Читать книгу: «Der Club ist ein Depp»

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Archiv 1. FC Nürnberg: 10, 61, 67, 68, 72, 107, 134, 145, 154/155

Imago: Cover, 3, 119, 121, Cover-Rückseite

Sammlung Autoren „FCN-Chronik“: 63, 115, 123, 142

Kurt Schmidtpeter / Roland Fengler: 151

Verlag Die Werkstatt: 113

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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www.werkstatt-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Satz und Gestaltung: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, Göttingen

ISBN 978-3-7307-0622-0

INHALT

GÄHNENDE LEERE 1977

GEISTER AUF DEM TIVOLI 2003

DER VORHANG FÄLLT 1945

RAKETEN IM RONHOF 1973

EIN DERBY KOMMT SELTEN ALLEIN 1917

DAS KREUZOTTERNEST 1960

AUF DER RASTSTÄTTE NACHTS UM HALB EINS 2015

ERST FÄLLT DIE MAUER, DANN BAYERN 1989

BRENNENDE FAHNEN 1963

ALLE GEGEN LOTHAR 2005

JUNGE WILDE 1961

DAS ZIEL KNAPP VERFEHLT 1969

NICHTS IST FÜR EWIG 1984

OFFENSIV IN DEN ABGRUND 2014

DOPPELSTOPPER UND BETON 1965

SIEBEN WORTE 1984

GESCHWÄTZ VON GESTERN 2016

FLUCHT NACH WIEN 1932

ÖSTERREICH LIEGT NICHT IN DEUTSCHLAND 1995

BÖHMISCHE DÖRFER 1996

DAS OFENLOCH 1920

DAS LETZTE HURRA 1992

KNAPP DANEBEN IST AUCH EIN TOR 1994

SIEBEN HUNDERTSTEL 1951

INS BILD GESCHLICHEN 2007

DER DEUTSCHE HERKULES 1906

SO NAH AM FINALE 1963

LUST AUF MEHR 2007

EISHOCKEY UND FUSSBALL 1962

DAS GROSSE ABENTEUER 1963

DAS WUNDER DES TAGES 1935

SIEBEN KLEINE NÜRNBERGER 1922

6:6 NACH 180 MINUTEN 2020

VERWELKTER LORBEER 1934

HINTERHÄLTIGES SCHAUSPIEL 1982

EIN GIFTIGER PFEIL 1912

NUR DIE NUMMER ZWEI 1939

AN NÜRNBERG VORBEI 1971

BLÜTENWEISSE WESTE 2009

DER GEÖFFNETE SARG 2020

AN DER ARMUTSGRENZE 2012

UND NOCH EIN TIEFSCHLAG 1993

DUELL VOM PUNKT 1992

GOTT IM TOR 1916

VIEL LÄRM UM NICHTS 1987

DER ENTZAUBERTE WELTMEISTER 1979

DAS ERSTE UND DAS LETZTE SPIEL 2012

ZWEIMAL UND NIE WIEDER 1973

DIE HELDEN VON STADE 1974

WIE EIN WIRBELWIND 1943

DIE WENDE VON BERN 1954

DIE OMINÖSE 13 2016

DER FRÜHE VOGEL 1925

EIN TOLLES TRIO 1977

LANGSAM UND GESCHEIT 1928

GOLDFÜSSCHEN 1968

DER REKORDMANN 1969

EIN TOR, DAS DOPPELT ZÄHLT 1974

KAMPF UM DIE KANONE 2005

SLOWAKISCHE RAKETE 2006

DAS ERFOLGSREZEPT 2011

EINHUNDERT PROZENT 1966

TITELHUNGER 1947

WASSERSUPPE UND SPIEGELEIER 1946

GESCHÜTTELT ODER GERÜHRT 1992

DER SCHUHKARTON 1979

JUBILÄUM ZUR UNZEIT 2000

ROTH RUTSCHT AUS 2003

MÜLL UND LEPRA 2001

UNSCHULDIGE SKANDALNUDEL 1971

DAS FALSCHE TOR 1990

WIE IM TRAINING 1956

ROSTIGE NÄGEL 1990

WILDE HACKEREI 1900

DIE SCHLACHT VON NÜRNBERG 2006

PELÉ GEHT LEER AUS 1959

DER AMERIKANISCHE TRAUM 1953

ELF SPIELER MÜSST IHR SEIN 1924

ZWEI LAMAS 2010

DER LAPSUS VON LEVERKUSEN 1968


GÄHNENDE LEERE 1977

Schon wieder eine Saison zum Vergessen. Wie in all den Jahren seit dem Bundesliga-Abstieg 1969 versuchte sich der 1. FC Nürnberg auch 1976/77 vergeblich am Wiederaufstieg. Vom ersten Spieltag an, der eine 0:2-Niederlage beim Absteiger Kickers Offenbach brachte, hechelte der Club in der 2. Bundesliga Süd dem Führungstrio VfB Stuttgart, 1860 München und eben Offenbach hinterher – trotz einer Serie von 18 Spielen ohne Niederlage. Insgesamt 13 Unentschieden bremsten die Aufholjagd erheblich. Am Ende musste sich die von Horst Buhtz trainierte Mannschaft mit 49:27 Punkten und Platz fünf begnügen.

Für einen Rekord freilich war der Club selbst in dieser Saison des sportlichen Trübsinns gut. Weil nach einer happigen 0:4-Heimniederlage gegen den späteren Meister aus Stuttgart am 34. Spieltag vor 36.000 Besuchern auch das letzte kleine Fünkchen Aufstiegshoffnung erloschen war, herrschte während der letzten beiden Heimspiele gähnende Leere im Städtischen Stadion. Nur noch 3000 Unentwegte wollten am 36. Spieltag das 2:2 gegen Röchling Völklingen sehen, und am 21. Mai 1977 erlebten sogar nur noch 1743 Zuschauer, wie sich der Club zu einem 3:3 gegen Bayern Hof quälte. Dieter Lieberwirth bewahrte den FCN mit zwei Toren vor der achten Saisonniederlage. „Selbst notorische Schwarzseher hätten keinen tristeren Saisonausklang voraussagen können“, schrieb die Vereinszeitung, und der kicker sah den „ärmlichen Abschluss eines verkorksten Jahres“.

Seit jenem trostlosen Frühlingssamstag vor 45 Jahren hat der Club diverse neue Negativrekorde aufgestellt. 1743 Zuschauer bei einem Heimspiel aber blieben bis zum kompletten Fanausschluss in den Coronajahren 2020, 2021 und 2022 der absolute Tiefstwert der Vereinsgeschichte.


GEISTER AUF DEM TIVOLI 2003

Wer die Hauptrolle im ersten Geisterspiel in der Geschichte des deutschen Profifußballs spielte? Was für eine Frage, der 1. FC Nürnberg natürlich, und dazu bedurfte es weder einer Viruspandemie noch irgendwelcher anderer Naturgewalten.

Am 24. November 2003 wurde Trainer Wolfgang Wolf in der 73. Minute des Zweitligaduells bei Alemannia Aachen von einem Wurfgeschoss getroffen, mit einer Platzwunde am Kopf brach er zusammen. Vorausgegangen waren Zuschauertumulte nach einer Gelb-Roten Karte für Alemannia-Stürmer Erik Meijer, der FCN-Torhüter Raphael Schäfer rücksichtslos attackiert hatte. Die Club-Spieler verließen geschlossen den Platz, dabei hatte man sich wenige Wochen zuvor in der Vorbereitung mit den Aachenern noch ein Hotel in der Türkei geteilt.

Wolf, der über Sehstörungen und Unwohlsein klagte, wurde an einen Tropf angeschlossen und konnte seine Mannschaft bis zum Abpfiff der nach zehnminütiger Unterbrechung wieder aufgenommenen Partie nicht mehr betreuen. Der FCN legte Protest gegen die 0:1-Niederlage ein – und hatte Erfolg. Der DFB-Kontrollausschuss unter Vorsitz von Horst Hilpert setzte wegen eines „nicht ausreichenden Ordnungsdienstes und mangelnden Schutzes des Gegners“ ein Wiederholungsspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit an und verurteilte die Alemannia zu einer Geldstrafe von 50.000 Euro.

So kam es am 26. Januar 2004 auf dem von 500 Sicherheitskräften abgeriegelten Aachener Tivoli zu einer Partie ohne Zuschauer. Lediglich 40 Personen pro Verein (inklusive Spieler) waren zugelassen, dazu die Schiedsrichter, ausgewählte Medienvertreter, Sanitätsdienst, Stadionsprecher, Techniker, zwei Würstchenverkäufer, die Bratwürste – keine Nürnberger! – grillten und gratis verteilten, Toilettenpersonal und ein einziger Fan: Der in Aachen wohnende 78-jährige DFB-Ehrenpräsident Egidius Braun. Und wer sich hinter dem Kostüm des Gespensts versteckte, das während der 90 Minuten über die Tribüne geisterte, blieb ungeklärt.

Trotz zweimaliger Führung durch Marek Mintal und Lawrence Aidoo unterlag der Club auch in diesem Wiederholungsspiel mit 2:3 und bescherte den Aachenern 39 Tage nach Ende der Hinrunde nachträglich die Herbstmeisterschaft. Am Saisonende durfte einer der beiden Hauptdarsteller im ersten Geisterspiel den Aufstieg in die Bundesliga bejubeln – nein, nicht die Alemannia.

Für Wolf blieb es übrigens nicht das einzige Geisterspiel. 2011 arbeitete er als Trainer bei Hansa Rostock, als das Ost-Duell gegen Dynamo Dresden unter Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt wurde. Stürmer bei Hansa damals: FCN-Legende Marek Mintal – noch ein Phantom.


DER VORHANG FÄLLT 1945

„Endspiel trotz allem“, titelte der Kicker*. Längst standen alliierte Streitkräfte tief im deutschen Reichsgebiet, als am 18. Juni 1944 in Berlin noch einmal ein Endspiel um die deutsche Meisterschaft ausgetragen wurde. Vor 70.000 Zuschauern verteidigte der mit Nationalspielern wie dem späteren Bundestrainer Helmut Schön gespickte Dresdner SC seinen Vorjahrestitel nach einem 3:1 im Halbfinale gegen den 1. FC Nürnberg durch ein klares 4:0 gegen den Luftwaffen-Sportverein Hamburg erfolgreich.

Sechs Wochen später, am 1. August 1944, wurden alle überregionalen Sportveranstaltungen eingestellt. Trotz der wachsenden Furcht vor den Bombenangriffen, die in immer kürzeren Abständen Nürnberg heimsuchten, nahm am 1. Oktober eine „Gauliga Bayern, Sportbereich Mittelfranken“ mit neun Mannschaften den Spielbetrieb auf. Dabei traf der Club auf die SpVgg Fürth, Post/Reichsbahn Nürnberg-Fürth, die KSG TV/SC Zirndorf, den FC Stein sowie die vier Lokalrivalen SS-SG, KSG Wacker/Pfeil-Viktoria, Eintracht Franken und VfL.

Die Runde begann mit einer deftigen 0:6-Schlappe gegen die SS-SG, wobei der Club ohne Torhüter auflief. Die Ergebnisse wurden ohnehin mehr und mehr zur Nebensache. Es wagten sich kaum noch Zuschauer auf die Sportplätze, erst recht, nachdem der verheerende Luftangriff der Alliierten am 2. Januar 1945 die Nürnberger Altstadt in Schutt und Asche gelegt hatte.

Nach jener Bombennacht trug der FCN nur noch ein einziges Spiel aus: Das 149. Derby am 18. Februar 1945 vor immerhin 4000 Zuschauern im Ronhof. Nach einem 0:0 zur Halbzeit brachte Simon Winkler die Fürther kurz nach der Pause in Führung. Der Ausgleichstreffer durch Klemens Wientjes in der 52. Minute ging in die Geschichte als letztes Club-Tor vor Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Gegen nur noch zehn Nürnberger – Wientjes schied kurz nach seinem Tor verletzt aus – schaffte die SpVgg noch den Siegtreffer zum 2:1 und festigte ihre Tabellenführung. Wenige Tage später kam der Spielbetrieb in Mittelfranken endgültig zum Erliegen. Auch über den Zabo fiel der Vorhang.

*Bis 1964 wurde der Kicker großgeschrieben; seither, auch nach der Vereinigung mit dem Sportmagazin 1968, schreibt die bedeutendste deutsche Sportzeitschrift ihren Namen klein.


Das Zabo-Gelände mit Bombenkrater, 1944/45


RAKETEN IM RONHOF 1973

Ein mit mehr als 22.000 Zuschauern restlos ausverkauftes Haus, der Auftritt einer Prinzengarde vor Spielbeginn, kaltes, sonniges Winterwetter: Ein rauschendes Fußballfest schien sich anzukündigen, als der Club am 20. Januar 1973 zum Regionalligaderby im Ronhof auflief.

Vor Spielbeginn musste die Polizei, unterstützt von den beiden Trainern Tschik Čajkovski und Heinz Elzner sowie Club-Kapitän Dieter Nüssing, erst einmal die aufs Spielfeld geströmten Nürnberger Anhänger zurückdrängen. Dann pfiff der Augsburger Schiedsrichter Karl Riegg an, und von der ersten Minute an bestimmten die Fürther auf tiefem, seifigem Boden das Geschehen. Vier Tore fielen in den ersten 50 Minuten – allesamt für die SpVgg. Mit seinen Angriffsbemühungen scheiterte der Club immer wieder an Torhüter Peter Löwer, der in der 38. Minute sogar einen von Slobodan Petrovic getretenen Handelfmeter parierte.

Als Čajkovski taktisch grundlegend umstellte und Albert Bittlmayer sowie Rudi Sturz einwechselte, bahnte sich eine Wende an. Binnen 180 Sekunden verkürzte der Club durch einen von Nüssing verwandelten Foulelfmeter und einen Sturz-Treffer auf 2:4. Kurz darauf aber, in der 63. Minute, schickte Schiedsrichter Riegg die beiden Mannschaften vorzeitig in die Kabine – eine von mehreren offenbar aus dem Nürnberger Fanblock abgefeuerten Raketen war direkt neben einem Spieler gelandet. Wo in anderen deutschen Stadien bei vergleichbaren Vorfällen nach kurzer Unterbrechung weitergespielt worden war, ließ sich Riegg nicht mehr umstimmen. „Die Spieler waren höchst gefährdet“, gab er zu Protokoll. „In solchen Fällen haben wir die Anweisung abzubrechen.“

Zunächst wirkten alle Beteiligten untröstlich. Die Fürther, die eine Annullierung der Partie befürchteten, und die Nürnberger, die sich um die Chance gebracht sahen, eine der spektakulärsten Aufholjagden der deutschen Fußballgeschichte zu vollenden.

Am Ende jubelte die SpVgg ein fünftes Mal. Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes wertete die Partie mit 2:0 Punkten und 2:0 Toren für sie und bestrafte nicht den Heimverein, dem die Verantwortung für die Sicherheit im Stadion obliegt, für die Ausschreitungen, sondern den 1. FC Nürnberg, dessen Anhänger zumindest die letzte Rakete abgeschossen hatten. Dieser erste Spielabbruch in der Geschichte des deutschen Profifußballs stellte den traurigen Höhepunkt jener Spielzeit dar. Der Club erreichte 1972/73 nur Rang fünf und verpasste erneut den Wiederaufstieg in die Bundesliga.


EIN DERBY KOMMT SELTEN ALLEIN 1917

Im Jahr 1916 gewann der auch „Ostkreismeister“ genannte bayerische Meister 1. FC Nürnberg durch ein 4:1 gegen Pfalz Ludwigshafen den „Eisernen Fußball“, den in diesen Zeiten, da in Europa der Erste Weltkrieg tobte, höchsten Titel des deutschen Fußballs. In der Gauliga Mittelfranken 1916/17 musste sich der Club nur mit vier Gegnern auseinandersetzen: Dem TV Fürth 1860, dem VfB Nürnberg, dem BSC Nürnberg und dem letzten deutschen Meister vor Kriegsbeginn 1914 – der SpVgg Fürth. Auch, weil in jenen unübersichtlichen, von der Versorgungskrise im Reich geprägten Jahren Proteste gegen die Wertung eines Spiels – wegen des Einsatzes nicht spielberechtigter Akteure etwa oder auch eines falsch ausgeführten Elfmeters – an der Tagesordnung waren und schon mal zu einer Spielwiederholung führten, trugen der FCN und die SpVgg 1917 die nie zuvor und nie danach erreichte Zahl von acht (!) Derbys innerhalb eines Jahres aus.

Die einmalige Serie begann am 7. Januar, als der Club die punktgleich mit an der Spitze liegenden Kleeblättler zur entscheidenden Partie um die Gaumeisterschaft empfing und mit 1:2 verlor. Diesmal wurde ein Protest des FCN mit der Begründung, er habe zunächst nur zehn Mann auf den Platz gebracht, abgeschmettert. Es folgten ein 6:1-Sieg in einem Freundschaftsspiel im Mai, ein 1:0 in einem Benefizspiel zugunsten der deutschen U-Boot-Spende im Juni, eine 0:2- und eine 0:4-Niederlage in zwei Freundschaftsspielen im August und Anfang September, ein 3:1- und ein 5:0-Sieg in zwei Partien um die mittelfränkische Gaumeisterschaft 1917/18 Ende des Jahres, sowie eine 0:2-Pleite in der zweiten Hauptrunde des Süddeutschen Pokals eine Woche später. Vier Siege, vier Niederlagen, 16:12 Tore, und der erste Wechsel eines Spielers zwischen den beiden Vereinen, vom Club zur Spielvereinigung: Bei acht Derbys im Jahr 1917 ist Leonhard „Loni“ Seiderer bestimmt irgendwann nur durcheinandergekommen und auf der 1835 gebauten ersten Eisenbahnlinie Deutschlands zwischen Nürnberg und Fürth eine Station zu spät ausgestiegen.


DAS KREUZOTTERNEST 1960

Die Geschichte ist fast so alt wie die beiden Vereine selbst. 23 Spieler wechselten im Lauf der Jahre vom 1. FC Nürnberg zur SpVgg Fürth, 16 gingen den umgekehrten Weg – und so gut wie jeder Seitenwechsel wirbelte meterhohe Staubwolken auf.

Man werde es den „Verrätern“ zeigen, tönte es schon im November 1917 im Zabo, als der Club in der mittelfränkischen Gaurunde auf die SpVgg traf, in deren Reihen mit Mittelstürmer Loni Seiderer und dem Halbrechten Walter Lüscher zwei frühere Nürnberger standen. Im Spiel selbst kam es zu den üblichen Nickligkeiten, je einem Platzverweis auf beiden Seiten und – nach drei Toren von Luitpold Popp – zu einem deutlichen 5:0-Sieg des FCN. Knapp drei Jahre später sorgte der Fall Hans Sutor für Aufsehen. Der Linksaußen, der im Meisterschaftsendspiel 1920 noch im Trikot der Kleeblättler stürmte, sah sich kurz nach dem Finale gezwungen, beim Club anzuheuern, weil er in Fürth wegen seiner Heirat mit einer Nürnbergerin übelst beschimpft wurde.

Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die SpVgg mit den großen Vereinen nicht mehr Schritt halten, sodass sie regelmäßig ihre besten Spieler ziehen lassen musste. Dies schien auch kein Problem – solange der aufnehmende Verein nicht FCN hieß.

Als etwa Charly Mai, der Weltmeister von Bern, zusammen mit seinem Mannschaftskameraden Klaus Kuhnert 1958 beim FC Bayern anheuerte, wurde dies in Fürth, so beobachtete es zumindest die Nürnberger Vereinszeitung, „mit fröhlicher Gelassenheit“ hingenommen. Als aber Stürmer Reinhold „Bobby“ Gettinger zwei Jahre später verkündete, über die Stadtgrenze ziehen zu wollen, floss böses Blut. In der Vereinszeitung vom Juli 1960 hieß es: „Derzeit hat die Absicht Gettingers, zum Club zu wechseln, Fürth in Weißglut gebracht. Es scheint für die Cluberer ungefährlicher, in ein Kreuzotternest zu greifen, als sich um einen Fürther Spieler zu bemühen.“ Keine Erwähnung fand ein entscheidender Grund für den Aufruhr in der Nachbarstadt: Der FCN hatte die Fürther angeschwärzt und behauptet, Gettinger sei im Ronhof aus einer schwarzen Kasse bezahlt worden, worauf der SpVgg zehn Punkte abgezogen wurden; später wurde die Strafe in eine Geldbuße umgewandelt.

Nach seiner Unterschrift beim FCN musste der torgefährliche Angreifer ein Jahr lang gesperrt zuschauen, ehe sich die beiden Vereine auf ein Stillhalteabkommen einigten: Bis zum Juli 1966 durfte kein Spieler mehr ohne die Zustimmung seiner Vorstandschaft die Seiten wechseln. Gettinger selbst brachte der Trikottausch kein Glück: Nach zwei Oberligajahren mit sieben Toren in 33 Partien zog er sich in der Bundesliga-Premierensaison bei der 0:2-Niederlage im Auswärtsspiel in Braunschweig am 7. Dezember 1963 einen komplizierten Beinbruch zu, der seiner Karriere mit nur 28 Jahren ein Ende setzte – ganz ohne Schlangenbiss.


AUF DER RASTSTÄTTE NACHTS UM HALB EINS 2015

Ein in der Geschichte des deutschen Profifußballs einmaliger Vorfall brachte das Fass zum Überlaufen. Elfeinhalb wechselvolle, turbulente Jahre mit zwei Auf- und zwei Abstiegen sowie als Krönung dem Gewinn des DFB-Pokals 2007 hatte Martin Bader zunächst als Sportdirektor und ab Oktober 2010 als Sportvorstand des 1. FC Nürnberg hinter sich, als sich der Club zum Auftakt der Saison 2015/16 eine deftige 3:6-Klatsche beim SC Freiburg einfing.

Das Saisonziel Wiederaufstieg schien schon nach den ersten 90 Minuten entrückt, da wollten die Club-Ultras nicht so einfach zur Tagesordnung übergehen. Sie forderten Bader auf, ihnen eine Aussprache mit den Spielern zu ermöglichen. Diesem Ansinnen gab der Sportvorstand nach, und so verließ der Mannschaftsbus auf seine Anweisung hin in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 2015 gegen 0.30 Uhr auf dem Rückweg aus dem Breisgau an der schlecht beleuchteten Raststätte Renchtal-Ost die Autobahn. Kapitän Jan Polak, Torjäger Guido Burgstaller und Torhüter Thorsten Kirschbaum stiegen – alles andere als begeistert – aus dem Bus und diskutierten in gespenstischer Atmosphäre 40 Minuten lang mit gut 200 Ultras, ehe die Mannschaft die Heimfahrt fortsetzen durfte.

Weil Bader schon im September 2014 nach der bitteren 0:3-Niederlage in Karlsruhe nicht eingeschritten war, als die Ultras die Club-Profis zur Übergabe ihrer Trikots nötigten, bliesen seine vereinsinternen Gegner nun zum Frontalangriff auf den Mann, unter dessen umsichtiger Führung der FCN über Jahre hinweg einen steilen Aufschwung auf allen Ebenen hingelegt hatte. Nach dem unerwarteten Abstieg des Jahres 2014 freilich war der studierte Sportökonom – anders als nach dem Abstieg 2008 – mit seiner Politik gescheitert, mit hohem finanziellem Risiko den sofortigen Wiederaufstieg zu erzwingen.

Wie bei Baders Amtsantritt türmten sich plötzlich Schulden in zweistelliger Millionenhöhe auf. Die Opposition um Aufsichtsratsmitglied Günther Koch versuchte mit aller Macht, ihn zu stürzen, und hatte schließlich Erfolg. Im Frühsommer 2015 warf der Sportvorstand, der nicht enden wollenden Anfeindungen gegen seine Person müde, das Handtuch und einigte sich mit dem Verein auf eine Auflösung seines bis 2017 laufenden Vertrags. Am 30. September verließ er den Club, fast auf den Tag genau zwölf Jahre, nachdem er am 5. Oktober 2003 seinen ersten Vertrag im Zabo unterschrieben hatte.


ERST FÄLLT DIE MAUER, DANN BAYERN 1989

Gut 14 Tage zuvor hatte das ganze Land gejubelt. Der Fall der Mauer nach mehr als 28 Jahren hatte die Deutschen in West und Ost in einen kollektiven Freudentaumel versetzt. Von den sensationellen Ereignissen in Berlin war die Bundesliga allgemein nach dem 16. Spieltag der Saison 1989/90, der Club speziell nach einem 3:3 bei Bayer Uerdingen kurz vor dem Ende einer durchaus erfolgreichen Hinrunde überrascht worden.

Schon zum Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern (0:0), dem ersten nach dem 9. November 1989, fuhren Tausende Fußballfans aus Sachsen und Thüringen mit Bussen oder ihren Trabis nach Nürnberg, um zum ersten Mal überhaupt ein Bundesligaspiel live im Stadion erleben zu können. Für die nächste Partie am 25. November hätte der FCN locker und leicht 100.000 Karten verkaufen können, empfing er doch den deutschen Meister und Tabellenführer, den FC Bayern.

Offiziell 46.500 Zuschauer verfolgten den Rückrundenauftakt im ausverkauften Frankenstadion, und sie rieben sich die Augen: Auf schneebedecktem, seifigem Boden feierte der Club bei bitterer Kälte seinen größten Sieg der 1980er Jahre. Gegen die Münchner, die dem FCN 1987 nach 63 Jahren den Titel des deutschen Rekordmeisters für immer entrissen hatten, eröffnete Thomas Brunner in der 34. Minute per Foulelfmeter den Torreigen. Als die Bayern um die acht Nationalspieler Raimond Aumann, Stefan Reuter, Jürgen Kohler, Hans Pflügler, Manfred Schwabl, Hans Dorfner, Thomas Strunz und Roland Wohlfarth nach der Pause die Deckung entblößten, gelangen dem 19-jährigen Frank Türr, Ralf Dusend und Thomas Kristl zwischen der 55. und der 75. Minute drei weitere Treffer.

4:0 – nur einmal zu Bundesligazeiten, in der Meistersaison 1967/68, hatte der FCN die Münchner ebenfalls mit vier Toren Unterschied geschlagen, 7:3 damals. In den letzten Minuten der Partie beklatschten die 46.500 jedes Tackling, jede Kopfballabwehr und grölten den Gassenhauer „So ein Tag, so wunderschön wie heute“, dann pfiff Schiedsrichter Hans-Jürgen Weber ein letztes Mal. Diesmal jubelte nur ein Teil der Deutschen.


BRENNENDE FAHNEN 1963

Viel fehlte nicht zum Traumstart. 1:1 bei Hertha BSC, 3:0 gegen Werder Bremen, 3:2 bei Eintracht Frankfurt, 2:2 gegen Preußen Münster, 5:3 beim 1. FC Saarbrücken: Mit 8:2 Punkten lag der Club nach sechs Spieltagen der ersten Bundesligasaison 1963/64 ungeschlagen auf Rang drei. Nichts, rein gar nichts deutete in jenen späten Septembertagen des Jahres 1963 darauf hin, dass die Nürnberger nur rund einen Monat später unrühmliche Schlagzeilen schreiben sollten.

Dem starken Auftakt folgte eine Serie von drei Niederlagen, zu Hause gegen den Karlsruher SC (2:4) und Schalke 04 (0:2) sowie beim TSV 1860 München (0:5), wobei sich Verteidiger Charly Ferschl beim Stand von 0:2 für den am Daumen verletzten Torhüter Roland Wabra zwischen die Pfosten stellen musste. Am 26. Oktober empfing die Elf von Trainer Herbert Widmayer, der den FCN zur Meisterschaft 1961 und dem DFB-Pokal-Sieg 1962 geführt hatte, den 1. FC Kaiserslautern. Schon nach wenigen Minuten zog sich Helmut Hilpert eine schwere Leistenverletzung zu. Eine Zeitlang schleppte sich der Abwehrspieler noch über den Platz, dann gab er auf – nur noch zehn Nürnberger taumelten dem Verhängnis entgegen.

Zur Pause hieß es 0:3, zwei Minuten nach Wiederanpfiff 0:4, und als Erich Meier in der 50. Minute gar auf 0:5 erhöhte, machte sich Endzeitstimmung breit unter den 20.000 Zuschauern im Städtischen Stadion, Hunderte von rot-schwarzen Fahnen brannten lichterloh. Da passte es wunderbar ins Bild, dass Stefan Reisch in der 72. Minute beim Anlauf zu einem Foulelfmeter abstoppte, Schiedsrichter Willi Thier das Tor nicht anerkannte, sondern den Strafstoß zweimal wiederholen ließ, und der Nationalspieler das Leder beide Male nicht im Tor der Pfälzer unterbrachte. Der FCN, der die Partie nach einem Nasenbeinbruch Reischs schließlich zu neunt beendete, musste froh sein, dass die Niederlage nicht höher ausfiel.

Mit dem dürren Satz „Ohne Kommentar, was soll man dazu schon viel sagen“, verabschiedete sich Widmayer von den Journalisten. Es sollten seine letzten Worte als Club-Trainer sein. In den Tagen nach dem Debakel tagten die Vereinsgremien fast ununterbrochen und nach stundenlangen Sitzungen glaubte der Vorstand, den Stein der Weisen gefunden zu haben: Nicht die Spieler seien schuld an der Misere, schon gar nicht die Führung selbst, die es versäumt hatte, die Mannschaft vor Beginn der neuen Ära kräftig zu verstärken, sondern Widmayer, der sich einer Flut von anonymen Anrufen, beleidigenden Briefen und sogar Morddrohungen ausgesetzt sah. Am 30. Oktober 1963 wurde er als erster Trainer in der Geschichte der Bundesliga vorzeitig entlassen.

„Es ist unfair, den Trainer gerade zu diesem Zeitpunkt abzulösen“, meinte Kapitän Ferdinand Wenauer. „Jeder weiß, dass in einer Mannschaft nicht nur Siege erzielt werden können.“ In der Tat: Am 9. November trat der Club mit einem neuen Trainer, dem Ungarn Jenö Csaknady, bei Borussia Dortmund an – und unterlag mit 1:3.


ALLE GEGEN LOTHAR 2005

Nach sieben Spieltagen der Saison 2005/06 platzte den Ultras wieder einmal der Kragen. Vor dem Heimspiel gegen den 1. FC Köln entfalteten sie ein Transparent, auf das sie das untere Drittel der Bundesligatabelle aufgemalt hatten, „18. Nürnberg, 7 Spiele, 4:10 Tore, 3 Punkte“, sowie ein Spruchband mit einer Frage an die Profis: „Wollt ihr uns verarschen?“

Der „beste Kader seit einem Jahrzehnt“, den Präsident Michael A. Roth vor Saisonbeginn ausgemacht hatte, schlitterte dem Abstieg entgegen. Obwohl die Partie gegen Köln mit einem 2:1-Sieg endete, brachten die folgenden Wochen keine Besserung. Nach einer desolaten Vorstellung beim 1:4 in Mainz am elften Spieltag lag der Club mit sechs Punkten weiter abgeschlagen am Tabellenende, Trainer Wolfgang Wolf musste gehen. Drei Tage später fühlte sich das fränkische Fußballvolk vollends veräppelt: Als Favoriten für Wolfs Nachfolge hatte Roth ausgerechnet Lothar Matthäus auserkoren, den im mittelfränkischen Erlangen geborenen Rekordnationalspieler, der Zeit seiner aktiven Karriere kein gutes Haar am Club gelassen und sich mit seiner seltsamen Aussage, er sei „Bayer und kein Franke“, auch keine neuen Freunde in Nürnberg gemacht hatte.

Grundsätzlich sei er „interessiert, als Kind der Bundesliga in diese Liga zurückzukehren“, erklärte Matthäus, seinerzeit Trainer der ungarischen Nationalmannschaft. „Allerdings muss der Arbeitgeber von mir überzeugt sein.“ Dies freilich war mit Ausnahme Roths keiner beim Club. Während Sportdirektor Martin Bader lediglich stark beschönigend meinte, dass Matthäus „sicherlich polarisiere“, gingen Tausende Anhänger auf die Barrikaden und drohten mit Vereinsaustritt und Boykott der Spiele. Als sich auch intern in den Vereinsgremien erheblicher Widerstand regte, erkannten sowohl Roth als auch Matthäus die Sinnlosigkeit ihres Vorhabens und beendeten die Gespräche, noch bevor diese in ernsthafte Verhandlungen münden konnten.

Nach einer Trainersuche voller Irrungen und Wirrungen setzte sich ein Fußballlehrer namens Hans Meyer ans Ruder am Valznerweiher. In dessen erstem Spiel auf der Bank musste der Club am 19. November 2005 beim 1. FC Kaiserslautern antreten. „Bei einer Niederlage wären wir vermutlich abgestiegen“, sagt Meyer heute. Doch Treffer von Ivica Banovic, Lars Müller und Ivan Saenko sorgten für einen 3:1-Sieg – und läuteten die erfolgreichsten Jahre der jüngeren Vereinsgeschichte ein.


JUNGE WILDE 1961

2:1 beim VfR Mannheim, 6:0 gegen Jahn Regensburg, sogar 8:0 gegen Bayern Hof, 3:0 bei Schweinfurt 05, 4:1 gegen die SpVgg Fürth, 4:3 bei der TSG Ulm 1846, 6:2 gegen den SV Waldhof: Mit sieben überzeugenden Erfolgen und 33:7 Toren startete die vom neuen Trainer Herbert Widmayer mit Talenten wie Steff Reisch und Kurt Haseneder aus dem eigenen Nachwuchs verjüngte Club-Mannschaft um Weltmeister Max Morlock in die Saison 1960/61. Souverän marschierte der FCN weiter zur Meisterschaft in der Oberliga Süd, ungeschlagen ließ er in seiner Endrundengruppe 2 Werder Bremen, den 1. FC Köln und Hertha BSC hinter sich, sodass er erstmals seit dem Titelgewinn von 1948 wieder das Endspiel um die deutsche Meisterschaft bestreiten durfte.

Borussia Dortmund hieß der Gegner am 24. Juni 1961 vor 82.000 Zuschauern im Niedersachsenstadion von Hannover. Die von Max Merkel trainierten Westfalen, deutscher Meister 1956 und 1957 (mit, einmalig im deutschen Fußball, exakt derselben Elf) gingen aufgrund ihrer großen Erfahrung als Favorit in das Finale. Beim FCN hoben die beiden „Senioren“ Morlock (36 Jahre) und Heiner Müller (27) das Durchschnittsalter der Club-Elf gewaltig an – auf 23,7 Jahre.

Mit den Worten „Wir wollen versuchen, gut über die ersten 20 Minuten zu kommen“, schickte Morlock seine Mannschaftskameraden auf den Rasen. Doch damit gaben sich die ob ihrer unbekümmerten, forschen Spielweise landauf, landab nur „junge Wilde“ genannten Nürnberger nicht zufrieden. Nach einer Flanke von Joe Zenger köpfte der 19-jährige Kurt Haseneder schon in der sechsten Minute aus kurzer Distanz zur überraschenden Führung ein. Gegen sichtlich geschockte Dortmunder erhöhte Müller kurz vor der Pause sogar auf 2:0.

Auch nach der Pause, als die Borussia auf den Anschlusstreffer drängte, blieben die fränkischen Milchgesichter erstaunlich kühl. Überstanden die kritische Phase mit Glück – ein Tor der Borussia wurde wegen Behinderung von Torhüter Roland Wabra nicht anerkannt, einmal sprang der Ball von der Querlatte zurück ins Feld – und Geschick, und entschieden die Partie in der 67. Minute endgültig für sich: Nach einem weiten Abstoß Wabras enteilte Müller auf der linken Seite allen Gegenspielern, passte zum mitgelaufenen Mittelstürmer Heinz Strehl, der zum 3:0-Endstand einschob. „Aus jeder Handlung, aus jedem Pass, aus jeder direkten Kombination spürte man das ideale Ineinandergreifen der einzelnen Mannschaftsteile“, schwärmte das Sport-Magazin.

Nach dem Abpfiff bejubelten die jungen Wilden ausgelassen die achte Meisterschaft, mit der sich der FCN wieder zum alleinigen Rekordmeister aufschwang. Der vorbildliche Kapitän Max Morlock hatte sich seinen größten Traum erfüllt und nochmals einen Titel mit dem Club errungen. Als i-Tüpfelchen auf eine überragende Saison wurde er im Herbst von den deutschen Sportjournalisten zum Fußballer des Jahres 1961 gekürt. So sehen Sieger aus.


DAS ZIEL KNAPP VERFEHLT 1969

Natürlich lautete das Ziel Titelverteidigung. „Wir wollen wieder vorne mitspielen“, verkündete Max Merkel, Trainer des deutschen Meisters 1. FC Nürnberg, vor der Saison 1968/69.

Warum auch nicht. Sicher, der Club hatte seine Leistungsträger Gustl Starek (zum FC Bayern), Charly Ferschl und Franz Brungs (beide Hertha BSC) ziehen lassen. Vor allem der Verkauf von Torjäger Brungs, der in der Meistersaison stolze 25 Treffer erzielt hatte, für nicht einmal 200.000 Mark Ablöse stieß auf großes Unverständnis rund um den Valznerweiher. Gleichzeitig hatte Merkel 13 neue Spieler verpflichtet. Er wolle „aus der Bauernkapelle ein Sinfonieorchester formen“, erklärte der Österreicher im Juli 1968 und fing, wie Rechtsverteidiger Horst Leupold erzählt, „mit fast allen Spielern Zirkus an, auch mit mir“. Merkel habe ihn nach dem Titelgewinn zu sich ins Büro gerufen und gesagt: „Dich haue ich raus aus der Mannschaft, für dich habe ich schon einen Besseren in der Hinterhand.“ Der Trainer habe ihn und andere Meisterspieler „in der Öffentlichkeit zerrissen“.

In der Saisonvorbereitung mussten die Club-Spieler Bergabläufe über Geröllfelder bestreiten, unten ging es dann in Bleischuhen weiter. „Als die Saison begann“, sagt Leupold, „waren wir in einem katastrophalen körperlichen Zustand.“ Prompt setzte es am ersten Spieltag eine 1:4-Heimschlappe gegen Alemannia Aachen, „und im Lauf des Jahres“, so der Abwehrspieler, „wurde es immer schlimmer mit ihm“.

Am 7. Juni 1969 schließlich war das Unfassbare Wirklichkeit geworden. Die Bundesliga hatte den dramatischsten Abstiegskampf aller Zeiten erlebt, drei Spieltage vor Schluss zitterten noch neun Mannschaften um den Klassenerhalt. Am Ende trennten den Zweiten, Aachen, vom Letzten, Kickers Offenbach, ganze zehn Punkte, und der zweite Absteiger neben den Hessen hieß 1. FC Nürnberg.

Ein viel zu spät, Ende März, vollzogener und zudem halbherziger Trainerwechsel – Merkel, der den Bodenkontakt nach dem Titelgewinn gänzlich verloren hatte, wurde zunächst durch seinen Assistenten Robert Körner ersetzt, ehe mit Kuno Klötzer ein gestandener Fußballlehrer kam – und das Eingreifen des großen Idols Max Morlock als moralische Stütze konnten den FCN nicht mehr retten. Trotz der 8:4 Punkte in den sechs Spielen unter Klötzer stürzte der Club ins Bodenlose, auch, weil er im entscheidenden Heimspiel gegen den direkten Konkurrenten Dortmund am 33. Spieltag über ein 2:2 nicht hinauskam. Torhüter Jürgen Rynio, der nach Saisonende zur Borussia wechselte, sah bei beiden Gegentreffern durch Lothar Emmerich und Willi Neuberger nicht gut aus – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Nach dem 0:3 im Saisonfinale beim 1. FC Köln verließen viele Nürnberger Profis, allen voran Abwehrspieler Leupold, hemmungslos weinend das Müngersdorfer Stadion. Das Ziel Titelverteidigung knapp verfehlt: Zum einzigen Mal in der Geschichte der Bundesliga stieg der amtierende Meister ab.


NICHTS IST FÜR EWIG 1984

Es schien ein Rekord für die Ewigkeit zu sein. 16 ihrer 17 Auswärtsspiele verlor die Berliner Tasmania in der Saison 1965/66, lediglich beim 0:0 in Kaiserslautern am achten Spieltag konnte der schlechteste Absteiger der Bundesligageschichte einen Punkt ergattern.

Doch der Club bewies, dass es sehr wohl noch schlechter geht. Schon 1982/83 hatte er bei seinen letzten zwölf Auftritten in der Fremde zwölf Niederlagen kassiert, war dank der 23:11 Punkte zu Hause aber nie in ernsthafte Abstiegsgefahr geraten. Ganz anders in der Saison 1983/84. Vom ersten Spieltag an fand er sich im Tabellenkeller wieder, wieder brachte er auswärts kein Bein auf den Boden. 0:3 in Leverkusen, 1:2 in Düsseldorf, 0:2 in Bremen, 0:1 beim SV Waldhof, eine Schlappe jagte die andere. Am 5. November 1983 fing sich der FCN beim späteren Meister VfB Stuttgart mit 0:7 eine seiner zwei höchsten Bundesliganiederlagen aller Zeiten ein: Nach einem 0:0 zur Pause musste Torhüter Rudi Kargus, der in der 13. Minute noch einen Elfmeter von Karl Allgöwer gehalten hatte, in 45 Minuten sieben Mal hinter sich greifen. „Kargus‘ Vorderleute klappten zusammen“, schrieb der kicker über das Scheibenschießen in der zweiten Halbzeit. Nur ein Vierteljahrhundert später, am 26. September 2018, ließ sich der von Michael Köllner trainierte Club im Dortmunder Signal-Iduna-Park noch ein zweites Mal mit 0:7 zerlegen.

Zurück ins Jahr 1984. Auch die drei Trainerwechsel von Udo Klug zu Rudi Kröner, von Kröner nach nur 41 Tagen und 1:9 Punkten zu Fritz Popp und von Popp zu Heinz Höher liefen ins Leere. Unter Höher, der in der gesamten Rückrunde auf der Bank saß, ging es sogar noch weiter abwärts: Am 27. April kassierte der Club, erneut gegen den VfB Stuttgart, mit einem 0:6 die höchste Heimniederlage seiner Bundesligazeit. Mit zehn Pleiten am Stück verabschiedete er sich sang- und klanglos aus der deutschen Eliteklasse. Allein bemerkenswert an diesem dritten Abstieg die blamable Auswärtsbilanz: 17 Spiele, 17 Niederlagen, 9:46 Tore. Vielleicht ein Rekord für die Ewigkeit.


OFFENSIV IN DEN ABGRUND 2014

Mit seiner wallenden blonden Mähne sah er aus wie eine Mischung aus Rod Stewart und Keith Richards. Dass die kurze Zeit des Niederländers Gertjan Verbeek als Trainer des 1. FC Nürnberg trotz einer trostlosen Bilanz mitunter noch immer verklärt wird, liegt jedoch nicht an seiner Frisur, sondern an rund 70 Bundesligaminuten.

Im Oktober 2013, nach fünf Unentschieden und drei Niederlagen an den ersten acht Spieltagen der Saison 2013/14, wurde Trainer Michael Wiesinger am Tag nach einer happigen 0:5-Heimniederlage gegen den Hamburger SV entlassen. Beim 1:1 in Frankfurt saß Interimstrainer Roger Prinzen auf der Bank, dann übernahm der in Deutschland weitgehend unbekannte Verbeek das Zepter im Zabo.

Ausgestattet mit einem beeindruckenden Selbstbewusstsein, stürzte sich der Fußballlehrer in seine Arbeit. Sein Hauptaugenmerk schenkte er dem Krafttraining, dem Aufbau der Muskeln seiner Spieler. Nach einem 1:1 in Stuttgart und einer 0:3-Heimniederlage gegen den SC Freiburg trat der FCN am 9. November 2013 bei Borussia Mönchengladbach an. Im Borussia-Park zeigten die Franken weit über eine Stunde lang ihr vielleicht bestes Auswärtsspiel des neuen Jahrtausends. Aggressiv attackierten sie den Gegner schon an dessen Strafraum, ließen so gut wie keinen gefährlichen Borussen-Angriff zu und erarbeiteten sich selbst hochkarätige Chancen; durch einen Treffer von Josip Drmic aus der 21. Minute führten sie lange mit 1:0. Laufleistung, gewonnene Zweikämpfe und Torchancen – in allen Punkten hatte der Club auch nach 90 Minuten die Nase vorn. „Meine Zuversicht“, erklärte Verbeek, „ist weiter gewachsen.“

Ach so, das Endergebnis – 3:1 für Mönchengladbach. Ein Tor aus dem Nichts durch Juan Arango in der 72. Minute hatte die Begegnung zum Kippen gebracht. Die Club-Profis konnten die von Verbeek verordnete, ungemein kräftezehrende Spielweise nicht durchhalten. FCN-Verteidiger Niklas Stark mit einem Eigentor und der Gladbacher Patrick Herrmann erzielten die weiteren Treffer. Der Trainer und auch Sportvorstand Martin Bader machten die Niederlage jedoch allein an Schiedsrichter Christian Dingert fest, der einem Wembleytor Drmics die Anerkennung verweigert und eine elfmeterreife Grätsche gegen Drmic nicht mit Strafstoß geahndet hatte.

Der FCN fiel nach diesem 12. Spieltag auf den letzten Tabellenplatz zurück. „Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir uns keinen Sand in die Augen streuen“, sagte Bader noch. Genau dies geschah: Als erster Verein der Bundesligageschichte konnte der Club während der gesamten Hinrunde keinen einzigen Sieg feiern, ein kurzes Zwischenhoch zu Rückrundenbeginn verpuffte schnell, doch Verbeek, der trotz einer Flut von Verletzungen – die Ärzte und Physiotherapeuten am Valznerweiher auch auf sein exzessives Krafttraining zurückführten – keinen Millimeter von seiner variationslosen offensiven Spielidee abwich, durfte bis Ende April 2014 weiterwerkeln. Die Mannschaft war längst in alle Einzelteile zerfallen, als Bader drei Spieltage vor Saisonschluss, nach acht Niederlagen in neun Spielen, die Reißleine zog und den Niederländer beurlaubte. Viel zu spät, um den achten Abstieg aus der Bundesliga noch zu verhindern.


DOPPELSTOPPER UND BETON 1965

Klar, es gab die Interimstrainer, die für eine meist kurze Übergangszeit einsprangen: Fritz Popp 1981 und 1983, Dieter Lieberwirth 1990 und 2005, Thomas Brunner 1998 und 2000, Roger Prinzen 2013 und 2014. Auch Hermann Gerland und Willi Entenmann wurden zweimal verpflichtet, beim zweiten Mal jedoch nicht zu Nürnberger Erstligazeiten. Auf zwei zeitlich voneinander getrennte Perioden als Cheftrainer des FCN in der Bundesliga brachte es nur ein einziger Fußballlehrer – ausgerechnet der, unter dem der Club den vielleicht hässlichsten Fußball seit seiner Gründung spielte: Jenő Csaknády.

Der Ungar mit Wohnsitz in Nürnberg beerbte am 1. November 1963 den zwei Tage zuvor als ersten Trainer der Bundesligageschichte entlassenen Herbert Widmayer. In Csaknádys Premierenspiel hielt der Club bis zur 81. Minute ein 1:1 bei Borussia Dortmund, dann unterlief Ferdinand Wenauer ein unglückliches Eigentor, ehe vier Minuten vor Schluss Lothar Emmerich zum 3:1-Endstand traf. Schon bald rätselten die Verantwortlichen, wie es der Fußballlehrer geschafft hatte, im Jahr zuvor AEK Athen zur Meisterschaft in Griechenland zu führen. Nicht nur erfolglos, sondern auch unansehnlich trat der Club unter ihm auf, mit Doppelstopper und Betonfußball vergraulte er die Zuschauer. Als Augenzeuge des 0:1 beim VfB Stuttgart am elften Spieltag konnte sich Siegfried Kronenbitter, 1942/43 selbst Gastspieler beim FCN und mittlerweile Geschäftsführer des Süddeutschen Fußballverbandes, kaum noch beruhigen. „Nur Hemd und Hose“ habe diese Mannschaft noch mit dem berühmten Club gemeinsam, schimpfte er, „in dieser Elf steckt gar nichts, vor allem fußballerisch nicht.“

Das letzte Heimspiel der Saison am 25. April 1964 gegen Eintracht Braunschweig, das mit einem 1:0-Sieg endete, lockte nur noch 12.000 Besucher an. Obschon das Premierenjahr der neuen Eliteklasse mit 29:31 Punkten und Rang neun durchaus versöhnlich ausklang, löste Csaknády mit der Ankündigung seines Rücktritts im Mai 1964 große Erleichterung aus.

Gut zwölf Monate später – sein Nachfolger Gunther „Bello“ Baumann hatte aufgrund einer von Präsident Walther Luther angekündigten Beschneidung seiner Kompetenzen schon nach einem Jahr das Handtuch geworfen – kehrte der Ungar zur allgemeinen Überraschung an den Valznerweiher zurück. Csaknády habe während seiner ersten Amtszeit bewiesen, dass er einen Bundesligisten erfolgreich trainieren könne, erklärte Luther. Der Fußballlehrer habe die Mannschaft 1963 in einer Krisensituation übernommen „und mit harten Maßnahmen auf einen sicheren Tabellenplatz geführt“.

Dies gelang Csaknády auch 1965/66 wieder, nach einer wechselvollen Saison landete der Club mit 39:29 Punkten auf Rang sechs. 1966/67 aber ging es bergab. Die Auftritte wurden immer unansehnlicher, offensiv fand der Club in vielen Spielen kaum noch statt. In der Partie gegen Rot-Weiss Essen am 5. November 1966 vor gerade noch 11.000 Zuschauern konnte der FCN eine frühe Führung durch Georg Volkert aus der neunten Minute nicht über die Zeit retten und erreichte nach einer erbärmlichen Leistung nur ein 1:1. „Der Club auf dem Tiefpunkt“, schrieb der kicker. „Von Technik, Spielwitz und Spielanlage nichts zu sehen. Die Nürnberger Mannschaft hat jedes Gesicht verloren.“

Was die Vereinsführung schließlich genauso sah. Zwei Tage nach der ernüchternden Vorstellung wurde Csaknády entlassen und durch seinen Landsmann und Vornamensvetter Jenő Vincze, Trainer der Nürnberger Amateurmannschaft, ersetzt. Doch Überraschung, Überraschung, 1968 feierten Csaknády und der Club die Meisterschaft – freilich getrennt voneinander: Der Ungar erneut mit AEK Athen in Griechenland, der FCN mit Max Merkel in der Bundesliga.

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