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HAUKE SCHRILLS

R.I.F.T.

Riftland - Saga

Band 1

ein dystopischer Roman

Disclaimer

Handlungen und Figuren entspringen der Phantasie. Darum sind eventuelle Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright & Impressum

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

Detailliertes Quellenverzeichnis der Bilder und Zeichnungen unter

www.haukeschrills.de

Überarbeitete 5. Auflage 2021

® 2019 Hauke Schrills

Vertrieb: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Autor:

Hauke Schrills

Schloss Straße 45

41541 Dormagen Stadt Zons

Email: info@haukeschrills.de

www.haukeschrills.de

Umschlaggestaltung:

Volker Schrills

Lektorat:

Rohlmann & Engels

www.lektorat-rohlmann-engels.com

Korrektorat:

Inhalt

Ben

Die Fahrt

Kindergarten

Unterkunft

Entdeckungen

Das Boot

Arbeit

Technik

Flucht

Auf See

Norden

Sichtung

Stählerne Riesen

Strömung

Abgeschirmt

Entscheidung

Blockade

An Land

Auf der Straße

Carlos

Ablenkung

Verrat

Gesetz

Joe

Fragen und Antworten

Anklage

zweiter Tag

Searcy

Jacksonville

Sauerstoff

Tulsa Tech

Ablöse

neue Nachrichten

Aufstand

Verlängerung

Neue Ziele

Blimp

Der letzte Zug

nach dem Regen

Blau und Gelb

Drumright

Grenzen

Rückkehr

27. März

Ben

Kopfschmerzen. Stechen im Bein. Alles tut mir weh. Müdigkeit. Ich versuche, die Augen zu öffnen. Grelles Licht blendet mich. Was ist passiert? Ich liege am Straßenrand. Um mich herum Steine und Bretter.

Wo bin ich? Meine Augen gewöhnen sich nur langsam an das grelle Licht. Ich will mich aufrichten, doch ein stechender Schmerz fährt mir ins Bein. Mein rechtes Hosenbein ist aufgerissen und mit Blut getränkt. Es ist nur eine kleine Wunde am Schienbein. Mein Knöchel schmerzt. Scheint nicht gebrochen zu sein. Zumindest kann ich ihn bewegen. Meine Kleidung fühlt sich klamm an. Verschmutzt.

Mühsam richte ich mich auf. Mein Kreuz schmerzt ebenfalls. Aber das kenne ich schon. Mit fünfundfünfzig ist Mann nicht mehr so gelenkig. Um mich herum herrscht Zerstörung. Ich bemerke Wasserflächen. Gab es eine Überschwemmung? Neben mir: zusammengefallene Häuser. Ich habe Glück, nicht erschlagen worden zu sein.

Wo bin ich? Ich will mich erinnern. Vergeblich. Mir fällt es nicht ein, habe ein Blackout. Ich konzentriere mich erneut. Doch es ist zwecklos. Die letzte Erinnerung ist ein heftiges Zerren. Darauf folgt Schwärze, Bewusstlosigkeit. Ich weiß nicht, wie lange ich hier bereits liege. Die schmutzige Kleidung wird durch Abklopfen nicht besser.

Ich drehe mich humpelnd um die eigene Achse. Keines der Häuser ist unversehrt. Zwei Fahrzeuge liegen verbeult auf der Seite. Und - sind das Kabel über den Häusern? Hochspannungsleitungen? Ich kann sie nur verschwommen erkennen. Irgendetwas stimmt mit meinen Augen nicht. Ich reibe mit den Fingern darüber. Eine Erinnerung blitzt in meinem Kopf auf. Ich bin Brillenträger. Schaue mich um – finde nichts, das wie eine Brille aussieht. Immerhin kann ich ohne sie einigermaßen sehen, nur Details verschwimmen. Schriften ebenfalls.

Benommen spüre ich die Wärme der Sonne, obwohl sie niedrig am Himmel steht. Fast wie im Urlaub im Süden. Urlaub? Wo komme ich her? Aus Deutschland? Wo bin ich jetzt? Auf keinen Fall in Deutschland. Da bin ich mir sicher. Die Pflanzen und Bäume sehen fremd aus.

Im Schatten eines zusammengefallenen Gebäudes bemerke ich eine Bewegung. Ich fokussiere meinen Blick. Auf einer Treppe neben einem dieser Häuser sitzt ein verängstigter Junge mit dunkler Hautfarbe. Seine Hose und sein T-Shirt sehen nicht besser aus als meine Kleidung. Ich schätze ihn auf 12 Jahre. Er blickt mich mit großen Augen an, weiß wohl nicht, was er von mir halten soll.

Ich gehe einen Schritt auf ihn zu, da meldet sich mein Fuß. Fast wäre ich gestolpert. Mit schmerzverzerrtem Gesicht schaue ich zu dem Jungen.

„Wie geht es dir? Bist du okay?“, rufe ich ihm zu. Sein Gesicht drückt Unverständnis aus.

„Uodajutokin?“, ruft er zurück.

Ich kann mit der Antwort nichts anfangen. Welche Sprache spricht er? Langsam wiederhole ich die Worte im Geiste. „Uodajutokin“ - es dämmert mir. „What are you talking“, das ist Englisch, genauer: amerikanisches Englisch. Ich bin in Amerika. Darum kann er mich nicht verstehen.

„Are you fine?“, frage ich auf Englisch.

Sein Gesicht hellt sich auf. „I‘m fine, and you?“

Humpelnd bewege ich mich auf ihn zu und winke ab. Er richtet sich schüchtern lächelnd auf. Anscheinend ist er unverletzt.

„Du bist verletzt“, stellt er fest.

„Nicht sehr, es geht.“ Mein Englisch ist nur mangelhaft. Für grundlegende Konversation reicht es. Meistens fehlen mir die Vokabeln. Verstehen geht wesentlich besser.

Er runzelt die Stirn. Meine Antwort war wohl nicht perfekt.

„Where are you from?“, will er wissen.

„Ich komme aus Deutschland.“ Pause.

„Wie heißt du?“, frage ich ihn.

„Ben. Und du?“

Ich erinnere mich an meinen Namen und daran, dass er für Amerikaner unaussprechlich ist.

„Nenn mich GS, mein Name ist zu kompliziert.“ Ich fand diese Abkürzungen in alten Filmen schon immer cool. AJ, JR. Warum nicht?

„Nur GS? Gut“, antwortet er.

Der Junge sieht mitgenommen aus. Sein kurzes, schwarzes Haar ist von hellem Staub bedeckt. Ebenso das Gesicht und die Augenbrauen. Das rote T-Shirt ist an der Schulter aufgerissen.

„Was ist mit deinen Eltern?“, frage ich ihn.

„Ich weiß nicht, weg.“

„Lebst du hier? Hast du hier gewohnt?“

Er nickt und zeigt auf das Haus, auf dessen Treppe er sitzt. Sie führt an der rechten Außenseite des Hauses ins Nichts. Von der oberen Etage stehen nur noch eine Giebelwand und ein Teil der Seitenwand. Man kann hineinschauen. Wenn sich dort einmal Möbel befunden haben, ist von ihnen nichts übrig geblieben. Der Schock sitzt Ben sichtlich in den Knochen.

„Weißt du, was passiert ist?“

Er schüttelt den Kopf.

„Gibt es hier – äh …“ Ich suche nach dem englischen Wort für Überlebende. „Andere Menschen. Lebende Menschen?“

„Etwas hat an mir gezogen, mich geschlagen. Dann bin ich neben der Treppe aufgewacht. Keine Ahnung, was los war.“

Nirgends sind Leichen zu sehen. Allerdings auch keine Überlebenden. Neben uns steht ein graugrünes Haus. Windschief, als wenn ein Riese es in die Hand genommen, es einmal kräftig geschüttelt und zu Boden geworfen hätte. Die gesamte Einrichtung quillt aus der Frontseite.

Rechts von uns liegt quer über der Straße ein entwurzelter Baum. Ein Rauschen lenkt mich ab. Vor uns ist der Asphalt weggerutscht. Wasser aus einem gebrochenen, unterirdischen Rohr spült die Erde immer weiter aus. Die Landschaft dahinter ist überschwemmt. Entlang der Straße jenseits der Bruchkante steht das Wasser fast einen Meter in den Häusern. Auf der rechten Seite führt eine weitere Straße nach – Süden – Westen – Osten? Ich habe die Orientierung verloren. Ich schaue auf meine Uhr. Es ist noch früh. Die Sonne steht über meiner rechten Schulter, wenn ich in die Richtung der Straße schaue. Demnach ist dort Norden.

Die Straße ist unbeschädigt. In einer großen Pfütze liegt ein umgefallener Strommast mit gerissenen Kabeln. Weitere folgen der Straße, neigen sich aber weniger dem Boden entgegen. Elektrizität wird durch diese Leitungen nicht mehr fließen. Im weiteren Verlauf sehe ich links einige Palmen, rechts Gras und niedriges Gestrüpp. Es geht leicht bergauf. Dahinter ist nichts zu erkennen. Gerade so, als würde die Welt dort enden.

„Weißt du, wohin diese Straße führt?“, frage ich Ben.

Er zuckt mit den Schultern. „Zum Highway.“ Er schaut in die Richtung.

„Normalerweise stehen da Häuser. Aber die sind weg“, sagt er mit zittriger Stimme. „Alles ist weg.“

Ich blicke zu ihm und verstehe nicht, was er damit meint.

„Alles weg“, wiederholt er und fängt an zu weinen. Er ist verzweifelt. Ich möchte ihn trösten, doch er weicht zurück und richtet sich auf. „It’s okay.“ Er wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und verwischt den Staub.

„Hast du eine Idee, wohin wir gehen können?“

Er schüttelt den Kopf. „Dorthin?“ Er zeigt in Richtung des umgestürzten Baumes.

Ich drehe mich um. Was jetzt? Zuerst sollten wir Schutz suchen. Längere Zeit zu bleiben und zu warten ergibt allerdings keinen Sinn. Mir fällt immer noch nicht ein, wie ich hierhin gekommen bin. Und wo ich genau bin.

„Warte hier!“, sage ich zu Ben und suche nach etwas, worauf ich mich abstützen kann. Eine Dachlatte liegt in der Nähe. Ich hebe sie hoch, lege sie auf die Treppe, stütze mich ab und breche sie mit dem gesunden Fuß durch. Das muss als Krücke reichen. Ben schaut schweigend zu.

„Warte hier!“, wiederhole ich.

Er nickt. Wo soll er auch hin? Hier ist nichts und niemand. In sicherem Abstand zur Bruchkante gehe ich auf die andere Straßenseite. Die Häuser auf der vom Wasser überschwemmten Seite haben zumindest noch Wände und ein Dach. Ich begebe mich in Richtung des umgestürzten Baumes. Hier sieht es aus wie nach einem Hurrikan.

Als ich näher komme, erkenne ich, dass dort ein Auto unter der Baumkrone begraben liegt. Ich gehe darauf zu. Es ist ein schwarzer Chevrolet Pick-up. Das Dach ist über der hinteren Rückbank eingedrückt und das Glas der Seitenfenster zerbrochen. Die Windschutzscheibe ist unversehrt. Die Fahrertür steht auf, aber dort komme ich nicht heran. Ein sperriger Ast liegt im Weg. Ich biege auf der Beifahrerseite einige Äste des Baumes zur Seite und kann in den Innenraum sehen. Bis auf die Glassplitter, Blätter und Äste, die überall verteilt liegen, scheint alles in Ordnung zu sein. Ohne Brille kann ich keine Details erkennen. Der Schlüssel fehlt offensichtlich. Die Ladefläche ist leer. Ich blicke nach hinten. Durch das Dickicht der Blätter kann ich von der Umgebung jenseits des Baumes kaum etwas sehen.

Ich gehe zu dem Haus zurück, wo Ben auf mich wartet.

„Wir brauchen Schatten und eine Unterkunft“, sage ich.

Er nickt. Die umstehenden Häuser sind nicht zu gebrauchen. Zu gefährlich. Die Gebäude im Wasser ebenfalls nicht.

„Hast du eine Idee, wo wir über Nacht bleiben können?“, frage ich Ben. Er versteht mein gebrochenes Englisch und zeigt wortlos in Richtung des umgestürzten Baumes.

„Hinter dem Baum“, ist seine Antwort.

„Kommst du mit?“, fordere ich ihn auf.

Er steht auf und kommt zu mir. Gemeinsam gehen wir um den umgestürzten Baum herum. Ich benutze dabei meine provisorische Krücke. Wir waten durch das seichte Wasser. Die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel.

Bei der Hitze werden die Schuhe wieder schnell trocknen, denke ich mir. Die Straße führt uns nur wenige Meter weiter. Dahinter reicht ein Meer bis zum Horizont.

Ben bleibt wie angewurzelt stehen und starrt auf das Wasser. Er fängt an zu zittern und stammelt etwas, während er auf das Meer zeigt. Ich verstehe ihn nicht, also knie ich mich vor ihm nieder.

„Wir sind hier sicher“, beruhige ich ihn und zeige auf ein Haus in der Nähe. Es ist weniger beschädigt und aus Stein gemauert. Die Fenster und das Dach fehlen. Wir treten näher heran. Innen ist der ganze Boden hoch mit Sand bedeckt.

„Das wird gehen“, sage ich zu dem Jungen.

Er wirkt noch immer recht apathisch, folgt mir aber. Wir betreten das Haus und sehen uns um. Ich erkenne keine Risse in den Wänden – wie auch, ohne Brille.

Von der Decke sind nur die Querbalken übrig. Wir gehen wieder vor die Tür.

„Sieht stabil aus. Was meinst du?“

Er nickt.

„Hier können wir äh … bleiben.“ Ich wollte „vorübergehend“ sagen, aber mir fiel das englische Wort nicht ein.

Er antwortet nur mit „okay“.

Ben ist zwar immer noch sehr wortkarg, hat sich aber ein wenig beruhigt. Er ist vermutlich erleichtert, weil jemand für ihn die Initiative ergreift.

Ich setze mich auf einen Stein, der vor dem Eingang aus dem Sand herausragt, und überlege, was wir alles benötigen. Am wichtigsten sind Wasser, Lebensmittel, Decken, Feuer und Werkzeug. Ich schaue von mir zu Ben. Kleidung wäre nicht schlecht. Wir sehen beide ziemlich heruntergekommen aus. Ein Bad könnten wir auch gebrauchen. Aber das wäre schon Luxus. Ich begutachte mein Bein. Die Wunde ist verkrustet, das Fußgelenk geschwollen, dennoch kann ich den Fuß mittlerweile besser belasten.

„Als Erstes müssen wir Wasser besorgen“, sage ich. „Am besten in Flaschen. Vielleicht ist drüben in den Häusern etwas zu finden.“ Ich zeige in Richtung des Baumes.

Er schaut mich nur an.

„Kannst du überall nachschauen?“

„Wo?“, fragt er zurück.

„Vielleicht findest du etwas in den Küchen. Aber sei bitte vorsichtig bei den zusammengefallenen Häusern.“

„Sicher“, sagt er.

„Lebensmittel wären auch gut. Ich suche nach Werkzeug und anderen brauchbaren Gegenständen.“

Ich richte mich auf und gehe zu dem umgestürzten Baum zurück. Das Ende der Baumkrone liegt im Wasser. Dort befindet sich der Eingang zum Ersten der gefluteten Häuser. Sie sind in der typischen amerikanischen Leichtbauweise errichtet worden. Mit nassen Schuhen gehe ich weiter. Das Wasser reicht mir bis zu den Knien. Neben dem Gebäude sind die Reste einer Garage zu erkennen. Langsam wate ich durch den Eingang, die Tür existiert nicht mehr. Links führt eine Treppe nach oben, rechts ist eine Garderobe. Überall schwimmt Müll, Holz und Plastik. Ich gehe einige Schritte weiter und gelange in einen großen Raum. Das Wohnzimmer? An der gegenüberliegenden Wand fehlen drei raumhohe Fenster. Ich blicke direkt in das, was einmal der Garten war. Der Pool ist für mich nur schemenhaft zu sehen.

Ich wende mich nach links. Dort führt eine Diele weiter - in ein Schlafzimmer? Spielzeuge stehen auf den Regalen. Nein. Das ist das Kinderzimmer. Ich scheue zurück, habe Angst vor dem, was ich dort finden werde. Ich wende mich ab und gehe in das gegenüberliegende Zimmer. Es ist das der Eltern. Ich drehe mich im Kreis und sehe eine weitere Tür. Mühsam zerre ich sie auf. Dahinter liegt das Bad. Bis auf das eingedrungene Wasser sieht hier alles normal aus. Ich öffne den Spiegelschrank an der Wand und finde Medikamente, Pflaster, Deodorants, verschiedene Cremes, Seife und Zahnpasta. Ich kann die Schrift auf den Packungen nicht lesen. Eine Brille wäre jetzt nicht schlecht. Eine große Plastikwanne liegt kopfüber im Wasser. Ich drehe sie um und lasse sie schwimmen. Dann fülle ich sie mit allem Brauchbaren. Anschließend verlasse ich den Raum. Im Schlafzimmer schaue ich mich noch einmal um. Im Kleiderschrank sind nur Frauenkleider. Nichts für uns. Ich versuche, eine Decke aus dem Wasser zu ziehen, lasse jedoch davon ab, da die Gefahr besteht, die eingesammelten Sachen in der Wanne zu verlieren.

Auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer überlege ich, was wir noch für unser Nachtlager benötigen. Die nassen Fundstücke müssen wir später trocken bekommen.

Ich mache einen Abstecher in die Küche. Die Hängeschränke sind teilweise von der Wand gefallen und liegen verstreut auf den darunterstehenden Schränken. Ich suche weiter. Verschiedene Dosen und Verpackungen mit Lebensmitteln. Ich kann nicht alles mitnehmen und beschließe, später zurückzukehren. Den großen Kühlschrank versuche ich erst gar nicht zu öffnen. Wenn er etwas Essbares enthält, würde das meiste durch das einfließende Wasser unbrauchbar werden. Ich durchsuche die anderen Schränke und finde Messer, Gabeln, Löffel, Öffner und stecke einiges davon ein. Ein großes Survival-Messer könnte hilfreich sein. Langsam bewege ich mich auf den Ausgang zu und verlasse das Haus. Im Wasser ist die schwimmende Schüssel leichter.

Auf dem Trockenen macht sich mein Fuß erneut bemerkbar. Ich bringe die Beute in unsere Unterkunft. Ben ist noch nicht zurück. Ich will nach ihm schauen und stehe wieder vor dem umgestürzten Baum. Ich suche nach einer Möglichkeit, nicht wieder nasse Füße zu bekommen. Vergeblich. Der Baum wird zu einem Punkt auf meiner imaginären To-do-Liste.

Ich finde verschiedene Gegenstände, Gallonen, Flaschen vor den einzelnen Häusern. Ben war offenbar erfolgreich bei seiner Suche. Da sehe ich, wie er mit einer Decke im Arm aus einem der baufälligen Ruinen klettert.

„Stopp!“, rufe ich entsetzt und laufe ihm wild gestikulierend entgegen. Erstaunt sieht er auf.

„Bist du verrückt, allein in diese Häuser zu gehen?“, blaffe ich ihn heftiger an als beabsichtigt und bereue es sogleich.

„Aber -“, stammelt er.

„Du hättest begraben werden können!“, unterbreche ich ihn. Er blickt schuldbewusst auf den Boden.

„Das ist gefährlich. Ich will nicht, dass dir etwas passiert.“ Ich schaue mir seine Ausbeute genauer an. „Wow. Toll, großartig!“

Er lächelt verlegen.

„Du bist der Beste!“, muntere ich ihn auf und lege ihm eine Hand auf die Schulter. Sein schüchternes Lächeln entblößt seine weißen Zähne. Bei diesem unschuldigen Anblick muss ich ebenfalls lächeln.

„Das muss jetzt alles rüber“, bemerke ich nachdenklich. „Zuerst das, was nicht nass werden darf“.

Hier ist schließlich niemand, der uns etwas wegnimmt, denke ich bei mir. Wir packen einige Sachen auf die große Decke und ziehen sie durch einen breiten Spalt unter dem Baum hindurch. Anschließend verstauen wir die Sachen im Haus. Nach der vierten Runde haben wir es geschafft.

Die ganze Arbeit wäre aber sinnlos, wenn wir die Sachen nicht trocken lagern können. Das Dach fehlt und es kann jederzeit hereinregnen. Die Balken sind zu hoch, um etwas darüberzulegen. Zuerst suche ich den höchsten Punkt im Raum. Der Sand ist in einer Ecke höher aufgeweht und lässt sich mit Hilfe von Brettern leicht zu einer glatten Fläche ausgleichen. Ich denke, wenn Wasser eindringt, wird es zuerst die flacheren Bereiche füllen. Ben schaut mir zu. Ich finde nicht die richtigen Worte, um ihm zu erklären, was ich vorhabe. Mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden, schaue ich mich im Nachbarraum um. Zwei herausgerissene Türblätter und einige Deckenpaneele sind für mein Vorhaben ausreichend. Ich zeige auf die Paneele und Ben hilft mir, sie in den anderen Raum zu tragen.

Die beiden Türblätter lehne ich schräg an eine Wand. Ich schaufele Sand dagegen, damit sie nicht wegrutschen. Mit einer Lage von überlappenden Brettern , die ich über die Türblätter lege, versuche ich, die Lücken zu überdecken und eine Überdachung zu bauen. Ein bisschen wackelig, aber ich bin durchaus zufrieden.

„Hier können wir alles trocken lagern. Falls es regnet“, kommentiere ich unsere Arbeit.

Gemeinsam fangen wir an, die Gegenstände darunter zu stapeln. Die Decke legen wir davor auf den Boden. Sie soll uns als Unterlage dienen.

Langsam bekomme ich Durst. Ben hat wahrscheinlich ebenfalls noch nichts getrunken.

„Bist du durstig?“, frage ich ihn und zeige auf die von ihm eroberten Flaschen. Das meiste sind Säfte oder Limonaden. Aber auch Wasserflaschen sind dabei.

„Such dir etwas aus, du musst trinken“, fordere ich ihn auf und öffne eine Wasserflasche. Zusammen legen wir uns auf die Decke. Ich starre durch die Balken in den Himmel.

Ben lehnt an der Wand und beobachtet mich. Was mag jetzt in seinem Kopf vorgehen? Niemand, den er kennt, ist hier. Keine Familie, keine Freunde. Was ist mit ihnen geschehen? Was ist überhaupt passiert?

Ist vielleicht schon Hilfe unterwegs? Ich habe noch gar nicht über unsere Situation nachgedacht. In Bruchstücken kommt die Erinnerung zurück. Offenbar habe ich Urlaub gemacht – in Florida. Ich war mit einem Auto unterwegs – allein. An das Unglück oder dessen Ursache kann ich mich nicht erinnern. War es ein Hurrikan, eine Flutwelle oder Ähnliches? Was machen wir jetzt? Sollen wir auf Hilfe warten? Ich blicke zu Ben.

„Wie geht es dir?“

„Alles okay“, antwortet er.

„Ich habe dich noch nicht gefragt, ob du verletzt bist oder Schmerzen hast“, sage ich mit entschuldigender Miene.

„Nein, nein. Ich bin okay.“

„Wie alt bist du?“ Ich beginne eine Unterhaltung, damit wir uns besser kennenlernen.

„Zwölf.“ Er räuspert sich. „Noch elf, aber nächsten Monat werde ich zwölf.“

„Wann?“, frage ich nach.

„Am 18. April, warum?“, fragt er zurück.

„Ich wollte es nur wissen.“ Ich hoffe, dass mein Englisch den richtigen Ton trifft. „Du gehst zur Schule?“, frage ich weiter.

„Junior High 6th Grade.“

„Was sind deine Lieblingsfächer?“

„Physik und Sport.“ Er wird schon lockerer.

„Physik hat mich auch immer interessiert.“

Eine kleine Pause entsteht und ich bemerke wieder, wie er mich beobachtet.

„Welche Sportart magst du am liebsten?“, frage ich weiter.

„Baseball“, kommt seine Antwort sofort, „und Football.“

Baseball kenne ich nur aus dem Fernsehen, American Football habe ich schon öfter gesehen. Ich denke nach. War ich live bei einem Spiel oder habe ich das auch im Fernsehen verfolgt?

„Was ist?“, fragt Ben.

Ich habe zu lange nachgedacht.

„Ich kann mich nicht an alles aus meiner Vergangenheit erinnern“, antworte ich ihm ehrlich. „Das kommt nur Stück für Stück zurück.“

Nachdenklich blickt er mich an.

„Das wird schon wieder“, winke ich ab.

Er lächelt. Oh Gott, mein Englisch. Bestimmt habe ich etwas Komisches gesagt. Ich lächele unsicher zurück.

„Okay, wir müssen einen Plan machen“, lenke ich ab. Er nickt wieder.

„Wir haben Getränke für ein paar Tage, aber ob und wie man was von den anderen Sachen essen kann, weiß ich nicht.“

Ben geht zu unserem Vorrat und holt eine Packung mit Cornflakes heraus, reißt sie auf, greift sich eine Handvoll und steckt sie sich in den Mund. Anschließend bietet er mir ebenfalls etwas an. Ich greife zu und probiere es.

„Oh, sehr süß“, bewerte ich die Cornflakes, „aber gut“, füge ich schnell hinzu.

Er lächelt und greift erneut zu.

„Haben wir ein Feuerzeug oder Streichhölzer?“, erkundige ich mich. „Können wir irgendwie Feuer machen? Es wäre gut, wenn wir draußen einen Feuerplatz hätten.“

Er schüttelt den Kopf und meint: „Dann müssen wir noch einmal in den Häusern nachsehen. Auf Feuerzeuge habe ich nicht geachtet.“

„Das machen wir aber zusammen.“

„Jetzt?“, fragt er nach.

Ich nicke. „Lass uns gehen.“

Ich stehe auf und trete vorsichtig auf. Die Schmerzen im Fuß haben schon nachgelassen und ich kann ihn wieder belasten.

„Tut es noch sehr weh?“ Er zeigt fragend auf mein Bein.

„Kaum noch“, antworte ich, nehme aber trotzdem den Krückstock und gehe langsam nach draußen.

Es ist schon Nachmittag und die Sonne brennt vom Himmel. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr bis zum Abend.

„Weißt du, ob es hier oft regnet?“

„Zurzeit eher selten.“

Wir gehen wieder in Richtung des Baumes.

„Den müssen wir irgendwann beseitigen. Es ist lästig, immer um ihn herum zu laufen.“

„Wie? Er ist viel zu groß“, antwortet Ben skeptisch.

„Du magst doch Physik. Uns wird schon etwas einfallen.“

Auf der anderen Seite des Baumes stehen wir wieder mit nassen Schuhen vor den Trümmern. Ich blicke auf die Stelle, an der ich aufgewacht bin.

„Wie bin ich hier hingekommen?“, überlege ich laut. Ich schaue Ben an. Er zuckt mit den Schultern.

„Vielleicht mit einem der Autos.“ Er zeigt auf die beiden Fahrzeuge. Bei dem einen handelt es sich um einen weißen Toyota SUV. Zumindest das, was von ihm übriggeblieben ist. Er muss sich mehrfach überschlagen haben. Aus dem Loch in der Straße ragt das Heck einer Limousine. Wieder erscheinen Bilder in meinem Kopf. Das ist mein Mietwagen.

„Ich kenne das Auto“, sage ich zu Ben und zeige auf den Wagen. Wir gehen gemeinsam hinüber. „Vorsichtig an der Kante!“

„Ich weiß. Ich bin nicht verrückt!“, erwidert er schroff.

„Sorry“, entschuldige ich mich. Der Wagen liegt mit der Front auf dem Grund der Spalte. Das Wasser schwappt in den Fußraum vor dem Fahrersitz. Ich drücke gegen das Heck, um zu sehen, ob er noch weiter abrutschen könnte. Aber er ist stabil.

„Warte hier!“, sage ich zu Ben und will von hinten auf den Rücksitz gelangen. Scheiben hat der Wagen keine mehr. Die Fahrertür ist herausgerissen. Der Airbag wurde ausgelöst und hängt schlapp über dem Lenkrad. Hinter dem Beifahrersitz klemmt ein schwarzer Koffer. Mein Handgepäck. Ich zerre ihn heraus und lege ihn nach hinten auf die Ablage. Darunter kommt ein graues Jackett zum Vorschein. Ich lege es neben den Koffer und klettere weiter nach vorn auf die Mittelkonsole. Irgendetwas liegt dort im Wasser, ohne Brille kann ich es aber nicht erkennen. Immer mehr Erinnerungen gelangen an die Oberfläche. In dem Jackett befindet sich das Brillenetui. Ich klettere zurück, greife in die Innentasche und hole das Etui heraus. Der Inhalt ist unversehrt.

Meine Sonnenbrille. Endlich kann ich wieder deutlicher sehen. Die Gläser sind zwar sehr dunkel, aber besser als ohne.

Ben schaut mir von außen mit verschränkten Armen zu. Ich recke einen Daumen nach oben und setze die Brille auf. Er lacht und gibt mir ebenfalls ein Okay.

Ich schaue wieder vor dem Fahrersitz nach und erkenne jetzt, dass dort mein Smartphone im Wasser liegt. Ob das noch funktioniert? Zur Sicherheit steckt es in einem stoßfesten und hoffentlich wasserdichten Gehäuse. Kopfüber hole ich es aus dem Wasser. Ich versuche mich an dem Handschuhfach, aber es lässt sich nicht öffnen. Vorsichtig klettere ich mit meinem Gepäck aus dem Wagen.

Ben lächelt mich an und meint, ich sähe cool aus. Ich grinse.

„Normalerweise trage ich eine Brille. Jetzt kann ich wieder besser sehen.“

Ben zeigt auf den Koffer. „Was ist das?“

„Ich habe den Wagen gemietet, das ist mein Handgepäck.“

Er schaut mich fragend an. „Handgepäck?“

„Ja, im Flugzeug …“ Ich halte inne und schaue auf den Wagen.

„Wo ist das andere Gepäck?“, überlege ich laut und lege die Sachen neben Ben. „Da muss noch ein Koffer sein.“ Ich will die hintere Klappe öffnen. Aber so verbeult, wie der Wagen ist, geht das nicht.

„Dafür brauchen wir Werkzeug“, sage ich zu Ben.

„Funktioniert dein Smartphone?“ Er zeigt auf das Gerät.

„Keine Ahnung. Vielleicht“, antworte ich und drücke auf die Taste. Nichts. „Entweder ist die Batterie leer oder es ist kaputt.“ Ich stecke es in die Seitentasche des Koffers.

„Hast du ein Feuerzeug da drin?“

Ich schüttle den Kopf. „Ich rauche nicht.“

Trotzdem öffne ich das Handgepäck vorsichtig. Die Sachen darin sind zwar nass, doch die Ausbeute ist nicht schlecht. Ich finde ein Hemd, ein T-Shirt, eine Powerbank als Zusatz-Akku, Kopfhörer, diverse Kabel, Adapter für Stromstecker, ein Etui mit einer Uhr, Schlüssel, Amenity-Kit aus dem Flugzeug und eine Ersatzbrille. Ich nehme sie heraus und tausche sie gegen die Sonnenbrille. Ben schaut mir gespannt zu. Für ihn ziehe ich das nasse T-Shirt hervor. Ein Souvenir aus LA – Venice Beach. Ich halt es Ben vor die Brust und sage:

„Probiere es. Ein bisschen groß, aber besser als das, was du anhast.“ Erstaunt nimmt er es entgegen.

„Danke.“ Hastig zieht er sein schmutziges, zerrissenes T-Shirt aus und schlüpft in das neue. Stolz präsentiert er es und schaut an sich herunter. „Und?“, fragt er.

„Du siehst gut aus. Wenn du noch ein wenig wächst, sitzt es perfekt.“ Er grinst. Bei der Hitze ist es ihm offenbar egal, dass es nass ist. Ich erkläre ihm die anderen Gegenstände. Von dem Parfüm spritze ich ihm ein wenig auf seine Hand.

„Bäh.“ Er rümpft angewidert die Nase.

Ich muss lachen und stecke es weg. Den Koffer lassen wir geöffnet liegen, damit die Sachen trocknen. Den Akku will ich noch nicht testen, da ich nicht weiß, ob Wasser in den Anschlüssen ist.

„Wir sollten weitersuchen“, sage ich und deute auf die Häuser.

Wir finden weitere Utensilien, Plastikfolien, Tragetaschen, jedoch nichts, um Feuer zu machen. Wir verstauen alles in den Taschen und tragen sie zum Baum hinüber. Nachdenklich schaue ich auf den Pick-up.

„Vielleicht ist in dem Wagen etwas Brauchbares. Kannst du durch das Fenster klettern?“, frage ich und zeige dabei auf die Beifahrertür.

Ich biege die Äste wieder beiseite und hebe Ben vorsichtig hoch, damit er durch das Fenster einsteigen kann. Er klappt die einzelnen Rückbänke hoch. In den Fächern finden wir eine große Plastikplane, offenbar die Abdeckung für die Ladefläche, und Werkzeug: Hammer, Schraubenzieher, Maulschlüssel, zwei Zangen. Er reicht mir alles durchs Fenster und klettert auf den Fahrersitz. Er ist halt ein Junge. Ich lache in mich hinein und verstaue das Werkzeug in einer Tasche. Plötzlich startet der Motor. Erschrocken fahre ich hoch und stoße mir den Kopf an einem Ast. Ich schaue Ben an, der strahlend einen schwarzen Gegenstand in der Hand hält. Ich muss wohl ein dummes Gesicht machen, denn er fängt laut an zu lachen. Das erste Mal, seit wir uns kennen. Es tut gut, den Kleinen so zu sehen und muss ebenfalls lachen.

„Was ist das?“, frage ich ihn.

„Remote-key“, antwortet er wissend.

Ich hätte nicht gedacht, dass der Motor noch funktioniert, nachdem hier kein Stein mehr auf dem anderen steht.

„Großartig. Kannst du den Motor wieder abstellen?“

Er nickt und drückt erneut auf den Knopf und der Motor geht aus.

„Das Auto können wir gebrauchen. Komm heraus, wir müssen mal nachsehen, wie wir den Wagen frei bekommen.“

Sofort klettert er aus dem Fenster und ich hebe ihn auf den Boden.

Dabei sind mir die Äste wieder im Weg und ich fluche.

„Alles okay“, sage ich, um seiner Frage zuvorzukommen.

Wir sehen uns die Lage genauer an. Der Baum, ich glaube, es ist ein riesiger Ahorn, besteht aus vielen einzelnen Stämmen, die wirr durcheinandergewachsen sind. Ein Stamm liegt auf der hinteren Kante des Wagendaches und hat es eingedrückt. Er misst circa 25 cm im Durchmesser. Vor der Motorhaube liegt ein großer Ast, der vom Stamm abgebrochen ist.

Ich zerre vergeblich daran. Er ist an der Bruchstelle noch mit dem Stamm verbunden. Mit dem Hammer kann ich nichts ausrichten und missbrauche den Schraubenzieher als Meißel. Gemeinsam mit Ben versuche ich, den Ast von der Spitze her wegzuziehen. Wir schaffen es zur Hälfte und geben auf.

„Wir müssen zuerst den äh …“ Was heißt Baumstamm? „Das da anheben, damit der Wagen freikommt.“ Ich zeige auf den Stamm.

„Trunk – tree trunk“, verbessert mich Ben. „Vielen Dank“, erwidere ich übertrieben.

„Gern geschehen“, antwortet er lächelnd.

Ich schaue nach oben. Die Sonne steht bereits sehr tief.

„Das schaffen wir heute nicht mehr. Ich habe Hunger, Durst und muss mir etwas ausdenken.“

Er reibt sich den Bauch, um mir zu zeigen, dass es ihm ähnlich geht.

„Wir können die restlichen Sachen auf die Rückbank packen“, sage ich und zeige auf die Taschen, die wir zusammengetragen haben.

Nachdem die Arbeit erledigt ist, gehen wir zurück in unsere Unterkunft. Schon wieder nasse Schuhe.

Ben zeigt mir, was wir essen können, und ich beschließe: „Ab sofort bist du der Koch.“

Er zieht die Stirn kraus und deutet auf sich. „Oh no, ich kann nicht kochen.“

„Aber du kennst die Lebensmittel. Ich nicht.“

Er wiegt den Kopf hin und her.

„Du möchtest bestimmt nicht meine Experimente essen.“

Er lächelt wieder. „Überzeugt“, gibt er zurück.

Nach unserem Abendmahl aus süßen Cornflakes bereite ich hinter dem Haus eine Toilette vor und zeige sie Ben. Den Abend verbringen wir schweigend vor dem Haus. Ich schaue auf das Meer, stehe auf und gehe zum Ufer. Irgendetwas stimmt hier nicht. Die Wasseroberfläche ist unnatürlich glatt. Bäume und Reste von Häusern ragen heraus.

„Hier war vorher kein Wasser.“ Ben steht hinter mir und starrt auf das Ufer.

„Sondern?“, frage ich zurück.

„Die Straße führt in die Stadt.“

„Stadt?“, hake ich perplex nach.

„Clermont“, antwortet Ben.

Davon ist absolut nichts zu sehen.

Ben schaut auf das Wasser, als fürchte er, etwas Ungeheuerliches könne daraus auftauchen. Ich knie mich hin und strecke die Hand hinein. Es ist kalt. Zu kalt. So flach, wie das Wasser hier ist, sollte es wärmer sein. Ich lecke einen nassen Finger ab und schmecke Salz.

„Das ist Salzwasser. Vom Meer oder Ozean“, stelle ich fest.

Jetzt erst fällt mir auf, dass es keine Wellen gibt. Schwimmende Äste, Bretter und andere Trümmer bewegen sich ungewohnt schnell in einiger Entfernung vorbei. Wie ein Fluss. Die Strömung muss extrem stark sein. Woher kommt sie? Und wohin fließt der Müll? Ich kehre zu Ben zurück.

„Hier gehen wir besser nicht schwimmen. Zu gefährlich.“

Wir setzen uns vor das Haus, nachdem ich eine Flasche Wasser und Limonade für uns herausgeholt habe. Schweigend sitzen wir hier, während hinter uns die Sonne immer tiefer sinkt.

„Wir gehen besser ins Haus, solange wir noch etwas sehen können.“

Ich bedeute Ben, sich auf die Decke zu legen. Anschließend decke ich ihn mit der anderen Hälfte zu.

„Und du?“, fragt er.

„Ich habe die Jacke“, sage ich und lehne mich gegen die Wand. Mein Jackett ist inzwischen trocken und muss für die Nacht reichen.

„Bleibst du bei mir?“, fragt Ben plötzlich.

Er hat offenbar Angst, allein gelassen zu werden. Verständlich. Mir geht es ähnlich. Ich bin froh über seine Gesellschaft.

„Sicher“, antworte ich und weiß gleichzeitig, dass das nicht reicht, um ihn zu beruhigen. Wir wissen nichts voneinander und ich möchte sein Vertrauen gewinnen.

„Schau mal“, sage ich, „ich kann das hier nicht ohne dich schaffen, du kennst dich hier aus. Und du brauchst mich ebenfalls.“ Er nickt.

Ich strecke ihm meine Hand entgegen. „Partner?“

„Partner!“, erwidert er und schlägt ein.

„Ruh dich jetzt aus und versuche zu schlafen.“

Er dreht sich auf die Seite und schlägt die Decke über sich. Obwohl er mit dem Rücken zu mir liegt, merke ich, dass er noch eine ganze Weile wach bleibt. Erst später wird sein Atem gleichmäßig. Ich lege mich in den aufgeschütteten Sand.

Das war ein anstrengender Tag.

28. März

Die Fahrt

Ich wache mehrmals in der Nacht auf. Als der Morgen dämmert, gehe ich nach draußen und blicke erschreckt in den Himmel. Das ganze Firmament leuchtet rot. Wesentlich intensiver als ein Sonnenuntergang und erstreckt sich in alle Himmelsrichtungen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Als wäre ich auf einem anderen Planeten. Unheimlich.

„Was ist das?“, höre ich Ben hinter mir fragen.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht ist Staub in der Luft, der die Farbe reflektiert.“

Ich kann es mir nicht anders erklären. Es sieht unwirklich und beängstigend aus. Wenn tatsächlich so viele Partikel in der Luft sind, bedeutet das nichts Gutes. Vielleicht ein Vulkanausbruch? Es würde auch einen Tsunami erklären, der alles überflutet. Aber nicht den erhöhten Meeresspiegel.

„Wie hast du geschlafen?“, frage ich Ben.

„Ganz gut.“

„Wir sollten sehen, ob wir den Wagen freibekommen. Ich würde gerne von hier weg. Mit einem Auto ist das am einfachsten.“

Ich habe vor, in der zusammengefallenen Garage neben dem Haus nach weiterem Werkzeug zu suchen. Ben zögert erst, aber folgt mir dann. Gemeinsam räumen wir die Trümmer in der Garage beiseite. Da sie im Wasser liegen, geht es leichter. Ben ist nicht bei der Sache und blickt sich immer wieder um.

„Was ist?“, frage ich ihn.

„Alligatoren. Du weißt, dass es hier welche gibt?“ Erschreckt schaue ich mich um.

„Lass uns beeilen“, antworte ich beunruhigt.

Hastig durchsuchen wir die Garage. Ben findet einen Werkzeugkasten.

Darin liegen eine kleine Axt und ein Stabfeuerzeug.

„Wir gehen besser zurück“, fordere ich ihn auf. Nach Bens Bemerkung fühle ich mich im Wasser nicht mehr sicher.

Auf dem Rückweg zeige ich auf das Feuerzeug.

„Das hätten wir gestern gebrauchen können“.

„Funktioniert es?“, fragt Ben.

„Vielleicht wenn es trocken ist. So auf jeden Fall nicht.“

Am Wagen angekommen, schaue ich besorgt zurück, kann aber keine Gefahr erkennen. Dann wende ich mich Ben zu und erkläre, was ich vorhabe. Zuerst werden wir die kleineren Äste entfernen. Da hilft uns die Axt. Anschließend müssen wir den Baumstamm anheben. Das geht nur mit einem Hebel. Wir heben den Stamm mit langen Balken über ein Lager stückchenweise an. Dann schieben wir verschieden dicke Bretter nacheinander unter den Stamm.

Das ist leichter gesagt als getan. Wir benötigen den ganzen Vormittag und sind am Ende völlig erschöpft. Inzwischen hat die Färbung am Himmel nachgelassen und die Sonne scheint unbarmherzig auf uns herab. Mützen schützen uns vor einem Sonnenbrand. Ben schuftet mit seinen fast zwölf Jahren wie ein Erwachsener. Endlich können wir es wagen.

„Ich fahre den Wagen vorsichtig heraus und du gibst mir ein Zeichen, wenn etwas nicht passt“, sage ich.

„Okay.“

Ben stellt sich ein paar Meter weiter vor den Wagen, während ich umständlich hineinklettere und mich auf den Fahrersitz begebe. Ich betätige den Starter und der Motor springt ohne Probleme an. Meine Hand greift automatisch zur Mittelkonsole, aber die Automatikschaltung ist am Lenkrad angebracht. Ich trete auf die Bremse und stelle den Ganghebel auf D. Langsam gehe ich von der Bremse. Der Wagen bewegt sich tatsächlich nach vorne. Ben gibt mir beide Daumen hoch und winkt mich zu sich. Ich fahre vorsichtig unter der Baumkrone hervor. Gerade noch rechtzeitig schaffe ich es hindurch, als hinter mir unsere Konstruktion zusammenbricht. Ben springt freudig in die Luft und kommt zu mir gelaufen.

„Gut gemacht“, lobt er mich.

„Das haben wir gemeinsam geschafft“, entgegne ich.

Ich öffne die Motorhaube und steige aus. Bevor wir losfahren, sollten wir wissen, ob alles funktioniert. Wir prüfen gemeinsam Licht, Öl, Wasser. Der Tank ist zu drei Vierteln gefüllt. Ich bin überrascht über den Zustand des Wagens.

Jetzt wo er frei ist, machen wir ihn reisetauglich. Die Türen sind verzogen und lassen sich nur schwer bewegen. Die Fahrertür binde ich mit einem Strick am Türholm fest, damit sie nicht immer wieder aufgeht. Bis zum Abend haben wir all unseren Proviant sowie die Gegenstände und Werkzeuge auf der Ladefläche des Pick-ups verstaut. Mit der gefundenen Plane decken wir die Sachen ab. Somit ist alles vor Regen geschützt. Zum Schluss wandert mein Blick noch einmal in Richtung des Mietwagens.

Ich nehme die kleine Axt und gehe zum Kofferraum. Nach einer Viertelstunde gebe ich den Versuch auf, an den Inhalt gelangen zu wollen.

„Entschuldige, ich musste es probieren“, sage ich zu Ben, der mir skeptisch zusieht.

Wir wollen den Ort verlassen, doch welcher Weg ist der richtige? Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Die trockene Straße mit den umgefallenen Strommasten oder die überflutete an der Garage vorbei.

„Ich würde diesen Weg vorschlagen, der ist wenigstens trocken“, sage ich. „Wir sollten dafür aber die - äh - Hindernisse aus dem Weg räumen.“

Ich bemerke sein Lächeln.

„Du kannst mich ruhig verbessern, wenn ich etwas Falsches sage.“

„Mach ich“, erwidert er.

Gemeinsam räumen wir den Weg von dem vorhandenen Schutt frei. So können wir in weitem Abstand die abgebrochene Straßenkante passieren. Wir steigen in den Wagen und ich starte den Motor. Dann fahren wir vorsichtig über die freigeräumte Fläche an der Kante und den Strommasten vorbei. Zweihundert Meter weiter biegt die Straße nach links ab. Ein riesiger Berg aus Sand, Schutt, Trümmern und Bäumen türmt sich vor uns auf und versperrt den Weg. Auf der rechten Seite steigt der Boden an und wir können nicht darüber hinwegsehen.

Ich mache den Motor aus und bedeute Ben, mit mir auf die Anhöhe zu gehen. Schweigend erreichen wir die Kuppe.

„Das glaube ich jetzt nicht“, sage ich entsetzt.

„Wasser“, ist alles, was Ben sagt.

Vor uns und hinter dem Schuttberg erstreckt sich wieder das Meer bis zum Horizont. Ich bemerke dieselbe starke Strömung, anhand der Gegenstände, die im Wasser an uns vorbeiziehen. Jenseits der Barrikade ist ebenfalls kein Weiterkommen.

„Na dann bleibt uns nur der andere Weg“, sage ich.

„Aber dort gibt es auch nur Wasser.“

Ich sehe die Angst in seinen Augen und beuge mich zu ihm hinunter.

„Wir schaffen das. Das Wasser ist dort nicht sehr hoch. Die Oberfläche ist ganz glatt. Unser Wagen kann das. Es ist der einzige Weg. Du wirst sehen, es wird alles gut.“

Sicher bin ich mir nicht, aber was sollen wir sonst machen. Er senkt den Kopf und nickt.

„Komm“, sage ich und gehe zum Wagen. Ben folgt mir. Wir wenden und kehren zum Startpunkt zurück, wo ich den Motor abschalte. Ben schaut mich fragend an.

„Es ist schon relativ spät und ich weiß nicht, wie weit das Wasser reicht. Ich würde lieber morgen früh starten, als in der Nacht irgendwo im Wasser stehenzubleiben.“

„Einverstanden. Schlafen wir wieder im Haus?“

„Ich denke, es ist besser, im Wagen zu bleiben.“ Ich muss an die Alligatoren denken und fühle mich im Wagen sicherer.

Mir fällt das Feuerzeug ein und ich frage Ben danach. Er steigt aus, kramt in den Taschen auf der Ladefläche herum und kehrt nach kurzer Zeit zurück.

„Und?“, frage ich.

Er hält das Feuerzeug hoch und probiert es mehrfach aus. Jedoch ohne Erfolg. Kein Funke – kein Feuer.

„Mist“, sage ich auf Deutsch.

„Was?“, will Ben wissen.

„Damn, sorry“, gebe ich auf Englisch zurück. Er grinst.

„Deine Sprache“, meint er, „hört sich komisch an.“ Ich lächele schief.

„Wir müssen also auch diese Nacht ohne Feuer auskommen.“ Dabei fällt mir ein, dass wir trockenes Holz für ein späteres Feuer gebrauchen können. Hinter der Wasserfläche finden wir vielleicht keines mehr. Ich erkläre Ben meine Überlegungen und wir stapeln kleinere Bretter, Pappe und Papier auf der Ladefläche.

„Jetzt sind wir vorbereitet“, sagt Ben zu mir.

„Es ist noch hell. Wenn du möchtest, kannst du draußen bleiben.“

Ich höre mich vermutlich wie sein Vater an. An seinem Blick merke ich, dass ich die falschen Worte gewählt habe. Wortlos dreht er sich um und trottet davon.

Diese Nacht hängen wir schweigend unseren Gedanken nach. Die Erinnerungen sind endlich zurück. Ich muss an meine Familie denken. Wie mag es ihnen gehen? Bestimmt haben sie zuhause von unserer Katastrophe gehört. Hoffentlich sind sie nicht ebenfalls betroffen. Ich mag gar nicht darüber nachdenken und beobachte Ben. Der Tag war anstrengend für ihn. Immerhin schläft er schnell ein. Der Junge tut mir leid. Wir haben bisher kein Wort über seine Familie verloren. Vermutlich verdrängt Ben, was mit ihnen geschehen ist. Was macht das mit ihm? Ich mag nicht weiter darüber nachdenken und lehne mich zurück und schließe die Augen. Die Vergangenheit kommt mir vor wie ein anderes Leben. Unwirklich und weit weg.

29. März

Kindergarten

Der Himmel hat wieder diese rötliche Färbung wie gestern. Ben ist schon draußen und mit irgendetwas beschäftigt.

„Guten Morgen“, begrüßt er mich und legt ein Buch auf die Rückbank. Dort befinden sich einige andere Sachen: ein Modellflugzeug, ein Football, weitere Bücher und eine Schachtel.

„Aus deinem Haus?“, frage ich ihn. Er nickt. „Aber jetzt bin ich fertig.“

„Steig ein“, fordere ich ihn auf.

Quietschend schließt er die sperrige Beifahrertür. Ich hatte gestern noch mein Smartphone herausgeholt. Jetzt hängt es am USB-Anschluss des Armaturenbretts. Ich hoffe, dass es sich darüber während der Fahrt auflädt.

„Fertig?“, frage ich Ben.

„Fertig“, antwortet er und hält mir eine Tüte hin.

Schon wieder Cornflakes. Unser Frühstück.

Der Motor springt an. Ich nehme das Telefon in die Hand und schalte es ein. Gespannt blicke ich auf das Display, bis das Logo erscheint.

„Super“, sage ich erleichtert.

„Was ist passiert?“, fragt Ben.

„Das Handy funktioniert.“

„Können wir telefonieren?“

„Einen Moment.“ Es dauert einige Sekunden, bis es hochgefahren ist. Doch wir werden enttäuscht.

„Kein Netz“, gebe ich zurück.

Keine Anrufe, kein Internet. Was funktioniert überhaupt noch? Der Kompass, die Uhr. Das Gerät hat viele weitere Sensoren, aber das hat Zeit. Ich schaue nach dem GPS. Funktioniert, aber es zeigt keine Satelliten an, also nutzlos. Ich bin versucht, weiter auf dem Telefon nachzusehen – Bilder, Daten –, lege es aber zurück und hebe mir das für später auf. Ich bin noch nicht bereit dafür. Emotionen bringen mich jetzt nicht weiter.

„Wir können es benutzen. Es muss nur laden.“

„Gut“, sagt er.

„Wir werden jetzt diesen Weg nehmen.“ Ich zeige auf die überschwemmte Straße. „Bin gespannt, wo wir ankommen.“

„Okay.“ Ben schaut auf die Wasserfläche. „Los geht‘s.“

Typisch amerikanisch. Alles Optimisten.

Langsam fahren wir an der Garage vorbei auf die Straße. Das Wasser ist nicht tief. Jedoch müssen wir darauf achten, in Bewegung zu bleiben. Sonst besteht die Gefahr, dass wir uns festfahren. Gleichzeitig habe ich Angst, Löcher oder Hindernisse zu übersehen, die sich unterhalb der Wasseroberfläche befinden. Ich gebe Ben zu verstehen, dass er ebenfalls darauf achten soll.

Wir umfahren den im Wasser liegenden Müll. Manche Äste an den Bäumen hängen so tief, dass wir nicht darunter herfahren können. Die Straße steigt minimal an, wodurch der Straßenbelag jetzt besser zu erkennen ist. Rechts und links wird die Straße in regelmäßigen Abständen von Bäumen begleitet. Wenige zerstörte Häuser liegen weiter zurück. Verunsichert von der Zerstörung setzen wir unseren Weg fort.

Vor uns biegt die Straße nach links ab. Die Bäume werden dichter und größer und wir können nicht mehr hindurchblicken. Gegenstände, Teile von Fassaden und Dächern, umgestürzte Bäume liegen verstreut auf dem Boden. Immer wieder umfahren wir liegengebliebene Autos. Hier muss eine gewaltige Menge Wasser durchgekommen sein.

Wir fahren mit Schrittgeschwindigkeit. Die Angst, steckenzubleiben, steht mir sicher ins Gesicht geschrieben. Keiner von uns spricht ein Wort. Es ist beklemmend.

Durch den flachen Winkel spiegelt sich der Himmel auf der Wasseroberfläche, so dass ich den Grund nicht erkennen kann. Aber Ben macht mich in regelmäßigen Abständen auf Hindernisse oder Unebenheiten aufmerksam. Seine Fähigkeit, diese Dinge rechtzeitig zu erblicken, versetzt mich in Erstaunen.

In den Ästen hängen überall die Rückstände der Zivilisation. Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass wir noch keine Tiere gesehen oder gehört haben. Kein Zwitschern, kein Zetern. Der Motor ist das einzige Geräusch in dieser absurden Welt.

Wo sind die ganzen Menschen hin? Wenn es keine Überlebenden gibt, müssten wir doch mindestens einige Leichen finden. Warum sind wir beide allein?

Ich konzentriere mich wieder auf unsere Fahrt. Hier verlaufen die Straßen absolut geradlinig. Es ist schwer zu sagen, wie viele Kilometer oder Meilen wir schon hinter uns gebracht haben.

Da macht Ben mich auf eine Einfahrt auf der rechten Seite aufmerksam.

„Elementary School“, sagt er.

Ich denke, das ist eine Art Grundschule. Es ist das erste Gebäude, an dem wir vorbeikommen, das relativ unbeschadet aussieht. Die Einfahrt steigt leicht an und erhebt sich aus der Wasserfläche.

„Sollen wir …?“ Ich deute auf das Haus. Ben zieht unsicher die Schultern hoch.

„Kennst du die Schule?“

Er nickt stumm, ohne den Blick von dem Gebäude zu wenden. Es ist ein einstöckiges Haus mit grauer Fassade und weißen Fensterrahmen. Das Dach ist mit grünen Dachpfannen gedeckt. Ich habe kein gutes Gefühl, weiß aber nicht warum.

„Wir müssen es versuchen. Vielleicht finden wir eine Erklärung oder einen Hinweis auf das, was passiert ist.“

Ben widerspricht nicht. Langsam biege ich in die Einfahrt, die zu beiden Seiten von dicken, dunkeln Holzbalken begrenzt wird.

Am Eingang angekommen bleiben wir erst einmal im Wagen sitzen und beobachten die Umgebung. Ich nehme die Axt von der Rückbank.

Ben schaut auf die Axt und anschließend zu mir. Ich weiß nicht, was ich sagen soll und mache eine entschuldigende Geste. Obwohl die Axt nichts nützt, fühle ich mich mit ihr in meiner Hand sicherer.

„Möchtest du im Auto bleiben?“, frage ich, löse den Strick an der Tür und steige aus.

Ben schüttelt den Kopf und steigt ebenfalls aus. Seite an Seite nähern wir uns dem Eingang. Eine Hälfte der Flügeltür wurde aus den Angeln gehoben, die andere steht weit offen. Wir treten ein. Vor uns lese ich auf einem Schild „Main reception“. Daran vorbei führt ein kurzer Gang weiter geradeaus. Nach links und rechts erstreckt sich ein Gang durch das ganze Gebäude. Die Spuren auf dem Fußboden zeigen, dass hier ebenfalls Wasser durchgeflossen ist. Rückstände von Schlamm und Treibgut verteilen sich auf der Fläche. Von diesem Gang geht es in die Klassenräume. Was könnte uns weiterhelfen?

„Gibt es hier eine Küche?“, frage ich Ben.

Er nickt und deutet auf den Gang vor uns. Er ist wieder wortkarg und macht keine Anstalten, in diese Richtung zu gehen. Erinnerungen können lähmen.

Ich atme einmal tief durch und setze mich in Bewegung. „Komm!“, sage ich zu Ben.

Auf der rechten Seite geht es zu verschiedenen administrativen Räumen. So interpretiere ich die Beschilderung jedenfalls. Auf der linken Seite befinden sich die Toiletten für Jungen und Mädchen. Ich gehe hinein. Die Wasserhähne funktionieren. Ich probiere das Wasser mit den Fingern, es scheint brauchbar, obwohl man es nicht trinken sollte.

„Wir können die leeren Flaschen mit Wasser füllen“, sage ich zu Ben, „und es wäre auch nicht schlecht, wenn wir uns waschen.“ Wir setzen unseren Weg fort. Am Ende des Ganges führt jeweils einer nach links und nach rechts. Auch hier geht es zu weiteren Klassenräumen. Ich lese die verschiedenen Schilder: Music suite, Stage, Staff restroom, Dining & Multipurpose und Kitchen. Endlich.

Ich zeige auf das letzte Schild und Ben nickt. Ich weiß nicht, was mich erwartet, aber ich umfasse die Axt mit festem Griff. Wir kommen an eine Glastür, die zur Küche und zur Bühne führt. Sie ist tatsächlich unbeschädigt. Ich blicke durch die Tür in den dahinterliegenden Gang.

Erschrocken taumele ich zurück und halte Ben mit einer Hand schützend auf Abstand.

Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich muss kreidebleich sein und aussehen, als hätte ich ein Gespenst gesehen. Ben weicht ängstlich vor mir zurück.

„Warte“, sage ich, als ich mich wieder gefasst habe. „Bleib hier stehen!“ Ich blicke erneut in den Gang. Hinter der Tür liegt jemand. Eine Frau. Sie muss schon länger hier liegen. Ihre Haare kleben wirr auf dem Gesicht. Die Haut ist verfärbt und die Kleidung vom Schlamm verschmutzt.

Ich höre einen erstickten Schrei hinter mir und fahre herum. Ben hat die Augen weit aufgerissen. Ich nehme ihn in die Arme, um ihn zu beruhigen. Seine Schultern beben. Wir verharren eine Weile in dieser Position, bis ich mich von ihm löse und vor ihm in die Hocke gehe.

„Wir mussten irgendwann so etwas sehen.“

Ich wünschte, ich könnte es ihm schonender beibringen und hoffe, er versteht, was ich meine. Die Frau hat vor ihrem Tod anscheinend die Glastür blockiert. In dem kurzen Gang hinter ihr weisen Schilder links zu einer Bühne und rechts zur Küche. Diese Tür ist mit einem Schrank versperrt. Was wollte sie hier? Warum hat sie sich nicht in einen der Räume zurückgezogen oder hat das Weite gesucht? Ist sie die Einzige? Sind die anderen alle geflüchtet?

Die Tür ist versperrt. Ich nehme die Axt und zerschlage das Glas, um die Tür von innen zu öffnen.

„Komm“, sage ich wieder zu Ben.

„Müssen wir dort hinein?“

Er macht keine Anstalten, mir zu folgen.

„Ich kann allein gehen. Bleib dort stehen. Ich versuche, in die Küche zu gelangen.“

Der Schrank versperrt mir den Weg und ich schiebe ihn mühsam beiseite. Die dahinterliegende Tür wurde offensichtlich mit Decken abgedichtet. Warum? Ich nehme die dünnen Decken und bringe sie zu Ben.

„Die können wir gut gebrauchen“, bemerkte ich und gehe zurück. Die Küchentür lässt sich nun leicht öffnen.

Ich brauche einige Sekunden, um das Bild zu begreifen, das sich mir bietet. Ich hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit Kindern.

In einer Ecke des Raumes sitzen sieben Kinder. Vielleicht sechs bis acht Jahre alt. Zwei Jungen und fünf Mädchen. Mit großen Augen schauen sie mich an und klammern sich aneinander. Auf dem Boden liegen verschiedene aufgerissene Packungen von Lebensmitteln. Getränkeflaschen und Tetra Paks stehen auf dem Tisch. Bis auf den Kühlschrank haben sie alle Schranktüren geöffnet. Die Kinder starren mich an. Es stinkt fürchterlich. Das Erste, was mir jetzt einfällt, ist: „Don’t panic.“

„Ben!“, rufe ich laut. „Komm her! Schnell!“

Ich drehe mich, um nach ihm zu schauen, aber er steht schon hinter mir und kann offenbar nicht glauben, was er sieht. Die Kinder fangen an zu weinen.

„Kannst du das übernehmen?“, sage ich zu Ben, „Das kann ich nicht. Nicht mit meinem schlechten Englisch.“

„Was soll ich denn sagen?“

„Du musst sie beruhigen und ihnen versichern, dass ihnen nichts geschieht. Anschließend müssen wir sie hier herausbringen.“

Ben geht auf die Kinder zu und redet beruhigend auf sie ein. Der Junge ist bemerkenswert. Ich frage mich, wie er das alles bewältigt. Aber er macht es einfach.

Er hilft einem nach dem anderen auf und will sie zur Tür führen, da fahre ich herum und rufe: „Stopp!“

Erschrocken bleiben alle stehen.

„Ich muss erst aufräumen“, sage ich zu Ben.

Die Frau im Gang hätte ich beinahe vergessen. Wir dürfen die Kinder nicht daran vorbeiführen.

„Wartet kurz hier.“

Ich eile in den Gang und lege die Axt auf den Boden. An der gegenüberliegenden Wand führt eine Tür zu der Bühne.

Mühsam zerre ich die Leiche hinter diese Tür. Mir wird dabei übel und ich muss einige Male schlucken.

„Tief einatmen“, sage ich zu mir. „Das ist nur der Sauerstoffmangel.“

Ich gehe zurück und fordere alle auf, die Küche zu verlassen.

„Bring sie zu den Waschräumen. Sie müssen sich erst einmal sauber machen. Halte sie auf jeden Fall von hier fern. Ich schau mich um und komme zu dir, wenn ich fertig bin.“

Er nickt und führt die Kinder in die Waschräume.

Ich durchsuche die Schränke in der Küche und finde weitere Lebensmittel und Getränke, zwei Kartons mit Milch in kleinen Tetra Paks und Besteck. Im Personalraum sind Sanitärartikel für die Waschräume, eine Schaufel, ein Besen. Ich durchsuche weitere Räume, bin immer auf das Schlimmste gefasst, finde aber keine weiteren Überlebenden – oder Leichen. Dafür Jacken, Hosen, Shirts, alles für die Kleinen. Vielleicht ist auch etwas für Ben dabei. Ich sammele es zusammen und trage es nacheinander zum Waschraum. Inzwischen hat sich Ben um die Kinder gekümmert und sie mit den gefundenen Sachen mehr oder weniger passend eingekleidet. Sie warten bereits am Haupteingang. Was machen wir jetzt mit ihnen? Wir können sie nicht hier zurücklassen.

„Wissen sie, was passiert ist?“, frage ich Ben.

„Sie können sich ebenfalls nicht erinnern. Ich habe ihnen gesagt, dass sie keine Angst zu haben brauchen.“ Er macht eine Pause.

„Und was noch?“, hake ich nach.

Er schaut auf seine Füße und meint: „Und dass du komisch sprichst, aber sonst in Ordnung bist.“

„Soso. Ich spreche also komisch!“ Der Versuch, dabei ein ernstes Gesicht zu machen, misslingt kläglich und wir müssen beide lachen. Die Kinder schauen uns an und wissen offenbar nicht, was sie von uns halten sollen.

„Du hast uns schon vorgestellt?“

„Jepp, Ben und Mister GS.“

„In Ordnung.“

Zu den Kindern gewandt sage ich: „Wir müssen euch jetzt in Sicherheit bringen. Hier ist niemand mehr.“

Sie schauen mich mit großen Augen an.

„Miss Katherine ist noch hier!“, sagt einer der Jungen.

„Wer ist Miss Katherine?“, frage ich zurück.

„Unsere Lehrerin.“

Ob das die Tote ist? Dann hat sie die Tür zur Küche versperrt. Sie hat diese Kinder gerettet und dabei ihr Leben gelassen.

„Nein, tut mir leid. Sie ist auch schon gegangen“, sage ich zu ihm.

„Erklärst du ihnen, dass sie mit uns kommen müssen?“, fordere ich Ben auf. „Sie können nicht hierbleiben.“

Das ist unfair, ich weiß. Aber ich glaube, Ben kann am ehesten ihr Vertrauen gewinnen. Ich bin zu fremd, zu merkwürdig.

„Ich gehe mich sauber machen“, sage ich und sehe, dass Ben die Gelegenheit bereits genutzt hat.

Nach ausgiebiger Wäsche fühle ich mich viel besser. Danach ziehe ich meine Kleidung durch das Wasser, um den gröbsten Schmutz zu entfernen. Reichlich nass suche ich anschließend alles zusammen. Während ich den Wagen mit den Fundsachen belade, überlege ich, wie wir die Kinder unterbringen. Fünf auf der Rückbank wird schon eng. Einer könnte auf der Mittelkonsole sitzen und einer vorne bei Ben.

Ich möchte ungern eines der Kinder auf die Ladefläche verbannen. Ich könnte ein Kind auf den Schoß nehmen. Aber das kann keine Lösung auf Dauer sein.

Über die Beifahrertür klettern sie auf die Rückbank, die beiden Jungen setzen sich Rücken an Rücken auf die Mittelkonsole. Trotz des eingedrückten Daches haben die Kinder genug Platz.

Bevor wir losfahren, frage ich einmal in die Runde: „Hat jemand Durst oder Hunger?“

Vereinzelt nicken sie. Nach und nach stimmen alle mit ein.

„Okay. Ben und ich besorgen etwas von der Ladefläche.“

In der Küche habe ich für eine Woche Wasser, Säfte, Limonaden und Milchgetränke gefunden. Außerdem Brote, diverse Aufstriche, die ich nicht kenne, und Cornflakes, zumindest sieht es für mich so aus. Sogar Nudeln sind dabei.

Nachdem alle versorgt sind, starte ich den Wagen, um ihn gleich darauf wieder auszumachen. Ich überlege.

„Was ist?“, fragt Ben.

„Ich habe etwas vergessen. Dafür brauche ich ein paar Minuten.“

Ich steige aus und nehme die Schaufel von der Ladefläche.

„Warte hier und pass auf die Kleinen auf.“

Ich verschwinde in dem Gebäude und gehe zu der Toten. Mir widerstrebt es, sie hier nicht verrotten zu lassen.

Ich suche hinter der Schule nach einer geeigneten Stelle. Dann schaffe ich sie durch einen Seiteneingang hinaus und schaufle in dem Sand vor einem Strauch eine Mulde. Nicht sehr tief, aber es reicht. Anschließend lege ich sie hinein und bedecke den leblosen Körper mit dem Sand und einigen Ästen sowie großen Steinen, die hier herumliegen. Ich fühle, dass mich jemand beobachtet, und drehe mich um. Die Kinder stehen an der Hauswand und schauen zu mir herüber.

„Ich konnte sie nicht einfach liegenlassen“, sage ich zu Ben und hocke mich vor die Kleinen. „Eure Lehrerin, Miss Katherine, hat euch beschützt und gerettet.“

„Ist sie tot?“, fragt eines der Mädchen.

„Sie ist jetzt im Himmel“, sage ich und muss schlucken, bevor ich weitersprechen kann. „Sie wird euch von dort aus beschützen.“

„Kommt, wir müssen jetzt gehen“, sagt Ben und fordert die Kleinen auf, in Richtung Pick-up zu gehen.

Ich blicke ein letztes Mal auf das provisorische Grab und folge schließlich den Kindern.

Wir fahren mit gemischten Gefühlen auf die Straße zurück. In den nächsten Minuten spricht keiner ein Wort. Jeder ist mit einer Trinkflasche, einer Verpackung oder mit sich selbst beschäftigt.

Was geht in den Köpfen der Kinder vor? Was erwarten sie von uns?

Mir wird nur langsam bewusst, dass ich jetzt die Verantwortung für die Kleinen trage. Wie soll das funktionieren? Ich weiß immer noch nicht, was passiert ist und wo wir hinfahren können. Was erwartet uns? Hört das Wasser irgendwann auf? Was geschieht, wenn wir keine Nahrung mehr finden? Wo sind nur alle Menschen hin?

Wir folgen weiter dieser Straße. Überall begegnen uns Reste von Häusern, Autos, Bäumen und was die Zivilisation sonst noch hergibt. Die Kinder ahnen, dass etwas nicht stimmt und verhalten sich ungewöhnlich ruhig.

Nach einigen Kilometern steigt die Straße an und wir gelangen auf die trockene Fahrbahn. Der Asphalt ist teilweise weggespült und wo das nicht der Fall ist, sind große Risse zu erkennen. Vorsichtig umfahre ich die Gefahrenstellen. Ben ist dabei mein Lotse.

Auf einer übersichtlichen Anhöhe halten wir an. Von hier aus sieht man nur Wiese, Gestrüpp und Bäume. Die Landschaft ist hügelig, keine Berge, nur kleine Hügel. Sie sind so hoch, dass wir nur bis zu der nächsten Erhebung sehen können, aber nicht das, was sich dahinter verbirgt. Ich dachte, Florida sei flach und eben. Hier sieht das völlig anders aus. Bevor ich aussteige, begutachte ich unsere nähere Umgebung. Nur wenige Gegenstände liegen hier verstreut, dennoch sind die Spuren der Katastrophe sichtbar. Ich kann mir nicht erklären, was solch eine Zerstörung verursacht. Vielleicht doch ein Hurrikan?

„Wir machen jetzt eine kleine Pause, um uns die Beine zu vertreten. Bitte alle aussteigen.“

Auf der Wiese im Schatten eines Baumes rufe ich sie zusammen.

„Setzt euch einmal hier hin.“

Die Sonne scheint wieder intensiv und meine Sachen sind beinahe trocken. Die Kinder krabbeln lustlos aus dem Auto und kommen zu mir. Wir setzen uns in einem Kreis auf den Rasen.

„Ihr wisst alle, wie ich heiße. Aber ich kenne eure Namen noch gar nicht.“ Mann, was für ein Englisch. Grauenhaft. Zu Ben sage ich: „Du verstehst, was ich meine?“

Er ergreift die Initiative und fordert einen nach dem anderen auf, sich vorzustellen. Ich versuche, mir die Namen zu merken.

Sophia ist sieben Jahre alt, brünett, zart gebaut.

Mia ist neun und ihre ältere Schwester. Sie ist größer und hat lange braune Haare.

Mason, acht Jahre, dunkelblond, dunkle Augen, macht einen aufgeweckten Eindruck.

Hannah, sieben Jahre, blond, mittellanges Haar, blaue Augen, blasse Hautfarbe.

Alexander, ebenfalls acht wie Mason, kurze braune Haare, graugrüne Augen.

Emma, sieben, lange dunkelblonde Haare, kleiner als Hannah, beobachtet alles sehr aufmerksam.

Olivia, neun Jahre, dunkle Hautfarbe wie Ben, mit schwarzem langem Haar. Sie ist nach Mia die Zweitgrößte in der Runde.

„Wann können wir nach Hause?“, fragt Mia.

„Wir haben alle kein Zuhause mehr“, entgegnet Ben. Die Kinder sehen Ben an, als würden sie ihm nicht glauben.

„Und unsere Eltern?“, fragt Olivia.

Ich schaue Ben an und sage: „Schaffst du das allein?“ Die Kleinen sprechen zu schnell. Ich kann sie nicht gut verstehen. „Sag ihnen, dass wir alles versuchen, aber sei …“ Ich habe wieder Schwierigkeiten, mich auszudrücken.

„Behutsam, ich verstehe schon“, sagt Ben.

„Genau das meine ich. Danke. Ich schaue mich hier einmal um.“ Das war wieder nicht fair von mir. Aber was soll ich ihnen sagen? Ich kann es mir ja selbst nicht erklären. Ben geht auf alle Fragen ein und versucht, sie bestmöglich zu beantworten. Er ist jetzt die Bezugsperson für die Kleinen. Wie ein großer Bruder. Ich bin zu fremd. Vielleicht ändert sich das später.

Ich stehe auf und entferne mich von der Gruppe. Von Weitem schaue ich zurück und beobachte Ben. Er verhält sich erstaunlich erwachsen, obwohl es das nicht richtig beschreibt. Es gibt in extremen Situationen immer wieder Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Ben scheint so jemand zu sein.

Ich sehe, wie er zum Wagen geht und seine Sachen herausholt. Er gibt den Kindern die Bücher und seinen Ball. Ich habe nicht daran gedacht, die Kleinen zu beschäftigen.

Während ich über die Wiese gehe, versuche ich mit meinem Telefon mehr herauszufinden. Die Landkarte wird mir trotz fehlender Verbindung angezeigt. Ich kenne mich hier nicht aus und möchte wissen, wohin die Straße führt. Ben spielt derweil mit den Jungen. Ich winke ihn herbei.

„Wir bewegen uns in diese Richtung.“ Ich zeige ihm die Karte, als er neben mir steht. „Was denkst du? Wohin sollten wir fahren?“

Er zeigt auf einen Ort und nennt einen Namen, den ich nicht kenne. Ich merke mir den Punkt auf der Karte. Er liegt offenbar an einem See. Ob das heute auch noch zutrifft, ist schwer abzuschätzen. Die Karte ist mit unserer bisherigen Umgebung kaum noch zu vergleichen.

Ich präge mir den Weg ein und schalte das Gerät wieder aus. Inzwischen habe ich die Powerbank angeschlossen. Sie braucht Zeit, bis sie vollständig aufgeladen ist.

„Die Bäume sehen komisch aus“, höre ich hinter mir eine Stimme sagen. Alexander steht dort und zeigt auf eine Reihe von Bäumen. Jetzt fällt mir ebenfalls auf, dass sie eine unnatürliche Färbung angenommen haben. Erst bei genauer Betrachtung bemerkt man es. Ich gehe näher heran, aber ich kann diese Veränderung nicht zuordnen. Die Palmwedel weisen zahlreiche rote Flecken auf.

„Sieht merkwürdig aus. Ich weiß nicht, warum das so ist“, antworte ich.

Wir müssen weiter. Ich möchte gerne an einen Ort kommen, wo wir vielleicht Hilfe bekommen oder wenigstens rasten können. Der Pick-up kann uns nur provisorisch als Unterkunft dienen, jedoch nicht auf Dauer. Ich fordere alle auf, zum Wagen zurückzukehren. Nach einer weiteren Stunde ist auf der rechten Seite wieder das Meer zu sehen, das sich erneut bis zum Horizont erstreckt. Auf der Karte ist die Wasserfläche nicht verzeichnet.

Langsam geht die Sonne unter und wir halten auf der Straße an. Ben bereitet für alle das Abendessen zu. Olivia hilft ihm dabei. Es amüsiert mich, zu sehen, wie sie Ben anhimmelt.

Es gibt Cornflakes oder Müsli mit Milch. Eine warme Mahlzeit gibt es nicht, da wir kein Feuer machen können. Die Sache mit den zwei Stöcken, die man aneinanderreibt, versuche ich erst gar nicht.

Da die Innenbeleuchtung im Wagen nicht funktioniert, dient die Taschenlampe in meinem Telefon uns im Dunkeln als Lichtquelle. Ben sitzt auf dem Fahrer- und die beiden Jungs auf dem Beifahrersitz. Für die Mädchen ist es auf der Rückbank zu eng und sie fangen schon an, sich zu zanken. Ich verteile die Decken über alle und sage: „Morgen früh geht es weiter, versucht, zu schlafen.“

Die Kinder schauen mich an, bis Hannah sagt: „In Ordnung, gute Nacht.“

„Wo schläfst du?“, frag mich Ben.

„Ich lege mich neben den Wagen.“

Sonst wird es zu eng. Ich steige aus und hole mir zwei Decken. Mit ihnen bereite ich mir neben der Fahrertür mein Nachtlager. Ich stehe noch eine geraume Zeit vor dem Wagen und beobachte den Sonnenuntergang, bis fast alle eingeschlafen sind. Nur Mia ist länger wach, sagt aber nichts.

Ich lege mich auf die Decke und nehme mein Handy. Ohne Verbindung sind die meisten Apps nutzlos. Das Wörterbuch ist jedoch auch offline verfügbar und wird mir helfen.

Meine Gedanken schweifen wieder ab. Wie sieht es jetzt in Europa aus? Ich habe die geringe Hoffnung, dass die Katastrophe auf Florida beschränkt ist. Aber bei den Auswirkungen, die uns hier begegnen, bin ich mir nicht sicher. Ich verstehe nicht, warum wir keine Menschen antreffen, keine Flugzeuge oder Helikopter, die die Gegend absuchen? Waren die Hilfstruppen schon hier und wir sind zu spät aufgewacht?

Ich blättere in meinem Handy weiter, obwohl es sinnlos ist. Mich erwarten nur alte Nachrichten und E-Mails. Die Termine im Kalender sind nicht mehr wichtig. Wie wird das Wetter? Die Wetteraussichten sehen gut aus. Stand von vor vier Tagen. Ich denke wieder an den roten Morgenhimmel. Sonne, kein Regen. Zum Glück, denn ich habe die Befürchtung, dass der Regen nichts Gutes bringen würde. Berichte von verheerenden Vulkanausbrüchen und wie sie das Klima verändern können, kommen mir in den Sinn.

Ich blättere weiter auf meinem Smartphone. Die nächste Seite zeigt Aktienkurse, eine Fitness-App zählt die Schritte. Tools wie Kompass, Licht und Landkarte sind die einzigen Funktionen, die in unserer Situation Sinn machen. Den Rest lösche ich. Sie würden nur unnötig Strom verbrauchen.

Ich will gerade die Bilder durchsehen, als Ben aus dem Wagen steigt und sich neben mich setzt.

„Ich kann nicht schlafen“, sagt er, „was guckst du dir da an?“

„Unterschiedlich, Apps, Wetter“, antworte ich, „aber das meiste ist unbrauchbar.“

Er sieht die angezeigten Bilder.

„Fotos? Von Deutschland?“

Ich nicke und wähle die Kontakte. Dort zeige ich Ben das Bild meiner Frau und das meines Sohnes.

„Interessant“, sagt Ben. „Wie alt ist dein Sohn?“

„Neunundzwanzig. Er ist verheiratet und wird bald Vater.“

Wie mag es ihnen jetzt gehen? Während ich darüber nachdenke, steht Ben auf und geht zur Ladefläche. „Kannst du einmal hierhin leuchten?“ Ich stehe auf und mache die Taschenlampe an. Er holt sein Kästchen hervor und wir setzen uns wieder hin. Ich lasse das Licht an und er holt ein Bild heraus. Darauf ist er mit einer Frau und einem Mädchen zu sehen.

„Deine Mom und deine Schwester?“, frage ich.

„Mhm.“ Er nickt.

„Waren sie auch in dem Haus?“

„Sie haben meine Tante besucht.“

„Und dein Vater? Er ist nicht auf dem Bild“, hake ich vorsichtig nach.

„Er hat das Foto gemacht.“

„Und wo war er vor …“ Ich mache eine Pause und schwenke meinen Arm. „Bevor das passiert ist?“, frage ich weiter.

„Arbeiten.“

Eine lange Pause entsteht und ich möchte nicht weiter nachfragen. Er wird schon von selbst erzählen, wenn er bereit ist.

„Möchtest du dich neben mich legen?“

Ohne eine Antwort zu geben, holt er seine Decke aus dem Auto. Gemeinsam legen wir uns hin und ich mache das Handy aus.

„Gute Nacht“, flüstere ich.

„Gute Nacht“, kommt es zurück.

30. März

Unterkunft

Es ist noch dunkel, als ich aufwache. Ben liegt eingerollt in seiner Decke neben mir. Ich bleibe bis zur Dämmerung liegen und denke über unsere Situation nach, während ich den Sternenhimmel bewundere.

Es ist stockfinster und ich bin überwältigt von der Vielzahl der Sterne. Wir haben zunehmenden Mond. Sein Licht lässt die Umgebung nur schemenhaft erscheinen. Ich suche nach dem Polarstern. Den großen Wagen erkenne ich sofort. Darüber den kleinen Wagen. Am Ende der Deichsel befindet sich der Polarstern. In dieser Richtung liegt Norden.

Wenigstens ein fester Punkt.

Als die Dämmerung beginnt, verfärbt sich der Himmel wieder rot. Ich stehe auf und sehe nach den Kindern. Mia hat sich in den Fahrersitz gesetzt. Sophia, die Kleinste, liegt quer auf den Schößen der anderen. Ich warte noch einige Minuten, bevor ich sie aufwecke.

Unsere Morgentoilette fällt aus Mangel an Wasser spartanisch aus. Ich verschwende ungern Trinkwasser.

Die Kinder bemerken den rötlichen Himmel, sagen aber nichts. Ich lasse sie noch eine Weile auf der Wiese herumtollen, während Ben uns mit Cornflakes versorgt. Schließlich zwängen sich alle in den Wagen und wir setzen unsere Reise fort.

Der Tank ist halb voll. Das reicht für heute. Aber dann? Die Schäden auf der Straße nehmen zu. Ebenso die herumliegenden Hindernisse. Es wird immer schwieriger, sie zu umfahren. Zum Glück ist der Wagen geländegängig. Es wird deutlich, dass wir uns einer größeren Stadt nähern. Die Kinder diskutieren über das, was sie sehen, zeigen auf Gegenstände, an denen wir vorbeifahren. Sie sprechen schnell und hektisch. Ich kann mich nicht darauf konzentrieren und verstehe nicht immer, was sie sagen.

Als der Weg durch Sand, Steine und Mauerreste der Häuser versperrt wird, halte ich an. Was wir sehen, verschlägt den Kindern die Sprache. Ein Bild der Verwüstung und Zerstörung breitet sich vor uns aus. Überall liegen Bretter, Reste von Häusern, Steine, Teile von Mauern, Dächer und Möbel. Stromleitungen hängen an zusammengefallenen Häuserfassaden herunter oder liegen auf der Straße. Die Fassaden machen den Eindruck, als würden sie jeden Moment einstürzen. Sogar Boote befinden sich dazwischen.

Es sieht aus wie auf einer großen Müllhalde. Ein leichter Wind ist zu spüren. Papier und Plastikplanen wiegen hin und her.

Fassungslos steige ich aus. Die Kinder folgen und das Quietschen der Türen scheucht einige Vögel auf, die in dem Unrat nach Nahrung suchen. Es sind überwiegend Möwen. Ich schaue hoch und sehe weitere von ihnen über uns kreisen. Beruhigend zu wissen, dass wir doch nicht die einzigen Lebewesen sind.

Wir steigen wieder ein und folgen einer schwer passierbaren Straße. Langsam durchqueren wir die Trümmer und Ruinen dieser Stadt. Immer öfter wird uns der Weg versperrt. Am Ende erreichen wir wieder die Küste. Oder zumindest das, was jetzt Küste ist. Hier liegen große und kleine Boote auf der Straße und sogar auf den Dächern einiger Häuser. Der größte Teil der Stadt steht im Wasser. An der ehemaligen Kaimauer ragen Teile von gekenterten Schiffen aus dem Wasser.

Vor uns führt der Weg zwar in die Stadt, aber da ist kein Durchkommen. Es macht auch keinen Sinn, dort nach Überlebenden zu suchen. Zu stark sind die Verwüstungen.

Sophia fängt an zu weinen. Ich halte und wende mich nach hinten. Sie kauert hinter Ben auf der Rückbank. An Mason und Alexander vorbei, die wieder auf der Mittelkonsole sitzen, nehme ihre Hand und versuche, sie zu beruhigen: „Hab keine Angst. Ich bringe euch in Sicherheit. Versprochen.“

Keine Ahnung, ob ich das Versprechen einlösen kann, aber vorerst hilft es. Zumindest weint sie nicht mehr.

„Was sollen wir machen?“, frage ich Ben.

„Die Stadt nützt uns nichts, wenn alles kaputt ist“, antwortet er. „Wir könnten es in die Richtung versuchen.“ Er zeigt auf die Straße, die wieder aus der Stadt herausführt. Sie ist stellenweise mit Wasser bedeckt und steigt leicht an. Ich stimme zu und lege den Gang ein. Vorsichtig biege ich in diese Straße und wir lassen die Stadt hinter uns. Nach einigen Kurven entlang der Küste erreichen wir das Ende. Vor uns ist die Straße weggebrochen. Dahinter ist wieder das Meer. Langsam wird es deprimierend. Wir befinden uns anscheinend auf einer verfluchten Insel.

„Ein paar Meter zurück ging ein Weg ab“, sagt Ben.

„Versuchen wir es“, antworte ich resigniert und wende den Wagen. Die amerikanischen Straßen sind glücklicherweise breit genug für dieses Manöver.

Wir biegen in den Weg ein. Es sieht aus wie eine Zufahrt zu einem größeren Anwesen. Eine schmale asphaltierte Straße führt an niedrigen Laubbäumen und Sträuchern vorbei, die sich mit Wiesen- und Sandflächen abwechseln. Die Stromleitungen sind von den Masten heruntergerissen. Dennoch ist die Verwüstung hier bei Weitem nicht so schlimm wie in der Stadt. Vereinzelt stehen Palmen am Straßenrand.

Schließlich kommt ein weißes Anwesen in Sicht. Es steht auf Betonsäulen, sodass man mit mehreren Autos unter dem Obergeschoß parken kann. Daneben befinden sich geschlossene Räume. Eine Öffnung in der Wand und der Schutt auf dem Boden zeigen, dass hier ebenfalls eine gewaltige Kraft Fenster und Türen herausgerissen hat. Ansonsten liegt außer kleinen umgestürzten Bäumen und Ästen nichts weiter herum. Es sieht friedlich, regelrecht unschuldig aus. Die Palmen, die das Haus säumen, verstärken den Eindruck.

Es hat zwei Etagen und einen breiten, umlaufenden Balkon. Reste von einem Geländer sind sichtbar. Die Fenster wurden in den oberen Räumen teilweise zerbrochen oder aus den Angeln gerissen.

Ich fahre den Wagen unter das Haus. Neugierig steigen wir aus. Seitlich führt eine Treppe auf den Balkon.

„Wartet bitte hier!“, sage ich zu den Kindern. „Ich teste erst die Treppe.“ Vorsichtig gehe ich Stufe für Stufe nach oben. Dort angekommen rufe ich: „Ihr könnt kommen. Aber passt auf.“

Angeführt von Ben gelangen sie einer nach dem anderen auf den Balkon.

„Vorsicht an der ...“, ich überlege kurz, „Kante.“

An Bens Zustimmung sehe ich, dass es der richtige Ausdruck ist. Die Reste des brüchigen Balkongeländers würden sie nicht vor einem Sturz bewahren.

Wir betreten einen L-förmigen Raum – anscheinend das Wohnzimmer. Ein Durchgang trennt die Küche vom Wohnraum, in dem ein runder, aus Korb geflochtener Tisch mit einer Glasplatte steht. Dahinter befindet sich eine Sitzecke aus türkisfarbenem Leder. Weitere Möbel liegen umgestürzt und verstreut im Raum.

Die Teppiche sind verschlammt. Hier war auch Wasser? Es kann aber nur wenige Zentimeter hoch im Zimmer gestanden haben. Man erkennt es am unteren verschmutzten Rand der Möbel. Die Fluten waren so stark, dass es die bis auf den Boden reichenden Fenster beschädigte. Jetzt ist alles wieder trocken.

Die Kinder entspannen sich und laufen überall herum.

„Seid vorsichtig!“, rufe ich.

Natürlich wollen sie das nicht hören und spielen weiter. Die Küche ist geräumig und befindet sich auf der linken Seite um eine Ecke. Eine mindestens vier Meter lange Theke ragt in das Wohnzimmer. Ich probiere das Licht und den Herd aus. Aber es gibt keinen Strom. Ein mannshoher Kühlschrank mit zwei Türen steht der Zeile gegenüber. Ich öffne ihn. Wie es aussieht, ist er vor Kurzem gefüllt worden.

Die Mädchen kommen herbeigelaufen. Sie sind von den beiden Schlafzimmern begeistert. Mason und Alexander toben auf der Sitzecke. Ich entspanne mich und freue mich darüber, eine passende Unterkunft gefunden zu haben. Zumindest bis Hilfe eintrifft.

Nur Ben sieht nicht glücklich aus. Er steht mitten im Raum und schaut mich skeptisch an.

„Wir können nicht hierbleiben“, sagt er ernst.

Er schafft es, mich in die Realität zurückzuholen.

„Warum nicht, wir können hier auf Hilfe warten.“

„Es wird niemand kommen“, gibt er zurück.

„Warum nicht?“, frage ich erneut.

„Hier lebt keiner mehr, warum also sollen sie zurückkommen?“

Ich frage mich, wer von uns der Erwachsene ist.

„Du hast recht“, erwidere ich, „aber heute können wir erst einmal hierbleiben.“

Trotzdem befürchte ich, dass wir einige Tage hier verbringen müssen. Wo sollen wir hin? Vielleicht sucht uns ja doch jemand.

Ich nutze die anschließende Zeit damit, den Wagen auszuräumen. Durch die Beschäftigung bin ich abgelenkt und brauche nicht nachzudenken. Ben hat recht damit, dass wir hier nur vorübergehend bleiben sollten. Allerdings frage ich mich, wohin wir auf dieser Insel fahren können. Vor allem mit so vielen Kindern.

Ich gehe auf den hinteren Balkon. Dort führt eine Treppe auf die Terrasse, die einen guten Überblick über die Umgebung bietet. Der Pool ist mit Wasser und jeder Menge Müll gefüllt. Die Überdachung des Pools ist eingestürzt. Schwimmen kann man hier vergessen. Ein gemauerter Grill befindet sich daneben. Ich gehe nach unten und schaue ihn mir näher an und sehe, dass er einen Gasanschluss besitzt. Die Gasflaschen sind in einer seitlichen Nische untergebracht. Der Grill hat das Inferno gut überstanden. In den Schubladen finde ich neben dem üblichen Besteck eine Feuerzange, mehrere Feuerzeuge und Streichhölzer. Wir haben Feuer. Endlich eine warme Mahlzeit! Mir läuft bei dem Gedanken bereits das Wasser im Mund zusammen.

Ich werde durch zänkisches Geschrei abgelenkt. Mit großen Schritten eile ich nach oben, um nachzuschauen, was los ist. Die Kinder streiten darüber, wer welches Zimmer bekommt. Ben sitzt in einem Stuhl im Wohnzimmer und beobachtet das Theater kopfschüttelnd.

„Es reicht! Was ist hier los?“, rufe ich laut.

Sofort verstummt die Meute und schaut mich an.

„Jeder setzt sich jetzt ins Wohnzimmer und wir klären das!“, befehle ich mit strengem Blick.

Die Kinder gehorchen ohne Widerworte.

„Was ist das Problem?“, frage ich, nachdem sie Platz genommen haben. Sofort sprechen alle durcheinander und ich verstehe kein Wort.

„Stopp!“, rufe ich und hebe die Hände. „Einer nach dem anderen.“ Ich warte auf Antworten.

„Die da“, Emma zeigt auf Alexander und Mason, „wollen uns das Zimmer wegnehmen. Wir haben es aber zuerst entdeckt.“

Die beiden Jungen wollen etwas erwidern, aber ich unterbinde es, indem ich wieder meine Hand hebe.

„Verstehe.“ Ich überlege kurz. Die Kinder haben nichts zu tun. Wenn sie ihre Zimmer einrichten könnten, wären sie eine Weile beschäftigt.

„Wartet hier.“

Ich schaue mir die einzelnen Zimmer an. Es gibt zwei Schlafzimmer mit zwei Bädern. Ich folge der Treppe nach oben und finde dort ein weiteres kleineres Zimmer. Hier oben ist alles in Ordnung. Wieder im Wohnzimmer angekommen, bestimme ich: „Alexander und Mason schlafen oben.“

Murrend lassen sie die Köpfe hängen.

„Ihr Mädchen teilt euch die anderen beiden Zimmer. Wer will mit wem zusammen schlafen?“

„Ich bleibe bei Mia“, sagt Sophia sofort. Das war klar. Sie ist ihre Schwester.

„Ich auch“, sagt Olivia leise.

„Gut, dann einigt ihr Mädchen euch, wer in welchem Zimmer schläft. Aber ohne Streit!“, ermahne ich sie.

Nachdem das geklärt ist, verschwinden alle in ihre zugewiesenen Räume.

„Gut gemacht.“ Ben kommt zu mir herüber. „Und wo schlafen wir?“, fragt er.

„Ich denke, wir bleiben im Wohnzimmer auf der Couch.“

Er ist einverstanden und geht nach unten, um unsere Decken aus dem Wagen zu holen.

Ich lasse mich auf das Sofa fallen. Wenn man hier einmal durchfegt, sieht das bestimmt ganz ordentlich aus. Wahrscheinlich müssen wir eine lange Zeit hierbleiben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das mit den Kindern schaffe. Sie sind eine enorme Verantwortung. Kann ich dieser Herausforderung gerecht werden? Andererseits kann ich sie auch nicht im Stich lassen.

Ich stehe auf und gehe in eines der Schlafzimmer. Sophia, Mia und Olivia liegen auf dem Bett und haben einige Bücher vor sich aufgeschlagen.

„Ist alles okay?“, frage ich sie.

„Wir haben Bücher gefunden.“ Sie schauen mich fragend an, als ob ich Einwände hätte.

„Schön, viel Spaß damit“, antworte ich nickend. Hinter mir erscheinen Hannah und Emma.

„Wann können wir wieder nach Hause?“, fragt Hannah traurig.

„Ja, zu Mom und Dad“, ergänzt Emma.

Ich kann ihre Not nachvollziehen. Sie haben Tränen in den Augen. Die anderen drei Mädchen schauen mich an und warten auf eine Antwort. Wir hatten das während der Fahrt schon angesprochen, aber die Kinder haben es offenbar noch nicht realisiert. Und nun stehe ich ratlos zwischen ihnen und bin zu keiner sinnvollen Antwort fähig.

„Ich weiß es nicht“, sage ich schließlich und senke den Kopf. „Wir werden uns zusammensetzen und einmal darüber reden“, beschließe ich. „Wo ist Ben?“

Ich gehe ins Wohnzimmer und rufe ihn. Er steht draußen auf dem Balkon und wendet sich zu uns. „Komm bitte herein“, rufe ich ihm zu. Er kommt nachdenklich zu uns. „Wir müssen mit den Kindern reden“, sage ich zu ihm. „Ich brauche dich dafür.“

Er nickt nur.

„Ich hole die Jungs“, sage ich und gehe ins obere Geschoss, wo die zwei in ihrem Zimmer toben und die vorhandenen Kissen hin- und herwerfen.

„Könnt ihr bitte ins Wohnzimmer kommen?“, unterbreche ich sie.

„Jetzt?“, fragt Mason.

„Ja, jetzt.“

Ich warte, bis die beiden an mir vorbei die Treppe hinunterrennen, und folge ihnen. Wir versammeln uns in einer großen Runde um den Tisch.

„Ich weiß, dass ihr viele Fragen habt“, beginne ich. Diesmal würde ich nicht alles Ben überlassen können. „Wir wissen nicht, was passiert ist. Ben und ich haben noch niemanden außer euch getroffen“, erkläre ich. „Ihr habt gesehen, was mit der Stadt passiert ist. Die Häuser sind alle zerstört. Darum könnt ihr nicht zurück. Vielleicht sind die Menschen – eure Eltern – gerettet worden, aber wir wissen es nicht.“

Ich mache eine Pause. Sie sehen mich mit ihren großen Augen fragend an.

„Wenn wir hierbleiben, können wir auf Hilfe warten. In der Zwischenzeit können wir hier aufräumen und das Nötige reparieren.“

Ich verteile Aufgaben an die einzelnen Gruppen und versuche, sie damit zu beschäftigen.

„Und wenn nicht?“ Ben steht mit verschränkten Armen vor mir, als wir wieder allein sind.

„Was willst du stattdessen tun?“, frage ich zurück.

„Wir müssen weiter. Hier kommt keine Hilfe!“, sagt er eindringlich.

„Und wohin? In die Stadt?“, sage ich kopfschüttelnd. „Wir befinden uns anscheinend auf einer Insel. Hier ist niemand mehr.“ Ben hat wahrscheinlich recht. Aber ich habe Angst vor den Konsequenzen. „Wir bleiben hier, das ist ein sicherer Ort!“, entscheide ich.

„Bist du sicher?“, gibt er nur kurz zurück, dreht sich um und hilft Mason und Alexander, die damit beschäftigt sind, die Reste der zerbrochenen Balkontüren zu beseitigen.

Die Kinder haben das Gespräch mitbekommen, halten sich aber zurück. Was erwartet er von mir?, frage ich mich. Ich kann an der Situation nichts ändern. Das Haus ist in einem guten Zustand. Viel besser als alles, was wir während der Fahrt gesehen haben.

Später prüfe ich die technischen Einrichtungen. Die elektrischen Sicherungen sind intakt. Also kommt kein Strom an. Das Wasser funktioniert, ich befürchte aber, dass das nur vorübergehend ist. Die Toiletten sind okay. Die schwereren Gegenstände wie Türen und Fenster räume ich nach draußen. Als die Arbeit getan ist, rufe ich alle zusammen.

„Wir sind jetzt ein Team. Wir müssen zusammenhalten, versteht ihr das? Kommt näher.“ Ich winke sie herbei. Sie verstehen die Geste und wir legen reihum die Arme auf die Schulter unserer Nachbarn wie ein Fußball-Team vor dem Anpfiff.

„Sind wir ein Team?“, frage ich lauter.

„Ja!“, stimmen alle ein.

„Was sind wir?“, frage ich wieder.

„Ein Team!“, rufen sie laut.

„Na, dann werde ich einmal sehen, ob wir heute Abend eine warme Mahlzeit bekommen.“ Es ist bereits sehr spät und ich bemerke erst jetzt meinen Hunger.

„Wer will, kann sich etwas zu trinken holen.“

Die Kinder stürmen los und verteilen sich anschließend im ganzen Haus. Ich gehe in den Garten und schaffe dort eine Feuerstelle. Sie wird uns Licht spenden, wenn es dunkel wird.

Am Grill hat sich Ben eingefunden und fragt: „Bin ich noch der Koch?“

„Sicher. Wenn du noch willst.“

Er holt aus der Küche Geschirr und bereitet aus den Konserven auf dem Grill ein Nudelgericht in einer Pfanne zu. Das ist am einfachsten und schmeckt allen. Später setzen wir uns mit den Kindern um das Feuer und nehmen unsere erste warme Mahlzeit zu uns. Als die Dämmerung einsetzt, kommt Sophia mit einem Buch zu mir und fragt, ob ich ihr daraus vorlesen kann. Es ist ein Liebesroman.

„Sicher. Gib her.“

Ich beginne mit dem Vorlesen, während alle um das Feuer herumsitzen. Ab und zu muss ich den einen oder anderen ermahnen, wenn er der Feuerstelle zu nahekommt. Ben sitzt ebenfalls bei uns, jedoch mit einigem Abstand zu mir.

Es wird ein lustiger Abend. Die meisten Worte betone ich falsch und die Kinder machen sich darüber lustig, wie ich vorlese. An manchen Stellen finden die Mädchen das süß und die Jungen machen Faxen und finden es albern. Alle tollen herum und lachen.

Es ist schon spät und ich fordere sie auf, die Sachen ins Haus zu tragen. Die Taschenlampe in meinem Mobiltelefon hilft uns dabei, den Weg zurück ins Haus zu finden. Ich bringe sie in ihre Zimmer und wünsche ihnen eine gute Nacht.

31. März

Entdeckungen

Am Morgen wache ich entspannt auf. Es ist die erste Nacht, in der ich durchgeschlafen habe. Die Mädels sind schon wach und servieren mir Cornflakes.

„Danke schön“, sage ich anerkennend. „Und was ist mit euch?“

„Wir haben schon“, antworten sie. „Nur Alex und Mason nicht, die schlafen noch.“

Ich lache und bedanke mich.

„Wo ist Ben?“, frage ich Olivia.

„Der ist draußen. Er wollte etwas suchen.“ Oder meint sie nachsehen?

„Wo?“, hake ich nach.

„Hinter dem Pool“, antwortet sie.

„Okay, ich schaue gleich nach“, sage ich, während ich mein Frühstück zu mir nehme. „Aber vorher sehe ich nach Alex und Mason.“

Nachdem ich aufgegessen habe, gehe ich nach oben und wecke die beiden Schlafmützen.

„Die Mädchen haben bereits Frühstück gemacht.“ Sie sind sofort auf und wollen nach unten rennen.

„Stopp. Nicht so schnell. Die Mädchen haben das Frühstück gemacht, aber ihr räumt das Geschirr und die Küche auf. Ist das ein Deal?“, frage ich die beiden.

„Deal“, meinen sie zögerlich, sichtlich nicht einverstanden.

Ich mache mich auf den Weg und schaue nach Ben. Als ich am Pool vorbei bin, kommt Ben hinter einer Hecke hervor und zeigt ein zufriedenes, nein, ein siegessicheres Lächeln.

„Rate mal, was ich gefunden habe!“, ruft er freudig.

„Zeig es mir“.

„Komm mit!“, fordert er mich auf.

Ich hebe die Hände. „Warte. Ich sage erst den Kindern Bescheid, dass sie im Haus bleiben sollen.“

„Mach ich schon“, ruft er und rennt an mir vorbei.

Ich bin gespannt, was er entdeckt hat. Kurze Zeit später kommt er zurück und ich folge ihm auf einen Weg, der hinter der Hecke verläuft. Wir kommen an einen Wassergraben, eine Art Kanal, der mindestens fünfzig Meter breit ist. Ein Holzsteg führt unterhalb der Wasseroberfläche am Ufer entlang. Jede Menge Bretter, Balken und Müll treibt auf dem Wasser.

Ben rennt weiter über den befestigten Weg. Ich erkenne, dass einige Bäume und irgendetwas Großes den Pfad blockieren. Auch der Steg ist an dieser Stelle zerstört und ragt mit seinen zerbrochenen Planken, Brettern und Pfosten teilweise aus dem Wasser, als wäre etwas Schweres darauf niedergegangen. Dann sehe ich das Boot, das von Sträuchern, umgestürzten Bäumen und Geäst bedeckt wird.

„Ein Boot?“, sage ich verwirrt.

„Ein Segelboot. Es ist kaum beschädigt!“ Er klingt euphorisch. Perplex sehe ich auf das Boot. Was hilft uns das? Er bemerkt mein fragendes Gesicht.

„Wir können es reparieren. Und damit von der Insel …“

Ich hebe abwehrend die Hände. „Das ist viel zu gefährlich!“, entgegne ich und sehe, wie Ben zornig die Fäuste ballt.

„Du willst nur nicht!“, schreit er mich an, dreht sich um und rennt zum Haus zurück.

Wie vor den Kopf geschlagen bleibe ich zurück. In diesem Augenblick wird mir bewusst, dass er noch nicht erwachsen ist. Er ist ein zwölfjähriger Junge.

Ich gehe näher an das Boot heran. Es ist nicht nur ein Boot, sondern eine Segeljacht. Sie liegt halb auf der Seite, der Mast wird von den Ästen und Bäumen niedergedrückt. Allein der ist schätzungsweise fünfzehn Meter lang, wenn nicht länger.

Soweit ich erkennen kann, hat Ben recht. Die Yacht hat keine größeren Schäden davongetragen. Wenn man die Bäume entfernt, könnte man sie wieder benutzen. Ich mache kehrt und gehe in Gedanken versunken zurück zum Haus. Was sollen wir mit einem Boot? Fischen wäre eine gute Idee, unsere Lebensmittel sind immerhin begrenzt. Könnten wir über das Meer segeln? Vermutlich kann keiner von uns ein Segelboot bedienen. Oder Ben etwa?

Nachdenklich erreiche ich das Haus. Ben sitzt schmollend auf der Couch.

„Kennst du dich mit Segelbooten aus?“, frage ich.

Er zögert – will es anscheinend nicht verneinen. „Ein bisschen. Ich bin schon öfter im Boot mitgefahren“, gibt er zurück.

„In einem Segelboot?“, hake ich nach.

„Motorboot“, entgegnet er kleinlaut und schaut dabei auf den Boden. „Aber das ist doch kein Unterschied.“

Wenn er nur verstehen würde, dass das der pure Wahnsinn wäre, aber wie soll ich das dem Jungen klarmachen? Er ist so voller Hoffnung. Ich will ihn nicht enttäuschen. Andererseits ist es vielleicht eine gute Aufgabe für uns. Wir könnten das Boot wieder seetüchtig machen.

„Lass uns erst mal versuchen, ob wir es reparieren können.“

Sein Gesicht hellt sich auf. Mit neuem Mut und Tatendrang stürmt er nach draußen.

„Ich fange schon mal an!“

„Sei vorsichtig!“, rufe ich zurück, obwohl ich weiß, dass ich ihn dabei nicht allein lassen sollte. Das ist zu gefährlich.

In diesem Moment kommt Mia herein.

„Was hat er?“, fragt sie.

„Er hat ein Boot gefunden“, antworte ich.

„Ein Boot?“, fragt sie gedehnt. Sie dreht sich um und läuft zu den anderen.

„Wir haben ein Boot“, ruft sie ihnen aufgeregt zu. „Wir haben ein Boot!“

„Kommt alle mit!“ Es ist besser, wenn wir alle zusammenbleiben. So habe ich alle im Blick.

Am Boot angekommen schlüpft Ben breit grinsend unter den Ästen hervor. Die Kinder laufen ihm entgegen und reden wild durcheinander. Ich bleibe ein Stück entfernt stehen und kann kaum etwas verstehen.

Ich will ihnen nicht die Freude und Hoffnung nehmen. Es fühlt sich gut an, ein Ziel, eine Aufgabe zu haben. Die Frage ist nur, wie ich die Kleinen bei den Arbeiten einbinde. Denn viel können sie noch nicht machen und ich will nicht, dass sie im Wasser landen.

„In Ordnung, Leute“, rufe ich in die Runde, „wir gehen jetzt zurück und planen, wie wir das Boot reparieren können und wer von euch welche Aufgabe übernimmt.“

Sie sind begeistert. Auf dem Rückweg reden alle durcheinander.

„Sorry wegen vorhin“, sage ich zu Ben, der neben mir hergeht. „Wir werden es versuchen, gleich morgen früh.“

1. April

Das Boot

Nach dem Frühstück versammeln wir uns im Wohnzimmer. Ich übernehme das Kommando, was Ben belustigt mit „Aye, aye, Captain“ kommentiert.

„Ich möchte, dass ihr zwei Regeln befolgt.“ Alle schauen gespannt zu mir auf.

„Erstens: Keiner von euch geht irgendwo allein hin. Nirgendwo. Es müssen immer drei zusammen sein. Nicht zwei. Und nicht allein.“ Ich blicke streng in die Runde. Alle nicken.

„Das gilt auch für uns beide“, sage ich zu Ben. Er nickt.

„Wenn ich …“, ich zögere, „oder wenn Ben etwas sagt, wird das befolgt. Okay?“

Alle stimmen auch diesmal zu.

„Ben, du gehst mit Alexander und Mason zum Boot und versuchst, die kleineren Äste und Bäume zu entfernen.“

„Verstanden“, antwortet er.

„Aber seid vorsichtig. Nicht die schweren Äste. Ich komme nachher zu euch, um zu helfen.“

Zu Sophia, Mia und Olivia: „Seht ihr bitte einmal überall im Haus nach, ob ihr noch Werkzeuge, Seile oder so etwas findet. Stellt alles unten neben das Auto.“

Sie setzen sich begeistert in Bewegung.

„So, und wir drei müssen jetzt zählen“, sage ich zu Hannah und Emma.

„Könnt ihr schon zählen?“, frage ich die beiden.

„Bis 100“, antwortet Hannah stolz.

„Okay, dann zählen wir jetzt die Vorräte und schreiben alles auf.“

Ich brauche eine Übersicht über unseren Proviant und unser Wasser. Dem Leitungswasser traue ich nicht so weit, dass ich es trinken würde. Die beiden sind begeistert, mir dabei helfen zu können. Ich räume aus, Emma zählt und Hannah schreibt auf. Stolz zeigen sie mir ihre Ergebnisse, fragen immer wieder nach, wie etwas geschrieben wird, und korrigieren sich gegenseitig beim Zählen. Es ist fast wie in der Schule. Wir kommen nur langsam voran, aber wir haben Zeit und ich bin froh, die beiden gut beschäftigt zu haben.

Mia zeigt mir zwischendurch immer wieder ihr Sammellager. Sie räumen einfach alles zusammen, was sie tragen können. Sie zeigen mir die Sachen, die zu schwer für sie sind.

„Das können Ben und ich heute Abend tragen, lasst das ruhig stehen.“

„Was ist mit Kleidung?“, fragt Sophia. „Wir haben oben Hemden und Hosen gefunden. Das meiste ist für Erwachsene.“

Ich entscheide, dass diese Sachen im Wohnzimmer gesammelt werden sollen.

Gegen Mittag rufe ich die Kinder zum Essen. Sie berichten eifrig, was sie heute gemacht oder gesehen haben. Die Jungs am Boot sind nicht weit gekommen. Aber das habe ich auch nicht erwartet. Das ist Arbeit für Erwachsene. Ben ist mit dem Ergebnis unzufrieden und bemängelt, dass Mason und Alex mehr spielen als arbeiten. Woraufhin die beiden natürlich lautstark protestieren.

„Heute Nachmittag bringen wir die Werkzeuge mit dem Pick-up zum Boot. Dann können wir gemeinsam versuchen, das Boot freizubekommen“, beschwichtige ich die Bande.

Froh über die Ablenkung und die neue Aufgabe jubeln alle durcheinander. Jeder will helfen und bringt ein, was er machen wird. Harmlose Zwistigkeiten entstehen dabei. Sie verteidigen und rechtfertigen sich, bestehen darauf, recht zu haben. Ich lasse sie sich austoben.

Ben hingegen versucht, vereinzelt einzuschreiten. Das funktioniert eine Zeit lang, aber dann gibt er resigniert auf und setzt sich neben mich auf die Couch. Irgendwann merken die Kinder, dass wir sie beobachten.

Sie werden ruhiger und kommen nacheinander zu uns.

„Dann los“, sage ich und stehe auf.

Wir räumen zusammen und gehen zum Wagen. Alles, was wir am Boot gebrauchen könnten, kommt auf die Ladefläche.

„Ab in den Wagen!“, rufe ich, sobald alles verstaut ist.

Kaum habe ich ausgesprochen, drängeln sich die Kleinen schon in den Wagen. Über einen schmalen Weg kommen wir an den Kanal. Ich fahre langsam bis zum Boot und sehe, was die drei Jungen heute Morgen geleistet haben.

„Das sieht gut aus“, lobe ich sie.

Die dicken Stämme sind auch für mich zu groß, sodass wir überlegen, wie wir sie am besten wegräumen können. Am Ziel angekommen steigen alle aus und ich denke über unsere Möglichkeiten nach.

„Bitte bleibt in der Nähe“, sage ich zu den Kindern. „Seid vorsichtig und geht nicht zu nahe an den Steg. Ben und ich schauen uns um.“

Ich beziehe Ben absichtlich mit ein. Er soll wissen, dass ich ihm vertraue. Misstrauisch beobachte ich das Ufer.

„Meinst du, es gibt hier Alligatoren?“, frage ich ihn.

„Nein. Das ist Salzwasser.“

Er muss es wissen. Beruhigt schaue ich zu den Kindern. Sie laufen herum und spielen. Sobald ich sicher bin, dass sie nicht ins Wasser springen werden, gehe ich mit Ben näher zum Boot. Jetzt erkenne ich erst den ganzen Umfang der vor uns liegenden Arbeiten. Quer zum Steg befindet sich unter der Wasseroberfläche ein weiterer Steg.

Dort hat das Boot wohl ursprünglich angelegt. Es liegt jetzt nach links gekippt auf diesem Steg und wird durch einen senkrechten Pfosten gehalten. Der größte Teil des Mastes mit den Seilen liegt auf dem Weg. Bäume, die auf dem Mast liegen, ziehen das Boot auf die Seite. Das Wasser schwappt über die Bordkante. Der Kiel liegt ebenfalls auf dem Steg und hindert das Boot daran, sich aufzurichten. Das Heck hängt mit der Finne in der Luft, während sich ein Bruchstück des Steges am Bug zwischen Boot und Uferbefestigung verklemmt hat, wodurch es in diese Richtung nicht weiter abrutschen kann. Die Schraube sehe ich von hier aus nicht. Der direkte Zugang zum Boot ist uns vorerst verwehrt, da die Holzplanken fehlen.

„Wir müssen zuerst das Zeug vom Mast wegnehmen“, sage ich zu Ben. „Durch den Kiel kann es sich nicht aufrichten.“

Gemeinsam können wir viele Äste und Sträucher beseitigen. Es ist eine Sisyphusarbeit, in den Seilen hat sich einiges verheddert und lässt sich nur mühsam entfernen. Letztendlich bleiben zwei schwere Stämme übrig.

„Ich denke, das reicht für heute. Es ist schon spät.“

Ich breche die Arbeiten ab. Wir gehen zusammen ins Haus und bereiten uns auf die Nacht vor. Beim gemeinsamen Abendessen am Lagerfeuer lese ich wieder zur Belustigung aller aus dem Roman vor. Später auf der Couch denke ich noch lange darüber nach, wie wir das Boot freibekommen können, ohne uns dabei zu verletzen oder das Boot zu beschädigen.

2. April

Arbeit

Ich schaue nach draußen. Den morgendlichen roten Himmel nehmen wir mittlerweile als gegeben hin. Nachdem ich mich frisch gemacht habe, nehme ich die Liste der Vorräte zur Hand. Bei dem derzeitigen Verbrauch wird das für ungefähr vierzehn Tage reichen. Wir müssen uns also Gedanken machen, wie wir an Nahrung kommen. Das Boot wäre sicher eine große Hilfe. Beim Frühstück diskutiere ich mit Ben, Mia und Olivia über das weitere Vorgehen. Die beiden älteren Mädchen will ich immer mehr mit einbeziehen.

„Wir brauchen ein starkes Seil, dann könnten wir den Wagen benutzen, um die Stämme zu entfernen“, sage ich und frage die Mädchen: „Habt ihr ein Seil gefunden?“

Während sie den Kopf schütteln, denkt Ben kurz nach und sagt mit erhobenem Finger: „Am Boot hing ein Seil im Wasser. Das könnten wir nehmen.“

Wir räumen auf und gehen gemeinsam zum Boot. Ich möchte die Kinder zusammen wissen, da ich Angst habe, es könne ihnen etwas zustoßen oder sich jemand verletzen. Auf größere Verletzungen sind wir nicht vorbereitet.

Der Wagen steht an der Stelle, wo wir ihn gestern verlassen haben. Ben läuft zum Boot und zeigt auf das Wasser. Als wir näher kommen, sehe ich es ebenfalls. Am Boot ist ein Seil befestigt. Ich verfolge es und sehe, dass es an dem Steg aus dem Wasser kommt und unter einem der Stämme verschwindet.

„Dort ist das Ende“, sage ich und zeige auf den Stamm.

Mason krabbelt sogleich darunter und holt das Ende hervor, bevor ich eingreifen kann.

„Hier!“, präsentiert er mir stolz das Seil.

„Gut gemacht“, lobe ich ihn, obwohl mir kurzzeitig das Herz in die Hose gerutscht ist. Was, wenn der Stamm nachgegeben und der Mast sich abrupt aufgerichtet hätte? Ich will nicht weiter darüber nachdenken und nehme das Seil.

Es lässt sich fast drei Meter unter dem Geäst hervorziehen, dann klemmt es. Auch durch gemeinsames Ziehen löst es sich nicht.

„Wartet. Ich habe eine Idee.“ Ich gehe zum Wagen und fahre ihn so nahe heran, dass wir das Seil an der Abschleppöse befestigen können.

„Wir müssen das Seil so fest machen, dass wir es nachher auch wieder lösen können.“ Ein normaler Knoten zieht sich zu fest und lässt sich nicht wieder öffnen.

Jetzt müsste man die Seemannsknoten kennen. Mein Vater hätte hier helfen können. Er hatte einen Segelschein. Ich hatte das auch einmal vorgehabt. Mein Traum war es, um die ganze Welt zu segeln. Das ist Jahrzehnte her. Allerdings sind Boote nicht mein Metier. Ich werde jedes Mal seekrank. Mir fällt ein, dass mich das hier auch erwartet. Na, das kann spaßig werden.

„Lasst mich einmal nachdenken“, sage ich und setze mich vor dem Wagen auf den Boden.

Die drei Jungen sowie Mia und Olivia setzten sich zu mir. Die anderen spielen auf dem Weg.

Ich denke nach. Es gibt einen Knoten, der hält, wenn man Zug darauf bringt. Wenn man an dem losen Ende zieht, löst er sich wieder. Mit Bens Hilfe erkläre ich den Kindern, was ich vorhabe.

„Es muss ähnlich wie beim Schuhebinden funktionieren“, überlege ich laut.

Einige Kinder verfolgen meine Versuche gespannt, bis ich die Lösung gefunden habe.

„Das ist es“, sag ich und befestige das Seil am Auto.

Ich weise die Kinder an, in sicherer Entfernung zum Boot, den Bäumen und dem Wagen zu bleiben. Während ich langsam das Seil auf Spannung bringe, prüft Ben den Knoten. Er gibt mir mit Daumen hoch zu verstehen, dass er hält, und geht zu den anderen.

Langsam fahre ich zurück, bis sich das Seil unter dem Stamm löst. Im selben Augenblick rollt der Größere zur Seite und gibt den Mast frei. Jubelnd kommen die Kinder herbeigerannt, während ich anhalte.

Ich löse den Knoten und ziehe an dem Seil, das jetzt nur noch an dem Boot befestigt ist. Bevor ich ihn davon abhalten kann, klettert Ben behände über den Mast und die Reste des Steges auf das Boot.

„Stopp! Nicht!“, rufe ich ihm zu. „Wir brauchen das Seil am Boot.“ Er versteht.

„Wir werden jetzt mit dem Seil und dem Auto die restlichen Stämme wegziehen“, sage ich in die Runde, nachdem Ben zurückgeklettert ist. Ich schaue mir genau an, wie der Mast durch die anderen Stämme daran gehindert wird, sich aufzurichten, und entscheide dann, an welchen Stellen wir das Seil befestigen. Während ich mit dem Wagen ziehe, müssen alle weit genug vom Auto entfernt stehen, damit ihnen nichts passieren kann. Immer wieder korrigieren wir das Seil an den Stämmen, um den Mast nicht zu beschädigen. Zentimeter für Zentimeter gelingt es uns, den Mast und die daran befestigten Seile zu befreien. Als die Hindernisse aus dem Weg geräumt sind, richtet sich das Boot selbstständig auf, bis es durch den Kiel und die Pfosten erneut gehindert wird. Freudig steige ich aus und juble mit den Kindern.

Plötzlich hören wir ein knirschendes Geräusch und sehen, dass sich das Boot erneut in Bewegung setzt. Erschreckt schauen wir auf und beobachten, wie der eingeklemmte Teil des Steges vor dem Bug freikommt und langsam ins Wasser gleitet. Das Boot dreht sich um seine Achse und bleibt dann, gehalten durch die Leine, liegen.

Erleichtert atmen wir auf und wagen uns näher heran. Das Boot muss jetzt nur noch von dem Steg gezogen werden. Sichtlich zufrieden entscheiden wir, eine Pause einzulegen. Ben, Mia und Olivia gehen zum Haus zurück und holen Lunch für uns. Während dieser Pause sitze ich mit den anderen zusammen und beantworte ihre zahlreichen Fragen. Mittlerweile ist die Arbeit an dem Boot für sie zu einem großen Abenteuer geworden.

Nach dem Lunch stehen wir auf und gehen die Befreiung des Bootes erneut an. Wir haben uns entschlossen, das Boot so von dem Steg zu ziehen, dass es rückwärts ins Wasser gleitet.

Wir machen das Seil wieder an dem Wagen fest. Als Ben neben mir steht, nehme ich das Seil in die Hand und versuche, daran zu ziehen. Es bewegt sich keinen Millimeter. Ich steige in den Wagen. Vorsichtig fahre ich rückwärts und bringe das Seil damit auf Spannung, als sich plötzlich alles in Bewegung setzt. Der gesamte Anleger bricht zusammen. Das Boot dreht sich und setzt seitlich auf einen Pfosten auf. Das Heck taucht ein und wird durch das Seil gehalten. Der Bug folgt und gleitet langsam seitlich ins Wasser. Es knirscht und kracht, dass ich schon denke, unsere ganze Arbeit war vergebens. Sofort steige ich aus dem Wagen, und schaue tatenlos zu.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt das Boot zur Ruhe. Mit Kratzern an der Seite und einer reichlich verbogenen Reling treibt es auf dem Wasser. Wir stehen einige Sekunden wie gelähmt da, bevor wir in einen erlösenden Jubel ausbrechen. Ich kann es gar nicht glauben, aber wir haben es geschafft. Wir haben das Boot freibekommen.

Vorsichtig ziehen wir es gemeinsam an das Ufer, sodass es mit dem Heck anliegt. Unsere Manöver würden einem Skipper das Blut in den Adern gefrieren lassen, denn es sind nur zwei Fender an der vorderen rechten Seite befestigt, an die wir nicht herankommen. So schrammt das Boot mit dem Heck an der Uferbefestigung. Vielleicht finden wir ja weitere an Bord.

Mit einem großen Schritt betrete ich das Heck. Alle wollen jetzt auf das Boot, aber ich halte sie zurück.

„Ich möchte erst nachsehen, ob es sicher ist. Wartet bitte einen Moment.“

Enttäuscht setzen sie sich an den Rand. Zu Ben sage ich: „Du kommst mit.“

Er macht einen Satz und ich fange ihn auf. Mein Blick gleitet über das Deck. Es ist ein großes Boot. Eine Segeljacht. Ich kann schlecht schätzen, aber das sind mindestens zwölf Meter. Sie schaukelt sanft im Wasser und ich weiß jetzt schon, dass ich Probleme bekommen werde. Sie sieht sehr neu und sehr teuer aus. Wir haben zwei Ruderstände.

Eine Traverse geht vor dem Abgang zum Innenraum quer über das Boot. Ich kann bequem darunter stehen. In der Mitte befindet sich ein zusammengeklappter Tisch. Der Mast steht senkrecht, alle Seile halten. Vor jedem Ruder befindet sich ein Kompass, außerdem drei weitere Instrumente und rechts ist ein roter Knopf mit der Beschriftung „Platform“. Ben öffnet den Zugang zum Innenraum. Mehrere Stufen führen nach unten. Ich folge ihm. Durch die seitlichen Fenster dringt ausreichend Licht. Es liegen vereinzelt Kissen, Gegenstände und Abdeckungen durcheinander, ansonsten ist es bemerkenswert aufgeräumt. Links gibt es die Kochnische samt Spüle. Zu beiden Seiten der Treppe befinden sich Schlafkabinen. Daneben liegt das Bad. In der Mitte gibt es einen Tisch mit einer U-förmigen Sitzbank. Elektronische Geräte sind an den Bordwänden zu sehen. An der Decke gibt es zwei Schalter. Als ich sie betätige, tut sich nichts. Ben und ich schauen uns an. Ich hatte auch nicht erwartet, dass hier irgendetwas funktioniert.

Ich begebe mich nach vorne in den Bug, wo sich die dritte Kabine befindet.

„Das Boot ist riesig. Hier ist genug Platz“, sage ich zu Ben, der sichtlich zufrieden zu mir aufsieht. „Gut gemacht.“ Ich klopfe ihm auf die Schulter.

Wir gehen nach draußen, wo wir bereits erwartet werden.

„Bleib du auf dem Boot, ich suche etwas, damit wir die Kleinen rüberbringen können.“

Eine breite Planke von dem defekten Steg schwimmt neben der Jacht und ist ideal für mein Vorhaben geeignet. Ich lege sie über das Heck und führe zuerst Olivia darüber.

„Hilfst du ihr?“, fordere ich Ben auf der anderen Seite auf.

Er ist sofort zur Stelle und hält ihr seine Hand hin. Auf diese Weise helfen wir allen auf das Boot. Das ist ganz schön voll, aber ich will keinen zurücklassen. Gemeinsam untersuchen sie das Boot und jeder ruft begeistert, wenn er glaubt, etwas Spannendes entdeckt zu haben. Wir müssen einen Schutzengel haben. Es ist schon merkwürdig, dass wir immer wieder auf nur gering Beschädigtes stoßen und es nutzen können. Erst der Pick-up, dann das Haus und jetzt das Boot. Ich hoffe, unsere Glückssträhne hält an.

Die Jacht ist für einen längeren Aufenthalt auf See eingerichtet.

„Niemand geht an den Wein!“, ermahne ich alle, als ich einige Weinflaschen entdecke.

Sie lachen, als hätte ich einen Witz gemacht. Ich runzle die Stirn und bringe die Flaschen in Sicherheit.

„Schaut her! Ich habe etwas gefunden.“ Hannah hält zwei Taschenlampen in den Händen.

„Die können wir gebrauchen. Gut gemacht“, sage ich zu ihr. Ich teste sie und freue mich über mehr Licht. Das ist sehr gut.

Im Cockpit denke ich nach. Ben setzt sich neben mich.

„Und? Wann können wir los?“

Auf diese Frage warte ich schon, seit er uns das Boot gezeigt hat.

„Zuerst müssen wir checken, ob alles funktioniert“, sage ich, „und auch, wie es funktioniert. Warst du schon einmal auf so einem Boot?“, frage ich.

„Nicht wirklich“, gibt er zurück.

Er sieht mich mit flehenden Augen an. Wie soll ich ihm begreiflich machen, dass wir ohne Segelkenntnisse keine Chance auf dem offenen Meer haben?

„Keiner von uns kann segeln. Das überleben wir nicht.“ Er ist verärgert über meine Antwort.

„Vielleicht können wir auf dem Kanal üben“, versuche ich, ihn zu besänftigen.

„Du willst nur nicht!“, sagt er trotzig und geht von Bord. Schimpfend tritt er nach Steinen und geht zurück zum Haus.

„Die Kinder“, ermahne ich mich, bevor ich ihm nachlaufen kann. Wir sollten zurückgehen. Keiner geht allein. Das ist die Regel. Ich halte Mia an, die an mir vorbei über das Deck rennt. „Ben ist gegangen. Du musst mir jetzt helfen.“

Vorsichtig gelangt sie auf den Steg. Dort angekommen hilft sie mir, die anderen sicher an Land zu bringen. Ich verschließe die Luke zum Abgang, bevor ich das Boot als Letzter verlasse.

„Wir nehmen den Wagen“, rufe ich und fahren alle zum Haus zurück. Dort gehe ich in die Küche und überlege, wie es weitergehen soll.

Von hier aus kann ich sehen, dass Ben unten am Grill mit dem Essen beschäftigt ist. Ich nehme einen Stift und notiere Pro und Contra eines Segeltörns. Dagegen fallen mir sofort viele Punkte ein.

Wir wären dem Wetter ausgesetzt. Keiner weiß, wie man Segel setzt oder die Richtung bestimmt. Wo liegt unser Ziel? Reicht der Proviant, das Wasser? Was machen wir, wenn einer über Bord geht? Können die Kinder schwimmen?

Als Positives fällt mir nur ein, dass wir unser Schicksal selber in die Hand nehmen.

Ich gehe zu Ben, der gerade das Abendessen verteilt. Er ist zeitweise zu erwachsen. Das ist wirklich unheimlich. Obwohl fast zwei Generationen zwischen uns liegen, begegnen wir uns auf Augenhöhe.

„Danke für das Essen“, sage ich zu ihm.

Die Kinder scheinen zu merken, dass dicke Luft zwischen mir und Ben herrscht und ziehen sich nach dem Essen auf ihre Zimmer zurück.

3. April

Technik

Wir folgen dem gleichen Muster wie gestern. Aufstehen, besorgter Blick auf den roten Himmel, Morgentoilette, Frühstück.

Bis auf Hannah und Sophia haben sich die Kinder mit der Situation, auf sich selbst gestellt zu sein, abgefunden. Sophia sucht öfter Trost bei ihrer großen Schwester. Hannah dagegen wird, wenn sie nachts aufwacht, von Emma getröstet. Tagsüber sucht sie die Nähe von Ben oder mir. Wobei ich mir hilflos vorkomme. Aber allein meine Anwesenheit scheint sie zu beruhigen. Mia und Olivia kümmern sich rührend um die jüngeren Mädchen. Ich beobachte Alexander mit Sorge. Er ist sehr ruhig und in sich gekehrt. Ich nehme mir vor, mich später mehr um ihn zu kümmern.

Was macht das mit den Kindern? Es dauert wahrscheinlich nicht mehr lange, bis sie das ganze Ausmaß begreifen werden. Hoffentlich ist bis dahin Hilfe eingetroffen. Ich wäre damit sicherlich überfordert. Nicht, dass ich nicht alles versuchen würde, um ihnen zu helfen und zur Seite zu stehen, allerdings habe ich darin keine Erfahrung.

Nach kurzer Diskussion teilen wir drei Gruppen ein. Dieses Mal gehe ich mit Ben und Olivia zum Boot, während Mia, Sophia und Alexander mit Arbeiten im Haus beschäftigt sein werden. Mason, Hannah und Emma haben die Aufgabe, alle Sachen zusammenzutragen, die wir ihrer Meinung nach auf dem Boot gebrauchen können.

„Seid vorsichtig“, sage ich ermahnend, doch sie winken nur ab. Den Spruch kennen sie bereits.

Mit dem Wagen fahren wir gemeinsam zum Boot. Dort besprechen wir, was wir heute erledigen wollen. Viel ist für die Kinder nicht zu tun. Hier und da liegen Sachen herum, die Fenster sind schmutzig, das Deck muss gereinigt und die wahllos herumliegenden Leinen müssen sortiert werden. Ben versucht sich an den Reparaturen und wird dabei von Olivia unterstützt. Ich werde mir die Technik ansehen.

Die Jacht scheint in einem guten Zustand zu sein. Nacheinander prüfe ich die Geräte und Einrichtungen. Dusche und Toilette funktionieren. Der Herd funktioniert mit Gas. Der Kühlschrank ist aus und leer.

In einer der Kabinen finde ich die Sicherungen und den Hauptschalter. Einmal eingeschaltet haben die elektrischen Geräte wieder Strom und das Licht geht an. Das Funkgerät gibt jedoch nur Rauschen von sich. Entweder ist die Antenne defekt oder es funkt zur Zeit keiner. Ich starte einige Versuche auf verschiedenen Frequenzen, ohne Erfolg.

Olivia gesellt sich zu uns und wir finden heraus, wie der Motor gestartet wird. Später entdecken wir, dass der Spiegel, die Rückwand der Jacht, automatisch heruntergeklappt werden kann, wenn man den richtigen Knopf gedrückt hält. Das erleichtert uns den Einstieg enorm. Der Anker ist vom Cockpit aus bedienbar. Bei den drei Geräten mit Touchscreen im Cockpit sind wir überfordert. Die Beschriftung weist darauf hin, dass das Gerät in der Mitte das Radarbild anzeigt. Allerdings hängt das in der Mastspitze befindliche Radar – ich denke, das soll der dunkle Kasten dort oben sein – ziemlich schief. Das können wir wohl vergessen. Wäre auch zu schön gewesen. In den seitlichen Bänken finden wir insgesamt sechs Rettungswesten.

Gegen Mittag kommen die anderen sechs zu uns. Nach einigen Minuten rufe ich alle im Cockpit zusammen. Wir müssen an Bord ebenfalls einige Regeln festlegen.

Erste Regel: Jeder auf Deck zieht eine Rettungsweste an. Das heißt, wir können maximal zu sechst oben an Deck sein, da wir nicht mehr Westen besitzen. Drei Kinder müssen immer unten sein oder an Land.

Zweite Regel: Es wird nur so wenig Wasser, Strom oder Diesel verbraucht wie nötig. Damit müssen wir sparsam sein, da wir nicht wissen, wie lange wir darauf angewiesen sein werden.

Dritte Regel: Jeder muss in seinem Bereich Ordnung halten.

Vierte Regel: Der Herd darf nur von Ben oder mir bedient werden.

Fünfte Regel: Finger weg von allen elektrischen Geräten.

Sechste Regel: Finger weg von allen Leinen.

Anschließend werden die Kabinen aufgeteilt. Mia, Sophia und Olivia bekommen zu dritt die größte Kabine im Bug. Hinten rechts am Bad nehmen Hannah und Emma die Kabine in Beschlag und auf der anderen Seite quartieren sich Mason und Alexander ein. Ben und ich werden uns in der Mitte oder oben im Cockpit aufhalten. Wir werden die Kabinen sicher nur selten benutzen, aber es ist gut, wenn alle wissen, wohin sie sich zurückziehen können. Als Nächstes interessiert mich, wer von den Kindern schwimmen kann. Wie sich herausstellt, können alle halbwegs gut schwimmen. Das ist sehr beruhigend.

Ben schlägt vor, weiteren Proviant und Wasser auf das Boot zu schaffen. Er gibt nicht auf. Um des Friedens willen stimme ich zu, da es nicht schaden kann, die Sachen auf zwei Orte aufzuteilen.

Das Wetter ändert sich. Es ziehen mehr und mehr Wolken auf. Erst sehr dünne, dann werden sie größer und hängen immer tiefer, bis der gesamte Himmel bedeckt ist. Ich kenne das.

Zu meiner Ausbildung als Privatpilot vor vielen Jahren gehörten auch Wetterkunde und Navigation. So wie die Wolken jetzt aussehen, wird es bald Regen geben. Aber gelten die Gesetze des Wetters aus Europa auch in Florida?

Ich gehe nach vorne. Das Segel ist im Mast aufgerollt, ebenso das Vorsegel am Bug. Ich knie nieder, um den Anker zu begutachten. Dabei schaue ich nach unten ins Wasser. Was ich da sehe, lässt mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen.

Durch den Unrat auf der Oberfläche habe ich bisher nicht darauf geachtet. Das, was ich als Steg oder Anleger gedeutet habe, ist in Wirklichkeit eine Brücke. Die Holzbrücke liegt ungefähr einen Meter unter Wasser. Viel tiefer unter uns und weiter vom Ufer entfernt, erkenne ich den Anleger, an dem das Boot einmal gelegen haben muss.

Auf dem Grund des Kanals sind weitere kleine Motorboote zu erkennen. Das bedeutet aber, dass der Meeresspiegel um mindestens zehn Meter gestiegen ist. Wenn nicht sogar mehr. Das erklärt, warum alles überschwemmt ist.

Mir schwirren tausend Gedanken durch den Kopf. Was ist, wenn das weltweit so ist? Wie sieht dann Europa aus? Ich muss an meine Familie denken. Sind sie in Sicherheit? Sicher machen sie sich auch Sorgen.

Werde ich sie je wiedersehen?

Hinter mir höre ich Emmas Stimme. „Mister GS? Ich habe Hunger. Können wir essen?“

Es entlockt mir immer ein Lächeln, wenn sie mich so ansprechen. Dankbar für die Ablenkung erwidere ich: „Klar. Wir fahren am besten zurück.“

Am Grill bereitet dieses Mal Mia einen kleinen Imbiss zu. Ben ist ausgiebig mit Packen beschäftigt. Ich gönne mir im Garten ein paar Minuten Ruhe und sehe zu, wie Ben mehr als notwendig auf die Ladefläche packt, lasse ihn aber machen. Schließlich ist es egal, wo wir die Sachen aufbewahren. Zur Not können wir sie ins Haus zurückbringen.

Er kommt zu mir und fragt, ob er meine Tasche mitnehmen soll. Das ist keine schlechte Idee. Auf dem Boot sind Anschlüsse und Steckdosen für die Geräte vorhanden.

„Nimm sie mit.“ Ich reiche ihm mein Handy. „Das bitte auch. Wir können es dort laden.“ Da kommt mir eine Idee. „Was haltet ihr davon, wenn wir heute Nacht alle auf dem Boot schlafen?“

Alle sind sofort begeistert und völlig aus dem Häuschen. Jeder muss noch dringend etwas holen, was er unbedingt benötigt. Anschließend sammeln sie sich erwartungsvoll vor dem Wagen. Der ist jedoch so voll bepackt, dass niemand Platz hat. Ich schaue Ben amüsiert an. Er zieht nur entschuldigend die Schultern hoch.

Ich fahre den Wagen zum Boot, während alle anderen zu Fuß folgen. Wir verstauen so viel wie wir können auf dem Boot und entdecken dabei, dass wir sogar eine Mikrowelle haben. Was für ein Luxus. Es ist später Nachmittag und der Himmel sieht nicht gut aus. Mir fällt ein, dass wir die Taschenlampen hier gut gebrauchen können und schicke Mia, Sophia und Olivia zurück zum Haus, damit sie sie besorgen.

„Kommt aber sofort zurück. Es sieht nach Regen aus“, rufe ich ihnen hinterher.

Wir räumen inzwischen weiter ein. Die Weinflaschen nehme ich vorsichtshalber heraus und leere sie im Wasser. Hier braucht niemand Alkohol. Auch ich nicht.

3. April

Flucht

Die Mädchen sind schon eine Stunde weg. Was dauert da so lange?

Ihnen ist doch hoffentlich nichts passiert!

„Alexander, Mason, ihr beide kommt mit mir. Wir sehen nach, wo die Mädchen bleiben! Ben, du passt hier an Board auf.“

Ben ist noch dabei, den Wagen zu entladen. Wir drei gehen den Weg zurück zum Haus. Der Himmel zieht sich immer mehr zu. Na, ob das mit dem Boot so eine gute Idee war? Ich bekomme Zweifel.

Kurz bevor wir um den letzten Strauch zum Haus biegen wollen, höre ich laute, harte Stimmen und bleibe wie angewurzelt stehen. Die Jungen sehen mich erschrocken an, als ich sie mit beiden Händen zurückhalte. Das sind keine Mädchenstimmen, sondern raue, dunkle Männerstimmen. Sie reden zwar laut, jedoch in einem Slang, den ich kaum verstehe. Ich flüstere Alexander und Mason zu, sie sollen still sein und warten. Gebückt wage ich einen Blick auf das Haus.

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