Читать книгу: «Ben und Lasse - Agenten ohne heiße Spur»
Harry Voß
Ben & Lasse
Agenten ohne heiße Spur
Harry Voß, Jahrgang 1969, ist seit 1995 als Kinderreferent hauptamtlich für den Bibellesebund e.V. tätig. Auf seinen Lesetouren und bei Kinderbibelwochen, Kinderfreizeiten und Bibelactionpartys ist er als Gitarre spielender Geschichtenerzähler unterwegs.
Nach dem Megaseller Schlunz hat Harry Voß mit Ben & Lasse eine neue Buchreihe für Kinder ab 8 Jahren begonnen.
Mit seiner Familie lebt Harry Voß in Gummersbach.
Impressum
© 2017 Verlag Bibellesebund Marienheide
und SCM Verlag in der SCM Verlagsgruppe GmbH
2. Auflage 2018
© 2019 der eBook-Ausgabe
Bibellesebund Verlag, Marienheide
https://shop.bibellesebund.de/
Coverillustration: Georg Design, Münster (www.georg-design.de)
Covergestaltung: Gisela Auth, Gummersbach
ISBN 978-3-95568-312-2
Hinweise des Verlags
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
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Inhalt
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Impressum
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Ich hasse Klassenfahrten. Drei Tage und zwei Nächte mit einem Haufen von Fünftklässlern in irgendeine Jugendherberge fahren, in der es stinkt und in der die Betten quietschen. Die anderen im Zimmer schnarchen und pupsen die ganze Nacht, man kann nicht in Ruhe aufs Klo gehen und zum Frühstück gibt es nur Käse, Wurst und ekelhafte gelbe Marmelade. Was, bitte, soll ich da?
Herr Jung, unser Klassenlehrer, hat gesagt, das ist ganz wichtig. Es stärkt unsere Klassengemeinschaft und wir erleben schöne Dinge. Toll. Unsere Klassengemeinschaft können wir auch zu Hause stärken, indem wir statt Mathe und Englisch zu machen, lieber mal zusammen einen Film gucken, Computer zocken oder von mir aus auch irgendwas Nettes draußen auf dem Schulhof spielen. Und schöne Dinge kann ich auch zu Hause erleben. Aber Herr Jung bleibt dabei: Wir fahren am kommenden Mittwoch in ein heruntergekommenes Backsteinhaus, das hat er uns schon ganz stolz auf Bildern gezeigt. Das Haus liegt irgendwo mitten im Wald, wo es noch nicht mal eine Stadt gibt, in der man ein bisschen in den Läden nach DVDs oder Computerspielen stöbern könnte. „Natur erleben“, nennt Herr Jung das. Sollte ich jemals Lehrer werden, dann würde ich mich vorher erkundigen, was Schüler wirklich wollen. Wollen Kinder Natur erleben? Nein. Wollen sie Computer spielen und Filme gucken? Ja.
Zum Glück werde ich kein Lehrer. Ich werde niemals mit wild gewordenen Schülern in ein einsames Haus fahren und das als „Naturerlebnis“ anpreisen. Ich weiß nämlich schon, was ich einmal werden will, wenn ich groß bin: Ich werde Polizist. Mein Vater ist auch Polizist. Und ich bin jetzt schon geübt darin, Verbrechen aufzuklären. Als ich im Winter mal in der Schule aufs Klo musste, war in der Zelle, in die ich sonst immer gehe, die Klobrille kaputt und fette Fußspuren von verdreckten Winterschuhen waren oben drauf. Ich bin also zur Nachbarzelle gegangen. Dabei habe ich Torben aus unserer Klasse breit grinsend am Waschbecken stehen sehen. Ich hab sofort zu seinen Schuhen geschaut und mit einem Blick erfasst, dass diese fetten Winterstiefel zu den Spuren auf der Klobrille passen könnten. „Heb mal deine Schuhe hoch“, habe ich ihn aufgefordert. Er hat das auch ganz brav gemacht und immer noch gegrinst. Und siehe da: Dieses Profil unter den Schuhen hat gepasst. „Du warst das!“, hab ich gesagt. Torben hat frech gelacht und ist rausgegangen. Kurz darauf kam eine Durchsage in der ganzen Schule: Der Schuldirektor hat gesagt, bei einer der Toiletten sei die Klobrille zerbrochen. Jemand sei darauf gestiegen. So was sei eine Sauerei und der Schuldige solle sich sofort melden. Und wer etwas gesehen hätte, solle das bei der Schulleitung melden. Da hab ich sofort zu Torben geschaut. Und er hat nicht mehr gegrinst. In der Pause ist er auf mich zugekommen: „Du hast doch nichts gesehen, oder?“ – „Gesehen nicht, aber ich hab kombiniert“, habe ich geantwortet. Ich habe ihm versprochen, ihn nicht zu verpetzen. Aber ich hab ihn gewarnt, er soll vorsichtig sein, denn ich krieg alles raus. Seitdem hat er einigermaßen Respekt vor mir. Na gut, ich gebe zu, ein schlimmes Verbrechen ist das nicht gewesen. Kein Mord oder so. Aber ich weiß, ich trage meinen Titel zu Recht: Ich bin Agent Benjamin Baumann. Und wenn ich mal Polizist bin, dann haben die Verbrecher nichts mehr zu lachen. Nicht nur die Klobrillen-Zerbrecher, sondern auch die Diebe, Mörder und anderen Halunken.
„Es gibt da noch ein Problem“, sagt Herr Jung heute, am Freitag, kurz vor dem ersehnten Wochenende, als wir wieder über die Klassenfahrt sprechen. „Frau Specht, die Mutter von Leonie, ist krank geworden. Sie wollte als weibliche Begleitperson mitkommen. Sie hat mich gestern angerufen und gesagt, dass sie bis nächste Woche nicht wieder gesund genug ist, um mitzufahren. Wir brauchen aber auch eine Frau, die uns begleitet. Das ist von der Schulleitung so vorgesehen. Darum fragt bitte mal zu Hause nach, ob eine der Mütter sich kurzfristig überlegen könnte mitzukommen. Sie müsste auch nichts dafür bezahlen.“
Um ein Haar hätte ich laut losgelacht. Was soll denn das für ein Anreiz für Mütter sein? Sie brauchen nichts zu bezahlen? Ha! Das wäre ja auch noch schöner! Er hätte noch eine Belohnung für die Mutter ankündigen müssen, die es wagt, mit unserer Klasse für drei Tage wegzufahren! Stattdessen muss sie „nichts bezahlen“! Wie gnädig! Ein bisschen wächst in mir die Hoffnung, dass die Klassenfahrt vielleicht ausfällt, wenn sich niemand findet.
„Ich will nicht, dass die Klassenfahrt ausfällt!“, ruft Christina. „Ich hab mich schon so darauf gefreut!“
„Ich auch!“, pflichtet Hilko ihr bei. Auch die anderen murren und maulen.
„Das wollen wir alle nicht“, beruhigt Herr Jung die Klasse. „Dann fragt doch bitte eure Mütter übers Wochenende, ob sie nicht ein paar Tage mit unserer Klasse verbringen möchten.“
Ich muss mich sehr zurückhalten, um nicht laut durch die Klasse zu rufen: „Es stimmt nicht, dass alle wegfahren wollen! Ich zum Beispiel bleibe gerne hier!“ Aber so langsam überfällt mich der Verdacht, dass ich der einzige bin, der nicht so gern auf Klassenfahrten fährt.
„Meine Mutter kann sowieso nicht“, stöhnt Christina. „Die muss arbeiten.“
„Meine auch nicht“, klagt Deborah, „ich habe noch fünf Geschwister zu Hause, auf die sie aufpassen muss.“
Fünf Minuten später hat Beatrix, unsere Klassensprecherin, eine Liste angefertigt, in der alle Namen unserer Klasse untereinander geschrieben stehen. Sie gibt die Liste durch die Reihen. Jeder soll ein Kreuzchen hinter seinen Namen setzen, wenn er meint, dass seine Mutter vielleicht Zeit und Lust hätte. Als die Stunde zu Ende und die Liste wieder bei Bea ist, hat niemand ein Kreuzchen gemacht. Ein gutes Zeichen, finde ich.
Zu Hause beim Mittagessen ist Mama bereits informiert. Beas Mutter ist gleichzeitig die Elternpflegschafts… bla, bla … also die Klassensprecherin der Eltern sozusagen. Und die hat schon eine Mail an alle Eltern geschrieben. Sie selbst kann auch nicht, schreibt sie, weil sie berufstätig ist und so schnell keinen Urlaub bekommt. Aber bestimmt kann doch eine der anderen Mütter, und sicher wollen doch alle, dass die Klassenfahrt stattfindet, weil es doch so sehr die Klassengemeinschaft stärkt und man so schöne Dinge erleben kann.
„Das wäre ja wirklich schade, wenn das ausfallen würde“, fasst Mama ihren Bericht über die Mail zusammen. „Was ist denn mit der Mutter von Hilko? Die ist doch immer froh, wenn sie mal von zu Hause weg kommt.“
„Keine Ahnung.“ Ich habe nicht wirklich Lust, mir über andere Mütter Gedanken zu machen. Wenn die Klassenfahrt ausfällt, können wir ja nächste Woche stattdessen einen Film gucken und Spiele auf dem Schulhof spielen.
Da schaltet sich mein kleiner Bruder Lasse ein: „Mama, du kannst doch mitfahren!“
Mama lächelt. „Und wer soll so lange auf dich aufpassen?“
„Papa!“
„Und während er auf der Arbeit ist?“
„Da pass ich auf mich selbst auf!“ Lasse grinst übers ganze Gesicht.
Hab ich schon erzählt, dass ich einen kleinen Bruder habe? Lasse. Sechs Jahre, erste Klasse. An sich ganz lieb und lustig, aber manchmal etwas vorlaut und nervig. Wie kleine Brüder nun mal so sind. Ich bin schon elf Jahre und gehe in die fünfte Klasse. Ich hab das leichte Leben der Grundschule schon hinter mir. In der weiterführenden Schule fängt der Ernst des Lebens an. Das weiß Lasse natürlich noch nicht. Innerlich muss ich lachen, wenn ich mir vorstelle, wie sich mein Bruder hier zu Hause selbst versorgt: Gummibärchen-Suppe kochen, das ganze Wohnzimmer mit Legosteinen auslegen und die komplette DVD-Box „Biene Maja“ hintereinanderweg anschauen. Und dabei sind die Backen vollgestopft mit Eis und Schokolade. Lustig. Wie gesagt: Innerlich lache ich. Äußerlich natürlich nicht. Ich hoffe stark, dass Mama diese Idee nicht ernsthaft weiterverfolgt. Was gibt es Peinlicheres, als wenn die eigene Mutter mit auf Klassenfahrt fährt? Am Ende macht sie morgens noch mein Bett und achtet beim Essen darauf, dass ich genug Salat esse und brav meinen Teller leer mache. Nein, danke.
Mama lacht und wuschelt Lasse mit der Hand über den Kopf. „Das könnte dir so passen.“
Lasse streckt seine Gabel in die Luft: „Ich hab eine noch bessere Idee: Ich komme mit!“
Fast verschlucke ich mich, als ich das höre. Ja, wirklich. Lasses Ideen werden immer besser! Die einzige Steigerung der Peinlichkeit, dass die eigene Mutter mit auf Klassenfahrt fährt, wäre die, dass auch noch mein kleiner Erstklässler-Bruder mitkommt! Dagegen sind gelbe Marmeladenmatsche und quietschende Betten ja überhaupt nichts!
Lasse wendet sich an mich: „Ben, würde dir das auch gefallen, wenn ich mitkäme?“
„Ja, klar, Lasse. Ich würde vor Glück Purzelbäume schlagen.“
„Wirklich?“, strahlt Lasse. „Ich auch!“ Er klopft Mama auf den Unterarm. „Siehst du, Mama, Ben würde das auch gefallen! Der ganzen Klasse von Ben würde das gut gefallen! Und ich möchte sooo gerne mal die großen Kinder in Bens Klasse kennenlernen! Und ich möchte auch die Klassengemeinschaft stärken! Und ich möchte schöne Dinge erleben! Ja, darf ich mitfahren? Jaaaa?“ Er klimpert mit den Augen und schiebt seine Unterlippe so weit nach vorne, dass man ein Glas darauf abstellen könnte. „Bitte, bitte.“
Wieder lacht Mama. „Du kleiner Quatschkopf. Du musst doch selbst zur Schule. Da kannst du doch nicht einfach ein paar Tage fehlen.“
„Klar kann ich das! Ich kann doch schon alles lesen und schreiben! Und rechnen kann ich schon bis mindestens zehn. Viel mehr muss man im ersten Schuljahr nicht können, hab ich recht? Also, eigentlich geh ich ja sowieso nur in die Schule, damit Frau Aust sich nicht langweilt. Die anderen reden so wenig im Unterricht – wenn ich mich nicht andauernd melden und Geschichten von zu Hause erzählen würde, würden wir nur herumsitzen und aufgemalte Äpfel im Rechenbuch zählen.“
Jetzt werde ich doch ein bisschen hellhörig. „Was erzählst du denn für Geschichten von zu Hause?“, frage ich.
„Ach, was wir alles so Lustiges erleben. Wie du, Ben, zum Beispiel letzte Woche im Bad ausgerutscht bist und beim Hinfallen noch den Handtuchhalter mit runtergerissen hast. Das war voll witzig! Alle Kinder in meiner Klasse haben sich halb tot gelacht, als ich das erzählt habe!“
Mir klappt der Mund auf. „Das erzählst du im Unterricht???“
„Ja, ich erzähle noch mehr. Wir haben es immer total lustig bei uns. Natürlich nur wegen mir, weil ich die Geschichten erzähle. Und wegen dir, weil du die Hauptperson in meinen Geschichten bist! Die anderen wollen dich unbedingt mal kennenlernen, haben sie gesagt!“
„Ich glaube, du spinnst! Ich verbiete dir, den anderen zu erzählen, wie mir blöde Sachen passieren!“
„Ach, ich erzähl ja nicht nur die blöden Sachen. Ich hab auch erzählt, dass wir beide Agenten sind und Verbrecher jagen. Und dass du mir zu Weihnachten diese tolle Anstecknadel gebastelt hast! Ich hab die Brosche herumgehen lassen und alle Kinder haben gestaunt, als sie sie gesehen haben!“
„Was hast du??!!“ Ich stelle mir gerade vor, wie jedes Kind in Lasses Klasse dieses peinliche Teil aus Goldpapier in seinen verschwitzten Erstklässler-Händchen hält. Dieses Ding hab ich mal aus lauter Not, weil ich wirklich nicht wusste, was ich meinem Bruder zu Weihnachten schenken sollte, fünf Minuten vor der Bescherung gebastelt. Einfach ein paar Glitzersteinchen auf ein Goldpapier-Ei geklebt und „Agent Lasse Baumann“ drauf geschrieben. Lasse hat sich tierisch gefreut. Aber wenn ich gewusst hätte, dass er das überall herumzeigt und dabei erklärt, dass ich es gebastelt habe, dann hätte ich mir mehr Mühe gegeben. Wenn am Ende sogar die Lehrerin dieses Ding in die Hand bekommen und dabei gehört hat, dass ich schon in der fünften Klasse bin, dann wird sie sich fragen: Wie kann einer in die fünfte Klasse gehen und immer noch so ausschneiden wie im Kindergarten? Oh Mann. Dieser Junge blamiert mich sogar, wenn ich nicht dabei bin. Wenn der jetzt auch noch mit auf Klassenfahrt kommt, dann kann ich mich in der ganzen Schule nicht mehr blicken lassen.
2
Am Montag hat sich noch immer keine Mutter gefunden, die mitkommen kann.
„Bis spätestens heute Nachmittag muss ich wissen, ob wir eine weibliche Begleitung haben“, sagt Herr Jung. „Sonst rufe ich in der Jugendherberge an und sage Bescheid, dass wir nicht kommen.“
Bea springt auf: „Nein, bitte nicht!“ Sie schaut einmal kurz durch die Klasse und zeigt dann mit ausgetrecktem Arm auf mich. „Was ist mit dir, Ben? Geht deine Mutter auch arbeiten?“
„Nein“, antworte ich. „Aber ich habe noch einen kleinen Bruder, auf den muss sie aufpassen.“
„Wie klein ist der?“, fragt Julian. „Ein Baby?“
Julian treffe ich jeden Morgen, wenn ich mit Lasse zusammen zur Schule gehe. Auf meinem Weg zur Schule komme ich an der Grundschule vorbei. Darum gehen wir die meiste Zeit des Weges gemeinsam. Und Julian geht auch denselben Weg.
„Du kennst doch meinen Bruder Lasse!“, gebe ich etwas fassungslos zurück. „Du siehst ihn jeden Morgen! Er geht in die erste Klasse!“
„Ach, der!“ Er nickt und versinkt wieder in seinem Reich der Träume.
„Ist das der mit der obercoolen Anstecknadel“, ruft Tobias laut, „mit der Aufschrift: ‚Agent Lasse Baumann‘?“
Gleich versinke ich im Erdboden. „Ja, der ist das.“
„Ach, der!“, fällt es jetzt auch Jonathan ein. „Als wir neulich alle nach dem Probe-Feueralarm auf dem Schulhof standen und unser Schulleiter uns einen Vortrag über richtiges Verhalten bei Katastrophen halten wollte – da kam dieser Trupp mit Kindergartenkindern im Gänsemarsch an unserem Schulhof vorbei. Und einer hat seine Arme hochgerissen und ganz laut gebrüllt: ‚Hallo, Ben! Hallo Ben! Da, seht ihr? Das ist mein Bruder Ben! Der, der sich gerade die Hände vors Gesicht hält!‘ 400 Schüler haben zuerst ihn, dann dich angestarrt. Ist dieser Junge dein Bruder Lasse?“
Ich muss mir wieder die Hände vors Gesicht halten. „Es waren keine Kindergartenkinder, sondern Erstklässler“, hauche ich. „Aber sonst war alles genau so, wie du es erzählt hast. Ja, das ist mein Bruder Lasse.“
„Der ist cool“, lacht Jonathan.
„Ich find den süß“, flötet Sarah.
„Ich auch!“, rufen noch ein paar Mädchen.
„Bring ihn doch mit“, gackert Christina.
„So weit kommt’s noch“, brumme ich.
Herr Jung schaltet sich ein: „Wenn er in seiner Klasse ein paar Tage Schulbefreiung bekommt, kann er von mir aus gerne mitfahren. Wenn wir damit unsere Klassenfahrt retten können, würde ich dem zustimmen.“ Er geht ein paar Schritte auf mich zu. „Sofern deine Mutter das erlaubt.“
Sofern ICH das erlaube, hätte ich am liebsten erwidert. Aber mich fragt ja hier keiner. Ich merke, wie mir der Schweiß ausbricht.
„Oh ja, das wäre süß!“, ruft Sarah wieder und faltet ihre Hände neben ihrer Wange, als hätte ihr gerade jemand einen riesengroßen Teddybären geschenkt.
„Dein Bruder ist echt cool!“, bestätigt Mimi.
Hab ich schon mal gesagt, dass ich Klassenfahrten hasse? Hab ich auch schon mal gesagt, dass ich es peinlich finde, wenn die eigene Mutter mit auf Klassenfahrt kommt? Und hab ich obendrein schon mal bemerkt, dass es so ziemlich das Schlimmste ist, was einem elfjährigen Geheimagenten passieren kann, wenn neben der Mutter auch noch der sechsjährige Bruder mit auf Klassenfahrt kommt?
Lasse empfängt mich schon an der Haustür, als ich mittags nach Hause komme. „Frau Aust hat gesagt, sie macht eine Ausnahme! Eigentlich geht das ja nicht, denn da könnte ja jeder kommen, aber weil du sonst nicht auf Klassenfahrt mitfahren kannst und weil du vor Glück Purzelbäume schlägst, wenn ich mitkomme – darum hat sie es erlaubt. Klasse, was?“
„Ganz klasse, Lasse.“ Ich dränge mich an ihm vorbei zur Haustür rein. Hab ich Fieber oder ist es die Aussicht auf eine Klassenfahrt mit Lasse im Gepäck, die mir am ganzen Körper den Schweiß ausbrechen lässt?
Mama erklärt beim Mittagessen: Sie hat schon mit Papa gesprochen und er ist einverstanden. Sie hat auch mit Frau Aust gesprochen und ihr die Situation erklärt. Die hat ihr gesagt, dass Lasse so ein aufgeweckter Junge sei und so gut im Unterricht mitmache, dass es gar nicht schlimm ist, wenn er in so einem Ausnahmefall mal für drei Tage fehle. Mama wird nachher mit Herrn Jung telefonieren. Und dann ist die Klassenfahrt gerettet. Danke, Leute. Ganz rücksichtsvoll.
„Oh Mann, ich freu mich schon!“ Lasse hüpft wie ein Frosch um den Esstisch.
Mama schaut mich von der Seite an, legt ihren Kopf schief und lächelt: „Oder findest du das doof?“
Prima gemacht. Ganz toll eingefädelt! Zuerst sprecht ihr alles ab – mit den Lehrern, mit Papa, mit Lasse – und wenn alles geklärt ist, wird zu allerletzt derjenige gefragt, um dessen Klassenfahrt es überhaupt geht! Was soll ich denn jetzt noch antworten? Ich bin so sauer, ich würde am liebsten irgendwas durch das Zimmer werfen. Mein Kinn zittert. Ich kneife meine Augen zu. Ich muss feste schlucken. Dann sage ich: „Nein, alles in Ordnung.“ Und bevor ich hier vor meinem kleinen Bruder anfange zu heulen, stampfe ich wütend in mein Zimmer und knalle die Tür zu.
So sind Erwachsene. Zumindest ist es das, was ich bis jetzt über sie herausgefunden habe. Sie sind so besorgt um ihre Kinder. Aber wenn es darum geht, für die Schule oder sonst irgendwo eine Situation zu retten, dann tun sie alles dafür, damit alle glücklich und zufrieden sind. Und dann fragen sie überhaupt nicht mehr, ob es den Kindern gut damit geht. Dann gehen sie davon aus, dass die Kinder sowieso alles in Ordnung finden, was die Erwachsenen beschließen. Alle Kinder lieben Klassenfahrten. Logisch. Also fahren wir doch mal eben alle zusammen weg. Alle Kinder mögen es, wenn die Mutter mitfährt. Und bestimmt mögen es alle Kinder, wenn die kleinen Brüder mitkommen. Also muss man gar nicht fragen. Nö. Einfach planen. Und am Schluss dann noch kurz: „Nicht wahr, das ist doch in Ordnung so für dich?“ Nee, Leute. Nicht mit mir.
Bald darauf klopft es an meiner Zimmertür. Ich sitze mit verschränkten Armen auf meinem Schreibtischstuhl und schaue aus dem Fenster.
Mama kommt rein.
Lasse steht hinter ihr: „Was hat Ben? Mama, was hat Ben?“
„Geh in dein Zimmer, Lasse“, sagt Mama leise und schiebt ihn ein bisschen zurück. „Ich muss mal mit ihm reden.“
„Was hat Ben, Mama?“
„Geh jetzt.“ Mama schließt die Tür vor seiner Nase. Lasse ist draußen.
Ich schaue immer noch zum Fenster raus.
Mama steht neben mir und hat ihre Hände vor dem Schoß aufeinander gelegt. „Ich wollte euch doch nur helfen“, sagt sie vorsichtig.
„Danke für die Hilfe“, brumme ich.
„Wenn sich bis heute Nachmittag keine Mutter gefunden hätte, dann wäre eure Klassenfahrt ausgefallen. Alle anderen scheinen überhaupt nicht zu können. Dass Lasse mitkommt, ist eine Notlösung. Aber ich dachte, es ist besser, als dass es ausfällt, oder?“
Ich antworte lieber nicht.
Mama seufzt. Dann sagt sie: „Es ist ja nicht so, dass es mir zu Hause langweilig wäre und ich unbedingt mit auf eure Klassenfahrt kommen wollte. Ich habe hier genug zu tun. Aber alle freuen sich schon so. Und da dachte ich, ich tu euch den Gefallen. Warum bist du denn plötzlich so ärgerlich darüber?“
Weil ich als Letztes gefragt werde, denke ich. Weil Mütter und Brüder auf einer Klassenfahrt peinlich sind. Aber ich sage nichts.
„Eine andere Mutter scheint sich ja nicht zu finden“, fährt Mama fort. Sie beugt sich leicht nach vorne und versucht, mir ins Gesicht zu sehen. „Oder wäre dir lieber gewesen, die Klassenfahrt fällt aus?“
Das war das richtige Stichwort. Ich merke, wie sich Wasser in meinen Augen sammelt. Jetzt nicht heulen, denke ich. Ich ziehe meine Augenbrauen zusammen und schaue noch angestrengter nach draußen.
Mama scheint das aufzufallen: „Möchtest du denn gar nicht auf die Klassenfahrt?“
Mein Kinn zittert. Meine Nase läuft ein bisschen. Aber sonst hab ich mich im Griff.
„Ist denn irgendwas passiert? Habt ihr Streit?“
Ich schüttle den Kopf. Nein, das ist es wirklich nicht. Streit haben wir nicht.
„Hast du Angst?“
Ich will schon wieder den Kopf schütteln, aber dann muss ich doch erst mal darüber nachdenken. Hab ich Angst? Ich wüsste nicht wovor. Aber irgendwie fühlt sich das Wort Angst richtig an. Das passt jetzt zu mir. Also zucke ich mit den Schultern.
„Denkst du, dass du mit den anderen nicht zurechtkommst?“, tastet sich Mama weiter vor.
Ich schüttle wieder den Kopf.
„Hast du Angst vor Heimweh?“
Puh. Heimweh ist ein krasses Wort. Wenn Lasse und ich in den Ferien bei Oma schlafen, denke ich nachts stundenlang an Mama und Papa, bevor ich einschlafe. So lange, bis es wehtut. Weh im Bauch. Weh im Herzen. Weh im Kopf. Aber ich weine nicht. Ich will nicht, dass Oma sich Sorgen macht. Als wir in der Grundschule schon mal für eine Nacht in so eine blöde Jugendherberge gefahren sind, hab ich auch ganz lange im Bett wach gelegen und es hat wehgetan. Aber ich habe erst geweint, als ich mir sicher war, dass alle anderen geschlafen haben. Ich denke nie so viel an Mama und Papa, wie wenn ich woanders schlafe. Ist das Heimweh? Wieder zucke ich mit den Schultern.
„Ach, Ben.“ Mama geht in die Hocke und dreht den Schreibtischstuhl so, dass sie mein Gesicht sehen kann. „Warum sagst du das denn nicht?“ Sie macht ein sorgenvolles Gesicht. „Freust du dich denn nicht, wenn ihr mal ein paar Tage rauskommt und ein paar Abenteuer woanders erlebt?“
Richtig geraten, Mama. Ich schüttle den Kopf. Ich ziehe die Nase hoch.
„Aber warum denn nicht?“
Warum, warum? Ich weiß es doch selbst nicht! Wie soll man einer Mama erklären, warum man nicht weg will? Ist es so schlimm, wenn einer lieber zu Hause ist, wo er sich auskennt? Als ich den Mund öffne, um was zu sagen, merke ich, dass er voller Rotz und Schleim ist. Ich muss erst mal schlucken und räuspern. Dann versuche ich es: „Ich will einfach nicht. Ich kenn mich da nicht aus. Ich weiß nicht, was da kommt. Ich weiß nicht, ob es mir da gefällt. Ich hab Angst, dass die anderen die ganze Zeit fröhlich sind und ich immer nur nach Hause will. Ich will nicht mit den anderen in einem Zimmer schlafen. Beim letzten Mal wollte ich schlafen und die anderen haben noch ganz lange gequatscht. Dann war ich am nächsten Tag müde und schlecht gelaunt, aber niemand hat das bemerkt. Ich hatte Bauchschmerzen und wollte immer nur ins Bett. Aber wir haben immer irgendwas unternommen.“ Ich atme einmal tief ein und aus. Jetzt ist es raus. Der Hals ist wieder frei. Ich wische mir einen feuchten Streifen von der Wange.
„Aber du hast doch nachher erzählt, dass es schön war?“
„Ja, es war ja auch schön.“
Klar, dass Erwachsene das nicht kapieren. Es war schön, aber zwischendurch war es auch schwer. Beides. Das scheinen Erwachsene nicht zu kennen.
Mama streicht mir über den Arm. „Ach, du armer Kerl. Das wusste ich gar nicht.“ Sie schaut mich noch mal mit ihrem lieben Mama-Lächeln an. „Soll ich denn lieber wieder absagen?“
„Nein.“ Ich ziehe die Nase hoch und schüttle den Kopf. So langsam geht es mir wieder besser. „Die anderen freuen sich ja so. Und ich krieg es schon irgendwie hin. Es wird bestimmt schön.“ Ich schaue Mama an und versuche zu lächeln. „Und es stärkt ja auch die Klassengemeinschaft und wir erleben schöne Dinge.“
Mama lacht. „Genau.“ Dann zieht sie die Augenbrauen hoch. „Und was ist mit Lasse? Ist es denn in Ordnung, wenn er mitkommt?“
Ich seufze. „Geht ja wohl nicht anders. Aber ich fand auch doof, dass ihr mich nie gefragt habt, ob ich damit einverstanden bin. Mit Papa hast du gesprochen, mit Herrn Jung, mit Lasses Lehrerin – aber nicht mit mir.“
„Das stimmt. Da hast du recht. Das war ziemlich dumm von uns.“ Mama presst schuldbewusst ihre Lippen zusammen. „Ich hab gedacht, du freust dich richtig doll auf die Klassenfahrt. Darum wollte ich dir und der ganzen Klasse helfen. Aber ich hätte dich natürlich zuerst fragen müssen.“ Sie zieht wieder die Augenbrauen hoch. „Das tut mir leid.“
Das tut gut, wenn Erwachsene sich entschuldigen. Jetzt kann ich auch Mama wieder anschauen, ohne dass mir die Tränen kommen. „Aber wehe, Lasse schläft mit mir in einem Zimmer!“
Mama lacht wieder. „Nein, keine Angst. Der schläft natürlich bei mir im Zimmer. Und wenn ihr Großen was unter euch machen wollt, dann kann ich mit Lasse was spielen oder ein bisschen spazieren gehen.“
Meine Zimmertür donnert auf, Lasse stürzt herein und kommt bis direkt vor meinen Schreibtisch: „Nicht spazieren gehen, Mama! Wir wollen doch die Klassengemeinschaft stärken und schöne Dinge erleben! Nicht wahr, Ben?“
Am liebsten wäre ich ausgerastet, weil Lasse offensichtlich das ganze Gespräch an der Tür belauscht hat. Und jetzt sieht er auch noch mein verheultes Gesicht. Aber weil er mich so lieb anstrahlt, kann ich nicht schimpfen. Irgendwie ist er ja auch süß, der Kleine. Obwohl mir vorhin noch zum Heulen zumute war, muss ich jetzt lachen. „Lasse, es ist meine Klassengemeinschaft. Die musst du nicht stärken. Okay?“
Lasse grinst breit. „Okay, Boss. Wir teilen uns auf: Du stärkst die Klassengemeinschaft, und ich löse alle Kriminalfälle, die sich dort ergeben.“
„Klingt vernünftig, Agent Lasse.“ Endlich kann ich wieder befreit aufatmen. Na gut, dann kann die Klassenfahrt von mir aus jetzt kommen.
3
Mittwochmorgen, acht Uhr. 25 Schülerinnen und Schüler stehen mit 25 monstergroßen Koffern und Reisetaschen vor der Schule und schreien aufgeregt durcheinander. Ein Reisebus parkt am Straßenrand. Mehr als 25 Elternteile stehen zwischen den Koffern und Taschen und geben dem Busfahrer Anweisungen, der prustend und schwitzend eine Tasche nach der anderen in dem unteren Gepäckraum des Busses verstaut.
Meine neue, blaue Sporttasche halte ich noch in der Hand. Mama hat sie mir gestern gekauft, weil ich mich beschwert habe, dass das kleine Köfferchen aus der Grundschulzeit mit Olaf, dem Schneemann aus der „Eiskönigin“, drauf für einen Fünftklässler nicht mehr cool ist. Mein Kulturbeutel mit der Zahnbürste und so weiter hat aber noch einen „Bob der Baumeister“ aufgedruckt. „Den kann man noch nehmen“, hat Mama entschieden. Ich finde das auch nicht so schlimm. Wenn ich den Kulturbeutel so zum Waschraum trage, dass man den Aufdruck nicht sieht, werde ich auch nicht für ein Baby gehalten. Babyhaft ist eigentlich auch Roddy, der kleine Teddy, den ich immer noch in meinem Bett liegen habe. Den habe ich heimlich eingepackt und den muss ich heute Abend irgendwie unter mein Kopfkissen schmuggeln. Ist eigentlich peinlich, ich weiß. Passt nicht zu einem Fünftklässler. Aber ein Mann muss sich ja immer noch ein bisschen Kindheit bewahren, hab ich mal gehört. Und Roddy ist ein Geschenk von Oma Mechthild, den ich bekommen habe, kurz bevor sie gestorben ist. Das ist schon viele Jahre her, aber ohne Roddy kann ich nicht einschlafen.
Wie auch immer – in der Hand halte ich meine absolut moderne und neue Sporttasche. Die sieht richtig cool aus und die hat bestimmt sonst niemand.
„Hast du deine Reisetablette genommen?“, fragt Beas Mutter nun schon zum dritten Mal und überreicht ihrer Tochter eine Liste. „Hier hab ich dir aufgeschrieben, in welcher Reihenfolge du welche Medikamente einnehmen musst. Dieselbe Liste hab ich auch Herrn Jung geben. Und eine gebe ich gleich noch Frau Baumann. Hörst du mir zu, Beatrix?“
Bea hört nicht zu. Sie trägt ein Klemmbrett mit einer eigenen Liste in der Hand und geht von einem Schüler zum anderen. „Sondra, hast du an die Federballschläger gedacht?“
„Ach so. Nö.“
„Und du, Jonathan, hast du die UNO-Karten dabei?“
„Sollte ich das?“ Jonathan kratzt sich am Kopf. „Ich hab eine Tüte Chips mitgebracht.“
„Das hab ich auch“, fällt Sondra ein.
„Ich auch“, kommt es von Hilko.
„Du, Hilko, wolltest laut Liste ‚Mensch ärger dich nicht!‘ mitbringen.“
„Hab ich nicht.“
Bea rauft sich die Haare. „Hat hier denn überhaupt jemand etwas von den Sachen mitgenommen, die auf der Liste stehen?“
Beas Mutter tippt ihr auf die Schulter: „Hast du deine Reisetabletten genommen?“
Bea stöhnt auf: „Nein. Das stand nicht auf meiner Liste.“
Felix stößt mir in die Seite: „Schau mal, Ben, ich hab dieselbe Reisetasche wie du!“
Er zeigt mir seine neue blaue Sporttasche. Genauso eine trage ich auch in der Hand. Hoffentlich verwechseln wir die nicht.
Raul steht neben Felix und tippt ihn an: „Das heißt nicht dieselbe, sondern die gleiche.“
Felix schaut ihn erstaunt an. „Wieso? Es ist doch dieselbe Tasche.“
„Nein, die gleiche. Die gleichen sich ja nur. Wäre es dieselbe, dann wäre es genau dieselbe.“ Dann hält er seine eigene blaue Sporttasche in die Höhe und zeigt sie uns. „Ich hab übrigens auch die gleiche.“
„Cool“, sagt Felix, „dieselbe wie meine.“
„Nein, nicht dieselbe. Die gleiche.“
Felix schüttelt den Kopf. „Ist doch dasselbe.“
Plötzlich steht Torben neben uns und bohrt in der Nase. „Ist ja lustig, ihr habt dieselbe Tasche wie ich. Aber ich kann meine immer aus allen herausfinden. In unserem letzten Urlaub hatte ich den ganzen Flug über die Tasche auf dem Schoß. Da hab ich die ganze Zeit an dem Trageriemen gekaut. Jetzt ist der viel heller als die Griffe der anderen. Seht ihr?“ Er zeigt auf seine Tasche, die irgendwo mitten unter den anderen steht. Nicht nur der Griff – die ganze Tasche sieht aus, als hätte sie jemand im Mund gehabt und stundenlang gekaut. Blass, verknautscht und ausgelutscht. Richtig ekelhaft. Die könnte ich niemals mit meiner verwechseln.
„Es ist nicht dieselbe Tasche“, belehrt Raul ihn, „sondern die gleiche. Die gleichen sich nämlich nur.“
„Nee, die gleichen sich nicht“, sagt Torben und schaut sich den Popel an, den er gerade aus der Nase gezogen hat. „Meine sieht ganz anders aus.“
„Das stimmt“, sagen Felix und ich gleichzeitig.
Frau Schuldlos presst ihre Hände so auf die dicken Backen ihres Sohnes Mats, dass sein Gesicht aussieht wie ein Hamster. „Mach’s gut, mein Kleiner“, sagt sie. Mats ist weder klein noch dünn. Frau Schuldlos auch nicht. Sie knetet die Wangen von Mats, als wollte sie daraus Kuchen backen. „Pass auf dich auf.“
„Mach ich“, kommt es aus dem zu einer kleinen Schnute zusammengequetschten Mündchen von Mats.
„Hast du genug Süßigkeiten dabei?“, forscht die Mutter weiter.
„Ja. Die ganze Tasche voll.“
„Prima. Dann lass es dir gut gehen.“ Sie presst noch mal seine Backen zusammen und schüttelt den Kopf ein paarmal hin und her. „Und pass auf dich auf.“
„Mach ich.“
Frau Heberlein zieht einen Staubfussel von Sofies Schulter: „Und ruf an, wenn ihr angekommen seid.“
„Ja, Mama.“
„Und mach dich nicht schmutzig.“
„Nein, Mama.“
„Und hör auf das, was Herr Jung euch sagt.“
„Ja, Mama.“
„Und mach keinen Ärger.“
„Nein, Mama.“
Frau Siegreich hat nasse Wangen vom Heulen. Sie küsst ihre Tochter auf die linke Wange. „Tschüß, mein Schatz.“
Deborah weint auch. „Du sollst noch nicht gehen.“
Frau Siegreich küsst Deborah auf die rechte Wange. „Nein, nein. Ich bleibe, bis ihr gefahren seid.“
„Gut.“
Frau Siegreich küsst Deborah wieder auf die linke Wange. „Gottes Segen.“
„Euch auch.“
Kuss rechts. „Ihr sollt leuchten als Lichter inmitten einer dunklen Welt.“
„Ich weiß.“
Kuss links. „Sei ein Segen für deine Mitmenschen.“
„Ja.“
Sofie steht neben Deborah: „Sitzt du im Bus neben mir?“
Deborah nickt. Ihre Mutter hört auf zu küssen. „Tschüß, mein Schatz.“
Deborah geht mit Sofie auf den Bus zu: „Du sollst noch nicht gehen.“
„Nein, nein. Ich bleibe, bis ihr gefahren seid.“
„Gut.“
Deborah steigt hinter Sofie ein. Die Mutter winkt. „Gottes Segen!“
„Euch auch!“, kommt Deborahs Stimme aus dem Bus. Dann ist sie nicht mehr zu sehen.
Frau Siegreich steht mit verheultem Gesicht inmitten der Koffer und Reisetaschen und sagt ihren letzten Spruch viel zu leise, als dass Deborah ihn hören könnte: „Ihr sollt leuchten als Lichter mitten in einer dunklen Welt!“
„Platz da!“, brummt der Busfahrer und stößt Frau Siegreich zur Seite. „Wie soll man denn hier ordentlich einräumen können?“
„Alle einsteigen!“, ruft Herr Jung.
Das Chaos und Geschrei wird noch größer.
Lasse steht vor mir: „Ben, sitzt du neben mir?“
„Ich wollte eigentlich neben Julian sitzen.“
Schon ist Mama dazugekommen und nimmt Lasse an die Hand: „Komm, Lasse, wir setzen uns ganz vorne hin.“
„Sollen wir nicht neben Ben sitzen?“
Mama stupst ihm mit dem Zeigefinger an die Nase: „Wir hatten doch gesagt, Ben stärkt die Klassengemeinschaft, du löst die Kriminalfälle.“
„Ach ja, richtig!“ Lasse tippt sich wie ein Soldat an die Stirn. Dann greift er an ein kleines Täschchen, das an seinem Gürtel steckt. „Hab ich dir eigentlich schon meine Agententasche gezeigt, Ben? Die hab ich mir gestern von meinem Taschengeld gekauft!“
„Nein. Was ist das?“
„Agenten-Grundausrüstung!“ Er zieht das schwarze Täschchen von seinem Gürtel ab. „Alles, was ein Geheimagent braucht. Hier, schau selbst nach!“ Er hält mir das Päckchen hin.
Ich öffne den Reißverschluss. Heraus purzeln eine kleine Plastik-Lupe, ein Stift, ein Blöckchen, ein Mini-Pinsel und eine Mini-Taschenlampe, der ich schon auf den ersten Blick ansehe, dass nach fünf Minuten leuchten die Batterie leer sein wird. Außerdem sind da noch Plastikhandschuhe, ein Döschen mit Kohlestaub und ein kleiner Plastikbeutel mit Reißverschluss-Leiste. Ich halte den leeren Plastikbeutel in die Luft. „Wofür braucht man das?“
„Um die Beweisstücke hineinzulegen. Das weißt du doch.“
„Ach ja.“ Ich grinse und gebe ihm das Päckchen zurück. „Du bist ja gut ausgerüstet, Agent Lasse.“
„Muss ich doch auch, wenn ich die Kriminalfälle lösen will!“
Plötzlich stehen Torben, Tobias, Christina und Sarah um uns herum.
„Boah, cool, was hast du da?“, fragt Torben.
„Eine Agenten-Spezialausrüstung. Kann ich dir gleich im Bus mal zeigen!“
Torben schaut mich an: „Dein Bruder ist echt cool.“
„So süß!“, sagt Sarah und beugt sich wie eine Erzieherin zu Lasse nach unten. „Zeigst du sie mir auch gleich mal?“
„Klar! Und ich kann euch erzählen, welche Kriminalfälle Ben und ich schon alle gelöst haben!“
Ich schaue ihn streng an: „Brems dich, Lasse!“
„Okay.“ Lasse schaut Sarah an und zwinkert mit einem Auge. „Ich erzähle nur ein bisschen. Denn eigentlich bin ich ja nicht dafür zuständig, die Klassengemeinschaft zu stärken. Aber wenn es dir langweilig ist, fällt mir bestimmt was Lustiges ein.“
Endlich steigen wir alle in den Bus ein. Die Fahrt geht los. Ich bin Mama sehr dankbar, dass sie mir meinen Erstklässler-Bruder ein bisschen vom Leib hält.
4
Die Jugendherberge „Bodenwaldblick“ liegt wirklich mitten im Wald. Rundherum befinden sich eine große Wiese, ein Fußballfeld, eine Art Sportplatz, ein Grillplatz, ein großes aufgemaltes Schachbrett, ein gepflasterter Hof. Aber sonst Wald, wohin man nur schaut.
Sobald der Bus angehalten und die Türen geöffnet hat, strömen alle Schüler raus, als hätte es innen einen Feueralarm gegeben. Einige springen sofort über den Hof, andere klettern auf die Bäume, die dem Bus am nächsten stehen. Torben rennt zu dem Schachbrett, greift sich eine der Figuren, die wie ein Pferd aussieht, und versucht sich mit lautem Cowboygeschrei darauf zu setzen. Schon kommt ein bärtiger Mann aus dem Haus und ermahnt ihn: „Nicht draufsetzen! Davon gehen die Figuren kaputt!“
Der Busfahrer öffnet die Klappe unten am Bus und die ersten beginnen, ihre Taschen herauszuziehen. „Das mache ich!“, brüllt der Busfahrer mit hochrotem Kopf und holt schnaufend und schwitzend eine Tasche nach der anderen aus dem Gepäckraum. Mindestens vier Taschen, die so aussehen wie meine, liegen unten drin. Aber wenn ich vorhin beim Einräumen richtig aufgepasst habe, dann weiß ich, welche davon meine Tasche ist. Ich darf sie einfach nicht aus den Augen lassen, dann kann ich gleich nach ihr greifen. Auch bei den Mädchen sehen einige Taschen ähnlich aus. Sarah und Mimi streiten sich gerade um eine der Taschen und ziehen sie gleichzeitig jeweils an einem der Tragegriffe auseinander. „Das ist meine!“, schreit die eine. „Nein, meine!“, plärrt die andere. Mama steht mit Lasse bei Herrn Jung und unterhält sich mit ihm. Mama grinst dabei und hält ihre Hand vor den Mund, als sollte niemand sehen und hören, was sie da redet. Beide lachen manchmal. Machen die sich über uns lustig?
„Ben, kannst du mir bei meinem Koffer helfen?“, fragt mich Sofie, die direkt neben mir steht. Sie hat einen so großen Koffer auf Rollen, als wollte sie 14 Tage nach Australien reisen.
„Was hast du alles mitgenommen?“, frage ich erstaunt.
„Davon verstehen Jungen nichts“, zickt sie. „Hilfst du mir jetzt oder nicht?“
Wir fassen zu zweit den Griff ihres schweren Koffers und ziehen ihn bis zum Eingang des Hauses. Hier warten schon etliche von uns, die ihr Gepäck bereits gefunden haben. Als ich wieder zurück zum Bus komme, ist meine blaue Tasche von der Stelle, die ich mir gemerkt habe, verschwunden. Auf der Straße stehen noch viele weitere Koffer und Taschen. Eine davon sieht aus wie meine. Aber schon greift Raul zu und nimmt sie an sich.
„Bist du sicher, dass das deine ist?“, frage ich ihn.
„Ja“, antwortet er. „Das sehe ich an dem Schild.“ Er sucht ein Schild an der Seite, aber da ist keins. „Na sowas. Abgefallen. Es ist aber trotzdem meine. Das sehe ich.“ Damit verschwindet er. Dann sehe ich keine Tasche mehr, die aussieht wie meine.
Mama steht immer noch bei Herrn Jung, aber sie hat einen Koffer und eine blaue Sporttasche neben sich stehen. „Komm her, Ben!“, ruft sie. „Ich habe deine Tasche!“
Ich gehe zu ihr. Als ich die Tasche sehe, bekomme ich einen Schrecken. Es ist die abgelutschte, versiffte Tasche von Torben. „Mama, das ist nicht meine!“, entfährt es mir.
Mama schaut genauer hin: „Hat denn jemand die gleiche Tasche wie du?“
„Ja, ganz viele!“ Ich nehme die Tasche in die Hand und eile auf den Hauseingang zu. „Und ich weiß auch genau, wem diese hier gehört.“
„Ich habe mich schon gefragt, warum sie so blass aussieht“, sagt Mama noch.
Vor dem Haus lehnen zwei Jugendliche von mindestens 19 Jahren an der Wand und rauchen. „Vorsicht“, ruft mir der eine zu. „Nicht stolpern. Da liegt ein Ameisenknochen!“
Ich schaue auf den Boden vor mir. Da liegt nichts. Die beiden Jungen lachen dreckig. Ach so. Ein Witz. Kleine Fünftklässler ärgern. Ha, ha. Ich bemühe mich, mir nichts anmerken zu lassen und schaue absichtlich nicht mehr auf den Boden. Prompt stolpere ich über die einzige Stufe vor der Haustür. Beinahe wäre ich hingefallen. Die Jugendlichen lachen sich halbtot. Sie sind beide dünn, haben aber kräftige Oberarme. Sicher verbringen sie den halben Tag im Fitnessstudio. Der eine hat braune Haare, die ihm seitlich so ins Gesicht wachsen, dass sein linkes Auge nicht zu sehen ist. Der andere hat blonde, nach oben gestylte kurze Haare und tausend Sommersprossen. Beide haben ihre Zigarettenstummel nicht aus dem Mund genommen, während sie mich lauthals auslachen. Blöde Affen. Wenn die die ganze Zeit hier herumlaufen, hab ich jetzt schon keine Lust mehr auf die Klassenfahrt. Die Glastür steht offen. Ich gehe ins Haus und passe gut auf, dass ich mich nicht noch mal vor den Großen blamiere.
Drinnen betrete ich als erstes einen großen Flur, von dem aus mehrere Türen in unterschiedliche Richtungen führen, außerdem eine Treppe nach oben. Der Mann mit dem Bart steht in der Mitte des großen Flurs und zeigt abwechselnd auf die Treppe und auf eine der Türen an der rechten Seite: „Mädchen nach rechts, Jungen nach oben! Mädchen nach rechts, Jungen nach oben!“
Sarah kommt aus dem Mädchenflur zurück und sieht mich: „Ben, dein Bruder schläft mit deiner Mutter bei uns im Flur. Lustig, was?“
„Ja, lustig“, murmle ich und gehe automatisch auf Sarah zu.
„Bist du ein Junge oder ein Mädchen?“, fragt mich der bärtige Mann laut.
Was soll denn diese doofe Frage? Will der mich auch reinlegen? So wie die Jungen vor der Tür? Weil er mich so streng dabei anschaut, antworte ich wie ein Kleinkind: „Ein Junge.“
„Na also. Die Mädchen nach rechts, die Jungen nach oben!“
„Ach so.“ Hab ich verstanden. Man wird sich in den ersten fünf Minuten ja wohl noch verlaufen dürfen.
Ich gehe die Treppe nach oben und sehe Felix mit der gleichen Tasche, wie ich sie habe. Ist das vielleicht meine? Die Jungen verteilen sich in zwei Sechserzimmer. Ich betrete das erste, in das ich Felix und Torben habe gehen sehen. Hier haben Felix, Raul, Torben und Julian bereits ihre Taschen auf die Betten gestellt und damit ihren Schlafplatz markiert. Es sind Stockbetten. Drei Leute müssen oben schlafen. Zwei Betten sind noch frei. Eins oben, eins unten. Torben ist schon dabei, die Tasche auf seinem Bett auszuräumen: „Boah, ich wusste gar nicht, dass ich so viele Süßigkeiten eingepackt habe!“
„Das ist meine!“, schimpfe ich ihn an, obwohl ich eigentlich weiß, dass mir die Süßigkeiten nicht gehören. Ich stelle die verblasste Tasche neben die andere aufs Bett. „Das hier ist deine!“
„Das sind aber meine Süßigkeiten!“, ruft Felix. Er kommt dazu und überprüft die Tüte mit den Gummibärchen.
Torben greift noch einmal in dieselbe Tasche und holt ein verwaschenes Schlafkissen heraus mit aufgemalter Laura aus „Lauras Stern“ darauf. „Ist das auch von dir?“
Felix wird rot. „Äääh … ich glaube nicht …“
„Die Tasche ist bestimmt von einem Mädchen!“, vermutet Raul und zieht den Reißverschluss an seiner eigenen blauen Tasche auf. „Hey! Das ist nicht meine! Hier ist eine Zahnputztasche mit ‚Bob der Baumeister‘ drauf!“ Er schaut sich im Zimmer um. „Haben wir hier auch Kindergartenkinder?“
Jetzt werde ich rot. Aber ich sage nichts. Zumindest weiß ich jetzt, wer meine Tasche hat.
„Was ist in der Tasche, die du mitgebracht hast?“, frage ich Felix. „Ist das deine?“
„Nein, ich glaube nicht.“ Er geht zu seinem Bett und öffnet die Tasche. Heraus kommen teure schwarze T-Shirts und ein Adidas-Kulturbeutel.
„Das ist meiner“, weiß Raul.
Felix greift noch einmal in die Tasche und holt eine Stoff-Ente heraus. „Gehört die auch dir?“, fragt er. Er drückt die Ente am Bauch. Sie quakt laut. Die anderen im Zimmer lachen.
Raul fletscht peinlich berührt die Zähne. „Nein, ich glaube … ähm … die gehört … jemand anderem …“
„Darf ich auch mal quietschen?“, ruft Torben und reißt Felix die Ente aus der Hand. Er drückt die Ente, sie quakt. Wieder lachen alle.
Samir, der Junge aus Syrien, kommt ins Zimmer: „Bett frei?“
„Ja“, sagt Raul. „Die beiden da.“
Samir geht auf das obere der beiden freien Betten zu, klettert hoch und setzt sich darauf. Seine Tasche ist so klein, dass ich mich frage, ob er überhaupt Bettwäsche mitgebracht hat. Er schaut uns zu, wie wir in unseren blauen Taschen wühlen und verschiedene Sachen herausholen.
„Geringelte Söckchen“, lacht Torben und hält ein Paar Socken mit rot-gelben Streifen in die Luft.
„Bayern-München-Unterhosen“, sagt Felix und zeigt, was er gefunden hat.
„Ein kleiner, süßer Teddybär!“ Raul hält Roddy hoch.
Julian ist bereits dabei, sein Bett zu beziehen. Er hat nicht so eine blaue Tasche wie wir. Auf seiner Bettwäsche ist der Sandmann abgebildet.
Torben lacht ihn aus: „Das ist ja Baby-Bettwäsche!“
Julian lässt sich nicht stören. „Mir gefällt sie.“ Während er in aller Ruhe das Kissen in seinen Bezug steckt, sagt er: „Mir gefallen noch ganz viele Sachen, die ich früher gut fand. Manchmal höre ich noch die alten CDs von ‚Thomas die Eisenbahn‘ oder schaue mit meiner jüngeren Schwester Sandmann an. Ich finde das nicht schlimm.“
Keiner lacht mehr. Einer sieht den anderen an.
„Ich find das eigentlich auch nicht schlimm“, sagt Felix vorsichtig. „Manchmal mag ich auch … ähm … ‚Lauras Stern‘.“
„Und ich mag meine Ente Quak“, grinst Raul.
„Dann kann ich ja auch zugeben, dass mir der kleine Teddy gehört“, sage ich erleichtert und muss lachen. „Er heißt Roddy.“
„Roddy!“ Torben lacht so laut, dass er sich aufs Bett setzen muss.
„Und ich“, Samir öffnet seinen kleinen Rucksack und holt einen großen schwarzen Panther aus Plüsch heraus, „Radschan.“ Der Panther hat den ganzen Rucksack ausgefüllt. Hat er etwa sonst nichts mitgebracht?
Endlich kann jeder seine eigene Tasche in Besitz nehmen. Ich beschließe, das letzte freie Bett in diesem Zimmer zu beziehen, und hole meine Bettwäsche raus. Wenn alle noch ein bisschen Kindergarten im Kopf haben, dann kann es hier ja vielleicht doch ganz schön werden.
5
„Herzlich willkommen in der Jugendherberge“, sagt der bärtige Mann mit lauter Stimme, als wir alle im Speisesaal zum Mittagessen zusammengekommen sind. Ich sitze mit den Jungen aus meinem Zimmer an einem Tisch. Lasse sitzt mit Mama am selben Tisch wie Herr Jung in der Nähe der Tür. Der Bärtige steht stramm wie ein Soldat, trägt aber einen selbst gestrickten Wollpullover und steckt mit seinen nackten Füßen in ausgetretenen Sandalen. „Mein Name ist Peter Strubbel, ich bin hier der Hausvater. Das bedeutet, wenn es Probleme gibt, wenn etwas kaputt geht – mir sagen!“ Er zeigt mit beiden Daumen auf seine Brust. „Für euch gilt: keine Drogen, keinen Alkohol, keine mutwillige Zerstörung, keine Umweltverschmutzung. Verstanden?“
Ein zustimmendes Gebrummel geht durch die Menge. Das scheint Herrn Strubbel nicht zu reichen. Noch lauter fragt er nach: „Habt ihr das verstanden?“
„Ja!“, brüllen jetzt alle, als müssten wir einem Soldaten-Hauptmann antworten.
„Ja, Herr Strubbel!“, verbessert er uns streng und fragt gleich noch mal eine Spur lauter: „Habt ihr das verstanden, Schulklasse 5a?“
„Ja, Herr Strubbel!“, brüllen wir im Chor. Einige von uns sind automatisch aufgestanden und haben die Haltung eines Soldaten eingenommen.
„Für den Müll gibt es Mülleimer“, fährt er fort, „zum Sitzen gibt es Bänke und Stühle, zum Rennen den Sportplatz. Keiner wirft den Müll auf den Boden, keiner setzt sich auf die Tischtennisplatte, keiner rennt in den Fluren rum. Habt ihr das verstanden, Schulklasse 5a?“
„Ja, Herr Strubbel!“, brüllt die Klasse, die die Spielregeln des Antwortens inzwischen verstanden hat.
Der Hausvater zeigt auf die beiden Jugendlichen, die hinter einer Theke an der Essensausgabe stehen. Es sind dieselben, die mich vorhin vor dem Ameisenknochen gewarnt haben: „Das sind Arne und Bastian, meine knallharten Assistenten. Die machen hier ihr FSJ und passen auf, dass ihr keinen Blödsinn macht. Habt ihr das verstanden, Schulklasse 5a?“
„Ja, Herr Strubbel!“, brüllen wir wie aus einem Mund.
„So, dann lasst es euch mal schmecken! Heute gibt es Reis mit Hühnerfrikassee! Haut rein!“
Hauptmann Strubbel kehrt auf dem Absatz um und verlässt den Speisesaal mit großen Schritten. Auf meiner Liste mit Gründen, warum ich Klassenfahrten hasse, sind soeben noch drei Punkte dazugekommen. Erstens: Ich habe keine Lust, mich von Wollpullover-und-Bart-Trägern herumkommandieren zu lassen. Zweitens: Ich habe keine Ahnung, was FSJ bedeutet, aber auf die beiden Jugendlichen bezogen heißt es bestimmt nichts Gutes. Sicher so was wie „Freche-Sprüche-Jungen“. Drittens: Das Wort „Hühnerfrikassee“ aus dem Mund dieses Hauptmanns klingt wie zu Matsch geschredderte Hühner, die man anschließend mit ihrem eigenen Hühnerdreck verquirlt hat. Und das Ganze mit Reis. Fehlt nur noch die gelbe Jugendherbergs-Marmelade. Hurra, hurra.
Noch am selben Nachmittag machen wir als ganze Klasse eine Wanderung durch den Wald. Herr Jung nennt das Spaziergang. Aber alles, was länger als eine halbe Stunde am Stück mit laufen zu tun hat, ist für mich eine Wanderung. Es gibt hier viele Waldwege. Immer wieder kommen Kreuzungen. Manche Wege sind so breit, dass ein Auto gut darauf fahren könnte. Andere so schmal, unauffällig und mit hohem Gras bewachsen, dass man sie fast übersehen könnte. Herr Jung scheint sich hier auszukennen. Er biegt zielsicher an den verschiedenen Kreuzungen ab, zeigt auf Bäume, nennt uns die Namen von Blumen. Hin und wieder entdeckt er sogar wunderschöne Schmetterlinge oder kleine Vögel, die erst dann wegfliegen, wenn man ihnen wirklich sehr nahe kommt.
Alle zwei Meter bleibt Lasse stehen: „Boah, Mama! Schau mal, was für ein schöner Stein! Boah, Mama, und schau mal hier, das ist ja noch ein schöner Stein!“ Bald hat er so viele schöne Steine gesammelt, dass er den unteren Rand seines Pullis zu einem Beutel nach oben ziehen muss, um seine Steinsammlung darin tragen zu können.
„Was hast du mit den ganzen Steinen vor?“, fragt Mama.
„Sammeln!“
„Nee, Lasse. Die bleiben hier im Wald. Ich will keinen von denen in unserem Zimmer haben.“
„Na gut.“
Herr Jung ist vor einem großen gefällten Baum stehen geblieben. Der Baum ist so dick, dass zwei Erwachsene sich nicht an beiden Händen anfassen könnten, wenn sie ihn umschlingen würden. Könnten sie sowieso nicht, denn er ist ja gefällt und liegt direkt neben seinem Baumstumpf. Es riecht nach frischem Holz. „Seht ihr die vielen schmalen Ringe hier im Baumstamm? Das sind die Jahresringe. Daran kann man zählen, wie alt der Baum ist. Der hier ist also über 200 Jahre alt.“
„Das sieht ja toll aus!“, schwärmt Lasse laut. „Sollen wir hier eine Pause machen?“ Sarah dreht sich direkt zu ihm um und macht ein „Ist-der-putzig“-Gesicht.
„Weißt du, was ich mache, Mama? Damit wir immer wieder zu diesem schönen Ort kommen, lege ich eine Kieselstein-Spur. Wenn wir dann wieder hierherkommen wollen, müssen wir nur der Spur folgen!“
„Eine gute Idee, Lasse. Hauptsache, du bringst die Steine nicht mit ins Haus.“
Herr Jung zeigt auf eine Plastikflasche, die ganz in seiner Nähe auf dem Boden liegt: „Und was ist das? Ist das auch Natur?“
„Nein!“, ruft Lasse. „Das ist Umweltverschmutzung!“
Herr Jung schmunzelt: „Richtig, Lasse. Du kennst dich ja schon gut aus. Also: Bei so etwas Dummem machen wir nicht mit. Wer von euch Müll zu entsorgen hat, wartet, bis wir an einem Mülleimer vorbeikommen oder zurück bei der Jugendherberge sind. Müll im Wald – das ist wie mit Dreckschuhen auf dem Sofa im Wohnzimmer hopsen.“
„Au ja, cool“, jubelt Torben. „Das würde ich gerne mal machen!“
Herr Jung schaut ihn streng an und Torben jubelt nicht mehr.
„Ich habe eine Lupe dabei“, erklärt Lasse Sofie, als wir weitergehen. „Mit der kann ich alle Tiere beobachten.“ Er bleibt stehen, kniet sich hin und hält seine kleine Plastiklupe aus dem Agenten-Päckchen irgendwo auf den Boden. „Ich seh hier zwar keins, aber wenn hier eins wäre, dann würde ich es sehen. Komm, setz dich zu mir.“
„Dann wird meine Hose schmutzig“, knirscht Sofie.
„Na und? Die kann man waschen.“
„Ich mag aber nicht mit schmutzigen Hosen herumlaufen.“
Bea zeigt in die Luft: „Da, das ist schon das dritte Mal, dass ich denselben weißen Schmetterling sehe. Hätte ich doch ein Blatt und einen Stift mitgenommen, dann könnte ich jetzt eine Strichliste anfertigen.“
Raul geht hinter ihr: „Das ist bestimmt nicht immer derselbe Schmetterling, sondern der gleiche.“
Bea rollt mit den Augen. „Raul, du nervst mit deinen immer gleichen Sprüchen.“
„Wenn schon, dann sind es immer die gleichen Sprüche.“
Mats hat die Hände in die Seite gestemmt und geht leicht nach vorne gebeugt: „Wie lange gehen wir noch? Ich hab Seitenstechen! So lange musste ich zu Hause noch nie im Leben gehen! Das ist Kinderquälerei!“
„Finde ich auch“, klagt Hilko.
„Ich muss aufs Klo“, jammert Sondra.
„Ich auch“, fällt Hilko ein.
„Ich hab Durst“, beschwert sich Torben.
„Ich auch“, ruft Hilko.
„Wir sind gleich zurück bei der Jugendherberge“, beruhigt sie Herr Jung. „Dann bekommt jeder etwas zu trinken.“
Und tatsächlich kommen wir nach ein paar Kurven wieder an dem großen, gefällten Baum vorbei, vor dem wir vorhin schon mal gestanden haben. Wir sind also schon auf dem Rückweg.
„Ben, hier waren wir vorhin schon mal!“, plärrt Lasse fröhlich, holt mich ein und klopft mir an den Arm.
„Ach, was?“, sage ich. „Woran hast du das erkannt?“
„Ich habe vorhin ein paar schöne Kieselsteine gefunden! Mama wollte nicht, dass ich sie mit nach Hause nehme, also hab ich sie einen nach dem anderen auf dem Weg fallen lassen. Die Spur der Kieselsteine führt direkt zu diesem schönen Ort mit dem Baumstamm. Und siehst du: Hier liegen sie noch! Gut, was? Ich bin ein echter Agent! So kann ich zu jedem Ort zurückfinden!“
„Mehr Hänsel und Gretel als Agent, oder? Weißt du, woran ich erkannt habe, dass wir hier schon mal waren? An dem gefällten Baum dort.“
„Ja, ich doch auch, Ben! Und als ich den gesehen habe, da fiel mir ein, dass dann auch die Kieselsteine hier liegen müssten, die direkt zum Baumstamm führen. Und schon hab ich sie gefunden! Schlau, was?“
„Sehr schlau, Lasse. Wenn du also einen bestimmten Ort wiederfinden willst und dazu Kieselsteine auslegst, brauchst du nur den Ort zu suchen, und schon findest du auch die Kieselsteine zu dem Ort. Richtig?“
„Richtig, Ben! Ich sehe schon, du hast die Sache kapiert! Klar, du bist genauso schlau wie ich!“
„Dich kann ich kaum übertreffen, Lasse.“
Lasse grinst einmal ums ganze Gesicht herum.
Kurz vor der Jugendherberge geht Felix neben mir und grinst diebisch: „Heute Nacht werden alle den Schrecken ihres Lebens bekommen.“
„Warum?“, frage ich.
Felix zieht seine Augenbrauen hoch und grinst noch mehr. „Wird nicht verraten.“
„Willst du uns irgendwelche Sachen klauen?“
„Nein. Viel besser.“
„Was denn?“
„Wird nicht verraten.“
Ich mag es nicht, wenn Leute mir irgendwelche gruseligen Geheimnisse nur halb verraten, dann aber nicht wirklich sagen, was sie meinen. Hoffentlich bekomme ich nicht auch den Schrecken meines Lebens.
Бесплатный фрагмент закончился.
