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Zum Buch
UTOP - Glücksversprechen, Menschheitsträume und Systeme prallen in diesem Roman aufeinander, und wie in einem surrealen Film erscheinen Parallel- und Gegenwelten, Neuland-Expeditionen, Handlungsstränge deutscher Zukunftsromane des letzten Jahrhunderts, so wirr und widersprüchlich wie konkret und visionär.
Utopisches dringt in dargestellte Wirklichkeiten, zerdehnt und sprengt geschichtliche Rahmen. In UTOP verweben sich in drei Teilen – Siedler, Jünger und Geister – Erzählungen, Episoden und Szenarien von Arbeiterrevolten, Vorkriegs-Bohème und Geschlechterkampf, Sekten- und Siedlungsgründungen, Bodenreform und sozialrevolutionären Experimenten, von der Züchtung primitiver Arbeitsgeschöpfe, gigantischen Raumflottengefechten und der innigen Begegnung eines terrestrischen Raketenoffiziers mit einer friedliebenden Marsitin.
Auf einem Utopistenkongress mit den großen Geistern aller Völker und Epochen, ergreifen u.a. Hannah Arendt, Ernst Bloch, Donatella Di Cesare, Charles Fourier, Thomas More, Simone Weil und die Aktivistinnen der Klimaschutzbewegung das Wort. Und im Haus der Intelligenz entbrennt ein Streit über die biologische Unsterblichkeit.
UTOP ist ein Roman mit Zeitluken in die Gegenwart, dessen Handlung von zahlreichen Stimmen überliefert wird.
Über den Autor
Herbert Kapfer, 1954 in Ingolstadt geboren, ist Autor und Publizist. Von 1996 bis 2017 leitete er die Abteilung Hörspiel und Medienkunst im BR. 2017 erschienen die Bücher Verborgene Chronik 1915–1918 (mit Lisbeth Exner) und sounds like hörspiel. Er wurde mit dem Tukan-Preis ausgezeichnet für 1919. Fiktion (2019).
Herbert Kapfer
UTOP
Roman
Verlag Antje Kunstmann

I. Siedler
Man muss das Unmögliche so lange anschauen
bis es eine leichte Angelegenheit ist. Das Wunder ist eine Frage des Trainings.
Das Zeitbuch von Poseidonis
Ataxikitli strich mit beinahe zärtlicher Gebärde über das prachtvolle Werk, das ein einzelner Mensch kaum zu heben vermochte und das mit den Sinnbildern der gefiederten Schlange, des heiligen Dreizacks, der Wellenlinie, der offenen und der geschlossenen Muschel, der sieben Vögel, des Lebensbaumes und so weiter geschmückt, die Geschichte des Landes von Urzeiten an enthielt, doch nicht immer in zusammenhängender Form, sondern aus unzähligen, oft bruchweisen Abschriften alter Steintafeln zusammengesetzt, denen, ebenso zierlich ausgeführt, viele halbvergessene Überlieferungen, nur noch im Volksmund weiterlebend, alte Sprüchlein, merkwürdige Vorhersagungen und allerlei Aufzeichnungen über die Taten längst verstorbener Helden beigefügt waren. Jedes Blatt dieses kostbaren Zeitbuches war eine dünne Ledertafel, in die mit scharfem Stift die gewundenen Schriftzeichen eingeritzt worden waren.
Die Anfangsworte, ja oft ganze Zeilen, waren reich bemalt, und zwar entsprach die Farbe immer genau dem Inhalt: Geistiges, den Glauben und die alte Weisheit betreffend, war in Grün gehalten, Seelisches blau, Heldentaten rot, wärmendes Wissen lichtviolett und düstere Vorhersagungen in dunkelviolettem Ton, so daß man schon an der Farbe die Art des Inhalts zu erkennen vermochte. Seine einzige Tochter Isolanthis hatte mehr als drei Jahre an diesem Buch gearbeitet, hatte alles niedergeschrieben, was im Haus der Wissenschaften auf alten Tafeln stand, und hatte alles zu erlangen ersucht, was im Volksmund an Liedern, Sprüchen und Andeutungen auf zukünftige Ereignisse noch nicht verlorengegangen war. Selbst der König besaß kein derartig ausführliches Buch. Das war dem einsamen Manne heute ein Trost. Um seinen Geist von fruchtlosen Bitterkeiten abzulenken, beugte sich Ataxikitli über das Werk, das nahezu die ganze große Tischplatte einnahm und nur geringen Raum für Krug und Schale ließ, und begann langsam zu lesen: »Merket euch, die ihr den Weg geht: Jeder Fortschritt ist nur durch Opfer möglich.«
Wieder hob er Tafel um Tafel, las flüchtig und seltsam zerstreut diese oder jene Stelle. Allmählich gelangte er zur Beschreibung der Weltzeitalter und folgte mühsam den verworrenen Zeichen mit dem Finger, denn dieser Teil war nicht im landesüblichen Toltec geschrieben, sondern teils in der toten Tlavitlisprache und teils im ebenfalls nicht mehr gebräuchlichen Rmoahal, das als beste Sprache für heilige Dinge gewertet wurde, das ihm jedoch nicht sehr geläufig war. »Mutternacht der Erde … Wintersonnenwende in der Waage …« Ataxikitli seufzte und sann nach. Das waren die Jahrtausende der Vereisung gewesen und die Menschheit fristete ein elendes Sein.
Er tat einen tiefen Trunk. Das Leben im Stofflichen war schwer, hart der Kreislauf des Seins, unerbittlich die Gesetze. In der Stille des Gemachs über das Zeitbuch geneigt, schien ihm bitter, was ihn sonst begeistert hatte: der weite Ausblick auf unbegrenzte Erfahrungen. Raum mochte der Weg sein, aber um jede Krümmung lag Neues, und dem Wachstum der Seele war kein Ende gesetzt. Wieder tat er einen tiefen Zug aus dem Zinnkrug. Eine quälende Unrast wuchs in ihm, und die Gedanken an die ungeheuren Zeitabschnitte machten ihn erschauern, während sie ihn sonst zu Andacht stimmten. Er drehte die Tafeln mit flüchtigem, wie nach innen gekehrtem Blick, fand keinen Ruhepunkt für seine Augen und murmelte: »Als der Frühlingspunkt im Schützen lag, entwickelten sich Jagd und Fischfang, die Menschen hatten keine festen Wohnsitze; sie wanderten dahin wie Tiere, die Nahrung suchen …«
Überrascht sahen alle Anwesenden auf den Sprecher
»Man muß sich in ein Traumbild hineindenken, daß eine große Sehnsucht nach der Reichshauptstadt besteht. Hunderttausende Deutsche sinken alljährlich ins Grab, die Berlin nicht gesehen haben. Der Mohammedaner erblickt in einer Reise nach Mekka die Haupttat seines Lebens. Berlin fehlt der Tempel völkischer Begeisterung, wo sich alle deutschen Stämme hingezogen fühlen in einem fortgesetzten Pilgerzug. Das Sinnbild deutscher Einigkeit, die Verkörperung des deutschen Wesens und der machtvolle Bau als Wahrzeichen deutscher Kraft: die deutsche Reichsburg!«
Die Stimme des Schriftstellers hatte sich der Stärke des öffentlichen Vortrages genähert.
»Ich zeichne zehn Millionen Mark, Herr Rautenschmied, bringen Sie den Stein ins Rollen!«
Landbürger sprach diese gewichtigen Worte mit fast gleichgültiger Stimme.
Nun heißt es, kaltes Blut bewahren
Am Bahnhof Fürstenbrunn, zwischen Charlottenburg und Spandau, standen am Morgen, in kleinen Gruppen etwa zweihundert Siemenssche Arbeiter. Sie erwarteten die ankommenden Züge und nahmen aussteigende Arbeiter in Empfang. Die meisten, die kamen, waren im Arbeitsanzug; sie stellten sich, die Zigarre im Mund, zu den übrigen. Der Zug brachte drei Leute. Sie gingen nebeneinander auf die Fabriken zu. Der eine war ein langer, starker Mensch von etwa fünfundzwanzig Jahren; der zweite ein älterer Mann mit einem breiten Vollbart; der dritte ein halbwüchsiger Junge. Scheinbar absichtslos stellte sich eine Kette von Männern über den Weg. Der ältere Mann sagte in ruhigem Tone: »Lassen Sie uns durch.« Nachdem er vergeblich seine Bitte wiederholt hatte, faßte er den direkt vor ihm Stehenden am Arm und suchte ihn mit leichtem Druck auf die Seite zu schieben. Sofort wandte sich dieser um. »Was, du Lump, du rührst mich an? Tu das noch einmal, und ich schlag dir eins in die Fresse, du Streikbrecher, daß du Zähne spuckst!«
Unterdessen waren alle andern herbeigekommen. »Kapitalistenknechte, dreckige Streikbrecher!« schrie man von allen Seiten auf sie ein. »Speit sie an.« Und im Nu flog der Speichel aus wohl dreißig Kehlen auf die Männer; es traf ihre Hüte, ihre Kleider, und klatschte ihnen direkt und wohlgezielt auch ins Gesicht. »Ich streike mit!« schrie der Junge in großer Angst. Im Nu eröffnete sich eine Gasse, und der Junge flog, von Hand zu Hand geworfen, in eine hintere Reihe.
»Ihr Schweine!« sagte der alte Mann empört und suchte sich mit dem Ärmel das Gesicht zu reinigen. Er erhielt einen Schlag, daß ihm der Hut vom Kopf flog. Einer packte ihn bei den Schultern, ein andrer bückte sich und riß ihm die Beine weg, und indem er hinfiel, stürzten gleich fünfe, sechse über ihn und hieben blindlings auf ihn ein. Der Große hatte einen Augenblick wie gelähmt gestanden; als er sah, was seinem Begleiter widerfuhr, senkte er den Kopf wie ein Stier, rannte mit dem Schädel dem unmittelbar vor ihm Stehenden in den Bauch, schlug mit schlenkernden Armen links und rechts in die Gesichter, und lief mit gewaltigen Sprüngen auf die Fabrik zu. Ein paar setzten ihm eine Strecke nach. Als sie zu ihren Genossen zurückkamen, fanden sie diese im Kreis um eine blutige, zerstampfte Masse, die auf dem Boden lag und in der man kaum noch einen menschlichen Körper erkannte. Der Rumpf war in den Erdboden hineingetreten, die Glieder ein blutiger Brei, das Hinterhaupt ein furchtbarer Filz zusammengeklebter Haare.
»Bessel will reden, Achtung!« rief man sich halblaut zu.
»Genossen!« sagte er; »es gibt kein Zurück mehr. An dieser Hinrichtung haben wir alle Teil.«
»Ich nicht!« schrie eine Stimme; »ich stand ganz hinten!«
»So, du nicht?« fuhr der Redner fort. »Ja, wie willst du denn das beweisen? Ich habe doch genau gesehn, wie du ihm mit der Faust ins Gesicht fuhrst!«
»Ich auch, ich auch!« riefen Stimmen durcheinander.
»Siehst du?« schrie der Redner – »man hat dich gesehn! Brüder! Es kann sich keiner ausnehmen, keiner! Wir sind solidarisch auch darin. Wenn wir uns einig sind, was kann man uns? Gebt jedem Streikbrecher eins auf den Dachs. Aber seid nicht so blödsinnig, euch niedermetzeln zu lassen.«
Das Eisfest auf dem Koenigssee
war als Ereignis schon seit einiger Zeit Gegenstand der Unterhaltung in der Berliner Gesellschaft. Die letzten Hammerschläge verhallten. Baumeister Rottberg meldete Landbürger die Vollendung der Vorarbeiten. Beide machten einen Rundgang. Als sie zum Empfangszelt kamen, stellten sich bereits die ersten Gäste ein. Zwanglos bewegten sie sich in dem geschmückten Raum, der sich an der Koenigsallee hinzog und von außen ein alpines Riesengemälde zeigte, innen aber einer Tropfsteinhöhle glich, die durch Spalten einen Ausblick über den vorgelagerten See gestattete. Die Militärmusiker setzten mit dem Einzug der Gäste aus Tannhäuser ein; hübsche junge Mädchen, in farbige Gewänder gekleidet, verabreichten Getränke. Aber auch der größte Teil der Geladenen erschien in Trachten, Kosaken, Litauer, Schweizer, alte Germanen in Bärenhäuten, Kriegshörner auf dem verhüllten Haupt. Und so herrschte ein vorgetäuschtes weltbürgerliches Treiben, die flotten Weisen der Musik ließen die von Landbürger bestellten Kunstläufer im Taktlauf über die Eisfläche gleiten. Die Ufer des Koenigssees waren in ein künstliches Eiszapfengewirr gehüllt. Die Dunkelheit setzte ein; plötzlich flammten elektrische Bogenlampen auf. Aus dem Eisgerinsel glühten bunte Flämmchen.
Landbürgers Gäste waren bald hier, bald dort. Edgar Rautenschmied weilte stets an der Seite Constanzes. Die Hände gekreuzt, glitten sie im eleganten Doppelbogenlauf über die hell beschienene Fläche. Der Schriftsteller trug die Tracht eines ungarischen Großgrundherrn. Constanze hatte sich als polnische Edeldame verkleidet. Die Musik spielte einen neuen Marsch: Er naht, der König Winter. Die Bogenlampen verloschen, ein greller Strahl blitzte über die Eisfläche. Wie auf unsichtbaren Wegen glitt ein goldglitzernder Schlitten daher, auf ihm saß König Winter, umgeben von seinen deutschen Lehnsmannen, wie Rübezahl, Schatzhauser. Die Göttinnen Nordsee und Ostsee saßen zu beiden Seiten eines Purpurthrones. Da huschte der weiße Strahl über das Eis und zauberte auf eine große Leinwandfläche die verheißungsvollen Worte:
Die Entstehung der deutschen Reichsburg.
Bild auf Bild folgte in schönster Wiedergabe der vollen Sommerpracht. Plötzlich stand der große, gewaltige Bau vollendet da, hinreißend und überwältigend durch seine gewaltigen Ausmaße, durch seine stilgerechte Baukunst, die in ihrer Gesamtwirkung eine formvollendete Wiedergabe deutscher Baueigenart darstellte. Rauschender Beifall erscholl, als nun auf schwindelnder Höhe die schwarz-weiß-rote Flagge hochging, ein Verkünder das gewaltige Burgtor öffnete und wie zur Einladung beide Arme ausstreckte. Und der Verkünder nahm die Züge des Kaisers an, über ihm im Himmelsblau breitete sich der deutsche Reichsadler aus, und diesen umgaben die Worte:
Wir Deutschen fürchten Gott, sonst niemand auf der Welt.
Auf den Stufen zur Reichsburg aber prangte die Inschrift:
Deutscher Frieden, ist Weltfrieden!
Ein alter graubärtiger General stimmte Deutschland, Deutschland über alles an, und feierlich hallte der Gesang, unterstützt durch die Musik, durch die stille Winternacht.
Erinnern Sie sich der weiten Strahlenmäntel der Heiligen
auf den alten Bildern und nehmen Sie diese bitte wörtlich. Doch das alles sind Gemeinplätze. Was Ihnen, mein Lieber, fehlt, ist das Wunder.
Pastor Eckart öffnete Mara die Türe
Sie stiegen zum Turmzimmer empor. Wie jedesmal beugte sich Mara aus dem kleinen, runden Fenster. Diese Wohnung hoch über der Stadt, die sich um den Limmat lagerte! Wie fernes Brausen stieg der Lärm aus den Straßen zu ihnen empor. Aber das Wunderbarste an diesem Zimmer war die Orgel. Zu beiden Seiten der Orgel, die in einen alten Bauernschrank eingebaut war, brannten Kerzen in meterhohen silbernen Ständern. Er blickte zu ihr hinüber. Wie sie diese Fuge meisterte! So wenig wußte er von ihr! In einem kleinen dalmatinischen Dorf hatte sie ihre Kindheit verbracht. Aber wer waren ihre Eltern. »Sie sind tot. Ich habe sie nie gekannt.« Mara selbst machte sich offenbar keine Gedanken darüber. Sie grübelte nicht, was den Unbekannten in England wohl veranlassen mochte, ihr eine Rente auszusetzen. Er gab seinen Namen nicht preis, er sorgte sich in keiner Weise um das Mädchen, das allein in Zürich lebte und studierte.
Seit Pastor Eckart erfahren hatte, daß seine Schülerin nicht das unberührte Mädchen sei, für das er sie gehalten hatte, wollte er sich nicht mehr damit begnügen, Maras Spiel zu verbessern, mit ihr tiefer in die Werke der großen Tondichter einzudringen. »Sie führen ein Leben in Sünde.«
Der Arzt wandte sich und trat zum Waschtisch. Während er sachlich und so, als gäbe es nichts Wichtigeres, sich die Hände wusch, glitt Mara von dem mit schwarzer Wichsleinwand überzogenem Sofa und begann sich anzukleiden. Sie räusperte sich, aber der Arzt schien nicht zu hören. »Aber ich bin ja so glücklich. Ich werde ein Kind haben«, sagte Mara. Der Arzt vermochte sein Erstaunen nicht zu verbergen. »Wie – aber sagten Sie nicht, Sie sind unverheiratet?«
Mara saß in der Wohnung Professor Wernheims, an dessen Schreibtisch. Wenn sie auch nicht ganz erfassen konnte, worum es
hier in diesem stillen Studierzimmer ging, so war sie doch glücklich, wenigstens Handlangerdienst für das große Werk leisten zu dürfen. Sie hatte gelernt mit dem Spektroheliographen Sonnenbilder herzustellen, die der Professor für seine Untersuchungen der Sonnenflecke benötigte. Sie legte Tabellen an und kannte Herschels Sternkatalog fast auswendig. Ich werde mir Bücher kaufen, dachte sie, Bücher, in denen alles steht, was eine Mutter wissen muß.
Das Schlimmste war, daß die Tage so kurz waren. Daß die Zeit des Schlafens kam und zwang, viele Stunden nicht zu sein. Da waren die Bibliotheken, in denen man aus den Händen verstaubt aussehender Angestellter Bücher entgegennahm, die man dann in dem großen Saal lesen durfte. So still war es hier. Wo sollte man beginnen? Da standen in langen Reihen die Bücher der großen Historiker aller Zeiten, die Bücher der Naturwissenschaftler, die von den Sternen, Pflanzen, Kristallen und Tieren die merkwürdigsten Dinge erzählten. Die Philosophen und ihre Systeme, die jedes ein Sternenkreislauf für sich waren. Es gab die Bücher der Dichter, Atlanten, Handschriften, Kodizes, viele, viele tausend Bände, türmten sich zu ebensovielen Stunden, die man in seinem Leben nicht unterbringen konnte. Wo aber ließen sich kulturgeschichtliche Beobachtungen besser und präziser machen als in jenen exotischen, sagenumwobenen Randbereichen einer Bibliothek, wo sich das Beiseitegeschobene, Verdrängte, Verfemte und Marginalisierte findet? Bestände, die zwar wohlgeordnet, aber trotzdem für einen Benutzer nicht oder nur schwer erreichbar waren –
Remota
Was wurde eigentlich weggesperrt? Wer bestimmte den Inhalt?
Merken Sie jetzt, warum Sie von allen Sachen und Dingen abgleiten?
Sie sind ein Phantast mit unzureichenden Mitteln. Die Alchemie, aber auch die katholische Theologie kennen materia remota. Während die Alchimisten darunter ein Mineral verstehen, stellt in der katholischen Sakramentenlehre das Element an sich zusammen mit der materia proxima (Anwendung), und dem Wort, der Form, das sakramentale Zeichen dar, das die Wirkung des Sakraments hervorbringt.
Allen anderen Büchern
zog Mara noch immer die Lebensbeschreibungen großer Menschen vor. Werke, die von Korsaren und Feldherren, von Staatsmännern und Rebellen erzählten. Und jene, die in alter, einfacher Sprache von dem Leben der großen Heiligen berichteten, von der heiligen Katharina von Siena, der heiligen Theresa, der heiligen Gertrud. Das Beispiel der Heiligen ragte fremd in diese Zeit.
Rechts am Fenster
das mit einer dichten Scheibengardine versehen war, stand ein Setzerkasten, im Hintergrund ein roher, großer Tisch. Ein paar Stühle vervollständigten das Möblement. Hinten führte eine kleine Tür in den Raum, in dem die Handpresse und Druckpapier verwahrt war. Vor dem Setzerkasten stand in Hemdärmeln ein Mann mit offenen Gesichtszügen und steil in die Höhe gekämmten blonden Haaren. Er fragte Bessel: »Wen bringst du denn da mit?«
»Das ist Meckel. Ich glaube, wir können ihn brauchen.«
Der Mann kam hinter seinem Kasten hervor, und lud sie ein, Platz zu nehmen.
»Miller ist da.«
»Aus London?«
»Mit ihm gingen drei andere; Hester nach Hamburg, Williams nach Essen, Erman nach Kattowitz.«
Dieses Komitee handelte nach eigenem Ermessen. Es besaß weder Statuten, noch Mitgliederlisten. Jeder wußte, was er wollte, und jeder kannte den andern. Es stand mit dem internationalen Komitee zu London in Verbindung, unterhielt zu den Massen der einheimischen Arbeiter aber keine direkten Beziehungen. Die Männer, die sich in diesem Bunde zusammengefunden hatten, waren durch die Erfahrung belehrt worden, daß der Wert der Masse nur im positiven Ausharren zu suchen ist, daß für energisches, rasches Handeln aber immer nur wenige tauglich sind.
Es wird, um die Bestrebungen dieses Komitees ins rechte Licht zu setzen, das beste sein, eine Broschüre zu zitieren, die unter dem Titel Generalstreik und Terror 1908 im Verlag des Revolutionär erschien; zwar wurde die Schrift konfisziert, aber wie es bei Beschlagnahmungen anarchistischer Druckwerke im allgemeinen zu geschehen pflegt, erst, nachdem die Auflage bereits versandt war und nur noch drei Exemplare in der Druckerei lagen. Dort heißt es, von Seite 5 an wörtlich so: »Wenn man die Emanzipation des Proletariats durchsetzen will, so darf man keinen Augenblick darüber im Unklaren sein, daß dies stets den Kampf einer Minorität gegen eine Majorität bedeutet. Das Proletariat besitzt weder Geld, noch Waffen. Worum es sich handelt, ist, eine Kampftaktik zu finden, die einerseits die Produktionen und den Verkehr hemmt und dadurch Schaden herbeiführt; andererseits aber durch den Schrecken darauf hinwirkt, daß diesem Zustande bald ein Ende und hinterher kein Versuch gemacht wird, die Ausgleichung des Schadens aufs Proletariat zu schieben. Dieser doppelte Zweck erfordert ein doppeltes Vorgehen. Das erste wird erreicht durch die Aktion der Massen, die die Arbeit verweigern. Das zweite durch eine tatkräftige Kampfweise einiger weniger, die ihr Leben in die Schanze zu schlagen bereit sind. Wenige sind sehr schwer zu fassen. Die vielen aber sind, wenn sie tätiges Eingreifen in den Kampf vermeiden, vor der Niederwerfung durch brutale Gewalt gesichert. Wenn die Wenigen, die sich dem Kampf bis aufs Messer widmen, Resultate erzielen wollen, so müssen sie freilich ihre Waffen gegen große Objekte richten. Sie sollen sich auf Unternehmungen stürzen, die arbeiterfeindlich sind. Sie sollen versuchen, ganze Fabriken einzuäschern, Bergwerke zu vernichten, Schiffe ins Meer zu versenken.«
Wir müssen logisch komponieren
aus den logischen Figuren heraus wie Ornamentkünstler. Wir müssen einsehen, dass das Phantastischste die Logik ist.
Auch verdrängte Sexualität, natürlich
Den Studenten Wassilij Gutschkow hatte Mara in ihrem kleinen vegetarischen Restaurant kennengelernt. Der zweite Fenstertisch war sein Stammplatz und Mara war schon daran gewöhnt, immer dem feuchten Blick unnatürlich tief liegender Augen aus einem sehr weichen, sehr fahlen Gesicht zu begegnen, wenn sie sich zu ihrem Mittagsbrot niederließ. Dieser Russe, der immer einen Pack zerschlissener Bücher mit sich herumschleppte, aß niemals etwas anderes als ein einziges Gemüse und trank dazu Tee. Daß Gutschkow Student der Chemie war, wußte Mara auch. Aber Litschew, den sie einmal nach dem Unbekannten befragte, zuckte geringschätzig die Achseln. »Meine Leute verkehren nicht mit ihm. Er ist Anarchist und er und seine Freunde machen uns hier nur Ungelegenheiten. Auch verdrängte Sexualität, natürlich.«
So kannten Wassilij Gutschkow und Mara einander schon sehr lange, als der Russe eines Tages die Wirtsstube betrat, sich wie suchend umsah und dann unsicher auf Mara zukam. »Eine Freundin von mir – sie heißt Vera – ist sehr krank. Wir haben gar kein Geld mehr. Könnten Sie uns …«
Verwirrt griff Mara nach ihrer Börse. Sie leerte den Inhalt in die Hände des Studenten und fragte: »Darf ich mit Ihnen kommen? Vielleicht könnte ich helfen?«
Ein kleines Dachzimmer mit schräger Decke. Ein Tisch voll Bücher am schmalen Fenster, ein Kleiderrechen und im Hintergrund das Bett. Jähes Erkennen geistert über ein erschreckend blasses und mageres Gesicht. »Du, Mara?«
Bald sank Vera müde zurück.
»Wir waren gemeinsam in Fribourg«, erklärte Mara. »Im Kloster. Wir gingen in dieselbe Klasse.«
Die Erbschaft
hatte Prinz Atlanta Millionen gebracht. Er konnte es sich jetzt leisten, eine Entdeckungsreise durch wenig erforschte Gebiete anzutreten. Er war ein vorzüglicher Lichtbildner und ein guter Tierkenner, Rautenschmied machte mit, der beste Reiseschriftsteller war gewonnen. Auf der Landungsbrücke in Cuxhaven standen die Angehörigen der Weltreisenden. Der Forschungsgesellschaft hatten sich noch zwei erfahrene Männer, Doktor Rubrecht Ulmenau und ein Tropenarzt, Doktor Guido von der Gülmen, angeschlossen. Landbürger unterhielt sich angeregt mit den Abreisenden. Constanze stand dabei und suchte sich in eine gleichgültige Haltung zu bringen. Die Glocke des Dampfers Cincinnatti rief zur Abfahrt. Edgar reichte der tiefergriffenen Constanze die Hand. Der hochgewachsene ernste Mann stand vor ihr in der kleidsamen schneeweißen Tropentracht, und fragend senkten sich seine Augen in ihre unruhigen Augensterne. »Leben Sie wohl, vielleicht ist es ein Abschied für das ganze Leben.« Man winkte und schwenkte Tücher. Unbeweglich stand Edgar an der Reling. Starr richtete sich sein Blick in die Ferne, seine Gedanken waren weit, weit weg.
Aber in Gottes Namen
Ihnen ist dieser Dilettantismus nötig. Sie sahen noch nie ein paar Leute, nie ein Blatt. Denken Sie eine Frau unter der Laterne; eine Nase, ein Lichtbauch, sonst nichts. Das Licht, aufgefangen von Häusern und Menschen.
An den Schiffländen brannten schon die kleinen Laternen
In der Wohnung eines Freundes in der Spiegelgasse wollte man sich heute zusammenfinden. Mara war begierig, die Kameradin aus der Klosterzeit wiederzusehen. Ein großes, schönes Mädchen öffnete ihr. Mara sah sich unsicher in dem Raum um, der von Menschen erfüllt war und durch dessen Rauchschwaden die Blicke kaum zu dringen vermochten. Aber schon stand Wassilij vor Mara und zog sie in eine Ecke. Die Studenten nahmen langhalsige Gitarren von den Wänden und begannen zu spielen und zu singen. Mara saß tief zurückgelehnt neben Vera. Diese Lieder, das traurige Spiel der Balalaikas! Wie stieß es Mara in Heimweh und Erinnern! Es waren nur andere Worte, die die Studenten sangen.
»Ich war so glücklich, als dein Geld kam«, flüsterte Vera Mara zu, als alle in erregte Gespräche gefunden hatten. »Wir haben die Bücher ausgelöst und unsere Mäntel.«
»Was soll ich tun, Vera? Es quält mich, daß du entbehren sollst.«
»Es sollte dich quälen, daß Hunderttausende entbehren«, rief Wassilij plötzlich, der offenbar ihrem Gespräch gelauscht hatte.
»Siehst du!« rief der Student mit der tiefen Stimme triumphierend Wassilij zu: »Man muß an die natürliche Güte des Menschen glauben. Nur der Staat ist ein Monstrum.«
»Wir werden nicht ruhen, bis nicht jedem der volle Ertrag seiner Arbeit gehört, den die stehlen, welche die Produktionsmittel in Händen haben!« rief Vera, ihre eingefallenen Wangen glühten auf.
Oft kam es nun vor, daß Mara das Gefühl einer Schuld überfiel, weil die Rente des unbekannten Mannes in London sie jeder Sorge um ihren Unterhalt enthob, und sie erkannte, was sie von ihren Freunden schied. Es schmeckte zuerst nach Abenteuer, daß sie wegen ihrer Geschenke an Vera mit einer sehr geringfügigen Summe durch den Monat kommen mußte. Jetzt aber war es nicht mehr möglich, ein Buch zu erstehen, das sie in einer Auslage gesehen hatte; sie mußte ihre Vermieterin, die ihr die Wäscherechnung überreichte, auf den kommenden Monat vertrösten. Wesentlicher war, daß es seit der Begegnung mit Vera unmöglich schien, weiterhin das Leben der unbekümmerten Studentin zu führen. Hatte Mara ein Recht, zu bestimmen, wieviel sie von ihrem Gelde behalten durfte, seit sie wußte, daß andere hungerten? »Wir nehmen Ihr Angebot an«, hatte ihr Wassilij bei ihrem letzten Besuch gesagt, weil sie ihm erklärt hatte, sie überlasse es ihm und Vera, den angebotenen Betrag für sich und Kameraden zu verwenden. »Vergessen Sie nur nicht: man kann sich niemals loskaufen von der Schuld an der großen Not. Mit Geld allein nicht, Mara.«
ein schwerbeladener Ziegelwagen
von der Seydelstraße herkommend, passierte gegen fünf Uhr den Spittelmarkt. Als er die Kurve nahm, um in die Leipzigerstraße einzubiegen, fuhr er gegen die Bordschwelle und schlug um. Dem Kutscher gelang es, abzuspringen; aber der schwere Wagen, aus dem die Steine herausstürzten, lag mitten über das Gleis der Straßenbahn. Mit der den Berlinern eigenen Beflissenheit, sich dahin zu drängen, wo ohnehin wenig Raum vorhanden ist, schoben sich die Leute im dichten Kreis um die Unfallstätte. Der Zufall wollte, daß um diese Zeit Arbeiter den Spittelmarkt kreuzten, die von einer Gewerkschaftsversammlung kamen. Da weder die Straßenbahnwagen von der Leipzigerstraße, noch vom Spittelmarkt vorwärts konnten, war eine Verkehrsstockung großen Stils entstanden. Zum Überfluß keilten sich in das Getümmel noch ein paar Motoromnibusse, schwere Kasten, so daß die Stauung der Wagen sich bald zu einem unentwirrbaren Tohuwabohu verfilzte. Die Kutscher schrien durcheinander, zerrten und stießen bald hier, bald da. Unterdessen hatten sich Schutzleute in größerer Zahl eingefunden; sie drängten die Menge von den Bordschwellen der Trottoirs zurück und forderten durch ihre aufgeregte Ungeschicklichkeit mehr als ein Spottwort heraus.
Die müßige Menge schwoll immer mehr an, und begann zu schimpfen. Die Situation wurde unangenehm, als durch die recht enge Niederwallstraße ein Rudel halbwüchsiger, angetrunkener Burschen eindrang, sich mit Püffen und Rippenstößen durch die Menge arbeitete und dabei johlte, gröhlte und brüllte. Einen davon bekam ein Schutzmann zu packen, und es entspann sich eine solenne Prügelei. Da rückte von der Gertraudenstraße her eine größere Abteilung von Schutzleuten zu Fuß und eine kleinere Berittener ein. Ein Teil von ihnen besetzte die Wall-, ein anderer die Seydel- und Beuthstraße, so daß die direkten Ausgänge nach Osten und Süden gesperrt waren. Die Leipzigerstraße war wegen der Ansammlung der Wagen nahezu unpassierbar, die Niederwallstraße gar zu eng, als daß durch sie eine schnelle Entleerung des Platzes hätte stattfinden können.
Ein Teil der Menge suchte in den Läden und Restaurationen Zuflucht zu finden. Aber die Besitzer schlossen die Türen ab. Die Glastür zu einem Magazin wurde von der drängenden Menge eingedrückt. Als ein Schutzmannspferd allzu dicht an einen kräftigen Mann in Arbeitstracht heranschnaubte, griff der nach den Zügeln. »Vorwärts, vorwärts!« riefen die Schutzleute und trieben die Menge immer rücksichtsloser an. Die Säbel sausten auf die notgedrungen Zögernden herab und trafen auf Hüte, Schultern, erhobene Hände. Auf einmal sprang ein Pferd rücklings in die Höhe, fiel hart nieder und bedeckte den Reiter. »Wenn noch irgend welcher Widerstand geleistet wird, lasse ich scharf einhauen!« rief mit weithin schallender Stimme ein Polizeioffizier.
»Gemeinheit, Roheit!« Die Menge geriet in Rage. Die Kräftigsten arbeiteten wütend mit Händen und Füßen, pufften links und rechts um sich und schleuderten mit brutalen Stößen die Schwächeren von den Trottoirs. Auf die einen stürzten sich die Fußschutzleute; die andern drängten Berittene mit Hieben wieder in die Menge zurück. Alte Leute wurden zu Boden gerissen; Frauen bluteten und schrien. Angreifer und Angegriffene wälzten sich in dichter Verschlingung auf der Erde, Schutzleute fuchtelten mit den Klingen bald in scharfen, bald in flachen Hieben dazwischen.
Unterdessen war die Kunde von dem Tumult durch die Stadt gedrungen. In entlegeneren Gegenden bildete sich das Gerücht, die Straßenbahnwagen führen nicht mehr, die Menge habe die Führer zum Absteigen gezwungen. Das wurde geglaubt, und darum wurde es nachgeahmt. In der Frankfurter Allee warf man einen Fleischerwagen um, so daß die Straßenbahn zu halten gezwungen war. Gegen Abend war der Aufruhr so weit gediehen, daß Militär aufgeboten werden mußte. Nach Mitternacht entstand auf unerklärliche Weise ein großes Schadenfeuer in der Fabrik von Pietsch, die einen ganzen Block für sich einnahm. Der Feuerwehr gelang es, einen Teil der Baulichkeiten zu erhalten; die Säle, in denen die kostbarsten Maschinen aufgestellt waren, fielen der völligen Zerstörung anheim.
Ja, trotzdem
die Gemütlichkeit der Vernichtung ist das Interessanteste.
Die Zukunft der Hauptstadt
war in der Tat höchst dunkel. Die Berliner Elektrizitätsgesellschaft verschickte eine Erklärung, in der sie unter höflichem Bedauern anzeigte, daß sie nicht mehr imstande sei, für die Anschlüsse Elektrizität zu liefern. Bei Tag und Nacht durchzog Polizei und Militär patrouillierend die Straßen, jede Ansammlung von Menschen auseinandertreibend. Es wurden Fensterscheiben zertrümmert, Telegraphendrähte zerschnitten, Schienen demoliert. Das Abhalten öffentlicher Versammlungen war untersagt. Die Streikenden fanden Mittel und Wege, sich zu verständigen. Sie gingen von Haus zu Haus, und trugen die Nachrichten weiter.
Das Aktionskomitee hatte sein altes Haus in der Stallschreiberstraße aufgegeben; es hatte keinen festen Sitz mehr. So saßen in einer kleinen Destille des Nordostens – sie führte den anmutigen Namen Zum blutigen Knochen – drei Leute beieinander, von denen wir den Führer Bessel schon kennen. Der zweite war ein Mensch von etwa vierundzwanzig Jahren, mit blassem, bartlosem Gesicht und einer langen, fahlgelben Mähne. Der dritte war ein kräftiger Mensch von etwa dreißig Jahren; der Schnitt des Gesichts, die klobige Nase, der dicke, herabhängende Schnurrbart verrieten den Polen; das bestätigte denn auch sein Name, der Mendrzycki lautete.
Der blasse Jüngling nahm das Wort: »Es war vielleicht die einzige Gelegenheit auf Jahre hinaus.«
»Gewiß,« sagte Bessel, »die Proletarier sind reif geworden. Ich habe das Sozialistengesetz mit erlebt, ich habe, als ich noch am Anarchist mitarbeitete, acht Monate gesessen, ich habe John Most und Emma Goldmann gekannt. Damals war der Vorwärts der große Verblödungsapparat.«
»Ich weiß nicht,« murmelte Schwietal; »ich glaube, ich hätte etwas angerichtet damals.«
»Freilich, Propaganda der Tat! Jede solche Sache hat der Bewegung genützt.«
»Sehr gut,« bemerkte Mendrzycki, der das Deutsche mit dem rollenden R der Polen sprach, »wir werden hören, ist in Polen der Teufel los – ich hab’ Nachrichten von gutem Freund.«
»Nationalitäten kümmern uns nichts,« sagte Schwietal mürrisch. »Großpolen! so ein Stumpfsinn.«
Die Tür der Destille wurde aufgerissen; Meckel trat ein, erhitzt und atemlos.
»Nun sag’, was ist los?« fragte Schwietal höchst ungeduldig. Im selben Augenblick hörte man von nicht allzu weit her ein kurzes, scharfes Prasseln. Gewehrfeuer.
Krawall!
sagte Meckel. »Militär ist da! Die Weiber haben angefangen. Da ging eine Frau in einen Bäckerladen in der Prenzlauer Allee, nahm einfach ein Brot und wollte hinausgehen. Es kam zur Prügelei, das Bäckermädchen holte Polizisten. Sie kratzte und biß; sie schleiften sie hinaus aufs Trottoir. Vor dem Laden hatten sich so ein Stücker zwanzig Frauen angesammelt; wie die Polizisten mit Verhaftung drohten, fielen sie über die beiden her. Die Kerle hieben drein, gaben Notsignale. Da kamen die Männer zu Hilfe; zwei haben die Blauen erschossen. Endlich gelang’s ihnen, in den Laden zurückzuweichen, der Bäcker ließ die Rolläden herunter. Die Leute holten Äxte und fingen an, die Läden zu bearbeiten. Da kamen die Berittenen. Einen haben sie vom Pferd gerissen, ein anderer ist mit einer Kugel herunter geholt worden. Es müssen mindestens zwanzig Leute totgeschlagen sein. Wie die Berittenen weg waren, holten die Leute den Ladentisch und die Stühle heraus und schmissen sie auf die Straße; dann plünderten sie ein Eisengeschäft und zogen Stacheldraht quer über, rissen mit Brechstangen das Pflaster auf und haben nun eine Barrikade fertig. Waffen haben sie dem Fritzen auch weggenommen. Vornüber wollten sie einen Graben ziehen, ging aber nicht mehr.«
Eine Salve dröhnte, ein lautes, furchtbares Geschrei folgte.
»Die Bande muß merken, daß wir mächtig sind,« sagte Bessel.
Die ganze Sache vollzieht sich streng kausal
Singen wir das Lied von der gemeinsamen Einsamkeit.
Meckel hatte die Stadt durchquert und war gewandert
immer gewandert; nach Süden zu. Längst hatte er das freie Feld gewonnen; nun ging er am Bahndamm lang, möglichst innerhalb der Schattengrenze. Ab und zu sah er nach der Uhr. Es ging auf zehn. In der Hand trug er einen Beutel voll Sand, dessen Griff zusammengedreht war. Er wog ihn, schlenkerte ihn hin und her, prüfte ab und zu seine Schlagwucht. Er schlich den Damm hinauf, der eine steile Böschung aufwies, und legte sich hin. Er zog aus der Brusttasche eine Stahlsäge und einen scharfen Schraubenzieher und begann, die Kuppelung der Schienen in Angriff zu nehmen. Er hatte kaum begonnen, als er von fern Schritte sich nähern hörte; gleich glitt er zurück hinter den Abhang und faßte den Sandsack fester. Der Bahnmeister kam mit der Laterne die Schienen entlang und leuchtete sorgsam vor sich hin. Ab und zu stieß er mit der Stiefelspitze fest gegen eine Schiene, die den Klang dann kräftig zurückwarf; dann ging er weiter und entfernte sich bald außer Hörweite. Meckel kroch wieder herauf und lockerte die Schraube; dann grub er ein Loch unter die Schwelle und steckte in die Versenkung einen schweren Gegenstand, den er seiner Tasche entnahm. In der Ferne zeigte sich ein Lichterpaar. Eine Maschine sauste in voller Fahrt heran, wie gejagt. Aber – kein Wagen hing daran! Dieser Plan wurde zwecklos, die Katastrophe lohnte die Mühe nicht!
Meckel begann mit hastigen Händen die Bombe wieder zu lockern. Die Schiene war nach unten gesunken und klemmte den Sprengapparat fest. Meckel rüttelte, er hob mit Riesengewalt die Schiene wohl einen Millimeter hoch. Sie schnappte zurück und er fiel aufs Gesicht. In diesem Augenblick brauste die Lokomotive heran; er taumelte auf und wurde von dem Puffer vor die Brust gestoßen. Im selben Augenblicke erfolgte eine Detonation, dann ein Niederprasseln von Eisenteilen auf den Kies des Dammes. Die herbeieilenden Streckenwärter fanden ein tiefes, trichterförmiges Loch, von dem aus Risse durch den ganzen Bahnkörper gingen; der Vorderteil der Lokomotive war in kleine Fetzen zerrissen, der Kohlenwagen halbiert; der Heizer lag verstümmelt eine Strecke weiter hinten; der Führer war in Atome zerpflückt. Man fand endlich, auf die Seite geschleudert, noch Reste eines dritten Körpers, der nach den Anzugsfetzen keinem Bahnbeamten gehören konnte.
ihr Zustand ließ sich noch immer verheimlichen
Mara war im vierten Semester. Dienst an der Wissenschaft hieß der Weg, den ihr das Studium eröffnete. Sie sah das Turmzimmer des Pastors vor sich. Die harten Arbeitsstunden am Spieltisch der Orgel, die Stunden über den Problemen der Harmonielehre, die Stunden unermüdlichen Übens. Man konnte der Musik nicht nebenbei dienen. Aber vor dem werdenden Leben in ihr mußte die Orgel bestehen, vor dem Wissen um die Not von Hunderttausenden. Vielleicht war es die Musik, daß Wassilij sie verächtlich eine Individualistin nennen konnte? Schlief nicht die Stimme des Teufels in Tasten und Registern: Du wirst Macht haben, Mara. Viel Macht. Du wirst nicht ein einfacher Soldat auf der Heerstraße sein. Wie die Schlange im Paradiese war diese Stimme und Mara floh gepeinigt in die Welt Professor Wernheims zurück, in der die Phantastik ihrer Jugend sich der kühlen Herrschaft des Wissens beugen mußte. Sie vergrub sich in die Bücher, die Wassilij und Michail ihr sandten. Sie drang durch Bakunin, Landauer, Proudhon und Marx in ein Reich, das so kühl und gesetzmäßig war wie das Wernheims und dennoch durchglüht von einer großen Liebe und einem großen Haß. Kein Lied lebte in diesem Reich und der Himmel der Kunst bedeutete in ihr nichts als ein Vorrecht der Satten.
Rezept zu einer Wirtschaftskrise
Bei der Abschnürung vom Weltmarkt werden helle Scharen von Arbeitern auf die Straße gesetzt, dem Nichts anheimgegeben. Die Regierung muß angesichts ihrer schwachen Position, der fehlenden Mittel auf Eingreifen verzichten. Und wer zweifelt, daß diese Massen ohne Brot sich nicht auf jene stürzen, denen ihr Haß von klein auf gilt, und die zu morden und in ihren Schätzen zu wühlen, keiner hindert? Aber auch vom Kapitalismus wird der Zersetzungsprozeß ausgehen. Er wird seine nationalen Gefühle nicht in Selbstmord ausarten lassen. Die Grenzpfähle der Länder existieren für den Besitz nicht. Und drittens ist der Rassenhaß, meine Lieben, ein wichtiges Moment! Die Arbeitsnot, die berghoch sich türmenden Preise für das Allernotwendigste, die losgelassenen Genußinstinkte der Verdienerschicht werden das soziale Chaos erzeugen. Und dann, meine Freunde, ist unsere Zeit da!
so daß man bereits von Generalstreik reden konnte
Auch das westliche Industriegebiet war davon ergriffen worden. Die preußische Regierung war stets der Meinung gewesen, daß das Heer der Eisenbahnbeamten eine besondere Verpflichtung zur Treue gegen Kaiser und Reich habe. Es war bei ihnen niemals Streik oder Obstruktion vorgefallen. Aber die Streckenarbeiter blieben weg; die Kohlenzufuhr stockte.
Meckels Attentat war der Anfang einer Reihe weiterer Angriffe auf die Züge. Bald fand man Schienen gelockert, Schrauben abgedreht, Hindernisse auf die Gleise gewälzt. Die ersten Stockungen traten im Osten ein, wo die Polen mit voller Aktivität vorgingen. In der Nähe der Grenze wurden Züge zum Stehen gebracht und auf ganze Strecken hin Bahndämme zerstört. Da erschreckten – am selben Tage – zwei Betriebsunfälle die Eisenbahnverwaltung. Ein um die Mittagsstunden von Küstrin herkommender Güterzug stieß zwischen Müncheberg und Straußberg auf eine Mine, die wohlversteckt im Eisenbahndamm angebracht war. Die Explosion war sehr stark; außer der Lokomotive wurde der erste Wagen völlig zerstört, der zweite sprang aus dem Gleis und riß einen Teil des Trains mit sich hinunter über die steile Böschung. In dem Gepäckwagen eines Personenzuges von Berlin nach Hannover befand sich ein Koffer, der auf eine Fahrkarte dritter Klasse nach Stendal aufgegeben worden war. Diesem Koffer entströmte ein eigentümlich süßlicher Geruch, der die Aufmerksamkeit des Aufsichtsbeamten erregte. In Rathenow machte der Beamte den Zugführer darauf aufmerksam, dieser ließ die Waggons nach dem Eigentümer des Gepäckstückes durchsuchen; ohne Ergebnis. Dicht vor Bismarck erhielt aber der Zug einen Ruck; ein gewaltiger Knall ertönte, die Fensterscheiben splitterten in tausend Stücke. Der Postwagen, der dicht hinter der Lokomotive fuhr, flog in die Luft. Der Koffer, der dem Beamten verdächtig vorgekommen war, hatte eine Höllenmaschine und eine Nitroglyzerinladung enthalten.
Es wird nicht unerwünscht sein
die von uns bereits besprochenen Verbrechen aufzuzählen und einige, die wir im Zusammenhang der Erzählung übergingen, nachzutragen:
15. März: Brand der Prinzschen Werkzeugfabrik in Berlin.
16. März: Brand der Anilinfabrik in Rummelsburg.
21. März: Brand der Maschinenfabrik von Pietsch in Berlin.
22. März: Attentat auf den D-Zug München-Berlin.
23. März: Sperrung des Kaiser Wilhelm-Kanals durch Versenkung eines Schiffs.
25. März: Ermordung des Fabrikanten Franke in Crimmitschau (Revolverschuß).
28. März: Brand der Fechnerschen Weberei in Langenbielau.
29. März: Bombenattentat auf den Polizeipräsidenten von Breslau (erfolglos).
31. März: Plünderungsszenen in Myslowitz.
2. April: Explosion einer Höllenmaschine im Gepäckwagen des Personenzugs Berlin-Hannover.
2. April: Bombenattentat auf Prinz Eitel Friedrich und General v. Deimling.
Aufklärung war nur zu erwarten durch eine Denunziation aus dem Kreise der Verschworenen heraus. So entschloß sich die Regierung, es mit einem außergewöhnlichen, wennschon ungesetzlichen Mittel zu versuchen: sie verhieß demjenigen Anarchisten, der der Polizei ganze Aufklärung geben würde, Straffreiheit. Außerdem versprach sie dem, der eine Verhaftung der Hauptteilnehmer herbeiführe, eine Belohnung von 100.000 Mark. Der Arbeiter rückte weg von den Menschen, die von der Manie systematischer Zerstörung besessen schienen. Die Ausschreibung einer Belohnung weckt stets die Sympathie für den Ausschreibenden. Man muß nur einmal zuhören, wie oft der Polizei ohne Groll gedacht wird, wenn sie auf die Ergreifung eines Raubmörders einen Preis setzt. Es ist nicht Habgier, was da waltet. Nein, da herrscht ein rein sportliches Interesse.
der Wille zur Dummheit
verlangt Entsagung, und man bekommt ihn nur durch sorgfältiges Zuendedenken. Wenn man sieht, dass unsere Gedanken in sich zusammenfallen, wie die Flügel eines geschossenen Wildhuhns; Gedanken, nein, sie sind keine Zwecke für sich, sie sind wert als Bewegung; aber können Gedanken bewegen; o, sie fixieren, sie nageln zu sehr fest, sie konservieren selbst den Revolutionär. Bilder sind Taten der Augen, und mit einem Bilde ist nicht alles gesagt; aber ein Gedanke täuscht stets vor, er habe die ganze Kette erschöpft, und lähmt.

Bessel war zu Fuß losgegangen
denn alle Bahnhöfe wurden scharf bewacht. Sobald er die Großstadt hinter sich hatte, war ein merkwürdiges Gefühl über ihn gekommen; der Wald war ihm fremd, die Einsamkeit berührte ihn mit einem seltsamen Schauder. Es war noch dunkel. Bessel wanderte auf Straußberg zu. In dem ersten Dämmerlicht sah er nahe dem vorspringenden Dach eines Schuppens eine Holztafel angebracht, die ein rotes Plakat trug. Neugierig trat er näher und begann zu lesen, fand unter der Aufzählung seine eigne Personalbeschreibung. Sein Name – eine leise Beruhigung – war nicht genannt. Er sah nach der Uhr. Halb sieben. Jetzt konnte schon einer, der ihn kannte, in Berlin vor der Plakatsäule stehen und von da zur Polizei gehen. Er war gewiß 10.000 Mark wert. Bessel durchzuckte es wie ein Blitz. War da nicht Rettung? Wenn er selbst? Verrat, Verrat! Er war müde, hungrig, abgehetzt. Gestern wäre er noch bereit gewesen, eine Bombe zu werfen, auf die Gefahr hin, sich selbst zu töten. Aber jetzt? Es würde doch keiner seiner Komplizen zur Polizei gelaufen sein? Schwietal, der war ein Schwärmer. Kunard hatte zuviel andres auf dem Kerbholz. Mendrzycki? Bessel gingen die Augen über. Dieser Polack, der verdammte! Und er begann zu laufen, als renne er mit ihm um die Wette, gerade in die Stadt hinein.
Eine Viertelstunde, nachdem er das Polizeipräsidium betreten hatte, lief von einem Revier die Nachricht ein, ein Pole namens Mendrzycki habe sich gestellt. Am selben Tage noch wurden alle in Berlin sich aufhaltenden Terroristen verhaftet bis auf einen: Schwietal. Zu gleicher Zeit wurden in Stettin, Hamburg, Breslau, Bochum und Mülheim Verhaftungen vorgenommen. Die Zahl der in das terroristische Komplott Verwickelten betrug etwa 60 Mann. Da die Straftaten unter der Herrschaft des Kriegsrechts stattgefunden hatten, waren die Urteile sehr hart: 29 Männer wurden zum Tode verurteilt, 16 zu lebenslänglichem Zuchthaus, die übrigen zu langjährigen Zuchthausstrafen. Zweien der Angeklagten gelang es trotz schärfster Aufsicht, sich vor der Verhandlung selbst zu töten. Nur Schwietal war dem Arm der Gerechtigkeit entgangen. Bessel begab sich nach Amerika. Als er den Landungskai betrat, knallte ein Schuß. Er sank, durch den Kopf getroffen, sofort zusammen. Die zweite Kugel jagte sich Schwietal über dem Körper des Getöteten in den Mund.
so viele Welten
die gar nichts miteinander zu tun haben
Der Kapitän schüttelte ungläubig den Kopf
»Unmöglich, dort liegt kein Land. Es ist undenkbar.«
»Aber wenn es neu entstanden wäre?« warf Paul Seebeck ein.
»Das wäre ja –«
Aber jetzt kam von der Seite her feiner Staubregen
der in wenigen Augenblicken die Aussicht verschleierte. Die Herren hüllten sich fester in ihre Mäntel. Der Regen wurde stärker und stärker, und außerdem brach schnell die Nacht herein.
Als sie auf Deck hinaustraten
sahen sie, daß Nebel und Regen völlig verschwunden waren, der Mond schien. Passagiere gingen plaudernd und rauchend auf und ab, oder saßen, in Plaids gehüllt, auf Feldstühlen. Paul Seebeck folgte dem Kapitän auf die Kommandobrücke. Jetzt war kein Zweifel mehr möglich: vor ihnen lag, steil dem Meere entsteigend, ein Vulkan, über dessen kegelförmiger Spitze eine blauschwarze Wolke schwebte. Wieder sah Paul Seebeck dem Kapitän fest ins Gesicht: »Ich habe mein Motorboot, mein Zelt und Konserven für zwei Monate. Sobald wir einen Landungsplatz sehen, setzen Sie mich ins Wasser. Ich will die Insel für das Deutsche Reich in Besitz nehmen.«
und unter Kettengerassel sinkt ein Motorboot
auf die kaum gekräuselte Wasserfläche. Halblaute Abschiedsrufe, ein Winken und Grüßen, der Motor wird eingestellt, und das Boot saust davon. Jetzt verschwindet es hinter einer Klippe, taucht in den Mondschatten, biegt um einen Felsen und ist fort.
Unweit der Feste Herat
im Bergland Afghanistan, an den Ausläufern des Hindukusch, saß Rautenschmied vor dem Zelt und schrieb in ein Tagebuch, die übrigen Reiseteilnehmer lagerten auf Teppichen und rauchten.
»Was sagen Sie zum Wetter, Doktor Ulmenau?« fragte Prinz Atlanta.
»Ein Bergsturm naht, Durchlaucht, wir müssen uns sputen, sonst fegt uns der Orkan von der Ebene weg!« Ulmenau gab einen schrillen Pfiff ab. Diener eilten herbei, und bald befand sich die Reisegesellschaft mit ihren Bergpferden und Lastkamelen auf dem Weg zum Tal Heri Rud.
Der ewige Chorgesang der Wüste, das Läuten der Kamelglocken tönte herüber. Sven Hedin hatte recht, dieses Lied verstummte nie, und wenn das Kamel den Tücken der Wüste zum Opfer fiel, sofort wurden die alten Schellen einem neuen Leittier angeschnallt. Schon fegte der Wind über die Ebene, im flotten Tempo ging es daher der Talniederung zu. Pinusarten, Tamarisken, Platanen und Weiden standen hier urwaldartig zusammen. Noch bevor die Dunkelheit hereinbrach, hatte man Herat erreicht. Über die Heri-Rud-Brücke ging es zur fest umwehrten Stadt, die im Nordwesten von der mächtigen Zitadelle beherrscht wird. Die Gesellschaft nahm ihren Weg nach dem Königsgarten Baghi Schahi und schlug hier ihre Zelte auf. Es fügte sich, daß zufällig der Emir von Afghanistan nach Herat gekommen war. Ein Herold erschien im Lager und überbrachte die Einladung.
»Wie gut, daß wir Berliner Filme aufgenommen haben«, rief Rautenschmied.
Die Herren hatten die Uniformen ihrer früheren Regimenter mitgenommen, damit sie bei öffentlichen Festen feierlicher auftreten konnten. Der Emir saß auf einem thronartigen Sessel, umringt von den Würdenträgern seines Reiches. Kühn stürmten die Reiter daher, was bei europäischen Regimentern die geschlossene Attacke mit ihrem wuchtigen Ansturm, das war hier bei diesen halbwilden Söhnen der Berge die Gewandtheit, die sie auf ihren flinken Pferden entwickelten. Lanzenkämpfe gaben manchen aufregenden Augenblick, und nicht ohne ernstliche Verletzungen gingen diese Vorführungen zu Ende.
Der Emir wollte sich von seinen Gästen verabschieden. Doch Prinz Atlanta bewog ihn zum Bleiben. Eine Leinwand senkte sich hernieder und schon zitterte das erste Bild über die helle Fläche. Bild auf Bild folgte, Denkmäler und Prachtbauten aus Groß-Berlin, darunter das stolze Gebäude der deutschen Reichsburg. »Seine Majestät der Deutsche Kaiser und seine Garde!« sprach nun der Prinz. Das lebensgroße Bild Kaiser Wilhelms II. wurde sichtbar. Atemlose Stille herrschte, und die Augen der Krieger glänzten freudig. Der Eindruck der Macht war vollkommen.
Und nun vertraute Bilder
die Eisenbahn mit der kleinen Lokomotive, die langsam, von Rufen im Dialekt der Heimat begleitet, tief in das Land hineinfährt. In dieses Tal, auf das eine weiße Sonne brennt, mit fernen Bergen ringsumher und breiten Weinfeldern. An allen Stationen stehen Menschen in Gruppen, die die Tracht der Heimat tragen. Mara preßt das erregte Gesicht an die schmutzigen Scheiben. Der Schaffner sagt: »Die nächste Station ist Gruda!«
Die alte Stane brachte vor Erregung kein Wort hervor. Tränen liefen über ihr zerknittertes Gesicht. Oh, wie alt sie geworden war! Wie klein und mager! Ihre Augen aber leuchteten. Niemals hatte die alte Frau dieses Kind vergessen, das ihr dessen Mutter in der Sterbestunde anvertraut hatte. Voll Stolz sah sie an Mara empor. Die Augen und das schwarze Haar, das Mara so kurz trug, wie es die alte Stane noch niemals gesehen hatte. Ja, Mara war schön geworden, viel schöner und seltsamer noch als ihre Mutter gewesen war, der alle Burschen von Gruda so besessen nachgestellt hatten!
Blaß war Mara und die dunklen Haare klebten feucht auf ihrer Stirne, als nach einem Tage, an dem ihr zuckender Leib sich viele Stunden lang in Schmerzen gewunden hatte, Stane ihr den Knaben in die Arme legte. Dieses allererste Staunen in die blicklosen Augen ihres Kindes, in dieses winzige zerknitterte Antlitz, das so seltsam alt aussah, erschreckte und beseligte Mara. Sie ließ es geschehen, daß Stane den Knaben wieder hinaustrug. Eine Frau brachte Mara den Knaben am nächsten Tage. Hinter der Fremden stand Stane. »Du hast ja kaum Brüste,« sagte sie leise. »Und da Anne gerade ein Kind hat …« die roten Backen der Bäuerin verzogen sich zu einem Grinsen, »so ist es das Beste ….« Fast böse sah Mara auf Anne, auf deren so reifen, schwerblühenden Körper.
Auf den Namen Nikodemus hatte der Priester Maras Knaben getauft. »Aber wie wirst du ihn rufen?« fragte die alte Stane, ein wenig verwundert über den altertümlichen Namen. »Nenne ihn Nino, so heißt auch der Sohn des Bürgermeisters.«
Werde ich es ertragen, niemals mehr auf den Orgeln in den großen Städten zu spielen? Mara überlegte alle Möglichkeiten. Die Professoren? Die Kollegen? Sie mußten es nicht wissen. Wenn ich abends heimkehre, werde ich nicht wie bisher in ein leeres Zimmer kommen. Ich werde am Schreibtisch arbeiten und wenn ich aufsehe, werde ich immer dich in deinem Bettchen sehen. Aber die alte Stane konnte unbeugsam sein. »Nino hat sein eigenes Recht. Du mußt arbeiten, Mara, kannst dich nicht Tag und Nacht um ihn sorgen. Du kannst ihn nicht mitnehmen. Aber du mußt kein Jahr verlieren, wie du sagst. Habe ich dich nicht großgezogen und meine eigenen Kinder dazu?«
Sie schrak auf aus dem quälenden Dunkel
Mit welchem Recht sperrt man die Menschen ein, die keine größere Schuld haben, als daß sie im Armenviertel geboren wurden, und die sich ihr bißchen Essen nun von denen nehmen, die reich sind?
Sie fürchten sich wohl vor uns?
fragte Wassilij mit Spott und Trauer. »Sie möchten wohl nicht gerne, daß Ihre bürgerliche Welt samt deren Sternenhimmel von Wissenschaft und Kunst zusammenfällt?«
»Ich bin viel mehr bei Ihnen, als Sie ahnen«, erwiderte Mara gedrückt. »Michail gab mir eine Liste von Büchern. Aber ich habe so wenig Zeit. Die Prüfungen …«
Eigentlich kam Mara, um Michail zu sehen, mit dem sie eine Freundschaft ohne viel Worte verband. Von seinem guten, bärtigen Antlitz, von seinen energischen Händen ging der Ausdruck eines gebändigten Lebens aus, dessen Kraft Mara liebte. Denn es war doch so, daß alle Ideen sich in der Persönlichkeit verschiedener Menschen anders spiegelten. Die russischen Studenten bekannten sich alle zu einer Partei, zu einem Ziel. Aber während der Chemiker Wassilij drohend von der Wirkung neuer Nitroglyzerinverbindungen sprach, und sich nicht genug tun konnte in der Verspottung der Religionen, die er bürgerliche Ideologien nannte, indes Vera in erschreckender Unbekümmertheit von Eisenbahnattentaten phantasierte, die der Weg zum Kommenden Reich der Güte seien, schien Mara die Weltanschauung Michails von tiefem Glauben erfüllt.
Wenn Mara noch immer zögerte, den Hohnreden Wassilijs und der sanften Beschwörung Michails zu folgen und bereit zu sein, an deren Seite zu kämpfen, so war es, weil sie sich den Anschauungen ihrer Freunde über die Mittel des Kampfes nicht anschließen konnte. »Glauben Sie nicht, Michail, daß die religiöse Erneuerung die Menschen auch auf Erden glücklicher machen würde, als soziale Programme allein?«
Das Antlitz Michails verdunkelte sich. »Sie sind ein Kind«, entgegnete er abweisend. »Sie wissen nicht, daß Hunger und Vergewaltigung den Menschen so tief erniedrigen, daß er sich nicht mehr auf sein unsterbliches Teil besinnen kann. Ich teile nicht das materialistische Bekenntnis Wassilijs. Aber ich glaube, daß Gott von meinem Volke will, daß es mit Flamme und Schwert die Händler und Schurken aus dem Tempel seiner Welt treibe. Sie sind zu jung, sonst wüßten Sie, daß ein wohlgezielter Schuß die Menschheit ihrem Ziele näher bringen kann.«
In zwei Reiche
war die Welt früher für Mara zerfallen gewesen. Das eine hatte die Arbeit, das Studium beherrscht, das Erleben im Turmzimmer des Pastors, Besuch von Bibliotheken und viele Nächte über Büchern. Und dann war es nach Wochen heißester Hingabe an diese Arbeit geschehen, daß Mara sich besessen an die Wollust gegeben hatte. Ihr Denken von gestern hatte diese Zweiteilung bejaht. Und mit beiden Händen hatte sie in jedem Erleben ihr Herz festgehalten, damit nichts Tieferes sie an jene Stunden binde, in die ihr heißes Blut sie trieb. Aber eine mahnende Stimme war immer stärker geworden und belud nun vergangene Stunden der Leidenschaft mit Scham. Die Männer stießen einen nur immer tiefer hinab. In eine schrecklich leere Einsamkeit nahm man ihren entfesselten Schrei, ihr verzerrtes Gesicht, ihre nackten Worte mit. Und dann, nachher, mochte man sich mühen, stückweise sich selbst wieder zu sammeln. Ich war damals entsetzlich jung, dachte die neunzehnjährige Mara. Gott ist die Erregung, die den Körper übertrifft.
»Sie haben große Fortschritte gemacht, seit Sie von Ihrem Urlaub zurückgekommen sind«, sagte Pastor Eckart zu Mara. »Sie sind eine andere geworden. Und –« entschlossen hielt er ihren Blick, »irre ich, oder hat Ihnen Gott nun die Kraft gegeben, dem Dunklen in sich zu widerstehen?«
»Nicht immer ist es leicht«, antwortete Mara. »Die Musik verlangt mich ganz.«
Aber der Körper, die Sinne
»Du, mein Gott, das sind die ärmlichsten Gewöhnungen, Vorurteile. Viel stärker, reizvoller, gefährlicher sind die Empfindungen, die keines Erlebnisses bedürfen. Denn schliesslich gibt es Menschen, die kommen auf die Erde und kennen alles. Das Leben ist nur eine mühevolle Darstellung der Erinnerung, nichts Neues.«
»Also kämen wir doch von Gott.«
»Aber woher denn?«
Am Weg zum Frauenmünster
gab es neben der Brücke einen Straßenhändler. Zwischen Büchern, auf deren Umschlägen nackte Frauen frech lachten oder finstere Detektive mit Blendlaterne und Revolver ein düsteres Zimmer betraten, lagen oft Schätze, die vergeblich auf einen Käufer warteten. Hier hatte Mara die Gedichte Jehuda Halevis gefunden, erfüllt von Weltmüdigkeit, Jubel der Gottesschau, Erschütterung der Umkehr. Und nun hatte sie heute die Merkpunkte des hl. Bonaventura entdeckt. Ein fast zerfetztes Büchlein, auf dessen erster Seite in verblaßter Tinte ein Name stand. Und neben diesem Namen war mit der gleichen Tinte, von derselben Hand geschrieben worden: »Dieser, dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden. Er war verloren und ist wieder gefunden.« Mara legte den kleinen Betrag, den der verwunderte Händler von ihr forderte, auf den schmierigen Tisch. Ehe sie weiterging, blätterte sie noch in dem Buch. Und sie fand einen Satz, der sie erschreckte wie die Stimme des Gerichtes. Denn es war in diesem Satze gesagt, daß nichts so schlimm sei als das Erkalten, weil darin der Weg der Verstörung beschlossen liege, »der da führt zum Tode.«
»Ich habe eine kleine Bitte an dich«, sagte Vera und legte eine Aktentasche auf Maras Schreibtisch. »Wunderschön hast du es hier«, fuhr sie fort, indes sie sich in Maras engem Zimmer umsah. Vera trug einen weiten Mantel aus grobem Tuch und einen breitkrempigen Hut in die Stirn gedrückt. Mara betrachtete sie. In dem großen mageren Mädchen mit den entschlossenen Zügen war nichts mehr von der kleinen, ein wenig ungeschickten Klosterschülerin. »Ich verreise«, erklärte Vera einfach. »Und da ich nicht weiß – es könnte mir etwas zustoßen, nicht wahr – bei Wassilij würden sie ja sogleich suchen. Es sind wichtige Papiere, du verstehst.«
Mara griff nach Aktenmappe. »Selbstverständlich mache ich das für dich.«
»Ich muß gehen«, sagte Vera.
»Du fährst schon heute?«
Die Russin antwortete nicht, aber in einer jähen Bewegung riß sie Mara an sich und küßte sie.
Als Mara sich an einem der nächsten Abende von Professor Wernheim nach der Arbeit verabschieden wollte, nahm er eine Zeitung von seinem Schreibtisch und reichte sie ihr. »Da haben Sie Ihre Weltverbesserer!« sagte er. »So sinnlos grausam ist nicht einmal die Natur.«
Interlaken, 10. Juni.
Eine Mörderin verwechselt ihr Opfer!
Der Seidenfabrikant Sergej Georgewitsch Bozner aus der Krim, der gestern hier zum Besuch seiner Familie eintraf, wurde von der russischen Anarchistin Vera Gutschkow auf der Frühstücksterrasse seines Hotels ermordet. Die Mörderin, die kaltblütig aus dem Hinterhalt geschossen hatte und sich ruhig abführen ließ, brach zusammen, als sie erfuhr, daß sie statt des russischen Polizeiministers, dem das sorgfältig vorbereitete Attentat galt, einen Kurgast erschossen hatte. Sergej Georgewitsch Bozner hinterläßt eine junge Frau und zwei Knaben im Alter von drei und vier Jahren.
Sehr früh am Morgen, als Mara noch im Bett lag, kam ein Agent der Polizei, der Mara gebot, ihm zu folgen. Auf der Polizeistation fand sie neben einem mürrischen Beamten den österreichischen Konsul, einen jovialen Herrn, der nur schmerzlich bewegt den Kopf schüttelte. Mara wartete nicht erst, und begann: »Die wirklichen Mörder sind jene, welche die Opfer eines schändlichen Regimes so weit treiben, daß sie Gewalt gegen Gewalt setzen und selbst schuldig werden.«
»Das interessiert uns nicht«, entgegnete der Beamte und schrieb Maras Daten in ein großes Buch. »Sie haben zu beantworten, wonach man Sie fragt.«
Jawohl, nichts interessierte, als der Umstand, daß wenige Minuten später ein Agent erschien, der in Maras Zimmer Nachschau gehalten hatte und mit einem verächtlichen Blick auf die Studentin die Aktenmappe Veras auf den Tisch legte. Schon nach wenigen Fragen hatte der Beamte festgestellt, daß Mara nichts von dem Inhalt der in russischer Sprache beschriebenen Papiere ahnte, die man ihr zum Aufbewahren übergeben hatte.
»Sie sind ein wenig unvorsichtig«, sagte der Konsul und lächelte schmerzlich. Empört durch die kaltherzigen Reden des Polizeibeamten und noch mehr durch das ewige Lächeln des Konsuls hatte Mara flammend bekannt: »Ich denke genau wie Vera Gutschkow.«
»Das interessiert uns nicht«, brummte der Polizeibeamte. »Es handelt sich um Ihre etwaige Mitschuld an dem Attentat. Seien Sie froh, daß wir Sie nicht wie die anderen Freunde der Mörderin hinter Schloß und Riegel setzen. Ihre Reden ignorieren wir als die Verirrung eines Mädchens.«
»Was gehen Sie denn die russischen Studenten an, meine Liebe?« fragte der Konsul freundlich und betrachtete anerkennend das schöne Mädchen. »Es gäbe viel amüsanteren Verkehr für Sie. Sie werden schon noch darauf kommen.«
Sobald Jakob Silberland das Café Stephanie betreten hatte
holte er sich vom Ständer sechs oder acht Zeitungen und legte sie auf einen Tisch am Fenster. Als er sich zurechtgesetzt hatte, bestellte er einen Kaffee und begann, die Brust an den Tischrand gedrückt, eifrig zu lesen. Gerade als er die Kreuzzeitung mit gerunzelter Stirn fortlegte und nach dem Vorwärts griff, erschien vom Kellner geführt, der Briefträger an seinem Tisch und übergab ihm einen eingeschriebenen Brief. Silberland erkannte sofort die Handschrift seines Freundes Paul Seebeck und schob mit einer energischen Armbewegung die Zeitungen zur Seite.
Lieber Jakob!
Paß mal auf: wir haben eine neuentstandene, vulkanische Insel entdeckt, und zwar bin ich der erste, der sie sah. Ich bin geblieben und habe sie für das Deutsche Reich in Besitz genommen. Die Sache ist Geheimnis, nur der Kapitän und der Erste Offizier von der Prinzessin Irene wissen davon. Wo die Insel liegt usw., kannst du von diesen Herren erfahren. Bitte geh sofort nach Berlin, zum Reichskolonialamt und laß mir eine Vollmacht als Reichskommissar ausstellen. Die Leute sollen aber schweigen, bis feststeht, ob die Insel bewohnbar ist oder nicht. Du verstehst, was ich will: ich denke an unsere Gespräche über den absolut korrekten Staat, der durch keinerlei Traditionen und Rücksichten gehemmt ist – hier können wir ihn gründen, wenn auch nur in einem kleinen Maßstabe. Gruß dein Paul S.
Überall rüstete man sich zur Pilgerreise
es war der erste Tag des Monats Juli, der Tag der Weihe der deutschen Reichsburg! Über Groß-Berlin lagerte der azurblaue Himmel. Unaufhörlich rollten Sonderzüge in allen Bahnhöfen der Reichshauptstadt ein. Studentenverbindungen erschienen in Prunkkleidung mit ihren Fahnen, der deutsche Adel in Trachten längstvergangener Tage. Innungen, mit ihren alten Werkzeichen, durchzogen die Straßen, dazwischen bewegten sich Schützengilden, Turnerschaften und Sängervereine. Planmäßig wurden die Gruppen in den Nebenstraßen verteilt, und vor dem Lustgarten des königlichen Schlosses ertönte Ehrendonner, die Kaiserfahne ging hoch. Unter den Klängen des neuen deutschen Einheitsmarsches setzte sich der Zug vom Schlosse aus in Bewegung.
Die Prunkwagen umstanden die Reichsburg, vor dem tiefen Rundsee am Deutschen Ring und Preußen-Ring. Der Festzug wälzte sich in die Tunnels der hohen Wälle, der Kaiser rückte mit seinem glänzenden Gefolge an der Spitze der Fahnenträger heran. Ihm zur Seite ritt die Kaiserin, gefolgt von den Kindern des kaiserlichen Hauses. Da erbrauste aus dem mächtigen Kuppelbau die Orgel. Bei dem Lied So trete ein, du deutsches Kind, fühl’ dich in deutschem Schoße sicher überschritt der Kaiser die Brücke zur Reichsburg. Graf Hardteneck überreichte ihm den goldenen Schlüssel und der Monarch schloß das Riesentor der Hochburg auf, weit öffnete sich dieses durch elektrische Triebkraft und gewährte dem Kaiser Einlaß mit seinem Gefolge. Bald erschien er auf einem kleinen Erker und seine bewegte Stimme scholl hinunter zu der schweigenden Schar:
»Deutsche, aus allen Gauen unseres großen Vaterlandes!
Allen Völkern der Erde verkünde ich es in dieser weihenvollen Stunde:
Deutscher Frieden, ist Weltfrieden.
Nie wird eine Stunde kommen, da das deutsche Volk sein Kraftbewußtsein
dem Schwachen mit dem Schwerte in der Hand aufzwingen wird.«
Wer beschreibt den Freudenrausch, der die Anwesenden nach diesen Worten des Kaisers befiel?
Ein Grauen überlief ihn
da er der Gegenstände gedachte, die ihn stets aufsaugen wollen; wie er die Gegenstände durch seine Symbolik vernichte, und wie alles nur in der Vernichtung existiere. Hier sah er eine Berechtigung alles Aesthetischen; aber zugleich auch, dass er, da er keinen ganzen Endzweck mehr sah, den einzelnen leugnen musste. Er sehnte sich nach dem Wahnsinn, doch
Ein Brausen, unschilderbar, durchzitterte die Luft
man umarmte und küßte sich. Und Heil dir im Siegerkranz rauschte gegen das stolze Gebäude der Reichsburg heran. Der Kaiser befand sich auf einem kleinen Rundgang, denn viel zu ausgedehnt war dieser Kolossalbau. Ringsum von Wasser umgeben, führten acht breite Brücken zu einer oft unterbrochenen Rundtreppe, der Haupteingang wurde von einem mächtigen Burgtor gebildet. Hoch in die Lüfte ragte ein gewaltiger Turm, dessen breite Masse durch die vergoldete Kuppel gemildert wurde. Und eine Wandlung in den überdeckten Hallen vor dem See verriet das Rundgemälde eines auf Erden einzigartigen Tempels. Stundenlang wandelte man im Innern umher, das Auge konnte all die Herrlichkeiten nicht fassen, die hier kunstverständige deutsche Hände geschaffen hatten. Schon waltete das Leben in diesen Räumen, wie es geplant war. In dem einfachen Herrenhause des Germanen saß man beim brennenden Buchenscheit und schweren Steinkrug. Allmählich gelangte man in die Zeit des Mittelalters. Rittersaal und Landsknechtsschenke folgten.
Am Abend wurde Bornhofens Oper Terra Elysium gegeben, die bei ihrer Anlehnung an den großen Friedensgedanken vortrefflich in den Rahmen des Tages hineinpaßte. Nach dem ersten Akt bildete das Kaiserpaar einen Geselligkeitsring in den Wandelgängen. Kommerzienrat Landbürger war hier zu einer Vorstellung befohlen worden. In liebenswürdiger Weise begrüßte ihn der Kaiser. »Das war ein Ehrentag für das deutsche Volk und auch für Sie, Herr Kommerzienrat von Landbürger-Tempelhof!«
Maßlos überrascht durch diese Worte verlor Landbürger seine Beherrschung.
»Majestät,« stammelte er, »was bedeutet das?«
»Meinen kaiserlichen Dank und den Dank des deutschen Volkes, dem Sie durch Ihre hochherzige Schenkung zu dem herrlichen Tempel der deutschen Reichsburg verhalfen.«
Constanze stand bei ihrem Onkel, und holde Verwirrung hielt sie befangen, denn die Erteilung des Adels an ihren Onkel kam ihr zu überraschend. Wohlgefällig betrachtete der Kaiser die schlanke Gestalt der jungen Dame, eine Königin in Wuchs und Anmut.
Herr, gib mir ein Wunder
wir suchen es seit Kapitel eins.
Fangen wir also von vorn an
Exakte Wissenschaft kommt so zustande: der kombinierte Sinnenverstand des Menschen erfährt Erlebnisse, die er in Konstruktionen des Seins umwandelt. Gedächtnis und Sprache kommen dazu und arbeiten in der selben Richtung weiter: ein neues Stockwerk von Konstruktionen des Seins wird aufgesetzt. So haben wir feste, isolierte Dinge als Träger alles Geschehens, Wirkens und Änderns, und als Behältnisse für sie oder auch als neue Selbständigkeiten Begriffe, Abstraktionen usw. Die Aufgabe der exakten Wissenschaft ist nun, dieses Sein, das um unserer Sinne und unserer Verständigung willen von uns geschaffen worden ist, wieder in Werden zurückzuverwandeln. Die Begriffe werden zertrümmert und flüssig gemacht, die Dinge schwirren unter dem Druck der Vergleichung und Besinnung auseinander wie Sonnenstäubchen: und siehe, es ist alles anders geworden, als Worte und Augen der Menschen gefabelt hatten. Exakte Wissenschaft ist also: Sammlung und Beschreibung aller Sinnendata, periodisch erneuerte Kritik der Abstraktionen und Generalisationen, und darauf aufbauend: Gesamtkritik unsrer scheinbaren Seinswelt, Schöpfung des Werdens, das als Erklärung der Substanzbehauptungen unsres Sinnenverstandes in Übereinstimmung mit unsrer inneren Erfahrung gesetzt wird.

Anders steht es mit dem Gebiet, das ich im weitesten Sinne Geschichte nenne. Da gibt es nämlich als elementare Unterlage keinerlei Substanzen, Stoffe oder Dinge: von den Trägern aller Geschichte, nämlich den Körpern der Menschen, wird völlig abgesehen; sie kommen höchstens einmal in Betracht, wenn sie mißhandelt oder enthauptet werden. Sonst aber sind die Data der Geschichte Geschehnisse, Handlungen, Leiden, Beziehungen.
Das ist sehr einfach
sagte er, »Salammbo ging in das Lager der Barbaren, sie trug ein goldenes Kettchen zwischen den Fußgelenken. Als sie am Morgen zurückkam, war das Kettchen zerrissen.«
Der Mann sprach vorgebeugt, fast in den Hals des Mädchens, ihr Hals von vollkommener Zartheit und Weiße erhob sich wie ein schlanker und fester Blütenschaft, über dem ihr rundes, rosenfarbenes Gesicht als die Blume ruhte. Am lebhaftesten entzückte ihn das Beben ihrer Nasenflügel, pulsender und durchsichtiger Muschelschalen, die einen tiefer gefärbten korallenroten Kern freiließen, der Mund war groß, von seltener kluger Tatkraft; der erste Eindruck, den dies Mädchen weckte war der von Stolz und Gesundheit. Orff empfand diesen Eindruck sehr stark, er sagte: »Ich liebe Sie, Fräulein Sybille von Chavanais! Aber ich liebe Sie ganz unplatonisch, ich möchte Sie besitzen!«
So dicht neben ihr, fiel seine Häßlichkeit doppelt auf. Sein gelbes, geistreiches Gesicht bestand zumeist aus Falten und Narben. Das Kinn war viereckig, und doch wirkte er elegant, bizarr und auffällig. Sie dachte: Er ist häßlich, er ist ein buckliger Zwerg, er ist grotesk! Sie war für ihn ein Stück Fleisch, war ein Ding, war die ausgelegte Ware. Ihr ganzer Körper wurde starr, stemmte sich. Sie mußte stillsitzen neben ihm, um der anderen, der Dinergäste willen. »Ich hasse Sie!« sagte sie. »Für mich sind Sie ungefähr die unangenehmste Art von Mann, die ich kenne.«
»Trotzdem werde ich Sie in meinen Armen halten, Sybille! Und wenn wir allein wären, würden Sie mir angehören. Ja, sogar hier! Wann und wo ich wollte.«
Er kam ihrem Nachdenken über die Gründe seiner Unverschämtheit zuvor. »Heut sind Sie reizend,« gestand er. »Ich finde Sie ganz und gar entzückend. Nun, ich mag schriftstellernde Frauen und Blaustrümpfe nicht. Eine Frau soll Kunstwerk sein, nicht Kunstwerke schaffen! Übrigens kann sie nichts schaffen, das ist bekannt! Dann schreiben Sie Bücher, die mir nicht gefallen. Sehr viel Wollen und Schwärmerei, große Worte! Man hat Ihre Bücher gelobt, weil Sie gelegentliche Kraßheiten einflechten, delikate Dinge geschmacklos deutlich behandeln. Das ist schlechte Zolasche Schule. Sogleich hatte ich von Ihnen die Vorstellung eines Sekundaners in Unterröcken.«
Er dachte: Es ist lächerlich, wie sie purpurrot wird und ordentlich wie ein Pferd unter einem Peitschenhiebe aufspringt! Ich werde sie jetzt sehr kurz und sehr behutsam fassen; zuletzt schlage ich sie über den Kopf, in die Augen. Dann ist sie blind und zahm.
»Sie haben nämlich ein sehr dummes Buch geschrieben,« erklärte er kauend. »Sie Barbarenfräulein, Jungfrau mit dem Tigerfell und der Armbrust. So ausgerüstet ungefähr gehen Sie gegen moderne Panzertürme und Maschinengewehre vor. Mich erstaunt, daß Ihre linke Brust noch am Platz sitzt. Die hätten Sie eigentlich abnehmen müssen! Immer verblendet und bockig! Ihre Brust ist das Hübscheste an Ihnen, keusch, bewegt und halbreif. Trotz der vierundzwanzig Jahre erst halbreif! In diesem dummen und überflüssigen Buch nun sprechen Sie von einem jungen Mädchen, irgend einer Frida oder Elida, die mit einem jungen Mann zusammenwohnt. Plump und gründlich wie Sie sind, Johanna im Harnisch, nehmen Sie, glaub’ ich, die äußere Not, Geldmangel, als Ursache dieses Zusammenwohnens. Die Beiden sind durchgegangen, um Sozialisten zu werden oder sonst was Gutes. Selbstredend sind sie schrecklich edel und tugendhaft, und hirnverbrannt, was weiß ich! Aus Ihrer Lektüre, akademisch, wußten Sie, daß der junge Mann, Waldemar oder Ottokar, nun einige Emotionen empfinden muß. In Wahrheit empfindet er natürlich keine, Sie betonen seine körperliche Schwäche, Krankheit, gewissermaßen Unzurechnungsfähigkeit. Die edle Dame opfert sich für ihn, damit er Bomben werfen oder Pamphlete drucken lassen kann, – weiter geht nämlich Ihre Phantasie für den sozialen Märtyrer und Idealverbrecher nicht! Sie fühlt nichts, Sie versichern es uns ein über das andere Mal. Sehen Sie denn gar nicht, wie sowas widerlich ist?«
»Ich finde es groß,« sagte sie. Die Tränen traten ihr fast in die Augen, wenn sie an die ihr heiligen Stunden der Niederschrift gerade jenes Abschnittes dachte. Er beleidigte sie tödlich; sie haßte ihn.
»Na, weinen Sie nicht!« bat er spöttisch, sein Glas hinstellend. »Trinken Sie lieber Sekt! Sie werden ja jetzt in die Schule gehen und vieles lernen. Es ist bloß unverschämt, daß man sich einbildet, Bücher schreiben zu können, eh’ man das Alphabet weiß.«
»Ich habe mit meinen Büchern viele Freunde gefunden,« wehrte sie sich. »Viele denken wie ich.«
»Es hat immer mehr Esel als Menschen gegeben. Take my word: Sie gebären nie einen gesunden Jungen, rechtwinklig an Leib und Seele, auch literarisch, bevor Sie nicht – wie würde Adeline oder die alte Waschfrau sagen? Des Weibes Los getragen haben! Die biblische Schlange drückt es noch vielverheißender aus: Ihr werdet wie Gott sein und wissen, was gut und böse ist.«
»In allem, was Sie sagen, steckt etwas Wahres,« gestand Sybille Chavanais tapfer. »Sie sagen es in einer teuflischen und verzerrten Weise.«
»Solche Sachen sagt immer der Teufel. Eh’ Sie die Bekanntschaft dieses ehrenwerten Gentleman nicht machen, werden Sie nichts wissen, und noch viel weniger können. Darum aß Eva vom Apfel, und sie tat weise daran! Diese Erdbeere hier könnten sie wenigstens vorläufig probieren?«
Er hielt eine besonders schwere und saftige Beere lockend in der Luft.
»Wie ist’s Fräulein Sybille – Sybille – Wann und wo?«
»Ja, ich will mit Ihnen über Ihre Ideen sprechen,« sagte sie unwillig. »Aber nur sprechen!«
»Bon.« Zur Strafe verzehrte er die schöne purpurne Frucht selbst. »Wo sprechen wir?«
In der Potsdamerstraße stauten sich die elektrischen Wagen
sie krochen trägen, gepanzerten Bienen gleich. Sybille liebte den Blick von der Brücke über die Baumreihen und das Wasser, nach dem Platz wurde das Gedränge stärker, körperlich fühlbar, und ängstliche Gemüter fanden es gefährlich. Sie ging die Königgrätzerstraße nach dem Brandenburger Tor hinunter. Längs der Mauer des Reichskanzlerparkes war es stiller. Die Linden waren Sybillens Lieblingsgang, wenn sie durch das Tor trat, empfand sie den Straßenzug vor sich als eine Fanfare, wie Militärmusik. Überall sah man militärische Bilder, die Torwache, den alten Fritz, Uniformen, Denkmäler und Paläste. Sybille hatte ein sehr intensives Preußengefühl, ihr gefiel die Straffheit und Zucht. Sie stak so zugeknöpft in ihrem knapp anliegenden Kleid aus starkem, englischen Stoff.
Vor dem Gitter, neben der Nationalgalerie, hielt ein Kupee mit elegantem Kutscher und einem einzelnen Traber, der Kutscher hatte das Pferd gewendet, fuhr nach Hause, nach dem Tiergarten, zurück. Sie wußte sogleich, daß es Orffs Wagen sein mußte, vielleicht sah sie darum, unbewußt, das Gefährt so genau an; es hatte graues Seidenpolster inwendig, an einer Seite, im Halter, staken Zeitungen.
Ihr Weg, an dem häßlichen Monument vorbei, führte durch die große Eingangskuppel mit der vergoldeten Kurfürstenstatue. Die Säle und Gänge waren fast menschenleer. Orff stand vor der in den Zeitungen vielbesprochenen Büste. Er interessierte sich für Kunstgeschichte und hatte mit einigen Aufsätzen in exklusiven Zeitschriften Beachtung gefunden. »Fad, glatt und hohl!« sagte er. »Wir sind in unserer Gesamtheit heute grüne Barbaren wie unsere Vorväter, Siegfried, der Renommierrüpel, oder Hagen, der Chauvinist. Im Individuum, nicht in der Generation, durchlebt sich die Weltgeschichte.«
»Und wieviel Jahrhunderte haben Sie gelebt, bitte?« fragte Sybille lachend.
»Fast sind Sie noch hübscher im Straßenkleid, als im Ballsaal. Die Verhüllung ist bei Ihnen noch stärkere Koketterie.«
»Ich mag nicht, daß Sie mir Fadheiten sagen! Sie sollen mich belehren.«
Er warf ihr einen prüfenden halben Blick zu, ob sie im Ernst sprach. »Was veranlaßt Sie eigentlich, mir die Ehre des heutigen Rendezvous zu geben?«
Sybille zögerte. Sie standen im Botticellisaal, vor dem Bilde, das eine Krönung der Jungfrau darstellt. Ekstatisch bleiche Jünglinge mit umschatteten Augen hielten Lilien und Kerzen, eine angegriffene Jungfrau mit dem Kinde sah von der Wand gegenüber. Auf raffiniert schwarzem Hintergrund reckte die Venus in fast schmerzhafter Verrenkung die weißen, matten Mädchenglieder. – Heute schrieben wir einfach Mieze Meyer! fiel ihm ein.
Sie sagte kühl: »Sie sind mir unangenehm. Sie haben etwas Spöttisches, das mich reizt. Ich glaube, ich würde einen Widerwillen haben, von Ihnen angefaßt zu werden. Deshalb bin ich wohl hier.«
»Können Sie formulieren, was Sie eigentlich zu erfahren wünschen? Wir müssen hinausgehen, denn es ist zu fatal, daß ich hier keine Zigarette anstecken kann.«
Das Mädchen schritt achtlos neben ihm her. »Erstens möchte ich wissen, ob zwischen dem Körper, einem rein körperlichen Vorgang und dem geistigen, der Seele also, ein Zusammenhang besteht. Ich glaube es nämlich nicht, und will es mir beweisen. Zweitens –« sie stockte.
Er wiederholte: »Zweitens?«
Sie zwang sich zu dieser Antwort, sprach langsam und suchend. »Sie haben in einem recht, daß ich zu sehr in der Spekulation, rein gehirnmäßig, lebe. Mir wird immer vorgeworfen, daß ich keine Seele habe. Und ich hab’ keine. Ich kann jetzt nicht mehr anders. Nun muß ich es so oder so tun.«
»Dann kommen Sie zu mir,« bat er rasch. »Ich erwarte Sie morgen, an der Ecke Ihrer Straße, am Knie. – Sie geben sich ganz in meine Hand! Ganz?«
»Ja,« sagte sie.
Er lachte noch einmal: »Es ist die unglaublichste Sache, die mir je vorgekommen ist. Aber wenn Sie Mut haben, ich habe ihn! – Diese Verabredung gilt?«
»Sie gilt.«
Sie trennten sich, eigentlich nur mit einem Blick noch grüßend. Ihre Blicke waren die zweier Duellanten.
Für die Entschlossnen, die Geistigen
steht heute das echte Weib dem echten Manne ferner gegenüber als je. Zunächst: die Frauen sind ungeistig. Wenn man von ihnen sagt, daß sie Geist haben, so sagt das in bezug auf die Art jener Geistigkeit genau dasselbe, wie wenn man sagt, daß der Mond Licht habe. Niemand wird sein Leuchten bezweifeln, niemand den Wert seines Leuchtens; – aber es ist nicht ursprüngliches Licht. Es ist auch die Geistigkeit der Frau keine ursprüngliche Geistigkeit, sondern durchaus reflektierte. Nicht die einzelnen Wissensgebiete sind reflektiert, darauf käme es nicht an, sondern der Geist selber. Daher kommt es auch, daß die Frau, mag sie noch so hoch in der Bildung steigen, den Geist doch niemals wirklich ernst nimmt. Auch ihr höchster Typ verhält sich zu ihm in letzter Instanz spielerisch, des Mannes höchster Typ verpflichtend: der Mann kann sich opfern für den Geist; die Frau opfert sich nur für Mann und Kinder. Geist ist sekundäres männliches Geschlechtsmerkmal.
Der Wagen erwartete sie an der Ecke der Straße
die immer menschenleer und schweigend war. Orff stieg nicht aus, er öffnete nur den Schlag und ließ Sybille einsteigen. Der Tag war neblig und regenfeucht, alles schien Auflösung, Schlamm und Tropfen. Er packte sie gleich mit gewollter und äußerster Brutalität an der Kehle. »Wenn du schreist, erwürge ich dich! Ich bereite dir einen öffentlichen Skandal!«
Sie wehrte sich gar nicht. Es war ein einfacher Akt körperlicher Vergewaltigung. Jedes Denken, irgendeine Stimmung, blieb dabei ausgelöscht.
Was ist Antifeminismus?
Sorge für die Zukunft. Es könnte sein, daß die nächste Zeit geschlossene Männerbünde liefert, die dem Geiste verfallen sind. Führt nur eine Frau in solch einen Bund, und das Rückenmark wird lahm! Noch einen Einwand gegen den Feminismus: die Frau hat nur ein Gesellungsprinzip, der Mann zwei. Die Frau tendiert unbedingt und allein nach der Familie, der Mann nach der Familie und der Männlichen Gesellschaft. In der Männlichen Gesellschaft herrscht das wichtige Beziehungsverhältnis zum überlegenen Manne, das Gefolgschaft heißt; die Frau aber steht zum überlegenen Manne im Verhältnis der Hörigkeit. Es ist freilich schwer, der Freundlichkeit jener Zerstörerinnen zu widerstehen, denn sie sind wirklich ein ausgezeichnetes Geschlecht von Mädchen. Und das Herz muß bluten – muß! – bei dem Gedanken, sie wieder in die würdelose Verlogenheit ihrer bisherigen Erziehung zurückzustoßen: aber alle Lösungen sind flach, die nicht tragisch sind.
Eine neue Geschichte, rief jemand
diese Leere ist ja unerträglich!
Sprechen wir also von der Siedlung
Seit langer Zeit hat es einzelne gegeben, die mit ihrer Lage und schimpflichen Umgebung aktiv unzufrieden waren, sich zusammentaten, die Städte verließen und auf dem Lande eine Siedlung begründeten. Es geschah das in Nordamerika, Brasilien, Australien, in England, der Schweiz und anderswo. Diese Versuche sind auch durchaus nicht immer gescheitert; manche Siedlungen der Art gedeihen heute noch. Manche leben so in weitgehendem Kommunismus; andere, die z. B. Gegenstände herstellen, die auf dem kapitalistischen Markt gesucht sind, etwa kunstgewerbliche Arbeiten, haben nur eine Art Verkaufsgenossenschaft.

Was wir wollen, ist anderes als diese Unternehmungen. Unser Fortgehen ist nicht um unsres Behagens willen, sondern um unsretwillen, das heißt um der Revolution willen. Unsre Bewegung ist eine, die von den Jahrhunderten herkommt und in die Jahrhunderte hinausgeht. Wir wollen das Schaffen der Verbrauchsgüter in unmittelbare Verbindung mit den bedürfenden Menschen bringen; wir wollen die Grundform der neuen, der wirklichen, der sozialistischen, der freien und staatlosen Gesellschaft schaffen: die Gemeinde. Wohin wir blicken, sehen wir Aufgaben vor uns. Lauter unbestelltes, öd gelassenes Land; man hat uns alles überlassen, wir sehen nirgends, daß ein Anfang zum Wirklichen gemacht worden ist. Es liegt alles brach um uns, es ist alles verfallen, es regt sich fast noch nichts da draußen; wenige sind wir und jeder unter uns möchte sich verzehnfachen, möchte den Tag spalten, damit mehr Zeit sei, möchte hundert Arme haben, um überall mitanzugreifen: es ist eine Lust zu leben!
zwischen Auf- und Niedergehen der Gestirne
lag die Masurenlandschaft blaß und farblos da. Die Siedelung Gemeinsamkeit bestand aus zwei Gebäuden, das größere kehrte der Chaussee die Rückenseite zu, schmale Fenster in einer glatten Mauer, an der die weiße Tünche abgefallen war. Ein schmales, altersschwaches Holzhaus bog sich nach vorn, die Verzierungen seiner vom Wind kraus zernagten Oberfläche glichen Runenzeichen aus einer heidnischen Epoche. Hinter dieser Anlage fing der Garten an. Seine besonderes Gepräge erhielt er durch den See, in den er sich gleich einer Zunge streckte, ihn so begrenzend, daß eine dickstämmige Linde die Fülle und den Duft der Blüten aus ihren weittragenden Zweigen in das Schilf verstreute.
Sabine Urbschad hüpfte die Freitreppe hinunter und wollte sich zum Wasser wenden. Kam der gedämpfte Ton, der sich wiederholte, aus den Wirtschaftsbaulichkeiten? Mit nackten Füßen in ledernen Sandalen lief sie dem Schall nach, sah in dem Schuppen ihren Bruder Hubert stehen, über einen Gegenstand gebeugt, gegen den er vorsichtig den Hammer führte. Sabine staunte Huberts Arbeit, einen großen Lehnstuhl, an. Man müsse Kornelie mit in das Vertrauen ziehen. Auf der Ebene des Hügels am jenseitigen Seeufer hatten die Siedler eine Halle aufgerichtet, die Feier, mit der das Bauwerk übergeben werden sollte, war von der Jugend in Heimlichkeit ersonnen worden.
Von einer Südamerikanerin geboren, hatte Kornelie Urbschad der Mutter dunkles Kolorit geerbt, und das schwarze Haar umschloß den Schädel wie ein Helm; es waren die dichten, zu einem schwarzen Strich geeinten Brauen, die ihren Blicken, auch jetzt, da sie auf dem Sessel ruhten, etwas Finsteres verlieh. »Woher kommt dieser Brokat?«
Hubert verzögerte sekundenlang die Antwort: »Vera Petroff, ein Überbleibsel ihrer Vergangenheit.«
Die Geschwister lachten, aber Kornelie schalt die Russin eine Scheinheilige, die immer irgendwo ein Häuflein Schlamm verborgen halte, um die Reinheit der Gemeinde damit zu beschmutzen.
Mathias Urbschad, gewohnt, als erster den Gutshof zu betreten, vernahm befremdet die Seinen im Streit miteinander. Doch er vergaß nach einem Grund zu fragen, ihn erfreute die Entwicklung von Huberts Geschicklichkeit. Kornelie benagte ihre Unterlippe. »Und du mißbilligst nicht, daß der Stuhl mit einem von Vera Petroffs Sündenkleidern überzogen worden ist?«
»Du vergißt, daß wir uns vereinigt haben, nicht um zu richten, sondern um zu lieben.«
Die Bewohner des Masurenhäuschens traten in den Garten. Peter Vogtherr, ein hochaufgeschossener blondhaariger Junge, der schwarzhäutige Ephraim Lewicki, Helene Vogtherr, Peters Mutter, und Albert Krelle, ein Dreißiger. Tritte kamen aus dem kleinen Anwesen. Familie Sodählen beherbergte dort zwei Genossen, den Caspar Hucke und den Klemens Hassenkamp. Voran schritt Karl Sodählen, dürr wie ein Stecken, in seinen Kleidern hängend, als habe er darin geschlafen, hinter ihm Hermann, sein Ältester, und der geschmeidigere Otto. Caspar Hucke, klein, einen braunen Bartkranz um den genießerischen Mund, mit Fie Sodählen, einer sommersprossenreichen Magd. Am weitesten blieb das letzte Paar zurück: Miete Sodählen mit Klemens Hassenkamp, der, hühnenhaft, sich im Gespräch weit zu dem üppigen flachsblonden Mädchen herunterbeugen mußte.
Die kleine Diele des Haupthauses, in dem die Siedler ihre Mehlsuppe verzehrten, war durchschwirrt von Stimmen. »Kruppzeug, kindisches,« brummte Karl Sodählen in sich hinein, »meint, Landarbeit ist Spielerei.« Er ging hinaus, um den Glockenklöppel anzuschlagen. »Fangt an!« Die Diele wurde leer. Mathias vergönnte sich noch Muße, ehe er sich an den Schreibtisch setzte.
Die sogenannte Geschichtswissenschaft
kann uns zu nichts führen als immer wieder gerade zu den ersten Daten der Erfahrung zurück. Sozialpsychologie ist die vorläufig raffinierteste Art, die Hilfskonstruktionen des Gedächtnisses in den Rohstoff der Erfahrung, d. h. in die elementaren Beziehungen von Mensch zu Mensch aufzulösen. Die Hilfskonstruktionen der Geschichte: Kirche, Staat, Ständeordnung, Klassen, Volk usw. sind nicht nur Instrumente der Verständigung, sondern vor allem Schaffung neuer Tatsächlichkeiten, Gemeinschaften, Zweckgestalten, Organismen höherer Ordnung. In der Geschichte schafft der schöpferische Geist nicht theoretische Erkenntnisse; darum ist es auch ganz recht und ist es bezeichnend, daß die Ausdrücke Geschichte und Politik ebenso das Geschehen und Tun meinen, das Aktivität ist, wie die Betrachtung, die passiv oder neutral sein will, meist aber nur latentes Wollen und Handeln ist. Wir haben im Deutschen ein gutes Wort für diese Konzentration und Beschauuung: Vergegenwärtigung. In der Tat wird in aller Geschichte das Vergangene vergegenwärtigt, zur Gegenwart gemacht. Jeder Blick in Vergangenheit oder Gegenwart menschlicher Gruppierungen ist ein Tun und Bauen in die Zukunft hinein.
Ein Hobel kreischte und verstummte
Mathias beobachtete, wie nahe die mit Tannenwald bestandenen Erhebungen des jenseitigen Seeufers heranzurücken schienen und daß der Wind nach Westen umgesprungen war. Er sah Vera Petroff, wie verführerisch sie sich in den Hüften wiegte, und es rauschte um sie, als knistere Seide unter ihrem nonnenhaft geschnittenen dunklen Gewand. Sie ging in den Gemüsegarten, um das Unkraut auszujäten; aber würde sie nicht in einer halben Stunde wiederkommen, Blumen an die Brust gedrückt, begierig die Zimmer damit auszuschmücken. Er lächelte, als seine Frau zu ihm ins Zimmer trat und als Bob und Evelyn Kennel in die Stube hüpften. Die Zwillinge, kurz vor der gemeinschaftlichen Abfahrt von Amerika, halb erfroren in einer New-Yorker Straße aufgegriffen und, da der Polizeiaufruf erfolglos blieb, in eigener Fürsorge behalten, waren für ihre sieben Jahre klein und bleich, als fehle ihrer Haut die Kraft, die Sonne mit den Poren einzusaugen.
Urbschad trank hastig einen Becher Milch, steckte das gestrichene Brot in seine Tasche und ging davon, um seinen Rundgang durch die Felder zu beginnen. Noch war der Himmel rein, nur an den Rändern des Horizonts wie von einem durchsichtigen Rauch umzogen. Urbschad hatte den alten Kleeschlag, auf dem Karl Sodählen und sein Ältester mit den Brachvorbereitungen beschäftigt waren, halb erreicht. Der Alte ließ den Pflugschar stehen: »War ich just auf dem Weg, den Herrn zu holen.« Es war Mathias bisher nicht gelungen, den ungebildeteren Genossen den Ton der Gleichheit beizubringen. Auch Karl Sodählens Haltung zeigte Unterwürfigkeit, in die sich aber etwas wie überlegenes Mitleid mischte. Not am Mann, die Arbeit brenne auf den Nägeln, sollte da das Theaterspielen auf dem Berge wirklich unaufschiebbar sein? Außerdem stecke ein Gewitter in der Luft, das Heu liege getrocknet auf den Wiesen. Und er verlangte, daß sich alle Hände regten, auf die Gefahr hin, daß diese Forderung dem Vergnügen der jungen Herrschaft in die Quere käme.
Am Abend speiste man im Garten. Dicht an der Hecke, die See und Grundstück von einander trennte, war die Tafel aufgestellt. Über dem Wasserspiegel, der metallisch glänzte, stand die Luft wie eine schwere Masse. Zeitiger als sonst ging die Gesellschaft auseinander. Mathias, allein, lag auf einem Gartenstuhl und starrte in den dichtverschlossenen Himmel, über den von Zeit zu Zeit ein grelles Leuchten zuckte, als brenne hinter dem Gewebe seiner Wolken das Firmament.
Wir leben zumeist in geschlossenen Räumen
Wollen wir unsre Kultur auf ein höheres Niveau bringen, so sind wir wohl oder übel gezwungen, unsre Architektur umzuwandeln. Und dieses wird uns nur dann möglich sein, wenn wir den Räumen, in denen wir leben, das Geschlossene nehmen. Das aber können wir nur durch Einführung der Glasarchitektur, die das Sonnenlicht und das Licht des Mondes und der Sterne nicht nur durch ein paar Fenster in die Räume läßt – sondern gleich durch möglichst viele Wände, die ganz aus Glas sind – aus farbigen Gläsern. Die Glasarchitektur wird erst kommen, wenn die Großstadt in unsrem Sinne aufgelöst ist. Auf der Venus und auf dem Mars wird man große Augen machen und die Erdoberfläche gar nicht mehr wiedererkennen.
Die ganze Nacht hindurch
hatte der Donner grollend vor sich hingemurmelt, doch die Dämmerung fand die Wetterspannung nicht entladen. Die Siedler hatten sich vor Morgengrauen aufgemacht, ohne Sabine, die erst ihre Kühe melkte, und ohne Vera Petroff. Für die andern Frauen hatte man ein Zeltdach mitgenommen, und die Pferde trugen Hüte auf den Köpfen und genetzte Decken auf dem Leib, zum Schutz gegen die Fliegenplage. Kreatur und Menschen litten an der Hitze, wie an einer Krankheit. Mähne, Schweif und Haut der Pferde, trotz der Hülle von Insektenstichen gereizt, waren in beständiger gepeinigter Bewegung, und ihre Hufe schlugen abwehrend nach allen Seiten aus; die Hunde lagen regungslos, die Zungen hingen ihnen lechzend aus dem Maul. Schwefelgelb ruhte die Halbkugel des Himmels auf den Fluren. Die Wiese war gesäubert und die letzten Bündel aufgestakt. Mit einem nochmaligen Aufgebot von Kräften stießen Menschenarme das hochbeladene Gefährt vom Rain hinunter auf die Straße, auf der sich die Pferde, von einer instinktiven Angst befallen, kräftig in die Sielen legten. Schon fielen ein paar schwere warme Tropfen; der erste Blitz schien den Himmel in zwei Hälften zu zerspalten.
Sybille ging noch einmal zu Orff
er fuhr sie nach einer Straße, die sie nicht erkannte, in ein Haus, das sie später nie wiederfand. Diesmal war er abwechselnd leidenschaftlich und zärtlich, aber er erzielte nur die gleiche Wirkung, – ein gespanntes Aufmerken ihrerseits, ob eine Veränderung in ihr folgte, ob irgendeine Teilnahme der Nerven oder Sinne geweckt wurde. Sie verspürte gar nichts. Sie kamen sich erst etwas näher, als sie angezogen war. Er war nervös, ihm war schlecht und bitter zu Mut, sie war nur blaß und körperlich erschöpft, aber ganz klar, fast spöttisch; ja, sie empfand etwas wie Mitleid mit ihm und seiner Unbefriedigtheit!
»Sind Sie mir böse?« fragte er. »Wahrscheinlich habe ich es verkehrt angestellt.«
»Nein,« sagte sie ganz sanft und ohne jegliche Scham. »Genau so habe ich’s mir gedacht.«
»Sapristi!« Der Weltmann und Raisonneur in ihm schlug den Wüstling und Genußmenschen tot, er fing an, sich ganz ausnehmend gut zu unterhalten. »Sie haben mich von der Unangreifbarkeit und Staatsgefährlichkeit Ihres Geschlechts, die ich bis jetzt bezweifelte, überzeugt. Ich möchte Sie trotzdem um eine Sache bitten,« sagte er prüfend, während sie da grau und korrekt saß – vor dem Bett mit den übereinandergeworfenen Seidendecken, einem lang herabhängenden, weißen Laken, in einer ihr ganz fremden und zweideutigen Umgebung. »Schweigen Sie von diesem Abenteuer!«
Sie sah ihn frostig an. »Das ist meine Sache.«
Unter den Bäumen draußen sagte er: »Ich würde für mein Leben gern um Sie werben, Sybille! Es geht nicht und ich würde kein Glück haben. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen etwas schenke, ein Andenken.« Das Andenken war eine Madonna im Strahlenkranz auf einer Goldplakette, nach dem Entwurf eines französischen Künstlers. Er riß das Plättchen vom Armband, das er trug, los. Sybille steckte es achtlos in die kleine Seitentasche ihres grauen Sackpaletots. Sie sah fast wie ein Knabe aus, als sie von ihm ging, auf ihren festen, englischen Stiefeln, das blonde Haar unter der kleinen Sportmütze dicht zusammengeknotet.
die Verwüstung, durch den Orkan verursacht
hatte Bäume ausgewurzelt, Fensterglas zerklirrt, Blumen und Gemüseanlagen zerknickt. Mitten in einer geschäftlichen Beratung mit Urbschad, Karl Sodählen, seinem älteren Sohn und Caspar Hucke kam Sabine, erhitzt und mit entfärbten Lippen: ob es wahr sei, man wolle das Kälbchen schlachten, das Kind von Beß, das sie aufgezogen hatte, das ihr folgte wie ein Hündchen …
»Was meinst du, das wir mit dem Kälbchen machen sollen?«
»Aufziehen, selbstverständlich.«
»Aber woher das Grünfutter beschaffen?«
Sabine preßte ratlos die Finger ineinander, »aber Bessys Kälbchen braten, das ist doch, als ob man sein eigenes Schwesterchen verzehrt.«
Die Männer wendeten sich ab, um ihr Lächeln zu verbergen. Urbschad aber nahm Sabines Hand, die eisig war, und sagte: »Liebe, wir nehmen dir dein Kälbchen nicht.«
Als sich hinter ihr die Tür geschlossen hatte, kam er den anderen zuvor. Er habe sich gestern mit der Schriftleitung einer Zeitschrift in Amerika geeinigt, eine Folge von Artikeln über Siedelungsfragen abzufassen. Das Honorar sei bereits unterwegs, es gehöre selbstverständlich der Gemeinsamkeit.
am Steuer
saß Mathias, Sodählen ruderte; doch am jenseitigen Ufer, unterhalb des Berges, angekommen, sonderten sich die Eheleute Urbschad ein wenig ab. Mathias erleichterte der Frau den Aufstieg, er stützte sie, wenn ihr Fuß auf den glatten Tannennadeln auszugleiten drohte, oder sich in vorstehenden Baumwurzeln verfing. Jetzt traten sie aus dem Gestrüpp heraus in die Lichtung, die über den Hügelrücken lief. Die Felder, Brachen, Wiesen, die kleinen Herden braun- und schwarz-weiß gefleckter Kühe, die mit den Schafen und den Ziegen langsam und schwerfällig ihr Futter suchten; nur selten, daß sich Hütten zu einem Dorf vereinten. Von oben her betrachtet, verflachte sich das Auf und Nieder des Bodens, man konnte das Land in seiner Besonderheit verfolgen.
Der Boden ist nicht Produkt oder Ware, sondern eine Voraussetzung des Lebens, ein Stück Natur, wie Luft, Licht und Meer, und muß, wenn er schon für die ideellen und doch wirklichen Beziehungen geschmeidig und tauschbar wird, gemäß einer andern Realität oder Möglichkeit diesen Grundzug, Natur zu sein, ewig behalten. Luft, Licht und Meer können nie Eigentum sein, weder Privateigentum noch Gemeineigentum, sondern sind frei. In Luft, Licht und Meer tummeln sich nach den religiösen Vorstellungen der Völker Götter und Geister; aber nie hat diese religiöse Verehrung eine Beziehung zu Untertänigkeit eingehen können. Unausrottbar ist in der Vorstellung der Völker auch die Freiheit des Bodens.
Halle
war eigentlich ein zu anspruchsvolles Wort für den Holzbau, der sich am Hügelrand erhob. Pfosten, Dach und Boden waren aus beschältem und behauenem Fichtenstamm gefügt, aus demselben Holz bestanden auch der Tisch, die Sessel und die Wand, die auf der Wetterseite den Raum gegen einbrechende Winde schützte. Abendröte strömte über den Tisch und die Blumen, Speisen und Getränke, sie legten jeden Riß und jede Falte bloß und milderte doch alle Härte, verschmolz das Vielerlei zur Einheit.
Mathias Urbschad glich einem Propheten, wie er hochaufgerichtet, das ergraute Haupthaar gegen den Goldgrund des Abendhimmels abgehoben, sagte, der Gedanke an einen Bund der Liebe, diese Sehnsucht müsse wohl mit ihm geboren worden sein. Er erinnerte an jenen Abend des vergangenen Sommers, ein Hagel hatte sie überrascht und den Wunsch wachgerufen, sich eine Herberge im Walde zu schaffen. Nun sei die Laube ein Sinnbild der Siedelungsidee. In ihr verwirkliche sich die Auflehnung gegen die mörderischen Grundsätze der Arbeitsteilung. Mathias verließ seinen Platz, um an die Einzelnen eine kurze Anrede zu richten. Zunächst an Karl Sodählen, den er die Stütze des jungen Wirtschaftswesens nannte, und den er scherzhaft bat, sich auch ferner an seine allzuleicht beschwingte Phantasie als Bleigewicht zu hängen, das zur Wirklichkeit herunterzieht. So schritt er die Tafel in der Runde ab, und stellte durch warmen Dank einen jeden gleichberechtigt neben sich.
Es war inzwischen finsterer geworden, er konnte in den Mienen der Angeredeten nicht lesen; aber ein verzücktes Stammeln Vera Petroffs ließ ihn einen Ausbruch der Frauenüberschwänglichkeit befürchten. Da schnitt Karl Sodählens polnisch-deutsche Mundart in die weibliche Erregung. Sein schwerfälliges Hirn hatte, was als Lob gemeint war, als Vorwurf aufgefaßt. »Der Herr tut mir Unrecht, wie werd ich mich denn unterstehen und vom Herrn so eine schlechte Meinung haben. Aber mit Reschpekt zu sagen, so prächtig wie Herr da reden, schaut sich auf Siedelung nicht aus.«
»Mit unser Gerätzeug ist von A bis Z kein Staat nich mehr zu machen.«
»’ne Mähmaschine haben sie sich schon bald auf jeder Klitsche.«
»Gehört sich ein Untergrundpacker her, drückt er harten Boden tief hinunter.«
Urbschad zögerte, und sprach es dann doch aus. »Ihr wißt, daß ich die Möglichkeit, dieses Stück Erde für uns zu erwerben, der Hochherzigkeit meines ostpreußischen Jugendfreundes Wilhelm Penschuk danke, dem ich in Amerika wieder begegnet bin. Was wir bebauen, ist nur das kleine Vorwerk seines Gutes, und meine Hoffnung ist, auch diesen Boden von dem Joch des Geldes zu befreien. Um einen Schritt bin ich meiner Hoffnung näher. Herr Penschuk ist mit seiner Tochter in Hamburg, ich erwarte täglich die Ankündigung ihres Besuchs.«
Frage auf Frage wurde aufgeworfen. Die Sodählen kannten das Herrengut, die Ausdehnung der Äcker, den Waldumfang, den Viehbestand und die Zahl der Pferde, sie ließen sich zu Übertreibungen verleiten, die zurückzudämmen Mathias sich verpflichtet fand. Dabei verdeutlichte sich ihm selbst, zwischen Behauptungen und Widerlegung, das Bild der Möglichkeit; auch die irdischste Selbsthilfe des Pragmatismus hat ihren fernen utopischen Stern im Blut. Mehr Raum für neue Zuzügler, durch die schöne Wechselwirkung von Arbeit und Ertrag bessere Bedingungen sie zu ernähren, mit allen Mitteln der modernen Technik der Boden bis aufs letzte ausgenutzt, durch Bereicherung der Hilfsquellen die Aussicht, Muße zu Kunst und Geistigkeit zu finden. So würde die Siedelung sich entwickeln und aus der Wüstenei des ungerechten Lebens ragen. Und so Tat auf Tat, aus diesem unscheinbaren Anfangen hervorgegangen, aus dem Willen einer Handvoll Leute, die den Mut hatten, sich loszusagen von Unvernunft und Tyrannei.
Kulturbeherrschung
Europa Fuld war des bekannten Amsterdamer Kunsthändlers Tochter. Als sie nach dem Krieg von 1870 geboren wurde, gab ihr der Vater in pazifistischer Wallung den weitausholenden Namen. Was sollte aus ihr werden?
In Sekunden war sie komplett geworden. Sie spürte, wie auf dem Weg zur Ermittlung historischer und augenblicklicher Wahrhaftigkeit erhaltene Schulbildung nicht nur überflüssig, sondern lästig war, weil sie aus allem gelernten Ereignis immer erst bürgerliche Absicht entfernen mußte, bis sein unkompromittierter Sinn klar wurde. Auch nach endlicher Klarheit blieb die Behauptung stehen: germanischer Geist in Darwin, mächtiger in Karl Marx hatte die Führung der Welt in dem Sinn an sich gerissen, daß er erkannte: Unter Menschen geschieht Leben nicht nach ewigen und absoluten Gesetzen, sondern zu allen Zeiten aus naturwissenschaftlichen, ökonomischen Entwicklungen, denen Veränderungen, Klassenkämpfe, in der Gesellschaft entsprechen.
Es kann, stand für Eura fest, aber nicht etwas zugleich notwendig und von Vernunft anders gewollt sein. Aber Gefühl, Behauptung eines Metaphysischen, war seit der Reformation gerade von den Deutschen erledigt worden. Und zwar mit gleicher Kraft in beiden allmächtigen Systemen, die nacheinander das Volk geführt, um Alleinherrschaft gekämpft und sich schließlich auf ein Programm zu seiner Leitung geeinigt hatten: preußisches Junkertum und Sozialismus.
Als nämlich lange vor der durch Philosophen entdeckten Notwendigkeit, in die der Mensch geschlossen ist, auf ostelbischem Sand besonders der Junker gemerkt hatte, es gälte, diesen Boden zum Früchtetragen zu bringen oder zu verrecken, hatte er das Schicksal nicht nur hingenommen, sondern gleich begonnen, sich zum Verwalter und Herrn zu machen. Der Untertan wurde mit der Fuchtel zu gehorchen gezwungen, für fremden Befehl, überpersönlichen Willen, in dem er eigenes Heil miterblicken sollte, wachgetrommelt und angetrieben; mit Spießruten, Militärmusik und Parademarsch in preußischen Gleichtritt zur Kulturbeherrschung hineingepaukt. Als aber der Sozialismus aufsprang, dem Junker die Herrschaft zu entreißen, stand er zwar mit aller anderen Regung ihm todfeindlich gegenüber, die gleiche harte äußere Notwendigkeit aber, die durch Jahrhunderte der preußische Führer aus Behauptungsinstinkt und dem Drill der Massen hatte beherrschen wollen, wurde auch immer ausschließlicher die Sphinx, auf die geblendet der Sozialismus starrte, und die er nicht mit bewußtem Adel des Bluts, doch mit Wissen und Vernünftigkeit zu seinem wirtschaftlichen Vorteil leiten wollte.
Da erkannte Eura zum erstenmal Gefahr, die darin lag, daß über Trennendes hinaus, dunkelste Reaktion und wütender Fortschritt in Deutschland mit anderen Mitteln immer hartnäckiger zum gleichen Ziel marschierten: zur Kulturbeherrschung. Und daß aus dieser Berührung beim Zusammenprall mit einem äußeren Feind, mit anderer Weltauffassung fremder Völker, die rein menschliche Bedeutung deutscher Sozialdemokratie, die ihr als dem praktisch fortgeschrittensten System des europäischen Sozialismus anhing, im Taumel eines Kriegsausbruchs verwischt und zu nationalen Zwecken mißbraucht werden mochte. Da flammte mit schöner Flamme ihr heftigstes Bedürfnis auf: das Element in Marx’s Lehre zu finden, das als radikales Fanal den von ihr über alles Irdische gehaßten preußischen Untertanengeist vor begünstigten Führern ein für allemal scheide von jenem im kommunistischen Manifest enthüllten natürlichen Zwang, dem mit aller Kreatur Menschheit aus höherer Notwendigkeit unterläge, und in dem es sich mit Revolten orientiere und behaupte. Aber wie sie auch Material bis in ungekannte Einzelheiten durchforschte, wie tief sie zu Quellen deutscher Arbeiterbewegung stieg, sie fand in ihr keinen Gedanken und kein Kommando mehr, aus dem nicht mit Geschicklichkeit und Schmiß jeder General im gewollten Moment Kadavergehorsam für ein gewolltes Ziel der Nation fordern konnte.
Frauen aus allen Ländern
waren zusammengekommen, sie hielten Vorträge, statistisches Material wurde beigebracht, und immer waren die Säle gedrängt voll, selbst elegante Weltdamen fanden sich ein. Sybille traf Molly, sie hatte ein entzückendes, goldkäfergrünes Ledertäschchen und ein gleichfarbiges Notizbuch, worin sie ihre Anmerkungen eintrug. Mollys pikantes Gesicht mit dem Stumpfnäschen, unter der sorgfältigen Bepuderung und Emaillierung, stach freundlich ab gegen die hakennasigen und energischen Köpfe der frauenrechtlerischen Garde, die in Reformkleidern und Schlapphüten die Reihen füllten. Sie war ein Kolibri zwischen der Krähenschar, wandte sich unterhaltungssüchtig hier- und dorthin. »Sybille, ich finde, daß die Luft hier erdrückend ist. Es sind zuviel Menschen und alles Frauen! Warum gibt es soviele Frauen? Das ist doch entsetzlich, daß es soviel Frauen gibt!«
Eine energische Dame mit kühngebogener Nase und kurzgeschorenem Haupthaar forderte für die Frau unbeschränkte Liebesbetätigung wie für den Mann. Ja, mit allen Konsequenzen! Die Kinder erzog der Staat, der jede Mutterschaft als gesetzmäßige und staatserhaltende Tat anerkennen müßte.
Man müßte Verführer und Verführte bestrafen: die Gelegenheit und den Dieb. Wenn es verboten ist, sich Liebesstunden bezahlen zu lassen, muß es verboten werden, Liebesstunden zu kaufen. Aber die Erfahrung lehrt, daß der Mensch ohne Liebesstunden nicht leben kann. Also müßte die Liebe anders organisiert werden. Aber organisierte Liebe klingt so peinlich. Der Gerichtshof besteht aus Männern, und es erfordert weniger Kraftaufwand, das schwache Geschlecht zu bestrafen, als Männer zur Rechenschaft zu ziehen, die ihre stärksten Neigungen geheim zu halten wünschen.
Diese kräftige und radikale Jungfrau wurde von einer wohltuend milden und gescheitelten Matrone abgelöst; sie verlangte kein Sichausleben weder für den Mann noch die Frau, beide Geschlechter sollten in Enthaltsamkeit wetteifern, den Verführer traf die gleiche gesetzliche Strafe wie die Verführte. Die alten Germanen waren keusch, die neuen müssen es wieder werden! Sybille fand, daß lauter Phrasen gesagt wurden oder man erörterte langatmig gänzlich Unwichtiges. Die Kernfragen waren doch die: Steht die Frau in einer körperlichen Abhängigkeit vom Mann? Ist sie ihm durch das Blut unterworfen oder herrscht sie? Und besaß sie ihren freien, vom Geschlecht unabhängigen Willen, den die Erfahrung der Jahrtausende ihr abstritt und beschnitt?
Nun kam ein Besucher und es war Orff. Molly freute sich und wurde ein ganz klein wenig verlegen, weil man über ihre Beziehungen zu Orff viel geredet hatte, denn Orff war sehr reich und Molly hatte sehr viele Wünsche. Er fragte Sybille, wie es ihr ginge und ihr kam vor, als ob er sie prüfend ansah. Sie sagte: »Sehr gut.« Durch eine Ideenverkettung, weil sie sich einbildete, er meinte, daß sie erröten müßte, stieg eine Röte in ihr Gesicht. Orff neckte Mela mit ihren Emanzipationsgelüsten. Früher stickten die Jungfrauen und lasen Verse, heut marschierten sie und veranstalteten Konferenzen. Träumerisch sagte Molly: »Ich möchte auch mal sprechen! Ich möchte über das Wunderbare und die Frauen sprechen.«
Er rührte spielerisch an ihre zweimal verschlungene Perlenschnur. »Das ist das Wunderbare. Für die Frau vom Meer und die Frau vom Land. Für alle Frauen. Nein, für Fräulein von Chavanais nicht!«
Sybille sagte: »Ich habe kein Geld und brauche keins. Nein, in dem Punkte bin ich unangreifbar!«
»Princesse lointaine –« murmelte er.
Das schwarze Kleid warf das Bild einer Fremden
aus dem Spiegel zurück. Das Feierliche der Prüfungszeremonien erregte. Alles war voll Gegensatz und Verwirrung. Die Öffentlichkeit, in die man gestellt wurde. Die fremd gewordenen Gesichter der Professoren. Es war selbstverständlich, daß Mara Auszeichnung erhielt. Und es war gleichgültig.
Der Film eilender Landschaften entrollt sich vor den Kupeefenstern. Hundertmal blickt Mara zu ihren Koffern empor. Erstes Spielzeug. Dinge, die unbedenklich in den Mund gesteckt werden dürfen. Aber im nächsten Jahr! Wenn Nino bei Mara in der Stadt sein wird, dann wird sie für ihn die merkwürdigsten Tiere aus Plastilin kneten. Lange hatte Stane nicht mehr geschrieben und noch länger war es her, daß die kleine Photographie von Nino gemacht worden war. Seine ersten Haare waren schwarz gewesen. Mara, die so viel Wissen in ihr Denken gestopft hatte, daß man ihr dafür den Doktorhut verliehen hatte, kannte die Geheimnisse der Spektralanalyse und wußte nicht, ob ihr Kind schon alle Farben erkennen konnte.
Stane wartete am Bahnhof. Warum hatten sie den Kleinen nicht mitgebracht? Mara streckte der Alten beide Hände entgegen.
»Es ist schön, daß du trotzdem gekommen bist!« sagte Stane und betrachtete Maras Kleidung.
»Trotzdem? – Aber wo ist Nino?« Stane war wohl nicht mehr richtig in ihrem Kopf?
Die Augen der Alten wurden ganz groß. »Nino? Aber er ist doch mit dem Engländer fort!«
Mara faßte Stane an den Schultern. »Fort? Was heißt das?«
Stane begann zu weinen: »Ich verstehe gar nichts mehr. Nino wurde doch schon vor vier Wochen von dem Engländer geholt. Er kam in deinem Auftrag. Der Bürgermeister …«
»Was redest du für Unsinn?« schrie Mara erblassend.
Der Bürgermeister sah ein wenig angstvoll auf die junge Dame, die blaß inmitten der Hausleute stand. Aber natürlich, wenn eine aus Gruda sich nicht mit dem Leben im Dorf bescheiden wollte und in die fremden Städte fuhr! »Es ist alles vollkommen in Ordnung«, begann er in überlegenem Ton. »Uns trifft jedenfalls keine Schuld. Ein Mister Atkins kam vor ungefähr vier Wochen zu Stane Radonic – er wies dein Schreiben vor …«
»Einen Brief von mir? Aber ich habe doch nicht geschrieben!«
Ja, wissen Sie, Gabriele
fuhr Paul Seebeck lebhafter fort, »schon am ersten Tage in Sydney, wo ich in der Bibliothek der Geographischen Gesellschaft saß, sank mir der Mut. Dann sah ich vom Dampfer aus meine Insel, deren Entstehung natürlich die große Flutwelle verursacht hat. Und da beschloß ich, auf ihr meinen Staat zu gründen. Und unser Plan eines wirklich modernen Staates auf demokratischer Grundlage, mit dem Prinzip der größten persönlichen Freiheit war ja schon lange fertig.«
»Wer ist wir?«
»Silberland, ein Journalist und radikaler Politiker, und ich. In meiner Münchener Zeit sind wir oft nächtelang im Café Stephanie gesessen und haben immer nur unseren Staat besprochen.«
Frau von Zeuthen nickte und Seebeck fuhr fort: »Wie ich also wußte, daß die Insel herrenloses Land darstellte, schrieb ich Silberland, er solle mir eine Vollmacht als Reichskommissar verschaffen. Aber das Kolonialamt verlangte mich selbst zu sehen. So mußte ich nach Berlin. Ich hatte schon Wochen allein auf meiner Felseninsel zugebracht, es wurde mir schwer, sie wieder zu verlassen.«
die Lebensführung Robinson Crusoes
Mathias Urbschad, William Penschuk und sein Vertrauensmann Edward Hartley saßen einander gegenüber, vor sich einen Stapel Geschäftsbücher. Der Gutsherr wollte Einsicht in die Ergebnisse der gemeinschaftlichen Wirtschaftsführung nehmen und auf die Möglichkeiten schließen, die ein vergrößerter Besitz den Siedlern versprach. Mathias hatte damit angefangen, die Verhältnisse der Siedelung klarzulegen. Es klang beinahe wie Entschuldigung, wenn er vorausschickte, daß ihre Formen noch nicht gefestigt seien, noch vielfach mit der Geldwirtschaft verbunden. Er vertrat die Siedelung als Bevollmächtigter. Wie von einem Selbstvorwurf berührt, gab er zu: das erstrebte Ziel der Tauschwirtschaft sei noch unerreicht. Man müsse kaufen, aber sei schon in der Lage, manche Einkunftsquelle auszuschöpfen. Stolz rühmte er die Leistungen der Gemeinschaft. Die Frauen flöchten Körbe, Hubert und einer seiner Freunde zimmerten allerlei Geräte, und diese Waren würden in der Kreisstadt gern gekauft. Von den Feldfrüchten und vom Getreide erziele man schon einen Überschuß; auch sei die Milch verpachtet, und in diesem Sommer habe man den Markt mit Gemüse, Eiern und Obst beschicken können. An dieser Stelle warf Penschuk die Bemerkung ein, die Lebensführung Robinson Crusoes habe die der Siedler an Üppigkeit sicherlich übertroffen. Mathias dachte, es würde für ihn leichter sein, gegen eine vollständige Ablehnung zu kämpfen, als gegen diese Art, Schöpferisches in die Form des Bestehenden zu schnüren und buchstabenmäßig abzuschätzen, was nur jenseits der hergebrachten Logik zu bewerten war.
Auf die Utopie folgt eine Topie
Die Revolution bezieht sich auf das gesamte Mitleben der Menschen. Also nicht bloß auf den Staat, die Ständeordnung, die Religionsinstitutionen, das Wirtschaftsleben, die geistigen Strömungen und Gebilde, die Kunst, die Bildung und Ausbildung, sondern auf ein Gemenge aus all diesen Erscheinungsformen des Mitlebens zusammengenommen, das sich in einem bestimmten Zeitraum relativ im Zustand einer gewissen autoritativen Stabilität befindet. Dies allgemeine und umfassende Gemenge des Mitlebens im Zustand relativer Stabilität nennen wir: die Topie.
Die Topie schafft allen Wohlstand, alle Sättigung und allen Hunger, alle Behausung und alle Obdachlosigkeit; die Topie ordnet alle Angelegenheiten des Miteinanderlebens der Menschen, führt Kriege nach außen, exportiert und importiert, verschließt oder öffnet die Grenzen; die Topie bildet den Geist und die Dummheit aus, gewöhnt an Anstand und Lasterhaftigkeit, schafft Glück und Unglück, Zufriedenheit und Unzufriedenheit; die Topie greift auch mit starker Hand in die Gebiete ein, die ihr nicht angehören: das Privatleben des Individuums und die Familie. Die Grenzen zwischen Individualleben und Familiendasein einerseits, der Topie andrerseits sind schwankend. Die relative Stabilität der Topie ändert sich graduell, bis der Punkt des labilen Gleichgewichts erreicht ist. Diese Änderungen in der Bestandssicherheit der Topie werden erzeugt durch die Utopie. Die Utopie gehört von Haus aus nicht dem Bereiche des Mitlebens, sondern des Individuallebens an. Unter Utopie verstehen wir ein Gemenge individueller Bestrebungen und Willenstendenzen, die immer he- terogen und einzeln vorhanden sind, aber in einem Moment der Krise sich durch die Form des begeisterten Rausches zu einer Gesamtheit und zu einer Mitlebensform vereinigen und organisieren: zu der Tendenz nämlich, eine tadellos funktionierende Topie zu gestalten, die keinerlei Schädlichkeiten und Ungerechtigkeiten mehr in sich schließt.

Auf die Utopie folgt dann eine Topie, die sich von der früheren Topie in wesentlichen Punkten unterscheidet, aber eben eine Topie ist. Auf jede Topie folgt eine Utopie, auf diese wieder eine Topie, und so immer weiter. Revolution nennen wir die Zeitspanne, während deren die alte Topie nicht mehr, die neue noch nicht feststeht. Revolution ist also der Weg von der einen Topie zur andern, von einer relativen Stabilität über Chaos und Aufruhr, Individualismus (Heroismus und Bestialität, Einsamkeit des Großen und armselige Verlassenheit des Massenatoms) zu einer andern relativen Stabilität.
auch war Penschuk nicht zum Streit gekommen
Trotzdem schmälerte er jedes Zugeständnis durch einen Unterton des Zweifels an der Zweckmäßigkeit des Geplanten, und Mathias Urbschad verlor niemals das bedrückende Gefühl: sein Gönner handle gegen seine Überzeugung und aus der Laune eines Millionenmannes heraus. Am meisten schmerzte es ihn, daß er übte, was ihm von jeher als verachtenswert erschienen war: Klugheit, scheinbare Unterordnung unter eine fremde Überlegenheit, Teile der ihm verhaßten Lehre von dem Geheiligtsein der Mittel, die zu gutem Zweck führen. Er machte den Vorschlag, die Sitzung aufzuheben, und er bestimmte Penschuk, der die Absicht hatte, mit Hartley zum erstenmal die Siedelung zu besehen, den Weg zu Fuß zurückzulegen.
Großstädter auf dem Lande, eine schlichte Gutsfamilie besuchend
Mathias war den beiden anderen um einen Schritt voraus. Von Frau und Kindern sprach er nicht, sie waren Penschuk aus Amerika bekannt; auch von Kornelie wußte er, von ihrem Schicksal, die Eltern an einer Seuche zu verlieren, und von der langen Reise nach Brasilien, die Mathias damals unternommen hatte, um die verwaiste Nichte in seine Familie zu holen. Eine kleine Pause mußte er doch machen, ehe er von Vera Petroff sprach, die, nach der Ausdrucksweise der Scheinheiligen, eine Sünderin gewesen sei und das Maß noch nicht beherrsche zwischen Übereifer und der Trägheit ihrer früheren Lebensweise. Nun hielt Penschuk sich nicht mehr zurück. »Ich sage – eine Mischung von sonderbaren Elementen hast du da in einen Topf geworfen. Beschränkte Bauern, Judenjungen, Landstreicher, Verbrecher, unzureichende Talente, eine Frau, die man zu viel geliebt hat, eine, die dabei zu kurz gekommen ist. Merkwürdige Grundlagen zu einem Weltverbesserungsgebäude.«
Urbschad sah ihm ruhig ins Gesicht. »Ich sehe in ihnen nur die Menschen; sie sind an der Gesellschaft krank geworden und versuchen wieder zu genesen.«
Das Vorwerk war erreicht; durch die Luft liefen helle Stimmen auf die drei Männer zu. Die Amerikaner waren weiß gekleidet, nur mit der Unterscheidung, daß die Männer getönte Krawatten trugen, Marys Anzug aber ohne Farbe blieb. Spinnewebenfein war der Batist an Rock und Bluse, und mit seinen Hohlsäumen und mit der Hand gearbeiteten Spitzen von einer Kostbarkeit, die sich einem ungeübten Auge nicht verriet. Alle drei konnten aus einem erlesenen Modekupfer stammen, etwa mit der Inschrift: Großstädter auf dem Lande, eine schlichte Gutsfamilie besuchend.
Urbschad hatte solchen Zwang des Weltlichen immer abgewiesen, und Marys Tracht, der dünne Stoff, den Gliedern eng angepreßt, hatte er bei anderen stets verworfen. Was zwang ihn, sein eigenes liebes Mädchen der Tochter Penschuks zu vergleichen? Marys von ein paar großen Wellen durchlaufenes, rötlich blondes Haar umglänzte leicht und seidig die matte Haut, an den gepflegten, reich beringten Fingern leuchteten die Nägel wie geschliffener Stein. Sabine, dem Gesichtsschnitt nach vielleicht die Schönere von beiden, aber sonnverbrannt, sah dagegen fast verwildert aus.
Es blieb Hubert und Sabine überlassen, die Lücken im Gespräch zu überbrücken, und aus einem scherzhaften Wortgefecht entwickelte sich eine ernsthafte Unterhaltung, als der junge Urbschad die Überseeischen nach ihrer Reise fragte. Sie ließen hauptsächlich zu ihrem eigenen Vergnügen die Eindrücke der letzten Wochen an sich vorüberziehen, die Feste, Theater und Konzerte, und da Penschuk die Spannung wahrnahm, packte ihn der Einfall, seinen Hörern die Frage hinzuwerfen: »Auf so viel Kunstgenuß verzichten – was Sie besitzen, wiegt Ihnen das Ihre Entbehrung auf?«
»Bei uns lösen wir die Kunst nicht vom Leben, bei uns ist Fest und Alltag nicht getrennt.«
Spöttisch kräuselte sich Marys Mund: »Das Glück, Futterrüben umzuhacken.«
Man hatte sich getrennt; die Staubwolke, die um den Wagen schwirrte, der gekommen war, die Fremden abzuholen, war auf der Landstraße nicht mehr zu sehen, als der Einfall Hubert packte, sich auf sein Rad zu schwingen und den Davongefahrenen nachzujagen; es entspann sich ein Wettlauf zwischen Rad und Hufen, den zu beobachten Mary den Platz mit Hartley tauschte. Hubert meinte, daß ihm Flügel wüchsen, den Blick immer auf des Mädchens schimmerndes Gesicht gerichtet. Penschuk sagte ruhig: »Gute Menschen, aber schlechte Musikanten.«
Auf einmal blickte Sybille hoch
und sah Thomas Buber. Er beobachtete sie scharf, wie es Sybille vorkam, drohend. Einen Moment, wie zwei blanke Schwerter, klirrten ihre Blicke gegeneinander. Er rührte sich nicht und Sybille sah keine Veranlassung zu grüßen. Ganz allein saß er an seinem Tisch und trank Bier.
Orff sagte: »Sybille, ich habe meine Sache dumm gemacht und könnte sie, glaube ich, besser machen. Das Wichtigste wäre, wir heirateten uns.«
Sie dachte die ganze Zeit an Thomas Buber, wie er schlechter Laune war und seine Gereiztheit so wenig verbarg. Warum blieb er sitzen und beobachtete sie?
»Er ist ein Süddeutscher, ein Maler. Man sieht sofort, daß die Behauptung, der geniale Mensch sei gefährdeter als der durchschnittliche, hier eindringliche Illustration erhalten hat. Ich kenne Sie besser, als Sie sich selbst,« sagte Orff. »Vielleicht bin ich zur Zeit in Europa der einzige Mann, der Ihre Beweggründe ganz klar durchschaut. Ich bin Jude – das heißt, gehöre einer um einige Jahrtausende älteren Kultur an, bin literarisch gebildet, Frauenkenner und Amateur. Vertrauen Sie sich mir an. Sie sind ein verbrecherisches Kind.«
Sie zitterte jetzt vom Scheitel bis zur Sohle. In ihr zuckten alle Leidenschaften wie jähe Schwerter auf. Thomas Bubers Profil hob sich scharf gegen das Licht ab; er sah böse, hochmütig und höhnisch aus. Die Unterlippe hatte er etwas vorgeschoben, zerwühlte sie mit den Zähnen. Auf seiner Stirn stand senkrecht die Eigensinnsfalte, er zeichnete auf dem Tisch mit dem Finger.
Ein Königreich für eine Erregung! dachte Sybille.
sie fühlte seinen Zorn
in jedem lässigen und höhnischen Wort. Er nannte sie ohne weiteres du. Nun reckte er sich in den Schultern. Sybille sah zu ihm auf, sie zwang sich ihn ohne mit der Wimper zu zucken anzusehen.
»Lüge doch nicht!« befahl er hart.
Sie sagte: »Ich lüge nicht.« Aber ihre Lippen zitterten. Jedes Wort reizte sie, riß ihr ein Kleidungsstück ab. Sie waren nackt, ihr Atem ging und ging im gleichen Wellenschlag.
»Ich werde immer Ich sein. Ich gehöre dir nie, Thomas, und keinem.«
Ja, was taten sie eigentlich in dem Park
und warum waren sie da? Es wehte ein Wind, der gewöhnliche, zarte Stadtmenschen fast umwarf. Im Hintergrund stand ein altes, trauriges, gelbgraues Schloß. Ihn freute der Wind. »Warum willst du Bücher schreiben? Bücher sind Gestank. Ich will dich ganz für mich. Einen großen Garten sollt du haben. Und da kannst du Kinder kriegen. Oder Häschen großziehn.«
Sie waren wie ein Liebespaar, sie mit ihren wilden Haaren und dem herabgeglittenen Hut, er, der ihren Arm hielt, sie mit dem Knie stieß. Sie wußte durchaus nicht mehr, was sie denken sollte; das Denken tat ihr weh. »Sei meine Frau ein Jahr und hab’ einen Buben! Ich will dich jetzt noch bedienen. Nachher dienst du mir. Und du wirst alles lernen, was die anderen Frauen können. Gescheit genug bist du ja!« sagte Thomas Buber.
»Ich kann bloß schreiben,« sagte sie traurig. »Wie wir nur zu einander gekommen sind! Wir passen doch gar nicht zusammen.«
»Du bist böse,« sagte er lachend und sorglos. »Du hast einen Zug von Grausamkeit! Der Trotz in dir ist zu stark, du suchst den, der stärker ist, der dich einzwingt. Einmal eingebrochen, wirst du prachtvoll unter dem Sattel gehen. Alles Vollblut ist lenksam und leistungsfähig.«
Sie suchte die Worte, suchte eine genügende Erklärung. Nun fiel ihr Orff ein. Sie empfand eine wahnsinnige, die Kehle zusammenpressende Furcht. »Ich bin zweimal die Geliebte von Harry Orff gewesen.« Sie mußte ihm gerade in’s Gesicht sehen, obgleich sie ihn nicht ansehen wollte. Sie sah, daß alles Blut aus seinem Gesicht gewichen war, er war weiß wie eine Kalkwand, die Augen glichen jetzt fast Kohlen, so schwarz und grell war ihr Funkeln. »Geh! Geh sehr schnell jetzt!« stieß er hervor. »Du bist mir grauenhaft.«
Alle sieben waren da
Paul Seebeck, Jakob Silberland, Hauptmann a. D. von Rochow, Edgar Allan, Referendar Otto Meyer, Nechlidow. Der junge Melchior saß gesenkten Hauptes im Hintergrund. Paul Seebeck stand auf, und aller Augen wandten sich ihm zu. »Ich habe dreihundert Anfragen erhalten, aber gebeten, sich etwas zu gedulden. Wir sieben, das ist vorläufig genug, die Sache in Gang zu bringen.«
Nechlidow hob den Kopf: »Nun läßt sich nicht leugnen, daß wir eine Sonderstellung einnehmen. Ich schlage deshalb vor: Wir sieben Gründer bleiben das erste Jahr allein auf der Insel und genießen das einzige Vorrecht, in diesem Jahre über uns selbst und den Staat, den wir ja allein repräsentieren, zu verfügen. Dieses Vorrecht ist nur ein anderer Ausdruck für unsere Pflichten und unsere Arbeit.«
Jetzt konnte Otto Meyer sich nicht mehr beherrschen, er mußte Jakob Silberland zuflüstern: »Daß der Kerl seine geistreichen Bemerkungen nie sein lassen kann.«
Halb verlegen und belustigt, suchte Silberland nach einer Antwort; plötzlich aber erhob sich zum allgemeinen Erstaunen Melchior und sagte: »Darf ich eine Frage stellen?«
»Bitte«, sagte Seebeck. Melchior zog die Brauen zusammen: »Wie läßt sich die Idee eines solchen Staates damit vereinigen, daß große Vorarbeiten nötig sind? Daß die Ansiedler sich erst ein ganzes Jahr lang akklimatisieren sollen? Würde es nicht genügen, die Menschen einfach in die Freiheit zu setzen, so daß sie selbst kraft ihrer Menschennatur sich die neue Gemeinschaft schaffen können?«
»Bravo!« rief Nechlidow. »Der Mann kann denken.«
Jakob Silberland begann: »Privatbesitz an Boden läßt sich nur solange rechtfertigen, wie es herrenloses Land in genügender Menge gibt.«
»Herr Seebeck,« sagte Melchior, »Sie sind mir noch eine Antwort schuldig.«
Paul Seebeck griff sich unwillkürlich an die Stirn. »Überlegen Sie, wie viel die Menschen vergessen müssen, was sie selbst und ihre Vorfahren gelernt haben: die Masseninstinkte. Unterschätzen Sie unser Vorhaben nicht; es gilt einen neuen Typus Mensch heranzuziehen.«
»Sie gebrauchen dauernd das Wort: Typus im Sinne von Individuum. Ich finde das fast verdächtig.«
»Ach Gott,« sagte Paul Seebeck gleichmütig. »Typus – Art – was Sie wollen.«
Melchior zog die Augenbrauen zusammen: » Ich kann aber nicht anders, als hinter diesem schiefen Ausdruck ein Problem zu sehen, nämlich daß Sie gar nicht den freien Menschen an sich brauchen und heranziehen wollen, sondern nur einen ganz bestimmten Typus des freien Menschen.«
Paul Seebeck wurde ganz ernst. »Frei sein heißt, von Traditionen und Vorurteilen frei sein. Ich erkenne wirklich nur einen Typus des freien Menschen an; aber der ist sehr umfassend, nämlich alle einschließend, die für die Gemeinschaft im höheren Sinne brauchbar oder notwendig sind.«
»Ja, ja«, sagte Melchior nachdenklich.
Otto Meyer hatte mit einem spöttischen Lächeln zugehört; jetzt aber wurde sein Gesicht ganz ernst. Er machte eine Bewegung, als ob er aufstehen wollte, besann sich dann aber wieder. Herr von Rochow hatte wohl zu viel Wein getrunken, denn sein Lächeln wurde blöder und blöder, und seine treuherzigen, blauen Augen verschwammen immer mehr. Edgar Allan hörte nur zu; mit einem Bleistiftstumpf entwarf er auf dem weißen Tischtuch Hütten und Häuser in einem Stile, der in merkwürdiger Weise eine stark betonte Horizontale mit flachen Bogenlinien verknüpfte.
Der Vertrag
zwischen Penschuk und Urbschad war unterschrieben und günstig für die Siedelung gestaltet. Sie durfte gleich nach Abreise der Gutsherrschaft in den Besitz der Liegenschaften treten. Die Summe war großmütig bemessen und ihre Zahlung das erste Jahr hindurch gestundet. Dieses Abkommen wurde in Gegenwart der Siedler und der Gutsbeamten vorgelesen, dann trat ein jeder zu Penschuk und Urbschad, um durch einen Händedruck sein Einverständnis zu geben. Mathias hätte nie geglaubt, daß diese Handlung so weihelos verlaufen könne. Ihm war, als seien die Kameraden durch einen Vorgang, der sie enger an ihn knüpfen sollte, weiter von ihm abgerückt.
Am späten Nachmittag brachten zwei Fuhrwerke die erwartete Gesellschaft an, eine kleine offene Kalesche, in der, vor sich die Körbe mit den Lebensmitteln, der Diener saß, und ein Bänkewagen, dem Penschuks und ihre Hausgäste entstiegen. Marys Freundin, Lilly v. Kurz geb. Kamenenz, ihr Bruder Egon Kamenenz, der in dem Bankhaus seines Vaters tätig, seine Nebenleidenschaften, Tangotanz und Rennsport, als Hauptberuf betrieb; der Dragonerleutnant Kurt v. Plessow und der Attaché der italienischen Gesandtschaft, Conte Annibale Testi.
Mit der Leichtigkeit der Umgangsformen eines Romanen beherrschte Testi die Lage; schöne Mädchen, Männer von Talent, war das nicht Reiz genug für ein paar Plauderstunden? Der Anruf an ihr südländisches Blut, der von seinem Wesen zu Kornelie ging, mochte sie zur Teilnahme an dem Gespräch der jungen Männer locken, Sabine gesellte sich dazu; eine zweite Gruppe formte sich aus Penschuk, Hartley und Urbschad. Aber unvermischt, wie Öl auf Wasser, sonderten sich der Sohn des Finanzmannes und der Gardeleutnant ab und legten auf Mary Penschuks Höflichkeit Beschlag.
Egon Kamenenz wollte eine sichere Entfernung zwischen seinen schnöden Witzen und den Gegenständen, an denen er sie übte, doch Kurt v. Plessow war aufrichtig ungehalten. Er mißbilligte Penschuks Handlungsweise; unbegreiflich, wie ein deutscher Mann sich seines Heiligsten, der Erde seines Vaterlandes, des Bodens, den seine Voreltern bebauten, ohne Not entäußern könne, obendrein an Leute von verdächtigen Gesinnungen. Er hätte sich der Fahrt nicht angeschlossen, ohne die Lähmung seines Willens, der, überwältigt von des Fräuleins Großedamesitten, taumelnd in dem Dunstkreis ihres Atems hing, wie ein Schmetterling in einer Rosenlaube. Er sah sie an, wie jemand, der zu träumen glaubt. Im Gesetzlichen verwurzelt, fühlte er sich durch jede Regellosigkeit verletzt. Huberts Freimut war ihm Flegelei. Der alte Mann im Leinenkittel und den langen weißen Haaren erschien ihm närrisch, er zweifelte die Sittlichkeit der beiden ungebräuchlich angezogenen Mädchen an; der Bauernsohn Otto Sodählen war ihm keine Störung, ein Bursche mehr, um Schüsseln anzubieten; doch einen Nachmittag im engsten Kreise mit einem Hebräer zu verbringen, schien ihm der Gipfel der Ungebührlichkeit.
Sabine zog Lewicki neben sich und machte ihn zum unwilligen Zeugen des verfänglichen Benehmens, mit dem Kamenenz sie in Verlegenheit zu bringen suchte. Seinen begehrlichen Berührungen und zweideutigen Redensarten wich sie unbefangen aus. »Ich weiß nicht, was Sie unter freier Liebe meinen. Wir sollen in der Siedelung wie Geschwister leben, uns lieb haben und gütig zu einander sein. Freilich,« fügte sie treuherzig hinzu und blinzelte schelmisch zu Kornelie hinüber, »Engel sind wir nicht.« Sie trank mit selbstbewußter Miene ihren Kaffee und dachte: Alle glauben, ich weiß noch nichts von der Liebe. Und ich bekam wohl schon fünfhundert Küsse.
Küssen, sagte er plötzlich
und seine Zähne leuchteten wie die eines Raubtieres. Sie stieß ihn zurück, denn er hatte ein so fremdes, häßliches Gesicht, und seine Kleider rochen nach Leichen.
Egon biß sich auf die Lippen
Dieses heuchlerische Gör, das sich anstellte, als glaube es noch an den Storch, und sich erdreistete, ihm einen Denkzettel zu geben. Da der Spaß versagte, den er sich von den Zigeunern erwartet hatte, fand er seine Gegenwart entbehrlich. Er hing nachlässig in seinem Sessel und öffnete die Lippen nur, um zu essen und zu trinken und nach seiner Schwester halblaute Bemerkungen zu werfen.
Lilly war sehr beschäftigt, vor Hubert ihr Steckenpferd zu reiten: ihren Abscheu vor dem Geld, ihre Sehnsucht nach Bedürfnislosigkeit. Es war ein merkwürdiger Zufall, daß Mary diese Bekenntnisse unterbrach: auf welchen von den Zobelkragen, die sie in Berlin gemeinschaftlich besehen hatten, der Freundin Wahl endgültig gefallen sei, auf den, der zwanzigtausend Mark gekostet habe, oder auf den mit fünfunddreißigtausend angesetzten.
Hier sitzen wir um eine Tafel, dachte Mathias, und bilden uns ein, wir seien von dem gleichen Schlag. Im Traum wechselte er oft mit anderen lange Reden und hörte nur Geräusche, strengte sich vergeblich an, eine Meinung zu verstehen; dasselbe glaubte er jetzt mit wachen Sinnen zu erleben. »Nichts tun sie, als die Luft bewegen,« dachte er.
Jede Utopie
setzt sich aus zwei Elementen zusammen: aus der Reaktion gegen die Topie, aus der sie erwächst, und aus der Erinnerung an sämtliche bekannte frühere Utopien. Utopien sind immer nur scheintot, und bei einer Erschütterung ihres Sarges, der Topie, leben sie wieder auf. Die praktischen Erfordernisse des Mitlebens während der Epoche des revolutionären Aufruhrs und Übergangs bringen es mit sich, daß in der Form der Diktatur, Tyrannis, provisorischen Regierung, anvertrauten Gewalt oder ähnlichem sich während der Revolution die neue Topie bildet.
Die neue Topie tritt ins Leben zur Rettung der Utopie, bedeutet aber ihren Untergang. Die praktischen Erfordernisse sind nicht nur das durch die Revolution gestörte Wirtschaftsleben, sondern sehr häufig Eingriffe aus dem Bereich feindlicher Umwelt. Denn wir dürfen uns ja die Gemeinschaft ebenso wenig isoliert wie begonnen vorstellen; sie ist ringsum begrenzt von wieder Begrenzten, und im übrigen von der anderen Welt, deren Einflüsse und Bedingungen – für unsern Fall z. B. Fehljahre, Naturkatastrophen wie das Erdbeben von Lissabon, für andere Zeiten Kometen, Sonnenfinsternisse, Epidemien – oft von scharfer Bedeutung sind.
Die Revolution neigt nun weiterhin ganz besonders dazu, einen allgemeinen Völkerbrand zu entzünden, Grenzen, die ja überhaupt nur fließende sind, zu durchbrechen usw. Und insbesondere will ja die Utopie unter anderm auch nationale und staatliche Beschränktheiten nicht dulden, sie will den idealen Zustand für die ganze Menschheit usw.
In andern Ländern oder Provinzen sind aber andere auf einer stabileren Stufe, bei denen je nachdem das Herz inniger oder die Dummheit größer ist. So greifen die bedrohten Nachbartopien um ihrer Erhaltung willen oder für die Erhaltung dessen, was ihnen wert ist, zu den Waffen oder sonst bedrohlichen Mitteln: aus der Revolution wird der Krieg oder langwieriger wirtschaftlicher Kampf zwischen Nationen und dergleichen. Die Utopie also wird überhaupt nicht zur äußern Wirklichkeit, und die Revolution ist nur das Zeitalter des Übergangs von einer Topie zur andern.
Det stimmt
warf Egon Kamenenz dazwischen, während er von der Platte, die ihm der Diener reichte, ein Stück Kuchen auf seinen Teller schob. William Penschuk und er unterhielten sich über Deutschlands Handel im Wettstreit mit der Industrie und Technik anderer Nationen. Das heißt, es war meist Penschuk, der die Rede führte, von Egons gewollten Berlinismen unterbrochen. »Es war höchste Eisenbahn, daß es mit dem Gerede von dem Volk der Dichter und Philosophen alle wurde. Goethe, Shakespeare, Ibsen, welcher ausgewachsene Mensch hat noch einen Dunst davon. Zum Einschlafen kooft man sich ein Ullsteinbüchel, und will man sich mal ’nen vergnügten Abend machen, so läßt man sich ’ne Loge holen in die Operette oder in ein Varieté.«
Testi kehrte sich dem Berliner zu. »Das ist natürlich absichtliche Übertreibung, Signore Kamenenz,« seine Zunge stolperte über die ungewohnten Konsonanten, » eine Existenz ohne Kunst und Dichtung wäre unerträglich, aber ich teile Ihre Meinung, man hat den beiden zu großen Platz eingeräumt. Niemand hat darunter mehr zu leiden, als wir Italiener. Wir verbessern unseren Boden, bauen Eisenbahnen, Städte, wir prügeln uns im Parlament herum; aber die Welt beharrt darauf, uns als ein Mausoleum der Vergangenheit zu stempeln. Hunderttausende von Fremden laufen jährlich bei uns durch, fragt je einer nach unseren Wohlfahrtseinrichtungen, nach unseren neuen Gesetzen? Nein, sie stürzen sich in die Museen und Kirchen, sie verlangen nach Giotto, Rafael, Bramante, Michel Angelo und schnüffeln in Ruinen. Wahrhaftig, so leidenschaftlich man sie liebt, man möchte manchmal einen Hammer nehmen und alles kurz und klein zerschlagen, die Antike, das Tre-, Quatro- und Cinquecento und die Renaissance, damit Platz wird für das zwanzigste Jahrhundert.«
»Bravo«, der Beifall kam von Plessow. »Ich habe eigentlich kein Recht, da mitzureden, alle diese Tschentos für die Sie schwärmen, Graf, sind mir unbekannt. Aber den meisten, die in die Museen rennen, geht es genau so wie mir. Darum war mir die Auslandsanbeterei meiner Landsleute von je verhaßt. Sie sind ja so verrückt mit ihrem Goethe, sie sollten auch beherzigen, was er einmal prophezeit hat: die Welt wird nicht eher gesund, ehe sie nicht ganz deutsch geworden ist.«
Frau v. Kurz konnte es sich nicht versagen, mit ihrer Belesenheit zu glänzen. »Verwechseln Sie Goethe nicht mit Geibel? Und es mag am deutschen Wesen / Einmal noch die Welt genesen.«
Kurt v. Plessow blieb höflich. »Gnädigste haben sicher recht. Außerdem hätte ich mir denken können, daß so was nicht von Herrn Goethe stammt. Der ist ein viel zu schlechter Patriot gewesen.«
Hier endet unsere wissenschaftliche Darstellung
sie scheitert an der Zukunft, von der wir nichts wissen, und nun erst tritt die Bedeutung der Vergangenheit, von der wir nichts wissen, recht hervor. Wie aber jeder Mensch aus der Tiefe der Zeit heraus aus dem Bodenlosen herkommt, so gestaltet er sich – er wie alle seine Vorfahrenglieder – auch aus der Weite des Raumes her aus dem Unaufhörlichen, Rastlosen und Unzähligen. Denn was sich Sichtbares, Sinnenmässiges, Stoffliches also an einem Menschenleibe findet, ist immer anderes, von außen Hereingekommenes, Wechselndes. Es ist so kein Unterschied und keine Trennung zwischen den Vorfahren, die ich bin, und den Vorfahren, die ich habe, und der Umwelt, aus der ich werde. Wohl aber ist ein Unterschied: zwischen mir und dir, wie zwischen Welt und Welt. Denn du bist nur mein winzig Teilchen und bist doch wie ich eine ganze Welt; und ich bin nur dein winzig Teilchen und bin doch wie du eine ganze Welt. Darum braucht es, wie die Welten durch die Brücken des Lichtes verbunden sind, zwischen den Menschen des Geistes, der die Liebe ist, der die Formen des Mitlebens schafft, die Familie, die Herde, die Nation (Sprache, Sitte, Kunst), und der wiederum die starr gewordenen Formen, die Haß, Geistlosigkeit und Unbill erzeugt haben, in neuer Gemeinsamkeit sprengt.
Alles was wir wissen, deutet darauf hin, daß es keinen Fortschritt in der Menschengeschichte als Ganzes gibt, sondern Aufhören bestimmter Kulturen durch Alter – nicht der Völker, das ist Unsinn, sondern der Kulturen für diese Völker – und durch Völkermischung. Der sogenannte Untergang eines Volkes ist natürlich kein Aussterben, sondern eine Völkermischung. Die Stämme und Völker schieben sich vielfach und unausgesetzt durcheinander, ineinander, übereinander und in diesen Geschieben sind alle gleich alt – haben alle an der gleichen ehrwürdigen und grossen Vergangenheit teil, werden alle von Zeit zu Zeit wie müde und ruhebedürftig, und von Zeit zu Zeit wie primitiv, ursprünglich und neubeginnend.
Ohne Übergang
knüpfte Plessow den alten Faden wieder an, erklärte Kamenenz und Testi, daß sie alle drei in der Hauptsache der gleichen Meinung seien, es sei für die Nationen an der Zeit, sich ihrer besonderen Aufgaben bewußt zu werden. Um sich gleich wieder von dem Italiener abzuwenden: es ginge nicht mehr so weiter mit der Verfälschung des Germanentums, es müsse ein Ende nehmen mit dem Geschreibsel, das den Sinn des deutschen Volkes vergifte. Das Liebäugeln mit aufrührerischen Gedanken müsse weg. »Mannszucht gehört wieder her, Gottesfurcht,« er straffte sich, als grüße er den höchsten Vorgesetzten, »und Königstreue.« Zum Glück stehe Einer vor der Tür, der werde mit eisernem Besen kehren, mit allem aufräumen, was sich an wüstem Unkraut auf deutschem Boden eingenistet habe, und wieder Platz für echtes Volkstum schaffen. Er machte eine Pause, ehe er mit ehrlicher und ernster Überzeugung sagte: »Der Krieg.«
»Und das nennen Sie ein Glück?«
»Sie glauben an den Krieg?«
»Ob ich an ihn glaube? Ich erwarte ihn mit Ungeduld.«
Schon war Graf Testi mit versöhnlicher Beflissenheit dabei, die Gewalt der geharnischten Erklärung des Leutnants abzuschwächen. Ihm sei selbstverständlich Verschwiegenheit auferlegt, aber als Bundesgenosse fühle er sich verpflichtet, seinen geschätzten Alliierten zu verraten, daß die Regierungen alles daran setzten, die Funken der Zwietracht zwischen den Nationen auszutreten, er persönlich vertraue ganz der Kunst der Diplomaten.
Kornelie sagte leise, aber ganz verständlich: »Ich begreife, daß man sich an seinen Feinden rächen will.«
Mathias Urbschad begann ganz sanft; lobte ihr Recht zur Offenheit, nur habe sie damit nicht das rechte Zeugnis für den Geist der Siedelung abgelegt. Deren Ursprung, ihr Ziel sei Liebe. Weltliebe, weil jeder Mensch den ganzen Kosmos in sich schließe. Liebe zum mütterlichen Boden, von dem ein Fluch die große Masse trenne, und in den sich einzuwurzeln, die Siedelung freiwillig auf Überflüssiges verzichte. Und diese Formung der Gesellschaft sei nicht für eine ferne Zukunft, sie sei als augenblicklich Wirkendes gedacht, als der Vorsatz, die Zustände, durch eigene Veränderung, zu wandeln.
»Meister«, stammelte Ephraim Lewicki, wie über sich hinausgehoben und der Anwesenheit der übrigen entrückt. Zum Mittelpunkt der allgemeinen Beobachtung geworden, verlor er seine Fassung: »Welcher Christ würde nicht sein Leben eher geben, als die Hostie auszuspucken? Warum sollte man in die Menschen nicht auch dieselbe Ehrfurcht vor dem Menschenleben pflanzen können?«
William Penschuk, der einzige in seinem Kreise, der von Leo Tolstoi wußte, runzelte mißbilligend die Brauen. Eine solche Taktlosigkeit hätte unterbleiben müssen; ein Jude durfte hier nicht an die Geheimnisse der Hostie tasten. Kurt v. Plessow klemmte das Einglas in den Winkel seines linken Auges und sagte schnarrend: »Die Mitglieder der Siedelung sind wohl alle keine Deutschen.«
Mathias gab sich den Anschein, als fasse er den Angriff wie eine unbefangene Frage auf. »Meine Kinder sind in Amerika geboren, ich habe sie zu seinen Bürgern gemacht, um sie vor Härten zu bewahren, die Menschen unserer Weltanschauung in Deutschland noch bedrohen. Aber wenn deutsch sein heißt: mit allen guten und schlechten Eigenschaften den Vorstellungen von Jugend ähnlich sein, wie wir sie unpraktischen Leuten danken, die man deutsche Dichter nennt, dann sind Hubert und Sabine Deutsche.«
Das Einglas saß nicht mehr in Plessows Auge
Er sagte einfach, doch nicht unbescheiden: »Ich habe mich mit Bücherlesen nie viel abgegeben, Herr Urbschad. Meine deutsche Eigenschaft ist Tapferkeit.«
»Das soll heißen, daß Sie mich für feige halten, Herr v. Plessow, weil sich mir die Völker nicht in Freunde und in Feinde unterscheiden.« So wie Hubert, mochte einst dem Ritter zu Mut gewesen sein, wenn er vor seiner Dame die Lanze gegen seinen Nebenbuhler hob. »Ich war noch nicht fünfzehn, da habe ich in Südamerika Sumpfland ausgetrocknet. Vater hat mich weggebracht. Aber eine Ernte habe ich miterleben dürfen. Wenn die Menschen alle Mittel, die sie verschwenden, um sich in Kriegen das Land gegenseitig zu entreißen, darauf verwenden würden, um es durch Friedensarbeit zu bebauen, Wüsten bewässern, Kanäle bauen, Sümpfe trocknen, niemand brauchte zu hungern. Das ist der Krieg, in den ich ziehen will.«
Frau v. Kurz versagte sich nur schwer das Händeklatschen. Was für ein wundervoller Nachmittag! Was für Anregungen! Doch Mary schlug allmählich die Beharrlichkeit zum Überschwang in den Bekenntnissen der Siedler auf die Nerven. Sie erklärte sich für viel zu dumm, um sich ein Urteil über so ernste, in den Weltlauf einschneidende Dinge zu erlauben; sie meine aber, auch den gescheiten Männern könne es nicht möglich sein, sie hier, gewissermaßen aus dem Stegreif, zu entscheiden. Und da man heraufgekommen sei, um sich zu vergnügen, beantrage sie, die Streitaxt zu begraben und sich im Freien irgendeinem Spiele zuzuwenden. Doch die Siedler, in der Kunst der Verstellung ungeschult, fielen durch ihr Benehmen aus dem Rahmen, und als eine Wolke, die schon lange drohte, mit einem leichten Schauer niederging, verhinderte es die überstürzte Abfahrt, festzustellen, wer wem die Hand zum Abschied drückte und wer wem nicht.
Wir wissen von der Vergangenheit
nur unsere Vergangenheit; wir verstehen von dem Gewesenen nur, was uns heute etwas angeht; wir verstehen das Gewesene nur so, wie wir sind; wir verstehen es als unseren Weg. Anders ausgedrückt heißt das, daß die Vergangenheit nicht etwas Fertiges ist, sondern etwas Werdendes. Es gibt für uns nur Weg, nur Zukunft; auch die Vergangenheit ist Zukunft, die mit unserm Weiterschreiten wird, sich verändert, anders gewesen ist. Damit ist nicht bloß gemeint, daß wir sie je nach unserm Weiterschreiten anders betrachten. Ich behaupte vielmehr aller Paradoxie zum Trotz ganz wörtlich, daß die Vergangenheit sich verändert. Indem nämlich in der Kette der Kausalität nicht eine starre Ursache eine feste Wirkung hervorbringt, diese wieder zu Ursache wird, die wieder ein Ei legt usw. So ist es nicht. Nach dieser Vorstellung wäre die Kausalität eine Kette hintereinander folgender Positionen, die alle außer dem Letzten still und angewurzelt feststünden. Nur der Letzte geht einen Schritt vorwärts, aus ihm entspringt dann ein Neuer, der wieder weiter vorgeht und so fort. Ich sage dagegen, daß es die ganze Kette ist, die vorwärts geht, nicht bloß das äußerste Glied. Die sogenannten Ursachen verändern sich mit jeder neuen Wirkung.
Doktor Oremus
leitete das Sanatorium Mithrasberg, die Zuflucht aller jungen Frauen, die ihre Nerven plagten, die der Müßiggang launenhaft und matt machte. »Von allen Männern weiß er am meisten von Frauen. Sybille, Ihnen fehlt Oremus!« Wirklich wurde Sybille grau um die Augen und magerte auffällig ab. »Er ist ein Künstler auf seinem Gebiet! Doktor Oremus die Gebärmutter beschreiben zu hören, ist ein Gedicht, ist Caruso!« Oremus folgte dem Leitsatz, daß ein junges Mädchen erst Frau werden mußte, ehe man ihre weiblichen Möglichkeiten erkannte. Ein Mädchen überhaupt war ein Widersinn, etwas Unerlaubtes, wie eine Auster, die bloße Schale wäre oder eine taube Mandel. Die Frau war sein Studium, seine Leidenschaft, sein Gottesdienst.
Seine Anstalt war mustergültig eingerichtet. Er hatte immer die interessantesten Patientinnen, reiche, hübsche und elegante Frauen! Doktor Oremus selbst war unverheiratet, aber auch seinen Assistenten mochten Pflichten und Fesseln der Ehe nicht lächeln. Es waren weltmännisch gebildete, schmiegsame und gesellige Herren; Doktor Oremus hielt darauf, daß die Form nicht verletzt wurde, den Skandal fürchtete und brandmarkte er. Ein einziges Mal war ihm geschehen, daß eine junge und vornehme Frau sich bei ihm erhängt hatte. Natürlich war sie gemütskrank gewesen; der Vorfall hatte ihm geschadet. Schwerkranke, bedrückte oder unzufriedene Patientinnen entfernte er unnachsichtig, unbemittelte kamen nicht oder sie gingen sehr bald, nach der ersten Wochenrechnung, wieder.
Wenn man diese weißen, mit Blumen geschmückten Tische zwischen den hohen Spiegelwänden des großen Speisesaals, die erlesenen Toiletten, das angeregte Geplauder herüber und hinüber sah, hätte niemand an Kranke oder Heilungsuchende geglaubt. »Trotzdem sind diese Frauen schwerkrank!« sagte Oremus zu Sybille. »Sie würden, sich selbst überlassen, unerhörte Dinge begehen, auch Verbrechen. Dem Willen dieser Frauen fehlt jede Hemmung, sie sind reine Triebwesen, sie sterben am Eisenmangel, an der Furcht vor Schmerzen, in beständiger Narkose.«
»Warum unterstützen Sie die Narkose?«
»Man soll Nachtwandler nicht anrufen. Ein Bibelspruch warnt: Vor allen Dingen behüte dein Herz, denn aus ihm sprießt das Leben! Nun gut, es existiert nicht mehr in unserer heutigen Gesellschaft, dies Organ ist abgestorben. Warum diesen Frauen sagen, daß sie lebendig Tote sind, daß nichts ihnen Haltung gibt oder sie reizend macht, wie die Eitelkeit? Die Eitelkeit wird im späteren Leben Habsucht, Hochmut oder Bigotterie. Dies Schicksal steht ihnen bevor – allen!«
»Sie sind keine Patientin, Sie wollen krank sein! Weil Sie vor der Gesundheit Angst haben. Am Tag, wo Sie sich entschließen, die Furcht abzuwerfen, und kostete es Sie den Kopf! – sind Sie gesund.«
Sybille war rasch und heftig errötet: »Warum denken Sie dabei an Kopfabschneiden?«
»Ich denke oft daran. Mit Exekutionen ist immer ein großer Aderlaß verbunden, und wahrscheinlich ist ja das Ende dieser ganzen jetzigen Entwicklung eine gewaltsame Revolution. Der Gesamtkörper hilft sich so, wenn er überhaupt lebensfähig bleiben will. Sonst sähe ich die Zukunft sehr trübe.«
»Wir haben die Reserve im Volk.«
»Volk« – sagte der aristokratische Doktor ungeduldig. »Gehen Sie mir doch mit dem Volk! Da hilft die Schwindsucht dem Schnapsverbrauch. Ich erwarte medizinisch nichts vom Volk – Krisen, Spasmen, Krampfanfälle des Schreckens oder der Kommüne. Unsere Bourgeoisie ist angefault. Die Frau will nicht mehr gebären und unsre wirtschaftlichen Verhältnisse zwingen sie zur Unfruchtbarkeit. Welchen Daseinszweck hat eine Frau ohne Kinder?«
»Sie kann arbeiten.«
»Maschinenarbeit tun, das Ideal des Zukunftsstaats! Die Wirklichkeit rettet uns immer wieder vor allen Idealen. Ich glaube an den Schnitt, an die Blutabzapfung und natürliche Neubildung, bis die abermalige Stauung kommt oder das Alter und der Tod.«
Die Vergangenheit ist das, wofür wir sie nehmen
und wirkt dem entsprechend sich aus; wir nehmen sie aber nach tausenden von Jahren als ganz etwas anderes als heute, wir nehmen sie oder sie nimmt uns mit fort auf den Weg. Es gibt für uns zweierlei, durchaus verschieden formierte, zwei verschiedenen Bereichen angehörige Vergangenheit. Die eine Vergangenheit ist unsre eigene Wirklichkeit, unser Wesen, unsre Konstitution, unsre Person, unser Wirken. Was immer wir tun, die herüberlangenden und durchgreifenden lebendigen Mächte des Vergangenen tun es durch uns hindurch. Diese eine Vergangenheit manifestiert sich auf unendlichfache Art in allem, was wir sind. Alles was in jedem Moment überall geschieht, ist die Vergangenheit. Ich sage nicht, daß es die Wirkung der Vergangenheit ist; ich sage sie ist es. Ganz etwas anderes aber ist jene zweite Vergangenheit, die wir gewahren, wenn wir zurückblicken. Man möchte fast sagen: die Elemente der Vergangenheit haben wir in uns, die Exkremente der Vergangenheit erblicken wir hinter uns. Die Vergangenheit, die lebendig in uns ist, stürzt mit jedem Augenblick in die Zukunft hinein, sie ist Bewegung, sie ist Weg. Jene andere Vergangenheit, nach der wir uns umblicken, die wir aus Überresten konstruieren, von der wir unsern Kindern berichten, die als Bericht der Vorfahren auf uns gekommen ist, hat den Schein der Starrheit, kann sich auch nicht, da sie zum Bild geworden, keine Wirklichkeit mehr ist, fortwährend verändern. Sie muß vielmehr von Zeit zu Zeit, in einer Revolution der Geschichtsbetrachtung, revidiert, umgestürzt und neu aufgebaut werden. Und sie baut sich überdies für jeden Einzelnen besonders auf: jeder Einzelne gewahrt die Bilder anders.

das System der Anstalt
begriff Sybille rasch. Die Kranken blieben in beständiger Beschäftigung mit ihrem Körper, sie fing mit kalten Güssen und dem Frühstück an, es folgte die Sprechstunde, folgten Bäder und Turnübungen, das Luftbad, der Spaziergang im Freien, Massage und Douchen, am Abend waren sie ermüdet und schliefen rasch ein. »Dasselbe System wendet die katholische Kirche auf die Seelen an,« erklärte ihr Oremus, »beständige Unterbrechungen der Denktätigkeit, Vaterunser, eine Tageszerteilung in Viertelstunden. Wir sind gutmütiger und ersparen das Hanfseil und die Nachtwachen. Aber wenn es die Patientinnen verlangen, können wir auch damit dienen.«
Sie befanden sich in seinem Sprechzimmer zwischen chirurgischen Instrumenten und Gläsern, seinem Schreibtisch und den verstellbaren Liegestühlen, die zu Untersuchungen dienten. Es war ein großes, helles Zimmer mit anstoßendem Kabinett; draußen erwarteten einige dreißig Kurgäste schon ihren Aufruf. Er saß auf seinem Drehstuhl am Schreibtisch, ein großer schlanker Mann mit einem Spitzbart und goldgefaßten Brillengläsern, die seinen Ausdruck nie deutlich erkennen ließen. »Sie sind so gesund! Ich fühle, daß Sie vollkommen gesund sind! Das Blut sehe ich in Ihnen kreisen von der Schläfe bis zur Rosenspitze Ihres Zehs. An Ihnen ist nichts verkrüppelt, einseitig oder armselig. Sie könnten Kinder in Ihrem Schoß tragen und würden sie leicht und glücklich gebären.«
Sybille hörte zu, es lag Wahres in dem, was er sagte. Durch die gute, reine Nahrung im Sanatorium und reichliche Bewegung in frischer Luft war ihr Blut leicht und ruhig geworden. Ihr Herz schlug regelmäßig, mit dem sachten, steten Klopfen einer Uhr.
»Und Sie sind kalt!« fuhr der Doktor fort, sie durch die Brillengläser festhaltend. »Die Frau muß kalt verhalten sein. Unter den vielen schlechten Künsten, die wir das Weib gelehrt haben, unter den Verbrechen, war das größte, daß wir die Frau zur Wollust anleiteten. Es gibt nichts Widersinnigeres als ein wollüstiges Weib. Sie sehen, wohin dieser Unterricht führt: Auf den Operationstisch und ins Irrenhaus. Die Frau ist zur Liebe bestimmt, niemals liebte sie durch die Sinne, immer nur durch das Gemüt! Die Frau sucht unbewußt die größte Kraft. Immer wird Magdalene sich einem Christus zu Füßen werfen, sie, die den Schwelger, den Sieger und den Reichen gekannt hatte. Sie verläßt den Schwächling so leichtherzig, wie sie einen falschen Weg aufgibt, wenn der Wegweiser sie belehrt, daß ihr Weg der unrichtige war. Wie sollte sie über einen bloßen Irrtum, aus Unwissenheit begangen, Reue empfinden? Die Frau ist immer rein. Wir sind es, die sie besudeln! Begreifen Sie, daß wir auf dem besten Wege sind, aus den Frauen Männer zu machen – lasterhafte und neidische Knaben wie die, deren sich für ihre abscheulichen Zwecke die Knabenschänder bedienen! Bald – wenn die Manneskraft weiter sich so vermindert oder die Furcht vor der Schwangerschaft zunimmt, wird man sich dieser Wesen des dritten Geschlechts sogar in der gleichen Form bedienen.«
Ksss, ksss, Familie
Mathias begann die Briefe der neuen Siedlungsanwärter, vorzulesen. Er begnügte sich damit, das Tatsächliche vorzuzeigen. Wer von den Fachhandwerkern ein paar Sparpfennige einzuschießen dachte, wer, durch bäuerliche Herkunft, sich für den landwirtschaftlichen Betrieb verwenden ließ. Als die Reihe an zwei Ehepaare kam, der Mann rüstig, die Frau verhältnismäßig jung, die Kinder ein Versprechen für die Zukunft, verlor Mathias die Sachlichkeit der Darstellung und erwärmte sich zum Lobe der Familie. Er beschrieb sie, wie sie im Mittelalter blühte, ein Kreis von Menschen, die alle Arbeitsleistung unter sich verteilten und dadurch unabhängig von der Umwelt wurden, Herren ihres Grund und Bodens, von den Interessen der Zeitläufte nicht abgeschlossen und doch in sich gefestigt, ein Bollwerk gegen die Anmaßung der Willkür und der Ungerechtigkeit. Diesem Vorbild habe die Siedelung ihre Grundsätze entnommen, die Form der Familie zu gewinnen sei ihr schönes Ziel, als ein Bund, der den verwandtschaftlichen Kitt der Sippe durch freiwilligen Zusammenhalt ersetzen und sich das Recht erobern wolle, zu erklären: hier ist unser Reich, hier sind wir frei zu schalten und zu walten, hier schützen wir uns durch die Heiligkeit der Liebe und die Gesetze der Gegenseitigkeit. Und darum meine er, die Familie würde sich in die Gemeinschaft fügen, wie Einzelzellen in einen Organismus.
Fie und Miete namentlich, und auch Helene Vogtherr, platzten aus allen Nähten vor Begierde, sich über die zuziehenden Frauen und Kinder zu unterrichten: Alter, Namen und Charakter. Klemens Hassenkamp warf einen aufreizenden Laut hinein, scharf: »Ksss, ksss, Familie,« höhnte er, »wenn man das Wort nur ausspricht, ist gleich die Meute losgekoppelt und kläfft und schnüffelt, um die neuen Eindringlinge zu zerfleischen.«
Von Urbschads Blick getroffen, bewegte er sich auf ihn zu und sagte trotzig: »Wenn du wirklich die Absicht hast, unsere Siedelung nach dem Vorbild der Familie zu entwickeln, es wäre besser, daß man sie im Keim erstickt. Denn sie hat alle Gemeinheit ausgeheckt, das Aneinanderkleben, das Übervorteilen zu ihrem eigenen Profit. Ein Bollwerk hast du sie genannt. Ja, das ist sie, eine Mauer, hinter der alle Gemeinheitslaster nisten. Ich meine, was die Eltern für ihre Kinder tun, ist meist nichts, als sich selbst und was sie eingehamstert haben, über das Grab weg festzuhalten, und für dieses sogenannte Opfer soll das Kind ihnen, so lang sie leben, dankbar und unterwürfig sein.« Warum Mathias ihnen nicht die großen Umstürzler zum Beispiel gebe. »Die haben im Mittelalter mit dem ganzen Schwindel aufgeräumt. Los von der Pfafferei, los von der Fürstenknechtschaft, los von der Lüge der Familie! Alles war gemeinschaftlich bei ihnen: das Eigentum, der Boden, und alles ihrem Willen freigestellt: der Glauben und die Arbeit und die Liebe.«
Hassenkamp malte, gegenwartsbegehrlich, die geschlechtliche Glückseligkeit der mittelalterlichen Bünde. Da war der heuchlerische Dirnendienst im Ehebette von der Frau genommen. Mit der Schuld verschwand die Sünde, und der Genuß blieb unbelästigt von der Pflicht. Die Mutter, der ihre Kinder wichtig waren, konnte sie behalten, wer sich ihrem Anspruch nicht gewachsen fühlte, vertraute sie der öffentlichen Obhut an. Der Schoß der Frau war von der Sklaverei befreit, sie durfte, mit den gleichen Rechten wie der Mann die Lust genießen. Wer sich liebte, paarte sich, und in dieser echten, von der Natur gebotenen und von dem falschen Eid der Treue unbeschwerten Ehe lebten Mann und Frau so lange, als ihr Umgang durch die Zärtlichkeit geheiligt war.
Dischkurieren bis auf Mitternacht
Hassenkamp hatte seine Wahlzettel zerfetzt, und lehnte mit verschränkten Armen an der Mauer, den Kopf herausfordernd zurückgeworfen. Über ihn hinweg wurden die beiden, von ihm angefeindeten Familien aufgenommen. Urbschad hatte die Gemeinde noch mit einer zweiten Gruppe Einlaßsuchender bekannt zu machen. Karl Sodählen, sein Sohn Hermann und seine Tochter Fie tauschten allerlei Geflüster miteinander aus, wobei Blicke auch zu Hassenkamp hinüberflogen, bis sich der Alte aus ihrer Mitte löste, als Abgesandter ihrer Wünsche. »Möcht ich mir erlauben, Herr, früh, wie wir haben angefangen, hat noch am Himmel letzter Stern geleuchtet, erster war schon wieder da, und wir haben noch immerfort geschuftet, dann Dischkurieren bis auf Mitternacht, mein ich, wär genug für heut, ist morgen auch wieder ein Tag.«

Urbschad sah den Mann so ruhig an, als setze er in seine Aufrichtigkeit keine Zweifel. »Du hast recht. Aber wir wissen ja, warum die Sache Eile hat.«
Der Alte schien wesentlich erleichtert, als ihm, durch seinen Sohn, Verstärkung kam. »Ja siehst du, Herr, du hast uns doch selbst davon gesprochen, wir sind nicht alle gleich viel wert; es kommt ganz darauf an, wie grob oder wie fein die Arbeit ist, die man verrichtet. Na und da meinen wir, es werden noch mehr feine Herrschaften bei uns spazieren gehen, und es wird noch mehr Schindluder gespielt werden mit uns.«
»Freilich,« sagte Urbschad, »wenn ihr mich so gründlich mißverstanden habt, dann müssen wir uns noch einmal auseinandersetzen. Und für heute, gute Nacht.«
Mit dieser Erledigung ihres Gesuchs war Hermann Sodählen nicht einverstanden. »Also, wenn ihr euch so aufspielt. Es sind uns zu viel Ausländer dabei und dann,« weil es ihm unbequem war, brachte er es um so trotziger heraus, »wir möchten auch nicht noch mehr Juden.«
Was jetzt folgte, war ein Durcheinander von Gleichzeitigkeiten, die keiner hätte auseinanderhalten können. Mathias Urbschad versuchte nicht, den Aufruhr zu beschwören, Ekel wandelte ihn an. Statt seiner griff Edward Hartley schlichtend in den Wirrwarr ein, seine Anteilnahme an der Siedelung sei zu lebhaft, als daß er den Zerwürfnissen zuzuschauen imstande sei. Er richte die Bitte an die anwesenden Frauen und Männer, ihn in ihre Mitte aufzunehmen. Die Siedelung sei zu sprunghaft in ihrer Entwicklung vorgegangen. Die Mehrzahl der Mitglieder, mit kapitalistischen Methoden großgezogen, könnte die ideale Forderung nicht sofort verdauen. Er würde vorschlagen, zu einem vermittelnden System zurückzukehren. Beispielsweise sei die landesübliche Entlohnung bei jeder Siedlungsleitung in Betracht zu ziehen, so daß die Arbeit, je nach ihrer Art und Dauer, im Tauschhandel ihren bestimmten Geldwert habe.
»Das will heißen, daß die Siedelung in eine Erwerbsgesellschaft umgewandelt werden soll«, puffte in Hassenkamp die Fieberhitze noch einmal auf.
aus keiner Morphologie der Geschichte
keinem Vergleich mit anderer Epoche war diese Zeit zu verstehen, weil alles Echte der Beziehungsinhalte nagelneu wurde, und sie, Eura Fuld, Amsterdamerin aus gutem Haus durchaus nicht Geld, Reichtümer, Sitten, die mit Vergangenheit verbanden, liebte. Ja sie würde den Menschen töten können, der nicht schaffender Mitmensch, sondern nur Existenzen fressender Schmarotzer war.
Plötzlich glaubte Eura, ihre dringendste Aufgabe zu kennen: eine nachzulesende Kontrolle des geschichtlichen Prozesses, aus dem der heutige Standpunkt geboren sei, müsse sie zu der Massen greifbarem Verständnis schaffen; Reihen maßgebender, historischer Zeugen für dies schon lang erkannte Ziel aus Künsten und Wissenschaften aufrufen und statt üblichen, einseitig gefälschten und betäubenden Lesestoffs, deren oft märtyrerhaftes Bekenntnis zur Hirnfüllung neuer Menschheit machen. Es mit Zeitoriginalem so veröffentlichen, daß es durch ihre Zuschüsse zur Herstellung für jedermann käuflich sei.
Unter mehr oder weniger Berufenen vieler Nationalitäten, die sich anboten und empfohlen wurden, entschied sie sich für einen Deutschen: Doktor Rank. Rank, schlank, vierzigjährig mit prachtvollem Kopf, runder Hornbrille und ausdrucksvollen, schmalen Händen stellte sich vor, als träte er, selbst ganz ohne Mittel, nicht in Abhängigkeit zu ihr, sondern habe unter vielem, das ihn reizte, ihr beizustehen Laune. Durch ihr Haus bewegte er sich, als habe er nie in anderen Räumen gelebt. In seiner Stimme keine Spur Anpassung an sie. Er wagte sogar, ihre Rede zu kappen, wo sie selbst spürte, sie wurde unklar. Fabelhafter Handbewegung führte er sie zu Ende. Ihre schnell mitgeteilten Grundgedanken schien er zu billigen, obwohl nach jedem Satz eine Lücke blieb, in die er, wäre es darauf angekommen, viel hätte sagen können.
Er riet ab, eine Sammlung auf die Hauptbonzen der Menschheit neueingestellter Kritiken zu veröffentlichen, weil Angriff auf so breiter Front gegen im Grund überall gleiches Prinzip unmöglich großen Erfolg haben könne. Nicht jede Idee und Metapher könne sie einzeln erwürgen. Aber Gott sei Dank münde dieser feindlichen Absichten Gesamtheit in gleichen sprachlichen Ausdruck, den Begriff; und zwar in den vom Bürgertum mit Begeisterung aus Dichtung zu seinem Gemachten. Summe dieser bürgerlich fixen Begriffsbildung müsse man auf eine Weise anrempeln, daß den Bourgeois der ganzen Welt Schaum am Munde stünde. In einer Enzyklopädie zum Abbruch bürgerlicher Ideologie, wie er den Titel vorschlug, müsse man mit Fanfaren bloßstellen, wie der seit Jahrhunderten allmählich alles besitzende Bürger auch Sprache vergewaltigt habe, so daß jedes Wort, das naiver Mensch rein und keusch zum andern sagen möchte, einen in ihm schon festgemachten Hinter- oder Untersinn aus der Vergangenheit enthalte, der den jetzt mit ihm gewollten besonderen Ausdruck entstelle, ohne daß der Sprechende selbst es merke.
Sage man Abart zum Beispiel und meine von einer Regel einfach Ausnahme, sei in die Silbe ab ein Urteil, an das der Redner nicht denke, so eingebaut, daß Abart vom bürgerlich vorausgesetztem Durchschnitt Abweichung und somit Tadelnswertes wie etwa Abschaum bedeute, wodurch so Bezeichnetes mehr oder weniger gerichtet sei. Dies bedeute zugleich die einzig wirkliche Revolution, die tief genug reichen könne, weil noch so rebellische Tat, wie Geschichte beweise, schon am anderen Tag durch Gegentat vernichtet sei, während das aus der Zeit für die Zeit errichtete Sprachdenkmal erschöpfend und überzeugend sei. Mitarbeiter auf allen Geistesgebieten müsse man suchen, jedem die gebührende Begriffsgruppe zur Entlarvung zuteilen und dann das Netz, das enger als Klassenketten Menschheit schnüre, mit gewaltigem Ruck der Besten zerreißen.
Ihr leuchtete ein, in der Tat müsse es Ereignis ohne Vergleich sein, könne man die aufrührerische Absicht bis zum Ende durchführen, alle Sprache, die Europa heute im Maul wälze, und mit der es sich ständig um jeden ursprünglichen Sinn betrüge, zerstören, um im Anschluß an die Demolierung für verwaschenen und gefälschten Ausdruck überall zeitgemäßen, erschöpfenden zu setzen. Feuer und Flamme war sie! Er war einverstanden, man begänne mit den die Wechselwirkung zwischen Geschlechtern aufzeigenden Begriffen, stelle der klischierten Beziehung vom heldischen, richtunggebenden Mann zum demütigen, von ihm sicher geführten Weib, massenhafte Wirklichkeit jedes lebendigen Augenblicks gegenüber, in dem, aufrecht und instinktstark im Gegenteil Frau den schaukelnden, polternden Lebensgefährten vor Abgründen rettet.
Ihr einziger Freund
war Parzival – sie kannte seinen bürgerlichen Namen nicht, er war schön und jung noch, unter braunen, fallenden Locken, mit einer groben Kutte bekleidet und rauhen Wollstrümpfen an den Beinen. So sah er wie ein junger Hirt oder wie ein Gott aus, und ein wenig glich er einem Mönch. Er kam laut singend, in Sprüngen vom Berg hinunter und er sah Sybille, die erschöpft und blaß, an der Steinmauer lehnte. »Sie sind krank,« sagte er. »Aber Krankheit ist Sünde. Sie dürfen nicht krank sein!«
Sybille lebte nun in einem Weltwinkel, den sie früher einmal auf Reisen kennen gelernt hatte. Es fanden sich dorthin Menschen, die, von einer sehr duldsamen Gesetzgebung und gesellschaftlichen Forderungen unbehelligt, nach natürlichen Bedingungen lebten. Mitmensch, ich sehe Dich nackt, wie sehr kompliziert und umwegig Du Dich auch gebärdest. Jeder von diesen Menschen war ein Eigner oder ein Eigensinniger, ihre sehr lose Gemeinschaft hatte am Oberen See ein großes Stück Land erworben und überließ den Einzelnen Anteile gegen Kauf oder Pacht. Die meisten Ansiedler waren Vegetarier, sie lebten von den Früchten ihres Gartens und den einfachen Lebensmitteln, die das nächste Städtchen unten am See lieferte. Sybille bewohnte ein kleines Holzhäuschen mit blühenden Reben und roten Rosen bewachsen, sie hauste dort ganz allein. Parzival zeigte ihr, wie man beim Gartenbau die Geräte regierte, sich die Arbeit leichter machte; die schweren Wassereimer trug er wie Spielzeug. »Sie müssen gute, reine Luft einatmen, die unsres Bergs hier! Und die schlechte aus der Stadt müssen Sie gewaltsam ausstoßen. Nur die Früchte, die reif, voll feuchten Lebens sind, dürfen Sie essen, und heiliges Wasser trinken. Sehen Sie immer die Schönheit der Welt – im großen und im geringen.«
Sie dachte: Wie ist das möglich, nicht zu denken, dahinten liegen große Städte voll Schmutz, Rauch und Verbrechen? Sie aß nur Früchte und reines, grobes Brot, das sie sich selbst buk. Und immer wieder erstarrte sie fast vor der Offenbarung der Schönheit, über den Umriß eines Weinblatts vom Mittag in glühendem Gold gezeichnet, vor dem silbergrauen Fernblick auf den See.
So nah an der Erde, unter den Steinen, die Wärme ausstrahlten, fühlte Sybille ihren Herzschlag gewaltig und gleichmäßig. Sie hatte die Erde wiedergefunden, die atmet und ausatmet. In sehr alten Zeiten war die Frau Eigentum des Mannes und buchstäblich ein Stück von ihm. Niemals zwang eine natürliche Notwendigkeit zu einem solchen Verhältnis, der Mann in seiner Kraft und in seinem Stolz lehnte sich auf gegen seine Schwester, die schwächer war und ein Gefäß seines zeugenden Willens blieb. All die vielen tausend Jahre mordeten, kämpften, feilschten Männer um das Weib, die Ware, den Preis. Einige zahlten für sie, andre raubten, die letzten wandten schon Kunstgriffe an, um sie zu verführen. Immer ging des Mannes Wille auf Macht, auf die Herrschaft über sie. Und die Frau? Sie gehörte nur der Erde, während er den Himmel absuchte, ihn anrief und verfluchte.
Sie saß da, wie die alten Frauen in der Wüste, die Arme um ihre Kniee geschlungen, auf dem Stein, während der Abendwind mit ihren losen Haarsträhnen spielte. Die Frau war das Leben der Welt, aber der Mann, indem er dies Leben unter Begriffe und Willensvorstellungen zwang, mordete das Leben.
Die Sense
sauste, den Männern, die das Korn in Büscheln niederlegten, folgten die Frauen, die es zu Schwaden banden. Der Grund, auf dem der Roggen reifte, türmte sich allmählich zu einem Hügel. Da riß in einer Ecke der Gesang, die Lücke wurde durch ein verworrenes Murmeln ausgefüllt, ein Menschentrupp verknäulte sich, und aus seiner Mitte trat ein Mann auf Urbschad zu. Es war Wilhelm Kairies, der Ortsgendarm, der den beiden Urlaubern eine militärische Verordnung übergeben hatte, die sie unverzüglich zu ihrem Regiment zurückberief. Zu einer Übung stand auf dem Papier. Urbschad fragte: »Rufen Sie von allen Gütern die Leute ein?«
Kairies hob die Achseln, wies auf das Bündel Schriftstücke, die er noch abzutragen hatte, und war schon auf dem Abmarsch nach dem benachbarten Gehöft. Urbschad sah dem Beamten lange nach. Der setzte trotz seiner Eile die kurzen Beine ganz bedächtig, während er das große Feld durchquerte; und wie er jetzt die Mütze lüftete, um mit dem bunten Baumwolltuch den Schweiß zu trocknen, glänzte seine Glatze rötlich über dem steifen blauen Tuchkragen der Uniform; lange konnte man ihn auf der Ebene verfolgen, wie er immer kleiner wurde und endlich vom Horizont verschwand.
Die Urlauber kamen, um ihren Lohn zu holen. Sie murrten über die unerwartete Verkürzung ihrer Freiheit, doch bereits unter dem Bann der Disziplin, standen sie stramm vor Urbschad und schulterten die Spaten gleich Gewehren. Beim Abschied veränderte sich ihre Haltung; von wilder Lustigkeit gepackt, schwenkten sie die Sodählenmädchen im Kreise, wie zum Tanz. Dann holten sie die Branntweinflaschen aus dem Kittel, schütteten den Inhalt in die Gurgeln, hakten sich ineinander und sprangen auf den Weg hinunter, von wo sie nochmals vorschriftsmäßig salutierten. Arm in Arm, eins zwei, eins zwei, zogen sie im Paradeschritt vorbei und gröhlten dabei ein zotiges Soldatenlied.
Schweigend legten die Siedler die Halme nieder und bauten sie zum Trocknen auf, schweigend verzehrten sie, im Kreis gelagert, das zweite Frühstück; nur die fremden Mägde ließen ihre Zungen laufen. Sie hatten ihren Dienst in Wolla, einem Dorf dicht an der Grenze, die Ostpreußen von Rußland schied, angeblich verlassen, weil sie sich dort vor einem Überfall durch umherstreifende Kosaken nicht mehr sicher fühlten, und sie behaupteten, die Russen hätten schon so viele Geschütze aufgefahren, daß man von deutscher Seite in die Rohrmündungen habe schauen können.
Mathias beschwichtigte, er erinnerte an den feurigen Ballon, den Otto Vogtherr gestern hatte aufsteigen sehen; natürlich ein tollkühner Versuch, von Feindesseite aus die Gegend auszuspähen, und der sich dann als das Gestirn des alten Jupiters entpuppte, der an diesem Abend besonders groß und glänzend aufgegangen war. Während es um ihn lachte, fragte er sich: bin ich es wirklich, ich gebe scherzhafte Bemerkungen über den herannahenden Krieg zum besten, habe ich mich mit seiner Unausbleiblichkeit schon abgefunden?
Der Bursche
der jeden Morgen die Milchkanne mit seiner Karre holte, war einer Frau auf der Landstraße begegnet; unweit der Bahnstation habe sie am Straßenrand gesessen, in ein schwarzes Schleiertuch gewickelt und ganz vermummt in einen langen blauen Mantel. Er habe angenommen, sie sei mit dem Nachtzug angekommen und könne vor Müdigkeit nicht weiter. Aber bei seinem Anerbieten, bei ihm aufzusteigen, sei sie dem Bahnhof zugerannt, als würde sie verfolgt. Ohne Zweifel traf seine Beschreibung auf die Russin zu. Sodählens machten aus ihrer Abneigung gegen Vera Petroff keinen Hehl, das Wort Spionin wurde laut.
Noch tiefer als am Vormittag hing das Gewölk auf das Ährenfeld herunter. Merkwürdigerweise war es Otto Sodählen, dem der Einfall kam, einen der Bachschen Kanons anzustimmen, die Mathias im Winter mit den Stimmbegabten durchgenommen hatte. Mit festem Einsatz brachte er die Melodie, Hubert nahm sie in der Oberquinte auf und gab sie an Lewicki weiter, von dem sie der Alt Kornelies und der Sopran Sabines übernahm, während Urbschads Baß auf der Tonika des Kontrapunktes beharrte, als ob der Weltgeist in diesen Klängen spräche.
Die Kutsche, die vom Gutshof her, mit Gepäck beladen, die Landstraße hinunterrollte, und in der Edward Hartley und Herr v. Plessow dem Grafen Testi gegenübersaßen, wurde aufgehalten. Hartley, der schon beim Einsteigen einen kurzen Umweg von den beiden Herren erbeten hatte, holte jetzt ihre Erlaubnis ein, die Fahrt zu unterbrechen; nur eine kurze Botschaft sei ihm für den jungen Urbschad aufgetragen. Der Italiener verbeugte sich verbindlich, Plessow murmelte etwas von »Zug versäumen«, und zog die Uhr verdrossen aus der Tasche. Sein König rief, seine Liebe mußte er verlassen; es empörte ihn, daß schwarzer Kummer seine Begeisterung lähmte. Hartley hatte inzwischen Testi auf das Singen seiner Freunde aufmerksam gemacht. Der Italiener lächelte: »Als Ausdruck für die Grundsätze der Siedelung scheint mir die Form des Kanons doch zu gesetzmäßig zu sein.« Sein Kunstgeschmack ergötzte sich mehr an dem Bildmäßigen der vor ihm ausgebreiteten Natur. Die Fläche der ansteigenden Flur ging unmerklich in den Hintergrund des Himmels über. Alle deutlicheren Farbenwerte waren aufgehoben; ein Meer von Grau, aus dem das Braun der Ackerkrumen, das Gelb der Stoppeln und der etwas nachdrücklichere Akzent der Garben sich nur heraushob, wie sanft gebrochene Akkorde aus dem Beben der Oktaven.
»Da bietet man jetzt alle finsteren Gewalten auf«, der Graf redete zu Plessow, Hartley war schon mit großen Schritten unterwegs, »um die Nationen voneinander loszureißen, und doch haben sie in ihrem Ursprünglichsten einen ewigen Zusammenhang. Drüben dieses Bild«, er wies zu der Ebene hinüber, »ist spezifisch deutsch. Deutscher Sang in deutscher Landschaft, deutsche Arbeit, deutscher Brauch. Und erinnert trotzdem an das berühmteste Gemälde Angelus des bretonischen Millet.«
»Wollen wir wirklich heute noch unsere Zeit damit vergeuden, uns über die Unterschiede und Abneigungen zwischen Rassen und Nationen zu unterhalten?«
Von Plessows Heftigkeit befremdet, versuchte Testi, den Meinungsaustausch ins Scherzhafte zu lenken. »Sie sind ja kaiserlicher als Ihr hoher Herr. Sie haben, wie es scheint, schon vor der Kriegserklärung, alle Beziehungen mit fremden Völkern abgebrochen?«
»Mit allen Feinden Deutschlands sicherlich«, brauste Plessow auf. Trotzig setzte er hinzu: »Ich danke Gott, daß es mir vergönnt ist, dieses wundervolle Opfer für mein Vaterland zu bringen. Übrigens werden Sie im Recht sein, wenn sie die Leute drüben mit einem Bild oder sonst was Künstlichem vergleichen. Mit Ausnahme der paar anständigen Bauern sind sie alle aufgestellte Puppen, Komödianten, die Landarbeiter spielen. Hergelaufene, Gesellen ohne Vaterland und ohne Glauben, und ihr Anführer ist ihrer wert.«
Eben war Hartley auf dem Acker angekommen; Plessow sah ihn Hubert beiseite ziehen und zu ihm sprechen. Vielleicht von Mary Penschuk eine Einladung bestellen, die einen Lückenbüßer brauchte, um den Verlust der bisherigen Verehrer zu ersetzen. Diese Vorstellung erhitzte die in Plessow aufgestaute Unlust zu kochend heißer Wut. Die Geringschätzung, die er als Offizier gegen jeden Nichtkämpfer empfand, des Feudalen Haß gegen die bürgerlichen Staatsauflöser wurde durch Eifersucht aufgepeitscht. Er hätte selbst nicht sagen können, was er plante, als er, zu Testis Überraschung, aus dem Wagen sprang und auf das Kornfeld eilte. Dort begegnete er zuerst der Familie Sodählen; er redete die Männer an: »Ostpreußen, der Sturm bricht los. Die Russen haben die Blockhäuser an ihrer Grenze angezündet. Ihr sollt mit von den Ersten sein, die es erfahren. Das wird gegen uns die Einleitung zum Krieg bedeuten. Jetzt geht’s aufs Ganze, jetzt werden wir die Hunde dreschen. Ich stoße heute noch zu meinem Regiment, an euch kann jeden Tag die Reihe kommen. Ich weiß, ihr werdet alle, wie ein Mann, zu eurem Kaiser stehen, sie sollen nur kommen, die Verräter. Ihr werdet keine Handbreit von eurem Heimatboden durch sie besudeln lassen, ihr werdet hinter ihnen her sein und sie mit Schießprügeln und Bajonetten aus dem Lande treiben.«
Tannengerade, das bartlose Gesicht verinnerlicht durch stahlharte Entschlossenheit, verwandelte der Offizier die Bauern zu dem, was zu sein er sich selbst mit Stolz beschränkte, zu Bestandteilen einer riesenhaften, mit unfehlbarer Genauigkeit arbeitenden Maschine. Als hefte er ihnen einen Orden an, ließ er sich von ihnen Auskunft über ihr Militärverhältnis geben. Karl Sodählen war bis zum Wachtmeister gestiegen, Hermann zum Gefreiten. Sohn und Vater hatten bei den Ortelsburger roten Dragonern gedient. Plessow kannte den Befehlshaber des Regiments; er rühmte seine Eigenschaften. Ein Mann, wie die große Zeit ihn brauchte. »Was liegt an mir, an euch, höher als unser bißchen Leben steht das Reich. Der einzelne mag untergehen, Deutschland muß bestehen und Sieger über alle Feinde bleiben.« Er hob den Arm, als schwenke er die Fahne, in sein jauchzendes »Hurra!« fielen sogar Fie und Miete ein. Die gotische Musik eines neuen Kanons, die sich ein paar hundert Schritte weiter um Urbschad und seine treuen Jünger baute, wurde von den Klängen des zur Kriegshymne erhobenen Liedes Deutschland, Deutschland über alles überschwemmt.
Mit einem Ruck riß Mathias Urbschad sich zusammen: »Ich weiß nicht, Herr von Plessow, ob Sie befugt waren, den Sturm vor seinem Ausbruch zu verkünden. Das haben Sie mit Ihrem eigenen Gewissen abzumachen. Aber ich kann Ihnen verbieten, die Stille, die unsere Sendung ist, länger vorzeitig zu stören. Noch stehen wir nicht unter militärischer Gewalt, noch haben wir als Bürger unsere Rechte. Sie befinden sich hier auf fremdem Eigentum, ich weise Sie hinaus.«
Die Revolution ist ein Mikrokosmos
in unglaublich kurzer Zeit, in großartiger Zusammendrängung, weil die Geister der Menschen komprimiert waren und aufspringen, wird die Welt des Möglichen wie ein Fanal, das über die Zeiten flammt, zur Erfüllung gebracht. In der Revolution geht alles unglaublich schnell, so wie im Traume der Schlafenden, die von irdischer Schwere befreit scheinen.
Wir sind in Atome zerfallen, und anstatt daß wir Güter für den Verbrauch herstellen, erzeugen wir Waren, beziehungslose Güter, für den Gelderwerb, und das Geld ist nicht bloßes Tauschmittel, um unsrer gemeinsamen Bequemlichkeit willen, sondern ein heckendes Monstrum; von den fiktiven Werten, mit denen sich die Besitzenden untereinander berauben, gar nicht zu reden. Heere von Besitzlosen müssen sich denen zur Verfügung stellen, die nicht den Reichtum des Volkes, sondern ihren privaten Reichtum schaffen wollen. Und andere Heere, meist aus den selben Besitzlosen zusammengestellt, müssen den Nationen die Absatzmärkte sichern oder vermehren und sich selber mit der Waffe in der Hand und gegen die eigene Brust den Frieden gebieten. Alle wirtschaftlich-technischen Fortschritte, gewaltiger Art wie sie sind, sind in ein System des sozialen Verfalls eingeordnet worden, das es mit sich bringt, daß jede Verbesserung der Arbeitsmittel und Erleichterung der Arbeit die Lage der Arbeitenden verschlechtert. Unser Weg geht dahin: daß solche Menschen, die zur Einsicht und zur innern Unmöglichkeit, so weiter zu leben, gekommen sind, sich in Bünden zusammenschließen und ihre Arbeit in den Dienst ihres Verbrauchs stellen. In Siedlungen, in Genossenschaften, unter Entbehrungen. Sie werden dann bald an die Schranken stoßen, die der Staat ihnen setzt: ihnen fehlt der Boden. Dies ist der Punkt, wo die Revolution, von der wir bisher gesprochen haben, weiter geht in die, von der sich nichts sagen läßt, weil sie noch weit entfernt ist.

Ein stilles Heimkommen
war es dann gewesen und ein beklommenes Zusammensein beim Abendessen; eine Stimmung, wie vor einem letzten Auseinandergehen. Urbschad hatte sich das Recht genommen, sich weitere Kriegsgespräche zu verbitten. »Laßt uns den Augenblick genießen«, hatte er gebeten, immer noch bemüht, seine Kaltblütigkeit festzuhalten. Es wurde Anstrengung gemacht, Alltägliches zu reden: über den Vollgehalt der Ähren, und der Roggen werde prächtig schütten. Als der Amtsvorsteher, Herr von Glaeser, in den Garten eingetreten war, um Urbschad zu einer Unterredung in das Haus zu bitten, hatte ein Aufatmen von Zwang und Unnatur die Alleinbleibenden befreit. Dann kehrte Urbschad zu den Harrenden zurück. Kurz und hart, ohne Eigenes hinzuzufügen, berichtete Mathias, was nach Herrn von Glaesers Meinung noch vertraulich bleiben sollte. Aber warum verheimlichen, was vielleicht in der nächsten Stunde zur öffentlichen Kenntnis kam? Die Mitteilungen Herrn von Plessows waren überholt, Rußland hatte die Mobilmachung beschlossen und Deutschland mit der Antwort nicht gezögert. Bei allen Amtsstellen des Landes waren Telegramme eingelaufen. Ihr Inhalt: Kriegsbereitschaft.
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