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Moderne Produktion

Herausgegeben von Marion Steven

Hartmut Hirsch-Kreinsen

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1. Auflage 2020

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-034106-7

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-034107-4

epub: ISBN 978-3-17-034108-1

mobi: ISBN 978-3-17-034109-8

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Vorwort

Die Fragestellung der vorliegenden Buchpublikation ist, welche Konsequenzen die Verbreitung digitaler Technologien für die Arbeitswelt hat. Aufgegriffen wird damit vor allem die seit Jahren intensive deutsche Debatte um Industrie 4.0 und der damit verbundene Fokus auf die Entwicklung von Industriearbeit. Diskutiert werden drei Fragenkomplexe: Zum einen sollen Entwicklungsperspektiven von Arbeit aufgezeigt werden, zum zweiten wird nach Gestaltungsoptionen, besonders den Chancen für humanorientierte Formen digitaler Arbeit gefragt und zum dritten geht es um eine Einschätzung der Perspektiven der Digitalisierung, insbesondere in Hinblick auf die wachsende Bedeutung von Systemen der Künstlichen Intelligenz.

Hauptziel der vorliegenden Publikation ist es, ein Resümee des gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen Wissensstands über die Entwicklungsperspektiven und Gestaltungsoptionen von Arbeit, insbesondere von Industriearbeit, unter den Bedingungen des Einsatzes digitalisierter Produktionstechniken vorzulegen. Darüber hinaus geht es darum, die oftmals verkürzte technikzentrierte Sicht auf Digitalisierung und Industrie 4.0 um die unverzichtbare soziale Dimension zu einer soziotechnischen Auffassung zu erweitern. Schließlich soll ein Beitrag zur Versachlichung des vielfach von weitreichenden positiven wie auch negativen Erwartungen geprägten gesellschaftlichen Digitalisierungsdiskurses geleistet werden.

Dazu wird sowohl auf den generellen Stand der Forschung zum Wandel von Arbeit als insbesondere auch auf die Ergebnisse eigener konzeptioneller und empirischer Untersuchungen zu diesem Thema Bezug genommen. Grundlage sind Untersuchungen, die in den letzten Jahren von einem Team von Sozialwissenschaftler/innen unter der Leitung des Autors an der TU Dortmund in verschiedenen organisatorischen Kontexten, zunächst am ehemaligen Lehrstuhl für Wirtschafts- und Industriesoziologie, dann im Forschungsgebiet Industrie- und Arbeitsforschung und zuletzt an der Sozialforschungsstelle Dortmund durchgeführt worden sind.

Die Abschlussarbeiten am Buchmanuskript fielen nun allerdings in die Phasen des Beginns und der Zuspitzung der globalen »Corona-Krise« im Frühjahr 2020, deren gravierende soziale und ökonomische Folgen auch bis zum Termin der Buchveröffentlichung und darüber hinaus kaum absehbar sein dürften. Es stellt sich daher die Frage, welche Bedeutung Digitalisierung in Zukunft für die gesellschaftliche Entwicklung zugeschrieben wird. Es ist völlig unstrittig, dass digitale Technologien als Kommunikations-, Distributions-, Regulations- und Überwachungsmittel im gesellschaftlichen Maßstab zukünftig massiv an Bedeutung gewinnen werden. Offen ist indes, welchen Stellenwert die weitere Entwicklung digitaler Technologien auf der Ebene von Arbeitsprozessen sowie damit verbundene Fragen der Arbeitsgestaltung in vielen Unternehmen angesichts der ökonomischen Verwerfungen in der absehbaren Zukunft noch haben werden. Auch ist zu fragen, welche Prioritäten im Bereich der Forschungs- und Innovationspolitik in der nächsten Zeit verfolgt werden und ob dem Thema Zukunft der Arbeit weiterhin eine große Bedeutung eingeräumt wird. Freilich ist auch zu hoffen, dass die Krise und ihre Bewältigung nicht nur eine Rückkehr zum Business as usual bedeuten. Denn gleichzeitig bietet sich damit die große Chance, innovative gesellschaftliche Entwicklungen im Sinne sozial orientierter und wirtschaftlich nachhaltiger Perspektiven anzustoßen. Ein wichtiger Aspekt hiervon ist dann sicherlich auch die in diesem Buch thematisierte Frage, wie Arbeit in Zukunft gestaltet werden kann und sollte.

Danken möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich den Kollegen/innen und ehemaligen Mitarbeiter/innen, mit denen ich in den letzten Jahren im Themenfeld Digitalisierung von Arbeit intensiv zusammengearbeitet habe. Die Zusammenarbeit war nicht nur stets produktiv, sondern auch inhaltlich weiterführend und immer sehr anregend. Des Weiteren sei dem langjährigen Kooperationspartner Rainer Bohn für seine wertvolle inhaltliche Kritik und sein Lektorat des Manuskripts vielmals gedankt. Schließlich ist auch Uwe Fliegauf vom Kohlhammer Verlag für sein Interesse an dieser Thematik und vor allem für seine Geduld mit der nun endlich vorgelegten Veröffentlichung ein großer Dank auszusprechen.


Berlin/Dortmund, Herbst 2020 Hartmut Hirsch-Kreinsen

Inhalt

1  Vorwort

2  1 Einleitung

3  1.1 Technologieschub

4  1.2 Weitreichende Erwartungen – Technikutopie Digitalisierung

5  1.3 Gegenstimmen: Skepsis und Befürchtungen

6  1.4 Argumentationsleitende Grundannahmen

7  1.5 Untersuchungsfeld, Methode und Gang der Argumentation

8  Teil I – Strukturwandel von Arbeit

9  2 Zum Verhältnis von Technik und Arbeit

10  2.1 Contra Technikdeterminismus

11  2.2 Multifunktionalität digitaler Technologien

12  2.3 Organisationstechnologie

13  2.4 Kontingentes Verhältnis von Technik und Arbeit

14  3 Digitale Transformation von Arbeit

15  3.1 Kurzfristige Pfadabhängigkeit

16  3.1.1 Increasing Returns und Small Events

17  3.1.2 Inkrementelle Digitalisierung und Optimierung gegebener Prozesse

18  3.1.3 Strukturkonservativer Wandel von Arbeit

19  3.2 Längerfristig disruptiver Wandel?

20  3.3 Divergierende Entwicklungsszenarien von Arbeit

21  3.3.1 Substitution von Arbeit

22  3.3.2 Upgrading

23  3.3.3 Polarisierung

24  3.4 Generelle Trends: Kontrolle, Erfahrungswissen, Flexibilisierung

25  3.4.1 Neue Kontrollpotenziale

26  3.4.2 Hohe Relevanz von Erfahrungswissen

27  3.4.3 Beschleunigte Flexibilisierung

28  4 Leitungsebenen: zum Wandel der Meisterfunktion

29  4.1 Meister in der digitalen Produktion

30  4.2 Widersprüchliche Perspektiven

31  Teil II – Gestaltungsoptionen

32  5 Gestaltungsprojekt digitale Arbeit

33  5.1 Digitale Arbeit als sozio-technisches System

34  5.2 Grundlagen guter Arbeit

35  5.3 Gestaltungsoptionen digitaler Arbeit

36  5.3.1 Schnittstelle Mensch – Technologie

37  5.3.2 Schnittstelle Mensch – Organisation

38  5.3.3 Schnittstelle Organisation – Technologie

39  5.4 Leitkriterien guter digitaler Industriearbeit

40  5.5 Rahmenbedingungen

41  6 Einführung und Akzeptanz

42  6.1 Zur Bedeutung des Einführungsprozesses

43  6.2 Herausforderung Akzeptanz

44  6.3 Akzeptanz: Indifferent, aber nicht ablehnend

45  6.3.1 Unsicherheit und offene Fragen bei den Beschäftigten

46  6.3.2 Nutzerorientierte Technologiegestaltung

47  6.3.3 Einführungsprozess als zentraler Faktor

48  6.4 Handlungsempfehlungen

49  Teil III – Perspektiven

50  7 Grenzen der digitalen Transformation

51  7.1 Arbeitsprozessuale Grenzen

52  7.1.1 Widersprüche der Automatisierung

53  7.1.2 Bedeutung von Erfahrungswissen

54  7.1.3 Dynamik von Tätigkeiten und Qualifikationen

55  7.2 Betriebsstrukturelle Grenzen

56  7.2.1 Prozesstechnische Barrieren

57  7.2.3 Betriebsstrukturelle Faktoren

58  7.2.4 Segmentation der Betriebslandschaft

59  7.3 Ungewisse ökonomische Effekte

60  7.3.1 Unklare Rentabilitätsaussichten

61  7.3.2 Sunk Costs

62  7.4 Fragliche gesamtwirtschaftliche Perspektiven

63  7.4.1 Zurückhaltende Investitionsrate

64  7.4.2 »Produktivitätsparadox«

65  7.4.3 »Adaptionsverzögerungen« als Ursache?

66  7.5 Unverzichtbare historische Bezüge

67  8 Perspektive: Autonome Systeme und Künstliche Intelligenz

68  8.1 Erwartungen und Trends

69  8.2 Ungewisse Folgen für Arbeit

70  8.3 Anwendungsgrenzen Autonomer Systeme

71  8.4 Fazit

72  Literatur

1 Einleitung

Gegenstand der folgenden Darstellung ist die viel diskutierte Frage, wie und in welche Richtung die digitale Transformation von Arbeit verlaufen wird. Untersucht werden soll, welche Konsequenzen die zunehmende Verbreitung verschiedenster digitaler Technologien wie etwa mobile Datenendgeräte, smarte Robotersysteme oder vernetzte Planungs- und Steuerungssysteme für die Zahl von Arbeitsplätzen, die Art der Tätigkeiten und die Qualifikationen der Beschäftigten hat. Daran schließt die Frage an, inwieweit die Digitalisierung von Arbeit zu beeinflussen ist und welche Gestaltungsmöglichkeiten sich für digitalisierte Arbeit ergeben. Bevor diese Fragen aufgegriffen werden, muss allerdings vorausgeschickt werden, dass der Wandel von Arbeit keineswegs monokausal nur von einem Faktor wie eben neuen Technologien bestimmt oder zumindest beeinflusst wird. Vielmehr wird die Entwicklung von Arbeit historisch von einer Vielzahl weiterer Bedingungen geprägt: beispielsweise von der ökonomischen Entwicklung, von politischen Regelungen, von sich wandelnden Arbeitsmarktbedingungen, von der demografischen Entwicklung, von personalpolitischen Unternehmensstrategien oder auch von den Ergebnissen arbeitspolitischer Verhandlungsprozesse zwischen Management und Gewerkschaften bzw. Betriebsräten zu Fragen der Arbeitsgestaltung. In stärker soziologischer Formulierung: Nicht allein eine singuläre technologische Logik bestimmt die Entwicklung von Arbeit, sondern vor allem auch das wechselseitige Zusammenspiel institutioneller Arrangements und das Handeln der beteiligten Akteure mit ihren divergierenden Interessen. Daraus resultieren historisch und kulturell spezifische Entwicklungstrends von Arbeit, die sich einerseits durch gemeinsame Merkmale und Muster auszeichnen, andererseits auch stets ein hohes Maß an Divergenz und Ungleichzeitigkeit aufweisen.

Dennoch ist es methodologisch legitim, nur einen dieser Bestimmungsfaktoren dann ins Zentrum der Analyse zu stellen, wenn er in einer bestimmten Phase der Entwicklung von Arbeit sich als relevanter Faktor angesehen werden kann. Dies trifft auf den Einfluss der digitalen Technologien zu. Denn die fortschreitende Digitalisierung ökonomischer und sozialer Prozesse ist als ein »Megatrend« der derzeitigen und zukünftigen Entwicklung von Gesellschaft und Arbeit zu begreifen.

1.1 Technologieschub

Dass es sich bei der Digitalisierung tatsächlich um einen Megatrend handelt, ist angesichts des seit Jahren schnell ablaufenden Entwicklungsschubs von digitalen Technologien weithin unstrittig. Es eröffnen sich völlig neue und unbekannte Nutzungspotenziale der Technologien, und es werden geradezu disruptive soziale und ökonomische Folgen erwartet, eben auch ein durchgreifender Wandel von Arbeit. Die Rede ist von einem neuen Zeitalter, das in der internationalen Debatte als »The second machine age« (vgl. Brynjolfsson/McAfee 2014) oder »Third industrial revolution« (vgl. Rifkin 2011; Markillie 2012) – im deutschen Sprachraum bekanntlich als »Vierte industrielle Revolution« bzw. »Industrie 4.0« (vgl. Forschungsunion/acatech 2013) – bezeichnet wird. Oder es wird sogar, in freilich sehr unterschiedlicher Perspektive, ein neues Produktionsregime wie »Postkapitalismus« (vgl. Mason 2015) oder »Digitaler Kapitalismus« (vgl. Betancourt 2016; Staab 2019) ausgerufen.

In der laufenden Debatte werden daher spektakuläre Veränderungen und Entwicklungsperspektiven prognostiziert. In der Fachöffentlichkeit, in der Politik und weit darüber hinaus wird der Digitalisierung die zentrale Rolle für die zukünftige gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung zugeschrieben. Man fühlt sich an die zweite Hälfte der 1990er Jahre erinnert, als die New Economy und mit ihr Schlagworte wie Multimedia und Internet als die Vorboten einer prosperierenden gesellschaftlichen Zukunft gefeiert wurden.

Betrachtet man die Debatte genauer, so finden sich durchaus überzeugende Argumente dafür, dass gegenwärtig ein technologischer Entwicklungsschub Platz greift, dessen gesellschaftliche Konsequenzen kaum absehbar sind. Ausgangspunkt hierbei ist die weithin geteilte Annahme, dass die Entwicklung digitaler Technologien nach vielen Jahren derzeit ihre »full force« erreicht habe (Brynjolfsson/McAfee 2014, S. 9). Damit eröffne sich eine völlig neue Qualität ihrer Anwendung. Ursächlich hierfür sind die dramatische Steigerung der Leistungsfähigkeit der Computersysteme, die gleichzeitige massive Senkung ihrer Kosten und ihre rasante Miniaturisierung in den letzten Jahrzehnten (vgl. OECD 2019).

Historisch können mehrere Phasen der Digitalisierung unterschieden werden: In einer ersten Phase hat sich dieser Prozess spätestens seit Ende der 1990er Jahre schon in jenen Wirtschaftsbereichen durchgesetzt, wo Produktion, Konsumtion und Kommunikation unmittelbar auf immateriellen Transaktionen und der Nutzung von Daten und Informationen basieren. Zu nennen sind hier Dienstleistungssektoren wie die Musikherstellung und -distribution, das Verlags- und Zeitschriftenwesen oder auch Finanzdienstleistungen, deren Digitalisierung weitreichende Strukturveränderungen einzelner Geschäftsmodelle sowie ganzer Firmen- und Branchenstrukturen nach sich gezogen hat (Zuboff 2010; Brynjolfsson/McAfee 2014).

Seit Beginn der 2000er Jahre kann von einer zweiten Phase der Digitalisierung gesprochen werden, die sich auf die Verknüpfung der Digitalisierung mit physischen Gegenständen unterschiedlichster Art richtet. Shoshana Zuboff (2010, S. 8) bezeichnet diese Entwicklung als »second-wave mutation« des technologischen und damit verbundenen sozio-ökonomischen Wandels. In einer primär technologischen Perspektive wird dieser Zusammenhang unter dem Schlagwort Internet der Dinge thematisiert. Mit diesem Begriff wird eine Vernetzung von physischen Prozessen und Gegenständen und ihrer informationstechnologischen, virtuellen Abbildung und Simulation bezeichnet (vgl. z. B. Fleisch/Mattern 2005; Bullinger/ten Hompel 2007).1 Konkreter wird auch von Cyber-physischen Systemen (CPS) gesprochen, die in den unterschiedlichsten Anwendungsbereichen wie Wohnen, Medizin, Verkehr oder industrielle Produktion die virtuelle Datenebene mit einer realen Prozessebene verknüpfen (vgl. z. B. Geisberger/Broy 2012). Unter dem Begriff der CPS wird das informationstechnologische Zusammenspiel von physischen Systemen und »eingebetteter« Software mit der virtuellen Datenebene sowie vernetzten und interaktiven Anwendungssystemen verstanden. Die zentrale informationstechnische Voraussetzung hierfür ist die Darstellung der realen Prozesse in Form eines sog. Digitalen Zwillings (»digital twin«), der die Prozesse modelhaft in Algorithmen abbildet und damit ihre Simulation und Steuerung ermöglicht (z. B. Sendler 2013). Im wirtschaftlichen Bereich wird diese Entwicklung mit der Digitalisierung von B2B-Geschäftsbeziehungen (business to business) beschrieben, die die bisherigen B2C-Relationen (business to consumer) der ersten Digitalisierungsphase erweitern. Dies betrifft besonders den industriellen Sektor, da hier zumeist B2B-Beziehungen anzutreffen sind. Damit ergeben sich bislang nicht gekannte und völlig neue Anwendungspotenziale und daraus resultierende gesellschaftliche Folgen.

Schließlich zeichnet sich derzeit eine dritte Phase der Digitalisierung ab, die von der zunehmenden Nutzung von Systemen der Künstlichen Intelligenz (KI) und dem Einsatz sog. Autonomer Systeme geprägt ist. Diese Technologien verweisen auf eine mit hohen Erwartungen verbundene Entwicklungsperspektive, deren tatsächliche Reichweite, Anwendungsfelder und sozialen Konsequenzen bislang nur schwer abschätzbar sind ( Kap. 8).

Begrifflich soll im Folgenden – orientiert an der international gebräuchlichen Definition (vgl. OECD 2019) – unter Digitalisierung informationstechnologisch die Nutzung und Verbreitung digitaler Technologien und deren Vernetzung sowie damit verbundene neue Funktionen und Aktivitäten verstanden werden. Des Weiteren wird der Begriff der digitalen Transformation aufgegriffen. Er bezeichnet den ökonomischen und sozialen Wandel, der durch die Digitalisierung angestoßen wird.2 Der deutsche Begriff Industrie 4.0 soll, ähnlich wie in der laufenden Debatte, weniger präzise verwendet werden und beide genannten Dimensionen umgreifen. Der Begriff der digitalen Technologien umfasst sowohl Hard- als auch Softwarekomponenten und bezieht sich auf sehr unterschiedliche Funktionszusammenhänge, die von prozessübergreifenden Steuerungssystemen über autonome Robotersysteme bis hin zu mobilen Datenendgeräten wie Datenbrillen reichen ( Kap. 2).

1.2 Weitreichende Erwartungen – Technikutopie Digitalisierung

Der Digitalisierungsdiskurs richtet sich nicht allein auf technologische Perspektiven, vielmehr werden zugleich weitreichende gesellschaftliche Zukunftserwartungen formuliert, mit denen sich ungebrochene Wachstums- und Fortschrittsperspektiven verbinden (vgl. Pfeiffer 2015). Zuboff bezeichnet den digitalen Technologieschub sowohl technologisch als auch im Hinblick auf dessen sozialen Konsequenzen als »unprecented« – als beispiellos und noch nie dagewesen. Ihr zufolge werden der Digitalisierungsdiskurs und seine weitreichenden Erwartungen im globalen Maßstab besonders von dem digitalen Milieu des Silicon Valley geprägt. Vorherrschend sei ein Credo, das mit Formeln wie Disruption, Geschwindigkeit, Agilität, ungehinderte Innovation und – mit Rückgriff auf das bekannte Diktum von Schumpeter – als »kreative Zerstörung« der bestehenden sozialen und ökonomischen Verhältnisse umschrieben werden kann (vgl. Zuboff 2019, S. 50 f.).3

Festmachen lässt sich diese Perspektive vor allem auch an den prognostizierten immensen ökonomischen Gewinnen einer erfolgreichen Digitalisierung der industriellen Produktion in Deutschland: So wird in einer weithin rezipierten Studie von einem durch Industrie 4.0 ermöglichten Wirtschaftswachstum für Deutschland in Höhe von 78 Mrund Euro bis 2025 ausgegangen, wobei einzelnen Branchen wie dem Maschinen- und Anlagenbau Wachstumsraten von bis zu 30 Prozent vorhergesagt werden (vgl. Bauer et al. 2014). Ähnlich optimistisch ist eine Untersuchung der Unternehmensberatung PwC: Ihr zufolge können innerhalb von fünf Jahren nach der Einführung von Industrie-4.0-Systemen Produktivitätssteigerungen von rund 18 Prozent und jährliche Umsatzsteigerungen von zwei bis drei Prozent erwartet werden. Danach ergeben sich hochgerechnet in der gesamten Industrie pro Jahr Umsatzzuwächse von 30 Mrund Euro (vgl. PwC 2014). Insbesondere wird die Digitalisierung als die Voraussetzung dafür angesehen, neue digital gestützte Geschäftsmodelle und Absatzstrategien zu realisieren, um bestehende Konkurrenzvorteile auf dem Weltmarkt zu sichern und neue Märkte zu erschließen; die entsprechenden Losungen im Diskurs über Industrie 4.0 heißen: Individualisierung der Produktion und »Losgröße 1« (vgl. z. B. acatech 2018).

Auch wird mit positiver Konnotation ein nachhaltiger und positiver Wandel von Bildung und Arbeit prognostiziert. Zitate wie »Hunderttausende neuer Arbeitsplätze geschaffen«, »Noch nie war Bildung so leicht zugänglich und noch nie hat Bildung so viel Spaß gemacht« oder »Die Vernetzung macht die Expertinnen und Experten schneller und schlauer und das hilft uns in allen Lebensbereichen« belegen eine überaus optimistische Entwicklungsperspektive, die von einflussreichen politischen Akteuren mit der Digitalisierung verbunden wird (vgl. BMWI 2016a). So prognostiziert beispielsweise das World Economic Forum, dass bis zum Jahr 2022 weltweit rund 75 Mio. Jobs durch die neuen Technologien ersetzt werden, aber zugleich 133 Mio. neue Jobs entstehen, d. h. die Arbeitsmarktentwicklung wird im Zuge der Digitalisierung in sehr vielen Ländern eine überaus positive Bilanz aufweisen (vgl. WEF 2018). Die weitgreifenden Digitalisierungsprozesse sollen dabei nicht nur zu einer positiven Entwicklung des Arbeitsmarkts, sondern auch zur Realisierung selbstbestimmter und qualifizierter Arbeit, einer Verbesserung der Work-Life-Balance und einer Bewältigung der demografischen Probleme beitragen. Eine absehbar positive Qualifikationsentwicklung betont beispielsweise Henning Kagermann (2014, S. 608), einer der Protagonisten der Vision Industrie 4.0, dem zufolge Mitarbeiter in Zukunft weniger als »Maschinenbediener« eingesetzt werden, »sondern mehr in der Rolle des Erfahrungsträgers, Entscheiders und Koordinators, (…) die Vielzahl der Arbeitsinhalte für den einzelnen Mitarbeiter nimmt zu«. Im Hinblick auf den Wandel von Arbeit werden unter Verweis auf Google und das Silicon Valley die dort anzutreffenden Formen digitalisierter Wissensarbeit – vernetzt, hoch flexibel, autonom, selbstbestimmt sowie kreativ – als der Arbeitstypus der Zukunft generalisiert (vgl. Weinberg 2016). Damit verknüpft sind Perspektiven, die seit längerem unter dem Label Agilität diskutiert werden. Darunter wird ein Gegenmodell zur tradierten bürokratischen Unternehmensorganisation verstanden, das sich durch flexible Formen der Projektorganisation und mittels digitaler Kommunikationssysteme und Methoden unterstützte Entwicklungs- und Innovationsprozesse auszeichnet. Der Ursprung dieses Modells stammt aus der IT- und Softwareindustrie, es wird aber zunehmend auch als relevant für Engineeringprozesse in traditionellen Industriezweigen erachtet (vgl. z. B. Boes et al. 2018).

Mehr noch: Davon ausgehend werden mit der fortschreitenden Digitalisierung bislang nicht gekannte Demokratisierungspotenziale auf der Ebene von Unternehmen, vor allem aber auch auf der gesellschaftlichen Ebene verbunden (vgl. Herzog 2019). Für Unternehmen eröffnen sich demnach weitreichende Möglichkeiten, die Mitarbeiter systematisch am internen Entscheidungsprozess zu beteiligen und Partizipation und Mitsprache der Beschäftigten digital gestützt sehr deutlich zu erweitern – Stichwort ist hier »liquid democracy« – oder auch Chancenfairness für alle Unternehmensmitarbeiter gleichermaßen durchzusetzen (vgl. Sattelberger et al. 2015). Im Hinblick auf gesellschaftliche Trends wird die Entstehung einer neuen Qualität der Demokratisierung prognostiziert, und es werden durch die Digitalisierung ganz grundsätzlich große Chancen einer gesellschaftsweiten »Digitalen Aufklärung« gesehen (vgl. Urchs/Cole 2013). Darüber hinaus zielen noch weiter reichende Erwartungen auf Möglichkeiten einer Perfektionierung von Markt und Gesellschaft, indem die Unzulänglichkeiten und die Konfliktträchtigkeit ökonomischer und politischer Prozesse durch digitale Technologien als Koordinationsmedium überwunden und neue Niveaus einer kollektiven Effizienz und Effektivität erreicht werden. Zuboff (2019, S. 398 ff., 430 ff.) interpretiert diese Perspektive als die Vision einer »instrumentarian society«, die von Systemen Künstlicher Intelligenz abgebildet und gesteuert wird. Brüche, Fehler und Zufälligkeiten in gesellschaftlichen Prozessen werden tendenziell ausgeschaltet; Interessenkonflikte und aufwendige Verhandlungsprozesse zwischen heterogenen Akteuren werden durch Systemvorgaben zunehmend unnötig. Konkret greifbar wird diese Vision an der Debatte über mögliche Anwendungsmöglichkeiten der Blockchaintechnologie und die Objektivierung sozialer Prozesse. Bei entsprechender Konfiguration, so die Erwartung, können geschäftliche Verhandlungsprozesse durch autonome Systementscheidungen ersetzt werden. Es gebe dann keine Informationsasymmetrie und damit Machtasymmetrie mehr und das Prinzipal-Agent-Problem verschwinde. Denn sämtliche Informationen seien dann vorhanden, und vor allem existierten von vornherein vertrauenswürdige soziale Beziehungen (vgl. Henke 2018). In generellerer Hinsicht besteht die Erwartung, dass eine konfliktfreie Optimierung der gesellschaftlichen Produktivität möglich werde, die allerdings auch einen nachhaltigen Wandel der gesellschaftlichen Arbeit erfordere (vgl. Zuboff 2019, S. 410).

Es ist daher nicht übertrieben festzuhalten, dass der Digitalisierungsdiskurs gesellschaftspolitisch gesehen einen technikfixierten und ausgeprägt optimistischen, ja durchaus technikutopischen Charakter aufweist.4 Mit dem Begriff der Technikutopie kann dabei an einen historisch weit zurückreichenden Gesellschaftsdiskurs angeknüpft werden, der seinen Ursprung in den klassischen Sozialutopien des 19. Jahrhunderts hat, in denen sich Gesellschaftskritik und gesellschaftlicher Gegenentwurf miteinander verbanden. Eine Spielart dieser Gesellschaftsvisionen ist ihr enger Technologiebezug. Historisch ist diese etwa mit der Ära der 1950er und 1960er Jahre vergleichbar, jener Zeit einer begeisterten Sicht auf die neuen Möglichkeiten der Raumfahrt und die Potenziale der Atomenergie; ebenso mit dem wissenschaftlichen und politischen Diskurs über die aufkommende Wissens- bzw. Informationsgesellschaft in den 1990er Jahren. Dabei wurde die schnelle Entwicklung von »High Tech« von vielen Beteiligten als eine überaus aussichtsreiche Lösungsoption für drängende gesellschaftliche Probleme angesehen (vgl. Segal 2005). Sehr charakteristisch hierfür ist eine damalige Formulierung des britischen Soziologen Rod Jeffcote (2003, S. 8): »Information technology we are told, holds the promise of wealth, global democracy and political participation«. Gegenwärtig, so lässt sich auch der deutsche Industrie-4.0-Diskurs interpretieren, erlebt Technikutopie als »Form der sozialen Konstruktion von Zukunft« eine neue Blütezeit. Deren hervorstechendes Merkmal ist, dass sie von der Perspektive einer generellen »Weltverbesserung« durch eine umfassende Nutzung von Internet und digitalen Technologien geprägt ist (vgl. Dickel/Schrape 2015).5 Das Schlagwort Digitalisierung wird – anders formuliert – gleichgesetzt mit der Formel: erfolgreiche Innovation gleich wohlstandserhaltende Zukunft gleich politische Stabilität (vgl. Sloane 2019).

1.3 Gegenstimmen: Skepsis und Befürchtungen

Der Digitalisierungsdiskurs ist allerdings auch geprägt von einem hohen Maß an Skepsis im Hinblick auf die Realisierbarkeit der weitreichenden Erwartungen und von Befürchtungen hinsichtlich negativer sozialer Konsequenzen. Bezüglich der deutschen Debatte über Industrie 4.0 lässt sich festhalten, dass vielfach die Realisierbarkeit von einschlägigen Konzepten angezweifelt wird und die ökonomischen Erwartungen als überzogen angesehen oder in Frage gestellt werden. Mit zugespitzten Formulierungen wie »Industrie 4.0 – der große Selbstbetrug« wird auf den bislang weithin unkalkulierbaren Aufwand bei der Umsetzung von Industrie 4.0 vor allem für mittlere und kleinere Betriebe hingewiesen (vgl. Maier/Student 2015). Die Kritiker gehen davon aus, dass besonders kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) aufgrund ihrer knappen Ressourcen noch auf lange Sicht mit der Einführung digitaler Technologien überfordert sein werden ( Kap. 7). Vor allem wird das für digitale Technologien verfügbare Finanzierungsbudget in den allermeisten KMU als »überschaubar gering« angesehen, und es werde auch in den kommenden Jahren nur wenig ansteigen (vgl. agiplan et al. 2015, S. 133). Nicht zufällig gab daher bei einer Umfrage über die Bedeutung der Digitalisierung in mittleren Betrieben ein gutes Drittel an, das Thema sei für sie derzeit überhaupt nicht relevant; bei kleinen und mittleren Betrieben waren es sogar 70 Prozent (vgl. Maier/Student 2015). Kaum überraschen können empirische Befunde, wonach im Vergleich zur IKT-Branche, den Finanz- und Versicherungsdienstleistern, wissensintensiven Dienstleistern und dem Handel im industriellen Bereich eine große Zurückhaltung gegenüber den digitalen Technologien zu erkennen ist. Nach einer Erhebung des IAB/ZEW aus dem Jahr 2016 hat sich fast die Hälfte aller Produktionsbetriebe (46,5 %) noch nicht mit der Nutzung digitaler Technologien auseinandergesetzt, während knapp 37 % der befragten Betriebe diese Technologien allenfalls partiell einsetzen (Arntz 2016, S. 4) ( Kap. 3.1). Darüber hinaus wird von vielen Unternehmensvertretern auf das bislang bestenfalls in Ansätzen angegangene Problem der Datensicherheit verwiesen. Vielfach wird die Furcht vor unkontrollierbarem Missbrauch, Manipulation und Diebstahl von vernetzten Datenbeständen geäußert, und damit werden Skepsis und Aversionen gegenüber dem Technologieversprechen begründet.

Ähnlich kritisch äußern sich Experten im Hinblick auf den Innovationsgrad des Konzepts Industrie 4.0. So fragt mancher Beobachter, ob mit der gegenwärtigen Debatte nicht »Alter Wein in neuen Schläuchen« angepriesen werde (vgl. Jasperneite 2012). Begründet wird diese Frage mit dem Hinweis, dass sich Industrie 4.0 nur schwer von Vorläuferkonzepten IT-gestützter Produktionstechnologien abgrenzen lasse und man daher aktuell kaum von einem Technologiesprung oder gar einer vierten industriellen Revolution sprechen könne. Industrie 4.0 knüpfe unübersehbar an Produktionskonzepte einer Vernetzung der Datenbestände aus den 1980er Jahren an. Diese wurden in den letzten Jahrzehnten unter dem bekannten Stichwort Computer Integrated Manufacturing (CIM) diskutiert und in den 1980er Jahren zumindest ansatzweise realisiert. Technologisch gesehen sind Gemeinsamkeiten zwischen dem CIM-Konzept und Industrie 4.0 in der Tat unübersehbar. Der Gedanke, eine informationstechnische Integration von Produktion und Logistik über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg und die Verknüpfung der virtuellen mit der realen Produktionsebene zu realisieren, wurde schon bei CIM vorweggenommen (vgl. Menez et al. 2016). Ebenso wurde schon damals das auch für Industrie 4.0 gültige ökonomische Ziel formuliert, Wertschöpfungsprozesse anpassungsfähig zu gestalten, Einzelleistungen rentabel zu produzieren und flexibel auf Störungen zu reagieren (vgl. Brödner 2018). Zwar wurde CIM aufgrund technologischer Barrieren (insbesondere der damaligen zentralistischen Rechnerstrukturen) kaum realisiert, jedoch wird nun davon ausgegangen, dass diese früheren Ideen auf Basis der neueren technologischen Entwicklung tatsächlich umgesetzt werden können. Nicht überraschend ist daher auch, dass gerade der frühere deutsche »CIM-Papst« und Informatiker August-Wilhelm Scheer eine Kontinuität technologischer Entwicklung betont (vgl. Scheer 2013).

Aus den gleichen Gründen wird von anderen Experten die Innovativität dessen, was unter Industrie 4.0 verstanden wird, als nicht sonderlich überzeugend angesehen. So seien nicht nur die Konzepte nicht neu, sondern man könne auch bis heute keine wirklich weitreichenden Fortschritte bei der industriellen Nutzung neuer intelligenter Systeme erkennen. Festgehalten wird daher: »So entpuppt sich die ›vierte industrielle Revolution‹ vor allem als eine Revolution der Worte (…), bei freilich enorm gesteigerter Leistung der Digitaltechnik, die früher außer Reichweite liegende Anwendungen möglich macht.« (Brödner 2018, S. 335) Folgt man diesen Argumenten, dann ist Industrie 4.0 weniger als treibendes Moment einer neuen industriellen Revolution denn als Ausdruck einer pfadabhängigen Weiterentwicklung früherer technologischer Konzepte zu verstehen. Die noch genauer zu skizzierenden Evidenzen hinsichtlich der digitalen Transformation von Arbeit belegen diese Perspektive ( Kap. 3.1).

Neben diesen technologisch begründeten Einwänden gewinnen im laufenden Diskurs über Industrie 4.0 auch zunehmend Fragen nach den Risiken für Arbeitsprozesse und nach möglichen negativen Konsequenzen für Tätigkeiten und Qualifikationen an Bedeutung. So werden beispielsweise Gefahren der Dequalifizierung, ein deutlich erhöhtes Kontrollpotenzial, eine forcierte Flexibilisierung und Prekarisierung von Arbeit, ein wachsendes Stresspotenzial und die Gefahr eines schnellen und hohen Arbeitsplatzabbaus thematisiert (vgl. z. B. IG Metall 2013; Kuhlmann/Schumann 2015; BMAS 2017a). Ganz im Gegensatz zu den erwähnten positiven ökonomischen Prognosen ist die Furcht vor weitreichenden Arbeitsplatzverlusten Gegenstand einer intensiven öffentlichen Debatte und einer zunehmenden Anzahl von Studien. Ein wichtiger Bezugspunkt dieser Debatte ist die international breit rezipierte Studie von Benedikt Frey und Michael Osborne (2017), in deren Zentrum die Aussage steht, dass perspektivisch rund die Hälfte aller Berufe (47 %) des US-amerikanischen Arbeitsmarkts in die »High Risk«-Kategorie fallen, d. h. zukünftig automatisiert werden könnten. Diese Studie bildet die Folie für viele weitere, zumeist digitalisierungskritische Analysen und Diskussionsbeiträge über die Perspektive anderer Länder und Regionen, und es werden zum Teil erhebliche Substitutionseffekte und Brüche auf dem Arbeitsmarkt prognostiziert. Daher nimmt die Frage nach möglichen Arbeitsplatzverlusten in der öffentlichen Debatte über Digitalisierung einen zunehmenden Stellenwert ein und konterkariert damit die skizierten technikutopischen Perspektiven.

Mit der fortschreitenden Nutzung von Plattformen zur Organisation global verteilter Arbeit steht zudem zu befürchten, dass feste Arbeitsverhältnisse zunehmend und unkontrollierbar durch prekäre Beschäftigung ersetzt werden ( Kap. 3.3). Als gesellschaftspolitisch nicht akzeptable Konsequenzen werden nicht nur der Verlust eines stabilen Einkommens und der sozialen Absicherung der Beschäftigten gesehen. Diese mögliche Entwicklung wird darüber hinaus auch als Bedrohung für den Sozialstaat und seiner auf dauerhaften Arbeitsverhältnissen beruhenden Finanzierungsbasis aufgefasst (z. B. BMAS 2017a; Hill 2017).

Mit weiteren kritischen Argumenten werden die Entwicklung und Diffusion von Systemen der Künstlichen Intelligenz und die damit verbundenen rechtlichen und vor allem ethischen Herausforderungen thematisiert, deren Regelung nach Ansicht vieler Kritiker der weiteren technologischen Entwicklung durchaus Grenzen setzen sollten ( Kap. 8.3). Die rechtlichen Herausforderungen der Digitalisierung werden seit längerem intensiv diskutiert, und als zentrale, vielfach ungelöste Probleme werden die Themen Datenschutz und Datensicherheit angesehen (vgl. z. B. Forschungsbeirat Industrie 4.0 2019). So sind trotz existierender rechtlicher Rahmenregelungen wie die Datenschutz-Grundverordnung der EU die neuen Potenziale, Folgen und Grenzen der Datennutzung etwa zur Verbesserung der Betriebsabläufe sowie die Möglichkeiten der Leistungskontrolle bislang wenig geklärt. Experten konstatieren beispielsweise eine hohe Rechtsunsicherheit hinsichtlich der Anwendbarkeit des Datenschutzrechts und der Interpretation existierender Generalklauseln. Zudem wird kritisch angemerkt, dass Kriterien für die rechtsgemäße und rechtsverträgliche Gestaltung der neuen Technologien und der technikadäquaten Fortbildung des Rechts weitgehend fehlen. Des Weiteren müssten wirksame Regeln für die Erfassung und Weitergabe personenbezogener Daten und die individuelle Leistungsüberwachung unter Wahrung der Datensouveränität und Identifizierung von ethischen und rechtlichen Grenzen entwickelt werden (vgl. Abel et al. 2019).

Schließlich sind in diesem Kontext auch ausgesprochen kritische Positionen über die vermuteten gesellschaftspolitischen Konsequenzen der Digitalisierung und der Vision einer »instrumentarian society« (vgl. Zuboff 2019) unüberhörbar. Ein zentrales Thema ist hier die Befürchtung, dass Vernetzung, Big Data und Plattformtechnologien nicht nur zu einer massiven Steigerung der wirtschaftlichen Macht der bekannten Internetkonzerne führen, sondern dass sie politisch völlig unkontrollierbar für Überwachungsmaßnahmen genutzt werden können. Bedroht seien damit nicht nur die Freiheit des Einzelnen, sondern letztlich auch die ganzer Gesellschaften (vgl. z. B. Hofstetter 2014). Gewarnt wird auch von einem drohenden technologischen Totalitarismus6 und einer aufkommenden Gesellschaftsformation, die als »surveillance capitalism« bezeichnet wird (vgl. Zuboff 2019). In scharfem Widerspruch zu den oben zusammengefassten technikutopischen Argumenten wird von manchen Kritikern mit der Digitalisierung daher auch die Gefahr einer generell dystopischen gesellschaftlichen Zukunft verbunden (vgl. z. B. Butollo/Engel 2015).

1.4 Argumentationsleitende Grundannahmen

Nun kann die Erwartung eines disruptiven Wandels sozialer und ökonomischer Verhältnisse mit durchaus widersprüchlichen Konsequenzen nicht grundsätzlich bestritten werden. Ohne Frage ist in einer ganzen Reihe von Wirtschaftssektoren und Arbeitsmarktsegmenten durch Digitalisierung ein anhaltender Prozess weitreichender struktureller Veränderungen im Gange. Beispielsweise betrifft dies seit dem Ende der 1990er Jahre jene o. g. Sektoren, wo Produktion, Verkauf und Kommunikation unmittelbar auf immateriellen Transaktionen sowie der Nutzung von großen Datenmengen beruhen. Auch im Konsumtionsbereich finden durch die Nutzung digitaler Plattformen als Koordinationsmedium weitreichende Wandlungsprozesse statt, die zu einer neuen Qualität von Kundenbeziehungen, Geschäftsmodellen und damit zusammenhängenden Arbeitsmustern führen. Zu nennen ist hier die durch digitale Vernetzung und Nutzung von Internetplattformen offensichtlich beschleunigte Ausweitung von Formen entgrenzter und kollaborativer Arbeit, die auch als Crowdwork oder Gigwork bezeichnet werden ( Kap. 3.3).

Indes findet sich ein solcher disruptiver Strukturwandel keinesfalls in allen Wirtschaftssektoren und Arbeitssegmenten. So zeigen Evidenzen, dass entgegen allen Erwartungen etwa des deutschen Industrie-4.0-Diskurses bislang die Mehrheit der Betriebe des industriellen Sektors eher von moderaten Wandlungstendenzen als von weitreichenden Strukturbrüchen infolge der Digitalisierung geprägt ist ( Kap. 3.1). Jenseits aller technikutopischen und -dystopischen Erwartungen sind Richtung, Intensität und Reichweite dieses Wandels bislang offenbar nur schwer absehbar. Dies gilt insbesondere für den Wandel von Arbeit im industriellen Sektor, der im Folgenden im Fokus stehen soll.

Drei Grundannahmen bilden den Ausgangspunkt für den Argumentationsgang des vorliegenden Buches. Sie beziehen sich sowohl auf den Wissensstand der Innovationsforschung zu den Diffusionsmechanismen neuer Technologien (vgl. z. B. Rogers 2003) als auch auf die sozialwissenschaftliche Technik- und Arbeitsforschung zur Frage nach dem Verhältnis von Technik und Arbeit (vgl. z. B. Lutz 1987; Bergmann 1989; Pfeiffer 2018). Empirisch basieren die Grundannahmen auf vorliegenden, insbesondere eigenen Forschungsergebnissen über den Wandel von Arbeit im Kontext von Digitalisierung und Industrie 4.0 im industriellen Sektor in Deutschland.

Erstens ist der Zusammenhang zwischen der Verbreitung und Nutzung digitaler Technologien und ihren sozialen Konsequenzen keinesfalls eindeutig und allein technologisch bestimmt. Vielmehr handelt es sich dabei um einen komplexen und wechselseitigen Zusammenhang, der von einer Vielzahl nicht-technischer, ökonomischer, sozialer und arbeitspolitischer Faktoren geprägt wird. Daher steht die Adaption der digitalen Technologien in Betrieben stets in enger Wechselwirkung mit je gegebenen Arbeitsprozessen und den jeweiligen betrieblichen Strukturen. Langfristig ist allerdings von einem durch digitale Technologien beeinflussten Strukturwandel von Arbeit auszugehen, der sich mit unterschiedlichen Entwicklungsszenarien beschreiben lässt.

Zweitens sind der konkrete Verlauf und die Richtung der digitalen Transformation von Arbeit Resultate betrieblicher Gestaltungsstrategien. Maßgeblich hierfür ist ein ganzes Bündel sozialer und politischer Faktoren wie etwa Entscheidungsprozesse des Managements, arbeitspolitische Verhandlungen, betriebsstrukturelle Bedingungen sowie ökonomische und gesellschaftliche Rahmenfaktoren. Es existieren ganz offensichtlich unterschiedliche Gestaltungsoptionen von Arbeit. Insbesondereeröffnet sich damit die Chance, die digitale Transformation von Arbeit human- und qualifikationsorientiert voranzutreiben. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass digitalisierte Arbeitsprozesse als sozio-technisches System begriffen werden. Die Systemelemente Arbeit, Organisation und Technologie müssen gleichermaßen Gegenstand betrieblicher Einführungsprozesse der neuen Technologien sein.

Drittens lassen sich die tatsächliche Diffusionsgeschwindigkeit und die betriebliche Adaption der neuen digitalen Technologien nur schwer einschätzen. Denn ihre Einführung ist mit vielfältigen technologischen, ökonomischen, und sozialen Grenzen konfrontiert, die oft den Charakter ungeplanter Nebenfolgen haben. Offen ist vor allem auch, ob in Zukunft Autonome Systeme, die auf der Basis von Methoden der KI ohne menschliche Eingriffe aktionsfähig werden, diese Probleme überwinden können. Die möglichen Konsequenzen dieser Entwicklung für Arbeit und Gesellschaft sind zwar Gegenstand intensiver Diskussionen, jedoch lassen sich hierzu kaum valide Prognosen formulieren.

1.5 Untersuchungsfeld, Methode und Gang der Argumentation

Der Untersuchungsfokus der vorliegenden Studie richtet sich auf den Wandel von Industriearbeit. Zugrunde gelegt wird dabei ein weites Verständnis von Industriearbeit, das alle direkt und indirekt wertschöpfenden Tätigkeiten in Industriebetrieben umfasst. Es bezieht sich damit auf die operative Ebene der Fertigungsbelegschaften sowie die Ebene der Planung, Steuerung und Kontrolle der Produktion durch das untere und mittlere Management und die Gruppe der technischen Experten.

Die folgende Analyse richtet sich primär auf innerbetriebliche und nur teilweise auch auf überbetriebliche Wandlungstendenzen der Arbeit infolge der Einführung digitaler Technologien verschiedenster Funktionszusammenhänge. Fragen nach den Konsequenzen des Wandels von Sektoren, Branchen und Standortbedingungen für Arbeit werden hingegen im gegebenen Rahmen weitgehend ausgeklammert. Einerseits umfasst die vorliegende Analyse damit nur einen Ausschnitt aus der breiten Arbeitslandschaft und den Anwendungsfeldern digitaler Technologien und kann daher kaum Aussagen über den generellen Wandel der Arbeitsgesellschaft treffen. Andererseits aber ist bekanntlich der industrielle Sektor trotz begrenzter Beschäftigungsanteile nach wie vor strukturprägend für das deutsche Wirtschaftssystem in seiner Gesamtheit, und der Wandel industrieller Arbeit hat stets auch Auswirkungen auf weitere Sektoren wie industrienahe Dienstleistungen. Daher lassen sich aus den vorliegenden Befunden durchaus auch generelle Aussagen für die Entwicklung der Arbeitslandschaft in Deutschland ableiten.

Die methodisch-empirische Basis der Argumentation setzt sich zusammen aus Informationen, die der Autor im Rahmen einer in den letzten Jahren laufenden Begleitung des Digitalisierungsdiskurses auf den unterschiedlichsten Ebenen von Politik und Unternehmen gewinnen konnte, aus den Ergebnissen einer kontinuierlichen Dokumenten- und Literaturrecherche zu Digitalisierung von Arbeit sowie aus Forschungsergebnissen einschlägiger empirischer Forschungsprojekte, die zwischen 2014 und 2019 an der TU Dortmund zum Wandel digitaler Arbeit durchgeführt wurden.7 Wenngleich diese Projekte im Einzelnen durchaus verschiedenen Fragestellungen in unterschiedlichen betrieblichen Zusammenhängen nachgehen, liegt ihnen doch eine gemeinsame Analyseperspektive im Hinblick auf Fragen nach Beschäftigungsentwicklung, Arbeits- und Betriebsorganisation, Mensch-Maschine-Interaktion sowie Kompetenz- und Qualifikationsentwicklung zugrunde. Methodisch handelt es sich bei allen Forschungsprojekten um qualitative Erhebungen, d. h. um Experteninterviews und Betriebsfallstudien in unterschiedlichen Betrieben und Branchen des Verarbeitenden Gewerbes.

Im Einzelnen wurden die Untersuchungen im Rahmen von zwei Projekten der Grundlagenforschung sowie im Kontext von drei anwendungsorientierten Forschungsprojekten durchgeführt. Das untersuchte Sample umfasst rund 35 Betriebsfallstudien. In der Regel wurden dabei Expertengespräche mit Managementvertretern und Betriebsräten sowie ausführliche und teilweise wiederholte Betriebsbesichtigungen durchgeführt. Dabei handelte es sich um Betriebe der Metall- und Möbelindustrie, Betriebe aus Teilbranchen der Prozessindustrie sowie um Logistikunternehmen, mehrheitlich mittlere und kleinere Unternehmen. Die untersuchten digitalen Systeme sind vielfältig und es finden sich in den Fallstudienbetrieben Lösungen aus sämtlichen Funktionsbereichen digitaler Technologien. Diese reichen von datenbasierten Anwendungen z. B. zur Prozessführung in Echtzeit über Assistenzsysteme zur Kommissionierung und Produktionsplanung und verschiedene Formen von Mensch-Robotik-Kollaborationen sowie weitgehend autonomer Flurfördertechnik bis hin zu fortgeschrittenen cyber-physischen Produktionssystemen. Die digitalen Systeme befinden sich dabei in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Einige stecken noch in der Pilotierungsphase oder werden als Insellösung betrieben, bei anderen handelt es sich um langfristig angelegte Umsetzungsvorhaben, die teilweise aber aus technischen, ökonomischen oder arbeits- und personalbezogenen Überlegungen eher vorsichtig angegangen werden.

Der Gang der Argumentation und die weitere Gliederung des Buches werden von den oben dargelegten Grundannahmen strukturiert: Im Teil I: Strukturwandel von Arbeit werden der komplexe Zusammenhang zwischen Technik und Arbeit diskutiert, die vorliegenden empirischen Forschungsergebnisse zur absehbaren digitalen Transformation von Arbeit zusammengefasst und Entwicklungsszenarien digitaler Arbeit präsentiert ( Kap. 2 bis 4). Teil II: Gestaltungsoptionen präsentiert ausführlich die soziotechnischen Gestaltungsoptionen digitaler Arbeit und befasst sich vor allem mit den Möglichkeiten für eine human- und qualifikationsorientierte Arbeitsgestaltung ( Kap. 5 und 6). Teil III: Perspektiven stellt die Widersprüche und Grenzen der Digitalisierung von Arbeit und die denkbaren technologischen Perspektiven der KI zur Diskussion ( Kap. 7 und 8).

1 Verschiedentlich findet für dieses Konzept einer intelligenten Vernetzung verschiedenster Handlungsbereiche und der hier genutzten Gegenstände auch der Begriff der »Ambient Intelligence« Verwendung; weitere, in eine ähnliche Richtung weisende Begriffe sind »Ubiquitous Computing« und »Pervasive Computing« (vgl. z. B. Fleisch/Mattern 2005).

2 Ergänzend dazu wird in der internationalen Debatte informationstechnologisch von der Stufe der Digitization gesprochen, nämlich von der Konversion analoger Daten in maschinenlesbare digitale Daten, die die Voraussetzung aller weiteren Digitalisierungsschritte ist (OECD 2019).

3 Ähnliche Zielvorstellungen werden in einem Memorandum der deutschen Plattform Industrie 4.0 formuliert, das eine Steigerung der Agilität, der Flexibilität und der Innovativität des deutschen Innovationssystems anmahnt (vgl. ten Hompel et al. 2019).

4 Diese Vision konvergiert unübersehbar mit technokratischen Perspektiven aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, denen zufolge Techniker und Experten als gesellschaftliche Elite für eine ausreichende Wohlfahrt sorgen würden, die auf der Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden und neuer Technologien basiert

5 Diese Perspektive kann – folgt man Nachtwey und Seidl (2017) – auch mit dem Begriff eines spezifischen neuen »Geist des Digitalen Kapitalismus« gefasst werden, mit dem weitreichende normative Orientierungen für zukünftige gesellschaftliche Entwicklungstrends durch Technologieanwendung begründet werden. Im Zentrum steht hier eine Auffassung, die in Anschluss an Mozorov »Solutionismus« genannt wird. Solutionismus meint das Auffassen und Umformen von »complex social situations either as neatly defined problems with definite, computable solutions or as transparent and self-evident processes that can be easily optimized – if only the right algorithms are in place« (Morozov 2013, S. 5).

6 Vgl. hierzu insbesondere die instruktiven Beiträge in dem posthum herausgegebenen Sammelband von Frank Schirrmacher (2015).

7 Vgl. hierzu insbesondere die ausführlichen Hinweise zur Methode bei Hirsch-Kreinsen et al. (2019, S. 9 ff.) sowie Informationen über die verschiedenen Forschungsprojekte auf https://www.neue-industriearbeit.de/index.php?id=2.

Teil I – Strukturwandel von Arbeit

2 Zum Verhältnis von Technik und Arbeit
2.1 Contra Technikdeterminismus

Die meisten der optimistischen und pessimistischen Prognosen in der wissenschaftlichen und öffentlichen Debatte über die sozialen Folgen der digitalen Transformation argumentieren sehr verkürzt. Sie gehen davon aus, dass die neuen digitalen Technologien eindeutig bestimmbare und vor allem auch für die Zukunft voraussagbare soziale Konsequenzen nach sich ziehen. Mit dieser Sicht vernachlässigen sie Basiserkenntnisse sowohl der Innovationsforschung als auch der sozialwissenschaftlichen Technik- und Arbeitsforschung.

Demgegenüber ist Ausgangspunkt der folgenden Argumentation die in Kapitel 1.4 genannte erste Grundannahme, dass der Zusammenhang zwischen der Entwicklung neuer Technologien und ihren möglichen Anwendungspotenzialen, ihrer Verbreitung und Nutzung und schließlich ihren sozialen Konsequenzen keinesfalls eindeutiger Natur ist. Vielmehr handelt es sich dabei um einen komplexen und wechselseitigen Zusammenhang, der von einer Vielzahl nicht-technischer, ökonomischer, sozialer und arbeitspolitischer Faktoren geprägt wird. Deren Einfluss entscheidet darüber, in welcher Weise die Nutzungspotenziale der Technologien tatsächlich ausgeschöpft werden und welche Konsequenzen für Arbeit sich dabei einstellen. Mit Rückgriff auf den Stand der Forschung lässt sich diese These knapp wie folgt begründen:

Evolutionstheoretische Ansätze aus der Innovationsforschung zeigen, dass technologische Innovationen zwar stets zielgerichtet und dynamisch verlaufen, ihr Verlauf zugleich jedoch widersprüchlich und ihr Ausgang ungewiss ist. Entscheidend für die sich jeweils einstellenden Verlaufsmuster von Innovationen und die dadurch angestoßenen sozialen und ökonomischen Veränderungen sind danach zum einen die Erarbeitung und Variation technologisch möglicher Entwicklungspotenziale, zum anderen ihre Selektion im Lichte konkreter Anwendungserfordernisse und ihrer Vermarktungschancen (vgl. z. B. Fagerberg 2005). Grundsätzlich stehen daher der technische Wandel und die Verbreitung neuer Technologien in enger Wechselwirkung mit den jeweils gegebenen ökonomischen und sozialen Strukturen der Nutzer und der Anwender.

Dieser Zusammenhang lässt sich konzeptionell verdeutlichen, wenn man Joseph Schumpeters begriffliche Differenzierung von Innovationen aufgreift. Danach umfasst ein Innovationsprozess vier Stufen: Invention, d. h. die Erfindung einer neuen Technologie, Innovation, die Weiterentwicklung der Technologie hin zu ihrer Marktgängigkeit, Diffusion, d. h. ihre Verbreitung, Implementation, also die konkrete Adaption in gegebene betriebliche Strukturen, und schließlich ihre mögliche Imitation (vgl. Schumpeter 2013 [1942]). Der aktuelle Digitalisierungsdiskurs fokussiert sich zumeist auf die Phasen Invention und Innovation. Entscheidend für die Form der Nutzung neuer Technologien und den Wandel von Arbeit ist jedoch die Frage, wie Diffusions- und Implementationsprozesse neuer Technologien und ihre Adaption in je gegebenen sozialen und ökonomischen Realitäten verläuft und welche Konsequenzen sich aus diesem Prozess ergeben (vgl. zusammenfassend Rogers 2003). Es sind daher nicht die technologischen Eigenschaften und Anwendungspotenziale einer Innovation, die soziale und ökonomische Auswirkungen erzeugen. Vielmehr gilt: »the really interesting aspect of new technologies is whether they prompt investors, companies, labor, and markets to change, or whether these factors and organizations of production resist the absorption of new technologies.« (Erixon/Weigel 2016, S. 13)

Dabei umfasst ein Implementationsprozess neuer Technologien verschiedene Phasen mit jeweils spezifischen Handlungslogiken und Dynamiken. Sie reichen von der Entscheidung über den Kauf und den Einsatz einer bestimmten Technologie über ihre konkrete Auslegung und Anpassung an die jeweiligen betrieblichen Bedingungen bis hin zur Klärung der Frage, wie sie organisatorisch und personell genutzt werden soll. Die verschiedensten betrieblichen Akteure müssen sich dabei in Aushandlungsprozessen über die je konkrete Systemauslegung, die Praxis ihrer Anwendung und den damit einhergehenden Wandel von Arbeitsnormen verständigen. Stets geht es dabei auch um alternative Systemauslegungen und oft um nicht endgültig geklärte Fragen der Wirtschaftlichkeit. Erst am Ende der unter Umständen langwierigen Aushandlungsprozesse wird eine neue Technologie praktisch angewendet und gewinnt Akzeptanz bei allen Beteiligten. Der Weg zu einer »technology-in-practice« ist – mit anderen Worten – aufwendig, unter Umständen konfliktär, mit vielfältigen Unwägbarkeiten sowie Störungen behaftet und steht in enger Wechselwirkung mit je gegebenen ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen (vgl. Orlikowski 2000).

Mit grundlegenden Ergebnissen aus der sozialwissenschaftlichen Technik- und Arbeitsforschung kann dieser Zusammenhang präzisiert werden. Sie postuliert spätestens seit den 1980er die Abkehr von einer bis dahin verbreiteten, als »Technikdeterminismus« bezeichneten Auffassung, wonach eine eindeutige und festliegende Beziehung zwischen Technikauslegung und Wandel von Arbeit angenommen werden könne. Vielmehr bestehe zwischen der Implementation bestimmter technischer Systeme und den Konsequenzen für Arbeit eine von vielen nicht-technischen und sozialen Faktoren beeinflusste Beziehung (vgl. Lutz 1987). Grundlegende Annahme ist dabei, dass zwischen dem technisch möglichen Nutzungspotenzial einer neuen Technologie einerseits und den tatsächlich in betrieblichen Zusammenhängen zum Einsatz kommenden Techniken und deren Integration in betriebs- und arbeitsorganisatorische Strukturen andererseits eine grundlegende Diskrepanz existiere (vgl. Pfeiffer 2018, S. 331). Denn, so die zentrale Begründung, der Einsatz von Technik sowie die damit verknüpfte Entwicklung von Arbeit werden nicht durch die funktionale und zeitliche Eigenlogik einer technischen Innovation determiniert. Vielmehr müssen die Entwicklung von Arbeit und die Formen von Techniknutzung stets als das Ergebnis betrieblicher Rationalisierungspolitiken verstanden werden (vgl. Bechtle/Lutz 1989). Technisierungsprozesse und der Wandel von Arbeit werden primär von den jeweils beteiligten Akteuren, ihren Interessen und Strategien bestimmt, wobei Technik und Arbeit in je unterschiedlicher Weise voneinander unabhängige Gestaltungsobjekte sein können. Darüber hinaus verdeutlicht die arbeitssoziologische Forschung, dass jenseits betrieblicher, mikropolitischer Entscheidungsprozesse ebenso auch makrostrukturelle Faktoren wie Arbeitsmarkt, Bildungssystem, industrielle Beziehungen und politische Rahmensetzungen den Wandel von Arbeit beeinflussen.8

Welche Gestaltungsoptionen dabei für das Verhältnis zwischen Technik und Arbeit tatsächlich gegeben sind und welche genutzt werden, ist allerdings eine empirisch-konkrete Frage und wird in hohem Maße von einem durch Technologie je gegebenen Gestaltungskorridor bestimmt. Dieser kann sehr unterschiedlich sein. Wie die Arbeitsforschung schon in den 1970er Jahren instruktiv gezeigt hat, beeinflusst beispielsweise das jeweilige Automatisierungsniveau einer technischen Anlage die Art und den Umfang menschlicher Arbeitsleistungen, d. h. die Frage, welche Arbeitsfunktionen in funktionaler und zeitlicher Hinsicht zum Betrieb der Anlage erforderlich sind, um ihren störungsfreien Betrieb zu gewährleisten. Freilich bleibt dabei technologisch unbestimmt, in welcher Weise die notwendigen Arbeitsfunktionen zu konkreten Arbeitsplätzen und einer bestimmten Arbeitsorganisation konfiguriert werden können. Der technischen Wandel mit seiner fortschreitenden Automatisierung hat nun in dieser Perspektive zwei in enger Wechselwirkung stehende Konsequenzen für Arbeit: Einerseits werden Arbeitsaufgaben durch die Technik substituiert, andererseits aber werden die Beziehungen zwischen der automatisierten Technik und den verbleibenden Arbeitsfunktionen zunehmend gelockert, sodass Spielräume für die Gestaltung von Arbeit entstehen. Die Arbeitssoziologie spricht von einer zunehmenden Entkopplung von Arbeit und Technik (vgl. Springer 1987).

Diese arbeitssoziologische Diskussion weist bis heute freilich ein Defizit auf, dessen Behebung verschiedentlich angemahnt worden ist. Entwicklungsalternativen und verschiedene Designmöglichkeiten von Technik selbst geraten nämlich dabei nicht in das Blickfeld, ja Technik wird als neutrale Größe in einen nicht weiter relevanten Datenkranz der Analyse verbannt (vgl. Böhle 1998; Pfeiffer 2018). Zwar ist die Form der organisatorischen und personellen Nutzung der neuen Systeme Gegenstand vieler Untersuchungen, jedoch bleibt die Frage nach der Genese technologisch gegebener Gestaltungspotenziale für Arbeitsorganisation weitgehend ausgeklammert. Der Frage, ob es Alternativen der Technikauslegung gibt, mit denen sich möglicherweise sehr unterschiedliche Optionen der Arbeitsgestaltung verbinden, wurde bislang allenfalls vereinzelt nachgegangen. So wurde diese Frage im Hinblick auf die Entwicklung von computergestützten Steuerungen (NC- und CNC-Steuerungen) für Werkzeugmaschinen thematisiert. Gezeigt wird, dass je nach konkreter Auslegung der Steuerungssysteme sich sehr unterschiedlich weite Gestaltungsspielräume für Arbeit im Hinblick auf Möglichkeiten einer zentralen oder auch dezentralen Programmierung ergeben. Diese Gestaltungsoptionen lassen sich zugespitzt mit Alternativen wie Büroprogrammierung versus Werkstattprogrammierung fassen, wobei es für dezentrale Formen der Werkstattprogrammierung im Einzelnen sehr unterschiedliche personelle Nutzungsformen durch die konkrete Technikgestaltung gibt (vgl. Noble 1979; Böhle/Rose 1992; Hirsch-Kreinsen 1993). Ähnliche technische und damit zusammenhängende arbeitsorganisatorische Gestaltungs- und Nutzungsalternativen können auch am Beispiel früherer Produktionsplanungs- und Steuerungssysteme (PPS-Systeme) gezeigt werden (vgl. Manske et al. 1994).

Einige Autoren betonen daher immer wieder, dass die arbeitssoziologische Debatte um Technik und Arbeit in der Vergangenheit zwar technikdeterministische Auffassungen aufgegeben und instruktiv arbeitsorganisatorische Gestaltungsmöglichkeiten herausgearbeitet hat. Jedoch wurde (von den skizzierten Ausnahmen abgesehen) die Frage übergangen, inwieweit sich mit der Technikentwicklung selbst alternative Gestaltungsoptionen verbinden. Unterschiedliche Konnotationen – etwa Technik als Automatisierungsmittel einerseits und als Arbeitsmittel andererseits – deuten auf eine bislang weitgehend vernachlässigte technologische Dimension der Frage nach dem Verhältnis von Technik und Arbeit hin (vgl. Böhle 1998; Windelband/Dworschak 2018). Genereller formuliert: Eine Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Technik und Arbeit muss sowohl eine technische als auch eine arbeitsorganisatorische Dimension berücksichtigen.

2.2 Multifunktionalität digitaler Technologien

Dieser doppelte Zusammenhang lässt sich analytisch im Hinblick auf die neuen digitalen Technologien und Industrie 4.0 recht präzise herausarbeiten. Ausgangspunkt der Überlegungen muss dabei der Umstand sein, dass digitale Technologien und Industrie 4.0 kein eindeutiges technologisches Konzept bezeichnen, sondern breite Anwendungspotenziale und ein hohes Maß an Multifunktionalität aufweisen. Damit verbinden sich sehr unterschiedliche technologische Gestaltungs- und auch Nutzungsoptionen, aber auch sehr verschiedene Gestaltungskorridore für Arbeit. In diesem Sinne haben digitale Technologien den Charakter von universellen und anpassungsfähigen »general purpose technologies« (vgl. Brynjolfsson/McAfee 2014, S. 71 ff.), die sehr unterschiedliche Nutzungsstrategien eröffnen. Wie noch zu zeigen ist ( Kap. 3), erlaubt einerseits die Anpassungsfähigkeit der neuen Technologien ihre Integration in bestehende soziale und organisationale Systeme und verstärkt ihre bisherige Funktionslogik. Digitale Technologien können mithin als Verstärker gegebener Sozial- und Organisationsstrukturen fungieren. Andererseits aber werden bisherige Nutzungsbarrieren überwunden, frühere Systeme optimiert, und die neuen Technologien eröffnen Potenziale für völlig neue Entwicklungsperspektiven für Arbeit.

So haben schon ältere arbeits- und organisationssoziologischen Studien – die sog. Computerstudien des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (IfS) Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre – die vielfältigen Funktionalitäten moderner Informationstechnologien in Arbeitsprozessen ins Zentrum ihrer Analysen gestellt (vgl. Brandt et al. 1978; Benz-Overhage et al. 1982). Insbesondere betonten die damaligen Autoren die Funktion moderner Computertechnologien als funktional sehr differenzierte prozessübergreifende Steuerungs- und als Organisationstechnologien und ein damit im Vergleich zu traditionellen Automationstechnologien hoch variables Verhältnis von Technik und Arbeit.

Im Hinblick auf die gegenwärtigen Entwicklungen kann man unter Rückgriff auf Zuboff und ihre wegweisende Publikation »In the Age of the Smart Machine. The Future of Work and Power« (Zuboff 1988) ein durch Informationstechnologien gewandeltes Verhältnis zwischen Technik und Arbeit als funktionale Dualität zwischen automate und informate fassen. Diese Unterscheidung, so ihr Argument, ermögliche ein Verständnis der Digitalisierung, das sowohl bekannte Kontinuitäten als auch neue Qualitäten und Diskontinuitäten industriell-technologischer Entwicklung einschließe. Informationstechnologien haben danach zunächst eine Automatisierungsfunktion, die die Kontinuität und traditionelle Logik technologischer Rationalisierung fortsetze, die Abhängigkeit der Prozesse von Qualifikation und Arbeit reduziere und damit vor allem Substitutionseffekte von Arbeit nach sich ziehe. Zugleich aber, so Zuboff, wiesen die neuen Technologien eine Informationsfunktion auf, die zu einer steigenden Verfügbarkeit von Daten und Informationen über die Prozesse und damit zu ihrer verbesserten Plan-, Steuer- und Kontrollierbarkeit führe. Diese beiden Seiten von Informationstechnologien seien allerdings keine Gegensätze, sondern die Ausweitung der Informationsfunktion sei eine, oftmals ungeplante, Folge der in der Regel hauptsächlich realisierten Automatisierungsfunktion. Insgesamt führe dies zu nachhaltigen Strukturveränderungen bisheriger Arbeit und der damit zusammenhängenden sozialen Beziehungen (ebd., S. 11). Andere Autoren ergänzen daher die beiden genannten Funktionen der Automatisierung und der Informatisierung durch eine dritte Dimension, die als Transformation von Arbeitsprozessen gefasst wird (vgl. Boos et al. 2013). Eine ähnliche, aber weitergehende Klassifikation ist die von Dellot (2018), der zwischen vier Typen digitaler Technologien unterscheidet: »substitution, augmentation i.e. expanding the capability of workers, generation of new tasks and transference i.e. shifting tasks from workers to consumers.«9

Ähnliche Differenzierungen findet man in der laufenden Forschung über Industrie 4.0 in Deutschland: So unterscheiden Windelband und Dworschak (2018) zwischen Automatisierungsszenario und Werkstattszenario. Baethge-Kinsky et al. (2018) unterscheiden am Beispiel von Steuerungs- und Planungssystemen drei Digitalisierungstypen: Assistenzsysteme, Automatisierungssysteme und Systeme zur Integration betrieblicher Abläufe.

Davon ausgehend und mit Bezug auf eigene Forschungsergebnisse kann der Begriff der Multifunktionalität der gegenwärtig diskutierten digitalen Produktionstechnologien präzisiert werden, und damit können die jeweils gegebenen Gestaltungskorridore für Arbeit angegeben werden (vgl. insbesondere Hirsch-Kreinsen 2018a; Ittermann/Falkenberg 2019):

1. Digitale Technologien fungieren als Automatisierungstechnologien, und sie zielen als erweitertes Rationalisierungsmittel auf die fortschreitende Substitution von manueller und intellektueller Arbeit in den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen. Konkrete industrielle Beispiele hierfür sind moderne Robotiksysteme, automatische selbstfahrende Transportsysteme, additive Produktionsverfahren sowie vernetzte Engineering- und Planungssysteme der verschiedensten Art. Im Hinblick auf Arbeit verbindet sich mit der digitalen Automatisierung die oben angesprochene Entkopplung von Technik und Arbeit ( Kap. 2.1). Einerseits wird Arbeit durch die Technik ersetzt, andererseits werden die funktionalen und zeitlichen Relationen zwischen der automatisierten Technik und der verbleibenden Arbeit gelockert, sodass weite Spielräume für die Gestaltung von Arbeit entstehen. Es ist davon auszugehen, dass sich dieser Entkopplungsprozess durch die neuen Technologien beschleunigt, Arbeit zunehmend aus dem unmittelbaren Prozess heraustritt und nur mehr planende, steuernde und kontrollierende Funktionen übernimmt. In Anschluss an frühere arbeitssoziologische Studien kann daher von einer wachsenden Bedeutung von Gewährleistungsarbeit gesprochen werden (vgl. Springer 1987). Wie Gewährleistungsarbeit jedoch konkret ausgestaltet wird – etwa im Rahmen arbeitsteiliger oder dezentralisierter Formen der Arbeitsorganisation –, wird technologisch nicht bestimmt. Vielmehr bilden automatisierte digitale Systeme je nach ihrer konkreten Auslegung und Funktion einen mehr oder weniger weiten Rahmen für die Gestaltung von Arbeit.

2. Digitale Systeme sind des Weiteren als Assistenzsysteme und als Arbeitsmittel zu begreifen, durch die Arbeit unterstützt und erleichtert, aber partiell auch substituiert wird. Konkrete Beispiele für diese Funktion sind Robotersysteme zur Unterstützung und Handhabung schwerer Arbeiten, der Einsatz sog. Exoskelette, d. h. am Körper getragener Stützsystem, die durch eine (elektro-)mechanische Unterstützung die Belastungen verringern, oder die Nutzung mobiler Datenendgeräte wie Datenbrillen, Smartwatches, Tablets, Head Mounted Displays (HMD) oder am Körper getragene Wearables, die mit übergeordneten Planungs- und Steuerungssystemen vernetzt sind. Daher haben sie eine für die Funktionsweise von Industrie 4.0 hoch relevante Doppelfunktion: Einerseits geben sie Daten und Informationen über Produktions- und Arbeitsabläufe vor, andererseits stellen sie den übergeordneten Systemen die erforderlichen Daten über Arbeitsabläufe bereit.

Im Hinblick auf die Nutzungsformen dieser Systeme und die Konsequenzen für Arbeit eröffnet sich je nach konkretem Design der digitalen Systeme ein breites Spektrum sehr unterschiedlicher Gestaltungskorridore für Arbeit. Wie noch genauer zu zeigen ist ( Kap. 5), können diese Systeme auf der einen Seite als Anweisungssysteme detaillierte Daten und standardisierte Vorgaben für Arbeitsabläufe festlegen – mit der Folge nur mehr geringer Gestaltungsspielräume für Arbeit. Auf der anderen Seite können sie als Informations- und Wissenssysteme Arbeitshandeln und Entscheidungsprozesse unterstützen und damit einen breiten Gestaltungsspielraum für Arbeit eröffnen (vgl. z. B. APPSist 2016; Stich et al. 2018). Mit anderen Worten: Das maßgebliche Kriterium für das sich in diesen Fällen einspielende Verhältnis von Technik und Arbeit ist das jeweilige Design der Technologie im Hinblick auf den Detaillierungsgrad der Informationen und die damit verbundenen Entscheidungsoptionen von Arbeitshandeln.

3. Digitale Technologien zielen auf die Konnektivität unterschiedlicher Prozesselemente, z. B. Produkte, Werkzeuge, Maschinen, Materialien etc. sowie Arbeitskräfte, und sie sind daher als Vernetzungstechnologien zu begreifen. Die industrielle Nutzung des Internets und Clouddienste sind zentrale Elemente für diese Funktionen, die unternehmensinterne, vor allem aber auch weitreichende betriebsübergreifende Kommunikations- und Abstimmungsprozesse zwischen den unterschiedlichsten Akteuren, technischen Komponenten und Systemen ermöglichen. Ein wesentliches Ziel ist es dabei, Suchzeiten bei der Informationsbeschaffung oder -auswertung zu reduzieren, Innovationsprozesse durch Wissenstransfer zu beschleunigen und Abstimmungsprobleme zu minimieren. Damit eröffnen sich bislang nicht gekannte neue Gestaltungskorridore für Arbeit: So findet auch im Hinblick auf diesen Funktionsbereich digitaler Technologien eine verstärkte Entkopplung von Technik und Arbeit statt. Denn durch Vernetzung sollen zum ersten Fehlerquellen und »Medienbrüche« weitgehend vermieden werden, wodurch unmittelbare Eingriffe in Informations- und Kommunikationszusammenhänge zunehmend unnötig werden. Zum zweiten eröffnet sich durch Vernetzung die Option, arbeitsteilige Prozesse informationstechnisch zu verknüpfen und damit neue integrierte Handlungsräume zu schaffen (vgl. Zuboff 1988). Zum dritten ermöglichen Vernetzungstechnologien eine Öffnung bzw. höhere Durchlässigkeit bisheriger organisationsstruktureller Grenzen, wodurch die bisherige Betriebsförmigkeit und Arbeitsteiligkeit von Produktions- und Arbeitsstrukturen überwunden werden kann und Entgrenzungsprozesse von Arbeitsorganisation und Beschäftigung in Gang gesetzt werden können.

4. Ein weiterer Funktionszusammenhang digitaler Technologien umfasst schließlich die Funktion der Virtualisierung von Arbeit. Damit eröffnen sich weite Möglichkeiten für eine Optimierung von Produktions- und Arbeitsprozessen sowie eine verbesserte Informatisierung der Arbeit. Hierbei handelt es sich beispielsweise um vernetzte Engineering-, Simulations- und Planungssysteme sowie avancierte Prozessüberwachungssysteme, die eine Vielzahl an Parametern aufbereiten können sowie auf den unterschiedlichsten organisatorischen Ebenen der Wertschöpfung eingesetzt und von verschiedensten Beschäftigtengruppen genutzt werden können. Informationstechnische Voraussetzung hierfür sind die industrielle Nutzung des Internets, die Nutzung sog. Digitaler Zwillinge, die reale Prozesse virtuell repräsentieren, Big-Data-Methoden und der Einsatz sog. Cyber-Physischer-Systeme, die die virtuelle mit der realen Welt verknüpfen. Konkretes Beispiel hierfür sind sog Virtual-Reality-Systeme, die etwa in Gestalt von Motion-Tracking-Systemen in Logistikprozessen Transportabläufe und deren Elemente – Waren, Maschinen und Menschen – simulieren, virtuell testen und ihre reale Nutzung durch optimale Vorgaben steuern können (vgl. FhG IML 2019). Durch die damit mögliche systematische und vernetzte Verarbeitung von Daten und Informationen über Produktions- und Arbeitsprozesse sowie Beziehungen zu Kunden und Absatzmärkten werden zunehmend Regelungsfunktionen von Wertschöpfungsprozessen technologisch erbracht, die zuvor auf organisatorischem Wege erbracht worden sind. Insofern kann von digitalen Technologien auch als Organisationstechnologie gesprochen werden. Wie im Folgenden noch genauer gezeigt werden soll ( Kap. 2.3), wird mit dieser Kategorie der zentrale Funktionszusammenhang digitaler Technologien und von Industrie 4.0 bezeichnet. Im Hinblick auf Arbeit lässt sich daher festhalten: Insofern es hierbei um die Regulation betrieblicher und überbetrieblicher Gesamtprozesse der Wertschöpfung geht (und weniger um Teil- und einzelne Arbeitsprozesse), eröffnen sich in dieser Perspektive sehr divergierende und weite Gestaltungsoptionen für Arbeit.

Ohne Frage handelt es sich bei den vier genannten Funktionszusammenhängen um eine analytische Unterscheidung von Dimensionen ( Abb. 2.1), die sich empirisch oftmals nur schwer trennen lassen. Denn viele der digitalen Technologien vereinen mehrere Funktionalitäten in sich. So wird mit Organisationstechnologie im Grunde nicht nur die Funktion der Virtualisierung, sondern auch die der Vernetzung bezeichnet. Im Hinblick auf das sich jeweils einspielende Verhältnis von Technik und Arbeit verbindet sich damit jedoch die Konsequenz, dass sich je nach Funktionszusammenhang sehr unterschiedliche Relationen und Gestaltungskorridore für Arbeit ergeben.


Abb. 2.1: Multifunktionalität digitaler Technologien

2.3 Organisationstechnologie

Die Kategorie der Organisationstechnologie geht auf eine von Willi Pöhler geäußerte Überlegung zurück, wonach die neuen Technologien auf eine rationelle Verzahnung von Produktionstechnik und Arbeitsorganisation zielen und Teilprozesse nach einem vorgegebenen Schema organisieren (zit. n. Brandt et al. 1978, S. 20). Ähnlich argumentiert Gert Schmidt (1989, S. 247), der von Informationstechnologie als einem »Organisationsphänomen« spricht, in dem die Apparatur mit organisatorischen Regelungskomplexen verschmelze. Daher gelte es, »nicht mehr nur dem Einfluss der Technologie auf die Arbeitsorganisation, sondern vor allem umgekehrt den Auswirkungen ökonomisch bedingter Organisationsprinzipien auf den technischen Wandel nachzugehen.« (Brandt et al. 1978, S. 20 f.)

Organisationstechnologie umfasst demnach Planungs-, Steuerungs- und Kontrollverfahren, die früher organisatorisch erbracht worden sind, setzt sie in Daten und Informationen über einen anzustrebenden Produktionsablauf um und steuert auf diese Weise nicht mehr allein Arbeit, sondern den Produktionsprozess in seiner Gesamtheit mit seinen technischen, sozialen und organisatorischen Elementen in der betrieblichen wie auch überbetrieblichen Dimension. Die Spezifika dieser Kategorie verdeutlichen Brandt et al. mit der Formulierung: »Organisierung heißt (…) nicht nur Veränderung des materiellen Produktionsgefüges, sondern zugleich Entwicklung eines betrieblichen Informationsprozesses, über den die Steuerungsfunktionen, die aus der unmittelbaren Sphäre der einzelnen Teilarbeiten herausgenommen worden sind, zentral koordiniert und gelenkt werden können.« Daher »ist der Informationsprozeß (…) ein die materielle Produktion organisierender Prozeß und die damit verbundene Informationstechnologie eine Organisationstechnologie der materiellen Produktion.« (ebd., S. 64 ff.)

In leicht modifizierter Weise lassen sich daher die damaligen Bestimmungen von Organisationstechnologie auch für die aktuelle Debatte und die Funktionen von digitalen Technologien übernehmen:

• Organisationstechnologie ist nicht nur auf Teilprozesse zugeschnitten, sondern bezieht sich auf einen organisatorischen Gesamtzusammenhang der Produktion;

• ihre Funktion besteht darin, Produktionsmittel und Arbeitskräfte zu steuern und nicht die Produktion direkt auszuführen; und

• sie schafft keine Produktionskapazitäten, sondern nutzt vorhandene Kapazitäten aus und optimiert diese nach vorgegebenen Kriterien.

Die besondere ökonomische Bedeutung der solchermaßen verstandenen Organisationstechnologie lässt sich dabei vornehmlich auf mehrere Rationalisierungsziele zurückführen: die Synchronisation von Teilarbeiten und die Integration des Produktionsprozesses zu einem Kontinuum, die Eliminierung unproduktiver Zeiten und die massive Beschleunigung der Prozesse sowie ihre gleichzeitige Standardisierung und Flexibilisierung (vgl. Benz-Overhage et al. 1982, S. 40). Im Verlauf der industriesoziologischen Debatte wurden Ende der 1980er Jahre ähnliche Überlegungen von Norbert Altmann, Dieter Sauer et al. mit der Kategorie der »Systemischen Rationalisierung« gefasst (vgl. Altmann et al. 1986).

Fragt man nach den Gründen für die hohe Bedeutung der organisationstechnologischen Funktion digitaler Technologien, so ist man – dem erwähnten Frankfurter Ansatz folgend – auf den Einfluss struktureller Rahmenbedingungen verwiesen. Die These lautet, dass Organisationstechnologie als vermittelnder »Link« zwischen dynamischen, im Einzelnen durchaus widersprüchlichen ökonomischen Strukturanforderungen der Märkte einerseits und andererseits der Produktion und der daran orientierten Regulation von Wertschöpfungs- und Arbeitsprozessen fungiert.10 Insbesondere sind dabei die dynamischen und für die allermeisten Unternehmen nicht übergehbaren marktökonomischen Erfordernisse in den Blick zu nehmen. Der Druck auf Produktdiversifikation, auf Flexibilisierung und Verkürzung von Innovation und Produktion, eine verstärkte Kundenorientierung sowie die Erweiterung von Marketing- und Servicestrategien führen in vielen Fällen tendenziell zu einer bislang nicht gekannten Dominanz marktökonomischer Erfordernisse gegenüber produktionsökonomischen Kriterien wie Standardisierung und purer Effizienzsteigerung. So stellten Benz-Overhage et al. (1982, S. 35) schon Anfang der 1980er Jahre fest, dass in vielen Bereichen der industriellen Produktion eine Schwerpunktverschiebung von Rationalisierungsstrategien erkennbar werde: Produktionsgestaltung ziele nicht mehr – wie unter den Systembedingungen der fordistischen Massenproduktion – primär auf die Abschottung betriebsinterner Strukturen von Märkten und eine Optimierung der Skalenökonomie, vielmehr werde die optimale Reagibilität der Prozesse gegenüber den Marktvarianzen zum dominierenden Prinzip der Produktionsgestaltung.

Diese Bestimmungen lassen sich unmittelbar mit der Vision Industrie 4.0 verknüpfen. So wird mit Industrie 4.0 insbesondere auf die Bewältigung schnell wachsender Flexibilitätsanforderungen der Absatzmärkte, eine zunehmende Individualisierung der Produkte, kürzer werdende Produktlebenszyklen sowie eine steigende Komplexität der Prozessabläufe und Produkte abgestellt. Die bisherigen technologischen und wirtschaftlichen Grenzen des Einsatzes von Produktionstechnologien sollen angesichts steigender Flexibilitätsanforderungen der Absatz- und Zuliefermärkte deutlich hinausgeschoben werden. Acatech folgend ist das Ziel des Konzepts Industrie 4.0 eine Individualisierung von Produkten: »Industrie 4.0 ermöglicht die Berücksichtigung von individuellen kundenspezifischen Kriterien bei Design, Konfiguration, Bestellung, Planung, Produktion und Betrieb einschließlich kurzfristiger Änderungswünsche. Dank Industrie 4.0 kann dabei selbst die Produktion von Einzelstücken und Kleinstmengen (Losgröße 1) rentabel werden.« (Forschungsunion/acatech 2013, S. 19) Zudem soll es möglich werden, Geschäftsprozesse und Lieferketten im Hinblick auf Qualität, Zeit, Risiko, Robustheit, Preis, Umweltverträglichkeit etc. dynamisch zu gestalten. Dieser Perspektive zufolge werden sich daher herkömmliche Wertschöpfungsketten in Richtung verstärkter Markt- und Serviceorientierung verändern und neue Geschäftsmodelle etablieren. Grundsätzlich wird erwartet, dass Betriebe damit eine neue Qualität der flexiblen technisch-organisatorischen Prozessgestaltung erreichen, die den dynamisch sich wandelnden Marktbedingungen Rechnung trägt.

Obgleich man annehmen darf, dass die zunehmende Dominanz marktökonomischer Anforderungen einen generellen Trend bezeichnet, ist davon auszugehen, dass dieser sich empirisch-konkret in verschiedenen Industrien in sehr unterschiedlicher Weise ausprägt. Intervenierende Faktoren sind hier unterschiedliche markt- und betriebsstrukturelle Bedingungen, wie sie sich etwa in Merkmalen wie Kundenbezug und Absatzstrategien, Seriengröße und Produktstrukturen, aber auch unterschiedlicher Technologieintensität und Betriebsgröße darstellen. Entsprechend ungleichzeitig und verschieden sind auch die je konkrete Nutzung und die Funktionsweisen digitaler Technologien als Organisationstechnologie. Es liegt auf der Hand, dass sich für Arbeit damit sehr divergierende Gestaltungsoptionen und Trends verbinden.

2.4 Kontingentes Verhältnis von Technik und Arbeit

Zu diskutieren ist abschließend, welche Konsequenzen sich aus den skizzierten Besonderheiten und Perspektiven digitaler Technologien für die – arbeitssoziologisch alte und nun wieder aktuelle – Frage nach dem Verhältnis von Technik und Arbeit ergeben und inwieweit die früheren Argumente für eine Abkehr vom Technikdeterminismus präzisiert werden müssen. Fraglos haben die früheren kritischen Einwände gegen eine lineare und eindimensionale Sicht der Determinierung von Arbeit durch technologische Bedingungen bis heute ihre Triftigkeit nicht eingebüßt, ja sie gewinnen unter den Bedingungen smarter digitaler Technologien eine neue Aktualität. Die Entwicklung von Arbeit unterliegt, um ein Argument von Joachim Bergmann (1989, S. 42 f.) aufzugreifen, einer »mehrfachen Kontingenz«, die in den oben skizzierten Zusammenhängen begründet ist:

• Zum ersten ist die Kontingenz der Entwicklung von Arbeit Resultat der gerade auch durch digitale Technologien vorangetriebenenschnellen Automatisierung von Arbeitsprozessen. Wie gezeigt wird zwar durch Automatisierung Arbeit zunehmend substituiert, verbleibende, nicht-automatisierte Tätigkeitselemente werden infolge der steigenden »Eigenfähigkeit« der technischen Anlagen jedoch zeitlich und funktional zunehmend von den technischen Abläufen entkoppelt. Damit eröffnen sich weite und vielfach neue Gestaltungsoptionen für Arbeit.

• Zum zweiten sind auch aufgrund der Multifunktionalität der digitalen Technologien kaum eindeutige und generelle Aussagen über die Konsequenzen digitaler Tehnologien für Arbeit möglich. Denn es ergeben sich je nach Funktionszusammenhang sehr unterschiedliche Relationen zwischen Technik und Arbeit und damit Gestaltungskorridore für Arbeit.

• Zum dritten ist Kontingenz das Ergebnis der organisationstechnologischen Bewältigung dynamischer marktökonomischer Anforderungen. Denn die damit digital ermöglichte Regulation der Produktion richtet sich, wie gezeigt, primär auf die betriebliche und überbetriebliche Wertschöpfung und weniger auf einzelne Teilprozesse und Teilarbeiten. Für Arbeitsorganisation und Arbeit wird damit einmal mehr ein Rahmen abgesteckt, ohne sie im Einzelnen festzulegen.

• Zum vierten impliziert die Autonomisierung der digitalen Systeme den postulierten Wandel vor allem des Gesamtsystems der Produktion und die hier wirksamen hybriden Interdependenzen. Daher spielt sich hierbei der Zusammenhang zwischen Technik und Arbeit im Kontext von dynamischen Abstimmungsprozessen zwischen den verschiedenen technischen und nicht-technischen Elementen des Gesamtsystems ein, und eindeutige Schlussfolgerungen im Hinblick auf den Wandel von Arbeit sind auch in dieser Perspektive kaum möglich.

Insgesamt lässt sich daher festhalten: Die marktökonomisch induzierten und tendenziell durch autonome Planungs- und Steuerungssysteme organisationstechnologisch vermittelten relevanten sozio-technischen Veränderungen vollziehen sich primär auf der Ebene betrieblicher und überbetrieblicher Wertschöpfungsprozesse in ihrer Gesamtheit. Die arbeitsorganisatorischen Konsequenzen sind prinzipiell »unbestimmt«.11

Empirisch greifbar wird dies am Beispiel vielfach genutzter digitaler Planungs- und Steuerungstechniken – etwa von Managementinformationssystemen, sog. ERP-Systemen (Enterprise Resource Planning) oder Shopfloor-Managementsystemen –, die ein Netz von übergreifenden Rahmendaten wie Prozess- und Objektdaten hoher Planungsgüte erzeugen und die sich weniger auf die Festlegung einzelner Arbeitsschritte richten. An den Rahmendaten haben sich Arbeitskräfte zu orientieren, und ihre Einhaltung sollen sie aktiv gewährleisten, indem sie diese in zeitlich und funktional »richtiges« Arbeitshandeln und in konkrete inhaltlich-stoffliche Tätigkeiten übersetzen (vgl. Manske et al. 1994, S. 179 f.). Wie diese Übersetzungsleistungen im Konkreten arbeitsorganisatorisch strukturiert sind, ist freilich ex ante keineswegs bestimmt. Im Einzelnen können sehr verschiedenen Formen von Arbeitsteilung und Kooperation organisationstechnologisch integriert werden; solche mit engen »tayloristischen« Zuschnitten von Arbeitsaufgaben und solche mit »ganzheitlichen« Tätigkeitszuschnitten können realisiert werden (vgl. Bergmann 1989, S. 42). Mehr noch, die neuen Technologien schaffen vielfach Voraussetzungen für neue Aufgaben und Tätigkeiten, die es zuvor noch nicht gab (vgl. WEF 2018, S. 11). Als Beispiele hierfür können Steuerungsaufgaben für neue Logistiksysteme wie Drohnen oder systembezogene Überwachungsaufgaben bei autonomen Systemen genannt werden.

Wie im nächsten Kapitel noch genauer auszuführen ist, werden in der Debatte über die digitale Transformation von Arbeit daher nicht zufällig teilweise völlig unterschiedliche Entwicklungsszenarien von Arbeit postuliert, und es wird betont, dass sie einander nicht ausschließen und sich nebeneinander und ungleichzeitig durchsetzen können.

8 Der Einfluss makrostruktureller Faktoren ist durch die international vergleichende Forschung überzeugend belegt. Wegweisende Studien zeigten schon in den 1970er und 80er Jahren, dass sich bei identischen mikroelektronischen Technologien in verschiedenen Ländern sehr unterschiedliche Formen der Arbeitsorganisation fanden. Ein Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich findet sich bei Lutz (1976), ein Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien bei Sorge et al. (1982).

9 Demgegenüber ist in den Wirtschaftswissenschaften eine Begrifflichkeit gebräuchlich. Im Hinblick auf Arbeitsmarkteffekte wird zwischen »labor enabling/augmenting« und »labor replacing technologies« unterschieden (z. B. Frey 2019, S. 12 ff.).

10 Konzeptionell unterscheiden die Autoren der Frankfurter Studien hier widersprüchliche Struktureffekte von Produktions- und Marktökonomie; vgl. ausführlich Benz-Overhage et al. 1982, S. 24 ff.

11 Vgl. Altmann et al. (1986, S. 201) und das dort entwickelte Konzept der Systemischen Rationalisierung, mit dem der informationstechnisch regulierte Gesamtprozess der Wertschöpfung als primäre Quelle von Produktivität ins Zentrum der Analyse von Technik und Arbeit gerückt wird.

3 Digitale Transformation von Arbeit

Fragt man nach den Entwicklungsperspektiven der digitalen Transformation von Industriearbeit, so lassen sich nur wenig eindeutige Aussagen formulieren. Wie im vorigen Kapitel dargelegt, impliziert das kontingente Verhältnis zwischen Technik und Arbeit eine unbestimmte und technologisch nicht determinierte Entwicklung von Arbeit. Aufgrund dieser Tatsache können Betriebe im Kontext ihrer jeweils gegebenen Strukturen und ihrer strategischen Interessen ganz unterschiedliche Wege einschlagen, um ihre im Einzelnen sehr divergierenden ökonomischen, insbesondere marktökonomischen Anforderungen zu bewältigen, und verschiedenste Konzepte der Arbeitsgestaltung verfolgen. Daher ist es nicht überraschend, dass alle verfügbaren Forschungsergebnisse zur digitalen Transformation von Industriearbeit auf nur wenig eindeutige Trends hinweisen.

Auf der Basis einer Verdichtung und Reinterpretation vorliegender Forschungsergebnisse (insbesondere auch jener aus eigenen Untersuchungen; Kap. 1.5) sollen im Folgenden absehbare, jedoch divergierende Entwicklungsperspektiven der digitalen Transformation industrieller Arbeit herausgearbeitet und genauer analysiert werden. Resümiert man diese Ergebnisse, so werden in kurzfristiger Perspektive – im Gegensatz zu allen Erwartungen disruptiver (positiver wie auch negativer) Veränderungen im industriellen Sektor ( Kap. 1) – nur moderate Veränderungen von Arbeit erkennbar. Längerfristig ist allerdings mit einem deutlichen Strukturwandel von Arbeit zu rechnen, wobei einerseits verschiedene Entwicklungsszenarien unterschieden werden können, andererseits aber auch generelle, alle Arbeitsformen betreffende Folgewirkungen der Digitalisierung Platz greifen werden.

3.1 Kurzfristige Pfadabhängigkeit

Der Einsatz neuer Technologien steht stets in enger Wechselwirkung mit je gegebenen sozialen und betrieblichen Strukturen, also auch mit gegebenen Arbeitsprozessen. Die Adaption neuer Technologien in Betrieben folgt daher oftmals einem von den gegebenen technologischen, organisationsstrukturellen und personellen Bedingungen vorgezeichneten Pfad, um unkalkulierbare Risiken zu vermeiden und kurzfristig positive Rationalisierungseffekte zu erzielen. Die Einführungsmuster neuer Technologien sind daher in der Regel von einer hohen Pfadabhängigkeit gekennzeichnet. Demnach vollzieht sich kein Bruch der gegebenen und gewachsenen Arbeitsstrukturen, vielmehr werden diese bei Einführung der neuen Technologien moderat weiterentwickelt und kontinuierlich rationalisiert. Durch die damit erreichten positiven ökonomischen Rückkopplungseffekte stabilisiert sich der einmal eingeschlagene Entwicklungspfad, Richtungsabweichungen sind aufwendig und risikoreich und werden daher möglichst vermieden. Zugespitzt formuliert wirkt Digitalisierung »vielfach als Verstärker und Beschleuniger bestehender Trends und Dynamiken« (Kuhlmann 2017; vgl. auch Minssen 2017). Wie im Folgenden gezeigt wird, sprechen für diese These eine Vielzahl empirischer Evidenzen sowie konzeptionelle Überlegungen aus der organisationssoziologischen Forschung über Pfadabhängigkeiten des organisatorischen Wandels.

3.1.1 Increasing Returns und Small Events

Mit der These eines pfadabhängigen Wandels von Arbeit soll ein in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften prominenter Erklärungsansatz aufgegriffen werden, der stabilisierende Effekte organisationalen und institutionellen Wandels thematisiert (vgl. Mayntz 2002, S. 27 ff.). Zur Erklärung dieses Phänomens für den hier diskutierten Fall des technisch-organisatorischen Wandels auf betrieblicher Ebene bietet sich an, auf wirtschaftstheoretische und organisationssoziologische Überlegungen zurückzugreifen, die den Mechanismus der Increasing Returns als zentrale Bestimmungsgröße ansehen (vgl. z. B. Beyer 2005; Sydow et al. 2009). Increasing Returns werden in der Regel durch mehr oder weniger häufig auftretende Small Events – geringfügige Ereignisse oder auch Zufälligkeiten – angestoßen und verursacht, und sie ziehen in gegebenen technisch-organisatorischen Prozessstrukturen stets selbstverstärkende Effekte nach sich. Diese Situation ist dann gegeben, wenn der Einsatz einer neuen Technologie den ökonomischen Nutzen gegebener Prozesse erhöht und damit deren Strukturen und Abläufe stabilisiert (vgl. Beyer 2005, S. 7). Dabei macht die Diskussion deutlich, dass derartige Effekte besonders bei neuen wissensbasierten Technologien – eben auch im Fall des gegenwärtigen Digitalisierungsprozesses – auftreten können, da es hier grundsätzlich kaum ökonomische Grenzen im Sinne geringerer Nutzeneffekte gebe (vgl. Arthur 1996).

Die durch Increasing Returns sich selbst verstärkende Prozesse werden dabei im Einzelnen durch verschiedene Wirkungszusammenhänge verursacht. Resümiert man die vorliegende Literatur, so lassen sich für den Fall des betrieblichen technischen-organisatorischen Wandels die folgenden Wirkungszusammenhänge als relevant ansehen:

• Technische Wechselbeziehung: Der Nutzen einer neuen Technologie lässt sich relativ schnell realisieren, wenn diese an die existierenden Techniksysteme anknüpfen und bisherige technisch-organisatorische Defizite und »bottlenecks« beseitigen.12

• Optimierungseffekte: Effizienz und Effektivität eingespielter Arbeitspraktiken und -routinen werden durch Wechselwirkung mit den neuen Technologien unmittelbar und kurzfristig erhöht und sie werden damit organisatorisch stabilisiert. Durch die Nutzung der Optimierungseffekte können zum einen Risiken, Unwägbarkeiten und zusätzliche Kosten prinzipiell möglicher Strukturveränderungen vermieden werden. Zum anderen wird damit dem tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Amortisationsdruck bisheriger Investitionen, die als Sunk Costs zu bezeichnet werden, Rechnung getragen.13

• Sicherung von Komplementarität: Hierbei geht es um den Erhalt des bisherigen interdependenten Zusammenspiels der verschiedenen technisch-organisatorischen und sozialen Funktionen eines Produktionsprozesses. Denn eingespielte technisch-organisatorische Routinen und damit zusammenhängende Arbeitspraktiken garantieren in der Regel Produktivität, Störungsfreiheit und Synergieeffekte im gegebenen soziotechnischen System eines Produktionsprozesses. Plausibel ist daher, dass durch technologische Innovationen die bisherige Ablauflogik und die Synergien einer Produktion nicht auseinanderfallen sollen und unter Umständen aufwendige Kompensationsleistungen und Folgeinvestitionen notwendig machen.14

Diese Unterscheidung zwischen verschiedenen Mechanismen, die zu Increasing Returns und insgesamt zu einer Stabilisierung gegebener Prozessstrukturen führen, ist freilich analytischer Natur. Wie noch zu zeigen ist, sind sie realiter eng miteinander verschränkt und ziehen vermutlich nicht nur unterschiedliche, sondern auch ähnlichen Effekte nach sich.

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18 декабря 2025
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295 стр. 10 иллюстраций
ISBN:
9783170341081
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