzen, um wieder zarte Bande mit Moritz Bäcker anzuknüpfen. »Na schön, ich mach’s«, verkündete er schließlich und wunderte sich, dass er so lange darüber nachgedacht hatte.
»Gut«, nickte Juricek zufrieden. »Das bedeutet Folgendes: Du versiehst morgen Vormittag deinen Dienst hier wie gewohnt. Anschließend besuchst du mich am Kommissariat, damit ich dich auf den neuesten Stand bringe. Am Nachmittag beginnst du dann deine Arbeit im Schopenhauer. Hoffen wir, dass es klappt.«
*
Mittwoch, 17. Oktober, Vormittag
Am nächsten Tag begann Leopold seinen Dienst im Heller mit gemischten Gefühlen. Die Vorfreude auf seine Aufgabe überwog, doch in sie stahlen sich nach wie vor Bedenken. Erika hatte abwartend reagiert. »Ich verlange nicht viel von dir, nur, dass du dich um mich auch ein bisschen kümmerst«, hatte sie ihm zu verstehen gegeben und es vorerst dabei bewenden lassen. Wie es wirklich in ihr aussah, wusste Leopold nicht.
Frau Heller erinnerte ihn einerseits daran, »dem Moritz« schöne Grüße von ihr auszurichten. Gleichzeitig ersuchte sie ihn, seine Dienstzeiten im Café Heller genau einzuhalten, da der zweite Oberkellner, Waldemar »Waldi« Waldbauer telefonisch bereits angedeutet hatte, dass er nicht gewillt sei, wegen eines Mordes seinen Dienstplan zu ändern. »Und welche Hilfe mir mein Heinrich in letzter Zeit ist, brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen«, fügte sie hinzu.
Da schneite plötzlich Sabine Patzak bei der Tür herein. »Servus, Papa«, rief sie, lief auf Leopold zu und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
»Aufpassen, Kinderl, ich hab ein Tablett in der Hand!«, entfuhr es ihm in einer ersten Schrecksekunde. »Was machst du überhaupt da?«
»Ich habe dir doch gesagt, dass ich mich mit dem Gedanken trage, zu studieren. Und jetzt ist es eben so weit«, setzte sie ihm auseinander.
Leopold sah in Sabine gerade in dieser Situation nur eine zusätzliche Belastung. »Hättest du dir nicht einen anderen Zeitpunkt dafür aussuchen können?«, reagierte er deshalb unwirsch.
»Nein, denn jetzt ist die Inskriptionszeit, und die Vorlesungen und Übungen beginnen«, belehrte Sabine ihn sofort.
Leopold machte eine entschuldigende Geste. »Also bei Erika und mir kannst du nicht wohnen, unmöglich. Wir machen derzeit beide gewaltige Überstunden und brauchen unsere Ruhe, wenn wir zu Hause sind. Versteh das bitte!«
»Ich krieg bald meine eigene Wohnung, Papa«, informierte Sabine ihn stolz. »In der Zwischenzeit kann ich bei einer Freundin schlafen.« Dabei setzte sie das unschuldigste Lächeln auf, das sie zusammenbrachte, um ihren Vater nur ja nicht auf den Gedanken zu bringen, sie könnte ihn angeschwindelt haben.
Dem war das im Augenblick jedoch völlig egal. »Gott sei Dank«, atmete er erleichtert auf. »Damit nimmst du mir eine große Sorge ab. Schließlich bin ich für dich verantwortlich. Momentan geht’s wirklich drunter und drüber.«
»Warum bist du eigentlich so gestresst? Ist der andere Ober vielleicht krank?«, erkundigte Sabine sich neugierig.
»Der ist pumperlg’sund«, unterbrach Frau Heller das traute Gespräch zwischen Vater und Tochter. »Aber mein Herr Oberkellner fühlt sich bemüßigt, wieder einmal auf Verbrecherjagd zu gehen. Und damit es so richtig anstrengend wird, arbeitet er dafür in zwei Kaffeehäusern gleichzeitig.«
»Mit polizeilicher Genehmigung und Unterstützung«, betonte Leopold. Dann weihte er Sabine in den aktuellen Fall und seinen Deal mit Oberinspektor Juricek ein.
»Toll, Papa! Darf ich da auch mitmachen?«, war sie sofort Feuer und Flamme.
»Ausgeschlossen! Das ist diesmal viel zu kompliziert. Außerdem brauchst du jetzt deine Zeit fürs Studium«, wehrte Leopold ab.
»Am Anfang muss ich noch nicht so viel lernen«, widersprach sie ihm.
Leopold schaute auf Sabine, dann auf Frau Heller und überlegte kurz. »Töchterl, du kannst mir doch helfen«, stellte er fest. »Du könntest nämlich – das Einverständnis von Frau Sidonie vorausgesetzt – einen Teil meines Dienstes hier im Heller übernehmen. Damit entlastest du mich so weit, dass ich mich meinen kriminalistischen Nachforschungen zur Genüge widmen kann und meine Erika auch noch was von mir hat.«
Mit diesem Überfall auf ihre Zeitreserven hatte Sabine Patzak nicht gerechnet. So weit wollte sie sich ihrem Vater auch wieder nicht verpflichten. Es war ein Unterschied, ob man, wie Sabine es bei ihrem ersten Wienbesuch aus Spaß gemacht hatte, einmal ein paar Stunden im Kaffeehaus mitarbeitete, oder ob man für eine gewisse Dauer ständig zur Verfügung stehen musste. Sie wollte sich als Studentin fühlen, frei und ungebunden. Außerdem gab es noch Thomas Korber. »Ich weiß nicht«, äußerte sie deshalb vorsichtig.
»Also, ich halte das für eine ausgezeichnete Idee«, zeigte sich Frau Heller hingegen sofort begeistert. »Sie sind ja so geschickt, Sabine. Und eine Frohnatur! Die Herzen der Gäste werden Ihnen zufliegen.«
»Komm, gib dir einen Stoß! Ich mische mich dafür diesmal überhaupt nicht in dein Privatleben ein«, bat Leopold.
»Na schön! Darf ich dir bei der Verbrechensaufklärung auch wieder helfen?«, legte Sabine noch ein Schäuferl nach.
»Wenn’s unbedingt sein muss«, seufzte Leopold.
Damit war der Handel abgeschlossen. Frau Heller lächelte nur im Hintergrund und bemerkte schelmisch: »Die Tochter können Sie wirklich nicht ableugnen, Leopold. Sie ist ganz nach Ihnen geraten.«
Kapitel 5
Mittwoch, 17. Oktober, Mittag
Als Leopold nach Beendigung seines Dienstes im Heller noch einen Sprung im Kommissariat vorbeimachte, ehe er ins Schopenhauer weiterfuhr, wurde er bereits von Oberinspektor Juricek erwartet. »Wir haben David Panozzo noch einmal verhört«, ließ er ihn wissen. »Er wird jetzt dem Haftrichter vorgeführt. Wenn du möchtest, darfst du vorher ein paar Worte mit ihm wechseln.«
Leopold nahm das Angebot dankend an. David staunte nicht schlecht, als er ihn sah. »Was machst du denn hier?«, fragte er.
Leopold erklärte ihm die Lage. »Du hast diese Frau doch nicht wirklich umgebracht?«, wollte er dann wissen.
»Aber nein! Es ist nur alles irrsinnig blöd gelaufen«, versicherte David.
»Versuche, dich an deinen letzten unglücklichen Besuch bei ihr zu erinnern. Ist dir etwas aufgefallen, was anders war als sonst?«, fragte Leopold weiter.
»Die Rotweinflasche und das Glas sind nicht auf dem Wohnzimmertisch gestanden. Frau Winkler hat für gewöhnlich daraus getrunken, wenn ich zu ihr gekommen bin. Aber ich habe dem keine Bedeutung zugemessen, da sie am Telefon ja gesagt hatte, sie sei krank.«
»Hast du irgendwo einen Aschenbecher bemerkt?«
David schüttelte den Kopf. »Nein, das wäre mir aufgefallen.«
»Auch nicht neben der Leiche?«
David verneinte nochmals. Das kam Leopold bereits komisch vor. Wo war der Aschenbecher hergekommen? Er stellte nun Fragen zur Person der Toten: »Was war diese Katja Winkler für eine Frau? Wie hat sie sich im Schopenhauer verhalten?«
»Sie war seltsam«, gab David sofort an. »Das ist nicht nur meine Meinung, das habe ich auch von meinen Kolleginnen und Kollegen im Schopenhauer gehört. Manchmal blieb sie länger da, manchmal nur kurze Zeit. Dabei ist sie allein gesessen und hat Rotwein getrunken. Sie hat immer einen unruhigen und nervösen Eindruck gemacht, so als ob sie auf jemanden gewartet hat, der dann doch nicht gekommen ist.«
»Kein geselliger Typ also«, konstatierte Leopold. Er wusste, dass Schauspieler in ihrem Privatleben gern zurückgezogen agierten, auch wenn sie auf der Bühne einen ganz anderen Eindruck vermittelten.
»Ich weiß nicht, ob ich mich täusche, aber auf mich hat es den Eindruck gemacht, als ob das mit ihrer Verletzung und dem damit verbundenen Ende ihrer Karriere zusammenhing«, erzählte David weiter. »Sie wirkte so überhaupt nicht fröhlich, verbittert eher. Ein paar ältere Männer haben sie zeitweise angegafft, da hat man richtig gesehen, dass ihr das wehgetan hat. Manchmal hat sie ein krampfhaftes Lächeln aufgezogen. Aber in ihrem Inneren hat es anders ausgesehen, das hat man gemerkt.«
»Hast du dich gut mit ihr verstanden?«
David Panozzo zuckte mit den Achseln. »Notgedrungen«, gab er zu. »Ich war immer nett und freundlich zu ihr, wie das bei uns im Schopenhauer so Sitte ist. Wenn sie es wollte, habe ich ihre Einkäufe in die Wohnung gebracht.«
Dank der ganzen Freundlichkeit hat er sich nur einen Mordverdacht eingehandelt, dachte Leopold bei sich. Im Stillen war er froh, dass er sich mit seiner strengeren Art solche Unannehmlichkeiten ersparte. »Du warst ihr sympathisch, denke ich«, stellte er fest.
»Sie war immer noch eine sehr eitle Frau«, mutmaßte David. »Sie hat ihre Wirkung auf junge Männer getestet, und wenn sie etwas getrunken hat, ist sie anlassig geworden. Ich habe mich bei ihr jedoch auf nichts eingelassen. Sie hat mir den ganzen Schmuck in ihrem Safe gezeigt und wollte mir etwas davon schenken, ich habe aber abgelehnt. Dass sie mir dann doch eine Kette zugesteckt hat, habe ich nicht bemerkt.«
»Wir werden den Herrn Oberinspektor schon noch von deiner Unschuld überzeugen«, versicherte Leopold ihm mit einem Seitenblick auf Juricek. »Hilfreich wäre es, wenn du Gäste im Schopenhauer wüsstest, die du direkt mit Katja Winkler in Verbindung bringen kannst. Auf wen soll ich mich konzentrieren? Hast du einen Anhaltspunkt?«
David musste nachdenken. »Es gab ein Telefongespräch, das ich vor ein paar Tagen belauscht habe«, erinnerte er sich. »Da war von einer Katja die Rede, die den Anrufer angeblich so geärgert hat, dass er ihr, wie er sagte, ein für alle Mal das Maul stopfen wollte. Es soll mit einer ›Grillparzer-Geschichte‹ zu tun haben. Ich hatte noch vor, sie zu warnen, aber sie war bereits tot, als ich sie wiedergesehen habe. Leider kann ich den Mann nur sehr ungenau beschreiben.« Er unterrichtete Leopold über die wenigen Anhaltspunkte, die ihm im Gedächtnis geblieben waren.
»Nicht viel, aber immerhin etwas«, räumte der ein.
»Noch etwas: Herr Burckhardt, den du ja kennengelernt hast, hat einmal erfolglos versucht, sich ihr zu nähern. Seither habe ich die beiden nie mehr gleichzeitig im Schopenhauer gesehen«, erwähnte David.
»Interessant«, attestierte Leopold. »Der feine Herr ist unlängst auch im Heller aufgetaucht, mit einer jungen, feschen Begleitung, die man ihm gar nicht zutraut. Sehr verdächtig! Dem werde ich auf den Zahn fühlen, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt. Damit habe ich für den Anfang ein paar Dinge, die ich nachverfolgen kann. Du wirst sehen, deine Lage erscheint bald in einem anderen Licht.«
»Hoffentlich«, redete David auf ihn ein. »Ich habe nämlich das Gefühl, dass ich ganz schön in der Tinte sitze.«
»Vertrau auf mich«, verabschiedete Leopold sich augenzwinkernd. »Kopf hoch!«
»Vertreib bloß nicht zu viele unserer Stammgäste«, rief David ihm nach. Dabei war ein leises Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen.
Na also, seinen Humor hat er noch nicht ganz verloren, stellte Leopold im Hinausgehen zufrieden für sich fest.
*
»Es gibt da ein paar Dinge, die du wissen solltest«, nahm Juricek ihn draußen zur Seite. »Das ist ein aktuelles Foto von Katja Winkler, und das ist ihre Tochter Jennifer. Sie wohnt übrigens in Floridsdorf und geht dort ins Gymnasium. Sie steht vor der Matura.«
Leopold war sofort Feuer und Flamme. »Die kenne ich ja«, rief er aus. »Die war unlängst bei uns im Heller die Begleitung von diesem Burckhardt, einem sonderbaren Typ.«
»Sebastian Burckhardt, ja. Jennifer nimmt Nachhilfe in Mathematik bei ihm. Und Geigenunterricht gibt er ihr auch«, klärte Juricek seinen Freund auf.
»Was? Der Mann ist doch unmusikalisch und summt nur nervös herum«, konnte Leopold das nicht glauben.
»Er hat sich einmal um ihre Mutter bemüht, allerdings erfolglos. Nach einem kurzen Techtelmechtel hat Katja Gottfried Winkler, ebenfalls Schauspieler, geheiratet.« Juricek gab Leopold auch von ihm ein Foto. »Ganz aus den Augen haben Burckhardt und sie sich nie verloren. Dann hat sich Jennifer mit ihm angefreundet, und er ist so etwas wie ihr Lehrer und Betreuer geworden. Das hat wiederum Katja nicht gefallen. Sie hat den Kontakt mit Burckhardt abgebrochen, weil sie ihm die Schuld gab, dass ihre Tochter und sie sich immer mehr entfremdeten.«
»Na, siehst du! Da braut sich bereits etwas zusammen, was der Hintergrund für den Mord sein könnte.«
»Keine vorschnellen Schlüsse bitte«, mahnte Juricek. »Zurück zu den Fakten: Jennifer hat die Ehe ihrer Eltern als nicht sehr glücklich bezeichnet. Die Scheidung erfolgte nach 15 Jahren.«
»Lass mich raten: Liebschaften und Untreue?«
»Beide waren, wie gesagt, Schauspieler und freiheitsliebend. Deshalb haben sie es offenbar nicht so genau mit der ehelichen Treue genommen. Die Beziehung hat dennoch gehalten, bis Jennifer der Kindheit entwachsen war.«
»Namen?«
»Jennifer konnte oder wollte uns keine nennen. Vielleicht erfährst du bei Gelegenheit mehr darüber. Im Kaffeehaus wird da oft hinter vorgehaltener Hand geredet. Wir prüfen derzeit die Kontakte auf Katja Winklers Handy. Sie sind allerdings relativ überschaubar. In den letzten Jahren dürfte sie sehr zurückgezogen gelebt haben.«
Leopold nickte und prägte sich dabei alles ein, was ihm Juricek erzählte. Viel war es bis jetzt nicht. Wusste die Polizei noch nicht mehr? Oder verheimlichte ihm der Oberinspektor schon wieder etwas? »Glaubst du, die ›Grillparzer-Geschichte‹ ist eine Spur?«, fragte er noch.
»David ist der Einzige, der sie bisher erwähnt hat«, entgegnete Juricek trocken. »Keiner im Schopenhauer bestätigt seine Geschichte. Und laut Jennifer Winkler hat ihre Mutter nie eine Rolle in einem Grillparzer-Stück gespielt.«
*
Mittwoch, 17. Oktober, Nachmittag und Abend
Herbert Bäcker empfing Leopold, den Freund seines Vaters, herzlich im Schopenhauer, ging dann aber ohne Umschweife auf die aktuelle Situation ein. »Mir ist alles recht, was hilft, ein schlimmes Verbrechen aufzuklären und die Unschuld eines unserer Angestellten zu beweisen«, schärfte er Leopold ein. »Aber wir sind in erster Linie ein Kaffeehaus, und der reibungslose Ablauf aller Vorgänge sowie das Wohlbefinden unserer Gäste stehen im Vordergrund.«
»Ich bin auf alles vorbereitet«, versicherte Leopold. »Ich habe sogar meine Livree samt Mascherl mitgenommen.«
»Das … ist nicht vorgesehen«, bedeutete Bäcker ihm zögernd. »Die Hose und das weiße Hemd kannst du ja tragen, aber Sakko und Mascherl sind bei uns nicht üblich.«
Leopold fiel erst jetzt auf, dass die Oberkellner im Schopenhauer allesamt nur mit weißem Hemd und offenem Kragen herumliefen. Er hatte bei seinem letzten Besuch gar nicht darauf geachtet. »Wieso denn das?«, fragte er überrascht. »Das untergräbt ja die ganze Autorität!«
»Die Leute sollen doch keine Angst vor unserem Personal haben«, erklärte Bäcker. »Wir wollen unseren Gästen gegenüber Frische und Offenheit demonstrieren.«
»Und wo bleibt der Respekt?«, war Leopold zunehmend aus dem Häuschen.
»Respekt zieht heute nicht mehr«, ließ Bäcker verlauten. »Das sind Methoden von gestern. Mein Vater hat auch noch Wert darauf gelegt. Aber die Zeiten haben sich geändert – zumindest, seit ich in unserem Kaffeehaus das Sagen habe. Ich werde dir am Anfang unseren Herrn Oliver zur Seite stellen. An ihn kannst du dich wenden, wenn du Fragen hast. Oliver!«
Auf seinen Ruf kam ein junger, schlanker, schwarzgelockter Ober in betont lässigem Gang herbei. »Das ist Leopold, die Vertretung von David«, unterwies Bäcker ihn. »Du hilfst ihm, wenn es ein Problem gibt, klar?«
»Geht in Ordnung«, antwortete Oliver dienstbeflissen.
Dir werd ich gleich helfen, Bürscherl, dachte Leopold. Dann nahm er aber doch die zum Gruß ausgestreckte Hand. Unsympathisch schien ihm sein neuer Kollege nicht. Es fragte sich nur, wer hier wem etwas beibringen würde. Man würde sehen. Leopold konnte die kleine »Einschulung« immerhin nützen, um in Erfahrung zu bringen, was Oliver über Katja Winkler wusste. Jetzt wollte er erst einmal mit seiner Arbeit beginnen, damit er sich rasch eingewöhnte. Es wurde ja von ihm ein überhöhtes Maß an Freundlichkeit erwartet. Nun denn.
Sobald er die ungewohnte Dienstkleidung angelegt hatte, steuerte er zielstrebig auf einen weißhaarigen Mann mit dicker Hornbrille zu, der eine Zeitung las, dabei immer wieder den Kopf schüttelte und ein zischendes »Tsss« ausstieß. Das schien ihm der ideale Grantler zu sein, um sich in übertriebener Kundenbetreuung zu üben.
»Guten Tag, der Herr! Was darf ich Ihnen denn Gutes bringen?«, redete er ihn deshalb mit einem Lächeln an, das seine gesamte Gesichtsmuskulatur strapazierte.
Der Grantler verzog keine Miene und schaute auch nicht von seiner Zeitung auf. »Eine Melange«, knurrte er.
»Welche Temperatur?«, erkundigte sich Leopold.
Nun riskierte der Grantler doch einen Blick. »Was meinen Sie?«, fragte er irritiert.
»Welche Temperatur wäre dem werten Herrn denn angenehm? Brennheiß, heiß, Körpertemperatur oder lauwarm? Wir bereiten den Kaffee selbstverständlich exakt nach Ihren Wünschen zu.« Bei diesen Worten zog Leopold ein Thermometer hervor, das er extra zu diesem Behufe mitgenommen hatte. »Wenn’s gewünscht wird, auf den Grad genau«, informierte er den Gast.
»Ich möchte eine Melange«, wiederholte der Grantler. »Ganz normal und ohne viel Larifari!«
»Wie soll der Milchschaum sein? Fest oder halbfest? Oder locker mit kleinen Luftblasen? Wie gewohnt in klassischem Weiß?«, ließ Leopold nicht locker.
»Sagen Sie, was soll das?«, empörte sich der Grantler nun. »Ich möchte eine Melange, und wenn Sie schon so daherreden: Wissen Sie, wie?«
»Ich höre«, sagte Leopold in freudiger Erwartung.
»Rasch«, erhob der Grantler genervt seine Stimme und vergrub sein Gesicht wieder hinter der Zeitung.
Leopold verschwand nach diesem ersten missglückten Versuch überbordender Freundlichkeit seufzend hinter der Kaffeemaschine. »Na also«, sagte er dabei leise zu sich. »Wie ich es immer sage: Mit Liebenswürdigkeit kommt man in dem Geschäft nicht weit!«
*
»Was war denn das für ein Auftritt?«, erkundigte sich Oliver bei Leopold.
»Ich habe von David gehört, dass es bei euch extra freundlich zugehen muss«, antwortete Leopold achselzuckend.
»Der Chef verlangt zwar, dass wir den Gästen unsere volle Aufmerksamkeit schenken«, erläuterte Oliver. »Aber das ist in unserem Beruf ohnehin selbstverständlich. David hat das vielleicht zu ernst genommen, weil er vollkommen neu in dem Job war. Deshalb auch seine Besuche bei Frau Winkler. Das war etwas übertrieben und unklug. Du weißt ja Bescheid, oder?«
Leopold nickte. »Von euch hat das vorher keiner gemacht? Ihr die Taschen hinaufgetragen?«, wollte er wissen.
»Nein«, stellte Oliver sofort klar. »Du siehst, was bei so etwas herauskommen kann. Fairerweise muss man sagen, dass er der Erste war, den sie darum gebeten hat. Er ist sofort darauf eingestiegen. Da haben wir uns nicht mehr eingemischt.«
»Was war das denn für eine, die Winkler?«, wagte sich Leopold ein Stück weiter vor. »War sie auf junge Männer aus?«
»Schwer zu sagen«, gab sich Oliver bedeckt. »Den Männern hat sie gut gefallen, weil sie auf sich geschaut hat. Dem David vermutlich auch. Aber andererseits wirkte sie hier im Kaffeehaus sehr zurückgezogen. Immer allein an einem Tisch. Dabei war sie einmal eine sehr beliebte Schauspielerin. Na ja, sie hatte einen schlechten Fuß. Vielleicht hat das mitgespielt.«
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