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Heidi Oehlmann
Seerosenzauber
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Maja - Freitag
2. Gregor - Freitag
3. Maja - Freitag
4. Maja - Samstag
5. Gregor - Samstag
6. Maja - Samstag
7. Gregor - Sonntag
8. Maja - Sonntag
9. Gregor - Sonntag
10. Maja - Sonntag
11. Gregor - Montag
12. Maja - Montag
13. Maja - Mittwoch
14. Gregor - Mittwoch
15. Maja - Mittwoch
16. Gregor - Donnerstag
17. Maja - Donnerstag
18. Gregor - Donnerstag
19. Maja - Donnerstag
20. Maja - Freitag
21. Gregor - Freitag
22. Maja - Samstag
23. Gregor - Samstag
24. Maja - Sonntag
25. Gregor - Sonntag
26. Maja - Freitag
27. Gregor - Freitag
28. Maja - Freitag
29. Gregor - Freitag
30. Maja - Montag
31. Gregor - Dienstag
32. Maja - Mittwoch
33. Gregor - Mittwoch
34. Maja - Donnerstag
35. Gregor - Samstag
36. Maja - Samstag
37. Gregor - Sonntag
38. Maja - Sonntag
39. Maja – Samstag, vier Wochen später
Impressum neobooks
1. Maja - Freitag
»Nein«, grummle ich verschlafen, als das ohrenbetäubende Klingeln meines Handyweckers ertönt.
Als ich damals den Rufton eingestellt hatte, fand ich ihn perfekt. Seitdem bereue ich es jeden Morgen, wenn mich dieser Lärm um Punkt acht Uhr aus dem Schlaf reißt.
Ich würde ihn nur allzu gern durch einen weniger nervigen Ton ersetzen, allerdings habe ich Zweifel, ob ich davon auch wach werde.
Hektisch taste ich nach dem Handy, das auf meinem Nachttisch liegt, und tippe auf dem Display herum.
Nachdem der Klingelton endlich verstummt, atme ich erleichtert auf und überwinde mich, die Augen zu öffnen.
Ich springe aus dem Bett und schleiche nach unten. Im Haus herrscht eine angenehme Stille.
Mein erster Weg führt mich in die Küche zur Kaffeemaschine, die nur noch eingeschaltet werden muss. Im Laufe der Zeit habe ich mir angewöhnt, sie am Vorabend vorzubereiten. So kann ich mich in meine Sportklamotten werfen, bis der Kaffee durchgelaufen ist.
***
Eine halbe Stunde später verlasse ich mit Koffein im Blut das Haus. Wie jeden Morgen laufe ich langsam zum Park. Unterwegs begegnen mir täglich die gleichen gestressten Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit sind. Mein Arbeitstag beginnt in etwas mehr als zwei Stunden.
Im Park ist von der Hektik nichts zu spüren. Es ist, als würde man eine neue Welt betreten. Bis auf ein paar andere Jogger und wenige Hundebesitzer, die ihre vierbeinigen Lieblinge ausführen, bin ich allein und genieße die frische Morgenluft. Der kleine See liegt friedlich vor mir. Die Blüten der zahlreichen Seerosen sind noch halb geschlossen. Sie öffnen sich langsam und werden ihre volle Pracht erst zeigen, wenn ich den Park längst verlassen habe. Leider verpasse ich den Seerosenzauber an den meisten Tagen.
Ich erhöhe mein Tempo und versinke in meinen Gedanken. Wie so oft träume ich von meinem eigenen Restaurant. Ich male mir bis ins kleinste Detail aus, wie es aussehen soll und welche Gerichte ich unbedingt auf die Speisekarte setzen will. Jedes Mal sieht mein Laden anders aus und auch die Speisen variieren. Es gibt so viele Möglichkeiten, dass es mir schwerfällt, mich zu entscheiden. Natürlich macht das keinen Unterschied, weil es sich um einen Traum handelt, der noch lange nicht greifbar ist.
Seit ich denken kann, will ich nur kochen. Zu einem kleinen Teil konnte ich mir den Traum schon erfüllen. Die Ausbildung zur Köchin habe ich abgeschlossen und arbeite nun in einer Küche. Leider habe ich dort nichts zu melden. Ich bin nur eine von vielen, die Anweisungen befolgen muss. Kreativ ist nur der Küchenchef. Er ist der Einzige, der neue Rezepte entwickeln darf. Wir anderen müssen seine Kreationen nach Anweisung zubereiten. So hatte ich mir meinen Traumjob nicht vorgestellt. Dafür ist die Bezahlung anständig und bringt mich meinem Traum ein Stück näher. Jeden Monat lege ich einen Großteil meines Gehalts zur Seite. Zum Glück muss ich keine Miete bezahlen, da ich im Haus meiner Großeltern lebe.
Ich bleibe stehen, schaue in den Himmel und seufze. Der Mensch, dem ich meine Leidenschaft zum Kochen verdanke, wird das alles nicht mehr miterleben. Meine Oma ist vor acht Jahren an Herzversagen gestorben. Nichts hatte darauf hingedeutet. Im Gegenteil. Anneliese Blum war einer der fittesten Menschen, die ich kannte. Von ihr konnte sich so manch einer der jüngeren Generationen eine Scheibe abschneiden. Sie war wie ein Wirbelwind.
Ich liebte es, mit ihr zusammen in der Küche zu stehen. Trotz meiner Lehre lernte ich von ihr noch einige Kniffe. Ihre Rezepte waren einzigartig. Bereits als kleines Mädchen faszinierte es mich, ihr dabei zuzusehen, wie sie uns die leckersten Speisen zubereitet hatte.
Bei dem Gedanken an unsere gemeinsame Zeit kommen mir die Tränen.
Bevor ich sie mir von den Wangen wischen kann, werde ich hart zur Seite gestoßen. Ich falle hin. Zum Glück ist der Aufprall gedämpft, da ich im Gras lande.
Ich schaue mich nach dem Übeltäter um, in der Erwartung jemand würde mit schuldbewusster Miene vor mir stehen und sich für sein Verhalten entschuldigen. Doch da ist keiner, zumindest nicht in meiner unmittelbaren Nähe.
Ich kann nur die Rückansicht eines Joggers erkennen, der sich von mir entfernt. Sonst sehe ich niemanden. Also muss er mich zur Seite gestoßen haben.
»Hey, du Idiot!«, brülle ich ihm hinterher.
Doch er reagiert nicht. Entweder hat er mich nicht gehört oder er ignoriert mich konsequent.
Kopfschüttelnd schaue ich ihm nach, bis er aus meinem Sichtfeld verschwunden ist.
Wütend erhebe ich mich und untersuche meinen Körper auf Verletzungen. Bis auf ein paar Grasflecken auf der Hose scheine ich unbeschadet davon gekommen zu sein.
Um sicherzugehen, lege ich die ersten Meter langsam zurück, bevor ich wieder in einen Laufschritt verfalle und mein Tempo wiederfinde.
Gedankenverloren laufe ich weiter, bis ich an einer Bank einen Jogger wahrnehme, der dabei ist, sich zu dehnen.
Seine Kleidung kommt mir bekannt vor. Er trägt die gleiche schwarze Hose und ein T-Shirt im identischen Blauton, wie der Flegel, der mich vor wenigen Minuten zur Seite gestoßen hat. Auch seine Rückansicht stimmt überein.
Wutentbrannt stürme ich auf ihn zu, stemme meine Hände in die Hüften und schreie ihn an. »Was stimmt mit Ihnen nicht? Erst schubsen Sie Menschen um und dann halten Sie es nicht für nötig, sich zu entschuldigen! Ich hätte mir sonst was brechen können und Sie hätten mich einfach da liegen lassen. Schämen sollten Sie sich!« Mir liegen noch sämtliche Schimpftiraden auf der Zunge, die ich abfeuern möchte, doch als der Typ sich umdreht, verstumme ich. Er ist der bestaussehende Kerl, der mir je begegnet ist. Seine braunen Augen mustern mich von Kopf bis Fuß. Es fühlt sich an, als würde ich nackt vor ihm stehen.
Während er mich betrachtet, tue ich es ihm gleich und lasse meine Augen über seinen muskulösen Körper wandern. Ich schaffe es gerade noch, ein entzücktes Seufzen zu unterdrücken.
Dem Fremden ist sein gutes Aussehen durchaus bewusst. Er schenkt mir ein wissendes Grinsen, bevor er den Mund öffnet. »Reden Sie mit mir?«, fragt er scheinheilig.
Ich atme tief durch und sammle mich. »Sehen …«, piepse ich.
Das ermutigt den Kerl, noch breiter zu grinsen.
Seine Arroganz macht mich wütend.
Ich räuspere mich und setze zu einem neuen Versuch an. »Sehen Sie hier noch jemanden?«, frage ich mit fester Stimme. »Sie haben mich da hinten«, ich deute mit dem Finger in die Richtung, aus der ich gekommen bin, »einfach umgestoßen und sind weitergelaufen, als ob nichts geschehen wäre! Wollen Sie das jetzt etwa abstreiten?«
»Nein, ich will gar nichts abstreiten.«
»Also geben Sie es zu?«, frage ich verwundert.
»Nein.«
Ich starre ihn ungläubig an. »Sondern?«
»Nichts. Ich muss mich für nichts rechtfertigen, was ich nicht getan habe«, antwortet er noch immer grinsend.
Für einen Moment bin ich unsicher, ob er wirklich der Täter ist. Allerdings glaube ich nicht an Zufälle. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn es zwei Typen von dieser Sorte gäbe. Doch ich habe keine Beweise für das, was er getan hat. Zeugen gab es keine. Also steht Aussage gegen Aussage. Somit ist es sinnlos weiter mit ihm zu diskutieren.
Wutschnaubend straffe ich die Schultern und gehe wortlos an dem Typen vorbei. Ich spüre seinen Blick in meinem Rücken. Es fühlt sich unangenehm an. Damit ich seinen Blicken schneller entkommen kann, beschleunige ich mein Tempo in einen ordentlichen Laufschritt.
Obwohl meine Joggingrunde eigentlich noch nicht beendet ist, beschließe ich den Heimweg anzutreten. Ich will raus aus dem Park.
Ich nehme den nächsten Pfad, der aus dem Park auf die Straße führt, und quäle mich durch die überfüllten Straßen. Zwischendurch muss ich etlichen Menschen ausweichen.
***
»Guten Morgen, meine Kleine!«, begrüßt mich mein Großvater, als ich wenig später die Küche betrete.
Er sitzt bereits am Küchentisch und schlürft seinen ersten Kaffee.
»Morgen, Opa«, erwidere ich, während ich zu ihm gehe und ihm einen Kuss auf die Wange gebe.
»Du bist aber heute früh zurück«, stellt er fest. »Ist alles in Ordnung?« Er schaut mich mit einer Mischung aus Neugier und Sorge an.
»Ja, es ist alles gut. Ich wollte vor der Arbeit nur noch etwas erledigen«, rede ich mich raus.
Ich kann meinem Großvater ansehen, dass er mir nicht glaubt, doch er sagt nichts. Er kennt mich eben gut genug und weiß, wie sinnlos es ist, mich in die Enge zu treiben.
»Wo ist Waldi?«, frage ich, um vom Thema abzulenken.
»Ich schätze, in seinem Körbchen.«
Ich nicke wissend.
»Warst du mit ihm draußen?«, erkundige ich mich.
»Ja.«
Ich weiß, dass die beiden nur vor der Tür waren. Wenn Waldi nicht gerade in der Küche ist, um zu fressen, schläft er am liebsten. Der Dackel ist mit seinen elf Jahren nicht mehr der Jüngste und das zeigt er auch. Früher konnte ich mit ihm stundenlang spazieren gehen. Inzwischen bin ich froh, ihn überhaupt nach draußen zu bekommen, damit er sein Geschäft verrichtet. Ab und zu lässt er sich zu einer winzigen Gassirunde überreden, aber nur, wenn die Bedingungen stimmen. Es darf nicht regnen oder zu kalt sein.
»Ich springe schnell unter die Dusche«, sage ich und haste die Treppe nach oben.
»Gut, ich mache uns Frühstück«, ruft mein Opa mir hinterher.
Normalerweise hat er den Tisch bereits gedeckt, wenn ich vom Joggen zurück bin. Das hat sich im Laufe der Zeit so ergeben. Früher hatte meine Oma das Frühstück für uns gemacht. Nach ihrem Tod habe ich es eine Weile übernommen. Doch irgendwann hat mein Opa sich der Sache angenommen. Er meint, ich hätte genug zu tun und er bräuchte auch ein paar Aufgaben. Also überließ ich es ihm. Im Grunde bin ich über jede Kleinigkeit froh, die er mir abnimmt. Inzwischen ist er mit seinen 79 Jahren nicht mehr der Jüngste. Leider macht sich das immer häufiger bemerkbar. In den letzten Jahren ist er ziemlich vergesslich geworden.
Ich habe schon mehrfach versucht, ihn zum Arzt zu schleppen, aber er weigert sich konsequent. In dem Punkt ist mein Opa August stur, wie ein Maulesel. Er meint, dass alles kommt, wie es kommen muss und die Menschen früher auch nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt gegangen sind.
Meine Argumentation interessiert ihn nicht. Obwohl es sinnlos ist, gebe ich nicht auf und versuche, ihn in regelmäßigen Abständen zu einem Arztbesuch zu überreden.
***
»Ich muss los«, sage ich erschrocken, als ich einen Blick auf meine Armbanduhr werfe. In einer halben Stunde muss ich auf der Arbeit sein. Da das Restaurant auf der anderen Seite der Stadt liegt, wird es knapp, rechtzeitig zu meiner Schicht anzukommen.
Beim Thema Pünktlichkeit versteht der Küchenchef keinen Spaß. Er ist generell ein humorloser Mensch. Seit ich ihn kenne, habe ich ihn noch nie lächeln sehen. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, ob er dazu überhaupt in der Lage ist. Dafür ist Schreien eine Disziplin, die er perfekt beherrscht. Er brüllt jeden in seiner Küche an, selbst um jemandem etwas mitzuteilen. Als ich in dem Laden anfing, war der Umgang viel herzlicher. Der ehemalige Chef Bill wurde niemals laut, sogar wenn jemand den größten Mist gebaut hatte, blieb er ruhig. Mit ihm zu arbeiten hatte mir immer Spaß gemacht. Deshalb war ich glücklich, dass er mich nach der Lehre als Köchin eingestellt hatte.
Leider ist er vor einem Jahr in Rente gegangen. Ich hätte den Laden gerne übernommen. Nur fehlte mir das nötige Kleingeld, um ihm alles abzukaufen. Also musste er sich nach einem anderen Käufer umsehen. Es gab nicht allzu viele Interessenten. Am Ende war Bill froh, als Eduard auftauchte und das Restaurant übernahm. Mit ihm wechselte nicht nur der Name von Bills Gasthaus in Eduards. Auch die Küche änderte sich von einer bodenständigen in eine gehobene.
Obwohl Eduard so ein Griesgram ist, lieben die Gäste seine Kochkünste. Von seinem ersten Tag an war das Restaurant besser besucht als bei Bill.
Erst vermutete ich, die Leute würden aus Neugier kommen. Vielleicht taten sie es auch, aber da der Ansturm bis heute so geblieben ist, muss es an der Küche liegen.
Selbst der angrenzende Saal ist dauerhaft ausgebucht. Die Leute feiern dort Geburtstage, Hochzeiten und Jubiläen. So weit ich zurückdenke, kann ich mich nicht daran erinnern, dass es unter Bills Herrschaft jemals so gewesen war. Wenn es zwei Buchungen im Monat gab, war es schon viel.
Mittlerweile wird der Saal sogar wochentags gebucht. Das gab es früher nie.
Ich erhebe mich, verpasse meinem Opa einen Kuss auf die Wange und stürze aus dem Haus. Zum Glück läuft mein Wagen wieder, sodass ich nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen bin.
In der letzten Woche stand mein kleines in die Jahre gekommenes Auto in der Werkstatt und ich verbrachte viel Zeit an Bushaltestellen. Mein Arbeitsweg hatte wesentlich länger gedauert. Gefühlt gibt es Hunderte von Haltestellen, die der Busfahrer von einem Ende der Stadt bis zum anderen Ende ansteuert. Auch das Einkaufen war anstrengend. Nicht nur, weil die Bushaltestelle ein Stück vom Supermarkt entfernt ist. Es ist auch gewöhnungsbedürftig, die Einkäufe mit sich rumschleppen zu müssen, statt sie einfach auf dem Supermarktparkplatz in den Kofferraum zu räumen und sie vor der Haustür wieder rauszuholen.
Der KFZ-Mechaniker hatte mir mitgeteilt, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis mein Auto erneut liegen bleibt. Er hatte mir zuvor schon von einer Reparatur abgeraten. Aber der Kauf eines neuen Autos kostet Geld. Es würde meine Ersparnisse schmälern. Natürlich werde ich irgendwann ein anderes Auto anschaffen müssen. Spätestens, wenn ich selbstständig bin, brauche ich ein zuverlässiges Fahrzeug.
Wenn ich ehrlich bin, versuche ich die Neuanschaffung so lange hinauszuzögern, wie es geht, da es sich bei dem schrottreifen Gefährt um mein erstes Auto handelt. Ich habe es damals von meinen Großeltern geschenkt bekommen. Meine Oma hatte es hauptsächlich ausgesucht. Das macht mir die Trennung besonders schwer. Es ist, als würde ich einen Teil von ihr mit dem Fahrzeug zusammen weggeben.
Ich starte den Motor und bin erleichtert, als mein Wagen gleich beim ersten Versuch anspringt.
***
»Schön, dass du auch schon kommst!«, schreit mich Eduard an, als ich in Küchenmontur die Küche betrete.
Ich sage nichts. Immerhin hat meine Schicht vor fünf Minuten begonnen.
Dafür, dass auf den Straßen heute so viel los war, bin ich relativ gut durchgekommen. Hätte ich mich nicht noch umziehen müssen, wäre ich rechtzeitig in der Küche gewesen.
Am liebsten möchte ich Eduard für seine Kleinlichkeit in die Schranken weisen. Aber ich verkneife es mir. Eduard hat nicht nur seine Prinzipien, gleichzeitig fällt es ihm schwer, Kritik einzustecken.
Vor einigen Monaten beschwerte sich ein Gast. Er meinte, sein Fisch wäre noch roh. Statt sich bei ihm zu entschuldigen, diskutierte Eduard so lange mit ihm, bis er entnervt das Restaurant verließ. Als Köchin weiß ich, dass der Gargrad so gewollt war, aber ich verstehe auch, wenn Menschen ihren Fisch richtig durchgegart haben wollen. Geschmäcker sind eben verschieden.
Die meisten Kellner versuchen, die Kritik von unserem Küchenchef fernzuhalten. Das funktioniert allerdings nur so lange, wie der Gast keine Nachbesserung fordert. Wenn ein voller Teller zurück in die Küche gebracht wird, bekommt Eduard das mit. Er kann noch so beschäftigt sein, das entgeht ihm nie. Es ist fast, als hätte er ein Radar dafür, der anschlägt, sobald etwas nicht stimmt.
Ich stehe vor ihm und schaue betreten zu Boden.
»Was ist? Brauchst du eine Extraeinladung? Oder schaffst du es an deinen Arbeitsplatz?« Er deutet mit dem Messer in seiner Hand auf die andere Seite der Küche.
Statt einer Antwort nicke ich ihm zu und eile davon.
Bevor der Betrieb richtig losgeht, müssen sämtliche Vorbereitungen getroffen werden. Das sind die Momente, in denen ich mir vorkomme, als wäre ich eine Küchenhilfe statt einer ausgebildeten Köchin. Wie jeden Tag liegt auf meinem Arbeitsplatz jede Menge Gemüse, das geschnippelt werden muss.
Neben mir steht mein Kollege John und ist dabei, Fisch zu filetieren.
Er schaut zu mir und nickt mir mitleidig zu, bevor er sich wieder seiner Arbeit widmet.
Wir trauen uns beide nicht, während der Arbeitszeit zu reden. Eduard sieht es überhaupt nicht gern, wenn in seiner Küche Privatgespräche stattfinden. Ein »Wie geht es dir?« ist ihm schon zu viel. Wenn seine Köche miteinander sprechen, dann darf es nur um berufliche Dinge gehen, dabei sollte möglichst laut geredet werden, damit der Küchenchef auch alles mitbekommt.
Private Gespräche müssen wir uns für die Pausen aufheben.
Das Arbeitsklima ist rau, wenn Eduard da ist. Und er ist so gut wie immer in der Küche. Er kommt vor uns und geht erst nach uns. Manchmal habe ich den Verdacht, er schläft hier. Vielleicht hat er in irgendeinem Regal einen Schlafsack versteckt, den er hervor holt, sobald wir weg sind. Anders kann ich mir nicht erklären, dass er fast täglich eine neue Kreation auffährt. Während des Kundenzulaufs kommt er kaum zum Experimentieren. Das geschieht immer nach Ladenschluss. Die Köche müssen am nächsten Tag vor Dienstbeginn seine neuesten Experimente bewerten. Manches ist wirklich sehr lecker, aber die meisten seiner Schöpfungen sind eher gewöhnungsbedürftig.
Durch meine Verspätung bin ich wohl um ein Urteil herumgekommen. Die anderen werden die Verkostung bereits hinter sich gebracht haben.
Normalerweise bin ich eine Viertelstunde vor Dienstantritt hier. Heute bin ich das erste Mal zu spät gekommen. Ich weiß nicht, warum ich die Zeit beim Frühstück aus den Augen verloren hatte. Vielleicht liegt es an dem Sturz, der mir von diesem arroganten Fremden beschert wurde.
»Maja!«, lässt mich eine laute Männerstimme an meinem Ohr zusammenzucken. Obwohl ich mir angewöhnt habe, in der Küche Ohrenstöpsel zu tragen, ist die Stimme des Küchenchefs immer noch deutlich genug, um mich zu erschrecken. Wenn ich mir nichts in die Ohren stecken würde, wäre ich längst taub. Den Tipp hat mir John gegeben. Er benutzt die Dinger seit dem zweiten Tag.
Ich drehe mich ruckartig um und sehe Eduard mit einem Teller vor mir stehen.
Am liebsten möchte ich ihn schütteln und ihn genauso ins Ohr schreien, wie er es bei mir gemacht hat. Nur wird es ihm nichts ausmachen. Er wird im Laufe der Zeit durch seine eigene Stimme taub geworden sein. Auf Dauer kann diese Schreierei niemand aushalten.
Ich setze ein gequältes Lächeln auf und starre auf den Teller. Darauf liegt …
Nun ja, was ist das eigentlich?
Zwischen zwei hellgrünen biskuitartigen Schichten befindet sich eine weiße Creme.
Eduard nickt mir aufmunternd zu. »Probier!«, fordert er mich lautstark auf.
Zaghaft greife ich nach dem quadratischen Etwas und schnüffele daran. Es fällt mir schwer, die Gerüche zuzuordnen.
Vorsichtig beiße ich ein Stück ab und kaue darauf herum. Das Grüne fühlt sich im Mund tatsächlich an wie Biskuit. Die weiße Masse ist zäh, wie Schmelzkäse ohne Schmelz und so schmeckt es auch.
Eduard schaut mich erwartungsvoll an.
Ich zwinge mich zu einem Lächeln und beiße noch ein Stück ohne die Creme ab. »Brokkoli?«, stelle ich fragend fest.
Eduard nickt mir aufmunternd zu.
»Ein Brokkoli-Biskuit mit Käse-Creme?«, rate ich.
Eduard klatscht freudig in die Hände. »Und?«, fragt er.
Ich überlege, wie ich ihm die Wahrheit möglichst schonend beibringen kann, ich darf nicht allzu viel Kritik ausüben.
»Na ja, das Biskuit ist angenehm im Mund. Der Geschmack ist …« Durch meinen Kopf rattern verschiedene Adjektive.
Abartig. Ekelhaft. Widerlich. Unnütz. Ungenießbar. Eigenartig. Merkwürdig.
Alle Adjektive klingen zu kritisch. Ich muss sie abmildern, ohne die Bedeutung aus den Augen zu verlieren.
Ungewohnt. Außergewöhnlich. Ungewöhnlich.
Eduard schaut mich immer noch fragend an.
Aus den Augenwinkel kann ich Johns mitleidigen Blick sehen.
Ich drehe meinen Kopf ein Stück weiter in seine Richtung. Meine Augen flehen ihn um Hilfe an.
Doch John deutet nur ein Kopfschütteln an.
»Exotisch«, rutscht es aus meinem Mund, bevor ich genauer darüber nachdenken kann. »Ein bisschen wie Brokkolikuchen. Und die Füllung schmeckt nach Schmelzkäse. Sie könnte noch etwas weicher sein«, wage ich zu sagen.
Eduard schaut mich nachdenklich an. »Exotisch? Brokkolikuchen? Weicher?«, murmelt er vor sich hin, allerdings so laut, dass es in der ganzen Küche zu hören ist.
Er dreht sich von mir weg und geht kopfschüttelnd zurück zu seinem Platz.
John grinst mich an. »Gut gemacht«, formt er mit seinem Mund, ohne auch nur einen Ton zu verlieren.
Ich zucke mit den Achseln und widme mich den Auberginen, die vor mir liegen und in Scheiben geschnitten werden wollen.
***
»Ernsthaft, Maja?«, fragt Maike leise lachend, nachdem John mein Testurteil zum Besten gegeben hat. »Exotisch?«
Wir stehen zu viert im Hinterhof und genießen unsere Verschnaufpause nach dem Mittagsansturm. Leider können nur zwei aus der Küche und zwei der Servicemitarbeiter gleichzeitig Pause machen. Ein Teil der Crew muss immer bereitstehen, weil vereinzelt Gäste kommen und Vorbereitungen getroffen werden müssen.
Meist verbringe ich meine Pausen mit John. Mit ihm verstehe ich mich von allen aus der Küche am besten. Heute sind Maike und Charlotte aus dem Service dabei.
»Was habt ihr denn gesagt?«, frage ich neugierig.
Charlotte ist anzusehen, wie unangenehm es ihr ist. Jeder weiß, was sie gesagt hat. Sie traut sich nie, ehrlich zu sein und sagt immer, es wäre gut.
Maike grinst. »Ungewöhnlich«, antwortet sie. Das ist ihre Standardantwort, wenn es ihr nicht schmeckt und sie ein Testurteil abgeben muss.
»War ja klar«, antworte ich grinsend und drehe mich zu John. »Was hast du gesagt?«
Sein Grinsen wird breiter. »Ich habe es als Brokkolisandwich mit zäher Käsefüllung bezeichnet.«
Ich pruste los. »Oh Gott, das hat ihm sicher nicht gefallen.
»Nicht wirklich, aber exotisch finde ich auch gut.«
Ich lächle. »Mir fiel kein anderes Adjektiv ein, was die Abscheulichkeit ausdrückt, dabei aber nicht kritisch ist.«
»Egal, das landet sowieso nicht auf der Karte. Spätestens, wenn sein Manfred ihm die Wahrheit sagt, ist das vergessen.«
Ich nicke zustimmend.
Manfred ist der einzige Mensch, der sich traut Eduard die Wahrheit unverblümt an den Kopf zu knallen. Als Eduards Lebensgefährte ist er dafür auch privilegiert. Leider ist er nie der Erste, der Eduards Kreationen probiert, sonst würden uns so einige Kuriositäten erspart bleiben.
Ich muss allerdings zugeben, dass ihm hin und wieder richtige Leckereien gelingen, die dann auf der Karte landen. Für meinen Geschmack sind diese Geschmacksexplosionen viel zu selten.
Wie aus dem Nichts taucht unser Azubi Josef auf. Seine Miene ist ernst. Er schaut von einem zum anderen und bleibt bei mir hängen.
»Was ist los?«, frage ich.
»Der Chef …«, stammelt Josef.
»Was ist mit ihm?«, erkundigen John und ich uns wie aus einem Mund.
»Er hatte einen Unfall.«
»Was er war doch gerade noch …«, sage ich und deute mit der Hand in Richtung Gebäude.
»Ja, als ihr rausgegangen seid, war er im Büro und ist auf die Leiter gestiegen …«
»Auf das alte Holzteil?«, unterbreche ich ihn.
»Und?«, hakt Maike nach.
»Sie ist unter ihm zusammengebrochen und er ist gestürzt.«
»Oh mein Gott«, quietscht Charlotte.
»Wie geht es ihm?«, erklingt meine Stimme piepsend.
»Die Sanitäter sind gerade bei ihm.«
Ich nicke.
Josefs Blick hält mich gefangen.
Ich spüre, dass er mir etwas sagen will, was mir nicht gefallen wird.
»Du sollst ihn vertreten«, sagt Josef leise.
»Was?«, frage ich mit einer Stimme, die mir fremd vorkommt. »Ich?«
»Ja, du sollst ihn vertreten, bis er aus dem Krankenhaus zurück ist.«
»Ist er noch drin?«, erkundige ich mich. Statt auf Josefs Antwort zu warten, bin ich schon auf dem Weg ins Gebäude.
»Wo ist er?«, rufe ich, als ich die Küche betrete.
Eileen, eine der Küchenhilfen deutet mit dem Kopf auf das Büro.
Ich haste hinein.
Eduard liegt auf dem Boden und stöhnt. Vor ihm hocken zwei Sanitäter.
»Wie geht es dir?«, frage ich.
Eduard schaut zu mir auf und zuckt mit den Schultern. »Du musst mich vertreten! Du bist die Einzige, der ich vertraue.«
Das erste Mal, seit ich ihn kenne, ist seine Stimme leise. Na ja, eigentlich spricht er in einer normalen Lautstärke. Für seine Verhältnisse ist es aber leise.
Ich starre ihn mit offenem Mund an. »O-Okay«, stammle ich. Zu mehr bin ich nicht in der Lage. »Wie lange muss unser Chef im Krankenhaus bleiben?«, wende ich mich an die Sanitäter.
»Das können wir Ihnen noch nicht sagen«, antwortet der eine, während sie Eduard auf die Trage hieven.
»Soll ich Manfred informieren?«, hake ich nach.
Eduard schlägt sich eine Hand gegen die Stirn. »Ja, das wäre toll. Aber Maja?«
»Ja?«
»Bitte bring es ihm schonend bei! Er soll sich nicht aufregen!«
»Okay, das mache ich«, antworte ich und schaue dem Küchenchef und den Sanitätern nach, wie sie das Büro verlassen.
Ich starre eine Weile auf die Tür, um die Informationen zu verarbeiten. Es ist schwer zu begreifen, dass Eduard nun auf unbestimmte Zeit nicht in der Küche sein wird. Seine Worte wollen mein Gehirn nicht so recht erreichen. Er hat mir nie gesagt, was er von mir hält. Ich hätte nie gedacht, sein Vertrauen zu genießen. Er hat mich immer genauso streng behandelt, wie alle anderen. Seine Worte schmeicheln mir und schockieren mich gleichzeitig.
Nach einigen Minuten fange ich mich endlich und eile zum Schreibtisch. Manfreds Nummer ist in der Adresskartei auf dem Tisch. Ich suche die richtige Seite heraus und wähle seine Handynummer.
2. Gregor - Freitag
»Guten Morgen, Chef«, begrüßt mich meine Sekretärin, als ich das Vorzimmer meines Büros betrete.
Rosalie ist die gute Seele des Hauses. Für ihre einundsechzig Jahre hat sie sich gut gehalten. Wenn ich nicht wüsste, wie alt sie ist, würde ich sie auf Ende vierzig schätzen. Nur die grauen Haare, die in den letzten Jahren immer mehr geworden sind, verraten ihr Alter. Noch vor wenigen Jahren waren es ein paar vereinzelte Strähnen, die zwischen ihrem schwarzen Haar sichtbar waren. Inzwischen hat sich das Verhältnis umgekehrt. Von dem Schwarz ist nur noch wenig zu sehen. Doch Rosalie ist alles andere als eitel, sie steht zu ihrer natürlichen Haarfarbe. Sie ist eine der wenigen Frauen in meinem Leben, die sich nicht bis zur Unkenntlichkeit anmalen. Außerdem ist sie sehr herzlich. Für die Menschen, die sie liebt, kämpft sie wie eine Löwin.
»Guten Morgen, Rosalie!« Ich nicke ihr zu und gehe an ihr vorbei in mein Büro. Hinter mir schließe ich die Tür und atme tief durch.
Wie jeden Morgen genieße ich die ersten Minuten der Stille, bevor es hektisch wird. In einer halben Stunde beginnt unsere offizielle Öffnungszeit, bis dahin trudeln die restlichen Mitarbeiter ein.
Rosalie kommt meist eine Stunde früher und ist die erste. Durch meine morgendliche Joggingrunde treffe ich immer nach ihr ein.
Ich starte meinen Computer und lehne mich zurück. In Gedanken bin ich noch bei der Begegnung von heute Morgen. Ich sehe die leuchtend grünen Augen vor mir, die der Frau gehören, die behauptet hat, ich hätte sie geschubst. Dabei kann ich mich nicht daran erinnern, sie überhaupt berührt zu haben. Entweder war es ein Versuch, mich anzubaggern oder ich war so in Gedanken, dass ich es nicht bemerkt hatte. So sauer, wie die Kleine war, ist die erste Möglichkeit undenkbar. Sie könnte also im Recht sein. Trotzdem stritt ich es ab, sie umgestoßen zu haben.
Ich hätte es zugeben und sie nach ihrer Nummer fragen sollen.
Ein Klopfen an der Tür holt mich aus meinen Gedanken. »Ja«, rufe ich.
Die Tür wird geöffnet und Rosalie kommt mit einer Tasse Kaffee in der Hand hinein, die sie auf meinem Schreibtisch abstellt.
»Danke, du bist ein Schatz!«, sage ich und lächle meine Sekretärin an.
Insgeheim hoffe ich, sie in vier Jahren nicht an den Ruhestand zu verlieren. Die Hoffnung ist gering. Sie schwärmt mir ständig vor, wohin sie noch reisen will. Ihr Mann ist bereits in Rente und langweilt sich zu Hause zu Tode. Ihm wäre es am liebsten, wenn Rosalie ebenfalls sofort in den Ruhestand ginge und die beiden die Welt bereisen könnten.
Rosalie ist hin und her gerissen. Sie betont immer, wie gern sie für mich arbeitet und wie sehr sie es vermissen würde, wenn es vorbei wäre. Gleichzeitig ist sie vom Fernweh gepackt.
Sie lächelt mir mit ihrem typischen warmen Lächeln zu. »Gerne. Mittlerweile kenne ich deine Koffeinvorliebe.«
Ich lache laut auf. Meine Sekretärin kennt mich wirklich gut, besser als meine Eltern.
»Ach ja, Cindy von der Buchhaltung hat um einen kurzfristigen Termin gebeten. Ich habe sie heute dazwischen gequetscht. Ich hoffe, es ist okay.«
Ich seufze. »Klar. Scheint wichtig zu sein«, antworte ich. Insgeheim weiß ich, worauf ihr Besuch hinauslaufen soll. Mit Rosalie möchte ich aber nicht darüber reden.
»Bestimmt, was es genau ist, wollte sie mir nicht sagen.«
Ich nicke. »Na schön, dann wollen wir mal«, murmle ich gedankenverloren und greife nach der Maus. Seit ich die Firma gegründet habe, komme ich immer seltener dazu, meiner Leidenschaft, dem Programmieren, nachzugehen. In den letzten Jahren sind wir so gewachsen, dass ich zu viele andere Dinge zu tun habe. Mein Highlight sind die Besprechungen mit den Programmierern, wenn sie mir ihre Arbeit zeigen. Hin und wieder tüftle ich noch mit ihnen an Problemen. Leider ist das nur ein winziger Bruchteil meiner Arbeitszeit.
***
Es klopft an der Tür, als ich gerade damit beschäftigt bin, E-Mails von Kunden zu beantworten.
»Herein«, rufe ich und schaue auf.
Rosalie steckt den Kopf zur Tür hinein und hält einen Stapel Briefumschläge in der Hand. »Ich bringe dir die Post«, sagt sie und kommt herein. »Cindy ist auch schon da. Soll ich sie dir gleich reinschicken?«
»Okay, danke. Gib mir zwei Minuten, damit ich die Mail zu Ende schreiben kann.«
»Gut.«
Rosalie verlässt das Zimmer.
Ich lese meine Antwort an den Kunden noch einmal durch und überprüfe sie auf Fehler. Nachdem ich keine finden kann, drücke ich auf Senden und lehne mich zurück.
Mein Schreibtisch ist voll mit Arbeit, aber etwas Neues anzufangen, lohnt sich nicht, da die Buchhalterin jeden Moment hineinkommen wird.
Ich hoffe für sie, dass es wirklich wichtig ist. Bei Cindy weiß man das nie. Sie kam schon häufiger unter einem Vorwand zu mir.
Es klopft erneut an meiner Bürotür.
Ich atme tief durch und setze mich aufrecht hin. »Herein!«, rufe ich mit fester Stimme.
Die Tür geht auf und eine aufgetakelte Cindy betritt das Büro. Ihr schwarzer Rock ist kurz genug, um als Gürtel durchzugehen. Die weiße Bluse, die sie anhat, sieht aus, als würde sie jeden Moment explodieren wollen. Sie sitzt sehr eng und hat ordentlich damit zu tun, Cindys Oberweite zu halten. Die oberen beiden Knöpfe sind bereits geöffnet und bieten einen tiefen Einblick. Sie trägt wieder einmal High Heels, in denen sie kaum laufen kann. Sobald sie etwas schneller gehen muss, sieht sie aus, als würde sie über rohe Eier balancieren.
Ich schaue meiner Buchhalterin ins Gesicht. Wie immer ist sie stark geschminkt. Ich würde jede Wette eingehen, sie ungeschminkt nicht zu erkennen.
Ihre blonden Haare sind hochgesteckt, nur vereinzelte Strähnen hängen heraus. Ich bin mir sicher, Cindy hat sie mit Absicht so drapiert.
Sie trägt eine Mappe unter dem Arm und setzt ein Lächeln auf, als sie meine Musterung bemerkt.
Ich wende meinen Blick von ihr ab. »Bitte!«, sage ich und deute auf einen der Besucherstühle.
In Zeitlupe setzt sich meine Buchhalterin auf den Stuhl, der meinem genau gegenübersteht. Dabei achtet sie darauf, ihre Brust rauszustrecken und sich möglichst lange gebückt zu halten, um mir einen Einblick auf ihre Oberweite zu gewähren.
»Was gibt es so Dringendes?«, erkundige ich mich.
»Nun ja …«, stammelt sie.
Das Gestammel reicht mir, um zu wissen, wie unnötig dieser Termin ist.
»Was?«, frage ich in einem schroffen Ton.
»Ich habe da eine Buchung entdeckt, die ich nicht zuordnen kann.« Cindy starrt mich an und zieht dabei einen Schmollmund.
»Aha. Und?«
Sie erhebt sich im Schneckentempo, läuft um den Schreibtisch herum, bis sie neben mir steht. Sie beugt sich nach vorn und legt die Mappe auf den Tisch.
Ich klappe sie auf und starre auf einen Kontoauszug. »Und?« Meine Stimme klingt genervt. Es fällt mir schwer, Cindy nicht anzuschreien.
Mit einem langen roten Fingernagel deutet sie auf eine Zahl. »Diese hier!«
Ich schaue mir erst die Zahl an und wandere dann in der Zeile weiter, um zu sehen, von wem die Überweisung getätigt wurde. Als ich den Namen Murphy Limited lese, kocht in mir die Wut hoch. Nun kann Cindy nicht mehr leugnen, dass sie einen fadenscheinigen Grund gesucht hat, um herzukommen.
Murphy Limited ist ein Kunde, für den wir mehr als ein Mal gearbeitet haben. Cindy müsste das wissen, sie ist von Angang an in der Firma. Sie war eine der Ersten, die ich vor zehn Jahren, als ich die Firma gründete, eingestellt hatte.
Aber vielleicht ist genau das ihr Problem. Anfangs verhielt ich mich meinen Mitarbeitern gegenüber eher wie ein Kumpel. Im Laufe der Jahre erlernte ich erst den richtigen Umgang mit Angestellten. Ich versuche stets streng, jedoch fair zu sein und mich wie ein Chef zu verhalten. Natürlich ist es schön, freundschaftlich miteinander umzugehen. Leider nutzen das die meisten Leute aus und nehmen einen nicht mehr für voll. Cindy ist so eine Kandidatin. Umso erfolgreicher wir wurden, desto aufdringlicher wurden ihre Annäherungsversuche. Obwohl ich nie darauf eingehe, versucht sie es immer wieder.
Ich atme tief durch. »Was soll das?«, frage ich mit ruhiger fester Stimme. »Überfordert dich dein Job so sehr, dass du unsere Kunden nicht erkennst? Willst du dir vielleicht etwas anderes suchen?«
Cindy erhebt sich aus ihrer gebückten Haltung und starrt mich verwirrt an. Das Lächeln ist ihr längst aus dem Gesicht gefallen.
»Was?«, piepst sie.
»Du kommst her und verschwendest meine Zeit, das ist!«
Sie schluckt und läuft rot an.
»Was soll das?«, wiederhole ich meine Frage. »Was willst du?«
»I-Ich …«
»Ich höre!«
»N-Nichts!«
»Gut. Dann kannst du ja jetzt zurück an deinen Arbeitsplatz gehen. Und wenn du noch einmal meine Zeit mit so einem Schwachsinn verschwenden willst, betrachte es als deine erste Abmahnung!« Ich wende mich von ihr ab, starre auf meinen Bildschirm und warte, bis Cindy geht.
Langsam setzt sie sich in Bewegung. Ich höre jeden ihrer Schritte durch mein Büro klackern. Nach einer gefühlten Ewigkeit wird endlich die Tür geöffnet und fällt kurz darauf wieder zu.
Ich atme erleichtert aus. Es war das erste Mal, dass ich Cindy in ihre Schranken gewiesen habe. Normalerweise stehe ich über solchen plumpen Anbaggerungsversuchen, aber heute sind meine Nerven zum Zerreißen gespannt. Ich fühle eine innere Unruhe und weiß nicht, woher sie kommt.
Keine zwei Minuten später klopft es.
»Ja!«, rufe ich genervt.
Ich rechne schon damit, Cindy wieder zu sehen. Doch es ist Rosalie, die ihren Kopf hineinsteckt. »Darf ich?«, fragt sie zaghaft.
Ich nicke.
Rosalie kommt näher. »Ich will mich ja nicht einmischen, aber was war hier gerade los? Cindy sah aus, als hätte sie einen Geist gesehen.«
»Sie …«
»Sie hat also wieder versucht, bei dir zu landen«, spricht Rosalie die Worte aus, die mir fehlen.
»Du weißt es! Na klar.« Ich lächle ihr dankbar zu.
»Was hast du gemacht? Sie in ihre Schranken gewiesen?«
»Ja.«
»Irgendwann musstest du es ja mal tun. Sie erzählt den anderen Kolleginnen in den Pausen immer, du würdest mit ihr flirten.«
»Was?« Schockiert hebe ich den Kopf und schaue Rosalie in die Augen. Ich suche nach einem Anzeichen, das mir den Humor hinter der Aussage verrät, aber es gibt keins. »Wirklich?«, frage ich flüsternd.
»Ja, ich weiß es auch nur von den anderen. Vor mir traut sie sich das wohl nicht, zu sagen.«
Ich nicke.
»Kopf hoch, Gregor! So eine ist es nicht wert, sich über sie aufzuregen.«
»Ja, du hast recht«, krächze ich.
»Kann ich dir irgendetwas bringen?«
»Nein. Ich muss endlich weiterarbeiten«, antworte ich und deute auf den Computerbildschirm.
***
»Du bist spät, Gregor«, begrüßt mich meine Mutter, als ich eintreffe. »Du weißt, dein Vater mag es nicht zu warten.«
»Hi Mom«, grüße ich zurück und gebe ihr einen Kuss auf die Wange. Auf mein Zuspätkommen gehe ich nicht weiter ein. Es hat sowieso keinen Zweck, sich zu rechtfertigen.
Wenn es nach meinem Vater geht, kann ich sowieso nichts richtig machen. Er sieht meine Firma noch immer als Spielerei. Dass wir inzwischen pro Jahr einen Millionenumsatz erwirtschaften, kann oder will er nicht kapieren. Für ihn gibt es nur sein eigenes Unternehmen. Er hätte es viel lieber gesehen, wenn ich in seine Firma eingestiegen wäre. Dagegen habe ich mich aber immer gesträubt. Ich habe mich noch nie für Schrauben interessiert. Auch, wenn mein Vater einer der größten Hersteller für Nägel und Schrauben ist, hat es mich nie gereizt, in das Unternehmen einzusteigen. Am Ende wäre es vielleicht auf das Gleiche rausgekommen. In beiden Fällen hätte ich weniger mit der Produktion, als mit Kundenkontakten und der Mitarbeiterführung zu tun. Doch seit ich denken kann, wollte ich Programmierer werden. Wenn es sein muss, kann ich auch einen Nagel in die Wand hauen oder mit Schrauben umgehen, aber das ist eher ein notwendiges Übel.
Meine Mutter hat keine eigene Meinung. Sie zeigt mir nicht, ob sie stolz auf mich ist. Das hat sie noch nie getan. Sie ist meinem Vater hörig und redet ihm nach dem Mund.
Gerit Sander sagt, seine Frau soll nicht arbeiten. Also bleibt Dina zu Hause. Seit ich aus dem Haus bin, muss sich meine Mutter schrecklich langweilen. Für anfallende Arbeiten im Haushalt gibt es schließlich Personal.
Freunde hat meine Mutter auch keine. Wenn sie Besuch bekommen, sind es Geschäftspartner meines Vaters, die in Begleitung kommen.
Ich gehe an meiner Mutter vorbei. Es wundert mich, dass sie heute selbst an die Tür gekommen ist. Normalerweise sind dafür die Angestellten zuständig.
Als ich das Wohnzimmer betrete, sehe ich meinen Vater auf einem Sessel sitzen. Er ist in eine Zeitung vertieft und bemerkt mein Eintreffen nicht sofort.
Ich straffe meine Schultern und gehe auf ihn zu. »Hallo Vater!«
»Es wird ja Zeit, dass du endlich kommst. Wir warten schon seit einer Ewigkeit auf dich mit dem Essen.«
Ich könnte ihm jetzt von meinem Termin erzählen, der sich in die Länge gezogen hat, aber es wäre sinnlos. Ich kenne seine Antwort. Er würde mir erklären, wie schlecht meine Zeitplanung ist und mir sagen, ich hätte den Termin nicht so knapp vor dem Essen legen sollen. Schließlich ist das gemeinsame Abendessen freitags fix. Dabei frage ich mich immer, warum ich mir das antue. Ich könnte jetzt zu Hause auf der Couch sitzen, mir eine Pizza reinziehen und mir irgendeinen Film anschauen. Stattdessen bin ich bei meinem Eltern und muss ein steifes Essen durchstehen.
Mein Vater legt die Zeitung auf den kleinen Beistelltisch und geht an mir vorbei, ohne mich zu berühren. Ich bin es von ihm nicht anders gewohnt. Er hat mich noch nie in den Arm genommen oder mir gesagt, er würde mich lieben. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, ob er mich liebt oder er mich nur duldet, weil ich sein Sohn bin.
Für meine Arbeit hatte er auch nie ein gutes Wort übrig.
Das sind die Momente, in denen ich meinen Kumpel Tim beneide. Seine Eltern zeigen ihm, wie sehr sie ihn lieben. Sie haben vielleicht nicht so viel Geld, wie meine, aber sie scheinen definitiv glücklich zu sein. Deshalb bin ich lieber bei ihnen, als bei meiner Familie.
Ich folge meinem Vater ins Esszimmer. Er hat sich bereits an das Kopfende des riesigen Tisches, an den vierundzwanzig Personen Platz finden, gesetzt und wartet.
Das Zimmer wirkt wie die meisten Räume des Hauses kalt und unpersönlich. Nur die hauseigene Bibliothek und mein ehemaliges Jugendzimmer, das unverändert ist, sind warm und haben so etwas wie eine Seele.
Das Gesicht meines Vaters ist ausdruckslos. Nur seine dunklen Augen verraten seinen Unmut.
Ich setze mich, wie immer, auf den Stuhl rechts von ihm.
Kurz nach mir trifft meine Mutter ein und setzt sich mir gegenüber.
»Und wie war dein Tag, Schatz?«, fragt meine Mutter und schaut mich fragend an.
Ich zucke mit den Schultern und überlege, was ich antworten soll. Zum Glück taucht in diesem Moment eine der Angestellten auf und serviert uns die Suppe.
Nachdem sie den Raum verlassen hat, löffeln wir sie schweigend.
Meine Mutter scheint ihre Frage glücklicherweise vergessen zu haben. Das erspart mir, darüber nachzudenken, was ich ihr in Gegenwart meines Vaters erzählen soll. Ich muss mir jedes Wort genau überlegen, um einer Moralpredigt zu entgehen.
Gedanklich wandere ich durch meinen Tag. Ich muss schmunzeln, als ich wieder diese leuchtend grünen Augen vor mir sehe.
»Was ist los? Du grinst wie ein Idiot!«, sagt mein Vater mit strenger Stimme.
Ich lasse meine Mundwinkel nach unten sinken und zucke mit den Schultern. »Nichts.«
Meine Mutter mustert mich. »Gibt es ein Mädchen, das dich so zum Lächeln bringt?«
Ich schaue sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Wie kommst du denn darauf?«
»Deine Mutter will dir damit sagen, dass du nicht mehr der Jüngste bist und bald anfangen solltest, eine Familie zu gründen«, antwortet mein Vater für sie.
Ich ignoriere ihn und esse weiter, damit der Abend möglichst friedlich endet. Sobald ich mich auf seine spitzen Bemerkungen einlasse, würden wir uns gegenseitig immer weiter anstacheln, bis ich wutentbrannt die Villa verlasse. Das kam in der Vergangenheit schon mehr als einmal vor.
Meiner Mutter zuliebe versuche ich, solche Eskalationen zu vermeiden. Sie ist diejenige, die es besonders mitnimmt. Bei jeder unserer Vater-Sohn-Diskussionen weint sie, aber sie traut sich nie, einzuschreiten.
***
»Na, wie war's?«, begrüßt mich mein bester Freund, als ich vor seiner Tür stehe.
Tim kennt meine Freitage und ist darauf vorbereitet, mich nach dem Familienessen wieder aufzubauen. Es gibt kaum einen Freitag, an dem ich nicht bei ihm auftauche.
Ich schiebe mich an ihm vorbei, gehe ins Wohnzimmer und lasse mich auf die Couch sinken. »Bescheiden, wie immer«, antworte ich und seufze.
»Ich habe nichts anderes erwartet. Dein Vater wird sich nie ändern.«
Ich nicke zustimmend. Denn ich sehe es genauso. Während des Essens hatte mein Vater noch ein paar Mal versucht, mich zu provozieren, aber ich habe es nicht zugelassen. Innerlich kochte ich vor Wut, doch äußerlich ließ ich mir nichts anmerken. Das Pokerface habe ich eindeutig von ihm geerbt. Er ist Meister darin, sich niemals ansehen zu lassen, was er fühlt. Vielleicht liegt es auch daran, dass er gefühllos ist.
»Wieso lässt du diese Freitagsfarce nicht einfach sein? Du kannst dich nicht so quälen, nur um deiner Mutter einen Gefallen zu tun!«
»Du hast ja recht«, murmle ich.
»Ich weiß. Deshalb wirst du nächsten Freitag mit mir essen, damit du erst gar nicht in Versuchung kommst, wieder in dein Elternhaus zu fahren.« Tim schaut mich mit einem Blick an, der mich zum Schmunzeln bringt. Er versucht, ernst auszusehen. Doch das gelingt ihm nicht. Seine Mundwinkel zucken verdächtig. Ich muss ihn nur lange genug angrinsen, bis er in Gelächter ausbricht.
»Und was machen wir heute?«, fragt er, nachdem wir uns endlich beruhigt haben. »Bier und Glotze oder rausgehen?«
»Von mir aus können wir gerne das mit dem Bier und der Glotze machen. Irgendwie ist mir nicht mehr nach Gesellschaft.«
Wieder sehe ich diese grünen Augen vor mir. Mit jedem Mal ist mein Wunsch größer, diese Frau wiederzusehen. Sie ist irgendwo da draußen. Obwohl ich samstags eigentlich nicht laufen gehe, werde ich es morgen tun. Vielleicht ist sie auch im Park unterwegs.
»Hey, Erde an Gregor!«, schreit Tim mir ins Ohr.
Ich zucke zusammen und sehe meinem Freund in die Augen. Inzwischen sitzt er neben mir. Mir ist entgangen, wann das passiert ist. Genau wie seine Worte.
»Was?«, frage ich.
»Wo warst du denn mit deinen Gedanken? Gibt es irgendwas Neues bei dir?«
Ich denke einen Moment darüber nach, ob ich ihm von der Unbekannten im Park erzählen soll, entscheide mich dann dagegen. Es ist albern über einer Frau zu sprechen, die ich nur wenige Augenblicke lang gesehen habe. Wie soll ich auch erklären, dass ich sie nicht mehr aus dem Kopf bekomme.
»Nein, es ist alles wie immer.«
»Dafür bist du mit deinen Gedanken aber ziemlich weit weg.«
»Ach nein. Es ist nur das Übliche. Ich denke ständig an unsere Mitarbeiterversammlung übernächste Woche.«
»Aha, gibt es irgendwelche Probleme?«
»Nein, trotzdem sollte alles gut geplant sein«, flunkere ich.
Tim sieht mich prüfend an. Als mein bester Freund durchschaut er mich sofort, doch er reitet nicht weiter auf dem Thema herum. »Also wollen wir einen Film schauen?«
»Klar, aber vergiss das Bier nicht!«
Tim salutiert und geht in die Küche. Ich höre, wie er den Kühlschrank öffnet und es klirrt.
Mein Handy brummt. Ich ziehe es aus meiner Tasche und schaue auf das Display. Es ist eine Nachricht von meiner Mutter.
Mom: Es tut mir leid, Schatz. Kuss.
Ich frage mich, was ihr leidtut. Die Provokationen meines Vaters? Oder ihr unbeteiligtes Verhalten?
Ich: Schon okay.
Am liebsten hätte ich ihr sofort mitgeteilt, dass ich nicht mehr zum Freitagsessen komme, aber das hebe ich mir auf. Heute habe ich keine Kraft mehr für unnötige Diskussionen.
»Alles klar?«, fragt Tim, der im Türrahmen steht und mich beobachtet.
»Ja, es war nur wieder meine Mom, die mir schreibt, wie leid es ihr tut.«
»Was? Dass du nächsten Freitag nicht da bist?«
Zaghaft schüttle ich den Kopf. »Nein, das habe ich ihr noch nicht gesagt. Ich schätze, sie meint das Verhalten meines Vaters.«
Tim kommt näher, stellt die Bierflaschen auf den Couchtisch und lässt sich neben mir auf der Couch nieder. »Also, was wollen wir schauen?«
»Keine Ahnung, such du etwas aus!«
»Hm, so wie du aussiehst, könntest du eine Komödie vertragen«, stellt er fest und erhebt sich, um zu seiner altmodischen DVD-Sammlung zu gehen.
Ich ziehe ihn manchmal damit auf. In Zeiten von Online-Streaming ist Tim ein seltenes Exemplar. Aber er ist stolz auf seine riesige Sammlung und sieht es überhaupt nicht ein, sie aufzulösen, nur, weil sich die Technik weiterentwickelt. Im Grunde kann ich froh sein, dass er keine Videokassetten mehr hat.
Er wühlt in seinem monströsen Schrank herum und holt nach einer gefühlten Ewigkeit eine DVD hervor.
»Was ist das?«, frage ich neugierig, da ich die Hülle nicht erkennen kann.
»Lass dich überraschen.« Er legt die DVD in seinen Player und grinst mich an. »Bereit?«
»Bereit!« Ich grinse zurück.
3. Maja - Freitag
»Du bist aber spät, Kleines«, begrüßt mich mein Großvater, als ich den Flur betrete. »Du hättest mich ruhig anrufen können!«, tadelt er mich.
»Entschuldige, Opa!«, antworte ich und verpasse ihm einen Wangenkuss, der seinen Blick weicher werden lässt. »Heute war der Teufel los. Der Küchenchef ist von der Leiter gefallen und musste ins Krankenhaus. Er will, dass ich ihn vertrete.«
»Wirklich?«, fragt er und grinst mich an. »Du hast jetzt das Kommando?«
»Ja, sieht so aus«, antworte ich und reiche ihm die Dosen mit den Essensresten, um mir die Jacke auszuziehen.
Mein Großvater schnüffelt aufgeregt daran. Für ihn ist es das Highlight des Tages, wenn ich Essen mit nach Hause bringe. Er verhält sich dann, wie ein kleiner Junge zu Weihnachten, der es kaum erwarten kann, seine Geschenke zu öffnen.
»Soße und Fleisch?«, hakt er nach.
»Ja, Schmorbraten mit Kartoffeln, Gemüse und Soße.«
»Oh, fein«, sagt er freudig und verschwindet in der Küche.
Hastig hänge ich meine Jacke an die Garderobe, schlüpfe aus meinen Schuhen und folge meinem Großvater.
An der Küchentür begrüßt mich Waldi mit einem trägen Schwanzwedeln. Früher kam er angerannt und ist an mir hochgesprungen. Inzwischen ist es ein Wunder, wenn er überhaupt sein Körbchen verlässt, um jemanden zu begrüßen.
»Hast du Waldi schon gefüttert?«
»Natürlich!«, sagt mein Opa.
Der Küchentisch ist bereits gedeckt. Mein Opa hat die Dosen auf den Tisch gestellt und sich hingesetzt.
»Ich wärme es uns schnell auf«, schlage ich vor und nehme das Essen vom Tisch.
»Aber nicht in dem Ding da!«, erwidert mein Opa und deutet auf die Mikrowelle.
Ich muss schmunzeln. Ich bin auch nicht der größte Fan von Mikrowellen, allerdings spricht meiner Meinung nichts dagegen, darin Essen aufzuwärmen. Mein Großvater ist ein Gegner davon. Er mag im Allgemeinen keine Technik. Ihm ist alles suspekt, was nach seiner Jugend entwickelt wurde.
Ich hatte mal versucht, ihm ein Handy zu schenken, damit wir besser miteinander kommunizieren können. Erst hatte er es ungeachtet im Wohnzimmer liegen gelassen. Dann entsorgte er es einfach heimlich im Hausmüll samt SIM-Karte. Natürlich fand ich das erst Wochen später heraus und musste die Karte sofort sperren lassen. Zum Glück war das Handy nicht in die falschen Hände geraten. Das hätte sonst böse für mich enden können, da es sich um eine Partnerkarte meines Vertrags handelte.
Seitdem versuche ich, ihm keine technischen Neuerungen mehr aufzuschwatzen. Es ist schon ein Wunder, dass er die Mikrowelle noch nicht entsorgt hat. Vielleicht liegt es nur an ihrer Größe. Ihr Verschwinden würde schnell auffallen.
Mit der Anschaffung hatte ich nichts zu tun. Kurz vor ihrem Tod hatte meine Oma sie gekauft. Womöglich ist sie auch aus diesem Grund noch im Haus.
Ich hole zwei Töpfe aus dem Schrank. In einen gebe ich das Fleisch samt Soße und Kartoffeln und in den anderen schütte ich das Gemüse hinein.
Durch die Küche zieht ein leckerer Duft.
»Und wie war der erste Tag als Küchenchefin?«, fragt mein Opa, während er den Duft des Essens inhaliert.
»Verdammt anstrengend und ein Ende ist lange nicht in Sicht. Eduards Bein muss operiert werden. Er wird mindestens eine Woche im Krankenhaus bleiben und sich danach schonen müssen.«
Für mich ist es eine wertvolle Chance, die Eduard mir gegeben hat. Zum ersten Mal ist mir bewusst, dass die Führung eines eigenen Ladens mehr ist, als nur gut zu kochen.
Während mir die Mitarbeiterführung noch relativ leicht von der Hand geht - vielleicht weil ich die Leute schon eine Weile kenne und ich es auf freundschaftlicher Basis versuche - ist der Papierkram die Hölle für mich.
Falls ich den Chef länger vertreten muss, werde ich um die Abrechnung nicht herumkommen. Einerseits freue ich mich, wenn Eduard so schnell wie möglich zurückkommt und mir die Verantwortung wieder abnimmt. Andererseits wird das kein Zuckerschlecken, solange er noch nicht vollständig einsatzfähig ist. Ich sehe ihn schon vor mir, wie er in der Küche auf einem Stuhl sitzt und uns antreibt. Diese Vorstellung lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen.
»Wo ist denn meine Brille?«, murmelt mein Großvater, der sich eine Zeitschrift geholt hat und darin herumblättert. Er schaut sich suchend um.
Auch ich lasse meinen Blick durch die Küche schweifen. »Mmh, hast du schon im Wohnzimmer nachgesehen?«
»Ja, da ist sie nicht.«
»Na ja, das Essen ist sowieso gleich fertig. Danach suchen wir sie in Ruhe. Sie kann ja nicht weg sein.«
Mein Opa brummt etwas Unverständliches vor sich hin und schmeißt die Zeitschrift auf die Anrichte.
Ich belade die Teller mit Essen. Eigentlich habe ich keinen Hunger mehr. Wenn ich den ganzen Tag Gerichte abschmecken muss, habe ich am Abend kein Hungergefühl mehr. Entsprechend klein fällt meine Portion aus. Ich würde auch komplett darauf verzichten, aber ich möchte meinem Opa Gesellschaft leisten. Er ist ohnehin tagsüber schon mit Waldi alleine. Zum Mittag scheint er nie etwas zu essen. Entweder vergisst er es oder er isst ungern allein.
Als meine Oma noch da war, hatte es das nie gegeben. Sie hatte darauf geachtet, dass es ihm gut ging.
Sie fehlt mir so sehr. Ich vermisse sie jeden einzelnen Tag. Seit meiner Kindheit waren sie und mein Opa die Menschen, die mir am nächsten standen.
Als mein Vater starb, waren meine Großeltern diejenigen, die mich ohne zu zögern zu sich nahmen. Für sie muss es genauso schlimm gewesen sein, wie für mich. Immerhin hatten sie ihren Sohn verloren.
Ich erinnere mich an den Morgen vor meinem zehnten Geburtstag, als wäre es erst gestern gewesen. An diesem Tag war ich bei meinen Großeltern. Ich hatte bei ihnen übernachtet, damit mein Vater einen Männerabend mit seinem besten Freund machen konnte. Die beiden hatten jede Menge Spaß, bevor mein Vater sich auf den Heimweg machte. Nur leider kam er nie zu Hause an. Unterwegs sah er, wie sich zwei Kerle über eine Frau hermachten. Wie er nun mal war, überlegte er nicht lange und griff ein. Die Typen wandten sich sofort ihm zu, dadurch konnte die Frau fliehen. Sie hatte die Polizei gerufen. Kurz nach ihnen traf auch ein Krankenwagen ein. Doch für meinen Vater kam jede Hilfe zu spät. Seine Verletzungen waren zu schwer. Die beiden Schläger traten noch nach ihm, als er bereits bewusstlos am Boden lag.
Wir saßen gerade beim Frühstück, als die Polizei eintraf und meinen Großeltern den Verlust ihres einzigen Sohnes mitteilte. Ich hatte das Gespräch belauscht. Anfangs fand ich es so aufregend, dass wir Besuch von zwei Polizisten hatten. Das ging aber vorbei, sobald ich erfuhr, warum sie da waren. Ich brach in Tränen aus und konnte mich stundenlang nicht beruhigen.
Die Täter wurden nie geschnappt. Sie laufen irgendwo da draußen ungestraft herum und dürfen ihr Leben einfach so weiterführen, nachdem sie meinem Vater seines nahmen.
Bei dem Gedanken spüre ich Wut in mir hochkochen. Wut auf die Kerle, Wut auf die Frau und Wut auf meinen Vater. Warum musste er sich einmischen und den Helden spielen? Er hätte sich auch zurückziehen und die Polizei rufen können. Genauso wie die Frau um diese Uhrzeit nicht allein zu Fuß unterwegs sein musste. Wenn sie nicht dort gewesen wäre, würde mein Vater vielleicht noch leben.
Ich weiß, wie mies und falsch diese Gedanken sind und auch, dass die alleinige Schuld bei den beiden miesen Kerlen liegt, aber ich kann nicht anders. Diese Wut ist die einzige Möglichkeit, mit der Trauer besser umgehen zu können.
Wenn ich meinen Opa anschaue, denke ich automatisch an meinen Vater. Die beiden sehen sich so verdammt ähnlich. Auch ich habe ihre Augen. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich meinen Vater. Er ist immer präsent.
Schweigend sitzen wir nebeneinander. Während ich mein Essen von der einen auf die andere Seite schiebe, verschlingt mein Opa seine Portion.
***
»Oh nein, nicht jetzt«, fluche ich, als mein Handy klingelt.
Meine Hände sind mit Creme verschmiert, weil ich gerade dabei bin, mir das Gesicht einzucremen.
Hastig wische ich die Creme an meinen Oberschenkeln ab und haste in mein Schlafzimmer. Auf dem Nachtisch leuchtet mein Handy. Das Display zeigt das Bild einer wunderschönen schwarzhaarigen Frau mit schokoladenbraunen Augen. Es ist meine Freundin Ginette. Ich muss lächeln.
»Hallo Süße«, begrüße ich sie.
»Hi Maja«, erklingt ihre Stimme traurig.
»Was ist los?«, frage ich.
Am anderen Ende der Leitung ist ein Schniefen zu hören.
»Gini?«
»J-Ja, ich bin noch da.«
»Was ist passiert?«
»Pascal … Er hat eine andere«, schluchzt sie.
»So ein Mistkerl!«, fluche ich. »Woher weißt du das? Hat er es dir gesagt?«
»Nein, ich habe sie gesehen.«
»Was? Wann? Wo?«
»Eben habe ich sie Händchen haltend im Park gesehen.«
»Was? Händchen haltend? Kennst du sie?«
»Nein. Keine Ahnung, wer sie ist, aber die beiden sahen so vertraut miteinander aus.«
»Hast du Pascal zur Rede gestellt?«
»Nein. Ich habe mich versteckt.«
»Du hättest ihn zur Rede stellen sollen.«
»Vielleicht …«
»Wo bist du?«
Am anderen Ende der Leitung herrscht Stille.
»Gini?«
»Äh, ich sitze im Auto.«
»Wo?«
»Keine Ahnung. Als ich die beiden gesehen habe, bin ich nach Hause gefahren und habe meine Sachen gepackt.«
»Was? Wieso hast du deine Sachen gepackt? Es ist eure gemeinsame Wohnung!«
»Ich weiß, aber ich will da nicht mehr sein.«
»Verstehe. Willst du herkommen?«
Wieder ist es still in der Leitung.
»Gini! Komm her! Es sei denn, ich soll zu dir kommen.«
»Nein, ich komme … Danke, Maja.«
»Fahr vorsichtig, Süße. Wenn du da bist, klingelst du mich auf dem Handy an, ja? Mein Opa schläft schon.«
»Klar, danke.«
Bevor ich antworten kann, hat Gini aufgelegt.
Ich atme tief durch und mache mich auf eine lange Nacht gefasst.
Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass Pascal Gini hintergehen könnte. Die beiden waren für mich das absolute Traumpaar. Insgeheim habe ich sie immer beneidet und mir gewünscht, auch einem Mann wie Pascal zu begegnen.
Ich schleiche die Treppe nach unten und mache mich auf die Suche nach Alkohol und Fresskram. Waldi sieht mich gelangweilt an, als ich an ihm vorbei in die Küche zum Kühlschrank gehe, um die Flasche Sekt zu holen. Eigentlich steht sie dort für besondere Anlässe, aber Liebeskummer scheint mir auch ein Anlass zu sein. Mal davon abgesehen ist es der einzige Alkohol, der da ist.
Dann schaue ich ins Tiefkühlfach, ob noch Eis da ist. Gini liebt Schokoeis. Normalerweise habe ich immer eine Packung vorrätig. Doch statt Schokoladeneis finde ich die Lesebrille meines Opas, die wir nach dem Abendessen erfolglos suchten. Dabei hatte ich das ganze Haus auf den Kopf gestellt.
Mein Opa war so frustriert, dass er nach ein paar Minuten bereits aufgegeben hatte und lieber schlafen gehen wollte.
Also musste ich mit Waldi vor die Tür. Heute war er besonders stur, weil es ein bisschen genieselt hatte. Es dauerte ewig, bis er sein Abendgeschäft verrichtete.
Ich frage mich, wie die Brille in das Eisfach gelangen konnte. Langsam mache ich mir wirklich Sorgen um die Vergesslichkeit meines Großvaters. Wenn ich ihn doch nur zu einem Arztbesuch überreden könnte.
Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, vibriert das Handy in meiner Hand. Ohne drauf zu schauen, weiß ich, wer es ist.
Ich haste zur Tür und nehme eine verheulte Gini in Empfang. Ohne ein Wort zu sagen, lässt sie sich in meine Arme sinken und schluchzt.
Ich drücke sie fest an mich und streichle ihr sanft über den Rücken, bis sie sich von mir löst.
»Lass uns nach oben gehen!«, flüstere ich.
Gini nickt und steigt die Treppe hinauf.
»Ich komme gleich nach«, sage ich leise und gehe in die Küche zurück.
Ich schnappe mir die Flasche Sekt und finde in einem der Hängeschränke noch eine Tüte Chips und eine Schachtel Pralinen. Beides nehme ich mit nach oben und mache mir gedanklich eine Notiz, die Vorräte wieder aufzufüllen.
Zuerst schaue ich in meinem kleinen Wohnzimmer nach meiner Freundin, doch es ist leer.
Im Schlafzimmer finde ich sie dann in meinem Bett liegend.
Ich lege die Vorräte auf dem Nachtschränkchen ab, setze mich neben Gini und streichle ihr über den Kopf.
Mit verheulten Augen schaut sie mich an. »Wie konnte er mir das antun?«, flüstert sie.
Mir fehlen die Worte. Was soll ich auch dazu sagen? Ich an ihrer Stelle hätte Pascal zur Rede gestellt, statt einfach davon zu laufen. So ein überstürzter wortloser Auszug wäre nicht mein Stil gewesen, aber was weiß ich schon. Ich bin seit zwei Jahren Single und ein schlechter Ratgeber in Beziehungsfragen.
Gini geht es ohnehin mies genug, da muss ich sie nicht auch noch mit meinen Ansichten weiter hinunterziehen. Stattdessen höre ich ihr einfach zu und bin für sie da.
4. Maja - Samstag
Leise schleiche ich mich nach unten in die Küche. Obwohl ich heute etwas länger liegen geblieben bin und auf meine morgendliche Joggingrunde verzichtet habe, bin ich todmüde.
Es ist kein Wunder. Bis um vier Uhr morgens musste ich meine beste Freundin trösten. Dann ist sie in einen tiefen Schlaf gefallen.
Pascal hatte einige Male versucht, mich telefonisch zu erreichen. Nach dem ersten Versuch stellte ich mein Handy auf lautlos. Ich hatte keine Lust, mich mit ihm auseinanderzusetzen.
Gini hatte ihr Handy sofort ausgeschaltet, als sie bei mir war. Zu dem Zeitpunkt hatte Pascal noch nichts von ihrem Auszug bemerkt. Seine Kontaktversuche begannen erst kurz vor Mitternacht.
Der gestrige Tag schlauchte mich. Obwohl ich völlig fertig war, lag ich eine Weile wach, bis ich endlich einschlafen konnte. Die Ereignisse der letzten Stunden beschäftigten mich sehr.
»Waldi, komm!«, rufe ich und gehe zur Tür, um sie zu öffnen.
Der Dackel macht keine Anstalten, sich in Bewegung zu setzen.
»Na los, komm schon!«, sage ich ein weiteres Mal und klatsche in die Hände. »Los! Die Sonne scheint, du kannst heute dein Geschäft im Trockenen verrichten.«
Als ob er mich verstanden hätte, erhebt er sich schwerfällig und kommt auf mich zu. Noch bevor er mich erreicht hat, gehe ich nach draußen. Waldi folgt mir.
Es dauert nicht lange, bis er fertig ist und wieder zurück ins Haus trottet. Ich folge ihm. Mein Weg führt mich in die Küche.
Ich schalte die Kaffeemaschine ein und decke den Tisch.
»Guten Morgen«, brummt mein Großvater. Er kommt in die Küche geschlürft und lässt sich an seinem Stammplatz fallen.
»Ich habe Waldi schon rausgelassen«, sage ich.
Mein Opa nickt. »Kriegen wir Besuch zum Frühstück?«, fragt er mit festem Blick auf das dritte Gedeck.
»Gini hat bei mir übernachtet«, erkläre ich.
»Aha.« Sein fragender Blick durchbohrt mich. Er will wissen, ob es einen Grund dafür gibt, aber er würde mich nie danach fragen.
»Sie hat Ärger mit Pascal«, sage ich und winke ab.
»Ärger?«, kreischt meine Freundin, die plötzlich hinter mir steht.
Ich zucke vor Schreck zusammen.
»Ich habe keinen Ärger mit dem Mistkerl! Er betrügt mich!«, sagt sie wütend und geht zu meinem Opa und drückt ihm einen Kuss auf die Wange.
Meine Großeltern mochten Gini schon immer. Sie war für sie fast wie eine zweite Enkelin.
Wir kennen uns seit dem Kindergarten. Anfangs hätte wohl niemand gedacht, dass wir irgendwann Freundinnen werden könnten. Am ersten Tag in unserer Kindergartengruppe hatten wir uns angezickt. Wir schlugen uns gegenseitig mit Sandkastenschippen und beschmissen uns mit Sand. Unsere Erzieherin hatte alle Hände voll mit uns zu tun.
Unser Krieg ließ erst nach, als wir beide von einem Jungen geärgert wurden. Er zog uns immer an den Haaren und beleidigte uns, sobald unsere Kindergärtnerin nicht hingesehen hatte. Alleine hatte keine von uns eine Chance, aber irgendwann taten wir uns im Kampf gegen ihn zusammen. Um genau zu sein, half sie mir. Als er mir mal wieder an den Haaren gezogen hatte, schlich sich Gini von hinten an und zog ihm einfach die Hose runter. So schnell, wie er mich losgelassen hatte, konnte ich gar nicht gucken. Anschließend hatte er noch wenige Male versucht, eine von uns zu ärgern. Jedoch war die andere sofort zur Stelle. Meist lief es aufs Hoserunterziehen hinaus. Ihm gefiel das überhaupt nicht. Deshalb hörte er schnell auf, uns zu piesacken und suchte sich neue Opfer.
Seitdem sind Gini und ich miteinander befreundet. Wir merkten damals, dass die jeweils andere doch nicht so doof ist, wie wir dachten.
Ginis Kindheit war kaum besser als, meine. Obwohl sie bei ihren Eltern aufgewachsen war, sie beide Elternteile bis heute noch hat, war sie viel allein. Sie war ein sogenanntes Schlüsselkind. Ihre Eltern waren nie da. Gini musste sich um sich selbst kümmern.
Ich hätte es ja verstanden, wenn die Zimmermanns so viel gearbeitet hätten, um über die Runden zu kommen. Doch sie hatten keine Geldsorgen. Sie wollten einfach Karriere machen. Das war ihnen wichtiger als ihre eigene Tochter. Deshalb war Gini oft bei uns. Als ich noch bei meinem Vater wohnte, nahm ich sie nachmittags mit zu mir. Wir machten unsere Hausaufgaben zusammen und unternahmen dann etwas.
Nachdem mein Vater nicht mehr da war und ich bei meinen Großeltern lebte, kam sie mit dorthin. Sie wurde wie ein weiteres Familienmitglied integriert.
Spätestens um neun Uhr am Abend wollte sie immer zu Hause sein, damit ihre Eltern nichts merkten. Aber ich glaube kaum, dass sie gemerkt hätten, wenn Gini komplett bei uns eingezogen wäre.
»Dann schmeiß ihn raus!«, brummt mein Großvater. Sein Blick ist zornig. Ich bin mir sicher, wenn Pascal jetzt vor ihm stünde, würde mein Opa ihm die Hölle heißmachen.
Er findet sowieso keinen Kerl gut genug für eine von uns. Das ist auch einer der Gründe, warum ich nie jemanden mitbringe. Das hatte ich ein Mal versucht, damals lebte meine Oma noch. Es dauerte keine fünf Minuten, bis ich es bereute. Mein Opa stellte David, dem armen Kerl, so viele Fragen. Es hatte nur noch gefehlt, dass er seine Fingerabdrücke genommen und eine DNA-Probe verlangt hätte.
David verschwand unter einem Vorwand und meldete sich nie wieder bei mir. Dabei fand ich ihn nett. Wir waren gerade in der Kennlernphase. Mehr als ein bisschen Rumgeknutsche und Händchenhalten lief bei uns nicht.
Nach dieser Erfahrung traf ich mich mit Jungs nur an neutralen Plätzen. Aus Angst, mir könnte ebenfalls so eine Befragung blühen, traute ich mich nicht, zu einem der Jungs nach Hause zu gehen. Es sei denn, derjenige hatte sturmfreie Bude.
»Ich bin gegangen«, antwortet Gini verlegen. Inzwischen ist ihr klar, dass sie ihn hätte rausschmeißen sollen, statt selbst zu gehen.
Mein Opa nickt ihr zu. »Du kannst hier bleiben, solange du willst. Maja macht dir bestimmt das Gästezimmer fertig.« Er sieht mich fragend an.
Ich nicke ihm zu und schau dann zu Gini. »Wenn du möchtest?«
»Gerne.« Gini lächelt gequält. Sie schaut zwischen mir und meinem Opa hin und her. »Danke, ich wüsste nicht, was ich ohne euch machen würde.«
»Hey, das ist doch klar. Wir sind schließlich Freunde«, sage ich und bin froh, dass sie das Angebot meines Großvaters annimmt.
Gini kann unheimlich stolz sein. Sie lässt sich nicht von jedem helfen und schon gar nicht von ihren Eltern. Eher würde sie in ihrem Auto schlafen, als sie um Asyl zu bitten. Dabei hätte sie das Haus die meiste Zeit für sich allein. An den Karriereplänen der Zimmermanns hat sich bis heute nichts geändert. Sie arbeiten nach wie vor rund um die Uhr. Zu Hause sind sie nur zum Schlafen.
Gini hat den Kontakt zu ihren Eltern drastisch reduziert. Sie gratuliert ihnen noch zu ihren Geburtstagen und ruft zu den Feiertagen an, geht aber selten vorbei. Um sie zu besuchen, muss Gini schon eingeladen werden. Das passiert sogar ein paar Mal im Jahr, wenn die Zimmermanns Partys schmeißen. Zu den Anlässen darf die eigene Tochter nicht fehlen, damit sie die Vorzeigeeltern spielen können.
Gini hat sich mit dieser Situation arrangiert. Was soll sie auch sonst machen? Schließlich kennt sie es nicht anders.
Umso mehr tut es mir leid für sie, dass es mit Pascal nicht funktioniert hat.
»Was machst du heute? Hast du frei?«, frage ich, als mir einfällt, dass Gini jetzt eigentlich schon arbeiten müsste. Sie arbeitet als Zahntechnikerin.
Gini schaut mich irritiert an, so als wäre ich verrückt. »Heute ist Samstag. Da habe ich für gewöhnlich frei.«
»Oh«, antworte ich und klatsche mir die Hand gegen die Stirn. In meinem Beruf als Köchin gibt es kein klassisches Wochenende. Dadurch komme ich häufig durcheinander.
Meine Freundin lächelt mich zaghaft an. »Ähm, ich kann mir ja das Zimmer zurechtmachen und meine Sachen auspacken«, schlägt sie verlegen vor.
»Das wäre toll«, antworte ich. »Ich weiß nämlich noch nicht, wie spät es heute bei mir wird. Seit gestern bin ich die stellvertretende Küchenchefin.«
»Was?«, quietscht Gini. »Warum hast du denn nichts gesagt. Das ist ja …«
»Anstrengend«, unterbreche ich sie.
»Ja, aber du wolltest doch schon immer deinen eigenen Laden haben.«
»Ja, klar. Im Moment habe ich nur eine Menge Verantwortung, ohne kreative Entscheidungen treffen zu können.«
»Es ist doch eine gute Gelegenheit für dich, in die Selbstständigkeit hineinzuschnüffeln.«
»Das stimmt. Ich weiß jetzt, dass ein eigenes Restaurant nicht nur kochen bedeutet.«
»Du schaffst das!«, motiviert mich Gini. Dann dreht sie sich zu meinem Großvater. »Ich … Ich möchte aber nicht umsonst hier wohnen.«
»Du brauchst keine Miete zahlen«, winkt mein Großvater ab. »Wenn du unbedingt etwas beisteuern willst, kannst du hin und wieder einkaufen gehen.«
Gini schaut mich fragend an.
Ich nicke ihr zu.
»Na schön«, stimmt sie zu.
»Ich muss mich langsam fertigmachen«, sage ich und springe auf. »Könnt ihr bitte den Tisch abräumen?«
»Klar«, sagt Gini. »Ich habe heute jede Menge Zeit.«
»Danke, du bist ein Schatz.«
Ich drücke erst Gini einen Kuss auf die Wange, dann meinem Großvater, bevor ich nach oben verschwinde.
Während ich immer zwei Stufen auf einmal nehme, fällt mir wieder der Brillenfund im Tiefkühlfach ein. Ich wollte Gini von dem Vorfall erzählen und sie bitten, ein Auge auf meinen Opa zu haben. Ich werde ihr später eine Nachricht schreiben.
Obwohl ich die Sache mit Gini und Pascal traurig finde, bin ich froh, meine Freundin jetzt hier zu haben. Seit Eduards Ausfall fühle ich mich etwas überfordert. Ich muss mich um so viele Dinge kümmern, da belastet mich die Vergesslichkeit meines Großvaters besonders stark.
Wenn ich ihn doch nur zu einem Arztbesuch überzeugen könnte.
Ich stehe gerade mit einem Fuß im Badezimmer, als mein Handy klingelt. Nach dem Aufstehen habe ich den Ton wieder angeschaltet, falls es etwas Wichtiges gibt.
Hastig laufe ich ins Schlafzimmer und greife nach meinem Mobiltelefon, das auf dem Nachttisch liegt. Auf dem Display leuchtet eine Nummer auf, die ich nicht kenne. Normalerweise nehme ich ungern Gespräche mit unbekannten Rufnummern an.
»Hoffentlich ist es nicht Pascal«, murmle ich. Ich bin drauf und dran, den Anrufer einfach wegzudrücken. Da ich jetzt aber stellvertretende Küchenchefin bin, kann ich mir das nicht leisten.
»Hallo?«, frage ich.
»Maja«, schreit mir eine bekannte Stimme ins Ohr. »Bist du schon im Laden?«
Mein Ohr schmerzt. Ich halte das Telefon etwas von meinem Ohr weg, bevor ich Eduard antworte. »Nein, ich mache mich gleich auf den Weg. Was gibt es denn?«
»Heute Nachmittag kommt Gregor Sander, um das Menü für übernächste Woche zu besprechen. Ich …«
»Was?«, unterbreche ich ihn. Bisher habe ich noch nie Menüabsprachen mit Kunden getroffen.
»Maja!«, herrscht er mich an. »Gregor Sander ist ein wichtiger Kunde. Er möchte sich Essen für einhundert Personen außer Haus liefern lassen. Wenn wir ihn zufriedenstellen, lässt er uns zukünftig alle seine Veranstaltungen beliefern. Wir dürfen das mit ihm nicht verpatzen!«
»Für einhundert Personen? Außer Haus? Wie sollen wir das stemmen?«, erkundige ich mich schockiert.
»Wir schaffen das! Sander ist wirklich wichtig!«
»Schon klar, aber ist es dann nicht besser, wenn wir den Termin verschieben und du mit ihm alles besprichst?«
»Normalerweise würde ich ja sagen, doch das ist zu kurzfristig. Also musst du das übernehmen.«
Ich atme tief durch. »Na schön. Ich schätze, du hast etwas ausgearbeitet, was ich ihm zeigen muss?«
»Ja. Ich habe einige Menüvorschläge vorbereitet. Du müsstest dich aber um die Koordination der Zubereitung kümmern, falls ich bis dahin noch nicht zurück bin.«
»Was? Wie stellst du dir das vor? Ich bin Köchin und keine … keine …«
»Beruhige dich! Du schaffst das schon. Heute ist erst mal das Gespräch. Auf meinem Schreibtisch findest du eine Mappe mit Vorschlägen. Herr Sander wird um vierzehn Uhr da sein. Bis dahin solltest du dich einlesen.«
»Eduard, du bist verrückt! Warum muss ausgerechnet ich das machen?«
»Du schaffst das, Maja! Ich muss jetzt Schluss machen.«
Bevor ich etwas erwidern kann, hat Eduard aufgelegt.
Ich starre mit offenem Mund die Wand an und fühle mich völlig überrumpelt.
Natürlich hat Eduard irgendwann mal den Gedanken geäußert, auch Veranstaltungen zu beliefern. Die Restaurantküche ist groß genug, um eine Ecke nur für die Cateringvorbereitungen zu nutzen. Allerdings hatte ich keine Ahnung, wie konkret seine Pläne sind. Er verlor bisher kein Wort darüber, dass übernächste Woche bereits der erste Kunde beliefert werden soll. Ich weiß noch nicht mal, ob auch Geschirr benötigt wird und wenn ja, ob sich Eduard darum gekümmert hat.
Das ist wieder einer der Momente, in denen ich meinem Chef den Hals umdrehen könnte. Bisher fand ich meinen Küchenjob ziemlich monoton. Was mir an Abwechslung gefehlt hatte, prasselt nun auf mich ein.
In meinem Kopf dreht sich alles. Es dauert einen Augenblick, bis ich mich gefangen habe.
***
»Du bist ganz schön spät! Nicht, dass der Job als Küchenchefin dir zu Kopf steigt«, rügt mich John, als ich völlig abgehetzt die Restaurantküche betrete.
»Haha«, erwidere ich und ziehe einen Schmollmund.
»Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?«
»Eduard«, antworte ich.
John schaut mich fragend an. Als ich nichts weiter sage, räuspert er sich. »Und? Was ist mit ihm?«
»Er hat mich gerade angerufen und mich darüber in Kenntnis gesetzt, dass wir übernächste Woche den ersten Kunden mit Essen für einhundert Personen beliefern müssen. Er kommt heute für die Menübesprechung vorbei.«
»Oh«, ist alles, was John dazu einfällt.
»Du sagst es. Kommt ihr eine Weile ohne mich zurecht? Ich muss mich in Eduards Unterlagen einlesen.«
»Ähm, klar. Es nützt ja nichts.«
»Danke.«
»Nicht dafür. Ich frage mich nur, wie Eduard sich das vorstellt. Wenn er zusätzlich Essen außer Haus liefern möchte, muss er mehr Personal einstellen. Ich glaube kaum, dass wir das auch noch hinbekommen.«
Ich seufze. »Ich weiß. Bevor ich ihn fragen konnte, hat er einfach aufgelegt. Ich versuche, den Termin heute irgendwie zu bewältigen und danach mache ich mir Gedanken, wie wir das schaffen sollen.«
John nickt und widmet sich seiner Arbeit.
Ich verlasse die Küche und gehe in Eduards Büro. Sein Schreibtisch ist ein einziges Schlachtfeld. In der Küche ist er so ordentlich und hier liegt alles kreuz und quer herum.
Wieder klingelt mein Telefon. Ich zucke vor Schreck zusammen und krame es aus der Hosentasche. Der Name auf dem Display lässt mich aufstöhnen. Es ist Pascal. Ich schwanke, ob ich den Anruf einfach wegdrücken oder annehmen soll. Die Aussicht, er könnte mich den ganzen Tag belästigen, bringt mich dazu auf das grüne Symbol zu drücken.
»Was willst du?«, frage ich schroff und verzichte auf eine Begrüßung.
»Na endlich, Maja! Ist Ginette bei dir? Sie ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen und ihr Telefon ist ausgeschaltet.«
»Ach, sag bloß!«, stelle ich mit trockener Stimme fest.
»Maja, bitte! Wenn du etwas weißt, musst du es mir sagen!«
»Muss ich das?«
»Maja, bitte!«
»Hör zu, Pascal! Ich habe dir nichts zu sagen. Gini übrigens auch nicht. Also hör auf, mich zu terrorisieren. Ich will weder Anrufe noch Besuche von dir, klar?«
»Maja, was ist los?«
»Das fragst du Allenernstes mich? Gini hat euch gesehen.«
»Oh.«
Es herrscht Schweigen.
Pascal weiß genau, worum es geht, sonst würde er nachhaken.
»War es das?«, erkundige ich mich nach einer Weile. »Ich habe zu tun.« Ohne eine Antwort abzuwarten, lege ich einfach auf.
Ich wühle mich durch einen Berg Papiere, bis ich tatsächlich einen Schnellhefter mit der Aufschrift Sander - Software Construction entdecke. Neugierig klappe ich den Hefter auf und lese, was Eduard sich ausgedacht hat. Bereits nach dem ersten Vorschlag weicht mir die Farbe aus dem Gesicht. Das Menü besteht aus vielen aufwendigen Komponenten. Der Aufwand, es für einhundert Personen zuzubereiten, übersteigt unsere Kapazitäten. Wenn wir es in der Stammbesetzung schaffen sollen, müssen wir das Restaurant für mindestens einen Tag schließen. Jetzt, wo Eduard ausfällt, vielleicht sogar für zwei Tage. Es ist nahezu unmöglich, das Tagesgeschäft und den Cateringauftrag unter einen Hut zu bekommen.
Ich lese weiter. Insgeheim hoffe ich auf einen Menüvorschlag, der schnell geht. Aber jedes, der fünf Angebote ist gleich aufwendig.
Meine Hoffnung, am Ende des Hefters Hinweise zu finden, wie Eduard sich den Ablauf vorgestellt hat, ist ebenso geplatzt.
Ich überlege, ob ich mir noch etwas anderes ausdenken soll, was leichter zu bewältigen ist, doch wenn ich das mache, wird Eduard mich köpfen.
Andererseits, wenn er nicht da ist, merkt er es nicht.
Mit der Mappe hetze ich in die Küche.
»John!«, rufe ich.
Mein Kollege dreht sich zu mir um und schaut mich fragend an.
»Wir haben ein Problem.« Ich deute auf den Hefter. »Die Menüvorschläge sind alle viel zu aufwendig. Wenn wir eines davon kochen müssen, schaffen wir das Tagesgeschäft nicht.«
Um ihm das zu demonstrieren, schlage ich die erste Seite auf und halte sie John vor die Nase.
Nach kurzer Zeit schüttelt mein Kollege ununterbrochen den Kopf, während er noch weiter liest. »Das wird definitiv nichts. Hat der Chef wirklich nichts von zusätzlichem Personal gesagt?«
Ich schüttle den Kopf und fasse mir nachdenklich ans Kinn. »Ich werde nach dem Termin zu ihm ins Krankenhaus fahren. Wir müssen das durchsprechen.«
John nickt. »Auf jeden Fall. In unserer jetzigen Besetzung schaffen wir das definitiv nicht.«
»Ich weiß noch nicht mal, ob Eduard sich um Geschirr gekümmert hat. Am liebsten würde ich den Termin absagen, aber Eduard meinte, dieser Sander wäre so wichtig.«
»Sander?«
»Ja, Sander.« Ich blättere zurück zum Deckblatt. »Software Construction.«
»Was?«, fragt John aufgekratzt. »Der Sander von Software Construction?«
»Ja, warum? Kennst du ihn?«
»Nein, noch nicht. Aber Sander ist ein ausgezeichneter Programmierer. Seine Software ist der absolute Hammer. Die haben sogar eine Abteilung, die Spiele entwickelt.«
»Aha«, murmle ich desinteressiert.
John hat noch nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er nach Feierabend zum Runterkommen Computerspiele spielt.
Ich kann dem Ganzen nichts abgewinnen. Technik ist im Allgemeinen nicht so mein Ding. Na ja, bis auf mein Smartphone. Ohne das Gerät kann ich nicht mehr leben. Dabei telefoniere ich kaum. Vielmehr sind es die Chats, die ich mit Gini habe. Wenn es das nicht geben würde, hätten wir manchmal tagelang keinen Kontakt. So eine Nachricht ist schneller geschrieben, als ein Telefonat zu führen.
Wobei ich auf die Chats in nächster Zeit verzichten kann. Es ist unglaublich, aber Gini und ich wohnen jetzt zusammen. Als Kinder sprachen wir oft davon, irgendwann zusammenzuziehen. Da ich im Haus meiner Großeltern die obere Etage für mich habe, hatte ich nie einen Grund, um auszuziehen. Gini musste auch noch nie alleine wohnen. Sie lebte bisher immer mit einem Mann zusammen. Selbst, wenn eine ihrer Beziehungen zu Bruch gegangen war, blieb sie nie lange Single. Irgendwie hatte sie jedes Mal einen Neuen am Start. Ich glaube, sie kann nicht alleine sein.
»Ich muss wieder«, sage ich und mache auf dem Absatz kehrt.
Mitten im Büro bleibe ich stehen und drehe mich im Kreis. Ich frage mich, ob Eduard in diesem Schlachtfeld den Kunden empfangen wollte. Einen Moment denke ich darüber nach, ob ich mich mit diesem Sander an einen Tisch im Gastraum setzen soll. Doch die Mahnung des Küchenchefs, wie wichtig dieser Typ ist, hält mich davon ab. Also muss ich hier ein wenig aufräumen.
Ich lege den Hefter auf einen der Stühle, damit ich ihn nicht aus Versehen irgendwo vergrabe und gehe zum Tisch.
Wahllos greife ich nach den Papieren, um sie ordentlich aufzutürmen. Am liebsten würde ich sie komplett vom Schreibtisch verbannen, nur weiß ich nicht, wo ich sie lassen soll. Die Schränke, die uneinsehbar sind, wurden von Eduard schon bis oben hin vollgestopft. Sie in die wenigen freien Fächer der Regale unterzubringen, würde sie auch nicht unsichtbar machen. Also kann ich sie gleich auf dem Tisch liegen lassen.
Ein letztes Mal schaue ich mich um, bevor ich den Hefter auf den Schreibtisch lege und das Büro verlasse. Auf dem Weg in die Küche gehe ich im Gastraum vorbei und gebe Charlotte Bescheid, dass ich einen Kunden erwarte.
5. Gregor - Samstag
Meine Laune ist auf ihrem Tiefpunkt, als ich den Parkplatz des Eduards erreiche. Sie wurde mit jeder Stunde schlechter. Nach dem Aufwachen war ich noch guter Dinge. Völlig motiviert bin ich in den Park gelaufen, in der Hoffnung, diese grünen Augen wiederzusehen.
Statt meiner üblichen Laufrunde habe ich ein paar Extrarunden gedreht. Ich wäre gerne länger geblieben, als die zwei Stunden.
Meine Bemühungen waren vergebens. Die Frau mit diesen Augen, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen, war nicht aufgetaucht.
Also bin ich irgendwann nach Hause gelaufen.
Nachdem ich mich einigermaßen gefasst hatte, rief ich meine Mutter an, um ihr mitzuteilen, dass ich den Freitagsessen fernbleiben werde. Sie hatte es schlecht aufgenommen und fing sogar an zu weinen. Allerdings glaube ich, ihr geht es weniger um mich, als darum, was mein Vater dazu sagen wird.
Meine Mutter hat mich regelrecht angefleht, es mir zu überlegen, aber das werde ich nicht. Tim hat recht. Die Besuche in meinem Elternhaus tun mir alles andere als gut. Hinterher bin ich jedes Mal mies drauf.
Am kommenden Freitag wird es mir besser gehen, wenn ich mit meinem besten Kumpel unterwegs bin. Er hält mir wenigstens keine Vorträge darüber, was ich doch für ein Versager bin.
Ich steige aus meinem Auto und werfe genervt die Tür zu. Ein letztes Mal atme ich tief durch und straffe die Schultern, bevor ich auf den Eingang des Restaurants zu gehe.
Ich bin gespannt, was sich dieser Eduard ausgedacht hat. In der Vergangenheit war ich schon oft mit Geschäftspartnern bei ihm, im Restaurant essen. Bisher war es immer sehr gut. Deshalb kam mir die Idee, ihn zu fragen, ob er auch außer Haus liefert. Normalerweise lassen wir uns von einem anderen Caterer beliefern. Allerdings hat die Qualität seiner Speisen in letzter Zeit nachgelassen. Die Preise sind gleich geblieben, aber die Lebensmittel scheinen minderwertiger zu sein.
Neugierig betrete ich das Restaurant. Hinter dem Tresen steht eine kleine rundliche Frau mit einem fast schwarzen Bob.
Sie bemerkt mich sofort und lächelt mich an.
Hastig gehe ich auf sie zu. »Hallo, Sander ist mein Name. Ich habe einen Termin mit Eduard.«
»Guten Tag, wenn Sie mir bitte folgen würden.«
Die Frau läuft mit schnellen Schritten davon. Ich bleibe ihr auf den Fersen. Im Vorbeigehen schaue ich mich im Gastraum um. Der Mittagsansturm ist längst vorbei. Es sind nur noch wenige Tische besetzt.
Die Servicekraft, die sich mir nicht vorgestellt hat, führt mich in ein Büro und deutet auf die Besucherstühle. »Nehmen Sie doch bitte Platz! Ich hole Frau Blum.«
Bevor ich widersprechen und erneut nach Eduard verlangen kann, ist sie verschwunden. Sie hat die Tür hinter sich geschlossen und lässt mich einfach unbeaufsichtigt zurück.
Ich würde niemals jemanden allein in meinem Büro zurücklassen. Bis auf Rosalie und Tim vertraue ich keiner Menschenseele.
Warum soll ich mit dieser Frau Blum sprechen, wenn ich doch einen Termin mit dem Küchenchef habe? Meine Laune sinkt immer tiefer. In mir braut sich etwas zusammen, dass bald wie Lava aus mir herausbrodeln wird. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis zu meinem Vulkanausbruch.
Ich lasse mich auf einen der Besucherstühle fallen und starre an die Wand mir gegenüber. Bis auf ein geschmackloses Landschaftsbild ist sie leer.
Es dauert eine Weile, bis die Tür aufgeht. Ohne mich umzudrehen, spüre ich, wie jemand den Raum betritt. Entweder ist die Person besonders leise oder sie bewegt sich nicht. Nach einer gefühlten Ewigkeit vernehme ich ein Räuspern und drehe mich um. Vor mir steht eine Frau, die ich bereits kenne. Diejenige, die ich am Morgen vergebens gesucht habe. Es ist die Besitzerin dieser wunderschönen grünen Augen.
Meine miese Laune verwandelt sich in Freude. Ich kann mich gerade noch davon abhalten, aufzuspringen und einen Freudentanz aufzuführen. Auch meine Mundwinkel wollen sich verselbstständigen und nach oben wandern. Doch ich hindere sie daran. Ein leichtes Zucken kann ich aber nicht verhindern.
Ich brauche einen Moment, um mich zu sammeln und wieder zu dem Geschäftsmann zu werden, der ich immer bin, um mir nicht auf der Nase herumtanzen zu lassen.
Sie muss mich ebenfalls wiedererkannt haben, sie scheint in eine Schockstarre gefallen zu sein. Ihr Mund steht offen und ihre Augen sind geweitet.
Ich überlege, ob ich etwas zu unserem Zusammenstoß im Park sagen soll, verkneife es mir aber, weil es unprofessionell wäre. Stattdessen warte ich, bis sie sich gefangen hat, und mustere sie. Ihr Outfit verrät mir, dass sie ebenfalls Köchin ist.
Nach einer gefühlten Ewigkeit normalisieren sich ihre Gesichtszüge und sie findet ihre Sprache wieder. »Hallo, ich bin Maja Blum! Es freut mich, Sie kennenzulernen!«
Maja Blum heißt sie also. Jetzt kenne ich ihren Namen und weiß, wo sie arbeitet.
Ich strecke ihr meine Hand entgegen. »Sander, von Software Construction. Wo ist der Chef? So weit ich weiß, habe ich einen Termin mit Eduard.«
»Ähm …«, stammelt sie verlegen. »Eduard hatte einen Unfall. Er ist im Krankenhaus und hat mich gebeten, ihn zu vertreten.«
»Na schön«, antworte ich mit ruhiger Stimme. »Dann lassen Sie mal hören, was Sie mir anzubieten haben, Maja Blum.« Ich grinse sie an.
Maja reicht mir eine Mappe. »Hier, die Vorschläge hat Eduard ausgearbeitet.«
Ich nehme ihr die Unterlagen aus der Hand und blättere darin herum. Was ich lese, klingt alles nicht schlecht. Allerdings hat Eduard die Menüvorschläge zusammengestellt. Mich würde viel mehr interessieren, was Maja für Ideen hat.
Ich setze mein Pokerface auf und frage mit gelangweilter Stimme. »Das ist alles?«
Sie schaut mich an, als hätte ich ihr ein unmoralisches Angebot gemacht. Ihre grünen Augen funkeln mich an.
Es gefällt mir, aber ich lasse mir nichts anmerken. Ich ziehe mein Spielchen weiter durch, um zu sehen, wie lange ich brauche, um sie aus der Fassung zu bringen. Ihr wütender Gesichtsausdruck macht mich total an. In meiner Fantasie stelle ich mir vor, wie ich sie packe, sie an mich drücke und sie küsse.
Reiß dich zusammen!, ermahne ich mich selber.
6. Maja - Samstag
»Geschafft!«, ruft John und schmeißt das Geschirrtuch auf die Arbeitsfläche.
»Fürs Erste«, murmle ich und beginne, das benutzte Geschirr wegzuräumen.
»Kommst du mit raus?«
Ich werfe einen Blick auf die Uhr. »Ich glaube, heute wird das nichts. Der Kunde wird jeden Augenblick hier sein.«
John nickt. »Josef?«, ruft er nach dem Azubi, der gerade dabei ist, das Geschirr zu spülen.
Erschrocken schaut er auf. »Ja?«
»Kommst du mit in den Hof?«
Josef sieht einen Moment verwirrt aus. Bisher hatte John ihn nie gefragt, ob er mit ihm nach draußen geht. Doch er fängt sich schnell wieder. »Klar, gerne«, erwidert Josef und grinst breit.
»Viel Spaß euch beiden«, rufe ich ihnen hinterher.
Ich seufze und beneide sie. Wie gern würde ich jetzt mit einem von ihnen tauschen. Frische Luft wäre mir deutlich lieber, als ein Kundengespräch zu führen. Wer weiß, wie dieser Sander so drauf ist. Es wundert mich sowieso, dass er hierher kommt. Solche Nerds verbringen doch bestimmt den ganzen Tag in irgendeinem dunklen Keller vor ihrem Computer, zumindest stelle ich sie mir so vor. Wenn ich ehrlich bin, kenne ich keinen. Es sei denn, Streber zählen mit. In unserer Klasse gab es damals zwei Jungen, die vor Ehrgeiz nur so strotzten. Sie waren zwar nett, ihnen war der Schulstoff nur immer wichtiger als ihre Mitschüler.
»Maja!«, ruft Charlotte nach mir.
»Ja«, antworte ich erschrocken. »Ist der Kunde schon da?«
»Nein, ich wollte dir Bescheid geben, dass Maike und ich jetzt Pause machen. Ich habe Moni informiert, dass du auf einen Kunden wartest.«
»Okay, danke!«
Ich werfe einen Blick auf die Wanduhr. Es ist zehn Minuten vor zwei. Ich beobachte den Sekundenzeiger. Mit jeder Bewegung wächst meine Aufregung.
Ich könnte Eduard dafür erwürgen, dass er mir das Gespräch eingebrockt hat. Er hätte es auch John machen lassen können. Er scheint ein Fan von diesem Sander zu sein und er ist zudem viel souveräner. Er wäre definitiv ein besserer Küchenchef, als ich es bin.
Meine Augen können sich nicht von dem Sekundenzeiger lösen. Es hat eine hypnotische Wirkung, ihm zuzuschauen, wie er sich immer wieder im Kreis dreht.
»Maja?«, holt mich eine Stimme in die Realität zurück.
Ich zucke zusammen und drehe mich zur Tür.
Im Türrahmen steht Moni. Sie schaut mich verwirrt an.
»Ja?«, frage ich leise.
»Der Kunde ist da.«
»O-Okay«, stammle ich und bleibe wie angewurzelt stehen.
»Ich habe ihn ins Büro geführt«, teilt mir Moni mit.
Gedankenverloren nicke ich. »Ja, danke! Ich komme gleich.«
»Gut«, erwidert Moni und wendet sich zum Gehen ab.
Ich starre ihr einen Augenblick nach, bevor ich mich wieder fange. Mein Blick wandert durch die Küche, um sicherzugehen, nichts vergessen zu haben. Anschließend atme ich tief ein, straffe die Schultern und gehe ins Büro.
Auf einem der Besucherstühle sehe ich die Rückansicht eines durchtrainierten Mannes.
Er hat mich noch nicht gehört. Während ich zum Schreibtisch gehe, räuspere ich mich, um diesen Sander nicht zu erschrecken.
Er dreht sich ruckartig zu mir um und grinst breit.
Ich erstarre. Dieses Gesicht habe ich erst vor wenigen Stunden gesehen. Es gehört dem arroganten Typen, der mich gestern beim Joggen umgestoßen hatte. Obwohl es mir vorkommt, als wäre dieser Vorfall eine Ewigkeit her - in der Zwischenzeit ist eine Menge geschehen - sehe ich die Situation noch ein Mal vor mir. Das Gesicht dieses Sanders, als er abstritt, mich gestoßen zu haben.
Niemals hätte ich damit gerechnet, ihn jemals wiedersehen zu müssen, aber nun ist er unser Kunde und ich muss freundlich zu ihm sein. Ausgerechnet zu diesem Kerl.
Ich erwache aus meiner Schockstarre, gehe auf ihn zu und reiche ihm die Hand. Mir gelingt es, ein gequältes Lächeln aufzusetzen. »Hallo, ich bin Maja Blum! Es freut mich, Sie kennenzulernen!«
Er bleibt sitzen und reicht mir die Hand. »Sander, von Software Construction. Wo ist der Chef? So weit ich weiß, habe ich einen Termin mit Eduard.«
»Ähm …«, stammle ich. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass Eduard diesen Sander über die Änderung in Kenntnis gesetzt hätte. So wie es aussieht, kümmerte sich unser Küchenchef seit seinem Sturz um nichts mehr. »Eduard hatte einen Unfall. Er ist im Krankenhaus und hat mich gebeten, ihn zu vertreten.«
Die Augen des Kunden werden größer. Er wirkt so, als würde er jeden Moment aufspringen und davon laufen wollen.
Ich setze mich hinter den Schreibtisch und mustere Sander aufmerksam. Jede seiner Gefühlsregungen versuche ich wahrzunehmen, auf der Suche danach, ob er mich erkennt. Aber so arrogant, wie der Kerl ist, hat er den gestrigen Vorfall längst vergessen. So gut, wie er aussieht, hat er bestimmt jeden Tag unzählige Zusammenstöße mit Frauen. Einige werden solche kleinen Unfälle sicher mit Absicht arrangieren.
»Na schön«, sagt Sander in einem ruhigen Ton. »Dann lassen Sie mal hören, was Sie mir anzubieten haben, Maja Blum.« Wieder liegt dieses breite unverschämte Grinsen in seinem Gesicht.
Ich wende meinen Blick von ihm ab und greife nach der Mappe, um sie ihm zu reichen. »Hier, die Vorschläge hat Eduard ausgearbeitet.«
Der Kunde nimmt die Mappe und blättert lustlos darin herum. »Das ist alles?«, fragt er, nachdem er den Hefter bis zur letzten Seite durchgeblättert hat.
»Ich verstehe nicht«, sage ich verwirrt. »Was brauchen Sie noch?«
»Vielleicht wollen Sie mir zu den einzelnen Menüs noch etwas erzählen?« Er schaut mich fragend an.
Ich schlucke. »Nun ja, die Vorschläge hat unser Chef ausgearbeitet …«
»Und was hätten Sie mir vorgeschlagen?«, erkundigt er sich herausfordernd.
»Hören Sie …«
»Nein, jetzt hören Sie mir zu! Ich möchte ein vernünftig ausgearbeitetes Menü ohne diesen ganzen Schnickschnack. Das«, er zeigt auf die Mappe, »ist nicht das, was ich will!«
Ich bin nicht in der Lage etwas zu sagen. Mit Mühe bekomme ich ein Nicken zustande.
»Ich möchte, dass Sie«, er deutet auf mich, »mir bis Mittwoch zwei Menüvorschläge ausarbeiten.«
»Bis Mittwoch? Heute ist Samstag«, widerspreche ich panisch.
»Ich weiß. Wenn Sie das nicht schaffen, muss ich mich an einen anderen Caterer wenden.«
»Na schön, haben Sie bestimmte Wünsche? Fleisch? Fisch? Vegetarisch? Vegan?«
»Nein, überraschen Sie mich! Zur Sicherheit sollten Sie aber auch etwas Vegetarisches als Alternative anbieten können.« Ohne eine Antwort abzuwarten, erhebt er sich. »Ich erwarte Sie am Mittwoch um fünfzehn Uhr in meinem Büro.« Er legt mir eine Visitenkarte auf den Tisch und verschwindet.
Ich bin unfähig, mich zu rühren und starre ihm nach.
Erst als ich Geklapper aus der Küche höre, komme ich langsam zu mir. »Was war das denn?«, flüstere ich und erhebe mich.
Ich betrete die Küche und bleibe im Türrahmen stehen. Die restliche Küchencrew hat meine Anwesenheit noch nicht mitbekommen. Ich beobachte sie und beneide jeden Einzelnen von ihnen. Keiner, der anderen muss sich mit Menüvorschlägen und eingebildeten Kunden auseinandersetzen. Sie alle machen ihren Job, so, wie unser Küchenchef es von ihnen verlangt.
John entdeckt mich als Erster. »Und wie ist es gelaufen?«
Ich schüttele den Kopf.
»So schlimm?«
»Schlimmer!«
»Das heißt?«
»Der Typ will, dass ich ihm zwei Menüvorschläge ausarbeite. Das, was Eduard vorgeschlagen hat, ist ihm zu abgehoben.«
»Ah ja. Hast du das schon dem Chef gesagt?«
Bei dem Gedanken, Eduard über das Gespräch zu informieren, wird mir flau in der Magengegend. Er wird mit der Kritik nicht umgehen können. Entweder wird er diesem Sander seine Meinung geigen oder er wird den Auftrag canceln.
»Nein.«
»Na dann viel Spaß.«
»Vielen Dank für deine aufmunternden Worte, John!«, sage ich und verziehe den Mund.
»Sorry, das war nicht so gemeint. Hast du schon Ideen für ein Menü?«
»Vielleicht. Ich brauche Vorschläge für zwei Drei-Gänge-Menüs und eine vegetarische Alternative. Und das Ganze muss bis Mittwoch fertig sein. Dieser Sander hat mich zu sich bestellt.«
»Okay, das ist nicht viel Zeit. Wenn du willst, helfe ich dir. Wir könnten uns nach Küchenschluss zusammensetzen und uns Gedanken machen.«
»Danke, das wäre toll.« Dankbar lächle ich meinen Kollegen an. »Jetzt werde ich aber erst mal versuchen, Eduard zu erreichen und ihm die Hiobsbotschaft mitteilen.«
***
»Hey Süße«, begrüßt mich Gini, als ich gerade die Haustür aufschließen will. Sie muss mir die ganze Zeit hinter einem der Fenster aufgelauert haben. Vielleicht hat sie auch nur mein Auto gehört. Es macht ordentlich Krach und hat seinen eigenen Klang.
»Hi Gini«, antworte ich erschöpft und umarme meine Freundin hastig. »Ist mein Opa schon im Bett?«, erkundige ich mich.
»Ja, ist er.« Gini löst sich von mir und geht in die Küche.
Ich folge ihr und hole mir eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank.
»Habt ihr zusammen gegessen?« Ich deute auf die Dose in meiner Hand.
»Ja, haben wir. Ich habe Auflauf gemacht. Soll ich ihn dir erwärmen?«
Ich verstaue meine mitgebrachten Essensreste im Kühlschrank und drehe mich zu Gini um. »Nein, danke. Ich habe keinen Hunger. Eigentlich esse ich abends nur wegen Opa. Er isst nicht gern allein.«
»Das musste er heute nicht. Du brauchst dir keine Sorgen machen. Allerdings …« Mitten im Satz bricht sie ab und dreht sich zu mir um. Ihr Gesichtsausdruck verrät, dass sie mir nun etwas Unerfreuliches sagen wird. Wenn ich ehrlich bin, habe ich eine Vermutung.
Ich atme tief durch und wappne mich für die Hiobsbotschaft. »Ja?«, frage ich flüsternd.
»Du hast mir ja erzählt, dass dein Opa Dinge verlegt und sie an den unmöglichsten Orten auftauchen. Heute ist etwas Schlimmes passiert, also fast …«
»Gini, bitte! Sag schon, was los ist!«
»August wollte heute Mittag für uns kochen, dann hat es geklingelt. Er ging zur Tür und ließ den Herd an. Danach hatte er das Essen vergessen und es ist verkohlt. Ich habe irgendwann etwas Verbranntes gerochen. Ich will wirklich nicht den Teufel an die Wand malen, aber wer weiß, was passiert wäre, wenn ich nicht zufällig hier gewesen wäre.« Gini mustert mich prüfend.
Mir steht der Mund vor Schreck offen. Der erste Schock verwandelt sich schnell in Trauer. Mein Blick ist verschleiert.
Gini nimmt mich wortlos in die Arme. »Scht, Süße. Es ist ja noch mal gut gegangen, aber wir müssen uns Gedanken wegen August machen.«
Ich nicke. Zu mehr bin ich nicht in der Lage. Inzwischen laufen mir die Tränen an den Wangen hinunter. Sie tropfen auf Ginis Pullover.
Ich schniefe und löse mich von meiner Freundin. »Ich habe dir deinen Pulli versaut«, flüstere ich und deute auf einen Fleck, der eindeutig von meiner Wimperntusche stammt. Ich hätte etwas mehr für ein wasserfestes Produkt ausgeben sollen, aber ich hielt es für unnötig, da ich normalerweise selten weine.
»Das ist doch egal. Wir müssen uns überlegen, was wir machen wollen.«
»Ich weiß«, krächze ich. »Ich wollte mit ihm längst zum Arzt gehen, um Gewissheit zu haben, ob es Altersdemenz ist. Ich habe schon seit einer Weile den Verdacht, dass es keine normale Altersvergesslichkeit ist. Doch August weigert sich und ich kann ihn nicht zwingen, oder?«
»Nein, das kannst du nicht. Aber wir könnten einen Arzt herbestellen.«
»Welcher Arzt würde das denn tun?«
»Na ja, ich hätte da vielleicht eine Idee.« Gini kaut auf ihrer Unterlippe.
»Und die wäre?«
»Kannst du dich noch an Steven erinnern?«, fragt sie.
Ich schaue sie nachdenklich an. Der Name sagt mir nichts. Mir ist niemand mit diesem Namen bekannt.
»Er ist Arzt und zufällig der Freund von Saskia.«
»Saskia?«, frage ich.
Gini schaut mich herausfordernd an, so, als müsste ich wissen, von wem sie spricht, aber ich habe ein Brett vorm Kopf.
»Jetzt mach es nicht so spannend!«, sage ich mit einem genervten Unterton. Ich hasse solche Ratespiele. Normalerweise gibt mir meine beste Freundin auch keine Rätsel auf.
»Saskia!«, sagt Gini mit Nachdruck. »Pascals Schwester!«
Endlich fällt bei mir der Groschen. »Saskia?«, frage ich mit piepsiger Stimme. »Meinst du sie und ihr Freund helfen uns, jetzt wo du nicht mehr mit Pascal zusammen bist?«
»Klar, warum nicht? Mit Saskia war ich von Anfang an auf einer Wellenlänge. Steven ist auch ganz in Ordnung.«
»Na schön. Wir können es ja versuchen.«
»Okay, dann rufe ich sie morgen an.« Gini schaut betreten zu Boden.
»Was ist?«
»Könntest du mir dafür dein Handy leihen?«
»Klar.« Ich seufze. »Was ist mit deinem?«
Gini zuckt mit den Schultern.
»Du willst wirklich nicht mit ihm reden, oder?«
»Nein, ich kann nicht.«
»Na ja …«, stammle ich.
Sie dreht den Kopf ruckartig in meine Richtung. »Was ist los?« Sie sieht mich wütend an, als hätte ich ihr soeben ihr Lieblingsspielzeug weggenommen.
»Pascal hat heute wieder angerufen. Ich bin rangegangen …«
»Und?«, unterbricht mich Gini mit finsterer Miene. »Was hat er gesagt? Was hast du gesagt?«
»Er hat mich nach dir gefragt. Er klang wirklich besorgt, weil er nicht wusste, wo du bist.«
»Und du hast es ihm erzählt«, stellt Gini fest und lässt die Schultern sinken.
»Nein, ich habe es ihm nicht erzählt, aber ganz ehrlich Süße, er kann es sich denken. Wo solltest du auch sonst sein?« Ich atme tief durch und fahre fort. »Auf jeden Fall wollte er wissen, was los ist. Ich habe ihm gesagt, dass du sie gesehen hast und er mich nicht mehr kontaktieren soll, weder telefonisch noch persönlich. Nun hoffe ich, er hält sich daran.«
»Oh Gott, meinst du, er taucht hier auf?«
Ich zucke mit den Schultern. Natürlich kann ich es mir vorstellen, aber es laut auszusprechen macht es zu real.
»Ja, er wird herkommen!«, kreischt sie und fuchtelt aufgeregt mit ihren Händen herum.
»Warum sollte er?«, versuche ich meine Freundin zu beruhigen. »Wenn er das wollte, wäre er doch längst hier, oder?«
»Vielleicht war er das …« Gini schüttelt den Kopf.
»Was?«
»Vielleicht ist er auf August gestoßen und er hat vergessen, es zu erzählen«, flüstert sie verlegen.
»Warst du heute unterwegs?«
»Ich war am Nachmittag kurz im Supermarkt, aber sonst war ich die ganze Zeit hier.«
»Okay, wir können meinen Opa ja morgen fragen, aber ich glaube es nicht. Warum sollte er ausgerechnet in der Zeit hier gewesen sein, in der du es nicht warst? Du hättest seinen Besuch garantiert mitbekommen. Du kennst doch meinen Opa. Pascal sollte sich in den nächsten Wochen von unserem Haus fernhalten. Mein Opa würde ihm die Leviten lesen, wie er es nennt.« Ich lächle zaghaft und schwelge in Erinnerungen.
Als Kind hatte mir mein Opa immer angedroht, er würde mir die Leviten lesen, wenn ich nicht anständig bin. Gemacht hatte er es nie, zumindest nicht richtig. Mehr als ein Satz, in dem er mir sagte, wie falsch mein Handeln war, brachte er nie über die Lippen. Er konnte mir einfach nie böse sein. Bei fremden Menschen ist das anders, da kann er schnell an die Decke gehen, wenn er wütend wird.
»Falls er sich überhaupt noch an Pascal erinnert.« Ginis Stimme klingt zittrig.
»Natürlich erinnert er sich an ihn! Er vergisst zwar manchmal Dinge, aber keine Menschen. Ich hoffe, dieser Steven kommt mal unverbindlich vorbei.« Ich schaue Gini ernst an. »Willst du Saskia wirklich anrufen? Sie wird dich bestimmt nach Pascal fragen?«
»Jepp.«
»Und? Wirst du ihr die Wahrheit sagen?«
Gini mustert mich. Ihr Gesichtsausdruck wirkt ungläubig. »Na klar! Warum sollte ich es ihr verheimlichen? Ich bin nicht fremdgegangen, also gibt es nichts, für das ich mich schämen müsste.«
Ich nicke gedankenverloren. »Vielleicht weiß sie es auch schon.«
Gini lacht auf. »Von Pascal sicher nicht. Er gibt nur ungern Fehler zu. Also wird er wohl kaum seine Schwester angerufen haben, um ihr zu sagen, dass er eine andere hat.«
Ich zucke mit den Schultern. »Kann sein.«
»Ich rufe sie morgen an und dann sehen wir weiter. So, nun erzähl mal, wie es mit dem Kunden genau gelaufen ist. In deiner Nachricht warst du sehr kurz angebunden.«
Ich nicke und hole tief Luft, bevor ich ihr von dem Termin mit Gregor Sander berichte. Dabei lasse ich die Begegnung im Park nicht aus. Während meiner Schilderung sagt meine Freundin kein Wort. Das braucht sie auch nicht. Ihre Gesichtszüge zeigen mir deutlich, was sie denkt. Zwischen einem Lächeln und einem ungläubigen Gesicht ist alles dabei.
»Und habt ihr jetzt die Menüvorschläge fertig?«, fragt sie, als ich ihr zuletzt von dem Brainstorming mit John erzählt habe.
Mein Kollege hat einige brauchbare Vorschläge einzelner Gerichte gemacht. Ich muss sie nur noch zusammenstellen. Die Gänge müssen perfekt aufeinander abgestimmt sein. Die neuen Speisen sind in der Zubereitung weniger aufwendig. Die Menüs lassen sich während des Tagesgeschäfts kochen. Mir steht aber immer noch die undankbare Aufgabe bevor, Eduard über die Planänderung zu unterrichten. Bis jetzt konnte ich weder ihn noch Manfred telefonisch erreichen. Zeitlich war es mir nicht möglich, ins Krankenhaus zu fahren.
Mir ist etwas mulmig vor der Reaktion des Küchenchefs. Andererseits sollte er froh sein, wenn dieser Sander irgendetwas davon akzeptiert und der Auftrag zustande kommt.
»Fast«, antworte ich gähnend. »Sei mir nicht böse, aber ich muss jetzt ins Bett.« Ich erhebe mich und gehe aus der Küche.
»Schade«, ruft Gini mir hinterher.
Ich drehe mich um und stecke den Kopf in die Küche. »Was ist los?«
»Ach, nichts Bestimmtes. Ich dachte nur, wir könnten noch ein bisschen quatschen. Das ist alles.«
»Sei mir nicht böse, aber ich bin kaputt und morgen muss ich wieder arbeiten. Am Montag habe ich erst frei.«
Gini nickt. »Na los, geh schon ins Bett.«
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