Читать книгу: «Die Fast Food Falle»
Harald Sükar
Harald Sükar:
Die Fast Food-Falle
Alle Rechte vorbehalten
© 2018 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover und Gestaltung: Isabella Starowicz
Satz: Lucas Reisigl
E-Book-ISBN: 978-3-99001-346-5
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Inhalt
Das Geständnis, das keines sein sollte: »Wir sind Teil des Problems … ähm, der Lösung.«
Der Kampf um das Weiße-Weste-Image Die McSaubermann Company
Fast-Food-Krankheiten und die Sorge um die Kinder Schluss mit lustig: Ausstieg & Wandel
Wenn Weltkonzerne Wissenschaftler kaufen Guter Zucker, böses Fett?
Wie in den Labors über unseren Geschmack bestimmt wird Die Macht der gelenkten Verführung
Wie viel Rind ist wirklich im Burger drin? Fleisch & Fisch: Mythos & Wahrheit
Was Fast-Food-Werbung mit der Jugend anstellt Die Tricks der Kinderfänger
Was zu tun ist (weil es nie zu spät sein darf) Essen & Trinken wie aus dem Feuerwehrschlauch?
»Fast Food ist Kindesmisshandlung«
Harte Worte. Zu hart für den Beginn. Oder doch nicht? Was meinen Sie?
Vor einigen Jahren noch, als ich einer der Motoren dieser bis aufs kleinste Zahnrad harmonisch abgestimmten und perfekt geschmierten Maschinerie war – als ich Teil der großen Familie war – als ich Tag für Tag den Spirit atmete, wäre dieser Satz wahrscheinlich nicht zu mir durchgedrungen.
Ich hätte ihn nicht an mich herangelassen und stattdessen einfach ignoriert. Da hinein, dort heraus und ohne die Botschaft überhaupt wahrzunehmen. Sie wäre zerschellt wie sprödes Glas an einer Wand aus Granit.
Fast Food auf einer Stufe mit Kindesmisshandlung? Was soll das?
Und wenn doch? Was, wenn mich der Satz völlig unvorbereitet getroffen und letztlich doch erreicht hätte? Durch einen Freund womöglich, beim Abendessen bei meinem Lieblings-Italiener? Oder bei mir zuhause, durch meine Familie?
Wenn das jemand in meiner Gegenwart behauptet hätte, es hätte mich empört. Ich hätte das mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen.
Noch im selben Atemzug hätte ich die vielen Argumente pro Fast Food hergebetet. Nicht als auswendig gelernte Phrasen, sondern mit echten Gründen unterlegt. Nachvollziehbar und vernünftig. Weil doch so vieles dafür spricht:
• Fast Food geht schnell: Es macht seinem Namen alle Ehre. Blitzartig hast du, fein verpackt in Papier oder Karton oder meinetwegen auch in Kunststoff, eine warme Mahlzeit, die dich für die nächsten Stunden satt macht. Kein mühevolles Kochen, kein lästiges Warten auf überlastetes, darum meist unfreundliches Servierpersonal. Stattdessen ein komplettes Menü, bestellt und verzehrt in weniger als zwanzig Minuten.
• Fast Food ist immer und überall: auf Bahnhöfen, entlang der Autobahn, auf Shopping-Tour. Wo immer du hinblickst, wo immer du vorbeikommst, dein Essen ist schon da.
• Bei Fast Food weißt du, was du kriegst: Es gibt keine unliebsamen Überraschungen. Die Konzerne wollen keine Negativ-Schlagzeilen. Also sorgen sie vor. Sie setzen auf Kontrolle. Sie optimieren ihre Lieferketten. Sie schaffen Standards in der Produktion. Sie legen sich selbst strenge Hygienevorschriften auf. Allergiker kommen auch auf ihre Rechnung. Es ist Verlass darauf, dass immer genau das drin ist, was draufsteht. Von Abu Dhabi über Krems bis Zürich gilt: Ein Big Mac ist ein Big Mac.
• Der Fast-Food-Geschmack: Die Rezepturen sind perfekt. Sie sind ideal an den Geschmack der Massen angepasst. Oder der Geschmack der Massen an die Rezepturen? Egal. Nichts geht über eins dieser leicht fettigen Menüs mit Burger und Pommes. Schon gar nicht nach dem dritten Bier. Sieh dir bloß die Menschenschlangen zu nächtlicher Stunde an den Schaltern an. Die sind Beweis genug. Und natürlich das Hauptargument:
• Alle Kinder lieben Fast Food: Es gibt nicht einen vernünftigen Grund, seinem Kind nicht ab und zu ein Happy Meal zu kaufen. Die Kinder sind satt und zum Spielen haben sie auch etwas. Es ist wie bei einem Familienurlaub: Wir Erwachsenen können erst dann eine gute Zeit verbringen und glücklich sein, wenn die Kinder es auch sind.
Selbst um drei Uhr nachts hätte das reibungslos funktioniert, hätte mich jemand aus den Federn gerissen und danach befragt. Dazu die Vielzahl weiterer verinnerlichter Begründungen, die so eine unverschämte Behauptung mit einem Schlag entkräftet hätten.
Fast Food und Kindesmisshandlung?
Auch ich habe, wie alle anderen im Team, die Pro-Argumente geatmet. Pur und unverfälscht. Mit der allergrößten Selbstverständlichkeit. Ganz automatisch. So wie unsere Lungen sich ihren Sauerstoff holen, ohne bei jedem Zug groß über den nächsten nachzudenken.
Natürlich waren mir die Argumente gegen Fast Food ebenso vertraut. Aber taten wir nicht Tag für Tag unermüdlich alles, um sie zu entkräften? Fast Food ist zu fettig und macht krank? Wer sagt das? Ich kann dir hundert Studien zeigen, die das widerlegen. Die Umwelt? Das Fleisch? Der Klimawandel? Der viele Müll? Wir tun etwas dagegen. Wir präsentieren dir gerne unser neues Recycling-Konzept. Schau auf die Homepage. Bald ist es soweit. 2025 schon werden wir jede Verpackung wiederverwerten. Im Nachhaltigkeitsreport kannst du alles darüber lesen.
Andererseits wusste ich schon auch, dass Burger, Pommes, Softdrinks und Co. dick machen. Logisch. Wer weiß das denn nicht?
Nein, falsch. Mir war klar, dass Burger, Pommes, Softdrinks und Co. dick machen können. Im Fall des Falles. Bei zügellosem Konsum. Weil bekanntlich die Dosis das Gift macht. Weil wir da nur allzu rasch bei der Eigenverantwortung des Einzelnen angelangt sind. Immerhin unternahm mein einstmaliger Arbeitgeber (und tut es heute noch mit derselben Unverdrossenheit wie einst) allerhand, um genau diese Verantwortung genau dort zu parken, wo sie angeblich hingehört: beim Konsumenten. Bei jedem einzelnen.
Das geschieht auf eine ganz eigene Weise. Mit ganz eigenen Begründungen. Die Strategie der gesamten Branche ist seit jeher so einfach wie effizient. Sie stellt der Fehlbarkeit des Kunden die Perfektion des Systems entgegen, indem sie sagt:
Mensch, du bist schwach und disziplinlos. Faul und träge. Aber dafür hast du uns. Deine Fast-Food-Freunde. Deine Familie. Wir helfen dir. Wir liefern dir perfekte Nahrung. Zugleich zeigen wir dir den Weg aus der Falle, die du dir selbst gestellt hast, wenn du womöglich doch ein bisschen zu viel davon erwischst. Gerne schlüpfen wir auch für dich in ein grünes Mäntelchen. So oder so, wir sorgen dafür, dass du gesünder lebst. Wir übernehmen Verantwortung, nicht bloß für dich, nein, für die Gesellschaft. Und wenn es sein muss, oder einfach fein ins Konzept passt, werden wir auch karitativ.
Frei nach dem Motto:
Tue Gutes und sprich darüber. So laut, dass es alle Welt hört.
Selbst wenn es bloß scheinbar Gutes ist. Obwohl – ist es nicht wunderbar, Kindern in Not zu helfen? Wer könnte da schon groß dagegen sein? Was ist schlecht daran, Stiftungen zu gründen, eigene Kinderhäuser mitunter, um einer kleinen Minderheit Bedürftiger ein besseres Leben zu ermöglichen? Vordergründig nichts. Beim zweiten Hinsehen aber drängt sich dieser Gedanke auf: Geschieht diese medienwirksame Wohltätigkeit nicht ausschließlich mit Geld, das zuvor auf dem Rücken von Millionen anderer Kinder verdient worden ist? Kinder, die mit wohl kalkuliertem System von den eigenen Produkten abhängig gemacht worden sind?
Oft konnte ich es nicht glauben, wie leicht manche Medienvertreter zufriedenzustellen sind mit den Brocken, die du ihnen hinwirfst. Und wie zahnlos und gefällig ihre Berichte waren. Natürlich, es gibt ja auch gemeinsame Interessen. Wenn der eine beispielsweise ein sehr guter Inseratenkunde ist und damit Arbeitsplätze des anderen sichert. Aber oft genug ist es einfach nur die Frage, was in den Häppchen drin ist, die du servierst. Die Portionsgröße der Information macht es ebenfalls aus.
Dazu diese Analogie: Will ich als Verkäufer eine sehr große, sehr teure Maschine an den Mann bringen, zerlege ich die Gesamtsumme am besten in Kleinstbeträge. Will ich es umgekehrt machen, wandle ich den kleinsten Vorteil einer in Summe vielleicht nicht so vorteilhaften Gesamtthematik in einen riesengroßen Profit um. Alles eine Frage von Umrechnung und Darstellung. Vor allem der Öffentlichkeit gegenüber. Das funktioniert prächtig. Ich werde Ihnen davon erzählen.
Doch was in der Fast-Food-Welt zählt, ist vor allem dies: gelebtes Selbstverständnis. Die Linie lautet: Was wir tun, hat nicht das Geringste mit systematischem Abhängigmachen zu tun, ohne dass die hochentwickelte Spezies Mensch es bemerkt. Auch nicht mit raffinierter, unterschwelliger Beeinflussung durch Logos, Gratis-Gimmicks und Spielplätze. Wie soll das überhaupt gehen?
Brainwashing?
Niemals. Was wir bis zur Perfektion betreiben, nennt sich Marketing.
Von wegen Fast Food und Kindesmisshandlung also. Wenn schon Misshandlung, dann die, die ihr Menschen an euch selbst betreibt. Aus freier Entscheidung heraus. Ihr Menschen da draußen seid schuld, wenn ihr fett und träge werdet. Niemand sonst. Bewegt euch mehr! Dann könnt ihr in unsere Restaurants kommen und schlemmen, so oft ihr wollt, so viel ihr wollt, und doch bleibt ihr rank und schlank. Mehr Sport, Leute. So einfach ist das. Runter von der Couch. Auf diese Weise könnt ihr jede Art von Nahrung wieder kompensieren. Wer das Gegenteil behauptet und mit irgendwelchen brandneuen, gekauften Studien daherkommt, ist ein Lügner.
Richtig?
Richtig. So habe auch ich das über all die Jahre gesehen. Den vielleicht einzigen, ein klein wenig schalen Beigeschmack, den ich damals schon empfand, war der: Fuhr ich nach einem Besuch beim Drive-In in Salzburg auf die Autobahn nach Linz, so plagte mich am Ende dieser gut 120 Kilometer meist schon wieder ein leichtes Hungergefühl. Auf gesunde Weise anhaltend sättigende und zugleich nährstoffreiche Nahrung schien eben doch anders auszusehen. Damit wackelte eines meiner Pro-Fast-Food-Argumente ein klein wenig.
Doch dann sagte ich mir: Liegt nicht auch genau darin eines der vielen Erfolgsrezepte? Die Menschen sind verrückt nach dem Zeug und süchtig danach, auch deshalb, weil das Sättigungsgefühl nicht allzu lange anhält. Und, dass sie gerade deshalb
a) bald schon wiederkommen und
b) beim nächsten Mal noch mehr konsumieren?
Heute ist meine Welt eine grundlegend andere. Heute kann ich gar nicht mehr anders, als im Kopf mitzurechnen bei Gedanken wie diesem: Mein Kind isst einen Big Mac samt Pommes mittlerer Größe und schlürft dazu ein Cola (0,4 Liter). Dann spendiere ich ihm hinterher noch einen kleinen Eisbecher, den McSundae Crunchy Deluxe zum Beispiel, der mit der verführerisch süßen Erdbeersauce. Wieviel puren Zucker hat mein Sohn, meine Tochter, mein Enkelkind dann zu sich genommen?
Sie könnten nun an dieser Stelle kurz anhalten, auf die Homepage von McDonald’s gehen und es sich mühevoll zusammensuchen. Vorausgesetzt, Sie wissen wo. Transparenz muss man sich oft nämlich erst selbst erarbeiten. Apropos Transparenz: Ich habe dazu, als Kunde getarnt, einen kleinen Selbstversuch gestartet, den ich Ihnen später nicht vorenthalten möchte. Aber bleiben wir noch bei dem erwähnten Menü und dem Zucker. Wie viele Gramm sind es? Ich erspare Ihnen die Suche. Es sind 119 Gramm. Das Ketchup nicht eingerechnet. Da müssten wir pro Esslöffel Zucker noch ein Stück Würfelzucker obendrauf legen.
Für ein gesundes Aufwachsen empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO bei Kindern und Jugendlichen im Alter von zwei bis achtzehn Jahren einen maximalen Zucker-Tagesverbrauch von 25 Gramm. Das sind circa sechs Teelöffel. Je nachdem, wie groß Ihre Teelöffel sind.
Besser wären achtzehn Gramm pro Kind und Tag (bei uns Erwachsenen nicht mehr als fünfzig).
Aber, seien wir nicht kleinlich. Bleiben wir bei der gerade noch vernünftigen, tolerierbaren Obergrenze von 25 Gramm. Mit dem einmaligen Genuss von Big Mac, Cola, Pommes und Eisbecher hat mein Kind fast den Zuckerbedarf von fünf Tagen abgedeckt. Einer Schulwoche. In der strengeren Variante mit 18 Gramm kämen wir sogar auf eine ganze Kalenderwoche minus einen halben Tag.
Zuckerbedarf von Montag bis Sonntag? Ab zu McDonald’s. Erledigt. Mit einem Streich.
Jetzt können Sie natürlich mit Recht einwenden: Welches Kind (vor allem der jüngeren) schafft schon einen Big Mac und Pommes und Cola und ein Eis obendrein? Also gut. Ersetzen wir den Big Mac gegen etwas Kleineres. Handlicheres. Für den Kindermagen Glaubhafteres.
Wie wäre es mit einem der Klassiker? Einem Hamburger? Oder gleich die beliebten Chicken McNuggets? Eine Sechser-Packung?
Die Sache ist die: Es spielt keine Rolle, ob Burger oder paniertes Hühnermischmasch. In punkto Zucker zumindest. Die Ersparnis bei einem Wechsel von Big Mac zu den McNuggets fällt kaum ins Gewicht. Der Big Mac bringt es auf gerade mal 8,5 Gramm Zucker pro Portion. Im Verhältnis zur Gesamtmenge des Menüs sind das Peanuts. Die McNuggets haben so gut wie keinen Zucker. 0,4 Gramm. Wirklich vernachlässigbar.
Die Ersparnis beim Tausch wäre demnach überschaubar. Den wahren Zuckerschock bescheren ohnedies Softdrink und Eis. Das Eis allein bringt es auf 65 Gramm, die etwa dreifache Menge des Tagesbedarfs. Eine Heiligsprechung für Burger und Pommes ist das aber noch lange nicht. Die haben es auf anderer Ebene gehörig in sich. Oder eben nicht in sich. Sie werden schon sehen. Weil der Zucker ja nur das eine ist. Da sind die Fette, die Salze, die Konservierungsstoffe. Und anderes.
Fakt ist auch: Es tut überhaupt nichts zur Sache, bei wem mein Kind, Enkelkind, irgendein Kind (oder ich selbst?) sich die Überdosis einfängt. McDonald’s, Burger King, Kentucky Fried Chicken, Taco Bell, Nordsee und wie sie alle heißen mögen. Edeka etwa. Oder die Restaurants der Möbelketten mit ihren unschlagbaren Fünf-Euro-Mittagsmenüs.
Völlig egal. Sie alle sind Big Player der sogenannten System-Gastronomie. Sie alle spielen in punkto Gesundheit beziehungsweise ihrer Verhinderung, mehr noch, ihrer gezielten Zerstörung in derselben Oberliga.
Gezielte Zerstörung von Gesundheit? Wem soll das nützen?
Um nur die Wichtigsten zu nennen: Da wäre die industrielle Landwirtschaft. Da wäre die Chemieindustrie, die das Ausbeuten der Natur durch die industrielle Landwirtschaft in diesem gigantischen Ausmaß erst ermöglicht. Da wäre die Zuckerindustrie. Da wäre die Fast-Food-Industrie an sich mit all ihren Zulieferern. Und da wäre die Pharmaindustrie, um die angerichteten Schäden an den Menschen so weit wie möglich wieder zu beheben. Eine nahtlose Kette, wo einer dem anderen das Staffelholz weiterreicht.
Anders gesagt: Auf der einen Seite stehen die zig Millionen Geschädigten in aller Welt. Auf der anderen eine Handvoll Konzernbosse und Shareholder mit goldenen Nasen. Das hat nichts mit der x-ten Auflage irgendeiner Verschwörungstheorie zu tun.
Es ist, wie es ist.
Die Resultate sind so allgegenwärtig wie sichtbar. In Schnell-Imbiss-Lokalen. Draußen auf der Straße. In Schulen und Kindergärten. In Büros. In Krankenhäusern. Auf Friedhöfen. Sie begegnen uns überall, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, es sei denn, wir gehen mit geschlossenen Augen durchs Leben.
McDonald’s habe ich übrigens bloß herausgepickt, weil der US-Fast-Food-Gigant so ungeheuer marktbeherrschend ist. Nach wie vor, insbesondere hier in Europa. Und weil ich ein gewisses Naheverhältnis zu dem großen, gelben M habe. Oder sagen wir lieber, hatte. Ansonsten ist McDonald’s nur beispielgebend. Einer von vielen, der kräftig am Kuchen nascht.
Sehen wir uns das Eingangszitat erneut an. Klingt es immer noch so unversöhnlich und hart?
Fast Food ist Kindesmisshandlung.
Geprägt hat diesen Ausspruch Christopher J.T.H. Brewis. Brite, Politiker und Stadtrat in Lincolnshire, der zweitgrößten Grafschaft Englands. Er sagte ihn vor wenigen Jahren in einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Sender BBC Radio.
Ein Satz, der Wellen geschlagen hat und seither viele Male wiederholt worden ist. Natürlich weiß ein erfahrener Mann wie Brewis, dass Reporter auf so markige Sprüche nur warten. Dass der Redakteur im Studio in der Sekunde nachhaken würde. Bei dieser Attacke, diesem Rundumschlag. Immerhin hatte er Fast Food (genauer gesagt: das System Fast Food, das den globalen, massenhaften Verzehr mit Mitteln, und seien sie noch so perfide, auf die Spitze treibt) mit einem Kapitalverbrechen gleichgestellt: Kindesmisshandlung. Ein Delikt, für das selbst das Strafgesetzbuch juristisch exotischer Länder langjährige Haftstrafen vorsieht.
Brewis hatte auch nicht abgeschwächt, indem er bloß einen Vergleich zog und das Wörtchen wie einstreute. Brewis sagt nämlich nicht:
Fast Food ist wie Kindesmisshandlung.
Nein. Er formulierte es wie das einleitende Zitat. So und nicht anders. Weil er es so und nicht anders meinte. Weil er es so und nicht anders transportiert wissen wollte. Weil er in der heillos überzuckerten, mit Unmengen an Fetten, Salzen und künstlichen Phosphaten vollgepumpten, hochgradig ungesunden und obendrein praktisch wertlosen, weil nährwertlosen, Ware Fast Food das Tatwerkzeug sieht. Und die skrupellosen Täter in der endlosen Kette von Produzenten und anderweitig Verantwortlichen.
Darum sagte er:
Fast Food … ist …Kindesmisshandlung.
Dabei stützte er sich auf eine Flut von Fakten und Hintergrundwissen. Hintergrundwissen, weil ein Politikprofi wie Brewis selbstverständlich um die Zusammenhänge weiß. Er kennt die oft schmutzigen Deals hinter verschlossenen Türen, die der Normalbürger immer nur erahnen, doch so gut wie nie belegen kann. Als unabhängiger, weil parteiloser Volksvertreter lässt einer wie Brewis sich nicht so schnell den Maulkorb verpassen, den die meisten seiner Kollegen tragen und dafür auch noch kräftig Schmerzensgeld kassieren.
Wer keinen Fraktionszwang kennt und in keiner Regierung sitzt und auch nicht dem mehr oder weniger sanften Druck von Lobbyisten ausgesetzt ist, bewegt sich bedeutend freier im üblen Spiel aus Abhängigkeiten und Gefälligkeiten zwischen Politik und Wirtschaft. Und Brewis kennt natürlich auch die Fakten. In Zeiten des Internets sind sie für jeden in großem Ausmaß verfügbar. Man muss es nur genauer wissen wollen, tiefer zu wühlen und dabei auch kritisch zu unterscheiden beginnen.
Tatsächlich sind diese Zahlen und Daten so alarmierend wie erschütternd. Sie lassen sich in den Vorstandsetagen der Konzerne und in Ministerbüros bestenfalls klein- oder schönreden. Aus der Welt schaffen lassen sie sich nicht.
Wovon wir sprechen?
Wir sprechen beispielsweise davon, dass heute schon zwei Milliarden Menschen deutlich zu viele Kilos auf den Rippen haben. Jeder Vierte der Weltbevölkerung. Unter ihnen 700 Millionen, die überhaupt als krankhaft fettleibig gelten. Jeder Elfte also bereits.
Wir sprechen davon, dass allein in den USA jedes dritte Kind übergewichtig ist. Tendenz stark steigend. Davon, dass zwei Millionen dieser Kinder überhaupt das Doppelte und mehr des altersgerechten Körpergewichts mit sich herumschleppen. Und davon, dass wir Europäer nicht spöttisch mit dem Zeigefinger in Richtung Atlantik deuten sollten, weil wir mit Vollgas auf der Überholspur unterwegs sind. Neunzig Prozent aller erwachsenen Briten beispielsweise werden bis ins Jahr 2030 als übergewichtig gelten. Bis dahin sind es nur noch elf Jahre.
Im selben Jahr werden es übrigens bereits sechzig Prozent der Weltbevölkerung über achtzehn Jahren sein, die entschieden zu viel auf die Waage bringen. Krankhaftes Übergewicht ist längst auch in den Schwellenländern angekommen. China und Indien ächzen auch schon kräftig unter der Last. In Festland-Europa wiederum ist Deutschland (nach Ungarn) kaum zu schlagen: Jeder vierte Erwachse gilt mittlerweile als stark übergewichtig. In Österreich sieht es etwas besser aus.
Noch.
Wir sprechen ferner davon, dass heute an einem beliebigen Ort Geborene eine statistisch beträchtliche Chance haben, eines Tages an Diabetes zu erkranken. Jeder Dritte nach aktuellen Schätzungen. Wir sprechen auch davon, dass der sogenannte Alters-Diabetes, wie die Zuckerkrankheit des Typs 2 der Generation fünfzig plus einmal hieß, längst nicht nur bei den Mittdreißigern angekommen ist, sondern bei den Kindern. Unter ihnen bereits zahllose im Vorschulalter.
Insgesamt sprechen wir davon, dass es bald schon, in zwanzig, bestenfalls dreißig Jahren, eher die Regel als die schicksalhafte Ausnahme sein wird, wenn Kinder vor ihren Eltern sterben. Weil die zahllosen Krankheiten im Gefolge unserer stark veränderten Ernährungsgewohnheiten längst begonnen haben dafür zu sorgen, dass wir wieder früher abtreten müssen. Spitzenmedizin hin, Technik her. Das sind keine gefühlten Wahrheiten, denn: In der Supernation – den USA – schlägt sich dies seit kurzem auch messbar nieder. In der Statistik. Die Zahlen deuten genau in diese Richtung. Erstmals seit Jahrzehnten gibt es in einem hochentwickelten Industrieland nämlich eine Trendumkehr. Die Lebenserwartung der Amerikaner hat zum Sinkflug angesetzt. Langsam, aber stetig.
Wo beginnt die Verantwortung des Einzelnen? Und wo endet sie zwangsläufig? Weil dort Manipulationsgeschick und Verführungskraft der Multi-Konzerne einsetzen? Weil der Hebel unter anderem dort ansetzt, wo er die stärkste Wirkung zeigt: bei den Kindern.
Kümmere dich um die Kunden, und das Geschäft wird sich um sich selbst kümmern.
Das Wort Kunden lässt sich in diesem Zitat wunderbar durch Kinder ersetzen. Das Zitat stammt übrigens von Ray Kroc. Aus seiner Autobiographie. Und auch in The Founder (Deutsch: Der Gründer), einem 2016 in bester Hollywood-Manier gedrehten Streifen, kommt der Satz vor. Weil der Film auch von ihm handelt:
Ray Kroc.
Das ist jener Mann, der heute noch als Gründer von McDonald’s genannt wird, ohne es wirklich gewesen zu sein. Allerdings hat er aus der ehemaligen Burger-Bude zweier wenig motivierter Brüder in San Bernadino, einem Kaff nahe Los Angeles, das gemacht, was wir heute kennen: die McDonald’s Company. Einen globalen Fast-Food-Riesen. Das weltumspannende Ergebnis einer ungeheuren Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht und lange Jahre als Synonym für den American Way of Life hergehalten hat.
Fünfzig Persönlichkeiten wurden Anfang der 1980er Jahre im Magazin Esquire gelistet, die den größten Beitrag zu diesem American Way of Life geleistet haben sollen. Das las sich damals so:
»Kolumbus entdeckte Amerika. Jefferson (Anmerkung: Thomas Jefferson, der dritte US-Präsident) erfand es und Ray Kroc hat ihm den Big-Mac-Stempel aufgedrückt.«
Stimmt: Kroc und seine Nachahmer, die nicht lange auf sich warten ließen, haben die Welt tatsächlich aus den Angeln gehoben. Eine kulinarische Weltrevolution. Zu einem besseren Ort haben sie diese Welt allerdings nicht gemacht. Keiner hat so früh und effizient begriffen wie Ray Kroc, was es heißt, Menschen quer über den Globus ans eigene Produkt zu binden. Nämlich von frühester Kindheit an, und von da weg ein Leben lang. Kroc hat mit seinen ersten, durchaus genialen Marketinginstrumenten in Gang gesetzt, was bis zum heutigen Tage immer weiter perfektioniert wurde.
Konzerne wie McDonald’s und Co. nennen es Marketing und Kundenbindung. Andere nennen es Gehirnwäsche. Und neuerdings wurde auch der wissenschaftliche Beweis darüber geliefert, was Kroc intuitiv vor bald siebzig Jahren ohnehin wusste:
Kriegst du die Kinder, gehören sie dir auf ewig.
Und mit ihnen kommen die Erwachsenen.
Ganz von selbst.
An dieser Stelle die erste (garantiert unabhängige) Studie. Eine Untersuchungsreihe der Universität von Missouri-Kansas City sowie dem Kansas Medical Center. Der Titel, Neuroökonomie von kontroversen Lebensmitteltechnologien, ist alles andere als sexy, umso erhellender und aufregender aber die Ergebnisse, nachdem 120 Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und vierzehn Jahren sechzig unterschiedliche Logos vorgelegt wurden. Alle von namhaften Herstellern. Die einen hatten mit Fast Food zu tun. Die anderen nicht.
Die Gehirnströme der Probanden wurden mittels Magnetresonanztomograph (MRT) gemessen und aufgezeichnet. Ziel war es herauszufinden, wie die Belohnungszentren im menschlichen Gehirn, vor allem bei jungen Menschen, reagieren. Weil bekanntlich genau dort darüber entschieden wird, ob der Appetit gezügelt oder angeregt wird. Fazit:
Logos und Markennamen von Fast-Food-Restaurants brennen sich in das Gehirn von Kindern buchstäblich ein.
Wie Daten auf einer frisch bespielten CD-ROM. Oder einer Computerfestplatte. Mitunter die Erklärung, warum es gerade die Jungen sind, die es wie ferngesteuert hinzieht zu den Fast-Food-Tempeln.
Bekommen sie ein Fast-Food-Logo vorgesetzt, werden diese Belohnungszentren in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Dr. Amanda Bruce, die Leiterin der Studie, drückte das in einem Interview für die britische Tageszeitung The Independent mit einiger akademischer Zurückhaltung so aus:
»Die Forschung hat gezeigt, dass Kinder und Jugendliche mit höherer Wahrscheinlichkeit Nahrungsmittel auswählen, deren Logos sie kennen. Besorgniserregend ist das Ergebnis deshalb, weil es sich bei der Mehrheit der Lebensmittel, deren Zielgruppe vor allem Kinder und Jugendliche sind, um sehr ungesunde, kalorienreiche Produkte handelt, die viel Zucker, Fett und Natrium enthalten.«
Das gesundheitsgefährdende Essverhalten Heranwachsender hänge, so Bruce weiter, mit einer gestörten Entwicklung jener Hirnregionen zusammen, die zweierlei steuern: Emotionen und Denkprozesse. Mit anderen Worten: Gerade junge Menschen treffen in Sachen Ernährung viel zu leicht und viel zu oft die absolut falsche Entscheidung.
Für Konzernstrategen ist das wie ein Lotto-Sechser in der Dauerschleife. Was Ray Kroc bereits intuitiv verfolgte und auch alle nach ihm hat Milliarden scheffeln lassen, das haben die Strategen im Jahr 2019 auch noch Schwarz auf Weiß. Sozusagen amtlich bestätigt.
Die richtigen Botschaften richtig formuliert und zur richtigen Zeit zu den Kleinsten gebracht, und die zahlenden Kunden von morgen sind heute schon willenlos.
Unbezahlbares Zusatzwissen.
Von systematisch herbeigeführter Abhängigkeit will man trotzdem nichts wissen. Vielmehr treten Großkonzerne gerne auch mal die Flucht nach vorne an. So zum Beispiel, als es vor knapp drei Jahren in den USA hieß, die Regierung könnte den Lebensmittelriesen bald schon auf die Zehen steigen und die gezielte Werbung in Richtung Kinder und Jugendliche eindämmen.
Immerhin werden laut amerikanischer Bundeshandelskommission FTC Jahr für Jahr in den USA 1,6 Milliarden Dollar allein von Fast-Food-Ketten ins Rennen geworfen, um die Jugend zu ködern (das erinnert an das Märchen mit dem Rattenfänger von Hameln nach den Gebrüdern Grimm. Bloß mit mehr Aufwand).
Also kamen vierzehn der ganz Großen den Regierungsplänen zuvor. Sie schlossen sich zusammen, bildeten eine industrieeigene Koalition und starteten, natürlich äußerst medienwirksam, ein Programm mit diesem klingenden Namen: Better Business Bureau.
Ziel der freiwilligen Selbstregulierung: Bessere Lebensmittel für die Jugend. Dazu andere Werberichtlinien. Mit an Bord waren Riesen wie Coca-Cola, Kellogg’s und andere.
Die FTC zeigte sich einigermaßen zufrieden. Die Sache hat jedoch einen Beigeschmack. Was bessere Lebensmittel sind, wie die Werbung abgeändert wird und so weiter, über all diese Schlüsselfaktoren entscheiden die Firmen selbst. Da macht es mehr Sinn, den ausgehungerten Wachhund vor den vollen Korb mit Knackwürsten zu setzen. Weil bei ihm wenigstens die Hoffnung besteht, dass er sich irgendwann doch sattgefressen hat.
Dem Wachhund lässt sich nicht wirklich ein Vorwurf machen. Es liegt in seiner Natur. Und die Konzerne? Wie ist das nun? Haben wir Konsumenten eine Wahl oder haben wir nicht? Wo enden die eigenen Möglichkeiten? Wo beginnt die Skrupellosigkeit der Industrie? Wo die gezielte Manipulation?
Wer die Last zu tragen hat, ist klar: Die Abermillionen Dicken mit ihren überschüssigen Kilos direkt am Leib. Und die Gesellschaft ebenfalls direkt durch enormen Steuergeldaufwand, um all die Folgen der grassierenden Fettleibigkeit in der Welt abzufedern. Sofern das überhaupt noch zu schaffen ist.
Aber wer trägt die Schuld? Wer die Verantwortung? Ist Fast Food gleichzusetzen mit einem Kapitalverbrechen an der Menschheit oder ist es das nicht?
Die Dealer mit dem weißen Gift
Dazu noch ein paar einleitende Worte zum Thema Abhängigkeit und Eigenverantwortung, ehe ich Sie mitnehme in die Welt der Konzerne:
Denken Sie an einen Jugendlichen in Ihrem persönlichen Umfeld. Ihren Sohn. Ihre Tochter. Freunde Ihrer Kinder. Kinder von Freunden, Verwandten. Stellen Sie sich vor, jemand würde einen dieser Jugendlichen zu seiner ersten Prise Kokain verführen. Oder gleich zu Heroin.
Was würden Sie empfinden? Was denken? Wie würden Sie reagieren?
Bald schon müssten Sie erkennen, dass es zu spät ist. Oder beinahe zu spät. Weil Ihr Sohn, Ihre Tochter, das Kind Ihrer Freunde auf dem Weg in die Suchtabhängigkeit ist. Mittendrin. Dass er oder sie längst begonnen hat, nach dem Stoff zu suchen. Und ihn sich auch selbst zu organisieren. In irgendwelchen dunklen Hinterhöfen und Spelunken oder Schickimicki-Treffs.
Wie würden Sie denjenigen nennen, der den Erstkontakt hergestellt oder angeregt hat? Wie denjenigen, der die wachsende Sucht von nun an stillt und den Stoff jederzeit bereitstellt?
Zu dem einen würden Sie vermutlich Dreckskerl sagen. In der höflichen Variante. Zu dem anderen Dealer. Welcher Verbrechen machen sich die beiden schuldig? Was die Moral betrifft, gibt es ohnehin keinen Zweifel. In punkto Gesetz steht wenigstens der Dealer weit jenseits der roten Linie.
Sie wissen natürlich, welche Frage nun folgt: Wie verhält es sich mit der Sucht nach Fast Food?
Die traurige Wahrheit ist: Nehme ich mein Kind bei der Hand und gehe mit ihm ins nächste Fast-Food-Restaurant, habe ich den ersten Schritt getan. Den Rest erledigt der Dealer. Dafür ist er perfekt ausgebildet. Darauf ist er vorbereitet. Nichts anderes sind Zuckerindustrie und Fast-Food-Produzenten.
Dealer.
Kokain wird auch unter diesem Begriff geführt: weißes Gift.
Zucker trägt denselben Beinamen. Weißes Gift. Aus gutem Grund. Alle beide, Kokain und Zucker, stimulieren letztlich auch dieselben Hirnregionen, setzen dieselben Botenstoffe in Gang, lösen in uns Menschen dieselbe Art von Suchtverhalten aus.
Der entscheidende Unterschied ist: Wer mit Kokain dealt und sich erwischen lässt, wandert ins Gefängnis. Wer mit Zucker dealt, tut es vor den Augen der ganzen Welt, kommt ungestraft davon und wird sogar belohnt, weil er auf Cocktailpartys eingeladen und in Aufsichtsräte gewählt wird.
Das ist das Fantastische an der Droge Zucker und den anderen Süchtigmachern im Fast Food: Sie alle sind legal. Überhaupt herrscht in der Branche ein absolutes Weiße-Weste-Klima. Bloß nichts tun, was gegen das Gesetz ist. Das ist so etwas wie ein Mantra, ein oberstes Gebot. Bloß nichts Illegales. Lieber die Gesetze biegen, lieber dafür sorgen, dass sie entsprechend formuliert sind. Auch davon möchte ich Ihnen berichten.
Darüber hinaus, warum die so genannten Skandale in den Fast-Food-Restaurants, vom Maus-Burger bis zum Gammelfleisch, in den allermeisten Fällen gar keine sind. Und vom Umgang mit den schärfsten Kritikern. Weshalb die einen angefeindet und in den Dreck gezogen werden, andere als unbedeutend kleingeredet oder totgeschwiegen, wiederum andere umarmt wie beste Freunde.
Spannend auch, was die Ware Fast Food in uns anstellt. Ganz unmittelbar. Sozusagen von jetzt auf gleich. Innerhalb der, sagen wir, ersten sechzig Minuten nach Verzehr eines derartigen Schnellgerichts. Ebenso faszinierend wie beunruhigend diese neue Erkenntnis: Dass die Folgen bereits eines einzigen Fast-Food-Menüs in den menschlichen Arterien, ausgelöst durch Zucker, Fette und andere industriell erzeugte Inhaltsstoffe, empirisch nachweisbar sind. Wie ein auf kriminelle Weise in einen Flusslauf gekippter Giftcocktail.
Natürlich heißt es auch darauf ein Auge zu werfen: Was können, was müssen wir tun, um den Lauf der Dinge doch noch zu stoppen oder wenigstens abzuändern? Wir. Das bedeutet: Jeder Einzelne. Die Gesellschaft als Ganzes. Die Politik.
Mit dem britischen Stadtrat Chris Brewis, von dem wir schon gehört haben, verbindet mich eines ganz besonders: die Innensicht. Seine ist jene auf die Materie Politik. Meine auf die Materie Fast Food. Dabei bin ich weder Arzt noch Ernährungswissenschaftler. Auch bin ich nicht Aktivist der Grünen noch Mitglied einer NGO. Ebenso wenig ein ausgewiesener Experte in Sachen Globalisierung.
Im Gegenteil. Ich habe der anderen Seite angehört. Mit Leib und Seele. Meine Karriereleiter zeigte ewige Zeiten immer nur in die eine Richtung: steil nach oben. Ich war im Management eines Ölkonzerns. Ich habe eine Bäckereikette geführt. Ich habe ein kleines Gastro-Reich in die Höhe gezogen. Ich war Kurzzeit-Präsident eines Bundesliga-Fußballvereins und habe damit so gut wie alles zerstört, was ich mir zuvor aufgebaut habe. Nur nicht meine Ehe, weil ich auf eine Frau zählen durfte und darf, die mir auch in Zeiten der schwersten Krise immer zur Seite gestanden ist.
Vor allem jedoch war ich dreizehn Jahre lang das: maßgeblicher Teil eines menschenverachtenden globalen Netzwerkes, das sich seit neuestem die Menschenliebe an die Fahnen heftet und doch nur drei Ziele kennt:
Profit.
Profit.
Und nochmals Profit.
Ich war ein Rad am Wagen. Nicht das fünfte, sondern eines, das immer stärker wurde und immer mehr trug. Erst nur in Österreich. Für Österreich. Bald schon auf europäischer, dann sogar auf globaler Ebene. Ich hatte immer mehr zu sagen im System Fast Food. Immer mehr zu entscheiden, immer mehr zu verantworten. Dann habe ich begonnen nachzudenken. Weil es dafür nie zu spät ist, nie zu spät sein darf.
Mein Name ist Harald Sükar. Ich war Spitzenmanager bei McDonald’s.
Wenn es eine zentrale Botschaft gibt, die ich den folgenden Seiten überordnen möchte, dann diese:
Geht nicht hin! Nicht zu McDonald’s. Nicht zu Burger King. Nicht zu den anderen Fast-Food-Riesen. Schon gar nicht mit euren Kindern. Nicht einmal ausnahmsweise.
Das Geständnis, das keines sein sollte:
»Wir sind Teil des Problems … ähm, der Lösung.«
Zuerst reift die Selbsterkenntnis. Im Stillen. Danach folgt die Selbstkritik. Laut und vielleicht sogar öffentlich. Sind das nicht menschliche Tugenden, die wir schätzen? Vor allem, wenn sie ehrlichen Ursprungs sind, wenn sie zur rechten Zeit am rechten Ort in Erscheinung treten?
Spitzenmanager globaler Konzerne besitzen diese menschlichen Tugenden in der Regel nicht. Wenn doch, so halten sie sich sehr bedeckt damit. Sie tragen weder Selbsterkenntnis noch Selbstkritik einfach so nach außen. Schon gar nicht, wenn sie massiv unter Beschuss stehen. Schon gar nicht in der Fast-Food-Industrie. Und schon dreimal nicht vor laufender Kamera. Wenn überhaupt, dann unter ihresgleichen. Bei einem launigen Treffen hinter verschlossenen Türen etwa. Mit dem dritten Glas Whisky in der einen und einer Havanna in der anderen Hand.
Wer beschmutzt schon gerne das eigene Nest? Und doch hat Gene Grabowski genau das getan. Ohne es zu wollen. Es ist ihm herausgerutscht. Denn er hat, mit sichtbaren Schweißperlen auf der Stirn, diesen einen Satz in die Kamera gesagt:
»Wir sind Teil des Problems …«
Als dem fünfzig Jahre alten Grabowski dieser verräterische Sager entfährt, ist er längst nicht mehr der kleine Reporter bei der Washington Times mit Spezialgebiet Weißes Haus, der er irgendwann einmal gewesen war. Grabowski hat große Karriere gemacht, ist nunmehr Vize-Präsident der GMA. Und zugleich ihr Sprecher.
Was das ist, die GMA?
Damals, im Jahr 2004, steht das Kürzel noch für Grocery Manufacturers of America. Später (und bis zum heutigen Tag) wird GMA nach einer Fusion mit der Food Products Association (FPA) dafür stehen:
Grocery Manufacturers Association.
Ein Fachverband der Lebensmittelindustrie. Aber nicht irgendwelcher Kleinkrämer oder der halbwegs potenten Gewerbetreibenden nur eines einzigen Landes, sondern der weltweit größten Markenartikel-Unternehmen für Lebensmittel, Getränke und Konsumgüter. Eine Vereinigung, der vorübergehend auch die vormalige First Lady Michelle Obama beitrat, um mit ihrer Let’s move-Kampagne gegen die ausufernde Epidemie fettleibiger US-amerikanischer Kinder anzutreten. Dass diese Epidemie längst den ganzen Globus erfasst und sich damit zu einer Pandemie ausgeweitet hat, ist mittlerweile nicht mehr von der Hand zu weisen.
Offiziell ist die GMA eine Non-Profit-Organisation. Vor allem aber ist sie eine unfassbar mächtige Lobby. Ein tausendarmiger Krake der Industrie, dessen Tentakel überallhin reichen. Bis in den letzten Winkel des kleinsten Hinterzimmers politischer Entscheidungsträger. Rund um den Erdball. Von Z wie Zypern bis A wie Afghanistan. McDonald’s gibt es schließlich auch in Kabul.
Aber was kann einen Medienprofi wie Gene Grabowski so sehr aus der Fassung bringen, dass ihm dieser Lapsus widerfährt? Diese Peinlichkeit? Unabsichtlich einzugestehen, was niemals eingestanden werden darf?
Ursprünglich (so viel kann ich Ihnen schon verraten) hat Grabowski die alte Leier abspulen wollen. Einen Text, den jemand wie er immer und überall runterbeten kann, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Einen Standardtext zur Verantwortung der Lebensmittel-Konzerne, den er so selbstverständlich intus hat, wie jeder Geistliche das Vaterunser. Sätze wie:
»Die Lösung muss im Bildungssystem liegen.«
Oder:
»Man muss den Sportunterricht fördern.«
Oder auch, was er tatsächlich gesagt hat, angesprochen auf die Rolle der Lebensmittel-Giganten im Allgemeinen und der Fast-Food-Industrie im Speziellen. Wie es in punkto Verantwortung für die Gesundheit von zig Millionen Menschen in seinem Heimatland steht. Und von Milliarden in aller Welt.
Gene Grabowski im Originalton: »Wir werden weiterhin gutes Marketing betreiben, Bildungsprogramme finanzieren, was wir ja schon im großen Stil tun. Wir informieren Eltern, um Probleme zu lösen. Das tut die Nahrungsindustrie. Wir spielen eine verantwortungsvolle, wichtige Rolle.«
Diese angesprochene Co-Finanzierung von Bildungsprogrammen bedeutet: Zwar werden Hunderttausende Kinder in den USA alphabetisiert, lernen endlich einigermaßen Lesen und Schreiben, doch um den Preis, dass die ohnehin verschwindend geringe Wochenstunden-Zahl für Sport in den Schulen weiter schrumpft. Mit dem Ergebnis, eventuell um einen Hauch gebildetere, aber mit Garantie um Längen fettere Kinder in den Bänken sitzen zu haben. Unter anderem auch, weil die Softdrink-Hersteller ihre Automaten weiterhin in den Schulgängen aufstellen und befüllen dürfen.
Das weiß ein Mann wie Gene Grabowski selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich kommt ihm aber nichts dergleichen über die Lippen. Stattdessen sagt er in die Kamera:
»Wir sind keine Polizei oder Behörde. Wir stellen günstige Lebensmittel in Mengen her, wie nie zuvor. Die Industrie übernimmt Verantwortung. Wir wollen mehr tun, weil wir erkennen: Wir haben eine Aufgabe. Wir sind Teil der Lösung.«
Und dann passiert’s eben. Weil an diesem Tag irgendetwas anders ist. Weil der ausgebuffte Medienprofi Grabowski auf dem falschen Fuß erwischt wird. Vielleicht hat er einfach nur schlecht geschlafen. Vielleicht liegt es aber doch an den verstörenden Fakten, mit denen man ihn in der Lobby der GMA konfrontiert. Ausgesprochen von diesem lästigen Ex-Kollegen, der mit allen Wassern gewaschen ist:
Morgan Spurlock.
Regisseur. Dokumentarfilmemacher. Drehbuchautor. Produzent. Versuchskaninchen im eigenen Auftrag. Und auf gewisse Weise auch Journalist wie früher Grabowski. Einer der, hat er erst einmal Fährte aufgenommen, sich verbeißt, wie ein von der Leine gelassener Kampfhund. Mit seinen nervenden Fragen, die er obendrein mit jeder Menge Hintergrundwissen unterbuttert.
Und so stottert Gene Grabowski, Vize-Präsident der großen GMA, in die Kamera:
„Wir sind Teil der Lösung
… Wir sind Teil des Problems
… ähm, Teil der Lösung.“
Monate später flimmert der fertige Film (samt Grabowskis peinlichem Versprecher) über die Leinwand: Super Size Me. Vorerst beim Sundance Festival, einem renommierten, alljährlichen US-Film-Event, das als bedeutende Plattform für unabhängige Produktionen gilt. Seien es amerikanische, seien es internationale.
Es ist Jänner 2004. Beim Sundance Festival streift der Film gleich seinen ersten Preis ein, den für die beste Regie. Eine Reihe weiterer Auszeichnungen wird folgen. Im Mai desselben Jahres kommt der Streifen in die US-amerikanischen Kinos.
In den vier Monaten zwischen Festival und Leinwandstart rumort es gewaltig hinter den Kulissen. Offiziell wird das später nie jemand bestätigen, doch die einhundert bitterbösen Minuten, die Morgan Spurlock für seine satirische Gesellschafts-Doku abgedreht hat, haben es in sich. Und sie haben Folgen. Auch wenn bis zum heutigen Tage behauptet wird, dass die Änderungen im kulinarischen Programm bei McDonald’s, die im Anschluss folgen sollten, schon lange vorher geplant waren.
Wie es sich wirklich abgespielt hat, habe ich selbst miterlebt. Damals war ich, nach knapp zweijähriger Unterbrechung, zum zweiten Mal bei McDonald’s. Nicht nur als Geschäftsführer und Chef über die damals bereits 174 Filialen in ganz Österreich, sondern obendrein als Vize-Präsident für Personalangelegenheiten in Zentraleuropa. Das bedeutete, dass ich, rein konzeptionell betrachtet, für 140.000 Mitarbeiter zuständig war.
Dann kam der Film. Im Mai in den USA. Mitte Juli in Deutschland. Ende Oktober in Österreich. Bestimmt erinnern sich viele von Ihnen noch an die eine oder andere Szene. Nein? Nur bruchstückhaft?
So begleiten Sie mich auf dieser kleinen Reise in die Vergangenheit. Fünfzehn Jahre zurück. Das erscheint im ersten Moment wie eine sehr lange Zeit. Dabei sind fünfzehn Jahre so gut wie nichts. Nicht bei diesem Film, denn er hat bis heute nicht nur keinen Funken Aktualität eingebüßt, sondern in seiner Dramatik im Gegenteil um Dimensionen zugelegt. Nichts, was mit Fast Food zu tun hat, hat sich seither zum Besseren gewandelt, alles nur noch wesentlich verschärft.
Erstaunlich war und ist dieser Film in vielerlei Hinsicht. Einmal, weil er so symptomatisch ist für den Umgang der Fast-Food-Branche mit handfesten Krisen. Dann wieder, weil es ein einzelner Mensch war, der einen Riesen der Branche ordentlich ins Schwitzen gebracht hat. Ein absoluter Low-Budget-Streifen, hergestellt für fast lachhafte 300.000 US-Dollar, was schon an der Liste der Mitarbeiter abzulesen ist:
Regie: Morgan Spurlock.
Drehbuch: Morgan Spurlock.
Produktion: Morgan Spurlock.
Kamera: Scott Ambrozy.
Schnitt: Stela Georgieva, Julie Bob Lombardi.
Besetzung: Morgan Spurlock.
Das war’s dann schon wieder. Drei für Kamera und Technik, schauspielerisch eine One-Man-Show, sieht man von Spurlocks Interview-Partnern ab. Aber die haben alle ohne Gage mitgemacht. Mehr ist da nicht an Aufwand. Minimale Mittel, die eine weltweit maximale Wirkung zeitigen.
Werfen wir also im Zeitraffer einen Blick hinein in:
»Super Size Me« – Fressen bis zum Anschlag
»Ich glaube an Gott, die Familie und an McDonald’s. Und im Büro ist diese Reihenfolge umgekehrt.«
Das ist auch eines der vielen, fast legendären Zitate von Ray Kroc. Auch wenn er 2004 schon seit 20 Jahren tot ist. Ich selbst stieg 1993 bei McDonald’s ein, erlebte Kroc als Big Boss also nicht mehr. Dennoch war seine eiserne Hand, sein Generalkonzept, weder die Auswahl der Produkte, noch die Vermarktung und überhaupt keinen einzigen Handgriff eines Mitarbeiters dem Zufall zu überlassen, auch für mich von Anbeginn spürbar. Jederzeit. Das war immer schon so. Und das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert. In jeder der knapp 37.000 Filialen. Für jeden der rund 1,8 Millionen McDonaldianer.
Überhaupt sind viele von Krocs Philosophien und Vorgaben bei McDonald’s so etwas wie ungeschriebene und zugleich eherne Gesetze. Unantastbare Fixpunkte, Maximen, an denen nicht zu rütteln ist. Weltweit heilige Kühe. Selbst wenn sie nicht mehr zeitgemäß sein mögen, oder hinderlich, weil eben die Betriebsabläufe im 21. Jahrhundert andere sind. Ich komme noch darauf zurück.
Der Film Super Size Me präsentiert zu Beginn allerdings ein anderes Zitat. Eines, das uns bereits begegnet ist:
»Kümmere dich um die Kunden,
und das Geschäft wird sich um sich
selbst kümmern.«
Zuvor werden wir noch für ein paar Sekunden auf eine Weise in die Materie eingestimmt, sodass uns zum ersten Mal der Atem wegbleibt. Weil die allerersten Bilder diese sind: eine Schar von Schulkindern, im Freien aufgefädelt, in mehreren Reihen sitzend. Fröhliche Buben und Mädchen, die ein Lied singen. Nicht irgendeines. Der Text geht so:
»A Pizza Hut …A Pizza Hut.
Kentucky Fried Chicken and a Pizza Hut.
McDonald’s …McDonald’s!
Kentucky Fried Chicken and a Pizza Hut.
I like food … I like food …
Kentucky Fried Chicken and a Pizza Hut.«
Die Worte werden ergänzt durch ausladende Gesten der Kinder, die auf einfachste Weise die angesprochenen Fast-Food-Riesen darstellen sollen. Die Schülerinnen und Schüler sind allesamt etwa zehn bis zwölf Jahre alt, und viele mit deutlich zu viel Gewicht an den Rippen. Sehr viele sogar. Einige richtiggehend fett, sodass einem das Herz stockt in einer Mischung aus Schock und Mitgefühl.
Dann, schwarz unterlegt, das erwähnte Zitat mit den Kunden.
Jetzt erst, zu Bildern einer wehenden US-Flagge, setzt die Stimme des Sprechers ein. Wir bekommen zu hören, was wir ohnedies wissen: dass die USA das Land der Superlative ist, weil alles um einen Tick größer ist als anderswo. Autos. Häuser. Von da bis dort. Bis hin zu den Portionen auf den Tellern.
Dann: »Die USA sind heute die fetteste Nation der Welt. Herzlichen Glückwunsch.«
Ein Filmprofi wie Spurlock weiß natürlich genau, an welchen Schrauben er drehen muss. Doch um billige Effekthascherei geht es letzten Endes gar nicht, weil das, was danach kommt, ohnedies für sich spricht.
Wir erfahren, dass sechzig Prozent aller US-Amerikaner übergewichtig oder stark übergewichtig sind, sprich: fettleibig. Halten wir an dieser Stelle den Film kurz an.
Adipositas
die Mutter (fast) aller Fast-Food-Krankheiten
Fettleibigkeit. Fachbegriff: Adipositas.
Auf Englisch: Obesity.
Als Gradmesser dafür, ob jemand bloß übergewichtig, oder schon fettleibig ist, gilt der altbekannte Body-Mass-Index, kurz: BMI. Dieser BMI war lange Jahre das Maß aller Dinge, wird mittlerweile aber kritisch gesehen. Für die Definition von Adipositas allerdings ist er nach wie vor hilfreich.
Die Berechnung ist überaus einfach: Körpergewicht in Kilo, geteilt durch das Quadrat der Körpergröße. Wer also 1,85 m groß ist und 85 Kilo wiegt, kommt auf 85:1,852 = 24,85. Wobei Alter und Geschlecht auch noch eine Rolle spielen.
Wie schädlich überschüssiges Körperfett für die Gesundheit ist, wie sehr es dazu beiträgt, eine oder mehrere der zahlreichen Folgekrankheiten auszulösen, die uns in Zusammenhang mit Fast Food noch begegnen werden, hängt natürlich auch von der Verteilung am Körper ab. Stichwort Apfeltyp oder Birnentyp. Mehr müssen wir an dieser Stelle nicht wissen.
Ein BMI-Wert von 18,5 bis 25 gilt üblicherweise als Normalgewicht. Zwischen 25 und 30 herrscht Übergewicht. Und ab 30 Adipositas. Mit diesen Abstufungen:
| Adipositas Grad I: | BMI 30 – 35 |
| Adipositas Grad II: | BMI 35 – 40 |
| Adipositas Grad III: | BMI 40 + |
Bei Grad III spricht man auch von morbider Adipositas.
Viel bedeutender jedoch sind Antworten auf diese Fragen: Woher stammt Adipositas? Wen betrifft Adipositas? Was bedeutet das für den einzelnen Menschen? Was für die Gesellschaft?
Definiert wird Adipositas so: eine Ernährungs- und Stoffwechselkrankheit mit starkem Übergewicht.
Eine der möglichen Ursachen für das Auftreten von Fettleibigkeit sind Erbfaktoren. Extrem dicke Menschen gab es schließlich immer schon. Bestimmt kennen Sie jemand, der davon betroffen ist. Und bestimmt haben Sie auch schon dieses Erklärungsmodell gehört, das jedoch in den allermeisten Fällen an der Realität vorbeizielt:
»Ich würde wirklich gerne anders … ich tue auch alles, damit es anders wird … aber das sind eben die Gene.«
Früher, bis vor rund 11.000 Jahren, als der Mensch noch überwiegend Jäger und Sammler war und erst allmählich sesshaft wurde, war das Anlegen von Körperreserven ein absolutes Überlebensmerkmal. Entscheidend war das Spiel aus Grundumsatz, Nahrungsverwertung und Fettverteilungsmuster. Wer Überschüsse in den Fettzellen ablagern konnte, konnte in Zeiten des Mangels darauf zurückgreifen und dadurch überleben.
Die rasende Zunahme von Adipositas quer über den Erdball hat aber erst in den vergangenen Jahrzehnten so richtig eingesetzt. Die genetische Ausstattung von uns Menschen hat sich in dieser, evolutionstheoretisch betrachtet, extrem kurzen Zeitspanne allerdings nur minimal verändert. Genau genommen, so gut wie gar nicht.
Diese Art genetischer Ursache kann es also nicht sein. Ebenso wenig jener Fakt, dass es sich bei Adipositas ja auch um eine Stoffwechselerkrankung handelt. Weil lediglich zwei Prozent der Menschheit überhaupt an diversen Stoffwechselerkrankungen leiden, von welchen eine auch Adipositas ist. Bis heute ist völlig ungewiss, wie hoch unter diesen zwei Prozent der Anteil derer ist, die nur aufgrund ihrer Gene fettleibig sind. Selbst wenn es alle wären, so wäre es im Verhältnis zur Gesamtzahl aller Fettleibigen ein sehr geringer Prozentsatz.
Anfang der Nullerjahre des 21. Jahrhunderts, zu jener Zeit also, da Morgan Spurlock auf die Idee mit seinem Film verfiel und zu recherchieren begann, hatte sich die Zahl der Fettleibigen in den USA im Vergleich zu 1980 bereits verdoppelt. Innerhalb von nur zwanzig Jahren. Doch was der Filmemacher damals schon, völlig zu Recht, als mittlere Gesellschaftskatastrophe skizzierte, liest sich heute wie der Rückblick auf die guten, alten Zeiten.
Dazu folgende Grafik der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz OECD, aus dem Jahr 2017:

Quelle: OECD
Auf den ersten Blick zu erkennen: Die USA hat ihren Spitzenreiterplatz nicht abgegeben, doch Ungarn ist ihr auf den Fersen. In derselben Liga, auf der Grafik nicht ausgewiesen, spielen auch die Mexikaner und die Neuseeländer. Der OECD-Schnitt ist auch schon bei sehr beunruhigenden knapp zwanzig Prozent angelangt. Das bedeutet also, dass jeder fünfte Erwachsene der 36 Mitgliedstaaten bereits als adipös gilt. In sehr vielen Ländern außerhalb der OECD sieht es allerdings nicht viel besser aus.
Was sind also, abgesehen von den ungünstigen Genen, die Ursachen dieser Seuche, die unsere Erde erfasst hat? Um kein falsches Bild zu erzeugen, führe ich hier alle an, die üblicherweise genannt werden. So gering manche in ihrer tatsächlichen Auswirkung auch sein mögen. Allfällige Auslöser für Fettleibigkeit sind also unter anderem:
• Essstörungen (Sucht)
• Schlafgewohnheiten: Eine Studie an Kindern (acht bis elf Jahre) ergab, dass jene, die mehr schliefen, weniger Gewicht haben. Das soll mit unserem Leptin-Haushalt zu tun haben. Leptin, ein Hormon, das Signale aussendet, um das Essen einzustellen und Energie aus den Speichern (zum Beispiel Fettdepots) zu gewinnen. Neuerdings gilt dieses Leptin in der Wissenschaft als möglicher Verursacher von Übergewicht. Vor einigen Jahren noch wurde es hingegen als Wundermittel gegen Übergewicht gefeiert. Wirklich gesichert ist weder das eine noch das andere.
• Nebenwirkungen von Medikamenten: Hier zu nennen sind Insulin, medikamentöse Verhütungsmittel, Antidepressiva, Betablocker und andere, bei denen die Gewichtszunahme nachgewiesen ist.
• Infektion durch das Adenovirus Typ AD-36: Dieses (Schnupfen-)Virus verfügt über die zweifelhafte Fähigkeit, Stammzellen in Fettzellen umzuwandeln. US-Forscher haben erstmals 2010 veröffentlicht, dass Kinder, die irgendwann einmal mit dem Virus in Berührung gekommen sind und Antikörper ausgebildet haben, tendenziell mehr auf die Waage bringen würden als andere. Im Fachmagazin Pediatrics wurde auch einer der Forscher zitiert, Jeffrey Schwimmer: »Die meisten Menschen sind der Ansicht, wer dick ist, sei daran selber schuld. Die Ergebnisse dieser Studie belegen aber, dass die Hintergründe komplizierter sein können.«
• Sein können. Weil die Studie ebenso gut den Umkehrschluss zulässt. Dass ohnehin zu dicke Kinder einfach bloß anfälliger sind für diese Art von Erkältungsvirus. Dass AD-36 ausgerechnet in den vergangenen Jahrzehnten aus der Spur geraten und seine vollen Kräfte am Menschen entwickelt haben soll, seit es auch den Fast-Food-Boom gibt, erscheint doch einigermaßen weit hergeholt.
Was bleibt? Die echten, breitenwirksamen Ursachen für die weltweit so enorme Zunahme von Übergewicht und Fettleibigkeit müssen demnach anderswo begraben liegen. Vielleicht doch darin?
• Sitzende Tätigkeiten bei gleichzeitig wenig Bewegung (Auto, Fahrstuhl, Rolltreppe)
• Viel passive Zeit vor Fernseher und Computer
• Essen als Übersprungshandlung, sprich, aus Frust und Langeweile
• Ein Überangebot an Nahrung
• Ersatz-Essen (als Ausgleich für Liebesmangel)
• Erziehung (»Iss deinen Teller leer, sonst …!«)
• Unregelmäßige Mahlzeiten (zum Beispiel durch beruflichen Stress et cetera)
• Mahlzeiten unterwegs anstatt in Ruhe bei Tisch
• Fast Food anstatt frisch gekocht
• Zu schneller Verzehr von Nahrung
• Portionsgrößen
• Zu hoher Zucker-, Fett- und Salzgehalt bei zugleich nicht anhaltend sättigender, hochwertiger Nahrung
• Glutamat und andere Geschmacksverstärker
• Einfluss durch Werbung für zucker- und fetthaltige Nahrung
• Frühkindliche Prägung auf Zucker (Babynahrung, gesüßter Tee, Softdrinks, gesüßte Fleischprodukte und so weiter)
• Jo-Jo-Effekt nach Diäten
Wir sehen schon: Mit Ausnahme der ersten beiden Faktoren haben alle dieser auch als sozio-kulturell bezeichneten Faktoren unmittelbar mit Nahrungsaufnahme zu tun. Übergewicht als erwünschtes Schönheitsideal (zum Beispiel bei Sumo-Ringern) ist in unserem Kulturkreis praktisch auszuschließen.
Was fällt noch auf? Es hat überwiegend mit billig hergestellter, industrieller Nahrung zu tun. Fast Food eben.
Die Küchen sind nicht mehr zum Kochen da
Die Welt titelte in ihrer Online-Ausgabe vor nicht allzu langer Zeit so:
»Aufwärmer« und »Snacker« drängen in
die deutschen Küchen.
Hintergrund war eine großangelegte Untersuchung (30.000 befragte Haushalte) durch die Marktforscher von der GfK, sowie die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Sie drückte sozusagen den amtlichen Stempel darauf, was wir selbst tagtäglich erleben und sehen:
In nicht einmal mehr jedem vierten Haushalt wird täglich frisch gekocht.
Vor ein paar Jahren war es noch knapp jeder dritte. Was Morgan Spurlock im Film schon als ungeheure Zahl eingestuft hat (vier von zehn Menschen essen täglich unterwegs), ist keine zwanzig Jahre später ein Wunschresultat, über das Ernährungsexperten jubeln würden.
Doch die Gesellschaft ist in Riesenschritten vorangeprescht in Richtung To-Go-immer-und-überall. Die Produkte in diesem To-Go-Format boomen mehr denn je. Allen voran Fast Food. Wozu letzten Endes auch die Convenience Produkte in den Supermarkt-Kühlregalen zählen. Alles muss so vorbereitet sein, dass es schnell zu verwerten ist. Unterwegs oder zuhause. Selbst wenn zuletzt ein leichter Gegentrend eingesetzt hat und die Menschen wieder vermehrt bereit sind, für frisch zubereitete Nahrung tiefer in die Tasche zu greifen.
Warum wir nicht unterwegs essen sollten
Überhaupt ist das Essen unterwegs ein Problem für sich. Das legte erstmals eine britische Studie offen An experimental study of food intake and the impact of ‘eating to go’1, erstellt von der University of Surrey, eine Grafschaft im Süden Englands, und im August 2015 veröffentlicht.
Ausschließlich Frauen nahmen daran teil. Sechzig insgesamt, manche auf Diät, andere wiederum nicht. Ihnen allen wurde vorgegaukelt, es ginge um Geschmackstests. Genau genommen, wie sich bestimmte Formen von Ablenkung auf den Geschmack des Essens auswirken würden.
Tatsächlich sollte erforscht werden, in welchem Zustand Essen als mehr und in welchem als weniger zufriedenstellend empfunden wird. Und welche Gruppe über den Tag verteilt mehr Nahrung zu sich nahm:
Jene, die in Bewegung waren (in diesem Fall im Flur auf und ab liefen).
Jene, die vor dem Fernseher saßen (und fünf Minuten aus der Serie Friends anschauten).
Oder jene, die ganz klassisch beisammensaßen, plauderten und aßen.
Zu essen bekamen alle während des Bobachtungszeitraums einen Müsliriegel. Danach folgte der angebliche Geschmackstest: mit gestiftelten Karotten, Chips, Schokolade und Trauben.
Zwar wurde der Geschmack auch abgefragt, in Wirklichkeit aber beobachteten die Forscher, wie viel die Frauen wovon aßen. Kernaussage:
Wer sich bewegt, isst insgesamt wesentlich mehr.
Bei Schokolade war es im Gehen überhaupt die fünffache Menge dessen, was die beiden anderen, sitzenden Gruppen aßen.
Zurück zum Film.
Zurück zu Super Size Me. Zurück zu dem Selbstversuch von Morgan Spurlock, der bei uns, dem damaligen Management von McDonald’s, aber auch bis hinab zum kleinsten Mitarbeiter in den Filialen, ganz selbstverständlich diese Reaktion ausgelöst hat:
Da ist einer, der reibt sich an dem
Namen McDonald’s. Der will mit dieser Art
von Aktionismus reich und berühmt werden.
Oder auch:
Nichts als das krankhafte, zweifelhafte Experiment
eines Wichtigtuers. Ohne Bezug zur Realität.
Ohne einen Funken Glaubwürdigkeit.
Aber wie sieht dieses sogenannte zweifelhafte Experiment im Detail aus? Was hat Morgan Spurlock überhaupt dazu bewogen?
Anlass waren zwei amerikanische Mädchen aus dem New Yorker Stadtteil Bronx. Die eine war vierzehn Jahre alt, 147 Zentimeter groß und wog 75 Kilogramm. Ein BMI von knapp 35. Die andere war neunzehn Jahre alt, 168 Zentimeter groß und 120 Kilogramm schwer. BMI: 42.
Die eine an der Kippe von Adipositas Grad I zu Grad II, die andere schon Grad III.
Damals ist Adipositas die zweithäufigste vermeidbare Todesursache in den Vereinigten Staaten. Gleich nach dem Rauchen. Heute, 2019, läuft der Tod durch Fettleibigkeit (inklusive aller direkten Folgeerkrankungen) jenem durch Nikotinsucht bereits den Rang ab.
Was die beiden Mädchen über das enorme Übergewicht hinaus vereint: Beide haben Klage gegen McDonald’s eingereicht. Das Hauptargument, auf das die Anwälte der Jugendlichen sich stützen: »Weil sie (McDonald’s) bekanntlich ungesundes Essen verkauft haben.«
Morgan Spurlock ist inspiriert und beginnt mit den Vorbereitungen für seinen Dreh.
Im Jahr 2004, als ich Geschäftsführer war und der Film herauskam, hatte McDonald’s bei uns in Österreich praktisch ein Alleinstellungsmerkmal. Immer noch. Konkurrenz war nach wie vor ein Fremdwort. Wir hatten Marktanteile von weit über neunzig Prozent. Im Burger-Mutterland USA gab es natürlich eine Menge Mitbewerber. Dennoch war die Rolle des Konzerns auch dort absolut marktbeherrschend. Mindestens vier von zehn Fast-Food-Lokalen im ganzen Land trugen die zwei goldenen Bögen als Logo.
Die Golden Arches, wie sie in den USA genannt werden.
McDonald’s war omnipräsent, von der Ostküste bis zur Westküste. Oder wie es im Film heißt: »In den USA gibt es sie überall. Sogar in Spitälern. Wie praktisch. Da hat man es ja nicht weit, im Fall des Falles.«
Während die Klage der beiden Mädchen bei Gericht verhandelt wird, reift der Plan, auf dem Spurlock seine Dokumentation aufbaut. Das Konzept ist simpel:
Sich dreißig Tage lang ausschließlich von McDonald’s ernähren. Und schauen, was geschieht.
Die Regeln, die er sich vorgibt, sind einfach:
1. Drei Mahlzeiten täglich, sprich: Frühstück bei McDonald’s. Mittagessen bei McDonald’s. Abendessen bei McDonald’s.
2. Jedes Gericht auf der Speisekarte muss er innerhalb dieser dreißig Tage mindestens einmal essen.
3. Wenn er gefragt wird, ob er die größte Portion, Super Size, möchte, muss er immer Ja sagen.
Dazu muss man wissen: In den USA herrscht damals schon ein etwas anderes Verhältnis zur Portionsgröße. Nehmen wir als Beispiel Burger King:
Ein Cola im 0,3-Liter-Becher hieß anfangs Small.
Ein Cola im 0,5-Liter-Becher hieß anfangs Large.
Klein und groß also. Mehr gab es lange Zeit nicht. Als Spurlock Super Size Me herausbringt, weht jedoch längst ein schärferer Wind. Bei Burger King heißt der vormals kleine Becher inzwischen Kiddy, der vormals große Small. Ein Liter nennt sich Medium. Und dann gibt es noch 1,25 Liter und 1,5 Liter. Der Größenwahn geht so weit, dass die Ketten Wagenbesitzern mobile Riesen-Getränkehalter mitliefern, weil die wageneigenen zu klein geworden sind.
Zum Beispiel für die sogenannten Seven-Eleven-Double-Gulps. Ein Zwei-Liter-Bottich mit 600 bis 800 Kilokalorien pro Getränk. In beigemengten Zucker umgerechnet: 48 Teelöffel. Der von der WHO empfohlene Wochenbedarf eines Kindes.
Das ist damals in fast allen Fast-Food-Ketten so. Natürlich auch bei meinen Kollegen. Auch dieser Vergleich, der im Film gezogen wird, ist drastisch, entspricht jedoch den Gegebenheiten:
»Neunzig Gramm Fleisch sind so groß wie ein Kartenspiel. In Restaurants finden Sie Steaks, die sind fünfmal so groß wie ein Spiel.«
Bei Pommes sieht es nicht viel anders aus. Auch bei McDonald’s. Dabei wurden sie früher überhaupt nur in einer Größe verkauft. 2004 jedoch gibt es bereits diese vier:
Small.
Medium.
Large.
Super Size.
Super Size gab es bei meinen Kollegen in den USA auch für ganze Menüs. Da war dann alles eineinhalbmal so groß wie die ohnehin schon riesige Large-Variante, vom Burger über die Pommes bis zum Getränk. Für den Kalorienaufwand hieß das zum Beispiel, wie in BBC News anlässlich eines Filmberichts und erster McDonald’s-Reaktionen zu lesen war: Ein Cola hat anstelle von 226 exakt 323 Kilokalorien, ein ganzes Menü (Big Mac, Pommes und Cola) knapp über 1.300.
In seinem Experiment darf Spurlock nicht ablehnen, wenn er vom Personal gefragt wird, ob er Super Size wünsche. Das ist bekanntlich eine von drei Regeln. Auch erzählt er, das Personal habe Anweisung, so oft wie möglich Super Size anzubieten. Immerhin koste diese Option nur um 5 Cent mehr als die Large-Variante.
Zusätzlich hat der Filmemacher sich diese Einschränkung auferlegt: Pro Tag darf er nicht mehr als 5.000 Schritte zu Fuß tun. Damit liege er, heißt es, ziemlich gut im amerikanischen Durchschnitt. Wobei (das gilt hier bei uns in Europa natürlich genauso) die meisten, die mit dem Auto zur Arbeit fahren, den ganzen Tag im Büro sitzen und abends direkt auf der Couch landen, kaum mehr als 1.500 Schritte zurücklegen. Empfohlen sind bekanntlich rund 10.000 – womit circa 300 Kilokalorien verbrannt würden. Bei Spurlock jedenfalls wird ein Schrittzähler darüber wachen, dass er nicht unnötig Kalorien verbraucht, sich vielmehr »wie ein echter Durchschnittsamerikaner fühlt«.
Als er sein Experiment startet, ist er knapp 34 Jahre alt. Er stellt diese Fragen in den Raum:»«
Dreißig Tage nichts als McDonald’s-Essen
… was macht das mit mir?
Was macht das generell mit einem Menschen?
Ist das gefährlich?
Um auf Nummer sicher zu gehen, holt Spurlock sich Hilfe, lässt sich professionell betreuen. Medizinisch, ernährungstechnisch und in Sachen körperlicher Fitness. Ein fünfköpfiges Team an seiner Seite wird vorgestellt:
1. Eine Herzspezialistin
2. Ein Magen-Darm-Facharzt (Gastroenterologe)
3. Ein Allgemeinmediziner
4. Eine Diätologin
5. Ein Sport-Therapeut
Der Generalcheck zum Start des Selbstversuchs ergibt dieses Bild: Der Patient Morgan Spurlock ist bisher alles andere als ein Durchschnittsamerikaner. Der Patient …
… trinkt nicht.
… raucht schon lange nicht mehr.
… hat keine erblichen Vorbelastungen, was schwere Krankheiten angeht.
… nimmt keine Drogen.
… ist sexuell aktiv.
… hat keine schweren Operationen hinter sich.
… nimmt keine Medikamente.
… hat perfekte Reflexe.
… ist ebenso schlank wie fit (188 Zentimeter groß, 84 Kilogramm)
… hat nur elf Prozent Körperfettanteil, ein großartiger Wert.
Außerdem sind …
… Blutwerte und Eisenwerte top.
… Cholesterin und Glucose-Werte top.
… Elektrolyte (Blutsalze) im perfekten Zustand. Ebenso Leber und Nieren.
Auch der Blutzuckerwert ist niedrig.
Spannend auch die Prognosen seines Ärzteteams, was diese dreißig Tage ihrer Meinung nach mit ihm anstellen oder nicht anstellen würden:
• »Schlimmstenfalls erhöhen sich Fett- und Cholesterinwerte«, meint die Kardiologin. Das Herz des Patienten sehe sie nur gefährdet, wenn in der Familie eine Vorbelastung vorhanden sei.
• »Der menschliche Körper ist sehr anpassungsfähig.«, meint der Gastroenterologe. Die Triglyceride würden sich vermutlich erhöhen. Mehr nicht. Weil Leber und Nieren Fette abbauen beziehungsweise überschüssige Salze ausscheiden würden.
• »Sie werden bestimmt etwas zunehmen«, meint der Hausarzt. »Der Cholesterinwert wird sich auch verschlechtern. Wer weiß … vielleicht werden Sie sich elend fühlen. Es sei denn, Sie mogeln und essen nur Salat.«
Morgan Spurlock hat nicht vor zu mogeln. Seine Freundin, die ihm als eine Art kulinarische Henkersmahlzeit am Vorabend des Experimentstarts Gemüsekuchen, Artischocken und Salat serviert, gibt ebenfalls eine Prognose ab: »Er wird durchhalten«, meint sie, »aber er wird stinken … und es wird unsere Beziehung belasten.«
Die ersten sieben Tage der Morgan-Spurlock-Spezialdiät im Zeitraffer
Tag 1: Beim ersten Frühstück (Egg McMuffin Menü) spricht er vom »Traum jedes Achtjährigen«. Dann sehen wir schon diese Einstellung: Er bekommt das erste Mal Super Size angeboten. Anfänglich stöhnt Spurlock noch ein wenig lustvoll, meint, das sei »wie Sport«.
Zehn Minuten später erklärt er seinen Zustand so: Mc Blähungen, Mc Schweiß, Mc Kribbeln in den Armen, fühle mich Mc Seltsam.
Zweiundzwanzig Minuten später kaut er immer noch an der Riesenportion, ehe er sich zum Autofenster hinaus übergibt.
Tag 3: Spurlock klagt erstmals über Magenbeschwerden. Er spricht von einem komischen Gefühl im Unterleib. Und davon, dass sein Penis »so« … macht. Ohne nähere Angaben.
Tag 5: Das zweite Mal Super Size. An diesem Tag, heißt es, bringe Spurlock bereits 89 Kilo auf die Waage. Fünf Kilo plus in den ersten fünf Tagen. Die Ernährungsexpertin an seiner Seite meint: »Sie nehmen im Schnitt fast 5.000 Kalorien zu sich pro Tag.« Das Doppelte dessen, was er zuvor im Schnitt aufnahm. Die Empfehlung der Diätologin an diesem Tag: »Lassen Sie Schoko Sundae weg!«
Tag 7: Spurlock klagt in die Kamera, seit zwei Tagen Schmerzen in der Brust zu verspüren. Einen merkwürdigen Druck. Und er fragt sich, ob er bereits stinke.
Wir folgen der beklemmenden Erzählung einer extrem übergewichtigen Interview-Partnerin. Neben ihr steht ihre fast noch dickere Teenager-Tochter. Die Mutter spricht von ihren schlechten Genen, davon, dass schon ihr Urgroßvater in einer Klavierkiste habe beerdigt werden müssen.
Dann taucht dieser Begriff auf: toxisches Umfeld.
Dazu ein Interview mit Kelly Brownell, Doktor der Philosophie. Er sagt: »Das Umfeld, in dem wir essen und uns bewegen, ist toxisch. Und macht uns zwangsläufig krank.«
Und weiter: »Nicht alle Menschen werden krank. Aber die Zahl der Kranken wächst und wächst. Der Begriff toxisch ist angemessen, denn die Fettsucht-Epidemie hat sechzig Prozent der Bevölkerung erfasst, darunter mehr Kinder denn je. Das nenne ich Krise.«
Das toxische Umfeld besteht darin,
dass man immer und überall billiges,
fettiges Essen bekommt.
Tankstellen würden in den USA oft mehr Limonade verkaufen als Benzin. Zig Millionen Getränkeautomaten überschwemmen das Land. Pro 97 Amerikaner gibt es einen.
Die zweite Woche
Tag 9: Spurlock zeigt einen McDonald’s-Enthusiasten der Extraklasse. Er meint, der erste Big Mac seines Lebens wäre so gut gewesen, dass er noch am selben Tag dreimal gekommen sei. Allein im ersten Monat seiner entflammten Leidenschaft habe er 265 Stück verdrückt. Seither esse er aber nur zwei pro Tag. Neunzig Prozent seiner täglichen Nahrung bestehe aus Big Macs. Und: Er träume manchmal von einem Big-Mac-Smoothie.
Spurlock selbst sagt an diesem Tag: »Kein gutes Allgemeingefühl.«
Tag 10: Im Zusammenhang mit dem Salat-Shaker fällt erstmals auch der Begriff des Maissirup (eine der Zucker-Wunderwaffen der Fast-Food-Industrie im Kampf um Kunden und darum, sie bei der Stange zu halten. Ich werde Ihnen noch ausführlich davon erzählen).
Spurlock ist inzwischen vom sportlichen Mittdreißiger zum faulen Couch-Potato mutiert. Er liegt ausgestreckt da, sagt:
»Das ist der beste Moment des Tages.
Ich und mein Coke auf dem Bett.«
Tag 12: Der erste Bluttest. Die Diätologin rät nun, die Softdrinks wegzulassen.
Schon 10 Prozent Gewichtsverlust bei zu dicken Menschen würde für Besserung sorgen. Andersrum allerdings ebenso. Spurlock hat mittlerweile acht Kilo mehr an den Rippen, fast zehn Prozent mehr als noch vor weniger als zwei Wochen.
Tag 13: Die Kernbotschaft an diesem Tag ist die Antwort einer McDonald’s-Verkäuferin auf die Frage, wie viele Kunden die angebotene Super-Size-Option tatsächlich annehmen:
»Fünf von fünf.«
Tag 14: Gene Grabowski, der Sprecher der GMA, tritt erstmals auf den Plan, meint, man müsse eben den Sportunterricht fördern, um das Dickenproblem in den Griff zu kriegen.
Der Lehrer einer staatlichen Schule ist zu hören: »Bei uns gab es nie ein Gesundheitssystem. Bei uns gab es immer nur ein Krankheitssystem.«
Es folgt eine Straßenumfrage. Bei meinen Überlegungen und Recherchen zu diesem Buch bin ich auf eine ähnliche Befragung gestoßen, bloß aus der allerjüngsten Zeit und aus Europa. Es besteht nun kein Grund, verächtlich nach Westen zu blicken, denn ihr Ergebnis war um nichts schmeichelhafter als jene unter wahllos herausgepickten Amerikanern, die Morgan Spurlock im Film präsentiert.
Seine Frage lautet: Was ist eine Kalorie?
Einige wissen zumindest, dass es irgendwie mit Ernährung zu tun hat. Die meisten allerdings nicht. Die richtige oder auch nur annähernd richtige Antwort bleibt aus, nämlich:
Eine Kalorie ist die Maßeinheit für Energie in der Nahrung. Oder: Eine Kalorie ist die Menge Energie, die nötig ist, um einen Liter Wasser um ein Grad Celsius zu erwärmen.
Stoppen wir den Film hier erneut.
Klar, man muss wirklich nicht unbedingt wissen, wie eine Kalorie definiert ist, um gut durchs Leben zu kommen. Viel wichtiger zu wissen ist, dass einem Kilogramm Fettgewebe circa 7.000 Kilokalorien entsprechen.
Um dieses eine Kilogramm Fett wieder abzubauen, müsste man täglich fünfzehn Minuten joggen. Sieben Wochen lang. Eine einleuchtende Erklärung, warum es vielen von uns so schwerfällt, Gewicht allein durch Bewegung abzubauen, ohne die Ernährungsgewohnheiten zu ändern. Und warum im Kampf gegen zu viele Kilos kurzfristige Bewegungsprogramme mehr oder weniger zum Scheitern verurteilt sind.
Hier, bei dieser so entscheidenden Frage nach Verantwortung, kommen McDonald’s und Co. gebetsmühlenartig mit diesem Satz daher:
»Bewegt euch mehr, dann ist Fast Food kein Problem.«
Genau das ist jedoch das Problem. Genau dieses Totschlagargument, mit dem die Fast-Food-Industrie ihren Kunden in punkto Übergewicht die alleinige Schuld in die Schuhe schiebt.
Weil es eben nicht so ist.
Dazu eine US-Studie2, die erstmals im September 2012 veröffentlicht, seither von anderen Instituten in ähnlicher Form wiederholt wurde. Anne McTiernan von der Universität in Washington hat diese erste Testreihe geleitet. Schwer übergewichtige, also adipöse Männer und Frauen im Alter von 40 bis 75 Jahren, wurden für ein Langzeitprogramm gewonnen. Langzeit bedeutet ein volles Jahr.
Sie sollten einerseits ihre Ernährungsgewohnheiten nicht ändern, andererseits sehr wohl ihre tägliches Bewegungspensum. Oder eben von bisher Nicht-Bewegung auf Bewegung. Je nach Fitnessgrad und allgemeiner Verfassung mit moderatem oder etwas intensiverem Aerobic. Natürlich wurde eine gleich große Kontrollgruppe untersucht mit Menschen, die ganz ähnliche Voraussetzungen mitbrachten, aber alles so beließen, wie es immer war.
Nach zwölf Monaten lagen die Ergebnisse vor. Der Gewichtsverlust betrug im Schnitt
• bei den Frauen 1,4 Kilogramm
• bei den Männern 1,8 Kilogramm.
Klarer könnte der Beweis kaum sein: Allein mehr Bewegung hilft so gut wie gar nicht, Gewicht abzubauen. Nicht solange die Nahrung weiterhin auf jenen drei Dickmacher-Säulen ruht, mit denen die Fast-Food-Industrie ihr Geschäft macht:
Zucker.
Fett.
Salz.
Dazu noch jede Menge künstlich erzeugte Phosphate, also Konservierungsstoffe.
Wer zahlt, der pachtet die Wahrheit
Noch eine Bemerkung zu den Studien, die ich für Sie in diesem Buch zusammengetragen habe. Es gibt sie (als leidgeprüfte, oft verunsicherte Konsumenten wissen wir es nur zu gut) wie Sand am Meer. Zu ein und demselben Thema sagt die eine Studie heute A, die nächste morgen B, eine dritte übermorgen C. Es ist dann beinahe wie in dem alten Medizinerscherz:
Drei Ärzte, vier Meinungen.
Manche Studien, auf die ich mich beziehe, mögen bereits vor ein paar Jahren erstellt worden sein, doch meine Kriterien waren, sie nach bestem Wissen und Gewissen zu wählen, insbesondere in punkto Glaubwürdigkeit, Gültigkeit, Bekanntheitsgrad. Einige dieser Studien sind bisher kaum publik, doch inhaltlich topaktuell. Die allermeisten allerdings sind ohnedies sehr jungen Datums, manche überhaupt erst wenige Wochen alt.
Apropos Glaubwürdigkeit: Eine hochinteressante Studie über Studien, eine Meta-Studie also, zeigt am Beispiel zuckergesüßter Getränke und deren Rolle bei Adipositas auf, woher der Wind der Industrie weht. Sie bestätigt, was wir ohnehin wissen oder fühlen. Nämlich dass sehr viele wissenschaftliche Arbeiten gekauft sind, oder in »finanziellem Interessenskonflikt« stehen. Weil da ein Wissenschaftler plötzlich in einem Aufsichtsrat auftaucht, wo er nichts zu suchen hat, oder dort einer in irgendeinem anderen Gremium. Oder der Ehepartner, nahe Verwandte. Oder weil Forschungs-Etats aus Quellen fließen, die besser nicht angezapft würden.
Das Ergebnis der Meta-Studie aus 2013 A Systematic Review of Systematic Reviews3 ist beispielgebend für eine Vielzahl von Themen, wo ebenfalls mächtige Industrien mitnaschen, ist vernichtend.
Bei weit mehr als achtzig Prozent der Studien ohne nachweisbaren Interessenskonflikt kam die Zuckerindustrie sehr schlecht davon. Bei jenen mit zweifelhafter Finanzierung oder anderen Verstrickungen war es genau umgekehrt. Weit über 80 Prozent sprachen die Zuckerindustrie frei von jeder Verantwortung.
Anders ausgedrückt: Die Wahrscheinlichkeit, dass Studien mit problematischem Image für die Industrie enden, ist mehr als fünfmal so hoch wie wenn der Hintergrund der Finanzierung ein neutraler wäre.
Das liest sich dann ungefähr so: »…konnten zuckergesüßte Getränke mit Gewichtszunahme und Adipositas nicht assoziiert werden.«
Dazu ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit, aufgezeigt in einem Bericht der New York Times4. Er betrifft den Getränkeriesen Coca-Cola und zeigt eindrücklich, wie sehr überaus renommierte Forscher sich von der Industrie instrumentalisieren lassen. Dabei wird sinngemäß die Parole ausgegeben:
Holt diese Forscher an Bord, um gleich die gesamte Wissenschaft zu verwirren, und lenkt die Aufmerksamkeit weg von der Ernährung!
Coca-Cola ist weltweit die Nummer 1 bei der Herstellung gezuckerter Softdrinks. Als die Verkaufszahlen zu sinken begannen und obendrein die Diskussion aufkam, zu stark gezuckerte Getränke mit einer Extrasteuer zu belegen (was mittlerweile in einigen Ländern auch der Fall ist, dazu später noch mehr) machte es der Konzern wie McDonald’s und andere auch: Er schob den Übergewichtigen und Fetten in aller Welt die Schuld zu.
Das altbewährte Erklärungsmuster, von dem wir gerade gehört haben: »Bewegt euch mehr! Dann könnte ihr Cola trinken oder gesüßtes Soda, soviel ihr wollt!«
Weil die Menschen diese Botschaft einem Sprecher von Coca-Cola jedoch nicht ohne weiteres abnehmen würden, läuft die Sache bedeutend raffinierter. Eine Nonprofit-Organisation wird vorgeschoben.
Global Energy Balance Network.
Das klingt doch schon nach Ausgleich und vernünftigem Energiehaushalt, oder? In Wirklichkeit ist es eine Vorfeld-Organisation des Softdrink-Riesen, wie die renommierte US-Ernährungsexpertin Marion Nestle (sie hat nichts mit dem Nestlé-Konzern zu tun) einmal sagte.
Global Energy Balance Network wird auf den Sozialen Medien aktiv. Ein Video geht online. Der da spricht, ist kein Niemand. Es handelt sich um Dr. Steven N. Blair, Professor an der University of South Carolina. Er ist nicht nur Vize-Präsident der neu gegründeten Organisation, für die er sich ins Zeug legt, sondern kann auf echte Reputation verweisen, die er sich über die Jahrzehnte hart erarbeitet hat. Doktor Blair ist einerseits Mitgründer des National Weight Control Registry, einer anerkannten Langzeitstudie zu Menschen, die mit System Gewicht reduziert haben. Andererseits war er für diverse US-amerikanische Institute tätig, und er wirkte sogar in unterschiedlichen Komitees der World Health Organisation mit, der WHO also. Die Amerikanische Gesellschaft für Ernährung hat Dr. Steven N. Blair überhaupt diesen Ehrentitel verliehen:
Ein Führer im Kampf gegen die globale Adipositas-Epidemie.
Der Text, den der Wissenschaftler im Video aufsagt, lautet: »Meist liegt der Fokus von Massenmedien und der Wissenschaftspresse darauf: Oh, die Menschen essen zu viel. Essen zu viel. Essen zu viel – sie beschuldigen Fast Food, sie beschuldigen Zuckergetränke. Und so weiter … dabei gibt es wirklich keinen zwingenden Beweis, dass dem so ist.«
Das zu behaupten, ist noch nichts Ehrenrühriges. Auch wenn damit die Botschaft einhergeht, körperliche Betätigung könnte jeden noch so gravierenden (natürlich rein theoretischen Nachteil) von Zuckergetränken und Fast Food ausgleichen. Weil es bloß eine Frage der Selbstdisziplin wäre, ob ein Mensch schlank bleibt oder an seinem Körperfett leidet und sogar zugrunde geht. Selbst wenn das, siehe oben, empirisch längst widerlegt ist.
Wirklich problematisch wird die Angelegenheit bei einem Blick auf die Strukturen sowie Förderer des Global Energy Balance Network. Bereits Jahre vor Gründung der Organisation hat Coca-Cola Millionen Dollar in Projekte gesteckt, die mit zwei Gründungsmitgliedern des Netzwerkes eng verbunden sind. Einer davon ist Dr. Blair.
Die Website der Organisation (gebn.org) ist auf die Adresse der Coca-Cola-Zentrale in Atlanta registriert. Auch als Administrator scheint Coca-Cola auf. Darauf angesprochen, meinte der Präsident des Global Energy Balance Network, Professor James O. Hill, Coca-Cola sei mehr oder weniger freundlicherweise eingesprungen, weil keines der Netzwerk-Mitglieder wüsste, wie man das anstellt. Das Betreiben einer Website.
Die Wissenschafts-Sprecherin des Konzerns lehnte mehrfache Interview-Anfragen der New York Times ab. Stattdessen gab es eine Presseerklärung. Darin wird auf die große Tradition verwiesen, die Coca-Cola in Sachen Forschung hat. Wie auch in Sachen Finanzierung und Transparenz. Außerdem wird auf diverse unabhängige Studien verwiesen. Als Fußnote ist da wie dort zu lesen:
The publication of this article was supported by the Coca-Cola Company.
Seitens des Global Energy Balance Network hielt man sich mit dem Namen Coca-Cola als wissenschaftlichem Mäzen überhaupt sehr bedeckt. Beispielsweise bei einem Report zum Thema Fettleibigkeit, der auf Twitter und Facebook stark gepusht wurde. Nicht nur, dass (ganz auf Linie) das Augenmerk des Berichtes auf mehr Bewegung gelegt wurde und die Rolle der Ernährung beinahe totgeschwiegen, schien auch der Name Coca-Cola unter den finanziellen Förderern nicht auf. Ebenso wenig auf der Website des Networks.
Als ein Adipositas-Experte der Universität Ottawa darauf aufmerksam machte, hieß es: »Ein Irrtum, der sofort korrigiert wurde.« Und weiter: »Sind wir deshalb gleich in allem, was wir tun, korrupt?«
Was meinen Sie?
Dieselbe Art von fruchtenden Partnerschaften mit der Wissenschaft schließen auch der Lebensmittelriese Kraft Foods (seit der Fusion mit Heinz, The Kraft Heinz Company), Pepsi Cola, McDonald’s und viele andere. Die American Society for Nutrition und die Academy of Nutrition and Dietetics haben es längst aufgezeigt.
Die Taktik des Getränkeriesen, in der Fachwelt anerkannte, idealerweise auch einer breiten Öffentlichkeit bekannte Forscher für die sehr eigenen Ziele einzuspannen, ist natürlich nicht neu. Schon die Tabakindustrie hat das lange zuvor mit großem Erfolg praktiziert. Ein Vergleich, der übrigens auch in Super Size Me angesprochen wird.
Damit zurück zum Film.
Бесплатный фрагмент закончился.
