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Heinz-Joachim Simon

Der große Aschinger

Roman

Jaron Verlag

Originalausgabe

1. Auflage 2012

© 2012 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung der Literatur-Agentur Axel Poldner – Dr. C. Buchen, Berlin.

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin, unter Verwendung eines Bildes der akg-images (»Der Balkon des Alexanderplatzes«, 1933)

Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

ISBN 9783955521844

Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Zitat

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Drum, alter Meister, weiser Faustus, Du alter Vater des betagten, vieldurchschwärmten Menschengeistes. Du alte Erde, altes deutsches Land mit dem Maß deiner Wahrheit, deines Ruhmes, deiner Schönheit und Magie und deinem Verderben; und du, dunkle Helena, die du in unserem Blut glühst, du große geliebte Königin und Zauberin, du dunkles, dunkles Land, du altehrwürdig geliebte Erde …

Thomas Wolfe

Erstes Buch

Einer brach auf gen Ithaka …

Kapitel 1

Er tanzte, als sein Vater starb. Es war ein schöner Januartag, und die Sonne stand hoch. Der Himmel war wolkenlos, und das Eis schimmerte wie eine Silberplatte. Von den Kufen seiner Schlittschuhe spritzte das Wasser in goldenen Funken hoch.

Es war viel Jungvolk auf dem See vor dem Kloster in Lindow. In jenem Jahr war der See zugefroren, was sich schon lange nicht ereignet hatte, und jeder aus der Stadt, ob er nun Schlittschuhe hatte oder nicht, war auf dem Eis. Sebastian Lorenz drehte eine Runde nach der anderen. Die Schlittschuhe hatte ihm der Sohn des Schulzen geliehen. Winkend stand dieser am Ufer, um seine Schlittschuhe wieder einzutreiben. Doch Sebastian achtete nicht darauf und ließ sich durch den Schwung auf die Mitte des Sees hinausführen.

Sebastian war ein junger Mann mit einem ernsten, schmalen Gesicht und dunklen Haaren. Auf dem Gymnasium zu Neuruppin folgte ihm so manches Mädchenauge, doch der Ernst, die nachdenkliche Strenge in seinem Gesicht hielt sie davon ab, ihm ein aufforderndes Lächeln zu schenken. Er galt als hochmütig, einige nannten ihn arrogant oder eingebildet. Auch an der Schule hatte er wegen seiner Respektlosigkeit und Wildheit nicht den allerbesten Ruf, und die Lehrer waren sich einig, dass es mit ihm einmal ein böses Ende nehmen würde. So manches Mal hatten sie den Vater kommen lassen, um ihn zu ermuntern, den Sohn von der Schule zu nehmen. Sebastians Schulnoten verdienten diese Aufforderung, doch der alte Lorenz nahm den Lehrern diesen Plagegeist, wie die ihn nannten, nicht ab und beharrte, dass der Sohn auf der Schule verblieb.

Von der Kirchturmuhr schlug die Glocke. Sebastian hielt inne, lauschte ihrem Klang und wusste nicht, warum ihn der Ton heute aufhorchen ließ, hatte er diesen doch schon so oft gehört. Er zuckte mit den Schultern und glitt weiter über das Eis. Statt der Glocke hörte er nun einen Wiener Walzer und träumte davon, auf dem Wiener Kongress, als man Europa neu aufteilte, ein wichtiger Mann gewesen zu sein, ein Fürst mit Gefolge, in einer prächtigen Uniform mit goldenen Epauletten, umschwärmt von den Frauen und bewundert vom Volk. Doch er war nur der jüngere Sohn des Bauern Lorenz, nicht einmal achtzehn Jahre alt und von dem Gedanken gequält, nicht mehr zu sein als das, wofür sein Vater ihn hielt. Der gab nicht viel auf seinen Spross, der sich auf dem Hof ungeschickt anstellte, und schalt ihn faul, nutzlos und verdorben. Auch Sebastian erwartete nicht viel von seiner unmittelbaren Zukunft. Und doch wandelte ihn manchmal die Ahnung an, dass er etwas in sich hatte, das andere nicht hatten, wenn er auch nicht sagen konnte, was dies war. Es äußerte sich nur in seinen Traumbildern, die ihn als Begleiter Talleyrands oder Metternichs oder gar des Zaren sahen oder als Mitglied der Körner’schen Schwarzen Schar.

Sebastian Lorenz liebte Bücher, vor allem die der Franzosen. Angefangen hatte es mit Dumas, mit dessen Musketieren und dem Grafen von Monte Christo, bis er auf Victor Hugo stieß und Les Misérables las und den Glöckner von Notre Dame. Dann folgte Balzac, und Sebastian wurde zum Rastignac, der sich in der Welt der Reichen und Schönen seinen Platz erkämpfte.

Sein Vater folgte seiner Lesewut mit Argwohn, und das überbordende Bücherregal sah er als einen Beweis dafür, dass der Sohn aus der Art geschlagen war. »Woher hat er das nur? Ein Lorenz ist der nicht!«, sagte er ein um das andere Mal zu seiner Frau und blickte sie vorwurfsvoll an. Sie war gewohnt, nicht darauf zu antworten und den Kopf zu senken. Sie liebte diesen jüngeren Sohn, seine Ernsthaftigkeit, seine dunklen, suchenden Augen und seine feinen Gesichtszüge, die ein Abbild ihres Gesichtes waren.

Der Ältere, Wilfried, war nach dem Vater geraten. Ein untersetzter, breitschultriger junger Mann mit derben Fäusten, der bereits als Halbwüchsiger hinter dem Pflug gegangen war und bei Aussaat und Ernte eine zupackende Art hatte. Bereits mit vierzehn war Wilfried von der Schule abgegangen, und der Vater hatte es hingenommen, weil er seine Freude daran hatte, wie sich dieser Sohn um das Land kümmerte und mit den Tieren umging.

Die Lorenz’ hatten den größten Hof und die besten Felder in Schönberg, einer kleinen Stadt östlich von Neuruppin gelegen. Der alte Lorenz war Bürgermeister und Ortsgruppenführer zugleich und hielt viel auf Hitler, und weil er es tat, hielten auch die anderen Bauern im Dorf viel von den Nationalsozialisten. Seit er in Berlin im Sportpalast den Führer gehört hatte, war er sicher, dass der Deutschland zu neuer Größe führen und die Fesseln des Versailler Vertrages abstreifen würde und dass die Bauernschaft in ihm einen Fürsprecher hatte. Er hasste die Roten, aber mehr noch hasste er die Juden, und er machte sie verantwortlich für den Ärger mit den Banken, den er dann und wann hatte. Er war verschuldet, nicht deswegen, weil sein Land nicht viel einbrachte, sondern weil er einer Leidenschaft frönte, die jedem anderen im Dorf Befremden und Kopfschütteln eingebracht hätte. Er liebte Pferde und hatte eine Zeitlang großes Glück mit seiner Zucht, die sogar in Fachkreisen einen nicht unerheblichen Ruf genoss, bis dann seine Tiere eine seltsame Krankheit befiel, so dass er alle töten lassen musste. Der Aufbau einer neuen Zucht verschlang viel Geld – noch mehr Geld aber verschlang seine Wettleidenschaft, die sich in Hoppegarten austobte. Es war anfangs ein Spiel gewesen, das dem Gedanken entsprang, auf diese Weise den Aufbau der Zucht beschleunigen zu können, und wurde schließlich zum verbissenen Laster, das ihm die Tage vergällte. So weinte seine Frau jedes Mal, wenn er in seinem Sonntagsanzug nach Hoppegarten fuhr, denn sie wusste, mit welchem Gesicht, mit welcher Wut er zurückkommen würde und dass sie es dann auszubaden hatte, seine Tiraden anhören musste, die den Juden galten und sich bald auf die Nächsten richtete, den artfremden Sohn, diesen Stubenhocker und Bücherwurm, und das Weib, das ihm nichts recht machen konnte.

Helge, der Sohn des Schulzen von Lindow, kam nun schlitternd über das Eis. Sie waren in derselben Klasse, und doch trennte sie vieles. Helge war Klassenprimus, und er, Sebastian Lorenz, saß in der letzten Reihe und galt als hoffnungsloser Fall. Man war sich im Lehrerkollegium einig, dass er durchs Abitur fallen würde.

»Schnall die Schlittschuhe ab, du sollst sofort nach Hause kommen!«, rief Helge.

»Warum?«, fragte Sebastian, verärgert darüber, so aus seinen Tagträumen gerissen zu werden.

»Einer eurer Knechte kam eben. Er wartet am Ufer auf dich.«

»Was ist denn passiert?« Sebastian sah zum Ufer hinüber, an dem so viele standen und dem Treiben auf dem See zusahen. Einen ihrer Knechte vermochte er nicht zu erkennen. Sie hatten zwei, Wilhelm und Hans, und beide hätten Brüder sein können, so ähnlich sahen sie sich. Beide waren untersetzt, stark und so gute Arbeiter wie Esser. Während Hans dem Wilfried anhing, hatte sich zwischen Wilhelm und Sebastian eine geheime Komplizenschaft gebildet. Wilhelm mochte es, wenn ihm Sebastian von Austerlitz erzählte, von dem Sieg Napoleons bei den Pyramiden oder ihm Heines Weber vorlas. Hans dagegen hielt das wie sein Idol Wilfried für Spökenkiekerei und schalt Wilhelm, dass dieser sich mit so einem Spinner abgab.

Seufzend schnallte Sebastian die Schlittschuhe ab und gab sie Helge zurück. »Danke, es sind gute Schlittschuhe. Weißt du, was los ist?«

»Das soll dir euer Knecht mal selber sagen!«, erwiderte Helge und schnallte sich nun selbst die Schlittschuhe an.

Sebastian zuckte wegen der ausweichenden Antwort mit den Achseln. Was hatte der Streber nur?, dachte er, während er über das Eis zum Ufer zurückschlidderte. Es war immer noch hoher Nachmittag. Die Glocken hatten aufgehört zu läuten.

»Was ist denn los, Wilhelm?«, rief er diesem zu, als er ihn am Ufer entdeckte und einige Enten zur Seite gescheucht hatte.

Wilhelm machte ein ernstes Gesicht, nahm ihn beim Arm und führte ihn am verfallenen Kloster vorbei zu dem Gasthof an der Hauptstraße, wo sein Gespann stand.

»Nun sag schon, was ist denn los?«

»Der Bauer ist …« Der Knecht brach ab und bestieg den Kutschbock des Landauers. Sebastian folgte ihm, und Wilhelm löste die Zügel und nahm die Peitsche. Er schnalzte mit der Zunge. »Hü, ihr Faulpelze!« Dabei ließ er die Peitsche über die Pferderücken knallen, ohne dass die Schnur die Tiere berührte.

»Mach es doch nicht so spannend!«

»Der Bauer ist … tot.«

»Was?«

»Er hatte sich nach dem Mittagessen hingelegt, und als die Bäuerin ihn wecken wollte, fand sie ihn tot neben dem Sofa liegen. Er ist friedlich eingeschlafen. Er hatte wohl einen Herzschlag.«

»Das kann doch nicht sein …«, stammelte Sebastian.

Alfred Lorenz war in den Fünfzigern gewesen, und nie hatte man ihn krank erlebt. Selbst wenn er zu viel getrunken hatte, war er aufgestanden und aufs Feld gegangen und hatte so unerschütterlich gewirkt wie ein Gebirge. Und nun war dieser Fels so sang- und klanglos aus seinem Leben verschwunden?

Sebastian empfand keine Trauer, nicht einmal Bedauern oder gar Mitleid. Sein Vater und er waren sich immer fremd geblieben, und er konnte sich nicht erinnern, dass der Vater ihn als Kind in den Arm genommen oder gar geherzt hatte. In letzter Zeit hatten ihre Auseinandersetzungen an Intensität zugenommen, weil er, Sebastian, nicht in den Staatsdienst eintreten wollte, was Alfred Lorenz für die einzige ehrbare Alternative hielt, wenn man kein Bauer sein wollte. Doch Sebastian verspürte keine Lust dazu, verstaubte Akten zu wälzen, Ärmelschoner zu tragen und vor Menschen zu katzbuckeln, die Arcole nicht kannten und Balzac für eine französische Cognacmarke hielten. Oft hatten sie darüber gestritten, dass er nicht wie sein Bruder Wilfried in die SA eintreten wollte und es schon abgelehnt hatte, der Hitlerjugend beizutreten, wo Wilfried bereits als Scharführer zu einiger Anerkennung gekommen war. Sebastian mochte diesen Hitler nicht, sein Geschrei nicht, seinen Hass nicht und auch nicht seine pöbelnden Garden. Er mochte nicht die kackbraunen Hemden, die Dummheit und Grobheit der SA, ihr trunkenes Gegröle und ihre Vulgarität. Er hasste ihr Nibelungengeschrei und das Gefasel von der Auserwähltheit der Arier. Sicher hatte auch das wilde Gerede seines Vaters daran Anteil, dass er sie verabscheute. Für Deutschtümelei hatte er zu viel gelesen. Die einzigen Fächer, in denen er gute Zensuren hatte, waren Deutsch und Geschichte, er hatte Seneca und Cicero gelesen und hatte sogar über Heraklit, Platon und Aristoteles einige Kenntnisse. Vor allem aber liebte er die Franzosen und träumte davon, in Paris zu leben, über die Rue Saint-Honoré zu schlendern und mit Danton und Camille Desmoulins im Le Grand Véfour zu speisen. Er gab dem Vater recht, dass er aus der Art geschlagen war und niemand in Schönberg die gleichen Leidenschaften wie er hatte. Er war nicht wie sein Vater oder sein Bruder und wollte es auch nicht sein. Und nun war der Alp seiner Kindheit tot. Doch was würde nun werden? Aus Andeutungen des Vaters wusste er, dass sie hoch verschuldet waren. Sebastian ahnte, dass die veränderten Umstände auch seinen Lebensweg verändern würden.

Wilhelm schnalzte mit der Zunge, und die beiden Schimmel fielen in einen munteren Trab. Sie fuhren über die Brücke aus Lindow heraus und nahmen die lange Lindenallee nach Schönberg. Der Bauernhof der Lorenz’ lag am Ende des Ortes. Neben der riesigen Scheune und den Viehställen nahm sich das Wohnhaus fast wie eine Puppenstube aus. Es war mit Efeu bewachsen und machte zur Straße hin nicht viel her. Das Wertvolle an dem Hof waren die große Scheune, die imposanten Stallungen aus rotem Backstein und der Acker dahinter, der bis zum Horizont, bis zum Wald nach Herzberg reichte. Es war gutes Land, sofern man in Brandenburg – in des Heiligen Römischen Reiches Streusandbüchse, wie es im Reich hieß – überhaupt von gutem Ackerland sprechen konnte. Ohne die Leidenschaft des Vaters für die Pferde hätten die Lorenz’ ein sicheres Auskommen gehabt.

Als sie in den Hof fuhren, sah Sebastian bereits das halbe Dorf versammelt. Mit betroffenen Gesichtern standen sie ratlos und verloren wirkend vor dem Haus und steckten die Köpfe zusammen. Alle fragten sich, was nun aus dem Dorf werden sollte, denn der alte Lorenz hatte ihm Richtung und Haltung gegeben und war ein geachteter Mann gewesen, der für sie in der Kreisverwaltung so manches erreicht hatte.

An der Tür nahm ihn Lehrer Thyssen in Empfang, der mit dem Vater und dem Nachbarn Garchke und zuletzt auch mit Wilfried jeden Samstagabend einen gepflegten Skat gespielt hatte. Er war Sebastians Lehrer bis zur vierten Klasse gewesen und hatte ihn so manches Mal getröstet, wenn er vom Vater drangsaliert worden war. Sebastian liebte den kahlköpfigen Mann mit der Uhrkette vor dem mächtigen Bauch und der roten, skrofulösen Nase, die von blauen Äderchen durchzogen war. Von ihm hatte er Dumas’ Der Graf von Monte Christo und Die drei Musketiere bekommen, die ihm eine neue Welt erschlossen und ihn in seinen Tagträumen bestärkt hatten.

»Mein Junge, du musst tapfer sein«, sagte Lehrer Thyssen und drückte ihn behutsam an sich.

Die Ermahnung war nicht nötig, denn es gab für Sebastian keinen Grund zu verzagen. Aber er konnte ja nicht sagen, dass ihm der Tod des Alps gleichgültig war, mehr noch, wie eine Befreiung vorkam. Pflichtschuldig machte er ein trauriges Gesicht und ging in die Wohnstube, wo er seinen Vater auf dem Sofa liegen sah. Ein starkes, fleischiges Gesicht mit einer schiefen Nase und einem mächtigen Kiefer. Seine Augen waren geschlossen. Und doch ging für Sebastian nichts Beruhigendes von ihm aus, sondern er wirkte auf ihn wie eine Drohung, als habe er vor, wieder aufzustehen und seine Befehle zu brüllen.

Die Mutter saß auf einem Stuhl neben dem Sofa. Ihre Augen waren tränenlos und leer, sie hob hilflos die Arme und ließ sie wieder sinken. »Komm, nimm Abschied von deinem Vater!«, sagte sie.

Hinter ihr stand Wilfried. Auch er ohne Tränen, die Hände in die Hüften gestützt, als könne er es nicht abwarten, endlich die Herrschaft über Familie und Hof übernehmen zu können. Weil es Anstand und Sitte verlangten, trat Sebastian an das Sofa und senkte den Kopf. Er empfand keine Liebe zu dieser leblosen Hülle, dafür hatte er ihn noch am Morgen gehasst, genauso wie an den vorangegangenen Tagen und solange er denken konnte. Er war von seinem Fleisch, aber nicht von seinem Geist, und was in ihm steckte, war aus der Linie der Mutter, deren Bruder sich in Frankfurt an der Oder einen Namen als Architekt gemacht hatte und deren Cousin sich in Berlin als Kapellmeister durchschlug und sogar ein Engagement im Wintergarten gehabt hatte. Nutzloses Geschmeiß, Judenschwengel, wie der Vater ihre Sippe nannte, Tagediebe und Bankerte aus dem Sächsischen. Ihnen schrieb er zu, dass ihm der jüngste Sohn so fremd war.

Zwei Tage mussten sie mit dem Toten aushalten. Die Verwandtschaft kam, die Brüder des Vaters, die ihn auch nicht gemocht hatten, die Brüder und Cousins der Mutter, die den Alfred Lorenz zeit seines Lebens verachtet hatten, weil er die Schwester oder Cousine ein Leben führen ließ, das nur von Vorhaltungen und Kälte geprägt war.

Sie sahen sie nun von ihrer Not befreit. Nein, trotz der dunklen Kleidung und den ernsten Gesichtern trauerte von der Verwandtschaft niemand, nur die Bauern von Schönberg wähnten, einen Führer verloren zu haben.

Am dritten Tag trug ihn die SA aus dem Haus. Der Pfarrer schritt voran, und die Gemeinde sang zu Alfred Lorenz’ Gedenken. Niemand aus dem Dorf fehlte. Aus Lindow und Neuruppin waren Amtspersonen gekommen, auch sie mit ernsten Gesichtern, und der Gauleiter von Berlin hatte seinen Stellvertreter geschickt. Die Beerdigung des alten Lorenz brachte eine Vielzahl von Leuten zusammen, die sich nie wiedertreffen würden. So trugen sie ihn denn zum Friedhof neben der Kirche, und der Pfarrer tat so, als sei er sehr bewegt. Von den Frauen wurden Taschentücher an die Augen gedrückt, und die Bauern schnäuzten sich.

Brandenburgische Erde fiel auf den Sarg, nachdem der Leichnam mit Seilen hinabgelassen worden war, und der Pfarrer wiederholte vor der Grube noch einmal, was er bereits in der Kirche gesagt hatte, sprach von dem rechtschaffenen und erfüllten Leben des Alfred Lorenz, seiner Sorge um das Wohlergehen des Dorfes, von seiner Liebe zum deutschen Vaterland und seinem Umhegen der Familie, von seiner Hilfsbereitschaft und seinem starken Willen. Vieles war übertrieben, manches gelogen, und noch mehr wurde ausgelassen. Die Witwe jedoch weinte nicht. Mit glanzlosen Augen und dem schwarzen Kleid, das sie noch bleicher und älter wirken ließ, sah sie aus wie ein Schatten ihrer selbst. Was würde sie nun tun, wenn ihr niemand den Tag vergällte, wenn sie niemand anhielt, dies oder jenes zu tun, wenn dieser Alp, an dessen Seite sie sich verbraucht hatte, nun nicht mehr ihre Seele bedrückte? Er war fort und ließ nichts zurück als ein riesiges Loch in ihrer Seele.

Die Glocken läuteten, und Sebastian dachte an den Moment auf dem Eis, als er sie läuten hörte und das Wasser in goldenen und violetten Funken von seinen Füßen hochsprang. Nach der Grablegung ging es in den Eichkrug zum Totenschmaus, und die Tafel war mit belegten Broten reichlich gedeckt. Es gab Kuchen und Kaffee, Bier und Schnaps, und bald waren viele angetrunken.

Sebastian suchte die Gesellschaft der Rosensteins, die der Vater als Abkömmlinge von Juden beschimpft hatte, was sie vielleicht in fernen Zeiten auch gewesen sein mochten, die aber längst so christlich lebten wie der alte Lorenz. Der Cousin der Mutter, ein Musiker, nahm ihn beiseite.

»Was willst du nun tun, Junge?«, fragte er mit besorgtem Unterton. Er war ein kleiner Mann in dunklem Frack und Zylinder, mit feingliedrigen Fingern, die gekonnt die Klaviertasten bewegen konnten, und dem gleichen schmalen Gesicht der Mutter.

»Ich weiß es nicht«, entgegnete Sebastian.

»Wann machst du dein Abitur?«

»Im nächsten Jahr – wenn ich es schaffe.«

»Steht es so schlecht?«

Sebastian nickte, dachte an die Lehrer, die vom Vater angehalten waren, ihn scharf ranzunehmen, die dessen Verachtung für Sebastian teilten und ihn nur auf der Schule duldeten, weil der Alte in derselben Partei wie sie war, also den Nationalsozialisten anhing. »Die Schule macht mir keine Freude, und außer in Deutsch und Geschichte habe ich nur Vierer und Fünfer«, gestand Sebastian.

»Die Schule und das Leben sind nicht nur zur Freude da«, antwortete würdevoll der Cousin der Mutter.

»Das mag sein. Ich weiß aber noch nicht, was ich tun werde. Ich weiß nur, dass ich auf keinen Fall Bauer werden will, Knecht meines Bruders, oder Staatsbeamter, Inspektor gar, was sich mein Vater immer vorstellte. Wilfried wird den Hof übernehmen.« Sebastian sah zu seinem drei Jahre älteren Bruder hinüber, der neben dem Pfarrer saß und ein wichtiges Gesicht machte, so andeutend, dass er nun der Lorenz war, der im Dorf das Sagen haben würde.

»Irgendein Talent hat jeder«, beharrte der Cousin, ein ehemaliger Kapellmeister, der längst ohne Kapelle war und seine Rente damit aufbesserte, dass er Klavierstunden gab und in obskuren Bars auf die Tasten hämmerte. »Man muss aus seinem Leben etwas machen«, setzte er hinzu.

»Ich weiß von keinem Talent.«

»Ich hörte von deiner Mutter, dass du gern liest.«

»Stimmt, das ist aber kein Talent.«

»Du könntest Philosophie oder Pädagogik studieren.«

»Und Lehrer werden?«, fragte Sebastian entsetzt und dachte sofort an die Lehrer auf dem Gymnasium zu Neuruppin, die mit verschränkten Armen auf dem Rücken und mit ausgetrockneten, bleichen Gesichtern zwischen den Schulbänken auf und ab gingen.

»Nein, niemals!«

»Irgendwie musst du aber dein Brot verdienen.«

Es war keine Verstocktheit. Er hätte dem stets freundlichen Onkel gern etwas Konkretes genannt. Aber er hatte kein Talent für Musik, und daraus, dass er Balzacs Menschliche Komödie gelesen hatte und einige Romane Zolas kannte, war auch nichts herauszuholen, womit sich Geld verdienen ließ. Aber der Cousin der Mutter ließ sich nicht abweisen.

»Wenn du einmal in Berlin bist, besuche mich! Ich würde dir raten, in die Großstadt zu kommen, da hast du mehr Möglichkeiten. Und vielleicht findest du eine Tätigkeit, die dir Freude und Befriedigung verschaffen kann.« Er drückte ihm ein paar Reichsmark in die Hand.

Sebastian nahm sie gern, denn der Vater hatte ihn stets kurzgehalten.

Am Abend rief ihn die Mutter zu sich. Die Trauergäste waren längst gegangen, und auch die Rosensteins hatten sich mit besorgten Gesichtern verabschiedet. Nach ihren Blicken zu Wilfried hin glaubten sie nicht an eine Verbesserung des Schicksals der Schwester oder Cousine. Sebastian hatte sich in seinem Zimmer verkrochen. Als er wieder in die große Stube mit der niedrigen Decke trat, saß die Mutter mit Wilfried am Tisch. Sie machten beide ernste Gesichter.

»Vater hinterlässt uns nicht viel«, nahm Wilfried das Wort. »Wir werden die Zucht verkaufen müssen, um die dringendsten Schulden bezahlen zu können, und wir werden einen der Knechte entlassen. Es wird lange dauern, bis ich das Erbe schuldenfrei habe. Ich weiß von Vaters Testament. Er überträgt mir als Ältestem die Wirtschaft und alles, was dazugehört. Dir vermacht er fünftausend Reichsmark, aber wegen der Hypotheken werde ich sie dir nicht gleich auszahlen können. Mit dem Gymnasium ist Schluss, das können wir uns nicht mehr leisten. Wir brauchen jede Hand auf dem Hof.«

»Mit mir kannst du nicht rechnen«, sagte Sebastian trotzig.

»Was willst du dann tun? Hier müßig herumhocken?«

»Ich werde nach Berlin gehen.«

»Um dort was zu tun?«

»Das weiß ich nicht, aber irgendetwas werde ich schon finden.«

»Bub, was willst du in der großen Stadt? Du wirst verhungern oder unter die Räder kommen!«, klagte die Mutter. Für ihren Jüngsten hatte sie stets mehr Zärtlichkeit empfunden als für Wilfried, und sie machte sich Sorgen wegen seiner Zukunft. »Was soll nur werden?«, fragte sie ratlos.

»Du wirst uns nicht auf der Tasche liegen!«, sagte Wilfried entschlossen. »Der Anwalt Stöckler in Neuruppin hat eine Lehrstelle zum Anwaltsgehilfen ausgeschrieben.«

»An so etwas habe ich eigentlich nicht gedacht«, wehrte sich Sebastian.

»An was dann? Mit deinem ollen Balzac kannste hier nicht rumsitzen! Es ist abgemacht: Du gehst zum Stöckler und stellst dich vor. Er ist Parteimitglied und wird dich deswegen anderen Bewerbern vorziehen. Ich fahre morgen bei ihm vorbei und klär das schon mal vorab.«

»Ich kann mir das nicht besonders spannend vorstellen.«

»Spannend? Darauf kommt es nicht an. Andernfalls hilfst du mir hier auf dem Hof. Such es dir aus! Du wirst die ersten Jahre ohnehin nicht viel mehr als das übliche Lehrgeld bekommen, und wir werden dich durchfüttern müssen. Aber du bist mein Bruder, und da will ich nicht kleinlich sein. Also, überleg es dir!«

Ich habe keine andere Wahl, dachte Sebastian unglücklich. Von wegen »Jeder trägt den Marschallstab im Tornister« und was sie einem sonst so auf der Schule erzählten!

Kapitel 2

Zwei Jahre musste Sebastian in der Anwaltskanzlei Stöckler ausharren, ehe das Schicksal eingriff und ihn aus ihr befreite. Doch er hatte bald gelernt, systematisch zu arbeiten und – was vielleicht noch wichtiger war – dass ein Gesetz eine neue Wahrheit bekam, wenn man es mit Selbstbewusstsein und Leidenschaft vortrug. Er konnte dem alten Stöckler so einiges an Schauspielkunst abschauen. Gleichwohl verachtete er diesen und manchmal auch das Büro, das ihn wie eine Geierhöhle dünkte. Es war dunkel und vollgestopft mit Akten, so dass man sich kaum rühren konnte. Die Möbel hatten schon zu Kaiserzeiten antiquarischen Wert, und auf allen Papieren lag Staub.

Bürovorsteher war der Anwaltsgehilfe Brösel, ein langer Hagestolz und leidenschaftlicher Nationalsozialist mit stets schlecht rasiertem Gesicht und gelber, ausgetrockneter Haut. Sebastian wurde schon übel, wenn dieser in seine Nähe kam, denn neben einem säuerlichen Altherrengeruch hatte Brösel einen Atem, der der Pestilenz gleichkam. Natürlich verabscheute er Sebastian, zum einen, weil er jung war, und zum anderen, weil er ihm, wie er mit Recht meinte, nicht den nötigen Respekt entgegenbrachte. Wenn Sebastian später von der Arbeit im Anwalts- und Notarbüro Stöckler träumte, dann wachte er schweißnass auf, so wenig geeignet hielt er sich für den Beruf. Und was er zu tun bekam, hätte auch jeder Analphabet, wie er zu Hause murrte, erledigen können.

Er trug also die Akten ins Gericht, protokollierte auf einen Wink von Stöckler die Aussagen von Klägern und Zeugen und vertiefte sich in die Gesetze, die in einem so gestelzten Deutsch formuliert waren, dass man sie wieder und wieder lesen musste und dennoch nicht verstand. Mit dem großen Stöckler hatte er wenig zu tun, und er, Sebastian, war für diesen auch zu unbedeutend, um mehr als einen Knurrlaut und einen barschen Zuruf, dies oder jenes zu tun, von ihm zu hören. Stöckler war stramm rechts, und sein Adlatus stand ihm in nichts nach. Zur Mittagszeit saßen die beiden, umringt von den zwei weiblichen Bürokräften, mit einer Tasse Kaffee in der Hand in dem Kabuff neben Stöcklers Büro, und der Anwalt hielt großartige Reden über den Zustand Deutschlands und Europas und erklärte die Weltpolitik.

So vergingen zwei Jahre, in denen ihm der Bruder oft genug zu verstehen gab, dass er ihn für einen unnützen Esser halte, und natürlich hatte ihm Stöckler gesteckt, dass Sebastian nur eine sehr mäßige Hilfe im Anwaltsbüro war.

»Wir werden den Jungen zeitlebens auf der Tasche liegen haben«, klagte Wilfried gegenüber der Mutter, worauf diese nur immer hilflos die Hände über dem Kopf zusammenschlug.

In der Garnisonsstadt Neuruppin war man sehr kaiserlich, genauer preußisch-königlich eingestellt, hatte man doch dem preußischen König zu verdanken, dass die Stadt nach dem großen Brand wiederaufgebaut worden war. Es waren nicht viele, die mit der SA marschierten, als der Gauleiter von Berlin, ein koboldhafter Mensch mit einem Hinkefuß, seine Kohorten nach Neuruppin rief, um mit ihnen durch die Stadt zu marschieren und »Deutschland, erwache!« zu brüllen, allein zu dem Zweck, hier bei den kasernierten Soldaten für die Idee der nationalen Erweckung zu werben. Das Personal der Kanzlei stand am offenen Fenster und jubelte unter Stöcklers Anweisung den braunen Kohorten zu.

Als die gerade am Denkmal König Wilhelms vorbeimarschierten, fiel ein Schuss. In Berlin war dies nichts Besonderes, hier in der Behaglichkeit der kleinen Provinzstadt hingegen eine unerhörte Begebenheit. In Neuruppin hatten die Kommunisten keine große Anhängerschaft, aber einige gab es doch, und aus deren Reihen kam der Schuss, der zwar nichts anrichtete, jedoch die SA auseinanderspritzen ließ. Sofort wurde unter den Zuschauern am Straßenrand der Schuldige gesucht. Sebastian sah, wie sie einen jungen Mann mit Ballonmütze verfolgten, sah diesen auf ihr Haus zulaufen, die grölenden SA-Leute im Gefolge. Sein Brötchengeber grölte blutgeil mit und feuerte die SA an. Sebastian aber schlich sich aus dem Zimmer und lief hinunter in den Flur, wo ihm auch schon mit gehetzten Augen der junge Mann mit der Ballonmütze entgegenkam. Erschrocken sah der ihn an.

»Keine Angst, komm!«, flüsterte Sebastian. Während unten die SA schon polterte, lief er dem Kommunisten voran und führte ihn in die Kanzlei. Der Flur war leer. Noch standen alle in Stöcklers Büro und sahen auf die Straße, wo eine wilde Hatz auf die vermeintlichen Kommunisten in Gang war. Sebastian stieß den Rotfront-Mann in den Aktenraum, der außer Regalen nur noch eine Leiter enthielt und den Staub von einigen Generationen. Er hoffte, dass man hier nicht so schnell auf Aktensuche ging. »Warte hier! Und keinen Mucks, bis sie wieder …« Er legte den Finger auf den Mund, und der junge Mann nickte dankbar. Sebastian ging in Stöcklers Büro zurück. Man schien seine Abwesenheit nicht bemerkt zu haben.

Nun polterte es an der Tür zur Kanzlei. Stöckler sah sich stirnrunzelnd um und ging zum Flur. Drei SA-Männer drängten herein.

»Womit kann ich Ihnen helfen?«, fragte Stöckler mit strenger Miene.

»Hier ist der rote Bastard rein!«, stammelte der Anführer, und sein Blick flog über die Anwesenden.

»In unserer Kanzlei befindet sich kein Roter. Niemals!«, erwiderte Stöckler mit hochrotem Kopf.

»Aber wo soll er denn sonst …«

»Was weiß ich! Bei uns ist er jedenfalls nicht. Haben Sie nicht gesehen, dass vor unserem Fenster die Hakenkreuzfahne hängt?«

»Entschuldigung, dann ist er wohl auf dem Dachboden«, sagte der SA-Mann, nickte seinen Schlägerkumpanen zu, und sie stolperten hinaus.

»Sie müssen noch Zucht und Ordnung lernen. Na, wo gehobelt wird, da fallen halt Späne an«, sagte Stöckler.

Sie hörten draußen die SA-Leute nach oben toben und bald wieder zurückkommen. Sie verharrten noch einmal vor der Kanzleitür, dann erfolgte ein Ruf, und sie polterten die Treppe hinunter. Mit einem Rechtsanwalt und Notar, der sich mit der Hakenkreuzfahne zu ihnen bekannte, wollten sie keinen Ärger bekommen.

»Dann wollen wir mal wieder an die Arbeit gehen«, sagte Stöckler und klatschte in die Hände.

Der Anwaltsgehilfe Brösel warf Sebastian einen gehässigen Blick zu und lief zum Abstellraum. Sebastians Hände wurden feucht. Doch schon stürzte der Kommunist wie ein gehetztes Wild heraus, und ehe Stöckler und Brösel den Mund zubekamen, war er durch den Flur und wieder aus der Kanzlei heraus.

»Wie zum Teufel kommt der Kerl in die Kanzlei?«, brüllte Stöckler.

»Da muss ihm wohl jemand geholfen haben«, sagte Brösel und blickte Sebastian feindlich an.

»Lorenz, hast du den Roten hereingelassen?«, donnerte Stöckler.

»Ich habe bei dem Jungen noch nie ein gutes Gefühl gehabt«, setzte Brösel hinzu.

»Junge, gestehe, du hast den Roten hereingelassen!«, brüllte Stöckler.

»Ja, das habe ich!«, gab Sebastian zu. »Irgendjemand musste ihm doch helfen, die Kerle hätten ihn sonst umgebracht. Ich wollte nicht wegen unterlassener Hilfeleistung Ärger bekommen. Der Mob ist doch außer Rand und Band.«

»Hört euch das an, jetzt kommt der uns noch mit dem Strafgesetzbuch!«, entsetzte sich Brösel.

»Ich habe nur nach Recht und Gesetz … Ich denke, wir sind doch Vertreter von Recht und Gesetz!«, sagte Sebastian trotzig und mit bleichem Gesicht.

»Mob? Wie redest du von den nationalen Kräften! Du hast also tatsächlich …« Brösel schüttelte den Kopf, nahm das Taschentuch und wischte sich die Stirn. »Er bringt unsere Kanzlei in Verruf!«, hetzte er.

»Junge, du packst jetzt deine Sachen und verlässt sofort unsere Kanzlei. Ich will dich hier nicht mehr sehen. Du bist fristlos entlassen«, sagte Stöckler bestimmt.

»Ein Kommunistenfreund in unserer Kanzlei!«, kreischte Brösel.

»Ich bin kein Kommunist, ich wollte mir nur nicht unterlassene Hilfeleistung vorwerfen lassen …«

»Verschwinde!«, schnauzte Stöckler.

Sebastian zuckte mit den Schultern und ging zu seinem Schreibtisch. Er packte die Brotdose in die Aktentasche, zog die Schublade auf, nahm Der Tod in Venedig heraus, was ihm ein wütendes Schnauben von Stöckler eintrug, und ging hinaus.

»Lass dich nie wieder hier sehen!«, rief ihm Brösel triumphierend hinterher.

Sebastian war nicht traurig, weder entsetzt noch deprimiert. Er nahm es hin, wie es gekommen war. Ihm war es nur recht. Das Kapitel Anwaltsgehilfe hatte er hinter sich. Als er auf die Straße trat, waren die Kolonnen bereits zum Bahnhof weitermarschiert. Die Zuschauermenge begann sich zu verlaufen. Als Sebastian an der Fontane-Apotheke vorbeikam, löste sich aus dem Eingang ein junger Mann. Winkend kam er auf ihn zu.

»Vielen Dank«, sagte der Mann mit der Ballonmütze. »Ich weiß nicht, was die mit mir angestellt hätten, wenn du mir nicht zu Hilfe gekommen wärst … Hast du deswegen Ärger bekommen?«

»Ja, mein Vorgesetzter hat mich rausgeschmissen.«

»Verflucht!«, sagte der Kommunist, ein hochgewachsener junger Mann mit einem bleichen, ausgemergelten Gesicht und groben Händen.

»Das ist nicht so schlimm, es war ohnehin die Hölle.«

»Jedenfalls hast du bei mir etwas gut. Ich heiße Kowalski, und wenn du mal in die Bredouille kommst, dann …«

»Ich bin schon in der Bredouille, aber dabei wirst du mir nicht helfen können.«

»Das stimmt«, gab Kowalski stirnrunzelnd zu. »Ich habe ja selbst keine Arbeit.«

»Das kann ich mir denken. Ihr hättet nicht schießen sollen.«

»Glaub nicht, dass es einer von uns war! Keiner von uns hatte eine Waffe. Wir haben nur ›Rot Front!‹ gebrüllt und ›Nieder mit der Reaktion!‹. Ich weiß auch nicht, wer da die Nerven verloren hat.« Kowalski schlug Sebastian auf die Schulter, hob die geballte Faust und lief die Straße zum Paradeplatz hoch.

Sebastian kam am Bahnhof vorbei, wo immer noch SA-Männer auf den Zug nach Berlin warteten. Sie schwadronierten vom kommenden Sieg und dass sie den Neuruppinern gezeigt hätten, wer bald in Deutschland die Macht übernehmen würde. Ein breitschultriger SAMann kam mit lauerndem Blick zu Sebastian und hauchte ihm seinen fuseligen Atem ins Gesicht.

»Bist wohl auch einer von der Reaktion, so wie du aussiehst! Nun mach mal den deutschen Gruß und ruf ›Heil Hitler‹!«

»Guten Tag, mein Herr«, antwortete Sebastian und wollte sich abwenden, aber der SA-Mann hielt ihn am Arm fest.

»Los, mach schon, ich will ›Heil Hitler‹ hören!«

»Ich habe Ihnen doch höflich einen guten Tag gewünscht. Lassen Sie mich in Ruhe!«

»Hört euch das an!«, grölte der SA-Mann seinen Leuten zu.

»Mach den Grünschnabel fertig, und hau ihm eine in die Fresse!«, hetzten diese, und Sebastian sah zu den Reisenden hinüber, die keine Uniform trugen. Aber diese taten so, als hätten sie anderes zu tun, und starrten an ihm vorbei in die Gegend. Der SA-Mann packte Sebastian an der Hemdbrust und versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht. Sebastian fiel zu Boden. Doch der SA-Mann dachte nicht daran aufzuhören und gab ihm ein paar heftige Fußtritte, die Sebastian aufschreien ließen. Und wer weiß, was ihm noch passiert wäre, wenn in diesem Moment nicht der Zug nach Berlin eingelaufen wäre. Eine Trillerpfeife erklang, und der SA-Mann ließ von Sebastian ab, warf ihm noch einen drohenden Blick zu und bestieg mit seinen Kameraden den Zug.

»Du hättest ruhig den Gruß entbieten können«, sagte ein vornehm gekleideter Herr mit Bowler. »Das hat man davon, wenn man sich abseits stellt.«

Sebastian zuckte mit den Schultern und wischte sich das Blut aus dem Gesicht. »Mit diesen Leuten will ich nichts zu tun haben!«, erwiderte er trotzig. Genau mit solchen Leuten paktierte Vater und paktiert Wilfried, dachte er erbittert. Sebastian war anfangs kein politischer Mensch, ihn hatten nur die rüden Attacken des Vaters, sein Bramarbasieren und seine Ausfälle gegenüber der jüdischen Verwandtschaft zum Gegner der Nationalsozialisten gemacht. Aber nun, da er am eigenen Leibe erfahren hatte, dass diese so handelten, wie sie redeten, wusste er, dass er niemals mit diesen Leuten etwas gemein haben würde.

Als er in Schönberg den Hof betrat, schlug die Mutter, die gerade die Hühner gefüttert hatte, die Hände über dem Kopf zusammen.

»Sebastian, wie siehst du denn aus!«

»Ach, es ist nichts Schlimmes. Die SA wollte mich zum Hitlergruß überreden, und da habe ich nicht mitgemacht.«

»Aber warum denn nicht? Hitler ist ein großer Mann, sagte Vater auch immer. Deswegen lässt man sich doch nicht verprügeln! Nun komm mal rein, damit ich dich verarzte. Hast du sonst noch …«

»Aber nein, nur ein paar blaue Flecke.«

Ihn gurrend und zeternd umspringend und die Welt beklagend, führte sie ihn in die Küche und holte den Verbandskasten. Behutsam tupfte sie seine Wunde an der Stirn und an den Backenknochen mit Jod ab und verpflasterte ihn. »So, bis zur Hochzeit wird alles wieder gut.«

Er musste lachen, obwohl ihn dabei das Gesicht schmerzte. Den Spruch hatte sie zu ihm schon als Kind gesagt, wenn er sich die Knie aufgeschlagen hatte.

Wilfried kam herein und stutzte. »Was machst du denn schon hier? Und wie siehst du aus?«

»Deine Freunde von der SA haben mich …«

»Hast du die SA provoziert?«, fragte Wilfried unwillig.

»Aber nein, ich habe nur nicht ›Heil Hitler‹ rufen wollen.«

»Das geschieht dir recht!«, sagte Wilfried gehässig. »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.«

»Wilfried«, mahnte die Mutter, »er ist dein Bruder!«

»Schöner Bruder! Und was suchst du um diese Zeit hier?«

»Ich habe bei Stöckler aufgehört.«

»Was hast du?«, fragte Wilfried empört und sank fassungslos auf die Sitzbank. »Das ist nicht dein Ernst!«

»Ja, er hat mich rausgeschmissen.«

»Da siehst du es, Mutter, er taugt nicht mal zum Bürohengst! Zu nichts ist er nütze!«

»Was ist denn passiert, Junge? Warum?«, klagte die Mutter und schüttelte besorgt über ihren Jüngsten den Kopf.

»Ich habe mich an Recht und Gesetz gehalten, was der Herr Anwalt nicht für nötig hielt«, erklärte Sebastian und erzählte, was ihm in der Kanzlei widerfahren war.

»Du hast einen Kommunisten versteckt?«, fragte Wilfried entsetzt. »Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Hältst du es jetzt mit den Roten?«

»Nein, mit Recht und Gesetz!«

»Du bist ein Schwachkopf! Wie kann man sich, wie kann man uns nur in eine solche Situation bringen! Spätestens morgen ist es im Dorf rum, dass Sebastian Lorenz einem Roten geholfen hat. Wie stehen wir dann da! Man hat doch nur Ärger mit dir. Vater hatte schon recht: Du bist kein Lorenz, sondern ein Rosenstein.«

»Junge, sag so etwas nicht!«, jammerte die Mutter.

»Du hast auch Rosenstein-Blut in dir«, sagte Sebastian lächelnd.

»Schluss mit lustig, meine Geduld ist am Ende! Ich habe dich die ganze Zeit durchgefüttert, aber das ist nun vorbei. Du kannst nicht hierbleiben.«

»Da gebe ich dir ausnahmsweise recht«, entgegnete Sebastian.

»Aber was willst du denn tun?«, fragte die Mutter händeringend.

»Was ich schon vor zwei Jahren tun wollte: Ich werde nach Berlin gehen.«

»Was willst du in der Großstadt? Junge, du wirst verhungern und unter die Räder kommen!«, klagte die Mutter.

»Irgendetwas werde ich schon tun können.«

»Denk nicht, dass ich dir Geld für ein Lotterleben in der Stadt geben kann! Du musst endlich selbst mit deinem Leben fertig werden«, sagte Wilfried und schlug mit der flachen Hand auf den Küchentisch.

»Du musst dein eigener Herr werden und dir dein Brot selbst verdienen.«

»Ich will auch gar nichts von dir. Gib mir ein paar Mark, damit ich nach Berlin fahren kann, und damit soll es genug sein!«

»Ach Sebastian, wenn dein Vater nicht diese unselige Leidenschaft für Pferde gehabt hätte, könntest du Abitur machen und studieren. So hatte ich es mir vorgestellt.« Die Mutter schluchzte, was sie bei dem Tod ihres Mannes nicht getan hatte.

Sebastian liebte sie dafür. Aber er nahm das, was jetzt auf ihn zukommen würde, an. Seine Unschlüssigkeit war vorbei, und er wusste nun, was er zu tun hatte. Mit der Unbedenklichkeit der Jugend, mit dem Vertrauen darauf, dass sich schon irgendetwas ergeben würde, bekräftigte er seinen Entschluss, sein Glück in Berlin zu versuchen.

»Mit dir wird es noch ein schlimmes Ende nehmen«, prophezeite Wilfried hämisch. »Du kannst nichts, bist nichts, und mit Bücherlesen allein hat sich noch niemand über Wasser halten können.«

»Ich weiß, dass du mir nicht viel zutraust.«

»Na, der Stöckler wird auch nicht viel von dir gehalten haben, wenn er dich so mir nichts, dir nichts auf die Straße setzt.«

Als Sebastian dann im Bett lag, fühlte er sich wie befreit. Endlich konnte er weg! Weg aus Schönberg, weg aus der muffigen Kanzlei, weg von Brösels Vorhaltungen. Leid tat ihm nur die Mutter. Sie hatte einen Herrn gegen den anderen eingetauscht, denn Wilfried hatte genau die gleichen Eigenschaften wie der Vater und behandelte sie mit derselben herablassenden Gleichgültigkeit. Von der Magd des Vaters war sie nun zur Magd des Sohnes geworden.

Sie war es auch, die noch einmal in sein Zimmer huschte und sich zu ihm aufs Bett setzte. Sie nahm seine Hand und flüsterte unter Tränen: »Was soll aus dir nun werden? Ich mache mir solche Sorgen! Schon als Bub hast du mir Kummer bereitet, dauernd warst du krank. Es ist ein Wunder, dass ich dich durchgebracht habe!«

»Ich werde etwas aus mir machen, Mutter«, versprach er und drückte sie an sich.

»Du hast mich so viel Kraft gekostet. Aber es war es wert, du bist kein Lorenz geworden.«

Sebastian lächelte und strich ihr eine weiße Strähne aus dem Gesicht. Es war seltsam, wie weich ihr Haar war. Sie war einst eine Schönheit – er kannte die Aufnahmen von ihrer Hochzeit –, doch nun hatten die Sorgen und die viele Arbeit sich in ihr Gesicht eingegraben. Ein schwacher Abglanz war immer noch zu sehen, wenn sie lächelte. Nur tat sie dies zu selten.

»Ich verspreche dir, dass ich es zu etwas bringen werde. Ich lasse mich nicht kleinkriegen«, versicherte er noch einmal.

»Ach Junge, du bist ein Träumer. Die vielen Bücher haben dir Dinge in den Kopf gesetzt, die ein Bauernjunge nicht träumen sollte.«

»Ich brauche nur eine richtige Chance. Ich bin ein Rastignac.«

»Wer ist denn das schon wieder? Immer hast du so wunderliche Dinge im Kopf!« Sie streichelte ihm über das Haar. »Ich weiß noch, wie es war, als du geboren wurdest. Es war ein wunderschöner Apriltag, und die Frauen, die zu mir ins Krankenhaus kamen, trugen große Hüte, und die Schwester legte dich mir in den Arm. ›Es ist ein Junge‹, sagte sie mir. ›Er ist gesund, aber Sie werden auf ihn achtgeben müssen, denn er ist etwas zart.‹ Und so war es auch. Ich habe immer auf dich achtgeben müssen. Nun werde ich es nicht mehr tun können. Hier, nimm das, ich habe in all den Jahren etwas gespart. Ich weiß selbst nicht wofür. Vom Haushaltsgeld habe ich immer ein paar Pfennige abgezweigt, und mit den Jahren ist allerlei zusammengekommen.« Sie drückte ihm eine Rolle Geldscheine in die Hand.

Sebastian zählte das Geld und schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht annehmen, das sind tausend neue Reichsmark! Du brauchst es für dich.«

»Was brauche ich alte Frau schon! Nimm es, sprich aber nicht mit Wilfried darüber! Ich wusste immer, dass Vater ihm alles vererben würde. Nun hast du mit den tausend Reichsmark ein kleines Startkapital. Gib es nicht für unnütze Dinge aus, sondern für etwas, das dir im Leben weiterhilft – also nicht wieder für Bücher oder gar für Mädchen! Versprichst du mir das?«

Er versprach es ihr. Das mit den Mädchen fiel ihm leicht, denn bisher war er noch nie mit einer Frau zusammen gewesen. Als er zwölf gewesen war, hatte er die Tochter von Bauer Garchke geliebt, weil sie lustig war und lange schwarze Zöpfe hatte, die beim Laufen hin und her flogen, und mit der er hinter der Scheune Doktorspiele gespielt hatte. Aber als sie älter waren und sich begegneten, hatten sie sich nicht angesehen. In dem letzten Jahr auf dem Gymnasium war sie in der Nebenklasse die ungekrönte Königin gewesen, und Helge, der Sohn des Dorfschulzen zu Lindow, behauptete, sie zur Freundin zu haben. Tatsächlich hatte Sebastian die beiden einmal händchenhaltend am Neuruppiner See zum Bootssteg laufen sehen. Ihn aber hatte sie geschnitten und ein hochmütiges Gesicht gemacht. Er nahm an, dass sie mit dem Klassenletzten nichts zu tun haben wollte. Vielleicht erinnerte sie sich auch daran, wie sie ihn und er sie bei den Doktorspielen befummelt hatte. Das waren seine ganzen Erfahrungen mit Mädchen.

»Du wirst mir doch jede Woche schreiben?«, fragte die Mutter, und Sebastian nickte gehorsam.

Als sie gegangen war, las er weiter in den Buddenbrooks über den Niedergang der Familie. Nun, die Lorenz’ waren keine Buddenbrooks, aber vielleicht stand er am Anfang einer Familie, die es zu Reichtum und Ansehen brachte. Er hoffte, dass er in sich etwas finden würde, das ihn über andere hinaushob.

Kapitel 3

Sie standen in Lindow auf dem Bahnhof, einem kleinen Backsteinbau, der geduckt unter den Wolken vor der Stadt lag. Es war windig und kalt, und es nieselte. Die Mutter schnäuzte sich dauernd, während Wilfried breitbeinig und ungeduldig immer wieder auf die Uhr sehend danebenstand und darauf hoffte, dass der Zug endlich kam.

»Du schreibst mir gleich, wo du untergekommen bist! Onkel Edmund wird dir bestimmt dabei helfen. Schreib mir noch heute Abend, dann habe ich deinen Brief übermorgen hier. Bis dahin werde ich keine ruhige Minute haben.«

»Mutter, er geht doch nicht nach Amerika!«, stöhnte Wilfried gereizt.

Sebastian versprach es. Er verstand die Mutter. Sie würde von nun an allein mit Wilfried leben, und alles würde so sein wie bei dem Alten: der gleiche Ton, die gleichen Anweisungen, die gleiche Freudlosigkeit und das ewige Gerede darüber, wie viel man aus dem Acker herausholen konnte, das ewige Genöle über die Getreidepreise, das geile Lächeln wegen der Trächtigkeit der Stuten und die strengen Ermahnungen, dass man hier und dort sparen musste. Nichts würde sich ändern, und doch würde es anders sein. Denn niemand würde mehr ihren Tagesablauf in Sorge um den Jüngsten in Unordnung bringen, keinen würde sie liebevoll eine Naschkatze schelten oder einen Träumer nennen, und vor allem würde er nicht da sein, um sie in die Arme zu nehmen und sich mit ihr im Kreise zu drehen, und sie würde nicht mehr rufen: »Mein Gott, Junge, ich bin doch keine junge Frau mehr!«

Ein Pfiff kündete den Zug an und wurde von einem Heulton abgelöst. Der Zug rauschte heran, und aus der Wartehalle strömten die Reisenden, meist Arbeiter, die nach Berlin wollten und ermüdet und abgehärmt aussahen, was nicht nur an dem kalten Licht der Bogenlampe lag. Die Lokomotive ließ viel Dampf ab, und die Rauchwolken zogen über den Bahnsteig und hüllten die Wartenden ein. Die Mutter und Wilfried führten Sebastian zu einem Dritte-Klasse-Wagen.

»Nun denn«, sagte Wilfried, »mach es gut und lass von dir hören!« Das war es, was ihm der Bruder mitgab. Ein letztes Mal drückte er die Mutter, deren Gesicht ihm nun noch müder, deren Augen noch trauriger erschienen. »Mutter, ich bin doch nicht aus der Welt!«

Der Pfiff des Schaffners ertönte, und das Stampfen der Lokomotive verstärkte sich. Neue Dampfwolken zogen über den Bahnsteig. Sebastian stieg in den Zug und drängte sich sofort ans Fenster. Die Mutter hielt ihre Hand hoch, ihr Mund war verzerrt und offen, als entfliehe ihr ein Schrei. Dann ruckte der Zug an, und die Mutter und Wilfried wurden kleiner. Nun winkte sie heftig und lief ein paar Schritte hinter dem Zug her, und Sebastian hatte Mühe, seine Tränen zu unterdrücken. Ohne Abitur und mit einer abgebrochenen Lehre, aber einer Menge Bücher im Kopf zog er nach Berlin.

Die Bänke des Großwagenabteils waren gedrängt voll. Viele nutzten die Bahnfahrt, um noch ein wenig zu schlafen. Ihre Kleider waren grob und ihre Hände abgearbeitet. Die Männer trugen blaue Arbeitskittel, die Frauen den billigen Chic der Warenhäuser, den gerade die Mode diktierte, kleine Hütchen mit Blumenimitaten, Röcke, die die Knie gerade bedeckten, Strümpfe, die fast durchsichtig waren. Aber ihre Gesichter zeigten, wenn auch in einer weicheren Ausführung, die gleiche Müdigkeit und Resignation. Es roch nach Schweiß, klammen Kleidern, billigem Parfum und nach dem Rauch schlechter Zigarren. Das gleichmäßige Schaukeln ließ auch Sebastian müde werden, und er träumte, in Alaska zu sein und nach Gold zu graben, um in Frisco ein großes Haus zu führen mit Dienern und Wirtschafterin und Zimmermädchen. Und die Leute blieben stehen, wenn er in einer großen Kalesche durch die Straßen fuhr, und lüfteten ihre Hüte. Da kommt er, der Mann, der in Klondike sein Glück gemacht und den größten Goldklumpen der Welt gefunden hat!

Als er erwachte, fuhren sie im Anhalter Bahnhof ein. Sich aus dem Traum heraustastend, stand er auf, nahm seinen Koffer und stieg aus. Das Gewimmel auf dem Bahnsteig nahm ihm fast den Atem. Schreie, Pfiffe, das Stampfen der Lokomotiven, die Rufe der Gepäckträger, das Vorwärtsstürzen zu den Ausgängen und er, Sebastian, in einem Wirbel, der ihm unwirklich vorkam und den er staunend hinnahm. Das also war die Großstadt. Er ließ sich aus dem Bahnhof treiben und in die Stadt hineinspülen, in die endlosen Straßen, die voller Automobile, Transportwagen, Busse und Straßenbahnen waren. Nur hin und wieder sah man noch einen Kutschwagen mit derben Pferden, Belgiern wohl, der Fässer mit Schultheiss-Bier fuhr. Die Hochbahn donnerte über ihm, die Kraftwagen hupten, und ihre Reifen quietschten.

»Jehn Se man schneller! Hamse de Maschine nich jeölt?«, herrschte ihn einer von hinten an.

Er ging zum Potsdamer Platz und bewunderte die Hotels, den Fürstenhof, den Kaiserhof und das Haus Bellevue sowie das Weinhaus Rheingold. Die Häuser sahen hier wie Schlösser aus, und die Menschen, die dort hineingingen, waren anders gekleidet als er, trugen dunkle Anzüge und Bowler oder Zylinder, und er schämte sich seiner fadenscheinigen karierten Jacke, seiner Knickerbocker, seiner Schiebermütze und des geflickten Hemdes. Nicht einmal eine Krawatte hatte er. Er kam sich gegen diese lichtvollen Wesen minderwertig vor. Doch er würde so werden wie die da, dachte er trotzig, die mit hochmütigem oder gleichgültigem Gesicht den Fürstenhof betraten, vor dem der Portier in einer prachtvollen Uniform stand, die einem General Napoleons wohl angestanden hätte, und ehrerbietig den Hut lüftete.

Die lange Reise hatte Sebastian hungrig gemacht. Als er an einem Lokal mit der Aufschrift Aschingers Bierquelle vorbeikam, blieb er stehen. Durch die großen Fenster hatte man einen guten Einblick in das Lokal. Es sah sehr elegant aus, mit vielen Spiegeln und sogar Kronleuchtern. Er beobachtete einfach gekleidete Männer und Frauen an Stehtischen ihre Mahlzeit einnehmen. In Berlin schienen selbst normale Menschen wie er in königlicher Umgebung zu essen.

Sebastian überlegte, ob er sich so eine Ausgabe leisten konnte. Und er entschied sich, nicht zu sparen, denn nun war er hier in der Stadt, die Eroberer verlangte, und er war sich sicher, dass auch Jack London nicht kleinmütig oder duckmäuserisch vorgegangen wäre.

Mit erhobenem Kopf betrat Sebastian das Lokal. Hinter Vitrinen lagen sauber aufgeschichtet belegte Brote mit Wurst und frischem Hackepeter. Die Preise erstaunten ihn. Für zwanzig, dreißig Pfennige bekam man Brötchen mit Fisch oder Schinkenwurst. Gegenüber war die Biertheke mit silbern schimmernden Zapfsäulen und einem Angebot von bayerischen und Berliner Bieren. Sebastian kaufte ein Bier, bekam ein Brötchen gratis dazu und bezahlte nicht mehr als eine Reichsmark. Er leistete sich dazu ein Brot mit Schinkenwurst für zwanzig Reichspfennig. Er war auf einem Bauernhof aufgewachsen und wusste, was gutes Fleisch war, und dies war gutes Fleisch. Alles schmeckte vorzüglich. Dieses Lokal war für ihn ein Wunder an Eleganz. Zwar musste er seine Mahlzeit an einem Stehtisch einnehmen, aber dies schien hier allgemein üblich zu sein. Dann gewahrte er nebenan einen Raum mit Tischen und Stühlen für warme Mahlzeiten, und er sah auf einer Kreidetafel, dass es dort Löffelerbsen mit Speck, Eisbein mit Sauerkohl, Thüringer Rotwurst, Schweinegulasch und das besonders angepriesene Aschinger-Schnitzel gab. All diese Köstlichkeiten kosteten nicht mehr als zwei Reichsmark. Nur die junge Gans mit Gurkensalat war mit drei Reichsmark etwas teurer.

Mein Gott, die Städter verstanden zu leben! Er bewunderte die Angestellten der Bierquelle, die eine Uniform wie Offiziere mit Schulterklappen trugen, auf dem ein A zu sehen war. Sie machten einen selbstbewussten Eindruck, ohne arrogant zu wirken. Es machte sie scheinbar stolz, hier zu arbeiten. Das Publikum war gemischt. Neben solchen Männern, die wie er angezogen waren, sah er auch elegant gekleidete Männer und Frauen, die er den Herrschaften zurechnete. Aber hier schien man keine Standesunterschiede zu kennen. Niemand blickte ihn herablassend an. Er trank sein Bier aus, verließ fast bedauernd Aschingers Bierquelle und ging hinüber zum Bahnhof Potsdamer Platz. Die Mutter hatte ihm geraten, zuerst ihren Cousin aufzusuchen, um ihn um Rat wegen einer Unterkunft und Arbeit zu fragen. Nach dem anregenden Gespräch mit dem Musikus während des Leichenschmauses hatte er keine Hemmungen, den Herrn Kapellmeister, wie ihn die Mutter immer noch nannte, um Unterstützung zu bitten.

»Er wohnt am Kurfürstendamm«, hatte die Mutter ehrfurchtsvoll gesagt. Es schien ein besonderer Ort zu sein, der nach Reichtum und einem unbeschwerten, funkelnden Leben klang, vergleichbar mit so schillernden Namen wie Champs Élysées, Piccadilly oder Park Avenue. Sebastian nahm die U-Bahn und war überwältigt, als er am Kurfürstendamm ausstieg und aus dem Untergrund den prächtigen Boulevard betrat. Er ging an dem Restaurant Kempinski vorbei den Kurfürstendamm hoch, bog in die Bleibtreustraße ein und fand sich vor dem Eckhaus mit dem großen Tor. Er stieß es auf, ging durch einen Torbogen in einen kleinen Hinterhof, wo er auf dem Stillen Portier den Namen Rosenstein fand. Er musste viele Treppen steigen, bis er vor der Tür seines Onkels stand. Kaum hatte er geklingelt, wurde die Tür aufgerissen, und der Herr Kapellmeister schaute ihn mit erstauntem Gesicht an.

»Junge, bist du es tatsächlich? Ist was passiert? Komm herein!«, sagte Edmund Rosenstein, der trotz der Mittagsstunde bereits einen Frack trug, mit weißem Frackhemd und schwarzer Fliege. Etwas gebeugt, das Haar wirr zurückgekämmt, sah er aus wie die ärmliche Kopie des großen Beethoven. Leutselig winkte er ihn in die Wohnung, die trotz der Hinterhausatmosphäre mit antiken Möbeln elegant eingerichtet war. An der Wand hingen Plakate von Konzerten, die ihn, Edmund Rosenstein, als genialen Dirigenten anpriesen. Das Wohnzimmer dominierte ein riesiger Flügel, daneben ein Notenständer, auf dem langen Tisch lag eine Geige. Die Schränke wiesen viel Porzellan und etliche Nippesfiguren auf. Auf dem Flügel stand ein Gipskopf, der mit dem Namen Mozart beschriftet war. Die Möbel glänzten in einem schönen tiefen Braunrot.

»Setz dich! Bist du heute angekommen?«

Sebastian nickte, ganz benommen vom Reichtum und der Eleganz, die er hier sah.

»Ich habe nachher Probe. Aber eine halbe Stunde habe ich noch für dich Zeit. Erzähl, was passiert ist! Möchtest du einen Kaffee?« Der Musikus lief, ohne eine Antwort abzuwarten, in die Küche und kam bald mit einer Tasse auf einem Silbertablett wieder.

Sebastian erzählte von seiner verunglückten Lehre, warum er sie abbrechen musste und dass er nun nach Berlin gekommen war, um sein Glück zu versuchen.

»Dein Vater hat euch also nicht viel hinterlassen«, stellte Rosenstein betrübt fest und seufzte. »Jetzt musst du aus eigener Kraft deinen Weg finden. Mein armes, armes Cousinchen! Ich wusste, dass deine Mutter bei dem Alfred Lorenz kein gutes Leben hatte. Und nun hat dieser Wilfried alles geerbt, und du gehst leer aus. Hast du eine Vorstellung, was du machen willst?«

»Nein, aber ich muss mir eine Arbeit suchen, irgendeine Arbeit, die mich erst einmal ernährt, und dann schauen, ob ich was Besseres finde.«

»Hast du nun entdeckt, wo deine Fähigkeiten liegen?«

Eine unangenehme Frage, denn sie verlangte das Bekenntnis, dass er in den zwei Jahren nicht weitergekommen war. Er zuckte mit den Achseln und gestand stotternd, dass er nicht mehr nach Berlin mitbrachte als den Willen, etwas aus sich zu machen. Der Musikus schüttelte besorgt den weißen wuschligen Gelehrtenkopf.

»Berlin ist eine harte Stadt. Hier sind schon viele gute Jungen auf die schiefe Bahn geraten.«

»Die Alternative wäre gewesen, Knecht meines Bruders zu sein.« Der Kapellmeister rümpfte die Nase. »Das ist in der Tat keine besonders verlockende Vorstellung. Trink, es ist echter Bohnenkaffee!«, erklärte der Kapellmeister.

So schmeckte der also. Zu Hause hatte der Kaffee nach nichts geschmeckt. Muckefuck, wie ihn die Mutter immer bedauernd bezeichnete. Der Vater und auch Wilfried hatten keinen Sinn für diese Extravaganzen, wie sie es nannten.

»Heute Nacht kannst du natürlich bei mir schlafen. Aber dann werden wir ein Zimmer für dich suchen müssen. Ich rede mal mit dem Vermieter, denn oben unter dem Dach ist ein Zimmer frei geworden.

Wirst du denn überhaupt die Miete zahlen können?«

»Mutter hat mir ein bisschen Geld mitgegeben. Es wird schon gehen.«

»Berlin ist teuer, Sebastian. Wir sollten schnell eine Stelle für dich finden. Ich muss jetzt leider los. Mach es dir bequem! Dort in dem Bücherschrank findest du etwas zum Lesen. Du liest doch sicher noch gern?« Sebastian nickte. Der Musikus zog einen Überzieher an, winkte Sebastian gut gelaunt zu und stürmte mit wehenden Haaren hinaus.

Sebastian sah sich in der Wohnung um. Niemals hätte er erwartet, dass der Cousin der Mutter in einer so angenehmen und reichen Umgebung lebte. Er betrachtete die Nippesfiguren, die Geiger in Rokoko-Kostümen und Frauen in wehenden Röcken auf einer Schaukel zeigten und schön und zerbrechlich aussahen. Er wagte nicht, sie zu berühren. Er ging an den Bücherschrank und schloss ihn auf. Die meisten Bücher handelten von Musikern und großen Komponisten. Dann fand er Stendhals Kartause von Parma und ließ sich fortführen in eine Zeit, als Mut und Genie ausreichten, um Kronen auf der Straße einzusammeln.

Er war ein bisschen eingenickt, als der Musikus spät am Abend zurückkam. Der Onkel machte ihm auf dem Sofa im Wohnzimmer ein Lager und brummte: »Das muss reichen, Sebastian.«

»Das ist mehr, als ich erwartet habe.«

»Hast du Hunger? Komm in die Küche, ich mache dir ein paar schöne Brote. Mit mehr kann ich nicht aufwarten.« Er bestrich die Brote mit goldgelber Butter und belegte sie mit dicken Scheiben Thüringer Mettwurst. »Gefällt dir Stendhal? Halte dich immer an die Besten – in jeder Beziehung!«

»Ich habe Tschechow und Dostojewski gelesen und alle großen Franzosen«, sagte Sebastian und biss herzhaft in das Brot.

»Na, schmeckt’s?«

»Und ob!« Sebastian nickte begeistert.

»Junge, wenn du dich mit den Großen auseinandergesetzt hast, dann weißt du, dass es allein in deiner Hand liegt, was aus dir wird.«

»Aber Glück muss man auch haben.«

»Tja, Glück muss man haben«, gab der Musikus zu und sah melancholisch auf die leicht vergilbten Plakate, die große Konzerte mit ihm ankündigten, doch einer längst vergangenen Zeit angehörten.

Sebastian schlief in dieser Nacht traumlos auf dem Sofa im Wohnzimmer seines Onkels.

Am nächsten Morgen bei einem Frühstück, das aus Weißbrot mit Marmelade bestand und durch den guten Kaffee veredelt wurde, sagte der Onkel: »Ich muss jetzt üben. Und am Nachmittag kommen meine Schüler. Am besten siehst du dir jetzt einmal die Stadt an und verschaffst dir einen Überblick, wie es in Berlin zugeht. Bis heute Abend habe ich vielleicht auch den Vermieter erreicht.«

»Kann ich das Buch mitnehmen? Falls mir langweilig wird, habe ich etwas zum Lesen.«

»Langweilig? In Berlin? In dieser Stadt ist niemandem langweilig! Berlin ist aufregender als jede andere Stadt in Europa. Aber nimm ruhig Stendhal mit. In meinem Alter liest man nicht mehr Die Kartause von Parma , das ist ein Buch für junge Leute. Du kannst es behalten.«

Mit dem Buch unter dem Arm ging er über den Kurfürstendamm. Er nahm an der Kaiser-Wilhelm-Kirche die U-Bahn zu den Linden und stand fasziniert vor dem Hotel Adlon und dem Brandenburger Tor. Noch nie hatte er so viel Harmonie und Schönheit gesehen wie rund um den Pariser Platz. Er ging die Straße Unter den Linden hinunter, an der Neuen Wache, der Oper und dem Zeughaus vorbei über die Brücke zum Schloss und betrachtete mit Ehrfurcht diese Wohnstatt des ehemaligen Kaisers. Am Alexanderplatz mit dem Denkmal der Berolina und dem Grandhotel ging er, noch beeindruckt von dem gestrigen Besuch, in Aschingers Bierquelle und kaufte dort ein Fischbrötchen, trank dazu ein Bier und zahlte dafür nicht mehr als drei Reichsmark.

Während er aß, nahm er sich den Stendhal vor und las begeistert über eine Epoche, in der das Oberste zuunterst gekehrt worden war, und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass dies auch in Deutschland passieren würde.

Auch diese Bierquelle war gut besucht. Aber Sebastian ließ sich beim Lesen nicht stören. Auf einmal wurde es still, und er sah auf.

Das Personal machte ernste und beflissene Gesichter. Die Bewegungen wurden noch schneller, ihre Bücklinge beim Bedienen noch tiefer. Der Grund für den gesteigerten Arbeitseifer war ein mittelgroßer Mann im dunklen Anzug, mit weichen Gesichtszügen, leichten Hängebacken und großen, sanften Augen hinter der Nickelbrille. Aufmerksam studierte er die Preise und ging dann hinter die Theke mit den Biersäulen, wischte mit der Hand über den blitzenden Chrom und nickte zufrieden. Dann ging er zur Kaltmamsell, nahm sich ein belegtes Brötchen, klappte es auf und nickte wieder.

»Das ist Aschinger!«, hörte Sebastian am Nebentisch flüstern. Dieser untersetzte Mann mit dem nichtssagenden Gesicht eines Buchhalters war also der Inhaber der vielen Bierquellen, ein Napoleon der Gastronomie. Er hatte schon viel von ihm gehört, gelesen, dass ihm die besten Gastwirtschaften, Restaurants und Hotels in Berlin gehörten. Nichts Großartiges ging von ihm aus. Und doch war es still geworden, man beobachtete ihn verstohlen, als wäre er der Kaiser höchstpersönlich. Ein hochgewachsener Mann im dunklen Anzug folgte ihm dienstbeflissen und mit ängstlichen Augen. Die Miene verriet seine Anspannung. Er schien kaum zu atmen. Offensichtlich der Geschäftsführer.

Aschinger kam nun an den Tischen vorbei und wies stumm auf den Abdruck eines Bierglases. »Jeder Gast muss einen sauberen Tisch vorfinden. Sauberkeit und Hygiene sind die Voraussetzungen, dass sich ein Gast wohl fühlt. Qualität des Essens, Qualität der Bedienung, Qualität der Umgebung sind der Kern der Aschinger-Idee. Deswegen haben wir Spiegel und Kronleuchter wie in einem Schloss«, dozierte Aschinger.

»Selbstverständlich, Qualität ist unsere Idee«, beeilte sich der Geschäftsführer zu flüstern und winkte einem der Bierzapfer zu, der mit einem Handtuch herbeieilte und den Abdruck des Bierglases wegwischte.

»Und natürlich Schnelligkeit«, fuhr Aschinger fort. »Der Gast muss seine kurze Arbeitspause für ein gutes Essen zu vernünftigen Preisen nutzen können.« Aschinger kam an Sebastian vorbei, stutzte, gesellte sich zu ihm und hob das Buch an. »Darf ich? Stendhal? Schön, es liest noch jemand Stendhal in der Mittagspause! Sie sind sicherlich Student.«

»Nein, ich suche Arbeit.«

»Was haben Sie gelernt?«

»Nichts«, gestand er achselzuckend. »Ich bin vom Land.«

»Aber er liest Stendhal, sieh mal einer an! Was lesen Sie sonst noch, junger Mann?«

»Balzac, Dickens, Flaubert und Zola. Aber auch Thomas Mann und Feuchtwanger.«

»Und warum lesen Sie das?«

»Einfach so, ich liebe eben Bücher.«

»Da schau an! Und Sie suchen Arbeit?«

»Ja, ich bin erst gestern nach Berlin gekommen.«

»Ein junger Mann, der in die Stadt Berlin kommt, um sein Glück zu machen. An was erinnert mich das?« Aschinger sah Sebastian fragend an.

»An … an Rastignac?«, stotterte er.

»Jawohl, an den großen Balzac.« Aschinger schürzte nachdenklich die Lippen und wandte sich an den Geschäftsführer. »Brauchen Sie hier nicht noch jemanden? Ich habe so etwas in Erinnerung.«

»Ganz recht, an den Zapfsäulen fehlt uns noch jemand.«

»Na also! Junger Mann, wollen Sie bei Aschinger anfangen? Wollen Sie unseren Gästen dazu verhelfen, sich bei uns wohl zu fühlen?«

»Gern!«, erwiderte Sebastian mit Herzklopfen und wusste über diese überraschende Wende erst einmal nichts weiter zu sagen.

»Bringen Sie dem jungen Mann bei, wie man mit einem Bierhahn umgeht und ein ordentliches Bier einschenkt!«, wandte sich Aschinger wieder an seinen Geschäftsführer und schmunzelte dabei.

»Haben Sie schon einmal in der Gastronomie gearbeitet?«, fragte der Geschäftsführer nach einem vorsichtigen Blick auf seinen Chef.

»Nein«, erwiderte Sebastian ehrlich und fühlte schon seine Chance schwinden.

»Das macht doch nichts!«, fuhr Aschinger dazwischen. »Ich erwähnte doch eben, dass Sie ihn anlernen sollen. Meine Nase sagt mir, dass der Junge etwas taugt.«

Das joviale Gesicht wirkte nun kalt und streng. Ein König vertrug keine Widerrede. Der Geschäftsführer beeilte sich zu versichern, dass er froh sei, so schnell jemanden für seine Arbeit an der Zapfsäule bekommen zu haben, und der junge Mann auch auf ihn einen guten Eindruck mache.

Aschinger nickte huldvoll. »Die üblichen Konditionen: Wir stellen ihn als Hilfskraft ein. Melden Sie es an die Zentrale! Wenn er sich anstellig zeigt, wird er als Angestellter in die Gefolgschaft übernommen.« Noch einmal ein Nicken und ein unwilliger Blick zu dem Tisch hin, der jetzt spiegelblank glänzte, dann ging Aschinger mit einem freundlichen Gruß an die Büfettmamsell aus der Bierquelle.

Der Geschäftsführer wischte sich mit dem Taschentuch über die Stirn und sagte unwillig: »Kommen Sie nach hinten, junger Mann!« Sebastian folgte ihm in ein kleines Büro.

»Da haben Sie mir ja was Schönes eingebrockt!«, brummte der Geschäftsführer und warf sich in den Sessel. »So setzen Sie sich doch!«, fügte er hinzu und wies ungeduldig auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. »Eigentlich brauche ich eine versierte Kraft, aber wenn der Chef es so will, dann wird es eben so. Wissen Sie eigentlich, was für ein Glück Sie haben? Schwidiwatzki noch einmal! Tausende reißen sich um eine Stelle bei Aschinger, und Sie kommen hier rein und lesen einen Schmöker – und schon haben Sie Arbeit! Na schön, Name, Geburtsdatum, Adresse.« Der Geschäftsführer, der sich nun als Paul Dornbusch vorstellte, nahm die Personalien auf. Als Sebastian den Kurfürstendamm angab, sah er erstaunt hoch. »Sie sind wohl doch etwas Besseres? Eigentlich sehen Sie nicht danach aus. Piekfeine Gegend, der Kurfürstendamm. Herr Fritz Aschinger wohnt auch dort.«

»Ich wohne derzeit bei meinem Onkel, Ecke Bleibtreustraße. Und was Besseres bin ich auch nicht.«

»Und das mit dem Schmöker, war das ein Trick?«

»Nein, ich lese wirklich gern.«

»Nun, in Zukunft werden Sie dazu nicht mehr oft kommen. Sie sind morgen Punkt acht Uhr hier und bekommen eine Uniform gestellt, damit Sie manierlich aussehen. Der Dienst geht bis elf Uhr abends, jedenfalls solange Sie Hilfskraft sind. Wenn Sie in die Gefolgschaft übernommen werden, haben Sie um acht Uhr Feierabend. Das wär’s erst mal. Wie Sie sich zu benehmen haben, erkläre ich Ihnen morgen. Mensch, haben Sie einen Dusel!«

Ganz benommen trat Sebastian Lorenz aus der Bierquelle. Erst als er draußen war, fiel ihm ein, dass er noch nicht einmal gefragt hatte, wie hoch sein Lohn war. Da war er noch keine zwei Tage in Berlin, und schon war er bei dem größten Gastronomiekonzern Europas angestellt – nicht von irgendjemand, nicht einmal von einem Personalchef, sondern von dem großen Fritz Aschinger persönlich. Er hatte nun eine Anstellung, und dies war vielleicht erst der Anfang. Auch Jack London hatte klein angefangen. Sebastian sah an seinen Kleidern hinunter und fand, dass diese nicht zu jemandem passten, der dabei war, Berlin zu erobern. Jawohl, er war in die Reichshauptstadt eingezogen und hatte das erste Scharmützel mit Bravour bestanden. Ohnehin schienen ihm die Berliner, wenn sie Arbeit und Geld hatten, sehr viel auf ihre Kleidung zu geben. Er ging am Alexanderplatz ins Warenhaus Hermann Tietz, das dem Polizeipräsidium, einem wuchtigen Backsteinbau, gegenüberstand und wie eine Festung wirkte.

In der Herrenabteilung kam sofort ein junger, elegant gekleideter Mann auf ihn zu und musterte ihn mit skeptischen Blicken. »Sie wünschen, mein Herr?«, fragte er dennoch höflich.

»Ich möchte einen Anzug, etwas Gedecktes, das man auch im Hotel Fürstenhof tragen kann.« Ihm fiel nichts anderes als dieses Hotel ein, um zu erklären, was er sich vorstellte. Hatte er dort doch nur Herren gesehen, die elegante Anzüge trugen. »Dazu brauche ich zwei weiße Hemden und eine Krawatte und … Wäsche«, fügte er hinzu.

»Das sind viele Wünsche. Verstehen Sie mich recht, das wird einiges kosten.«

»Ich habe gerade von Herrn Aschinger gelernt, dass es in allem auf die Qualität ankommt«, sagte Sebastian ein wenig großspurig, um seine Unsicherheit zu kaschieren.

»Von Herrn Aschinger?«, fragte der Verkäufer ironisch lächelnd.

»Der legt natürlich Wert auf Qualität.«

»Ja, ich bin eben von ihm eingestellt worden.«

»Na, dann haben Sie wirklich das große Los gezogen! Aber Qualität kostet nun einmal Geld.«

»Machen Sie sich darüber keine Sorgen!«, erwiderte Sebastian kühl und spielte eine Selbstsicherheit vor, die er nicht hatte. Die gute Mutter! Über Jahre hatte sie sich das Geld heimlich vom Munde abgespart. Was würde sie dazu sagen, wenn er ihren Schatz gleich am zweiten Tag angriff ? Aber wie ein verkrachter Pennäler konnte er hier unmöglich herumlaufen. Er entschied sich für einen dunkelgrauen Flanellanzug, einen Pullover, Hemden, Wäsche und erstand für den Alltag noch ein beiges Jackett sowie eine beigefarbene Hose mit Hemd. Diese Sachen behielt er gleich an. Seine alten Kleider wanderten in die große Einkaufstüte mit der Aufschrift Hermann Tietz. Nachdem er noch ein paar bequeme Schuhe gekauft hatte – die alten sahen gar zu abgetragen zu seiner neuen Kleidung aus –, verließ er das Kaufhaus mit dem Gefühl, nun wie ein richtiger Stadtmensch auszusehen, was ihn insgesamt um 250 Reichsmark ärmer gemacht hatte. Aber ein schlechtes Gewissen hatte er deswegen nicht, war es doch gutangelegtes Geld. Muttchen, es musste sein, sagte er sich.

Als er am Hotel Fürstenhof vorbeiging, kam ihm der Gedanke hineinzugehen, denn er fühlte sich denen, die das Hotel betraten, nun ebenbürtig. Aber eine letzte Scheu hielt ihn davon ab. Am Weinhaus Rheingold in der Bellevuestraße setzte er sich auf die offene Terrasse, um die Wirkung seiner neuen Kleidung auszuprobieren, um festzustellen, ob ihn die Kellner wie einen Herrn behandelten. Er war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Mit vorgetäuschter Kennermiene las er die Weinkarte, und der Ober machte ein diensteifriges Gesicht. Als er ein Glas leichten Moselwein zu zweifünfzig bestellte, machte dieser einen Diener. Es funktionierte also, er war ein Herr. Mit sich zufrieden, beobachtete er die vorbeiströmenden Menschen, die alle so elegant aussahen wie er. Doch er ahnte nicht, dass es nur wenige Straßenzüge weiter Menschen gab, die in nassen Wohnkasernen hausten, deren Kinder hungerten und die mit geflickten und abgetragenen Kleidern in den Schlangen vor den Arbeitsämtern warteten. Menschen, die nie die Chance erhalten würden, in einem Aschinger-Lokal bedienen zu dürfen. Sebastian studierte, wie sich die Reichen, die Müßiggänger und die wichtigen Leute benahmen, wie sie redeten, wie höflich sie miteinander umgingen. Hier auf der Terrasse des Weinhauses Rheingold, von dem er noch nicht wusste, dass es auch dem Aschinger gehörte, schienen ihm viele wichtige Leute zu sein. Alle Tische waren besetzt, und da die Sonne herausgekommen war, herrschte überall eine gelöste Stimmung. Der ungewohnte Wein sorgte dafür, dass auch Sebastian sich in euphorischer Stimmung befand.

»Ist der Platz neben Ihnen noch frei?«, fragte eine weibliche Stimme.

Er sah überrascht hoch, und die Röte schoss ihm ins Gesicht. Das elegante Mädchen war blond und so schön wie die Frauen im Kino, trug einen großen schwarzen Hut, ein dunkles Kostüm und hatte grüne Augen und Sommersprossen auf der Nase, die ihn an die Tochter der Nachbarn Garchke erinnerten.

»Er ist frei. Natürlich«, stotterte er hastig, stand auf und deutete, sich verbeugend, auf den Stuhl. So hatte er es an den anderen Tischen gesehen.

Die junge Frau setzte sich dankend und mit freundlichem Lächeln, und Sebastian half ihr dabei, den Stuhl zurechtzurücken. Dann reichte er ihr die Weinkarte, und sie bedachte ihn mit einem Blick, der ihn verwirrte. Noch nie hatte er so grüne Augen gesehen.

»Können Sie mir einen Wein empfehlen?«, fragte sie, nachdem sie eine Weile unschlüssig die Karte studiert hatte. Ihm fiel auf, dass sie dabei ihre üppige Unterlippe vorschob, so dass es aussah, als würde sie schmollen.

»Ich bevorzuge einen leichten Mosel. Er ist sehr gut.« Er wusste nicht einmal, ob dies stimmte, denn er hatte bisher zu selten Wein getrunken. Der Kellner kam, und sie bestellte nach kurzem Zögern.

»Den Mosel, den Sie dem Herrn serviert haben.«

Der Kellner machte auch bei ihr einen tiefen Bückling.

»Hier im Rheingold haben sie gutes Personal«, sagte Sebastian, als der Kellner gegangen war. Das Herz schlug ihm dabei bis zum Hals.

Sie warf ihm aus ihren grünen Augen einen rätselhaften Blick zu, versuchte wohl zu ergründen, ob es sich lohnte, auf diese Bemerkung einzugehen. Sie musterte seine Kleidung, sein eifriges, offenes Gesicht und entschied sich dann, ihn nicht abzuweisen. Respektabel sah dieser junge Mann immerhin aus. »Ja, natürlich! Schließlich ist es Berlins vornehmstes Weinhaus, ein Aschinger-Haus.«

»Ach so, auch das Rheingold gehört Aschinger?«, fragte er erstaunt. Eigentlich hätte ich mir das denken können, sagte er sich, Aschinger ist nun mal der größte Gastronom Europas.

»Aschinger gehört alles, was in Berlin gut ist. Sie sind wohl neu hier?«

Errötend nickte er. »Ja, ich bin erst gestern angekommen.«

»Zu Besuch?«, fragte sie gedehnt und merklich kühler.

»Nein, ich fange morgen bei Aschinger am Alexanderplatz an.«

»Bei Aschinger? Dann haben Sie aber Glück gehabt! Ich arbeite bei Wertheim in der Konfektion und habe jetzt gerade Mittagspause.«

»Das ist sicher auch eine gute Stellung?«

»Wie man es nimmt. Ich stehe mir den ganzen Tag die Beine in den Bauch, und die Bezahlung ist auch nicht so toll. Darum werde ich mir bald was Besseres suchen. Wohnen Sie noch im Hotel?«

»Nein, bei meinem Onkel am Kurfürstendamm.«

»Am Kurfürstendamm?«, rief sie erstaunt und riss die Augen auf.

»Welch piekfeine Gegend!«

»Ja, er will mir dort ein Zimmer besorgen.«

Sie schwieg eine Weile und sah ihn dabei so intensiv an, dass er sich ungemütlich fühlte. Das Haar fiel ihr reich und strohblond auf die Schultern. Die grünen Augen irritierten ihn mehr und mehr.

»Ich wohne in Steglitz, gleich bei der Schloßstraße. Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen, was in Berlin los ist. Ich heiße übrigens Uschi Venske.« Sie reichte ihm die Hand.

Sebastian stellte sich stotternd vor. Einerseits war er von diesem Angebot überrascht, andererseits schmeichelte es ihm. Dieses wundervolle Wesen schien sich tatsächlich für ihn zu interessieren.

»Gern, es wäre mir ein großes Vergnügen!«, erwiderte er eifrig. So etwas sagte man wohl, wenn man einen solchen Vorschlag von einer Dame bekam.

»Gut. Wie wäre es mit Samstagabend?«

»Ich habe bis elf Uhr abends Dienst.«

»Das macht nichts, ich wollte ohnehin in den neuen Garbo-Film gehen. Treffen wir uns doch kurz nach elf an der Berolina auf dem Alexanderplatz! Doch nun muss ich los, Herr Lorenz, sonst bekomme ich Ärger.« Sie trank hastig ihr Glas aus und stand auf, er erhob sich ebenfalls, nahm ihre Hand und verneigte sich.

»Die Rechnung darf ich übernehmen?«, fragte er hastig, und sie nickte dankend.

»Bis Samstag also!«, sagte sie mit einem bedeutungsvollen Blick und verschwand im Gedränge.

Wie ein Traumwandler sah er ihr nach. Da war er erst zwei Tage in Berlin und hatte bereits eine Anstellung und ein Rendezvous! Hier auf der Terrasse des Weinhauses Rheingold war Sebastian Lorenz überzeugt davon, dass er dabei war, sein Glück zu machen.

Kapitel 4

»Junge, du legst vielleicht ein Tempo vor!«, sagte der Onkel, als ihm Sebastian am Abend von seiner Begegnung mit Aschinger erzählte.

»Und der große Fritz Aschinger persönlich hat dich eingestellt?«, fragte er ungläubig. »Schwindelst du nicht ein bisschen?«

»Hätte ich sonst so schnell einen Arbeitsplatz bekommen? Wahrscheinlich liebt er Bücher.« Sebastian erzählte, wie das Zusammentreffen abgelaufen war.

Der Kapellmeister schüttelte immer wieder den Kopf. »Vielleicht gehörst du zu den Glückskindern, denen alles in den Schoß fällt.«

Sebastian sagte dazu nichts, denn er hatte bisher nicht das Gefühl gehabt, vom Glück besonders begünstigt worden zu sein.

»Auch ich habe eine gute Nachricht: Die Vermieterin ist einverstanden, du kannst oben die Mansarde haben. Allerdings ist es nicht billig. Sie will dreißig Reichsmark.«

»Können wir uns das Zimmer gleich ansehen?«

Der Onkel nickte und nahm den Schlüssel in die Hand.

Sie mussten zwei Treppen höher steigen. Es war eine dunkle Mansarde mit Stützbalken, die jedoch zwei Fenster hatte – mit einem schönen Ausblick auf den Kurfürstendamm. Die Toilette war sehr eng, aber dies machte ihm nichts aus und auch nicht, dass weder Bad noch Dusche vorhanden war. In Schönberg hatten sie ein Plumpsklo auf dem Hof gehabt. Er würde sich eben am Waschbecken waschen.

»Na ja, für den Anfang geht es doch. Wohn- und Schlafzimmer in einem, da hast du keine langen Wege«, sagte der Onkel schmunzelnd.

»Und Möbel kriegen wir billig beim Altwarenhändler. Aber eine Matratze und Bettzeug wirst du kaufen müssen.«

Stolz betrachtete Sebastian sein Reich. Ihn bekümmerten nicht der Staub und die verwohnten Tapeten. Dieses Zimmer, so ärmlich es aussah, würde ihm gehören. Dies hatte er noch nie sagen können. Er stellte sich schon vor, wie es wäre, hier am offenen Fenster zu lesen, während draußen das Leben des mondänen Berlin pulsierte – und er war mittendrin! Dass er keine Küche hatte, war ohnehin kein Problem, er würde einfach bei Aschinger essen.

»Ich werde morgen der Wirtin sagen, dass du einverstanden bist. Dann kannst du am Wochenende einziehen.« Der Onkel wollte das Licht ausschalten und das Zimmer verlassen.

»Lass mich noch ein wenig hier oben bleiben«, bat Sebastian. Der Onkel nickte verständnisvoll.

Sebastian ging ans Fenster. Auf dem Kurfürstendamm brannten bereits die Laternen. Er machte sich keine Gedanken darüber, dass es in der Mansarde im Sommer sehr heiß sein würde, sondern war ganz gefangen von den Ereignissen, die ihm in den zwei Tagen in Berlin passiert waren. Zwei Tage, in denen er mehr erlebt hatte als in den letzten zwei Jahren in Schönberg. Er sah aus dem Fenster in die Dämmerung, die sich über die Stadt legte und ihr keine Ruhe gab, sondern ihren Puls beschleunigte, und er sah Uschi Venske vor sich mit ihrem reichen blonden Haar und ihrer üppigen Unterlippe, die ihn an eine saftige Erdbeere erinnerte. Er träumte, dass er mit ihr über eine Wiese ging, und sie legten sich unter einen Baum, und es geschah, was er bis dahin nur vom Hörensagen kannte, womit die Älteren auf dem Schulhof geprahlt hatten und was sich dennoch so anhörte, als hätten auch sie nur davon gehört. Unter ihm war das Rauschen des Kurfürstendammes und begleitete seine Träume. Er, Sebastian Lorenz, war bereit, einen reichen Fang aus dieser Stadt zu holen.

Am nächsten Tag stand er bereits eine Stunde vor der Zeit vor der Bierquelle. Sie war noch geschlossen. Er ging vor dem Lokal auf und ab und sah zur Berolina hinüber, an der er sich mit Uschi Venske treffen wollte. Noch musste er auf den Samstag warten. Er wusste nicht, wie es sein würde, und dies machte ihn genauso unruhig wie die Ungewissheit, ob er mit der Arbeit zurechtkommen würde. Er war sich dessen nicht so sicher. Oft genug hatten Vater und Wilfried ihn getadelt, dass er zwei linke Hände habe.

Es war frisch an diesem Morgen, und er fröstelte. Als Paul Dornbusch auftauchte, stutzte dieser und lächelte. »Schwidiwatzki noch einmal, du siehst gut aus! So muss jemand aussehen, der bei Aschinger arbeitet: immer tipptopp. Doch nun wollen wir mal dein neues Himmelreich öffnen.« Der Geschäftsführer klapperte mit dem Schlüsselbund und schloss die Tür auf. Sie gingen hinein, und Dornbusch nahm die Stühle von den Tischen und begutachtete die Tischplatten. Schon trafen die ersten Angestellten ein, ein Zapfer, eine Kellnerin und die Kaltmamsell. Der Zapfer mochte um die fünfzig sein und hieß Fritz Kapinske. Mit konzentrierter Miene überprüfte er sofort die Zapfhähne und ließ etwas Bier heraus. »Hat genug Druck, Chef! Alles in Butter.«

Die Kellnerin, die für das Nebenzimmer und die warmen Mahlzeiten zuständig war, hieß Ingeborg Panke und war groß, dürr und rothaarig und hätte sich mit ihrem ausgezehrten Gesicht auf einem Plakat von Toulouse-Lautrec gut ausgemacht. Die Kaltmamsell stellte sich gleich hinter den Tresen und wischte die Glasvitrinen aus. Sie war bereits Mitte dreißig, eine dralle Person mit frischen, roten Backen und lustigen Augen. Sie hieß Gisela Kloppke und lächelte Sebastian zu, als dieser sie interessiert bei der Arbeit beobachtete. Lachend warf sie ihm einen Lappen zu. »Rumstehen jibts hier nich!«

Sebastian stellte sich neben sie und wischte eifrig die Vitrinen sauber, obwohl diese bereits glänzten.

»Hast es jestern doch jehört: Sauberkeit und Qualität, darauf kommt es an. Wie heeßte denn?«

Er sagte es ihr, und sie schüttelte den Kopf.

»Sebastian Lorenz? Wat is det denn für ’n Name! Nee, so heeßt hier niemand. Ick werde dir einen anderen Namen verpassen. Warte mal …« Sie stemmte die Hand in die Hüfte und musterte ihn von oben bis unten. »Ick hab’s! Ick war jestern in ’ne Urania und hab ’nen Film jesehn, und der Kerl hatte auch so ’n treuherzigen Dackelblick wie du und hieß … Johnny. Ick werde dir Johnny nennen.«

»Quatsch hier nicht so rum, sonst geb ich dir gleich eine Kopfnuss, Schwidiwatzki noch mal!«, rief Dornbusch.

»Ick hab dem Kleenen doch nur ’nen anständigen Namen verpasst«, wehrte sie sich lachend. Sie schien sich nicht so leicht einschüchtern zu lassen.

Vor dem Lokal hielt der Aschinger-Wagen und brachte die frischen Schrippen und belegten Brote aus dem Zentralbetrieb. Die Kloppke nahm die Tabletts und schichtete das Angebot sorgfältig in die Vitrine.

Nun kamen der Koch und eine Küchenhilfe. Dornbusch wies ärgerlich auf die Uhr und mahnte mit dem Zeigefinger. »Das mit euch beiden wird immer schlimmer! Wenn ick det noch mal erlebe, det ihr nich Punkt acht hier seid, dann meld ick det der Personalabteilung. Schwidiwatzki noch mal, der Warmwagen wird gleich hier sein! Spätestens um zehn muss jeder ooch ’ne warme Suppe beim Aschinger kriejen, det wisst ihr doch!« Während sich Dornbusch sonst um ein gepflegtes Deutsch bemühte, fiel er bei Ärger oder Anspannung sofort ins Berlinerische.

»Vor zehn is det noch nie vorjekommen, det eener ’ne warme Mahlzeit wollte!«, murrte der Koch.

»Ick will keene Widerrede, det is nun mal Hausordnung! Ick will hier Disziplin, jawoll, und det mir in der Küche nich wieder rumjequiekt wird. Lass die Finger von der Sattlerschen!«

Die Küchenhilfe, eine blonde Zwanzigjährige mit einem gewöhnlichen, frechen Gesicht, aber wohlgeformten Beinen, zischte: »Er macht jar nüscht! Immer müssen Se uff uns rumhacken. Wir von der Küche sind die reinsten Nejer.«

»Quatsch nicht, rein ins Kabuff!«, grollte Dornbusch.

Schon drängten die ersten Kunden herein, und die Kaltmamsell hatte gleich viel zu tun. Während Fritz Kapinske die ersten Biere in die Gläser laufen ließ, erklärte er Sebastian mit großem Ernst, wie vorsichtig der Hebel an der Zapfsäule herunterzuziehen war und wie oft er das Glas nachfüllen musste.

»Lass et laufen, janz ruhig laufen! Und achte mir daruf, dass jedes Glas ’ne schöne Schaumkrone hat! Wenn et keen Schaum hat, denken de Leute, det is Pisse und keen Pschorr, Schultheiss oder Kindl. Lass et laufen, janz ruhig!«

Es war keine Wissenschaft, und Sebastian hatte zu seiner eigenen Überraschung den Bogen bald raus. Zuerst reichte er noch ein wenig zittrig das Bier über die Theke, aber als dann der große Ansturm in der Mittagszeit kam, glaubte er, sich ganz gut anzustellen. Im Gegensatz zu Fritz Kapinske, der nur stur hinter seinem Zapfhahn blieb, sprang Sebastian auch der Kaltmamsell bei, was ihm von dieser dankbare Blicke eintrug. Da er auch ins Warmzimmer lief und dort beim Geschirrabräumen half, sich also überall nützlich anstellte und lerneifrig zeigte, unterließ man es, darüber zu stöhnen, dass man den Frischling anlernen musste.

Seinen Vornamen verlor er bereits am ersten Tag. Von nun an hieß er bei allen nur Johnny. Er spürte gar nicht, wie der Tag verging, und als die Abendgäste kamen, war er so weit, dass er das Bier wie ein altgedienter Kneipenwirt ausschenkte und dabei jeden Gast mit einem Lächeln belohnte, was Paul Dornbusch ein wohlwollendes Brummen entlockte. Aber noch hielt er sich mit Lob zurück, war geradezu misstrauisch, ob sich dieser Eifer nicht als Strohfeuer erweisen würde. Zu oft hatte er erlebt, dass ein Frischling an den ersten Tagen arbeitete, als würde ihm Aschinger gehören, um dann abzuschlaffen, wenn er erst einmal fest angestellt war. Nein, man sollte den Tag nicht vor dem Abend loben. Erst am Ende der Woche glaubte er, mit Johnny tatsächlich einen guten Fang gemacht zu haben, und schrieb in den Beurteilungsbogen ein Gut , obwohl auch ein Sehr gut nicht übertrieben gewesen wäre. Aber das war Paul Dornbusch dann doch des Lobes zu viel.

Am Freitagnachmittag nahm sich Sebastian zwei Stunden frei, um sich beim Altwarenhändler Steinke in Berlin-Kreuzberg ein metallenes Bett, einen Schrank, einen gar nicht mal schlecht aussehenden kleinen Schreibtisch sowie einen Stuhl und einen verschossenen Sessel zu kaufen. Die Matratze und das Bettzeug kaufte er bei Tietz. Damit hatte er dem Schatz der Mutter gehörig Gewalt angetan. Die beiden Freistunden musste er natürlich abarbeiten, und deswegen war er am Freitag der Letzte, der mit Dornbusch das Lokal verließ. Er war abends todmüde, aber es machte ihm nichts aus, mehr noch, er war glücklich, denn zum ersten Mal beanstandete niemand seine linken Hände.

Am Samstagabend war er besonders fix, und dies fiel den anderen auf, zumal er dauernd auf die Uhr sah, und sie zwinkerten sich zu.

»Na, Johnny, du hast wohl heute noch etwas vor?«, brummte Kapinske gutmütig.

»Ja, eine Verabredung«, sagte Sebastian mit einer Miene, als würde er sich im Fürstenhof mit einem Ufa-Star treffen.

»Sieh mal einer an, eine Woche in Berlin und schon eine Verabredung!«, sagte die Panke, ihre Mundwinkel zogen sich noch tiefer herunter, und sie seufzte. »Ach, so jung müsste man noch mal sein!«

»Junges Blut will sich austoben!«, sagte Dornbusch grinsend. »Ick war jenau so. Schwidiwatzki noch mal, wenn man jut jearbeitet hat, braucht man ooch een bissken Freude.«

»Bist wohl een kleener Casanova!«, rief die Kloppke mit einem Flunsch rüber. »Pass nur uff, Johnny, det de nich unter de Räder kommst!«

»Wie isse denn?«, fragte Kapinske. »Hat se ordentlich Holz vor de Tür wie unsere Kloppke?« Er deutete mit den Händen an, was er meinte.

Die Kloppke schnaubte. »Ferkel! Wat jeht dir meen Busen an?«

»Verdirb den Jungen nicht!«, mahnte die Rothaarige zu Kapinske hinüber.

»Och, der Junge ist helle. Wenns so weit is, wird er schon kapieren, det man rechtzeitig die Kurve kriejen muss«, wehrte sich dieser und stellte die ausgespülten Gläser ins Regal.

»Männer!«, schnaubte die Rothaarige. »Eener wie der andere – allet Schweinehunde.«

Sebastian hatte bei dieser Unterhaltung rote Ohren bekommen. Um Punkt elf ließ man ihn gehen, obwohl noch ausgewischt und die Stühle auf die Tische gestellt werden mussten. Er lief zur Berolina hinüber. Aber von Uschi Venske war nichts zu sehen. Unruhig ging er auf und ab. Wenn sie nun nicht kam? Er fühlte, wie seine Hände feucht wurden. Zum ersten Mal hätte er gern eine Zigarette geraucht. Da kam ein Schatten von Tietz herüber. Er atmete auf.

»Da sind Sie ja!«, sagte Uschi Venske und gab ihm die Hand.

Er hatte in der Bierquelle auf der Toilette die Kleider gewechselt und die Aschinger-Uniform gegen seinen Flanellanzug mit weißem Hemd und Krawatte eingetauscht. Sie musterte ihn, als müsse sie noch einmal überprüfen, ob es richtig war, sich mit ihm zu treffen.

»Der Anzug steht Ihnen wirklich gut«, sagte sie anerkennend.

»Auch Sie sehen toll aus«, sagte er, und dies war nicht nur eine dahingesagte Höflichkeitsfloskel. Sie trug ein rosafarbenes Satinkleid, das eng anlag und ihre Brüste betonte, und auf ihrem Goldhaar thronte ein kesses kleines Hütchen in der gleichen Farbe. Er fand sie so schön wie die Stars auf den Filmplakaten.

»Wo gehen wir denn hin?«, fragte sie und schob die Unterlippe vor.

»Keine Ahnung. Sie wissen ja, ich bin noch nicht lange hier«, erwiderte er verlegen.

»Dann gehen wir ins Dixieland, gleich in der Nähe«, schlug sie vor. Ihre Frage war wohl rein rhetorisch gewesen. Woher sollte er schon wissen, wohin man in Berlin an einem Samstagabend ging! »Da wird ein prima Jazz gespielt. Jazz wie in New Orleans!«

»Jazz?«

»Sie wissen nicht, was Jazz ist?«

»Nein, bei uns zu Hause gibt es keine solchen Lokale«, gestand er beschämt. Er wusste nicht einmal, welche Lokale es in Neuruppin gab. In Schönberg hatten sie nur eine Kneipe und in Lindow nur die Ausflugslokale am See.

Das Dixieland hatte als Neonreklame einen Trompeter über dem Eingang, deren Licht in immer gleichem Rhythmus aus- und anging. Ganz Kavalier, zahlte er am Eingang für sie beide zwei Reichsmark Eintritt. Das Lokal war brechend voll. Auf der Bühne stand ein Solist, der mit vollen Backen in seine Trompete blies. Die Band hinter ihm hob und senkte im gleichen Rhythmus die Instrumente. Sebastian und seine Begleiterin drängten sich zu einem Tisch durch, an dem noch zwei Plätze frei waren. Die Musik nahm ihn sofort gefangen. Der Trompeter kündete das nächste Stück an: When the Saints go marching in.

Alles johlte begeistert, und die Musiker legten los, als wären sie in New Orleans beim Mardi Gras. Auf der Tanzfläche bewegten sich die Pärchen, als würden sie einen Marterpfahl umtanzen. Er hatte so etwas noch nie gesehen. Er bestellte ein Bier für sich und für Uschi Venske, nach einem fragenden Blick, einen Likör.

»Ist das nicht tolle Musik?«, schrie sie ihm zu.

Bei dem Lärm war keine andere Art der Verständigung möglich. Es roch nach Schweiß und Bier und anderem, was er nicht definieren konnte. »So was habe ich noch nie gehört!«, gestand er.

Das war doch etwas anderes als die Märsche, die Vater und Wilfried immer im Radio aufgedreht hatten. Er wusste, dass es außer Blasmusik auch Walzer, Tango und Foxtrott gab, aber eine solche Musik kannte er bisher nicht.

»Wollen wir tanzen?«, fragte sie und deutete auf die sich windenden Paare.

»Ich kann nicht tanzen«, entgegnete er unglücklich.

»Jeder kann Jazz tanzen!«, sagte sie und zerrte ihn auf die Tanzfläche.

Ungeschickt versuchte er, so wie sie mit den Füßen zu schlenkern und seine Partnerin im Bogen um sich herumzuführen. Anfangs gelang ihm dies nicht besonders, und er rempelte andere Tanzpaare an.

»Wat haste denn da für een Landei aufjejabelt, Uschi?«, schrie ein gutaussehender Tänzer, der wie ein Derwisch hin und her hüpfte.

»Lass man, Klaus, das lernt er noch allemal!«

Und damit hatte sie recht. Je mehr Tänze er mit ihr machte, desto besser konnte er sich dem Rhythmus anpassen.

»Na also«, sagte sie schließlich, »ich wusste doch, dass Sie das können! Jeder kann es.«

Als dann der Basin Street Blues gespielt wurde, tanzten sie ganz langsam, und er spürte, dass sie ihm mit dem Becken entgegenkam. Er bekam eine Erektion und wollte von ihr abrücken, weil ihm dies peinlich war.

»Bleib hier, das ist schon in Ordnung«, hauchte sie ihm ins Ohr und schob ihr Knie nach vorn. Ihre Schenkel hörten nicht auf, gegen sein Geschlecht zu drücken, lösten sich von ihm und drückten wieder und wieder. Sie rieb sich an ihm so heftig, dass ihr Atem schneller ging und sie ein rotes Gesicht bekam.

»Wir sollten das dumme Sie lassen. Ich heiße Uschi«, keuchte sie in sein Ohr und drückte sich gegen ihn. Er entlud sich in die Hose und rückte von ihr ab, doch sie zog ihn an sich heran. »Das macht doch nichts, du hast mich eben gern.« Er wusste nichts darauf zu sagen, und sie streichelte seinen Hinterkopf. »Ist ja gut, mein Sebastian. Für mich ist es auch schön gewesen.«

Ihre Bemerkung war nicht dazu angetan, seine Verlegenheit zu mindern. So offen sprach man zu Hause nicht über diese Dinge, und er war froh, als der Tanz zu Ende war und sie ihre Plätze einnehmen mussten. Er entschuldigte sich und ging auf die Toilette und reinigte sich. So etwas war ihm noch nie passiert. Bisher hatte er sich schon geschämt, wenn er die Folgen eines feuchten Traums mit dem Handtuch beseitigen musste, in der Hoffnung, dass die Mutter nicht zu früh die Betten machte und die Folgen erotischer Träume entdeckte. Aber sie hatte nie etwas gesagt.

Als er zurückkam, sah er diesen Klaus neben Uschi stehen und beide in ein intensives Gespräch verwickelt. Es gefiel ihm nicht, wie sie sich dabei ansahen. Genauso lockend und herausfordernd hatte sie ihn vorhin auch angesehen. Er gestand sich ein, dass er den gutaussehenden jungen Mann mit seinem Mittelscheitel nicht mochte. »Da bin ich wieder«, sagte er hilflos, als er sich auf den leeren Stuhl neben ihnen fallen ließ.

»Also, dann mach et jut! Es bleibt dabei, in Ordnung?«, sagte Klaus und sah Sebastian herausfordernd an, lachte verächtlich und ging.

»Was wollte der denn? Kennst du ihn gut?«, fragte er hastig.

»Nichts wollte er!«, erwiderte sie kurz. Als sie sein verstörtes Gesicht sah, fügte sie schnell hinzu: »Na jut, wir waren mal zusammen.

Aber das ist aus, du brauchst nicht eifersüchtig zu sein. Für so einen, der noch nicht mal eine richtige Arbeit hat, bin ich mir zu schade.«

Sebastian war erleichtert. Zwar gefiel ihm nicht ihre Begründung, aber er war doch froh, dass dieser attraktive und ältere Mann keine Gefahr für ihn war. Trotzdem ging ihm das »Es bleibt dabei« nicht aus dem Kopf, aber er wagte nicht zu fragen, wobei es blieb. Später begleitete er Uschi mit der letzten S-Bahn nach Steglitz. Sie stiegen an der Schloßstraße aus, und sie führte ihn zu einem großen Wohnblock in der Zimmermannstraße.

»Hier wohne ich, oben im zweiten Stock«, sagte sie an der Haustür, zog ihn an sich und küsste ihn. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass man dazu den Mund aufmachen musste, und sie wühlte mit ihrer Zunge wie ein Quirl in seiner Mundhöhle, und er bekam wieder eine Erektion.

»Soll ich dir Befriedigung verschaffen?«, fragte sie sanft und zog ihn in die Ecke der Haustür, öffnete seinen Hosenschlitz, holte sein Glied heraus und streichelte es routiniert.

Noch machte er sich keine Gedanken darüber, wie selbstverständlich und gekonnt sie dies tat. Er keuchte bald, küsste sie und stammelte: »Es ist so schön, Uschi. Ich liebe dich!«

»Warne mich, bevor du kommst, und spritz mir das Zeug nicht auf das Kleid! Hast du verstanden?«

Als er merkte, dass er so weit war, wandte er sich schnell ab und entlud sich gegen die Hauswand. Sie streichelte seinen Kopf.

»Na siehste, Sebastian, jetzt fühlst du dich besser!«, flüsterte sie.

»Beim nächsten Mal darfst du bei mir auch ein bisschen spielen«, versprach sie, was ihn erneut erregte, und er legte die Hände auf ihre Brüste, aber sie stieß ihn sanft weg. »Nein, mein Lieber, schön langsam mit den jungen Pferden! Ich muss jetzt hoch, sonst haut mich Vater windelweich.«

Sie verabredeten sich für den nächsten Samstag, und für den langen Weg bekam er noch einen Kuss mit, der feucht und so gequirlt war wie die vorausgegangenen und für das nächste Treffen einiges versprach. Da keine S-Bahn mehr fuhr und er sich die Kosten für ein Taxi sparen wollte, hatte er einen langen Fußmarsch vor sich. Erst fiel es ihm leicht, da er an die Küsse dachte und an ihre Hand an seinem Glied. Doch je länger der Fußmarsch dauerte, desto mehr beschäftigte ihn, was dieser Klaus gesagt hatte: »Es bleibt dabei, in Ordnung?« Und nun erinnerte er sich, dass sie dazu genickt hatte, und es kam ihm der Gedanke, dass sie mit dem genau das Gleiche getan hatte wie mit ihm. Aber ihre Küsse zeigten doch, dass sie nun ihn liebte. Und wenn doch nicht? Er versuchte, diese Gedanken zu verscheuchen, und war sehr verwirrt, als er im Morgengrauen am Kurfürstendamm eintraf.

Am Sonntag ließ er es langsam angehen und rückte seine Möbel zurecht, die man am Samstag angeliefert und die der Onkel in Empfang genommen hatte. Er fand, dass er nun ein gemütliches Heim hatte, und war stolz auf sein kleines Reich. Am späten Nachmittag ging er auf den Kurfürstendamm und setzte sich bei Kempinski auf die Terrasse und trank Berliner Weiße mit Schuss. Es war ein schöner, fast sommerlicher Frühlingstag, und die Berliner strömten in ihren besten Kleidern durch die Straßen, um den Frühling zu begrüßen. O ja, die Städter wussten sich herauszuputzen, und er war froh, dass er sich als Erstes mit Kleidung versorgt hatte, die ihn nicht wie ein Landei aussehen ließ. Die Bemerkung von diesem Klaus hatte doch geschmerzt. Er hatte schon mitbekommen, dass die Berliner auf alle, die nicht aus Berlin waren, mit ein wenig Verachtung herabsahen. Wenn man in dieser Stadt zurechtkommen wollte, musste man die Spielregeln kennen.

Auch im Café Kempinski erkannte er die Unterschiede: Die Reichen gingen höflicher miteinander um, hatten bessere Manieren und berlinerten zwar im Tonfall, sprachen aber grammatikalisch richtiges Deutsch. Er erkannte, dass die Sprache ein Herkunftsausweis war, und nahm sich vor, die berühmte Berliner Kodderschnauze nicht zu imitieren. Er bewunderte also die Frauen in ihren weißen fließenden Kleidern, die großen Hüte mit den Blumen darauf und die Lockerheit der Paare untereinander. Die Männer, die im Café Kempinski saßen, erschienen ihm alle sehr weltmännisch. Ihm war nicht bewusst, wie sehr er sich in dieser ersten Woche bereits verändert hatte. Es war, als hätte man einen Deckel vom Topf genommen oder ihn von Fesseln befreit.

Am Abend ging er hinunter zu seinem Onkel, der ihm eine Klaviersonate von Brahms vorspielte. Dies behielten sie nun lange Zeit bei, und so bekam er von dem Kapellmeister eine Welt zu hören, die er bis dahin auch nicht gekannt hatte. Nach einem Vierteljahr konnte er mit Fug und Recht sagen, dass er sich als Berliner fühlte. Jeden Samstag traf er sich mit Uschi Venske, und sie tat jedes Mal zum Schluss das, was sie beim ersten Mal getan hatte, ließ sich auch von ihm ihre nackten Brüste streicheln und führte dann seine Hand unter ihr Kleid an ihr Höschen und ließ sich dort reiben, aber wenn er den Stoff beiseiteschieben wollte, entzog sie sich ihm.

»So eine bin ich nicht. Ich bin ein anständiges Mädchen.« Sie stieg deswegen nur noch mehr in seiner Achtung, und er war sich sicher, sie zu lieben.

Mittlerweile kannte Sebastian alle Jazzclubs in Berlin und die Namen der wirklich großen Jazzer wie Louis Armstrong, King Oliver und Bix Beiderbecke im fernen Amerika, und natürlich beherrschte er das »Hotten«, den richtigen Dreh beim Tanzen, und machte dies nicht schlechter als die anderen. Am Sonntag ging er mit Uschi zum Tanztee unter dem Funkturm, wo auch deutsche Kapellen fetzigen Jazz spielten.

Seine Arbeit machte ihm immer noch Spaß, und da er in seinem Eifer nicht nachließ, schickte der Geschäftsführer der Bierquelle weiterhin gute Bewertungen über den hoffnungsvollen jungen Mann an die Zentrale. Ende Juli flaute das Geschäft ab, und Paul Dornbusch machte ein unzufriedenes Gesicht. »Schwidiwatzki, sind denn alle Berliner in Urlaub gegangen?«

Sie standen oft untätig herum und langweilten sich. Auch Sebastian zerbrach sich den Kopf, wie man das Geschäft beleben konnte. Als er sah, wie sich vor Wertheim beim Sommerschluss die Menschen drängten, kam ihm die Idee, wie man auch bei Aschinger das Geschäft beleben konnte – eine Idee, die nicht ohne Folgen für ihn bleiben sollte …

»Machen wir doch Aktionswochen!«, schlug er Dornbusch vor.

»Was meinste denn?«, fragte dieser und sah unwillig von dem Tisch auf, den er gerade abwienerte, als wolle als Nächstes der Kaiser aus seinem Exil in Doorn seine Bierquelle beehren. »Wir sind doch gut, billig und schnell, das weiß doch jeder!«

»Wir müssen die Kundschaft darauf stoßen, dass es bei uns immer etwas Neues gibt und es sich immer lohnt, bei uns vorbeizuschauen. Wir machen eine Fischwoche, eine Wildwoche, eine Gänsewoche oder eine Hühnchenwoche.«

»Unser Kleener!«, staunte Gisela Kloppke am Büfett. »Nun hör sich det eener an!«

»Gar nicht so dumm, Schwidiwatzki noch mal!«, brummte Dornbusch anerkennend. »Ick werde mal mit der Zentrale reden, ob die uns für eine Geflügelwoche was zusammenstellen können.«

»Wir könnten ein Plakat ins Schaufenster hängen mit der Aufschrift Gänsewoche bei Aschinger , und draußen stellen wir eine Staffelei mit unserem täglichen Angebot auf.«

»Unser Kleener!«, rief die Kloppke stolz.

Es geschah, wie Sebastian vorgeschlagen hatte. Doch an den beiden ersten Tagen tat sich nicht viel. Zwar wurde die »Junge Gans aus Polen mit Grünkohl« zu drei Reichsmark von den Stammgästen gut angenommen, aber das Publikum war nicht viel zahlreicher. Als Dornbusch schon begann, Sebastian missmutige Blicke zuzuwerfen, und dabei murrte, dass dies wohl ein Schuss in den Ofen gewesen sei und er sich bei der Zentrale wohl blamiert habe, wirkte endlich die Mundpropaganda. Sie verlängerten die Aktion um eine weitere Woche und steigerten den Umsatz um fünfzig Prozent.

Es war an einem Samstag, als wieder einmal im Lokal alles still wurde, die Angestellten eifrige Gesichter machten und sich noch schneller bewegten. Fritz Aschinger erschien. Erst stand er nachdenklich vor der Bierquelle und las das Schild, dann stürmte er herein und winkte Dornbusch zu, ihm ins kleine Büro zu folgen.

»Sie haben da eine gute Idee gehabt. Wir werden diese Aktionswochen nun überall in unseren Bierquellen durchziehen«, lobte er seinen Geschäftsführer. »Sie können mit einer ordentlichen Prämie rechnen. Ich mag es, wenn jemand selbst die Initiative ergreift. Diese Bierquelle liegt sechzig Prozent über den anderen. Sie haben mit Abstand die Spitze übernommen. Meine Gratulation!« Die Augen hinter den dicken Brillengläsern funkelten begeistert. »Gerade jetzt brauchen wir solche Erfolge! Die Umsätze sind seit zwei Jahren rückläufig. Den Leuten geht es halt schlecht, und die Arbeitslosenzahlen nehmen immer noch zu. Es kommen auch kaum noch Touristen nach Berlin. Sie dagegen haben gezeigt, dass man aus dem Teufelskreis ausbrechen kann. Ich bin sehr zufrieden. Noch mehr solche Ideen, Herr Dornbusch!«

»Es war nicht meine Idee«, gestand Paul Dornbusch, der ein zu ehrlicher Kerl war, um für sich allein die Meriten einzustreichen. »Es war der verflixte Junge!«

»Was für ein Junge?«

»Sie haben ihn selbst eingestellt.«

»Etwa der Bücherwurm?«

»Ja, unser Johnny.«

Aschinger kniff die Augen zusammen. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. »Dachte ich es mir doch! Wer mit Stendhal herumläuft, an dem muss etwas dran sein. Her mit dem jungen Mann!«

Dornbusch lief hinaus und winkte Sebastian aufgeregt zu, in sein Büro zu kommen. Zögernd betrat Sebastian das kleine Zimmer neben der Küche.

Aschinger musterte ihn und reckte den Kopf. »Du also hattest die Idee mit den Aktionswochen. Wie stellst du dir das weiter vor?« Leicht nervös erklärte Sebastian seine Idee: »Die Aktionswochen könnten vielleicht noch erfolgreicher sein, wenn sie zusätzlich mit Annoncen angekündigt und begleitet werden.«

»Sieh mal an, unser Bücherwurm! Ja, die Idee ist nicht schlecht. Wie macht sich der junge Mann sonst?«

»Gut«, sagte Dornbusch zögernd. »Nun ja, vielleicht kann man ihm sogar ein ›Sehr gut‹ geben. Er ist eifrig, intelligent, höflich und flink.«

»Schön, schön. Du meldest dich morgen in der Zentrale in der Friedrichstraße. Ich kann einen fixen jungen Mann als Mädchen für alles bei mir gebrauchen. Wenn du dich gut anstellst, wirst du mein Assistent.«

Dornbusch blieb vor Staunen der Mund offen.

»Aber ich kann doch sonst nichts«, sagte Sebastian eingeschüchtert.

»Du hast Ideen, so einen kann ich gebrauchen. Du wirst, wenn du tüchtig bist, das Verbindungsglied zwischen mir und Direktor Teichmann und den anderen Direktoren. Ich verlange nur schnelle Auffassungsgabe, Arbeitseifer, Ehrlichkeit und vor allem unbedingte Loyalität. Du bist mir direkt unterstellt und wirst nur von mir Anweisungen entgegennehmen. Wie heißt du? Johnny? Bist du Ausländer?«

»Nein, so nennen mich hier nur alle«, stotterte Sebastian.

»Er heißt Sebastian Lorenz. Aber wir nennen ihn alle Johnny«, warf Dornbusch ein, der nicht wusste, ob er lachen oder weinen sollte, hatte er doch eben einen guten Mann verloren. Andererseits gönnte er dem Johnny diesen Aufstieg. Der Junge, so seine jetzige Einschätzung, war etwas Besonderes.

»Also, Johnny«, sagte Aschinger vergnügt, »kannst du auch Englisch?«

»Ein wenig, aber nicht sehr gut«, gestand Sebastian kleinlaut. Ihm schwirrte der Kopf. Es passierte tatsächlich: Seine Träume wurden wahr.

»Beleg einen Abendschulkurs!«, befahl Aschinger. »Die Kosten übernehmen wir. Nimm Betriebswirtschaft und Englisch! Ich verlange, dass du perfekt Englisch sprichst, denn wir können in der Gastronomie viel von den Engländern lernen. In einem halben Jahr musst du englische Bücher lesen können. Beleg auch Stenographie- und Schreibmaschinenkurse, auch das gehört zu den Dingen, die ein tüchtiger Sekretär beherrschen muss. Ich sehe dich morgen um zehn Uhr bei mir am Kurfürstendamm. Wir fahren dann gemeinsam ins Büro. Ach ja, hast du einen ordentlichen Anzug?«

»Ja, einen grauen Flanellanzug.«

»Na schön, das mag gehen. Über dein Gehalt reden wir nach der Probezeit. Natürlich bekommst du ein Aufgeld für deine Kleidung. Zeig mal deine Hände!«

Sebastian streckte sie vor, und Aschinger schüttelte den Kopf. »Rot und rissige Nägel. Schon mal bei der Maniküre gewesen?«

Sebastian riss die Augen auf und schüttelte den Kopf.

»Zum Friseur kannst du auch mal wieder. Also, morgen früh bei mir!« Er schickte Sebastian mit einem wohlwollenden Kopfnicken hinaus. Als Sebastian wieder im Lokal war, sahen ihn die Kloppke und Panke mitleidig an.

»Junge, du bist ja weiß wie eine Wand!«, sorgte sich Kapinske.

Im Büro war Fritz Aschinger noch nicht fertig, sondern lobte nun auch seinen Geschäftsführer. »Es gehört zum Erfolg, nicht nur eine Idee zu haben, sondern man muss ihre Tragweite auch erkennen und sie mutig umsetzen. Sie sind von nun an Hauptgeschäftsführer für alle Bierquellen rund um den Alexanderplatz bis zur Friedrichstraße. Machen Sie weiter so! Für den Johnny schicke ich Ihnen einen neuen Mann.« Er rauschte hinaus, nicht ohne sich an dem Büfett ein Fischbrötchen geben zu lassen. Wie jeder Gast bezahlte er seine 25 Pfennig und verzehrte es mit Bedacht, während er dabei die hereinkommenden Gäste und den Eifer beobachtete, mit dem sich Sebastian an den Zapfhähnen zeigte. Mit einem Schmunzeln verließ er die Bierquelle. Sofort versammelte sich das Personal um Sebastian.

»Schwidiwatzki, so etwas hat es noch nie gegeben! Der Johnny wird ein ganz Großer, und mir hat der Junge auch Glück gebracht«, sagte Dornbusch. »Stellt euch das mal vor, er hat Aussicht, Sekretär des Generaldirektors zu werden! Herr Aschinger holt den Teufelskerl ins Chefbüro. Johnny ist erst ein paar Monate bei uns und fällt schon die Leiter bis zur Spitze hinauf.«

»Ick wusste, det was in ihm steckt«, sagte die Kloppke stolz. »Ick hab es immer jewusst!«, wiederholte sie kopfnickend und drückte Sebastians Kopf an ihren beachtlichen Busen.

»Er taugt was«, stimmte Kapinske zu, »er taugt wirklich etwas!« Als sich Sebastian abends von der Belegschaft verabschiedete, sagte die Kloppke: »Vergiss uns nicht, Johnny, ooch wenn de jetzt zu den da oben jehörst!«

»Werd bloß nicht so ’n feiner Pinkel, so ’n Wichtigtuer!«, setzte Kapinske hinzu.

»Ich werde euch oft besuchen«, versprach Sebastian. »Ihr wart alle so nett zu mir und habt mir geholfen. Ich konnte doch gar nichts.«

»Na, jedenfalls weißte jetzt, wie man een richtiges Bier zapft, wa?«, brummte Kapinske gerührt.

»Mach weiter so, aber pass auf dich auf!«, gab ihm Dornbusch mit auf den Weg. »Da oben ist die Luft verdammt dünn, da werden eine Menge Leute neidisch auf dich sein. Aber du hast ja een Köpfchen, und det ist nicht nur dazu da, den Mädchen den Kopf zu verdrehen. Pass uff dich uff, Johnny! Würde mir leidtun, wenn de abstürzt. Hast mir ne Menge Glück gebracht.«

Mit vielen Ratschlägen verließ er die Bierquelle am Alexanderplatz. Wie im Traum ging er zur S-Bahn. Er sah nicht die Menschen um sich herum und spürte nicht einmal die obligatorischen Rippenstöße im Gedränge, hörte nicht das Rauschen der U-Bahn. Er bedauerte nur, dass er erst am Samstag Uschi Venske wiedersehen würde. Zu gern hätte er ihr erzählt, was passiert war. Fritz Aschinger, den man den König von Berlin nannte, hatte ihn in sein Gefolge aufgenommen. Er schritt schneller aus. Der Onkel musste die gute Nachricht erfahren. Hoffentlich hat mein Glück Bestand, dachte Sebastian.

Kapitel 5

Es war ein weißes Haus, das mit einer prächtigen grünen Kuppel gekrönt war. Die Simse an den Fenstern zeigten Heroen und Feen, und neben dem Eingang hielten Herkules und Atlas Wache. Es war alles romantischer Kitsch, aber so großartig, dass es fast wieder schön war. Doch so sahen viele hochherrschaftliche Häuser auf dem Kurfürstendamm aus. Ein auftrumpfender Nachklang aus der Zeit, als ein deutscher Kaiser sein Volk zu herrlichen Zeiten führen wollte, sich dabei aber verirrte und durch Dummheit und Größenwahn sein Reich verlor und sein Volk ruinierte.

Jawohl, es war der Palast eines Königs. Als Sebastian von einem Diener in Aschingers Haus gebeten wurde und die große Halle mit der Wendeltreppe und den Bildern sah, die Stauferkönige beim Einzug in Palermo und die badenden Rheintöchter zeigten, bekam er einen ersten Eindruck vom Reichtum der Aschingers, denen bereits 25 Bierquellen und Konditoreien, Bäckereien sowie etliche Nobelhotels gehörten und die in der Saarbrücker Straße am Prenzlauer Berg täglich fünfzigtausend Schrippen und zwanzigtausend Bierwürste herstellten.

Der livrierte Diener hieß ihn warten. Er setzte sich in der Halle in einen Sessel, wie er prächtiger auch nicht in Sanssouci stehen mochte. Dann kam Fritz Aschinger die Treppe herunter, dunkel gekleidet, mit einer Melone auf dem Kopf, und nickte ihm zu. Unter dem Arm hielt er eine Aktentasche aus feinem Leder, die er Sebastian gab.

»Nervös?«, fragte Aschinger und lächelte aufmunternd.

»Ein wenig«, gab Sebastian zu. Der Mund war ihm trocken. So lebten also die Reichen. Es überstieg alles, was er sich je vorgestellt hatte, und übertraf selbst seine Tagträume vom Reichtum des Monte Christo. Wie benommen starrte er auf die kristallenen Lüster, die roten Vorhänge, die reichverzierten Möbel und den spiegelnden Marmorboden.

»In ein paar Wochen wird alles für dich selbstverständlich sein«, versuchte Aschinger ihm seine Befangenheit zu nehmen. »Das hier ist nichts. Was wirklich zählt, ist unser Zentralbetrieb in der Saarbrücker Straße. Doch nun komm!«

Die Tür wurde ihnen aufgehalten. Draußen stand ein großer schwarzer Mercedes, und der Chauffeur wartete mit der Mütze in der Hand vor dem offenen Wagenschlag. Sie fuhren mit heruntergeschlagenem Verdeck zur Friedrichstraße, und das prächtige Wetter passte dazu. Die Sonne knallte bereits am frühen Morgen vom Himmel. In der Friedrichstraße fuhr der Wagen in einen Hof, und auch hier eilten Angestellte herbei und öffneten ihnen den Wagenschlag. An einem grüßenden Pförtner vorbei ging es in das Verwaltungsgebäude und durch lange Flure, wo emsig telephoniert und auf große Adler-Schreibmaschinen eingehämmert wurde. Sie kamen in eine große holzgetäfelte Büroflucht und dann in Aschingers riesiges Chefbüro, das mit üppigen Ledersesseln und mit einem mächtigen, mit silbernen Ornamenten verzierten Schreibtisch eingerichtet war, hinter dem an der Wand große Ölbilder von August und Carl Aschinger hingen, den Gründervätern, die einst aus Derdingen in Schwaben mit 1,50 Reichsmark nach Berlin gekommen waren und innerhalb weniger Jahre, nach Augusts vorteilhafter Heirat, eine Kette von Bierquellen gründeten und durch geschicktes Taktieren und die Idee der kostenlosen Schrippe den Grundstein des Imperiums legten.

Fritz Aschinger öffnete eine Tür in seinem Chefbüro und wies in ein kleines Zimmer, das schmucklos und nur mit einem kleineren, abgenutzt aussehenden Schreibtisch, zwei Bürostühlen und einem leeren Aktenschrank ausgestattet war. Doch auf Sebastian machte auch dieses Büro einen überwältigenden Eindruck.

»Das ist dein Reich. Ursprünglich, zur Zeit meines Vaters, war es mal mein Arbeitszimmer. Ich denke, hier wirst du dich wohl fühlen.« Fast ehrfürchtig betrat Sebastian den Raum und setzte sich hinter den Schreibtisch, von Fritz Aschinger schmunzelnd beobachtet. »Es ist alles wie ein Traum!«, sagte Sebastian.

Fritz Aschinger wies auf eine Seitentür. »Dies hier ist das Büro von Herrn Teichmann, meinem Vorstandskollegen, Prokurist und Direktor für Finanzen. Teichmann und ich führen das Unternehmen. Du wirst ihn nachher kennenlernen. Die andere Tür führt zu meinem Büro. Du sitzt also in der Mitte der Schaltstelle des Unternehmens und bist somit für die Terminpläne und Koordination zwischen uns zuständig. Du wirst an den Vorstandssitzungen teilnehmen und die Protokolle der Stenotypistin überwachen. Du wirst mit mir jeden Morgen den Terminplan und die Akten durchsprechen und meine Anweisungen übermitteln. Wir haben nachher eine Sitzung mit den Hauptgeschäftsführern, da wirst du alle wichtigen Leute kennenlernen. Noch irgendwelche Fragen?«

Sebastian hätte tausend Fragen stellen können – aber womit sollte er anfangen? Er brachte kein einziges Wort heraus und schüttelte den Kopf.

»Na gut. Wenn ich dich brauche, hörst du ein kurzes Klingelzeichen, und an deinem Telephon leuchtet ein kleines Lämpchen auf.« Fritz Aschinger hob leutselig winkend die Hand und ging hinaus.

Sebastian saß eine Weile wie betäubt hinter dem Schreibtisch, und seine Hand fuhr über die spiegelnde Schreibtischplatte. Was für ein Unterschied zum verstaubten Kontor der Anwaltskanzlei Stöckler!

Er öffnete die Schreibtischschubladen, aber außer einem Stapel Papier mit der Aufschrift Aschingers Aktiengesellschaft und dem Hinweis auf Weinhaus Rheingold, Hotel Fürstenhof sowie Grandhotel und Palasthotel befand sich nichts in den Fächern. Er rätselte, was auf ihn zukommen würde. Warum hatte Fritz Aschinger gerade ihn dafür ausgewählt? Gut, er hatte eine Idee gehabt, die sich für den Konzern vorteilhaft auswirkte, dennoch blieb es ein Wunder, das ihn in das Allerheiligste des Aschinger-Konzerns katapultiert hatte. Dabei war er noch vor wenigen Monaten nur der zweite und mittellose Sohn des fast bankrotten Bauern Lorenz in Schönberg gewesen, ein verkrachter Gymnasiast, ein entlassener Anwalts- und Notargehilfe mit einer trostlosen Zukunft. Millionen von Menschen lebten in Berlin, und viele davon waren besser ausgebildet und klüger als er und standen doch in endlosen Ketten vor den Arbeitsämtern. Er aber hatte ohne große Mühe, ohne sich bewähren zu müssen, eine Stelle am Hof des Gastronomiekönigs bekommen. Weil Fritz Aschinger es so wollte, weil auch er scheinbar Bücher liebte und Stendhal und Balzac schätzte. Wenn er dies nach Hause meldete, würden sie es wieder für eine seiner Phantastereien halten.

Die Tür hinter ihm ging auf, und ein schmal gewachsener Mann mit einem asketischen Gesicht, einer hohen Stirn, einer spiegelnden Glatze und mit einem Kneifer auf der Nase trat ein und musterte ihn unwillig. »Was suchen Sie denn hier?«, herrschte er ihn an.

»Ich bin der neue Assistent von Herrn Aschinger«, stotterte Sebastian, sprang auf und legte die Hände an die Hosennaht, wie ein Rekrut, der vor einem Offizier oder General strammzustehen hatte.

»Assistent? Hm, wieder mal was Neues. Und was ist Ihre Aufgabe, Herr Assistent?«

»Ich soll die Termine von Herrn Aschinger mit denen von Herrn Direktor Teichmann koordinieren und ansonsten Herrn Aschinger zur Hand gehen.«

»Na, gratuliere! Dann haben Sie ja ein riesiges Aufgabengebiet vor sich«, erwiderte sein Gegenüber mit einem schmalen Lächeln, scharf wie eine Rasierklinge. Er ging durch Sebastians Zimmer und in Aschingers Büro. Nach kurzer Zeit ertönte ein Klingelzeichen, und Sebastian stürzte in das anliegende Zimmer. Aschinger und der Mann mit dem strengen Gesicht standen vor dem riesigen Schreibtisch und blickten ihm entgegen.

»Das ist der junge Mann mit den Aktionsideen. Bei uns in der Spitze brauchen wir junge, unverbrauchte Leute mit Einfällen. Er ist mir direkt unterstellt, Herr Teichmann. Er wird auch für meine persönlichen Angelegenheiten zuständig sein.«

Das also war Teichmann, der zweite Mann bei Aschinger, der – so hatte es ihm Dornbusch erzählt – noch mächtiger war als der Inhaber. Ein Mann, der nur Zahlen gelten ließ. Er ist gefährlicher als ein hungriger Hai, hatte Dornbusch geraunt. Wehe dem, der ihm in die Quere komme! Und nun, da Sebastian ihn kennenlernte, glaubte er dies gern. Dieses kalte Gesicht mit Augen wie Gletscher, die schmalen Lippen und die schneidende Stimme ließen auch ihm eine Gänsehaut über den Rücken laufen.

»Ach ja, er hat dafür gesorgt, dass die Bierquelle am Alexanderplatz so gut dasteht? Gut gemacht! Wollen wir hoffen, dass diese Idee keine Eintagsfliege war.«

Mit dem Lob war also gleichzeitig eine Drohung verbunden. Aschinger winkte Sebastian zu. Sie gingen in einen angrenzenden Konferenzraum, an dessen langem Tisch bereits acht dunkel gekleidete Herren saßen, die nun eilig aufsprangen und ängstliche Gesichter machten. Der Raum war bis auf ein paar Blumen am Fenster schmucklos, wurde aber ebenfalls von den Bildern der Gründerväter dominiert. Aschinger und Teichmann setzten sich jeweils an die Stirnseiten des Tisches in die gepolsterten Sessel.

»Nun, meine Herren«, sagte Teichmann und reckte das Kinn, »dann können wir wohl anfangen.«

Sebastian stand etwas verlegen hinter Fritz Aschinger, weil er keinen Platz gefunden hatte. Aschinger bemerkte dies und drückte auf einen Knopf unter dem Tisch, worauf eine ältliche Sekretärin hereinstürzte.

»Holen Sie einen Stuhl für Herrn Lorenz! Bei dieser Gelegenheit, meine Herren, möchte ich Ihnen Herrn Lorenz vorstellen, er ist mein zukünftiger Assistent. Sie werden es mit ihm in Zukunft öfter zu tun bekommen. Übrigens, er ist der Junge mit der Idee der Aktionswochen. Nachdem wir seit zwei Jahren mit zurückgehenden Kundenzahlen zu tun haben, hat er am Alexanderplatz durch Initiative und eine frische Idee die Zahlen ins Positive verkehrt. Das, meine Herren, ist es, was wir brauchen: Ideen und Initiative.«

Die Sekretärin brachte zwei Stühle herein und schob ihm freundlich lächelnd einen Stuhl zu. Sie nahm in der Ecke Platz, schlug den Stenoblock auf und konzentrierte sich auf die Gespräche.

»Nun lesen Sie mal vor, wie es in diesem Monat aussieht, Braschke!«, bellte Teichmann.

Dieser ratterte die Zahlen herunter und lehnte sich dann mit Schweiß auf der Stirn zurück.

Teichmann schnaufte theatralisch. »Also, bis auf den Alexanderplatz haben alle Bierquellen rückläufige Zahlen. Meine Herren, die Situation wird langsam besorgniserregend. Ich weiß nicht, ob die Banken noch lange mitspielen werden, Herr Aschinger.«

»Sie verlieren zu viel Geld, wenn sie uns fallenlassen«, wehrte Fritz Aschinger scheinbar gelassen ab.

»Banken geben bei Sonnenschein gern einen Regenschirm, bei Regenwetter verlangen sie ihn zurück. Bankiers sind feige Hyänen. Irgendwann werden sie sagen, dass wir ein Fass ohne Boden sind«, widersprach Teichmann. »Wir müssen etwas tun – und zwar bald! Entweder wir …«

»Ja, Direktor Teichmann, wenn es an der Zeit ist, werden wir etwas tun. Wie sieht es bei den Hotels aus, Herr Messner?«, unterbrach Aschinger die Kassandrarufe seines Direktors.

»Leider auch nicht gerade rosig. Der Fürstenhof wirft zwar immer noch einen kleinen Gewinn ab, doch der Kaiserhof macht mir Sorgen. Seit Hitler den Kaiserhof zu seinem Hauptquartier in Berlin erkoren hat und die Nationalsozialisten und die Vaterländischen sowie der Stahlhelm dort einkehren, haben wir die jüdische Kundschaft verloren. Der Kaiserhof gilt als deutschnational.«

»Warum müssen wir auch die Naziflagge vom Dach wehen lassen, wenn Hitler sich dort aufhält!«, kritisierte Aschinger und klopfte mit dem Füllfederhalter ärgerlich auf die Tischplatte.

»Ach, das kann uns noch einmal viel Geld in die Kasse spülen«, warf Teichmann ein. »Spätestens im nächsten Jahr sind die Nazis an der Macht. Ich habe vorgestern mit Rolf Singer vom Singer–Konzern gesprochen. Die Großindustrie wird Hitler unterstützen, so dass dieser die größte Wahlkampagne starten kann, die Deutschland je gesehen hat. Auch Singer ist der Meinung, dass nur noch Hitler Deutschland retten kann.«

»Das hilft uns im Moment nicht weiter. Ich werde zu Studienzwecken nach England gehen und hoffe, mir in London Anregungen zu holen, wie wir unsere Hotels noch attraktiver machen können.«

Dann wurden Produktionszahlen und Aufwendungen diskutiert, und es wurde einstimmig festgestellt, dass die Kosten zu hoch seien.

»Irgendwelche Vorschläge?«, fragte Aschinger.

Ein peinliches Schweigen war die Antwort. Bis auf Teichmann und Aschinger hatten alle Schweißperlen auf der Stirn.

»Meine Herren, Sie bekommen alle eine Menge Geld und kommen zur Großen Lage, ohne Vorschläge zu haben, wie man die Situation verbessern kann?«, höhnte Teichmann. »Ich fürchte, Sie haben nicht bedacht, dass wir bald Entlassungen vornehmen müssen, wenn wir die Situation nicht in den Griff bekommen. Selbstverständlich wird dann auch die Zahl der Direktoren erheblich verkleinert.« Drohend blickte er hinter seinem Kneifer in die Runde.

»Keine Anregungen? Keine Ideen?«, fragte Aschinger enttäuscht, lehnte sich zurück und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte.

Sebastian fiel ein, wie oft die Aschinger-Wagen die Bierquellen am Tag anfuhren. Die einen brachten die Brötchen, die anderen das Bier, die dritten die warmen Speisen und so weiter. Es müsste doch möglich sein, die Anfahrten zu reduzieren. Sebastian beugte sich zu Aschinger und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich hätte da eine Idee.«

»Meine Herren, unser Herr Lorenz hat einen Vorschlag zu machen.«

Alles sah hoch. Auf Teichmanns Gesicht zeigte sich ein ironisches Lächeln. Auch die anderen Gesichter verhehlten ihre Skepsis nicht. Was sollte dieser Grünschnabel schon für eine Idee haben, hatten sie sich doch schon seit Wochen den Kopf darüber zerbrochen, wie die Kosten zu senken waren! Es war immer darauf hinausgelaufen, dass nur durch eine Qualitätssenkung bei Fleisch und Mehl wesentliche Kosten einzusparen waren, aber damit brauchten sie erst gar nicht kommen. Denn Qualität war das Vermächtnis der Gründerväter, und daran ließ Fritz Aschinger nicht rütteln.

Sebastian schilderte erst stockend, wie oft die Aschinger-Wagen vor der Bierquelle eintrafen und wie dies das Personal immer wieder aufhielt und dass die Wagen oft nur halb beladen waren. »Es müsste doch möglich sein, die Anfahrten in der Zentrale so zu organisieren, dass man mit einer Anfahrt, allenfalls zwei Anfahrten auskommt. Auch könnte das Pschorr-Bräu gemeinsam mit dem Berliner Kindl angefahren werden.«

»Das ist doch Theorie! Wir haben das immer so gehandhabt … Das würde in der Zentrale einen riesigen Aufwand verursachen«, wollte Braschke den Vorschlag vom Tisch wischen.

»Nein, ich halte den Vorschlag durchaus für interessant!«, sagte Teichmann, lehnte sich zurück und drehte den Bleistift nachdenklich in der Hand. »Wir werden das durchrechnen. Wir könnten sogar den Fuhrpark verkleinern und … Ja, ich finde den Vorschlag sehr interessant.«

»Meine Herren, Sie haben es gehört, arbeiten Sie bis in zwei Tagen einen Plan aus, wie wir das bewerkstelligen können«, sagte Aschinger bestimmt. »Nehmen Sie sich ein Beispiel an dem jungen Mann! Wie oft waren Sie in den letzten Monaten in den Bierquellen? Der Vorschlag meines Assistenten kommt aus der Praxis. Also hinaus mit Ihnen in die Bierquellen! Sehen Sie sich um, was man rationalisieren und verbessern kann! Ich erwarte bis Ende des Monats von jedem einen Bericht über seine Erkenntnisse und Vorschläge, was zu tun ist.«

»Ein sehr guter Vorschlag!«, lobte Teichmann. »Und Sie, Fischer, sehen sich noch einmal die Lieferanten an! Ich erwarte von Ihnen, dass wir uns auf wenige Anbieter konzentrieren und dann mit diesen neue Verträge und Preise aushandeln. Ein Einkaufschef muss unbeliebt sein. Aschinger hat bei den Lieferanten den Ruf eines Goldesels, doch diese Zeiten sind endgültig vorbei. Über den Einkauf und die Organisation wird der Gewinn gemacht.«

Aschinger drehte sich zu Sebastian um und kniff ein Auge zu. »Sehen Sie, meine Herren, man muss unbefangen an die Dinge herangehen«, wandte er sich noch einmal an die Runde. »Nichts ist unmöglich. Stellen Sie alles in Frage und krempeln Sie den Laden um, wenn es sein muss! Heben Sie jeden Stein auf und schauen Sie darunter, ob dort nicht eine Einsparung liegt!«

»Die Kosten sind um wenigstens zwanzig Prozent zu senken, das ist unser Ziel«, konkretisierte Teichmann mit bösem Lächeln.

Aschinger stand auf. Die Sitzung war beendet. Die Blicke, die man nun Sebastian zuwarf, waren noch unfreundlicher als bei der Vorstellung. Allen schwante nun, dass hier eine neue Kraft hinter Fritz Aschinger war, die man zukünftig zu berücksichtigen hatte. Aschinger legte Sebastian, als sie hinausgingen, die fleischige Hand in den Nacken. »Das war doch schon einmal ein guter Einstieg, Johnny!«, brummte er zufrieden.

Ein junger Mann mit einer ungebärdigen Haartolle hielt Fritz Aschinger eine Mappe hin. »Darf ich Ihnen noch unsere neuesten Werbevorschläge vorstellen?«

»Nee, dafür habe ich jetzt keine Zeit. Besprechen Sie das zukünftig mit meinem Assistenten, Herrn Lorenz. Er ist nun für die Genehmigung der Werbung zuständig.«

»Aber Sie haben doch bisher immer selbst …«

»Ja, bisher. Besprechen Sie das mit Johnny!« Er ging weiter und hakte sich bei Teichmann ein.

Sebastian nickte dem jungen Mann zu, der ihm mit seinen wilden roten Haaren und den Sommersprossen sofort sympathisch war.

»Gehen wir in mein Zimmer!« Er ging ihm voran in sein Büro.

»Mein Name ist Harry Damrow, und ich bin für die Werbung zuständig«, stellte sich der Rothaarige vor.

Sebastian wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und stellte sich kurz vor: »Meine Freunde in der Bierquelle haben mich Johnny getauft, und Herr Aschinger scheint diesen Namen auch vorzuziehen, also nennen Sie mich einfach Johnny. Auf gute Zusammenarbeit!«

Harry Damrow war nur wenig älter als er, nickte erfreut und legte die Mappe auf den Schreibtisch. »Als Werbeleiter habe ich bisher jede Woche mit Herrn Aschinger die Entwürfe und Schaltungen in den Zeitungen abgestimmt. Haben Sie denn Erfahrung in der Werbung?«

»Nicht die Bohne!«, erwiderte Sebastian lachend. »Sie werden mit mir leichtes Spiel haben, denn ich muss mich ganz auf Ihre Erfahrung verlassen.«

Damrow lächelte erfreut und zog die Entwürfe von Anzeigen und Plakaten aus der Mappe. »Das sind die Entwürfe für diese Woche.«

»Schön sehen sie aus. Stimmen die Preise für die Angebote?«

»Ja, sie wurden noch einmal von der Verkaufsabteilung gegengeprüft. Ich gebe nichts raus, was die nicht abgezeichnet haben. Sie müssen hier für die Gestaltung gegenzeichnen. Nur damit sind die Entwürfe für die Reinzeichnung freigegeben.«

Achselzuckend folgte Sebastian der Aufforderung und unterzeichnete. »Das wär’s?«

»Ja. Darf ich Ihnen einen Rat geben?«

»Natürlich!«

»Bitte nehmen Sie mir ihn nicht übel.«

»Aber nein!« Sebastian bemerkte, dass Damrow dieser neue Assistent nicht geheuer war und er nicht wusste, wie er mit ihm umgehen sollte. Deshalb sagte er: »Wollen wir uns nicht duzen? Wir sind fast im gleichen Alter.«

»Gern!«, erwiderte dieser erleichtert. »Ich heiße Harry.«

»Gut, Harry. Ich kann jeden Rat gebrauchen.«

»Hast du schon einmal von Hans Domizlaff gehört?«

»Nein. Sollte ich das?«

»Er ist so etwas wie der Papst der Markentechnik. Er hat die Grundlagen dafür erforscht, wie Marken funktionieren, und ein Regelwerk aufgestellt, wie man erfolgreiche Markenwerbung macht. Es ist eine Philosophie, die das Unternehmen auf eine Geisteshaltung und Idee einschwört. Er berät Siemens und auch viele Zigarettenhersteller. Er macht keine Reklame, sondern aus der Marke ein Siegel, dem die Käufer vertrauen können. Selbst Goebbels soll sein Buch Die Gewinnung des öffentlichen Vertrauens auf dem Schreibtisch liegen haben. Ich werde dir das Buch rüberschicken. Dann fällt es dir auch leichter, unsere Entwürfe zu beurteilen.«

»Danke, Harry, ich werde es lesen. Ich habe noch eine Menge zu lernen. Und im Übrigen, wenn du mal irgendwie Kummer hast, komm ruhig zu mir. Wir haben beide das gleiche Ziel: Wenn Aschinger erfolgreich ist, sind wir es auch!«

Sie lachten sich beide verschwörerisch zu. Als Harry Damrow das Zimmer verließ, hatte Sebastian den Eindruck, dass er einen Freund gewonnen hatte. Er konnte, nach den Gesichtern während der Konferenz, hier Freunde gebrauchen.

Es klingelte, und der rote Knopf leuchtete aufgeregt. Er ging hinüber zu Fritz Aschinger, und dieser deutete auf einen großen Stapel Post auf dem Schreibtisch.

»Das hier ist nur die Hälfte der Post, die bei uns jeden Tag eingeht. In der Poststelle wurde sie bereits vorsortiert. Alles, was Finanzen und Einkauf betrifft, geht gleich an Teichmann. Aber auch hier in meinem Stapel sind Dinge, die für ihn wichtig sind und die er kennen muss. Wir gehen jetzt den Stapel durch, und du wirst dir merken, wie ich die Post beurteile und was Herrn Teichmann zur Kenntnis gegeben wird. In spätestens zwei Monaten weißt du, wie der Hase läuft. Ich lege immer drei Akten an mit Priorität eins bis drei. Eins ist gleich zu erledigen, zwei in den nächsten vierzehn Tagen, und drei kann bis zu vier Wochen warten. Unwichtiges erhalten die Fachabteilungen. Diese Briefe gehen mit meinen persönlichen Anweisungen an die jeweiligen Direktoren mit einem Vermerk, bis wann ich eine Antwort oder Erledigung erwarte. Diese Termine werden von dir in dem roten Vorlagenbuch festgehalten. Nebenan ist das Sekretariat unter der Leitung von Elly Proske. Du hast sie vorhin während der Lage gesehen. Ich stelle sie dir nachher gleich vor.«

Am Ende des Tages war Sebastian so erschöpft, als hätte er in der Bierquelle den ganzen Tag Bierkästen geschleppt. Doch das Angenehme war, dass er bereits um sechs Uhr Feierabend hatte. Harry Damrow hatte ihm das Buch von Domizlaff geschickt, und er beschloss, Die Gewinnung des öffentlichen Vertrauens so bald wie möglich zu lesen. Er fuhr mit der U-Bahn zum Wittenbergplatz, in der Hoffnung, Uschi nach ihrem Dienst bei Wertheim abzupassen. Er wollte ihr die Veränderung mitteilen. Sie sollte stolz auf ihn sein.

Er wartete vor dem Kaufhaus beim Personaleingang und ging unruhig auf und ab. Da ihm die Zeit zu lang wurde, ging er auf die andere Straßenseite und kaufte sich die Vossische Zeitung , die als liberal galt. Sie berichtete mit der Schlagzeile Hitler über Deutschland vom Wahlkampf der Nazis und wie modern Hitlers Kampagne sei im Gegensatz zu seinen atavistischen Tiraden und dass ihm in zwölf Städten Tausende zujubelten. Als er die Zeitung sinken ließ, sah er zu seinem Erstaunen den jungen Mann, den Uschi im Dixieland begrüßt hatte, vor dem Personaleingang stehen. Der Gedanke daran, wie Uschi mit ihm gesprochen hatte, ließ ihn zögern, die Straßenseite zu wechseln. Nun sah er Uschi Venske herauskommen, und sein Herz schlug schneller. Seine Hände wurden feucht, als sein Mädchen diesen Kerl umarmte. Sie küssten sich und gingen untergehakt zur S-Bahn-Station. Dabei hatte sie, keine Woche war es her, ihm noch zugeflüstert, dass sie ihn liebe. Seine Hände zitterten. Wütend zerknüllte er die Zeitung. Das also war die große Liebe! Sicher hatte sie ihn die ganze Zeit betrogen. Tränen schossen ihm in die Augen. Konnte man »Ich liebe dich« einfach so dahinsagen? Sie hatte keine Ahnung, was sie an ihm verloren hatte. Er war Assistent des großen Aschinger, und sie wusste dies nicht und nahm jemanden, den sie als ihrer nicht würdig bezeichnet hatte. O ja, dies würde er ihr ins Gesicht sagen. Er würde ihr sagen, auf wen sie verzichtete, wen sie betrogen hatte. Er würde sich eine andere Freundin nehmen und mit ihr ins Dixieland gehen, und Uschi würde schon sehen, wie weh das tat. Mit wundem Herzen und düsteren Rachegedanken ging er zur U-Bahn-Station.

Als er die Treppe in den Untergrund hinabsteigen wollte, wurde er am Arm festgehalten.

»So in Gedanken, Johnny?«

Er sah sich überrascht um. Gisela Kloppke aus der Bierquelle strahlte ihn an. Ihr Lächeln verfiel, als sie die Tränenspuren in seinem Gesicht sah.

»Was ist denn los? Hast du Ärger in deiner neuen Stellung?«

»Nein, es ist etwas anderes. Etwas Persönliches.«

»Komm, wir gehen zum Ku’damm und trinken eine Tasse Kaffee.

Dann kannst du mir alles erzählen.« Sie hakte sich bei ihm unter, und sie gingen zum Kurfürstendamm hoch und ins Romanische Café an der Kaiser-Wilhelm-Kirche, wo sie sich auf die Terrasse setzten. Gisela Kloppke bestellte zwei Kaffee. »Also, Johnny, was ist los?«, fragte sie, nachdem der Kellner den Kaffee serviert hatte. Sie hatte die Mitte der Dreißiger bereits überschritten, war etwas untersetzt und mollig, aber nicht dick. Mit ihren fleischigen Armen, dem runden Gesicht mit Stupsnase und dem blondem Haar war sie die richtige Person am Büfett, da sie Gesundheit und Wärme ausstrahlte und mit ihrer beachtlichen Oberweite nicht unattraktiv wirkte.

Sebastian erzählte ihr, wie er Uschi Venske kennengelernt hatte, wie sehr er sie liebte und was ihm gerade passiert war. Sie hörte seinem stockenden Bericht geduldig zu und strich ihm dabei über die Hände.

»So ist das nun einmal in der Jugend. Man lernt die eine oder den anderen kennen, und an mancher oder manchem bleibt man hängen und an anderen nicht. Oft ist es die Falsche, an der man hängenbleibt«, sagte sie nachdenklich. »Mir ist es nicht anders ergangen. Ich habe mich für den Falschen entschieden, und nun stehe ich da und muss bei Aschinger die Kaltmamsell abgeben.«

»Waren Sie denn verheiratet?«, fragte er erstaunt.

Sie nickte heftig. »Genau genommen bin ich es noch. Aber er ist auf und davon und hat mich mit dem Kind sitzenlassen.«

»Sie haben ein Kind?«

»Ja … nein … also, es ist mir vor zwei Jahren gestorben. An Scharlach.«

»Das tut mir leid.«

»Es war ein so schönes Mädchen … Aber der Herr gibt, und der Herr nimmt. Ich musste darüber hinwegkommen.«

»Und Ihr Mann ist einfach so … weg?«

»Ja, aber er ist nicht aus der Welt. Ich habe ihn einmal beim Umzug der Nazis gesehen. Geld für den Unterhalt hat der Kerl allerdings nie gezahlt. Ich bin auf ihn hereingefallen. Sei froh, dass du diese Uschi nicht mehr am Hals hast! Vergiss sie! Wenn sie nicht begriffen hat, dass sie auf einen Schatz gestoßen ist, dann hat sie dich auch nicht verdient. Du bist ein hübscher Bengel – selbst einer alten Frau wie mir gefällst du. Also weg mit den düsteren Gedanken!«

»Sie sind doch nicht alt!«, antwortete er verlegen und fühlte sich bereits ein bisschen besser.

»Ich könnte fast deine Mutter sein«, erwiderte sie.

»Aber nein, Sie sind doch jung, und alle in der Bierquelle mögen Sie!«, sagte er errötend. Seine Stimmung wurde immer besser. Es sah so aus, als wenn das, was ihm passiert war, vielen passierte. Und außerdem war es schön, mit einer richtigen Frau hier im Romanischen Café zu sitzen.

Gisela Kloppke bestellte zwei Cognac und prostete ihm zu. »Auf eine neue schöne Liebe, Johnny!«

»Auf eine neue Liebe!«, erwiderte er mit belegter Stimme. Nachdem er den Cognac getrunken hatte, fühlte er sich fast beschwingt. Es war ein warmer Sommerabend, er hörte die Menschen an den Nebentischen wispern, und mit der einbrechenden Dunkelheit hatte er nicht mehr das Gefühl, einsam und verlassen zu sein. Die Laternen gingen an und bildeten zum Kurfürstendamm hin eine gleißende Kette funkelnder Diamanten. Er hörte nebenan ein Pärchen flüstern und sah gegenüber einen jungen Mann mit einem Photoapparat hantieren.

»Nun erzähl doch mal, wie es dir heute beim großen Aschinger ergangen ist!«, sagte Gisela Kloppke und hörte nicht auf, seine Hand zu streicheln.

»Der Fritz Aschinger scheint ein guter Chef zu sein. Sie werden es nicht glauben, er hat mich heute bereits einmal gelobt!«

»Du kannst mich jetzt ruhig duzen. Wir arbeiten ja nicht mehr zusammen und sind jetzt nur noch gute Freunde.«

»Gerne. Ich fand dich ja vom ersten Augenblick an sympathisch. Und den Spitznamen verdanke ich auch dir«, fügte er verschmitzt hinzu.

»Du hast dein Glück gemacht, Johnny. Komm, ich habe zu Hause noch ein Fläschchen Sekt, und nach ein paar Gläschen hast du deinen Kummer vergessen. Es ist nicht weit, gleich bei der Spichernstraße.«

Sie wollte zahlen, aber Sebastian hatte längst gelernt, was ein Mann von Welt und Kavalier zu tun hatte, drückte ihr Portemonnaie weg und reichte dem Kellner das Geld.

»Danke, mein Bel-Ami!«, sagte Gisela Kloppke lachend. Sie hakte sich bei ihm unter, und sie gingen in schnellen Schritten zur Spichernstraße. Es waren noch immer viele Menschen unterwegs, und aus den geöffneten Türen der Lokale hörten sie die Gäste lachen und im Hintergrund die hohen Stimmen der Comedian Harmonists.

Gisela Kloppke drückte sich an ihn, und plötzlich sah er in ihr nicht mehr die Kollegin und Kaltmamsell, sondern ein attraktives weibliches Wesen. Ihre Hüfte, die sich an ihn drängte, war weich, und er sah verstohlen auf ihren großen Busen, der unter der Bluse hin und her wogte. Er empfand nun die gleiche Erregung, die ihn befiel, wenn er Uschis Haut berührte. Sie gingen die Spichernstraße hinunter und in eine Seitenstraße und kamen zu einer typischen Berliner Mietskaserne.

»Hier ist es. Nichts so Dolles wie der Ku’damm!«, kommentierte sie.

Im Flur roch es nach Kohl. Sie stiegen drei Etagen hoch. Außer Atem zog sie den Schlüssel heraus und öffnete die Tür. »Bitte achte nicht auf die Unordnung, ich habe keinen Besuch erwartet.«

»Wieso hattest du heute frei?«, fragte er, während sie die Standlichtlampe anmachte. Es war eine gemütlich eingerichtete Wohnung. Nichts Großartiges, aber sehr anheimelnd. Ein breites Sofa, ein kleines Tischchen mit zwei Stühlen und ein Vertiko.

»Ick habe mir freinehmen müssen, weil ick bei Jericht war. Der Kerl is mir noch immer den Unterhalt schuldig. Aber es wird nüscht dabei herauskommen. Er behauptet, keine Einkünfte zu haben – aber wovon lebt er dann? Ick will, det der Kerl blutet. Frauen können sehr rachsüchtig sein, Johnny!« Sie hatte, als sie sich seinen Kummer anhörte, Hochdeutsch gesprochen und fiel nun wieder in den Berliner Dialekt. Aufgeregt mit der Hand wedelnd, ging sie in die Küche und kam bald mit einer Sektflasche und zwei Gläsern zurück. »Is een Henkel. Wat Jutes! Hab ick schon ne janze Weile stehen. So, nun machen wir es uns erst einmal jemütlich. Setz dir aufs Sofa!« Sie öffnete die Flasche mit einem sanften Plopp, aber ohne etwas zu verschütten, und goss die Gläser voll. »Prösterchen, Johnny!«, sagte sie mit funkelnden Augen. Als sie getrunken hatten, füllte sie sofort nach und rückte auf dem Sofa näher an ihn heran. Er spürte ihre Schenkel an seiner Seite und die Wärme, die sie ausströmte, und trank hastig das zweite Glas leer. »Ick habe dir von Anfang an jemocht, meen Johnny«, sagte sie und nahm seine Hand und drückte sie.

»Ich mochte dich auch sofort.«

Sie rückte ihm noch näher und legte seine Hand auf ihren wogenden Busen. »Willst du gut zu mir sein, Johnny?«

Er nickte, sah sie an und schluckte. Ihre blauen Augen bettelten um Zärtlichkeit.

»Erzähl mir, was deine Freundin mit dir gemacht hat.«

»Nichts, wir haben nichts gemacht«, stammelte er.

»Hast du ihre Brüste anfassen dürfen?« Er nickte. Sie nahm seine Hand und drückte sie kräftig auf ihre Brüste. »So?« Er nickte wieder, und sie öffnete die Bluse und schob seine Hand unter ihren Büstenhalter. »Streichle mich!«, sagte sie, und er tat es. »Hat se dir auch hier anjefasst?« Sie legte ihre Hand auf seinen Hosenstall und drückte ihn.

»Ja, das hat sie gemacht.«

»Hat sie ihn herausgeholt?«

»Ja«, sagte er atemlos, und sie öffnete seine Hose und schob die Unterhose beiseite, holte ihn heraus und umfasste ihn mit ihren weichen Händen. »Hat sie es so gemacht?«

»Ja, genau so.«

»Aber das hat sie vielleicht nicht gemacht«, flüsterte sie und beugte sich zu seinem Schoß und nahm sein Glied in den Mund. Ihr Kopf hob und senkte sich, und ihm wurde fast schwarz vor Augen.

»Das ist so schön«, keuchte er.

»Aber das ist erst der Anfang, Johnny«, sagte sie. »Komm ins Schlafzimmer!«

Sie zog ihn hoch und ging mit ihm ins Schlafzimmer, streifte den Büstenhalter ab und rief: »Nun mach doch, zieh dich aus!«

Hastig knöpfte er sich das Hemd auf und legte die Hose ab. Sie zog ihn an sich, legte seinen Kopf auf ihre Brüste und ließ sich mit ihm nach hinten aufs Bett fallen. Er bedeckte ihren Busen mit Küssen, und sie streifte ihm die Unterhose ab und flüsterte ihm zu, was er machen sollte. Es war aufregend, schön und neu. Gewaltig entlud er sich, und einen Augenblick lang glaubte er, in einem Feuerball zu schweben. Er hatte das Glück, die Liebe von einer Frau kennenzulernen, die es gut mit ihm meinte, die einsam war, ihn mochte und nicht daran dachte, irgendwelche Ansprüche zu stellen.

»Du wirst einmal ein guter Liebhaber, wenn du dich daran hältst, dass auch die Frau ihre Lust haben muss«, flüsterte sie, als sie erschöpft nebeneinanderlagen.

Sebastian sah auf die Uhr. Es war bereits nach drei, und in vier Stunden musste er aufstehen. Beim Aschinger hatte er hellwach zu sein. Er erhob sich und zog sich an, Gisela machte das Licht an und sah ihm dabei zu.

»War es schön für dich?«, fragte sie.

»Sehr schön«, erwiderte er, während er in die Hose stieg und dabei ihr rosiges Fleisch betrachtete. Gern wäre er bei ihr geblieben.

»Du kannst immer zu mir kommen. Wirst du kommen?« Er nickte heftig und versprach es.

»Det sagste nur so«, erwiderte sie traurig. »Du bist so jung. Du wirst bald eine andere finden.«

»Nein, ich werde kommen. Bestimmt.«

»Ick weeß ja, dass ich nüscht Besonderes bin. Du wirst einmal een großer Herr sein. Aber vielleicht wirste dann trotzdem manchmal an deene Gisela denken.«

»Ich werde kommen«, versprach er noch einmal.

»Wann?«, fragte sie, als sie ihn an der Tür noch einmal umarmte und seine Hände auf ihre nackten Brüste legte.

»Bald.«

»Ja, komm bald!«

Er sah noch einmal in ihre bettelnden Augen und beugte sich zu ihr, gab ihr einen Kuss und stolperte hinaus. Ihren Seufzer hörte er nicht mehr. Und während er zurück zum Kurfürstendamm taumelte und daran dachte, was gerade passiert war, hörte er das Rauschen der Großstadt und ihre machtvolle Musik der Nacht, die niemals aufhörte. Nun weißt du, wie die Liebe ist, dachte er bei sich. Ausgerechnet die gute Gisela Kloppke hatte sie ihm gezeigt. Es war schön, und gewiss würde er wieder zu ihr gehen. Schade, dass sie nicht jünger war. An Uschi Venske dachte er nicht mehr, als er auf den Kurfürstendamm einbog.

Kapitel 6

»Wir fahren in den Zentralbetrieb in der Saarbrücker Straße«, sagte Fritz Aschinger ein paar Wochen später zu Sebastian, als der die Halle des Aschinger-Palais betrat. »Hier habe ich noch ein paar Direktiven, die ich gestern Abend festgelegt habe.« Er gab Sebastian im Gehen eine rote Ledermappe mit dem goldenen Aschinger-A , das jeder Berliner kannte. Mittlerweile hatte sich Sebastian daran gewöhnt, dass er jeden Morgen in dieser Mappe ein kleines Bündel von Zetteln mit Anregungen und Anweisungen fand, die er an die zuständigen Abteilungen weiterzuleiten, oft genug sogar den Abteilungsleitern persönlich zu übergeben hatte. »Sag mal, Johnny, warum ziehst du nicht zu uns in das Aschinger-Palais?«

Sie waren auf dem Weg zum Mercedes, der bereits mit Chauffeur vor dem Hause wartete. Sebastian blieb vor Überraschung stehen.

»Ich soll bei Ihnen … wohnen?«

»Ja. Platz genug haben wir weiß Gott. Du sparst die Miete für deine Wohnung oder dein Zimmer – oder was weiß ich, wie du wohnst –, und ich könnte mit dir jeden Abend den nächsten Tag vorbereiten. Ich würde eine Menge Zeit sparen.«

Sebastians Gedanken überschlugen sich. Wie konnte er, ohne Aschinger zu kränken, dieses Angebot ausschlagen? Er hatte wenig Lust, in Aschingers Haus zu wohnen. Wenn man der Sonne zu nahe kam, verbrannte man sich leicht. Er würde keine freie Minute mehr haben und dauernd unter Kontrolle des Konzernchefs stehen.

»Ich fühle mich sehr geehrt, aber …«

»Ja, ich weiß«, schnitt ihm Aschinger das Wort ab und musterte ihn durch seine Brillengläser. »Das bedeutet noch mehr Arbeit für dich. Doch was würdest du sagen, wenn du das Gehalt eines Direktors bekämst? Ich meine ohnehin, dass wir dich jetzt offiziell als meinen persönlichen Sekretär führen sollten, und natürlich ist die Position dem Rang eines Direktors gleichgesetzt.«

Sebastian hatte bereits gehört, dass ein Direktor bei Aschinger mehr als das Zehnfache seines jetzigen Gehaltes bekam, und musste schlucken. »Ich würde mich … freuen«, stotterte er.

»Nun ja, dann gilt es. Du kannst in den nächsten Tagen einziehen. Ich habe dem Majordomus bereits entsprechende Anweisungen erteilt. Du bekommst drei schöne Zimmer mit Blick auf den Kurfürstendamm.«

Sebastians Gefühle waren etwas zwiespältig. Er hatte schon erlebt, dass Aschinger recht launisch sein konnte. In der neuen Position würde er sich Fritz Aschinger mit Haut und Haaren verschreiben. Doch nachdem er sich von der Überraschung erholt hatte, gewann er der Veränderung einiges Positive ab. Er, der Bauernsohn Sebastian Lorenz, würde nun in einem der vornehmsten Häuser von Berlin wohnen.

Die letzten Wochen waren wie im Flug vergangen. Mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, dass er als rechte Hand des Konzernchefs galt, und die Belegschaft schien es auch zu akzeptieren. Er hatte sich auf Fritz Aschingers Arbeitsrhythmus eingestellt, auf den quirligen Vormittag, auf die manchmal unangenehmen Gespräche mit den Abteilungsleitern, auf Aschingers Plauderstunden. Die Vormittage waren nicht immer einfach, da er am Schluss oft unangenehme Anweisungen bekam, die Plauderstunden aber waren ein Vergnügen. Jeden Tag, während oder kurz nach dem Mittagessen im Fürstenhof, das er gemeinsam mit dem Chef einnahm, kam dieser meist auf Literatur zu sprechen, und sie diskutierten über Spengler, Remarque, Jünger und die Mann-Brüder, und oft sagte Fritz Aschinger dann zum Schluss: »Siehst du, das hat mir gefehlt: jemand, mit dem ich über gute Bücher diskutieren kann. Genau so einen Menschen habe ich in meiner Nähe gebraucht.«

Doch die angenehmste Seite seiner Tätigkeit war, dass ihn Fritz Aschinger mit in die Oper oder ins Theater nahm. Wenigstens einmal in der Woche saßen sie in der Staatsoper Unter den Linden oder sahen sich eine Max-Reinhardt-Inszenierung an, und er lernte die großen Schauspieler wie Gründgens und George kennen. Als sie über den Alexanderplatz fuhren und er die Berolina sah, erinnerte er sich, wie es mit Uschi Venske zu Ende gegangen war. Sie war am verabredeten Samstagabend erschienen, hatte ihm wie immer einen Kuss auf die Wange gegeben und sich bei ihm eingehakt.

»Du machst so ein finsteres Gesicht. Ist was?«

»Nein, nichts.«

»Na, dann sei doch friedlich!«

»Liebst du mich, Uschi?«

»Was soll die Frage? Du weißt doch, dass ich dich gern habe. Würden wir sonst jeden Samstag zusammen sein?«

»Warum nicht auch an den anderen Tagen?«

»Da hättest du keine Freude an mir. Ich bin jeden Abend fix und fertig. Steh du mal den ganzen Tag bei der Damenkonfektion herum!«

»Du könntest aufhören zu arbeiten.«

»Was soll ich? Bist du verrückt? Millionen sind arbeitslos – und ich soll meine Stelle aufgeben? Ich glaube, du spinnst!«

»Ich habe Geld genug.«

»Ach, ein kleiner Bierzapfer bei Aschinger hat plötzlich Geld wie Krupp oder ein Rolf Singer?«

»Ich bin Assistent beim großen Aschinger geworden, und vielleicht ist das erst der Anfang. Fritz Aschinger hält große Stücke auf mich.«

»Du hast ’ne Meise, mit so etwas macht man keine Scherze!«

»Es stimmt aber. Wenn ich die Probezeit überstehe, werde ich ganz offiziell sein Sekretär.«

»Wirklich?«

»Ja, wirklich.«

»Was verdienste denn?« Er sagte es ihr, und sie bekam große Augen und drängte sich enger an ihn. »So viel? Das ist ja mehr, als zwei Abteilungsleiter bei Wertheim verdienen.«

»Fritz Aschinger ist kein Knauser.«

»Dann brauche ich wirklich nicht mehr arbeiten? Du willst, dass wir … heiraten?«

»Nein«, sagte er grob, »ich wollte dir nur zeigen, was du dir vermasselt hast.«

»Wie meenste det?«, fragte sie erschrocken und blieb stehen. »Wohin gehen wir eigentlich? Wollen wir nicht ins Dixieland?«

»Hoffst du, da den Klaus wiederzusehen?«, fragte er feindselig. Er hatte es sich so vorgestellt, dass er ihr unter die Nase reiben wollte, was sie verpasst hatte, um dann einfach tschüs zu sagen und sie stehenzulassen. Und nun ließ er sich doch in eine Diskussion mit ihr ein.

»Wie kommste denn uffn Klaus?«

Sebastian hatte mittlerweile bemerkt, dass sie immer dann berlinerte, wenn sie angespannt war oder sich gehenließ. »Ich habe euch gesehen. Er hat dich vor dem Wertheim abgeholt.«

»Ach das! Wir haben uns zufällig getroffen.«

»Ach ja? Ihr habt euch geküsst.«

»Spionierst du mir etwa nach? Det is doch die Höhe!«

»Nein, ich wollte dich abholen und dir von meiner Beförderung erzählen – und da seh ich euch Arm in Arm.«

»Mit dem Klaus, det is nüscht. Nur eine alte Freundschaft, sonst nüscht. Ehrenwort!«

»Und deswegen knutscht ihr miteinander?«, höhnte er.

»Nein, ham wir nich!« Sie stampfte mit dem Fuß auf, doch ihr Gesicht zeigte nicht nur Empörung, sondern auch die Angst, dass sie einen großen Fisch an der Angel gehabt und nun verloren hatte.

»Ich habe euch zusammen gesehen.«

»Det hatte nüscht zu bedeuten, glaub mir!«

Nun sah er sie so, wie sie war: eine kleine intrigante Lügnerin mit einem hübschen Gesicht und Kussmund, mit billigen Kleidern nach der neuesten Mode, die aber trotzdem gewöhnlich an ihrem schönen Körper wirkten. Ein Flittchen, mit nichts anderem im Kopf, als sich zu amüsieren. »Leb wohl!«, sagte er und drehte sich um.

»Du bist verrückt! Du kannst mir hier doch nicht so einfach stehenlassen!«, rief sie ihm hinterher, lief ihm nach und hakte sich wieder bei ihm ein. »Sebastian, sei doch vernünftig! Ick liebe doch nur dich«, beteuerte sie.

»Und den Klaus und wer weiß wen noch.«

»Du bist ’n Schuft!«, schrie sie und ließ seinen Arm los. »Ja, ick liebe den Klaus! Det is een richtiger Mann, der weiß, wie man mit Frauen umjeht, und nicht so eine Memme und Landei. Det is noch een Kerl, und er sieht tausendmal besser aus als du und hat stets die richtigen Klamotten an. Wir sind seit Jahren ein Paar, und wenn er mir will, dann braucht er nur mit dem Finger zu schnippen. Hau ruhig ab, du Spießer! Klaus hat janz recht, dass de keinen Arsch in der Hose hast.«

»Dann wissen wir ja beide bestens über uns Bescheid«, hatte er kalt erwidert und war gegangen, Uschi heulend zurücklassend. So hatte sie geendet. Seine erste große Liebe. Davon war etwas zurückgeblieben, woran er nicht gern dachte. Von der ersten Verwundung der Liebe blieb ein vager Schmerz übrig.

Sebastian hatte sich später von Gisela Kloppke trösten lassen, aber bald danach auch diese Beziehung beendet. Nicht dass er sie weniger mochte, aber der Altersunterschied hatte für ihn doch etwas Peinliches. Er war ihr dankbar für das, was er mit ihr erlebt hatte, denn auch die Liebe will gelernt sein, aber ein Verhältnis daraus zu machen erschien ihm dann doch unpassend. Es war viel Egoismus dabei, dass er nicht mehr zu ihr ging. Doch Gisela Kloppke hatte es genau so erwartet und klammerte nicht. Sie wusste, dass er auf dem Weg nach oben war, und verstand, dass sie ihn dabei nur stören würde.

Ihr Mercedes war nun in der Saarbrücker Straße angekommen, und Sebastian tauchte aus seinen Erinnerungen auf. Der Zentralbetrieb am Prenzlauer Berg sah von weitem aus wie eine Nibelungenfestung. Mit einem riesigen Turm überragte er alle anderen Häuser. In dem trutzigen Bau schlug das Herz der Bierquellen, Bäckereien, Konditoreien und Luxushotels. Eine Fabrik, die mit neuesten Produktionsmethoden arbeitete. Es war Fritz Aschingers Angewohnheit, hier einmal in der Woche unangemeldet aufzutauchen und nach dem Rechten zu sehen. Wie sein Vater veranstaltete er sogar gern Führungen, um die Presse, wichtige Kunden oder Politiker von der Qualität der Speisen, von der Sauberkeit und technischen Raffinesse des Betriebs zu überzeugen. Die Zeitungen honorierten dies mit hymnischen Kommentaren über die Modernität des Aschinger-Konzerns, die sich wie bezahlte Werbung lasen.

Fritz Aschinger nahm Sebastian bei der Schulter und zeigte ihm stolz, dass sein Zentralbetrieb so etwas wie der »Bauch von Berlin« war. »Wenn wir doch einen Zola hätten, der könnte beschreiben, was mein Vater und mein Onkel hier geschaffen haben!«

Und Sebastian musste ihm recht geben, dass hier in der Saarbrücker Straße einer der ersten Betriebe in Deutschland war, in dem Lebensmittel auf industrielle Weise hergestellt wurden. Zuerst führte Aschinger ihn in die Großschlachterei, in der an den Fleischerhaken unzählige Schweine hingen, und sie sahen zu, wie sie aufgeschnitten und die Innereien herausgenommen wurden und dann in großen Bottichen zur Weiterverarbeitung verschwanden. Mit kleinen Wolken vor dem Mund erklärte Aschinger ihm, wie viele Würste sie produzierten.

»Wir können die Kapazität mühelos auf fünfzigtausend Bierwürste hochfahren. Merke dir, das Problem in der heutigen Zeit wird bald nicht mehr die Produktion, sondern der Absatz sein. Deswegen, mein Junge, schätze ich deine Ideen. Im Vertrieb braucht man Köpfchen. Auf die Vermarktung müssen wir uns konzentrieren, denn nur dann können wir diese Maschinerie am Laufen halten.«

Sie gingen aus dem großen Kühlraum mit den unzähligen Schweineleibern, die wie überdimensionale Frösche an den Haken hingen, in die Wursterei, wo an langen Tischen die Därme mit Fleisch prall gefüllt wurden. Aschinger zeigte ihm die riesigen Bottiche, wo die Würste mit großen Schaufeln in das kochende Wasser eintauchten. Würste wurden hier an langen Fließbändern so industriell wie Automobile hergestellt. In einer anderen Abteilung saßen fünfzig Frauen an einem langen Tisch, mit nichts anderem beschäftigt, als Kartoffeln, die vorher in einem Bad gereinigt worden waren, nun mit flinken Händen zu schälen und in riesigen Bottichen zu sammeln. Der gesamte Produktionsprozess wurde ständig von Kontrolleuren überwacht, die mit Argusaugen auf Sauberkeit und Hygiene achteten. Dann führte Aschinger Sebastian in den zweiten Stock und zu einem überdimensionalen Eierkocher, der fast tausend Eier aufnehmen konnte. »Das macht uns in Deutschland so schnell keiner nach!«, kommentierte Aschinger stolz.

Auch die riesige Fischabteilung war beeindruckend. Es roch nach Meer und Salz, aber der Geruch war nicht unangenehm.

»Unser Fisch ist frisch. Wir haben Verträge mit Fischergenossenschaften in Stralsund und in Hamburg und natürlich auch mit den Flussfischern rund um Berlin. Es wird täglich angeliefert, denn das Geheimnis einer guten Mahlzeit ist nun einmal Frische«, erklärte Aschinger und drehte dabei an seiner roten Nelke im Knopfloch.

War all dies schon beeindruckend genug, so wurde es noch von der riesigen Backhalle übertroffen, die nicht nur für die berühmten Aschinger-Brötchen sorgte, sondern in der auch Pfannkuchen sowie alle möglichen Torten und je nach Jahreszeit Apfel-, Kirsch-, Pflaumen- oder Nusskuchen gebacken wurden.

»Unsere Sachertorte kann sich mit der in Wien ohne weiteres messen!«, behauptete Aschinger. Er zeigte Sebastian außerdem die Kaffeerösterei und die Wäscherei für die Hotels, wo Hunderte von Mädchen dabei waren, die Bettwäsche zu bügeln. »Wir stellen sogar unseren Mostrich, unsere Limonade und unser Selterwasser selbst her. Wir sind in der Lebensmittelherstellung autark, nur leider bleibt bei dem ganzen Aufwand zu wenig hängen«, seufzte Aschinger. Dann führte er Sebastian zu den Lagern, riesigen Hallen mit Tausenden von Säcken voll Zucker, Rohkaffee, Schokolade, mit Weinregalen sowie Bierfässern. Sebastian musste Aschinger recht geben: Der Zentralbetrieb hier in der Saarbrücker Straße war der Bauch von Berlin. Und über all dies herrschte Fritz Aschinger.

In den verschiedenen Höfen drängten sich Lastwagen und Pferdegespanne mit der Aufschrift Aschinger AG.

»Eine ungenutzte Möglichkeit«, sagte Sebastian spontan.

»Was ist ungenutzt?«, fragte Aschinger verblüfft.

»Diese Lastwagen sind doch ständig in Berlin unterwegs. Sie sollten noch irgendeinen Appell an den Seitenflächen haben. So etwas wie ›Wer klug ist, isst gut bei Aschinger‹. Und natürlich das Aktionsangebot der Woche.«

»Hm, du hast recht. Sprich mit Harry Damrow darüber!«

»Man könnte Plakate an den Seitenwänden befestigen mit der Aufschrift ›Gänsewochen bei Aschinger‹. Die Wagen stehen überall in den Straßen herum, wenn sie die Bierquellen beliefern. So werden die Lastwagen zu unseren fahrenden Annoncen.«

»Sehr gut, so machen wir es! An dir ist wirklich ein Reklamefachmann verlorengegangen.«

Sebastian hatte von Domizlaff gelernt. Ihm war klargeworden, wie Reklame und Marken funktionierten, wie Signale zu Botschaften wurden und durch ständige Wiederkehr eine verführerische Wirkung in den Köpfen der Massen erzielen konnten. Er wusste, wie wichtig dabei der Unternehmer war, und er hatte erkannt, dass Fritz Aschinger im Gegensatz zu seinem Vater keine Führungspersönlichkeit war. Er war zu entscheidungsschwach, zu liebenswürdig, fast scheu. Er delegierte gern da, wo er selbst entscheiden sollte. Er spielte den Magnaten, oft durchaus überzeugend, aber wer ihn näher kannte, durchschaute bald seine Maskerade. Der eigentliche Chef des Unternehmens war Hermann Teichmann, den Sebastian verabscheute und der ihn doch faszinierte. Die Logik und Kälte seines Denkens, die Skrupellosigkeit und sein unbedingter Erfolgswille, dem er alles unterordnete, machten ihn zur treibenden Kraft im Konzern. Seine zynische Art trieb den anderen Direktoren, wenn sie in der Großen Lage Bericht erstatten mussten, regelmäßig den Angstschweiß auf die Stirn. Er war es auch, der Fritz Aschinger manipulierte, dessen Denken beeinflusste. Wenn Aschinger der König war, so war Teichmann sein Mephisto. Dieser Vergleich war Sebastian eingefallen, als er im Preußischen Staatstheater am Gendarmenmarkt den großen Gustaf Gründgens gesehen hatte. Es war jedoch nicht so, dass Fritz Aschinger seine Abhängigkeit von Teichmann nicht erkannt hätte, und manchmal rebellierte er sogar gegen dessen Vorstellungen, aber dies geschah selten und nicht in wesentlichen Dingen.

Sebastian wusste nun auch, warum ihn Aschinger geholt hatte. Er sollte ein Prellbock gegen die Dominanz Teichmanns sein und ihn, Aschinger, zu einer übergeordneten Instanz erhöhen. Sebastian war nun für die Terminkoordination zuständig, und Teichmann musste bei ihm anfragen, wann er Aschinger außerhalb der Großen Lage sprechen konnte. Doch dieser hatte durchaus Aschingers Absicht erkannt und behandelte Sebastian mit kalter Höflichkeit. Aber immerhin mit Höflichkeit, derer er sich nicht einmal bei den anderen Direktoren befleißigte.

»Hast du heute Abend etwas vor, Johnny?«, fragte Aschinger nach der Besichtigung des Zentralbetriebs auf der Rückfahrt zur Friedrichstraße.

»Nein, ich wollte nur die letzten Seiten von Domizlaff noch einmal durchgehen.«

»Domizlaff ? Ach ja, dieser Markenprophet. Das Buch hast du wohl von Harry Damrow?«

»Ja. Es ist eine Anleitung dafür, wie man ein Unternehmen zu einem Markenbegriff macht, der Vertrauen schafft.«

»Und was lernst du daraus für Aschinger?«

»Wir machen schon vieles richtig. Das stilisierte A , die konsequente Verwendung der blauen bayerischen Rauten, all das sind Signale, die für unsere Botschaft stehen. Die immer gleiche Einrichtung der Bierquellen, die gleiche Qualität, das überall gleiche Angebot steht für die immer gleiche Botschaft: Gut – Schnell – Preiswert. Manchmal glaube ich, dass Domizlaff die Geschäftsführung Ihres Vaters studierte, ehe er die Gewinnung des öffentlichen Vertrauens schrieb.«

»Na ja, von meinem Vater allein wird er das nicht haben, denn dieser Domizlaff hat ein Gedankengebäude errichtet, das sogar erfolgreich bei Zigaretten funktioniert hat. Aber mein Vater war zweifellos ein Großer. Von ihm und von Domizlaff habe ich gelernt, dass es auf die Idee ankommt, dass man erst zu einem Begriff wird, der Vertrauen und Wünsche auslöst, wenn die Idee in allen Gliedern des Unternehmens umgesetzt wird.«

»Sie haben das Buch also auch gelesen?«

»Natürlich, aber es ist schon eine Weile her.«

»Warum fragten Sie, ob ich heute Abend etwas vorhabe, Herr Aschinger?«, nahm Sebastian den Faden des Gesprächs wieder auf.

»Ich wollte mal wieder im Wintergarten nach dem Rechten sehen. Heute Abend treten dort die Comedian Harmonists auf. Wie wäre es, wenn du mich begleitest?«

Er konnte den Vorschlag seines Chefs kaum abschlagen, und in den Wintergarten hatte er schon lange einmal gehen wollen, und so sagte er zu.

Am Abend desselben Tages stellte er sich pünktlich um acht bei Fritz Aschinger ein. Der Diener führte ihn nach einer steifen Verbeugung in die Bibliothek. Staunend stand Sebastian vor den zimmerhohen Regalen mit den Tausenden von kostbar eingebundenen Büchern, die nach Romanen, Politik, Wirtschaft, Geographie und Technik geordnet waren. Er nahm sich The Sun Also Rises von Ernest Hemingway heraus, das Buch der génération perdue , die das Stahlgewitter, wie Ernst Jünger es nannte, überlebt hatte. Er war froh, dass er dieser Generation nicht angehörte. Gerade hatte er mit dem Buch in dem Chesterfield-Sessel Platz genommen und ein paar Zeilen gelesen, als Viktor, der Majordomus, eintrat. Ein eleganter schmaler Mann mit einem zierlichen Kopf und grauen Schläfen, den Sebastian stets nur im Frack gesehen hatte. Nach einer höflichen Verbeugung sagte Viktor mit einem unverbindlichen, distanzierten Lächeln: »Herr Aschinger hat mich darüber informiert, dass Sie bei uns Quartier nehmen werden. Darf ich Ihnen Ihre Zimmer zeigen? Sie sind frisch renoviert und in dem Zustand, den Sie erwarten können.«

»Ich werde am Sonntag einziehen, da habe ich meinen freien Tag.«

»Wie Sie wünschen. Aber selbstverständlich darf dadurch kein Lärm entstehen.«

»Selbstverständlich«, erwiderte Sebastian und konnte sich einen ironischen Unterton nicht verkneifen.

»Wir können uns gleich, bis Herr Aschinger so weit ist, die Zimmer ansehen. Sie werden kaum viel mitbringen müssen.« Er ging voran in die Halle und über die große Wendeltreppe bis in den vierten Stock hoch. »Wir hätten auch den Fahrstuhl nehmen können«, sagte Viktor. »Aber ich will Ihnen die Anlage des Hauses zeigen. Wir haben fünf Etagen. Im Keller befinden sich die Küche und die Vorratsräume. Im Parterre ist ein kleiner Empfangsraum sowie ein Bankettsaal, die Bibliothek und das Billardzimmer. Im ersten Stock sind der große Esssalon sowie ein kleineres, intimes Wohnzimmer und zwei Salons, die später einmal das Reich der Hausherrin sein werden. Der ganze dritte Stock wird von Herrn Aschinger bewohnt. Hier im vierten Stock sind meine und auch Ihre Zimmer. Im fünften Stock wohnen der Hausdiener, die beiden Köchinnen sowie ein Zimmermädchen und der Chauffeur. Die Garagen befinden sich hinter dem Haus in dem großen Garten, den Sie und ich in unserer Freizeit nutzen dürfen. Dem übrigen Personal ist dies natürlich nicht erlaubt.«

»Natürlich«, echote Sebastian.

Der Majordomus öffnete eine Tür und hieß Sebastian eintreten. Der erstarrte fast über die Großzügigkeit des Raumes. Die Wände hatten Spiegel im Art-déco-Stil, Sofa und Stühle waren mit Intarsien verziert. In der Mitte stand ein riesiger Mahagonitisch mit einer Vase, in dem ein großes Blumenbouquet die Blicke auf sich zog. »Hier soll ich wohnen?«, fragte Sebastian atemlos. »Solche Räume und Möbel gibt es nur in einem Schloss.« Ihre Schritte wurden von einem türkisfarbenen Teppich gedämpft.

»Das ist Ihr Wohnzimmer«, bestätigte Viktor ungerührt und führte ihn in den angrenzenden Raum mit einem Himmelbett. »Ihr Schlafzimmer«, kommentierte er überflüssigerweise. »Und hier ist Ihr Bad.«

Es war ein Wunder von einem Bad, mit Marmor ausgekleidet, mit einer riesigen Badewanne und Dusche. Über dem Waschbecken saßen vergoldete Wasserhähne mit stilisierten Schwanenköpfen.

»Natürlich haben Sie zu jeder Tageszeit warmes Wasser. Kommen Sie, auf der anderen Seite ist Ihr Arbeitszimmer.« Viktor führte ihn durchs Wohnzimmer in einen holzgetäfelten Raum mit leeren Bücherregalen, Chesterfield-Sesseln und einem großen Schreibtisch vor dem Kamin. »Der Schreibtisch stammt aus dem achtzehnten Jahrhundert. Englische Arbeit. Herr Aschinger hat ihn persönlich ausgesucht.«

»Hier soll ich wohnen?«, wiederholte Sebastian fassungslos. Was war das für ein Unterschied zu seiner Mansarde oder gar zu Schönberg!

»So hat es Herr Aschinger angeordnet«, erwiderte Viktor mit einem Gesicht, das verriet, dass er Sebastian kaum für würdig hielt, in so einer Umgebung zu wohnen.

Wenn das Mutter sehen könnte, wenn das Vater noch erlebt hätte!, dachte Sebastian. Er musste Mutter sofort schreiben, in letzter Zeit war er darin sowieso sehr nachlässig geworden. Zu viel war auf ihn eingestürmt. Die Mutter hatte ihn bereits vorwurfsvoll gemahnt:

Junge, lass doch von Dir hören, ich mache mir solche Sorgen! Stimmt denn das alles, was Du aus Berlin schreibst? Bist Du tatsächlich ein so großer Herr geworden? Wilfried sagt dauernd, dass Du Dich wieder Hirngespinsten hingibst und bestimmt nur die Hälfte davon wahr ist. Wir haben dieses Mal eine gute Ernte eingeholt. Wenn Wilfried so weiterwirtschaftet, sind wir bald schuldenfrei, und er kann Dir Dein Erbteil auszahlen. Sonst ist alles beim Alten. Die Stute Hella, die Du so liebst, hat gefohlt, und unsere Schweine haben diesmal prächtig geworfen. Wenn Du nur hier wärst! Ich vermisse Dich sehr.

Das hatte sie geschrieben. Und er hatte ihr nicht geantwortet, obwohl er doch versprochen hatte, jede Woche zu schreiben. Er nahm sich vor, sie bald einmal nach Berlin einzuladen. Aber als er unten in der Halle zurück war, hatte er dies bereits vergessen. Viktor führte ihn, da Fritz Aschinger immer noch auf sich warten ließ, in die Bibliothek zurück.

»Sind Sie denn mit Ihrem Logis zufrieden?«, fragte er mit ironischem Lächeln.

»Ich glaube, es gibt nichts daran auszusetzen«, erwiderte Sebastian, so blasiert er konnte.

»Das dachte ich mir. Sie brauchen also nur Ihre Kleider mitzubringen, so dass kein unnötiger Lärm entstehen wird. Darf ich Ihnen noch einen Rat geben?« Viktor sah ihn mit einem Gesicht an, als wäre Sebastian ein verarmter Anverwandter.

»Man soll einen gutgemeinten Rat nicht abschlagen«, gab Sebastian genauso kühl zurück.

»Wenn Sie mit Herrn Aschinger ausgehen, sollten Sie einen Frack anziehen. Heute mag vielleicht Ihr Anzug noch angehen, aber er ist doch sehr unpassend.«

»Ich werde mir Ihren Rat überlegen. Vielen Dank.«

Viktor verbeugte sich und ging hinaus. Sebastian holte einen weiteren Hemingway aus dem Regal und vertiefte sich in den wunderbaren Anfang von In einem anderen Land.

Kurz darauf erschien Fritz Aschinger. Sebastian stand auf, und Aschinger brummte: »Mach keine Umstände! Was liest du da? Hemingway? Ach ja, ein guter Schriftsteller. Er schreibt in einer Sprache, die sich echt anhört. Kein Gequase. Wenn es auch nur eine Übersetzung ist, aber Annemarie Horschitz-Horst ist eine gute Übersetzerin. Ich weiß gar nicht, warum die Kritiker auf ihr herumtrampeln. Ich habe es auch in Englisch gelesen und finde, dass sie genau den Rhythmus seiner Sprache getroffen hat. Du musst einmal die Short Stories von Hemingway lesen.«

» Short Stories ?«

»Kurzgeschichten. Du solltest endlich mit dem Englischunterricht anfangen! Spätestens, wenn wir nach London gehen, solltest du einigermaßen Englisch sprechen.«

»Ich habe so wenig Zeit dafür.« Er hat gut reden!, dachte Sebastian verärgert. Jeden Abend nahm ihn Aschinger in Beschlag. Wie sollte er dann noch die Zeit finden, Betriebswirtschaft, Maschinenschreiben und Englisch zu lernen?

»Wir engagieren einen Englischlehrer, der soll jeden Tag in die Friedrichstraße kommen und dir was beibringen. Außerdem soll dir die Proske einen Betriebswirtschaftler besorgen, der jeden Tag mit dir paukt. Wir haben genug Leerlauf, den man zum Lernen nutzen kann. Sieh zu, dass du jeden Tag ein wenig klüger wirst, old boy !« Er schlug Sebastian lachend auf die Schulter. »Übrigens, wie gefallen dir deine Zimmer?«

»Überwältigend!«, stotterte Sebastian. »Ich habe so etwas …«

»Ja, um die Möbel habe ich mich gekümmert. Dann wollen wir uns mal ins Vergnügen stürzen. Wir fahren zuerst zum Fürstenhof und holen eine Dame ab. Warte, du solltest auch eine Blume im Knopfloch tragen.« Fritz Aschinger hatte eine rote Nelke im Knopfloch seines Revers. Trotz der Eleganz seines Smokings machte er nicht den Eindruck eines Salonlöwen, dazu war er zu dicklich und sein Kopf zu groß, und die Brillengläser, die seine Augen leicht vergrößerten, ließen ihn wie einen Frosch aussehen. Aber sicher war er der reichste Frosch in Berlin und für jede Frau, die er küsste, ein Prinz.

Der Chauffeur wartete bereits mit dem Mercedes vor dem Haus, lüftete die Mütze und öffnete eilig die Wagentür.

»Wir holen erst einmal Fräulein Sieglinde von Weinberg ab. Ihr Vater hat mich darum gebeten, mich ein wenig um sie zu kümmern. Die Weinbergs sind alter Geldadel, Bankiers in Frankfurt am Main, und eine großartige Familie. Seit langem gehört das Geldinstitut zu unseren Hausbanken. Ihr Geld sichert das Blut für unser Unternehmen, deshalb konnte ich mich dem Wunsch des alten Weinberg nicht entziehen. Ich weiß nicht, worüber man mit einer so mondänen Dame redet. Es liegt mir einfach nicht. Du, Johnny, kannst mir helfen, das Gespräch ein wenig in Gang zu halten.«

Als sie am Potsdamer Platz eintrafen, trieb ein heftiger Sturm Regenschleier durch die Straßen.

»Kein vielversprechender Anfang für diesen Abend«, murrte Aschinger.

Sie sollten bald erfahren, wie recht er damit hatte.

Kapitel 7

»Willkommen im Fürstenhof!«, stotterte der Geschäftsführer aufgeregt.

Kaum hatten sie das Hotel betreten, war er ihnen von der Rezeption kommend mit wehenden Rockschößen entgegengeeilt. Ungewöhnlich war nicht, dass Aschinger den Fürstenhof besuchte, ungewöhnlich war der Zeitpunkt. Am Abend konnten alle Aschinger-Hotels eigentlich sicher sein, dass ihr Inhaber nicht einen seiner gefürchteten Inspektionsbesuche durchführte.

»Kann ich irgendetwas für Sie tun? Möchten Sie sich von der Auslastung überzeugen? Soll ich Ihnen das Gästebuch zeigen?«

Teichmann hat ihm wohl ganz schön Druck gemacht, dachte Sebastian.

»Nein, Feininger, heute bin ich privat hier. Wir wollen nur jemanden abholen.«

»Möchten Sie noch einen kleinen Imbiss nehmen?«

Fritz Aschinger schüttelte gereizt den Kopf, und der Geschäftsführer war intelligent genug, dies zu bemerken, und schwirrte nach einer tiefen Verbeugung ab.

»Na, wie gefällt dir unser Aushängeschild?«, fragte Aschinger und sah mit selbstgefälligem Lächeln in die Runde, als sähe er es selbst zum ersten Mal.

Es war in der Tat ein beeindruckender Anblick. Auch wenn der Fürstenhof nicht mit dem Ruf des Adlon mithalten konnte, so ließ seine Prachtentfaltung an Neuschwanstein und Linderhof denken. Nirgendwo in Berlin wurden Reichtum und Exklusivität so unverhüllt gezeigt. Die Möbel waren Kopien aus französischen Schlössern, von den besten Werkstätten Frankreichs. Es gab Säulen wie in einem korinthischen Tempel, und die obligatorische Wendeltreppe wies ein vergoldetes Geländer auf. Die Blumenarrangements hätten selbst in jedem Harem mehr als üppig ausgesehen und verbreiteten einen verführerischen Duft. Das Personal war liebenswürdig und gutaussehend.

»Die Menschen haben nun einmal lieber gutaussehende Apollos und Aphroditen um sich als Alberichs und Macbeths Hexen«, erwiderte Aschinger auf Sebastians Beobachtung. »Es hat leider nur den Nachteil, dass die Heiratsrate besonders hoch ist und wir durch Schwangerschaft viel Personal verlieren. Aber nun wollen wir doch der Baroness von Weinberg unsere Aufwartung machen. Lass dich von dem Adelstitel nicht beeindrucken! So etwas kauft man sich heute.«

Sie gingen zur Rezeption. Der Empfangschef wandte sich ihnen, ängstlich beobachtet vom Geschäftsführer, sofort zu.

»Was kann ich für Sie tun, Herr Aschinger?«

»Melden Sie der Baroness von Weinberg, dass wir hier sind.«

»Sehr wohl. Selbstverständlich.« Mit einer servilen Verbeugung griff er zum Telephon und stotterte in den Hörer, dass Herr Generaldirektor Aschinger eingetroffen sei. Mit betroffener Miene legte er den Hörer auf und sagte verlegen: »Die Baroness bittet Sie, doch hoch in ihre Suite zu kommen. Sie wäre in ein paar Minuten so weit.«

»Welches Zimmer?«, fragte Sebastian erstaunt, der es auch noch nicht erlebt hatte, dass man einen Aschinger warten ließ.

»Die Präsidentensuite im dritten Stock.«

»Zieh nicht so ein Gesicht, Johnny!«, sagte Aschinger gelassen. »Es ist das Vorrecht der Frauen, uns warten zu lassen.«

Sie fuhren mit dem Fahrstuhl hoch. Sebastian bemerkte, dass die Hände des Liftboys zitterten. Mit schreckensgroßen Augen starrte der Aschinger an.

Der Salon der Suite war ein halber Tanzsaal und im Stil der französischen Ludwige eingerichtet. An der Tafel hätte eine Abordnung des Völkerbundes Platz gehabt.

»Die Baroness ist gleich so weit«, sagte die Zofe, die ihnen geöffnet hatte, und huschte dann in ein angrenzendes Zimmer.

»Das richtige Ambiente für den Geldadel, nicht wahr, Sebastian?«, sagte Aschinger schmunzelnd. »Geht alles auf Kosten des Hauses. Ich muss mir schließlich die Frankfurter gewogen halten.«

Dann rauschte sie herein. In einem rosafarbenen Kleid nach neuestem Pariser Chic, mit ondulierten Haaren und einer Miene, wie man sie bei Königinnen sah, wenn sie ihr Volk empfingen. Hochmütige graue Augen unter geschwungenen, sorgsam nachgezogenen Augenbrauen sahen sie herablassend an.

»Ich freue mich, Herr Aschinger!«, wandte sich Sieglinde von Weinberg an Sebastian und reichte ihm die Hand zum Handkuss. Dieser riss erschrocken die Augen auf und schüttelte den Kopf. Die Baroness lächelte entschuldigend und wandte sich Aschinger zu. »Es tut mir leid, Herr Aschinger. Wir haben uns noch nie gesehen, oder?« Aschinger deutete formvollendet einen Handkuss an. Sebastian konnte sich nicht dazu entschließen, murmelte seinen Namen und schüttelte ihr die Hand. Sie musterte ihn kurz und kam zu dem Entschluss, dass er einstweilen ihrer Beachtung nicht wert war. Sebastian war überzeugt, dass sie die anfängliche Verwechslung inszeniert hatte. Schließlich war er viel zu jung, um ein Fritz Aschinger zu sein.

»Mein Vater hat mir so viel von Ihnen erzählt, Herr Aschinger, und er hat mir ans Herz gelegt, mir von Ihnen unbedingt die Stadt zeigen zu lassen. Außerdem soll ich Sie ganz herzlich von ihm grüßen.«

»Es wird mir ein Vergnügen sein, Ihnen die Wunder Berlins zu zeigen!«, erwiderte Aschinger mit einer Verbeugung. Er war sichtlich beeindruckt von der hessischen Baroness.

Die Zofe kam mit einem Tablett herein und reichte Champagner.

»Auf einen schönen Abend!«, sagte Aschinger und wiederholte linkisch seine Verbeugung.

Wenn Sebastian auch noch keine Weltläufigkeit eigen war, so merkte er doch, dass sein Chef kräftig Feuer gefangen hatte und sich deswegen ein wenig unbeholfen benahm. Dies war nicht der König von Berlin, sondern nur ein dicklicher, nicht sehr attraktiver Mann, der lediglich von der Weinberg empfangen wurde, weil er reich und – mehr noch – eine der besten Partien Deutschlands war. Ein Goldfisch, der noch nicht angebissen hatte und längst als überfällig galt.

»Auf einen schönen Abend!«, stimmte die Baroness zu und musterte nun Sebastian.

Sie war eine der Frauen, denen man schon in der Kindheit dauernd gesagt hatte, wie unvergleichlich schön sie seien, und die es als selbstverständlich ansahen, dass ihnen die Herzen zuflogen. Sie mochte kaum älter als zwanzig sein und hatte sich die Frische und den Schmelz bewahrt, die auf Jungfräulichkeit schließen ließen. Aber ihre Augen verrieten anderes. Sie war sprunghaft und gab sich einen Augenblick kindlich und im anderen wie eine Gesellschaftslöwin. Nach dem ersten Eindruck war Sebastian von ihr nicht gerade angetan, entschloss sich aber, mit seinem Urteil abzuwarten, da seine Erfahrungen mit Frauen doch sehr begrenzt waren.

»Und wer ist der junge Mann hier, der so ernst dreinblickt?«, fragte die Baroness und trank ihr Glas leer.

»Herr Lorenz ist mein Sekretär. Wenn er Sie stört, schicke ich ihn …« Aschinger brach ab und blickte verlegen zu Sebastian hinüber.

Der bekam einen roten Kopf und wäre am liebsten vor Scham im Erdboden versunken. So hatte ihn Fritz Aschinger noch nie behandelt. Bisher kannte er ihn nur als wohlmeinenden Mentor, der ihn förderte und in alle Geheimnisse seines Konzerns einweihte. Jetzt war er also nur ein Sekretär, ein Niemand, den man wegschicken konnte. Es war demütigend, so behandelt zu werden.

»Aber nein, lassen Sie nur!«, erwiderte die Baroness hell lachend.

»Herr Lorenz ist ein hübscher Kerl, und vielleicht ist er, wenn er den Mund aufbekommt, doch noch ganz amüsant.«

Aschinger warf Sebastian einen ärgerlichen Blick zu und bereute sichtlich, seinen Sekretär mitgenommen zu haben. »Ich dachte, wir gehen in den Wintergarten. Es ist Berlins bestes Varieté, das wird Ihnen gefallen. Dort treten nur internationale Künstler auf.«

»Ich dachte schon, dass Sie mich zu irgendeiner langweiligen Oper ausführen. Den meisten Männern fällt ja doch nichts anderes ein. Ich habe vom Wintergarten gehört. Waren Sie schon einmal dort?«, wandte sie sich an Sebastian.

»Nein«, sagte Sebastian gepresst. Sie sah ihn weiter herausfordernd an, aber er schwieg.

»Er ist noch nicht lange in Berlin«, erklärte Aschinger. »Bevor er bei mir anfing, war er ein Bauernjunge im Neuruppiner Land.« Er lachte, als hätte er einen Witz gemacht.

»Interessant! Und doch haben Sie ihn zu Ihrem Sekretär gemacht. Dann muss er ja bemerkenswert sein.«

»Er macht sich ganz gut«, sagte Aschinger kurz.

»Wie schön für Sie!«, erwiderte die Baroness und ließ sich von ihrer Zofe die Stola geben. »Stürzen wir uns ins Vergnügen!«

Ehe Fritz Aschinger ihr die Tür öffnen konnte, war sie bereits auf dem Flur. Als sie im Mercedes saßen, griff Aschinger hinter sich und reichte ihr ein kleines Päckchen. »Ein Willkommensgruß in Berlin«, sagte er mit belegter Stimme.

Er ist verknallt, dachte Sebastian. Er hatte sich ohnehin gewundert, dass Aschinger noch nicht verheiratet war, und bisher auch nicht bemerkt, dass sein Chef sich für Frauen interessierte. Aber die Weinberg schien es ihm angetan zu haben.

Die Baroness wickelte das Geschenk aus und klappte eine kleine blaue Schatulle auf, in der ein Ring funkelte, der gut so viel wert sein mochte wie der Mercedes, in dem sie fuhren. »Wie aufmerksam!«, sagte die Weinberg. »Ein Diamantring. Wunderschön.« Sie zog die Handschuhe aus, steckte ihn an den Finger und hielt ihnen den Ring vor das Gesicht.

»Er passt sogar! Sie sind ein großzügiger Mensch, Herr Aschinger. Eigentlich kann ich so ein Geschenk nicht annehmen. Aber bei einem so guten Geschäftsfreund meines Vaters darf ich wohl nicht nein sagen …«

Elly Proske, die Leiterin des Sekretariats, hatte Sebastian bereits erzählt, dass Fritz Aschinger als freigiebig galt und fast jeden, dem er sich verpflichtet fühlte oder dem er seine Wertschätzung ausdrücken wollte, mit Geschenken überhäufte. Aber der Wert dieses kostbaren Geschenkes dürfte vor allem mit dem geschäftlichen Hintergrund zu tun haben.

Der Chauffeur hielt vor der Ecke Friedrichstraße, Dorotheenstraße. Sie stiegen aus und nahmen die Baroness in die Mitte, und sie hakte sich bei den beiden Männern ein. Der Portier riss die Tür auf, als er Aschinger sah, und sie gingen an der Kasse mit der Menschenschlange vorbei durch einen langen Flur mit Bildern der Künstler, die hier auftraten. Der Kartenabreißer erstarrte und riss mit einer Verbeugung die zweite Tür auf.

»Bezahlen brauchen Sie in diesem Laden nicht?«, fragte die Baroness.

»Nein, mir gehört der … Laden«, sagte Fritz Aschinger etwas pikiert.

Der Geschäftsführer, durch irgendwelche Signale alarmiert, tauchte auf und schlug, als wäre er über den Besuch höchst erfreut, die Hände zusammen. »Sie hier im Wintergarten, Herr Aschinger? Wie lange habe ich mir das schon gewünscht! Es ist uns eine große Ehre.«

»Sind wir gut besucht?«

»Wir sind bis auf den letzten Platz ausverkauft. Aber natürlich werde ich dafür sorgen, dass Sie den besten Platz gleich an der Bühne bekommen.«

»Aber bitte keinen Platz, wo uns gleich die ganze Mischpoke von Pressefritzen sieht. Sonst sehen wir uns morgen alle in den Berliner Tageszeitungen wieder.«

»Wir haben gleich neben der Bühne eine kleine Grotte, die schwer einzusehen ist, von der man aber einen guten Blick auf die Bühne hat. Wir nennen sie unsere Kaiserloge.«

»Sehr schön. Wie ist das Programm?«

»Exzellent! Wir haben einen Entfesslungskünstler der allerersten Kategorie und den berühmten Clown Grock, eine weltbekannte Trapeznummer, die Diseuse Claire Waldoff und eine berühmte Chansonsängerin aus Paris, die so großartig wie die Mistinguette ist. Sie werden zufrieden sein. Unser Haus ist seit Monaten ausverkauft.«

»Na schön, dann zeigen Sie uns mal die Grotte in unserem Moulin Rouge!« Aschinger lachte künstlich.

Mit vielen Bücklingen und großen Gesten führte sie der Geschäftsführer in eine Ecke, die mit glitzernden Steinen, die an Eiskristalle erinnerten, ausgeschmückt war. Zwei Ober eilten herbei und reichten die Karten. Aschinger bestellte Jahrgangschampagner und nach kurzer Verständigung mit der Baroness als Hauptgericht Hummer. Sebastian wurde nicht gefragt. Ihm war das nur recht so, er fühlte sich ohnehin wie das fünfte Rad am Wagen.

Fräulein Weinberg erzählte Aschinger von Paris und London und dass dies die einzigen Städte seien, in denen man leben könne – nicht besonders taktvoll gegenüber jemandem, der im Volksmund »Der König von Berlin« genannt wurde. Fritz Aschinger schien dies aber nichts auszumachen, er starrte sie an, als wäre sie die Inkarnation aller Frauen, als habe er endlich, nach langem Suchen, eine Frau entdeckt, die seinen hohen Ansprüchen genügen konnte – eine Königin: teuer, kapriziös, schön und aus gutem Hause. Doch ob sie für Aschinger die richtige Frau war, da hatte Sebastian doch große Zweifel. Sie sprang von einem Thema zum anderen und erzählte vom Segeln vor Kiel, von Strandwanderungen auf Sylt, vom Osterfest in Rom und von Mondscheinfahrten vor Capri. Das Leben schien für sie ein einziges Fest zu sein. Mit ihrem hohen, melodischen Tonfall erinnerte sie Sebastian an einen Singvogel, der munter flötete und sein Gefieder spreizte, um das Männchen anzulocken – und Fritz Aschinger tat ihr den Gefallen zu reagieren.

»Nun erzählen Sie doch einmal, was Sie das ganze Jahr so anstellen!

In Berlin ist doch sicher auch eine Menge los«, sagte sie nach ihrem Redefluss über das aufregende Leben der oberen Zehntausend.

Fritz Aschinger warf Sebastian einen hilflosen Blick zu. »Ich arbeite.«

»Sie können doch nicht jeden Tag arbeiten!«

»Nein … doch, ich habe eben so viel zu tun.«

»Machen Sie keinen Urlaub? Sagen Sie bloß, Sie waren noch nicht in Monte Carlo oder in Nizza oder Cannes!«

»Nein, das war ich nicht«, stammelte er.

»Herr Aschinger hat ja nicht nur ein Hotel, sondern viele, außerdem Konditoreien und Bäckereien sowie fast dreißig Bierquellen. Das verlangt seine ständige Anwesenheit«, kam Sebastian ihm zu Hilfe.

»So? Dafür gibt es doch Leute wie … Sie! Jawohl, habe ich nicht recht, Herr Aschinger? Dafür hat man doch seine Leute! Sie müssen doch auch mal ausspannen. Und gute Hotels gibt es auch an der Côte d’Azur. Das Negresco in Nizza ist ein Traum von einem Hotel! Der Fürstenhof ist ja ganz nett, aber gegen das Negresco fehlt doch dieser französische Esprit, wenn Sie wissen, was ich meine. Nichts für ungut! Ah, jetzt kommt der Entfesslungskünstler!«

Der Artist wurde in Ketten gelegt und obendrein in einen Käfig gesperrt, der danach mit einem Tuch verhüllt wurde. Es gab einen Tusch, und Rauchwolken stiegen auf und verdeckten den Käfig. Nun stand der Mann ohne Ketten neben dem Käfig. Sebastian langweilte die Nummer, aber die Baroness schien sich köstlich zu amüsieren. Danach kam der Clown Grock auf die Bühne, ein Höhepunkt des Abends. Auch Fritz Aschinger ließ sich von ihrer Begeisterung anstecken, und bald warfen er und die Baroness sich übermütig Papierschlangen zu. Sebastian sah immer wieder auf die Uhr und fluchte innerlich, dass die Zeit so langsam verging.

»Und was machen Sie den lieben langen Tag?«, wandte sich Sieglinde von Weinberg in einer Pause an Sebastian.

Der Hummer war serviert worden. Sebastian wusste nicht, wie man mit dem Besteck die Schale knackte, und war gerade dabei, sich von Aschinger abzugucken, wie man dem Hummer das Fleisch entlockte. »Ich … arbeite.«

»Und was machen Sie in den Ferien?«, fragte sie unzufrieden.

»Keine Ahnung, ich hatte noch nie welche.«

»Er ist gar nicht lustig, Herr Aschinger!«

»Er ist frisch aus der Provinz«, sagte Aschinger gönnerhaft, »aber er lernt schnell. Er wird, wenn er in dem bisherigen Tempo weitermacht, schon bald auch wissen, wie man sich amüsiert.«

Sebastian hätte am liebsten geantwortet: Als ob du das wüsstest, großer Chef! Aber natürlich verkniff er sich die Bemerkung.

»Er hat ganz ernste Augen«, sagte sie nachdenklich, aber so distanziert, als spräche sie von einem Pferd oder Hund. »Ich mag ernste Menschen – manchmal jedenfalls. Oh, jetzt kommt die Französin!« Sie klatschte in die Hände.

Die zierliche Frau mit einem grell geschminkten Mund sang Paris, je t’aime d’amour. Das Publikum raste vor Begeisterung.

»Ach, ich würde jetzt am liebsten gleich nach Paris fahren!«, rief sie enthusiastisch, steckte zwei Finger in den Mund und pfiff wie ein Gassenjunge.

Fritz Aschinger schien sich über ihr exaltiertes Benehmen köstlich zu amüsieren. Mittlerweile war man bei der zweiten Flasche Champagner angelangt. Als die Baroness zum Nasepudern verschwunden war, fragte Aschinger seinen Sekretär: »Was hältst du von ihr?«

»Sie ist sehr … kapriziös, so nennt man das wohl. Ich habe aber keine Ahnung von Frauen.«

»Sie ist so erfrischend! So ganz anders als die Damen hier in Berlin. Sie lebt und reißt einen mit, nicht wahr, Johnny?«

»Na ja, wenn man sich mitreißen lassen will.«

»Sie gefällt dir nicht?«, fragte er enttäuscht.

»Sie ist schön, verwöhnt und sehr … anstrengend.«

»Sie ist eben nicht so schwerblütig wie die Norddeutschen. Sie ist so anregend wie Champagner.«

Es scheint ihn schwer erwischt zu haben, dachte Sebastian. Nun, ihre körperlichen Vorzüge waren unübersehbar. Aber passte diese mondäne Frankfurterin zu einem so schwerblütigen Menschen wie Aschinger?

Nun trat eine Musikgruppe mit schwarz angemalten Gesichtern auf und spielte einen Charleston. Die Baroness kam zurück und griff nach Aschingers Hand.

»Charleston, meine Lieblingsmusik! Ich möchte tanzen!« Aschinger folgte ihr zögernd wie ein Hammel auf dem Weg zur Schlachtbank. Während sie ekstatisch die Füße schmiss und dabei mit den Händen wedelte, tappte er wie ein Tanzbär linkisch um sie herum. Es war offensichtlich, dass Tanzen nicht zu seinen Stärken gehörte. Schließlich kamen sie an den Tisch zurück, Aschinger schweißnass und sich das Gesicht wischend. Erschöpft warf er sich auf den Stuhl. Die Kapelle spielte nun einen Tango.

Sieglinde von Weinberg sah Sebastian herausfordernd an. »Ich liebe Tango! Tanzen Sie mit mir, Johnny!«

»Ich kann nicht tanzen.«

»Ich zeige es Ihnen, es geht ganz leicht.«

»Los, tanze mit Baroness Weinberg!«, forderte ihn Aschinger auf.

»Ich kann nicht, Herr Aschinger, ich habe noch nie Tango getanzt.«

»Na los, man schlägt einer Dame nichts ab!«, sagte er mit böse blickenden Augen.

Sebastian seufzte. Sieglinde von Weinberg nahm ihn bei der Hand und zog ihn auf die Tanzfläche. Was ist denn nur mit Fritz Aschinger los?, fragte er sich. So kannte er ihn gar nicht. Nun würde er sicher genauso dumm aussehen wie der Chef. Die Baroness ergriff seine Hand, drückte sich an ihn und schwenkte ihn mit ruckartigen Bewegungen herum. Nachdem er sich eine Zeitlang von ihr führen ließ und von den anderen Tänzern einiges abgeguckt hatte, klappte es ganz gut.

»Es geht doch!«, sagte sie triumphierend mit spöttisch funkelnden Augen.

»Na ja, gleich werden Ihnen die Füße weh tun.«

»Dann werden Sie sie mir massieren müssen.«

Er hatte Mühe, im Takt zu bleiben. Der Druck ihrer Schenkel auf sein Zentrum tat ein Übriges, ihn zu verwirren. Sie schien sich über seine Verlegenheit köstlich zu amüsieren.

»Wie alt sind Sie eigentlich, Herr Lorenz?«

»Ich werde 21.«

»Wann?«

»In zwei Tagen.«

»Dann werden Sie wohl mit Ihrer Freundin tüchtig feiern?«

»Ich habe keine Freundin.«

»So ein hübscher Junge und hat keine Freundin? Dann sind Sie wohl noch ein unbeschriebenes Blatt?«

Sebastian bekam einen roten Kopf. Er war froh, dass in diesem Moment die Kapelle aufhörte zu spielen. Sie gingen in die Grotte zurück. Die Baroness griff zum Champagnerglas und leerte es in einem einzigen Zug, streifte dann ihre Schuhe ab und legte die Füße in Aschingers Schoß.

»Massieren Sie bitte! Sie tun mir so weh.«

Aschinger war erst verblüfft und tat es dann mit beseeltem Blick. Er sah dabei aus wie ein alter Kater, der gerade eine Maus verschluckt hat. Wann nimmt dieser Abend endlich ein Ende?, dachte Sebastian. Er hasste sich und seine Rolle und Fritz Aschinger, der ihm diese aufbürdete.

»Ah, das tut gut!«, zwitscherte die Baroness, sich dabei gemütlich räkelnd. »Sie sollten Ihrem Sekretär ruhig mal ein bisschen Freizeit gönnen. Er hat noch nicht einmal eine kleine Freundin«, forderte sie Aschinger auf, der gutmütig grinste.

»Wenn er sich in alles richtig eingefuchst hat, wird er auch bald mehr Freizeit haben.«

»Das ist wichtig, man braucht das«, sagte sie ernsthaft, um dann wieder abzuschweifen. »Ah, was würde ich jetzt darum geben, durch die Rue Saint-Honoré zu schlendern, abends ins Moulin Rouge zu gehen und danach im Coupole zu tanzen! Wäre das nicht toll? Lasst uns doch alle nach Paris fahren!«

»Die Arbeit, die Arbeit …«, murmelte Aschinger, dabei bedauernd den Kopf schüttelnd.

»Ach, ihr Berliner seid langweilig! Die Arbeit kann auch mal warten, sonst verpasst man das Leben.« Sie rückte dicht an Aschinger heran, legte ihren Kopf an seine Schulter und spielte mit dem Finger an seiner Unterlippe. »Ist dieser Mund denn nur zum Befehlen da? Kann er nicht auch anderes?«

Sebastian gähnte.

Aschinger legte den Arm um die Baroness. »Ich sehe, Johnny, du bist müde. Morgen wartet ein anstrengender Tag auf uns. Wenn du willst, kannst du gehen. Der Chauffeur soll dich nach Hause fahren und dann wiederkommen.«

Sebastian stand erleichtert auf. »Dann wünsche ich noch einen schönen Abend.«

»Warte«, duzte ihn die Baroness, »so ein schöner Junge darf doch nicht ungeküsst nach Hause gehen!« Sie zog Sebastian an sich und gab ihm einen Kuss auf die Nasenspitze. »Nun kannst du gehen!«, sagte sie und lachte ausgelassen.

Fritz Aschinger stimmte ein. Wie ein begossener Pudel zog Sebastian ab. Als er vor dem Wintergarten stand, schüttelte er sich. Er war wie ein Lakai, ein Nichts behandelt worden, und Aschinger hatte mitgemacht. So sind die Reichen, dachte er verbittert. Frivol, gedankenlos und ohne Mitgefühl. Aber war er nicht ein Nichts? Hatte sie nicht recht, ihn wie ein Möbelstück zu behandeln? Er ging zu dem schwarzen Automobil, in dem der Chauffeur wartete.

»Kommt der Chef noch nicht?«, fragte Toni, der, wie Sebastian wusste, schon seit Jahren Fritz Aschinger chauffierte.

»Nein, Sie sollen mich nach Hause bringen und dann zum Wintergarten zurückfahren und auf ihn warten.«

»Donnerwetter! Ich habe noch nie erlebt, dass der Chef an solchen Lustbarkeiten Gefallen hat. Na ja, wird wohl eher die Baroness sein, die den Grund dafür liefert. Eine tolle Frau. Es ist ganz gut, dass der Chef sich mal amüsiert. Wie war denn das Programm?«

»Interessant, wenn man so etwas mag.«

»Und Sie mögen so etwas nicht, Johnny?«

»Für mich war das ein Arbeitsabend.«

»Verstehe.«

Toni ließ ihn an der Bleibtreustraße aussteigen. Als er die Treppe zu seinem Dachzimmer hochstieg und an der Tür des Onkels vorbeiging, hörte er aus dem Wohnzimmer das Klavier. Er klopfte, und bald kamen Schritte heran, und die Tür wurde aufgerissen.

»Ach, du bist es, Sebastian! Wo kommst du denn so spät noch her?

Ich habe dich ja seit Tagen nicht mehr gesehen.«

»Es ist so viel zu tun.« Er trat ein und berichtete seinem Onkel, wie er sich bei Aschinger eingelebt hatte und wo er zukünftig wohnen würde.

»Du wirst in dem Aschinger-Palais wohnen? Donnerwetter! Und mit deinen 21 Jahren bekommst du das Gehalt eines Direktors? Ich muss sagen, das nenne ich eine Blitzkarriere! Ich habe noch nie gehört, dass ein junger Mann so viel Geld verdient.«

»Dafür muss ich auch ganz schön kuschen«, klagte Sebastian. »Jetzt muss ich ihm Tag und Nacht zur Verfügung stehen.« Er erzählte, wo er gerade gewesen war und wie herablassend ihn die Baroness und Aschinger behandelt hatten.

»Aber dafür darfst du in einer Welt leben, die uns Sterblichen verschlossen bleibt.«

»Ich bin nur der Zuschauer ihres Lebens und darf ihnen applaudieren, und sie ziehen mich hinein, wenn es ihnen gerade in den Sinn kommt.«

»Verstehe. Sie leben in einer Welt, in der es für sie selbstverständlich ist, reich zu sein, und in der sich alle ihre Wünsche erfüllen.«

»Ja, sie sind wie die Götter der Griechen, launisch, skrupellos und kindisch. Und sie spielen mit uns wie die Kinder mit Bausteinen.«

»Liest du neuerdings Nietzsche?«, fragte der Onkel lachend und spielte ein paar Takte aus Tristan und Isolde.

»Nee, dazu brauche ich den ollen Wanderer im Engadin nicht.«

»Du wirst also das Zimmer hier aufgeben?«

»Nein, ich würde es gern behalten. Die paar Reichsmark für das Zimmer kann ich mir leisten.«

»Ach ja, ich vergaß, dass du jetzt zu den Großverdienern gehörst.«

»Meine Zimmer bei Fritz Aschinger sind wie die in einem Schloss. So unwirklich. Wer weiß, wie lange es dauert, und er ist meiner über. Hier hätte ich ein Refugium, wo ich mich auch mal zurückziehen kann. Und wenn er mich rausschmeißt, habe ich eine Zuflucht.«

»Du traust deinem Aufstieg noch nicht so ganz, stimmt’s?« Der Onkel hörte auf zu klimpern und sah ihn mit seinem gütigen Uhugesicht verständnisvoll an.

»Es ist wie in einem Traum, und alles geht in einem unheimlichen Tempo. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Alle bei Aschinger grüßen mich achtungsvoll. Manche fürchten mich sogar. Ich bin jemand und bin doch nichts. Ich bin nur das Sprachrohr des Fritz Aschinger. Sein Domestik, eine Puppe, die an seinen Strippen tanzt.«

»Nun übertreib mal nicht! Es ist nur natürlich, dass du Angst hast. Vor ein paar Monaten warst du noch in Schönberg, und deine Zukunft sah düster aus, nun aber bist du der persönliche Sekretär des reichsten Mannes von Berlin. Das kann einen schon durcheinanderbringen.«

»Es kann morgen alles zu Ende sein, wenn er es will.«

»Du musst dich Aschinger unentbehrlich machen. Eines Tages wirst du wissen, was du alles kannst, und dich dann von ihm lösen. Du bist ein Rosenstein, und die sind eigentlich nicht dafür geschaffen, Befehle entgegenzunehmen. Du wirst es schaffen, ich bin mir da ganz sicher.«

Am nächsten Morgen meldete sich Sebastian leicht verschlafen, jedoch pünktlich bei Aschinger. Dieser wirkte verknittert, war aber blendender Laune und sprühte vor Energie.

»Wir haben heute einen hektischen Tag vor uns, Johnny. Wir müssen das Pensum für die nächsten drei, vier Tage schaffen, denn heute Abend fahren wir nach Paris.«

Sebastian sah erstaunt den Chef an. Aschinger sah zwar aus, als sei er durch die Heißmangel gedreht worden, aber seine Augen leuchteten glücklich.

»Sieglinde kommt mit«, fügte Aschinger hinzu. »Wir werden mal ein paar Tage ausspannen.«

Es war also passiert. Die Hessin hatte ihm die Freuden der Liebe gezeigt. Das Arbeitstier, das nur an seine Geschäfte dachte, an die Geldvermehrung, an die Verbesserung des Speiseangebotes, vergaß dies alles und folgte dem Ruf der Sirene nach Paris. Er, der jede Frau in Berlin haben konnte und dennoch auf ihre Avancen bisher nie reagierte, ließ sich in einer einzigen Nacht becircen und umkrempeln. Ein notorischer Junggeselle spielte plötzlich den Lebemann.

»Ich habe meinen Schneider ins Kontor bestellt. Er wird mit dir nachher Frack und Anzüge anprobieren. Bei deiner Figur brauchst du ja keine Maßanzüge. Schließlich wollen wir uns unter tout Paris nicht blamieren. Die Franzosen blicken ohnehin auf uns Deutsche ein wenig hochnäsig herab.«

»Ich soll mit nach Paris?«, staunte Sebastian.

»Natürlich, was dachtest du denn? Kannst du ein bisschen Französisch?«

»Nein«, gab Sebastian zu.

»Na, das macht nichts. Wir steigen im Ritz ab, da kommt man auch mit Deutsch und Englisch zurecht.«

Dann wurde es turbulent. Die Post wurde diesmal im Eiltempo durchgegangen, und eine Sitzung jagte die andere. Der übliche Mittagstisch wurde durch ein mit Buletten belegtes Brötchen ersetzt. Am Nachmittag kam Harry Damrow zu ihm.

»Ich habe ein Anliegen«, begann er vorsichtig.

»Es tut mir leid, wir haben heute wenig Zeit.«

»Bitte, wirf nur einen Blick darauf! Ich halte die Idee für knorke, aber Herr Aschinger hat sie im Frühjahr verworfen. Er hielt sie für zu unseriös und albern. Aber sie ist emotional, lustig und kann zu einem Begriff werden.«

Nun war Sebastian doch neugierig geworden. Außerdem mochte er Harry Damrow, der ganz in seinem Beruf aufging und oft gute Einfälle hatte. »Na, dann zeig mal her!«, forderte er ihn auf.

Harry Damrow öffnete die Mappe und legte die Entwürfe auf den Tisch. Sie zeigten eine Straßenbahn ohne Fahrer, ein Fußballtor ohne Torwart, ein Taxi ohne Chauffeur, eine Braut ohne Bräutigam, immer mit der Unterschrift: Wo ist Otto? Unter der mit ein paar Strichen hingeworfenen Zeichnung stand: Er isst bei Aschinger.

Sebastian dachte an das, was er gelernt hatte, an die Maxime der unablässigen Wiederkehr des Gleichen, an das Gesetz der Vertrautheit durch ständige und doch nuancierte Wiederholung, und nickte. »Das ist eine gute Idee«, lobte er. »Die Zeichnungen müssen sich immer ähnlich sehen, und die Leute müssen süchtig darauf warten, wo Otto nun wieder nicht am Platz ist. Ich werde mit Herrn Aschinger reden. Bereite eine große Kampagne vor, und beleg in den nächsten Tagen alle Berliner Zeitungen! Wir trommeln jeden Tag und in der ersten Woche dreimal täglich in jeder Zeitung. Wenn wir die Botschaft in der Bevölkerung durchhaben, reicht eine Anzeige pro Tag. Mach Sie zweispaltig, fünf Zentimeter hoch mit etwas Freiraum drumherum.«

»Knorke, ich wusste doch, dass es dir gefallen wird!«, freute sich Damrow. Besorgt setzte er hinzu: »Aber es wird viel Geld kosten.«

»Das weiß ich doch. Ich berede das mit Herrn Aschinger. Wir fahren heute Abend nach Paris. Lass mir die Entwürfe hier, dann nehme ich sie mit und rufe dich aus Paris an. Ich werde ihm schon klarmachen, dass dies eine großartige Idee ist.«

»Aber er hat es damals kategorisch abgelehnt.«

»Wir kriegen das schon hin. Wie bist du nur darauf gekommen?«

»Ich war im Kranzler, als neben mir ein Mädchen ihre Begleiterin fragte: Wo ist Otto?, worauf diese sagte, der sei sicher noch beim Aschinger und frühstücke. Da habe ich gedacht, das ist es: Wo ist Otto? Er isst bei Aschinger.«

»Die besten Sachen sind immer ganz einfach.« Sebastian schickte einen glücklichen Menschen hinaus. Er musste sich noch einen neuen Koffer besorgen, denn sein alter war gar zu schäbig, und die neuen Anzüge passten nun wirklich nicht zu dem Pappkoffer aus Schönberg. Da er das Kontor nicht verlassen konnte, schilderte er Elly Proske sein Problem. Diese, eine mütterlich aussehende Mittvierzigerin, die ihn wegen seines Eifers, seiner Höflichkeit und zurückhaltenden Art ins Herz geschlossen hatte, nickte nur.

»Da machen Sie sich keine Sorgen! Ich rufe bei Wertheim an. Man wird Ihnen unverzüglich einen guten Koffer bringen. Wenn Sie mit Herrn Aschinger verreisen, sollte es schon ein Lederkoffer sein.«

»Wie dem auch sei, Sie werden schon das Richtige besorgen.«

»Mach ich, Johnny! Übrigens, bei der Gelegenheit, Sie sollten zu meinen Mädchen im Sekretariat strenger sein.«

»Warum?«, fragte er verblüfft.

»Haben Sie nicht bemerkt, dass alle meine Stenotypistinnen bis über beide Ohren in Sie verknallt sind?«

»Nein«, staunte Sebastian, »ich bin doch nur höflich zu ihnen. Ich bin ja auch nur ein Angestellter.«

»Das sind Sie eben nicht nur. Zudem sind Sie jung und sehen gut aus, da fiebern die doch regelrecht nach einem Wort und einem Lächeln von Ihnen. Sie müssen Abstand wahren, das sind Sie Ihrer Position schuldig. Sie sind für die Mädchen ein Chef, und das müssen die spüren, sonst machen sie sich nur Gedanken, wie es ihnen gelingen könnte, einen solchen Goldfisch einzufangen. Das bringt mir die ganze Abteilung durcheinander.«

»Ich werde mich bemühen, etwas griesgrämiger zu sein und nicht mehr mit ihnen zu lachen«, erwiderte Sebastian und lachte doch, und die Proske stimmte mit ein.

»Es ist sicher alles sehr neu für Sie, nicht wahr?«, fragte sie mitfühlend.

»Ja, manchmal ist es sehr verwirrend. Und jetzt fahre ich ins Ausland, dabei kannte ich vor kurzem nicht einmal Berlin.«

»Sie haben einen guten Einfluss auf den Chef. Er ist nicht mehr so nervös, seit Sie hier sind. Machen Sie weiter so!«, sagte die Proske, zwinkerte ihm zu und ging hinaus.

Am Abend stand er mit dem neuen Koffer wie verabredet am Anhalter Bahnhof. Er hatte sich einen der neuen Anzüge angezogen und fühlte sich so vornehm wie die Reisenden, die mit ihm auf dem Bahnsteig standen, und er merkte, dass ihn manch nachdenklicher Blick traf. Fritz Aschinger war noch nicht da, also ging er zum Bahnhofskiosk und kaufte sich eine Zeitung. In großen Lettern verkündete sie die gewaltigen Zugewinne der Nationalsozialisten bei den Herbstwahlen. Wann wird Hitler Reichskanzler?, fragte die Schlagzeile. Es geht nicht mehr ums Ob, sondern nur noch um das Wann, dachte Sebastian entsetzt. Wenn er weiterhin so Stimmen dazugewinnt, wird dieser unselige Mensch tatsächlich noch Reichskanzler. Er sah nun Fritz Aschinger mit einem Gepäckträger und Toni, dem Chauffeur, herankommen. Neben ihnen trippelte Sieglinde von Weinberg und schwenkte ihre Handtasche.

»Gut siehst du aus, Johnny! Was dir fehlt, ist ein Mantel. Man geht nicht ohne Mantel auf Reisen. Wir werden dir in Paris einen kaufen«, rief Aschinger mit unternehmungslustig blitzenden Augen.

»Ich werde ihm ein paar Krawatten aussuchen. Die mit den Blumen sieht gar zu scheußlich aus. Aber sonst sieht er aus wie ein richtiger Herr«, fügte die Baroness hinzu und warf ihm einen koketten Blick zu.

Nun fuhr der Zug ein, und der Geräuschpegel verstärkte sich. Es kam Bewegung in die wartende Menge. Rauchwolken hüllten sie ein. Der Lautsprecher schepperte. Erregt drängte alles zu den Abteilen. Züge hatten Sebastian schon immer fasziniert, und auch er ließ sich von der Aufregung anstecken. Schon bald würde er in Paris sein, das er nur aus den Büchern von Balzac und Zola kannte. Der Gepäckträger und Toni gingen ihnen mit den Koffern voran. Die Proske hatte Schlafwagenabteile für sie gebucht. Aschinger winkte dem Schaffner, gab diesem ein großzügiges Trinkgeld und bat darum, dass sie nicht gestört wurden und ein Tisch im Speisewagen für sie bereitstand. Das Trinkgeld musste sehr reichlich ausgefallen sein, nach den Verbeugungen des Schaffners zu urteilen. Nachdem der Gepäckträger und der Chauffeur die Koffer verstaut hatten, machten sie es sich im Abteil gemütlich.

Aschinger zog sein Jackett aus, was ihn alles andere als attraktiv aussehen ließ, denn mit den Hosenträgern und dem nun sichtbaren Hängebauch wirkte er nicht gerade wie ein Adonis. Sebastian bemerkte den leicht pikierten Blick der Baroness.

»Nun, Sieglindchen, noch eine Nacht, und morgen früh sind wir in Paris. Du hattest ja recht, man muss auch einmal ausspannen. Dafür, dass du mich aus dem Trott gerissen hast, bin ich dir dankbar. Ich werde mich mit einer tollen Idee revanchieren.«

»Was für eine Idee?«, fragte Sieglinde von Weinberg beunruhigt, und ihre Augenbraue hob sich.

»Lass dich überraschen!«

»Ich mag keine Überraschungen!«, schmollte sie.

Der Zug fuhr an, und Sebastian konnte es nicht fassen. Er würde die Stadt von König Heinrich sehen, der den Franzosen versprach, dass sie jeden Sonntag ein Hühnchen im Topf hätten. Er würde die Stadt Rastignacs kennenlernen. Wie schön und wundersam war doch das Leben!

Kapitel 8

Der Zug nahm Fahrt auf und rauschte, an endlosen Mietskasernen vorbei, aus Berlin heraus. Sebastian nahm seine Zeitung und faltete sie auseinander.

Aschinger merkte auf. »An Hitler führt wohl kein Weg mehr vorbei«, brummte er, als er die Schlagzeile sah.

»Mein Vater hält nicht viel von diesem Schreihals«, gab Sieglinde von Weinberg kund und schaute um sich, als habe sie ein allgemeingültiges Urteil abgegeben, das alle zu teilen hatten.

»Na ja, immerhin würde er uns die Kommunisten vom Hals schaffen«, erwiderte Fritz Aschinger nachdenklich, holte ein Zigarrenetui hervor und steckte sich eine Havanna an. »Aber er ist natürlich ein Prolet«, dozierte er weiter, dabei das Streichholz auswedelnd, »ein Mensch aus der Gosse.«

»Mein Vater sagt, dass er uns alle ins Unheil stürzen würde«, verstärkte die Baroness ihr Urteil.

»Ach, die Reichswehr wird uns wohl vor dem größten Unglück bewahren. Da mache ich mir keine Sorgen.«

»Mich widern die Kerle an. Alle um diesen Hitler sehen aus wie Gangster. Die gleichen brutalen Gesichter wie in einem amerikanischen Gangsterfilm. Wenn ich nur an diesen Röhm denke oder an den Giftzwerg Goebbels …« Sie schüttelte sich, was sie Sebastian nun fast sympathisch machte. »Es sind keine Herren, es ist ein Pack aus den Hinterhöfen«, sagte sie bestimmt.

»Ach Sieglindchen, natürlich sind sie etwas vulgär, in der Politik ist für Gentlemen nun mal kein Platz. Aber Hitler will den Versailler Vertrag aufkündigen, der uns Deutschen noch bis in die achtziger Jahre dieses Jahrhunderts Reparationen auferlegt, und er will die Arbeitslosigkeit beseitigen. Manches, was er vorhat, ist gar nicht so schlecht.«

»Dafür ist anderes sehr schlecht«, trotzte Sieglinde von Weinberg.

»Was ist mit uns Juden? Für ihn sind wir doch nur Bazillen.«

»Man darf das alles nicht so ernst nehmen, meine Liebe«, versuchte Aschinger sie zu beruhigen. »Wenn er erst einmal in der Verantwortung ist, wird sich das schnell geben. Die Anforderungen und die Würde des Amtes werden ihn recht bald zähmen. Das Gegeifer über die Juden ist doch nur Propaganda. Ich jedenfalls komme gut mit den Juden zurecht.« Er blinzelte ihr zu und lachte gönnerhaft.

Aber die Baroness war mit seinen Beschwichtigungen nicht zufrieden. Verärgert sah sie aus dem Fenster. Aschinger bemerkte nicht einmal, dass seine Flamme mit ihm unzufrieden war und sein gönnerhaftes Benehmen dazu beigetragen hatte. Um beide auf ein anderes Thema zu bringen, zog Sebastian die Entwürfe aus der Aktentasche, die ihm Harry Damrow überlassen hatte.

»Diese Vorschläge hat mir Harry gezeigt. Ich finde sie verdammt gut, geradezu phänomenal.«

Fritz Aschinger warf ihm einen verärgerten Blick zu, beugte sich vor und begutachtete die Entwürfe. »Ach das! Die hat er mir auch schon versucht anzudrehen. Ist doch lächerlich, das Ganze! Wo ist Otto? – Er isst bei Aschinger. Das ist doch Stammtischniveau! Er soll stattdessen lieber unser Essen ausloben, die günstigen Frühstückspreise sowie unser Geflügelangebot.«

»Das tun wir ja auch. Aber es geht doch darum, den Leuten einzuhämmern, dass alle Leute selbstverständlich bei Aschinger essen – egal, ob es nun ein Schornsteinfeger ist, ein Siemens-Arbeiter oder eine Angestellte bei Wertheim.«

»Ich mag das Zeug nicht!«, sagte er unwillig und schob die Entwürfe zurück.

»Sie werden morgen und die ganze Woche in allen Tageszeitungen erscheinen. Ich habe die Entwürfe freigegeben und Anzeigen bei allen Berliner Zeitungen für die nächsten Wochen gebucht«, antwortete Sebastian.

»Du hast was ?«, fragte Aschinger und nahm die Zigarre aus dem Mund.

»Ich bin doch, wie Sie sagen, für die Werbung zuständig«, erwiderte Sebastian mit bleichem Gesicht. Er wusste, dass nun ein Gewitter auf ihn zukam. Immerhin hatte er Anzeigenraum für Tausende von Reichsmark gebucht. Was, wenn ihn Aschinger nun feuerte? Aber die Idee war doch gut. Man muss für das eintreten, von dem man überzeugt war. »Ich glaube, die Anzeigen werden das Tagesgespräch von Berlin und unsere Frage Wo ist Otto? – Er isst bei Aschinger! wird zum geflügelten Wort werden.«

»Mach das sofort rückgängig! Verdammt noch mal, bei Dingen, die ich schon einmal abgelehnt habe, hättest du natürlich erst einmal bei mir rückfragen müssen! Na gut, sicher hat dir dieser Damrow nicht gesagt, dass ich es schon einmal abgelehnt habe. Wenn wir zurück sind, wird der Kerl gefeuert.«

Sebastian empfand dies wie einen Schlag. Er durfte Harry nicht im Stich lassen. Wenn Harry Damrow auch eher ein Arbeitskollege denn ein Freund war, so fühlte er sich ihm doch verbunden und bewunderte ihn für seinen Enthusiasmus und Einfallsreichtum. »Er hat mich durchaus gewarnt«, gestand Sebastian schluckend. »Er hat mich ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Sie die Kampagne nicht wollten. Aber ich finde sie richtig, und Sie haben mir die Verantwortung für die Werbung übertragen. Harry geht davon aus, dass ich Sie doch noch überzeuge. Ihn trifft keine Schuld.«

»Was? Und du hast trotzdem …« Aschinger starrte ihn mit hochrotem Kopf wütend an. Vielleicht hätte er Sebastians Eigenmächtigkeit nicht so ernst genommen, aber im Beisein der Baroness empfand er es als einen Verstoß gegen seine Autorität.

»Sie haben doch immer Eigeninitiative verlangt«, wehrte sich Sebastian, obwohl er wusste, dass ihm dieses Argument nicht viel helfen würde.

»Zeigen Sie mal!«, sagte die Baroness und nahm Sebastian die Entwürfe aus der Hand.

Sebastian erklärte ihr unter Aschingers bösen Blicken, wie die Anzeigen aussehen würden.

Die Baroness lachte. »Also, Fritz, ich finde das hervorragend. Das ist doch etwas anderes, als dauernd den Billigheimer zu spielen. Es ist witzig, intelligent und einprägsam. Sei froh, dass Sebastian das erkannt hat! Es ist doch toll, dass du Mitarbeiter hast, die Eigeninitiative beweisen! Du solltest ihm dankbar sein.«

»Glaubst du wirklich?«, brummte Aschinger und nahm ihr die Entwürfe aus der Hand und starrte diese an, als würde er sie zum ersten Mal sehen. »Nun, vielleicht bin ich tatsächlich zu sehr von meinem Geschmack ausgegangen, und solch ein Zeug ist wirklich richtig für die Massen.«

»Ganz bestimmt! Du lebst schließlich nicht in der Welt der einfachen Leute.«

»Aber du!«, gab er feixend zurück.

»Nein, aber ich weiß, was meine Zofe liest. Es ist entweder furchtbar kitschig oder aber witzig.«

»Na gut, Johnny, starte das Ding durch! Wenn wir es in den Bierquellen am Umsatz merken, nehme ich alles zurück, und ihr bekommt eine Prämie. Aber zukünftig merk dir, wenn ich einmal etwas beschlossen habe und du solltest anderer Meinung sein, dann frag gefälligst erst! Dann sehen wir, ob mich deine Argumente überzeugen.«

Sebastian nickte eifrig. Der Sturm war noch einmal an ihm vorbeigegangen, aber es war diesmal knapp gewesen.

Sie gingen in den Speisewagen. Der Ober schien Aschinger erkannt zu haben und kümmerte sich trotz der verärgerten Blicke der anderen Gäste sofort mit vielen Bücklingen um ihn. Aschinger bestellte Gänsekeule mit Kartoffelpüree und Rotkraut sowie einen kräftigen Rotwein. Die Baroness entschied sich für Fisch in Weißweinsoße. Sebastian wählte eine Bockwurst mit Kartoffelsalat. Ihm war die Aufregung auf den Magen geschlagen.

»Guten Appetit, Herr Aschinger!«, sagte der Kellner laut.

Die übrigen Gäste im Speisewagen merkten auf und warfen ihnen daraufhin die ganze Zeit verstohlene Blicke zu.

»Es schmeckt scheußlich!«, sagte Aschinger nach mehreren Bissen und warf das Besteck verärgert auf den Tisch. »Johnny, notiere einmal, dass wir uns, wenn wir aus Paris zurück sind, mit dem Generaldirektor der Reichsbahn treffen und ihm ein Angebot unterbreiten, dass Aschinger zukünftig die Reichsbahn beliefert. So etwas kann man doch nicht den Leuten in der ersten Klasse vorsetzen!«

Sebastian hatte sich angewöhnt, ständig ein kleines Notizbuch bei sich zu haben, um die Anweisungen seines Chefs, die täglich auf ihn einprasselten, nicht zu vergessen.

»Rede auch mit Teichmann! Er soll ein Angebot ausarbeiten, wie wir der Reichsbahn exzellentes Essen zu einem günstigen Preis anbieten können.« Aschinger war nun sehr zufrieden mit sich, hatte er doch vor den Augen seiner Angebeteten bewiesen, dass er die Zügel in der Hand halte.

»Du denkst wohl nur an die Arbeit?«, hauchte Sieglinde von Weinberg.

Aschinger schnurrte wie ein satter Kater und sagte selbstgefällig: »Ja, man muss immer auf dem Quivive sein, wie die Juden sagen. Die Welt steckt voller Möglichkeiten. Und, Johnny, notiere doch, dass wir uns mal mit den Nazigrößen in Verbindung setzen. Die können doch ihre Veranstaltungen auch bei uns im Haus Rheingold abhalten. Bei deren Durst wird das unseren Bierumsatz ganz schön in die Höhe treiben. Teichmann kennt doch den Goebbels. Er soll sich mal mit dem Herrn Gauleiter von Berlin zusammensetzen.«

»Ist schon notiert, Herr Aschinger.«

»Sehr schön! Unsere Fahrt nach Paris hat sich vielleicht auch schon geschäftlich gelohnt.« Er rieb sich die Hände.

»Pfui, vorhin fandest du die Nazis noch vulgär!«, maulte die Weinberg.

»Man kann sich im Geschäftsleben eben nicht immer seine Partner aussuchen. Man muss jede Möglichkeit nutzen. Deswegen trete ich noch lange nicht in die Partei ein.«

»Denkst du nur ans Geld?«, fragte sie missmutig.

»Das fragt mich eine Bankierstochter?«

»Mein Vater ist auch ein Zahlenmensch, aber mit diesen Leuten würde er niemals Geschäfte machen. Niemals!«

Aschinger lief rot an und ergriff ihre Hand. »Na gut, wenn es dir so viel bedeutet, verzichte ich auf das Geschäft mit den Nazis. Johnny, streich die Idee! Sollen die Nazis doch woanders schlechtes Bier trinken! Zufrieden, Sieglindchen?«

»Du bist ein Schatz. Danke dir!«

»Na, siehst du! Alles wieder gut?«

»Natürlich, Fritzchen!«

Johnny verfolgte dies mit offenem Mund. Er hatte noch nie erlebt, dass Aschinger auf ein sicheres Geschäft verzichtete. Sebastian schloss daraus, dass es Aschinger mit dieser Frau ernst war, und er machte sich Sorgen um ihn. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es mit dieser kapriziösen Frau und dem nüchternen Fritz Aschinger lange gutgehen würde.

Sie gingen in den Schlafwagen zurück, wo für jeden ein Abteil reserviert war.

»Geh schlafen, Johnny, wir sehen uns morgen früh. Du bist sicher müde.«

Aschinger schickte ihn mit einem freundlichen Klaps auf die Schulter in sein Abteil. Sebastian dachte über die vergangenen Stunden nach. Er mochte Fräulein Weinberg nicht. Sie war leichtsinnig und oberflächlich und glaubte, etwas Besonderes zu sein. Aber sowohl hinsichtlich der Nazis als auch der Werbekampagne hatte sie sich anständig verhalten. In Paris angekommen, würde er Harry Damrow anrufen und ihm mitteilen, dass Aschinger sein Einverständnis gegeben hatte. Der Zug jagte durch die Dunkelheit einem Ziel entgegen, das er nur aus Büchern kannte, ein Traumgebilde, das er so prächtig wähnte wie das alte Rom. Eingelullt von dem Schaukeln des Waggons schlief er ein und verschlief fast die Zeit. Er wusch sich nur kurz, rasierte sich, und als er an Aschingers Abteil klopfte, rief dieser: »Geh schon mal vor! Wir kommen in den Speisewagen nach.« Es scheint eine gute Nacht gewesen zu sein, nach seiner Stimme zu urteilen, dachte Sebastian belustigt. Er bestellte sich ein Omelett und eine große Tasse Kaffee und sah aus dem Fenster. Draußen flog eine flache Landschaft unter einem wolkenverhangenen Himmel vorbei. Sie waren bereits in Frankreich. Nicht viel anders als in Deutschland, dachte er enttäuscht. Er hatte Hügel erwartet mit prächtigen Schlössern darauf und vor ihnen grüne Wiesen, auf denen sich weiße Pferde tummelten. Fritz Aschinger und die Baroness kamen in den Speisewagen. Sieglinde von Weinberg nestelte an ihrem Haar und warf Sebastian einen herausfordernden Blick zu, als sie sich setzte. Er sah schnell zur Seite. Beide wirkten übernächtigt. »Könnte auch die Mark Brandenburg sein«, sagte Sebastian unzufrieden, nachdem er sie beide begrüßt hatte, und wies aus dem Fenster.

»Das ist die Champagne. Vor Paris, in der Île de France, wird die Landschaft lieblicher«, erklärte die Baroness.

»Wird hier der berühmte Champagner …«

»Sag mal, Johnny, hast du in der Schule ständig geschlafen?«, brummte Aschinger.

»Ja«, gab Sebastian zu, »ich war ein hoffnungsloser Fall. Bestimmt hatte ich gerade von d’Artagnan und Lady Winter geträumt.«

»Und so jemanden mache ich zum Sekretär!«, erwiderte Aschinger in gespielter Verzweiflung. Das Frühstück wurde gebracht, und Aschinger hatte daran einmal mehr etwas herumzumäkeln. Die Brötchen seien nicht frisch, die Wurst von zweifelhafter Qualität, und der Käse gehöre in den Abfall. »Es wird Zeit, dass wir den Laden übernehmen, Johnny!«

»Jetzt fangt nicht wieder an, von Geschäften zu reden! Es ist ja nicht zum Aushalten mit euch!«, schritt die Baroness ein.

Fritz Aschinger hob abwehrend die Arme. »Ist schon gut, Sieglindchen! Kein Wort mehr von der Arbeit, versprochen!«

Die Landschaft wurde hügeliger. Die Wolkendecke riss auf, und nun sah Sebastian zwar noch keine Schlösser, aber eine Landschaft, die den Zauber ausströmte, der mit seinen Tagträumen übereinstimmte. »Wunderschön!«, sagte er mit belegter Stimme. »Mir ist, als wäre ich schon hier gewesen, als wäre ich hier mit den Königen geritten oder hinter Napoleon mit der Grande Armée nach Preußen gezogen.«

»Hört euch das an!«, sagte Aschinger und blickte zur Decke. »Solch einen Spinner habe ich um mich!«

»Er ist ein romantischer Mensch«, verteidigte ihn die Baroness.

»Ihr ergänzt euch gut: Während du zu viel an Zahlen denkst, denkt er an Menuette, Degenkämpfe und die Prinzessin, die es auf einem weißen Pferd zu entführen gilt.«

Sebastian bekam einen roten Kopf. Hoffentlich trägt sie nicht noch dicker auf, sonst wird Aschinger noch eifersüchtig, dachte Sebastian.

Dann fuhren sie in Paris ein. Zuerst sah es nicht anders aus als in Berlin. Mietskasernen, baufällige Fabriken, schmutzige Hinterhöfe. Nur die Aufschriften an den Wänden – Dubonnet oder Châteauneuf du Pape – verrieten, dass man in Frankreich war. Am Bahnhof Gare de l’Est war Endstation. Auf dem Bahnsteig wurden sie bereits von dem Hotelpersonal erwartet, das das Gepäck übernahm. Der Geruch auf dem Bahnsteig war anders als in Berlin. Es roch nach verbranntem Gummi, nach Ruß, nach scharf geröstetem Kaffee, Knoblauch und schwarzen Zigaretten. Sie gingen, die Kofferträger als Vorhut, durch die drängenden Menschen hinaus auf den Vorplatz, wo auf der anderen Straßenseite die Bistros wie eine Perlenkette um den Bahnhof lagen. Die Sonne war herausgekommen und kündigte einen schönen Herbsttag an.

»Herrlich, wieder in Paris zu sein!«, rief die Baroness und wirkte nun nicht mehr müde und überanstrengt, sondern sah so frisch aus, wie es dem Morgen entsprach.

Sie stiegen in den riesigen Kraftwagen, den das Hotel geschickt hatte, und die Baroness sagte etwas auf Französisch zum Chauffeur. Dieser nickte eifrig.

»Ich habe ihm gesagt, dass er eine Runde um den Place de la Concorde machen und dann zurück am Palais Royal vorbei zur Opéra fahren soll«, erklärte sie. »Das ist zwar ein kleiner Umweg, aber jedes Mal, wenn ich in Paris bin, muss ich diese Runde drehen.«

Auf der Place de la Concorde sprangen die Fontänen. Die Champs Élysées mit dem fernen Arc de Triomphe sah aus wie eine Straße zum Himmel. Sie fuhren über die Rue de Rivoli am Hotel Regina mit der goldenen Jeanne d’Arc vorbei, ließen rechts das Palais Royal zurück, um dann auf die Oper zuzufahren, deren Engel glanzvoll von dem Zeitalter des letzten Kaisers kündete.

Sebastian starrte fasziniert auf die drängenden Menschenmassen auf den Bürgersteigen, auf die um sie herumwuselnden Automobile. Er war von Berlin, vom Potsdamer Platz mittlerweile Verkehr gewohnt, aber dort war bei allem Durcheinander doch eine gewisse Ordnung. Hier aber drängten sich die Wagen chaotisch durch die Straßen. Niemand hielt sich an die Verkehrsregeln, die durch die Hupen ersetzt wurden – und doch lief alles glimpflich ab. Er wusste nicht, wohin er zuerst sehen sollte. Paris schien hier in der Mitte der Stadt nur aus Palästen zu bestehen, die dem Aschinger-Palais nicht nachstanden.

Dann fuhren sie auf einen Platz, auf dem eine große Säule stand. Der Platz wurde von Häusern umsäumt, die allesamt wie die Wohnstatt von Königen aussahen.

»Der Place Vendôme«, sagte die Baroness seufzend. »Die Säule dort ist aus den erbeuteten Kanonen von Austerlitz gegossen worden. Der Cäsar dort oben soll Napoleon darstellen. Und das hier vor uns, Johnny, ist das berühmte Ritz, das beste Hotel der Welt!«

Aschinger brummte missvergnügt. Der Wagen hielt vor dem Hotel. Der Portier eilte herbei und riss die Wagentür auf.

»Willkommen im Ritz, Herr Aschinger!«, begrüßte er sie auf Deutsch. Es hatte sich bis nach Paris herumgesprochen, dass Aschinger der deutsche Ritz war. Sie brauchten nicht an die Rezeption zu gehen, der Geschäftsführer, der Aschinger gut kannte, empfing sie persönlich.

»Schön, Fritz, dich wieder einmal bei uns zu haben! Diesmal bist du früher dran als sonst.«

»Ja, diesmal wollen wir uns in Paris ein wenig amüsieren.«

»Großartig! Ob du ins Moulin Rouge oder in die Opéra willst, wir werden dafür sorgen, dass du die besten Plätze erhältst.«

»Darf ich dir meine Begleiterin, die Baroness von Weinberg, vorstellen?«, sagte Aschinger mit sichtlichem Stolz.

Der Geschäftsführer, ein schmaler, kleingewachsener Mann mit einem Menjoubärtchen, verbeugte sich zu einem Handkuss. »Madame, wir werden uns bemühen, Ihnen jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Die Freunde von Herrn Aschinger sind auch unsere Freunde. Sie werden sehen, dass wir es zu würdigen wissen, den König von Berlin und seine Begleitung bei uns zu haben«, sprudelte er, sichtbar angetan von der Baroness.

»Schon gut, mon ami «, sagte Aschinger und klopfte ihm auf den Rücken. »Heute Abend essen wir im Hotel. Für morgen Abend bestell bitte einen Tisch im Le grand Vefour. Dann sehen wir weiter.«

Sebastian wurde von Aschinger nicht vorgestellt. Er gehörte zu den Domestiken.

Sie wurden unter den Blicken des Concierge und der Angestellten hinter dem rotbraun blitzenden Tresen vom Geschäftsführer zum Fahrstuhl geführt. Die Gäste an der Rezeption sahen sich wegen des Auftriebs nach ihnen um.

Sie wurden zur Präsidentensuite geführt, die an der Fensterfront zum Place Vendôme lag. Wenn Sebastian durch Aschingers Haus und den Fürstenhof schon an einigen Luxus gewöhnt war, so wurde der von diesem hier im Ritz noch übertroffen. Die Räume sahen aus, als hätte man das Schloss Versailles hierher versetzt. Die Suite glitzerte golden und silbern, und ein Kristallkronleuchter von der Größe eines Wagenrades ließ, verstärkt durch die Spiegel, den Salon wie einen Diamanten aufleuchten. Überall standen mächtige Blumenbouquets in hüfthohen chinesischen Vasen. Auf den Tischen mit den goldverzierten Füßen lockten riesige Schalen mit Obst. Sie gingen auf teuren türkisfarbenen Teppichen aus Isfahan. In den Vitrinen stand kostbares Porzellan aus Limoges.

Aschinger nickte gleichmütig. »Schön, alles wie gehabt.«

»Wenn irgendetwas fehlt, sag es bitte!«

»Es ist alles in Ordnung, mon ami. Johnny, deine Suite ist nebenan. Wir treffen uns in einer halben Stunde unten am Empfang.«

Der Hoteldirektor führte Sebastian nach draußen an das Ende des Korridors und schloss eine kleine Suite auf. »Ich hoffe, Sie werden sich bei uns wohl fühlen«, sagte er und wies mit einer Verbeugung auf das mit Stilmöbeln eingerichtete Zimmer.

Sebastian ging ans Fenster. Er sah auf einen kleinen Innenhof, in dem Kastanien standen. Seitlich hatte er einen Blick auf Napoleon, der – als Cäsar verkleidet – als Statue über dem Place Vendôme thronte.

»Ich hoffe, es entspricht Ihren Wünschen«, sagte der Geschäftsführer.

Sebastian nickte. »Es ist alles bestens.«

Der Geschäftsführer gab ihm den Schlüssel. »Ich zeige Ihnen noch die anderen Räume. Dort links ist das Schlafzimmer, und hier gegenüber ist das Bad.«

»Sehr schön«.

»Sie sind Herrn Aschingers Sekretär?«

»Ja, sein Privatsekretär«, wiederholte Sebastian automatisch, immer noch ganz gefangen von der Pracht. So wohnten Könige – und er, ein Bauernjunge aus dem Brandenburgischen, wurde gefragt, ob es seinen Wünschen entsprach! Er hätte sich vor kurzem nicht einmal im Traum vorstellen können, dass man solche Wünsche haben konnte. Er besichtigte das Schlafzimmer, dessen Bett so breit war, dass drei Personen darin schlafen konnten. Auf dem Tisch im Salon stand ein Kübel mit Champagner. Das Bad war ähnlich prächtig wie im Palais Aschinger. Mit einer Verbeugung verabschiedete sich der Geschäftsführer und wünschte ihm einen schönen Aufenthalt.

Sebastian nahm die Flasche aus dem silbernen Kübel, öffnete sie und goss sich einen Kelch ein. Im Spiegel prostete er sich zu. »Auf dein Wohl, Sebastian Lorenz, Bauernjunge, Notariatslehrling, Zapfhilfe in der Bierquelle und Sekretär des großen Aschinger! Weit hast du es gebracht!« Doch wenn er aufwachen würde und alles wäre vorbei? Würde er sich jemals wieder an die kleine Stube in Schönberg gewöhnen, an den verschmutzten Hof, an den Geruch von Pferdeäpfeln oder an die trockene Luft, wenn Korn gedroschen wurde und kleine Strohhalme durch die Luft flogen? Wer einmal von goldenen Tellern gegessen hat, gab sich nicht gern mit einem Blechnapf zufrieden. Ihm fiel ein, dass er Damrow anrufen wollte, und ging zum Telephon. Dem guten Harry fiel ein Stein vom Herzen, als Sebastian ihm sagte, dass Aschinger einverstanden sei. Ehe er sichs versah, war die halbe Stunde vorbei. Er stürzte aus seiner Suite und fuhr in die Empfangshalle hinunter. Aschinger und die Baroness warteten bereits auf ihn.

»Na, das dauert aber bei dir!«, sagte Aschinger vorwurfsvoll.

»Ich musste mich erst einmal an die schöne Umgebung gewöhnen. Es ist wundervoll hier!«

Sie traten auf den Platz. Aschinger stutzte. »Wartet hier!«, sagte er kurz und ging nebenan in ein Juweliergeschäft mit dem Namen Van Cleef & Arpels.

Sebastian hatte nun Zeit, die Harmonie des Platzes zu bewundern. Er hatte in Berlin den Gendarmenmarkt ins Herz geschlossen und einige Male, wenn es seine Zeit erlaubte, dort gegessen und auf der Terrasse des Restaurants zu den Löwen mit den Engeln hinübergesehen. Der Place Vendôme gehörte auch zu den Orten, die Verzauberung auslösten. Er atmete tief ein, schloss die Augen und sah nun Kutschen mit livrierten Dienern vorfahren und Perückenträger in reichen, goldbestickten Gewändern aussteigen. Er hörte das Klimpern eines Spinetts und wünschte sich, dass der Besuch in Paris nicht aufhören würde.

»Er kauft mir sicher noch ein paar Diamanten«, sagte die Baroness gleichmütig.

»Er ist sehr glücklich«, stimmte Sebastian zu.

»Sieht ganz so aus, nicht wahr?«, sagte die Baroness. »War er noch nie verliebt?«

»Ich glaube nicht«, erwiderte Sebastian, erstaunt über die Frage, die ihm ungehörig erschien. So sprach man nicht von dem Mann, mit dem man gerade die Nacht verbracht hatte. Und erst recht nicht zu einem Angestellten dieses Mannes, den man außerdem kaum kannte.

»Aber es wird doch sicher viel über ihn geklatscht. So ein Mann wie Fritz wird doch von allen Leuten beobachtet. Über mich wird ja auch viel geklatscht, viel zu viel!« Sie seufzte.

»Herr Aschinger lebt sehr zurückgezogen, soviel ich weiß.«

»Loyal in jeder Beziehung, nicht wahr, Johnny?«

»Ich verdanke Herrn Aschinger sehr viel. Er ist ein großartiger Mensch und Chef.«

Aschinger kam vergnügt lächelnd aus dem Juweliergeschäft Van Cleef & Arpels heraus. »Kommt, gehen wir zu deinem Café de la Paix!« Er hakte sich bei ihr ein und pfiff dabei Ach, du lieber Augustin.

Dann saßen sie im Café de la Paix mit Blick auf die Opéra, aßen Austern und tranken dazu Champagner. Sieglinde von Weinberg erzählte von den Ballett- und Opernaufführungen, die sie hier schon erlebt hatte. Während sie von Wagner, Mozart und Tschaikowsky erzählte und unentwegt von der Pracht des Konzertraumes schwärmte, beobachtete Sebastian die vorbeieilenden Menschen. Sie waren in der Regel besser gekleidet als in Berlin. Er sah Männer in dunklen Anzügen wie er, Mädchen in großer Garderobe, aber auch in billigen Fähnchen, die sie mit einer Anmut trugen, als wären sie aus den besten Modegeschäften in Paris. Doch dann entdeckte er ein abgehärmtes Gesicht, die Kleider vielfach geflickt, die Schuhe abgetreten und die Augen voller Angst. Auch hier in der wundersamen Stadt gab es Armut. Farbige Menschen aus den Kolonien kehrten die Straße und sahen mit stumpfen Augen zu ihnen im Café de la Paix hinüber. Ihre Chance, hier einmal zu frühstücken, war nicht sehr groß.

Danach schlenderten Aschinger, die Baroness und Sebastian durch die Rue Saint-Honoré. Vor einem Herrengeschäft blieb Sieglinde von Weinberg stehen und klatschte in die Hände.

»Was für schöne Krawatten! Kaufen wir doch für Johnny ein paar neue! Er blamiert sich ja im Ritz mit seiner grässlichen Krawatte.«

Sie gingen hinein, sie ließ sich eine Menge Krawatten zeigen und tippte auf eine blaugestreifte sowie zwei rot-blau gestreifte. »Die hier sind richtig, sie sehen sehr britisch aus. Findest du nicht auch, Fritz, dass Johnny ein britischer Typ ist?«

»Ein britischer Typ aus der Mark Brandenburg!«, spottete Aschinger. Aber er schien sich zu amüsieren. Ihm gefielen ihr Schwung, ihre Atemlosigkeit, ihr Enthusiasmus.

»Er braucht noch einen Sommermantel sowie einen für den kommenden Winter«, brummte er gutmütig.

»O ja, wir machen aus ihm einen richtigen Gentleman!« Sie klatschte in die Hände und rief dem Verkäufer etwas zu, worauf dieser Mäntel für alle Jahreszeiten herbeischleppte. Sie wählte für Sebastian einen dunklen Kaschmirmantel und einen leichten blauen Regenmantel.

Sebastian zog die Mäntel mit verlegenem Gesicht über und ließ sich von beiden begutachten.

»Ja, so gefällt mir Johnny!«, rief sie und klatschte wieder in die Hände.

»Wenn du so weitermachst, hat er bald mehr Mäntel als ich«, knurrte Aschinger. »Bringen Sie das Zeug ins Ritz!«, rief er dem Verkäufer zu.

»Aber die rot-blaue Krawatte muss er gleich umbinden. Weg mit dem scheußlichen Ding!«, antwortete sie streng, nestelte an Sebastians Kragen und zog ihm die alte Krawatte ab. Sie band ihm die neue um, knotete sorgfältig einen Windsorknoten und betrachtete ihr Werk mit geneigtem Kopf. »So, nun sieht er aus wie ein Gentleman. Den dunklen Übergangsmantel zieht er gleich an.«

»Mach so weiter, und im Ritz halten sie ihn für den Herzog von Windsor!«, setzte Aschinger ironisch hinzu.

Der Bückling des Verkäufers konnte nicht tiefer ausfallen. Sie gingen hinaus, kamen aber nicht weit. Vor dem Schaufenster mit den neuesten Kreationen von Coco Chanel blieb sie stehen und hielt Aschinger am Arm fest.

»Sieh dir das an, Fritz! Das kleine Schwarze und dann das blaue Abendkleid mit den schmalen Trägern, sind die nicht wundervoll?«

»Dann gehen wir doch hinein!«, sagte Aschinger gutmütig lächelnd. Sie wurden von einer eleganten Dame empfangen, die wohl gleich erkannte, dass hier ein gutes Geschäft zu machen war. Ein dicklicher Herr im mittleren Alter und eine wesentlich jüngere Begleitung ließen immer auf ein gutes Geschäft schließen. Sieglinde von Weinberg zwitscherte mit ihr, und die Madame, die sich als Direktrice vorstellte, hieß sie auf Englisch, Platz zu nehmen.

Während Aschinger in der Vogue blätterte, ging die Baroness von einer Modepuppe zur anderen. Ihnen wurde Champagner gereicht, und bald erschienen Mannequins und führten Abend- und Tageskleider vor. Sieglinde von Weinberg benahm sich wie im Rausch, schlug ein um das andere Mal die Hände zusammen und rief: »Oh, sieh nur, Fritz, was für ein Traum!«

»Du hast eine Menge schöner Träume«, sagte Aschinger nach einer Weile und blätterte lustlos in der Vogue. Aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, wobei dies von ihrer Seite weder böse gemeint war noch als Spiel. Es war ihr Leben. Lustvoll gab sie sich dem Kaufen hin und machte sich keine Sorgen über die Preise.

Nach zwei Stunden hatte sie sich für das kleine Schwarze, ein helles Kostüm, einen Hut, der in Ascot und nur dort nicht auffallen würde, und das blaue Abendkleid mit den schmalen Trägern entschieden. Sebastian war der Meinung, dass man zu dieser Entscheidung auch in wesentlich kürzerer Zeit hätte kommen können. Aschinger bekam eine Rechnung präsentiert, gegen die sich die Aufwendungen bei dem Herrenausstatter wie ein Trinkgeld ausnahmen. Aber Aschinger bezahlte mit erleichtertem Grinsen, wenn er auch den Kopf dabei schüttelte.

»Wer hätte gedacht, dass dieses bisschen Stoff so wertvoll sein kann! Wir beide sind in der falschen Branche, mein Lieber«, sagte er zu Sebastian.

Doch damit war die Ausplünderung der Läden auf der Rue Saint-Honoré noch nicht zu Ende. Denn jetzt mussten zu den neuerstandenen Kleidern natürlich auch noch passende Schuhe und Handtaschen gekauft werden. Gegen Mittag gingen sie erschöpft und doch zufrieden ins Fouquet auf den Champs Élysées und aßen eine Ente, die selbst Fritz Aschinger zufriedenstellte. Beschwingt durch einen guten Margaux Rothschild, führte Sieglinde von Weinberg sie danach über die Pont Alexandre mit den vergoldeten Engeln.

»Die Brücke trägt den Namen zu Ehren von Zar Alexander. Es ist die schönste Brücke in Paris.« Sie standen am Brückengeländer, und die Baroness deutete mit dem Finger auf den Schatten am Ende der Seine. »Dort hinten, unter den weißen Wolken liegt die Notre Dame, die gewaltigste Kirche Frankreichs.«

»Die Kirche des Glöckners von Notre Dame«, ergänzte Sebastian ehrfürchtig. »Dort sah er vom Turm herab auf Esmeralda und verliebte sich unsterblich. Können wir nicht dorthin gehen?«

»Bloß nicht, das ist doch viel zu weit!«, murrte Aschinger, der sich bereits die Stirn wischte. »Wir könnten uns ein Taxi nehmen.«

»Nein, Paris muss man zu Fuß erleben!«, rief die Baroness. »Lass uns wenigstens bis zum Pont Neuf gehen! Wer weiß, wie lange sich das schöne Wetter noch hält. Danach sollten wir durch den Jardin du Luxembourg spazieren.«

Sebastian erinnerte sich, dass sich dort d’Artagnan mit den drei Musketieren getroffen hatte.

»Wir müssen doch nicht an einem Tag ganz Paris abklappern!«, murrte Aschinger.

»Aber wenigstens zum Pont Neuf will ich, meine zweitliebste Brücke. Dort steht das Denkmal von Henry IV. Ein König, der die Frauen liebte.«

»Meines Wissens liebten alle französischen Könige die Frauen und konnten davon gar nicht genug haben«, brummte Aschinger.

Am Seineufer entlang wurde es noch einmal ein langer Marsch. Aschinger blieb oft schnaufend stehen und wischte sich die Stirn. »So viel bin ich mein Lebtag nicht gegangen!«, stöhnte er.

»Du musst Sport treiben, Fritz, oder wenigstens viel spazieren gehen, damit du deinen Schmerbauch loswirst«, spottete die Baroness erbarmungslos.

Sebastian kam es so vor, als wolle sie Aschinger damit zu verstehen geben, dass sie trotz der gemeinsam verbrachten Nächte nicht so einfach zu erobern sei und Aschinger, um den Altersunterschied überbrücken zu können, mehr bieten musste als ein paar Kleider der besten Couturiers Frankreichs.

»Ich könnte wetten, du warst schon zigmal in Paris und hast außer dem Ritz und dem Place Vendôme oder der Rue de Rivoli nichts von Paris gesehen«, fuhr sie unerbittlich fort.

»Das waren auch Geschäftsreisen«, verteidigte sich Aschinger.

»Na, dann wurde es höchste Zeit, dass du einmal ohne deine dummen Geschäfte hierherkommst!«, antwortete sie schnippisch und zwinkerte dabei Sebastian zu.

Vor den mit rötlichen Steinen durchzogenen weißen Häusern hob sich an dem Pont Neuf das Standbild von Henri IV. ab, und es sah aus, als wäre er gerade dabei, in die Stadt einzuziehen, die ihm so lange getrotzt hatte.

»Die Häuser stammen aus der Zeit Richelieus oder Mazarins oder wie diese Kardinäle damals hießen. Fritz, Paris ist wundervoll!«

»Unser Potsdamer Platz ist auch ganz schön«, wehrte Aschinger ab. »Aber es stimmt schon: Wenn man dort, wo die Häuser sind, ein Hotel hinbauen würde, hätte man eine romantische Umgebung.«

»Untersteh dich, Fritz!«, entrüstete sich die Baroness. »Du kriegst es noch fertig und reißt die schönen Häuser ab, um dort eines deiner dummen Hotels hinzubauen!«

»Man könnte ja die Fassaden stehen lassen und …«

»Hör auf, Fritz!«

»Mach dir keine Sorgen! Lieber stelle ich noch ein Hotel am Kurfürstendamm hin. Die Ecke, wo das Café Kempinski ist, wäre dazu ideal.«

Über den Pont Neuf ging es weiter auf das rechte Seineufer, und nun war es Aschinger zu viel. Er winkte ein vorbeifahrendes Taxi heran, und sie fuhren mit einer schmollenden Baroness zur Notre Dame. Dort stiegen sie neben dem Denkmal Karls des Großen aus und gingen in die Kathedrale, von der Sebastian ein wenig enttäuscht war. Gewiss, sie war riesig, und das Halbdunkel verbreitete eine feierliche Stimmung, aber das Gedränge der Touristen ließ doch keine rechte Andacht aufkommen. Da sich Aschinger weigerte, zum Dach hochzusteigen, nahmen sie erneut ein Taxi und fuhren über den Boulevard Saint-Michel an der Sorbonne vorbei zum Jardin du Luxembourg. Die Baroness musste ein paar Mal mit dem Fuß aufstampfen, ehe Aschinger ihr in den Park folgte. Sie gingen an den herrlich gefärbten Kastanien vorbei, die im goldenen Licht der Mittagssonne lagen. Vor dem großen Bassin setzten sie sich auf eine Bank und sahen den Kindern zu, die dort ihre kleinen Schiffe ins Wasser setzten. Aschinger kaufte eine Tüte Vogelfutter und beschäftigte sich mit den Tauben. Bald war ein ganzer Schwarm um ihre Bank versammelt. Die Baroness stand mit einem Seufzer auf und nahm Sebastian am Arm.

»Komm, Johnny, wir gehen einmal um das Bassin und sehen uns das Schloss an. Fritz, du kannst dich hier ausruhen«, kommandierte sie. Ehe Aschinger antworten konnte, zog sie Sebastian hoch und zum Bassin hin. »Ein goldener Herbsttag«, sagte sie andächtig, und ihr Blick streifte verträumt die Bäume. »Glaubst du, dass ich das Richtige tue?«, fragte sie unvermittelt.

»Was meinen Sie?«

»Er wird mir heute Abend einen Heiratsantrag machen. Deswegen war er bei Van Cleef & Arpels.«

»Hat er Ihnen das gesagt?«

»Nein, aber so etwas weiß eine Frau.«

Sebastian war über ihre Indiskretion erstaunt. Diese intimen Dinge gingen nicht einmal einen Privatsekretär etwas an. Wieso zog sie ihn da hinein? »Ich kann Ihnen dazu nichts sagen. Ich kenne Sie zu wenig. Fritz Aschinger mag Sie sehr, das ist jedenfalls gewiss. Und eigentlich sollten Sie mir in solchen Dingen keine Fragen stellen.«

»Ach, hör auf, Johnny, ich frage dich als Mensch. Wir sind doch im gleichen Alter! Fritz ist so seriös. Und dann der Altersunterschied! Gut, ich lasse mich von ihm verwöhnen – aber reicht das für eine Heirat? Ich habe viele andere Bewerber, doch hinsichtlich Reputation sind sie dem König von Berlin natürlich nicht gewachsen, verstehst du? Vater wäre natürlich froh und glücklich, denn eine Heirat mit dem großen Aschinger würde seine Geschäfte mit ihm absichern und wäre außerdem ein großer Prestigegewinn für die Bank. Er hat mich regelrecht bedrängt, mich mit ihm zu treffen. Und als ich ihm sagte, dass ich mit Fritz nach Paris fahre, war er schier aus dem Häuschen. Er, der sonst so auf Anstand und Sitte achtet! Das alles spielt plötzlich keine Rolle mehr. Ich komme mir vor wie ein Stück Vieh, das er an den besten Bieter verhökert, oder wie eine Geiß, die man als Köder auf die Weide stellt, damit sie den Löwen anlockt.«

»Dann verloben Sie sich doch nicht!«, rutschte es Sebastian heraus, obwohl er sich eigentlich nicht einmischen wollte und ihm dies auch wie ein Verrat an Aschinger vorkam. Hoffentlich erzählt sie ihm das nicht!, dachte er besorgt. Er würde Sebastian das nie verzeihen.

»Fritz ist gutherzig und auf eine seltsame Art naiv, fast lebensfremd. Er ist ein anständiger Mensch, erfolgreich und reich. Aber er ist manchmal auch ein bisschen langweilig, nicht wahr? Und wenn die Flitterwochen vorbei sind, wenn man sich an das Neue gewöhnt hat, dann ist es vielleicht nur noch langweilig. Dann wird mich seine Ernsthaftigkeit ersticken.«

»Fritz Aschinger ist nicht langweilig!«, versuchte Sebastian seinen Fauxpas ungeschehen zu machen. »Er ist Geschäftsmann und wird in der Firma von allen bewundert. Er ist gutmütig und spendabel. Unsere Frau Proske sagt immer, dass er eine Seele von Mensch ist.«

»Ich weiß, dass er ein guter Mensch ist, aber er hat keine Freude am Leben. Er liebt keinen Spaß und macht keine Verrücktheiten. Kannst du dir vorstellen, dass er mit mir den Kurfürstendamm heruntertanzt oder mit mir Karneval feiert?«

»Das sind doch Kindereien!«

»Ja, aber ich mag verrückte Dinge. Ich tanze gern, feiere gern, reise gern. Ich will leben.«

»Vielleicht können Sie ihn dazu bringen, das Leben ein bisschen zu genießen.«

»Himmel, ich weiß nicht, ob ich das schaffe! Ich habe Angst vor heute Abend. Er wird mir einen umwerfenden Verlobungsring überreichen. Wenn ich ablehne, schlage ich eine der besten Partien Deutschlands aus, und Vater wird verärgert sein. Sage ich zu, bin ich seine Gefangene. Dann ist in ein paar Monaten Hochzeit.« Sie sah ihn mit Tränen in den Augen an. »Sebastian, was ist richtig?«

In ihren Augen sah er Angst. Auch die reichen Mädchen hatten also ihre Probleme, stellte er fest. Aber helfen konnte er ihr wirklich nicht. Sie musste selbst entscheiden, ob sie erwachsen werden wollte. Er ahnte, dass noch am Ende dieses wundervollen Herbsttages die Erwartungen Aschingers enttäuscht und der Traum, endlich die Frau seines Lebens gefunden zu haben, sich in Luft auflösen würde.

Kapitel 9

Sie saßen im Restaurant des Ritz. Es war von Anfang an eine gespannte Atmosphäre. Sebastian wusste, wenn sich die Zweifel der Baroness nicht in Luft aufgelöst hatten, warteten auf Fritz Aschinger bittere Stunden. Ihr Gesicht hatte nichts verraten, als sie im Jardin du Luxembourg nach der Besichtigung des Schlosses zu seiner Bank zurückkamen. Als wären keine Worte des Zweifels gefallen und sie ganz von dem Herbsttag verzaubert, ließ sie es zu, dass Aschinger ihre Hand ergriff und mit ihr durch die Kastanienallee zum Ausgang des Parks ging. Sebastian war ihnen in einigem Abstand gefolgt. Dass seine Angebetete auf der Fahrt ins Hotel sehr still war, hatte Aschinger nicht einmal bemerkt. Er war nur froh, dass die Lauferei ein Ende hatte, und war schon wieder ganz in seinen Geschäften versponnen.

»Die Blumen machen den Unterschied aus. Auch wir sollten bei uns in den Hotels mehr Blumen in die Eingangshalle stellen und auch damit die Zimmer dekorieren. Wir müssen uns dazu eine passende Gärtnerei anschaffen. Schreib es auf, dass wir uns in Berlin darum kümmern!«

Dann war er mit der Baroness in seiner riesigen Suite verschwunden. Sebastian hatte sich auf seinem Zimmer in seine Bücher vertiefen können.

Nun saßen sie schweigend im Restaurant des Ritz, und das vorher so lebenslustige Mädchen schien jeden Schwung verloren zu haben. Das Restaurant mit der azurblauen Decke und den Stuckornamenten erinnerte Sebastian an eine riesige, im Meer schwimmende Muschel. Wie verzaubert sah Sebastian auf die Kristalllüster, die funkelnden Gläser und das silberne Besteck auf den Tischen, zwischen denen sich gemessen die Kellner bewegten.

Aschinger ließ es sich nicht nehmen, das Menü zusammenzustellen: Foie gras, Steinbutt – Turbot braisé au beurre blanc –, gefüllte Taube mit feiner Gemüseauswahl, dazu gab es ein Glas Sauternes zur Vorspeise, einen Pouilly fumé und einen Margaux Rothschild vom besten Jahrgang, doch vorher wurde alles mit dem Aperitif, einem Champagner von Taittinger, eingeleitet. »Dann wollen wir mal sehen, ob die Küche des Ritz ihrem Ruf entspricht!« Aschinger rieb sich die Hände und sah herausfordernd in die Runde. Doch seine hektische Röte, die Flecke auf den Wangenknochen verrieten, dass ihn auch noch ganz anderes beschäftigte.

Das Restaurant war gut besucht. Es gab nur noch einen freien Platz zu ihrer Rechten. Das Gespräch zog sich schleppend hin. Sebastian versuchte, es dadurch in Gang zu halten, dass er den Tag Revue passieren ließ.

»Am besten gefallen hat mir der Blick von der Place Concorde hoch auf die Champs Élysées zum Etoile hin. Es war, als würde man in den Himmel sehen und mit dem Arc de Triomphe das Tor zum Paradies erblicken.«

»Das kommt daher, dass die Champs ziemlich steil ansteigen. Man merkt dies erst so richtig, wenn man zu Fuß Richtung Arc de Triomphe geht«, stimmte die Baroness zu.

»Bloß nicht!«, wehrte Fritz Aschinger ab.

»Jedenfalls weißt du jetzt, wie Paris aussieht.«

Dann verfielen sie wieder in Schweigen. Als die Baroness zwischen den Gängen sich die Nase pudern ging, beugte sich Aschinger zu Sebastian. »Was meinst du, Johnny, soll ich ihr nach den Gängen den Verlobungsring geben oder erst später, wenn wir an der Bar sind?«

»Haben Sie denn schon um ihre Hand angehalten?«

Aschinger stutzte. »Du meinst, ob ich sie gefragt habe? Nein, dazu ist es auf dem Zimmer nicht gekommen. Ich wollte es, aber sie hat mich immer wieder abgelenkt.«

»Ich würde abwarten. Wenn wir alle ein wenig getrunken haben, wird es Ihnen leichter fallen.«

»Sie wird doch annehmen, nicht wahr?«, flüsterte Aschinger, und seine Augen bettelten um Bestätigung.

»Sie wissen doch, dass ich für Frauen kein Experte bin. Schon gar nicht habe ich Erfahrung mit so reichen, vornehmen Frauen. Sie sind anders als die Frauen, die ich so kenne.«

»Wie anders?«

»Für sie ist alles wie ein Tanz, als wäre ständig Musik um sie herum und das Leben ein ununterbrochenes Fest.«

»Hm, sie ist noch jung«, brummte Aschinger stirnrunzelnd.

»Ja, das auch.«

»Du bist sehr offen. Immerhin sprichst du von meiner zukünftigen Frau«, sagte er unzufrieden. Was Sebastian gesagt hatte, war ihm offenbar zu respektlos. Als habe der bloßgelegt, was er auch schon gedacht hatte, sich aber nicht einzugestehen wagte.

»Sie haben mich nach meiner Meinung gefragt. Aber wie gesagt, geben Sie nicht allzu viel darauf, ich kenne mich in solchen Dingen nicht aus.«

»So sind sie doch alle – nur nicht so schön.«

»Ja, sie ist in der Tat sehr schön.«

»Gib es zu, Johnny, du bist auch ein wenig in sie verliebt! Jeder muss sich in sie verlieben.«

»Ja, das könnte das Problem sein.«

»Wie meinst du das?«

»Sie ist schön und nicht dumm, und ihre Erfahrung ist, dass sie alles bekommt, was sie will, was einschließt …«

»… dass sie jeden bekommt, den sie will!«, sagte Aschinger dumpf. Sebastian schwieg.

»So meinst du das doch?«

»Ich meine, dass es für schöne reiche Mädchen schwierig sein muss zu erkennen, welcher der Richtige für sie ist. Sie braucht ja nur ein wenig ihre Augen rollen zu lassen, und schon umringt sie eine Horde heiratswilliger Kandidaten mit nichts anderem im Sinn, als das wundervolle Wesen ihr Eigentum nennen zu können.«

»Du machst mir nicht gerade Mut.«

»Ich rede Unsinn, ich sollte mich mit dem Trinken zurückhalten.«

»Sie liebt mich. Wäre sie sonst mit mir nach Paris gekommen?«

Die Baroness erschien und setzte sich. Der erste Gang wurde serviert. »Warum macht ihr beide so ein ernstes Gesicht?«, fragte die Weinberg.

»Wir hatten ein philosophisches Gespräch«, erwiderte Aschinger.

»Aber doch nicht heute Abend!«, protestierte die Baroness. »Wenn ich mir den Himmel vorstelle, dann ist er wie das Ritz, und hier grübelt man nicht nach über das Warum, sondern genießt das Jetzt!« Plötzlich flog ein Leuchten über ihr Gesicht, aber es galt nicht ihrem Gegenüber, sondern einem jungen Mann, der mit seiner Begleitung wartend am Eingang stand. »Mein Gott, das ist doch Dieter von Staufenfels!«

Das junge Paar wurde nun von dem Kellner zu dem Tisch nebenan geführt. Die Baroness sprang auf, der neue Gast mit dem schmalen, gutaussehenden Gesicht stutzte und lächelte dann fröhlich.

»Das ist doch Sieglinde! Was machst du hier in Paris?« Er stürmte auf sie zu und umarmte sie. Es dauerte eine Weile, ehe sie voneinander abließen. Erst dann stellte er seine Begleiterin vor, eine Gräfin von Battenberg, eine melancholisch aussehende schwarzhaarige Frau mit einem stolzen Profil, die die Szene mit süßsaurem Gesicht verfolgt hatte. In ihrer Begrüßung zeigte sie die Herablassung, die ein altes Adelsgeschlecht dem Geldadel entgegenbrachte.

Sieglinde von Weinberg ließ sich dadurch keinesfalls einschüchtern und stellte Fritz Aschinger als einen guten Bekannten vor, Sebastian als einen vielversprechenden jungen Mann, und diesem war das die Bestätigung, wie der Abend enden würde. Keinesfalls würde er das Ergebnis bringen, das sich Aschinger erhoffte, sonst hätte sie bei der Vorstellung Aschingers andere Worte gewählt.

»Setzt euch doch zu uns!«, sagte die Baroness und sah dabei Aschinger an, damit dieser die Einladung wiederholte, und so blieb diesem, nach einem verstohlenen ratlosen Blick zu Sebastian hinüber, nichts anderes übrig, als ihrer Aufforderung Folge zu leisten.

»Selbstverständlich, lassen wir doch die Tische zusammenrücken!«

Auf einen Wink Aschingers kam der Ober diesem Wunsch nach.

»Dieter und ich kennen uns von den Reitturnieren. Er ist ein phantastischer Parcoursreiter. Aber eigentlich kennen wir uns schon seit Kindertagen. Wir und die Staufenfels’ haben uns jahrelang auf Sylt getroffen, wo unsere Familien nebeneinander ein Sommerhaus haben.«

Sofort tauchten die beiden, kaum hatten sie sich gesetzt, in die Kindheitserinnerungen ein, und die Baroness war wieder ganz das selbstverliebte, übermütige Mädchen wie am ersten Abend in Berlin. Aschinger und Sebastian waren für die beiden so interessant wie das Blumenbouquet auf dem Tisch. Selbst die Gräfin, die es sicher durch Herkunft und Erscheinung gewohnt war, im Mittelpunkt zu stehen, war abgemeldet, was diese mit blitzenden Augen beobachtete. Fritz Aschingers Miene versteinerte immer mehr. Der Verlobungsring musste ihm wie ein Stück glühender Kohle in der Tasche liegen. Schließlich wandte sich der elegante junge Mann mit jenem nachsichtigen Lächeln, das uralter Adel den gewöhnlichen Sterblichen entgegenbringt, wenn er zeigen will, dass man auch nichts Besseres sei, Aschinger zu.

»Und was machen Sie in Paris? Wollen Sie noch ein Hotel kaufen?«

»Nein, diesmal ist es rein privat.«

»So?«, sagte dieser stirnrunzelnd und warf Sieglinde von Weinberg einen irritierten Blick zu.

»Ich zeige Herrn Aschinger, wie schön Paris ist. Mein Vater hat mich darum gebeten. Sie sind gute Geschäftspartner«, erklärte sie schnell.

Sie hatte einen roten Kopf bekommen, und Fritz Aschinger lief ebenfalls rot an, um dann kreidebleich zu werden. Sie war also seine Touristenführerin.

»Wollen wir nachher nicht an die Bar gehen?«, schlug die Baroness hastig vor, um auf ein anderes Thema überzuleiten.

»Gute Idee!«, stimmte ihr Staufenfels zu.

»Geht nachher ruhig schon mal vor! Wir kommen nach. Dieter und ich haben noch was zu besprechen«, sagte die Gräfin kalt.

Dann sprach man ganz allgemein über die Sehenswürdigkeiten von Paris, wie oft man im Jahr im Ritz wohnte und dass der Bubikopf nicht mehr en vogue war und sich wieder eine fraulichere Note in der Mode abzeichnete. Nach dem Dessert, der Spezialität des Hauses, von dem Aschinger kaum etwas zu sich genommen hatte, unterschrieb er die Rechnung und erhob sich.

»Wir sehen uns nachher an der Bar«, zwitscherte die Baroness und winkte mit den Fingern.

In der Bar drängte sich am Freitagabend tout Paris , aber die Kellner waren wohl informiert, wer Aschinger war, und sie bekamen einen Tisch gleich neben dem Klavierspieler. Die Männer waren meist älter und die Frauen sehr jung. Aber es gab auch ältere Frauen mit zu jungen Begleitern, und ihr Schmuck zeugte davon, dass sie sich die jungen Männer leisten konnten. Aschinger bestellte eine Flasche Whisky und musterte seine Umgebung mit unzufriedenem Gesicht.

»Es ist heiß und stickig hier«, brummte er.

»Ach, sei doch nicht so bärbeißig!«, schalt ihn Sieglinde.

»Dieser junge Mann scheint dir ja mächtig zu gefallen«, grollte Aschinger.

»Wir sind gute Freunde«, sagte sie leichthin und sah dabei interessiert den Tanzpaaren zu.

»Wohl sehr gute Freunde …«

»Hör auf, Fritz!«, fauchte sie. »Ich habe vor dem großen Aschinger auch schon ein paar gute Freunde gehabt.«

»Ist ja gut«, knickte Aschinger sofort ein.

»In dieser Bar sollen Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald so manche Flasche Whisky getrunken haben«, warf Sebastian ein, um die beiden abzulenken.

Sie gingen nicht darauf ein. Aschinger schenkte sich immer wieder Whisky nach, und Sieglinde von Weinberg kommentierte die Toiletten der anwesenden Damen. Schließlich zog sie Sebastian auf die Tanzfläche.

»Kommen Sie, Johnny! Fritz ist heute unleidlich. Ich will mir nicht den Abend verderben lassen. Paris ist keine Stadt für Trübsinn und Zankerei.«

Sebastian sah ratlos Aschinger an. Dieser wedelte wegwerfend mit der Hand, und Sebastian nahm dies als Einverständnis. »Was soll das heute Abend werden?«, fragte er auf der Tanzfläche.

»Was meinst du?«

»Sie wissen genau, was ich meine.«

»Hör auf, Johnny, ich weiß es doch auch nicht.«

»Er ist jedenfalls auf hundertfünfzig.«

»Dafür gibt es keinen Grund.«

»Wirklich nicht?« Sie schwieg.

Nun erschien Dieter von Staufenfels mit seiner Begleitung. Die Baroness winkte ihm zu und wies auf den Tisch.

»Ach, gehen wir zurück zum Tisch, Johnny!«, sagte sie. »Wer weiß, was Fritz sonst noch anstellt.«

Der Kellner brachte zwei Stühle, und so konnten Staufenfels und die Battenberg neben ihnen Platz nehmen.

»Es sieht doch immer wieder lächerlich aus, wenn die Alten ihre Jugend zurückholen wollen, indem sie sich die Jungen kaufen«, sagte Staufenfels mit zynischem Lächeln, nachdem er das Publikum taxiert hatte.

Aschinger zuckte zusammen, tat aber so, als studiere er die Karte, und bestellte nach einem fragenden Blick zur Baroness noch eine Flasche Champagner. Als der Klavierspieler einen Charleston spielte, zog Sieglinde von Weinberg den jungen Grafen auf die Tanzfläche, und sie legten einen wilden Tanz hin, worauf alle auf der Tanzfläche zu tanzen aufhörten, einen Kreis um sie bildeten und im Takt klatschten. Ihre Fröhlichkeit, ihre Ausgelassenheit und ihre Jugend nahmen alle gefangen und machte das Paar zum Mittelpunkt der Bar. Selbst die Kellner hörten einen Moment zu servieren auf und sahen den beiden zu. Als der Klavierspieler zu einem Paso doble überleitete, mimte Sieglinde von Weinberg eine Flamencotänzerin. Staufenfels umkreiste sie wie ein Torero den Stier, und die Baroness rief »Olé!« und schwenkte das Abendkleid, das Aschinger ihr am Nachmittag gekauft hatte, dabei sah sie noch schöner aus als die Pola Negri. Aschinger verfolgte das Bild mit brennenden Augen.

Außer Atem kamen sie an den Tisch zurück. Nach einer eleganten Verbeugung zu seiner Partnerin sagte von Staufenfels: »Lasst uns ins Fuego gehen! Die haben eine phantastische Zigeunerkapelle und richtige Flamencotänzerinnen, die von einer Grazie sind, wie man es sonst nur in Sevilla sieht.«

»Himmlisch!«, stimmte Sieglinde von Weinberg sofort zu und klatschte in die Hände.

»Ich bin müde«, wehrte Aschinger ab. »Hier im Ritz gefällt es mir am besten. Die Getränke sind wenigstens anständig.«

»Sei kein Frosch, Fritz, tu mir den Gefallen!«, drängte die Baroness und zog Aschinger hoch.

Die Gräfin Battenberg schien auch nicht viel Lust zu haben, dem Vorschlag ihres Begleiters zu folgen. Erst auf einen energischen Blick Staufenfels’ hin willigte sie schließlich seufzend ein. Sie mussten zwei Taxis nehmen. Sieglinde von Weinberg schlug mit bewusst arglosem Lächeln vor, dass sie und Staufenfels im ersten, die Gräfin mit Aschinger im zweiten Taxi fahren sollten, denn sie und Dieter hätten sich so viel zu erzählen.

»Wir nehmen Johnny als Anstandswauwau mit«, sagte sie lachend. Sebastian fühlte sich während der Fahrt nach Montparnasse ungemütlich, aber die beiden beachteten ihn überhaupt nicht und erzählten sich Begegnungen und Ereignisse aus ihrer Jugendzeit und konnten sich vor Lachen kaum halten, während sie über Bekannte und Freunde herzogen. Sie kannten eine Menge wichtiger Leute mit großen Namen. Sie fuhren am Louvre vorbei, durch die Rue de Rivoli über den Place de la Concorde, wo die Fontänen wie silberne Säulen in der Nacht standen, und über die Brücke auf das linke Seineufer. Schon bald waren sie in Montparnasse, wo das Fuego dem Café Rotonde und dem Coupole gegenüberlag. Es war eine Kellerbar. Durch einen dunklen Schlauch ging es in einen Raum, dessen Wände mit spanischen Fahnen und roten Tüchern dekoriert war. Die Sitzgelegenheiten bestanden aus mit Stierhäuten überzogenen Bierfässern. Auf der Bühne neben der Bar zeigte eine Gruppe von Mädchen in prächtigen roten, grünen und blauen Kleidern, wie man in Andalusien Flamenco tanzt. Der Sänger stieß Schreie wie ein Muezzin aus.

Als die Tanzfläche für die Gäste freigegeben wurde, nahm Dieter von Staufenfels die Baroness wie selbstverständlich an der Hand, und beide stampften im Rhythmus des Flamenco auf den Boden. Man sah, dass sie sich prächtig amüsierten. Aschinger hatte für die Damen Champagner und für sich, den Grafen und Sebastian Whisky bestellt.

Wenn er so weitertrinkt, ist er bald hinüber, dachte Sebastian besorgt. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis es zur Katastrophe kommen würde. Da Fritz Aschinger keine Anstalten machte, die Gräfin von Battenberg auf die Tanzfläche zu führen, und selbstquälerisch die beiden jungen Leute verfolgte, forderte er die Gräfin von Battenberg auf, als ein langsames Stück gespielt wurde. Er sah nun, dass Sieglinde von Weinberg ihren Kopf auf die Schulter des jungen Grafen gelegt hatte. Wie musste dies Aschinger kränken, der sich mit ihr an diesem Abend hatte verloben wollen! Die Gräfin von Battenberg verfolgte das Pärchen mit ähnlichen Blicken wie Aschinger.

»Es ist ungehörig, wie die sich an Dieters Hals schmeißt!«, zischte sie böse.

»Sie kennen sich eben seit Kindertagen«, versuchte Sebastian sie zu beschwichtigen.

»Sie benimmt sich wie ein Flittchen. Nun ja, was kann man schon von einer Jüdin erwarten … Der Adelstitel ist nur gekauft. Es war ein Fehler von unserem Kaiser, so viele Parvenus, nur weil sie Geld hatten, in den Adelsstand zu erheben. Das Blut lässt sich nicht verleugnen.«

»Sie sind doch nur junge Leute, die fröhlich sind.«

»Sie hat es auf Dieter abgesehen.«

Da nun ein weiterer Flamenco folgte und Sebastian sich nicht blamieren wollte, führte er nach einer Entschuldigung die Gräfin an den Tisch zurück. Besorgt sah er, dass Aschinger sich mittlerweile die halbe Flasche Whisky einverleibt hatte. Sein Blick war unstet, und er drehte das Glas so krampfhaft mit den Händen, als könne er sich nur mühsam dazu zwingen, sich nicht auf Staufenfels zu stürzen.

Als dieser und die Baroness endlich außer Atem und lachend zurückkamen, sagte Fritz Aschinger: »Sagen Sie mal, Herr von Staufenfels, was für einen Skandal wollen Sie eigentlich anzetteln?« Seine Augen waren blutunterlaufen, und die Zigarre hatte Flecke auf seinem Smokinghemd hinterlassen. Er nahm einen weiteren Schluck aus dem Glas und starrte den Graf herausfordernd an.

»Wie soll ich das verstehen? Was für einen Skandal?«

»Sie poussieren mit meiner zukünftigen Frau!«

»Was soll der Unfug, Fritz? Wir sind weder verlobt noch einander versprochen. Du bist betrunken!«, fuhr Sieglinde von Weinberg dazwischen.

»Also, mein Lieber, ich finde auch, dass du Herrn Aschingers Begleiterin etwas mehr respektieren solltest!«, stand die Gräfin von Battenberg Aschinger bei.

»Was haben wir denn getan? Wir haben doch nur getanzt!«, wehrte sich der Graf. »Schließlich sind wir hierhergekommen, um uns zu amüsieren.«

»Dieter und ich sind gute Freunde. Und du hast keinen Anspruch auf mich, und schon gar nicht lasse ich mir von dir vorschreiben, mit wem ich tanze!«, rief die Baroness erregt Aschinger zu.

»Sie haben mir den ganzen Abend verdorben«, grollte Aschinger.

»Ein kleines Gräflein mit einer Raubritterburg, der noch die Eierschalen hinter den Ohren hat.«

»Raubritterburg!«, entfuhr es dem Grafen, und er sprang auf, bereit, die Ehre der Ahnen und den Stolz des deutschen Adels zu verteidigen. »Wir sind Reichsritter seit dem fünfzehnten Jahrhundert – und wer sind Sie? Ein Besitzer von Gaststätten, den Raubtiermethoden zum ersten Kneipier Berlins gemacht haben. Ich kann auch austeilen!«

»Nun hört auf!«, schrie die Baroness und hielt sich die Ohren zu.

»Ich kann das nicht mehr hören!«

»Kneipier? Sie wissen nicht, mit wem Sie reden! Jedes meiner Hotels ist mehr wert als Ihr Steinhaufen am Rhein. Ich brauche keine Ahnenreihe, um zu wissen, dass ich mich nicht zwischen zwei Menschen drängen darf, die vorhaben, sich zu verloben. Jawohl, Sieglinde und ich lieben uns!«

»Das tun wir nicht! Hör auf!«, kreischte die Baroness.

Das war für Aschinger, für seinen benebelten Kopf und seine Wut zu viel, zu sehr brannte der Verlobungsring in seiner Jackentasche.

»Du degenerierter Abkömmling eines Raubritters!«, brüllte er und stand auf, holte aus und schlug nach dem Grafen.

Wenn er getroffen hätte, wäre der Kampf anders ausgegangen. Aber er bewegte nur die verräucherte Luft. Der Graf schlug seinerseits zurück und traf Fritz Aschinger am Kinn, worauf dieser vom Bierfass fiel und über den Boden rutschte. Mühsam rappelte er sich auf und stürzte sich auf den Grafen. Dieser gab ihm einen Schlag gegen die Schläfe, und Aschinger fiel wie ein Sack zusammen, knallte auf den Tisch, rollte gegen die Wand und blieb liegen.

»Wie peinlich!«, zischte die Gräfin von Battenberg. »Das kommt davon, wenn man sich mit solch einem Volk einlässt!«

Sebastian kümmerte sich um Aschinger und tätschelte seine Wange. »Herr Aschinger, so wachen Sie doch auf! Wie geht es Ihnen?«

»Ich gehe auf der Stelle. Kommst du mit?«, kreischte die Baroness. Staufenfels sah einen Augenblick unsicher zur Battenberg hinüber, und deren Augen wurden immer größer. »Nimm ein Taxi!«, sagte der Graf zu ihr und warf Geld auf den Tisch, nahm die Hand der Baroness und lief mit ihr hinaus.

»Du kannst mich doch hier nicht … Das ist doch unmöglich!«, rief ihm die Battenberg hinterher. »Was für eine Schande, incroyable !«

Sebastian half Aschinger, der endlich wieder die Augen offen hatte, hoch. Mit müden Bewegungen klopfte er sich den Smoking ab.

»Schon gut, Johnny, es ist alles in Ordnung«, murmelte er und schien wieder nüchtern geworden zu sein. Er winkte den Kellner heran und gab ihm mehr Geld, als die Zeche betrug, und entschuldigte sich für den Wirbel, den er verursacht hatte. Der zigeunerhafte Kellner sagte, dass doch nichts passiert sei, und machte eine tiefe Verbeugung. Für ein solch üppiges Trinkgeld, mochte er denken, konnte sich Aschinger hier jeden Abend verprügeln lassen.

»Wir fahren Sie nach Hause«, sagte Aschinger zur Gräfin.

Von seiner Trunkenheit war nichts mehr zu spüren. Seine Augen waren zwar noch blutunterlaufen, blickten aber klar, und seine Bewegungen waren nicht mehr unsicher. Die Gräfin nickte kurz, und sie gingen hinaus. Von Sieglinde von Weinberg und dem Grafen war nichts mehr zu sehen. Sie nahmen eines der Taxis vor dem Coupole und brachten die Gräfin ins Grand Hotel an der Opéra.

Als die Battenberg ausstieg, sagte Aschinger: »Es tut mir leid, dass der Abend so einen Ausgang genommen hat.«

»Vielleicht war er für uns beide eine heilsame Erfahrung«, erwiderte sie.

Als sie schließlich vor dem Ritz anlangten, bezahlte Aschinger das Taxi. Sie stiegen aus und atmeten die kühle Luft ein.

»Wir hätten das Ritz nie verlassen sollen. Hier hätte ich ein Heimspiel gehabt, dann wäre alles anders gekommen.«

Sebastian korrigierte ihn nicht. Er wusste nur zu gut, dass der Baroness der Zwischenfall gelegen gekommen war, um dem drohenden Antrag zu entgehen.

»Gehen wir hinein und trinken noch einen Absacker an der Bar!« Sie gingen den langen Flur mit den Vitrinen entlang, in denen Schmuck, Uhren und Nippes angeboten wurden. Sebastian staunte, wie nüchtern Aschinger jetzt wirkte, als hätte er nicht viele Gläser Champagner, Wein und Whisky getrunken. Die Bar war zu dieser Stunde fast leer. Sie setzten sich an den Tresen, und Aschinger bestellte zweimal Tomatensaft mit Gin.

»Sie wird wiederkommen und sich entschuldigen«, sagte er nach einer Weile. »Du glaubst doch auch, dass sie wiederkommen wird? Sie hat nur zu viel getrunken. Vielleicht hat sie Angst vor der Verlobung bekommen? Ja, das wird es gewesen sein. Für so ein junges Mädchen ist das natürlich ein Wendepunkt im Leben, und da ist sie in Panik geraten und hat Unsinn gesagt. Das glaubst du doch auch, Johnny?«

Er glaubte es nicht. Er war sich sogar sicher, dass es vorbei war. Aber er nickte. Fritz Aschinger tat ihm leid, denn der hatte nicht begriffen, dass er sich an ein Mädchen hängen wollte, deren Leben aus einer Perlenkette von Leichtsinn, Übermut und Lebenslust bestand, und die sich ihm hingab, ohne darin eine Verpflichtung zu sehen.

»Sie wird wiederkommen«, wiederholte Aschinger. »Sie hat ja noch ihre Kleider in meiner Suite. Ganz bestimmt.«

»Ganz bestimmt«, murmelte Sebastian.

»Morgen wird alles wieder in Ordnung kommen«, brummte Aschinger, trank das Glas leer und bestellte zwei Whisky.

»Wir sollten jetzt nach oben gehen. Es war ein anstrengender Tag für uns«, mahnte Sebastian vorsichtig.

Aschingers Augen wurden wieder verschwommen und seine Bewegungen fahriger. »Du musst das verstehen, Johnny. Ich habe mir bisher wenig aus Frauen gemacht. O ja, ganz Berlin will mir seine Töchter andrehen! Die meisten waren dumme Gänse, die nur auf mein Geld aus waren. Aber die Sieglinde, die ist frisch wie eine Morgenbrise, sie ist so lebendig. Sie lässt mich ein ganz anderer Mensch sein. Was würde Teichmann lachen, wenn er von dem heutigen Abend erfährt! Du darfst ihm nichts davon sagen, Johnny, hörst du? Kein Wort zu Teichmann!«

»Selbstverständlich, Herr Aschinger, von mir erfährt er kein Wort.«

»Teichmann hat kein Blut in den Adern. Und wenn, dann ist es das kalte Blut eines Fisches. Aber er ist ein brauchbarer Mann. Ohne ihn wäre ich aufgeschmissen. Wir beide, Johnny, sind keine kalten Fische, wir sind Träumer. Wir beide lieben Balzac und Zola und die ganzen ollen Franzosen, nicht wahr?« Er legte Sebastian den Arm um die Schulter und stammelte weiter: »Ich werde die Sieglinde bekommen. Trotz allem. Und du, mein lieber Johnny, wirst unser Trauzeuge sein, und wir werden eine Hochzeitsfeier haben, von der ganz Berlin sprechen wird. Ich sollte abnehmen, hat Sieglindchen gesagt. Das werde ich tun, und ich werde so schlank werden wie dieser Staufenfels. Es kommen harte Zeiten auf meinen Magen zu.«

Das trunkene Gerede ging noch lange weiter. Schließlich waren sie die Einzigen in der Bar. Endlich hatte Sebastian Aschinger überzeugt, dass es Zeit war, zu Bett zu gehen. Er musste ihn stützen, damit sie die Bar verlassen konnten. Im Fahrstuhl fiel Aschinger immer mehr zusammen, und letztendlich musste ihn Sebastian zu der großen Suite schleifen, ihn aufs Bett legen und ausziehen.

»Sie wird zurückkommen!«, murmelte Aschinger noch, bevor er zu schnarchen anfing.

Sebastian nickte seufzend, fuhr dann mit dem Fahrstuhl hinunter und ging aus der Halle auf den Place Vendôme. Er war zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Die Laternen brannten noch rund um den Platz, aber die Statue des Napoleon war nur noch ein Schatten. Jetzt im Halbdunkel war der Platz noch schöner, weil keine Automobile mehr vorbeikamen und er leer und geheimnisvoll vor ihm lag.

»Eine schöne Nacht, nicht wahr?«, sagte jemand hinter ihm mit englischem Akzent.

Er drehte sich überrascht um. Er erinnerte sich, der Mann hatte, bevor sie ins Fuego gingen, in der Ritzbar neben ihnen gesessen. Er war in seinem Alter, trug einen gepflegten Schnurrbart und hatte ein breites Gesicht mit roten Haaren. »Ja, in der Tat, für eine Herbstnacht ist es erstaunlich mild. Sie sind Engländer?«

»Ja, ich komme aus Kent. Ich bin Viscount Burnberry, meine Freunde nennen mich Jack.« Er reichte Sebastian die Hand.

Dieser stellte sich ebenfalls vor und fügte hinzu, dass er der Sekretär des Fritz Aschinger sei.

»Der Aschinger aus Berlin?«

»Ja, genau der. Sie haben von ihm gehört?«

»Aber ja! Wer kennt nicht den Namen? Ist es der kleine, dicke Kerl mit diesem viel zu jungen schönen Mädchen?«

»Ja. Leider ist sie nicht nur schön, sondern auch sehr kapriziös.«

»Ja, das sind schöne Frauen meistens. Sie scheinen sehr tüchtig zu sein, wenn Sie in Ihrem Alter bereits Sekretär eines so berühmten Mannes sind.«

»Vor kurzem war ich noch ein Bauernjunge, der nicht wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte.«

»Erstaunlich! Das spricht für Sie. Schade, dass ich den Aschinger nicht persönlich kennengelernt habe. Wie soll man auch darauf kommen, dass der kleine, dicke Deutsche neben einem in der Ritzbar der große Aschinger ist! Wir haben auch ein Hotel in London. Es ist zwar nicht das Ritz, aber es hat eine gute Lage, gegenüber dem St. James’s Park. Es war früher einmal das Stadthaus der Burnberrys, in den guten alten Zeiten. Mein Vater, der Earl, muss ganz schön knapsen, damit wir heute über die Runden kommen.«

»Aber das Ritz in Paris können Sie sich noch leisten!«, erwiderte Sebastian lachend.

»Ja, dafür reicht es noch«, stimmte der Viscount lachend zu. »Aber über kurz oder lang werde ich reich heiraten müssen – oder meine Pferde gewinnen in Newmarket oder Ascot.«

»Sie züchten Pferde?«

»Was soll ein Gentleman sonst tun? Wir leben nicht mehr in den Zeiten der guten Queen Victoria. Selbst eine Karriere in der Army ist heute kaum noch erstrebenswert, dafür gibt es zu wenig Kriege.«

»Gott sei Dank! Nach dem Weltkrieg sollte man sich Krieg in Europa nicht mehr wünschen.«

»Euer Hitler scheint da wohl anderer Meinung zu sein. Eine Zigarette?« Er hielt Sebastian ein silbernes Zigarettenetui hin.

Sebastian schüttelte den Kopf. »Das Laster habe ich mir noch nicht angewöhnt.«

»Sehr löblich! Ich komme ohne die Glimmstängel nicht mehr aus.« Er zündete sich die Zigarette an und stieß den Rauch aus.

»Wieso können Sie so gut Deutsch?«

»Meine Mutter ist Deutsche, eine von Schulenfeld. Wir haben einige Güter in Mecklenburg, und ich bin wenigstens einmal im Jahr in Deutschland. Wir können uns ruhig duzen. Ich heiße Jack.«

Burnberry reichte ihm die Hand. Sebastian schüttelte sie erfreut, stellte sich vor und sagte: »Melde dich, wenn du mal in Berlin bist! Ich zeige dir das schöne Spree-Athen.«

»Mach ich, Sebastian! Und du meldest dich, solltest du mal in England sein.«

Als sie sich trennten, hatte er das Gefühl, einen Freund gewonnen zu haben. So geht es also auch, dachte Sebastian. Jack war der Sohn eines Earls und hatte keine Bedenken, mit ihm Freundschaft zu schließen. Er sah noch einmal zu dem Kaiser hoch, der seine Marschälle auch nicht nach der Ahnenreihe, sondern nach Verdienst gewählt hatte. Wenn Aschinger aufwachte, würde er sich der Tatsache stellen müssen, dass er sein Waterloo hinter sich hatte.

Kapitel 10

Die Sonne schien Sebastian ins Gesicht. Er erwachte und sah die türkisfarbenen Wände, den Kronleuchter an der Decke und wusste nun wieder, dass er im Ritz war. Er sprang aus dem Bett und ging ans Fenster. Der Place Vendôme lag im ersten Sonnenlicht, und die Fenster der gegenüberliegenden Ministerien funkelten, als würden sich dahinter die Schätze der großen Könige verbergen. Er öffnete das Fenster und ließ frische Luft herein. Er hatte sich gerade angezogen, als es klopfte. Er sah stirnrunzelnd auf die Uhr und öffnete die Tür. Sieglinde von Weinberg sah ihn trotzig an und drängte sich mit einem Koffer in der Hand an ihm vorbei in seine Suite.

»Ich wollte mich nur von dir verabschieden.«

»Was soll das?«, fragte er und deutete auf den Koffer.

»Es ist aus. Es war ein Fehler. Wie konnte ich mich nur mit dem alten Mann einlassen!«

»Das hörte sich schon einmal ganz anders an.«

»Ich war blöd. Es tut mir leid.«

»Er hatte den Verlobungsring bereits in der Tasche.«

»Ich weiß, er wird ihn ein Vermögen gekostet haben. Verachtest du mich?«

»Wer bin ich schon, dass ich Sie verachten darf ?«

»Du hältst in Nibelungentreue zu ihm, nicht wahr?«

»Ich bin ihm verpflichtet. Er ist mir fast wie ein Freund. Verlassen Sie ihn wegen Staufenfels?«

Sie zog einen Flunsch, ging zum Fenster und seufzte. »Wie schön doch der Platz ist! Ach, es ist alles so kompliziert! Ich weiß nicht, ob das mit Dieter etwas wird. Aber er ist lustig und jung und liebt das Leben wie ich. Aber das ist nicht das Ausschlaggebende. Gestern Abend wurde mir klar, dass ich mich nicht für kleines Geld hingeben sollte.«

»Kleines Geld? Er ist Aschinger! Wie reich muss ein Mann denn sein, dass Sie jemanden für großes Geld halten?«

»Ach, das meine ich doch nur im übertragenen Sinn. Geld ersetzt keine Herkunft, kein Charisma, keine Kultur. Fritz ist nicht eloquent, er ist nur dick und erfolgreich und ein netter Kerl. Er ist nicht einmal ein Eroberer, sondern hat alles geerbt. Er sieht nicht, wie golden und verheißungsvoll die Engel auf der Opéra oder auf dem Pont Alexandre funkeln, hört nicht das Rauschen ihrer Flügel und bemerkt nicht einmal das Lächeln des Henri Quatre am Pont Neuf, sondern …«

»… dachte nur an Sie und an den Augenblick, in dem er Ihnen den Ring von Van Cleef & Arpels an den Finger stecken kann!«, unterbrach sie Sebastian.

»Er wollte mich wie eine Trophäe an seinen Hut stecken.«

»Ich verstehe Sie nicht!« Er schüttelte den Kopf. Es war nicht nur die Solidarität gegenüber Fritz Aschinger, die ihn den Chef verteidigen ließ, sondern die Scheu vor dem Dunklen, die Ahnung, dass in diesen für ihn unerreichbaren Frauen in den eleganten Kleidern eine Grausamkeit lag, die ihm unverständlich blieb.

»Sie sind noch sehr jung, Johnny.« Sie strich ihm über die Wange.

»So jung und unverdorben und voller Ideale.«

»Wir sind gleichaltrig.«

»Frauen sind immer älter. Wir haben ein Wissen, das angeboren ist. Und das macht uns manchmal hart … und weise.«

»Sie hätten nicht mit ihm nach Paris gehen dürfen.«

»Das ist richtig«, stimmte sie zu, »ich hätte ihn nicht in meine Stadt bringen dürfen. Er gehört nach Berlin, zu den Preußen.« Sie krauste die Stirn und nahm den Koffer wieder auf. »Also, leb wohl, Johnny, und pass weiterhin auf Fritz Aschinger auf! Ich werde dich in guter Erinnerung behalten.«

»Haben Sie ihm wenigstens eine Nachricht hinterlassen, die ihm helfen kann, das alles zu verstehen?«

Ihre Fingerspitzen berührten noch einmal sein Gesicht, und sie ging hinaus. »Leben Sie wohl, Johnny.«

Die Tür fiel ins Schloss. Sebastian ging zum Telephon und wählte Fritz Aschingers Nummer. Aber der meldete sich nicht. Er überlegte, was er tun sollte, und entschloss sich, in den Frühstücksraum zu gehen.

Da es warm zu werden versprach, ging er in den kleinen Innenhof, in einen Garten mit üppig wuchernden Pflanzen, wo zum Frühstück eingedeckt war. Der Viscount Burnberry winkte ihm leutselig zu und wies auf einen freien Stuhl. Er war in Begleitung. Eine große Brünette mit feinen Gesichtszügen saß neben ihm, mit schulterlangem Haar und einem feingeschwungenen breiten Mund.

»Komm her, Sebastian!«, sagte der Viscount. »Darf ich dir Fräulein Maria Ruben vorstellen, eine Freundin?«

Die Frau gab Sebastian mit interessiertem, freundlichem Blick die behandschuhte Rechte. Ein fester Händedruck. Fasziniert starrte er in das längliche Gesicht mit der geraden Nase, die eine Winzigkeit zu lang war, und in die geheimnisvollen dunklen Augen. Er stellte sich mit einer leichten Verbeugung vor und setzte sich.

»Stell dir vor«, wandte sich Viscount Burnberry an Sebastian, »ich habe Maria gestern im Louvre getroffen. Ausgerechnet vor meinem Lieblingsbild, dem Bild des Johannes von Leonardo da Vinci.«

Da die anderen Tee tranken, bestellte Sebastian ebenfalls Earl Grey, dazu Toast und ein Omelett. Der Viscount schien ausgelassener Stimmung zu sein.

»Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen. Es ist ein Wunder, wie es einem nur in Paris passieren kann.«

»Übertreib nicht! Wir haben uns vor zwei Jahren am Silvesterabend im Dorchester kennengelernt und uns vor sechs Monaten im Adlon wiedergetroffen.«

»Sie sind aus Berlin?«, fragte Sebastian erfreut.

»Nein, aus Warschau. Aber mein Vater ist mit Herrn Adlon befreundet. Wenn Sie schon einmal die berühmte Adlon-Ente gegessen haben, dann war sie von einem unserer Güter. Wir beliefern das Adlon mit Geflügel.«

»Sie sind Polin?«

»Ja und nein. Meine Mutter ist Deutsche. Ich bin so ein Mischmasch.«

»Ein bezaubernder Mischmasch!«, sagte der Viscount.

»Und woher kommen Sie?«, fragte Maria Ruben zu Sebastian gewandt. »Was machen Sie im schönen Paris?«

Ihre großen dunklen Augen waren so tief und unergründlich, dass Sebastian eine Gänsehaut auf seinen Armen spürte. Stockend antwortete er ihr, mit wem er im Ritz war.

»Wir wollen nachher nach Versailles fahren. Komm doch mit, Sebastian! Wir werden einen schönen Tag haben.«

»Es tut mir leid, ich muss Herrn Aschinger zur Verfügung stehen.«

»Schade!«, sagte Maria Ruben und lächelte warm.

Was sieht sie in dir?, fragte sich Sebastian. Einen Domestiken? Einen angenehmen Bekannten ihres Freundes? Er wollte für sie bedeutsam erscheinen und setzte hinzu: »Ich bin sein persönlicher Sekretär.«

»Hoffentlich trampelt er nicht auf dir herum!«, sagte Jack Burnberry stirnrunzelnd.

»O nein, er ist in Ordnung.«

»Du lernst von ihm sicher viel übers Hotelgeschäft?«, fragte der Viscount, zündete sich eine Zigarre an und warf das Streichholz auf den Fußboden. Er paffte große Wolken, die Maria Ruben mit komischer Grimasse wegwedelte.

»O ja, ich bekomme einiges mit. Er bespricht mit mir alle Vorgänge im Konzern, die Möglichkeiten und was diese bewirken.«

»Wenn du einmal genug von Berlin hast, dann komm zu mir nach London! So einen wie dich könnten wir gut gebrauchen.«

»Du kennst mich doch kaum!«

»Ach, wer für einen Aschinger gut genug ist, wird auch für Hotel Burnberry gut genug sein. Du könntest neuen Schwung in den Laden bringen, ich bin ja ohnehin nur der Grüßonkel.«

»Vielleicht nehme ich dein Angebot tatsächlich einmal an. Aber im Augenblick bin ich bei Aschinger sehr zufrieden.«

»Überleg es dir! Ach, übrigens, ich habe mit Maria gerade verabredet, dass sie ein paar Tage auf unserem Schloss in Kent verlebt. Sicher hast du auch mal Ferien. Komm zu uns nach England!«

»Mein Vater liebt England«, warf Maria Ruben ein. »Deswegen verbringen wir jedes Jahr einen Monat auf der Insel. Erst ein paar Tage London und dann good old England auf dem Land. Ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen auf Schloss Burnberry gefallen wird. Schade, dass Sie nicht nach Versailles mitkommen können!«

Sebastian sah darin eine Bestätigung, dass sie in ihm nicht irgendeinen Domestiken sah. »Vielleicht kann ich den heutigen Abend freimachen.«

»Na wunderbar! Wir wollen nach Montparnasse und vielleicht sogar hoch nach Montmartre. Paris hat im Nachtleben einiges zu bieten. Hinterlass an der Rezeption eine Nachricht! Bevor wir abrauschen, erkundigen wir uns, ob dein Brotherr dich entbehren kann.«

Das mit dem Brotherrn brachte Sebastian wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und verdeutlichte den Abstand zwischen ihnen. Sie waren unabhängig und frei, denn sie waren selbst Brotherren. Das war der Unterschied.

»Ein Gespräch für Sie!«, sagte der Kellner zu Sebastian und hieß ihn an die Rezeption kommen.

Es war Fritz Aschinger. »Wo zum Teufel steckst du, Sebastian? Ich habe schon zigmal bei dir angerufen. Komm sofort zu mir!«

Es knackte, und Sebastian legte auf. Als er zurück am Tisch war, sahen ihn Maria und Jack fragend an.

»Ärger?«, fragte Maria.

»Nein, aber Fritz Aschinger will mich sehen. Schade, ich wäre gern noch …«

»Schon gut. Hoffentlich sehen wir uns heute Abend!«, erwiderte der Viscount.

»Ich würde mich freuen, wenn es klappen würde«, setzte Maria Ruben hinzu.

»Also dann«, sagte Sebastian und warf die Serviette auf den Tisch, verbeugte sich und ging in die Halle zurück. Er fuhr in den zweiten Stock.

»Sieh dir das an!«, empfing ihn Fritz Aschinger stöhnend.

Er war noch im Pyjama, das Haar hing ihm wirr ins Gesicht, und er war unrasiert, was ihn krank und alt aussehen ließ. Er führte Sebastian ins Badezimmer und zeigte auf den Spiegel. Mit Lippenstift stand dort geschrieben:

Es war eine Amour fou. Nun ist es vorbei, was für uns alle besser ist. Lebe wohl, Fritz, sei mir nicht böse!

»Nicht einmal einen Brief hat sie mir geschrieben! Sie ist mit dem verdammten Staufenfels auf und davon und hat mich wie einen Stiefelknecht abserviert. Warum nur? Gestern Morgen haben wir uns noch … Ich verstehe die Welt nicht mehr! Heimlich hat sie sich davongeschlichen. Warum ist sie denn mit mir nach Paris gefahren?«

Sebastian wusste nicht, was er sagen sollte, ohne Aschinger weh zu tun. Er fand es auch kaltherzig, wie sich Sieglinde von Weinberg davongemacht hatte. Ein »Es tut mir leid« hätte Aschingers Kummer zwar auch nicht gemildert, aber es wäre anständig gewesen. Schließlich hatte sie sich von ihm einladen lassen und mit ihm geschlafen.

»Sie war Ihrer nicht wert!«, stand er Aschinger bei.

Dieser stutzte und sah hinüber in den Salon, zu dem goldverzierten Sekretär, auf dem das schwarze Abendkleid lag. »Du hast recht, so muss man es sehen. Sie war meiner nicht wert. Diese verdammte Hure! Wisch das Zeug vom Spiegel ab!«

Sebastian nahm einen Waschlappen und tat, was ihm Aschinger befohlen hatte. »Sie sollten sie auch aus Ihrem Gedächtnis wischen.«

Aschinger starrte ihn mit seinen immer noch rotunterlaufenen Augen an, nickte und schlurfte in den Salon zurück.

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23 декабря 2023
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730 стр. 1 иллюстрация
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9783955521844
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