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HELGE-ULRIKE HYAMS

Das Alphabet der Kindheit

Von A wie Atmen

bis Z wie Zaubern


»Es ist deine Zukunft, an die du dich erinnerst.«

Anne Michaels

Vorwort

Einleitung

A

ABC-Lernen

Adoption

Anders sein

Angst

Archetyp Kind

Atem

Autismus

B

Baum

Bindung

Blind

Brot

C

Clique

D

Däumling

Disziplin

E

Eifersucht

Einsamkeit

Eis

Ekel

Eltern

Ende der Kindheit

Engel

Erstes Mal

Essen

F

Familie

Farben

Ferien

Film

Fliegen

Fragen

Freunde

G

Gang

Garten

Geburt

Gedichte

Geheimnis

Geruch

Geschwister

Gesicht

Glück

Großeltern

H

Haare

Hände

Haus

Heimweh

Honig

Hören

I

Ich

Initiation

Insel

J

Ja und Nein

Jugend

K

Karussell

Kindermord

Kinderwunsch

Kindheitserinnerungen

Kindheitsgeschichte

Kleidung

Körper

Krankheit

Kunst

Kuscheltier

L

Lachen

Lamm

Langeweile

Lehrer

Liebe

Lob

Luftballon

Lügen

M

Magisches Denken

Märchen

Milch

Murmeln

Musik

Mutter

N

Namen

Nest

Neue Medien

O

Opfer

Osterei

P

Pippi Langstrumpf

Puppe

Q

Quälen

R

Raum

Rechts und links

Rituale

S

Sammeln

Sauberkeit

Scham

Scheidung

Schießgewehr

Schlafen und Wachen

Schmetterling

Schnee

Schokolade

Schulschwänzen

Schulweg

Sehnsucht

Selbstmord

Sexualität

Spielzeug

Sprache

Stehlen

Stille

Strafen

Struwwelpeter

T

Tanzen und sich drehen

Teddybär

Tiere

Tod

Träume

U

Ungeborene Kinder

Urvertrauen

V

Vater

Verbotenes

Vögel

W

Wachsen

Wiederfinden

Wiederholung

Wille

Wolfskinder

Wunderkind

Wünschen

Würde

X

Xenophobie

Y

Youngster

Z

Zahl

Zärtlichkeit

Zaubern

Zeit

Zwillinge

Anmerkungen

Zitatnachweise

Für Yannis Behrakis

VORWORT

»Wie kamen unsere Kinder zustand? Wie wurden sie groß?«

Giorgos Seferis

Die Struktur des Alphabets – sie steht unerschütterlich fest. Jeder Buchstabe nimmt seinen angestammten Platz ein und folgt dem vorhergehenden. Die Themen dieses Alphabets der Kindheit dagegen wählte ich frei und subjektiv. Ich bin mir sicher, dass jeder von Ihnen eine andere, ebenso eigensinnige, ebenso subjektive Auswahl treffen würde. Jeder von uns trägt sein eigenes Wörterbuch der Kindheit in sich, gespeist von seinen persönlichen Erfahrungen und Neigungen.

Eine Anleitung, wie das Alphabet der Kindheit zu lesen sei, gibt es nicht. Seine 26 Buchstaben, jeder für sich einzigartig in Wesen und Gestalt, sind unsere treuen Begleiter. Sie schaffen das Gerüst und den Rahmen, der uns Orientierung gibt beim Durchwandern der Kindheit.

Es liegt ganz an Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ob Sie diese abschreiten von A bis Z, so wie Sie es damals als Kind in der Schule gelernt haben, oder ob Sie nach eigenem Begehren zwischen den Buchstaben herumspazieren wie in einem wilden Garten.

Alles ist möglich.

Helge-Ulrike Hyams

EINLEITUNG

»… hinter der Wissenschaft die Dinge erspüren und verehren, auf die es eigentlich ankommt und über die so schwer zu sprechen ist.«

Werner Heisenberg

Im Zentrum des Buches steht das Kind. Es befindet sich in ständigem Wandel: Es wird gezeugt1 und wächst im Mutterleib heran2, es wird geboren und durchwandert alle Phasen des Wachstums. Dabei pendelt es andauernd zwischen Rückbindung und zukunfts-gerichtetem Vorwärtspreschen.

Ich meine, all diese Erscheinungsformen der kindlichen Metamorphose lassen sich nur ungenügend in vorgegebene theoretische Konzepte pressen. Obgleich lange Zeit als wissenschaftliche Pädagogin tätig, entferne ich mich deshalb hier bewusst vom akademischen Diskurs und fühle mich einem fließenden Denken verpflichtet3, einem Denken, das Wissenschaft und Kunst, Alltagsbeobachtungen und philosophische Erkenntnis beweglich verbindet.

»Das Leben des Individuums wiederholt das Leben der Spezies.«4 Dieser knappe Satz des englischen Psychiaters Ronald D. Laing durchzieht die Texte wie ein roter Faden. Das Kind, das da geboren wird, kommt niemals als Tabula rasa zur Welt. Es hat bereits einen weiten Weg hinter sich. In seinem individuellen Werdegang, den es nun antritt, wird es noch einmal die verschiedenen Stufen der Menschwerdung durchlaufen, welche die Gesellschaft als Kollektiv schon durchwandert hat. Es wird zunächst die Phase des Vorsprachlichen durchleben5, es wird – wie seine Spezies – den aufrechten Gang lernen und sich in Sprache und Denken einüben, als sei es der erste Mensch.6 In Wirklichkeit wiederholt es also die Etappen der Menschwerdung am eigenen Leib. Es ist angewiesen auf die Unterstützung der anderen, auf ihr Vorbild, auf ihre Sprache und ihr Mitgefühl, ohne die es nicht wirklich Mensch werden kann.

Dieses Wunder der Wiederholung der Menschheitsgeschichte im einzelnen Kind spielt sich weitgehend unbewusst ab.7 Zu tief gelagert sind die Erinnerungsspuren an jene fernen Zeitdimensionen, in denen die Menschheit sich als solche heranbildete. Nur manchmal, meist in ganz unerwarteten Momenten und gleichsam als Sternstunden der Kindheit, schimmert etwas durch von diesen Reminiszenzen der kollektiven Vergangenheit. Dann nämlich, wenn das Kind in seine Träume versinkt, wenn es mit den Gestalten der Märchen und Mythen verschmilzt und wenn seine ganz eigene Logik von der unseren entrückt zu sein scheint.

Natürlich steht das Alphabet der Kindheit theoretisch nicht im luftleeren Raum. Doch mit welcher wissenschaftlichen Methode auch immer wir die inneren Vorgänge des Kindes betrachten, mit welcher Theorie wir versuchen, sie zu vermessen, zu erklären und zu durchschauen – am Ende ist es der Satz des griechischen Philosophen Heraklit, der für uns gültig bleibt: »Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfindig machen, auch wenn du gehst und jeden Weg abwanderst, so tief ist ihr Logos.«8

Wir alle waren einmal Kinder, und so wird auch die Betrachtung der Kindheit zu einer ganz persönlichen, manchmal auch abenteuerlichen Reise. Sobald wir uns mit Kindheit beschäftigen, tauchen unsere eigenen frühen Erlebnisse auf – unmöglich, dabei neutral zu bleiben. Doch das ist gut so, denn unsere frühen Erinnerungen haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Allerdings, unabhängig von unserem jetzigen Alter, ist unsere Kindheit sowohl vom Erinnern als auch vom Vergessen geprägt. Über allem Geschehen von damals schwebt ein heilsamer Schleier der frühkindlichen Amnesie (Freud). Es ist also nie die ganze Wahrheit, die wir rückblickend sehen, sondern es sind einzelne Facetten, die wir real zu erkennen glauben, mehrfach gefiltert und umgedichtet im Zuge unserer Biografie.

Sie als Leser kennen sicher alle die Frage: »Habe ich dieses Ereignis wirklich so erlebt oder war es nur die Erzählung der anderen, die es mir heute so real erscheinen lässt?« Häufig lassen sich die einzelnen Fäden, aus denen Kindheit gewebt ist, nur schwer auseinandertrennen. Und oft flüchten wir deshalb in vereinfachende Zuweisungen: in Gut und Böse. Alte Wunden werden verklebt und manchmal wird Glück heraufbeschworen, wo doch keines war. Und umgekehrt: Manchmal wird ein kleines Unglück herausgegriffen und pauschalisiert, so dass die Kindheit von damals nur dunkel und traurig erscheint: »Das sind Jahre, die unglücklich scheinen, aber die glückliche Seite ist darin verflochten, ohne dass ich mir ganz darüber im Klaren bin«, schreibt der französische Regisseur François Truffaut.9

In Wahrheit ist Kindheit niemals ganz gut und nur selten ganz schlecht. Die eigentliche Existenz der Kinder spielt sich in Zwischentönen ab. Sie machen die Musik. Sie durchdringen die Widersprüche des kindlichen Lebens, wie des Lebens generell. Ja, ich kann Mama und Papa lieben und zugleich auch hassen. Ich kann die Schule mögen und trotzdem lieber schwänzen. Und ja, ich möchte wachsen – aber gleichzeitig doch auch ganz klein bleiben. Das ist Kinderleben und das ist der Stoff, aus dem Kindheit gestrickt ist: aus Zwischentönen und Widersprüchen. Das macht ihren Zauber aus und das ist der Inhalt des Alphabets der Kindheit.

A

»Ich bin das Alpha und das Omega,

der Erste und der Letzte,

der Anfang und das Ende.«

Offenbarung 22,13

ABC-Lernen

»Und ich bin froh, dass der alte Mann schläft, dass er nicht gesehen hat, wie rot ich geworden bin. Mir scheint, dass er nicht von dem heißen Tee eingeschlafen ist, sondern vor Kummer, dass wir so schlecht lernen. Er ist ein so stiller Mann, er möchte uns so gern das Alphabet lehren, uns so weit bringen, dass wir wenigstens eine Seite in der Bibel lesen können, wie er immer sagt.«

Bella Chagall

Viele Erwachsene, und vor allem die älteren unter ihnen, besinnen sich der Tränen, die sie beim Erlernen des ABC vergossen haben. Wie kann es sein, dass Schullehrer die Kinder damals zum Schönschreiben zwangen, jene aber später keine Spur von Schönheit erinnern? Sie erleben die fremden Buchstaben nicht selten wie feindselige Soldaten, gerade und stramm, keine Abweichung nach rechts oder links, kein Straucheln unter die Linie. Kinderkrämpfe.

Dabei ist doch das Schreibenlernen, dieser Moment, in dem das Kind erstmals in die Geheimnisse der Schrift eingeführt wird, es sein erstes A, sein erstes O malen darf, ein magischer und einzigartig kostbarer Moment. Hier macht das Kind den bedeutungsvollen Schritt, den die Menschheit als Kollektiv schon lange vor ihm vollzogen hat: den Übergang von der schriftlosen in die Schriftzeit, von einer Zeit vorher in eine nachher.

Vorher, das ist die Zeit, in der das Kind, und ursprünglich die Menschheit als Ganzes, die Dinge um sich herum ausschließlich direkt-sinnlich in sich aufnahm, wohl auch beim Namen nannte, jedoch nicht schriftlich fixierte. Dass ein Ding, ein Mensch, die Sonne, der Mond, das Wasser oder die Tiere aber zum Zeichen werden kann, zu einer in sich verdichteten Hieroglyphe, liegt für das Kind vor dem Schulbeginn noch ganz außerhalb seines Vorstellungsvermögens. Sicher hat das Kind jetzt auch noch kein wirkliches Begehren10, danach zu suchen und diese fremden Zeichen in ihrem tieferen Sinn zu verstehen.

Und dann, eines Tages, unter der Anleitung eines guten Lehrers, und auch aus einem Impuls heraus, will das Kind die Zeichen enträtseln. Es beginnt von sich aus zu begreifen, dass ein einziger Laut, zu einem Buchstaben geronnen, das Tor zu den unterschiedlichsten Wirklichkeiten eröffnen kann. Das W zu Wasser und Welle. Das K zu Karamell und Kamel. Das M zu Mama und Makkaroni. Und das P zu Papa und Puppe, Popo und Pipi, Parmesan und Pups. Diese Worteinfälle stammen sämtlich von einem siebenjährigen Mädchen, das gerade das P zu schreiben gelernt hat. Dass auch Popo, Pipi und Pups darunter sind – direkt neben Papa und Parmesan –, ist für das Kind glaubwürdig und faszinierend zugleich. Und lustig! In diesem Alter gibt es zum Glück noch keine Hierarchie der Werte – und der Worte.

Das Heranführen an die Schrift ist eigentlich ein Mysterium, und es tut dem Kind gut, wenn es die Einführung in dieses Mysterium bewusst durchleben darf. Im Judentum war traditionell Brauch, dass der Lehrer am ersten Schultag die Buchstaben mit Honig an die Tafel malte. Die Kinder gingen an die Tafel und schleckten mit ihren Fingern den Honig ab. Die Lehrer der Montessori-Schulen lassen ihre Kinder die Buchstaben aus Pappe und anderen Materialien ausschneiden und mit ihnen spielen. In den Waldorfschulen erwächst jeder Buchstabe aus einem Bild, einer Geste oder einer Geschichte heraus, er wird farbig gemalt und nimmt so lebendig Gestalt an. Auf diese Weise haben die Kinder das Gefühl, dass die Buchstaben aus ihren eigenen Händen heraus entstehen, dass sie selbst deren Schöpfer sind.

Die allermeisten Kinder, die in unseren Schulen heute schreiben lernen, erleben dieses große Mysterium nicht. Sie erleben nicht das Glück, die Dinge der Welt in Zeichen zu verzaubern – und umgekehrt die Zeichen zurückzuversetzen in Realität. Die allermeisten Kinder schlucken die Buchstaben wie Medizin, die man ihnen reicht, einen nach dem anderen, in schön ordentlicher Reihenfolge. Sie kritzeln sie auf Linien, und dabei ist es fast belanglos, ob sie ein A oder ein I, ein L oder N schreiben. Kein Buchstabe schillert für sie. Keiner spricht wirklich zu ihnen.

Hören beziehungsweise lesen wir, was der französische Schriftsteller und langjährige Lehrer Daniel Pennac aus seiner Kindheit erinnert. Ich muss erwähnen, dass Pennac als Schulkind ein cancre war, ein Krebs, wie die Franzosen ihre schlechten Schüler gnadenlos bezeichnen. Pennac hatte, als er schreiben lernen sollte, eigentlich nur eines im Sinn: weglaufen! Er berichtet in seinem Buch »Schulkummer«: »Zweifellos ist diese Lust, davonzulaufen, auch der Grund für das seltsame Schreiben, dem ich mich hingab, ehe ich schreiben konnte. Statt Buchstaben malte ich kleine Männchen, die an den Rand flohen, wo sie sich zu einer Bande zusammenschlossen. Obwohl ich mir anfangs immer Mühe gab. Ich pinselte die Buchstaben des Alphabets so gut es ging, aber nach und nach verwandelten sie sich von allein in diese kleinen davonhüpfenden und sich fröhlich anderswo tummelnden Wesen. Noch heute verwende ich diese Männchen in meinen Widmungen. Ich hänge an ihnen. Sie sind mein Band aus der Kindheit, dem ich die Treu halte.«11

Wenn man Daniel Pennac mit seinem Männchen-Malen genau anschaut – und in seinem Buch findet man sie gezeichnet –, dann entdeckt man, dass er damit den Prozess der Schreib-Zivilisation gleichsam umkehrt, rückgängig macht. Er verwandelt die Buchstaben in das, was sie ursprünglich einmal waren, nämlich lebendige Wesen, Männchen, Menschen, vielleicht auch Tiere.12 Auf jeden Fall mussten es kleine Gestalten sein, die weglaufen konnten.

Pennac spielt auf seine fantastisch-poetische Weise mit den Buchstaben. Dabei ahnen wir, dass ihm als Schriftsteller das Thema heilig ist, so wie es auch uns heilig sein sollte. Die Einführung in die Schrift ist für das kleine Kind der zentrale Moment der Initiation in die geistige Welt. Wenn das Kind erst einmal all die kleinen Strichzeichen, die kompliziert zusammengefügten Geraden und Krummen, die Häkchen und Pünktchen beherrscht, dann steht ihm alles Wissen der Welt offen. Und nicht nur das gegenwärtige Weltwissen. Das Kind kann mittels des geschriebenen Wortes auch die Vergangenheit aufschlüsseln und auf diese Weise »mit Hilfe des Aufgezeichneten am kollektiven Gedächtnis teilhaben«.13 Und es kann auch die Worte Morgen und Zukunft schreiben und damit seine Identität auf Papier, auf einer Baumrinde oder im Sand einritzen.

Adoption

»Ein Kind zu adoptieren ist – ich kann es bezeugen – eine gefühlsmäßig reiche Erfahrung, die an Intensität der Erfahrung biologischer Elternschaft durchaus gleicht.«

Olivier Poivre d’Arvor

Es gibt sie nicht: die Adoption. Adoption hat viele Gesichter. Eigentlich bräuchten wir mindestens drei Begriffe, um die extrem unterschiedlichen Wirklichkeiten und Wahrnehmungsweisen ein und desselben Vorgangs zu begreifen. Da ist die Geschichte der Frau, die ihr Kind – unter welchen Umständen auch immer – abgibt. Da ist die Geschichte des Elternpaares oder der Einzelperson14, das sich sehnlichst ein Kind wünscht. Und schließlich ist da das Kind selbst, Objekt des Begehrens und zugleich des Verlassenwerdens. Drei eigene Realitäten, drei zutiefst unterschiedliche Geschichten. Und sofort wird auch spürbar, dass wir damit nur die Hauptakteure erfassen. Um jeden dieser drei ranken sich wieder andere Personen (Partner, Eltern und andere Familienangehörige) oder Institutionen (Sozialämter, Kirchen, Adoptionsvermittler) sowie unendlich viele Möglichkeiten, Sehnsüchte, womöglich auch Abgründe.

Betrachten wir deshalb diese Geschichten einzeln, rücken wir je einen der Akteure ins Licht.

Erstens: Da erscheint das Gesicht der meist jungen Frau, die ungewollt ein Kind empfängt, austrägt, zur Welt bringt und zur Adoption abgibt. Kaum ist dieser Satz ausgesprochen, so schaltet sich Widerspruch ein: Was heißt ungewollt? Welcher Wille war da am Wirken? War es der Eigenwille der Frau, ihr Begehren, ihr Sehnen und ihre körperliche Bereitschaft, schwanger zu werden? War es ihr eigener Wille, das Kind abzugeben? Oder war es vielleicht ein fremder Wille? Etwa der der Eltern, die die Schande von der Tochter abwenden wollten? Oder der Widerspruch des Partners, der sich durch diese Schwangerschaft gestört fühlte? Oder der einer wohlmeinenden Lehrerin, die dem jungen Mädchen riet, erst einmal ordentlich die Schule zu absolvieren? (»Später kannst du noch viele Kinder kriegen!«) Oder war es die Dorfgemeinschaft oder die Kirche, die, zumindest in der Vergangenheit, außereheliche Schwangerschaften als Vergehen ahndete und die Frau häufig drängte, die sündige Tat durch eine Adoption ungeschehen zu machen?15 Im Nachhinein ist es extrem schwer, den authentischen Willen einer Frau zu ergründen, die das Kind zur Adoption freigibt. Häufig ist die junge Frau innerlich extrem zerrissen, hat also Schwierigkeiten, ihren wirklichen Willen zu erkennen und zu benennen.

Manche Frauen, die ihr Kind abgeben, tun dies mit einem hohen Maß an Konsequenz. Vielleicht wollten sie ursprünglich abtreiben, ließen jedoch Termine verstreichen und sehen nun die Lösung in der Freigabe des Kindes zur Adoption. Andere dagegen haben sich eindeutig entschieden, das ungewünschte Kind nicht abtreiben, sondern leben zu lassen, aber sie fühlen sich nicht in der Lage, es anzunehmen und aufzuziehen. Sie glauben, dass das Kind in einer Adoptivfamilie besser aufgehoben ist und gute Entwicklungschancen erhält. Deshalb planen sie gezielt die Adoption und lassen sich selten in ihrem Entschluss irritieren.

Aber das ist doch eher eine Minderheit. Die große Mehrheit der Frauen, die ihre Kinder zur Adoption freigibt, handelt aus dem Gefühl einer seelischen Überforderung heraus. Sie fühlen sich übermäßig beansprucht durch die Schwangerschaft und allein gelassen von Partnern, Eltern, Geschwistern und Freunden. Nicht zu unterschätzen ist auch die Zahl derer, die schon ein oder zwei Kinder haben und plötzlich spüren, dass die Kraft für ein weiteres Kind nicht mehr ausreicht. Die Geburt des Kindes und die damit verbundenen Ängste überwältigen manche Frauen, und sie sind außerstande, die mütterliche Rolle zu übernehmen.

Alle Frauen, die ein Kind zur Welt bringen, brauchen im Moment der Geburt selbst Bemutterung, das heißt liebevolle, umfassende Versorgung und Zusprache. Einfühlsame Partner, die Mütter der Gebärenden, Freundinnen und vor allem Hebammen wissen dies und bauen im Idealfall um die schwangere und gebärende Frau eine Art Schutzwall. Bei der jungen Frau aber, die ihr Kind zur Adoption freigibt, fehlt dieser Schutzwall meistens ganz. Sie ist nur selten umgeben von liebenden und aufbauenden Personen, sondern – wenn überhaupt – von professionellen Helfern, die sie bei den notwendigen juristischen Schritten begleiten.

Nach der erfolgten Adoption fühlt die Frau, selbst dann, wenn sie ihre Emotionen beiseite schiebt, meist eine Leere, die man sich in ihrer Intensität nur schwer vorstellen kann. Wir lassen uns leicht täuschen: Auch wenn die biologische Mutter ihre Entscheidung aus vermeintlichen Vernunftgründen fällt, so durchlebt die Seele die Trennungsqual doch unvermindert stark. Tiermütter klagen oft tagelang nach ihren Jungen, die man ihnen wegnimmt. Menschenmütter schreien selten laut, doch ihr Schmerz ist nicht minder groß.

Seit Sigmund Freud wissen wir, dass die Menschen in unserer Gesellschaft gut lernen, zu verdrängen. Aber er verweist uns gleichzeitig darauf, dass diese Verdrängung ihren Preis fordert und dass sie auf Dauer meistens nicht trägt.16 Ich kenne eine Frau, die als fünfzehnjähriges Mädchen ein Kind aus einer Verbindung mit einem Oxford-Studenten aus Indien zur Adoption gegeben hatte. Lebenslang reiste sie später nach Indien, in der unbewussten Hoffnung, dem Kind eines Tages womöglich dort zu begegnen. Und der Film Philomena (2013) zeigt eine andere Frau, die fünfzig Jahre nach der Geburt ihres unehelichen Sohnes geschwiegen hat und plötzlich verzweifelt nach ihm zu suchen beginnt. So lange hat die Verdrängung ihr Werk getan – dann aber glaubt die Frau nicht weiterleben zu können, ohne ihren Sohn gefunden zu haben.17 »Der Mensch vergisst niemals wirklich. Alle kleinen Einzelheiten leben versteckt irgendwo in den Erinnerungen unseres Geistes«18, schreibt der Koreaner Jung in seinem berührenden Comic über seine eigene Adoption, und in seinen Bildern bezeugt er, dass diese nicht nur im Geist, sondern auch im Körper selbst bewahrt und erinnert werden.

Zweitens: Die Geschichte der Adoptiveltern – so gut wie immer ist dies eine lange Geschichte. Meistens verstreichen Jahre mit vergeblichem Warten auf das eigene (biologische) Kind.19 Oftmals hat das Paar bereits mehrere Fertilitätsuntersuchungen und auch -behandlungen über sich ergehen lassen, bis es sich zur Adoption entscheidet, bisweilen wohl auch durchringt, aus der Einsicht, dass der eigene Kinderwunsch nicht realisierbar ist. Manchmal war es eine qualvolle Wartezeit. Oder, diese Variante existiert heute in zunehmendem Maße, homosexuelle Partner, Männer oder Frauen, ersehnen ein gemeinsames Kind und entscheiden sich für die Adoption.

Der Kinderwunsch entspringt eben nicht, wie manche behaupten, einem narzisstischen Impuls, im Kind ein Stück eigenes Ich zu schaffen. Das wäre psychologisch zu kurz gegriffen. Vielmehr ist es das Begehren, dass der Fluss des Lebens mit mir nicht abbricht, dass er weiterfließe, fleischlich-lebendig. Der Wunsch nach Kindern entspringt der Bejahung des Lebens, der Akzeptanz des Zyklus von Sterben und Werden, so wie Goethe es formulierte: »Und so lang du das nicht hast, dieses: Stirb und werde! Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.«20 Die meisten Menschen fühlen das – bewusst oder unbewusst. Sie spüren den Impuls, dass das Leben weitergehen soll durch sie. Sie wollen Kinder, und zwar Männer und Frauen gleichermaßen.21 Viele Adoptiveltern, die keine Kinder bekommen können, wählen zur Befriedigung dieses Begehrens ein fremdes Kind. Mit der Kraft ihres Willens und ihrer Liebe nehmen sie ein ihnen unbekanntes Wesen an Kindes statt an, geben ihm Namen, Nahrung, Haus und Zukunft. Das erfordert Mut und eine tragfähige Motivation und Durchhaltekraft. Ganz so wie jedes Elterndasein.

Und schließlich – drittens – ist da das Adoptivkind selbst. Die allermeisten Kinder haben das Glück, in eine liebende Familie aufgenommen zu werden, die schon lange sehnsüchtig auf sie gewartet hat. Auf jeden Fall gelangen sie in Familien, die amtlich geprüft und für gut befunden wurden, die Kinder aufzunehmen. Sie haben das Glück, eine Familie zu bekommen, Wohnung, Nahrung und Wachstumschancen. Ganz besonders trifft dies für Kinder aus dem Ausland zu – inzwischen die große Mehrheit der Adoptivkinder –, wo sie oftmals wenig gute bis gar keine Entwicklungschancen haben.

So war es bei Anna, dem jungen Mädchen aus Rumänien. Die Adoptiveltern, ein kinderloses Arztehepaar aus England, holten sie und ihre zwei Brüder aus einem jener unvorstellbar lieblosen Kinderheime des Rumäniens der Neunzigerjahre. Anna war damals fast zwei Jahre alt, sie konnte noch nicht laufen, weil sie bis dahin meist an Gurten angekettet im Kinderbett gehalten wurde. Heute ist Anna eine junge Frau, auffallend zugewandt, fröhlich und selbstbewusst. Und dennoch erzählt die Adoptivmutter, dass die Tochter bisweilen in kaum zügelbare Zornattacken verfällt, so als wolle sie alles, ihre Vergangenheit und ihre jetzige Wirklichkeit, zerstören. So als wäre das Leben in England und in dieser liebevollen Familie das falsche Leben. So als sei sie selbst falsch.

Jedes Adoptivkind drängt irgendwann einmal danach, Auskunft über seine biologischen Eltern zu bekommen. Das Kind möchte wissen, wer es zur Welt gebracht hat, wer es gezeugt hat, und vor allem will es erfahren, warum die eigene Mutter es weggegeben hat. Wenn diese Frage nicht beantwortet wird, gibt es sich die Erklärung selbst: »Sie hat mich abgelehnt. Sie wollte mich nicht. Sie hat mich nicht geliebt.«

Das sind die im Adoptivkind kreisenden Gedanken. Es spricht sie selten aus. Wie Anna sind die meisten Adoptivkinder voller Dankbarkeit. Sie wissen sehr wohl, was sie den Adoptiveltern verdanken. Dennoch nagen diese Fragen in ihnen. Sie tragen das Trauma in sich, von ihrer eigenen Mutter für immer weggeschickt, ausgesetzt worden zu sein. Wie bei so vielen anderen Lebenskränkungen, die jeder von uns in sich trägt, gibt es Wege, damit zu leben und eine Balance herzustellen. Gegenüber dem Schmerz als Schattenseite der Adoption wiegt die andere Waagschale, in welcher das Glück, der Lebenswille und die Hingabe vereint sind. Und Letzteres wiegt, wenn man das Bild der Waage ernst nimmt, spürbar schwerer. Wie sagt der Koreaner Jung, der als Fünfjähriger zwischen Mülleimern aufgegriffen und zur Adoption nach Europa verschickt wurde? »Schließlich haben sie mir doch die Hauptsache gegeben: eine Familie.«22

Anders sein

»Kinder ertragen absolut keine Unterschiede. Sie lehnen sie ab, weil sie darunter leiden.«

Aldo Naouri

Seltsame, vertrackte Welt. Manche Kinder sind anders. Manche Kinder fühlen sich anders, und manche wollen anders sein als sie sind. Wie soll man sich da zurechtfinden?

Mir geht das Mädchen Muriel nicht aus dem Kopf. Ich traf sie im Sommer 1990. Muriels Vater stammt aus Ghana, ihre Mutter aus Berlin. Muriel war acht Jahre, ihre dunkle Haut samtweich. Ihr Körper vibrierte vor Bewegung, und ihr Lachen steckte alle an. Zum Sommerfest trug sie Blumen im Haar, hatte Glanz in den Augen. Doch ihre Mutter erzählte mir, dass sie abends, wenn keiner sie sah, Penaten-Creme unter ihrem Kopfkissen hervorholte und sich die weiße Paste ins Gesicht schmierte, um weiß zu sein wie die anderen.

Kinder, die sich wie Muriel durch Haut- oder Haarfarbe, durch Sprache und Verhaltensweisen spürbar vom Rest der anderen unterscheiden, sind exponiert. Ihre Umgebung begegnet ihnen mit Neugier und Faszination, die allerdings unvermittelt in ihr Gegenteil umschlagen können. Dann nämlich, wenn sie die Rolle des niedlichen und gefälligen Fremdlings verlassen, wenn sie eigenwillig oder gar zornig werden. Kinder spüren dies. Sie genießen die Zuwendung, aber insgeheim ersehnen sie ein Leben in Normalität, nicht aufzufallen und unter den anderen »zu sein wie sie«.

Zwanzig Jahre später hat sich viel geändert. Wer heute am Zaun eines Schulhofs steht, entdeckt gerade in Großstädten eine viel größere kulturelle Buntheit. Sprachen purzeln durcheinander, und niemand wundert sich über Kinder, die anders aussehen, andere Feste feiern und anderes Schulbrot essen.

Aber das Problem des Andersseins ist nicht vom Tisch. Es bedarf durchaus nicht dunkler Hautfarbe oder fremdartigen Aussehens, dass sich Kinder auch heute anders und damit infrage gestellt fühlen. Eine große Anzahl von Jungen und Mädchen nehmen sich deutlich anders als die sie umgebende Gruppe wahr, und sie durchleben damit einen tief menschlichen Konflikt: Schon das Kind sehnt sich danach, seine Individualität auszuleben, mit all seinem Begehren, seinen Macken und Fantasien. Und zugleich fürchtet es, damit anzuecken oder gar ausgestoßen zu werden. Aus dieser Angst heraus nimmt es sich oft in seiner Individualität zurück und sucht Schutz in der Konformität der Gruppe, es taucht ganz einfach unter zwischen den anderen. Die Schriftstellerin Cordelia Edvardson, Tochter einer christlichen Mutter (Elisabeth Langgässer) und eines jüdischen Vaters, beschreibt die Spannung, die sie als Kind während der Nazizeit aufgerieben hat: »Das Mädchen selber war hin und her gerissen zwischen dem Stolz darüber, ›anders‹ zu sein, einem Stolz, der immer zweifelhafter wurde, und dem hoffnungslosen Wunsch, dazuzugehören, so zu sein ›wie alle anderen‹«.23

Nicht nur Muriel wünschte sich in eine andere Haut. Erstaunlich viele Kinder wollen ohne offensichtlichen Grund anders sein: klüger, hübscher, musikalischer, sportlicher. Sie ersehnen sich einen anderen Körper, andere Augen oder andere Haare und mitunter auch ein anderes Wesen, vielleicht auch ein anderes Geschlecht. Und beängstigend viele Kinder neigen dazu, sich über den Mangel zu definieren, über das ihnen vermeintlich Fehlende, über das, was sie eigentlich sein wollen oder glauben, sein zu sollen.

Warum definieren sich Kinder über den Mangel? Warum glauben sie, anders und besser sein zu müssen? Die Antwort darauf ist nicht leicht, sie führt uns zurück in die früheste Lebenszeit des Kindes. Die ersten Wochen und Monate des Lebens sind die prägende Phase, in der das Kind schrittweise Vertrauen in seine Welt entwickelt. Wenn das Kind von Vater und Mutter vorbehaltlos angenommen wird, wenn ihm durch Sprache und Verhalten vermittelt wird: »Ja, du bist das Kind, das wir uns gewünscht haben«, dann ist dies die nährende Basis für das spätere Selbstgefühl und Vertrauen in die Welt. Dann ist das Kind richtig und muss nicht danach trachten, anders zu sein. Das kleine Mädchen muss nicht der ersehnte männliche Stammhalter sein, um sich akzeptiert zu fühlen. Der kleine Junge muss kein Genie sein, um den Vater stolz zu machen. Das Kind muss nicht anders sein, als es ist. Der Tiefenpsychologe Erik H. Erikson bezeichnet dieses besondere Gefühl des Kindes mit der schönen Formel Urvertrauen.24 Ein starkes Wort und eine gute Vorstellung. Ein Kind, das sich seiner selbst sicher ist, wird es später nicht nötig haben, in die Haut eines anderen schlüpfen zu wollen – es sei denn als Schauspieler.

Wenn Kinder sich wünschen, anders zu sein, erfahren die Eltern dies nur selten und Lehrer so gut wie nie. Kinder halten diese Sehnsüchte lieber geheim, weil die damit verbundenen Gefühle hoch empfindlich sind und sie zu Recht befürchten, dass die Erwachsenen ihre Fantasien zerstören könnten.

Mit dem Wunsch zum Anderssein verdichten sich so viele Geheimnisse, so viele Lebensrätsel. Und alle kreisen nur um die eine nach Antwort drängende Frage: »Warum bin ich anders?«

Eine klassische Lösung – und damit Erlösung für das Kind – ist die Erklärung, dass es womöglich aus einer anderen Familie stammt und vielleicht nur durch Zufall hierher geraten ist: »Ich bin das Kind eines (einer) anderen.« Im Märchen würde es heißen: »Ich bin das Kind eines Königs«, als Zeichen der Erhöhung, denn nach Erniedrigung sehnt sich das Kind wohl kaum, wobei auch dies möglich ist. Sigmund Freud bezeichnet solche Fantasien als Familienroman.25

Demnach erdichten sich zahlreiche Kinder, die sich in ihrer eigenen Haut, beziehungsweise in ihrer Familie, nicht zu Hause fühlen, ihre eigene, für sie stimmige Geschichte, um sich selbst zu beschwichtigen und zu versöhnen. Typisch für diesen Familienroman ist immer, dass das Kind ihn für sich als Geheimnis bewahrt. Niemand, wirklich niemand, darf daran rühren.

Fassen wir zusammen. Jedes Kind ist ein einzigartiges Wesen. Jedes Kind entwickelt unter vielen Wachstumsschmerzen sein eigenes Ich. Und je intensiver dieser Prozess sich vollzieht, desto deutlicher nimmt das Kind seine Einzigartigkeit auch als Andersartigkeit wahr. Es gibt Wachstumsschmerzen, die wir unseren Kindern nicht ersparen können, das müssen wir als Erwachsene ohne Schrecken und ohne Schuldgefühle akzeptieren. Das irritierende Gefühl, anders zu sein als die anderen, gehört dazu.

Angst

»Als Kind: meine Liebe äußerte sich als Angst.«

Peter Handke

Ich muss damals neun gewesen sein. Meine Mutter hatte kurz vorher ein zweites Mal geheiratet, den Lehrer meines Bruders, und natürlich war dies ein aufregendes Ereignis für unsere Familie. Allerdings liegt all das, die Hochzeit, das Vorher und Nachher in meiner Erinnerung ganz im Dunkeln. Nicht aber die folgende zeitgleiche Szene: Meine Eltern besuchten mit meinem Bruder und mir einen Zirkus in einer nahe gelegenen Stadt. Spaßeshalber versteckten sich die drei ganz plötzlich hinter einem Zirkuswagen – und ich war wie verloren. Nie werde ich den Schrecken, diese Mischung aus Ohnmacht und Traurigkeit vergessen, wie ich mutterseelenallein inmitten des Zirkusgetümmels ins Leere schaute, nicht wissend, in welcher Richtung ich suchen sollte. Merkwürdig, viele meinen, dass es stets große, dramatische Ereignisse sind, die das Kind ängstigen. Dabei kann schon die geringste, scheinbar banale Begebenheit das Kind in Angst und Schrecken versetzen – nämlich wenn es sich allein gelassen fühlt. Dann verliert es den Boden unter sich.

Die Hauptangst des Kindes besteht darin verlassen, vergessen, ausgesetzt zu werden, also die (An-)Bindung zu denen, die es liebt, zu verlieren. Alles andere, was wir gemeinhin Kinderängste nennen, sind im Grunde nur unterschiedliche Grade und Erscheinungsweisen dieser Urform der Angst.

Zur menschlichen Grundausstattung gehört die Angst, sie begleitet uns von Beginn an und nicht selten bis zum letzten Atemzug. Angst ist nicht nur ein mentaler, sondern ein durch und durch körperlicher Zustand: Angst lässt uns in die Hose machen, sie lässt unser Herz rasen und reißt uns schweißnass aus dem Schlaf. Angst essen Seele auf, wie ein bekannter Filmtitel sagt.26

Das Grundmuster aller Ängste ist tatsächlich schon in der Geburt angelegt: Angst kommt von Enge, und beim Durchgang durch den Geburtskanal, getrieben von den mütterlichen Wehen, erfährt das Kind erstmals und im wahrsten Sinn des Wortes jenes Gemisch aus Enge und Angst. Gleichzeitig jedoch erlebt es – und dies ist das eigentliche Wunder der Geburt – die Auflösung der Enge, die Befreiung. Wir wissen nicht genau, wie weit die Erinnerungsspuren an dieses frühe Erlebnis heranreichen, aber ich bin überzeugt, dass diese ersten Angsterfahrungen körperlich in den Zellen gespeichert werden und uns lebenslang begleiten.27

Im Idealfall wird das neugeborene Kind sofort liebevoll aufgenommen, das Geburtstrauma durch Zuwendung, Wickeln und Muttermilch aufgefangen. Doch dies ist nicht immer gegeben. Auch heute noch sterben Kinder, weil sie medizinisch schlecht versorgt werden. Und in der Vergangenheit war es gang und gäbe, dass Kinder während der Geburt oder sofort danach starben. Ungewollte Kinder wurden (und werden auch heute noch) lieblos beiseite gelegt, niemand geht mit ihnen eine Bindung ein.

Neugeborene haben möglicherweise eine instinktive Ahnung davon, dass sie Glück haben, wenn sie bei der Geburt freundlich aufgenommen werden, wenn die Mutter sie bedingungslos annimmt. Und es ist ab sofort ihr Lebens- und Leitmotiv, diese Bindung zu erhalten. Die Allgegenwart der Mutter oder der Erwachsenen schlechthin schützt das Kind vor der Angst. Wo sie fehlt, ist das Kind bedroht. Krieg, Flucht, Zerstörung und andere Turbulenzen können die Kinder oft erstaunlich gut ertragen, solange sie die Hand von Vater oder Mutter halten und solange sie selbst gehalten werden. Sie sind zwar erschreckt und verwirrt, aber sie fühlen sich nie verloren. »Ich war während des Angriffs auf Dresden an der Hand meiner Mutter«, sagt eine Frau, »und erstaunlicherweise habe ich gar nicht geweint.« Geht der schützende Kontakt jedoch verloren, bricht Panik aus. Dann trägt nichts mehr, und das Kind wird von Angst überflutet.

Ängste kommen und gehen. Sie kommen angerollt wie Gewitter, sie treten auf in Gestalt von Hexen, Geistern oder Raubtieren, die das Kind angreifen und in Stücke zu zerreißen drohen. Doch verschwinden Ängste auch wieder und lösen sich wie böse Träume auf. Es nützt wenig, das Kind zu mahnen und seine Angst dumm oder peinlich zu nennen. Dann rächt sie sich, erscheint in anderem Gewand und will erst recht die kleine Seele aufessen.

Ja, Angst ist unsere Begleiterin, sie gehört wesensmäßig zu uns. Und sie ergibt manchmal sogar Sinn, dann nämlich, wenn sie uns vor drohenden Gefahren warnt. Vielleicht sollten wir ihr offener begegnen, wie einem Besucher aus einem fremden Land, der uns etwas zu sagen hat.

Archetyp Kind

»Kleiner als klein, doch größer als groß.«

C. G. Jung

Die meisten von uns leben auf irgendeine Weise real mit Kindern. Wir sehen sie, hören sie, unterrichten oder heilen sie und freuen uns an ihnen. Einige haben aber Gründe, keine Kinder um sich haben zu wollen und stattdessen mit Hunden, Katzen oder Vögeln oder ganz allein zu leben. All das ist möglich – doch niemand kann auf die Kinder in seiner Umgebung nicht reagieren.

Daneben aber – weit über dies Reale hinaus – tragen wir alle ein Bild vom Kind in uns, welches oft wenig bewusst und mitunter sogar ganz unbekannt ist. Dieses Bild existiert völlig unabhängig von unseren eigenen individuellen Kindheitserfahrungen – als Urbild, als Archetypus vom Kind.

Der Begriff Archetypus stammt von Carl Gustav Jung und ist ein Grundpfeiler seiner Tiefen-Psychologie.28 Und in die zeitlichräumliche Tiefe führt dieses Denken tatsächlich. Nach Jung tragen wir Menschen nämlich nicht nur die Nachwirkungen unseres eigenen, individuellen Erlebens in uns – und dies ist schon viel –, sondern wir haben darüber hinaus menschheitsgeschichtliche Ablagerungen gespeichert. Wie die Ringe alter Bäume tragen wir die Erinnerungsspuren unendlich vieler vorhergehender Generationen in uns. Die Sprache dieser Erinnerungsspuren zu entschlüsseln fällt uns nicht leicht. Aber die alten Bilder leben in uns und werden wirksam in unseren Träumen, in Ängsten und Visionen und in Momenten besonderer seelischer Wachsamkeit.29

Der Kindarchetypus birgt viele Aspekte. Am aufregendsten erscheint mir das Motiv »kleiner als klein, doch größer als groß«, wie Jung es benennt, jene krasse Polarität und die dazugehörige gefahrvolle und gleichzeitig lustvolle Bewegung zwischen diesen beiden Seinszuständen.

Das neugeborene und gar das ungeborene Kind: Ist es nicht kleiner als klein? Ist es nicht unendlich fragil und bedroht von Anfang an? Und gleicht es nicht einem Wunder, wenn es trotz dieser Bedrohtheit und durch sie hindurch überlebt und seinen Weg findet? Das Wunder ist tatsächlich so groß, dass wir es kaum angemessen in Sprache fassen können. Wie matt sind Worte, wenn es um das Überleben geht, das den meisten von uns als selbstverständlich erscheint.

Deshalb brauchen wir starke Bilder, die über Worte hinausreichen. Deshalb brauchen wir Mythen und Märchen, die das Wunder des Großwerdens unter Gefahren immer wieder neu beschwören und die den Segen betonen, der darin liegt, heil daraus hervorgegangen zu sein. Da wird ein Kind als Däumling geboren, als Dummling oder gar als Tier (»kleiner als klein«), und es wächst doch heran, allen Widrigkeiten zum Trotz wird es doch »größer als groß«: Es wird zum Menschen. Das im Korb ausgesetzte und todgeweihte Moses-Kind wird zum Befreier seines Volkes. Die Söhne und Töchter von Bauersleuten, also kleiner Leute im Sinne der sozialen Hierarchie, bestehen Prüfungen und werden zu Königen und Königinnen erhoben und damit doch »größer als groß«.

Der Archetypus meidet das mittlere Maß. Er liebt die Extreme. Und er schöpft aus dem tiefen Brunnen der menschlichen Erfahrung: Die Bedrohung des Lebens und die darauf folgende Errettung ist wohl die dramatischste existenzielle Erfahrung, die ein Mensch durchleben kann, zumal wenn sie (s)einem Kind widerfährt.

Was den Archetypus des Kindes für uns so faszinierend, gleichwohl so schwer fassbar macht, ist seine Offenheit nach allen Seiten hin. Offen hinsichtlich der zeitlichen Dimension umfasst der Kindarchetypus alles Vergangene, alles Gegenwärtige und alles Zukünftige. Kindheit ist ein fließender Strom, darin kreuzen sich Kinderschicksale millionenfach, und auch zukünftig werden Kinder die Erde bevölkern und ihr menschliches Potential entfalten. Dabei unterstreicht Jung vor allem den Zukunftscharakter des Kindarchetypus, wenn er sagt: »Das Kind ist potentielle Zukunft.«30 Vielleicht ist dies überhaupt der für uns kostbarste Aspekt des Kindarchetypus, das Kind als Repräsentant von Zukunft und damit Hoffnung – und für manche sogar Heil (»Denn euch ist heute der Heiland geboren«).

Offen ist der Kindarchetypus auch hinsichtlich der menschlichen Möglichkeiten, denn diese sind gewissermaßen unendlich. Das neugeborene Kind trägt alle Möglichkeiten in sich: Es kann Briefträger werden, Mathematiker, Raumfahrer oder Opernsänger. Im Kindarchetypus ist dieses unendliche Potential voll existent; letztlich entscheidet die Biografie darüber, wie das Kind es in seinem Leben umsetzt.

Was wir soeben über den Archetypus sagten, seine Verknüpfung mit menschheitsgeschichtlichen Erinnerungsspuren, seine Zukunftsbezogenheit und sein Alternieren zwischen den Polen »kleiner als klein« und »größer als groß« – all dies sind innere Bilder. Wir sollten sie als solche begreifen und wertschätzen und ihnen großzügig Raum in uns geben. Leben ist Leben. Bilder sind Bilder. Und Archetypen sind Archetypen. Und dennoch: Alles ist eins.

Atem

»Die Atemzüge dieser Kinder, all dieser Kinder, und das soll uns nicht retten?«

Elias Canetti

»So können wir den kreativen Impuls als etwas Eigenständiges betrachten, das natürlich notwendig ist, wenn ein Künstler ein Kunstwerk erschafft, das aber auch bei jedem anderen vorhanden ist – sei es nun ein Kleinkind, ein Kind, ein Jugendlicher, ein Erwachsener oder ein Greis. Im augenblicksbezogenen Leben eines Kindes, das sich am Atem erfreut, ist es ebenso vorhanden wie in der Inspiration eines Architekten, dem plötzlich einfällt, wie er etwas bauen kann.«31 Dies schreibt Donald W. Winnicott in seinem Buch Vom Spiel zur Kreativität. Dass da jemand wie er, als gestandener Psychoanalytiker und Kinderarzt, den Atem nicht als passives Geschehen, sondern als »kreativen Impuls« eines Kindes deutet, ist, zumindest in unserer Kultur, außergewöhnlich.32 Wir nehmen den Atem des Kindes als derart selbstverständlich gegeben an, dass wir uns seiner Schönheit, seines Rhythmus, seines Klangs, seines Geruchs und seiner Vibrationen gar nicht wirklich gewärtig sind. Wir würden in Gesellschaft anderer Erwachsener leicht lächerlich erscheinen, wenn wir offenbarten, wie sehr uns der Atem unseres Kindes fasziniert. Stattdessen unterhalten wir unsere Mitmenschen – oder sie uns – mit Geschichten über PolypenOperationen und Zahnspangen.

Dabei ist doch gerade der Atem das Kostbarste und Wunderbarste, was das Kind in sich trägt. Ohne Atem kein Leben. Atem ist Leben, und das wissen wir (theoretisch) alle. Warum begegnen wir diesem Wunder so wenig achtsam?

Für den Atem fehlt uns, ebenso wie für die vielschichtigen Vorgänge des Körpers oder einzelner Organe im gesunden Zustand, meist die Sprache. Erst wenn ein Teil des Körpers aussetzt, wenn wir uns krank fühlen, finden wir Worte. Erst wenn der Atem spürbar schwer wird, wie beim Asthma, wenn er ins Stocken gerät oder wenn er zu rasen beginnt wie etwa in einem epileptischen Anfall, nehmen wir ihn bewusst wahr und können ihn benennen. Und erst wenn der Atem plötzlich versagt wie beim plötzlichen Kindstod, offenbart sich seine existenzielle Bedeutung.

Heute gibt es nur noch selten Hausärzte oder gar Mütter und Väter, die, den Kopf an den Leib des Kindes gepresst, seinen Atem abhorchen. Dabei wäre es aufschlussreich, etwas über die Atemtätigkeit des Kindes zu erfahren – nicht nur an kranken, sondern auch an gesunden Tagen. Oder in Momenten, in denen das Kind Stimmungen ausgesetzt ist, die es allein nicht mehr regulieren kann. Wie atmet eigentlich das erregte Kind? Oder gar das hyper-erregte? Wie atmet das traurige Kind oder das depressive? Wie atmet das Kind, das nicht in den Schlaf findet? Lässt sich über den Atem lenkend eingreifen, wenn das Pendel in die eine oder andere Richtung ausschlägt? Mit anderen Worten: Lässt sich der Atem besänftigen? Lässt sich der Atem – und damit das Kind – erheitern, lebendiger, mutiger machen?

Tatsache ist, dass bei Kindern, stärker noch als bei Erwachsenen, der Atem auf alle Handlungen und Seelenregungen sensibel reagiert und mitschwingt:

– ein Schock verschlägt dem Kind den Atem,

– aus Angst muss es den Atem anhalten,

– nach einer schweren Anstrengung muss es erst einmal tüchtig durchatmen,

– beim Lernen in der Schule braucht es immer wieder Atempausen

– und die Eltern verlangen von ihm, dass es, wenn es etwas gründlich lernen will (wie beispielsweise ein Musikinstrument), einen langen Atem haben muss.

Überall in der Menschwerdung ist der Atem präsent, ganz konkret und ebenso stark im übertragenen Sinne. Im antiken Mythos entspricht Atmung dem Akt der Zeugung selbst, eine Vorstellung, die sich gleichfalls in manchen Märchen widerspiegelt, wenn etwa der Atem eines Tieres ein junges Mädchen zu schwängern vermag.33 Auch der Wind hat Zeugungskraft, und so verschmelzen im Unbewussten der individuelle Atem mit dem großen Atem der Erde selbst. Wie recht hatten doch die alten Rabbiner im Talmud Sabbat, wenn sie davon sprachen, dass die Welt nur aus dem Hauch (ruach) der kleinen Kinder bestehe!

Autismus

»Der Schlüssel zum Autismus ist der Schlüssel zum Wesen des Menschen.«

L. Wing

Dieses Kapitel ist das einzige innerhalb des Alphabets der Kindheit, das sich mit einem psychiatrischen Krankheitsbild befasst. Dabei ist meine Wahl keineswegs zufällig. Wir müssen manchmal, um die sogenannte normale, gesunde Entwicklung des Kindes besser zu verstehen, Umwege machen, und zwar Umwege über Abweichungen, über Extreme, über Krankheit gar. Dem Normalen gegenüber sind wir hin und wieder betriebsblind. Wir sehen es einfach nicht. Wir öffnen die Augen erst für die Abweichung. Hier horchen wir auf, hier reagieren wir. Und aus dieser Perspektive begreifen wir bisweilen das Wesen dessen, was wir gemeinhin als normal wahrnehmen. Thomas Mann bezeichnet die Pathologie als ein anthropologisches Erkenntnismittel ersten Ranges.34 Nehmen wir hier den Autismus als Pathologie, so gibt er uns tatsächlich eine besondere Möglichkeit, zu verstehen – und zwar in vielerlei Hinsicht:

Erstens: Wir können erkennen, wie unendlich nahe Gesundheit und Krankheit liegen. In Wirklichkeit sind die Grenzen überaus fließend. Schauen wir zunächst auf die Merkmale, die dem autistischen Kind allgemein zugeordnet werden. Wichtigstes Leitmotiv ist das schwach ausgeprägte Ich-Gefühl und entsprechend keine wirkliche Vorstellung von einem Du. In der Sprache haben autistische Kinder unterschiedlich ausgeprägte Defizite (Umkehrung von Worten, Echolalie oder auch völliger Sprachausfall). Ihr Schlaf ist häufig gestört und ebenso ihr Essverhalten. Viele der Kinder leiden an körperlichen Ticks, bizarren oder auch stereotypen Gebärden mit den Händen, den Armen und Beinen und/oder dem gesamten Körper. Fast alle schwanken extrem in den Stimmungen. Es fällt ihnen schwer, symbolisch wahrzunehmen, und gleichzeitig fallen einige durch außergewöhnliche, meist einseitige intellektuelle, zeichnerische oder musische Begabungen auf. Ganz generell sind sie »einfach anders in die Welt gestellt«.35

Wenn wir uns diese Merkmale im Einzelnen anschauen, sind all diese Erscheinungen in abgeschwächter Form bei einer Vielzahl von Kindern zu beobachten. Welches Kind hat nicht, zumindest temporär, Essstörungen oder Schlafprobleme? Welches Kind schwankt nicht in seinen Stimmungen und ist zeitweise ganz auf sich selbst zurückgeworfen – ohne Beziehung und ohne Einfühlung in das Du? So gut wie alle diese autistischen Züge gehören zum Bild und ebenso zum schwankenden Selbstbild der allermeisten Kinder.

Damit Autismus Krankheitswert erhält, müssen diese Merkmale so stark ausgeprägt sein, dass sie das betroffene Kind in seinem Wachstum ernstlich behindern und stören und dadurch auch seine Umgebung in Mitleidenschaft gezogen wird. Selten ist es das Kind selbst, das an seinem Sosein leidet, es sind die anderen, die es als autistisch wahrnehmen und es sein Anderssein spüren lassen, und oftmals schafft erst dies das eigentliche Leiden des autistischen Kindes. Auf die Frage »Ray, bist du autistisch?« antwortete der Rain Man im gleichnamigen Film: »Ich glaube nicht. Nein. Definitiv nicht.«36

Zweitens: Wir können erkennen, wie irritierend und zugleich fragwürdig

Diagnosen und Krankheitszuweisungen sind.

Es versteht sich, dass im Fall einer gravierenden Einschränkung des Kindes – dann nämlich, wenn es nicht wirklich sein Ich entwickelt, wenn es gar nicht in die Sprache hineinfindet und wenn es nicht in der Lage ist, soziale Kontakte mit anderen aufzubauen – Psychologen und Psychiater zu Hilfe geholt werden. Sobald die Eltern Anzeichen von Autismus bei ihrem Kind spüren, verlangen sie nach Diagnose und Rat.

Genau hier beginnt das Dilemma. Da das Spektrum der Syndrome so extrem breit gestreut ist und sich häufig mit anderen Entwicklungsstörungen oder psychiatrischen Krankheitsbildern kreuzt beziehungsweise überlagert, fallen die Diagnosen für kindlichen Autismus extrem unterschiedlich und bisweilen willkürlich aus. Unterschiedlich sind sowohl die Instrumente der Diagnostik37 als auch die theoretischen Standpunkte der Diagnostizierenden.

Die wissenschaftliche Forschung ist seit der fast zeitgleichen Entdeckung des Autismus als eigenes Krankheitsbild durch den Amerikaner Leo Kanner (1943) und den Österreicher Hans Asperger (1938) bis heute systematisch fortgeschritten und wird auffallend kontrovers diskutiert.38 Verschiedene Disziplinen konkurrieren mehr oder weniger unerbittlich um ein tieferes Verständnis der Krankheit – Genetik und Epigenetik, neurobiologische und neurochemische sowie psychologische Theorieansätze39 –, teilweise unter Einbeziehung, teils unter strikter Ausblendung psychoanalytischer Befunde und Erfahrungen.40 Und seit einigen Jahren registriert man überdies einen »rätselhaften Anstieg«41 der Diagnosestellung Autismus (beispielsweise eine Verdoppelung der Fälle zwischen 2000 und 2010). Rätselhaft ist allerdings die Frage, ob die Krankheit mit ihrer ganzen Schwere wirklich derart um sich gegriffen hat, oder ob nicht die Theorien und Methoden zur Erfassung der Störung derart inflationär missbraucht werden, dass die Statistiken kaum mehr aussagekräftig sind.

Und drittens: Wir können erkennen, dass Krankheit (auch) ein Spiegel der Gesellschaft ist.

Rätselhaft bleibt weiterhin, ob tatsächlich – wie oben vermutet – nur die Diagnosestellung Autismus extrem zugenommen hat oder ob nicht doch die Kinder derzeit wesentlich leichter und häufiger autistisch krank werden. Man muss nicht kulturpessimistisch sein, um unter den Menschen Phänomene und Verhaltensweisen zu entdecken, die man deutlich als autistisch gefärbt erkennen kann: Elternpaare, die aneinander vorbeischauen; stillende Mütter am Notebook; Familien, die nicht zusammen essen; Menschengruppen, in denen wenig oder gar nicht gesprochen wird; Techniksucht; Fühllosigkeit und Mangel an Empathie; Zahlenfetischismus; roboterhafte Bewegungen. Die Liste autistisch gefärbten Verhaltens ließe sich mühelos erweitern. All dies sind Botschaften einer Gesellschaft, die sich, in tausend Gewändern verkleidet und chronisch verabreicht, in der unendlich porösen und plastizierbaren kindlichen Seele niederschlagen und diese nachhaltig prägen.

Eine Gesellschaft produziert nicht nur körperliche Krankheiten wie Krebs, Diabetes und Herzleiden, sondern auch seelische Leiden, Depressionen, Süchte, und womöglich auch die verschiedenen Ausformungen von Autismus. In vielen Verhaltensweisen autistischer Kinder kann man, gleichsam wie in einem Spiegel, Zerrbilder des typischen Habitus unserer (westlichen) Gesellschaft entdecken.

Nein, Krankheiten, auch Kinderkrankheiten, fallen nicht vom Himmel. Die wissenschaftliche Forschung soll durchaus weitergehen. Die eigentliche Forschung steht aber da an, wo wir uns als gesellschaftliche Subjekte immer wieder neu fragen müssen, in welche Welt wir unsere Kinder eigentlich entlassen. Welchen Nährboden bereiten wir ihnen, damit sie gut wachsen können? Welches Immunsystem schenken wir ihnen von Anfang an? Wo liegt unser aller Beitrag – jenseits der Gene –, dass so viele unserer Kinder autistisch erkranken?

B

»Wer A sagt,

muss auch B sagen.

Er kann aber

auch erkennen,

dass A falsch war.«

Bertolt Brecht

Baum

»Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um.«

Erich Kästner

Früher pflanzte man zur Geburt eines Kindes im Garten einen Baum. Am liebsten einen Apfelbaum. Ein schöner Brauch. Jeder weiß, dass Kinder ganz anders wachsen als Bäume, und dennoch tragen wir tief in uns die Überzeugung, dass es eine Analogie zwischen beiden gibt, dass das Kind doch ein bisschen dem Baum gleicht und umgekehrt. Und selbst wenn man diese Überzeugung nicht teilen will, so wird doch jedermann leicht nachvollziehen können, dass es da eine Nähe gibt, eine Anziehung, vielleicht sogar Liebe zwischen Kind und Baum.

Natürlich ist kein Kind so töricht, laut und offen davon zu sprechen. Wie so viele andere Dinge, die dem Kind heilig sind, hält es sein Wissen lieber geheim. Erst als Erwachsener schreibt deshalb der spanische Dichter Federico García Lorca diese Zeilen über die Pappeln seiner Kindheit: »Ich spreche heute zum ersten Male davon. Es hat immer nur mir allein gehört. Es war etwas so Intimes, Privates, dass ich es nicht einmal selbst analysieren wollte. Als Kind lebte ich inmitten der Natur. Wie für alle Kinder hatte auch für mich jedwedes Ding, jedes Möbel, jeder Gegenstand, Baum oder Stein, eine Persönlichkeit. Ich sprach mit ihnen und liebte sie. Im Hof unseres Hauses standen Pappeln. Eines Nachmittags kam es mir so vor, als wenn die Pappeln sängen. Der Wind zwischen den Zweigen erzeugte ein Geräusch aus verschiedenen Tönen – mir klang es wie Musik. Und ich begleitete das Lied der Pappeln oftmals viele Stunden mit meinem Gesang. Einmal hielt ich verblüfft inne. Da sprach jemand meinen Namen, jede Silbe für sich, als buchstabierte er: ›Fe-de-ri-co.‹ Ich sah mich um, aber da war niemand. Und doch zirpte mir jemand weiter meinen Namen ins Ohr.«42

Der Baum besitzt seine reale Gestalt und gleichzeitig gibt er Raum für Projektionen aller Art. Jedes Kind sucht und findet in ihm genau das, was seine Seele braucht. Für Pippi Langstrumpf ist die Baumhöhle der Ort, an dem man die schönsten Schätze findet. Im Märchen vom Fundevogel wird das entführte Kind in einer Baumkrone versteckt, aber auch glücklich wieder entdeckt. Für manche Kinder ist der Baum das Objekt erster naturwissenschaftlicher Neugierde, es sammelt Bucheckern und Blätter, schnitzt sich Stöcke und zählt die Jahresringe. Kein Kind, das sich nicht danach sehnt, in einem Baumhaus zu thronen, und kein Kind, das nicht gierig ist nach den Früchten der Bäume, nach Äpfeln, Birnen und Nüssen.

Wir Erwachsenen vergessen leicht und müssen uns immer wieder zurückerinnern: Als Kind waren wir eins mit der Natur. Alles war in ihr lebendig. Wenn ein Baum gefällt wurde, dann spürten wir die Schmerzen körperlich, und manchmal weinten wir sogar. Heute gibt es nur noch wenige Familien, die zur Geburt des Kindes einen Baum pflanzen, und wenige Familien mit Gärten, auf deren Bäume die Kinder klettern können. Aber Bäume gibt es überall, an jeder Straßenecke, in jedem Park, an fast jedem Bahnhof oder städtischen Platz.

Eine Berliner Kindergruppe kam kürzlich auf die Idee, dass jedes Kind sich einen Patenbaum sucht, seinen Baum, der durchaus auf einem öffentlichen Gelände stehen kann. Jedes Kind darf mit seinem Baum irgendetwas Besonderes anstellen, ein Vogelhaus oder Schmuck an einen Ast hängen, Blumen pflanzen an seiner Wurzel. Manche haben ihren Baum gemalt oder fotografiert oder ihm einen Namen gegeben, kurz: Sie alle haben den Baum zu ihrem persönlichen Freund gemacht. Alles ist ein Spiel der Fantasie, aber diese Kinder sind nicht die ersten, die sich auf ihre Weise mit Bäumen verbinden. Schon in der Bibel finden wir sie, diese innere Nähe zu den Bäumen. Da gibt es die Geschichte von der Heilung des Blinden. Als dieser nach Jesus’ Handauflegen die Augen öffnet, sagt er staunend: »Ich sehe Menschen gehen, als sähe ich Bäume.«43

Bindung

Elliott: »E. T.! Bleib bei mir!

Bitte, bleib mit mir zusammen!«

Steven Spielberg

In Steven Spielbergs Film E. T. sucht ein kleiner Junge Freundschaft, Trost und Vertrauen bei einem Außerirdischen. Hier glaubt er das zu finden, was er in seiner eigenen Familie verzweifelt entbehrt: Bindung. Dieser Film aus dem Jahre 1982, ursprünglich als Kinderfilm konzipiert, hat seine erwachsenen Zuschauer nicht weniger angerührt als die jungen. Das lag sicher nicht nur an Spielbergs Regiekunst, vielmehr spürte jeder Kinobesucher, ob groß oder klein, dass die dramatische Geschichte um E. T. eine tiefe, universale Wahrheit vermittelt: Kein Kind auf Erden kann und will aus freien Stücken allein sein. Jedes Kind will zusammen sein, in Bindung sein: mit einem Menschen, mit einem Tier, mit seiner Facebook-Freundesschar – und notfalls mit einem Außerirdischen. Das ist die Botschaft des Films, und das hat die Menschen, als sie E. T. im Kino sahen, zum Weinen gebracht.44

Die Erklärung für diese Botschaft liegt nahe. Bindung ist, vom Anfang unseres Lebens an, eine absolute Notwendigkeit. Das Neugeborene muss vom ersten Augenblick an angenommen, gefüttert, gewärmt und versorgt werden, um zu überleben. In einem sensiblen, über Wochen und Monate währenden Einigungsdialog45 weben Mutter und Kind das erste Band, welches das Muster für alles spätere Bindungsverhalten abgibt.46 Im Normalfall sind die Mutter und auf seine Weise der Vater von sich aus auch gern bereit, diese Bindung mit dem Kind einzugehen, es zu nähren, zu schützen, und sie werden dafür reichlich belohnt.

Was ist das Wesen der Bindung? Wie können wir sie begreifen, fernab all der wissenschaftlichen Definitionen, in denen man sich so leicht verlieren kann? Vielleicht sollten wir beginnen mit dem, was Bindung nicht ist. Bindung ist nicht automatisch gleichzusetzen mit Liebe und Glück. Interessanterweise – oder sollten wir etwa sagen klugerweise? – bindet sich das Kind anfangs an jeden, der es versorgt und schützt, selbst wenn dies ohne Zeichen von Liebe geschieht und ihm dabei Leid oder Schmerz widerfährt. Es bindet sich auch an Tiere, wie die Geschichten der sogenannten Wolfskinder beweisen. Die Hauptsache ist, in Bindung zu sein, im Schutz und Teil einer Gruppe zu sein. Liebe, Glück und Wohlbehagen sind zwar die erfreulichen und auch häufigsten Beigaben, aber sie sind trotz allem nicht unerlässlich, nicht lebensnotwendig. (Dies ist übrigens der Grund, weshalb im Erwachsenenalter viele Menschen sich an Personen, Orte und Situationen klammern, selbst wenn sie ihnen schaden oder sie gar in Lebensgefahr bringen.)

Lebensnotwendig ist die Bindung selbst. Und da ist es sinnvoll zu unterscheiden zwischen jener Urbindung, der in der Mutter-Kind-Beziehung angelegten Matrix einerseits und dem daraus resultierenden Bindungsverhalten andererseits. Die Bindung ist für das Auge unsichtbar – wie farbloser Klebstoff –, aber höchst wirksam. Sichtbar ist hingegen das wechselnde Verhalten. Bindung erscheint in den unterschiedlichsten Gewändern, sie äußert sich in Sprache, in Gesten und in Taten.

Jede Bindung hat ihre Zeit. Und wenn diese Zeit vorbei ist, müssen alte Bindungen aufgelöst und durch neue eingetauscht werden – ein überaus empfindsamer Prozess für beide Seiten. In den seltensten Fällen geht die Auflösung eines bestehenden Arrangements reibungslos vor sich, ja, die Reibung ist geradezu ein Zeichen dafür, dass eine alte Bindung überholt ist. Wenn dieses seismografische Spüren versagt, wenn Bindungen nicht gelöst werden, kann dies lebenslange und sogar krankmachende Folgen haben.

Zum Glück ist das Kind auch selbst aktiv. Es fordert uns dauernd heraus. Und auch ohne die unmittelbare Gegenwart von Menschen kann es sich in Bindung einüben. Wenn man es lässt, erschafft es sich im Spiel und in der Fantasie ganz ungeahnte Formen von Bindung. Denken wir nur an Christopher Robin, der seinen Bären Pu schuf – mal ungeachtet der Tatsache, dass es der eigene Vater war, der die Geschichte niederschrieb.47 Oder an Anne Frank, die sich, allein und abgeschnitten von Vergangenheit und Zukunft, ihre Brieffreundin Kitty erdichtete, zu der sie in ihrem Amsterdamer Versteck die tiefste und offenherzigste Bindung pflegte. Dass Annes Tagebuch ein so überwältigender Erfolg war, verdankt es sicher nicht nur den tragischen Verhältnissen, unter denen es entstand, sondern vor allem dieser Kraft, gegen die Hoffnungslosigkeit anzuschreiben.48 Anne Frank wollte die Bindung zur Welt niemals aufgeben.

Vielleicht ist es uns jetzt auch leichter, Elliotts Sehnsucht nach seinem E. T. besser zu verstehen: »Bleib bei mir! Bitte, bleib mit mir zusammen!«

Blind

»Die Blindheit ist zwar ein Hemmnis, doch zum Unglück wird sie nur durch den Unverstand.«

Jacques Lusseyran

Der Junge namens Elias kommt mit seinen Eltern in das Kindheitsmuseum.49 Ich hole aus einem Glasschrank die winzigen bleiernen Spielzeug-Tiere. Pferde, Kühe, Schafe, Hasen und darunter – als originelles Unikum – eine Muttersau mit neun säugenden Babys. Elias hält die Schweinegruppe in seiner rechten Hand, streift mit der linken über die Bleifigur, angespannt tastend nach Antwort, was er da in der Hand hält. Das braucht Zeit. Die Mutter, ungeduldig wie manche Mütter sind, will helfen, spricht das Wort aus. Elias schlägt nach ihr. Er will entschieden keine Hilfe. Er will selbst sehen, selbst begreifen.

Wie oft habe ich solche und ähnliche Szenen mit blinden Kindern erlebt. Ach, wenn man sie doch nicht so gnadenlos in die Welt der Sehenden zerren wollte! Wenn man ihnen doch ihre Sichtweise, ihr eigenes Sehen ließe! Die Blindheit, sagt der französische Schriftsteller Jacques Lusseyran, der mit acht Jahren das Augenlicht verlor, »ist zwar ein Hemmnis, doch zum Unglück wird sie nur durch den Unverstand«50, und sicher meint er den Unverstand der Erwachsenen.

Zugegeben: In einer Welt wie der unsrigen, die so stark auf Visuelles ausgerichtet ist, auf Sehen und Gesehenwerden, auf Räume und Raumdurchwandern, fehlt dem blinden Kind etwas Wichtiges. Aber das gesunde blinde Kind besitzt ein ungeheures Potential, diesen visuellen Mangel auszugleichen. Es schafft sich seine eigene kleine Welt, indem es seine übrigen Sinne, Hören, Riechen, Tasten und Schmecken, auf wunderbare Weise einsetzt und damit alles verzaubert: »In wenigen Monaten«, schreibt Lusseyran, »war mein persönliches Universum zu einem Farbatelier geworden … Ich war nicht Herr über jene Erscheinungen. Die Zahl Fünf war stets schwarz, der Buchstabe L hellgrün, das Gefühl des Wohlwollens zartblau.«51

Im Grunde ist das blinde Kind andauernd damit beschäftigt, sich die äußere, sichtbare Welt nach innen hin zu übersetzen. Das beginnt mit Geräuschen: Ein kleines Mädchen hört das Knarren eines Sessels und fragt die im Zimmer anwesende Frau: »Bist du müde?«52 Es hat gelernt, über winzig kleine, für die anderen Menschen kaum wahrnehmbare Laute Auskunft und Orientierung zu erlangen, und meistens folgt es dabei seiner eigenen Logik.

Wir Sehenden nehmen nur das Äußere einer Stimme wahr, die Höhe, die Tiefe, vielleicht die Modulation. Das blinde Kind jedoch hört und erspürt in der Stimme des anderen dessen tiefe innere Schichten, die wahre Gestimmtheit. Es erlebt Sympathie und Antipathie, Anteilnahme oder Desinteresse, und normalerweise täuscht es sich in der Stimme nicht.

Hinzu kommt noch der Geruch. Weil dem blinden Kind die Vergleiche aus der Bilderwelt der Sehenden fehlen, kann es nur auf seine innere Erfahrung zurückgreifen. Der Geruch steckt in allem. Nichts, gar nichts in der Welt existiert ohne Geruch, und sei er auch noch so fade. Für die Sehenden ungewohnt, klammert sich das blinde Kind an Gerüche, fühlt sich von ihnen angezogen, getröstet, beheimatet, abgeschreckt oder abgestoßen. Der Geruch eines Menschen ist wie sein Fingerabdruck, unverwechselbar. Er enthält alles Wesentliche über ihn. Deshalb beriecht das blinde Kind so gern die Menschen um sich, und es teilt sie ein nach dem Muster »du riechst gut – ich mag dich« und seinem Gegenteil.

Gegenstände erschnuppert das blinde Kind: die Wand, das Kissen, die Tür, die Tasse und den Waschlappen – alles hat seinen eigenen, unverwechselbaren Duft. Kaum ein Sehender kann sich in die Feinheit der Welt der Gerüche hineinversetzen. Wir sind verwöhnt von Rosen-, Vanille- und Bratenduft, vielleicht auch angezogen von frisch gegossenem Teer oder Leder, aber unsere Nase ist viel zu grob, Porzellanelefanten, Blechdosen und Leinenhosen zu erriechen.

Das Schmecken ist noch als Steigerung des Riechens zu begreifen. Wie selbstverständlich führen blinde Kinder bekannte und unbekannte Gegenstände immer zuerst in den Mund: Hier geht es um die Substanz. Das Kind lernt unterscheiden: Süßes, Wärmendes, Nährendes – und auf der anderen Seite Bitterkeit, Säure und sogar Giftiges. Viele Erzieher fühlen sich genervt durch das dauernde Schmecken und Riechen der blinden Kinder. Sie mögen es nicht, sich an Haaren, Gesicht oder Bauch beriechen oder ablecken zu lassen, und sie versuchen, den Kindern diese vermeintliche Unart auszutreiben beziehungsweise abzuerziehen. Sie ahnen nicht, wie feindlich sie damit dem Kind begegnen. Das blinde Kind braucht das Hören, das Riechen und Schmecken als zentrales Erkenntnismittel, es braucht sie gleichsam als Schlüssel zur Welt. Nicht zufällig sind dies die Wahrnehmungskategorien, die sowohl das Kind im Mutterleib als auch die Menschheit in ihrer Entwicklungsgeschichte jeweils vor dem Sehen entwickelten, und in diesen Tiefendimensionen der Wahrnehmung steckt bisweilen mehr Wahrheit als im Sehen selbst. Nicht zufällig sind die großen Seher der frühen Vergangenheit oft blind. Und nicht zufällig lässt der französische Dichter Jacques Prévert in seinem Gedicht Sonntag das blinde Kind als hellsichtig erscheinen: »… nur ein blindes Kind bleibt mit deutendem Finger stehn.«53

Brot

»Meine Kinder brauchen Brot.«

Pierre Bourdieu

Beginnen wir mit einer Kindheitserinnerung: »Der Kindergarten zum Beispiel. Ich habe mir sagen lassen, dass ich jahrelang in den Kindergarten gegangen bin. Aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Das Einzige, woran ich mich erinnern kann, ist die Brottasche mit dem Mittagsbrot«54, schreibt der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel.

Kindheitserinnerungen sind eigenwillig. Sie folgen einer eigenen, uns häufig schwer erschließbaren Logik. Auf den ersten Blick ist nicht zu erklären, warum der erwachsene Mann gar nichts mehr vom Kindergarten erinnert: keine Spielkameraden, kein Spielzeug, keinen Raum und keine Kindergärtnerin – nicht einmal den Garten des Kindergartens. Auf den zweiten Blick aber erschließt sich die Logik dieser kindlichen Amnesie. Die Brottasche war das Bindeglied nach Hause, zur Mutter, die ihm Morgen für Morgen sein Butterbrot hineingesteckt hatte. So hatte das Kind selbst im (fernen) Kindergarten ein Stück Geschmack von zu Hause. Graubrot, Schwarzbrot, Schmelzkäse oder die Leberwurst – es kam von der Mutter. Ich sehe die Brottasche vor mir, braun, ledern, abgewetzt und mit kleinen Schnallen, innen ein wenig fettig vom ewigen Gebrauch. Damals benutzte man solche Brottaschen über Jahre, sie wurden von einem Geschwister zum anderen gereicht und erst weggeworfen, wenn sie auseinanderfielen.

Der Geschmack von Brot, den das Kind in den ersten Jahren erlebt, ist unauslöschlich. Egal, ob es sich um gutes Brot handelt oder um schlechtes, alles bleibt haften. Es ist unser Brot. Reisen Kinder in ein fremdes Land, so können sie sich mit den allermeisten, selbst den sonderbarsten Dingen arrangieren, aber das Brot kriegen sie oft nicht runter. Erwachsene Reisende haben Heimweh nicht nach ihren Nachbarn oder ihrem Hund, sondern nach ihrem Brot – die Deutschen nach ihrem dunklen, die Franzosen nach ihrem hellen. Dabei ist es mehr als nur Gewohnheit. Das tägliche Brot ist uns in Fleisch und Blut übergegangen – und manchen ist es sogar heilig. Brot ist die Quintessenz aller Nahrung. Wenn wir Hunger haben, rufen wir nicht nach Wurst, Käse oder Karotten, sondern nach Brot.

Wenn ich an Brot denke, steigen lebendige Bilder vor mir auf. Auf einem Foto des französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson läuft ein Junge mit seinem langen Baguette im Arm nach Hause zum Mittagstisch. Er trägt es wie eine Trophäe, weiß er doch, dass die Mahlzeit zu Hause nicht ohne sein Brot beginnen kann. Vielleicht knabbert er unterwegs daran. Manche Kinder beherrschen diese Kunst, kleine Löcher in die Brote zu bohren und dabei unterirdische Gänge freizuschaufeln. Am schönsten ist der Duft des noch warmen Brotes. Ich weiß, wie ich als Kind die Nase in das Sonntagsweißbrot presste – dieser Duft von frischem Weißbrot ist für mich noch heute wie Parfum.

Doch es gibt auch die anderen Brot-Bilder, die der Entbehrung. Wenn Brot so zentral ist für unser Leben, dann ist es auch immer gleichzeitig bedroht – wie das Leben selbst. Eine Radierung von Käthe Kollwitz zeigt zwei kleine Mädchen, deren Arme sich um die Mutter schlingen und die nach Brot schreien. Viel zu viele Kinder in der Welt haben kein Brot. Sie erleben Hunger als täglichen Begleiter des Alltags. Der kurdische Schriftsteller Hiner Saleem schreibt dazu in seinen Lebenserinnerungen: »Es dauerte nicht lange, und wir hatten nur noch Brotfladen zu essen, die wir mit Tee herunterspülten, und auch das nur einmal am Tag. Wenn ein Krümel auf den Boden fiel, hob ich ihn aus Achtung vor dem Brot auf, küsste ihn und hielt ihn an meine Stirn, ehe ich ihn aß. Brot ist heilig.«55

Es ist schmerzlich zu erleben, wie die Kluft zwischen denen, die Brot haben und jenen, denen es daran mangelt, unentwegt größer wird. Hier dürfen wir nicht stumm bleiben. Wir sollten unsere Kinder von Anfang an nachhaltig lehren, dass es keineswegs selbstverständlich ist, sein Brot auf dem Teller oder in der Brottasche oder im Mund zu haben. »Unser täglich Brot gib uns heute.« Brot ist das Resultat eines langen und mühsamen Arbeitsprozesses vieler daran beteiligter Menschen und vor allem viel Segen von oben.

C

»Eine einzige Kurve – nicht eine gerade Linie –, die auf eine flache Oberfläche gezeichnet ist, spielt bereits mit der besonderen Kraft der bildhaften Darstellung. Die Kurve bleibt auf der Oberfläche haften – wie etwa der geschriebene Buchstabe C – zugleich aber kann sie sich von ihr abheben und durch einen Körper ausgefüllt werden – es kann ein Kiesel, eine Orange, eine Schulter sein.«

John Berger

Clique

»Was die Anziehung einer Bande ausmacht? Sich in ihr aufzulösen mit dem Gefühl, die eigene Person zu befestigen. Die wunderbare Illusion einer Identität.«

Daniel Pennac

Irgendwann in der Mitte der Kindheit, zwischen dem neunten und zwölften Lebensjahr, lockern Kinder die Bindungen zu ihren Eltern. Sie hinterfragen deren Aussagen (»Seid ihr wirklich meine richtigen Eltern?«), sie bezweifeln ihre Wahrhaftigkeit (»Vorgestern hast du etwas ganz anderes gesagt.«) und die Verbindlichkeit ihrer Weisungen (»Warum muss ich etwas tun, was die anderen nicht müssen?«). Sie entdecken Widersprüche zwischen Worten und Handlungen der Erwachsenen. Sie reiben sich an den Erklärungen der Eltern über Gott und die Welt und erahnen deren Grenzen – und womöglich damit auch ihre eigenen.

Mitunter kann der Schrecken darüber groß sein und die Kinder in Resignation stürzen. Welches Glück aber, wenn sie in dieser Situation ihresgleichen entdecken, Jungen und Mädchen, möglichst gleichen Alters und gleichen Geschlechts (wobei beides nicht zwingend sein muss), auf jeden Fall Kinder, die sich in ähnliche Widersprüche verwickelt fühlen und ebenfalls Halt in einer Gruppe suchen.

Das nämlich ist genau der Sinn der Clique: das Kind aufzufangen in dieser Phase der Verunsicherung und des Übergangs. Bevor es seine ganz eigene, persönliche Identität gefestigt hat und bevor es seinen eigenen Lebensweg (meist gekoppelt an die Berufswahl) einschlägt, darf das Kind beziehungsweise nunmehr der Jugendliche eine Zeitlang in dieser »wunderbaren Illusion einer Identität«56 in der Clique schwimmen.

Und die meisten tun dies auch. Sie schaffen sich einen Raum, in dem die Vorgaben von Familie und Schule nicht gelten, nach eigenen Vorstellungen, mit eigenen Gesetzen, manchmal einer eigenen Sprache (Geheimsprache), mit Ritualen, die nur sie kennen – und schließlich einer eigenen Moral. Eine Moral, die mitunter eigenwillig, auch hart sein kann, beispielsweise wenn es darum geht, unerwünschte Mitglieder aus der Clique auszuschließen oder andere, die dazugehören wollen, gar nicht erst zuzulassen. Außenstehende bekommen dieses »Du gehörst nicht dazu!« gnadenlos zu spüren. Wir sollten diese Art der Gruppenbildung als sinnvolles, vielleicht sogar notwendiges Durchgangsstadium zur Reifung, auch der Initiation, begreifen.57 In der Clique wagt man sich gemeinsam vor. Falls etwas schiefgeht, springt die Gruppe ein. Sie definiert, wie weit man gehen darf. Und manche gehen dabei bis hin zur Selbstgefährdung oder gar Selbstdestruktion. Aber auch dies – und gerade dies – gehört zur Pubertät, und wer allein nicht die nötige Kraft hat, seine Grenzen auszuloten, der holt sie sich bei den Altersgenossen.

Genau wie der Beginn der Cliquenbildung in der Mitte der Kindheit einer Notwendigkeit entspringt, so fügt sich auch ihr Ende meist biografisch logisch ein. Irgendwann wird sie überflüssig. Am ehesten erledigt sie sich, wenn sich Jungen und Mädchen verlieben. Da ändert sich plötzlich alles. Alle Wahrnehmung der Welt und seiner selbst. Jetzt geht es nicht mehr darum, in einer Gruppe unterzutauchen, jetzt ist genau das Gegenteil gefordert: sich persönlich einbringen, sich ganz zu erkennen geben, eine individuelle Sprache finden, die auf das Du gerichtet ist. Kein Verstecken mehr hinter der Gruppe. Das ist Wachstum. Das ist Reifung.58 Und die Clique war – rückblickend – ein wunderbares, nicht zu missendes Zwischenspiel.

D

»Die Mathematik ist das Alphabet,

mit dem Gott die Welt erschaffen hat.«

Galileo Galilei

Däumling

»Er legte sich hinter den Grashalm, um den Himmel zu vergrößern.«

Noël Bureau

Eigentlich braucht es nicht mehr als diesen Satz von Noël Bureau, um das Wesen des Däumlings – und womöglich des Kindes – zu erfassen. Alle Kinder sind Däumling.

Indes, der Psychoanalytiker Otto Rank weist uns auf einen verblüffenden Aspekt der Däumlingsexistenz hin, den wir wohl zu kennen glauben, der uns allerdings so abwegig fern ist, dass wir ihn zumeist aus unserem Gedankengut verbannt haben (nur der Neurotiker erlaubt sich, wie wir sehen, dieses Hirngespinst). Otto Rank schreibt über den Däumling, »der merkwürdigerweise ebenso spielend die unmöglichsten Aufgaben löst. Seine ›Tumbheit‹ ist aber nichts anderes als ein Ausdruck seiner Kindlichkeit, er ist auch ein infans, so unerfahren wie der neugeborene Gott Horus, der mit dem Finger im Mund dargestellt wird. Je dümmer, also je kindlicher er ist, desto eher gelingt ihm die Erfüllung des Urwunsches, und hat er gar nur die Größe der ersten Embryonalzeit, wie der Däumling unseres Märchens, dann ist er beinahe allmächtig und hat den Idealzustand erreicht, von dem noch der Neurotiker so häufig träumt und den die neugeborenen mythischen Helden zu verkörpern scheinen: nämlich wieder ganz klein und dabei doch aller Vorteile des Erwachsenen teilhaftig zu sein.«59

Aber sind es wirklich nur die Neurotiker, die davon träumen?

Disziplin

»Halt dich gerade!«

Film Club der toten Dichter

Disziplin ist ein heißes Thema. Nicht nur in unserem Lande, überall in der Welt. Als vor einigen Jahren ein verbissenes Plädoyer für eine Art Disziplindiktatur zum amerikanischen Bestseller avancierte, spaltete dies nicht nur die amerikanische Nation, sondern erregte auch die deutschen Gemüter.60 Brauchen wir nicht doch ein bisschen mehr – oder sogar gewaltig mehr – Disziplin in unseren Kitas und Schulen, damit unsere Kinder ihren Weg ins Leben besser schaffen? Und als Hintergedanken: damit den Eltern und Lehrern das Leben etwas leichter gemacht wird?

Vorweg: Dass wir ein Mindestmaß an Disziplin benötigen, um in sozialen Gruppen zu leben und selbst sozial sein zu können, versteht sich. Wir müssen regelmäßig die Mülleimer rausstellen, wir müssen Formulare ausfüllen, morgens aufstehen und zur Arbeit gehen – all das ordnet und strukturiert unsere Gemeinschaft. Was aber die Kinder anbelangt und die frühen Erziehungsprozeduren, sie zu disziplinieren, so sollten wir doch achtsam sein. Was auf den ersten Blick als Wohltat für das Kind erscheint (»Es ist doch zu deinem Besten!«), kann sich unter der Hand leicht in das Gegenteil wenden, dem Kind schaden. Betrachten wir folgende drei Kinderszenen:

Szene 1 – ein Film:

»Halt dich gerade!« Mit diesen Worten beginnt der amerikanische Kultfilm Club der toten Dichter. Es sind dies die Worte der Mutter, die ihren Sohn Todd in einem Internat abliefert, das schon Todds älterer Bruder erfolgreich absolviert hatte. »Halt dich gerade!« Zunächst gehorcht Todd. Aber irgendwann später nimmt er sich das Leben, zerbrochen an der Strenge der Schule, zerbrochen an zu viel Geradesein.

Szene 2 – ein Buch:

In seinem Buch Zu gut erzogen schreibt der bekannte französische Schriftsteller Jean-Denis Bredin: »Ich lernte, dass jede spontane Bewegung suspekt war, dass jeder Schrei blamabel war, dass nichts, was spontan aus mir selbst kam, gut war. Ich wurde deshalb zum eigenen Wächter über mich, über meine Tage und über meine Nächte. Ich trieb mich an, ordentlich zu essen, schön zu arbeiten und brav zu schlafen. Ich entschuldigte mich für alles, und vor allem dafür, zu existieren. Alle wollten mir weismachen, dass leben darin besteht, das wirkliche Leben zu besiegen.«61 Bredin, 1929 in Paris geboren, hat eine damals für seine Generation übliche bürgerliche Erziehung durchlebt und überlebt. Welche Klagen! Alle Lebendigkeit, jeder Hauch von Eigenwillen, Lachen, Tränen, Faulenzen wurden ihm ausgetrieben – stattdessen wurde er zu seinem eigenen Aufpasser.

Szene 3 – ein Foto:

Das Foto meines Mannes als Vierjähriger im Park von Bethnal Green im Ostende Londons. Der kleine Junge in strammer Haltung, beide Arme auf dem Rücken. Die eine Hand greift die andere mit dem klammernden Griff einer Gouvernante. Hier braucht es gar nicht den Erwachsenen. Der Junge hält sich selbst fest. Die eine Hand passt auf die andere auf. Vielleicht, um nicht um sich zu schlagen oder den Fotografen ins Gesicht zu kratzen. Ein diszipliniertes Kind.

Drei Szenen, drei verschiedene Orte, verschiedene Zeiten. Aber sie haben eines gemeinsam. Jedes Mal geht es um Disziplin. Alle drei Kinder stehen unter dem Diktat äußerer Disziplin. Allen dreien ist gemeinsam, dass sie ihr eigenes persönliches Wesen unter dem Drill von Disziplin verstecken oder sogar ersticken – im Fall des Schülers Todd sogar mit tödlichem Ausgang.

Was man gemeinhin gute Erziehung nennt, ist oft das Ergebnis langer systematischer Disziplinierung. Das mag ein großes Wort sein, heute nimmt es niemand mehr so gern in den Mund. Doch die ungezählten täglichen Kommandos (»Halt dich gerade!«; »Rede nicht so laut!«; »Hüpf nicht dauernd rum!«) – all diese Sätze in regelmäßiger Wiederholung, kriechen in die Kinder hinein und werden ihnen zur zweiten Natur. Am Ende halten sich die Kinder gerade, sie lachen und reden nicht mehr so laut und hüpfen auch nicht mehr so viel herum. Das hat seinen Preis. Viele Kinder verbiegt es.

Nicht immer ist es so krass wie bei Nora, einem Mädchen aus meiner Nachbarschaft, das ich seit Langem bei ihren Spielen beobachte. Vor ein paar Jahren, im Kindergartenalter, war sie hoch lebendig, impulsiv, vergnügt und überaus kontaktfreudig – ihre Schreie, ebenso ihr Lachen schallten manchmal in mein Haus hinein. Und dann – irgendwann im Alter von sechs oder sieben – brach etwas ein, was alles veränderte. Das Mädchen zog sich in sich zurück, wurde still, scheu und ruhig in ihren Bewegungen – der Kleinmädchenglanz war wie weggeblasen.

Meist vollzieht sich der Prozess der Disziplinierung langsam, kaum sichtbar, aber manchmal, wie in diesem Fall, geschieht er gleichsam über Nacht. Und es passierte eindeutig im ersten Schuljahr. Es musste also die Schule sein, die das laute, vergnügte und eigenwillige Verhalten des Mädchens im wahrsten Sinne des Wortes gebrochen hatte.

Man erkennt die disziplinierten Kinder leicht. Sie sind brav und gefällig. Sie stören nicht. Sie machen freiwillig ihre Schularbeiten und achten von selbst auf ihre Kleidung und Gesundheit. Sie schauen zur rechten Zeit auf die Uhr und lachen nie an der falschen Stelle. Kurz: Sie haben die Regeln, die man ihnen beibrachte, verinnerlicht – all das ist ihnen zur zweiten Natur geworden.

Aber darunter, unter dieser Fassade, lebt die erste Natur weiter. Sie ist zum Glück stark und lässt sich nicht völlig stilllegen. Die erste Natur des Kindes, sein Eigenwille, seine Bewegungslust, sein Körper und das kindliche Verlangen nach einer eigenen Stimme suchen sich gegenüber allen noch so gut gemeinten Disziplinierungsmaßnahmen immer wieder ihren Weg. Und das ist der Grund, weshalb Disziplinprobleme niemals aufhören.

E

»Wir sehen in der Natur nicht Wörter, sondern immer nur Anfangsbuchstaben von Wörtern, und wenn wir alsdann lesen wollen, so finden wir, dass die neuen sogenannten Wörter wiederum bloß Anfangsbuchstaben von anderen sind.«

Georg Christoph Lichtenberg

Eifersucht

»Da rief sie einen Jäger und sprach: ›Bring das Kind hinaus in den Wald, ich will’s nicht mehr vor meinen Augen sehen. Du sollst es töten und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen.‹«

Brüder Grimm

Die vierjährige Charlotte ist das bisher einzige Kind eines Lehrerehepaars. Aufgeregt und aufgeklärt erzählt sie in ihrer Kindergartengruppe, dass sie bald ein Brüderchen haben werde. Sie freut sich über die vielen Nachfragen der anderen Kinder (»Wann kommt er denn? Dauert es noch lange?«) und antwortet eloquent und auffallend präzise: »Nur noch vierzehn Tage, nur noch neun Tage.« Sie zählt die Tage.

Endlich ist er geboren, der Bruder Anton-Felix, ein kräftiges Baby mit lautem Organ. Die Fragen der Kinder setzen sich fort, aber Charlotte überhört sie, lenkt ab, redet über anderes, schweigt. Nachmittags zu Hause wendet sie sich ab und spielt ihre alten Spiele, so als wäre nichts geschehen, außer – dies fällt den Eltern auf – dass sie viel schweigsamer ist als vorher, vor der Geburt von Anton-Felix.

Seltsam an dieser Geschichte ist nicht das auffallende Verhalten des Mädchens, viel seltsamer ist die Tatsache, dass die Eltern, als sie davon erzählen, keinerlei Erklärung für diese Wandlung haben. Sie sind völlig blind dafür, dass sich Charlotte in Eifersucht verfangen hat. Ihre eigene Blindheit korrespondiert mit der psychologischen Blindheit ihres Kindes, das seinen neugeborenen Bruder nicht sehen und damit nicht wahrhaben will.

Dabei ist Eifersucht in uns allen. Mehr oder weniger, je nach Temperament und Leidenschaft. Und wer glaubt, er sei frei von ihr, meint dies vielleicht aus Mangel an Gelegenheit oder er kennt ihre Zeichen nicht. Es muss ja nicht die tödliche Eifersucht der Königin im Märchen Schneewittchen sein. Eifersucht verkleidet sich in so viele und bisweilen bizarre Gewänder, dass wir sie manchmal tatsächlich nicht leicht als solche erkennen.

Warum eigentlich ist Eifersucht so omnipräsent? Warum macht sie immer wieder Menschen und selbst schon Kinder krank? Wir müssen zurückgehen an die Anfänge des Lebens selbst. Das Kind ist geboren und ihm gehört das Kostbarste der Mutter: ihr Körper, ihre Milch und ihre uneingeschränkte Zuwendung und Liebe. Über Monate und Jahre hinweg darf es auf dem Mutterschoß thronen, und nicht einmal der Vater ist ihm wirklich Konkurrenz.

Welches Kind versuchte nicht, diesen paradiesischen Zustand so lange wie möglich zu erhalten? Kein Kind will freiwillig teilen, mit niemandem. Wenn die Mutter erneut schwanger ist, erfühlen Kleinkinder oftmals schon in einem sehr frühen Stadium den veränderten Zustand der Mutter und reagieren heftig mit Klammern und Klagen. Mütter können sich dieses Verhalten selten erklären, gehen sie doch davon aus, das Kind könne nichts wissen. Und wie der kleine Körper mit seinen empfindsamen Antennen wissen kann! Nur wir wissen nicht, dass er weiß. Seine Eifersuchtsantennen stehen bereits auf Alarm. Auch Charlottes aufgeregtes Reden über den Bruder, den sie bald bekommen würde, war ein Zeichen für diese Alarmbereitschaft.

Wenn dann das Geschwisterkind auf die Welt kommt, ist dies für das kleine Kind traumatisch. Immer ist seine Position erschüttert und immer reagiert es eifersüchtig. Die Eifersucht kann die unterschiedlichsten Formen annehmen. Eher selten erscheint sie in reiner Form als krasse Ablehnung und klarer Wunsch nach dem Verschwinden des neuen Babys. Das wäre zu einfach. Das eifersüchtige Kleinkind hat ein empathisches Sensorium dafür, was seine Mutter mag und nicht mag. Häufig versteckt es deshalb seine Eifersucht in übertriebener Zuwendung zum Neugeborenen und droht es in überschäumender Zärtlichkeit zu erdrücken. Andere Kinder gebärden sich wie Charlotte völlig gleichgültig, so als habe die Geburt gar nicht stattgefunden, als könne man sie kraft eigenen Willens ungeschehen machen. Und wieder andere flüchten in die verschiedensten Formen von Regression, sie fangen an zu lallen wie ein Baby oder machen wieder in die Windeln.

So schmerzhaft diese frühen Formen kindlicher Eifersucht sind, so sind sie doch nicht wirklich vermeidbar. Die Kinderanalytikerin Anna Freud hat kindliche Traumata und deren oft weitreichende Folgen im Erwachsenenalter gründlich beschrieben.62 Natürlich sind Eltern darauf bedacht, ihren Kindern diese zu ersparen. Die Geburt eines Geschwisterchens und die damit verbundene frühe Eifersucht hat aber eine andere Qualität. Sie ist, mit den Worten Anna Freuds, ein »unvermeidbares Trauma«, etwas, das zur Biografie des Kindes notwendig gehört und deshalb nicht mit Tricks oder therapeutischen Strategien umgangen werden sollte. Es gehört zur Menschwerdung des Kindes, dass es lernt, mit diesem Schmerz umzugehen. Verzichten und Teilen, vor allem der Liebe, fällt uns nicht von selbst zu. Es muss errungen werden und kostet seinen Preis. Aber die frühe Kindheit, das Austragen dieser Konflikte mit den Geschwistern, ist ein gutes Übungsfeld und ein guter Zeitpunkt dafür. Wenn nicht jetzt, wenn nicht mit Brüderchen und Schwesterchen, wann dann?

Einsamkeit

»O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen …«

Rainer Maria Rilke

Damals, im Garten der Nachbarn, gab es einen einsamen Jungen. Ganze Nachmittage lang zog er seine Kreise um die große Birke, leicht hüpfend und immer wieder innehaltend. Manchmal saß er stundenlang unter dem Baum und blinzelte in die Sonne. Draußen, außerhalb der hohen Hecke, spielten und kreischten die Kinder. Nie habe ich ihn in unserer Nachbarkinderschar entdeckt, nicht in der Schule, nicht auf dem Schulweg. Auch dort ging er allein. Später traf ich ihn wieder. Er lehrte jetzt Philosophie, und ich ahnte, dass damals unter der Birke alles begonnen hatte – in der kindlichen Einsamkeit.

Wenn wir an einsame Kinder denken, dann überfällt uns leicht ein Schrecken, wir spüren Verlust und Mangel und das damit verbundene Leid. Aber dies muss, wie das Beispiel zeigt, nicht immer berechtigt sein. Manche Kinder wählen die Einsamkeit ganz bewusst, sie brauchen sie, um ihre fantasievolle Innenwelt gegen den Zugriff anderer zu schützen. Sie haben genug an sich selbst, an ihren inneren Monologen, an den erfundenen Gestalten, an Farben und Tönen, die sie sich schaffen. Und das Fürsichsein gibt Raum und Zeit, all dies frei auszuleben.

Ganz anders hingegen die ungewollte oder gar erzwungene Einsamkeit mancher Kinder. Viele Schüler kehren vom Hort oder von der Schule in leere Wohnungen zurück. Die Eltern sind bei der Arbeit oder sonst wie beschäftigt, Geschwister fehlen, und kein Hund springt ihnen entgegen. Diesen Kindern ist die Leere der Wohnungen so selbstverständlich, dass sie sie kaum als fremdartig empfinden. Deshalb revoltieren sie nicht: Sie essen allein, sie tappen allein durch die Wohnung und schalten Geräte ein, die das Gefühl von Einsamkeit nicht aufkommen lassen. Oft schlafen sie abends allein ein. Diese Kinder sind einsam, meist ohne sich dessen bewusst zu sein.

Einsamkeit ist ja durchaus nicht nur gekoppelt an räumliches Alleinsein. Manchmal bricht dieses Gefühl paradoxerweise gerade dann aus, wenn das Kind sich in einer Gruppe mit vielen anderen befindet. Es ist umgeben von fröhlichen Kindern und spürt plötzlich, dass es nicht, wie anscheinend all die anderen, in der Gruppe aufgeht. Dann fühlt es sich einsam. Peter Handke beobachtet ein solches Kind: »Es läuft, unter den andern Kindern, völlig ziellos im Garten herum, bleibt stehen, macht Anfangsbewegungen eines Spiels, die es sofort ratlos wieder abbricht; dann wieder kleine klägliche Nachahmungen der Lebhaftigkeit der anderen Kinder, aus dem Stand, völlig sinnlose, virtuos sein wollende, dabei nur sehr traurig lächerliche Handlungen im Kreis durch den Garten, Hüpfen, Sich-Anschleichen, Sich-um-sichselber-Drehen, das alles unter all den andern, die ihren Rhythmus haben, in einer völligen Einsamkeit; und als es einmal, ein einziges Mal, im Rhythmus mit den andern ist und ganz stolz zu denen hinschaut, wird es gar nicht bemerkt, und selbst die Hunde, zu denen es sich beugen will, laufen an ihm vorbei, und so geht es, die Hände auf dem Rücken, im Kreis weiter, scheinlebhaft manchmal aus der Traurigkeit aufhüpfend.«63

Kinder spüren genau, ob sie unter anderen aufgehoben und gewollt sind oder nur ein ungeliebtes Anhängsel. Aus der Kindergruppe ausgeschieden zu sein, gegen den eigenen Wunsch nicht dazuzugehören, macht einsam und traurig, manchmal auch zornig. Das Kind fragt sich, warum es ausgeschlossen ist, und schiebt die Schuld häufig in Form von Selbsthass auf seine eigene Person. Irgendetwas muss an ihm sein, das es nicht liebenswert für andere macht. Solche Gedanken sind der Nährboden dafür, dass sich das Kind in sich zurückzieht und verstärkt den Kontakt zu anderen meidet. Dies kann ernstzunehmende Depressionen verursachen.

Kehren wir noch einmal zurück zu den positiven, den kreativen Aspekten kindlicher Einsamkeit. Die Fähigkeit, mit uns allein zu sein, ohne an uns zu zweifeln und ohne zu verzweifeln, ist eine Grundfähigkeit des Menschen, die wir auch dem Kind zugestehen und bei ihm unterstützen sollten. Ich erinnere mich an nie enden wollende Nachmittage im Haus meiner Kindheit. Wo waren sie eigentlich, die Eltern, die Brüder und Schwestern? Ich erinnere mich an das Alleinsein, in dem mein Ich durchsickerte, in dem ich mein Ich entdeckte. Einsamkeit bedeutet, die Spaltung der Welt anzuerkennen: »Hier bin ich, das Kind – und dort um mich herum, auf dem Schulhof, auf der Straße, im Haus, ist die Welt um mich herum, ist das Nicht-Ich.« Wir sind alle getrennt. Wir sind alle einsam. Und dennoch bin ich ohne die anderen nicht denkbar.

Kindliches Alleinsein ist eine Gratwanderung. Dort, wo es den Weg zum kindlichen Ich bahnt, wo es dem kindlichen Ich Raum und Zeit zu seiner Entfaltung gibt, ist es ein kostbares Gut. Aber wenn das Kind traurig und hoffnungslos wird, wenn es sich nach Gemeinschaft und Nähe sehnt, dann ist es einsam. Da haben wir als Erwachsene alles zu tun, das Kind daraus zu erlösen und mit unserer Gegenwart einzuhüllen.

Eis

Peter Handke schreibt am 7. Mai 1976 in seinem Journal: »Mit Kindern in der Sonne vor einem Eiswagen gestanden: heftige Erinnerung, nicht nur an das Eis der Kinderzeit, sondern auch an die Lust auf das Eis damals: strahlender Moment.«64

Ekel

»Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm nass.«

Brüder Grimm

Nie werde ich vergessen, wie Heino Matzner Regenwürmer aß. Damals war ich sieben und überzeugt, dass Heino der einzige Junge auf der Welt sei, der Würmer verschlang, so aufregend und geheimnisvoll und durch und durch eklig waren diese morgendlichen Szenen auf dem Schulweg. Inzwischen weiß ich, dass viele Kinder Würmer und dergleichen verspeisen. Entweder um auszuprobieren, wo die Grenzen des wortwörtlich guten Geschmacks liegen, oder um sich im Umgang mit Ekel zu erproben: »Keiner liebt mich. Jeder hasst mich. Ich gehe in den Garten und esse Würmer«, sangen kanadische Schulkinder in den Schulpausen65 – wer weiß, vielleicht singen sie es heute noch.

Die Unterscheidung, was gut und was schlecht, was hygienisch und was gefährlich ist, lernt das Kind schon sehr früh. Ganz besonders natürlich in der frühen Sauberkeitserziehung, wenn es daran gewöhnt wird, das Töpfchen zu benutzen. Die Exkremente müssen den richtigen Weg gehen, also schleunigst nach Erscheinen weggespült werden, was das Kind anfangs nur schwer begreift. Die Exkremente, die den falschen Weg gehen (in die Hose, auf den Teppich, auf das Sofa oder das Bettlaken), sind eklig, werden wie Feinde verfolgt. Das Kind wird ihretwegen bestraft, wenn nicht mit Worten, so doch mit verärgerten Blicken. Ekel hat ein unverwechselbar typisches Gesicht – das lernen die Kinder bereits sehr früh. Und sehr bald ahmen sie die Erwachsenen nach: Sie verzerren die Züge. Sie ekeln sich über sich selbst, an sich selbst, und bald darauf kommt auch die große Schwester des Ekels hinzu, die Scham.

Eigentlich müsste der Vorgang des Sauberwerdens, und damit des Umgangs mit Ekel, doch einfach sein. Aber wir alle kennen, häufig sogar aus der eigenen Kindheitsgeschichte, dramatische Szenen, die beweisen, dass es eben gar nicht so einfach ist. So leicht nämlich, wie es die Mütter und Väter wünschen, lassen sich ihre Kinder nicht in ihre Vorstellungen von Sauberkeit und Ordnung einpassen. Viele lassen sich einfach nur Zeit. Manche revoltieren aktiv und benutzen die eigenen Exkremente als Waffe gegen ihre Erzieher oder gegen das System der Sauberkeitserziehung an sich. Man könnte meinen, sie kennen keinen Ekel.

Am Ende müssen alle Kinder, ob sie wollen oder nicht, in die für ihre Kultur geltenden Normen eingewiesen werden. In früheren Gesellschaften, als Nahrungsmittel noch nicht vorbereitet oder gar mit Verfallsdatum versehen waren, waren die Menschen in hohem Maße abhängig von der eigenen Körper- und damit auch Ekelreaktion. Sie mussten eine gute Nase dafür haben, welche Speisen für sie essbar und welche ungenießbar und deshalb bedrohlich waren. Das Gefühl von Ekel war in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit eine überaus gesunde und notwendige Reaktion.

Und auch heute ist es eine gesunde Reaktion, wenn das Kind sich davor ekelt, mit seinen Sandalen in einen Hundehaufen zu treten. Aber das ist nur die eine Seite des Ekels. Die andere, weniger gesunde Seite ist die, dass Ekel überaus generalisierbar und manipulierbar ist und deshalb für die verschiedensten Zwecke missbraucht werden kann. Stellt man etwa kleine Tiere wie Würmer, Frösche und Mäuse unter das Verdikt des Ekels, leitet sich daraus meist das Recht ab, diese kleinen Tiere zu töten. Und was für kleine Tiere gilt, lässt sich leicht auf große Tiere übertragen und – wie wir in der Vergangenheit nur allzu oft erlebt haben – sogar auf Menschen. Der Hass gegen einzelne Menschen ebenso wie der kollektiv empfundene Rassenhass ist immer auch gespeist aus körperlichen Ekelgefühlen. Im Grimmschen Märchen vom Großvater und seinem Enkel wird der Ekel vor dem sabbernden Großvater dem Kind von den eigenen Eltern regelrecht vorgelebt.

Wenn Ekel sich einmal eingenistet hat in der menschlichen Seele, dann sitzt er in der Regel tief. Das erfahren wir immer wieder bei Menschen mit den unterschiedlichsten, bis hin zu krankhaften Phobien reichenden Ekelreaktionen. Tief in ihren Fantasien gefangen, sind sie meist gar nicht erreichbar für rationale Argumente, dass beispielsweise kleine Nager und Kriechtiere eher harmlos sind und ihnen gar nicht ans Leben wollen.

Dennoch gibt es auch Heilung von der Ekelkrankheit.66 Das Märchen vom Froschkönig ist ein eindrucksvolles Zeugnis hierfür. Anfangs ist die junge Königstochter so sehr in ihrer Wut gegen den Frosch verstrickt, dass sie sich nicht allein daraus befreien kann. Man glaubt, dass sie lieber sterben möchte, als ihren Ekel loszulassen. Hier ist der oder die andere gefordert: Vater, Mutter, die Großmutter oder ein Freund müssen eingreifen. Manche Reifungsschritte kann das Kind offensichtlich nicht allein machen. Und ließe man es allein, es würde womöglich zugrunde gehen.

Eltern

»Über weite Strecken der Menschheitsgeschichte war das Wichtigste, was Eltern für ihre Kinder taten, sie am Leben zu halten.«

Steven Pinker

In diesem Spätherbst draußen am See sah ich ein tanzendes Ehepaar. Die Frau war schwanger. Ihre beiden Söhne, wohl zwischen drei und fünf Jahren, saßen am Rande der Tanzfläche auf dem Boden gekauert. Mitten im Tanz, nach jeder Drehung, sprang der Vater weg – und er machte wirklich jedes Mal einen Sprung –, tanzte auf die Kinder zu und küsste sie eines nach dem anderen auf den Kopf –, um sich danach, streng im Rhythmus bleibend, wieder der Frau zuzuwenden. Und dies wiederholte er immer wieder, solange der Tanz dauerte. Selten sah ich ein so inniges Bild von Väterlichkeit, Mütterlichkeit – nein, von Elternschaft. Das nämlich war es, was mir diesen Anblick so kostbar machte. Vater und Mutter waren im Tanz vereint und gleichzeitig als Eltern präsent. Die Kinder nehmen sie wahr als das Elternpaar, das sie sind.

Die amerikanische Soziologin Judith S. Wallerstein schreibt, dass »Kinder sich nicht nur mit Vater und Mutter als zwei separaten Individuen identifizieren, sondern auch mit der Beziehung der Eltern zueinander.«67 Das bedeutet konkret, dass das Kind von früh an – gleichsam schon im Mutterleib – erfährt und verinnerlicht, dass Vater und Mutter eine Beziehung als Paar haben, die individuell, aber darüber hinaus auch über-individuell geprägt ist.

Auf der individuellen Ebene erlebt das Kind, wie sich diese beiden Menschen einander zuwenden, wie sie einander zuhören, oder auch nicht, wie sie miteinander sprechen (oder auch schweigen), wie sie Konflikte lösen, wie sie miteinander zärtlich sind. Das ist die Matrix der Elternschaft. Astrid Lindgren beschreibt in ihrer Autobiografie die besondere Art, wie sich ihre Eltern zeitlebens begegneten und wie dies zur Grundlage ihrer Weltwahrnehmung wurde.68 Sie trägt damit ihre ganz individuelle Geschichte in sich, die sich in ihrem Schaffen, in ihren Kinderbüchern niederschlägt. Andere Menschen haben andere Geschichten zu erzählen – bisweilen auch weniger freudvolle –, aber stets spiegeln diese Geschichten ein Stück weit das besondere Verhältnis zu den eigenen Eltern.

Darüber hinaus repräsentieren Eltern jenes bereits erwähnte überindividuelle Prinzip, das sich mehr auf der symbolischen Ebene abspielt. Vater und Mutter stehen für Mann und Frau, für die Pole des Lebens schlechthin. Alles Denken der Menschen, alle Strukturierung in Raum und Zeit beginnt mit der Wahrnehmung dieser Pole. Gut lässt sich nicht denken ohne böse, Ja nicht ohne Nein und Vater nicht ohne Mutter. Wir brauchen das Spiel mit den Polen, mit den Gegensätzen. In fast allen Schöpfungsgeschichten finden wir die kosmischen Analogien zu Vater und Mutter, wobei meistens der Himmel den Vater repräsentiert, die Erde aber die Mutter. Und das Kind, das in seiner Ichwerdung noch einmal (unbewusst) alle Etappen der Menschheit durchwandert, trägt diese Analogien als Erinnerungsspuren in sich. Geben Sie ihm einen Stift in die Hand: Es malt Haus und Baum, Blume und Schmetterling, es malt Mutter und Kind. Nie bleibt eines allein. Kindliches Denken, das wir auch als Erwachsene noch in uns tragen, produziert fortlaufend assoziativ die Pole: Sonne und Mond, Sommer und Winter, ich und du – und eben Vater und Mutter.

Mann und Frau sind zueinander komplementär angelegt.69 Und gleichzeitig gehen sie über die Zwei-Einheit hinaus, indem sie das Dritte schaffen, das Kind, beziehungsweise die Kinder. Diese Drei-Einheit, Triangulierung genannt, ist für Kinder der optimale Rahmen, sich frei zu entwickeln. So können sie je nach Stimmung oder wie sie es brauchen Pakte schließen, mal mit dem einen, mal mit dem anderen, mal mit der Mutter, mal mit dem Vater. Außerdem dürfen sie auf diese Weise, was fast noch wichtiger ist, mutig Konflikte riskieren, ohne Angst, danach hoffnungslos allein zu sein. Wenn das Kind mit dem Vater zusammenprallt, sagen wir über die Frage des Taschengelds, ist da immer die Mutter, die es auffängt und weiter trägt. Reibt es sich mit ihr, sagen wir wegen einer Lüge, spricht vielleicht der Vater das erlösende Wort und fängt seinerseits das Kind auf. Ein Kind, das diese Möglichkeit nicht hat, wird eher dazu neigen, in die Reserve zu gehen, brav zu sein, eben nichts zu riskieren. »Ich wünsche mir, dass der Papa, Mama und ich immer zusammenhalten«, sagt Jonas beim Auspusten seiner sechs Geburtstagskerzen.70 Das Geschenk der Triangulierung, des freien Austauschs zwischen Vater, Mutter und Kind, kann man nicht hoch genug einschätzen. Und Elternschaft dient eben dazu, dem Kind diesen Freiraum zu gewähren.

Aber Elternschaft dient noch zu weitaus mehr. Goethe hat es wunderbar ausgesprochen: »Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.« Das ist die ganz reale elterliche Aufgabe. Das ist ihr ständiger Auftrag, mit dem sie mehr als beschäftigt sind. Wurzeln sollen Eltern geben, indem sie dem Kind jenes Urvertrauen schenken, welches ihm ermöglicht, fest auf der Erde zu stehen, sich zu Hause zu fühlen – und wohlzufühlen in seinem Leib. Diese Wurzeln sieht und fühlt das Kind nicht bewusst (so wie eine Pflanze die ihren nicht fühlt), doch die geringste Schädigung lässt das Kind aufhorchen, aufschrecken und leiden. An den Wurzeln nagt man nicht, sondern hält sie sorgsam geschützt.

Und dann das andere: die Flügel. Trotz aller Bindung zum Kind (im Großen und im Kleinen) sind Eltern unentwegt dazu aufgerufen, die Kinder loszulassen, damit sie sich aufmachen oder aufschwingen können in Richtungen, über die sie selbst als Eltern keine Gewalt haben. Bis an die Grenzen, und sogar, wie Janusz Korczak betont, an die Grenzen des Todes.71 »Wie weit lasse ich mein Kind?« ist die Dauerfrage von Eltern, die sie untereinander aushandeln müssen. Und dieses Aushandeln geschieht am besten in Liebe und aus der Liebe heraus. In Liebe zwischen den Partnern und in gemeinsamer Liebe zum Kind.

Wie immer die Antworten ausfallen: Kinder spüren, wenn die Eltern über sie verhandeln. Das ist das unsichtbare Band, welches sie verbindet. Und das ist es, was Kinder, wenn sie erwachsen werden, als inneres Bild in sich bewahren. Wenn die Verhandlungen gut waren, ist das innere Bild auch gut und kann als Maßstab für eigenes Handeln dienen, wenn sie eines Tages selbst Eltern sind. Und das Bild der tanzenden Eltern – wenn sie denn tanzen – werden sie bis ans Lebensende in sich tragen.

Ende der Kindheit

»Als ich aufwuchs und mit zehn Jahren allein U-Bahn fahren konnte – da nahte das Ende eines wirklichen goldenen Zeitalters.«

Woody Allen

Juristisch und rein zeitlich ist das Ende der Kindheit in unserer Kultur klar bestimmt.72 Aber wir ahnen sogleich, dass das Juristische nur die eine Seite der Geschichte ist. Die andere, viel spannendere, vieldeutige und oft konfliktbeladene Seite offenbart sich im subjektiven Bereich. Sich als Kind fühlen, beziehungsweise sich nicht mehr als solches zu empfinden, lässt sich nicht an äußere Termine knüpfen, da ist stattdessen viel Biografisch-Schicksalhaftes am Werk.

Früher, und in manchen Gesellschaften auch heute noch, wurde und wird der Übergang vom Kindsein zum sozial und religiös verantwortlichen Adoleszenten und Fast-Erwachsenen in feierlichen Zeremonien kollektiv begangen. Damit wurden äußerlich sichtbare Zeichen gesetzt, die von allen verstanden und akzeptiert wurden. Wo diese nun fehlen, wo das Ende der Kindheit nur ein abstrakter juristisch gesetzter Zeitpunkt ist, sind die Heranwachsenden weitgehend ihren inneren Wahrnehmungen ausgeliefert. Sie selbst definieren, wann und wie sich der Übergang vollzieht. Spricht man mit jungen Menschen, die diese Phase gerade hinter sich haben, dann fallen die individuell höchst unterschiedlichen Empfindungen über das Ende der Kindheit auf. Manche haben im Zorn persönlich bedeutsame Dinge verbrannt und kamen damit erstaunlich nahe an das rituelle Spielzeugverbrennen mancher Pubertätsriten. Andere verweigerten das Essen, unbewusst auch wohl das Weiterwachsen; auch dies erinnert an das erzwungene Fasten der Riten. Manche waren von Stolz erfüllt und taten alles, um die Jüngeren hinter sich zu lassen. Und nicht wenige verfielen in eine tiefe, ihnen selbst unerklärliche Traurigkeit.

Ich weiß bis heute glasklar Zeit und Ort. Es war Anfang November 1956, auf einem Bahnsteig in Northeim, wo ich auf den Zug wartete, der mich zur Beerdigung meiner Großmutter führte (die übrige Familie war schon vorausgefahren). Beim Warten auf den verspäteten Zug in der trüben Dunkelheit des frühen Abends sprachen Menschen plötzlich aufgeregt vom Einmarsch der Sowjetarmee in Ungarn. Ich hörte Worte wie Invasion und Revolution und verstand sie nicht: in meinen Ohren klang es wie Krieg. Mutters Mama war tot – und es war Krieg – diese unheilvolle Vermengung machte mir klar: die Welt hat ihre Unschuld verloren. Meine Kindheit war zu Ende.

Jedes Kind hat seine Zeit und seinen Ort vom Ende der Kindheit, und es lohnt sich, diesem bewusst nachzuspüren.

Engel

»Ich ließ meinen Engel lange nicht los,

und er verarmte mir in den Armen

und wurde klein, und ich wurde groß.«

Rainer Maria Rilke

Kinder nehmen oft Dinge wahr, die die meisten Erwachsenen nicht wahrnehmen. Sie sehen Engel – in der Regel ihren Schutzengel –, sie hören und spüren ihn leibhaftig. Aber sie halten diese Begegnungen oder ihr Schauen meist geheim, weil niemand in den intimen Dialog einbrechen darf. Die in Frankreich so populäre Kinderanalytikerin Françoise Dolto hat erst als ältere Frau freimütig erzählen können, dass sie als Kind intensiv an Engel, vor allem an ihren eigenen Schutzengel, geglaubt hat. Dieser war ihr damals so real, dass sie schrieb: »Wenn ich schlafen ging, legte ich mich nur auf die eine Hälfte des Bettes, um meinem Schutzengel Platz zu lassen, damit er neben mir schlief (…) Er trug ein weißes Kleid, er hatte Flügel, die er zusammenklappte, deshalb sagte ich ihm ab und zu: ›Nein, tue deinen Flügel bitte nicht dahin, er stört mich.‹«73 Dieselbe Frau wurde später eine überaus vernünftige und tatkräftige Kinderärztin und Schriftstellerin. Besonders verstand sie sich darauf, die verborgenen Sehnsüchte der Kinder zu erspüren. Vielleicht hatte sie all dies als kleines Mädchen schon jahrelang mit ihrem Schutzengel eingeübt.

Engel sind für alle diejenigen wirklich existent, die sie in sich einlassen, die an sie glauben. Und viele Kinder glauben. Manchmal sind Engel auch nur vorübergehende Gefährten: Sie erscheinen, sie begleiten das Kind eine Zeitlang – und sie verschwinden ganz leise wieder, so dass sie bisweilen in späteren Jahren kaum mehr erinnert werden. Schade! Aber das gehört zu ihrem Geheimnis.

Erstes Mal

»Der erste Mensch durchläuft nochmals den ganzen Werdegang, um sein Geheimnis zu entdecken. Er ist nicht der erste Mensch. Jeder Mensch ist der Erste, keiner ist es. Deswegen fällt er seiner Mutter zu Füßen.«

Albert Camus

Der erste Atemzug

der erste Tag

das erste Mal in Papas Arm

das erste Lächeln

die ersten Schuhe

das erste Nein

das erste Mal Ich

das erste Mal enttäuscht werden

das erste Mal verlorengehen

das erste Vogelnest

der erste Buchstabe

das erste Mal Erde riechen

das erste Tier

und so weiter und so weiter

Später dann:

Der erste Kuss

die erste Zigarette

der erste Samenerguss

der erste Betrug

und so weiter und so weiter

Jedes erste Mal eine Station der Menschwerdung. Banal und zugleich atemberaubend. Jede Erfahrung des Kindes geschieht ein erstes Mal – das ist banal, weil sie jeder macht, atemberaubend deshalb, weil mit jedem Kind die Welt neu beginnt: die Welt des Atmens, des Trinkens, des Lächelns und des Sprechens. Jedes Kind ist für sich »der erste Mensch«74, wie Albert Camus es in seiner Autobiografie wunderbar schlicht ausdrückt. Vorher – das heißt vor meiner Geburt – war ein dunkles Nichts, ein Tohuwabohu wie am Anfang der Welt, und mit mir und mit meinen Augen, die das Licht empfangen, entstand das Licht. Was weiß denn das kleine Kind von all den anderen Menschen vor und neben ihm, die vor ihm den ersten Atemzug gemacht haben, die ersten Schritte und das erste Wort? Das erste Mal ist immer mein erstes Mal, als wenn es nie vorher von anderen durchlebt worden wäre.

Der französische Dichter Pierre Loti beschreibt in seinem Roman eines Kindes, wie er das erste Mal ein ureigenes, durch und durch körperliches Gefühl von Hüpfen, von Federn und Laufen entdeckte – wie einen explosiven Einbruch in seine damalige Art, sich zu bewegen: »Von diesem Augenblick an konnte ich hüpfen, konnte ich laufen! Ich bin überzeugt, dass es das erste Mal war, so deutlich ist mir meine überbordende Lust und meine verwunderte Freude noch gegenwärtig.«75 Diese Erinnerung hat sich dem Dichter nur deshalb so tief verankert, weil sie – wie es häufig geschieht – mit einem anderen ersten Mal verschmolzen war. Im selben Moment nämlich, in dem der Junge bewusst erstmals die Kraft und Beweglichkeit seiner Beine spürt, so glaubt er später rückblickend, sei ihm auch der Geist erwacht: »Aber während des Hüpfens dachte ich nach, und dies so intensiv, wie es gewiss sonst nicht meine Gewohnheit war. Zur gleichen Zeit, da meine Beinchen, mein Verstand erwacht waren, wurde es in meinem Kopf, wo die Gedanken erst ganz blass heraufdämmerten, ein wenig klarer.«76

Vielleicht ist es gerade die Verdoppelung, die das Ereignis so unauslöschlich als das erste Mal markiert. Sigmund Freud hat dieses Phänomen als Deckerinnerung bezeichnet, ein besonderer Kunstgriff der menschlichen Erinnerungskultur. Viele Momente des ersten Mals können wir später als Erwachsene nur schwer abrufen. Doch wenn wir Glück haben, schiebt sich jenes Doppelte darüber, das wir fast übergenau erinnern (eine Mütze, ein kratzender Strumpf oder ein Geruch), und dieses Doppelte überlagert oft das Ursprungsgeschehen, welches doch das eigentlich Bemerkenswerte und Erinnerungswürdige sein sollte.

– Ein Kind erinnert die erste Begegnung mit dem Tod. Später weiß es nichts vom Sterben der Großmutter, aber spürt noch genau den Geschmack des Mohnkuchens, den es bei ihrer Beerdigung zu essen gab.

– Ein Junge hat vergessen, wie er das erste Mal in einem Kaufhaus verlorenging. Sogar die Polizei musste auf der Suche nach ihm eingeschaltet werden. Er prägte sich von diesem Drama ausschließlich den grünen Kaugummi ein, den ihm einer der Polizisten zur Beschwichtigung seiner Angst zugesteckt hatte.

– Und ein anderes Kind erinnert sich an gar nichts vom ersten Schultag – außer an den Geruch des Schulranzens.

Wie wir an diesen Beispielen sehen, ist die Erinnerungskompetenz des Körpers anscheinend viel größer und ausgeprägter als das kognitive Gedächtnis. Auf jeden Fall verschieben sich auf diese mysteriöse und doch gleichzeitig logische Weise unsere Kindheitserinnerungen und vor allem verschiebt sich der Rückblick auf das erste Mal. Es gibt nichts Kostbareres für uns Erwachsene, jenen Angelpunkten unserer Menschwerdung nachzuspüren und bei Kindern, mit denen wir leben, jedes wahrnehmbare erste Mal mit staunender und respektvoller Gebärde zu begleiten.

Übrigens: Ein ähnlicher Zauber wie der des ersten Mals liegt auch im bewusst erlebten letzten Mal. Hier spüren wir Wandlung pur. Der letzte Schultag. Der letzte Arbeitstag. Die letzten Worte des Großvaters. Der Abschiedskuss. Hier schließt sich der Kreis – unwiderruflich, einmalig –, wie das erste Mal.

Essen

»Iss, damit du groß wirst.«

Françoise Dolto

In diesen Ferien dreht sich alles ums Essen. Wir haben fünf Kinder im Haus und eines im Mutterbauch (kurz vor der Geburt), und mir scheint, es habe noch nie so viele Gespräche um Essen gegeben wie in diesen Wochen. Und ich muss lachen.

Im Alltag geht das tägliche Essen irgendwie unter. Es ordnet sich ein in die Abläufe des Haushalts, der Schule und der Arbeit der Eltern. Die Energie der Kinder ist, ebenso wie die der Erwachsenen, ganz in den Alltag eingebunden. Und das Essen, auch wenn es nicht immer zu festen Zeiten stattfindet, ist meist geregelt, für die Kinder vorhersehbar, kurz: verlässlich.

In den Ferien aber ist alles anders. Da ist unendlich viel Zeit und Raum, über Nahrung nachzudenken und zu reden. »Wollen wir Cornflakes oder Croissants zum Frühstück?« Und plötzlich spaltet sich die Familie, die einen wollen Cornflakes, die anderen Croissants, und einer will keines von beiden, sondern richtiges Brot. Schon entfaltet sich wenn nicht ein Streit, so doch eine Diskussion um das beste, schmackhafteste und gesündeste Frühstück. Wir sprechen über Nutella, Zucker und sogar Milch, als ginge es um Religion oder Weltanschauungen. Leidenschaften brechen durch: »Ich könnte für Honig sterben!« Und blanker Starrsinn offenbart sich: »Nutella kommt mir nicht ins Haus!«; »Ich trinke nie, nie wieder Milch!«

Doch das ist nur der Anfang. Mittags geht es weiter: Essen wir Pommes frites an der Bude? Kochen wir? Haben auch alle Hunger? Gehen wir irgendwohin essen? Tausend Möglichkeiten – und tausend Beschränkungen. Wer eine große Familie hat, stößt dauernd an Grenzen. Am Nachmittag haben die Kinder Hunger auf Kuchen und Begierde nach Eis, und abends möchten die Eltern Muscheln essen – aber auf keinen Fall die schwangere Mutter. So geht es fast jeden Tag. Am Ende der Ferien, zum großen Abschiedsessen, einigen sich alle auf Artischocken, und nie habe ich die Familie so entspannt beisammen gesehen: eine Schar hoch beschäftigter, Blätter zupfender, glücklicher Kinder.

Essen ist niemals banal. Für Kinder ist es wichtig, in Harmonie mit sich und den anderen zu essen. »Die Liebe«, sagt Sigmund Freud, »entsteht in Annäherung an das befriedigte Nahrungsbedürfnis«77, und wir alle ahnen, nein, wir alle wissen, dass Essen tatsächlich unendlich viel mit Liebe zu tun hat. Alle Schattierungen von Liebe und Hass und sämtliche Zwischentöne spiegeln sich im Essen. Was einem mit Liebe gereicht wurde, nimmt man gern an, das schluckt man gern und verdaut man gut. Was einem hingegen gleichgültig oder lieblos gegeben wurde, spuckt man aus oder es bleibt einem als unangenehmer Brocken quälend im Halse stecken. Man kann und will es nicht verdauen. Man will das Ungeliebte von außen nicht in eigene Körpersubstanz umwandeln, denn nichts anderes ist der Vorgang des Kauens und der Verdauung: Nahrung wird zur Ichsubstanz.

Alles beginnt auch hier mit den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt. Gestilltwerden, das Annehmen der süßen Muttermilch (oder ihres Ersatzes) ist die allererste und wichtigste Interaktion des Säuglings mit der Mutter. Gelingt dieser Prozess, kann man davon ausgehen, dass das Kind gut angekommen ist auf dieser Welt, dass es weiter wachsen – und vor allem weiter trinken – will und dass es die Menschen in seiner Umgebung als verlässlich erfährt. Über die erste (Milch-)Nahrung verinnerlicht es Verlässlichkeit und Liebe.

Wenn dieser Prozess nicht gelingt, wenn das Kind die Nahrung nicht annehmen kann, sondern mit Appetitlosigkeit, Brechreiz, Allergien und Koliken reagiert, offenbart sich darin, dass es noch nicht sicher in dieser Welt verankert ist, dass es noch keine Balance zwischen Innen und Außen gefunden hat. Unbewusst misstraut es dem, was ihm zugeführt wird, und der Körper wehrt sich gegen Nahrung.

Kaum ein Bereich der Kindesentwicklung – und später der Erziehung – ist derart emotional beladen und derart störungsanfällig wie das Essen.78 Natürlich wollen die allermeisten Eltern das Beste für ihr Kind. Doch das Kind entwickelt seinen Eigenwillen, vor allem seinen eigenen Geschmack und besondere Abneigungen, und es bedarf eines ständigen Aushandelns zwischen den Vorstellungen der Eltern und denen des Kindes. Viele Eltern bringt das nicht nur an die Grenzen ihrer Geduld, sondern auch ihrer Pädagogik.

Früher war scheinbar alles viel einfacher. Es gab klipp und klare Ge- und Verbote das Essen betreffend: »Der Teller wird leer gegessen!« – »Am Essenstisch wird nicht gesprochen!« – »Zur Strafe gibt es kein Dessert!« – und so weiter. Aber selbst wenn es wirklich einfacher war, so war es noch lange nicht besser. Wir können uns ausmalen, welch unterschwelliges Leid die starren Essensregeln den Kindern bereiteten und welche Tricks sie sich ausdenken mussten, um sich nicht vollends die Lust am Essen verderben zu lassen (manche Kinder schütteten das ungeliebte Essen einfach in die Ärmel oder Hosentaschen). Weil die Kinder früher kaum eine Vorstellung beziehungsweise keinen Vergleich hatten, dass es auch anders, nämlich freier und fröhlicher, beim Essen zugehen könne, schluckten sie die Nahrung brav und manchmal stumm in sich hinein.

Nur einige wenige, besonders gezeichnete oder besonders mutige Kinder wagten den offenen Widerstand: »Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!« Mutig war der Suppenkaspar tatsächlich. Aber wir wissen ja, wie elend es mit ihm ausgeht – und Kinder von damals, die die Geschichten vom Struwwelpeter meist auswendig kannten, waren gewarnt.

Manche Kinder, die keinen Widerstand leisten konnten, die ihre Suppe (äußerlich) brav auslöffelten und ihr Brot brav kauten, flohen (innerlich) in die Fantasie. So wie der Schriftsteller Amos Oz, der behauptet, als Kind eigentlich nie Lust auf Essen gehabt zu haben, außer auf Mais und Eis: »Ehrlich gesagt, beneidete ich manchmal sogar ein wenig jene hungrigen Kinder in Indien, die nie von jemandem gezwungen wurden, ihre Teller leer zu essen.«79

Essen ist Interaktion zwischen dem Kind und seiner Mutter, aber ebenso zwischen ihm und seiner sozialen Gruppe. Keine Feier, kein biografisches, religiöses oder jahreszeitliches Fest ohne die dazugehörigen Speisenfolgen. Und genau so wie sich das menschliche Urvertrauen mikrokosmisch im Kontakt zwischen Mutter und Kind aufbaut und fortwährend festigt, so bindet sich die kulturelle und religiöse Identität des Kindes an die festlichen Mahlzeiten seiner Gemeinschaft. Ich werde nicht müde, den Erzählungen anderer zuzuhören, wenn sie von den Gerichten ihrer Kindheit sprechen. Das ganze Bündel der Erinnerungen scheint in den Speisen konzentriert – jede einzelne steht für ein Gefühl, das mit anderen geteilt wurde. Mit den Speisen von damals lebt ein ganzes Universum auf: nicht nur das der Kinder, sondern das eines ganzes Milieus.

Machen wir hier einen Sprung in eine andere Welt. Für den kamerunischen Soziologen Iwiyé Kalla Lobé zählt in der Erinnerung an seine Kindheit weniger, was er damals gegessen hat, sondern wie. Alle griffen mit der Hand in die große Familienschüssel, vom Kleinkind bis zum Großvater. Lobé schreibt: »Es gibt eine besondere Intensität, wenn man gemeinsam die Hand in die große Schale streckt. In diesem köstlichen Moment fühlt man ganz tief in den Zellen seines Körpers, dass man dieselbe Essenz miteinander teilt, dass man Teil hat an denselben menschlichen Bedingungen wie alle anderen Familienmitglieder, die da zum großen Familienmahl gruppiert sind.«80

Vielleicht sollten wir unsere Kinder wieder öfters mit den Händen essen lassen. Essen ist Liebe – und da ist alles erlaubt.

F

»Die Vokale entsprechen dem Ruach, dem Geist. Ohne Vokale, ohne den Geist, kann kein Leben sein. Die Konsonanten, die ihre Zeichen, ihre Buchstaben haben, entsprechen dem Körper.«

Friedrich Weinreb

Familie

»Wenn man Menschen in Amerika oder Europa fragt, was ihnen im Leben am wichtigsten ist, nennen sie immer noch ihr Zuhause und die Familie an erster Stelle, nicht einmal Religion oder Gemeinschaft können da mithalten.«

John R. Gillis

Der erste offen homosexuelle Imam in Frankreich heißt Ludovic Mohamed Zahed. Er ist mit seinem Partner Khiam standesamtlich und religiös verheiratet und erklärt in einem Interview, dass er und sein Ehemann nach Südafrika auswandern wollen, um dort eine Familie zu gründen.81 In Südafrika, davon ist das Paar überzeugt, gibt es seit Jahren sichere und freundlichere Rahmenbedingungen, unter denen ihre zukünftigen Kinder aufwachsen werden können. Es sollen ein Mädchen und ein Junge sein. »Nein, lieber drei Kinder«, fügt Khiam hinzu, gezeugt von den beiden Männern und ausgetragen von Leihmüttern. So der gemeinsame Plan. Die beiden wünschen sich sehnlichst eine richtige Familie.

Dabei wissen wir doch längst: Es gibt sie nicht mehr, die richtige Familie, die klassische, allgemein verbindliche Form des Zusammenlebens zwischen Mann, Frau und Kindern. Überall ist Bewegung, Umbruch, Neuerung. Freilich hat es auch in der Vergangenheit nicht immer die eine richtige Form der Familie als einzig ideale Weise des Zusammenlebens gegeben. Wenn man die Geschichte der Familie neu schreiben würde, wären die Abweichungen von dem je herrschenden Familienideal sicher der spannendste Teil.

Heute leben wir wie selbstverständlich mit vielfältigen alten und neuen Familienformen: Kern- und Großfamilien, Alleinerziehende, Patchwork-, Homo- und Adoptivfamilien und dazu einige durch die moderne Reproduktionsmedizin ermöglichte neue Konstellationen, die manchmal so verwirrend-kompliziert sind, dass es für sie noch keine wirklichen Namen gibt.82 Viele dieser Familienformen wurden vor nur wenigen Jahrzehnten als befremdlich wahrgenommen. Schaut man heute in die Namenslisten einer Großstadt-Grundschulklasse, findet man gut ein Drittel der Kinder ohne Vater (seltener ohne Mutter), manchmal gibt es zwei Mütter oder zwei Väter. Fast die Hälfte der Eltern ist nicht verheiratet, und die verheirateten Paare werden von Jahr zu Jahr weniger. Hand in Hand mit dieser sozialen Realität wächst die Akzeptanz der neuen Familienformen, wobei allerdings die extremen regionalen und kulturellen Unterschiede ins Auge fallen. Es ist also kein Zufall, wenn der Imam das Land wechseln will, um seine Familie zu gründen.

Jeder nostalgische Rückblick auf ein Familienleben, das früher anscheinend tragfähig und intakt war, mit klarer Rollen- und Aufgabenverteilung der Geschlechter, mit väterlicher Autorität und mütterlicher Rundum-Fürsorge, ist heute müßig. Kaum jemand wird das Rad der Geschichte zurückdrehen und zu traditionellen Familienstrukturen zurückkehren können. Zu sehr hat sich, vor allem durch moderne Methoden der Geburtenkontrolle und die fortgeschrittene Berufstätigkeit der Frauen, das Verhältnis der Geschlechter zueinander verschoben – weg von wirtschaftlicher und moralischer Abhängigkeit der Frauen, hin zu mehr Egalität im sozialen Raum.

Aber dennoch: Junge Menschen – und nicht nur sie – heiraten immer wieder, zelebrieren ihre Hochzeit mit einer Innigkeit und Intensität, als gäbe es keine Scheidungsstatistiken. Andere ziehen ohne Eheschein zusammen und bauen ein Nest für sich und ihre Kinder. Homosexuelle Paare kämpfen leidenschaftlich nicht nur um ihre Anerkennung, sondern auch um juristische Absicherung und Gleichstellung.

Was treibt diese Paare in die Bindung? Was treibt sie in die Familie?

Was auf den ersten Blick widersinnig erscheint, ist es bei näherem Hinblicken keineswegs. Der tiefe Wunsch nach Bindung in der Familie, der Wunsch nach Kindern, auch und gerade bei homosexuellen Paaren, ist gar nicht irrational. Die Seele, sagt der Philosoph Theodor W. Adorno, ist stets konservativer als der Verstand. Und sie hat gute, überzeugende Gründe hierfür. In den tieferen Schichten des Menschen verborgen liegt eine sprachlich und gedanklich kaum fassbare Sehnsucht nach Dauer, nach Ausschließlichkeit und umfassender Annahme der eigenen Person. All dies erhoffen sich Menschen, Männer und Frauen gleichermaßen, wenn sie eine Familie gründen.

Die Sehnsucht nach Dauer entspringt dem frühkindlichen Wunsch, nie von der Mutter, der Quelle von Nahrung, Wohlbehagen und Glück, getrennt zu sein. Die Bindung an den Partner oder die Partnerin soll genau wie die frühe Bindung zur Mutter niemals bedroht sein durch plötzlichen Abbruch. Nicht umsonst lautet die Formel der religiösen Eheschließung »bis dass der Tod euch scheidet«.

Die Sehnsucht nach Ausschließlichkeit, auch sie ist ein früh angelegtes Begehren in uns allen. Wir wollen für den anderen wichtig sein, am liebsten unersetzlich. Wo, wenn nicht in der Liebe, möchten wir nicht austauschbar sein, und zwar ewig. Auch hier setzen sich lebensgeschichtlich sehr frühe Impulse durch: Die Sehnsucht nach Ausschließlichkeit geht mit dem ursprünglich narzisstischen Wunsch des kleinen Kindes einher, einzig auf dem Schoß der Mutter zu thronen, einzig an der Brust zu saugen, mit niemandem teilen zu müssen, Mittelpunkt ihrer Welt zu sein!

Und schließlich entspringt auch die Sehnsucht nach umfassender Annahme der eigenen Person einem frühkindlichen Impuls. Wir konnten nur wachsen und gedeihen, wenn die eigene Mutter uns so annahm, wie wir waren, lockig oder kahlköpfig, dick, mager oder schielend. Wenn man sich die Mütter in den Entbindungsstationen oder später auf den Spielplätzen anschaut, entdeckt man, dass jede ihr eigenes Baby und Krabbelkind als das süßeste von allen empfindet. Und wenn es nicht so ist, wenn die Mutter mit anderen Babys liebäugelt und mit ihrem eigenen Kind unzufrieden ist, wenn sie kritisch an ihm herumnörgelt, ist dies keine gute Basis für das Gedeihen des Kindes. Das Grundgefühl, rundum in seiner Person angenommen zu sein, auch wenn man sich krank und elend fühlt, gibt das Rückgrat im Leben, den inneren Halt. Und dieses im Partner oder in der Partnerin wiederzuerlangen, dem gilt alle spätere, zumeist verborgene Sehnsucht.

Wer eine Familie gründet, möchte in seiner Gesamtheit, mit seinen Sonnen-, aber auch seinen Schattenseiten anerkannt werden, mit seinen Träumen, Erinnerungen, seinen Traurigkeiten und seinem Ärger, ganz so, wie die meisten Menschen sich in früher Kindheit von ihrer Mutter angenommen fühlten.83 Im Akt der Familiengründung ist all dies verheißen. Für die Erwachsenen und ebenso für die zukünftigen Kinder. Wie immer die Familie zusammengesetzt sein mag, gibt es für uns Gründe genug, ihr mit Achtung zu begegnen.

Farben

»Farben sind Taten des Lichts. Taten und Leiden.«

Johann Wolfgang von Goethe

»Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wusste gar nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Sammet, und weil ihm das so wohl stand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen.«84 So beginnt das Märchen Rotkäppchen, mit dem zahlreiche Kinder groß werden. Für die meisten ist es das erste und vertrauteste Märchen überhaupt. Rotkäppchen steckt in uns allen.

Viele frühe Kindheitserinnerungen kreisen um Farben und auffallend häufig nur um eine einzige. Anders als Erwachsene, die ihre Lieblingsfarbe direkt benennen – »Ich liebe das Blau« –, verbinden Kinder ihre Lieblingsfarbe instinktiv und unauslöschbar mit einem Gegenstand: das rote Käppchen aus dem Märchen, der grüne Wackelpudding, der gelbe Teppich des Kinderzimmers. Der mit diesem Gegenstand verbundene Affekt verschmilzt mit der Farbe und überträgt sich auf sie. Mal erscheint sie in gutem oder gar strahlendem Licht (im Beispiel von Rotkäppchen wird das Rot mit weichem Samt und Liebe assoziiert), aber es kann ebenso gut in die andere Richtung gehen. Wenn ein Kleidungsstück das Kind kratzte oder beschämte, dann überträgt es diese Emotion ungebrochen auf dessen Farbe. »Ich hasse Lila«, sagt es dann später, weil Lila die Farbe der hässlichen Bluse war, die eine grässliche Tante ihm zu Weihnachten geschenkt hatte.

Kinder fühlen sich durch Farben, zu denen man sie zwingt, ähnlich verletzt wie durch Worte oder Gesten. Ein Mann erzählt, dass er seine ganze Kindheit hindurch »nur Braun« getragen habe, und das ganze braune Unbehagen steht in seinem Gesicht. Wenn Kinder wiederholt Kleidungsstücke anziehen müssen, die ihnen farblich zuwider sind, dann spüren sie dies als negative Schwingungen, ja als Kränkung vonseiten der Erwachsenen, die sich über ihre Wünsche hinwegsetzen. Und ich bin überzeugt, viele morgendliche Kämpfe von Müttern mit ihren Kindern um die Frage, was heute angezogen werden soll, drehen sich in Wirklichkeit um die Farben der Hosen, T-Shirts, Socken und Kleider – kurz: um die Farben und die damit verbundenen Gefühle der Kinder.

Kinder haben einen lebendigen Impuls, ihre ureigene Farbe, ihre Seelenfarbe zu entdecken und auszuleben, das heißt zu malen und in tausend Formen hervorzuzaubern oder eben am eigenen Leib als Kleider zur Schau zu tragen. Und dennoch wird dieser Impuls schon früh von kulturellen und der Mode unterworfenen Eingriffen der Erwachsenen gebremst und gelenkt. Es beginnt mit dem Rosa und Hellblau, mit dem das Neugeborene auf dieser Welt begrüßt wird. Eine große Anzahl von Eltern verfällt, darin kräftig unterstützt von Werbung und Verwandtschaft, in einen Rausch von Rosa oder Hellblau. Nicht nur Babykleidung, sondern schlichtweg alles, vom Löffel bis zum Bettzeug, von der Flasche bis zum Roller: alles in Rosa, alles in Hellblau. Vergessen sind die wissenschaftlichen Untersuchungen aus Jahrzehnten, die doch beweisen wollten, dass Mädchen zu Mädchen nicht geboren, sondern gemacht werden – unter anderem durch allzu viel Rosa.85

Aber das ist nur der Anfang: Unmerklich wächst das kleine Kind in das System der kulturellen Deutungsmuster hinein. Da gibt es schreiende und schrille Farben, bei denen die Erwachsenen das Gesicht verziehen. Da gibt es passende und unpassende und sogar schockierende Farben, und auch das schaut sich das Kind von seiner Umgebung ab. Sätze wie etwa »orange ist so kitschig« oder »rot so auffallend« verankern sich im kindlichen Bewusstsein wie Lehrsätze.

Wenn ich Kinder nach ihren Lieblingsfarben frage, dann stocken sie auffällig oft. Sie antworten zögerlich, und ich spüre, wie ihre spontanen Einfälle überlagert sind von den Sichtweisen der Erwachsenen. Oft haben sie Angst, sich wirklich zu ihrer Farbe zu bekennen, weil sie ahnen, damit anzuecken oder ausgelacht zu werden. Was könnte etwa passieren, wenn sie wirklich sagten: »Meine Lieblingsfarbe ist Gold«?

Aus meiner eigenen Kindheit erinnere ich mich sehr genau an eine seltsame Art von Transformation meiner Lieblingsfarbe. Von früh an liebte ich Rot. Bereits mit drei Jahren, kaum dass ich sprechen konnte, wünschte ich mir einen roten Rock. Nachdem ich aber über Jahre hinweg dieses Begehren bei meiner Mutter nicht befriedigen konnte, nachdem meine Rot-Sehnsucht immer wieder ins Leere lief, begrub ich sie einfach und verlagerte mich auf Hellblau. Noch heute spüre ich die Intensität dieses neuen Gefühls, ich verklärte das Hellblau zu meiner Himmelsfarbe. Meine Mutter, die mich von nun an mit blauen Anoraks versorgte, war anscheinend zufrieden. Aber ich weiß, die eigentliche, tief verborgene und nun verdrängte Sehnsucht galt stets dem Rot. Wie sagt Ingrid Riedel so schön in ihrem wunderbaren Buch Farben: »Rot ist zugleich die Lieblingsfarbe der Kinder.«86 Recht hat sie. Denn Rot ist die Farbe des Lebens. Und im Chinesischen sogar des Glücks.

Ferien

»Meine Schulkameraden und ich, wir haben uns tolle Sachen erzählt: was wir alles machen wollen in den Ferien. Aber dann hat Chlodwig gesagt, er rettet wieder jemand, der ertrinkt, wie voriges Jahr – so’n Quatsch! Ich habe gesagt, er lügt, nämlich ich hab ihn doch im Schwimmbad gesehen und er kann ja gar nicht schwimmen.«

René Goscinny

Das Schönste an den Ferien ist, dass sie mit Sicherheit wiederkehren. Ferien sind ja per se nicht immer nur glückserfüllt, doch sie sind das pure Gegenteil von Schule und deshalb so begehrenswert. Kein frühes Rausreißen aus den Träumen, kein Gedrängel im Schulbus, keine Klassenarbeit, kein Nachsitzen – frei sein von all dem. Man gehe nur einmal an einem letzten Schultag vor den Sommerferien auf einen beliebigen Schulhof: Das Gekreische der Kinder gilt nicht (nur) den Ferien selbst, sondern der Befreiung von der Schule.

Was die Ferien anbelangt, so ist es ein bisschen wie Weihnachten. Entweder sie gestalten sich rundum kinderfreundlich, das heißt die wie auch immer zusammengewürfelte Familie verbringt diese Zeit auf intensive Weise und zur Zufriedenheit aller gemeinsam – und dies am liebsten auf Reisen. Oder aber die schon bestehenden Risse und Nöte einer Familie brechen, jenseits von Arbeits- und Schulroutine, in den Ferien offen und destruktiv auf und bedrängen alle – und eben auch das Kind. Nicht wenige Kinder in Trennungs- oder Scheidungsfamilien beispielsweise spüren gerade jetzt die Entfremdung der Eltern doppelt und müssen komplizierte Ferienarrangements über sich ergehen lassen.87

Bisweilen ist Reisen auch Prestigeangelegenheit. Deshalb quälen sich Kinder aus sozial schwachen Familien häufig und fühlen sich beschämt, wenn die anderen von fantastischen Ländern erzählen, sie selbst derweil zu Hause oder bei der Oma blieben. Da bleibt als Ausweg, sich selber Reiseabenteuer auszudenken. Viele Jungen und Mädchen sind darin Meister. Sie erlügen sich originelle Feriengeschichten, um mit den schillernden Schilderungen der anderen mitzuhalten (kürzlich erfuhr ich von einem Jungen, der sogar eine »Bombe vor dem Hotel« erlog). Das allerdings spricht nicht gegen diese Kinder, sondern eher für ihre lebendige, kreative Fantasie.

Nicht selten erlebt man auch, wie Eltern sich zielgerichtet um Fremdunterbringung der eigenen Kinder bemühen (Organisation von Ferienlagern, Ausland-Austausch und anderes), um in den Ferien entlastet zu sein oder aber ihrer Arbeit nachgehen zu können. Familienferien mit Kindern sind oft aufreibend und deshalb nicht jedermanns Sache.88 Und so erlaubt denn auch die Weise, wie eine Familie ihre Ferien plant89 und schließlich real durchlebt, Rückschlüsse auf die Art des familiären Umgangs und Zusammenhalts generell. Schließlich sagt die Feriengestaltung viel über Bildungsbeflissenheit einer Familie aus. Manche Eltern wollen jeden freien Moment ihrer Kinder für deren kulturelle, musikalische und sportliche Weiterbildung nutzen und finden reichlich attraktive Angebote dazu.

Ich halte dieses Zwischenreich der Schulferien für eine große Chance, dass die Kinder sich wenigstens vorübergehend erholen dürfen von dem dauernden Müssen, von dem dauernden Gefordertsein, von dem Eingespanntsein in Zeitfenstern. Kinder brauchen rhythmisch wiederkehrende Pausen und Freiräume, um Impulse auszuleben, die während der Schulzeit niedergehalten werden müssen.

Plötzlich, ganz ohne Schule, beginnt das Kind nämlich überraschend zu experimentieren, es findet und erfindet Ungewohntes und Unerwartetes – bisweilen auch unter Gefahr. Es verläuft sich, es verirrt sich, es verwundet sich, es spielt auch mal verrückt – es geht an die Grenzen. Allein oder mit anderen. Und nicht zufällig ereignen sich in diesem Reich der Freiheit dann auch spontan aufregende Dinge: Das Kind fährt plötzlich Fahrrad. Es raucht seine erste Zigarette. Es erlebt die ersten Küsse und durchleidet Liebeskummer. Nie werde ich vergessen, wie sich mein jüngster Sohn, damals kaum zehn, in das Zirkuskind Betty verliebte, das jeden Abend mit Federn bekleidet auf einem Kamel ritt. Eine Woche lang hat er den Zirkus begleitet, Abend für Abend, und ich bin sicher, er hat damals, als er Betty irgendwann aus den Augen verlor, eine erste und tiefe Ahnung von Liebeskummer und Liebesverlust durchlebt.

Eine Kinderregel: In der Schulzeit lernt das Kind Rechnen und Schreiben. In den Ferien darf es Buchstaben und Zahlen vergessen und lernt das Leben selbst. Und das Heilsame daran ist der zuverlässige Wechsel von beidem.

Film

»Was ist bewegender als eine Liebesgeschichte mit einem Kind?«

Roberto Benigni

Ich kenne eine Frau, die den Film Ronja Räubertochter siebenmal im Kino gesehen hat. Es musste Kino sein! Nirgends, so meint sie, gibt es einen so ekstatischen Frühlingsschrei wie in diesem Film. Nicht einmal im wirklichen Leben selbst. Warum muss eine erwachsene Frau, Pfarrerin, Mutter von Töchtern, ins Kino gehen, um sich diese Sehnsucht nach dem archaischen Frühlingsschrei zu erfüllen? Warum genügt es nicht, das wunderbare Buch von Astrid Lindgren zu lesen? Warum muss es Kino sein?

Die Antwort ist einfach: Gute Filme gehen unter die Haut. Filmemacher haben ein sensibles und gleichzeitig scharfes Sensorium für den Menschen und was ihn umtreibt. Sie wagen sich vor und erspüren den Zeitgeist oft früher als andere. Und gleichzeitig wissen sie auch, dass die Seele des Menschen konservativ ist und sich deren Urbilder über die Zeiten hinweg immer gleichen. In diesem Spannungsfeld werden hochwertige Filme gemacht, und was das jeweils Besondere ausmacht, ist die Mischung dieser beiden Pole – abgesehen von der technischen und ästhetischen Qualität der Kamera.90

Hinzukommt, dass Filmemacher eine besondere Wahrnehmungsart haben, die Dinge der Welt zu sehen, beziehungsweise nicht nur zu sehen, sondern auch innerlich aufzunehmen. Cineasten haben eine coenästhetische Wahrnehmung – wie Clowns, Musiker, Maler, Flieger, Akrobaten – und eben wie Kinder! Dem Psychoanalytiker und Kinderarzt René Spitz verdanken wir eine nähere Beschreibung dieser besonderen Art des Aufnehmens von Sinneseindrücken, die er als das früheste Kommunikationssystem des Menschen überhaupt beschreibt. Darin finden sich gebündelt »Gleichgewicht, Spannungen (der Muskulatur und andere), Körperhaltung, Temperatur, Vibration, Haut- und Körperkontakt, Rhythmus, Tempo, Dauer, Tonhöhe, Klangfarbe, Resonanz, Schall und wahrscheinlich noch eine Reihe anderer, die der Erwachsene kaum bemerkt, und die er gewiss nicht in Worte fassen kann«.91 Das sind die Zeichen und Signale, innerhalb derer sich das neugeborene Menschenkind bewegt – das ist seine Sprache. Und das ist die Sprache der oben genannten Menschengruppen (Clowns, Musiker usw.) und die der modernen Filmemacher und Schauspieler. (René Spitz hat Letztere leider unterschlagen, dabei musste ihm zumindest Charlie Chaplin gut vertraut gewesen sein). Gerade sie wollen den Betrachter nicht (nur) auf der rationalen, sprachlich geordneten Wahrnehmungsebene erreichen, sondern auch in den tieferen Schichten der Emotionen. Hier einige Beispiele:

Kein Buch über Liebe und Bindung zwischen Vater und Kind berührt uns wie Charlie Chaplins Der Vagabund und das Kind (The Kid, 1921). Keine Abhandlung über Scheidung lässt uns so mitleiden wie der Film Kramer gegen Kramer (Kramer vs. Kramer, 1979). Im französischen Film Sie küssten und sie schlugen ihn (Les 400 coups, François Truffaut, 1959) erfahren wir alles über schlechte Eltern, ignorante Lehrer, Kinosucht und die Notwendigkeit von Kinderlügen.

Die Verlassenheit und die Angst eines Kindes durchlebt man bei Oliver Twist, und zwar sowohl in dem alten englischen Meisterwerk von 1948 als auch in Roman Polanskis Verfilmung von 2005. Ein Gespür und zugleich Erschauern über die Folgen frühkindlicher Traumatisierung – hier die abrupte Trennung von den Eltern – vermittelt uns Orson Welles’ Meisterwerk Citizen Kane aus dem Jahre 1949. Eine Ahnung, wie ein nicht-erzogenes, sogenanntes wildes Kind fühlt – ja: fühlt –, bekommen wir angesichts der Regenszene in Der Wolfsjunge (L’enfant sauvage, François Truffaut, 1970).

Die Lust eines Kindes, das sich durch keine Moral- und Erziehungsregeln der Welt an seiner Entdecker- und Fragefreude einschränken lässt, erleben wir in Zazie (Zazie dans le métro, 1960) von Louis Malle. Und derselbe Regisseur bringt uns zum Weinen mit seinem Film Auf Wiedersehen, Kinder (Au revoir les enfants, 1987).

Wir erleben die grenzenlose Tiefe der Vatersehnsucht in dem brasilianischen Filmkunstwerk Station Central (Central do Brazil, 1998) von Walter Salles. Wir begeben uns in die Abgründe der hoffnungslosen und verirrten Jugendlichen in den Megastädten in Luis Buñuels Klassiker Die Vergessenen (Los Olvidados, 1950). Und schließlich sind wir zerrissen zwischen Lachen und Weinen in Roberto Benignis anrührendem Film Das Leben ist schön (La vita è bella, 1997).

Der französische Dichter Jacques Prévert, der auch Drehbücher verfasste – unvergesslich vor allem Die Kinder des Olymp92 –, beschreibt einmal die Aufregung seiner sonntäglichen Kinobesuche mit seinen Eltern, die fast einem Ritual glichen.93 Das Kino hebt, anders als das Fernsehgerät zu Hause, aus dem normalen Zeitgefüge heraus und hinein in ein anderes Zeit- und Raumgefühl. Und wirklich wertvolle Filme ähneln ein bisschen den Märchen. Sie enthalten Botschaften für jede Generation. Alt oder jung, jeder nimmt sich aus dem Film, was er für sich braucht, was seinem Geist und seiner Seele Nahrung gibt. Die Befürchtung mancher Erwachsener, Kinder könnten noch nicht alles verstehen, ist falsch. Sie holen sich genau das, wofür sie gegenwärtig empfänglich beziehungsweise reif sind. Für sie Unverständliches lassen sie beiseite, überhören und übergehen es und orientieren sich an dem, was für sie stimmig ist. Später dann, wenn diese Kinder herangewachsen sind, kann es durchaus sein, dass sie die Filme längst vergessen haben. Nicht jedoch die langen Nachmittage, an denen sie Seite an Seite mit ihren Eltern, mit Großeltern, Geschwistern oder Freunden – oder womöglich auch ganz allein – auf den roten Samtsesseln in einer anderen Welt versunken waren. Mag sein, dass sie am Ende einzig das Rot erinnern. Aber was für ein Rot!

Fliegen

»Der Wind hat Spiele, das Kind seine Ziele, es wittert das Fliegen.«

Theodor Däubler

Die neunjährige Josephine erzählt von ihrem wiederkehrenden Traum: »Wirklich, ich konnte fliegen. Und ich konnte die Menschen verzaubern, dass sie auch fliegen konnten. Ich habe sie mit meinem Finger berührt, und schon flogen sie los.« In einem Traum wie diesem geht es ganz sicher nicht um Flugzeuge und Flugmaschinen. Es geht um das elementare Gefühl, aus eigener Kraft abheben zu können – wie ein Vogel, wie ein Schmetterling oder irgendein Zauberwesen. Und fast ebenso faszinierend ist es für das Kind, von Großen an Armen und Beinen kreisend durch die Luft gewirbelt oder geschleudert zu werden. Die Erfahrung, abzuheben und sicher wieder aufgefangen zu werden, ist überaus wichtig, und das Kind muss sie unzählige Male wiederholen, damit sie wirklich unauslöschlich im Körperinnern verankert ist.

Der Traum, fliegen zu können, ist vielleicht so alt wie die Menschheit selbst. Die Sage von Ikarus ist nur ein, allerdings besonders faszinierendes, Dokument dieser Sehnsucht.94 Der Mythos zeigt, dass der Wunsch zu fliegen viel mehr als nur ein normales Begehren unter anderen ist. Er kann übermächtig sein und sogar zur Sucht werden: Immer höher, weiter, schneller soll es gehen: »Mehr, mehr!«, ruft der kleine Häwelmann in der gleichnamigen Kindergeschichte von Theodor Storm.95 Er kann nicht genug bekommen von der Himmelsreise in seinem Kinderbettchen.

Warum diese Sehnsucht nach Fliegen? Warum dieser Ruf nach mehr? Und warum dieser Thrill? Der Traum vom Fliegen rührt womöglich an einen tief existenziellen Widerspruch, dem Antagonismus von Schwere und Schwerelosigkeit, dem wir als Menschen ausgesetzt sind. Vorgeburtlich lebten wir als schwimmendfliegende Wesen außerhalb der Schwerkraft. Unser Sensorium war reines Körperempfinden oder, wie René Spitz es formuliert, coenästhetische Wahrnehmung.96 Nicht mittels Sprache und Zeichen fühlten wir damals, sondern mittels einer bis in die Zellen gehenden und alle Sinne umfassenden Tiefensensibilität.

Nach einer Phase von nur wenigen Wochen und Monaten – und für die meisten Eltern viel zu schnell – beginnt das Sich-Aufrichten des Säuglings, der Kampf gegen die Schwerkraft. Zuerst ist es der Kopf, der sich erhebt, dann der Oberkörper; das Kind lernt sitzen, und irgendwann nach dem ersten Lebensjahr beginnt der aufrechte Gang. Das viele Fallen beim Laufenlernen weist das Kleinkind ein in die Regeln der Schwerkraft. Es gibt kein Zurück.

Außer beim Fliegen! Ähnlich wie beim Schwimmen im Wasser werden die Gesetze der Schwerkraft auf den Kopf gestellt. Plötzlich ist alles leicht, man hebt ab, die Luft, die Wolken, der Wind oder die Gänse tragen. Und sie tragen sicher – jedenfalls in den (meisten) Kinderträumen.97

Sobald das Kind dagegen in die Erziehungsinstitutionen eintritt, ist für solche Kinderträume nicht mehr viel Platz. Die individuellen Vibrationen der Kinder stören den Ablauf in Kita und Schule, wo es um Arrangements in der Gruppe geht, um Gleichklang, Ordnung und Disziplin. Hier soll das Kind Realität und deren Spielregeln lernen: »Auf der Erde steh ich gern«, singen die Kinder gemeinsam vor dem Unterricht. Es würde die Schulordnung verwirren und ad absurdum führen, sängen die Kinder stattdessen: »I believe I can fly.«

Irgendwann lassen die meisten Kinder ihre Fliege-Fantasien hinter sich. Sie vergessen oder verdrängen sie. Aber das Verdrängte lässt sich doch nie vollends verschütten oder gar abtöten. So ist es kein Wunder, wenn später im Erwachsenenalter in Phasen besonderer seelischer Empfindsamkeit, bei Trauer oder in Hochstimmung, unter Drogen oder natürlich in Träumen die Sehnsucht nach dem vorgeburtlichen Schwebezustand immer wieder durchbricht.

Manche Erwachsene sind sich ihrer Sehnsucht nach Fliegen bewusst und werden ganz real Pilot oder Flugbegleiter. Andere wiederum brauchen gar nicht die Realität eines fliegenden Berufs. Als Musiker, Dichter, Maler oder Tänzer dürfen auch sie schweben, allerdings im übertragenen Sinne. Und zum Glück gibt es die Schriftsteller, die den Kinderträumen und -sehnsüchten sehr nahe sind: Astrid Lindgren (mit Hans vom Dach und Mio, mein Mio), Selma Lagerlöf (mit Nils Holgerssons wundersamer Reise), Joanne K. Rowling (mit Harry Potter), Gerdt von Bassewitz (mit Peterchens Mondfahrt) und Michael Ende (mit seiner Unendlichen Geschichte). Sie alle haben ein tiefes Wissen, dass »die Kunst des Fliegens real und jederzeit für jeden erlernbar ist, dem der Sinn danach steht«.98

Fragen

»Wenn dich dein Kind morgen fragen wird, …«

5. Mose 6,20

Ich liebe Kinder, die viel fragen. Zum Beispiel: »Was heißt bewundern?«; »Was ist eine Weisung?«; »Was heißt vergänglich?« Besonders direkt und gleichzeitig bohrend fragt der kleine Prinz bei Saint-Exupéry. Und er fragt stellvertretend für alle Kinder. Nichts ist gegeben. Gar nichts versteht sich von selbst. Oft sind es Welten, die das fragende Kind von den großen Leuten trennt. Und je sicherer die Antworten der Erwachsenen ausfallen, desto provozierender fragt das Kind weiter. Es möchte alles wissen. Wohlgemerkt: alles. Es will wissen, wie es auf die Welt kam – dies vor allem! Und woher die Berge kommen, das Meer, die Flüsse und die Tiere, und warum es Mörder gibt. Es will sich durch sein Fragen die Welt aneignen, auf seine eigene Weise.

Seine ersten Fragen richtet das Kind an Mutter und Vater. Sie dürfen nicht ins Leere gehen. Sie müssen wie ein Ball aufgefangen werden, damit das Fragen und Antworten zur Gewohnheit wird. Damit der Dialog nicht versickert und nicht entgleist.99 Wo nämlich der Austausch von Frage und Antwort endet, wo die Fragen der Kinder ins Leere gehen, da hört das Kind häufig auf, weiter zu erkunden. Es begnügt sich mit dem Gegebenen, so wie es ist, und irgendwann interessiert es sich nicht mehr, warum etwa Menschen und Tiere sterben müssen. Es verliert den brennenden Impuls, hinter die Dinge zu schauen – zu transzendieren.

Denn auch darum geht es: das Geschaute und offensichtlich Gegebene zu hinterfragen und damit hinter seine Geheimnisse zu gelangen. Die äußere Realität der Dinge nimmt jedes Kind mit seinen Sinnen deutlich wahr – es sieht, es hört, es riecht und tastet –, aber dem Wesen der Erscheinungen muss es durch Fragen nachspüren: Wie sind wir entstanden? Wie bin ich entstanden? Wer hat uns Menschen gemacht? Wer hat mich gemacht?

Die meisten Eltern und Lehrer sind dankbar für die Fragen der Kinder, ist es doch ein Zeichen dafür, dass das Kind lernen will und sich der Welt öffnet. Manchmal stehen wir als Erwachsene staunend vor solchen Fragen, die wir in dieser Radikalität nie hätten stellen können. Ich erinnere mich an einen damals zehnjährigen Jungen in einem Gespräch über die Beziehung zwischen Mensch und Tier. Er fragte mich: »Warum essen wir das, was wir am meisten lieben?«

Ein faszinierendes Beispiel von Fragelust gibt der Knabe Jesus im Tempel. Der Zwölfjährige fiel den Priestern und Gelehrten damals nicht durch seine Frömmigkeit, sondern durch seine kluge, wissbegierige Art des Fragens auf: »Der Knabe sitzt inmitten von gelehrten Theologen, und das lebendigste Gespräch fließt in die Fragen und Antworten herüber und hinüber. Die Lehrer können nicht genug staunen über die Fülle von Wissen und Weisheit, die sich in den Fragen und erst recht in den Antworten des Knaben offenbart. Sie fühlen hier ihre eigene Weisheit weit übertroffen«, schreibt Emil Bock in seinem Buch über Kindheit und Jugend Jesu.100 Als die Eltern ihren drei Tage lang vermissten Sohn wiederfinden, rechtfertigt er sein Verschwinden mit einer Frage: »Muss ich nicht sein bei dem, was meines Vaters ist?«

Ja, es ist immer wieder ein Vergnügen, lebendig fragende Kinder zu erleben. Lebendig fragend heißt: unbeeinflusst von gesellschaftlichen Konventionen. Konventionen, die uns schon früh diktieren wollen, was man fragen darf und vor allem was nicht. Kinder fragen normalerweise unverblümt, direkt: »Oma, wann stirbst du? Warum hast du keinen Mann? Warum sieht die Frau so komisch aus?« Sie haben ein brennendes Interesse, auf diese sehr persönlichen, körpernahen Dinge eine Antwort zu bekommen. Die Zeitangabe »irgendwann« – bezogen auf den Tod der Oma – sagt ihnen gar nichts.

Schnell fahren wir Erwachsenen ihnen über den Mund: »Das fragt man nicht!« Dieser Satz sitzt. Viele Kinder werden durch diesen Satz nachhaltig geprägt. Sie stellen nur noch brave und angepasste Fragen über irgendwelche Sachverhalte oder Funktionsweisen der Dinge. Das Brennende, das Aufwühlende, das dem wirklichen Erkenntnisinteresse des Kindes zugrunde liegt, verschwindet.

Wir Erwachsenen haben es am eigenen Leib erlebt. Ich erinnere mich haarscharf an die Fragen meiner Kindheit und Jugend. Und ich erinnere mich genau, wie unsere Erzieher antworteten. Mit zehn wollte ich wissen, wie Kinder gemacht werden. Als Antwort schenkte man mir eine Babypuppe. Als wir dreizehn-/vierzehnjährig, aufgeweckt durch die Lektüre von Anne Franks Tagebuch, unsere ersten Fragen über den Holocaust stellten (wir benutzten damals dieses Wort noch nicht), wurden die Gesichter der Mütter blass und die Lehrer wandten sich ab. Alle Fragen gingen ins Leere – ins peinliche Niemandsland. Die Erwachsenen ließen uns mit unseren Fragen, mit unseren kleinen Körpern und unseren großen Fantasien vom Krieg allein. Dieses Schweigen, dieser kollektive Entschluss, auf die Fragen der Folgegeneration nicht zu antworten, war eine der schwersten Hypotheken für die Nachkriegsgeneration. Die tatsächliche gesellschaftliche Sprengkraft der Studentenbewegung lag nicht zuletzt darin, dass wir Studenten damals die Antworten auf unsere Fragen erzwingen wollten. Ulrike Meinhof sagte in einem Interview mit Marcel Reich-Ranicki, sie habe andauernd nur eine einzige Frage bewegt, nämlich: »Wie konnte das geschehen?«101

Aber es kann auch anders laufen. Wenn man es nämlich zulässt, dass das Kind seine Fragen frei stellen darf, wird es bald vorwärtsdrängen und immer mehr und immer neue Fragen stellen, die weit über die Erklärung der realen Welt hinausgehen. Es will dann nicht mehr nur wissen, wie es geboren wurde, sondern auch warum: »Warum bin ich ich? Warum bin ich kein Reh?«102 Und eine ganze Reihe weiterer Fragen über die Erschaffung von Mensch und Tier und Kosmos, über das göttliche Prinzip beginnt zu fließen. Für mich als Hochschullehrerin waren die lebendigsten, die fruchtbarsten und glücklichsten Momente jene, wenn die Studierenden vorbehaltlos fragten. Und die trostlosesten, wenn ein Thema kommentarlos – und das heißt fraglos – geschluckt wurde. Wirkliches, lebendiges Lernen ist wie das Fragen selbst: ein hoch dialogischer, dialektischer Prozess. Die Lust des einen, der fragt, erzeugt geradezu die Lust des anderen, der antwortet. Das ist die Kunst des Sokratischen Gesprächs, ja, der Sokratischen Lehre selbst, dass der Dialog durch ständiges Fragen inspiriert und in Gang gehalten wird. Wie, wenn wir unsere Kinder nur ungebremst und frei fragen ließen – vielleicht würden sie dann lauter kleine Philosophen.

Freunde

»Ich kann die Freunde meiner Kindheit nicht zählen, doch viele Gesichter blicken mich noch an. Ich weiß nicht mehr richtig, wer sie sind, doch sie haben ihre tiefen Spuren in mir hinterlassen, sie in mir und ich in ihnen. Wen werde ich wiedererkennen in diesem Spiegelbild?«

Jacques Lusseyran

Jean-Jacques Sempé, der immer leicht melancholische, großartige französische Cartoonist – in Deutschland vor allem durch seinen kleinen, stets von einer Freundesbande umzingelten Nick bekannt –, bekennt in einem Gespräch, dass er als Kind nie wirklich Freunde gehabt habe. Aber er war schon damals nicht auf den Kopf gefallen und äußerst kreativ: »Wir wohnten nicht sehr weit vom Stadtpark, in Bordeaux hieß er Jardin public. Mein Bruder und ich gingen sehr häufig dorthin. Und es durfte niemand wissen, dass ich keine Freunde hatte, das war bei mir so eine fixe Idee. Die Frauen, die dort mit ihrem Strickzeug saßen und auf ihren Nachwuchs aufpassten und mich vorüberrennen sahen, durften bloß nicht denken, ich sei ganz allein mit meinem Halbbruder da. Im Gegenteil, sie sollten glauben, wir hätten eine ganze Horde von Freunden, und so habe ich, sobald ein paar Erwachsene in der Nähe waren – mein Halbbruder muss mich für verrückt gehalten haben –, plötzlich ›Sie kommen, sie kommen!‹ geschrien und bin losgerannt und hab meinen Halbbruder hinter mir hergezogen. ›Sie kommen!‹, das sollte signalisieren, dass andere Kinder uns verfolgten, obgleich wir ganz allein waren. Mir hat das sehr gefallen, weil ich dachte: Jetzt glauben all diese Erwachsenen, dass ich ganz viele Freunde habe.«103 Diese Geschichte ist nicht nur witzig, sondern sie zeigt auch, wie trügerisch unsere Wahrnehmung von dem ist, was wir gemeinhin Freunde nennen – dies gilt anscheinend für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Und diese Geschichte erzählt auch viel über den Menschen Jean-Jacques Sempé.

Anfänglich sind es zumeist eher Zufälle, welche Jungen und Mädchen zusammenbringen: die Nachbarschaft, der gemeinsame Schulweg, der Pausenhof. Man kann einander gut leiden und schon tituliert man den anderen als Freund oder Freundin. Und ebenso leicht und schnell wie diese Freundschaften geschlossen werden, werden sie auch, zumindest verbal, wieder aufgekündigt. So durchzieht etwa der Satz: »Du bist meine Freundin gewesen« die allermeisten Kleinmädchengespräche als latente Drohung, und von einem Moment auf den anderen wendet er sich in sein Gegenteil: »Du bist meine allerliebste Freundin!« Dauerhafte freundschaftliche Bindungen, die auf Sympathie, auf gleicher Interessenlage und Schwingung beruhen, gehen Kinder in der Regel erst im Pubertätsalter ein, wenn sie frei wählen und ihre Bindungswünsche auch real umsetzen können.

Im Kindesalter ist die Definition dessen, was beziehungsweise wer ein Freund ist, noch eher fluid. Interessanterweise entdeckt man manchmal erst als Erwachsener, wer von all den vielen Spielgefährten und Wegbegleitern der Kinderjahre ein wirklicher Freund, eine wirkliche Freundin gewesen ist – und dies meist mit der verklärenden Wehmut der Erinnerung.

Widerspruch: Natürlich gibt es auch Menschen, die sich schon vom Grundschul- und manchmal sogar Kindergartenalter an lebenslang die Freundschaft hielten. Und natürlich gibt es die wunderbaren Geschichten, wo sich bereits Zwölfjährige auf dem Schulweg heimlich die ewige Freundschaft versprachen und später einander heirateten. Aber das ist schon wieder ein anderes Kapitel, nämlich Liebe.

G

»Der Schatten meiner Seele

durchflieht ein Verdämmern

von Alphabeten,

Büchernebel

und Worte.«

Federico García Lorca

Gang

»Gehen – atmen – welches Glück.«

Peter Handke

In den Waldorfschulen wird der Schulbeginn eines Kindes mit einer besonderen Feier zelebriert. Die Schulgemeinde versammelt sich in der festlich geschmückten Aula. Auf der Bühne steht der Klassenlehrer der ersten Klasse und ruft jeden kleinen Schulanfänger einzeln bei seinem Namen auf. Bis zu diesem aufregenden Moment sitzt das Kind zwischen seinen stolzen Eltern, Großeltern und Paten. Wenn es nun aufgerufen wird, ergreift es seinen viel zu großen, funkelnagelneuen Ranzen und klettert die Stufen zur Bühne empor. Klettert? Nein, ich bräuchte dreißig verschiedene Worte, um die dreißig unterschiedlichen Gangarten der Kinder in diesem Moment einzufangen: stürmen, stolpern, sich überschlagen, hetzen, hüpfen, schreiten, schlurfen, kriechen, zögern, bocken, stehen bleiben, umkehren, in die falsche Richtung gehen, hinfallen, wippen – alles gibt es, nur keine Gleichförmigkeit.

In diesen wenigen Minuten kann man so gut wie alles über das Kind erfahren: beispielsweise ob es ein Draufgänger ist (es überspringt eine Stufe), ob es eitel ist (es schwenkt beim Gehen den Ranzen hoch in die Luft), ob es ängstlich ist (es bleibt unten stehen und muss ein zweites Mal gerufen werden) oder ob es noch nicht wirklich schulreif ist (es bleibt sitzen und weint). Auch – und vor allem – die Schritte selbst, die Art, wie federnd, wie hart oder weich das Kind seine Füße setzt, verraten manches über sein Wesen: Einige Kinder fliegen förmlich in die Arme des Lehrers, so als hätten sie bereits seit Ewigkeiten auf diesen Moment gewartet.

Auffallend selten ist der kindliche Gang Thema pädagogischer Überlegungen. Die Wissenschaft hat sich immer mehr für den Kopf als für die Füße des Kindes interessiert. Umso eindrucksvoller sind die Wahrnehmungen der Dichter: »Ich werde den Klang deines Schrittes kennen, der sich von allen anderen unterscheidet«, heißt es etwa bei Antoine Saint-Exupéry.104

Dabei offenbart doch der Gang tatsächlich, wie wir in der Welt stehen, zu unseren Mitmenschen und sogar zu uns selbst. Ebenso wie die Sprache unterscheidet er uns von den Tieren, und es wundert nicht, dass die sogenannten wilden Kinder, die ganz unter Tieren aufwachsen, aus eigenem Antrieb nicht die menschliche Gangart annehmen. Gehenlernen braucht wie das Erlernen von Sprache das menschliche Vorbild. Gehenlernen ist deshalb ein Zeichen der Menschwerdung, und ähnlich wie das erste vom Kind gesprochene Wort heilig ist, empfinden viele Eltern die ersten Schritte als etwas ganz Besonderes in der Entwicklung ihres Kindes, das sich nun vom liegend-kriechenden zum aufrechten Wesen verwandelt. Es dauert noch eine Weile, bis das Kind seinen ganz persönlichen Gang entwickelt, und es ist gut, ihm hierbei viel Zeit und Freiheit zu gewähren. Wir sollten einzig dafür Sorge tragen, dass es ein aufrechter werde.105

Garten

»Der große Garten bildete ein doch sehr fremdes Gebiet. Man hätte meinen können, dass er hauptsächlich dazu diente, die kleinen Katzen einzugraben, die in Überzahl geworfen wurden. Weit hinten ein dunklerer Gang und zwei hohle Buchskugeln: dort fanden einige Episoden aus der Kindersexualität statt.«

Roland Barthes

Hätte ich wie im Märchen Wünsche frei, so wünschte ich jedem Kind auf Erden einen Garten – seinen Garten. Ich wünschte ihm den Garten ganz real als ein Stückchen umrandete Erde. Nicht Abriegelung, wohl aber Schutz und Hülle. Und ich wünschte ihm diesen Garten auch gleichzeitig symbolisch, als inneres Bild eines Ortes, an dem das Kind ganz bei sich ist und es Urerfahrungen machen kann: Erde anfassen – riechen – sich besudeln – Löcher graben – sich verstecken – sich unsichtbar machen.106

Was die Fibel für das Erlernen der Schrift, das ist der Garten als Initiation in die Natur. Der Garten birgt en miniature alles, was die Natur im Großen und in unendlichen Variationen bereitstellt: Nirgendwo sonst kann das Kind über eine relative Dauer hinweg mit Tieren in Kontakt sein. Es kann Igel beobachten, Schnecken sammeln, Vögel ihre Nester bauen und Ameisen ihre Bahnen ziehen sehen. Nirgendwo sonst durchlebt es die Jahreszeiten derart hautnah und intensiv wie im Garten. Es wartet auf die ersten Schneeglöckchen, auf die Stachelbeeren im Sommer und die Birnen im Herbst. Im winterlichen Garten bekommt es eine erste Ahnung von dem Geschehen auch unter der Erde, dass nämlich Wachsen (pflanzliches ebenso wie menschliches) durchaus nicht immer für die Augen sichtbar ist. Zudem lernt es nebenbei, dass die Realität des Supermarktes, in dem man das ganze Jahr über jederzeit nach Orangen und Trauben greifen kann, eine trügerische ist. Alles Wachsen und Reifen hat seine Zeit. Ein schwerer, mitunter verwirrender Lernprozess zumal für Großstadtkinder.

Apropos Großstadt: Eine der erfreulichsten Innovationen der vergangenen Jahre sind sicher die kollektiven und interkulturellen Gärten, wie man sie derzeit in vielen Städten entdecken kann. Ausgehend von der Idee der New Yorker Community-Gardens107 teilen sich hier Familien, zumeist mit ihren Kindern, Gartenflächen zum gemeinsamen Pflanzen und Experimentieren, zum Ernten und Miteinander-Teilen. Ja, vielleicht wäre dies überhaupt die eigentlich wünschenswerte Form zukünftiger Gärten – grenzenlos geteilte Gartenarbeit und Gartenlust für alle und jedermann.

Übrigens war es der Pädagoge Friedrich Fröbel, der dieses gemeinschaftsstiftende Moment der Gärten schon deutlich erkannt und benannt hat.108 Von ihm stammt der Begriff des Kindergartens. Diese Wortschöpfung ist so einzigartig, dass sie in zahlreiche fremde Sprachen übernommen wurde und man heute auch in Australien, Japan und anderswo vom Kindergarten spricht. Fröbel hat die menschenbildenden und heilsamen Kräfte des Gartens auf seine Weise verstanden: Das Kind braucht den Garten für seine Individualisierung und gleichzeitig für sein Sozialwerden. Immer wieder vergleicht er – ähnlich wie Jean-Jacques Rousseau – das Kind mit einer Pflanze, das achtsam umhegt, geschützt und bewässert werden, aber stets nach eigenem Gesetz wachsen muss, in welches der Erzieher (der Kindergärtner) niemals willkürlich eingreifen darf.

Schade, dass sich moderne Erzieherinnen so vehement gegen die traditionelle Bezeichnung Kindergärtnerin wehren. Ist sie zu poetisch? Zu abgehoben? Warum wollen sie lieber die Kinder erziehen, anstatt sie in ihrem Garten zu begleiten? Seien wir doch ruhig ein bisschen altmodisch und behalten – auch wenn die wirklichen Gärten der Kinder im Verschwinden begriffen sind – das Wort Kindergarten bei. Es ist einfach nur schön und verheißungsvoll, weil es dem Wachsen der Kinder (und der Pflanzen) so viel Raum und so viele Möglichkeiten gibt.

Geburt

»Natur und Mensch.

Mutter und Kind.

Zwischen ihnen das große Rätsel.

Das Mysterium des Lebens.«

Frédérick Leboyer

Gerade in dem Moment, da Sie diese Zeilen lesen, wird ein Kind geboren. Vielleicht in einem Zimmer ein paar Straßen entfernt, vielleicht in dem Kreißsaal eines naheliegenden Krankenhauses, ganz sicher aber an unzähligen Orten überall in der Welt: in Zelten von Flüchtlingslagern, auf dem Erdboden, in Wäldern, auf Bergen. Überall wiederholt sich das Mysterium des Lebens, wie es der französische Frauenarzt und Philosoph Frédérick Leboyer bezeichnet.

Wie sich diesem Mysterium nähern? Vonseiten der Mutter, die gebiert und deshalb von ihrer Geburt spricht (»meine Geburten«)? Oder aus der Perspektive des Kindes, das zur Welt kommt (des Kindes »in seiner Geburt«)?109 Die sprachliche Zweideutigkeit verweist auf das eine symbiotische Geschehen, das zugleich ein doppeltes ist, in dem jeder, nämlich Mutter und Kind, gleichermaßen seinen Part spielen muss.

Und in welchen Kategorien nähert man sich? In Begriffen wie Glück? Die Natur kennt nicht Begriffe wie Glück und Unglück, sie kennt nur Notwendigkeit. Erst die Gebärende selbst definiert, ob die Geburt für sie Glück ist. Und dieses Glück stellt sich auch selten während der Geburt ein, sondern erst danach, wenn die Mutter ihr Kind auf dem Bauch liegen hat, wenn sie sieht, dass ihm nichts fehlt110, wenn sie seine Stimme hört und seinen Geruch wahrnimmt.

Und das Kind: Weiß es um sein Glück, geboren zu sein? Wenn es in der Lage wäre, seine ersten Empfindungen mitzuteilen, klagte es womöglich eher über sein Unglück, über den Verlust von Wärme und Getragensein und über Abgeschnittensein von den mütterlichen Rhythmen. Von Wehen bedrängt und gepresst, erlebt es den Durchgang durch den Geburtskanal als erste dramatische Bedrohung und Beengung.111 Der Psychoanalytiker Otto Rank spricht in diesem Zusammenhang vom Trauma der Geburt, das alle Neugeborenen körperlich durchleben und das im späteren Leben des Menschen seine seelischen Spuren hinterlässt.112 Nicht zufällig kreisen viele Träume von Kindern und Erwachsenen und ebenso viele Märchen und Mythen um die Sehnsucht des Menschen, die Geburt rückgängig zu machen, hin zu jenem zeitlosen paradiesischen Zustand im mütterlichen Leib, wo Milch und Honig fließen.113

Faszinierend ist, wie unterschiedlich Frauen die Geburt ihrer Kinder erleben. Falls sie nicht durch Ganz- oder Teilnarkose betäubt und damit erlebnismäßig weitgehend abgeschnitten sind, bewältigt jede Frau die Geburt auf individuelle Weise. Das reicht von einer ungeduldig aggressiv-fordernden Haltung bis hin zum passiv Geschehenlassen. Schon die Entscheidung über den Ort der Geburt (Klinik oder zu Hause) sowie deren möglichen Ablauf (künstliche Einleitung der Wehen zu einem fixierten Zeitpunkt, Wahl einer bestimmten Anästhesie) sagt viel über die Frau und über die bevorstehende Geburt aus. Aber noch so viel Planung verhindert bisweilen nicht, dass die Geburt am Ende ganz anders verläuft, so, als setze sich das Neugeborene mit seinem Eigenwillen hier bereits durch. Tatsächlich berichtet eine große Anzahl von Müttern, dass ihre Kinder schon im Moment der Geburt durch die Art, wie sie ins Leben gekommen sind, ihr Wesen radikal offenbaren.

Von daher ist es für die Gebärende ein Glück, wenn sie die Chance hat, die Geburt ihres Kindes möglichst wach zu durchleben. Natürlich gibt es Fälle von Komplikationen, die etwa einen Kaiserschnitt notwendig machen, um das Leben des Ungeborenen und der Mutter zu schützen. Doch nicht wenige Frauen entscheiden sich auch ohne zwingende medizinische Indikation zur Narkose und/oder zum Kaiserschnitt, gleichsam als Vorbeugung oder weil man ihnen dazu geraten hat. Sie versuchen damit unbewusst, der Anstrengung der Geburt und der Konfrontation mit den Schmerzen auszuweichen. Dabei liegt gerade im Geburtsschmerz eine tief prägende Erfahrung, die Mutter und Kind verbindet. Der geteilte Schmerz – hier die Mutter, die presst, dort das Kind, das gepresst wird – und die gemeinsame Erlösung hernach ist für viele Frauen eine schwer in Sprache zu fassende Grenzerfahrung.114

Aber sie wollen darüber sprechen. Mütter haben meist ein intensives Bedürfnis, detailliert über die Geburten der eigenen Kinder zu erzählen. Vielleicht um sich und ihrer Umgebung stets neu zu vergewissern, wie sie und ihr Kind Todesnähe erlebt und überwunden haben.115 Ganz ähnlich wie manche Männer ausschweifend und mit viel Pathos lebensbedrohliche Kriegssituationen schildern, aus denen sie jedoch lebend entkamen.116 Wie oft hat mir meine Mutter berichtet, dass sie in der Nacht meiner Geburt nicht klar wusste, ob sie durch die Sirenen des Fliegeralarms oder durch ihre Wehen aufgeweckt worden war. Wie oft hat sie noch Jahrzehnte danach über ihre Einsamkeit bei meiner Geburt gesprochen. Und ich stehe meiner Mutter in nichts nach, wenn ich immer wieder die Bilder meiner Geburten nachzeichne. Das Reden über Geburt hat eine heilsame, erlösende Funktion. Es hilft zwar nicht vollkommen, das Mysterium der Geburt zu verstehen, aber das Geschehen durch Worte magisch zu beleben tut der Seele gut. Kinder lieben die Geschichten ihrer eigenen Geburt mehr als alle anderen, weil sie eine unersättliche Neugier nach ihrem Geburts-Tag haben, dem Tag, an dem wirklich alles für sie begann.

Gedichte

»Dichter wird man als Kind.«

Marina Zwetajewa

Heißt es wirklich das Rad der Geschichte zurückzudrehen, wenn man dafür plädiert, dass Kinder auch heute noch Gedichte lernen sollten – und dies am besten auswendig? Es gibt zahlreiche und starke Gründe dafür. Dass sie damit ihre Merkfähigkeit trainieren, ist eher ein vordergründiges, jedoch nicht zu vernachlässigendes Argument. Das Eigentliche aber ist, dass Gedichte wirklich gute Seelennahrung sind. Das Kind kann sie sich ganz einverleiben wie eine Leibspeise. Das Gedicht, einmal auswendig gelernt, gehört dem Kind wie ein kostbarer Besitz, vielleicht bleibt es sogar sein Leben lang verfügbar.

Joseph von Eichendorff vermag das Kind zu trösten (»Komm Trost der Welt«); Joachim Ringelnatz kann es erheitern (»In Hamburg lebten zwei Ameisen«); Kurt Tucholsky kann ermutigen (»Fahre mit der Eisenbahn, fahre, Junge, fahre!«); Matthias Claudius wiegt in den Schlaf (»So schlafe nun, du Kleine! Was weinest du?«), und Bertolt Brecht bringt das Kind zum Nachdenken über seine gefährdete Existenz (»Was ein Kind gesagt bekommt«). Wenn das Kind Kummer hat, findet es diesen im Gedicht widergespiegelt. Es fühlt sich verstanden und darf sich seinem Schmerz leidenschaftlich hingeben – ohne äußere Kontrolle und ohne sich selbst zu gefährden. Denn eben darin liegt ja die Zauberkraft der Gedichte: dass sich alles Erleben im Inneren des Kindes abspielt – die reale Außenwelt und die Gegenwart anderer Menschen verlieren ihre Macht.

Aus den Berichten ehemaliger Gefangener in Gefängnissen und Lagern erfahren wir immer wieder davon, dass diejenigen, die Gedichte auswendig sprechen konnten für sich und für die anderen, die Haftzeit innerlich anders durchlebten als die ganz ohne Poesie, als jene, die schutzlos nur der Realität und der brutalen Sprache ihrer Umgebung ausgeliefert waren. Sicher konnten Gedichte nicht konkret Freiheit gewähren, wohl aber ein Gefühl von Freiheit, von Überlebenswillen und ganz sicher von Trost.117

Es wundert nicht, dass Kinder, sobald sie einmal die Schönheit und die Wirkkraft von Poesie erlebt haben, häufig zum Stift greifen und ihre Empfindungen in Reime bringen wollen. Die frühen Zeugnisse dieser kreativen Impulse sind unendlich kostbar, und Eltern sollten sie, falls die Kinder sie ihnen übergeben, sorgsam verwahren. Aber nicht immer vertrauen Kinder ihre ersten Gedichte den Eltern an, denn damit geben sie ihr Innerstes preis, eben das, was sie oft vor dem Zugriff der Erwachsenen schützen zu müssen glauben. Viele erste Gedichte verschwinden in geheimen Heften, ähnlich wie Tagebücher, streng verborgen vor den Augen der anderen.

Dabei geht es bei diesen Gedichten niemals um künstlerische Perfektion. Alles ist gut. Alles, was anknüpft an die große Tradition der Menschen, ihre fließende, vergängliche Sprache in eine Form zu bringen, damit sie überdauert. »Gedichte, sprachliche Gebilde, geschaffen aus dem flüchtigsten Material, aus Worten, können die ununterbrochen vergehende Zeit besser überstehen als die prächtigsten Tempel und Paläste«118, schreibt Marcel Reich-Ranicki. Das Gedichte lesende oder schreibende Kind hat diese Idee der Poesie begriffen – es wird zukünftig immer eingebunden sein in diese wunderbare Schöpfung der Menschheit.

Geheimnis

»Aber das künftige Kind wird ein Geheimnis uns künden, wenn es im Sternenbettchen spielt.«

Federico García Lorca

Der dreizehnjährige Markus hat ein Geheimnis. Jeden Morgen, wenn die anderen Kinder aus seinem Viertel zur Schule gehen, läuft er im Trab einen knappen Kilometer weit bis zu einer Brücke. Er versteckt sich dort ein paar Minuten und rast dann zur Schule, wo er keuchend ankommt. Auf dem Heimweg von der Schule macht er noch einmal denselben Umweg. Neben der Brücke, im Vorgarten eines heruntergekommenen Hauses, ist ein Hund angebunden, der nur drei Beine hat. Diesem Tier bringt Markus unbemerkt von den Hausbewohnern ein paar Brocken zu fressen, meist Stücke von seinem Wurstbrot, von dem er morgens auffallend viel einsteckt. Niemand erfährt davon, keiner darf es wissen.

Viele Kinder haben Geheimnisse, kleine Pufferzonen, zu denen die Erwachsenen keinen Zugang haben, in denen ihre Gesetze nicht gelten. Markus hört seine Eltern immer wieder von den Kötern reden, die die Straßen besudeln. Wie könnten sie es je gutheißen, dass er dieses kranke Tier zum Freund hat – niemals! Geheimnisse, sagt man, seien Räume der Privatheit; ich gehe weiter und behaupte, sie sind Räume der Freiheit. Sie sind ein gezielter Akt, sich dem Zugriff der Erwachsenen zu entziehen. Sie sind deshalb so kindgemäß, weil sie, ganz ähnlich wie Lügen, keine Form aggressiver Gegengewalt darstellen (zu Recht müssen die Kinder nämlich befürchten, dass sie da unterliegen), sondern eine intelligente Weise, aus dem Regelsystem der Erwachsenen auszuscheren und eigene Wege zu erproben.

Kinder sind erfinderisch. Manche schaffen ihre geheimen Orte unter dem eigenen Bett oder draußen im Garten, auf dem Hinterhof oder auf einem Baum. Manche haben Freunde (menschliche oder auch tierische, wie eben jener dreibeinige Köter), von denen niemand wissen darf. Und manche schließlich verwickeln sich in Dinge (natürlich auch sexuelle), von denen nie jemand erfährt. Vieles, was einmal nicht machbar erschien, wird – nunmehr in geheimer Aktion – doch machbar. Ein schönes Bespiel dafür findet sich in Erich Kästners Roman Pünktchen und Anton, wo das kleine verwöhnte Mädchen sich abends fortschleicht, um für (s)einen guten Zweck Streichhölzer zu verkaufen.

Es gibt Menschen, die über ihre gesamte Kindheit bis ins Erwachsenenalter hinein ein so hoch persönliches Geheimnis bewahren, dass sie es erst sehr spät preisgeben.119 In Psychoanalysen nimmt das Wiederentdecken bisweilen einen großen Raum ein. Oft sind die Kindheitsgeheimnisse schambehaftet, und die Befreiung von Scham ermöglicht dann endlich das Aussprechen des Geheimnisses. Auch das Grimmsche Märchen vom Marienkind handelt von solch einem Geheimnis, von dem das Kind sich geschworen hatte, es niemals, niemals über die Lippen zu bringen. Erst auf dem Scheiterhaufen, als das Feuer zu brennen beginnt, verrät die junge Frau ihr Geheimnis und wird – dem Gesetz der Märchen entsprechend – erlöst.

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