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Harald Bathelt Johannes Glückler
Wirtschaftsgeographie
Ökonomische Beziehungen in räumlicher Perspektive
4., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage
122 Abbildungen
23 Tabellen


Inhaltsverzeichnis
Cover
Haupttitel
Die UTB-Reihe
Inhaltsverzeichnis
Über den Autor
Impressum
Vorwort zur 4. Auflage
Teil 1: Einführung
1Zu einer Geographie der Wirtschaft
1.1Warum eine Geographie der Wirtschaft?
1.2Illustration: Wie funktioniert regionale Wirtschaftsentwicklung?
1.3Aufbau des Buchs
2Zu einer relationalen Wirtschaftsgeographie
2.1Geographie im Paradigmenwechsel
2.1.1Die Ursprünge wissenschaftlicher Geographie: Länder- und Landschaftskunde
2.1.2Die methodologische Revolution: Geographie als Raumwissenschaft
2.1.3Die (sozial-)theoretische Revolution: Geographie als Akteurswissenschaft
2.1.4Die Evolution der Paradigmen im Zeichen der Moderne
2.2Wirtschaftsgeographie im Paradigmenwechsel
2.2.1Wirtschaftsgeographie in der Länderkunde
2.2.2Raumwirtschaftslehre
2.2.3Ansatzpunkte einer new economic geography
2.3Das Argument der zweiten Transition in der Wirtschaftsgeographie
2.3.1Storpers Konzeption der holy trinity
2.3.2Neue relationale Positionen
2.3.3Forschungsprogrammatische Elemente der relationalen Wirtschaftsgeographie
2.3.4Grundkonzepte einer relationalen Wirtschaftsgeographie
3Grundlagen ökonomischer Beziehungen
3.1Bedürfnisse
3.2Güter
3.3Wirtschaftliche Produktion und Produktionsfaktoren
3.3.1Produktionsfaktor Boden
3.3.2Produktionsfaktor Arbeit
3.3.3Produktionsfaktor Kapital
3.3.4Relationale Sichtweise von Ressourcen
3.4Neoklassischer Markttausch
3.5Leistungsmessung in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung
4Geographische Grundbegriffe
4.1Positionale Raumkonzepte: Raum, Region, Territorium und Standort
4.1.1Physikalischer Begriff des Raums
4.1.2Territorium
4.1.3Region
4.1.4Abgrenzung von Regionen
4.1.5Standort
4.2Relationale Raumkonzepte: Distanz und Nähe
4.2.1Messung von Distanz
4.2.2Konzepte der Nähe
4.2.3Zur Bedeutung temporärer Nähe in der globalen Ökonomie
4.3Räumliche Disparitäten: Verdichtungsräume und ländliche Räume
4.3.1Verdichtungsräume
4.3.2Ländliche Räume
4.4Möglichkeiten und Grenzen der Messung räumlicher Verteilungen
4.4.1Parameter der regionalen Strukturanalyse
4.4.2Methoden der regionalen Wachstumsanalyse
4.5Globale Verflechtungen
4.5.1Grundkonzeption der Globalisierung
4.5.2Wider die Hyperglobalisierung
4.5.3Regionalisiertes Wachstum internationalen Handels
4.5.4Internationalisierung von Kapitalverflechtungen durch Direktinvestitionen
4.5.5Internationalisierung des Austauschs von Technologien und Wissen
Teil 2: Ansätze und Grenzen der Raumwirtschaftslehre
5Im Denken räumlicher Ordnung und Hierarchie
5.1Lagerentenprinzip, Transportkostenprimat und landwirtschaftliche Landnutzung
5.1.1Bodenrente und Lagerente
5.1.2Prinzipien des isolierten Staats
5.1.3Von Thünen’sche Ringe verschiedener Maßstabsebenen
5.1.4Kritische Würdigung des isolierten Staats
5.2Übertragung des Lagerentenprinzips auf den städtischen Bodenmarkt
5.2.1Prinzipien der städtischen Landnutzungslehre
5.2.2Kritische Würdigung der städtischen Landnutzungslehre
5.2.3Stadtstruktur und Landnutzung
5.3Optimale Versorgung im System zentraler Orte
5.3.1Städtische Ballungen und zentrale Orte
5.3.2Umlandbildung aus Produzentenperspektive
5.3.3Umlandbildung aus Kundenperspektive
5.3.4Anordnung der Einzugsbereiche in einem Hexagonalmuster
5.3.5Hierarchisches System zentraler Güter und zentraler Orte
5.3.6Marktnetze nach Lösch
5.3.7Zentrale Orte in der Planungspraxis in Deutschland
5.3.8Kritische Würdigung des Zentrale-Orte-Systems
5.3.9Erweiterte Konzepte: Städtenetze versus Städteverbünde
5.3.10Zentrale Orte und zukünftige Stadtentwicklung
6Industrielle Standortwahl
6.1Raumabhängigkeit und Faktordominanz der industriellen Standortlehre
6.1.1Kostenminimale Standortwahl
6.1.2Konzept der Agglomerationsvorteile
6.1.3Interdependente Standortwahl
6.1.4Das Marginalprinzip
6.1.5Behavioristische Standortwahl
6.2Kritische Würdigung der traditionellen Standortlehre
6.2.1Gewinnmaximierung
6.2.2Kausalität
6.2.3Unternehmenskonzept
6.2.4Kostenorientierung
6.2.5Footloose-Industrien und ubiquitification
6.2.6Standortfaktorensicht
6.2.7Statik
6.3Vom Transportkostenprimat zu Standortfaktorenkatalogen
6.3.1Abnehmende Bedeutung von Transportkosten
6.3.2Agglomerationsvorteile im Wandel
6.3.3Arbeitsmarktaspekte
6.3.4Öffentlich-staatliche Einflüsse und Kapitalmarkt
6.3.5Scheinbare Bedeutung von Umwelt- und Lebensbedingungen
6.3.6Harte versus weiche Standortfaktoren
6.3.7Standortwahl als Suchprozess
Teil 3: Interaktion und Institution
7Interaktion: Wirtschaftliches Handeln in sozialen Beziehungen
7.1Wandel des Menschenbilds
7.1.1Unvollständige Informationen
7.1.2Grenzen der Rationalität
7.1.3Grenzen des Opportunismus: homo reciprocans
7.1.4Relationale Perspektive des Handelns
7.2Soziale Situationen der Interdependenz
7.2.1Soziale Situationen
7.2.2Interdependenz und Koordinationsproblem
7.2.3Interaktion und Transaktion
7.3Interaktionen in sozialen Beziehungen
7.3.1Vertrauen
7.3.2Reputation
7.3.3Soziales Kapital
7.3.4Einfluss neuer Informations- und Kommunikationstechnologien
8Institutionen
8.1Institutionen und ökonomisches Handeln
8.1.1Zur Regelmäßigkeit sozialen Handelns
8.1.2Begriff und Arten von Institutionen
8.1.3Institutionen zwischen Handeln und Struktur
8.1.4Institutionen aus räumlicher Perspektive
8.2Entstehung und Gestaltung von Märkten
8.2.1Vom Markt zu Märkten
8.2.2Konstitution von Märkten
8.2.3Performativität von Märkten
8.2.4Märkte in räumlicher Perspektive
8.3Institutioneller Wandel
8.3.1Inkrementelle Anpassung von Institutionen
8.3.2Persistenz von Institutionen und institutionelle Hysterese
8.3.3Institutional entrepreneurship
8.3.4Institutionen und Macht
8.3.5Zur Rolle von Institutionen in Innovationsprozessen
Teil 4: Organisation
9Organisation wirtschaftlichen Austauschs
9.1Transaktionskosten und räumliche Produktionsorganisation in der neuen Institutionenökonomie
9.1.1Unternehmensorganisation als Transaktionsproblem
9.1.2Transaktionskostenansatz
9.1.3Transaktionskosten in räumlicher Perspektive
9.2Embeddedness und Netzwerkbildung in der new economic sociology
9.2.1Der embeddedness-Ansatz
9.2.2Embeddedness in räumlicher Perspektive
9.2.3Unternehmensnetzwerke
9.2.4Paradoxon der embeddedness und lock-in
9.3Temporäre Kooperation in Projekten
9.3.1Projektorganisation
9.3.2Projekte in räumlicher Perspektive
9.3.3Grenzen der Projektorganisation
10Geographische Cluster
10.1Nationale Wettbewerbsvorteile und industrielle Cluster
10.1.1Faktorbündel zur Erklärung industrieller Cluster
10.1.2Kritische Würdigung des Porter’schen Diamanten
10.2Industriedistrikte und innovative Milieus
10.2.1Dreigeteilte räumliche Wirtschaftsstruktur in Italien
10.2.2Konzeption der Industriedistrikte in Italien
10.2.3Probleme der Übertragbarkeit des Dritten Italiens
10.2.4Milieuansatz der GREMI-Schule
10.2.5Innovatives Milieu
10.2.6Konvergenz der Milieu- und Distriktansätze
10.3Theorie regionaler Cluster
10.3.1Clusterdimensionen und trade-offs
10.3.2Lokales Rauschen und globales Pfeifen: Zu einer wissensbasierten Clustertheorie
10.3.3Temporäre Cluster zur Herstellung globaler Vernetzungen
10.3.4Zum Verhältnis temporärer und permanenter Cluster
10.3.5Clusternetzwerke in räumlicher Perspektive
11Geographie des Unternehmens
11.1Strategie und geographische Organisation von Unternehmen
11.1.1Wechselwirkung von Strategie und Struktur
11.1.2Tripolare Unternehmenstypologie
11.1.3Entwicklungsstufen der Unternehmensorganisation
11.2Internationalisierung von Unternehmen
11.2.1Strategien der Internationalisierung
11.2.2Eklektisches Paradigma und Stufentheorien
11.2.3Netzwerkperspektive der Internationalisierung
11.3Globale Organisation der Wertschöpfung
11.3.1Typen international agierender Unternehmen
11.3.2Marktmacht und oligopolistischer Wettbewerb
11.3.3Aushandlungsprozesse zwischen Staat und Unternehmen
11.3.4Globale Waren- und Wertschöpfungsketten
11.3.5Globale Produktionsnetzwerke
Teil 5: Evolution
12Regionales Wachstum
12.1Neoklassische Theorie
12.1.1Grundmodell regionalen Wachstums
12.1.2Kritische Würdigung der neoklassischen Theorie
12.2Polarisationstheorie
12.2.1Sektorale Polarisation
12.2.2Regionale Polarisation
12.2.3Zirkuläre Verursachung kumulativer Prozesse
12.2.4Zentrum-Peripherie-Modelle
12.2.5Kritische Würdigung der Polarisationstheorie
12.3Exportbasis-Ansatz und regionale Wirtschaftspolitik
12.3.1Regionalwirtschaftliche Multiplikatoreffekte im Exportbasis-Ansatz
12.3.2Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur
12.3.3Europäische Regionalpolitik und Wirtschaftsförderung
12.4Geographical economics
12.4.1Regionale Industrieballungen
12.4.2Kleinräumige Industriespezialisierungen
12.4.3Dynamik von Konzentrations- und Entleerungsprozessen
12.4.4Kritische Würdigung von Krugmans geographical economics
13Evolution von Unternehmen und Standorten
13.1Evolution in der Organisationsökologie
13.1.1Grundzüge evolutionärer Theorien
13.1.2Evolution und Organisationsökologie
13.1.3Organisationsökologie in räumlicher Perspektive
13.1.4Kritische Würdigung der Organisationsökologie
13.2Unternehmensgründungen aus evolutionärer Sicht
13.2.1Gründungs-, Standort- und Wachstumsfaktoren
13.2.2Schumpeter’scher Unternehmerbegriff
13.2.3Saatbeet-Hypothese
13.2.4Inkubator-Hypothese
13.2.5Neugründungen als spin-offs
13.2.6Gründungsforschung und Förderpolitik
13.3Evolutionäres Modell geographischer Industrialisierung
13.3.1Lokalisation und windows of locational opportunity
13.3.2Selektive Clusterungsprozesse
13.3.3Dispersionsprozesse in growth peripheries
13.3.4Shifting centers
13.4Entstehung und Evolution von regionalen Unternehmensballungen
13.4.1Entstehung von Clustern und Clusterpolitik
13.4.2Evolution bestehender Cluster
13.4.3New industrial spaces und Super-Cluster
13.5Ansätze einer evolutionsökonomischen Wirtschaftsgeographie
13.5.1Perspektiven und Grundkonzepte
13.5.2Variation durch Innovation und verwandte Vielfalt
13.5.3Räumlich differenzierte Selektion
13.5.4Reproduktion in Entwicklungspfaden
13.5.5Kritische Würdigung der evolutionsökonomischen Wirtschaftsgeographie
Teil 6: Innovation
14Innovation und Unternehmen
14.1Innovation
14.1.1Innovation als Ergebnis
14.1.2Innovation als Prozess
14.1.3Invention versus Imitation
14.2Produktzyklustheorie
14.2.1Forschung und Entwicklung im linearen Modell
14.2.2Produktzyklustheorie in räumlicher Perspektive
14.2.3Unternehmens-, Industrie- und Regionalzyklen
14.2.4Kritische Würdigung der Produktzyklustheorie
14.3Evolutionäre Perspektive technologischen Wandels
14.3.1Evolutionäres Modell konkurrierender Technologien
14.3.2Wissensaustausch und Lernen im Innovationsprozess
14.3.3Institutionen des technologischen Wandels
15Technologischer und gesellschaftlicher Wandel
15.1Theorie der langen Wellen
15.1.1Schumpeters Theorie der langen Wellen
15.1.2Lange Wellen in räumlicher Perspektive
15.1.3Kritische Würdigung der Theorie der langen Wellen
15.1.4Technisch-ökonomische Paradigmen im neoschumpeterianischen Ansatz
15.2Regulationsansatz
15.2.1Akkumulationsregime und Regulationsweise
15.2.2Entwicklungsphase und -krise in räumlicher Perspektive
15.2.3Aus der Fordismuskrise zu einer neuen Entwicklungsphase?
15.2.4Nachfordistische Strukturen in räumlicher Perspektive
15.2.5Kritische Würdigung der Regulationstheorie
15.3Innovationssysteme
15.3.1Typen von Innovationssystemen
15.3.2Nationale Innovationssysteme
15.3.3Regionale Innovationssysteme
15.3.4Lernen und Innovation in räumlicher Perspektive
15.4Varieties of capitalism
15.4.1Institutionelle Ebenen und Komplementaritäten
15.4.2Liberale und koordinierte Marktwirtschaften in räumlicher Perspektive
15.4.3Kritische Würdigung des varieties-of-capitalism-Ansatzes
Literaturverzeichnis
Verzeichnis der Fallbeispiele
Über den Autor
Prof. Dr. Harald Bathelt ist Professor am Department of Political Science der University of Toronto, Kanada, wo er den Canada Research Chair für Innovation & Governance innehält. Er ist zudem Professor am Department of Geography and Planning der University of Toronto und seit 2011 Zijiang Visiting Professor am Institute of Urban Development an der East China Normal University in Shanghai. Zuvor war er als Professor an den Universitäten Frankfurt/Main und Marburg tätig. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich Wirtschafts- und Industriegeographie, Politische Ökonomie und Methodik. Harald Bathelts Forschungstätigkeit basiert auf einem relationalen Forschungsansatz in der Wirtschaftsgeographie, wissensbasierten Konzeptionen permanenter und temporärer Cluster, Prozessen der Wissensgenerierung und Innovation über Distanz sowie den sozioökonomischen Konsequenzen des regionalen, technologischen und institutionellen Wandels. Weitere Informationen über seine gegenwärtigen Forschungsaktivitäten und Publikationen unter www.harald-bathelt.com.
Prof. Dr. Johannes Glückler ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialgeographie und Direktor am Geographischen Institut der Universität Heidelberg. Er ist ferner Research Fellow am Marsilius Centre for Advanced Study in Heidelberg. Zuvor war er Professor für Wirtschaftsgeographie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Seine Forschungsinteressen liegen in der Wirtschaftsgeographie, der Organisationsforschung, Theorien und Methoden sozialer Netzwerke sowie der Geographie der Dienstleistungsökonomie. Seine Forschung folgt einer relationalen Perspektive und widmet sich insbesondere der Analyse intra- und interorganisatorischer Wissens- und Kooperationsnetzwerke, kreativer und wissensintensiver Dienstleistungsmärkte sowie den institutionellen und organisatorischen Grundlagen wirtschaftlicher Beziehungen in regionaler und globaler Perspektive. Weitere Informationen über seine Forschungsinteressen und Publikationen unter www.wirtschaftsgeographie.uni-hd.de.
Impressum
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
© 2002/2018 Eugen Ulmer KG
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E-Mail: info@ulmer.de
Internet: www.ulmer.de
Produktion: primustype Hurler GmbH | v1
ISBN 978-3-8252-8728-3 (Print)
ISBN 978-3-8463-8728-3 (E-Book)
Vorwort zur 4. Auflage
In der ersten Auflage der Wirtschaftsgeographie vor über 15 Jahren war es uns ein Anliegen, die thematische Begrenzung, ein oftmals deterministisches Verständnis von Raum und die geringe Interdisziplinarität in konventionellen Lehrbüchern zu überwinden und neue Strömungen in der Geographie und den Sozialwissenschaften aufzugreifen. Wir argumentierten mit der zweiten Transition als paradigmatischem Übergang für den integrativen und sozialwissenschaftlich anschlussfähigen Rahmen einer relationalen Wirtschaftsgeographie. Angeregt durch vielfältige fachliche Entwicklungen, aber auch durch kritische Fragen, Kommentare und Hinweise seitens unserer Kollegen und Studierenden, haben wir die Struktur dieses Buchs seit der ersten Auflage fortwährend angepasst und umfangreich erweitert. Seit der dritten Auflage haben sich aktuelle Strömungen wie z.B. institutionelle, evolutionäre, netzwerk- oder clustertheoretische Ansätze weiterentwickelt, ebenso wie sich förderpolitische Rahmenbedingungen und Instrumente auf bundesdeutscher und europäischer Ebene gewandelt haben. Wir haben diese Entwicklungen genutzt, um das Buch vollständig zu überarbeiten, Fehler zu korrigieren, Textteile traditioneller Ansätze und Debatten zu straffen und neuere Ansätze um jüngste Forschungsbeiträge zu aktualisieren. Angesichts des mittlerweile bemerkenswerten Umfangs des Buchs und der großen fachhistorischen Reichweite von Ansätzen länderkundlicher Wirtschaftsgeographie über die klassische Standortlehre bis hin zur Vielfalt gegenwärtiger mikro- und makroanalytischer Innovations- und Entwicklungstheorien danken wir Katrin Janzen, Regina Lenz, Anna Mateja Schmidt, Laura Suarsana, Michael Handke, Robert Panitz, Christian Wuttke und Marius Zipf herzlichst für die kritische Durchsicht des Manuskripts und für viele inhaltliche und redaktionelle Hinweise und Anregungen.
Trotz all der fachlichen Weiterentwicklungen und des anhaltenden technologischen und wirtschaftlichen Wandels einer globalen Wissensökonomie bleibt es das Ziel des Buchs, eine breite und grundlegende Einführung in zentrale Fragen der Wirtschaftsgeographie anzubieten: Warum und wie sind ökonomische Prozesse an verschiedenen Orten und Regionen unterschiedlich organisiert? Wie kommt es deshalb zu beobachtbaren und messbaren sozioökonomischen Differenzierungen in räumlicher Perspektive? Wie sind Unternehmen auf unterschiedliche Weise in lokale, regionale, nationale oder supranationale Entwicklungszusammenhänge eingebunden und wie prägen diese ihr Handeln? Damit verbunden ergeben sich für die wirtschaftsgeographische Forschung vielfältige Aufgaben, insbesondere das Erklären und Verstehen lokalisierter Ballungs- und Spezialisierungsprozesse, der Entstehung und Dynamik räumlicher Disparitäten, der wirtschaftlichen Interaktion über geographische Entfernung sowie der Folgen des technologischen und institutionellen Wandels für die wirtschaftliche Entwicklung.
Die fachliche Entwicklung der letzten Jahre weist aufgrund neuer Ansätze und einer Wiederbelebung und Weiterentwicklung quantitativer Methoden nicht nur auf das angestiegene – bislang jedoch vielfach noch ungenutzte – Potenzial disziplinübergreifender Forschung und Zusammenarbeit hin. Stattdessen besteht die Gefahr, dass eine mitunter zunehmende Bildung von Schulen, wie z.B. der evolutionären Wirtschaftsgeographie oder globaler Produktionsnetzwerke, auch neue Spaltungen innerhalb der Wirtschaftsgeographie hervorruft. In diesem Spannungsfeld sehen wir die relationale Wirtschaftsgeographie nicht als eine weitere Theorie, die mit anderen Strömungen konkurriert, sondern als eine Perspektive, die vielfältige gegenstandsbezogene Konzepte und Theorien innerhalb und außerhalb des Fachs zu verbinden sucht. Das bereits in der dritten Auflage bemängelte Auseinanderdriften des Fachs und die gegenseitige Ausgrenzung unterschiedlicher Methoden und Gedankengebäude betrachten wir nach wie vor mit Sorge.
Stattdessen schlagen wir mit der relationalen Wirtschaftsgeographie eine explizit inklusive Perspektive vor, die anschlussfähig für viele sozialwissenschaftliche Ansätze und fachtheoretische Konzepte ist. Sie ist keine geschlossene Theorie, sondern eine analytische Forschungsperspektive, die vielfältige und heterogene Forschungsansätze umfasst, zugleich aber sechs grundlegende Kriterien in ihren Untersuchungsdesigns zusammen bindet (Bathelt und Glückler 2017):
Relationalität. Erstens geht relationale Forschung davon aus, dass soziales Handeln und soziale Beziehungen zwischen Akteuren als Quelle wirtschaftlicher Phänomene und Entwicklungen zu betrachten sind. Wirtschaftliche Phänomene „haben“ keine sozialen Beziehungen, sondern werden durch diese konstituiert.
Kontextualität. Zweitens impliziert der Fokus auf soziale Interaktionen eine systematische Berücksichtigung des raum-zeitlichen Kontexts und der damit verbundenen vielfältigen situativen Bedingungen.
Kontingenz. Drittens gelten die Konsequenzen ökonomischen Handelns notwendigerweise als ergebnisoffen. Aufgrund der immanenten Kontextabhängigkeit interessiert insbesondere, unter welchen Bedingungen Handlungskonsequenzen von erwarteten Auswirkungen abweichen – warum z.B. die Unternehmen einer Region trotz scheinbar günstiger Wachstumsbedingungen stagnieren.
Prozessualität. Viertens richtet sich der Erklärungsanspruch weniger auf formale Kausalität, sondern auf die Rekonstruktion und Qualität der einem wirtschaftlichen Phänomen zugrundeliegenden Prozesse. In historischer Perspektive wird ökonomisches Handeln daher als pfadabhängig angenommen. Insofern präferiert der relationale Ansatz evolutionäre Konzepte gegenüber Erklärungen, die an Lebenszyklusansätzen angelehnt sind.
Räumliche Perspektive. Fünftens folgt ein relationales Forschungsdesign in der Wirtschaftsgeographie einer räumlichen Perspektive von Handeln (Bathelt und Glückler 2003), durch die ökonomische Prozesse in Raum und Zeit situiert und in ihren Beziehungen zwischen verschiedenen Maßstabsebenen untersucht werden können. Raum gilt weder als Container von Merkmalen noch als Kausalfaktor, sondern ermöglicht die Problematisierung ökonomischer Prozesse hinsichtlich ihrer Dichte und Diversität sowie ihrer räumlichen Entfernung und sozialen Disparitäten.
Übertragbarkeit der Erkenntnisse. Trotz der Betonung von Kontextualität, Kontingenz und Pfadabhängigkeit strebt ein relationales Forschungsdesign sechstens nicht allein nach einzelnen Tatsachenerklärungen, sondern nach abstrahierbaren Erkenntnissen, die auf andere Kontexte als Prinzipien übertragen werden können. Es ist deshalb wichtig zwischen den notwendigen und kontingenten Bedingungen eines Kontexts zu unterscheiden (Sayer 2000). Relationale Konzepte können somit als Theorien mittlerer Reichweite (Merton 1949) charakterisiert werden, die einerseits gegenstandsnah gewonnen werden (Authentizität), zugleich aber abstrakt genug sind, um transferierbare Theorien zu entwickeln (Strukturierung).
Dieses Lehrbuch fördert neben der Vermittlung des aktuellen Forschungsstands vor allem kritisches Denken und konzeptionelle Zusammenhänge in der Wirtschaftsgeographie. Es unterscheidet sich von traditionellen Lehrbüchern dadurch, dass es über die scheinbar neutrale Darstellung etablierter Theorien hinausgeht. Es ist keine Enzyklopädie, die ein statisches Gesamtbild der Disziplin zeichnet. Im Gegenteil: Wir führen eine kritische Debatte wirtschaftsgeographischen Denkens mit dem Ziel, Studierende und Fachinteressierte aufgrund der Darlegung von Begriffen, Konzepten und deren Implikationen zu einem kompetenten Verständnis von Wirtschaftsgeographie anzuregen.
Natürlich ist es unmöglich, sämtliche Diskussionsstränge und Anwendungsbereiche gleichermaßen einzubeziehen. Die Auswahl der dargestellten Theorie- und Themenbereiche ist letztlich in besonderem Maß durch unsere eigenen und gemeinsamen Forschungsinteressen geprägt. Auch der Aufbau des Buchs folgt einem relationalen Ansatz und ist durch vielfältige Verweise und Rückkopplungen zwischen den einzelnen Textbausteinen und Kapiteln geprägt. Obwohl es möglich ist, das Buch von „A bis Z“ in linearer Form zu lesen, besteht der eigentliche Zweck darin, je nach Forschungsfrage, Problemlage oder Vorlesungsthema diejenigen Abschnitte des Buchs in der Lektüre zu verbinden, die einen konzeptionellen Zugang zu dem Forschungsgegenstand in einem spezifischen Kontext ermöglichen. Hierzu bietet das Buch durchgehend Verweise zu verwandten und angeschlossenen Themen in anderen Kapiteln.
Mit dem Ansatz der relationalen Wirtschaftsgeographie entwerfen wir eine offene Forschungsperspektive, die interdisziplinär angelegt ist und sich an ein breites wissenschaftliches Publikum aus dem Feld der Sozialwissenschaften richtet, darunter insbesondere an diejenigen Geographen, Ökonomen, Soziologien sowie Politik-, Planungs-, Management- und Organisationswissenschaftler, deren übergeordnetes Interesse es ist, wirtschaftliche Prozesse in räumlicher Perspektive zu verstehen. Zudem richten wir uns an alle Unternehmer, Planer, Politiker und sonstige Interessenten aus der Praxis, die sich bereits mit den räumlichen Auswirkungen wirtschaftlicher Prozesse beschäftigen und hierfür einen konzeptionellen Rahmen suchen. Die wichtigste Zielgruppe unseres Buches sind aber die Studierenden der verschiedenen Fachrichtungen, die einen breiten und disziplinübergreifenden Orientierungs- und Analyserahmen suchen, wenn sie eine räumliche Perspektive auf Wirtschaft und Gesellschaft anwenden.
Toronto und Heidelberg, im Sommer 2018
Harald Bathelt und Johannes Glückler
Teil 1: Einführung

1Zu einer Geographie der Wirtschaft
1.1Warum eine Geographie der Wirtschaft?
Seit über 2000 Jahren ist (trotz Schwierigkeiten bei der Messung) eine wachsende weltweite Wirtschaft zu beobachten (→ Abb. 1.1). Die Geschichte dieser Entwicklung lehrt uns, dass sich ökonomisches Wachstum weder kontinuierlich noch an allen Orten gleichförmig vollzieht. Im Wachstumsbericht der Weltbank analysiert eine Forschergruppe, angeführt von dem Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Spence, die Ursachen starken Wachstums (World Bank 2008). Hierbei zeigte sich, dass die Länder Botswana, Brasilien, China, Hong Kong, Indonesien, Japan, Korea, Malaysia, Malta, Oman, Singapur, Taiwan und Thailand über einen Zeitraum von bis zu 25 Jahren durchgängig Wachstumsraten ihres Bruttoinlandsprodukts von jährlich über 7 % aufwiesen. Können wir durch eine Analyse dieser Beispielländer das Geheimnis allgemeinen wirtschaftlichen Wachstums ergründen? Die kritische Lektüre des Berichts legt eher nahe, dass die Hoffnung auf ein allgemeines Wachstumsrezept unerfüllt bleiben wird (Easterley 2008). Bei vielen Ländern hat der Boom inzwischen nachgelassen und die Rahmenbedingungen des Wachstums sind sehr spezifisch (Acemoglu et al. 2005). Die Wirtschaftsgeschichte ist voller Beispiele dafür, dass einige Regionen einen lang anhaltenden (wenngleich nicht endlosen) wirtschaftlichen Aufschwung erfahren, während andere stagnieren oder schrumpfen (Maddison 2007; Landes 2009). Keine Region der Erde hat über die gesamte jüngere Geschichte eine kontinuierliche wirtschaftliche Entwicklung genossen. So sehr uns die Theorien der Wirtschaftswissenschaften die Regelhaftigkeiten des Ökonomischen lehren, so zeitlich unbeständig und geographisch unterschiedlich entfaltet sich die wirtschaftliche Entwicklung in der Realität.

Abb. 1.1 Die Entwicklung des Weltprodukts absolut und pro Kopf in US-Dollar seit Christi Geburt (nach Maddison 2007; World Bank 2008)
Der spezifische geographische Kontext ist Quelle ökonomischer Bedingungen und Lebenssituationen, die zu regionalen Ungleichheiten führen und unterschiedliche Chancen gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung zur Folge haben (Storper 2009). Ein Mensch, der in den USA geboren wird, wird heute statistisch gesehen im Durchschnitt ein hundertfach größeres Einkommen erzielen und 30 Jahre länger leben als ein Mensch in Sambia. Ein Berufstätiger wird in Bolivien nur ein Drittel des durchschnittlichen Einkommens erzielen, das ihn in den USA erwarten würde (World Bank 2009). Regionen unterscheiden sich unter anderem in ihrem Ressourcenreichtum, ihrer Produktivität und ihrem wirtschaftlichen Wohlstand. Standorte und Regionen stehen darüber hinaus in vielfältigen wirtschaftlichen Beziehungen. Natürliche Ressourcen, Arbeitskräfte und Arbeitsplätze, Wissen, Kapital und Konsumenten sind geographisch ungleich verteilt. Für den Wirtschaftsprozess, d. h. die Herstellung und Bereitstellung von Gütern zur Befriedigung menschlicher und gesellschaftlicher Bedürfnisse, müssen einerseits verschiedenste Ressourcen kombiniert werden. Andererseits bedarf es der Verteilung und Bereitstellung der Güter an die Endverbraucher, die diese wiederum an möglicherweise anderen Orten konsumieren als dort, wo sie sie beziehen. Da diese Faktoren und Güter weder gleichmäßig verteilt, noch gleichermaßen mobil sind, besteht eine Herausforderung darin, die Beschaffung, Kombination und Verteilung sowohl innerhalb als auch zwischen Standorten, Städten und Gemeinden, Regionen und Ländern zu organisieren.
Die Geographie interessiert sich für das Verhältnis zwischen Standort, Territorium und Gesellschaft. Wirtschaftsgeographen im Besonderen fragen nach der spezifischen räumlichen Organisation wirtschaftlichen Austauschs und sozialer Institutionen im Produktionsprozess und interessieren sich für die räumliche Differenzierung der Art und Weise, wie Wirtschaft in lokalisierten Lebensverhältnissen praktiziert wird (vgl. auch Glückler 2011 b). Im Fokus steht hierbei die Frage, wie sich Unterschiede in den wirtschaftlichen Strukturen und Prozessen zwischen Standorten und Territorien erklären lassen. In einer vormodernen Gesellschaft lässt sich eine Begründung relativ einfach durch die überwiegend lokale Lebens- und Wirtschaftsweise finden. Im Zug der Modernisierung ermöglichen neue Transport- und Kommunikationstechnologien eine zunehmende geographische Entankerung der Lebensverhältnisse (Giddens 1997; Werlen 1999). Menschen tauschen Waren, Informationen und Kapital zu geringeren Kosten über zunehmend große Entfernung aus. Auch die Mobilität der Menschen wird größer, sodass Erfahrungen und Begegnungen an vielen unterschiedlichen Orten leichter und häufiger zu realisieren sind. Diese Entkopplung sozialer Beziehungen von der gemeinsamen physischen Anwesenheit (Ko-Präsenz) verwandelt das Verhältnis von Standort, Territorium und Gesellschaft in einen zunehmend komplexen Zusammenhang. Manche erwarten mit der digitalen Revolution das Ende der „Tyrannei der Distanz“ und eine „flache Welt“, die keine oder kaum noch räumliche Unterschiede oder Begrenzungen wirtschaftlichen Handelns aufweist (Cairncross 1997; Friedman 2005). Jedoch stellen sich in der Praxis ständig neue Fragen in Bezug auf Lokalität und Mobilität, neue Formen lokaler Spezialisierung, regionale Disparitäten und globale Beziehungen (Giese et al. 2011). Eine räumliche Perspektive ist für die Analyse ökonomischer Beziehungen und ökonomischen Handelns weiterhin zentral, denn die Erde ist eben keine gleichförmige Scheibe. Viele Fragen, die unsere gegenwärtige Gesellschaft herausfordern, sind zutiefst geographische Problemstellungen.
Abhängigkeit des Menschen von natürlichen Rohstoffen. Natürliche Rohstoffe, wie z. B. Öl, Kupfer oder Gas, sind an bestimmte Standorte gebunden – sie sind lokalisiert und ihr Vorkommen ist geographisch und mengenmäßig begrenzt. Da wir diese materiellen Ressourcen benötigen, um aus ihnen Güter herzustellen, ergeben sich geographische Probleme der Verfügbarkeit, des Zugangs und der Mobilisierung dieser Rohstoffe. Mit der wirtschaftlichen Nutzung natürlicher Rohstoffe gehen jedoch viele gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen einher, die im Zuge der Globalisierung und einer zunehmend globalen Zivil- und Risikogesellschaft (Beck 1997) immer mehr an Brisanz gewinnen (Soyez und Schulz 2002; Braun et al. 2003; Oßenbrügge 2007; Knox-Hayes 2016).
Natürliche regionale Unterschiede. Standorte weisen auf der Erdoberfläche infolge der unterschiedlichen topographischen, klimatischen, vegetativen und andere naturräumliche Bedingungen sehr unterschiedliche natürliche Kostenvorteile auf, sofern diese für ökonomisches Handeln relevant werden. Allein auf die Variation dieser natürlichen Bedingungen (und der entsprechenden Kostenstrukturen) ist ein Teil der ungleichen Wirtschafts- und Siedlungsverteilung zurückzuführen (Ellison und Glaeser 1999; Roos 2005). Auf globaler Ebene lassen sich erstaunlich prägende Unterschiede der wirtschaftlichen Entwicklung beobachten (Gallup et al. 1999): Erstens haben fast alle Länder in den mittleren Breiten eine höhere wirtschaftliche Produktivität und einen größeren wirtschaftlichen Wohlstand als die Länder der Tropen. Zweitens erzielen küstennahe Regionen weltweit höhere Einkommen als küstenferne Regionen oder Binnenstaaten. Auch auf regionaler und lokaler Ebene lassen sich räumlich differenzierte Nutzungen und Standortstrukturen erkennen, die aus Unterschieden natürlicher Zugangsbedingungen und anderer Kostenvorteile resultieren. In manchen Branchen bestimmen natürliche Kostenvorteile oder Beschränkungen die Standortverteilung von Unternehmen in erheblichem Maß. So ist z. B. die effiziente Stromgewinnung aus Windenergie und Wasserkraft trotz technologischer Fortschritte auf klimatische und topographische Gunstlagen angewiesen. Die räumliche Verteilung von Kraftwerken zur Stromgewinnung aus regenerativen Energien lässt sich in Deutschland geradezu idealtypisch auf natürliche Kostenvorteile zurückführen (Klein 2004; Handke und Glückler 2010). Wichtig bleibt jedoch festzustellen, dass die natürlichen Bedingungen wirtschaftliche Strukturen keineswegs determinieren. So gibt es beispielsweise trotz potenzieller Kostennachteile wichtige Standorte der chemischen Produktion auch weit von den Küsten entfernt (Beispiel: BASF in Ludwigshafen) oder wichtige Regionen des Gemüseanbaus trotz vergleichsweise ungünstiger klimatischer Bedingungen (Beispiel: Niederlande).
Regionale Disparitäten und regionale Entwicklung. Nicht alle regionalen Unterschiede repräsentieren zugleich bedeutsame regionale Disparitäten im Sinne einer Abweichung gesellschaftlich-ökonomisch relevanter Merkmale, wie z. B. Arbeitslosigkeit, Einkommen oder Bildungszugang, von einer als fair oder angemessen erachteten Referenzverteilung (Biehl und Ungar 1995). Der Zusatz der gesellschaftlichen Relevanz ist wichtig, um diejenigen regionalen Unterschiede zu betonen, die sich auf die als notwendig angesehene Lebensqualität und die Lebenschancen der Bevölkerung auswirken. Die Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse bzw. die Stärkung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhalts bildet auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (GG Art. 106, Abs. 3) eine wichtige Norm der Gesellschaftsordnung. In der Praxis ist es eine Herausforderung, regionale Disparitäten auszugleichen. Auch nach bald 30 Jahren der Wiedervereinigung sind die regionalen Unterschiede der wirtschaftlichen Leistungskraft und des Einkommens pro Einwohner zwischen Ost und West erheblich und reichten im Jahr 2014 von einem Minimum von 11 300 Euro pro Einwohner im Zwickauer Land bis zu einem Maximum von über 80 000 Euro pro Einwohner im Landkreis München. Der Landkreis München erwirtschaftete demnach pro Kopf das Siebenfache und die kreisfreie Stadt Ingolstadt gar das Achtfache der Region Südwestpfalz (Destatis 2017). Vor- und Nachteile der natürlichen Bedingungen sagen dabei nicht immer etwas über die wirtschaftlichen Entwicklungschancen einer Region aus. So leiden heute viele Länder, die reich an natürlichen Rohstoffvorkommen sind, an deutlich geringerem Wohlstand als manche ressourcenärmere Staaten – ein Zusammenhang, der manchmal als Ressourcenfluch bezeichnet wird (Sachs und Warner 1999), der jedoch im Einzelfall einer spezifischen Erklärung bedarf.
Räumliche Agglomeration und Metropolen. Über natürliche Standortvorteile hinaus existieren sogenannte dynamische geographische Vorteile. Sie sind unabhängig von physischen Gegebenheiten und resultieren aus der Dynamik und den Wechselwirkungen des Standortverhaltens von Unternehmen sowie aus den politisch-institutionellen Rahmenbedingungen, die aus den durch andere Unternehmen und Akteure verursachten Bedingungen an einem Standort als Vorteile (oder auch als Nachteile) erwachsen. Sogenannte Externalitäten begründen Ballungen von Industrien an bestimmten Orten und begünstigen die Spezialisierung der regionalen Wirtschaftsstruktur auf bestimmte Industrien. Die aus geographischer Dichte entstehenden Kontakt- oder Fühlungsvorteile spielen eine wichtige Rolle. Sie umfassen eine größere Häufigkeit und Vielfalt persönlicher Begegnungen, den erleichterten Wissensaustausch, Ersparnisse durch die gemeinsame Nutzung spezialisierter Infrastrukturen und vieles mehr. In zahlreichen Regionen der Erde haben sich mit großen Metropolen und Megastädten Zentren der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung gebildet. Und auch jenseits der städtischen Agglomerationsräume sind lokale Produktionssysteme und Technologiecluster entstanden, die von weltweiter Bedeutung für Innovationsprozesse und Technologieentwicklung in einer Industrie sind, wie z. B. der Technologiestandort Silicon Valley in Kalifornien, USA.
Von Lokalisation zu Allokation. Schließlich ergeben sich wichtige Fragen bezüglich der geographischen Beziehungen im Wirtschaftsprozess und bezüglich der Veränderungen der Mobilität von wirtschaftlichen Akteuren, von materiellen Ressourcen, von Kapital und von Gütern in einer zunehmend global integrierten Weltwirtschaft. Aus der Analyse der geographischen Standorte der Wirtschaft ergeben sich Herausforderungen an eine effektive oder angemessene Verteilung wirtschaftlicher Ressourcen, Aktivitäten und Beziehungen. So suchen Wirtschaftsgeographen Antworten auf Fragen der Wahl und Erschließung von Standorten, der Organisation räumlicher Arbeitsteilung, der Mobilität von Menschen, Kapital und Gütern, der flächendeckenden Versorgung der Bevölkerung mit Gütern des täglichen bis langfristigen Bedarfs, der Erklärung regionaler Unterschiede und Besonderheiten der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Wirtschaftsstrukturen sowie der Erklärung regionalwirtschaftlicher Entwicklung im Zeitablauf. Wirtschaftsgeographie ist eine empirische Wissenschaft, die Organisationsprobleme in räumlichen Kontexten unter spezifischen politisch-institutionellen Rahmenbedingungen beschreibt, analysiert und zur Entwicklung von Lösungen beiträgt. Da wirtschaftliche Beziehungen zumeist geographisch unterschiedlich und zeitlich unbeständig sind, versprechen allgemeine Erklärungs- und Gestaltungsmodelle wirtschaftlicher Entwicklung kaum ein tieferes Verständnis der Vielfältigkeit erfahrungsweltlicher Wirtschaftsgeographien. Daher ist es notwendig – so das Argument dieses Buchs – eine geographische Perspektive des Wirtschaftsgeschehens zu entwickeln, die neben abstrakten Regelhaftigkeiten wirtschaftlichen Austauschs die vielfältigen, kontextspezifischen Mechanismen und Entwicklungen in konkreten wirtschaftlichen Beziehungen zu verstehen sucht. Denn die Folgen einer allzu schematischen Anwendung allgemeiner Prinzipien auf spezifische Entwicklungsbedürfnisse, wie z. B. die rigorose Umsetzung des Washington Konsens der Weltbank gegenüber Entwicklungsländern, tragen nur selten Früchte (Stiglitz 2006), wie auch das folgende an reale Erfahrungen angelehnte hypothetische Beispiel illustriert.
1.2Illustration: Wie funktioniert regionale Wirtschaftsentwicklung?
Unternehmen sind an verschiedenen Standorten unterschiedlich erfolgreich. Wenn die Unternehmen einer Region RegioTopia ein hohes Wachstum erzielen, die Unternehmen in zwei anderen Regionen RegioCopia und RegioNova hingegen schrumpfen, entstehen räumliche Disparitäten. Um diese räumlichen Entwicklungsunterschiede auszugleichen, können staatliche und private Akteure eine Förderpolitik verfolgen, die Unternehmensansiedlungen und -neugründungen unterstützt. Aber woran sollen die Regionen RegioCopia und RegioNova ihre Förderpolitik orientieren?
Vorher. RegioCopia mag zunächst eine Expertengruppe in die erfolgreiche Nachbarregion RegioTopia entsenden, um die Wirtschaftsstruktur zu untersuchen. Dort gibt es große Universitäten, ein modernes Verkehrsnetz, niedrige Steuern und moderate Lohnkosten, verfügbares Investitionskapital sowie einen hohen Anteil von Managern und hoch qualifiziertem Personal. Auch wird die Lebensqualität der Bewohner als sehr hoch eingeschätzt. Aufgrund dieser Analyse kommt die Expertengruppe zu dem Ergebnis, dass die Unternehmen in RegioCopia mit den gleichen Faktoren versorgt werden müssen wie in RegioTopia, um einen ähnlichen Anstieg der Betriebsgründungen und Innovationsaktivitäten der Unternehmen zu erreichen. Nur wenn die Rahmenbedingungen der erfolgreichen Region auch in RegioCopia hergestellt sind – so die Expertengruppe –, wird diese Erfolg haben. Aus diesem Grund beschließt RegioCopia die Einrichtung eines Gründerzentrums, um neuen Unternehmen genau diese Bedingungen zu bieten [. . .].
RegioNova hat ebenfalls schlechte Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum. Sie liegt abseits der großen Ballungsräume in der Peripherie, ist dünn besiedelt und nur wenige Industrien haben sich hier niedergelassen. Die heimische Universität hat sich in elektronischer und elektrotechnischer Forschung einen Namen gemacht, sodass der Region zumindest junge Studenten für die Zeit ihrer Ausbildung zuwandern. Darüber hinaus verfügt die Region über keine besonderen Ressourcen. Sie liegt in einer kargen Berglandschaft, die nicht einmal Touristen anzieht. Die lokale Regierung sieht sich machtlos und entwickelt keine konkreten Förderkonzepte. Unternehmen scheinen in RegioNova nicht die nötigen Faktoren zu finden, die sie für eine Standortansiedlung benötigen [. . .].
Nachher. [. . .] Inzwischen hat RegioCopia Millionen von Fördergeldern in die Errichtung eines Gründerzentrums investiert und zahllose Kooperationen mit Investoren begründet, die große Mengen an Risikokapital bereithalten. Das Gründerzentrum besitzt eine gute technische Infrastruktur und hält preiswerte Flächen für Existenzgründer vor. Darüber hinaus hat die Wirtschaftsförderungsgesellschaft eine massive Anwerbungspolitik gegenüber Unternehmen aus anderen Regionen betrieben. Doch die Politik zeigt keine Wirkung. Die meisten Unternehmen des Gründerzentrums haben schon früher in der Region existiert oder arbeiten in neuen Zweigen bereits bestehender Unternehmen. Außerdem sind noch zahlreiche Flächen des Zentrums ungenutzt. Auch die wenigen neu angesiedelten Unternehmen haben keine lokalen Verflechtungen mit Zulieferern, Dienstleistern oder dem Arbeitsmarkt aufgebaut. Obwohl RegioCopia mit Erfolgsfaktoren ausgestattet wurde, hat sich die Gründungsquote kaum verändert.
[. . .] In RegioNova haben sich einige Hochschulabsolventen mit einer wirtschaftlichen Idee selbstständig gemacht. In den Labors der Universität haben sie an Experimenten mit Elektronikkomponenten teilgenommen und entwickeln nun in Zusammenarbeit mit ihrem Institut EDV-Anwendungen. Ein Unternehmen in der Umgebung findet Interesse an der Idee und bietet seine Mitwirkung bei der Weiterentwicklung an. Nach wenigen Monaten gelangt das Produkt auf den Markt und findet reißenden Absatz. Das schnelle Wachstum des jungen Betriebs wird durch junge, flexible Mitarbeiter aus der Region getragen. Ihr Erfolg spricht sich herum und Studenten, die bei ihnen ausgeholfen haben, gründen partnerschaftlich eigene Existenzen. Die Produkte der wachsenden Anzahl von start-up-Unternehmen sind miteinander verbunden, sodass die Mitarbeiter der Unternehmen sich in ständigen Austausch- und Lernprozessen befinden. Es herrscht eine hohe Fluktuation der Arbeitsplätze mit kurzen Verweildauern der Mitarbeiter in den einzelnen Betrieben. Die Zahl der Arbeitsplätze steigt kontinuierlich an und es werden ständig neue, innovative Produkte im Bereich der Hard- und Software entwickelt. RegioNova wird zu einem Innovationszentrum und zieht Talente aus anderen Regionen an.
Erklärung. Aus der Entwicklung der Region RegioNova kann man keineswegs ableiten, dass eine gute Idee allein bereits ausreicht, um Unternehmen einer Region oder gar die ganze Region erfolgreich zu machen. Ferner lässt sich auch nicht schlussfolgern, dass eine regionalpolitische Förderung eigentlich überflüssig sei, weil sich der Erfolg ohnehin von selbst einstellen würde. Nein, aus der Entwicklung von RegioNova kann man vor allem lernen, dass sich der Erfolg nicht aus Strukturfaktoren und Rahmenbedingungen erklärt, sondern dass konkrete Ideen, Initiativen und gemeinsame Lern- und Arbeitsprozesse aufeinander aufbauen und so das Wachstum von Grund auf ermöglichen.
Aber warum war die Förderung in RegioCopia so erfolglos? Es wurden Faktoren aus einer erfolgreichen Region nachgeahmt und nachgebildet. Die Förderpolitik wurde in einer Analyse begründet, die vermutlich an den eigentlichen Ursachen vorbeizielte und daher keine großen Erfolgsaussichten hatte. Eine derartige Förderpolitik setzt mit ihrem theoretischen Verständnis bei allgemeinen Rahmenbedingungen an und ignoriert den spezifischen ökonomischen und sozialen Kontext sowie die Motive und das situierte Handeln der wirtschaftlichen Akteure. Selbst wenn Kapital und Infrastruktur gegeben sind, so hängt der wirtschaftliche Erfolg von Unternehmen und langfristig auch der von Regionen immer davon ab, was Akteure durch ihre Handlungen aus diesen Möglichkeiten machen. Es gibt keinen Automatismus der Wirtschaftsentwicklung und des wirtschaftlichen Erfolgs.
1.3Aufbau des Buchs
Um politische Blaupausen zu vermeiden und angemessene Strategien zur Entwicklung und Entwicklungsförderung entwerfen zu können, bedarf es eines grundsätzlichen Verständnisses der Kontextualität und der Interdependenzen empirischer Entwicklungszusammenhänge. Dieses Buch plädiert deshalb für eine relationale Perspektive auf die konkreten geographischen Ausprägungen der Wirtschaft, die der Kontextualität von Strukturen und der Evolution spezifischer Entwicklungen Rechnung tragen. Die Grundlagen einer derartigen relationalen Perspektive sowie die Grundbegriffe der ökonomischen und geographischen Analyse werden in Teil 1 des Buchs entwickelt und vorgestellt. Kapitel 2 entwirft die Rahmenkonzeption für eine relationale Wirtschaftsgeographie. Das Argument der zweiten Transition plädiert dafür, Interaktion, Organisation, Evolution und Innovation als zentrale Konzepte der wirtschaftsgeographischen Analyse zu verstehen, um soziale und ökonomische Prozesse aus einer spezifisch räumlichen Perspektive zu analysieren und zu interpretieren. Darauf aufbauend erläutert Kapitel 3 wichtige ökonomische Grundbegriffe, die sich auf wirtschaftliche Bedürfnisse, Güter und die Rolle von Produktionsfaktoren bei der Bedürfnisbefriedigung beziehen. Kapitel 4 stellt geographische Konzepte vor, darunter verschiedene positionale und relationale Raumkonzepte. Außerdem werden grundlegende Herausforderungen wirtschaftlicher Globalisierungsprozesse aus räumlicher Perspektive formuliert.
Teil 2 des Buchs diskutiert wichtige klassische Konzepte der raumwirtschaftlichen Analyse und arbeitet die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit für heutige Problemstellungen heraus. Ziel der kritischen Würdigung ist es, Anhaltspunkte für Reinterpretationen, Weiterentwicklungen und Neupositionierungen zu entwickeln. Dies dient dazu, im dritten Teil des Buchs veränderte Perspektiven in einer relationalen Wirtschaftsgeographie zu formulieren.
Kapitel 5 befasst sich mit der ungleichen räumlichen Verteilung wirtschaftlicher Aktivitäten. Im Mittelpunkt steht die auf v. Thünen basierende landwirtschaftliche Landnutzungslehre und ihre Übertragung auf den städtischen Bodenmarkt durch Alonso. Anschließend wird die Theorie zentraler Orte nach Christaller als Standortstrukturtheorie für Versorgungseinrichtungen des tertiären Sektors behandelt. Den Ansätzen wird basierend auf einer umfassenden Kritik eine verringerte Bedeutung bei der Erklärung gegenwärtiger räumlicher Wirtschaftsstrukturen beigemessen. Unter Bezugnahme auf Städtenetze, Städteverbünde und die Initiative der Nationalen Stadtentwicklungspolitik wird gezeigt, dass in Raumordnung und Regionalpolitik inzwischen neue Ansätze entwickelt werden, um auf Veränderungen der globalen Rahmenbedingungen, wie z. B. Finanzkrise und Klimawandel, zu reagieren. Kapitel 6 beschäftigt sich mit der auf Weber zurückgehenden industriellen Standortlehre und ihren Erweiterungen durch Hoover, Hotelling, Smith und Pred. Es wird gezeigt, dass mit der Fokussierung auf Standortfaktoren in diesen Ansätzen Räume gleichsam als Akteure stilisiert werden. Industrielle Standortentscheidungen werden aus vorhandenen Raumeigenschaften abgeleitet. Die den Gründungs-, Standort- und Investitionsentscheidungen zugrunde liegenden wirtschaftlichen und sozialen Prozesse bleiben dabei zu wenig berücksichtigt. Auch der Versuch, harte, quantifizierbare Standortfaktoren um weiche, immaterielle Faktoren zu erweitern, ist nicht ausreichend, weil hierbei etwas Unmögliches angestrebt wird, nämlich komplexe Kommunikations- und Interaktionsprozesse als simple Strukturfaktoren abzubilden.
Die nachfolgenden Teile 3 bis 6 diskutieren die Komponenten einer Rahmenkonzeption der relationalen Wirtschaftsgeographie. Jeder Teil widmet sich einer der vier grundlegenden Analysedimensionen wirtschaftsgeographischer Forschung:
Teil 3 beginnt mit der Dimension Interaktion und Institution. Hierbei leistet Kapitel 7 die Aufgabe einer sozialtheoretischen Reformulierung zentraler Annahmen des Menschenbildes für die wirtschaftsgeographische Forschung. Das Kapitel diskutiert Motive wirtschaftlichen Handelns, um im Anschluss grundlegende Konzepte ökonomischer Interaktion wie Kooperation und Wettbewerb zu entwickeln. Hierbei werden Ansätze des sozialen Kapitals und anderer institutioneller Einflüsse thematisiert, die aus geographischer Perspektive den wirtschaftlichen Austausch prägen. Mit Storpers Konzeption der sogenannten untraded interdependencies (nicht-handelbarer Interdependenzen) in wirtschaftlichen Abläufen wird darüber hinaus die Einbindung von Konventionen und Beziehungen in die Analyse regionalökonomischer Prozesse vollzogen. Darauf aufbauend widmet sich Kapitel 8 der Bedeutung von sozialen Institutionen für die Strukturierung wirtschaftlicher Interaktionen. Im Unterschied zu dem abstrakten Marktbegriff der Neoklassik führt das Kapitel eine institutionentheoretisch begründete Marktkonzeption ein, die es erfordert, von vielfältigen spezifischen empirischen Märkten anstelle von einem einzigen abstrakten Markt zu sprechen.
Teil 4 stellt Konzeptionen der Organisation technischer, betrieblicher und geographischer Arbeitsteilung in den Mittelpunkt der Analyse. Kapitel 9 erarbeitet organisationstheoretische Ansätze aus der neuen Institutionenökonomie und der neuen Wirtschaftssoziologie, um Koordinationsfragen von wirtschaftlichen Beziehungen in und zwischen Unternehmen aus räumlicher Perspektive zu untersuchen. Nach Williamson werden verschiedene institutionelle Formen von Transaktionen zwischen Produktionsstufen untersucht, wobei zwischen Märkten, Hierarchien und Netzwerken unterschieden wird. Scott folgend wird gezeigt, dass durch die Nutzung von Nähevorteilen Transaktionskosten gesenkt werden und regionale Ballungen somit zu einer Stabilisierung von Netzwerkbeziehungen beitragen. Die auf Transaktionskosten zentrierte Sicht wird durch das embeddedness-Argument von Granovetter aus der neuen Wirtschaftssoziologie entscheidend erweitert. Demnach ist ökonomisches Verhalten in sozioinstitutionelle Beziehungen eingebettet und untrennbar mit diesen verbunden. Eine Erweiterung liegt in der Einbeziehung temporärer Organisationsformen, insbesondere von Projekten, die aufgrund der zeitlichen Befristung und räumlichen Arbeitsteilung spezielle Ansprüche an die Koordination der Zusammenarbeit stellen. Kapitel 10 konkretisiert die organisationstheoretische Behandlung von Koordinationsproblemen auf regionaler Ebene und erörtert Ansätze zur Erklärung geographischer Cluster. Mit Industriedistrikten und innovativen bzw. kreativen Milieus werden zudem zwei Konzepte lokalisierter Produktionssysteme dargestellt, in denen die Einbindung regionaler Produktionsnetze in sozioinstitutionelle Zusammenhänge zum Ausdruck kommt. Dabei zeigt sich, dass beide Ansätze eine größere konzeptionelle Nähe aufweisen, als man zunächst annehmen würde. Das Kapitel stellt mit Porters Analyse der Bestimmungsfaktoren nationaler Wettbewerbsvorteile einen Ansatz vor, der Wettbewerbsvorteile aus Spezialisierungsprozessen auf nationaler Ebene ableitet und neue Wege in Richtung einer evolutionären Perspektive wirtschaftlicher Entwicklung aufzeigt. Kapitel 11 erweitert die räumliche Perspektive von lokalen Produktionssystemen hin zu Prozessen der Internationalisierung und zu globalen Formen der Unternehmensorganisation. Hierbei wird der wechselseitige Zusammenhang zwischen Standortstruktur, Organisationsstruktur und Unternehmensstrategien herausgestellt und das Verhältnis von Staaten zu Großunternehmen unter dem Aspekt von Machtprozessen diskutiert.
Teil 5 befasst sich mit der Dimension der Evolution. Zunächst rekapituliert Kapitel 12 klassische regionale Entwicklungstheorien und diskutiert die Aussagen und Ansprüche unterschiedlicher, zum Teil einander entgegengesetzter Modelle. Während die neoklassische Wachstumstheorie interregionale Ausgleichstendenzen zur Herstellung eines stabilen Gleichgewichts postuliert, propagieren die empirisch geleiteten polarisationstheoretischen Ansätze eine dauerhafte Kumulation räumlicher Ungleichgewichte. Mit dem Ansatz der von Krugman entwickelten geographical economics wird ferner ein Erklärungsansatz beleuchtet, der die Entstehung regionaler Industrieballungen und kleinräumiger Industriespezialisierungen modelliert und unter bestimmten Bedingungen dauerhafte räumliche Disparitäten erklärt. In der sogenannten geographischen Ökonomik (geographical economics) werden regionalökonomische Entwicklungen als historische, pfadabhängige Prozesse modelliert, gleichzeitig aber wird die Einbindung institutioneller Kontexte vernachlässigt. Kapitel 13 führt das Konzept evolutionärer Dynamik ein und stellt organisationsökologische Ansätze der Entwicklung von Unternehmen und Industrien vor. Im Kontext der Unternehmensentwicklung werden Unternehmensgründungen auf die sozioökonomischen Kontexte der Gründer zurückgeführt. Dies führt dazu, dass Gründungsideen dort realisiert werden, wo die Gründer arbeiten und leben. Eine echte regionale Standortentscheidung findet dabei oftmals nicht statt. Durch Rückgriff auf das Modell industrieller Entwicklungspfade von Storper und Walker und andere Konzepte evolutionärer Entwicklung wird gezeigt, wie bei der Entwicklung neuer Industrien regionale Clusterprozesse entstehen. Dies wird an den Beispielen der Entwicklung von Hightechindustrien verdeutlicht. Schließlich werden neuere Ansätze einer evolutionsökonomischen Wirtschaftsgeographie diskutiert.
Teil 6 befasst sich mit der Dimension der Innovation. Kapitel 14 verknüpft die evolutionäre Perspektive mit Konzepten kollektiven Lernens. Im Unterschied zu traditionellen Ansätzen, die von gegebenen Technologien ausgehen, konzentrieren sich die Ausführungen auf den Prozess der Wissens- und Technologiegenerierung. Hierbei wird die Entstehung neuen Wissens und neuer Technologien dem evolutionsökonomischen Ansatz von Dosi folgend als kumulativer, pfadabhängiger Prozess angesehen, der auf Lernprozessen und Erfahrungswissen basiert. Innovationen sind in dieser Konzeption eine Konsequenz des Voranschreitens bestimmter technologischer Entwicklungspfade. Dabei spielen Interaktionen zwischen den beteiligten Akteuren, reflexive Verhaltensweisen sowie vielfältige Feedback-Schleifen eine zentrale Rolle. Aus diesem Grund wird der von Lundvall beschriebene Prozess des learning by interacting hervorgehoben und es wird betont, dass Innovationsprozesse in regionalen Zusammenhängen besonders effizient organisiert werden können, wenn dabei nicht-kodifiziertes, sich schnell veränderndes Wissen bedeutsam ist, das nicht beliebig an andere Akteure und Orte transferiert werden kann. Zudem werden Aspekte des Lernens durch Beobachtung (ohne direkte Interaktion) thematisiert. Kapitel 15 bindet den technologischen Wandel unter Bezugnahme auf die Theorie der langen Wellen nach Schumpeter in eine gesamtwirtschaftliche Sicht der langfristigen wirtschaftlichen Entwicklung ein. Da diese Konzeption problematische technologische Determinismen enthält, werden mit der neoschumpeterianischen Variante des Paradigmenwechsels nach Freeman und Perez und insbesondere mit der Regulationstheorie in Anlehnung an Boyer und Lipietz zwei Ansätze dargestellt, die die wirtschaftlich-technischen und gesellschaftlich-institutionellen Strukturen in einen Gesamtentwicklungszusammenhang zusammenführen. Davon ausgehend wird der Ansatz der varieties of capitalism nach Hall und Soskice diskutiert, der aus institutioneller Perspektive unterschiedliche nationale Spielarten marktwirtschaftlicher Systeme begründet. Diese können zu nationalspezifischen Innovationspfaden führen und ermöglichen somit eine Verbindung zum Ansatz der Innovationssysteme. Das Kapitel geht auch der Frage nach, inwiefern sich geographische Innovationssysteme auf unterschiedlichen Maßstabsebenen ausbreiten und wie diese im internationalen Vergleich entstehen und funktionieren. Hierbei werden Innovationsprozesse auf regionaler und nationaler Ebene diskutiert und anhand von Beispielen erläutert.
2Zu einer relationalen Wirtschaftsgeographie
2.1Geographie im Paradigmenwechsel
In diesem Kapitel legen wir die zentralen Argumente einer relationalen Sichtweise in der Wirtschaftsgeographie dar und unterscheiden ihre Grundperspektive von traditionellen wirtschaftsgeographischen Denkweisen. Hierzu werden neben der Bedeutung von Kontextualität, Pfadabhängigkeit und Kontingenz vier grundlegende Aspekte des Wirtschaftsprozesses in das Zentrum der Theoriebildung gestellt: Interaktion und Institution, Organisation, Evolution und Innovation. Damit soll ein fundiertes Verständnis der einzelnen Ansätze in einem größeren theoretischen Rahmen ermöglicht werden. Zuvor aber diskutieren wir die Idee von Paradigmenwechseln in allgemeiner Geographie und Wirtschaftsgeographie und illustrieren diese am Beispiel der Fachentwicklung in Deutschland.
Die Beobachtungen und Theorien, die Wirtschaftsgeographen formulieren, sind dabei stets geprägt von deren Fach- und Wissenschaftsverständnis. Wenngleich sich die Perspektiven einer Disziplin nicht sprunghaft ändern und sich meist auch nicht exakt datieren lassen, so ist es dennoch möglich, unterschiedliche Auffassungen, Methoden, Interessen und Vorgehensweisen charakteristisch von anderen zu unterscheiden. Auch die Theoriegeschichte der Wirtschaftsgeographie, so ein Argument dieses Buchs, kann einer solchen Unterscheidung unterzogen werden. Dies ist hilfreich, um einen kontextbewussten Zugang zu den Voraussetzungen und Inhalten ihrer Behauptungen zu schaffen und damit gleichsam eine differenzierte Kritik zu ermöglichen. Wir stellen daher zunächst das Konzept des Paradigmas vor und skizzieren anschließend eine wenn auch vereinfachte Unterscheidung der drei großen Paradigmen wissenschaftlicher Geographie. Um unsere Argumentation in Bezug auf die Paradigmen und Paradigmenwechsel in der allgemeinen Geographie und in der Wirtschaftsgeographie klar herauszuarbeiten, werden wir uns gezielt auf zentrale Aussagen ausgewählter Ansätze konzentrieren und andere nur verkürzt oder gar nicht darstellen. Dies hat vor allem didaktische Gründe.
Richtungweisend für die Konzipierung und Abbildung der Wissenschaftspraxis in Form von Paradigmen ist die Arbeit von Kuhn (1962) über die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, die als Kritik aus der Idee eines linearen, kumulativen Erkenntnisfortschritts entstanden ist. Ein Paradigma kann danach definiert werden als eine Menge von wissenschaftlichen Leistungen, die ähnlichen Regeln hinsichtlich ihrer theoretischen Perspektiven, Basisbegriffe, Erklärungsansätze und Methoden unterliegen (Harvey 1969, Kap. 2). Ein Paradigma beschreibt eine sozial akzeptierte Forschungstradition, die Wissenschaftlern etabliertes Schulwissen bereitstellt (Kuhn 1962). Dabei strukturiert ein Paradigma nicht etwa nur Lösungsansätze, sondern gibt implizit in seinen Regeln auch die schulmäßigen Forschungsprobleme bzw. „Rätsel“ vor. Klassisches Beispiel eines herausragenden Paradigmas in den Naturwissenschaften ist die Newton’sche Physik, in der die Existenz kosmischer Kräfte in einem unveränderlichen, absoluten Raum angenommen wird. Im Gegensatz dazu setzte sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Relativitätstheorie Einsteins durch, in der Raum und Zeit nicht mehr absolut, sondern als veränderliche, relative Größen angesehen werden.
Die Phasen, in denen sich praktische Forschung paradigmatisch vollzieht, gelten als Phasen „normaler Wissenschaft“. Dem stehen die „wissenschaftlichen Revolutionen“ gegenüber, die bestehende Regelzusammenhänge durch neue Regeln, Bezüge und Begriffe ersetzen (Chalmers 1976). So erschütterte beispielsweise die Formulierung des kopernikanischen Weltbilds das grundlegende Verständnis des Kosmos. Die Erde wird darin nicht mehr als im Mittelpunkt der Welt stehend angesehen, sondern ist nur noch dezentraler Teil eines unendlich großen Universums. Das Selbstverständnis der Menschheit, religiöse Postulate sowie astronomische und physikalische Regeln und Interpretationsschemata wurden dadurch „revolutioniert“.
Unterschiedliche Paradigmen können hinsichtlich ihrer Forschungsperspektiven so weit auseinanderliegen, dass keine gemeinsame Kommunikation über den Sachzusammenhang mehr möglich ist. Solche Paradigmen nennt man inkommensurabel. Die Probleme und Lösungen der einen Perspektive sind dann nicht mehr in der Sprache der anderen zu formulieren. Insofern können inkommensurable Paradigmen einander nicht widerlegen und auch nicht zu einem linearen Erkenntnisfortschritt beitragen. Die Idee der Inkommensurabilität ist allerdings nicht unumstritten. So argumentiert Toulmin (1983), dass neue Paradigmen sehr wohl in einen argumentativen Diskurs mit alten Paradigmen treten können und dass Vertreter eines alten Paradigmas nicht zufällig, sondern wohlbegründet einen Paradigmenwechsel zu einem neuen Paradigma vollziehen. Die Dynamik wissenschaftlichen Denkens muss daher weder linear-kumulativ noch revolutionsartig geschehen. Vielmehr können wissenschaftliche Programme in Dialog treten, Perspektiven verhandeln und dabei gleichzeitig fortbestehen. Gerade vor diesem Hintergrund sind die nachfolgenden Diskussionen über Paradigmenwechsel in der Geographie und Wirtschaftsgeographie zu verstehen.
Die paradigmatischen Möglichkeiten der Wirtschaftsgeographie kreisen, ebenso wie die der allgemeinen Geographie überhaupt, um das Verhältnis von bestimmten Gegenstandsbereichen zum Raum. In der Wirtschaftsgeographie gilt es, eine spezifische Perspektive auf die Beziehung von ökonomischen Phänomenen zum Raum als Forschungsinteresse einzunehmen. Gerade die Auffassung des Begriffs Raum sowie der Beziehung zwischen Raum und Wirtschaft ist in der Entwicklung des Fachs verschieden definiert worden. Hier liegt der Ursprung für die Formulierung unterschiedlicher Paradigmen (wirtschafts-)geographischer Forschungsprogramme. Wir unterscheiden im Folgenden die Paradigmen der Länderkunde, der Raumwissenschaft und einer sozialtheoretisch revidierten Geographie, die fachhistorisch aufeinanderfolgen, heute jedoch zum Teil parallel weiterexistieren (Glückler 1999).
Die Details eines wissenschaftshistorischen Diskurses sowie individueller Konzepte werden in einer paradigmatischen Perspektive bewusst vernachlässigt, um stattdessen die Charakteristika einer weitgehend geteilten Grundperspektive oder einer fachspezifischen Weltsicht zu identifizieren. Paradigmen sind nicht unbedingt als solche historisch eindeutig identifizierbar, sondern sie sind ein Produkt des Wissenschaftsdiskurses. Sie werden zumeist erst im Nachhinein konstruiert, um von einer Weltsicht Abstand zu nehmen, die zuvor nicht einmal notwendigerweise bewusst reflektiert wurde (Wardenga 1996). In diesem Sinne ist unsere Unterteilung der Geographie in Paradigmen eine Konstruktion, die wir vornehmen, um den Übergang zu einer neuen Grundperspektive zu skizzieren. Paradigmen sind keineswegs „wahre Geschichte“, sondern in die Vergangenheit gerichtete Konstruktionen grundlegender Anschauungen und Überzeugungen.
Mit dieser Perspektive zielt dieses Buch darauf ab, aus einer umfassenden Kritik des Paradigmas raumwirtschaftlichen Denkens neue Positionen zu diskutieren und Argumente für eine veränderte Grundperspektive zu entwickeln. Die von uns vorgezeichnete relationale Perspektive der Wirtschaftsgeographie schließt traditionelle Positionen jedoch keineswegs aus. Vielmehr schlagen wir eine Transition des raumwirtschaftlichen Ansatzes in Richtung einer stärker sozialwissenschaftlich informierten Rahmenkonzeption vor, ohne ökonomische Positionen aufzugeben. Es handelt sich hierbei nicht um eine lineare Erweiterung traditioneller Konzepte, sondern um eine Fortentwicklung, die mit einer veränderten Grundperspektive verbunden ist.
2.1.1Die Ursprünge wissenschaftlicher Geographie: Länder- und Landschaftskunde
Die Geographie hielt als wissenschaftliches Fach erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und damit im Vergleich zu anderen Disziplinen relativ spät Einzug in die Hochschullandschaft (Wardenga 1989). Den Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Geographie markiert die Länder- und Landschaftskunde. Befruchtet durch die Tradition der großen Entdeckungen und der Kolonialisierung der Erdteile seit dem späten 15. Jahrhundert befriedigten Geographen als Erdbeschreiber (griech. gaia oder ge = Erde und graphein = schreiben, malen, einritzen) ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Entdeckung und Kenntnis ferner Erdregionen und Kulturen. Aus der Tradition dieses Wissensbedürfnisses und aus dem tiefgreifenden gesellschaftlichen und politischen Diskurs um den Nationalstaat im 19. Jahrhundert begründete Hettner (1927) in einer Auseinandersetzung mit den Fachgeschichten der Geographie und der Philosophie das Programm der wissenschaftlichen Länderkunde, das später erweitert, systematisiert und modifiziert wurde. Aufgabe der Geographie ist es demnach, die Welt gemäß ihrer Einteilung in „natürlich“ begrenzte Länder zu gliedern (Hettner 1927, IV. Buch; Werlen 1995 b) und in ihrer gesamten Komplexität zu beschreiben. Dabei hat der Landbegriff zunächst noch keine feste räumliche Größenordnung, sondern kann sich auf die ganze Erdoberfläche, Kontinente oder einzelne Orte beziehen. Erst später wird er zusehends auf nationalstaatliche Territorien angewendet.
Das länderkundliche Schema verleiht dem Verständnis Ausdruck, dass ein Land als Gesamtheit aller in ihm vorkommenden Phänomene das höchste Erkenntnisziel darstellt (Weigt 1961). Demnach sind Beschreibungskategorien wie Klima, Boden und Vegetation ebenso bedeutsam wie Bevölkerung, Siedlungen, Kultur, Religion und letztlich die Wirtschaft. Sie lassen sich als Schichten im Gesamtaufbau eines Landes denken und zunächst einzeln beschreiben. Die einzelnen Schichten, später als Geofaktoren bezeichnet, bilden in ihrer jeweiligen Einzelbetrachtung die Grundlage der allgemeinen Geographie (Uhlig 1970). Auch die Wirtschaftsgeographie ist in dieser Konzeption nur eine einzelne Disziplin im System der allgemeinen Geographie. Die Untersuchung der Geofaktoren ist der erste, manchmal sogar als propädeutisch bzw. vorwissenschaftlich bezeichnete Schritt, aus dem das komplexe Wirkungsgefüge der Landschaft erschlossen wird (→ Abb. 2.1). Die später formulierte Landschaftskunde verfolgt demgegenüber das Ziel, in der vergleichenden Betrachtung der Erdoberfläche aufgrund des Wirkungsgefüges einander ähnliche Landschaften in Gattungen zu ordnen (Bobek und Schmithüsen 1949).
Höchstes Ziel der Länderkunde ist es, über die landschaftstypischen Wirkungszusammenhänge hinaus alle Schichten der Landschaft so zu integrieren, dass ein ganzheitliches Verständnis des Landes – gleichsam dessen Totalcharakter – erschlossen wird. Diese Zusammenschau aller Schichten gleicht einer Sicht von oben auf übereinandergelegte Folien, die alle Einzelelemente gemeinsam zum Vorschein bringt. Im Gegensatz zur Landschaftskunde gilt die Länderkunde als idiographisch, d. h. sie begreift einen Erdausschnitt nicht als Raumtyp, sondern als einmaliges Raumindividuum mit einem einzigartigen „Schicksal“. Die idiographische und synthetische Zusammenschau der Erdoberfläche zu Ländern genießt in der Länder- und Landschaftskunde allerhöchste Priorität und steht an der Spitze einer hierarchisch gedachten Konzeption der Geographie, wie sie noch 1970 von Uhlig (1970) vorgestellt wurde (→ Abb. 2.1).

Abb. 2.1 Organisationsplan der länder- und landschaftskundlichen Geographie (nach Uhlig 1970, S. 28)
Wissenschaftshistorisch ist es wichtig hervorzuheben, dass dieser Organisationsplan nicht etwa den systematischen Ursprung, sondern das Ergebnis eines fast hundertjährigen Prozesses fortschreitender Konzeption, Kritik und Weiterentwicklung des Geographieverständnisses darstellt. Der Organisationsplan von Uhlig (1970) spiegelt daher nicht präzise die Hettner’sche Idee der Länderkunde wider, sondern veranschaulicht die Grundperspektive wissenschaftlicher Geographie, wie sie aus dem länderkundlichen Diskurs zahlreicher Autoren über mehrere Generationen hervorgegangen ist. Das daraus erwachsene Geographieverständnis erlangte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts große Bedeutung. Aus der Betrachtung der Anzahl von Publikationen, die den Begriff „Landschaft“ im Titel tragen, wird die sprunghaft zunehmende Verbreitung der Länder- und Landschaftskunde deutlich (→ Abb. 2.2). Die große Verbreitung des Begriffs impliziert dabei auch eine zunehmende Differenzierung der dabei verwendeten Konzepte, so z. B. des Länder- und Landschaftskonzepts (Weigt 1961; Uhlig 1970), wie dies für jede paradigmatische Denkströmung typisch ist. Selbst Hettners gesamtes akademisches Werk steht nicht widerspruchsfrei für eine einzige Fassung der Länderkunde (Wardenga 1996) und ist im Verlauf des Diskurses in mancherlei Hinsicht reduziert und sogar missverstanden worden (Wardenga 1995, Teil I und III). Insgesamt zeigt die paradigmatische Analyse, dass sich länder- und landschaftskundliche Konzepte stets im raumzentrierten, naturalistischen und beschreibenden Denken bewegt haben und nur vereinzelt, nicht jedoch systematisch darüber hinausgingen.
Der historische Anstieg der Zahl der Publikationen mit dem Titelbegriff „Landschaft“ macht außerdem deutlich, dass die Entwicklung eines Paradigmas wie der Länder- und Landschaftskunde nicht nur innerhalb eines Fachs begründet liegt, sondern oft durch allgemeine gesellschaftliche Denkströmungen mit bedingt wird. So lässt sich eine Zunahme des Landschaftsbewusstseins nicht nur in der wissenschaftlichen Geographie (→ Abb. 2.2 a), sondern auch in anderen Disziplinen für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts nachweisen (→ Abb. 2.2 b). Mit dem Beginn der methodologischen Revolution setzte jedoch seit den 1940er-Jahren eine zunehmende Kritik am länderkundlichen Denken ein (Hard 1973, 2. Teil).

Abb. 2.2 Veröffentlichungen der Jahre 1900 bis 1960 mit dem Begriff „Landschaft“ im Titel (nach Hard 1969, S. 253 ff.)
2.1.2Die methodologische Revolution: Geographie als Raumwissenschaft
Der Deutsche Geographentag in Kiel versammelte 1969 eine größere Gruppe von Studenten, Assistenten und einigen Hochschullehrern, die eine umfassende Kritik des länderkundlichen Programms vornahmen (Meckelein und Borcherdt 1970, S. 191–232): Es wurde als wissenschaftstheoretisch unfundiert, beschreibend statt erklärend, holistisch und naturalisierend charakterisiert. Ziel sei nicht die Erklärung von Zusammenhängen, sondern die unkritische, ganzheitliche Beschreibung natürlicher Totalregionen (Bartels 1968 a, 1988; Sedlacek 1978). Kurz zuvor hatte Bartels (1968 b) die Grundlage einer neuen wissenschaftlichen Geographie formuliert, in der er die analytische Erklärung der reinen Beschreibung entgegensetzt, das naturalisierende Konzept des Raums als Landschaft durch das Konzept des Raums als geometrisches Gebilde ersetzt und es als Ziel erklärt, Geographie als chorologische Wissenschaft, als Wissenschaft des Raums zu begründen (Bartels 1970 a; Bahrenberg 1972). Regionen wurden von nun an nicht mehr als natürlich vorgegeben, sondern als analytisch bestimmbar zur Bearbeitung spezifischer Problemstellungen angesehen. Nicht mehr Landschaften und Länder wurden beschrieben, sondern es wurden räumliche Verteilungen und Verflechtungen von Phänomenen erfasst und auf der Grundlage von Raumgesetzen zu erklären versucht (Bartels 1968 a; 1970 c; 1988).
Das hierarchische Gefüge geographischer Teildisziplinen unter einer allgemeinen Länder- und Landschaftskunde wurde zugunsten eines Konzepts vernetzter Problembereiche aufgegeben, die wechselseitig Methoden und Theorien aufeinander und voneinander beziehen (Haggett 1991, Kap. 24). Die in diesem Ansatz durchgeführte Verknüpfung ausgewählter Forschungsfelder ist durch den gezielten Austausch mit benachbarten Forschungsfeldern zur Bestimmung und Erklärung spezifischer Probleme gekennzeichnet und somit stets abhängig von der Problemstellung in der Forschung. Denn im Unterschied zur hierarchischen und synthetischen Sicht der Geographie in der Länder- und Landschaftskunde folgt die Beziehung zwischen den Arbeitsbereichen in diesem auf gesetzesartiger Erklärung beruhenden, deduktiv-nomologischen Konzept keiner äußeren, unveränderlichen Logik (→ Box 2-1). Das jeweilige, vom Forscher definierte Problem bildet die Grundlage für die spezifische Verknüpfung der Arbeitsfelder, aus denen Theorien und Methoden entliehen werden.
Box 2-1: Wissensnetz der Geographie an deutschen Hochschulen
Die große Vielfalt möglicher Verknüpfungen von Forschungsfeldern führt zu der Frage, wie sich die Vernetzung der Arbeitsgebiete in der Geographie als wissenschaftlicher Disziplin tatsächlich darstellt. Ziel einer empirischen Studie über die deutsche Geographie war es deshalb zu untersuchen, in welchen Arbeitsgebieten Wissenschaftler an deutschen Hochschulen ihre Forschungsschwerpunkte haben (Glückler und Goeke 2009). In dem Mitgliederverzeichnis des Verbands der Geographen an deutschen Hochschulen (VGDH) nannten im Jahr 2006 über 750 Wissenschaftler (→ Abb. 2.3, Kreise) ihre persönlichen Schwerpunkte aus insgesamt 52 Teilgebieten (Quadrate) der Geographie. Aus diesen Selbstbeschreibungen wurde ein Netzwerk der Geographie gewonnen, das für jede mögliche Kombination zweier Arbeitsgebiete angibt, wie viele Wissenschaftler in diesem Überschneidungsbereich forschen. Eine weitere Abbildung zeigt das beobachtete Netzwerk der Verbindungen zwischen den 52 thematischen Arbeitsbereichen der wissenschaftlichen Geographie (→ Abb. 2.4). Das Netzwerk illustriert einerseits, wie vielfältig die inhaltlichen Bezüge zwischen den vielen Arbeitsbereichen sind. Gleichzeitig deutet es aber auch die Aufteilung der Geographie in sozial- und naturwissenschaftliche Forschungsrichtungen an. Darüber hinaus treten Arbeitsbereiche, wie z. B. die Stadtgeographie, Wirtschaftsgeographie oder Geographische Informationssysteme, als zentrale Schwerpunkte mit überproportional vielen Verbindungen zu anderen Arbeitsgebieten hervor, während andere Schwerpunkte, wie z. B. die Hochgebirgsforschung oder die Bildungsgeographie, eher als spezialisierte Arbeitsgebiete mit weniger Verbindungen auffallen. Mit Hilfe der Netzwerkperspektive gelingt es, eine empirische Repräsentation sowohl der Struktur der Geographie als wissenschaftliche Disziplin als auch ihrer Verknüpfungen zu entwickeln, die nicht auf fachpolitischen Forderungen zur Gestalt der Geographie, sondern auf den Selbstbeschreibungen von Geographen beruht. Wenngleich das vorgestellte Modell im Ansatz an die britische Schule der 1970er-Jahre erinnert (Haggett 1991, S. 750), bleibt es im Unterschied zu normativen Modellen eine situative empirische Repräsentation.

Abb. 2.3 748 Wissenschaftler arbeiten in 52 Arbeitsbereichen der Geographie (nach Glückler und Goeke 2009, S. 268)

Abb. 2.4 Netzwerk der thematischen Arbeitsgebiete in der wissenschaftlichen Geographie 2006 (nach Glückler und Goeke 2009, S. 269)
Die Wirtschaftsgeographie verfolgt im raumwissenschaftlichen Paradigma das Ziel, Raumgesetze für ökonomische Strukturen und Prozesse zu formulieren, d. h. Erklärungen von Standortstrukturen, Handelsbewegungen und räumlichen Konzentrationen von Unternehmen auf der Grundlage räumlicher Parameter zu entwickeln. Das Ergebnis dieser paradigmatischen Zielsetzung in der Wirtschaftsgeographie wird im Folgenden als Raumwirtschaftslehre bezeichnet (Schätzl 1981, Kap. 1; 1998, Kap. 1). Insgesamt stellt die raumwissenschaftliche Geographie eine methodologische Revolution dar, in der differenzierte analytische Verfahren, etwa der Regionalisierung (→ Kap. 4.1.4) und deduktiven Erklärung von Zusammenhängen, entwickelt werden (Werlen 1997, Kap. 2).
2.1.3Die (sozial-)theoretische Revolution: Geographie als Akteurswissenschaft
In den 1980er-Jahren etablierte sich ein stärker sozialtheoretisch orientiertes Bewusstsein, das zuvor zwar in Ansätzen vorhanden (z. B. Hartke 1956), nicht aber dominant war und welches das raumwissenschaftliche Programm einer umfassenden Kritik unterzog. In der wissenschaftstheoretischen Revolution der Raumwissenschaft erkannten viele Kritiker vor allem eine methodisch-instrumentelle Revolution der Verfahren, nicht aber der zentralen Konzepte von Raum und dem Verhältnis von Raum und Gegenstand. Wenngleich Raum nicht mehr als natürliche Landschaft angesehen wurde, so doch als Erklärungsfaktor für soziale und wirtschaftliche Phänomene. Räumliche Distanz operiert in diesem Ansatz als Ordnungskraft menschlicher Entscheidungen und determiniert im Rahmen universeller Raumgesetze das Handeln. Diesem Verständnis folgend kann jedes soziale und materielle Phänomen zum Gegenstand raumwissenschaftlicher Forschungen werden, wenn die Distanz als Erklärungsgröße für Verteilungen und Austauschbeziehungen herangezogen wird.
Empirisch und theoretisch lassen sich ökonomische Prozesse und Strukturen hingegen nicht als entfernungsdeterminiert nachweisen. Soziale Tatbestände werden dadurch auf den Raum reduziert und gleichsam theoriefrei behandelt. Stattdessen sind Distanzen das Ergebnis von inhaltlichen Zusammenhängen jeweiliger ökonomischer und sozialer Problembereiche, nicht aber deren Ursache. Aus dieser Inversion der Kausalrichtung lässt sich die Kritik an der Raumwissenschaft zusammenfassen (Glückler 2002): Physisch-geometrische Distanzen sind Randbedingungen und Ergebnisse von sozialen und ökonomischen Prozessen, nicht aber deren Ausgangspunkte. Über die soziale oder ökonomische Bedeutung des Physischen lässt sich allein aus dem Physischen heraus nichts aussagen (Hard 1973, II. Teil; Werlen 1987; Hard 1993; 1995 c; 1997, Kap. 2; 2000, Kap. 9). Die Ursachen räumlicher Verteilungen liegen in den Theorien der Gegenstandsbereiche, sodass über geographische Phänomene geographie-extern nach Lösungen zu suchen ist (Bahrenberg 1987). Während Regionalisierungs-, Begrenzungs- und Definitionsverfahren methodologisch modernisiert worden sind, bleibt das Paradigma einem vormodernen Verständnis von Raum sowie Raum-Gesellschafts-Beziehungen verhaftet. Werlen (1997, S. 61) beurteilt das raumwissenschaftliche Programm daher als Revolution einer halbierten Modernisierung.
Das Programm der sozialtheoretisch revidierten Geographie eröffnet demgegenüber eine neue Perspektive. Durch die Umkehr der Verursachungsrichtung bestimmen nunmehr das Soziale und Ökonomische die räumliche Struktur und nicht umgekehrt. Dadurch rücken Individuen oder Organisationen als Akteure in den Mittelpunkt und ihr Handeln wird als Ursache für Strukturen anerkannt (Werlen 1988; Sedlacek und Werlen 1998). Diese Einsicht öffnet den Rahmen für eine Neupositionierung der sozialwissenschaftlichen Geographie hin zum Handeln des Menschen (Weichhart 1986; Werlen 1987; 1995 a).
Neben der Kritik des Raumverständnisses vollzieht sich ferner eine Kritik der wissenschaftstheoretischen Auffassung. Da das Handeln menschlicher Akteure nicht gesetzesartig beschrieben werden kann, wird auch das Ziel deterministischer Theoriebildung aufgegeben. Stattdessen gilt das Prinzip der Kontingenz, durch das der Abhängigkeit von Kontexten stärkeres Gewicht beigemessen wird (Glückler 1999, Kap. 6; Sayer 2000, Kap. 1). In der Wirtschaftsgeographie äußert sich dieser Wandel von Theorie und Methodologie in einer Fokussierung der Analyse auf Unternehmen und deren Entscheidungsträger und nicht auf Regionen und Raumeinheiten als Akteure. Unternehmensziele und Beziehungen zwischen Unternehmen rücken dabei in den Mittelpunkt der Betrachtung und die Forschung bedient sich ökonomischer und sozialer Theorien, um den Gegenstandsbereich des ökonomischen Handelns und ökonomischer Beziehungen aus räumlicher Perspektive zu untersuchen.
2.1.4Die Evolution der Paradigmen im Zeichen der Moderne
Der im Folgenden dargestellte Modernisierungsdiskurs ermöglicht es, unterschiedliche Sichtweisen des Zusammenhangs von Raum und Gesellschaft historisch nachzuvollziehen. In Anlehnung an den britischen Sozialtheoretiker Giddens (1997) lässt sich zwischen einer traditionellen bzw. vormodernen und einer modernen Epoche der gesellschaftlichen Entwicklung unterscheiden (Werlen 2000, Kap. 3). Dabei sind drei wechselseitig voneinander abhängige Prozesse ausschlaggebend für die Veränderung des Verhältnisses von Raum, Zeit und Gesellschaft:
(1) Trennung von Raum und Zeit. Durch die Moderne hat eine Trennung von Raum und Zeit stattgefunden. Im Unterschied zur traditionellen Gesellschaft ist es in der modernen Gesellschaft nicht mehr notwendig, Güter zum Zeitpunkt ihrer Entstehung und am Ort ihrer Erzeugung zu konsumieren. Man kann sie tauschen, über längere Zeiträume aufbewahren oder an andere Orte transferieren. Personen sind damit zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse nicht auf diejenigen Güter angewiesen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an den Orten hergestellt werden, an denen sie sich gerade aufhalten, sondern sie können Produkte von anderen Orten und Produkte, die zu früheren Zeitpunkten hergestellt worden sind, konsumieren. Wichtige Bedingung hierfür sind neu entwickelte Technologien, wie z. B. der Kühlschrank zur Frischhaltung von Agrarprodukten oder der Bau neuer Straßen- und Schienensysteme zum Transport von Gütern.
(2) Entbettung der sozialen Systeme. Zugleich hat die Moderne zu einer Entbettung der sozialen Systeme geführt. Darunter versteht Giddens (1997, Kap. 1) das Herauslösen sozialer Aktivitäten aus ihren lokalen Kontexten. In der modernen Gesellschaft ist es normal, Produkte zu konsumieren, die in anderen Teilen der Welt unter nicht nachvollziehbaren Bedingungen produziert werden. Infolge dieses Herauslösens aus dem unmittelbaren Aktivitätsraum üben Akteure, ohne es zu wissen, durch die in Konsumhandlungen zum Ausdruck kommenden Präferenzen Einfluss auf Produktionsweisen und Gesellschaften aus, die sich in entfernten Teilen der Welt befinden (→ Box 2-2). Vertrauen in symbolische Zeichen wie etwa Geld und Uhrzeit sowie in Expertensysteme sind notwendige Voraussetzung für den Prozess der Entbettung sozialer Systeme. Eine zentrale Voraussetzung zum Tausch ist, dass Geld überall als Gegenwert akzeptiert wird. Vertrauen in Expertensysteme bedeutet, dass man sich darauf verlässt, dass Experten existieren, die Technologien wie etwa Autos und Flugzeuge so beherrschen, dass man diese mit begrenztem Risiko für die eigene Gesundheit und ohne spezifische technische Kenntnisse benutzen kann.
Box 2-2: Produktionsbedingungen in entfernten Kontexten
Für die Entbettung sozialer Systeme lassen sich viele Beispiele anführen, speziell im Zusammenhang mit der Verlagerung industrieller Produktion aus westlichen Industrieländern in Entwicklungs- und Schwellenländer. Schon in den 1980er- und 1990er-Jahren sind zahlreiche Fälle bekannt geworden, die gezeigt haben, wie verlagerte Produktionsarbeit in Asien unter teilweise menschenunwürdigen Bedingungen stattfindet. Durch Medienberichte und die Aktivitäten von non-governmental organizations (NGOs) wie etwa Greenpeace, die Konsumenten mobilisieren und zum Nicht-Konsum bewegen konnten, ist es inzwischen gelungen, solche Phänomene der Entbettung teilweise zu begrenzen und zu reduzieren. Viele weltweit bekannte Markenunternehmen wie Benetton, Nike oder C&A verpflichteten sich inzwischen freiwillig, die Produktionsbedingungen an entfernten Standorten durch Mindeststandards sozial- und gesundheitsverträglich zu gestalten und überwachen diese Bedingungen. Dennoch lassen sich noch viele Beispiele finden, die zeigen, wie kostengünstiger Konsum in Westeuropa und Nordamerika durch nicht nachhaltige und gesundheitsschädliche Produktionskontexte erkauft wird. Ein Beispiel hierfür ist die Produktion von Jeanshosen. Ein Bericht von Bartsch (2011) dokumentiert in eindrucksvoller Weise, wie ein erheblicher Teil der Weltproduktion von Bluejeans in Xintang in Südchina unter fragwürdigen sozialen und ökologischen Bedingungen stattfindet. Die blaue Farbe vom Färben der Hosen hat sich nicht nur in den Armen der chinesischen Produktionsarbeiter permanent festgesetzt, die über allergische Hautreaktionen klagen, sie findet sich ebenso in dem nahe gelegenen Fluss, in den die Abwässer fließen, in den Müllbergen, und sogar die Ratten vor Ort erscheinen blau. Die Arbeitstage der Produktionsarbeiter dauern 12 Stunden bei einem Monatseinkommen von gerade einmal 200 Euro. Nach Bartsch (2011) werden in Xintang jährlich in 4000 Unternehmen von 700 000 Menschen 260 Millionen Bluejeans (davon die Hälfte für den Export) hergestellt, wobei auch Kinderarbeit verbreitet zu sein scheint. Ganz sicher wäre eine Produktion unter derartigen Bedingungen nicht in direkter Nachbarschaft zu den Konsumzentren der Industrieländer möglich.
(3) Reflexivität gesellschaftlicher Beziehungen. Mit der Moderne hat sich eine systematische Reflexivität menschlicher Verhaltensweisen durchgesetzt. Die Aneignung von Wissen erfolgt über Reflexivität. Es findet eine ständige Hinterfragung und Überprüfung aller durchgeführten Aktionen statt, um durch Lernprozesse systematisch neues, verbessertes Wissen zu erzielen. Mit der Moderne wird dieses neue Wissen unmittelbar in zukünftige Aktionen umgesetzt im Unterschied zur traditionellen Gesellschaft.
Aus Sicht der Moderne erscheint es daher korrekt, eine Abhängigkeit von Raum und Gesellschaft in der vormodernen Gesellschaft zu behaupten. Handeln erscheint sehr stark von räumlichen Bedingungen bestimmt und ermöglicht die Formulierung von Raumtheorien. Durch die Trennung von Raum und Zeit wird jedoch deutlich, dass eine theoretische Abhängigkeit zwischen Mensch und Raum nicht besteht. Während dies in der Vormoderne noch zu richtigen Beobachtungen führen kann, lassen sich in der Moderne keine zuverlässigen Aussagen mehr aus dem Raum auf das Gesellschaftliche ableiten (z. B. Hard 1993). Der in der Raumwissenschaft angenommene Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Strukturen und räumlichen Eigenschaften beschreibt damit nur eine scheinbare sachliche Verknüpfung. Der Prozess der Modernisierung verdeutlicht, dass soziale Entbettung aus räumlichen Kontexten nur aus dem Sozialen, nicht aber aus dem Räumlichen erklärt werden kann (Werlen 1997, Kap. 2; 1998). Somit kann der historische Übergang von der traditionellen zur modernen Gesellschaft als Verständnisgrundlage für die Frage dienen, warum die Raumwissenschaft einer wachsenden Kritik ausgesetzt war und von einer sozialtheoretisch revidierten Geographie abgelöst worden ist.
Während der Prozess des Wechsels von Paradigmen und ihrer Evolution einen Wandel von Verständnissen und Realitäten in der Wissenschaft allgemein und in vereinfachter Weise abbildet, vollzieht sich dieser Wandel nicht überall gleichartig und kontextfrei. Die hier dargestellte Paradigmengeschichte der allgemeinen und der Wirtschaftsgeographie ist demnach keineswegs ein globaler Prozess, sondern kennzeichnet speziell die deutsche Wissenschaftslandschaft. In anderen nationalen Kontexten in Europa, Nordamerika und Asien, in denen ebenfalls Paradigmenwechsel stattfanden, vollzog sich der Wandel aufgrund verschiedener ökonomischer, gesellschaftlicher und politischer Bedingungen sowie verschiedener wissenschaftlicher Einflüsse und Persönlichkeiten durchaus unterschiedlich und führte zu unterschiedlichen Erfahrungen. Anders als beispielsweise im nordamerikanischen Raum gab es z.B. in Deutschland keine breite marxistische Strömung in der Geographie (Scott 2000; Barnes 2001; 2014). Ein relationales Verständnis eröffnet deshalb die Möglichkeit, spezifische Prozesse im Rahmen grundlegender gesellschaftlicher Änderungen zu untersuchen und im Kontext darzustellen (Bathelt und Glückler 2017).
2.2Wirtschaftsgeographie im Paradigmenwechsel
Ähnlich wie für die gesamte Disziplin der Geographie kann eine paradigmatische Perspektive auch auf die Wirtschaftsgeographie eröffnet werden, um grundlegende programmatische Denkmuster oder mind maps zu unterscheiden. Dabei lassen sich im deutschen Kontext wiederum die Grundfiguren der Länder- und Landschaftskunde, der Raumwissenschaft und einer akteurszentrierten Geographie in den wirtschaftsgeographischen Ansätzen identifizieren.
2.2.1Wirtschaftsgeographie in der Länderkunde
Gemäß dem Ordnungsplan der länder- und landschaftskundlichen Geographie nach Uhlig (1970) nimmt die Wirtschaftsgeographie den Status einer Geofaktorenlehre ein, deren primäre Aufgabe es ist, regional erworbenes Wissen in der synthetischen Gesamtschau komplexer Landschaften und Länder bereitzustellen. Wirtschaftsgeographische Forschung bezieht sich demnach auf die Indexierung von Wirtschaftsaktivitäten in bestimmten, meist als natürlich angenommenen Landschaften oder Ländern und verbleibt empirisch weitgehend deskriptiv. Da die Aufgabe der Wirtschaftsgeographie vorwiegend in der Erfassung der Folgen wirtschaftlicher Tätigkeit für die Raumstruktur gesehen wird (Wagner 1981, S. 183), bleiben die Zusammenhänge und Mechanismen ökonomischer Aktivitäten in diesem Verständnis unterbeleuchtet. Die strenge Arbeitsteilung zwischen Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftsgeographie ist Ausdruck der hierarchischen Integration der Teildisziplin unter dem Primat der länder- und landschaftskundlichen Geographie.
Das vergegenständlichte Konzept des Raums im länderkundlichen Paradigma schlägt sich auch im Forschungsgegenstand der Wirtschaftsgeographie nieder. Zentrales Forschungsobjekt ist – in je unterschiedlichen Stadien des Paradigmas – zuerst die Wirtschaftslandschaft (Lütgens 1921), dann die Wirtschaftsformation (Waibel 1933 a) und schließlich der Wirtschaftsraum (Krauss 1933) mit zahlreichen darauf folgenden Modifikationen (Otremba 1969; Voppel 1970). Die zentrale Gemeinsamkeit dieser Konzepte besteht darin, dass nicht das Handeln ökonomischer Akteure, sondern die lokalisierten Handlungsergebnisse in zusammenhängenden Räumen in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt werden (Wagner 1981, S. 19): „Der Wirtschaftsraum ist [. . .] das zentrale Forschungsobjekt der Wirtschaftsgeographie.“ Es gilt als Leitziel, die räumliche Ordnung der Wirtschaft in Wirtschaftsräumen zu erfassen und abzugrenzen. Dies zeigt sich deutlich im Aufbau älterer Lehrbücher (z. B. Bartling 1926) und findet noch heute Niederschlag in Schulbüchern der Geographie, die allerdings zunehmend problemorientierter aufgebaut sind (z. B. Volkmann 1997; Allkämper et al. 1998).
Wenngleich sich länderkundliche Ansatzpunkte auch in späteren Arbeiten von Wagner (1998) und Voppel (1999) wiederfinden lassen, aber inzwischen von dynamischen und sozialwissenschaftlich beeinflussten Perspektiven überlagert werden, ist eine solche Grundkonzeption mit ihrer idiographisch-deskriptiven Methode und ihrer Vergegenständlichung von Raum als Forschungsgegenstand unvereinbar mit einer relationalen Wirtschaftsgeographie. Dies soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass detailliertes Wissen über regionales Wirtschaftsgeschehen und über lokale ökonomische Rahmenbedingungen ein wertvolles gesellschaftliches Gut ist. Nicht zufällig kommen bei Krisensituationen oder Kriegen immer wieder auch regional spezialisierte Wirtschaftsgeographen in den Medien zu Wort. Ausdruck dessen sind auch die nach wie vor zahlreichen wirtschaftsgeographischen Länderkunden und Reiseführer (z. B. Lutz 1980; Lenz 1988; Hofmeister 1997; Boal und Royle 1999; Hofmeister und Lutz 1999; Lamping 1999; 2000) sowie ökonomisch fokussierte Länderstudien wie etwa von Banken und Auftragsforschungsinstituten. Interessant ist auch, dass die vergleichende Politikwissenschaft dezidiert eine regionale Spezialisierung und Aufgabenteilung anstrebt und breiten regionalen Wissenskontexten von ökonomischen, kulturellen und politischen Prozessen eine hohe Bedeutung einräumt. Entsprechend beschreibt Bahrenberg (1995) die Bedeutung einer nachfrageorientierten und adressatenspezifischen Funktion der Länderkunde als Expertensystem, um territoriales Wissen als gesellschaftliche und politische Dienstleistung in Entscheidungs- und Bildungsprozesse einzubringen. Der Versuch von Wirth (1978) hingegen, ein länderkundliches Forschungsprogramm wissenschaftstheoretisch zu verankern, wird von Bahrenberg (1979) als gescheitert angesehen.
2.2.2Raumwirtschaftslehre
Nur zögernd hat sich die Wirtschaftsgeographie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der beschreibenden Ebene des länder- und landschaftskundlichen Schemas zu modelltheoretischen und konzeptionellen Fragestellungen hin entwickelt, die das Ziel der Verallgemeinerung haben. Wichtige Anstöße in der Wirtschaftsgeographie stammen hierbei von Theorien, die in den Nachbarwissenschaften, insbesondere in der Ökonomie, entwickelt wurden. Erst Mitte der 1980er-Jahre haben auch sozialwissenschaftliche Ansätze verstärkt Einzug in die Wirtschaftsgeographie gehalten. Historisch wichtige Anstöße erhielt die Wirtschaftsgeographie durch die Arbeiten Webers (1909) zur industriellen Standortlehre und v. Thünens (1875) mit der für den Agrarsektor konzipierten Landnutzungstheorie sowie durch Christaller (1933) und Lösch (1944) mit ihren Untersuchungen über hierarchische Systeme zentraler Orte und Marktnetze. Wichtige programmatische Anregungen kamen in den 1950er-Jahren aus den USA von Isard (1956; 1960), der die regional science als Wissenschaft der räumlichen Ordnung und Organisation der Wirtschaft begründete, die sich stark an ökonomischen Theorien und Modellen orientiert. Durch die Einbeziehung des Raums – zumeist als Kostenfaktor – wurden ökonomische Theorien in die Geographie integriert. Damit entstand eine neue Basis für wirtschaftsgeographische Arbeiten. Es wurden formale Raummodelle entwickelt und allgemeine raumbezogene Zusammenhänge getestet. Insbesondere von Böventer (1962; 1995) übertrug den Ansatz der regional science in seine Raumwirtschaftslehre. Aus der regional science ist letztlich auch der von Schätzl (1998, S. 17 f) vertretene raumwirtschaftliche Ansatz der Wirtschaftsgeographie hervorgegangen. Demnach lässt sich „[. . .] Wirtschaftsgeographie definieren als die Wissenschaft von der räumlichen Ordnung und der räumlichen Organisation der Wirtschaft. Sie stellt sich in dem [. . .] raumwirtschaftlichen Ansatz die Aufgabe, räumliche Strukturen und ihre Veränderungen – aufgrund interner Entwicklungsdeterminanten und räumlicher Interaktionen – zu erklären, zu beschreiben und zu bewerten. Dabei sind die Verteilung ökonomischer Aktivitäten im Raum (Struktur), die räumlichen Bewegungen von Produktionsfaktoren, Gütern und Dienstleistungen (Interaktionen) sowie deren Entwicklungsdynamik (Prozeß) als interdependentes Raumsystem zu verstehen.“
Ziel der Raumwirtschaftslehre ist es dabei, auf dem Weg der Theorie- und Modellbildung allgemeine Erkenntnisse über die räumliche Ordnung der Wirtschaft zu erhalten. Voppel (1999, S. 27) erläutert dies programmatisch wie folgt: „Die theoretischen Grundlagen der Wirtschaftsgeographie basieren auf Gesetzmäßigkeiten, die den Raum und mit dem Raum verbundene ökonomische Entscheidungen und Abläufe betreffen.“ Nach Schätzl (1998, Kap. 1) stehen hierbei drei spezifische Aufgaben der Wirtschaftsgeographie im Vordergrund:
Untersuchung der Verteilung ökonomischer Aktivitäten wie z.B. von Wirtschaftszweigen im Raum, und der Faktoren, welche ihre Standortwahl beeinflussen.
Analyse der Veränderungen der räumlichen Struktur und ihrer Entwicklungsdynamik, z. B. der Ursachen für Standortverlagerungen oder von Unternehmensgründungen und -schließungen.
Analyse der räumlichen Bewegungen von Gütern und Produktionsfaktoren, so z. B. der Entstehung von Kundeneinzugsbereichen und Arbeitsmärkten und der Erfassung von Pendlerverflechtungen und Technologietransfers.
Bartels (1970 a; 1988) geht in seiner Vorstellung von Wirtschaftsgeographie einen Schritt weiter, indem er das räumliche Verhalten von Menschen differenziert nach Tätigkeiten und Sozialgruppen in den Mittelpunkt seiner Untersuchung stellt, anstatt das Verhalten anonymer Wirtschaftseinheiten zu untersuchen. Er erkennt für die Wirtschaftsgeographie vor allem folgende Forschungsschwerpunkte: (1) choristische Methodik bzw. Spatialanalyse (Raumanalyse), (2) Sozialgruppenforschung, (3) Perzeptionsforschung (Wahrnehmungsforschung), (4) Mobilitätsforschung, (5) Umweltpotenzialforschung, (6) Siedlungssystemforschung, (7) Raumentwicklungsforschung und (8) Disparitätenforschung (Analyse räumlicher Ungleichheiten).
In den 1980er-Jahren hat der raumwirtschaftliche Ansatz der Wirtschaftsgeographie durch Schätzl (1998) in Deutschland eine starke Verbreitung erfahren, wobei zusehends auch Grenzen des Ansatzes bei der Lösung aktueller Forschungsfragen deutlich geworden sind. Dies zeigt sich etwa in der Raumsicht. So werden in Studien räumliche Eigenschaften definiert und identifiziert und als Erklärungsmuster für Standortstrukturen oder Standortmuster verwendet. Sozialwissenschaftliche Erklärungsdimensionen werden dabei hingegen vernachlässigt.
2.2.3Ansatzpunkte einer new economic geography
In der angelsächsischen Literatur haben die Studien von Scott (1988; 1998), Storper (1995; 1997 a; 1997 b), Storper und Scott (1990; 1992), Storper und Walker (1989) sowie die Arbeiten von Amin (1994), Gertler (1993; 1997), Lee und Wills (1997), Maskell und Malmberg (1999 a; 1999 b), Barnes und Gertler (1999), Sheppard und Barnes (2000), Clark et al. (2000), Malmberg und Maskell (2002) und anderen seit Ende der 1980er-Jahre entscheidend dazu beigetragen, dass sich eine new economic geography entwickelt hat. Sie ist eine Gegenposition zur raumwirtschaftlichen Konzeption, die auch in den USA und in England lange Zeit stark verbreitet war (Barnes 2001). Die Ansätze von Krugman (1998), Fujita et al. (1999) und anderen Ökonomen, die sich primär mit der Konzeption räumlicher Strukturen im disziplinären Kontext der Wirtschaftswissenschaften beschäftigen – und sich nicht unbedingt an die Geographie richten (Krugman 2011) –, werden wir demgegenüber als geographical economics bezeichnen (Martin und Sunley 1996) (→ Kap. 12.4).
Im Unterschied zum raumwirtschaftlichen Ansatz strebt die new economic geography nicht an, ein geschlossenes und universelles Theoriegebäude zu entwerfen. Aufgrund der zunehmenden Komplexität wirtschaftlicher Prozesse, Praktiken und Kontexte sind neue wirtschaftsgeographische Ansätze offen strukturiert, fokussieren sich auf eine Akteurs- bzw. Handlungsperspektive und beziehen unterschiedliche wirtschafts-, sozial-, kultur- oder politikwissenschaftliche Konzepte in die Theoriebildung ein, die durch ihre Vielfältigkeit zu lebhaften und offenen Debatten und zugleich zu einer fortschreitenden Theorieentwicklung beitragen. Um die unterschiedliche Betrachtungsweise in der new economic geography gegenüber der Raumwirtschaftslehre pointiert zu verdeutlichen, werden im Folgenden einige vereinfachte Beispiele diskutiert.
Beispiel 1. In der Raumwirtschaftslehre ist die Analyse von Standortverteilungen und Standortentscheidungen klassischer Untersuchungsgegenstand (Isard 1956; Richardson 1978; Bartels 1988; Schätzl 1998). Hierbei wird zunächst definiert, welche Standortanforderungen die Unternehmen einer Branche stellen. Anschließend werden Regionen auf Standorteigenschaften hin untersucht und diese mit den Standortanforderungen verglichen. Die Raumwirtschaftslehre unterstellt dabei, dass Unternehmen sich im Rahmen einer gewinnmaximalen Standortwahl genau in denjenigen Regionen ansiedeln, die ihre Bedürfnisse am besten befriedigen.
Beispiel 2. Eine andere Fragestellung der traditionellen Raumwirtschaftslehre besteht darin zu untersuchen, warum die Unternehmen einer Branche in einigen Regionen schneller wachsen als in anderen Regionen. Hierzu werden zunächst die Eigenschaften der betreffenden Regionen, wie z. B. die Struktur der Arbeitskräfte, Löhne und andere Kosten sowie der Infrastrukturbestand, ermittelt. Anschließend wird mit statistischen Verfahren bestimmt, welche Eigenschaften wachsende Regionen gemeinsam haben und welche Eigenschaften schrumpfende Regionen prägen. Hieraus wird vielfach ein direkter kausaler Zusammenhang abgeleitet, z. B. in der Form, dass niedrige Kosten höheres Wachstum bewirken.
Das Problem hierbei ist, dass in beiden Beispielen Räume so behandelt werden, als seien sie selbst die Akteure (z. B. Hard 1993). Eine politische Schlussfolgerung, die aus solchen Untersuchungen abgeleitet wird, besagt dann beispielsweise, man müsse Kosten in einer Region senken, damit sich ein höheres Wachstum einstellt. Bei einer solchen Argumentation wird allerdings übersehen, dass Regionen eben keine Akteure sind, sondern eine soziale Konstruktion, abhängig von den konkreten sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Bedingungen, unter denen Menschen in Unternehmen und anderen Organisationen agieren. Manchmal mag es nur ein einziges großes, dominantes Unternehmen sein, das über seine Verflechtungen mit anderen regionalen Akteuren Schrumpfungs- oder auch Wachstumsprozesse auslöst (z. B. Romo und Schwartz 1995). Das hat dann unter Umständen weder mit Kosten, Infrastruktur oder anderen Bedingungen vor Ort zu tun, sondern ist möglicherweise nur eine Folge eines übergeordneten an anderer Stelle beschlossenen Strategiewechsels dieses Unternehmens (z. B. Schamp 2000 b, Kap. 3.2). Der ehemalige Chemiekonzern Hoechst mit Stammsitz in Frankfurt-Höchst, der 1998 durch Fusion mit Rhône-Poulenc in Aventis überführt wurde, ist ein gutes Beispiel hierfür (Bathelt 1997 b). Eine Analyse von Standortfaktoren würde im Fall von Hoechst falsche Erklärungen für dessen Umstrukturierung und die Entwicklung der chemischen Industrie in der Rhein-Main-Region liefern, etwa die Konsequenzen für den Zuliefersektor und die Arbeitsplatzentwicklung (Bathelt und Kappes 2009), und könnte möglicherweise problematische politisch-planerische Konsequenzen nach sich ziehen.
In den Arbeiten zur new economic geography ist die Vorgehensweise demgegenüber eine andere (Storper 1997 b; Scott 1998). Hier werden neben wirtschaftswissenschaftlichen auch sozialwissenschaftliche Ansätze integriert. Genau genommen wird die Fragestellung der Raumwirtschaftslehre in ihr Gegenteil verkehrt. Es wird nicht untersucht, welche Regionen sich aufgrund ihrer bestehenden Standortvorteile für die Ansiedlung von Unternehmen gut eignen. Es wird vielmehr analysiert, wie Unternehmen ihr Umfeld selbst gestalten und verändern, sodass sie unter bestmöglichen Bedingungen produzieren können (Storper und Walker 1989, Kap. 3): Wie schaffen sich Unternehmen ein geeignetes regionales Umfeld durch die Ausbildung von Mitarbeitern, Ansiedlung von Zulieferern, Inanspruchnahme von Dienstleistungen, Beeinflussung von Politikern und Planern sowie durch Lernprozesse mit ihren Kunden? Auf die Unterschiede in der Herangehensweise der new economic geography im Vergleich zur Raumwirtschaftslehre deutet auch das hypothetische Beispiel der RegioNova in Kapitel 1.2 hin.
In neuen Ansätzen wird der Tatsache Rechnung getragen, dass viele Standortentscheidungen im Sinn von Lipietz (1985) „geschichtliche Fundsachen“ sind, die im Nachhinein kaum mehr exakt ergründet werden können. So zeigen die Untersuchungen der 1980er- und 1990er-Jahre, dass Ansiedlungs- und Verlagerungspotenziale von Unternehmen eher gering sind. Regionale Strukturveränderungen sind vor allem geprägt durch Umstrukturierungen bestehender Unternehmen. Ansätze einer sozialwissenschaftlich informierten Wirtschaftsgeographie haben entsprechend eine dynamisch-evolutionäre Betrachtungsebene (Bathelt 1991 b, Kap. 12). Hierbei werden räumliche Strukturen als soziale Konstrukte betrachtet, die aus vielfältigen Interaktionen von Personen, Unternehmen und politischen Entscheidungsträgern hervorgehen, wobei diese lokalisierten Strukturen zugleich infolge reflexiver Wissensaneignung das Handeln der Akteure beeinflussen (Storper 1997 a; 1997 b, Kap. 2).
Wichtige Fragen einer veränderten Perspektive der Wirtschaftsgeographie sind:
Wie interagieren Unternehmen und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für lokalisierte Prozesse und Strukturen?
Wie werden Unternehmen durch den institutionellen und soziokulturellen Kontext in ihrer Stammregion geprägt?
Wie sind Unternehmen und Produktionssysteme organisiert, wie unterscheidet sich die Organisation von Ort zu Ort und welche territorial abbildbaren Folgen ergeben sich daraus?
Durch welche Kommunikations- und Abstimmungsprozesse können Unternehmen ihr Umfeld nach ihren Vorstellungen prägen, sodass ihre Wettbewerbsfähigkeit steigt und der technische Fortschritt beschleunigt wird?
Wie lernen Unternehmen, wie entwickeln sie neues Wissen und wie wenden sie dieses Wissen zur Produktion neuer Waren und Dienstleistungen an?
Wie kommt es zur Entstehung neuer Institutionen und wie sind diese verortet?
Wie wirken sich Veränderungen von Technologien, Nachfragewünschen und Wettbewerbsbedingungen auf die Organisation der Produktion aus und in welcher regionalen Variation äußert sich dies?
Und schließlich: Wie sind Unternehmen mit Akteuren an anderen Standorten national und global vernetzt, welche Probleme ergeben sich bei der Integration unterschiedlicher institutioneller, kultureller und politischer Handlungspraktiken und wie wird die Organisation an verschiedenen Standorten durch derartige Beziehungen beeinflusst?
Mit diesen und anderen Fragestellungen greift die Wirtschaftsgeographie die Kritik von Massey (1985, S. 11) an der Geographie als der Wissenschaft des Räumlichen auf:
„Geography set itself up as ‘the science of the spatial’. There were spatial laws, spatial relationships, spatial processes. There was a notion that there were certain principles of spatial interaction which could be studied devoid of their social content. [. . .] There was an obsession with the identification of spatial regularities and an urge to explain them by spatial factors. The explanation of geographical patterns, it was argued, lay within the spatial. There was no need to look further. [. . .] This is an untenable position. [. . .] There are no such things as purely spatial processes; there are only particular social processes operating over space.“
Ansatzpunkt einer relationalen Wirtschaftsgeographie sind nicht Regionen, sondern Unternehmen und andere Akteure, die innerhalb einer Produktions- bzw. Wertschöpfungskette in einem räumlichen Kontext arbeitsteilig miteinander verflochten sind und soziale Interaktionen aufweisen (Dicken 1998, Kap. 1).
Häufig wird hierbei auch von filière gesprochen (z. B. Nuhn 1993; Lenz 1997), wobei sich die Konzepte in ihrer empirischen Umsetzung meist nicht wesentlich voneinander unterscheiden (Schamp 2000 b, Kap. 2.1). Eine Produktionskette ist eine Abfolge von Funktionen, die dem Produkt auf jeder Stufe einen Wert zufügt (Dicken und Thrift 1992), wobei dies nicht als rein linearer Prozess verstanden werden darf.
Ein Beispiel, wie man die Produktionskette als Ausgangspunkt wirtschaftsgeographischer Studien verwendet, liefert die Untersuchung von Bertram (1992) über die Automobilindustrie (→ Abb. 2.5). Hier zeigen sich sehr deutlich die Schnittstellen zwischen Unterlieferanten, Hauptzulieferern, den eigentlichen Automobilproduzenten, der Absatzorganisation und den Konsumenten. Die einzelnen Glieder der Produktionskette überschneiden sich, sind eng miteinander durch Kommunikations- und Abstimmungsprozesse verbunden, werden aber dennoch von unterschiedlichen Prozessen beeinflusst. Zunehmende Preiskonkurrenz bei Unterlieferanten führt z. B. zu Verlagerungsprozessen der Produktion ins Ausland. Zunehmende Qualitätskonkurrenz der Hauptzulieferer hat etwa zur Folge, dass diese sich zu strategischen Allianzen zusammenschließen. Neue Konkurrenz der Automobilproduzenten kann schließlich dazu führen, dass neue Produktionskonzepte eingeführt werden. Der Produktionsablauf ist in dieser Konzeption nicht mehr rein linear, sondern unterliegt Einflüssen, die auf mehrere Abschnitte der Produktionskette zugleich rückwirken.

Abb. 2.5 Produktionskette als Ausgangspunkt wirtschaftsgeographischer Untersuchungen (nach Bertram 1992, S. 218)
2.3Das Argument der zweiten Transition in der Wirtschaftsgeographie
Die in diesem Band entwickelten Argumente plädieren nicht für eine additive Erweiterung des bestehenden raumwirtschaftlichen Paradigmas, sondern für eine Transition zu veränderten Grundkonzepten und -perspektiven des Fachs. Wir plädieren für einen Übergang zu einer Perspektive, deren mögliche Konturen wir vorzeichnen wollen. Dieses Buch formuliert die strukturellen Probleme des raumwirtschaftlichen Ansatzes und versucht veränderte und alternative Konzepte anzubieten, die Wege zu einer Neuorientierung sein können. Nachdem die methodologische Revolution die erste Transition von einer länderkundlichen Wirtschaftsgeographie zur Raumwirtschaftslehre bereitete, unternehmen wir den Versuch, den konzeptionellen Rahmen einer zweiten Transition hin zu einer relationalen Wirtschaftsgeographie zu formulieren. Unsere Argumentation stützt sich auf zahlreiche jüngere Arbeiten vor allem aus dem angelsächsischen Diskurs. Ausgangspunkt unserer Überlegungen stellt die Konzeption der holy trinity von Storper (1997 a; 1997 b, Kap. 2) dar. Es sollte hierbei vorab klar sein, dass dies nicht die einzige oder einzig mögliche Perspektive oder Sichtweise auf das Fach ist und dass andere Autoren durchaus andere Schwerpunkte setzen (z.B. Scott 2000; Barnes 2001; Boschma und Frenken 2005; Barnes und Sheppard 2010). Es geht uns in erster Linie darum zu versuchen, aktuelle wirtschaftsgeographische Problemstellungen und unterschiedliche Herangehensweisen und Konzepte in konsistenter Weise zu verbinden, zu bewerten und neue Forschungslinien aufzuzeigen (Bathelt und Glückler 2017).
2.3.1Storpers Konzeption der holy trinity
Einen initialen Versuch einer Neuformulierung der Ansatzpunkte und Ziele der Wirtschaftsgeographie unternahm Storper (1997 a; 1997 b, Kap. 2) mit seiner Konzeption der holy trinity, die auf den drei Säulen Technologie, Organisation und Territorium gründet, die in enger wechselseitiger Verflechtung stehen. Storper (1997 c) argumentiert, dass lokalisierte Produktionssysteme trotz revolutionärer Verbesserungen in der Kommunikationstechnik und im Verkehrswesen, die zu einer drastischen Raum-Zeit-Verkürzung (Harvey 1990) geführt haben, eine ungebrochen große Bedeutung besitzen. Er führt dies im Wesentlichen auf zwei Ursachen zurück:
Zum einen erhöhen sich durch Respezialisierungs- und Destandardisierungsprozesse die Transaktionskosten in der industriellen Produktion (→ Kap. 9.1). Diesem Kostenanstieg wird durch die Nutzung von Nähevorteilen in regionalen Ballungen begegnet.
Zum anderen bieten spezialisierte Industrieagglomerationen die Möglichkeit zu spezifischen organisatorischen und technologischen Lernprozessen, die Wettbewerbsvorteile bewirken und den Ballungsprozess fördern.
In beiden Fällen spielen sogenannte untraded interdependencies für die Abstimmungs-, Kommunikations- und Lernprozesse zwischen den ökonomischen Akteuren eine zentrale Rolle. Diese umfassen Konventionen, informelle Regeln und Gewohnheiten. Sie sind lokalisiert, d. h. an bestimmte Personen und Orte gebunden und können dort, wo sie auftreten, regionsspezifische Vorteile konstituieren. Storper (1992; 1997 b, Kap. 3) argumentiert deshalb, dass Nähevorteile trotz mächtiger Globalisierungskräfte nationale und regionale Industrieballungen sowie -spezialisierungen begünstigen. Die dabei zugrunde liegenden sozialen und ökonomischen Prozesse erfasst Storper (1997 a; 1997 b, Kap. 2) durch die Überlagerung der drei Säulen seiner holy trinity der Wirtschaftsgeographie (→ Abb. 2.6):

Abb. 2.6 Produktions- und Innovationswelten in der Storper’schen Konzeption der holy trinity (nach Storper 1997 b, S. 42 und 49)
(1) Technologien. Technologien werden als Motor des Wandels territorialer Wirtschaftsstrukturen angesehen. Technologischer Wandel führt zum Aufstieg neuer und Niedergang alter Produkte und Prozesse, was sich unmittelbar auf die Struktur und Arbeitsteilung der industriellen Produktion und ihre räumliche Organisation auswirkt.
(2) Organisationen. Die Organisation von Unternehmen und Unternehmensnetzwerken in einem Produktionssystem wird unter anderem von der Art des eingeschlagenen technologischen Entwicklungspfads und von den territorialen Kontexten geprägt. Hierbei spielen lokalisierte Fertigkeiten und daraus nutzbare Nähevorteile durch spezialisierte Ressourcen, Qualifikationen sowie gleiche Normen, Regeln und Traditionen eine zentrale Rolle. Durch die Organisationsform werden Informations- und Kommunikationsprozesse ermöglicht und damit Voraussetzungen zum technologischen Wandel geschaffen.
(3) Territorien. Auf der Ebene der Territorien (→ Kap. 4.1) lassen sich die Ko-Entwicklungspfade von Organisationen und Technologien erfassen. Über regionale Materialverflechtungen, Wissenstransfers und Anpassungen zwischen Unternehmen kommt es zu spillover-Effekten und Lernprozessen, die die Wettbewerbsfähigkeit der in einer Region miteinander verbundenen Unternehmen kollektiv steigern. Untraded interdependencies haben eine zentrale Rolle bei der Transformation technologischer und organisatorischer Welten in regionale Welten (→ Abb. 2.6).
Storper (1995; 1997 b) leistet einen zentralen Beitrag für eine Neuorientierung der Wirtschaftsgeographie. Seine Argumentation betont die Rolle sozialer Institutionen, wie z.B. Konventionen, und stellt die soziale Interaktion als Prozess des Organisierens, Lernens und Innovierens in das Zentrum wirtschaftsgeographischer Forschung. Er identifiziert Mechanismen, in denen institutionelle Kontexte die geographische Konzentration ökonomischen Handelns erst ermöglichen, und konstruiert eine Erklärungsperspektive, die bei den Akteuren und Akteursgruppen und nicht bei deren Rahmenbedingungen ansetzt. Allerdings kann das implizite Raumverständnis in Storpers (1997 a; 1997 b, Kap. 2) Konzeption der holy trinity unter Umständen Probleme aufwerfen:
(1) Aufwertung der Raumdimension. Das Territorium bildet neben den konzeptionellen Säulen Organisation und Technologie eine eigenständige Säule und hat somit eine scheinbar gleichberechtigte Stellung innerhalb der holy trinity. Wir halten es für gefährlich, räumliche Prozesse (als seien Räume handlungsfähige Subjekte) auf dieselbe Ebene wie soziale und ökonomische Prozesse zu stellen. Da letztere eine konstitutive Funktion für räumlich abbildbare Prozesse und Strukturen einnehmen, gibt es außerhalb des Sozialen und Ökonomischen nichts Konzeptionelles über den Raum zu sagen (Saunders 1989). Dies ist allerdings auch nicht die Absicht von Storper (1993; 1997 a; 1997 b). Daher stellen wir dem Territorium als konstituierender Säule ein Verständnis von Raum als Perspektive gegenüber, mit der soziale und ökonomische Prozesse in der Wirtschaftsgeographie analysiert werden. Raum wird somit nicht auf der Ebene der Konzepte und Phänomene, sondern als Zugangsperspektive zu diesen konstruiert.
(2) Isolation der räumlichen Perspektive vom Ökonomischen und Sozialen. Durch die Konzeption einer Territorialdimension wird die Analyse räumlicher Prozesse und Strukturen auf eine einzige Säule der holy trinity und deren Überlappungsbereiche beschränkt. Organisationen und Technologien werden hingegen zunächst als abstrakte, unverortete Dimensionen charakterisiert. Dies entspricht nicht unserer Intention, die darauf abzielt, eine räumliche Perspektive als spezifisch geographische Sichtweise auf alle Analysedimensionen anzuwenden und ökonomische und soziale Prozesse aus dieser Perspektive zusammenzubinden.
2.3.2Neue relationale Positionen
Seit den 1990er-Jahren sind zahlreiche neue Positionen in der Wirtschaftsgeographie formuliert worden, die relationalen Perspektiven als Gegenpositionen zu konventionellen raumwirtschaftlichen Erklärungsansätzen und Theorien entwickeln und auf ein grundlegendes Verständnis der interdependenten ökonomischen und sozialen Prozesse innerhalb und zwischen räumlichen Kontexten abzielen (Berndt und Glückler 2006; Bathelt und Glückler 2011, Kap. 1 und 12). Drei derartige Positionen werden nachfolgend mit der Milieuschule, dem Ansatz globaler Produktionszusammenhänge und dem Ansatz einer Praxisgeographie kurz diskutiert.
(1) Regionale Innovation in spezifischen Milieus. Die Milieuschule um die Groupe de Recherche Européen sur les Milieux Innovateurs (GREMI) entwickelte in den 1990er-Jahren eine sozialwissenschaftliche Perspektive, um zu erklären, wieso bestimmte Regionen überdurchschnittlich viele Innovationen hervorbringen (Crevoisier 2004). Ihre Erklärung konzentriert sich vor allem auf die Netzwerke kleiner und mittlerer Unternehmen, die unter spezifischen institutionellen Bedingungen in Form eines spezifischen Milieus über Arbeitsmärkte, Materialverflechtungen und Technologie- und Wissensflüsse miteinander verknüpft sind. Räumliche Nähe und das Teilen von Handlungspraktiken basieren auf gleichen Normen, Routinen und einer gemeinsamen Technikkultur und fördern das Entstehen sozialer Beziehungen zwischen Personen und Unternehmen (Camagni 1991 b; Maillat 1998). In einer der konventionellen kostenbasierten Erklärung entgegengerichteten Argumentation führen erhöhte Lern- und Anpassungsfähigkeit und Offenheit für neue Entwicklungen zu einer hohen regionalen Innovationskraft. Obwohl spätere Arbeiten auch milieuexterne Beziehungen zu anderen Regionen untersuchen (Ratti et al. 1997), betont die Milieuschule in erster Linie milieuinterne Prozesse (→ Kap. 10.2).
(2) Globale Wertschöpfungsketten und Produktionsnetzwerke. Im Unterschied zur Milieuschule thematisieren Ansätze über globale Warenketten und Produktionsnetzwerke die überregionalen, zum Teil weltweiten Verflechtungen innerhalb von Wertschöpfungsketten, die dazu führen, dass Entscheidungen über Standorte, Technologien und Innovationsprozesse nicht individuell, sondern im Kontext größerer Beziehungsnetzwerke von Unternehmen gefällt werden. Die Technologie-, Markt- und Produktionsbedingungen sind raum- und häufig nationenübergreifend verflochten. In der Praxis lassen sich unterschiedliche Steuerungsformen unterscheiden, die mehr oder weniger marktorientiert, hierarchisch organisiert oder relational auf interdependente Weise integriert sind (Humphrey und Schmitz 2002; Gereffi et al. 2005). Ansätze globaler Produktionsnetzwerke betonen dabei als Einflussfaktoren die Rolle von Machtbeziehungen, die Bedingungen der Wertschöpfung und die Einbettung in sozio-kulturelle Strukturen in verschiedenen Teilen der Welt. Aus einer Akteursnetzwerkperspektive spielen die zentralen Akteure (dominante Unternehmen und Staaten) eine entscheidende Rolle für die Organisation der Netzwerke (Dicken et al. 2001; Henderson et al. 2002; Yeung und Coe 2015). Traditionelle Erklärungsansätze sind demgegenüber kaum in der Lage, derartig komplexe Netzwerkstrukturen und globale Zusammenhänge adäquat zu erklären. Dabei werden globale gegenüber lokalen Einflüssen besonders hervorgehoben (→ Kap. 11.3).
(3) Praxisgeographie. Die Praxisperspektive entwickelt einen relationalen Ansatz, um die binären Kategorien lokaler versus globaler Handlungsbedingungen zu überwinden. Dies geschieht, indem die Handlungspraktiken von Unternehmen und nicht vordefinierte Raumkategorien in den Fokus der Untersuchung gestellt werden (Faulconbridge 2006; 2008; Ibert 2007; Jones 2008). Aufgrund mikro-ökonomischer Untersuchungen gelangt die Praxisgeographie zu der Erkenntnis, dass Internationalisierungsprozesse von Unternehmen in Netzwerke von Beziehungen eingebettet sind, die sich nicht einer spezifischen Raumebene zuordnen lassen und die nicht einer funktionalen Logik folgen. Demzufolge ist beispielsweise Wissen durch Personen, Maschinen und andere Artefakte zwar lokal verankert, aber es lässt sich nicht als fester Wissensbestand einer Person, eines Unternehmens oder eines Territoriums begreifen. Wissen zirkuliert in Kommunikationsprozessen und wird dabei fortlaufend angepasst (Ibert 2007). Es wird durch soziale Praktiken der Interaktion ständig verändert und ist deshalb nur zwischen räumlichen, sozialen und kulturellen Ebenen als relationales Konstrukt zu verstehen. Ähnlich der Proximity School (→ Kap. 4.2) könnte man sagen, dass hierbei unterschiedliche Nähekonzepte ineinandergreifen (Rallet und Torre 1999; 2017; Boschma 2005; Torre und Rallet 2005).
Neben diesen Positionen gibt es noch weitere Ansätze, wie etwa den der kulturellen Geographien der Ökonomie (Berndt und Boeckler 2007; 2009), die eine Verknüpfung zu einer relationalen Perspektive herstellen. Obwohl die dargestellten Positionen kein vollständig konsistentes Theoriegebäude bilden, handelt es sich dabei um Sichtweisen, die durch wichtige Gemeinsamkeiten geprägt sind (Boggs und Rantisi 2003; Amin 2004; Yeung 2005; Bathelt 2006; Bathelt und Glückler 2011):
Fokussierung auf wirtschaftliches Handeln und ökonomische Praktiken statt der Analyse von Räumen.
Argumentation, die auf der Mikroebene ansetzt und die ökonomisches Handeln als soziales Handeln begreift.
Konzentration auf die Analyse der institutionellen Bedingungen von ökonomischen Beziehungen und Strukturen.
Ziel, über räumliche Beschreibungen hinaus ein tieferes Verständnis ökonomisch-sozialer Prozesse zu erreichen.
Analyse der Auswirkungen von Globalisierungsprozessen und global-lokalen Spannungsfeldern und Interdependenzen.
Entwicklung einer Perspektive pro-aktiver Regionalpolitik.
Diese Grundpositionen werden nachfolgend zu einer relationalen Perspektive wirtschaftsgeographischen Arbeitens verknüpft.
2.3.3Forschungsprogrammatische Elemente der relationalen Wirtschaftsgeographie
Wir begreifen Wirtschaftsgeographie als ein Forschungsfeld, das nicht durch den Forschungsgegenstand, sondern durch die Forschungsperspektive spezifisch ist. Nicht die räumliche Wirtschaft (oder Raumwirtschaft), sondern die in räumlicher Perspektive beobachtbare Struktur und Dynamik ökonomischer Beziehungen bilden den Gegenstand der relationalen Konzeption. Wirtschaftsgeographische Forschung zielt auf die Beobachtung und Erklärung zeitlich und räumlich situierten ökonomischen Handelns, um kontextabhängig institutionalisierte und somit in räumlicher Perspektive lokalisierbare, ungleich verteilte ökonomische Beziehungen zu erfassen. Die zweite Transition besteht in einer Neukonzeption der Wirtschaftsgeographie in allen Dimensionen einer forschungsprogrammatischen Grundkonzeption. Nachfolgend werden zunächst die Diskontinuitäten im Vergleich zum raumwirtschaftlichen und die Brücke zu einem sozialtheoretisch informierten Programm dargestellt, bevor wir im nächsten Abschnitt die Grunddimensionen der relationalen Wirtschaftsgeographie umreißen. Die Diskontinuitäten zum raumwirtschaftlichen Ansatz lassen sich auf fünf Ebenen formulieren (→ Tab. 2.1):
| Tab. 2.1 Forschungsdesign von Raumwirtschaftslehre und relationaler Wirtschaftsgeographie | ||
| Programmatische Dimensionen | Raumwirtschaftslehre | Relationale Wirtschaftsgeographie |
| Raumkonzept | Raum als Objekt und Kausalfaktor | räumliche Perspektive |
| Forschungsgegenstand | raummanifestierte Handlungsfolgen (Struktur) | ökonomische Beziehungen im Kontext (Praxis, Prozess) |
| Handlungskonzept | atomistisch: methodologischer Individualismus | relational: Netzwerktheorie, embeddedness-Perspektive |
| Wissenschaftstheoretische Grundperspektive | Neopositivismus, kritischer Rationalismus | kritischer Realismus, evolutionäre Perspektive |
| Forschungsziel | Raumgesetze ökonomischen Verhaltens | Prinzipien sozioökonomischen Austauschs in räumlicher Perspektive |
(1) Raumkonzept. Die zweite Transition findet ihren Ausgangspunkt in der sozialtheoretischen Kritik des gegenständlichen Raumkonzepts und der Umkehr des Verursachungsverhältnisses von Raum und Gesellschaft (Werlen 1995 c; 1997; 2000, Kap. 12). Nicht der Raum bedingt das Handeln, sondern durch soziales Handeln verändern sich dessen materielle und institutionelle Rahmenbedingungen. Nicht die Region bestimmt die Entwicklung der Unternehmen, sondern die Unternehmen gestalten die Entwicklung der Regionen (Storper und Walker 1989). Das Verständnis von Raum wird in dieser Sichtweise als sozial unterdeterminiert erachtet und kann daher weder als Explanans noch als Forschungsobjekt in Erscheinung treten. Dem Raum als Gegenstand und Ursache stellen wir ein Verständnis von Raum als Perspektive (→ Box 2-3) entgegen (Glückler 1999, Kap. 7). Da Raum (wie auch Zeit) kein wirkungsfähiger Gegenstand ist, tritt er auch im Rahmen von Theorien nicht in Erscheinung (Sayer 1985; Saunders 1989; Hard 1993). Konsequenterweise können Raum oder Territorium im Unterschied zu Storper (1997 a; 1997 b, Kap. 2) nur schwerlich die Grunddimension einer relationalen Wirtschaftsgeographie bilden. Sehr wohl aber erlaubt eine räumliche Perspektive den Zugang zu empirischen Problemen. Der beobachtete Gegenstand – ökonomisches Handeln und ökonomische Beziehungen – bleibt unabhängig von der Wahl der Perspektive bestehen. Es ergeben sich jedoch im Hinblick auf den Gegenstand unterschiedliche Probleme in Abhängigkeit von der Perspektive. Wirtschaftsgeographie betreibt in diesem Sinn eine problemorientierte Forschung aus räumlicher Perspektive. Nicht Raumtheorien, sondern Sachtheorien werden hinsichtlich ihrer lokalisierten Wirkungen, die sich von Ort zu Ort unterscheiden und somit interregionale Interaktionen hervorrufen, erforscht. Die räumliche Perspektive bezieht sich auf die Fragen, die Geographen an die Erfahrungswelt richten und nicht auf die Antworten. Raum oder Distanz werden in dieser Konzeption nicht mehr als Erklärungsvariable verwendet. Vielmehr werden Problemstellungen erst in räumlicher Perspektive sichtbar (Bathelt und Glückler 2003 a): regionale Disparitäten, lokale Konzentrationen gleicher (Cluster) oder unterschiedlicher wirtschaftlicher Aktivitäten (Metropolen), divergierende regionale Entwicklungen, interregionale Verflechtungen und Austauschprozesse (Globalisierung) etc. All diese Phänomene werden durch die Sicht auf ihre geographische Verortung beobachtbar. Sie lassen sich aber nicht aus räumlichen Kategorien heraus erklären. Die räumliche Perspektive berücksichtigt, dass ökonomisches Handeln stets verortet ist. Dadurch kommt es automatisch zu Interaktionen zwischen unterschiedlichen ökonomischen und sozialen Prozessen, die an denselben Orten stattfinden. Das hängt damit zusammen, dass dieselben Akteure zeitgleich in verschiedenen Prozessen mitwirken und dass es nicht möglich ist, einen einzelnen Prozess isoliert zu betrachten und andere zu vernachlässigen (→ Box 2-3).
Box 2-3: Räumliche Perspektive
In wissenschaftlichen Studien kann die Veränderung der Arbeitsteilung eines Unternehmens im Zuge einer Strukturkrise je nach fachlicher Perspektive unterschiedliche Fragestellungen aufwerfen: Während eine sozialwissenschaftliche Studie beispielsweise die Konsequenzen für die Verteilung von Zuständigkeiten und Kompetenzen in der Arbeitsorganisation oder den Grad der Hierarchisierung thematisieren würde, wäre eine ökonomische Studie eher auf die Folgen für die strategische Ausrichtung, das Produktionsprogramm oder neue Wettbewerbschancen fokussiert. Demgegenüber würde eine wirtschaftsgeographische Untersuchung die lokalisierten Folgen für den Arbeitsmarkt, die Zulieferbeziehungen oder die Arbeitsorganisation zwischen einzelnen Standorten in den Mittelpunkt stellen. Jedes Beispiel dieser Art ist letztlich aber eine Vereinfachung. Offensichtlich kann jede Perspektive nur einen spezifischen und partiellen Aspekt eines Forschungsgegenstands thematisieren. Und jedes Phänomen, das aus einer konkreten Perspektive heraus gewonnen wird, kann selbst wieder Ausgangspunkt einer neuen Fragestellung unter einer anderen fachlichen Perspektive werden. So könnte eine andere Fachperspektive die lokalisierten Folgen für den Arbeitsmarkt oder Zulieferbeziehungen selbst wieder als Ausgangspunkt zur Formulierung einer sozial- oder wirtschaftswissenschaftlichen Problemstellung verwenden. Nicht also der Raum wird zum Forschungsobjekt, sondern die Problematisierung eines ökonomischen Phänomens aus einer räumlichen Perspektive ist charakteristisch für wirtschaftsgeographisches Forschen.
(2) Forschungsgegenstand. Während sowohl in dem länder- und landschaftskundlichen als auch in dem raumwirtschaftlichen Ansatz der Wirtschaftsgeographie räumliche Konzepte den Gegenstand des wissenschaftlichen Programms bestimmen, bildet ökonomisches Handeln als situierter Prozess in Strukturen von Beziehungen (d. h. als soziales Handeln) den Gegenstand der Betrachtung der relationalen Wirtschaftsgeographie. Es werden nicht mehr primär räumliche Strukturen, wie z. B. Wirtschaftsräume oder Funktionalregionen, als aufzuklärende Phänomene fokussiert, sondern stattdessen z.B. Prozesse des Lernens, der Innovation und der arbeitsteiligen Organisation dieser Prozesse in räumlicher Perspektive. Ökonomische Beziehungen rücken somit zurück in den Mittelpunkt der Wirtschaftsgeographie und bilden das Zentrum eines sozial- und wirtschaftstheoretischen Programms.
(3) Handlungskonzept. Das Konzept des ökonomisch Handelnden entspricht nicht mehr dem der neoklassischen Theorie. Statt eines abstrakten methodologischen Individualismus, in dem der Einzelne als atomisierter Akteur (Granovetter 1985) scheinbar unbeeinflusst von seiner Umwelt und aus abstrakten Handlungsmotiven heraus nach den Prinzipien des homo oeconomicus agiert, thematisieren wir eine relationale Konzeption des Handelns. Ökonomisches Handeln ist nicht abstraktes Handeln, sondern vollzieht sich als soziales Handeln in konkreten Strukturen zeitlich fortdauernder Beziehungen (Granovetter 1985). Das Handeln eines Akteurs wird folglich nicht mehr isoliert von anderen Akteuren betrachtet, sondern ist aus dem konkreten Kontext seiner Beziehungen zu verstehen und dadurch bedingt. Ökonomisches Handeln ist somit ein Ausschnitt des Sozialen und nicht vom Sozialen trennbar. Es ist einerseits relational und andererseits kontextuell. Die Relationalität des Handelns lenkt die Aufmerksamkeit auf soziale Beziehungen, den Prozess des Handelns und die Bildung von Institutionen. Die Kontextualität des Handelns leitet sich aus seiner Relationalität ab und gewinnt Bedeutung in Form spezifischer sozioinstitutioneller Handlungsbedingungen, die konkretes ökonomisches Handeln an gegebenem Ort und zu gegebener Zeit situieren (Philo 1989; Martin 1994; Giddens 1995; Sunley 1996).
(4) Wissenschaftstheoretische Grundperspektive. Wenn Handeln als kontextspezifisch anerkannt wird, kann es nicht universell auf der Grundlage gesetzesartiger Erklärungen beschrieben werden. Handeln in offenen Systemen ist nicht vorhersagbar, sodass das Ziel deterministischer Theoriebildung aufgegeben werden muss. Während die Raumwirtschaftslehre im Einfluss gesetzesartiger Erklärungen durch das Überprüfen von Hypothesen die Rolle des Universellen hervorhebt, wertet der kritische Realismus (Bhaskar 1975; Sayer 1991; 1992, Kap. 1 und 4; Archer et al. 1998; 2000, Teil 1) die Bedeutung des Kontexts durch das Prinzip der Kontingenz auf. Der kritische Realismus begreift sich als erkenntnistheoretische Alternative zu dem Gegensatz zwischen logischem Empirismus einerseits, der in der Annahme einer objektiven Realität universelle Erklärungen anstrebt, und Relativismus andererseits, der unter Ablehnung einer objektiven Realität das Verstehen subjektiver Einzelgeschehnisse verfolgt (Lovering 1989; Thrift 1990). Dabei sind eher verschiedene Varianten als eine einheitliche realistische Position identifizierbar (Häkli 1994). Zwar halten kritische Realisten an der Annahme einer unabhängig vom Individuum existierenden Wirklichkeit sowie an dem Ziel der Erklärung von allgemeinen Mechanismen fest. Aber sie verbinden den Nachweis dieser Wirklichkeit nicht mehr mit der Universalität der Phänomene.
Das konventionelle Kausalitätsverständnis der Raumwirtschaftslehre gründet auf dem Regularitätsprinzip, das auf Hume (1758) zurückgeht. Demnach gilt als Ursache dasjenige Ereignis, dessen Eintreten immer bzw. ausnahmslos mit dem Eintreten eines anderen Ereignisses zusammenhängt. Die Regelmäßigkeit wird zum assoziativen Prinzip des kausalen Wirkungszusammenhangs. Diese Erklärung ist eine Universalerklärung, da an jedem Ort zu jeder Zeit eine Ursache ihre Wirkung erzeugt.
Demgegenüber begründet der kritische Realismus durch das Prinzip der Kontingenz eine kontextuelle Kausalerklärung. Hierbei treten zwei Arten von Relationen in das Zentrum der wissenschaftlichen Erklärung (Sayer 1985): Notwendige Beziehungen treten auf, wenn zwei Ereignisse unabhängig von spezifischen Bedingungen stets verknüpft sind. Allerdings sind allgemeine, kontextinvariante Beziehungen von Ereignissen, also allgemeingültige Gesetze, im Bereich gesellschaftlicher Phänomene kaum zu identifizieren. Demgegenüber liegen kontingente Beziehungen vor, wenn sie zwei Ereignisse nur unter spezifischen Bedingungen verknüpfen. Das Prinzip der Kontingenz bedeutet, dass das Eintreten eines Ereignisses nicht immer das Eintreten eines anderen Ereignisses impliziert, sodass identische Ausgangsbedingungen nicht zwangsläufig zu demselben Ergebnis führen und Entwicklungen nicht unbedingt bekannten Mustern folgen müssen. Damit besteht die erkenntnistheoretische Möglichkeit, Handlungsziele und Handlungsfolgen als kontextuell zu erklären und zugleich zukünftige Ereignisse als offen zu betrachten. Dies bedeutet aber nicht, dass sich die in einer Fallstudie gewonnene kontextuelle Erkenntnis in ihrem konkreten Zusammenhang erschöpft. Vielmehr ist es möglich, auf dem Weg der Dekontextualisierung verallgemeinerbare Bedingungen und Prinzipien eines Kontexts zu identifizieren und diese gegebenenfalls auf andere Kontexte anzuwenden. Die wissenschaftlich interessante Erkenntnis besteht dabei in der Aufdeckung transkontextueller, mehr oder minder notwendiger Relationen.
(5) Forschungsziel. In der Konzeption des Raums als räumliche Perspektive und des Handelns als relationales Agieren in konkreten, kontextspezifischen Strukturen sozialer Beziehungen sowie der erkenntnistheoretischen Aufwertung von Kontext durch das Prinzip der Kontingenz findet eine relationale Wirtschaftsgeographie ihr programmatisches, methodologisches Design. Letztlich geht es dabei nicht um die Formulierung von Raumgesetzen, sondern um die sachtheoretische Aufklärung sozioökonomischen Handelns, der sozialen Beziehungen und der Handlungsfolgen in räumlicher Perspektive.
2.3.4Grundkonzepte einer relationalen Wirtschaftsgeographie
Nur wenige der Fragen, die in der Wirtschaftsgeographie formuliert werden, unterschreiten das Aggregationsniveau des Unternehmens oder Betriebs. Daher liegt der Fokus der Analyse selten auf der mikrosozialen Handlungsebene, d. h. der einzelnen Person. Nichtsdestotrotz gründen erklärungsfähige Untersuchungen des organisatorischen Wandels innerhalb und zwischen Unternehmen in einem grundlegenden Verständnis von ökonomischem Handeln, dem wir in der Darlegung unserer Argumente Rechnung zu tragen versuchen. Der Perspektivenwechsel von der Raumwirtschaftslehre zu einer relationalen Wirtschaftsgeographie findet seinen Ausgangspunkt in dem bereits dargelegten relationalen Verständnis des Handelns.
Das relationale Grundverständnis bringt drei grundlegende Konsequenzen mit sich (→ Abb. 2.7):

Abb. 2.7 Relationale Perspektive und Analysedimensionen (Ionen) der Wirtschaftsgeographie
(1) Kontextualität. In struktureller Perspektive wird Handeln aufgrund des Einflusses raumzeitlich gegebener Strukturen von Beziehungen zu kontextspezifischem Handeln, das diesen Strukturen angepasst ist. Dieses situierte Handeln ist daher nicht mehr durch universelle Kategorien oder Gesetze zu erklären.
(2) Pfadabhängigkeit. Die Kontextspezifität ökonomischen Handelns überträgt sich in historischer Perspektive in eine Dynamik pfadabhängiger Entwicklung, da jeweils spezifische Handlungszusammenhänge auch spezifische Entwicklungen nach sich ziehen. Situierte Entscheidungen und Interaktionen in der Vergangenheit bedingen spezifische Handlungskontexte in der Gegenwart und richten somit Handlungsziele und -möglichkeiten entlang eines historischen Entwicklungspfads aus.
(3) Kontingenz. Aufgrund seiner Kontextabhängigkeit unterliegt ökonomisches Handeln nicht allgemeinen Gesetzen. Daher kann die spezifische Geschichte eines Entwicklungspfads nicht determinierend für die Zukunft sein. Vielmehr ermöglichen konkrete Handlungskontexte stets Abweichungen von bestehenden und den Wandel hin zu neuen Entwicklungspfaden (Bathelt und Glückler 2000).
Dabei rücken Unternehmensziele und Beziehungen zwischen Unternehmen in den Mittelpunkt der Betrachtung und die Forschung bedient sich ökonomischer und sozialer Theorien, um den Gegenstandsbereich ökonomischen Handelns und ökonomischer Beziehungen aus räumlicher Perspektive zu untersuchen. Eine kontextuelle, pfadabhängige und kontingente Grundperspektive steht im Gegensatz zu theoretischen Programmen, deren Konzepte auf universellen Gesetzen, linearen Entwicklungen und geschlossenen Systemen basieren (Bathelt und Glückler 2017).
Ausgehend von dieser Neupositionierung schlagen wir einen alternativen Bezugsrahmen für die Wirtschaftsgeographie vor, der konzeptionell auf einer Grundperspektive relationalen Handelns gründet und unter Berücksichtigung der Konsequenzen von Kontextualität, Pfadabhängigkeit und Kontingenz entwickelt wird. Vier zentrale Analysedimensionen, nämlich Interaktion und Institution (Teil III dieses Buchs), Organisation (Teil IV), Evolution (Teil V) und Innovation (Teil VI) strukturieren hierbei die Konzeption. Der entscheidende Zugang der Rahmenkonzeption besteht darin, dass die hinter den vier Dimensionen stehenden wirtschaftlichen und sozialen Prozesse aus einer spezifisch räumlichen Perspektive analysiert und bewertet werden. Dies ermöglicht es, in einem disziplinübergreifenden Forschungsansatz ökonomische und sozialwissenschaftliche Ansätze zu integrieren und eigenständige Fragestellungen aus räumlicher Perspektive zu verfolgen.
Im Folgenden werden für die einzelnen Analysedimensionen (Ionen) wichtige Ansatzpunkte wirtschaftsgeographischen Arbeitens aufgezeigt und die wechselseitigen Bezüge der verschiedenen Dimensionen durch die Anwendung der räumlichen Perspektive verdeutlicht (→ Abb. 2.7). Das abgebildete Schema dient als Heuristik zur Systematisierung der relationalen Perspektive im Hinblick auf wichtige Theoriegegenstände der Wirtschaftsgeographie.
(1) Interaktion und Institution. Interaktionen und Lernprozesse bilden den Kern der reflexiven Ökonomie, in der Handeln systematisch überprüft wird, um daraus Möglichkeiten zur Verbesserung zukünftigen Handelns abzuleiten. Lundvall und Johnson (1994) sprechen in diesem Zusammenhang von einer learning economy, die als organisierte Form des Markts durch umfassende Netzwerkbeziehungen geprägt ist. Mit der Erkenntnis, dass Produktions- und Innovationsprozesse arbeitsteilig organisiert sind und dass arbeitsteilige Organisationsformen mit wachsender technologischer Komplexität und zunehmender Differenzierung der Gesellschaft an Bedeutung gewinnen, ist der Prozess des learning by interacting (Lundvall 1988; Gertler 1992; 1993) zunehmend in den Mittelpunkt des wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Interesses gerückt. Learning by interacting bezeichnet einen Lernprozess, bei dem systematische Kommunikations- und Anpassungsprozesse zwischen den in einer Wertschöpfungskette verbundenen Unternehmen zu einer schrittweisen Verbesserung von Produkt- und Prozesstechnologien sowie von Organisationsformen führen. Die Analyse von Lernprozessen und reflexiven Verhaltensweisen ist dabei an eine evolutionäre Perspektive gekoppelt. Voraussetzung für Interaktionsprozesse ist die Existenz und Akzeptanz von Institutionen. Institutionelle und soziale Arrangements in Bezug auf die verwendeten Technologien und Ressourcen bzw. Produktionsfaktoren ermöglichen es den beteiligten Unternehmen und Akteuren, in bestimmten Projekten zusammenzuarbeiten. Ein entsprechender institutioneller Kontext basiert auf präskriptiven Regeln und Regulation, Organisationen wie z.B. Unternehmen oder Behörden zu deren Formulierung und Durchsetzung sowie damit einhergehenden stabilen Interaktionsmustern, die auf legitimen Handlungserwartungen beruhen (Bathelt und Glückler 2014; Glückler und Bathelt 2017). Entsprechende institutionelle Kontexte sind aufgrund ihrer Einbettung in Beziehungen, die auf ko-präsenter Kommunikation basieren, räumlich lokalisiert und können unter Umständen nur schwer in andere Kontexte übertragen werden (Storper 1997 b). Infolge der Möglichkeiten zu regelmäßigen Kontakten in räumlicher Nähe lassen sich Informations- und Wissenstransfers innerhalb spezialisierter Agglomerationen besonders effizient durchführen. Wichtige Interaktionsprozesse sind deshalb trotz neuer globaler Organisationsformen der Produktion nach wie vor auch in nationale und regionale Entwicklungszusammenhänge eingebettet.
(2) Organisation. Die Organisationsdimension lenkt das Forschungsinteresse auf Gestaltungsformen betrieblicher Arbeitsteilung in und zwischen Unternehmen sowie auf Organisationen im institutionellen Kontext, wie etwa Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände oder staatliche Regierungsstellen und Behörden. Ein grundsätzliches Problem der Organisation industrieller Arbeits- und Produktionsprozesse besteht darin, Arbeitskräfte, Rohstoffe, Zwischenprodukte, Maschinen und Anlagen auf betriebsinterner und -externer Ebene so zusammenzuführen, dass unter einer räumlichen Perspektive eine möglichst effiziente Teilung und Integration der Arbeit erfolgt (Sayer und Walker 1992, Kap. 3). Dabei muss eine hinreichende Koordination und Kontrolle des Produktionsablaufs sichergestellt sein, um qualitativ hochwertige Produkte zuverlässig nach Kundenbedürfnissen anfertigen zu können. So stellt sich die Frage, welche Vor- und Zwischenprodukte von einem Unternehmen selbst hergestellt und welche von Fremdfertigern zugekauft werden sollen, welche Prozesstechnologien einzusetzen sind und wie die verschiedenen Arbeits- und Produktionsschritte verknüpft werden sollen. Ferner ist zu entscheiden, wo welche Zulieferer in Anspruch genommen werden, wie diese in den Produktionsprozess integriert werden und an welchen Standorten regional, national und international welche Produktionsabschnitte angesiedelt werden sollen (Bathelt 2000). Diese und ähnliche Fragen lassen sich unter Einbeziehung der ökonomischen Transaktionskostentheorie (Coase 1937; Williamson 1975; 1985) und des embeddedness-Ansatzes untersuchen, der in der new economic sociology entwickelt wurde (Granovetter 1990; Smelser und Swedberg 1994).
Die Organisationsstruktur beeinflusst auch die Standortstruktur eines Unternehmens und die räumliche Organisation der Produktion. Die Art der Arbeitsteilung hängt insbesondere vom Stand der eingesetzten Produkt- und Prozesstechnologien, der Stabilität und Vorhersehbarkeit der Konsummuster und der Entwicklung der Märkte ab. Hierbei spielen die Standortverteilung von Zulieferern und Abnehmern sowie das Handeln und die räumliche Organisation der Konkurrenten eine wichtige Rolle. Das Organisationsproblem ist so komplex, dass es nicht möglich ist, räumliche Strukturen allein durch Standortfaktoren zu erklären. Räumliche und kulturelle bzw. institutionelle Nähe können in bestimmten Kontexten zu einer Stabilisierung von Netzwerkbeziehungen zwischen spezialisierten kleinen und mittleren Herstellern führen, weil dadurch Kosten der Informationssuche reduziert, Unsicherheiten abgebaut und Kommunikationsvorteile genutzt werden können.
Letztlich kann die Organisationsstruktur von Unternehmen und Wertschöpfungsketten nur aus einer evolutionären Perspektive verstanden werden (Nelson und Winter 1982; Swedberg und Granovetter 1992). Ob ein Unternehmen eine eigene integrierte Produktionsstruktur aufbaut oder Produktionsabschnitte an andere Unternehmen auslagert und welche Märkte und Standorte dabei erschlossen werden, hängt von bisher gesammelten Erfahrungen und vergangenen Organisationsentscheidungen ab. Folge der dabei vollzogenen Lernprozesse ist eine erhöhte organisatorische Reflexivität. Zugleich sind Organisationsstrukturen eingebettet in soziale, kulturelle und institutionelle Strukturen und Beziehungen, die untrennbar mit den ökonomischen Entscheidungsprozessen verknüpft sind (z. B. Baum und Oliver 1992). Die räumliche Organisation der Produktion ist deshalb auch das Ergebnis komplexer Aushandlungsprozesse zwischen den Unternehmen und verschiedenen staatlichen Stellen und findet im Kontext spezifischer Machtkonstellationen statt.
(3) Evolution. Die Evolutionsdimension eröffnet eine Perspektive, die eng mit den anderen Dimensionen der Wirtschaftsgeographie verknüpft ist und die den Einfluss historischer Prozesse und Strukturen auf aktuelle Entscheidungen miteinbezieht. Die Konzeption eines evolutionären Zusammenhangs geht davon aus, dass soziale und ökonomische Prozesse pfadabhängig verlaufen und deshalb erfahrungsgebunden, kumulativ und durch Reflexivität geprägt sind. Diesem Ansatz folgend lässt sich seit den 1980er-Jahren eine erstaunliche Konvergenz evolutionärer Perspektiven in der Ökonomie, den Sozialwissenschaften und der Wirtschaftsgeographie feststellen. In evolutionsökonomischen Konzeptionen (Nelson und Winter 1982; Dosi 1988) wird beispielsweise angenommen, dass die technisch-ökonomische Entwicklung einem abgesteckten Entwicklungspfad folgt und hierbei von Routinen und Heuristiken geleitet wird. Bestehende Technologien beeinflussen die Möglichkeiten für Innovationsprozesse, sodass Vergangenheitsentscheidungen unabhängig davon, wie gut oder wie schlecht sie waren, auf die Gegenwart nachwirken. Aus der Beurteilung des bisherigen Entwicklungsverlaufs werden dabei Mutations- und Selektionsprozesse ausgelöst, die technologische Innovationen zur Folge haben mit dem Ziel, die ökonomische Effizienz zu verbessern.
Diese technisch-ökonomische Perspektive wird im neuen Institutionalismus der Soziologie (Powell und DiMaggio 1991) durch den Aspekt der embeddedness erweitert. Es wird davon ausgegangen, dass ökonomisches Handeln in soziale Beziehungen und Strukturen eingebettet und untrennbar mit diesen Kontexten verbunden ist. Einzelne Unternehmen werden hierbei nicht als isolierte Technologieproduzenten verstanden, sondern in ihrer Gesamtstruktur von Netzwerkbeziehungen mit Zulieferern, Abnehmern, Dienstleistern und staatlichen Organisationen untersucht (Grabher 1993 b). Embeddedness ist das Ergebnis eines Evolutionsprozesses und impliziert, dass ökonomische Beziehungen kontextspezifisch und erfahrungsabhängig sind. In evolutionärer Perspektive können ursprünglich informelle Institutionen verfestigt und z. B. auf dem Wege legislativer Regelung durch staatliche Behörden formalisiert werden. Die Begriffe Institution und Organisation hängen somit eng miteinander zusammen und sind nicht immer leicht unterscheidbar.
In der wirtschaftsgeographischen Konzeption industrieller Entwicklungspfade und der Entstehung neuer Industrieräume lassen sich Erkenntnisse der Evolutionsökonomie und des embeddedness-Ansatzes wiederfinden und in eine spezifisch räumliche Perspektive integrieren (Scott 1988; Storper und Walker 1989). Allerdings ist der institutionelle Kontext in diesem Ansatz nicht sehr stark ausgeprägt, was Storper (1995; 1997 b) zu einer Rekonzeptionalisierung veranlasst hat. Im Modell industrieller Entwicklungspfade gehen Storper und Walker (1989, Kap. 3) davon aus, dass neu entstehende Industriesektoren in der Anfangsphase ihrer Entwicklung aufgrund des neuen Charakters der eingesetzten Technologien nirgendwo optimale Standortbedingungen vorfinden und damit relativ frei in ihrer Standortwahl sind. Wenn später an einigen Standorten hohes Wachstum entsteht, gelingt es den Unternehmen zunehmend, das Unternehmensumfeld ihren Bedürfnissen entsprechend anzupassen. Es bildet sich ein lokaler Zulieferersektor, Infrastruktur wird an die neuen Bedürfnisse angepasst und der Arbeitsmarkt stellt sich auf die erforderlichen Qualifikationen ein. Die betreffenden Regionen erlangen Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Regionen und es kommt zu selbstverstärkenden Ballungs- und Spezialisierungsprozessen.
(4) Innovation. Die Dimension der Innovation ist eng mit dem Prozess der Entstehung neuer Technologien und den Auswirkungen des technischen Fortschritts verknüpft. In traditionellen ökonomischen und geographischen Konzeptionen wird der Aspekt der Generierung neuer Technologien und der Durchsetzung von Innovationen weitgehend vernachlässigt. Technologischer Wandel wird entweder als modellextern angenommen oder als Ergebnis eines linearen, zielgerichteten Forschungsprozesses angesehen, der aus einer Abfolge kontrollierter Forschungs- und Entwicklungsschritte resultiert. Ergebnis dieses Ablaufs sind standardisierte Produkt- und Prozessinnovationen. In der Geographie wird traditionell vor allem der Prozess der räumlichen Ausbreitung von Innovationen untersucht.
In evolutionsökonomischen Interpretationen (Dosi 1982; 1988; Storper 1997 b, Kap. 3) wird der Prozess der Generierung neuer Technologien nicht mehr als modellextern angesehen, sondern genau untersucht (Bathelt et al. 2017). Die Herstellung neuer Technologien wird dabei als arbeitsteiliger Prozess zwischen verschiedenen Unternehmen sowie zwischen Unternehmen und Universitäten und Forschungseinrichtungen angesehen (Chesbrough 2003; Cohendet und Simon 2017). Dieser Prozess ist durch reflexive Verhaltensweisen, Rückkopplungsprozesse (Feedback-Schleifen) zwischen verschiedenen Entwicklungsstufen sowie durch vielfältige Lernprozesse der beteiligten ökonomischen Akteure gekennzeichnet. Innovationen sind hierbei eng mit der Entstehung neuen Wissens und der Modifikation vorhandenen Wissens verbunden. Dahinter steht die Idee, dass der Prozess der Technologie- und Wissensgenerierung erfahrungsabhängig ist und sich auf einen begrenzten Bereich technisch-ökonomischer Problemlösungsmuster konzentriert. Unternehmen folgen in ihren Innovationsprozessen bestimmten technologischen Entwicklungspfaden, wobei Routinen und Heuristiken den Ausgangspunkt für Suchprozesse bilden.
Wie die räumliche Organisationsstruktur von Innovationsprozessen aussieht, hängt unter anderem davon ab, wie arbeitsteilig die Produktion in dem betreffenden Technologiefeld organisiert wird, ob es potenzielle Partnerunternehmen im regionalen Umfeld gibt, welche Arten von Wissen für den Innovationsprozess von Bedeutung sind und welche Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht wurden. Empirische Untersuchungen belegen, dass neue Technologien keineswegs immer in integrierten Forschungsprozessen innerhalb weltweit organisierter Großunternehmen entstehen, sondern dass gerade spezialisierte Industrieballungen gute Voraussetzungen für die Etablierung arbeitsteiliger Innovationsprozesse haben. Räumliche Nähe ermöglicht regelmäßige Interaktionen und Abstimmungen zwischen den Akteuren und erleichtert dadurch den Prozess der Wissensgenerierung. Dies ist umso ausgeprägter, je stärker die unternehmensübergreifende Arbeitsteilung in einer Region ist und je stärker die Unternehmen in den lokalen institutionellen Kontext integriert sind. Gerade auch die nationalstaatliche Ebene hat großen Einfluss auf den Prozess der Wissens- und Technologieerzeugung und führt zur Herausbildung nationaler Innovations- und Produktionssysteme (Lundvall 1992 b; Nelson 1993; Hall und Soskice 2001), die durch unterschiedliche räumliche Organisationsmuster und regionsspezifische Anpassungen gekennzeichnet sind.
Die vier Grunddimensionen wirtschaftsgeographischer Analyse (Ionen) sind für den Aufbau und die Argumentation im weiteren Buchverlauf prägend. Hierbei ist jedoch festzuhalten, dass es sich bei den Grunddimensionen selbst um kontextspezifische Konstruktionen handelt (Bathelt und Glückler 2017), die vor allem auf die Geographie des Unternehmens (Dicken 1990) ausgerichtet sind und deshalb bei einer anderen Fokussierung, z. B. auf umweltökonomische, politisch-ökonomische und konsumorientierte Fragestellungen, eine Anpassung und Modifikation erfordern.
3Grundlagen ökonomischer Beziehungen
3.1Bedürfnisse
Dieses Kapitel diskutiert grundlegende Begriffe und Mechanismen des Wirtschaftsprozesses aus konventioneller ökonomischer, meist neoklassischer Perspektive. Es erfolgt eine systematische Betrachtung der Anreize und Motive des Menschen im ökonomischen Prozess. Anschließend werden die produzierten und gehandelten Güter sowie die Ressourcen und Faktoren, die zu deren Produktion erforderlich sind, dargestellt. Schließlich wird das Konzept des Markts diskutiert, über den ein Ausgleich von Angebot und Nachfrage erwartet wird. Das Kapitel legt wichtige Grundlagen, die es in späteren Kapiteln ermöglichen, kritische und stärker differenzierte Debatten über Motive wirtschaftlichen Handelns (→ Kap. 7), die Organisation von Produktionsbeziehungen (→ Kap. 9) sowie Institutionen und Märkte (→ Kap. 8) aufzunehmen.
Aus klassischer Sicht sind menschliche Bedürfnisse der Ausgangspunkt der Güterproduktion. In der Theorie menschlicher Motivation entwickelte Maslow (1954) basierend auf psychologischen Forschungen früh ein hierarchisches System von Bedürfnissen, das nach Dringlichkeit bzw. Bedürftigkeit differenziert und geordnet ist. Dieses System umfasst physiologische Grundbedürfnisse (basic needs), wie z. B. Essen, Trinken und Schlafen; Sicherheitsbedürfnisse (safety needs) die physische, materielle und berufliche Sicherheit betreffend; Liebesbedürfnisse (love needs); soziale Anerkennungsbedürfnisse (esteem needs), wie z. B. einen guten Ruf, Wertschätzung und Popularität; sowie schließlich das Bedürfnis zur Selbstverwirklichung (need for self-actualization), das jeden Menschen innerlich antreibt. Mit anderen Worten: „what a man can be, he must be“ (Maslow 1943, S. 382). Wenngleich diese Bedürfnisse hierarchisch dargestellt sind, wird betont, dass keine strenge hierarchische Folge empirisch haltbar ist. So hänge es von jedem Menschen selbst ab, ob er z. B. soziale Anerkennung über Liebesbedürfnisse stelle (Maslow 1943). Dabei können in verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche Bedürfnisstrukturen bestehen. So sind Kulturbedürfnisse abhängig vom Entwicklungsstand und der Technologie in einem Land. Insgesamt sind Bedürfnisstrukturen räumlich unterschiedlich ausgeprägt.
Eine alternative Differenzierung menschlicher Bedürfnisse liegt den Arbeiten der sogenannten Münchener Schule der Sozialgeographie zugrunde (für eine kritische Würdigung vgl. Werlen 2000, Kap. 8). Im Kontext einer an die Erfordernisse der Bevölkerung angepassten Stadt- und Regionalplanung werden von der Münchener Schule sieben Daseinsgrundfunktionen unterschieden (z. B. Ruppert und Schaffer 1969; Partzsch 1970; Schaffer 1970): Jeder Bewohner verfolgt demnach die Grundfunktionen zu arbeiten, zu wohnen, sich zu versorgen, zu verkehren (im Sinne von mobil sein), sich zu bilden, sich zu erholen und schließlich in Gemeinschaft zu sein. Die Konsequenzen einer entsprechenden funktionalen Organisation der Siedlungsstruktur lassen sich beispielhaft verdeutlichen (→ Abb. 3.1). So beeinflusst der planerische Fokus auf grundlegende Bedürfnisstrukturen unmittelbar die langfristige Entwicklung der Stadtstrukturen. Wenn Kaufkraft vorhanden ist, werden die Bedürfnisse der Bewohner zu Bedarf und damit zu konkreter Nachfrage. Nachfrager sind neben den privaten Haushalten auch Unternehmen und staatliche Organisationen. Die Nachfrager entwickeln diesem Verständnis folgend Präferenzen für bestimmte Güter, die Ausdruck der subjektiven Bewertung dieser Güter im Hinblick auf die erwartete Bedürfnisbefriedigung sind. In der klassischen Nutzentheorie werden diese Präferenzen als gegeben und stabil angenommen (→ Kap. 8).

Abb. 3.1 Daseinsgrundfunktionen (nach Partzsch 1964, S. 10)
3.2Güter
Güter schaffen dadurch einen Nutzen, dass sie Bedürfnisse befriedigen. Unabhängig von der Art des Wirtschaftssystems lassen sich dabei verschiedene Arten von Gütern unterscheiden. Je nach Perspektive und Erkenntnisinteresse werden unterschiedliche Kriterien zur Unterscheidung von Gütern herangezogen. Zunächst lassen sich freie und knappe Güter unterscheiden. Freie Güter sind unbegrenzt verfügbar, während knappe Güter begrenzt sind. Da nur für letztere ein Preis gebildet wird, gelten sie als Wirtschaftsgüter. Diese wiederum können in materielle Sachgüter und immaterielle Güter wie z. B. Dienstleistungen unterteilt werden. Des Weiteren können Konsumgüter von Produktionsgütern unterschieden werden und schließlich lassen sich Investitionsgüter im Produktionsbereich (z. B. Maschinen und Anlagen) von Gebrauchsgütern im Konsumentenbereich (z. B. Möbel) und von Verbrauchsgütern unterscheiden (→ Abb. 3.2). Aus sozioökonomischer Perspektive lassen sich bei allen Ressourcen und Gütern drei grundlegende Fragen formulieren, die aufgrund unterschiedlicher technischer und sozialer Bedingungen bei der Nutzung zu einer Differenzierung zwischen Gütern mit unterschiedlichen Eigenschaften führen (Esser 2000 a): Wie erfolgt die Produktion der Güter? Wie werden sie an die Konsumenten verteilt (Allokation)? Welche Folgen entstehen aus Produktion und Konsum für andere Akteure (externe Effekte)?

Abb. 3.2 Arten von Gütern im Produktionssystem (nach Mühlbradt 2001)
Güter lassen sich nach zwei grundlegenden Eigenschaften charakterisieren: Rivalität (Samuelson 1954) und Ausschließbarkeit (Musgrave und Peacock 1958). Demnach sind Güter durch eine rivalisierende Nutzung gekennzeichnet, wenn sie durch den Konsum eines Akteurs für alle anderen Akteure nicht mehr zur Verfügung stehen. Dies lässt sich am Beispiel einer Zwischenmahlzeit verdeutlichen. So kann ein und dieselbe Zwischenmahlzeit nur einmal und von einer Person verspeist werden und entzieht sich daher der Konsummöglichkeit durch andere Personen. Nicht-rivalisierend sind Güter hingegen dann, wenn ihr Konsum durch mehrere Konsumenten in gleicher Form möglich ist bzw. niemand in seinem Konsum eines Guts durch den Konsum anderer beeinträchtigt wird (z. B. Besuch einer Theatervorführung durch viele Zuschauer). Das Ausschlussprinzip eines Gutes bezeichnet die Möglichkeit, den Konsum eines Gutes auf einen oder wenige Konsumenten zu beschränken. So kann der Konsum der Zwischenmahlzeit durch den Kauf (den Erwerb von Eigentumsrechten) gesichert werden. Auch der Theaterbesuch wird durch den Erwerb von Eintrittskarten und die Beschränkung der Besucherplätze gesichert, d. h. im Konsum beschränkt. Nicht alle Güter lassen sich jedoch auf diese Weise kontrollieren. So steht die Nutzung eines Leuchtturms allen in Sichtweite verkehrenden Schiffen zur Verfügung, ohne dass sie sich an den Kosten des Leuchtturms beteiligen müssen. Während die Rivalität eines Gutes von den technischen und güterspezifischen Bedingungen abhängt, ist der Aspekt des Nutzungsausschlusses grundsätzlich steuerbar und letztlich eine Frage der Kosten, die aufgebracht werden müssen, um andere vom Konsum eines Gutes auszuschließen. Im digitalen Zeitalter sind die Kosten des Nutzungsausschlusses für Musik z. B. so hoch, dass die Musikindustrie das teilweise freie – wenngleich illegale – Abrufen und Hören von Musik nur schwer, wenn überhaupt, verhindern kann. Anhand der beiden diskutierten Eigenschaften lassen sich zwei Arten von Gütern unterscheiden: private und öffentliche Güter.
Private Güter sind perfekt rivalisierend und weitgehend ausschließbar, d. h. die Nutzung durch eine Person reduziert den Nutzen für einen anderen potenziellen Nutzer. Aufgrund der Exklusivität, mit der ein Nutzer über ein privates Gut verfügen kann, werden private Güter in Abhängigkeit von den Produktionsbedingungen und den Präferenzen der Konsumenten über Marktmechanismen gehandelt und verteilt. Kollektive Güter hingegen sind schwer oder gar nicht ausschließbar und in ihrer Nutzung nicht-rivalisierend. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass der Konsum eines Gutes nicht zu einer Nutzenminderung für andere Akteure führt (Samuelson 1955, S. 350). Aus ökonomischer Sicht sind Kollektivgüter problematisch, da grundsätzlich jeder den uneingeschränkten Nutzen des Guts erfahren kann, ohne sich selbst an den Kosten der Produktion dieses Gutes zu beteiligen. Kollektivgüter sind somit Ausgangspunkt von externen Effekten. Wenn Dritte sich ohne eigene Kosten gleichermaßen am Konsum eines Gutes beteiligen können, sinken die Anreize, dieses Gut überhaupt zu produzieren, und es steigen die Anreize, sich nicht an der Produktion zu beteiligen. Im Ergebnis steht ein strategisches Dilemma in der Bereitstellung von Kollektivgütern (Esser 2000 a). Öffentliche Güter sind reine Kollektivgüter. Die innere Sicherheit oder eine saubere Umwelt sind Güter, die allen Bürgern eines Landes zugutekommen und von denen ein Einzelner nicht ausgeschlossen werden kann. Darüber hinaus wird der Nutzen eines reinen Kollektivgutes mit zunehmender Zahl der Konsumenten nicht automatisch geringer, sondern kann sogar steigen, wie z.B. im Falle von Wissen. Dies trifft jedoch nicht für alle Kollektivgüter zu. So sind Clubgüter dadurch gekennzeichnet, dass mit zunehmender Zahl der Konsumenten eine Nutzungskonkurrenz entsteht und der individuelle Nutzen abnimmt. So bedarf es zum Bau und Betrieb eines Golfplatzes zahlreicher Interessenten, die einen Verein gründen und sich als Mitglieder an den Investitionen und Betriebskosten beteiligen. Bei einer zu großen Zahl an Mitgliedern wird es jedoch immer schwerer für die Einzelnen, bei begrenzter Kapazität zu einer bestimmten Zeit spielen zu können. Es entsteht somit eine Nutzungskonkurrenz um Spielzeiten. Aus ökonomischer Sicht ist es das Ziel, den Nutzen eines Clubgutes auf eine optimale Zahl von Mitgliedern zu beschränken (Buchanan 1965). Ausgehend von dieser Größe würde sich mit jedem weiteren Nutzer die individuelle Nutzenfunktion im Durchschnitt verschlechtern. Kollektivgüter sind nur schwer durch Marktmechanismen zu steuern, da externe Effekte Nutzungsoptionen für Dritte schaffen, ohne dass diese an den Kosten beteiligt sind (→ Abb. 3.3).

Abb. 3.3 Private Güter, öffentliche Güter und Clubgüter
Das Problem des Marktversagens wird üblicherweise auf externe Effekte, wie z. B. die Existenz von Kollektivgütern, zurückgeführt. Allerdings kann der Marktmechanismus auch bei Privatgütern durch unsichere Rahmenbedingungen in Koordinationsprobleme geraten (Glückler 2004 a). Aus einer marktorientierten Perspektive ist der Nutzen bzw. der Wert von Gütern unterschiedlich leicht zu bewerten, sodass die Kosten der Suche, Beschaffung und vergleichenden Beurteilung von entsprechenden Informationen unterschiedlich hoch ausfallen. Dies wird in der Informationsökonomie thematisiert, bei der davon ausgegangen wird, dass Güter durch Such-, Erfahrungs- und Vertrauenseigenschaften gekennzeichnet sind (Ford et al. 1988; Meffert 2005, Kap. 1) (→ Abb. 3.4). So lassen sich nach Nelson (1974) Such- von Erfahrungsgütern unterscheiden. Suchgüter (search goods) sind Güter, bei denen alle kaufentscheidenden Informationen vor dem Kauf gesammelt werden können. So ist es z. B. möglich, konkurrierende Modelle von Fernsehgeräten oder Computern durch Produktinformationen, Testberichte, Gütesiegel etc. miteinander zu vergleichen und in ihrer Qualität vor dem Kauf zu bewerten. Demgegenüber zeichnen sich Erfahrungsgüter (experience goods) dadurch aus, dass die Produktmerkmale erst nach dem Kauf durch Nutzung des Gutes erfahren werden können. Erst der Besuch einer Theatervorführung, das Verkosten eines Weines oder der Bericht eines Beratungsunternehmens ermöglicht es, den Nutzen bzw. den Wert dieser Dienste zu beurteilen (Glückler und Sánchez 2014). Das Dilemma, zuerst eine Kaufentscheidung treffen zu müssen und erst im Nachhinein einen Gegenwert in zunächst ungewisser Höhe zu empfangen, definiert den Unterschied zwischen Such- und Erfahrungsgütern. Dieses Dilemma hat Konsequenzen für die Beziehungen zwischen Anbietern und Kunden und kann sich daher auf die Organisation und räumliche Struktur von Marktbeziehungen auswirken.

Abb. 3.4 Arten von Gütern aus informationsökonomischer Perspektive (in Anlehnung an Meffert 2005, S. 55)
Über das Erfahrungsproblem der Bewertung eines Gutes hinaus werden schließlich Vertrauensmerkmale bei Gütern hervorgehoben. So unterscheiden Darby und Karni (1973, S. 69) zusätzlich eine dritte Güterart, die gekennzeichnet ist durch „credence qualities which are expensive to judge even after purchase“. Vertrauensgüter (credence goods) sind demnach Güter, deren Qualität und Nutzen selbst nach dem Kauf oft nur schwierig und aufwendig beurteilt werden kann. Wie kann z. B. ein Kunde bewerten, ob eine Autoreparatur oder ein medizinischer Eingriff in dem konkreten Umfang tatsächlich erforderlich war, um das Auto oder die Gesundheit des Patienten wiederherzustellen? Ein anderes Beispiel betrifft die Unternehmensberatungstätigkeit. Wie kann ein Kunde beurteilen, ob die Unternehmensstrategie, die von einem Unternehmensberater erarbeitet wurde, die Entwicklung des Unternehmens tatsächlich positiv beeinflusst? Und selbst im Falle einer positiven Unternehmensentwicklung stellt sich die Frage, wie sehr das Beratungskonzept dazu beigetragen hat und ob nicht ein anderes Konzept eine noch bessere Entwicklung ermöglicht hätte (Glückler 2004 a; Dullek und Kerschbamer 2006). Der fundamentale Unterschied zwischen Suchgütern und Vertrauensgütern besteht folglich darin, dass bei Suchgütern der Anbieter die Unsicherheit trägt, da der Kunde das Gut vor dem Kauf sehen, vergleichen, testen und eventuell ablehnen kann. Hingegen trägt beim Vertrauensgut der Kunde einen großen Teil der Unsicherheit, da er erst nach der Kaufentscheidung das Gut erfahren und mitunter nur durch hohen Informationsaufwand in seinem Wert beurteilen kann (Levitt 1981).
Aufgrund dieser unterschiedlichen informatorischen Grundlagen des Gütertauschs ergeben sich je nach Gut verschiedene Tauschmechanismen und Transaktionsbeziehungen zwischen Anbietern und Kunden (→ Kap. 7). So hängt die Beurteilung des Werts eines Vertrauensguts häufig von der Qualität und Dauer der Beziehung zu einem Transaktionspartner ab, was wiederum auf die räumlichen Ansprüche der Interaktion zurückwirkt. Die vorgestellten Güterbegriffe sind jedoch Idealtypen. Letztlich lassen sich alle Güter durch eine Kombination von Such-, Erfahrungs- und Vertrauensmerkmalen beschreiben. Die spezifische Kombination dieser Merkmale hat dabei weitreichende Konsequenzen für die Organisation von Transaktionsbeziehungen und somit für die räumliche Dimension und Form von Märkten (→ Kap. 8).
3.3Wirtschaftliche Produktion und Produktionsfaktoren
Die Vielfalt menschlicher Bedürfnisse und die daraus erwachsende Nachfrage nach unterschiedlichen Qualitäten von Gütern führt dazu, dass eine Vielfalt von Produktionsprozessen zu organisieren ist, wobei unterschiedliche Produktionsfaktoren zum Einsatz kommen und in die Produktions- und Verteilungskreisläufe eingehen. Dabei ist festzustellen, dass sich unterschiedliche Spezialisierungen und räumliche Disparitäten herausbilden. In der wirtschaftlichen Produktion wird zwischen einem Primär-, einem Sekundär- und einem Tertiärsektor unterschieden (Voppel 1999, Kap. 3). Der Primärsektor setzt sich zusammen aus Bergbau, Landwirtschaft, Forstwirtschaft sowie Jagd und Fischerei. Er liefert Rohstoffe an den Sekundärsektor, der diese in Industrie- und Handwerksbetrieben weiterverarbeitet. Industrie und Handwerk liefern schließlich Fertigprodukte an den Tertiärsektor, den Großhandel und den Einzelhandel, der diese an Konsumenten weiterverkauft. Während im Dreisektorenmodell produktionsorientierte und wissensintensive Dienstleistungen ebenso wie die funktionalen Verflechtungen zwischen den einzelnen wirtschaftlichen Prozessen nur unzureichend berücksichtigt werden, eröffnet das Konzept des Produktionssystems eine explizit funktionale Perspektive auf die wechselseitigen Beziehungen über den gesamten Wertschöpfungsprozess hinweg (Glückler et al. 2015). Das Produktionssystem beschränkt sich nicht nur auf den Transformationsprozess von Inputs zu Outputs (→ Abb. 3.5 a), sondern umfasst als interdependentes System (→ Abb. 3.5 b) die Beziehungen zwischen fünf elementaren „Rollen“ bzw. Funktionen (Bailly et al. 1987; Dicken und Lloyd 1990): Die Produktion beinhaltet die Transformation von Rohstoffen und Zwischenprodukten in Endprodukte. Die Zirkulation erfasst alle unterstützenden Dienstleistungen im Zuge der Herstellung und Bereitstellung der Güter, wie z.B. Finanz-, Transport- und Kommunikationsdienstleistungen. Die Distribution betrifft die Verteilung und Bereitstellung von Gütern z. B. über Einzelhandelssysteme an die Verbraucher. Die Funktion der Regulation beinhaltet die zur Koordination all der arbeitsteiligen Aktivitäten notwendigen Gesetze, Regeln, Standards und Praktiken. Schließlich stoßen die Güter auf den Konsum bzw. die Endnachfrage.

Abb. 3.5 Prozess und System der Produktion (nach Bailly et al. 1987, S. 50; Dicken und Lloyd 1990, S. 7)
Ausgangspunkt der Analyse eines Produktionssystems ist oftmals eine Produktions- bzw. Wertschöpfungskette, in der einem Produkt stufenweise neue Werte hinzugefügt werden. Der Beitrag der Wirtschaftsgeographie bei der Untersuchung der fünf Funktionen im Produktionssystem besteht darin, die Organisation der Wertschöpfung aus räumlicher Perspektive zu beschreiben, zu erklären und den Einfluss ihrer funktionalen Arbeitsteilung auf soziale und ökonomische Prozesse in räumlichen Kontexten zu untersuchen. So zeigt die empirische Analyse des Strukturwandels z.B. in Süddeutschland einerseits die stetig steigende Bedeutung der Zirkulation im Verhältnis zu den übrigen Funktionen des Produktionssystems. Andererseits belegt die Analyse aber auch, dass gerade die Regionen in Süddeutschland am stärksten wachsen, in denen Produktion und Zirkulation gekoppelt bzw. miteinander verflochten sind (Glückler et al. 2015). Grundlage aller Wertschöpfungsketten bilden die Produktionsfaktoren. Sie umfassen in der volkswirtschaftlichen Analyse Boden (natürliche Ressourcen), Arbeit und Kapital (Sach- und Humankapital) (z. B. Healey und Ilvery 1990, Kap. 4; Bontrup 1998, Kap. 2.1 bis 2.9). Die neuere soziologische Debatte unterscheidet neben Sach- und Humankapital als weitere Kapitalform das soziale Kapital, das die Gesamtheit der Gelegenheiten aus sozialen Beziehungen widerspiegelt (→ Kap. 7.3.3).
3.3.1Produktionsfaktor Boden
Der Boden hat als Produktionsfaktor eine dreifache Stellung: Er ist landwirtschaftliche Nutzfläche, Fundort nicht erneuerbarer Rohstoffe und Energieträger sowie Standort für Wohnungsbau, Industriebetriebe und Verkehrsanlagen. Im Zusammenhang mit dem Produktionsfaktor Boden werden in der Wirtschaftsgeographie verschiedene Probleme thematisiert. So ist die Nutzung von Boden durch eine zunehmende Flächenbeanspruchung gekennzeichnet, was zu Landnutzungskonflikten zwischen verschiedenen sozialen Gruppen führt und in der Vergangenheit sogar Kriege bewirkt hat. Ein weiteres wichtiges Kennzeichen, das menschliche Verhaltensweisen beeinflusst, ist die Abnahme natürlicher Ressourcen und die damit einhergehende Verknappung. Für den Produktionsfaktor Boden wird oftmals das Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs angenommen. Dieses besagt, dass der durch die zuletzt eingesetzte Faktoreinheit erzielte zusätzliche Ertrag mit zunehmendem Faktoreinsatz (z. B. erhöhtem Einsatz von Düngemitteln) immer geringer wird. Je größer die bereits eingesetzte Menge an Düngemitteln ist, desto mehr Düngemittel müsste man zusätzlich einsetzen, um den Ertrag pro Flächeneinheit weiter zu erhöhen. Jenseits einer maximal verkraftbaren Menge würde eine Überdüngung des Bodens sogar zu Ertragseinbußen führen.
In einer Studie über die Grenzen des Wachstums untersuchten Meadows et al. (1973) im Auftrag des Club of Rome Anfang der 1970er-Jahre, welche zusätzliche landwirtschaftliche Nutzfläche bei steigender Weltbevölkerung benötigt wird (→ Abb. 3.6). In ihrer Studie gingen sie davon aus, dass die zur Ernährung der stetig wachsenden Weltbevölkerung notwendige landwirtschaftliche Produktion im Zeitablauf exponentiell anwachsen müsste. Zugleich erkannten sie, dass die unter realistischen Bedingungen herstellbare landwirtschaftliche Produktionsmenge unter Nutzung der auf der Erde vorhandenen Flächen langfristig höchstens linear anwachsen könne. Daraus schlossen Meadows et al. (1973), dass irgendwann ein Zeitpunkt erreicht sein wird, an dem die landwirtschaftliche Produktion nicht mehr zur Ernährung der Weltbevölkerung ausreicht. Sie zeigten, dass der zusätzliche Bedarf an Boden auch durch erhebliche Produktivitätssteigerungen nicht kompensiert werden kann. Die Folgen dieser Situation wären dramatisch: Armut, Hunger, Konflikte und sogar Kriege um landwirtschaftliche Nutzfläche in bestimmten Teilen der Welt wären zu erwarten. Es ist klar, dass eine Überwindung dieses Problems in erster Linie eine Verringerung des Bevölkerungswachstums erfordert, wenngleich das Gegenteil der Fall ist. Mit über 7 Mrd. leben seit 2011 nach Schätzung der Vereinten Nationen doppelt so viele Menschen auf der Erde wie etwa 1970. Diese Überlegungen bedingen veränderte soziale Verhaltensweisen, welche wiederum von ökonomischen Strukturen und wirtschaftlichen Wachstumschancen beeinflusst werden.

Abb. 3.6 Grenzen des Wachstums (nach Meadows et al. 1973, S. 40)
Obwohl das Krisenszenario des Club of Rome bisher nicht eingetreten ist, gibt es doch viele Anzeichen dafür, dass Knappheits- und Allokationsprobleme im Zusammenhang mit natürlichen Ressourcen zentrale Beschränkungen und Herausforderungen für ökonomisches Handeln im 21. Jahrhundert darstellen (→ Box 3-1). Neben der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln aus der landwirtschaftlichen Produktion werden Wasserknappheit und damit zusammenhängende Verteilungskonflikte zu einem wachsenden Problem (Oßenbrügge 2007). Dies hängt mit dem globalen Klimawandel, aber auch mit immer intensiveren Landnutzungsformen und dem Anbau von Nahrungsmitteln, Baumwolle und anderen Produkten in Trockengebieten zusammen. Durch künstliche Bewässerung und Staudammprojekte werden Flüsse so stark beansprucht, dass sich deren Pegelstände im Unterlauf drastisch verringern. Folgen sind Probleme in der Trinkwasserversorgung angrenzender Städte und Regionen sowie zunehmende Schadstoffkonzentrationen. Ebenso schwerwiegende Auswirkungen zeigen sich im Umfeld abflussloser Seen wie beispielsweise des Aralsees oder des Toten Meeres, da infolge des gestiegenen Wasserverbrauchs im Bereich der Zuflüsse der Wasserspiegel sinkt, was ökologische und ökonomische Probleme nach sich zieht (Giese 1997 b; Giese et al. 1997; Giese et al. 2004).
Box 3-1: Peak oil
Schon seit den 1970er-Jahren gibt es eine rege Diskussion über die Folgen der Erdölverknappung durch die Ausbeutung der weltweiten Erdölreserven (Steinke 2006). Ende der 1990er-Jahre ist hieraus eine heftige Debatte unter dem Schlagwort peak oil entbrannt, die davon ausgeht, dass der Höhepunkt der weltweiten Erdölförderung in wenigen Jahren erreicht sein wird oder sogar schon überschritten ist (z. B. Olive 2009). Die Debatte beruht auf der Erkenntnis, dass sich die aus einer gegebenen Lagerstätte geförderte Menge Erdöl im Zeitablauf gemäß einer Glockenkurve entwickelt (Hubbert 1956). In der Anfangsphase ist die Lagerstätte gefüllt und das Erdöl sprudelt unter hohem Druck aus den Bohrlöchern. Durch zusätzliche Bohrungen lässt sich die geförderte Erdölmenge schnell steigern. Ist jedoch das Fördermaximum erreicht, kommt es zu einer vorübergehenden Stagnationsphase auf hohem Niveau, bis dann die Fördermenge immer schneller absinkt, weil die Erdölvorräte abnehmen und schließlich zur Neige gehen. Die Erdölförderung ist in dieser Phase mit einem hohen finanziellen und technischen Aufwand verbunden. So war die Ausbeutung der reichhaltigen Ölsandvorkommen in der kanadischen Provinz Alberta lange Zeit ökonomisch nicht realisierbar und ist erst seit Mitte der 1990er-Jahre aufgrund steigender Erdölpreise zu einem lukrativen Geschäft geworden (Braune 2006). Unter der Annahme eines glockenförmigen Verlaufs der Erdölfördermenge aus bekannten Lagerstätten ist es möglich, im Voraus abzuschätzen, wann die maximale Fördermenge erreicht sein wird. Hubbert (1956) führte dies für die USA bereits in den 1950er-Jahren durch und sagte den peak der Erdölförderung für die Mitte der 1970er-Jahre korrekt voraus. Wenn man dieselbe Überlegung auf die weltweite Erdölförderung überträgt, was in der gegenwärtigen peak-oil-Diskussion geschieht, so lassen sich alarmierende Anzeichen im Hinblick auf die Entwicklung der Erdölvorräte erkennen (Deffeyes 2005). Obwohl erst im Zeitablauf immer wieder teilweise umfangreiche Erdölfunde wie z.B. in Kasachstan gemacht wurden, deutet der Verlauf der Förderkurven weltweit seit einigen Jahren darauf hin, dass das Maximum der globalen Erdölförderung in wenigen Jahren erreicht sein könnte oder schon erreicht ist. Dies hätte zur Folge, dass die Erdölfördermenge für einige weitere Jahre relativ konstant bliebe, dann aber rapide abnehmen würde. Bei weiterhin steigender weltweiter Nachfrage nach Erdöl, insbesondere bedingt durch dynamische Industrialisierungsprozesse in China und Indien, würde dies zu einem schnellen Anstieg der Erdölpreise führen. Da die geringen Erdölkosten eine wesentliche Voraussetzung für den Globalisierungsprozess in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bildeten, insofern als sie einen drastischen Rückgang der Transportkosten bewirkten und weltweite Güter- und Materialflüsse ermöglicht haben, würde ein Überschreiten des peak oil spürbare Konsequenzen für die räumliche Arbeitsteilung in der globalen Ökonomie haben (→ Kap. 4.5). Die direkte Folge wäre, dass Arbeitskosten aus komparativer Sicht in Relation zu den Transportkosten an Bedeutung verlieren würden, sodass Regionen und Länder mit derzeit hohen Arbeitskosten als Standorte für landwirtschaftliche und industrielle Produktion an Bedeutung gewinnen würden, falls sie eine substanzielle Nachfragekonzentration aufweisen. Die Kosten für weltweite Transporte von Materialien und Menschen würden dagegen schnell ansteigen. Unter der Voraussetzung, dass keine neuen Erdölfelder erschlossen werden (wodurch sich anderenfalls das peak-oil-Szenario einige Jahre nach hinten verschieben würde), wäre auch die Landwirtschaft von einem Anstieg der Erdölpreise betroffen. Moderne Landwirtschaft basiert auf einem hohen Energieeinsatz aufgrund der Bewirtschaftung von Nutzflächen mit modernen Maschinen, des Anbaus in Gewächshäusern und des weltweiten Transports von Nahrungsmitteln aller Art. Hohe Erdölpreise würden schnell zu einem Anstieg der Lebensmittelpreise führen. Tendenziell würden Lokalisierungsprozesse von Industrien in Regionen mit großen Bevölkerungsballungen und hohem Nachfragepotenzial stattfinden. Regionale und nationale Marktbezüge würden aufgrund der gestiegenen Transportkosten einen Bedeutungszuwachs erzielen. Globale Warenflüsse würden im Vergleich zu regionalen und nationalen Handelsverflechtungen an Bedeutung verlieren. Letztlich wäre eine Reorganisation globaler Warenketten und Produktionsnetzwerke die Folge (→ Kap. 11.3). In einem solchen Szenario wären voll entwickelte Industrieballungen mit gut ausgebauten Clusterdimensionen (→ Kap. 10) besonders handlungsfähig, weil sie zusätzliche Kostenvorteile erzielen könnten. Insbesondere wenn sie über einen substanziellen regionalen oder nationalen Markt verfügen, könnten sie ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern.
Aus Sicht der Wirtschaftsgeographie erhält die Standortwahl ökonomischer Akteure und die Standortverteilung ökonomischer Aktivitäten eine große Bedeutung. Um Wachstum zu steuern und damit Einfluss auf die räumliche Wohlstandsverteilung nehmen zu können, muss man zunächst einmal verstehen, nach welchen Prinzipien Betriebe und Unternehmen ihre Standorte wählen. Dies ist ein traditioneller Untersuchungsgegenstand der Wirtschaftsgeographie (Mikus 1978; Schätzl 1981; Wagner 1981; Brücher 1982; Berry et al. 1987; Voppel 1999). Raumwirtschaftliche Studien sind exemplarisch zu folgenden Erkenntnissen über die Standortwahl gelangt:
(1) Industrielle Standorte. Industriebetriebe wählen ihre Standorte je nach ihren Bedürfnissen mit unterschiedlicher Standortorientierung. Während Sägewerke und Stahlwerke ihre Standorte beispielsweise eher rohstoff- oder materialorientiert wählen, werden Standortentscheidungen von Aluminiumhütten in der Regel energieorientiert z. B. in der Nähe von Wasserkraftwerken getroffen. Demgegenüber sind Standorte von Textilfabriken stärker arbeitsorientiert und Standorte von Molkereien absatz- bzw. konsumorientiert. Allerdings zeigt die Diskussion über die soziale Konstruktion von Räumen, dass Industrien oftmals die Qualitäten ihrer Standortregionen selbst erst formen (→ Kap. 13.3).
(2) Landwirtschaftliche Standorte. Im Unterschied zu Industriebetrieben ist bei landwirtschaftlichen Betrieben der Produktionsort oftmals vorgegeben, während das Produktionsziel variabel und zu bestimmen ist. Es stellt sich die Frage, welche Landnutzung in Abhängigkeit von Klima, Bodenrelief, Verkehrslage und Nachfrage gewählt wird.
(3) Standorte von Dienstleistungsunternehmen. Dienstleistungsunternehmen produzieren immaterielle Güter zur Versorgung von Haushalten und Unternehmen. Ihre Standorte sind in Städten konzentriert. Höchstrangige Dienstleistungen finden sich oftmals sogar nur in den größten Metropolen eines Landes. Wichtige Aspekte, die die Standortwahl von Dienstleistungen beeinflussen, sind eine zentrale Lage, die Verkehrsanbindung, Fühlungs- und Nähevorteile sowie ein kreatives Umfeld.
Diese Ergebnisse raumwirtschaftlicher Forschung werden insbesondere in Kapitel 5 und Kapitel 6 an verschiedenen Stellen wieder aufgegriffen, hinterfragt und weiterentwickelt.
3.3.2Produktionsfaktor Arbeit
Der Produktionsfaktor Boden liefert Rohstoffe, die abgebaut, geerntet oder weiterverarbeitet werden müssen. Die Weiterverarbeitung erfordert den Einsatz des Produktionsfaktors Arbeit. Ähnlich wie beim Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs wird für den Produktionsfaktor Arbeit häufig angenommen, dass die Leistung der zuletzt eingesetzten Arbeitseinheit ceteris paribus, d. h. unter sonst gleichen Bedingungen, umso geringer ist, je mehr an Arbeit bereits eingesetzt worden ist. Man sagt, mit zunehmendem Arbeitseinsatz sinkt das Grenzprodukt der Arbeit. Die Neoklassik geht davon aus, dass sich damit gleichermaßen der „Wert“ der Arbeit verringert und das Lohnniveau sinkt (Külp 1988). Ein ähnlicher Zusammenhang lässt sich auch zwischen dem Produktionsfaktor Kapital und dem Kapitalzins herstellen. Allerdings wird der Zusammenhang durch den technologischen Wandel, arbeitsorganisatorische Neuerungen und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse vielfach außer Kraft gesetzt.
Aufbau und Entwicklung von Gesellschaften beruhen seit jeher auf dem Prinzip der Arbeitsteilung, was mit vielen Vorteilen einhergeht. Durch Arbeitsteilung kann der oder die Einzelne diejenige Tätigkeit erlernen und ausführen, zu der er oder sie am besten befähigt ist bzw. die ihm oder ihr am meisten Freude bereitet. Smith (1776, I. Buch Kap. I bis III) hat am Beispiel der Stecknadelherstellung im 18. Jahrhundert gezeigt, dass dadurch die Produktivität in der industriellen Produktion enorm gesteigert werden kann. Erst durch Arbeitsteilung ist eine rationelle Nutzung von Maschinen überhaupt möglich. Durch den technischen Fortschritt und den vermehrten Maschineneinsatz wurde die Organisation der Arbeitsteilung Ende des 19. Jahrhundert allerdings auch zu einem immer komplexeren Problem, da die fortschreitende Spezialisierung immer mehr Arbeitsschritte schuf und wachsende Herausforderungen an die Koordination und Synchronisierung des gesamten Produktionsprozesses stellte. Zudem veränderte sich die Struktur der Arbeitsteilung mit dem Übergang vom Handwerksbetrieb zur Manufaktur, in der die Produktion in isolierte maschinengesteuerte Teilprozesse gegliedert war, und schließlich zum Industrieunternehmen mit integriertem Maschinensystem (Marx 1890, Kap. XIII).
Taylor (1919) untersuchte im Rahmen des von ihm entwickelten scientific management systematisch Produktions- und Arbeitsprozesse, um optimale Bewegungsabläufe bei der Bedienung von Maschinen abzuleiten und um Maschinen bestmöglich in den Arbeitsprozess einzubinden. Er plädierte für eine strikte Trennung zwischen konzeptionellen und ausführenden Tätigkeiten und für eine extreme Aufspaltung der ausführenden Arbeiten. Ford (1923) übertrug tayloristische Prinzipien Anfang des 20. Jahrhunderts systematisch auf maschinenbestimmte Fließprozesse der industriellen Massenproduktion. Art und Ausmaß der sogenannten tayloristisch-fordistischen Arbeitsteilung erlangten in der Folge eine neue Tiefe und Qualität (Kieser 1999, Kap. XIII).
In seiner Analyse der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft stellte Marx (1890, Kap. XIII) fest, dass der Übergang zu großen, massenproduzierenden Industrieunternehmen zunächst eine strukturelle Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse bewirkte. Nicht nur führte der systematische Einsatz von Maschinen zur Freisetzung von Arbeitern. Da Maschinen insbesondere auch Muskelkraft entbehrlich machten, sank der Preis für ungelernte Arbeitskräfte. Zunehmend wurden Frauen und Kinder in der Produktion eingesetzt, weil man sie geringer vergüten konnte. Die hohen Kosten für die Anschaffung der Maschinen machten die Unternehmen durch lange Maschinenlaufzeiten und verlängerte Arbeitszeiten wett. Als später die Länge des Arbeitstags gesetzlich begrenzt wurde, beschleunigten die Unternehmen ihre Arbeitsabläufe durch höhere Maschinengeschwindigkeiten und steigerten die Arbeitsintensität. Diese Prozesse bewirkten erhöhte Gesundheitsbelastungen und -probleme der Arbeiter, eine Entfremdung der Arbeit, einen Anstieg der Gefahren am Arbeitsplatz und eine Schwächung der Fähigkeit der Arbeiter zum Widerstand. Nach Marx (1890, Kap. XIII) sind derartige Arbeitspraktiken letztlich Ausdruck des fundamentalen Widerspruchs zwischen Arbeit und Kapital. Die Produktionsverhältnisse änderten sich erst im 20. Jahrhundert mit der Erweiterung und Vertiefung nationalstaatlicher Regulierungen und dem kontinuierlichen Einkommenszuwachs der Beschäftigten, der zumindest in einigen Industrieländern zu einem breiten Wohlstandsanstieg führte.
Anknüpfend an die genannten Arbeiten werden im Folgenden drei Arten der Arbeitsteilung voneinander unterschieden:
(1) Unternehmensinterne Arbeitsteilung. Sie bezeichnet die konkrete Art der Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine am Arbeitsplatz bzw. die Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Produktionsstufen in einer Betriebsstätte, einem Betrieb oder einem Unternehmen.
(2) Unternehmensübergreifende Arbeitsteilung. Sie beschreibt die Arbeitsteilung zwischen Unternehmen, insbesondere zwischen Zulieferern, Produzenten und Abnehmern. Hierbei lassen sich verschiedene Erscheinungsformen der Arbeitsteilung unterscheiden, die auf Kooperations- oder Marktprinzipien beruhen können. Da in der unternehmensübergreifenden Arbeitsteilung Interaktionen zwischen den betreffenden Akteuren und Akteursgruppen eine zentrale Rolle spielen, wird im Englischen der Begriff der social division of labor verwendet (Scott 1988; 1998, Kap. 5). Vor allem an den Schnittstellen der Produktion zwischen verschiedenen Produktionsstufen kann sich die Arbeitsteilung verändern, was dann zu Veränderungen in den Kommunikations- und Abstimmungsprozessen zwischen Unternehmen führt. Dies kann durch die Auslagerung einzelner Arbeitsschritte an andere Hersteller und den Übergang zu Fremdfertigung geschehen.
(3) Räumliche Arbeitsteilung. Sie ist eine Projektion der unternehmensinternen und unternehmensübergreifenden Arbeitsteilung in räumlicher Perspektive. Hierbei interessiert beispielsweise, welchen Einfluss räumliche Nähe auf Zuliefer- und Absatzbeziehungen hat. Die räumliche Arbeitsteilung ist auch ein Spiegelbild räumlicher Disparitäten. So ballen sich in einigen Regionen besonders viele Zulieferer, während andere Regionen spezialisierte Abnehmer beherbergen. Folge derartiger Strukturen sind Verflechtungsbeziehungen zwischen den Unternehmen verschiedener Regionen, die sich als räumliche Arbeitsteilung niederschlagen.
Durch die Dynamik der modernen Industriegesellschaft, Reflexivität im Verhalten ökonomischer Akteure sowie durch Lern- und Innovationsprozesse ist die Arbeitsteilung in einer Volkswirtschaft fortlaufenden Umstrukturierungen unterworfen. Solche Umstrukturierungen haben zur Folge, dass alte Arbeitsplätze wegfallen und neue Arbeitsplätze mit neuen Technologien und neuen Organisationsprinzipien entstehen. Die Arbeitsteilung ist somit einem ständigen Wandel unterworfen.
3.3.3Produktionsfaktor Kapital
Kapital wird oft als abgeleiteter Produktionsfaktor bezeichnet, der erst vom Menschen geschaffen werden muss. Er entsteht aus der Kombination von natürlichen Ressourcen und Arbeitskraft. Kapital ist ein Produktionsfaktor, der verschiedene Zwecke erfüllt. Er dient der effizienten Allokation (Aufteilung) der ursprünglichen Produktionsmittel Arbeit und Boden, der intertemporalen Allokation (d.h. über einen längeren Zeitraum hinweg) der Ressourcen durch Sparen und dem Durchsetzen von Innovationen durch technischen Fortschritt. Zugleich steuert er als Vermögensfaktor die Einkommensverteilung (Männer 1988). In der Ökonomie wird Kapitalbildung einerseits durch Konsumverzicht und Sparen, andererseits durch Investitionen erklärt. Konzeptionell lässt sich zwischen Sachkapital (Maschinen und Anlagen) und Humankapital (Wissen und technischer Fortschritt) unterscheiden. Angeregt durch die wirtschaftssoziologische Debatte kann ferner soziales Kapital unterschieden werden, das aus Chancen und Gelegenheiten durch soziale Beziehungen entsteht (Bourdieu 1986).
(1) Sachkapital. Als Sachkapital gelten die materiellen Ressourcen, die zur Realisierung der Produktion notwendig sind. Vor allem die industrielle Produktion von Gütern für Massenmärkte bedarf eines hohen Sachkapitalvolumens. Große und zunehmend automatisierte maschinelle Anlagen ebenso wie industrielle Vorprodukte bilden den zentralen Kapitalbestand zur Transformation von Gütern in Zwischen- und Endprodukte. Auch Dienstleistungsunternehmen haben mitunter einen hohen Aufwand an Sachkapital. So repräsentieren z. B. Transportfahrzeuge den Sachkapitalbestand von Speditions- und Transportunternehmen.
(2) Humankapital. Das von Menschen erworbene, mitgeführte und in ihnen akkumulierte Humankapital, das eine große Rolle für Arbeitseinsatz und Arbeitsteilung in der Produktion und für die Entlohnung spielt, lässt sich gut über den Wissensbegriff erschließen. Naturwissenschaftlich-technisches Wissen kann einerseits aus der Grundlagenforschung resultieren oder andererseits aus Lernprozessen in der Produktion, wie z. B. durch trial and error. Wissen ist ein immaterielles Gut, für das es allerdings keinen echten Markt und damit auch keinen Marktpreis gibt. Die Nachfrage nach und das Angebot an Wissen sind nicht genau spezifizierbar. Um den Wert von neuem Wissen genau taxieren und einen Preis festzulegen zu können, würde ein potenzieller Käufer Informationen darüber benötigen, wie er dieses neue Wissen verwenden kann. Er müsste also Kenntnisse über dieses Wissen haben. Sobald er diese Kenntnisse aber besitzt, müsste er dieses Wissen nicht mehr kaufen. In dieser Überlegung zeigt sich ein fundamentales Problem bei der Bestimmung eines Marktpreises sowohl für Informationen als auch für Wissen (Arrow 1962 b).
Bezüglich der Arten von Wissen kann zwischen explizitem, kodifiziertem Wissen (explicit, codified knowledge) und implizitem, stillem Wissen (implicit, tacit knowledge), das nicht-kodifiziert oder gar nicht-kodifizierbar ist, unterschieden werden (Nonaka 1994; Nooteboom 2000 b; Gertler 2003). Kodifiziertes Wissen ist Wissen, das z. B. in Form von Regeln oder Formeln niedergeschrieben ist. Es kann leicht weitergegeben werden und ist im Prinzip an jedem Ort erhältlich. Stilles Wissen ist demgegenüber an Personen gebunden und lässt sich nach Polanyi (1967, S. 4) daraus erklären, „that we know more than we can tell“. Polanyi (1967, Kap. 1) führt die Entstehung von tacit knowledge (genau genommen spricht er von tacit knowing) darauf zurück, dass Menschen ihre Aufmerksamkeit vollständig auf ein Ereignis lenken und dadurch den eigentlichen Ereignisauslöser nicht bewusst erleben. Beispielsweise konzentriert sich ein Anlagenfahrer in einem Industrieunternehmen ganz auf den störungsfreien Prozessverlauf und dessen Parameter und führt die konkreten Steuerungseingriffe wie beim Autofahren nicht bewusst aus. Die hierzu notwendigen Fähigkeiten können nicht erklärt, sie müssen erlernt werden. Deshalb ist der Erwerb dieses Wissens an zeitaufwendige Lernprozesse geknüpft, die andauernde Praxis vor Ort bzw. ko-präsentes Interagieren von Akteuren erfordern. Das Wissen wird laufend verändert, wenn neue Erkenntnisse vorliegen und Konventionen über neue Produkte verändert werden müssen. Es ist dadurch lokalisiert, dass Akteure als die Träger des Wissens an bestimmte Standorte gebunden sind, und kann nicht ohne Weiteres an andere Orte transferiert werden (Maskell und Malmberg 1999 a; 1999 b). Aber auch kodifiziertes Wissen kann durch Kontextualisierung in eine Form gebracht werden, die nicht leicht in andere räumliche Zusammenhänge übertragen werden kann (Asheim und Dunford 1997; Belussi und Pilotti 2002). Es ist dies der Fall, wenn das Wissen vor der Anwendung an die spezifischen Bedingungen der Produktion vor Ort angepasst werden muss, also um kontextspezifische Komponenten angereichert und somit lokalisiert wird. Die Formen kodifizierten und nicht-kodifizierten Wissens lassen sich auf eine Unterscheidung von menschlichen Bewusstseinsebenen übertragen, wie sie Giddens (1995, Kap. 1 und 2) vorschlägt. Kodifiziertes Wissen ist im diskursiven Bewusstsein verortet. Es befähigt den Akteur, sein Denken und Handeln zu explizieren. Stilles, nicht-kodifiziertes Wissen hingegen, das sich als Erfahrungswissen in Routinen befindet, ist dem praktischen Bewusstsein zuzuordnen. Menschen wenden fortwährend etablierte Routinen an, die sie wie im Beispiel des Anlagen- und des Autofahrers nicht mehr reflektieren und auch nicht mehr explizit erläutern können.
Technischer Fortschritt entsteht, wenn neues Wissen problembezogen angewendet wird und zur Verbesserung bestehender bzw. zur Schaffung neuer Produkte und Prozesse eingesetzt wird. Dies ist besonders dann wichtig, wenn es gelingt, dieses Wissen etwa in Form neuer Maschinen oder Organisationsformen, die eine effizientere Produktion ermöglichen, kommerziell umzusetzen. Die Entstehung technischen Fortschritts kann einerseits entlang eines bekannten technologischen Entwicklungspfads erfolgen, wobei bestimmte Heuristiken und Lösungsprinzipien, die sich in der Vergangenheit bewährt haben, weiter fortgeschrieben werden (Dosi 1982; 1988). Ein Beispiel für eine derartige Entwicklung technischen Fortschritts ist die Miniaturisierung in der Computer- und Halbleiterindustrie. Alternativ kann technischer Fortschritt auch durch einen Wechsel zu einem anderen neuartigen Entwicklungspfad oder durch einen fundamentalen Wechsel des zugrunde liegenden technologischen Paradigmas entstehen (→ Kap. 14.3) wie etwa beim Übergang von der Transistor- zur Halbleitertechnik (Bathelt 1991 b, Kap. 2). Die Erkenntnis, dass Wissen im Wirtschaftsprozess offensichtlich eine immer zentralere Rolle spielt, kommt darin zum Ausdruck, dass zunehmend von einer knowledge-based economy (OECD 1996; Powell und Snellman 2004) und von knowledge-based industries gesprochen wird (z. B. Strambach 1995; Park 2000).
(3) Soziales Kapital. Das Konzept des sozialen Kapitals thematisiert eine Ressource, die im Gegensatz zu Sach- und Humankapital nicht in der Verfügungsgewalt eines Akteurs oder einer Organisation liegt, sondern in der Beziehung zwischen Akteuren besteht und somit nur in Abhängigkeit von Partnern mobilisiert werden kann (→ Kap. 7.3). Soziales Kapital beschreibt das Potenzial an Chancen und Gelegenheiten, die ein Akteur oder eine Organisation durch die Beziehungen zu anderen realisieren kann (Burt 1997; Jansen 1999, Kap. 9). So stellen z. B. soziale Netzwerke zwischen Akteuren eine Form sozialen Kapitals dar, da sie die Unsicherheit der Interaktion auf der Grundlage von Vertrauen reduzieren und dadurch die Möglichkeit der Kooperation bei gemeinsamen Zielen eröffnen. Ebenso ist es möglich, durch die Realisierung sozialen Kapitals Humankapital (Coleman 1988) oder Sachkapital zu erwerben. Der Unterschied zu Human- und Sachkapital kann an folgendem Beispiel illustriert werden: Eine Fußballmannschaft mag für ein Spiel favorisiert sein, weil sie die besseren Spieler mit den größeren spielerischen Fähigkeiten, man könnte sagen das qualifiziertere Humankapital, besitzt. Dennoch aber kann sie von einer scheinbar schwächeren Mannschaft geschlagen werden, wenn diese durch gutes Zusammenspiel und eine geschlossene Mannschaftsleistung ihr soziales Kapital mobilisiert. Ein anderes Beispiel sind Netzwerke zwischen Händlern derselben ethnischen Gruppe, in denen aufgrund sozialen Kapitals eine hohe Effizienz erreicht wird (Bebbington und Perreault 1999).
Es stellt sich nun die Frage, wie Menschen die Fähigkeit bzw. Kompetenz erwerben können, soziales Kapital aufzubauen, wenn es sich hierbei doch um eine Ressource handelt, die nicht im Besitz einer einzelnen Person liegt. Diese Frage lässt sich wohl nicht allgemeingültig beantworten. Sicherlich ist der Erwerb von sozialem Kapital erfahrungsabhängig und geschieht in verschiedenen Gesellschaften aufgrund unterschiedlicher Prozesse. Für die deutsche Gesellschaft kann man sich vorstellen, wenn man das Beispiel der Fußballmannschaft aufgreift, dass insbesondere Erfahrungen im Mannschaftssport für den Aufbau von sozialer Kompetenz von Bedeutung sein könnten. Bastian (2000, Kap. III.2) argumentiert, dass Musikerziehung in diesem Zusammenhang ebenfalls eine wichtige Rolle spielt und belegt dies anhand von Langzeitstudien an Berliner Schulen. Durch Musizieren im Ensemble lernen Kinder und Jugendliche fast spielerisch, miteinander zu kooperieren, aufeinander zuzugehen und gemeinsam Verantwortung zu tragen. Damit erfahren sie, so Bastian (2000, Kap. III.2), wie bedeutsam es sein kann, eigene Leistungen in das gelingende Gesamtergebnis einzubringen.
3.3.4Relationale Sichtweise von Ressourcen
Der Einsatz von Produktionsfaktoren allein kann nicht die große Heterogenität von Strategien und technologischen Entwicklungen von Unternehmen in räumlich differenzierten Produktionskontexten erklären. Strategische Differenzierung, Innovativität, Organisation und letztlich der Erfolg von Unternehmen wird weniger von den Produktionsfaktoren per se bestimmt, sondern vielmehr von der kreativen Verwendung und Kombination dieser Faktoren. Daher steht in einer relationalen Perspektive nicht die Ressource als unteilbarer Faktor im Mittelpunkt der Betrachtung, sondern die Möglichkeit, sie unterschiedlichen Verwendungen zuzuführen (Glückler und Bathelt 2003). Eine Ressource ist mit Penrose (1959) definiert als Bündel potenzieller Verwendungen. Die Unterscheidung zwischen Ressourcen und ihren Verwendungen ist erforderlich, denn Ressourcen können zwar unabhängig von ihrer Verwendung beschrieben und erworben werden, aber es sind erst die spezifischen Verwendungen, die als eigentliche Inputs in den Produktionsprozess eingehen, den Wert der Ressource ausmachen und zur Basis der Wettbewerbsfähigkeit werden.
So ist Erdöl zwar weltweit der wichtigste Rohstoff zur Primärenergiegewinnung, jedoch fließen nur etwa 80 % des Erdöls in die energetische Nutzung für Wärme und Kraftstoff. Der restliche Teil wird zur Herstellung unterschiedlichster Erzeugnisse speziell in der Petrochemie oder der pharmazeutischen Industrie genutzt. Etwa 90 % der Produktion organischer Chemikalien basieren auf Kohlenwasserstoffen, die aus Erdöl gewonnen werden. So dient Erdöl zur Herstellung von Kunststoffen, Lösungs-, Schmier- und Waschmitteln, Medikamenten und Farben. Schließlich wird Erdöl auch als Baustoff zur Herstellung von Asphalt, Dachpappen oder Schutzanstrichen benutzt (Amecke 1987; Chapman 1991; MWV 1996). Unternehmen nutzen spezifisches Wissen, Marktgelegenheiten und zusätzliche Ressourcen, um die Ressource Erdöl in eine ertragreiche Verwendung zu übertragen. Ohne diese Verwendung lässt sich wenig über die Wettbewerbsfähigkeit oder den Profit eines Unternehmens aussagen (Glückler und Bathelt 2003). Penrose (1997, S. 31) wählt den Begriff der Ressource vor allem deshalb, weil der klassische Begriff des Produktionsfaktors keine Unterscheidung trifft zwischen der Ressource und dem produktiven Dienst, der durch diese Ressource erzielt wird: „Strictly speaking, it is never resources themselves that are ‘inputs’ in the production process, but only the services that the resources can render“.
In relationaler Perspektive werden neben den klassischen Produktionsfaktoren auch andere Ressourcen betrachtet, die in interaktiven, häufig unternehmensübergreifenden Prozessen erzeugt, bewertet und spezifischen Verwendungen zugeführt werden. Die Ressourcen selbst determinieren somit keine spezifische Verwertung, sondern sie bilden hinsichtlich ihrer Nutzung die Grundlage für kontextualisierte und kontingente Entscheidungen. Um etwa die Wettbewerbsfähigkeit oder strategische Optionen zu bestimmen, muss der Blick nicht auf die Ressourcen selbst, sondern auf den sozialen und institutionellen Kontext der möglichen Verwendungen gelenkt werden (Penrose 1959). Einige Ressourcen sind dahingehend relational, dass keine individuellen Eigentums- oder Verfügungsrechte für sie bestehen oder erworben werden können. Nicht die Ressourcen selbst, sondern nur ihre potenziellen Erträge können einzelnen Personen oder Unternehmen zugerechnet werden, wie die Beispiele von Sozialkapital (→ Kap. 7.3), Wissen und Macht (→ Kap. 8 und 11.3) deutlich machen. Die Erträge sind wiederum abhängig vom Handeln der beteiligten Akteure und dem jeweiligen institutionellen Kontext.
Diese relationale Sichtweise hat Konsequenzen für das Unternehmensverständnis, wie das Beispiel materieller Ressourcen zeigt. So werden Unternehmen traditionell über Outputs, d. h. über ihre Produkte, definiert. In einer ressourcenorientierten Perspektive (resource-based view) werden hingegen gerade die Inputs betrachtet. Unternehmen werden hierbei als Bündel von Ressourcen aufgefasst und über ihr jeweils spezifisches Ressourcenprofil beschrieben (Mahoney und Pandian 1992). Wenn man Unternehmen auf diese Weise betrachtet, stellt sich die Frage, unter welchen Verwendungen bestimmte Ressourcenprofile positiv auf die Gewinnsituation bzw. Wettbewerbsfähigkeit wirken (Wernerfelt 1984). Erst durch die analytische Trennung zwischen einer Ressource und der Vielzahl ihrer möglichen Verwendungen lässt sich die Heterogenität und strategische Einzigartigkeit von Unternehmen erklären.
Ressourcen sind nicht nur Bündel möglicher Verwendungen, sondern zugleich Quellen möglicher Gewinne. Unternehmen erzielen nicht notwendigerweise deshalb höhere Gewinne, weil sie bessere Ressourcen haben, sondern auch, weil sie bestehende Ressourcen besser oder anders nutzen können als andere (Maskell 2001 a). Unternehmen sind stets auf der Suche nach der Erschließung höherer Gewinne oder Renten, wobei vier Typen von Renten unterschieden werden können (Mahoney und Pandian 1992):
(1) Die Ricardianische Rente bezieht sich auf Gewinne aus dem Besitz immobiler Ressourcen, wie z. B. dem Boden. Nach Ricardo (1996 [1817], S. 45) handelt es sich dabei um „that portion of the produce of the earth which is paid to the landlord for the use of the original and indestructible powers of the soil“.
(2) Monopolrenten beziehen sich auf höhere Gewinne, die aufgrund einer Monopolsituation etwa durch staatlichen Schutz (z. B. Patentschutz) oder durch Kollusion in einem oligopolistischen Markt ermöglicht werden.
(3) Die Unternehmerrente oder Schumpeter’sche Rente ist eine temporäre Monopolrente, die sich auf Gewinne aus einem kurzfristigen Technologie- oder Wettbewerbsvorsprung bezieht. Durch Nachahmung reduziert sich die Unternehmerrente im Zeitablauf und ist somit nicht dauerhaft gesichert.
(4) Unternehmen können aber auch Renten aus unternehmensspezifischen Ressourcen schöpfen. Dabei handelt es sich um Quasi-Renten. Eine Quasi-Rente ist definiert als Differenzbetrag der Gewinne zwischen der erstbesten und der zweitbesten Nutzung einer Ressource (Mahoney und Pandian 1992). Quasi-Renten können aus einmaligen oder spezifischen Ressourcen sowohl materieller als auch immaterieller Art gewonnen werden.
Ein relationaler Ressourcenbegriff bezieht sich auf die Vielfältigkeit möglicher Nutzungen einer Ressource, wobei die spezifische Verwendung nicht nur von der Ressource selbst, sondern gleichzeitig von weiteren Rahmenbedingungen abhängt:
(1) Unternehmensspezifische Kompetenzen. Ein Unternehmen hat jeweils einen spezifischen Wissensstand, Fähigkeiten und Erfahrungen, die dazu führen, dass bestimmte Verwendungen einer Ressource identifiziert werden. Erst diese Kompetenzen ermöglichen es, Ressourcen auf bestimmte Weise in den Produktionsprozess einzubinden und so zu einer Verwendung zu gelangen. Das Wissen und die Kompetenzen des Unternehmens können dabei wiederum selbst als Ressourcen aufgefasst werden (Amin und Cohendet 2004).
(2) Mentales Modell. Die Kompetenzen eines Unternehmens sind Ausdruck und Bestandteil eines übergeordneten Interpretationsrahmens bzw. mentalen Modells (dominant logic) (Prahalad und Bettis 1986). Dieser Interpretationsrahmen gibt dem Einsatz der vorhandenen Kompetenzen eine Orientierung und ermöglicht ein gemeinsames Verständnis über die Wissensinhalte. Die Interpretationen, die Mitarbeiter den unternehmensinternen und -übergreifenden Informationsflüssen verleihen, haben dabei Einfluss auf die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens. Sie sind abhängig von den evolutionär geformten Routinen, mit denen neue Informationen verarbeitet, interpretiert und in Aktionen umgesetzt werden. Nelson und Winter (1982) erkennen in den organisatorischen Routinen die eigentlichen Fähigkeiten eines Unternehmens. Nur in dem Maße, in dem neue Interpretationsschemata entwickelt und verbreitet werden, kann bestehendes Wissen umgewidmet und zur Bildung neuen Wissens sowie zur innovativen Nutzung bestehender Ressourcen genutzt werden (Becker 2004).
(3) Marktgelegenheiten. Schließlich hängt die Realisierung einer innovativen Verwendung auch von den Marktgelegenheiten ab (productive opportunity) (Penrose 1959), unter denen spezifische Kompetenzen kombiniert und abgestimmt werden, um erfolgreich zu sein. Diese Gelegenheiten sind von der Wettbewerbssituation, der Nachfragestruktur und dem Umfeld vor- und nachgelagerter Unternehmen abhängig, die in der Lage sind, innovative Ressourcenverwendungen vorzubereiten und weiterzuverarbeiten.
Diese Sicht verdeutlicht, dass die Ausstattung mit materiellen Ressourcen keineswegs ausreicht, um die Produkte, Strategien, kollektiven Fähigkeiten und den Entwicklungspfad eines Unternehmens zu erklären. Entscheidend ist vielmehr die geeignete Kombination von Ressourcen, Kompetenzen, mentalen Modellen, Marktgelegenheiten sowie institutionellen Kontexten, um Ressourcen produktiv und innovativ zu verwenden und somit die Wettbewerbsstellung zu stärken.
3.4Neoklassischer Markttausch
Die Bedürfnisbefriedigung wird durch den Austausch von Gütern (bzw. von Produktionsfaktoren) letztlich über die Beziehungen zwischen Konsumenten und Produzenten geregelt, die ein Angebot und eine Nachfrage definieren (z. B. Demmler 1990, Kap. 2 und 6; Lipsey et al. 1993, Kap. 4). Aufgrund des Interessengegensatzes zwischen den Anbietern, die ihre Güter zu möglichst hohen Preisen verkaufen möchten, und Nachfragern, die Güter umgekehrt möglichst preiswert erwerben möchten, muss für jeden Tausch ein Kompromiss gefunden werden, um eine Gütertransaktion durchzuführen. Das Instrument, das diesen Kompromiss zwischen Angebot und Nachfrage herstellt, ist der Markt. In der neoklassischen Ökonomie gilt das Interesse hierbei nicht den einzelnen beobachtbaren und lokalisierten Märkten wie z. B. dem Gemüse-, Tulpen- oder Pferdemarkt, sondern dem Markt als abstraktem Koordinationsprinzip (Jevons 1871, Buch IV; Marshall 1990 [1920], Buch V).
Der entscheidende Ausgleichsmechanismus des Interessenkonflikts von Angebot und Nachfrage ist der Preis. Die Nachfrage ist allgemein so strukturiert, dass mit sinkendem Preis (p) die nachgefragte Menge (x) zunimmt. Demgegenüber ist die angebotene Menge umso größer, je höher der Preis ist. Dieser strukturelle Interessengegensatz zwischen Angebot und Nachfrage wird auf dem Markt über den Preis zum Ausgleich gebracht. Dies lässt sich in einem Preis-Mengen-Diagramm zeigen, in das eine fallende Nachfrage- (N) und die zugehörige steigende Angebotsfunktion (A) eingezeichnet sind (→ Abb. 3.7). Es zeigt sich, dass nur in einem einzigen Punkt, d. h. bei einer einzigen Preis-Mengen-Konstellation, Angebot und Nachfrage in Einklang gebracht werden können. Diese Konstellation wird als Gleichgewicht bezeichnet. Im Preis-Mengen-Diagramm lässt sich anschaulich verdeutlichen, wie sich der Gleichgewichtspreis und die Gleichgewichtsmenge verändern, wenn sich die Angebots- und Nachfragebedingungen verändern:
(1) Sinkende Herstellungskosten bewirken beispielsweise, dass sich die Angebotsfunktion nach unten verschiebt (→ Abb. 3.7 a). Dies führt dazu, dass ein neues Gleichgewicht entsteht. Gegenüber der Ausgangssituation hat sich der Preis verringert, aber die Absatzmenge ist angewachsen. Ob sich dadurch die Umsatzsituation der Hersteller verbessert, hängt von der sogenannten Preiselastizität der Nachfrage ab, d. h. davon, ob die positiven Umsatzeffekte durch den Mengenzuwachs größer sind als die entgegengerichteten Auswirkungen durch den Preisrückgang.
(2) Wenn sich, ausgehend von einem Marktgleichgewicht, die Nachfrage erhöht (→ Abb. 3.7 b), so hat dies ebenfalls Auswirkungen auf Preis und Menge (McGuigan und Moyer 1993, Kap. 11). Ein Anstieg der Nachfrage kann z. B. dadurch ausgelöst werden, dass höhere Einkommen zur Verfügung stehen. In diesem Fall verschiebt sich die Nachfragefunktion nach rechts. Das in dieser Situation resultierende neue Marktgleichgewicht ist durch einen höheren Preis und eine höhere Menge gekennzeichnet.
(3) Eine wiederum andere Art der Marktanpassung findet statt, wenn der Staat eine neue indirekte Steuer einführt oder die bestehende Mehrwertsteuer erhöht (→ Abb. 3.7 c). Dies führt dazu, dass die Angebotskurve nun einen steileren Verlauf hat, sich folglich gegenüber der ursprünglichen Angebotskurve nach links dreht. Die sich einstellende neue Gleichgewichtssituation ist dadurch gekennzeichnet, dass sich der Preis bei einem gleichzeitigen Mengenrückgang erhöht.

Abb. 3.7 Marktwirtschaftliche Preisbildung
Trotz der Plausibilität der dargestellten Gleichgewichtsmechanismen unterliegt die Möglichkeit eines stabilen Gleichgewichts einer Reihe sehr restriktiver Annahmen. Entsprechend dem Jevons Gesetz von der Unterschiedslosigkeit der Preise, formuliert von dem britischen Nationalökonomen William Stanley Jevons (1871), kann nur in einem vollkommenen Markt wie oben dargestellt ein einziger stabiler Gleichgewichtspreis entstehen. Ein Markt gilt dann als vollkommen, wenn
die Güter homogen und somit für die Nachfrage völlig gleichwertig sind;
Anbieter und Nachfrager gewinn- bzw. nutzenmaximierende Motive verfolgen, über vollständige und somit identische Informationen verfügen und völlig rational entscheiden;
weder zeitlich, räumlich, persönlich oder sachlich variierende Präferenzen bestehen.
Damit ein Verkauf aller angebotenen Güter erfolgt (vollständige Markträumung), wird in der klassischen Markttheorie angenommen, dass Angebot und Nachfrage stets aufeinander abgestimmt sind. So impliziert das Say’sche Theorem, dass in einer geschlossenen Volkswirtschaft eine allgemeine Überproduktion über die Nachfrage hinaus unmöglich sei, da jedes Angebot in demselben Umfang kaufkräftige Nachfrage schaffe, die durch Faktoreinkommen und Gewinne dem Wert der Güter entspreche (Demmler 1990). Ohne nach den Ursachen der Nachfrage zu fragen, geht das Theorem davon aus, dass sich jedes Angebot bei variablem Preis seine entsprechende Nachfrage selbst schafft. In einem marktwirtschaftlichen System und unter den Bedingungen eines vollkommenen Markts führt der Preis folglich zu einem Interessenausgleich zwischen Angebot und Nachfrage. Über den Preis erhalten die Produzenten Informationen darüber, welche Menge sie auf dem Markt anbieten müssen bzw. können.
Entspräche dieses perfekte Marktmodell der Realität, so würde ein universeller Markt existieren, der in geographischer Perspektive keine Unterschiede erkennen ließe und auch keine besonderen Fragen aufwerfen würde. Wenngleich Ökonomen wie Jevons (1871) davon überzeugt waren, dass alle Marktteilnehmer immerzu auf perfekte Märkte hinarbeiteten, wird selbst in der neoklassischen Lehre auf die Unvollkommenheit realer Märkte hingewiesen. So identifizierte beispielsweise bereits Marshall (1990 [1920], V.I.7) den Transport als eine Quelle der Marktunvollkommenheit: „the more nearly perfect a market is, the stronger is the tendency for the same price to be paid for the same thing at the same time in all parts of the market: but of course if the market is large, allowance must be made for the expense of delivering the goods to different purchasers; each of whom must be supposed to pay in addition to the market price a special charge on account of delivery“. Traditioneller Ansatzpunkt der Wirtschaftsgeographie sind in den klassischen Standorttheorien eben diese Transportkosten, die zu einer räumlichen Differenzierung der Preise von Gütern führen und somit das Marktgleichgewicht aufheben. Entsprechend lassen sich räumliche Grenzen von Märkten ableiten. Im nächsten Teil des Buchs über raumwirtschaftliche Ansätze werden ausführlich verschiedene Erklärungsansätze dargestellt und diskutiert, die zeigen, dass es aufgrund von Transportkosten zu spezifischen Standortentscheidungen und Raumnutzungsmustern kommt (→ Kap. 5 und 6).
Darüber hinaus gibt es in realen Märkten vielfältige Verletzungen der restriktiven Annahmen des klassischen Marktmodells (→ Kap. 8), wodurch der Preis nicht oder nur bedingt als Koordinations- und Lenkungsinstrument von Angebot und Nachfrage wirkt. Man spricht dann in der Ökonomie von Marktversagen (Endres 2000, Kap. 5 und 6). Marktversagen ist z.B. dann gegeben, wenn sich anstelle einer Wettbewerbssituation bei vollständiger Konkurrenz, bei der eine große Anzahl kleiner Anbieter einer Vielzahl kleiner Nachfrager gegenübersteht, eine Konzentration der Angebotsseite auf eine geringe Anzahl großer Unternehmen (Oligopol) oder gar auf nur ein einziges Unternehmen (Monopol) einstellt. Diese wenigen Unternehmen können beispielsweise ihre Marktmacht missbrauchen und überhöhte Preise verlangen. Märkte werden daher nach der Anzahl der Marktteilnehmer und deren relativem Gewicht in verschiedene Marktformen unterteilt (→ Abb. 3.8) (Friedman 2002 [1912]).

Abb. 3.8 Marktformen (nach Mühlbradt 2001)
Eine zweite Ursache für Marktversagen ergibt sich infolge der Wirkung externer Effekte (Stigler 1951; Schlieper 1988). In der Wirtschaftstheorie liegen externe Effekte vor, wenn die Produktion oder der Konsum von Gütern mit zusätzlichen Kosten (negative externe Effekte z. B. durch Schadstoffemissionen) oder mit zusätzlichen Gewinnen (positive externe Effekte z. B. durch Wissenstransfers) für Dritte verbunden ist, die sich nicht in den Preisen der Güter widerspiegeln (OECD 1993). Es handelt sich dabei um „services (and disservices) rendered free (without compensation) by one producer to another“ (Scitovsky 1954, S. 143). Externe Effekte treten immer dann auf, wenn Eigentumsrechte nicht vollständig zugewiesen werden können. Ein Beispiel hierfür ist etwa die unternehmensinterne Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern, deren Humankapital bei späteren Arbeitsplatzwechseln dem neuen Arbeitgeber zugutekommt.
Eine dritte Ursache für Marktversagen liegt in der Unvollständigkeit bzw. der asymmetrischen Verteilung von Informationen über transaktionsrelevante Bedingungen (Akerlof 1970). Wenn Anbieter oder Nachfrager nicht über vollständige Markttransparenz verfügen, wie z.B. auf Finanz- und Kreditmärkten (Handke 2011, Kap. 2), so treffen sie Transaktionsentscheidungen aufgrund unterschiedlicher Bedingungen, was nicht zu einem echten Gleichgewichtspreis führt.
Schließlich scheitert der Marktmechanismus viertens bei der Produktion von Kollektivgütern, bei denen es aufgrund der Möglichkeit des Trittbrettfahrens zu Anreizen kommen kann, sich nicht an der Produktion dieser Güter zu beteiligen und dennoch an dessen Konsum bzw. Gebrauch zu partizipieren, wie z. B. bei der Herstellung einer sauberen Umwelt oder der Entwicklung neuen Wissens (Glückler und Hammer 2015).
In einem planwirtschaftlichen System legt der Staat im Unterschied zur Marktwirtschaft fest, welche Bedürfnisstruktur wie befriedigt werden soll. Vereinfacht dargestellt bestimmt er die produzierte Menge und den zu zahlenden Preis (Lipsey et al. 1993, Kap. 6). Dies muss aber nicht mit den tatsächlichen Bedürfnissen korrespondieren, denn die Nachfragekurve, die ja menschliche Bedürfnisse widerspiegelt, existiert nach wie vor. In den osteuropäischen Planwirtschaften zeigten sich die Probleme derartiger Wirtschaftssysteme in der Nachkriegszeit sehr deutlich. So wurden einige Güter wie etwa Grundnahrungsmittel staatlich subventioniert und zu einem geringeren Preis angeboten als der, der sich in einem marktwirtschaftlichen System ergeben hätte. Dies führte zu staatlichen Verlusten. Bei anderen Gütern wie z. B. Luxusgütern, die zu einem staatlichen Gewinn hätten führen können, wurde zwar ein höherer Preis als der Marktpreis verlangt, dafür aber schlug die Mengenplanung fehl. Insgesamt entstanden massenweise unbefriedigte Bedürfnisse. Dies mag auch erklären, warum der Preis für gebrauchte Autos in der ehemaligen DDR über dem für Neuwagen lag, obwohl dieser Preis bereits über demjenigen lag, der sich unter Marktbedingungen in einer offenen Volkswirtschaft gebildet hätte. Es soll hier nicht die Überlegenheit des marktwirtschaftlichen gegenüber dem planwirtschaftlichen System dokumentiert, sondern lediglich festgestellt werden, wie bedeutsam Preise als Koordinationsinstrumente sind, da sie die Handlungen einer Vielzahl von Akteuren dezentral beeinflussen und auf einen Interessenausgleich hin orientiert sind. Dieses Koordinationsinstrument kann offensichtlich durch planwirtschaftliche Elemente nicht leicht ersetzt werden. Umgekehrt zeigen wiederholte Finanz- und Wirtschaftskrisen der letzten Jahrzehnte und insbesondere in den 1990er- und 2000er-Jahren, dass Marktwirtschaften bei einem Mangel an staatlicher Lenkung allein aufgrund des Preismechanismus große Finanz- und Spekulationsblasen produzieren können, die krisenbedingt zu erheblichen Umverteilungen und Wertvernichtungen führen können (Shiller 2005; Clark 2011; Dymski 2017). Der Ausgleich von Angebot und Nachfrage kann in realen Märkten daher nicht ausschließlich dem Preismechanismus überlassen werden, sondern muss durch staatliches Handeln, das den jeweiligen Kontextbedingungen in räumlicher Perspektive angepasst ist, reguliert bzw. koordiniert werden.
Die vielfältigen Abweichungen realer Märkte von der idealtypischen Idee eines vollkommenen Markts verwandeln das Erkenntnisinteresse an der Entstehung und Funktionsweise von Märkten letztlich in eine empirische Frage, die offen für zeitliche und räumliche Vielfalt und Kontextualität ist (Callon 1998 a; Berndt und Boeckler 2009). Die Kernfragen der Wirtschaftsgeographie konzentrieren sich demnach nicht nur auf die Kosten der Überwindung räumlicher Entfernungen, sondern auch auf die spezifische Organisation wirtschaftlichen Austauschs, die Gestaltung ökonomischer Beziehungen und die Entstehung und Veränderung territorial spezifischer Praktiken, Regeln und Institutionen im Wirtschaftsprozess. In den folgenden Teilen des Buchs werden daher weniger Transportkostenprobleme, sondern Fragen der Interaktion, Organisation, Evolution und Innovation in räumlicher Perspektive diskutiert.
3.5Leistungsmessung in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung
In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wird der Wert des Produktionsergebnisses aller Wirtschaftsbereiche einer Volkswirtschaft erfasst (z. B. Bontrup 1998, Kap. 2.9). Die Konzepte der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung können entsprechend auch auf Regionen übertragen werden. Ausgangsgröße ist der Bruttoproduktionswert, d. h. der Wert aller Güter und Dienstleistungen einschließlich der Vorleistungen, die in einer Volkswirtschaft erbracht werden. In dieser Größe sind jedoch erhebliche Doppelzählungen enthalten, weil dieselben Vorleistungen in verschiedenen Verarbeitungsstufen mehrfach mitgezählt werden. Der Bruttoproduktionswert ist daher insgesamt nur begrenzt aussagekräftig. Durch Bereinigung des Bruttoproduktionswerts um die Vorleistungen erfolgt der Übergang zur Bruttowertschöpfung einer Volkswirtschaft, die nun keine Doppelzählungen mehr enthält (→ Abb. 3.9). Nach Hinzurechnung der Einfuhrabgaben gelangt man von der Bruttowertschöpfung zum Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen. Wenn man von dieser Größe weiter die Abschreibungen, d. h. die Wertverluste von Maschinen und Anlagen subtrahiert, gelangt man zum Nettoinlandsprodukt zu Marktpreisen. Durch Bereinigung des Nettoinlandsprodukts zu Marktpreisen um indirekte Steuern und Hinzuzählung von Subventionen erhält man schließlich das Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten.

Abb. 3.9 Konzepte der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (verändert nach Schätzl 1994, S. 14)
In der an Schätzl (1994, Kap. 3.1.1) angelehnten Darstellung werden die Zusammenhänge zwischen diesen Konzepten gut veranschaulicht (→ Abb. 3.9). Hierin zeigt sich auch, dass man generell zwischen einem Inlandskonzept und einem Inländerkonzept unterscheiden kann. Während die bisher dargestellten Kenngrößen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auf dem Inlandskonzept beruhen, also für das Territorium einer Volkswirtschaft konzipiert sind, ist das Inländerkonzept ein personenbezogenes Konstrukt, das alle Inländer berücksichtigt. Man gelangt vom Inlands- zum Inländerkonzept, indem man die Einkommen der Auspendler addiert und die der Einpendler subtrahiert. Auf diese Weise erfolgt der Übergang vom Bruttoinlandsprodukt zum Bruttonationaleinkommen und vom Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten zum Nettonationaleinkommen zu Faktorkosten, dem Volkseinkommen. Durch Subtraktion der direkten Steuern und Hinzufügung der staatlichen Transferzahlungen ergibt sich daraus das verfügbare Einkommen der Inländer.
Auf regionaler Ebene verwendet man als Indikatoren der Leistungskraft entweder die regionale Bruttowertschöpfung, d. h. den Wert aller in einer Region hergestellten Güter und Dienstleistungen ohne die Vorleistungen, das Regionalprodukt (als regionales Äquivalent zum Bruttoinlandsprodukt) oder die Einkommen der in einer Region wohnenden Bevölkerung. Da es auf regionaler Ebene große Pendlerströme gibt, ist die Unterscheidung von Inlands- und Inländerkonzept bedeutsam. Als regionaler Wohlstandsindikator wird häufig das Pro-Kopf-Einkommen der in einer Region wohnenden Bevölkerung herangezogen.
Die Verwendung derartiger Kenngrößen als Messgrößen für die Leistungskraft einer Volkswirtschaft oder einer Region ist allerdings nicht unumstritten (z. B. Schätzl 1994, Kap. 3.1.1; Heilbroner und Thurow 2002). Es gibt zahlreiche Kritikansätze, die allesamt darauf hindeuten, dass derartige Indikatoren nur unvollständig die tatsächliche Leistungskraft erfassen:
(1) Zunächst misst das Bruttoinlandsprodukt Geldwerte und nicht Mengen physischer Einheiten. Daher muss es stets um die Inflation bereinigt werden. Steigen die Preise, steigt auch das Bruttoinlandsprodukt, selbst wenn Output und Produktionsvolumen unverändert bleiben. Bei intertemporalen Vergleichen sollte daher das sogenannte nominale Bruttoinlandsprodukt stets auf das reale, inflationsbereinigte Bruttoinlandsprodukt umgerechnet werden.
(2) Das Bruttoinlandsprodukt leidet ferner unter dem Problem der selektiven Messung qualitativer Veränderungen von Gütern. Technologische Neuerungen führen häufig zur Verbesserung von Gütern und Diensten. Während technologische Qualitätsverbesserungen in das Bruttoinlandsprodukt miteingerechnet werden, bleiben Qualitätssteigerungen bei Dienstleistungen jedoch außer Acht. Da Dienstleistungen jedoch etwa 70 % des Bruttoinlandsprodukts ausmachen, ist damit ein großes Problem verbunden. Das Bruttoinlandsprodukt kann die reale Qualitätssteigerung von geleisteten Diensten nicht erfassen und führt folglich zu einer Unterbewertung des realen Wirtschaftswachstums.
(3) Die Parameter der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung erfassen zudem nicht alle ökonomisch bedeutsamen Aktivitäten. Es fehlt beispielsweise die Erfassung der Hausarbeit, was dazu führt, dass sich in den Indikatorenwerten die gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen niederschlägt. Ferner sind handwerkliche Eigenleistungen nicht erfasst. Dies ist aber z.B. in Gemeinden der Mennoniten und Hutterer oder in Ländern wie Italien, wo gemeinschaftliche Aktivitäten einen hohen Stellenwert besitzen, besonders bedeutsam. Derartige Strukturen könnten zukünftig noch an Bedeutung gewinnen. So geht das Konzept der neuen Arbeit (new work) davon aus, dass Vollzeitarbeit zukünftig nicht mehr der Standard der Erwerbstätigkeit sein wird. Stattdessen schlägt Bergmann (1997) angesichts der anhaltenden Rationalisierungs- und Automatisierungstrends vor, Arbeitszeiten in Unternehmen systematisch zu verkürzen, um Entlassungen zu verhindern. Die so geschaffenen Zeitspannen sollen dabei von den Betroffenen als Befreiung erlebt werden, damit sie in dieser Zeit solche Tätigkeiten verrichten, „die sie wirklich, wirklich tun wollen“. Jüngste Ansätze der sharing economy (Martin 2016) sowie Ansätze vielfältiger (Gibson-Graham 2008) bzw. alternativer ökonomischer Praktiken (Leyshon et al. 2003; Fuller et al. 2016; Sánchez 2017) beleuchten sowohl traditionelle als auch neue Formen kollektiver Arbeitsteilung außerhalb der klassischen Marktlogik, um solidarische, nachhaltige und ausgleichende Formen des Wirtschaftens zu ergründen. Schließlich wird auch die Produktivleistung durch Schwarzarbeit nicht im Bruttoinlandsprodukt erfasst. Die Bedeutung dieser informal economy ist jedoch zunehmend und auch in der Entwicklung der Weltstädte industrialisierter Länder nicht zu unterschätzen (Sassen 1996).
(4) Ein weiterer Kritikpunkt der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung bezieht sich darauf, dass Umweltschäden als soziale Kosten nicht aus den Kenngrößen herausgerechnet werden. Sie werden aber in Zukunft beträchtliche einzelwirtschaftliche Kosten nach sich ziehen. Dies bindet Finanzmittel, die dann für andere Zwecke nicht mehr zu Verfügung stehen.
(5) Ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts gibt letztlich keinen direkten Aufschluss über den Anstieg der Lebensqualität einer Gesellschaft. Der Anstieg kann gleichermaßen aus Erhöhungen der Militärausgaben oder aus einem Anstieg der Bildungsausgaben herrühren. Steigen z. B. die Ausgaben für Schlösser und Alarmanlagen, so trägt dies zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts bei. Jedoch ist diese Entwicklung eher Ausdruck einer verminderten Lebensqualität aufgrund wachsender Unsicherheit. Auch können einander entgegengerichtete Ausgaben das Bruttoinlandsprodukt steigern, ohne die Lebensqualität zu verbessern. So trägt z. B. die Fabrikproduktion ebenso zum Bruttoinlandsprodukt bei wie die Reinigungsleistungen, die erforderlich sind, um die Verschmutzungen und Umweltschäden wieder auszugleichen. Beide Leistungen mehren das Bruttoinlandsprodukt, tatsächlich ist aber die Lebensqualität nicht unbedingt gestiegen. Die Höhe des Bruttoinlandsprodukts allein kann ferner auch über die Ungleichheit der Verteilung des Wohlstands einer Gesellschaft hinwegtäuschen. So haben Spanien und Mexiko mit etwa 1,5 Billionen US-Dollar etwa das gleiche Bruttoinlandsprodukt, jedoch ist das Einkommen in Mexiko viel stärker auf einen kleinen Bevölkerungsteil konzentriert, sodass die Mehrheit der Bevölkerung nicht an dem Niveau der Wirtschaftsleistung partizipieren kann. Aus diesem Grunde sollten zur Bewertung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungsstands einer Gesellschaft neben dem System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung z. B. auch der Human Development Index (UNDP 2016) oder Statistiken über die Einkommensverteilung und Verteilungsmaße, wie etwa der Gini-Koeffizient, berücksichtigt werden.
(6) Des Weiteren ist ein internationaler Vergleich von Kenngrößen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung problematisch, weil nationale Buchführungen sehr unterschiedlich und Preise oft nicht vergleichbar sind. Die damit zusammenhängenden Probleme werden deutlich, wenn man das Pro-Kopf-Produkt zu einem interregionalen Vergleich über nationalstaatliche Grenzen hinweg verwendet, wie McCarthy (2000) dies beispielsweise für die metropolitanen Regionen in der Europäischen Union durchgeführt hat. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich unter den 35 reichsten metropolitanen Regionen 25 deutsche Regionen befinden. Das Problem dieser Vorgehensweise besteht darin, dass unterschiedliche Lebenshaltungskosten, soziale Kosten und institutionelle Strukturen auf nationalstaatlicher Ebene unberücksichtigt bleiben, obgleich sie zur Beurteilung von Leistungskraft und Wohlstandsniveau eine große Rolle spielen.
Da wirtschaftsgeographische Untersuchungen häufig auf speziellen Erhebungen von ökonomischen Akteuren basieren und es dabei nicht immer gelingt, Indikatoren der Leistungskraft wie z. B. Gewinne zu erfragen, begnügt man sich in der Praxis oft mit Ersatzindikatoren wie etwa den Beschäftigtenzahlen, die wesentlich leichter erfassbar sind. Beschäftigtenzahlen sind von zentraler Bedeutung, wenn man wie in diesem Buch Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung und Analyse stellt. Sie bieten allerdings keinen vollwertigen Ersatz für Indikatoren der Leistungskraft. Unternehmen schaffen Beschäftigungsmöglichkeiten und erzeugen Wohlstand. Ihre Untersuchung muss unter diesen beiden Aspekten gesehen werden und darf keineswegs zum Selbstzweck der Wirtschaftsgeographie werden. Durch die Erfassung von Beschäftigtenzahlen lassen sich aus räumlicher Perspektive zumindest erste Anhaltspunkte über die Verteilung von Wohlstand gewinnen.
4Geographische Grundbegriffe
4.1Positionale Raumkonzepte: Raum, Region, Territorium und Standort
Das Anliegen der Wirtschaftsgeographie ist es, ökonomische Beziehungen und Prozesse im Kontext ihrer räumlichen Spezifika und Auswirkungen zu beschreiben und zu erklären. Im Mittelpunkt stehen räumliche Strukturen, die nicht als unabhängige Entitäten, sondern als Ergebnis sozialer und ökonomischer Prozesse verstanden werden. Diese Perspektive hat die Konsequenz, dass wirtschaftsgeographische Raumbegriffe nicht außerhalb des Sozialen definiert werden können. Wie wichtig Raumbegriffe etwa zur Durchsetzung politischer Ziele sind und dabei gebraucht und missbraucht werden können, zeigt das Beispiel der Blut- und Bodenideologie der Nationalsozialisten im Dritten Reich. Diese definierten Raum als Heimat, als Besitzstand der arischen Rasse, der gegen andere Rassen zu erobern und zu verteidigen sei. Hierbei spielten auch Teile der Länderkunde mit ihrem Landschaftsbegriff eine leidvolle Rolle, denn sie leisteten den Zielen der Nationalsozialisten Vorschub. Das haben insbesondere die Studien seit den 1980er-Jahren über die Rolle der Geographie in der Zeit des Nationalsozialismus verdeutlicht (Schultz 1987; Sandner 1988; Heinrich 1991).
Verschiedene Raumverständnisse sind stets Ausgangspunkt für unterschiedliche Forschungsprogramme und Perspektiven in der Wirtschaftsgeographie (Glückler 1999; 2002). Dennoch gibt es eine Reihe von Grundbegriffen, die zwar anderartige Aspekte des physischen Raums beschreiben, aber oft ähnlich verstanden werden (Blotevogel 1995 a). Dies sind zunächst die Begriffe physikalischer Raum, Territorium, Region und Standort sowie im folgenden Unterkapitel die Begriffe Distanz und Nähe.
4.1.1Physikalischer Begriff des Raums
Der physikalische Raum kann übergeordnet als ein unbestimmter, nicht notwendigerweise abgegrenzter Ausschnitt der Erdoberfläche mit den darin befindlichen dreidimensionalen Gegebenheiten angesehen werden. In dieser Begrifflichkeit ist Raum ein wertfreier Begriff, deshalb aber auch wenig brauchbar. Räume werden erst dann zu einem interessanten Forschungsobjekt, wenn sie aufgrund bestimmter Kriterien in einer Fragestellung abgegrenzt oder herausgestellt werden.
4.1.2Territorium
Territorium ist ein Raumausschnitt, in dem in Bezug auf einen bestimmten Untersuchungsgegenstand spezifische Besitzverhältnisse, Eigentumsstrukturen und Eigentumsrechte gelten. Beispiel für ein Territorium ist der Nationalstaat, der die äußere Grenze einer Volkswirtschaft bildet. Er wird notfalls durch Gewalt, Konflikt oder sogar Krieg gegen andere Nationalstaaten verteidigt. Innerhalb eines Territoriums gibt es Machtverhältnisse, konkrete Regeln und Befugnisse, die durch die Besitzer erlassen werden und durch die andere Personen teilweise oder ganz ausgeschlossen werden. Eine andere Art von Territorium mit unterschiedlichen Rechten und Befugnissen ist das Territorium eines Unternehmens. Welches Ausmaß ein solches Territorium annehmen kann, zeigt etwa der Verbundstandort des Chemie-Konzerns BASF in Ludwigshafen. Der nach Angaben der BASF weltweit größte Chemie-Verbundstandort hat eine Fläche von 10 km2, auf denen sich 2000 Gebäude und 160 Produktionsbetriebe befinden, die durch über 2000 km an Rohrleitungen miteinander verbunden sind. Hier waren im Jahr 1998 rund 45 000, im Jahr 2010 immerhin noch 33 000 Mitarbeiter tätig (BASF 1999; 2011). Auch auf dem Territorium eines Unternehmens gibt es spezifische Regelungen für den Zutritt, Verhaltensregeln zur Vermeidung von Unfällen und spezifische Verkehrsregeln. Durch die Reichweite der Machtbefugnisse sind Territorien nach außen abgegrenzt. Im Unterschied dazu sind Regionen ein künstliches Konstrukt. Sie dienen vor allen Dingen analytischen und planerischen Zwecken und sind nicht in erster Linie durch Machtbefugnisse begrenzt.
4.1.3Region
Region ist eine zentrale Bezugsgröße der Wirtschaftsgeographie, um soziale Interaktionen oder Organisationsformen der Produktion zuzuordnen, zu lokalisieren und vergleichen zu können. Es handelt sich hierbei um einen konkreten Ausschnitt der Erdoberfläche, der aufgrund bestimmter Prinzipien oder Strukturen abgrenzbar ist und dadurch von anderen Regionen unterschieden werden kann (Blotevogel 1999). Eine Region ist ein zusammenhängender Raumausschnitt und Regionalisierungen werden meist flächendeckend z. B. für ein ganzes Staatsgebiet durchgeführt (Sinz 1995). Es gibt viele Beispiele für Regionstypen, die in der Wirtschaftsgeographie von Interesse sind:
(1) Industrieregionen. Sie werden z. B. nach dem Industriebesatz abgegrenzt und sind von Bedeutung, weil sie Arbeitsplätze, aber auch Umweltprobleme schaffen.
(2) Arbeitsmarktregionen. Sie werden nach Pendlerverflechtungen abgegrenzt und sind von Bedeutung, weil sich in diesen räumlichen Einheiten Einkommen verbreiten und weil hier eine entsprechende Verkehrsinfrastruktur vorhanden sein muss.
(3) Wachsende und schrumpfende Regionen. Diese werden z. B. anhand des Wachstums der Arbeitsplätze oder der Einkommen abgegrenzt. Ein generelles Verständnis des Wachstumsprozesses wachsender Regionen hilft dabei, Förderprogramme zu entwickeln, die in schrumpfenden Regionen angewendet werden können, um dort möglichst ebenfalls Wachstum zu erzeugen.
(4) Raumordnungsregionen. Dabei handelt es sich um Planungsregionen, die wie z.B. in Deutschland zur besseren Vergleichbarkeit wirtschaftspolitischer und regionalplanerischer Maßnahmen eingeführt und für die übergeordnete politische Zielvorstellungen formuliert werden.
4.1.4Abgrenzung von Regionen
Eine wichtige Aufgabe der Wirtschaftsgeographie ist es, für eine konkrete Aufgabenstellung adäquate Regionen abzugrenzen oder einen bestimmten Raumausschnitt in Teilregionen zu untergliedern (Sedlacek 1998). Hierzu kann man drei Abgrenzungsprinzipien unterscheiden (z. B. Lauschmann 1976, I. Teil):
(1) Verwaltungsprinzip. Beim Verwaltungsprinzip sind Regionen gleichgesetzt mit administrativen Einheiten, wie z. B. Länder, Kreise und Gemeinden, die aus dem Zeitablauf heraus entstanden sind. Sie sind durch historisch erwachsene gesellschaftliche Strukturen geprägt. Die Grenzen solcher Regionen sind oft das Ergebnis vielfältiger Machtkämpfe, Aushandlungsprozesse und Kriege. Vor allem in der Nachkriegszeit liegt eine Motivation zur Neuabgrenzung von territorialen Verwaltungsgebieten in dem Bemühen, effektive Verwaltungseinheiten zu schaffen, die veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedürfnissen entsprechen. So wurden in der Bundesrepublik in den 1960er- und 1970er-Jahren umfassende kommunale Gebietsreformen durchgeführt, durch die sich die Zahl der Landkreise um 45 % und die der Gemeinden um 65 % verringerte (Franzke 2005). Die Auswirkungen dieser auf eine höhere Leistungsfähigkeit abzielenden Reformen sind jedoch bis heute umstritten (Reuber 1999). In den Grenzen von Verwaltungseinheiten spiegeln sich oft territoriale Prinzipien wider. Fast immer werden bei weiterführenden Regionsabgrenzungen administrative Einheiten als Kleinsteinheiten zugrunde gelegt. Das hängt damit zusammen, dass es praktisch immer nur auf der Ebene administrativer Raumeinheiten offizielle statistische Daten gibt, die bei einer anderen Regionalisierung zugrunde gelegt werden können. Deshalb sind viele Regionen nach dem Homogenitäts- oder Funktionalprinzip gemeinde- und kreisscharf abgegrenzt.
(2) Homogenitätsprinzip. Beim Homogenitätsprinzip werden Raumeinheiten mit weitgehend ähnlicher Struktur zu Regionen zusammengefasst (Bartels 1970 b). Hierzu gibt es verschiedene Methoden. Die Kennziffernmethode beruht auf Merkmalen wie dem Pro-Kopf-Einkommen und der Arbeitslosigkeit. Dabei werden Klassen gebildet und Schwellenwerte definiert, um Raumeinheiten einem Gebietstyp (z. B. einem Typ mit hohem oder geringem Pro-Kopf-Einkommen) zuzuordnen. Ein multivariates statistisches Analyseverfahren zur Abgrenzung von homogenen Regionen ist die Clusteranalyse (Fahrmeier und Hamerle 1984, Kap. 9; Bahrenberg et al. 1992, Kap. 7; Backhaus et al. 1996, Kap. 6). Ausgangspunkt bei diesem Verfahren ist eine Klasseneinteilung, bei der jede kleinste Raumeinheit einen eigenen Regionstyp bildet. In jedem Schritt dieses iterativen Verfahrens werden diejenigen beiden Regionen, die sich am ähnlichsten sind, zu einem neuen Regionstyp (Cluster) zusammengelegt. Die Anzahl der Regionen verringert sich mit jedem Schritt um Eins, weil zwei Regionen jeweils zu einer neuen Region zusammengefügt werden. Im Verlauf des Verfahrens wird die Heterogenität innerhalb der Regionscluster tendenziell immer größer. Das Verfahren kommt zum Abbruch, wenn die zusammengefassten Regionen nach einem vorgegebenen Kriterium zu heterogen werden.
Beispiel für eine Regionalisierung nach dem Homogenitätsprinzip ist die Gliederung Deutschlands nach dem Pro-Kopf-Einkommen auf Ebene der Bundesländer (→ Abb. 4.1 a). Das Pro-Kopf-Einkommen ist hier definiert als Bruttoinlandsprodukt je Einwohner. Für das Jahr 2008 fällt auf, dass die ostdeutschen Bundesländer ein deutlich geringeres Pro-Kopf-Einkommen aufweisen als die westdeutschen Bundesländer. Die höchsten Pro-Kopf-Einkommen finden sich in den Stadtstaaten, insbesondere in Hamburg, aber auch im mittleren und südwestlichen Teil Deutschlands in Hessen sowie Bayern. Eine Regionalisierung der deutschen Länder nach Arbeitslosenquoten liefert ein etwas anderes Bild (→ Abb. 4.1 b). Im Dezember 2008 zeigt sich einerseits ein Nord-Süd-Gefälle, wonach Bundesländer im Süden die geringsten Arbeitslosenquoten aufweisen, sowie andererseits ein Ost-West-Gefälle, wonach die Arbeitslosenquoten in Ostdeutschland deutlich höher als in Westdeutschland sind. Bei der Interpretation dieser Daten ist allerdings Vorsicht geboten. Es ist fraglich, ob die Ebene der Bundesländer überhaupt geeignet ist, um die räumliche Verteilung von Pro-Kopf-Einkommen und Arbeitslosigkeit zu untersuchen. Tatsächlich werden dadurch die enormen kleinräumigen Unterschiede in der Wirtschaftsstruktur zwischen Städten, Gemeinden sowie Ortsteilen desselben Bundeslands ignoriert.

Abb. 4.1 Regionalisierung nach dem Homogenitätsprinzip
(3) Funktionalprinzip. Beim Funktionalprinzip werden Regionen aufgrund interner Verflechtungen abgegrenzt. Meist wird hierbei von einem Gravitationskern ausgegangen, zu dem Interaktionen aus dem Umland stattfinden. In der raumwissenschaftlichen Terminologie spricht man auch von einem Zentralfeld (Bartels 1970 a). Gravitationskern ist beispielsweise ein Einkaufszentrum, das von Kunden aus der Umgebung aufgesucht wird, oder ein Industriegebiet, in das Arbeitnehmer täglich von ihrem Wohnort aus einpendeln. Beim Funktionalprinzip wird ein Verflechtungsbereich so festgelegt, dass die Verflechtungen aus dem Umland zum Kern erfasst werden. Resultat ist z. B. ein Kundeneinzugsbereich (Heinritz 1979), eine Arbeitsmarktregion (Eckey 1995; Fassmann und Meusburger 1997; Höher 1997) oder ein regionaler Wohnungsmarkt (Rusche 2009). Methodisch können Funktionalregionen mit Hilfe von Gravitationsmodellen abgegrenzt werden (Lauschmann 1976, III. Teil; Scott 2004). Hierbei wird angenommen, dass die Interaktion zwischen einem Kern i und seiner Umlandgemeinde j (Iij) umso stärker ausgeprägt ist, je größer die Populationen des Kerns (Pi) und des Orts im Umland (Pj) sind und je geringer die Distanz zwischen beiden ist (dij). Der Parameter k stellt hierbei einen Proportionalitätsfaktor dar, der empirisch zu bestimmen ist:

Das Prinzip einer Regionalisierung nach dem Funktionalprinzip wird am Beispiel der Aufteilung Mittelhessens in Arbeitsmarktregionen deutlich (Höher 1993). Diese basiert auf Daten der Berufs- und Arbeitsstättenzählung aus dem Jahr 1987. Bei dieser Regionalisierung wird davon ausgegangen, dass es bestimmte Arbeitsmarktzentren gibt, in denen sich die überwiegende Anzahl von Arbeitsplätzen befindet, und dass Bewohner aus dem Umland in diese Arbeitsmarktzentren einpendeln, um dort ihrer Arbeit nachzugehen. Man kann sich unschwer vorstellen, dass diese Annahme nur bedingt die Realität beschreibt. So haben selbstverständlich alle Gemeinden in Mittelhessen eigene Arbeitsplätze und weisen Ein- wie auch Auspendler auf. Deshalb ist die dargestellte Abgrenzung von Arbeitsmarktregionen keineswegs eindeutig (→ Abb. 4.2). Die Arbeitsmarktregionen sind letztlich so abgegrenzt, dass Pendlerverflechtungen innerhalb dieser Regionen stärker sind als solche hin zu anderen Regionen. Nichtsdestotrotz gibt es aber aus dem Bereich Limburg und dem südlichen Kreis Gießen große Pendlerströme in das Rhein-Main-Gebiet, also in andere Arbeitsmärkte.

Abb. 4.2 Regionalisierung nach dem Funktionalprinzip: Arbeitsmarktregionen (nach Höher 1993, S. 87)
Im Unterschied zum Verwaltungsprinzip müssen die Abgrenzungen einer Funktionalregion im Zeitverlauf stets überprüft werden (Eckey et al. 2006). Denn einerseits kann sich das Pendlerverhalten bzw. die Pendlerbereitschaft der Arbeitnehmer aufgrund geänderter Arbeitsplatzattraktivitäten oder Lohnbewegungen wandeln (Eckey et al. 2007), andererseits können Standortverlagerungen von Unternehmen sowie regionaler Strukturwandel dazu beitragen, dass sich regionale Arbeitsmärkte verändern und Änderungen in den Pendlerbeziehungen zwischen Regionen nach sich ziehen. Zudem variieren Arbeitsmarktregionen als Funktionalregionen nicht nur über die Zeit. Ihre Bestimmung ist maßgeblich von den zugrunde gelegten Abgrenzungsmethoden abhängig, wie alternative Ansätze der multivariaten Statistik und der Graphentheorie zeigen (Eckey et al. 2006; Kropp und Schwengler 2011).
4.1.5Standort
Im Unterschied zu Regionen weisen Standorte (zumindest konzeptionell) keine flächenhafte Ausdehnung auf, sondern sind punktuell angelegt. Sie stehen in der traditionellen Raumwirtschaftslehre im Zentrum des Interesses. Es interessiert, warum welche Orte z. B. als Industriestandorte zu Zentren wirtschaftlicher Aktivität werden und welche Güterflüsse zwischen diesen Standorten stattfinden. Aber Standorte sind nicht wirklich Raumpunkte. Dies zeigt sich beispielsweise, wenn man das Hauptwerk der BASF oder ein Stadtzentrum als Standort betrachtet. Häufig werden sogar Großstädte wie Frankfurt am Main und New York oder riesige Länder als Standorte behandelt, wie die Debatte um den „Standort Deutschland“ zeigt. In dieser unpräzisen Verwendung des Begriffs Standort zeigt sich, dass es verschiedene räumliche Maßstabsebenen in der Geographie gibt, die zu unterscheiden sind: die lokale, regionale, nationale, supranationale und globale Ebene. Der Standortbegriff ist relativ und stets abhängig von der gewählten räumlichen Maßstabsebene. So ist es aus globaler Sicht denkbar, einzelne Staaten als Standorte zu betrachten, nicht aber aus regionaler Perspektive.
Ein besonderes Problem besteht darin, dass in Untersuchungen über die Ursachen und Gründe für Standortentscheidungen die verschiedenen Maßstabsebenen oft nicht voneinander getrennt werden. Bei Befragungen, warum Industrieunternehmen einen konkreten Standort für ihr Unternehmen gewählt haben, beziehen sich einige Gesprächspartner möglicherweise darauf, dass der gewählte Stadtteil einem anderen vorgezogen wurde, während andere Gesprächspartner vor allen Dingen daran denken, welche Vorzüge die Standortregion gegenüber anderen Regionen hat. So mag der Gründer eines Unternehmens vor allem an die räumliche Dimension des Grundstücks oder Stadtteils denken, während beim Leiter eines ausländischen Tochterunternehmens die regionale oder nationale Sicht wichtiger erscheint. Hiermit ist ein Problem traditioneller Untersuchungen angesprochen, in denen häufig Makro- und Mikro-Standortbedingungen und unterschiedliche Raumdimensionen (Klüter 1987; 1994) miteinander vermischt werden.
4.2Relationale Raumkonzepte: Distanz und Nähe
Distanz und Nähe sind jeweils zentrale Konzepte in der Wirtschaftsgeographie. Im Gegensatz zu positionalen Raumkonzepten stellen Distanz- und Nähebegriffe eine räumliche Beziehung zwischen lokalisierten Phänomenen her. Man könnte zwar argumentieren, dass Distanz und Nähe zwei einander komplementäre Konzepte seien und es deshalb ausreiche, nur eines der beiden zu behandeln. Jedoch spiegeln die beiden Begriffe unterschiedliche und teilweise kontroverse Perspektiven wider. Während das Distanzkonzept auf räumliche Diversität und Heterogenität fixiert ist, zielt das Konzept der Nähe auf räumliche Homogenität und Gemeinsamkeiten im sozioökonomischen Kontext ab. Aus diesem Grund wird im Folgenden auf beide Konzepte mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung eingegangen.
4.2.1Messung von Distanz
In der Wirtschaftsgeographie kommt dem Distanzbegriff eine herausragende Rolle zu, denn hierin drückt sich das fundamentale Problem der Distanzüberwindung aus. Rohstoffe, Produktionsstätten, Beschäftigte und Märkte befinden sich nur in Ausnahmefällen am gleichen Ort und müssen gemäß den Zielsetzungen des Wirtschaftsprozesses erst einander zugeführt werden. Distanzen erschweren und behindern Interaktionen. Oft nehmen Interaktionen in ihrer Häufigkeit und Intensität mit zunehmender Distanz ab. Das Überwinden von Distanzen verursacht Kosten, die wiederum Entscheidungen z. B. im Rahmen der Standortwahl beeinflussen. Dass Distanzen Kosten verursachen, ist zentraler Anknüpfungspunkt der Raumwirtschaftslehre (von Böventer 1962; 1995) und unterscheidet diese von der klassischen Ökonomie, in der das Raumüberwindungsproblem oftmals nicht thematisiert wird. Es gibt unterschiedliche Kriterien der Messung von Distanz, wobei es stets vom sozioökonomischen Kontext abhängt, welche Dimension der Distanz bedeutsam ist (Blotevogel 1995 a).
(1) Physische Distanz. Die physische Distanz kann z. B. als reale straßenkilometrische Entfernung zwischen zwei Orten in Kilometern gemessen und erfasst werden. Algebraisch lässt sich die Distanz zwischen einem Ort 1 und einem Ort 2 als Luftlinienentfernung bzw. euklidische Distanz (dE) oder als Manhattan-Distanz bzw. City-Block-Distanz (dM) berechnen (z. B. Vogel 1975). Dies setzt voraus, dass die x- und y-Koordinaten der betreffenden Orte bekannt sind.

(2) Ökonomische Distanz. Unter ökonomischer Distanz werden die kostenwirksamen Aspekte der Distanzüberwindung verstanden. Sie werden zumeist als Transportkosten oder als Transportzeit gemessen. Wie hoch die Transportkosten bzw. die Transportzeit in einem konkreten Fall sind, hängt dabei nicht nur von der Entfernung ab, sondern auch von der Morphologie (z. B. der Frage, ob Wüsten oder Berge zu überqueren sind), von der Verkehrsinfrastruktur, der Transportierbarkeit der Güter und der Verkehrstechnologie. Inwieweit diese Kosten entscheidungsrelevant sind, ergibt sich daraus, in welchem Verhältnis sie zu anderen Kosten stehen (z. B. Richardson 1978, Kap. 2).
(3) Soziale Distanz. Das Konzept der sozialen Distanz kennzeichnet die soziale Entfernung zwischen Personengruppen und ist ein Maß sozialer Ungleichheit (Yeates 1990, Kap. 6). Ähnlich wie etwa die Wirtschaftsgeographie ökonomische Aktivitäten aufgrund ihres räumlichen Zusammenhangs regionalisiert, formulieren andere Sozialwissenschaften auch andere Stratifizierungsmodelle zur Abgrenzung sozial entfernter Gruppen. Soziale Distanzen zwischen gesellschaftlichen Schichten drücken sich durch Unterschiede in Bildungshintergründen, in beruflichen Qualifikationen oder in Haushaltseinkommen aus. Im Gegensatz zu diesen vertikalen sozialen Distanzen, die hierarchisch stratifizierte soziale Gelegenheiten beschreiben, treten im Zug einer fortschreitenden Differenzierung der modernen Industriegesellschaft horizontale Ungleichheiten immer stärker in den Vordergrund. Sie werden in unterschiedlichen Werten, Lebenseinstellungen, Gewohnheiten und Geschmäckern offensichtlich (Bourdieu 1987; Berger und Hradil 1990). Diese sozialen Unterschiede drücken sich in Konzepten wie denen der sozialen Milieus oder der Lebensstil-Gruppen aus (Lüdtke 1989; Müller 1992), die sich als Ensembles von Akteuren mit ähnlichen Stellungen, Dispositionen und Praktiken von anderen Milieus unterscheiden (Bourdieu 1995). Soziale Distanz und räumliche Distanz hängen dabei keineswegs systematisch zusammen (Hard 1993). Soziale Distanz begründet jedoch dann interessante Formen raumrelevanten Handelns, wenn beispielsweise eine Person ihre Versorgungseinkäufe lieber an räumlich weiter entfernten Orten ausführt, die eine geringere soziale Distanz zu ihren Lebensgewohnheiten aufweisen, anstatt in räumlich näher gelegenen, jedoch sozial entfernteren Geschäftszentren einzukaufen. An diesem Beispiel wird auch deutlich, dass eine ausschließlich ökonomische bzw. kostenspezifische Interpretation physischer Distanz ein solches Verhalten unerklärt ließe.
Die oben stehenden Erläuterungen zum Distanzbegriff zeigen, dass Distanz nur in Bezug auf eine Problemstellung und die dafür gewählten Kriterien sinnvoll zu bestimmen ist. Harvey (1990) hat eindrucksvoll gezeigt, dass technologische Entwicklungen im Bereich der Informations-, Kommunikations- und Verkehrstechnologien während des 20. Jahrhunderts zu einer time-space compression, also zu einer Raum-Zeit-Verkürzung geführt haben. Durch neue Technologien scheint die Welt näher zusammengerückt zu sein (→ Kap. 4.5). Konzepte der Distanz und insbesondere Transportkosten spielen indes aufgrund von überlasteten Verkehrsinfrastrukturen nach wie vor eine Rolle. Steigende Mobilitätskosten werden im Zusammenhang mit dem Überschreiten des peak oil (→ Kap. 3.3.1) absehbar wieder eine größere Rolle spielen, was auch Einfluss auf geographische Analysen haben wird.
4.2.2Konzepte der Nähe
Ein grundsätzliches Problem bei der Organisation industrieller Arbeits- und Produktionsprozesse besteht darin, die Arbeitskräfte, Rohstoffe, Zwischenprodukte, Maschinen und Anlagen auf betriebsinterner, unternehmensinterner und unternehmensübergreifender Ebene in räumlicher Perspektive so zu verknüpfen, dass eine möglichst effiziente Teilung und Integration der Arbeit erfolgt. Nach diesem Verständnis von Sayer und Walker (1992, Kap. 3) muss eine hinreichende Koordination und Kontrolle des Produktionsablaufs auf den verschiedenen Ebenen der Produktion innerhalb und zwischen Betriebsstätten und Betrieben sichergestellt sein, damit hochwertige Produkte zuverlässig nach Kundenbedürfnissen angefertigt werden können. So gilt es zu entscheiden, welche Vor- und Zwischenprodukte ein Unternehmen selbst herstellt und welche es von Zulieferern zukauft, welche Prozesstechnologien eingesetzt werden und wie die verschiedenen Produktionsschritte verknüpft werden. All diese Fragen beeinflussen letztendlich die Entscheidung, an welchen Standorten auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene die verschiedenen Produktionsabschnitte angesiedelt werden. Eine wichtige Strategie, um die Koordination und Überwachung der Produktionsabläufe zu sichern, besteht darin, zwischen den verschiedenen Produktionsstufen Nähe zu erzeugen. Hierbei kann zwischen verschiedenen Konzepten der Nähe unterschieden werden (Lundvall 1988; Gertler 1993; Bathelt 1995; 2000).
(1) Räumliche Nähe. Räumliche Nähe im Sinne geometrischer Nähe ist zwar eine theoretisch weder hinreichende noch notwendige Bedingung für das Zustandekommen von Interaktionen. Allerdings dient sie oft als wichtige Voraussetzung, um Menschen und Unternehmen zusammenzubringen, um Wissen zu teilen und Probleme zu lösen (Storper und Walker 1989, Kap. 3). Räumliche Nähe verringert nicht nur Transportkosten und vermindert die Kosten bei der Suche nach Informationen über mögliche Zulieferer. Infolge der Möglichkeit häufiger persönlicher Begegnung von Angesicht zu Angesicht erleichtert sie zugleich interaktive Problemlösungen, unternehmensübergreifende Abstimmungen und das Entstehen von Vertrauensbeziehungen (Harrison 1992). Das hängt unter anderem damit zusammen, dass die Akteure durch räumliche Nähe in ein relativ homogenes gesellschaftliches Gefüge eingebettet sind. Gerade kleine, neu gegründete Unternehmen sind vergleichsweise stark in ihrem lokalen Umfeld tätig, das ihnen vertraut ist und wo sie potenzielle Geschäftspartner bereits kennen (→ Box 4-1).
Box 4-1: Bedeutung von face-to-face-Interaktion
Zwar wird in vielen wirtschaftsgeographischen Studien die große Bedeutung räumlicher Nähe betont, allerdings bleibt der eigentliche Vorteil ökonomischen Handelns von Angesicht zu Angesicht (face-to-face) dabei oft verborgen und unverstanden. Vorteile räumlicher Nähe werden teilweise vorausgesetzt, aber nicht empirisch belegt. Aus diesem Grund ist es hilfreich, die sozialpsychologische Literatur heranzuziehen, die schon seit längerer Zeit nahe und entfernte Kommunikations- und Interaktionsprozesse untersucht und dabei soziale und kognitive Faktoren im Zusammenhang mit dem face-to-face-Austausch betont. Diese Studien gestatten einen tieferen Einblick in die Prozesse des „being there“ (Gertler 1995). In ihrer grundlegenden Analyse von Kommunikationsprozessen durch Telekommunikation haben Short et al. (1976) insbesondere die Rolle nonverbaler Signale wie Gesichtsausdruck, Blickrichtung, Körperhaltung und physischer Distanz betont, die bei face-to-face-Kommunikation eine zentrale Rolle spielen und diese einzigartig machen. In der sozialpsychologischen Literatur werden zwei grundlegende Funktionen der face-to-face-Kommunikation unterschieden: Die erste Gruppe von Wirkungen betrifft die Informationsfunktion. Sie drückt sich zunächst in der illustrierenden Wirkung aus. So werden beispielsweise Gesten verwendet, um ein Gesprächsobjekt zu illustrieren. Die durch diese Gesten eingeführte Redundanz erleichtert das Verstehen durch die Zuhörer. Daneben werden parallel symbolische Gesten eingesetzt, die Sprachbotschaften ersetzen, wie beispielsweise das Kopfschütteln, um ein „Nein“ auszudrücken. Letztlich helfen derartige Signale dem Zuhörer, die Position oder Meinung des Sprechers abzuschätzen, etwa wenn die Körperhaltung eine offene oder abwehrende Position zum Thema suggeriert. Dies ist beispielsweise für Unternehmen auf Messen eine große Hilfe, um neue Entwicklungen in intensiven Gesprächen zu bewerten (Bathelt und Schuldt 2008). Die zweite Gruppe von Wirkungen betrifft die Integrationsfunktion der face-to-face-Kommunikation (Birdwhistell 1970). Nonverbale Signale sind diesbezüglich von Bedeutung, um den Partnern im Gespräch gegenseitige Aufmerksamkeit zuzusichern. Dies geschieht während des Gesprächsverlaufs durch Blickkontakt, Zustimmung durch Kopfnicken etc. Zudem erlauben vielfältige Signale wie etwa Fingerzeig oder Blickkontakt einen reibungslosen Gesprächsverlauf zwischen den beteiligten Personen. Eine zentrale Funktion der face-to-face-Kommunikation besteht darin, dass nicht nur die Weitergabe von Informationen und Wissen illustriert und erleichtert wird, sondern zugleich die Sprecher ständig nonverbale Reaktionen ihrer Zuhörer aufnehmen, die einen feedback-Mechanismus in Bezug auf die Gesprächsinhalte bewirken. Die Sprecher erhalten somit eine sofortige Rückmeldung darüber, ob komplexe Zusammenhänge verstanden worden sind, ob die Zuhörer folgen können oder ob sie dem Gesagten nicht zustimmen. In jedem Fall erhalten die Redner die Möglichkeit, ihre Rede unverzüglich anzupassen, indem sie zusätzliche Erläuterungen hinzufügen oder eine Erklärung überspringen, die die Zuhörer langweilt. Dies hilft selbst komplexe Themen zwischen mehreren Parteien effizient zu kommunizieren und ein Feedback einzuholen (Storper 1997 a). Zusammengenommen reduzieren nonverbale Signale in der face-to-face-Kommunikation die Ungewissheit zwischen den Beteiligten und begünstigen eine Atmosphäre, die Vertrauensaufbau ermöglicht (Leamer und Storper 2001), was etwa beim Markteintritt in einen neuen Markt von großer Bedeutung ist. Räumliche Nähe wird somit zu einer Voraussetzung, um anhaltende Kooperation durch ständigen Austausch von gegenseitigen Verpflichtungen und Versicherungen zu unterstützen (Olson und Olson 2003) und Kohärenz zu erreichen. Zudem schafft face-to-face-Interaktion die Möglichkeit, die Aktionen von Partnern im engeren Umkreis genau zu überwachen (Crang 1994), und stellt damit zugleich eine Möglichkeit dar, Macht über Arbeitskräfte oder Zulieferer auszuüben (Allen 1997). All diese Vorteile kopräsenter Kommunikation begründen die starke Zunahme von Geschäftsreisen in einer zunehmend globalisierten Wirtschaft (Faulconbridge et al. 2009).
Torre und Rallet (2005) unterscheiden in ihrer Arbeit zwei prinzipielle Formen von Nähe: geographische bzw. räumliche Nähe und organisierte Nähe, wobei letztere kein räumliches Konzept darstellt, sondern Ausdruck einer sozialen Affinität ist, die oftmals nicht automatisch vorliegt, sondern zwischen den betreffenden Akteuren zunächst herzustellen oder herbeizuführen ist (Rallet und Torre 2017). Die Formen organisierter Nähe oder Affinität, die nachfolgend diskutiert werden, ermöglichen es, ökonomische Prozesse über oftmals große Distanzen zu organisieren (Bathelt und Henn 2014).
(2) Kognitive Nähe. Räumliche Nähe führt keineswegs dazu, dass Unternehmen automatisch Partnerschaften eingehen oder Netzwerke bilden. Manchmal versprechen sich die Unternehmen keine Vorteile von einer lokalen Partnerschaft, weil sie nicht glauben, daraus neues Wissen generieren zu können. Tatsächlich verläuft die Erzeugung von Wissen inkrementell und kumulativ, sodass Unternehmen eine spezialisierte Wissensbasis entwickeln, die ihren spezifischen Problemen und Ausrichtungen folgt. Man könnte deshalb schlussfolgern, dass Unternehmen eine Partnerschaft mit einem anderen Unternehmen speziell dann eingehen, wenn dessen Wissensbasis hinreichend viele Unterschiede zu der eigenen aufweist, damit etwas Neues dazugelernt werden kann. Zugleich muss es auch hinreichend viele Gemeinsamkeiten geben, damit Wissen effizient getauscht werden kann (Nooteboom 2000 b; Boschma und Frenken 2006; Castaldi et al. 2015). So ist es keineswegs eine Selbstverständlichkeit, dass Unternehmen das von ihnen benötigte Wissen korrekt identifizieren, interpretieren und anschließend erfolgreich umsetzen können (Cohen und Levinthal 1990). Akteure benötigen kognitive Nähe im Sinn einer ähnlichen, verwandten Wissensbasis, um miteinander kommunizieren zu können. Zugleich scheint aber ein Mindestmaß an kognitiver Distanz sinnvoll, damit die Unternehmen überhaupt voneinander lernen können (Nooteboom 2000 b).
(3) Institutionelle Nähe. Eine äußere Grenze der räumlichen Nähe ist durch die für ökonomische Verflechtungsbeziehungen erforderliche oder förderliche institutionelle Nähe gegeben (Nelson 1988; Berndt 1996). Institutionelle Nähe (manchmal auch ein wenig irreführend als kulturelle Nähe bezeichnet) bezieht sich auf die einheitlichen, insbesondere nationalstaatlich definierten Koordinationsstrukturen und -prinzipien, welche die Art und Stabilität der Beschäftigungs- und Produktionsverhältnisse und der Arbeits-Kapital-Beziehungen betreffen wie z. B. die Zusammenhänge zwischen Bildungssystem, Industriearbeit und technologischem Wandel (Gertler 1992; 1997). Institutionelle Nähe (die man natürlich nicht nur auf nationalstaatlicher Ebene ansetzen kann) ist umso größer, je geringer die zu überwindenden institutionellen Unterschiede sind. Eine zu geringe institutionelle Nähe kann Probleme bei der Adaption neuer Technologien und Organisationsprinzipien verursachen, die in anderen Ländern entwickelt worden sind und dort erfolgreich angewendet werden (Gertler 1995; 1996). Dies mag auch erklären, warum Zulieferbeziehungen innerhalb nationalstaatlicher Grenzen meist stärker als z.B. in industriellen Ballungsräumen – d. h. in räumlicher Nähe – ausgeprägt sind. Anders als in den Studien der 1960er- und 1970er-Jahre, die dies zunächst als scheinbaren Widerspruch bewerteten (Schickhoff 1983, Kap. II und III), zeigt sich hierin die große Bedeutung des Nationalstaats zur Schaffung institutioneller Nähe.
(4) Organisatorische Nähe. Internationalisierungs- und Globalisierungsprozesse von Produktions- und Marktbeziehungen sind den Konzepten der räumlichen und kulturellen Nähe offensichtlich entgegengerichtet. Fehlende räumliche oder institutionelle Nähe kann jedoch unter Umständen durch organisatorische Nähe (nicht zu verwechseln mit organisierter Nähe) ersetzt oder ausgeglichen werden. Dies geschieht, indem Unternehmen im Rahmen von Fusions- und Akquisitionsaktivitäten neue Unternehmen oder Unternehmensteile in anderen Ländern erwerben, um somit Zugang zu deren angestammten Märkten zu erlangen und entsprechendes Marktwissen zu erwerben (Dicken 1994; Schamp 1996; Storper 1997 c). Durch diesen Schritt findet im Prinzip innerhalb von Unternehmen eine Substitution von distanzabhängigen gleichberechtigten Verflechtungsbeziehungen durch distanzunempfindliche hierarchische Anweisungsstrukturen statt. Wachsende räumliche Distanzen in den Produktionsbeziehungen sind dabei die Voraussetzung für zunehmende räumliche und institutionelle Nähe in den Interaktionen mit Abnehmern (Malecki 2009).
(5) Virtuelle Nähe. Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien ermöglichen in Echtzeit, also ohne Zeitverzögerung und über große Entfernungen hinweg, eine effektive Wahrnehmung von Koordinations- und Überwachungsaufgaben in der Produktion. Weltweite Vernetzungen im Internet erzeugen sowohl innerhalb eines Unternehmens als auch zwischen selbstständigen Unternehmenseinheiten virtuelle Nähe. Es ist abzusehen, dass diese durch Innovationen bei IT-Dienstleistungen in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen wird und zur Erschließung neuer Potenziale für weltweit integrierte Produktions- und Marktstrukturen führt (Bathelt und Turi 2011; Bathelt und Henn 2014).
Aus den Nähekonzepten ist seit Ende der 1990er-Jahre die sogenannte Proximity School (Rallet und Torre 1999; 2017; Torre und Rallet 2005) hervorgegangen. Davon inspiriert argumentiert Boschma (2005), dass sich Probleme des ökonomischen Tauschs analysieren lassen, indem verschiedene Ebenen der Nähe im Wechselspiel miteinander analysiert werden, wobei zu große Distanz auf einer Ebene durch Nähe auf einer anderen Ebene ersetzt werden kann (Boschma und Frenken 2005). Trotz ihrer Plausibilität birgt diese Argumentationskette jedoch Probleme in sich. So werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten bzw. Affinitäten und Dissonanzen mit Hilfe einer räumlichen Semantik in der Begrifflichkeit von Nähe und Distanz abgebildet. Dabei wird Nähe implizit mit Erfolgen, Distanz mit Problemen und Misserfolgen in Verbindung gebracht. Eine solche Interpretation ist aber erstens empirisch vielfach nicht korrekt (denn viele Unternehmen verzichten oft bewusst auf Interaktionen in ihrem engeren Umfeld und sind stattdessen erfolgreich in ihren weltweiten Transaktionen) und zweitens birgt sie die Gefahr, sich auf eine abstrakte Diskussion von verschiedenen Nähekonzepten einzulassen, ohne die tatsächlichen Probleme und Motivationen der betroffenen Akteure genau zu untersuchen und hier mit einer Lösung anzusetzen (Bathelt 2005 a; Gibson und Bathelt 2014). Durch derartige räumliche Semantiken (Glückler 1999) bzw. ‚sprachliche Verräumlichungen‘ rücken letztlich Konzepte in das Zentrum wirtschaftsgeographischer Analyse, die sozialer, institutioneller oder organisatorischer Art sind, aber so behandelt werden als seien sie räumlich. In jüngeren Studien der Proximity School wird dies durchaus kritisch gesehen (Rallet und Torre 2017).
4.2.3Zur Bedeutung temporärer Nähe in der globalen Ökonomie
Ökonomische Interaktions- und Kommunikationsprozesse werden besonders komplex, wenn Unternehmen über große räumliche Distanzen hinweg und zwischen verschiedenen kulturellen und institutionellen Kontexten unterschiedlicher Länder Austauschbeziehungen unterhalten. Um die kulturellen und institutionellen Unterschiede zu überbrücken und einen gemeinsamen Interaktionszusammenhang zu schaffen, so könnte man argumentieren, ist es notwendig, Nähe oder Affinität zwischen den Akteuren herzustellen. Dass dies selbst dann nicht gelingt, wenn Unternehmen sich zu einer Fusion oder Akquisition entschließen und damit organisatorische Nähe herstellen, zeigt sich daran, dass viele Unternehmenszusammenschlüsse scheitern (Storper 1997 c). Dabei wird unterschätzt, wie schwierig es ist, unterschiedliche Unternehmenskulturen zusammenzuführen.
Dabei zeigt die ökonomische Realität, dass Transaktionen über kulturelle und institutionelle Grenzen hinweg keineswegs eine Ausnahme darstellen, sondern mit fortschreitender Globalisierung immer mehr an Bedeutung gewinnen. Prozesse der ökonomischen Interaktion und Wissensgenerierung scheinen immer weniger an spezielle lokale oder regionale Kontexte gebunden zu sein, sondern können zwischen Unternehmen in verschiedenen Teilen der Welt stattfinden, wenn es gelingt andauernde enge Beziehungen zwischen Akteuren herzustellen. Diese Form der relationalen Nähe (Amin und Cohendet 2004) ist mit dem Aufbau von Vertrauen, gegenseitigem Verständnis und Reziprozität in spezifischen Beziehungen verbunden und kann aus Strukturen sozialer Gruppen oder Schichten hervorgehen (die im Konzept der sozialen Distanz eine Rolle spielen). Relationale Nähe kann aus gemeinsamen beruflichen und/oder privaten Erfahrungen in der Vergangenheit resultieren, wenn die betreffenden Akteure beispielsweise an demselben Standort über einen längeren Zeitraum zusammengearbeitet und sich kennengelernt haben oder daraus, dass die Akteure regelmäßig an einem Unternehmensstandort oder einem anderen Treffpunkt zusammenkommen, um Details und Probleme der Zusammenarbeit abzustimmen bzw. auszuräumen. Hierbei wird temporäre Nähe genutzt, um institutionelle Unterschiede aufgrund großer räumlicher Distanz zu vermitteln und zu begrenzen (Bathelt 2005 b). Diese temporäre räumliche Nähe kann im Zeitablauf den Aufbau relationaler Nähe begründen und generiert Möglichkeiten, permanente Nähe in Produktionsbeziehungen dauerhaft durch Konfigurationen der Produktion und des Wissenstransfers über Distanz zu ersetzen (Bathelt und Henn 2014). Nach Thrift (2000 b) und Amin und Cohendet (2004) erzeugen globale Wanderungs- und Kommunikationsströme im Geschäftsleben (z.B. Geschäftsreisen; Messebesuche) die Chance, neuartige Transaktionsbeziehungen über räumliche Distanzen hinweg in der globalen Ökonomie aufzubauen. Dies wird durch unterschiedliche Konstellationen begünstigt.
(1) Geschäftsreisende. Sie treffen sich wiederholt und regelmäßig an neutralen Plätzen in verschiedenen Teilen der Welt, wie z. B. in Flughafenhotels, um dort intensive Gespräche face-to-face zu führen (Faulconbridge et al. 2009).
(2) Qualifizierte Ingenieure und Manager. Sie befinden sich für einen gewissen Zeitraum zu Montage- und Schulungszwecken an einem neuen Unternehmensstandort in einem anderen Land und transferieren die vor Ort gemachten Erfahrungen später in das Unternehmen zurück (Glückler 2008).
(3) Transnationale epistemische communities aus Mitarbeitern und Spezialisten. Sie sind durch ihre Erfahrungen in unterschiedlichen kulturellen und institutionellen Kontexten in der Lage, als boundary spanners zu fungieren (Coe und Bunnell 2003; Bathelt und Depner 2005; Torre und Rallet 2005).
(4) Neue Argonauten (New Argonauts). Im Kontext von transnationalen Beziehungen und Unternehmensgründungen spielen die sogenannten Neuen Argonauten, die in der Arbeit von Saxenian (2006) thematisiert werden, eine zentrale Rolle (Henn und Bathelt 2017). Am Beispiel der Hightech-Regionen Silicon Valley und Hsinchu, Taiwan, lässt sich zeigen, wie Neue Argonauten Erfahrungen aus einem neuen geographischen Kontext durch Unternehmensgründungen in einen früheren Kontext zurücktransformieren (Hsu und Saxenian 2000). Wie auch das Beispiel der Familiennetze jüdischer und indischer Diamantenhändler in globalen Transaktionsbeziehungen zeigt, nutzen die Akteure ihre Wettbewerbsvorteile, um auf beiden Seiten Wachstumsimpulse zu generieren (Henn 2010; 2012 a; 2013).
(5) Spezifische Internet-interfaces. Sie fungieren als Denkstudios und ermöglichen effiziente Problemanalysen in Produktion und Entwicklung über beliebige Entfernungen hinweg.
(6) Internationale Leitmessen (→ Box 4-2). An ihnen nehmen weltweit führende Unternehmen einer Branche oder Wertschöpfungskette teil, um Informationen über Marktentwicklungen und Innovationen auszutauschen (Maskell et al. 2006; Schuldt und Bathelt 2011; Bathelt et al. 2014) und neue Geschäftsbeziehungen zu knüpfen oder bestehende Beziehungen weiterzuentwickeln (Brailly 2016; Panitz und Glückler 2017).
Box 4-2: Internationale Leitmessen als globale Knotenpunkte
Messeveranstaltungen werden in der betriebswirtschaftlichen Literatur vorwiegend als Marketinginstrument zum Anwerben neuer Käuferschichten, zur Markenbildung und zum Imageaufbau sowie als Verkaufs- bzw. Vertriebsinstrumente zur direkten oder indirekten Steigerung des Absatzes diskutiert (Meffert 1993; Backhaus und Zydorek 1997; Kirchgeorg 2003). Tatsächlich ist der Abschluss von Verträgen in fast allen Branchen traditionell eine zentrale Funktion von Messeveranstaltungen und auch heute noch auf vielen Veranstaltungen von Bedeutung. Aber kommen Akteure immer nur mit unmittelbaren Kauf- oder Verkaufsabsichten auf Messeveranstaltungen? Dies ist bei Weitem nicht so – weder bei den Besuchern noch bei den Ausstellern. Die Zielsetzungen der teilnehmenden Akteure sind im Gegenteil sehr vielschichtig und heterogen. Viele kleine Unternehmen nutzen Messen beispielsweise als Ideengeber und beabsichtigen, sich einen Marktüberblick zu verschaffen. Sie versuchen Trends aufzuspüren, die sie später in der eigenen Produktion nutzbar machen können (Bathelt und Zeng 2015). Ausländische Unternehmen sind bestrebt, durch Messepräsenz etwa den Markteinstieg in einem anderen Land vorzubereiten. Unternehmen aus weniger entwickelten Ländern und Schwellenländern (z. B. aus Osteuropa und Südostasien) versuchen Designideen oder Muster zu erhalten, die sie für ihren Heimatmarkt (sowie im Hinblick auf weitere Märkte) imitieren können. Andere Unternehmen streben während einer Messeveranstaltung vor allem an, ihre Beziehungen zu bestehenden Kunden und Lieferanten zu vertiefen. Wiederum andere Hersteller nehmen teil, um Kooperationspartner für den Einstieg in neue Technologiefelder oder Marktregionen zu finden. Konkrete Ein- oder Verkaufsgespräche finden in diesen Fällen eher selten statt. Eine wesentliche Rolle spielen zudem Intermediäre bzw. Multiplikatoren, die z. B. als Journalisten oder Verbandsvertreter durch das Anbahnen von relevanten Gesprächen und Meinungsbekundungen über die Erfüllung ihrer subjektiven Erwartungen den Erfolgsverlauf von Messen beeinflussen können (Schuldt und Bathelt 2011; Bathelt et al. 2014).
Insbesondere internationale Fachmessen in den Bereichen Investitionsgüter, Dienstleistungen und Konsumgüter mit Leitcharakter haben eine bedeutende Funktion für den Wissensaustausch in einer Branche und dienen als Plattform der globalen Interaktion für Prozesse der Wissensgenerierung und des Lernens (Bathelt und Zakrzewski 2007; Bathelt und Schuldt 2008). Sie erzeugen einzigartige Bedingungen zur Kommunikation und zum Informations- und Wissensaustausch (sog. global buzz) (Bathelt und Schuldt 2010). Die während dieser Veranstaltungen stattfindenden Events, das innovative Niveau und die Größe der Messen verbunden mit einem hohen Anteil an internationalen Ausstellern und Marktführern machen diese Veranstaltungen zu zeitlich begrenzten, regelmäßig wiederkehrenden Spitzenereignissen der jeweiligen Branchen. Solche weltweit bedeutenden Veranstaltungen sind zugleich Vorreiter für kleinere, national oder regional begrenzte Messeveranstaltungen. Auf internationalen Leitmessen konzentrieren sich nicht nur Außendarstellung und Innovationen einzelner Unternehmen. Ganze Branchen arbeiten auf diesen Höhepunkt hin, auf dem weichenstellende Kontakte generiert, Verträge geschlossen und Trends präsentiert und ausgetauscht werden. Da sich auf diesen Veranstaltungen ein wesentlicher Teil der technischen Spezialisten und der Entscheider der betreffenden Branchen aus aller Welt trifft, findet ein globaler Wissensaustausch statt, der die zukünftige Entwicklung ganzer Branchen beeinflusst. Gerade persönliche Kontakte, die nicht durch technologische Lösungen ersetzbar sind, spielen dabei eine zentrale Rolle. Häufig werden die Gespräche zwischen Herstellern, Zulieferern und Abnehmern nach dem Ende einer Messeveranstaltung weitergeführt, konkretisiert und bilden die Grundlage für globale Vernetzungen (Bathelt und Zakrzewski 2007; Bathelt et al. 2014) bzw. die Verschaltung (sog. rewiring) bestehender und neuer Geschäftsbeziehungen (Panitz und Glückler 2017).
4.3Räumliche Disparitäten: Verdichtungsräume und ländliche Räume
Die räumliche Diversität gesellschaftlicher Wirklichkeit kann als Legitimation für die geographische Analyse ökonomischer und sozialer Phänomene aufgefasst werden (Sayer 1985; Johnston 1991 a; 1991 b; Massey 1994). Zentraler Ausgangspunkt wirtschaftsgeographischer Studien ist die empirisch gewonnene Erkenntnis, dass unausgeglichene Raumstrukturen bestehen. Räumliche Disparitäten bezeichnen allgemein Abweichungen bestimmter als gesellschaftlich bedeutsam erachteter Merkmale von einer gedachten ausgeglichenen Referenzverteilung (Biehl und Ungar 1995; Stiens 1997). Der Zusatz der gesellschaftlichen Relevanz ist hierbei wichtig, um diejenigen regionalen Unterschiede anzusprechen, die sich auf die als notwendig geschätzte Lebensqualität und die Lebenschancen der Bevölkerung auswirken. Der wirtschaftliche Entwicklungsstand einer Region wird mit zentralen Indikatoren, wie z. B. dem Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner, der Arbeitslosenquote, dem Einkommensniveau und der Qualität der Infrastruktur, erfasst. Dennoch sind räumliche Disparitäten nicht notwendigerweise räumlich bedingt. Sie resultieren z. B. daraus, dass wirtschaftliche Produktion nicht überall gleichartig organisiert ist, weil etwa Normen und Gesetze sowie Erfahrungen in verschiedenen Volkswirtschaften unterschiedlich sind und auch auf regionaler Ebene voneinander abweichen. Industrielle Ballungen sind in ein bestimmtes regionales Umfeld eingebettet und daraus hervorgegangen. Ihr Entstehungsprozess ist ohne dieses Umfeld oft nicht begreifbar.
Disparitäten können auf unterschiedlichen räumlichen Maßstabsebenen auftreten. Sie können als weltweite Zentrum-Peripherie-Gegensätze erscheinen, in Deutschland als Nord-Süd- oder Ost-West-Unterschiede, als Stadt-Land-Gegensätze oder als Ballungs- und Entleerungsprozesse in unterschiedlichen räumlichen Dimensionen.
Anhand des Gegensatzes von Stadt und Land lässt sich zeigen, dass räumliche Disparitäten das Ergebnis räumlich differenziert wirkender sozialer Prozesse sind. So setzte zur Zeit der Industrialisierung im Zuge einer Landflucht bei wachsender Bevölkerungszahl eine starke Verstädterung ein. Die Sterberate sank (→ Abb. 4.3) aufgrund neuer Erkenntnisse bei der Gesundheitsvorsorge und Krankheitsbekämpfung (Berry et al. 1987, Kap. 3; Bähr et al. 1992, Kap. 5.2). In landwirtschaftlich geprägten Regionen fanden die Menschen in der Folge keine ausreichenden Beschäftigungsmöglichkeiten mehr. Dies galt in Deutschland insbesondere für Regionen mit Anerbenrecht, wie z. B. das Münsterland, während in Regionen mit Realerbteilung, wie z. B. Hessen, zumindest für eine gewisse Übergangszeit die in der Erbfolge verbliebenen Einzelgrundstücke groß genug waren, um eine wachsende Bevölkerung zu ernähren. Im Unterschied dazu gab es in städtischen Gebieten durch die Expansion von Handwerk und Manufakturen eine wachsende Anzahl von Arbeitsplätzen. Hier kam es deshalb zum Zuzug von Menschen aus ländlichen Regionen und aufgrund der wachsenden Bevölkerung entstanden hier die wichtigsten Märkte.

Abb. 4.3 Modell des demographischen Übergangs
Aus der Existenz solcher Disparitäten ergeben sich wichtige Untersuchungsfragen für die Wirtschaftsgeographie: Welche räumlichen und regionalen Disparitäten gibt es und durch welche sozialen und ökonomischen Prozesse werden sie ausgelöst? Um Fragen dieser Art zu beantworten, ist aus wirtschaftsgeographischer Sicht beispielsweise eine Analyse der unterschiedlichen räumlichen Ausprägungen von Unternehmensgründungen und -verlagerungen sinnvoll. Weitergehend könnte man fragen, welche sozialen und ökonomischen Prozesse einen Ausgleich oder eine Verstärkung solcher Disparitäten fördern. Wichtig ist hierbei, die richtige räumliche Maßstabsebene zur Betrachtung der konkreten Prozesse zu wählen, weil ansonsten die interessierenden Disparitäten nicht sichtbar werden. Bei einer Untersuchung sozialer Segregationsprozesse ist beispielsweise die Stadtteilebene als Ausgangspunkt der Untersuchung sinnvoll und nicht das Bundesland.
Resultat räumlich ungleichmäßiger Wirtschaftsprozesse sind räumlich ungleichwertige Lebens- und Arbeitsbedingungen. Diese sind eine Folge von Wechselwirkungen zwischen Kapitalkonzentration, Bevölkerungskonzentration und Lebenschancen. In einer Demokratie wie Deutschland, die auf dem Prinzip der Chancengleichheit beruht, ist es nicht akzeptabel, dass durch räumliche Ungleichheiten unterschiedliche individuelle Entwicklungsmöglichkeiten vordefiniert werden. Deshalb leitet sich in der Bundesrepublik Deutschland aus dem Grundgesetz das Ziel ab, gleichwertige Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu schaffen (Art. 72 und Art. 106, Abs. 3 GG). Dieses Ziel wird im Raumordnungsgesetz (§ 2 ROG) und in weiteren Gesetzen und Bestimmungen erläutert und präzisiert (Stiens 1988; Ernst 1995; 1997). Auch im Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (Art. 4 und Art. 174) bildet die Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse bzw. die Stärkung des wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalts eine wichtige Norm der Gesellschaftsordnung.
4.3.1Verdichtungsräume
Die beiden Extreme räumlicher Disparitäten sind Ballung und Entleerung. In räumlichen Ballungen kommt es zu einer Konzentration von Menschen und damit zu einer Ballung sozialer und ökonomischer Aktivitäten. Dies trifft insbesondere auf große Metropolen und sogenannte Verdichtungsräume zu. Nach Gaebe (1987, Kap. 7) lassen sich unterschiedliche Merkmale zur Abgrenzung von Verdichtungsräumen verwenden:
städtebaulich-morphologische Merkmale wie die Wohndichte und Geschosshöhe,
demographische Merkmale, z. B. Mindestbevölkerung und Bevölkerungsdichte,
ökonomische Merkmale der Arbeitsplatz-, Einkommens- und Berufsstruktur,
ökologische Merkmale, wie etwa Immissionen, Frei- und Erholungsflächen,
Verflechtungsmerkmale mit dem Umland, z. B. in Form von Berufspendlerverflechtungen.
Erste Abgrenzungsversuche von Verdichtungsräumen waren vorwiegend technischer Art. Sie erfolgten anhand weniger, oft subjektiv ausgewählter Merkmale und waren stark simplifiziert. Beispielsweise legte Scott (1912) einen 10-km-Radius um den Verkehrsmittelpunkt einer Großstadt fest und bezeichnete diesen als Agglomeration. Als Großstädte galten dabei Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern. Es ist klar, dass sich derartige Abgrenzungen nicht beliebig auf andere Länder übertragen lassen und nicht im Zeitablauf unverändert erhalten bleiben. Inhaltlich hatte Scott (1912) eigentlich etwas anderes abbilden wollen: Als Agglomeration wollte er eine Großstadtgemeinde und die durch ihre Sozial- und Bevölkerungsstruktur beeinflusste Umgebung zusammenfassen, die z. B. in ihrer Wohnweise, Verkehrsinfrastruktur und Pendlerstruktur spezifische Ausprägungen aufweist (Gaebe 1987, Kap. 7).
In der Nachkriegszeit erkannte man, dass Verdichtungsräume keineswegs homogene Einheiten sind, sondern dass sie eine innere Gliederung besitzen. Für diese Sichtweise war die Abgrenzung von Boustedt (1975, Kap. 8) besonders charakteristisch (→ Abb. 4.4). Boustedt (1975, Kap. 8.4) definierte eine Stadtregion anhand von Strukturmerkmalen (Agrarquote, Einwohner-Arbeitsplatzdichte) und Verflechtungsmerkmalen (Auspendler). Er unterschied vier Zonen der Stadtregion: Das Kerngebiet umfasste die Kernstadt und ihr Ergänzungsgebiet, welches aus angrenzenden Gemeinden mit ähnlicher Struktur besteht. Nach außen folgte darauf eine verstädterte Zone mit stärker aufgelockerter Siedlungsweise und einer hohen Zahl von Auspendlern in das Kerngebiet. Hiervon unterschied Boustedt (1975) noch eine Randzone mit zunehmendem Anteil landwirtschaftlicher Erwerbspersonen (Heineberg 1989, Kap. 2). Auch dieser Gliederung fehlt jedoch letztlich eine theoretische Begründung. Zudem wurde eine kreisförmige Struktur der Städte um ihren Mittelpunkt unterstellt. Die Ministerkonferenz für Raumordnung definierte Verdichtungsräume im Jahr 1970 in der Bundesrepublik Deutschland nach nur einem einzigen Merkmal, der Einwohner-Arbeitsplatzdichte (d. h. der Anzahl der Einwohner plus Beschäftigten je km2).

Abb. 4.4 Abgrenzung einer Stadtregion in Deutschland (nach Boustedt 1975, S. 344)
Daneben gibt es eine Vielzahl alternativer Abgrenzungsversuche von Verdichtungsräumen und Stadtregionen (Lichtenberger 1986, Kap. 2.1; Gaebe 1987, Kap. 7; Tönnis 1995). Außerdem bestehen in verschiedenen Ländern voneinander abweichende Festsetzungen von Verdichtungsräumen, die nur schwer miteinander vergleichbar sind. In den USA werden beispielsweise sogenannte metropolitan statistical areas abgegrenzt. Die Grenzziehung erfolgt auf der Ebene von counties und basiert auf den Merkmalen Mindestgröße, Mindestdichte und Mindestpendleranteil in die zentralen counties der Agglomeration.
Insgesamt sind Abgrenzungen von Verdichtungs- und Ballungsgebieten problematisch. So ist die Wahl der Abgrenzungsmerkmale und der Abschneidegrenzen selten zwingend. In der Regel wird eine pragmatische Vorgehensweise bevorzugt, weil eine theoretisch begründete Methodik nicht existiert. Vielfach wird die Bedeutung von Verflechtungsmerkmalen für solche Abgrenzungen hervorgehoben, jedoch in der Praxis zu selten tatsächlich verwendet. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Abgrenzungen in der Regel von der Existenz eines Verdichtungskerns ausgehen, zu dem hin Verflechtungen von außen bestehen. Das hierbei unterstellte ringförmige Städtemodell trifft aber auf nordamerikanische Städte nur noch bedingt zu.
Die Raumentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland war in der Nachkriegszeit durch drei Prozesse geprägt (Gaebe 1987):
(1) Urbanisierung (Verdichtung der Kerngebiete),
(2) Suburbanisierung (städtische Expansion ins Umland),
(3) Entleerung (Abwanderungen aus strukturschwachen, dünn besiedelten Regionen, die oft auch als ländliche Räume (Maier und Weber 1995) bezeichnet werden).
Das Raumordnungsgesetz aus dem Jahr 1965 bejahte Konzentrationen und strebte explizit sogar eine weitere Verdichtung von Wohn- und Arbeitsstätten an. Die Grenze des Verdichtungsprozesses wurde darin über gesunde Strukturen und ausgewogene Lebensverhältnisse allerdings eher verschwommen formuliert. Wann und unter welchen Bedingungen Verdichtungen als unausgewogen zu betrachten waren, wurde nicht operationalisiert. Bei der Abgrenzung von Verdichtungsräumen als Regionen mit einer Bevölkerungsdichte von mehr als 1250 Einwohnern pro km2 – einer Abgrenzung, die häufig Verwendung fand – entfielen auf diese Raumkategorie im Jahr 1970 etwa 7 % der Fläche der Bundesrepublik Deutschland, 45 % der Wohnbevölkerung und 55 % der Beschäftigten.
In den 1970er-Jahren erkannte man aber auch, dass es Gebiete mit negativen Verdichtungsfolgen gab. Ausdruck hiervon waren eine zu starke bauliche Nutzung in Relation zu den bestehenden Freiflächen, ein zu hoher Zeitaufwand beim Zurücklegen der Entfernungen zwischen Wohn- und Arbeitsstätte sowie eine Überlastung der Infrastruktur. Bei der Novellierung des Raumordnungsgesetzes Ende der 1980er-Jahre wurden derartige Verdichtungsnachteile berücksichtigt und der Vorrang der Verdichtung aufgegeben (Tönnis 1995). Ziel der Raumordnung ist demnach einerseits die Vermeidung zu starker Verdichtung, andererseits aber auch die Verhinderung von Zersiedlungserscheinungen. Unter dem Prinzip der dezentralen Konzentration wird eine begrenzte Konzentration der Funktionen Wohnen und Arbeiten auf Verdichtungskerne, eine Entlastung dieser Verdichtungen durch kleine Konzentrationen am Verdichtungsrand und außerhalb der Verdichtungen sowie eine Konzentration der Infrastruktur auf bestimmte Achsen angestrebt (Stiens 2004). Grundlage dieser räumlichen Steuerung ist die Klassifikation siedlungsstruktureller Regionstypen die von der Ministerkonferenz für Raumordnung (MKRO) 1993 beschlossen und auf Ebene der Gemeinden abgegrenzt wurde (BBSR 2009). Die Abgrenzung basiert auf den beiden Kriterien der Siedlungsdichte (Einwohner je km² Siedlungsfläche) und des Anteils der Siedlungs- und Verkehrsfläche an der Gesamtfläche. Aus der Kombination dieser Kriterien werden insgesamt sieben Regionstypen differenziert, die von hoch verdichteten Agglomerationsräumen bis hin zu ländlichen Räumen geringer Dichte reichen (→ Abb. 4.5). Zu den Verdichtungsräumen gehören Gemeinden, deren Fläche im Vergleich zum Bundesdurchschnitt überdurchschnittlich als Siedlungs- und Verkehrsfläche genutzt wird und die gleichzeitig eine über dem Bundesdurchschnitt liegende Siedlungsdichte aufweisen. Wesentliches Kriterium eines Verdichtungsraums ist ferner, dass dort mehr als 150 000 Einwohner leben. Insgesamt ist über die Hälfte der bundesdeutschen Bevölkerung in Verdichtungsregionen konzentriert.

Abb. 4.5 Verdichtungsräume in Deutschland (nach BBSR 2009)
4.3.2Ländliche Räume
Ländlicher Raum ist ein Begriff, der aus dem Dualismus Stadt versus Land hervorgegangen ist. In dualistischer Sichtweise wurden Städte traditionell als Industrie- und Dienstleistungsstandorte mit hoher Verdichtung, als kulturell geprägte Raumeinheiten sowie als Gebiete mit neuen Gesellschaftsstrukturen und sich verändernden Werten angesehen. Demgegenüber galt das Land als gering verdichtet, agrarisch geprägt, durch natürliche Bedingungen bestimmt und mit traditionellen Strukturen und Werten in Form einer spezifischen ländlichen Lebensweise geprägt (Henkel 1993). Als mögliche Nachteile von Verdichtungen in den 1970er- und 1980er-Jahren erkannt wurden, richtete sich das Augenmerk stärker auf Räume außerhalb von Verdichtungen. Hierbei wurde der ländliche Raum als Restkategorie erfasst und entsprechend abgegrenzt: so etwa als strukturschwach ländlich geprägt und mit Ausgleichs- und Erholungsfunktionen besetzt (Herdzona 1995; Maier und Weber 1995).
Die in der Raumordnung verwendete Unterscheidung zwischen Verdichtungsräumen und ländlichen Räumen schafft allerdings einen künstlichen Dualismus und ist höchst problematisch. So ist der ländliche Raum traditioneller Prägung heute kaum noch existent, jedenfalls nicht in flächenhafter Form. Der historische Stadt-Land-Gegensatz ist weitgehend überholt. In heutiger Zeit findet man außerhalb der Städte verbreitet städtische Lebensformen, zugleich aber innerhalb der Städte ländliche Lebensweisen. So haben sich in einzelnen Stadtteilen großer Städte teilweise ländlich-dörfliche sozio-kulturelle Milieus erhalten. In jedem Fall ist es fragwürdig, ländlich mit strukturschwach oder gar zurückgeblieben gleichzusetzen (z. B. Zakrzewski 1998) und städtisch automatisch mit strukturstark. Wenn man schon von derartigen Resträumen spricht, wäre es besser in differenzierter Weise ländliche Räume am Rande von Verdichtungsräumen mit hoher Dynamik, ländliche Räume mit noch ungenutzten Entwicklungspotenzialen und strukturschwache ländliche Räume mit Abwanderungstendenzen von Bevölkerung und Wirtschaftsaktivitäten zu unterscheiden (Maier und Weber 1995).
Die hier dargelegten Argumente zeigen, dass wirtschaftliche Aktivitäten nicht gleichmäßig im Raum verteilt sind, sondern dass Produktionsprozesse unterschiedlich organisiert sind und dass diese Organisationsstruktur räumlich variiert. Aufgrund dessen entstehen räumliche Industrieballungen und Industriespezialisierungen. Aus ökonomischer Sicht würde man von räumlichen Ungleichgewichten sprechen. Dabei stellt sich die Frage, ob räumliche Ungleichgewichte normal sind und langfristig erhalten bleiben, oder ob es Tendenzen gibt, die derartige Ungleichgewichte fördern oder ihnen entgegenwirken. Hierbei ist es wichtig, geeignete Maßzahlen und Methoden zur Messung räumlicher Verteilungen zu verwenden.
4.4Möglichkeiten und Grenzen der Messung räumlicher Verteilungen
Nachdem die Bedeutung räumlicher Disparitäten diskutiert worden ist, sollen nachfolgend in knapper Form Methoden dargestellt werden, die es ermöglichen, Art und Ausmaß räumlicher Ungleichheiten empirisch zu ermitteln. Hierzu ist es zunächst einmal notwendig, die Struktur räumlicher Verteilungen möglichst exakt zu messen, um Ungleichheiten und damit Disparitäten überhaupt identifizieren zu können. Dies geschieht mit Hilfe von Parametern der Strukturanalyse. Darauf aufbauend lassen sich Methoden der Wachstumsanalyse einsetzen, um Hinweise über Veränderungen von Standortverteilungen zu erlangen. Ausgangspunkt der folgenden methodischen Diskussionen sind regional und sektoral differenzierte Beschäftigtenzahlen aller Regionen eines Gesamtraums (z. B. einer Volkswirtschaft). Anhand dieser Daten sollen räumliche Verteilungen gemessen und Disparitäten aufgedeckt werden. Ausgehend von n Regionen (i = 1, . . ., n) und m Sektoren (j = 1, . . ., m) wird dabei folgende Notation verwendet:
Beschäftigte in Region i und Sektor j: 
Beschäftigte aller Sektoren
in Region i: 
Beschäftigte des Sektors j
im Gesamtraum: 
Beschäftigte aller Sektoren
im Gesamtraum: 
4.4.1Parameter der regionalen Strukturanalyse
Um eine räumliche Verteilung zu beschreiben, könnte man zunächst die Beschäftigtenzahlen eines Sektors in allen Teilregionen des Gesamtraums miteinander vergleichen, um festzustellen, wo dieser Sektor die größten räumlichen Konzentrationen aufweist. Diese Vorgehensweise ist aber insofern problematisch, als Absolutzahlen zu dem Ergebnis führen würden, dass große Regionen, wie z. B. städtische Agglomerationen, in praktisch allen Sektoren die größte Konzentration aufweisen und Regionen außerhalb der Metropolen fast überall nur eine untergeordnete Rolle spielen. Das liegt daran, dass Absolutzahlen keinen Rückschluss darauf zulassen, wo relative Ballungen und Spezialisierungen bestehen. Die Größe einer Region bleibt dabei unberücksichtigt.
Um räumliche Disparitäten zu messen, kann man alternativ Maße der deskriptiven Statistik wie etwa absolute und relative Streuungsmaße oder Konzentrationsmaße verwenden (Bahrenberg et al. 1990, Kap. 4.2). Darauf soll im Folgenden aber nicht weiter eingegangen werden. Vielmehr sollen einige andere Parameter vorgestellt werden, die speziell auf räumliche Verteilungen anwendbar sind (Isard 1960, Kap. 5 und 7; Müller 1976, Teil B; Schickhoff 1983, Teil II; Schätzl 1994, Kap. 3.1.2).
Lokalisations- bzw. Standortquotient (LQij). Der Standortquotient vergleicht den Anteil eines Sektors j in einer Region i mit dem Anteil, den dieser Sektor im Gesamtraum hat. Sein Zahlenwert ist größer oder gleich Null.

Der Standortquotient liefert einen Wert größer Eins, wenn der Beschäftigtenanteil von Sektor j in Region i größer ist als sein Beschäftigtenanteil im Gesamtraum. Umgekehrtes gilt für einen Wert kleiner Eins. Je größer ein gemessener Standortquotient ist, desto stärker ist die Konzentration des betreffenden Sektors in der untersuchten Region gemessen an der Größe der Region. Absolute Größeneffekte werden hierbei also ausgeblendet.
Koeffizient der Lokalisierung (KLj). Der Koeffizient der Lokalisierung ist ein Maß für die räumliche Konzentrationstendenz eines Sektors j im Gesamtraum.

Er misst für jede Region i die Differenz zwischen dem Beschäftigtenanteil der Region in Sektor j und dem Gesamtbeschäftigtenanteil dieser Region und addiert die Differenzen über alle Regionen hinweg auf. Der Zahlenwert des Koeffizienten kann zwischen Null und einem Wert nahe Eins liegen. Beträgt der Koeffizient der Lokalisierung Null, so ist Sektor j gleichmäßig über alle Regionen des Gesamtraums verteilt. Liegt der Zahlenwert nahe an Eins, so ist Sektor j fast oder vollständig in nur einer einzigen Region des Gesamtraums konzentriert. Der Koeffizient der Lokalisierung wertet die Standortquotienten eines Sektors über alle Teilräume hinweg aus und stellt somit ein zusammenfassendes Maß für die räumliche Verteilungsstruktur eines Sektors dar. In abgewandelter Form kann der Koeffizient der Lokalisierung auch als räumlicher Verknüpfungskoeffizient (Koeffizient der geographischen Assoziation) berechnet werden, um die gemeinsame Konzentration zweier Sektoren in den Regionen des Gesamtraums zu messen.
Koeffizient der Spezialisierung (KSi). Der Koeffizient der Spezialisierung ist ein Parameter, der Aufschluss darüber gibt, wie stark die sektorale Wirtschaftsstruktur einer Region i im Vergleich zum Gesamtraum spezialisiert ist.

Der Koeffizient der Spezialisierung wertet die Standortquotienten einer Region über alle Sektoren hinweg aus. Er kann zwischen Null und einem Wert nahe Eins liegen. Falls der Koeffizient der Spezialisierung den Wert Null erreicht, ist die sektorale Wirtschaftsstruktur einer Region identisch mit der des Gesamtraums. Liegt er nahe Eins, so ist die Region nahezu oder ganz auf einen einzigen Sektor spezialisiert. Während der Koeffizient der Lokalisierung ein Maß für die räumliche Verteilung eines Sektors im Gesamtraum ist, bezieht sich der Koeffizient der Spezialisierung auf die sektorale Struktur innerhalb einer Region und vergleicht diese mit dem Gesamtraum.
Kritik. Als Kritik an den dargestellten Parametern der Strukturanalyse lässt sich insbesondere anfügen, dass die Ergebniswerte stark vom gewählten räumlichen und sektoralen Aggregationsniveau abhängen. Dadurch können bei der Interpretation und beim Vergleich von Koeffizientenwerten erhebliche Probleme entstehen. So werden bei einer hohen räumlichen oder sektoralen Aggregation Konzentrations- und Spezialisierungstendenzen unterbewertet, weil die den Berechnungen zugrunde liegenden Einheiten bereits in sich sehr heterogen sind. Diese Problematik wird deutlich am Beispiel der Messung des Standortquotienten von Beratungsunternehmen in Deutschland (→ Abb. 4.6, links). Während die Darstellung auf Ebene der Bundesländer suggeriert, dass ein Großteil der alten Bundesländer von einer hohen Konzentration von Beratungsunternehmen geprägt ist, gestattet die Darstellung auf der Ebene der Kreise eine andere Interpretation (→ Abb. 4.7). Hier tritt deutlich das Standortmuster der urbanen Ballungsräume hervor, innerhalb derer die Konzentration der Beratungsunternehmen besonders ausgeprägt ist. Eine weitere Detaillierung der räumlichen Betrachtung auf Ebene der Gemeinden (→ Abb. 4.8) zeigt am Beispiel der Metropolregion Rhein-Main, dass die relative Konzentration der Unternehmensberatung auch interkommunal sehr stark variiert und aufgrund geringer gesamtwirtschaftlicher Aktivitäten in Randgemeinden die größten relativen Konzentrationswerte erreicht (Glückler 2004 b). Bei einer zu geringen räumlichen bzw. sektoralen Aggregation besteht letztlich die Gefahr, räumliche Konzentrations- und Spezialisierungstendenzen überzubewerten. Ein damit zusammenhängendes Problem besteht darin, dass Daten zum Teil nicht in der für eine konkrete Analyse benötigten regionalen und sektoralen Gliederungstiefe vorhanden sind und man deshalb auf ein anderes Aggregationsniveau ausweichen muss. Dieses Problem tritt auch bei den nachfolgend skizzierten Methoden der regionalen Wachstumsanalyse auf. Schließlich demonstriert der Vergleich der Standortquotienten in Abbildung 4.6 (links und rechts), dass auch scheinbar geringe Variationen in der Wahl der Indikatoren (Anzahl der Unternehmen versus Umsatz der Unternehmen) zu deutlichen Variationen in der räumlichen Verteilungsanalyse führen können. Insofern ist die Validität der den Indikatoren zugrunde liegenden Konzepte von besonderer Wichtigkeit für eine aussagekräftige Analyse.

Abb. 4.6 Standortquotient der räumlichen Verteilung von Beratungsunternehmen in Deutschland auf Länderebene, NUTS 1 (nach Glückler 2004 b)

Abb. 4.7 Standortquotient der räumlichen Verteilung von Beratungsunternehmen in Deutschland auf Kreisebene, NUTS 3 (nach Glückler 2004 b)

Abb. 4.8 Standortquotient der räumlichen Verteilung von Beratungsunternehmen in der Metropolregion Rhein-Main auf Gemeindeebene, NUTS 4 (nach Glückler 2004 b)
4.4.2Methoden der regionalen Wachstumsanalyse
Die vorgestellten Parameter der Strukturanalyse sind zwar in der Lage, räumliche Disparitäten zu erfassen und zu beschreiben, sie sagen aber nichts über die Dynamik der räumlichen Konzentrationen und Spezialisierungen aus. Einen ersten Anhaltspunkt über Entwicklungstendenzen von Standortverteilungen erhält man, indem man die Koeffizienten der Lokalisierung und Spezialisierung zu verschiedenen Zeitpunkten berechnet und miteinander vergleicht.
Die im Folgenden in Anlehnung an Müller (1976) dargestellten Methoden der relativen Wachstums- und der shift-Analyse geben lediglich einen ersten Einblick in das reichhaltige methodische Analysespektrum. Sie gehen von einer regional und sektoral disaggregierten Wirtschaftsstruktur aus und vergleichen die Entwicklung von Standortverteilungen zwischen zwei Zeitpunkten 0 und t.
Relative Wachstumsanalyse. In der relativen Wachstumsanalyse wird die Veränderung der Sektorstruktur einer Region zwischen den Zeitpunkten 0 und t den entsprechenden Veränderungen im Gesamtraum gegenübergestellt. Zu diesem Zweck wird ein relatives Wachstumsdiagramm gezeichnet (→ Abb. 4.9), auf dessen Ordinate das Wachstum der Region und auf dessen Abszisse das Wachstum des Gesamtraums dargestellt wird (Isard 1960, Kap. 7; Müller 1976, Teil B). In dem Diagramm wird jeder Sektor j durch einen Punkt repräsentiert, dessen Lage sich aufgrund des Wachstums des Sektors in Region und Gesamtraum ergibt. Als Referenzpunkt ist der Schnittpunkt B aus dem durchschnittlichen Wachstum der Region und dem Durchschnittswachstum des Gesamtraums für die Interpretation des Diagramms von Bedeutung.

Abb. 4.9 Relatives Wachstum in räumlicher Perspektive (nach Müller 1976, S. 57)
Durch den Bezugspunkt B lassen sich vier Quadranten unterscheiden. Jeder Sektor, der im I. Quadranten liegt, ist dadurch gekennzeichnet, dass sein Wachstum sowohl innerhalb der Region als auch im Gesamtraum überdurchschnittlich verläuft. Der III. Quadrant enthält Sektoren, die in der Region wie auch im Gesamtraum unterdurchschnittlich gewachsen sind. Besonders interessant als Ausgangspunkt für wirtschaftsgeographische Fragestellungen sind die Quadranten II und IV, weil hier die Wachstumsdynamiken in Region und Gesamtraum differieren. Ein Sektor im II. Quadranten ist dadurch gekennzeichnet, dass er im Gesamtraum unterdurchschnittlich, in der Region aber überdurchschnittlich wächst. Sektoren in Quadrant IV sind entsprechend durch unterdurchschnittliches Wachstum in der Region und überdurchschnittliches Wachstum im Gesamtraum gekennzeichnet. Eine daraus abgeleitete wirtschaftsgeographische Untersuchung könnte beispielsweise der Frage nachgehen, welche Prozesse dazu führen, dass ein Sektor in einer bestimmten Region schneller oder langsamer wächst als im Gesamtraum, um Schlussfolgerungen für eine verbesserte Förderpolitik zu ziehen.
Shift-Analyse. Die shift- bzw. shift-share-Analyse geht über die relative Wachstumsanalyse insofern hinaus, als sie versucht, die regional-sektoralen Wachstumsmuster innerhalb des Gesamtraums zu identifizieren und erste Anhaltspunkte zu ihrer Erklärung zu liefern (Lauschmann 1976, III. Teil). Hierbei wird ein systematischer Vergleich der Entwicklung der Produktionsstruktur zwischen den Regionen und dem Gesamtraum durchgeführt. So untersuchte z. B. Zelinsky (1958) in einer Studie über die Regionen der USA, wie sich die regionalen Verteilungen von Bevölkerung, Nettoproduktionswert und Beschäftigung verändert haben. Hierbei unterschied er zwischen tatsächlichen und fiktiven Größen, die sich ergeben hätten, wenn regionale Anteile unverändert geblieben wären. Die Berechnung fiktiver Größen ist allen Methoden der shift-Analyse gemeinsam. Dunn (1960) hat den Ansatz der shift-Analyse weiter ausgefeilt und eine sektorale Differenzierung in die Analyse eingeführt. Er berechnete zunächst einen Gesamteffekt TNS (total net shift) für eine einzelne Region, der die Differenz angibt zwischen der tatsächlichen und der erwarteten Beschäftigtenzahl, die resultiert hätte, wenn die Zahl der Beschäftigten im nationalen Durchschnitt gestiegen wäre. Davon ausgehend wird der Gesamteffekt in der shift-Analyse in zwei Teileffekte aufgesplittet: Der Struktureffekt NPS (net proportionality shift) misst den Teil des Gesamteffekts einer Region, der auf deren vom Gesamtraum abweichende Sektorstruktur zurückzuführen ist. Der Standorteffekt NDS (net differential shift) ist demgegenüber Ausdruck der regionalen Besonderheiten, die dazu geführt haben, dass die Sektoren einer Region schneller oder langsamer als im Gesamtraum gewachsen sind (Lauschmann 1976, III. Teil; Schätzl 1994, Kap. 3.1.2; Güssefeldt 1999, Kap. I).
(1) Gesamteffekt einer Region (TNSi). Bei der Ermittlung des Gesamteffekts wird zunächst die hypothetische Beschäftigtenzahl der Region i zum Zeitpunkt t ermittelt, die sich ergeben hätte, wenn die Region mit der Wachstumsrate des Gesamtraums gewachsen wäre.

Welches der übergeordnete Gesamtraum ist, hängt dabei von der Fragestellung ab. Häufig ist bei Regionen mittlerer Größe, wie z. B. Kreisen oder Arbeitsmarktregionen, die gesamte Volkswirtschaft der Bezugsraum. Ein Gesamteffekt (in absoluten Beschäftigten) größer Null bedeutet, dass die betreffende Region im Beobachtungszeitraum insgesamt schneller gewachsen ist als der Gesamtraum. Das Umgekehrte gilt bei einem Gesamteffekt kleiner Null.
(2) Standorteffekt einer Region (NDSi). Bei der Ermittlung des Standorteffekts wird zunächst eine hypothetische Beschäftigtenzahl für die Region i ermittelt, die sich zum Zeitpunkt t ergeben hätte, wenn jeder Sektor j mit der betreffenden Wachstumsrate im Gesamtraum gewachsen wäre.

Der Standorteffekt ergibt sich dann als Differenz zwischen der tatsächlichen Beschäftigtenzahl zum Zeitpunkt t und der hypothetischen.

Ein Standorteffekt größer (kleiner) Null bedeutet, dass der Beschäftigtenzuwachs in der Region größer (kleiner) war als der, der sich ergeben hätte, wenn alle Sektoren gleich schnell wie im Gesamtraum gewachsen wären. Dies wird auf nicht näher bestimmte Standortvorteile (-nachteile) zurückgeführt.
(3) Struktureffekt einer Region (NPSi). Bei der Berechnung des Struktureffekts einer Region wird zunächst ermittelt, welche Sektoren im Gesamtraum überdurchschnittlich und welche unterdurchschnittlich gewachsen sind. Hierzu werden die sektoralen Wachstumsfaktoren des Bezugsraums mit dem Gesamtwachstumsfaktor des Bezugsraums verglichen.

Anschließend werden die positiven und negativen Wachstumsabweichungen mit der Beschäftigtenanzahl der entsprechenden Sektoren in der Region zum Zeitpunkt 0 multipliziert und zu einem Regionswert über alle Sektoren aufaddiert.

Falls eine Region dieselbe Sektorstruktur wie der Gesamtraum besitzt, würden sich positive und negative Abweichungen genau zu Null aufaddieren. Wenn hingegen in einer Region wachsende Sektoren überrepräsentiert sind, werden positive Wachstumsdifferenzen höher gewichtet und es resultiert ein Struktureffekt größer Null. Umgekehrtes gilt, wenn schrumpfende Sektoren überrepräsentiert sind.
In dem dargestellten Differenzenverfahren der shift-Analyse errechnet sich der regionale Gesamteffekt additiv aus den beiden Einzeleffekten. In einer konkreten Untersuchung genügt es deshalb, den Gesamteffekt und den Standorteffekt direkt zu berechnen und den Struktureffekt als Differenz der beiden zu bestimmen.

Ein zu diesem Differenzenverfahren alternatives multiplikatives Verfahren basiert auf einer ähnlichen Aufspaltung und Argumentation (Gerfin 1964).
Kritik an der shift-Analyse. Wie schon bei den Parametern der Strukturanalyse sind auch die Ergebnisse der shift-Analyse extrem abhängig von der gewählten regionalen und sektoralen Untergliederung. Je nach Aggregationsniveau kann die shift-Analyse ihr Ziel leicht verfehlen (Lauschmann 1976, III. Teil; Schätzl 1994, Kap. 3.1.2). Bei der shift-Analyse ist zudem das Zeitintervall der Untersuchung von großer Bedeutung und muss sorgfältig ausgewählt werden. Ein Vergleich von shift-Analysen aus unterschiedlichen Untersuchungen und verschiedenen Zeitintervallen ist äußerst problematisch und kann zu fehlerhaften Schlussfolgerungen führen. Ferner ist die Prognosequalität der shift-Analyse grundsätzlich infrage zu stellen. Letztlich ist die shift-Analyse nur eine Methode, um Strukturen und Strukturveränderungen zu beschreiben. Eine wirkliche Erklärung der dahinterstehenden Ursachen muss jedoch durch eine weiterführende Analyse erfolgen.
4.5Globale Verflechtungen
Klassische wirtschaftsgeographische Analysen sind vielfach auf lokale, regionale oder nationale Wirtschaftsabläufe und Beziehungen fokussiert. Dies ist auf der einen Seite verständlich, da ökonomische Probleme oft lokalisiert sind und ihren Folgen durch territorial begrenzte Politikansätze (z. B. Regionalpolitik) entgegengewirkt wird. Auf der anderen Seite zeigen sich immer deutlicher auch die Grenzen einer solchen Sichtweise, da ökonomische Prozesse international und global organisiert sind und deshalb Bedingungen und Trends in anderen Ländern nicht unbeachtet bleiben können (Haas und Neumair 2006; Giese et al. 2011). Durch die zunehmende Integration weltweiter ökonomischer Bedingungen und Strukturen sind die Produktionskonstellationen in ausgewählten Untersuchungsregionen und -ländern systematisch abhängig von Nachfragetrends, Technologieentwicklungen sowie politischen und institutionellen Bedingungen in anderen Ländern rund um den Globus. Wirtschaftliche Krisen, wie die globale Finanzkrise in den Jahren nach 2007, politische Spannungen, wie etwa in Nordafrika und im Nahen Osten, oder das britische Referendum über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (Brexit) haben oft auch über große Entfernungen hinweg unmittelbare Auswirkungen auf eine Untersuchungsregion. Im Folgenden werden vor diesem Hintergrund Konzepte der Globalisierung sowie grundlegende Dimensionen globaler Verflechtungen und Beziehungen aufgezeigt.
4.5.1Grundkonzeption der Globalisierung
Globalisierung ist weder Zustand noch Ursache, sondern ein Prozess der Transformation des Zusammenhangs zwischen Territorium und der Organisation sozio-ökonomischer Beziehungen (Waters 1995, Kap. 1). Dieser Zusammenhang ist das zentrale Element der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Ansätze, die im Kontext der Globalisierung seit den 1980er-Jahren entstanden sind (McGrew 1992; Waters 1995; Giddens 1997; Held et al. 1999; Sklair 1999). Die zunehmende Entankerung ökonomischen Handelns aus dem physischen Raum (Werlen 1997, Kap. 5) ermöglicht dabei sowohl die globale Verbreitung von Gütern, Leistungen, Wissen, Konsumpräferenzen und kulturellen Einstellungen als auch deren Pluralisierung an einem einzigen Ort. Das Herauslösen von Handlungszusammenhängen aus territorialen Bezügen führt im Sinne von Giddens (1997, S. 85) dazu, dass sich soziale Beziehungen weltweit intensivieren und „entfernte Orte in solcher Weise miteinander verbunden werden, dass Ereignisse am einen Ort durch Vorgänge geprägt werden, die sich an einem viele Kilometer entfernten Ort abspielen, und umgekehrt.“ Dieser Prozess wird von Giddens (1995; 1997) als räumliche Entbettung bzw. Entankerung im Zusammenhang von traditioneller (vor-moderner) und moderner Gesellschaft thematisiert.
Neue Informations-, Kommunikations- und logistische Technologien ermöglichen seit dem 20. Jahrhundert die verstärkte Loslösung sozialer und ökonomischer Interaktionen aus Zeit und Raum – ein Phänomen, das als time-space compression (Harvey 1990) oder zeitkompakter Globus (Beck 1997) bezeichnet wird. Im Bereich der Logistik hat die Mobilität von Personen und Gütern durch Innovationen in der modernen Luftfahrt und durch Hochgeschwindigkeitszüge auf modernen Schienennetzen sowie durch die Massenmotorisierung der Gesellschaft erheblich zugenommen. Distanzen werden in viel kürzerer Zeit überwunden, sodass Entfernungen technologiebedingt zu schrumpfen (McHale 1969) (→ Abb. 4.10) bzw. Raum und Zeit zu konvergieren scheinen (Blotevogel 2000).

Abb. 4.10 McHale’sche Darstellung des schrumpfenden Planeten Erde (nach Dicken 1998, S. 152)
Innovationen im Bereich der Kommunikationstechnologien wie z. B. Intranet, Internet, social media oder Videokonferenzen erlauben den Austausch von Informationen in Echtzeit und schaffen virtuelle Nähe (→ Kap. 4.2). Wertpapiergeschäfte sind nicht mehr auf die Öffnungszeiten der lokalen Börse beschränkt, sondern können von einem beliebigen Standort aus zu fast jeder Tages- und Nachtzeit an anderen Börsen der Welt getätigt werden. Der räumlich und zeitlich immer weniger limitierte Handel von Kapital in einem weltweit integrierten Finanzsystem wird daher zumeist als ideales Beispiel einer verwirklichten Globalisierung angesehen (Castells 1999, Kap. 2). Dabei stellen technologische Innovationen im Bereich der Kommunikation und der Logistik die vielleicht grundlegendsten Rahmenbedingungen für Internationalisierungs- und Globalisierungsprozesse dar (Rosenau 1990; Sklair 1999; Giese et al. 2011). Zudem gibt es eine Vielzahl institutioneller Veränderungen auf internationaler Ebene (z. B. die Beseitigung von Handelsbarrieren und Deregulierung der Finanzmärkte), die das Fortschreiten von Globalisierungsprozessen erst ermöglicht haben (Schamp 1996; 2000 b, Kap. 3.1; Giese et al. 2011). Jedoch kann der Prozess der Globalisierung nicht einfach als Folge von Rahmenbedingungen konzipiert werden, sondern ist vielmehr das Ergebnis strategischen Handelns von Akteuren.
Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, die insbesondere seit den 1980er-Jahren eine neue Dimension (Qualität) des internationalen Austauschs ermöglicht haben, bedeuten aber keineswegs, dass der Prozess der Globalisierung ein gänzlich neues Phänomen ist, wie dies manche Vertreter der Globalisierungshypothese behaupten. Vielmehr setzte der Prozess bereits mit der Industrialisierung ein und wurde schon frühzeitig thematisiert, wie das folgende Zitat von Marx und Engels (1848, S. 23) aus ihrer Analyse der historischen Rolle der kapitalistischen Gesellschaft und ihres Wandels belegt: „Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.“ Tatsächlich kann Globalisierung im Sinne von Marx (1890, Kap. 14) aus dem im Kapitalismus verankerten Streben nach der Produktion von Mehrwert abgeleitet oder im Sinne von Giddens (1997) als Konsequenz aus der in der Moderne verankerten Reflexivität gesellschaftlicher Beziehungen verstanden werden.
Doch selbst vor der Industrialisierung bestanden schon einflussreiche internationale Verflechtungen, z. B. im Rahmen der interkontinentalen Kolonialisierung durch die europäischen Königreiche Spaniens, Großbritanniens und Frankreichs (Harvey 1996). Und selbst vor dieser Zeit existierten entfernte Handelsbeziehungen, z. B. über die Seidenstraße zwischen Europa und China. Internationale Beziehungen zwischen territorial definierten Herrschafts- und Wirtschaftsräumen haben somit eine lange Tradition (Held et al. 1999).
Der moderne Globalisierungsbegriff sollte weder im Gegensatz zu dem Begriff der Internationalisierung, der die geographische Ausbreitung von Aktivitäten über nationale Grenzen hinweg betrachtet (Dicken 1998, Kap. 1), noch zu dem der Denationalisierung gesehen werden, bei dem lokalisierte soziale Handlungszusammenhänge in zunehmendem Maße nationale Grenzen überschreiten (Zürn 1997). Vielmehr sollte Globalisierung als ein historischer Prozess verstanden werden (Schamp 1996; Held et al. 1999; Bathelt 2000; Giese et al. 2011), dessen fortwährende Veränderung der Organisation sozialer und ökonomischer Beziehungen in räumlicher Perspektive zu einer zunehmenden globalen Vernetzung von Aktivitäten und wechselseitigen Abhängigkeiten führt. Historische Phasen der Globalisierung bzw. Internationalisierung können anhand von vier Grundcharakteristika umschrieben und von anderen unterschieden werden. In Anlehnung an Held et al. (1999, Kap. 1) sind dies: (1) geographische Ausbreitung, (2) Intensität, (3) Geschwindigkeit und (4) Wirkung der internationalen Verflechtungen. Die Kombination dieser Charakteristika führte zu einer Reihe unterschiedlicher Typen von Globalisierungs- oder Internationalisierungsphasen. Jede Phase der Globalisierung bzw. Internationalisierung ist dabei abhängig von den jeweiligen historischen Kontexten, wie z. B. den technologischen Bedingungen sowie den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Institutionen und Interessen (North 1991), sodass diese Typen nicht als Stadien linearen Fortschritts, sondern als Bestandteile eines pfadabhängigen, evolutionären Prozesses zu verstehen sind.
Daher ist es unter Umständen schwierig, sprunghafte Veränderungen der weltweiten Produktions- und Konsumbeziehungen empirisch nachzuweisen. Wir begreifen den gegenwärtigen Prozess der Globalisierung als eine fortgeschrittene Stufe der Internationalisierung, deren besondere Intensität und Dynamik es aufzudecken gilt (Bathelt 2000; Giese et al. 2011). Verschiedene Dimensionen des Globalisierungsprozesses, darunter die informatorische, kulturelle, ökologische, politische, zivilgesellschaftliche und ökonomische Dimension (Beck 1997, Kap. 3; Werlen 1997, Kap. 5), werden in zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen diskutiert. Die nachfolgende Diskussion konzentriert sich auf die wirtschaftliche Globalisierung in ihrer Bedeutung für die Wirtschaftsgeographie.
4.5.2Wider die Hyperglobalisierung
Viele Unternehmen sind mit eigenen Betriebsstätten und Tochtergesellschaften im Ausland aktiv. Diese Unternehmen, die in verschiedenen Ländern Tochtergesellschaften kontrollieren, gelten nach Abgrenzung der Vereinten Nationen als transnationale Unternehmen im weiteren Sinne (→ Kap. 11). Transnationale Unternehmen beschäftigten Anfang des 21. Jahrhunderts gemeinsam über 80 Millionen Menschen allein in ausländischen Tochtergesellschaften. Dies entsprach etwa 4 % der gesamten weltweiten Beschäftigung (UNCTAD 2010). Vergleicht man ihre Wertschöpfung mit großen Volkswirtschaften, so entsteht ein Eindruck von der enormen ökonomischen Bedeutung transnational operierender Unternehmen. Im Jahr 2000 rangierte Exxon Mobilcom als das Unternehmen mit der weltweit größten Wertschöpfung auf Platz 45 der 100 größten Ökonomien (wenn man die größten Unternehmen und Volkswirtschaften zusammen betrachtet). Die Wirtschaftskraft des Konzerns übertraf damit die Produktionstätigkeit ganzer Staaten wie zum Beispiel von Pakistan, Neuseeland oder Tschechien (→ Abb. 4.11). Insgesamt waren demnach 29 der 100 größten Ökonomien der Welt Unternehmen. Obwohl dieser Vergleich problematisch ist (da Volkswirtschaften nicht das Ziel der Gewinnmaximierung haben, jedoch soziale Kosten tragen müssen, die durch Unternehmen verursacht werden), wird dadurch illustriert, welche bedeutende Größe und damit Machtposition einzelne Unternehmen im Vergleich zu Nationalstaaten erlangt haben (→ Kap. 11.3).

Abb. 4.11 Die 100 größten Ökonomien der Welt, gemessen nach der Wertschöpfung in Milliarden US-Dollar im Jahr 2000 (nach UNCTAD 2002; Glückler 2006 a)
In dem enormen Wachstum großer multinationaler Unternehmen drückt sich zugleich ein interessantes Paradoxon aus. Fischermann (2000) wertet dieses Wachstum als Indiz, dass Planungssysteme (Planwirtschaften) global operierender Konzerne inmitten weltweiter Marktwirtschaften zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Nicht nur die Größe, sondern auch die Zahl multinationaler bzw. transnationaler Unternehmen hat sich exponentiell entwickelt (→ Abb. 4.12). Sie wuchs von 7 000 im Jahr 1970 über 40 000 im Jahr 1995 (Karliner 1997) und 60 000 im Jahr 1998 (UNCTAD 1999) auf 86 000 Unternehmen im Jahr 2016 an (UNCTAD 2010; 2017). Große transnationale Unternehmen erzielen über die Hälfte ihrer Umsätze außerhalb ihres Stammlands in internationalen Märkten (Sklair 1999). Der Umsatz der ausländischen Tochtergesellschaften aller transnationalen Unternehmen repräsentiert mittlerweile 11 % des globalen Wirtschaftsprodukts. Zwar dominieren nach wie vor Unternehmen aus der Triade (d. h. den großen Märkten Nordamerikas, Westeuropas und Ostasiens) die internationale Organisation der Produktion, aber die Zahl der transnationalen Unternehmen in weniger entwickelten Staaten wächst stetig an. Transnationale Unternehmen aus Entwicklungs- und Schwellenländern erreichen sogar höhere Beschäftigungsanteile in ausländischen Tochtergesellschaften als diejenigen aus der Triade. Neu industrialisierte Staaten, wie z. B. die asiatischen Länder Hongkong (vor dem Anschluss an China), Singapur, Südkorea und Taiwan, haben sich als wettbewerbsstarke Nationen auf den Weltmärkten etabliert (Schamp 1996). Allein in China arbeiteten im Jahr 2009 etwa 20 % aller im Ausland beschäftigten Arbeitskräfte transnationaler Unternehmen (UNCTAD 2010). Zugleich sind die Zuwächse des Welthandels seit den 1970er-Jahren höher als die der Industrieproduktion, und multinationale Unternehmen treiben als global organisierte Akteure das Wachstum ausländischer Direktinvestitionen an (→ Abb. 4.13).

Abb. 4.12 Entwicklung und Verteilung der Zahl transnationaler Unternehmen nach ihrem Hauptsitz in entwickelten oder sich entwickelnden Volkswirtschaften (nach UNCTAD 2010, S. 17)

Abb. 4.13 Globalisierung durch Intensivierung des Außenhandels und der Kapitalverflechtungen (nach Stiftung Entwicklung und Frieden 2003, S. 156)
Hyperglobalisten (Held et al. 1999, Kap. 1) meinen aufgrund dieser Beobachtungen, das Ende des Nationalstaats erkannt zu haben, der durch einen unbegrenzten globalen Markt und weltumspannende Produktions-, Unternehmens- und Finanznetzwerke mächtiger weltweit tätiger Unternehmen zusehends ausgehöhlt werde. Eine grenzenlose Welt (Ohmae 1990) eröffne den Rahmen einer globalen Zivilgesellschaft. Demgegenüber wehren Globalisierungsskeptiker die Globalisierung als Mythos ab und verweisen in historischen Vergleichen auf die begrenzte internationale Ausdehnung ökonomischer Beziehungen in den 1990er-Jahren im Vergleich zum Beginn des 20. Jahrhunderts. So war der durchschnittliche Anteil der Exporte und Importe am Bruttonationaleinkommen 1973 weltweit geringer als noch im Jahr 1913. Eine Reihe von Staaten hat den durch die beiden Weltkriege bedingten Einbruch des globalen Güteraustauschs sogar bis zum Jahr 1994 noch nicht wieder ausgleichen können (Hirst und Thompson 1996; Kleinknecht und Wengel 1998; Hellmer et al. 1999, Kap. 2).
Messbare grenzüberschreitende Austauschbeziehungen können sowohl für den Handel von Vor- und Endprodukten und Diensten als auch für den Austausch von Produktionsfaktoren, wie z. B. Kapital, und Technologien statistisch erfasst werden (→ Tab. 4.1). Die nachfolgende Diskussion dieser internationalen Ströme soll die Intensität und in räumlicher Perspektive die Verflechtung der internationalen Wirtschaft veranschaulichen, um das Ausmaß bzw. die quantitative Dimension der Globalisierung zu prüfen, aber auch um die Grenzen einer Faktorperspektive aufzuzeigen.
| Tab. 4.1 Zentrale Dimensionen internationalen ökonomischen Austauschs | ||
| Handel von Gütern und Diensten | inter- versus intrasektoraler Handel | |
| Handel von Endprodukten versus Zwischenprodukten | ||
| Inter- versus Intra-Unternehmenshandel | ||
| Kapitalverflechtungen | ausländische Portfolioinvestitionen | |
| ausländische Direktinvestitionen (ADI) | ||
| greenfield-ADI | ||
| brownfield-ADI (mergers & acquisitions) | ||
| Wissens- und Technologieverflechtungen | grenzüberschreitende Forschung und Entwicklung (FuE) | |
| Transfer von Technologien (Lizenzierung, Patentierung) | ||
| Transfer von Designs und Marken (Verkauf, Lizenzierung, franchise) | ||
4.5.3Regionalisiertes Wachstum internationalen Handels
Das durchschnittliche Außenhandelsvolumen der OECD-Staaten (Organisation for Economic Cooperation and Development) betrug 2007 etwa 70 % ihres Bruttoinlandsprodukts, wobei kleinere Staaten wie Irland, Belgien, die Tschechische Republik und die Niederlande sogar Handelsvolumina erreichten, die über dem eigenen Bruttoinlandsprodukt lagen (OECD 2010). Die wachsende Bedeutung des internationalen Handels zeigt sich für die Bundesrepublik Deutschland im enormen Anstieg der Einfuhr- und Ausfuhrwerte zwischen 1990 und 2010 (→ Abb. 4.14). Im Jahr 2010 betrug der Wert der Einfuhr von Gütern und Dienstleistungen 806,2 Milliarden Euro bei einer Ausfuhr von 959,5 Milliarden Euro und einem Ausfuhrüberschuss von 153,3 Milliarden Euro (Statistisches Bundesamt 2011). In den Jahren 2003 bis 2008 war Deutschland innerhalb der OECD noch vor den USA die größte Exportnation für Waren (OECD 2010).

Abb. 4.14 Einfuhr und Ausfuhr in der Bundesrepublik Deutschland 1950 bis 2016 in tatsächlichen Werten (nach Statistisches Bundesamt (Destatis), Außenhandel, 2017)
Gemäß der Globalisierungshypothese ist das ungebrochene Wachstum des Handels ein Indiz für zunehmende globale Verflechtungen. Seit 1970 wächst der Export kontinuierlich stärker an als die Produktion von Gütern (Hirst und Thompson 1996, Kap. 3; Schamp 1996), d. h. Produkte werden immer weniger dort konsumiert, wo sie hergestellt werden. Am Beispiel der Staaten der Europäischen Union (EU) demonstrieren Kleinknecht und Wengel (1998) allerdings, dass das Maß an globaler Handelsverflechtung außerhalb Europas seit den 1960er-Jahren eher stagniert, während sich der innereuropäische Binnenhandel intensiviert hat (→ Abb. 4.15). Sowohl der Anteil der Importe als auch der der Exporte am Bruttoinlandsprodukt hat sich zwischen 1960 und 1995 im Binnenhandel der EU verdoppelt, während der Anteil der Importe und Exporte im Außenhandel nahezu unverändert geblieben ist.

Abb. 4.15 Entwicklung von europäischem Binnen- und Außenhandel der EU-12-Staaten gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) 1960 bis 1995 (nach Kleinknecht und Wengel 1998, S. 641)
Damit ist die quantitative Bedeutung der Globalisierung durchaus kritisch zu beurteilen. Entgegen der Globalisierungshypothese tritt die EU letztlich in erster Linie als ein regionaler Wirtschaftsblock in Erscheinung, der 1995 keineswegs stärker in die globale Weltwirtschaft eingebunden war als noch im Jahr 1960. Internationalisierung vollzieht sich aus europäischer Perspektive somit weniger als Prozess der Globalisierung, sondern vielmehr als wirtschaftliche Integration der EU-Staaten. Zwei Drittel des Außenhandelsvolumens der europäischen Mitgliedsstaaten konzentrierten sich im Jahr 2007 auf die Europäische Region, nur ein Drittel auf den Handel mit anderen Weltregionen (OECD 2010).
Ähnliches lässt sich für Nordamerika und Japan feststellen. Im Zeitraum von 1963 bis 1996 hat sich in beiden Fällen das Handelsgewicht auf den eigenen Wirtschaftsblock verstärkt und der Anteil des Gesamthandelsaufkommens mit weniger entwickelten Weltregionen wie Südamerika und Afrika verringert. Nordamerika, Japan und Europa bilden somit zu Recht die drei Zentren oder die Triade der internationalen Ökonomie (Ohmae 1985; Hirst und Thompson 1996; Dicken 1998, Kap. 2 und 3). Auch der größte Teil der transnationalen Unternehmen ist nach wie vor in der Triade ansässig: Im Jahr 2008 stammten 72 % aller transnationalen Unternehmen aus den betreffenden Industrienationen (UNCTAD 2010).
Die Verflechtung der Handelsbeziehungen entwickelt sich zusammengefasst keineswegs global in dem Sinne, dass alle Regionen der Welt gleichermaßen oder überhaupt stärker mit anderen Teilen der Welt vernetzt werden (z. B. Sternberg 1997). Vielmehr erfolgt die Internationalisierung des Handels als Prozess der Integration der industrialisierten kontinentalen Wirtschaftsblöcke (Nuhn 1997; 1998). Mit der Institutionalisierung der regionalen Wirtschaftsabkommen MERCOSUR (Mercado Común del Sur), dem gemeinsamen Markt Südamerikas, und ASEAN (Association of Southeast Asian Nations), dem asiatischen Äquivalent, nimmt auch der intraregionale Handel in Südamerika und Südostasien stetig zu (OECD 2010). Doch das Wachstum des weltweiten Handels ist nicht nur in räumlicher Perspektive stark konzentriert. Auch hat sich die Struktur des Handels verändert. Eine strukturelle Verschiebung zeigt sich in unterschiedlichen Aspekten des Handels, wobei verschiedene Handelstypen jeweils unterschiedliche Aspekte des Welthandels beleuchten.
(1) Intrasektoraler Außenhandel. Innerhalb der EU verringert sich der Anteil des intersektoralen Außenhandels immer stärker zugunsten des intrasektoralen Handels. Der intersektorale Handel repräsentiert die traditionelle Form des Außenhandels auf der Grundlage komparativer Kostenvorteile. So besagt das Theorem der komparativen Kostenvorteile nach Ricardo, dass es für Länder vorteilhaft ist, sich auf die Produktion derjenigen Produkte zu spezialisieren, die sie im Vergleich mit anderen Ländern am produktivsten herstellen können (Hesse 1988; Schumann 1988). Es müsste sich demnach eine internationale Arbeitsteilung mit entsprechendem intersektoralem Außenhandel entwickeln. Import und Export von Gütern und Dienstleistungen würden dabei wenige Überlappungen aufweisen. Diese klassische Form der internationalen Arbeitsteilung wird jedoch sukzessive durch überlappende Produktionstätigkeiten und einen entsprechenden intrasektoralen Handel abgelöst, bei dem gleiche oder ähnliche Produkte desselben Sektors gehandelt werden. Zwischen 1980 und 1996 erhöhte sich beispielsweise der Anteil des intrasektoralen Handels innerhalb der EU-12-Staaten um etwa 8 % auf über 60 % (OECD 1999 a), bis 2008 in den meisten OECD-Staaten sogar auf über 70 % (OECD 2010). Der wechselseitige Außenhandel vergleichbarer Güter, wie z. B. der deutsche Import ausländischer Autos bei gleichzeitigem Export deutscher Autos, deutet auf eine zunehmende Produktdifferenzierung und Pluralisierung der Märkte hin. Deutschlands Außenhandel bestand im Jahr 2008 zu 78 % aus dem Tausch brancheninterner Güter (OECD 2010).
(2) Außenhandel von Zwischenprodukten. Eine wachsende Bedeutung hat auch der internationale Handel mit Zwischenprodukten. Während in früheren Phasen Handelsbeziehungen mit Rohstoffen und Endprodukten vorherrschten, hat sich inzwischen eine internationale Arbeitsteilung in der Produktion etabliert, bei der immer mehr Zwischenprodukte einzelner Wertschöpfungsstufen in andere Länder exportiert und dort weiterverarbeitet werden. Das Wachstum des Handelsvolumens für Zwischenprodukte ist ein Indiz für die zunehmende internationale Organisation von Wertschöpfungsketten. Zwischen 1995 und 2006 wuchs der Anteil des Handels intermediärer Güter in den OECD-Staaten jährlich um 6 % für Waren und 7 % für Dienstleistungen. Der Handel mit intermediären Gütern machte 56 % des gesamten Warenhandels und 73 % des Handels mit Dienstleistungen aus (OECD 2010). Exportierte und importierte Güter sind folglich seltener für den Konsum und immer häufiger zur Weiterverarbeitung in einer sich fortwährend vertiefenden internationalen Arbeitsteilung bestimmt. Sinn (2005) befürchtet vor diesem Hintergrund, dass sich Deutschland zunehmend in eine Basar-Ökonomie, d.h. in einen Umschlagplatz der Veredelung ausländischer Vorprodukte in finale Exportwaren, wandelt (Handke 2014). Eine geographische Differenzierung der Handelsströme bestätigt die zuvor beschriebene Struktur des regionalisierten Welthandels. 85 % des gesamten Welthandels von Zwischengütern konzentrieren sich auf Handelsbeziehungen zwischen den 34 OECD-Mitgliedsstaaten sowie den Beitrittskandidaten und den Partnern mit verstärkter Zusammenarbeit, darunter Indien, China und Brasilien (OECD 2010). Hierbei sind intraregionale Ströme der Triade jeweils größer als interregionale (→ Abb. 4.16).

Abb. 4.16 Räumliche Struktur der Importe von Zwischengütern (Waren) nach Weltregionen (nach OECD 2010, S. 215)
(3) Unternehmensinterner Außenhandel. Durch die internationale Organisation der Produktion großer multinationaler Unternehmen gewinnt auch der grenzüberschreitende Handel zwischen Unternehmenseinheiten an Bedeutung. Nach einer Schätzung der Vereinten Nationen beträgt der Anteil des unternehmensinternen Handels weltweit etwa ein Drittel des gesamten Handelsaufkommens (UNCTAD 1995). Aufgrund der schwierigen Erfassung der tatsächlichen Ströme liegen bislang hierzu allerdings nur wenige Studien vor. In einer schwedischen Untersuchung wurde für 300 Industriebetriebe in ausländischem Besitz ermittelt, dass durchschnittlich über 40 % der betrieblichen Exporte an ausländische Einheiten des gleichen Unternehmens gerichtet waren und umgekehrt etwa 30 % der Importe von anderen Unternehmensteilen aus dem Ausland bezogen wurden (Ivarsson und Johnsson 2000). Statistiken der OECD zeigen seit den 1990er-Jahren eine leichte Zunahme des unternehmensinternen Handels für eine Reihe von Ländern, die diesen Handel statistisch erfassen. So nahm der Anteil interner Exporte in den USA, Kanada und den Niederlanden leicht auf 50 % zu, während er in Schweden von 35 auf 75 % stark anstieg (OECD 2005 a). Insgesamt tauschen ausländische Tochtergesellschaften mehr Sach- und Dienstleistungen mit unternehmenseigenen Schwesterbetrieben im Ausland als mit anderen Unternehmen. Die Anteile unternehmensinterner Importe und Exporte schwanken erheblich zwischen Unternehmen, Sektoren und Ländern. So tendieren vor allem Unternehmen in technologie- und forschungsintensiven Sektoren zu einem ausgeprägten unternehmensinternen Außenhandel. In räumlicher Perspektive scheint der unternehmensinterne Außenhandel wiederum auf regionale Wirtschaftsblöcke sowie auf die Triade konzentriert zu sein. Umfang und Struktur des unternehmensinternen Außenhandels hängen letztlich maßgeblich von der gewählten länder- bzw. marktspezifischen Strategie der betreffenden multinationalen Unternehmen und somit von deren spezifischer internationaler Produktionsorganisation ab.
4.5.4Internationalisierung von Kapitalverflechtungen durch Direktinvestitionen
Ausländische Direktinvestitionen (ADI) haben im Vergleich zu internationalen Handelsverflechtungen ein noch höheres Wachstum erfahren und dokumentieren die zunehmende Bedeutung internationaler Aktivitäten multinationaler Unternehmen (Hirst und Thompson 1996). Als Direktinvestitionen gelten Investitionen zur Gründung von Zweigbetrieben oder zum Erwerb von bzw. zur Beteiligung (mindestens 10 %) an Unternehmen mit dem Ziel, Unternehmensaktivitäten, -strategien und -führung zu kontrollieren. Hiervon sind Portfolioinvestitionen zu unterscheiden, die nicht aus Gründen der Einflussnahme auf die Unternehmenskontrolle erfolgen, sondern mit dem Ziel kurzfristiger Gewinne durch Minderheitsbeteiligungen. ADI werden sowohl in Form der jährlichen Kapitalströme als auch der kumulierten Kapitalbestände in den jeweiligen Ländern erfasst (Cantwell und Mudambi 2005; Iammarino und McCann 2013; Cantwell 2016).
Der größte Teil der ADI entfällt auf die Übernahme oder Erweiterung bestehender Unternehmen durch sogenannte Brownfield-Investitionen. Nur ein relativ geringer Anteil wird für sogenannte Greenfield-Investitionen aufgewendet, also in den Aufbau neuer Unternehmen oder Zweigwerke in anderen Ländern investiert. Seit den 1990er-Jahren haben sich die Transaktionsvolumina grenzüberschreitender Fusions- und Akquisitionsprozesse (mergers & acquisitions) ständig erhöht, um nach einem Einbruch infolge der globalen Wirtschaftskrise 2001/2002 seit 2003 wieder bis zur Weltfinanzkrise 2007 anzuwachsen (→ Abb. 4.17).

Abb. 4.17 Internationale Fusions- und Akquisitionstransaktionen von Unternehmen in OECD-Staaten: a) ausgehende Investitionen, b) eingehende Investitionen, 1997 bis 2008 (nach OECD 2010)
Direktinvestitionen tendieren zur räumlichen Ballung (Schamp 2000 b, Kap. 3.5). Hirst und Thompson (1996, Kap. 4) untersuchten im Jahr 1987 für 500 und 1992/1993 für über 2000 multinationale Unternehmen aus mehreren Ländern die geographische Verteilung der Direktinvestitionen sowie ihrer Standorte. Trotz geringfügiger Abweichungen zeigte sich ein eindeutiger Trend im Investitionsverhalten der Unternehmen der großen Industrienationen USA, Großbritannien, Deutschland und Japan. Umsätze, ADI und Gewinne der Unternehmen waren in allen Ländern stark auf das Herkunftsland (home base) konzentriert. Die Konzentration der Geschäftstätigkeit auf die home base traf gleichermaßen auf Industrie- wie auf Dienstleistungsunternehmen zu. Trotz erschwerter Vergleichbarkeit der Datenbanken decken sich die Ergebnisse von 1987 weitgehend mit denen von 1992/1993. Ruigrok und van Tulder (1995, Kap. 7) untersuchten in einer Studie die 100 größten multinationalen Unternehmen und kamen dabei ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Unternehmen trotz zum Teil weltweiter Aktivitäten immer noch stark in Richtung ihres Stammlands orientiert waren. Hirst und Thompson (1996, Kap. 4) schlossen aus ihrer Analyse, dass die großen internationalen Konzerne aufgrund der Konzentration ihrer Aktivitäten auf das jeweilige Herkunftsland bzw. auf den kontinentalen Block eher als multinationale und nicht als transnationale Unternehmen verstanden werden sollten (→ Kap. 11.3). Weiter gelangen sie zu der Überzeugung, dass die Idee eines offenen globalen Markts ohne institutionelle und standörtliche Beschränkungen eine Illusion sei (Hirst und Thompson 1996, Kap. 3).
Kleinknecht und Wengel (1998) wiesen in ihren Studien für niederländische und britische Unternehmen Ende des 20. Jahrhunderts eine Stagnation von ADI nach. Frankreich und Deutschland verzeichnen zwar seit den 1980er-Jahren einen Zuwachs an ADI, dieser geht aber mit einer Verminderung des in die Entwicklungs- und Schwellenländer fließenden Anteils von ADI einher. Der räumliche Konzentrationsprozess von Direktinvestitionen deutscher Unternehmen im Ausland untermauert dieses Ergebnis (→ Tab. 4.2). Zwar wachsen ADI in absoluten Werten auch in nicht-europäischen Staaten, aber der Anteil dieser Länder an den gesamten ADI bleibt nahezu konstant. In den Entwicklungs- und Schwellenländern hat sich der Anteil deutscher ADI seit 1980 sogar halbiert. Im Sinne der eingangs erwähnten Globalisierungshypothese müssten demgegenüber gerade Niedrigkosten-Länder aufgrund von Kostenvorteilen attraktive Magneten für Investitionen zur Standortansiedlung sein. Weder die Entwicklung der Außenhandels- noch der Kapitalverflechtungen entspricht in dieser Periode jedoch der Globalisierungshypothese.
| Tab. 4.2 Ausländische Direktinvestitionen (ADI) von deutschen Unternehmen nach Zielregionen 1979 bis 1993 (Kleinknecht und Wengel 1998, S. 643) | ||||
| Jahr | Ausländische Direktinvestitionenin Mrd. DM | ADI-Anteil in EU-12-Länder | ADI-Anteil in andere Industrieländer | ADI-Anteil in Entwicklungs-/ Schwellenländer |
| 1979 | 69,5 | 39,6 % | 37,3 % | 23,2 % |
| 1981 | 101,2 | 36,0 % | 38,5 % | 23,3 % |
| 1987 | 150,9 | 40,8 % | 46,3 % | 12,9 % |
| 1989 | 205,6 | 43,7 % | 45,2 % | 11,1 % |
| 1991 | 262,7 | 51,0 % | 38,3 % | 10,7 % |
| 1993 | 319,4 | 48,0 % | 39,5 % | 12,6 % |
4.5.5Internationalisierung des Austauschs von Technologien und Wissen
Neben den Handels- und Kapitalverflechtungen erhält auch der internationale Transfer von Technologien und Wissen ein zunehmendes Interesse in der Globalisierungsdiskussion. Anhand von drei Dimensionen kann exemplarisch die steigende Intensität dieses Austauschs dargestellt werden.
(1) FuE-Einrichtungen. In einer Studie von Casson et al. (1992) über die internationale Verteilung von Forschungseinrichtungen von 500 Großunternehmen konnte nachgewiesen werden, dass die Unternehmen der meisten Industrieländer eine relativ starke Konzentration ihrer FuE-(Forschungs-und-Entwicklungs-)Aktivitäten im Heimatland aufrecht erhalten. Allerdings hatten niederländische, schweizerische, deutsche und britische Unternehmen zwischen 60 und 80 % ihrer FuE-Einrichtungen im Ausland angesiedelt. Unternehmen aus den USA als der Nation mit den meisten FuE-Einrichtungen unterhielten demgegenüber durchschnittlich nur 30 % ihrer Labore im Ausland (Hirst und Thompson 1996, Kap. 4). Insgesamt verändert sich die Qualität der internationalen Arbeitsteilung in Forschung und Entwicklung. Während ausländische FuE-Einrichtungen zunächst vorwiegend dazu dienten, Produkte und Prozesse an ausländische Produktions- und Marktbesonderheiten anzupassen, werden die Einrichtungen inzwischen stärker auch in unternehmensinterne Forschungsnetze einbezogen. Sie erhalten größere Budgets und umfassendere Verantwortung, was unter anderem dazu führte, dass sich der Anteil ausländischer FuE-Ausgaben US-amerikanischer Unternehmen von 6 auf 11 % im Zeitraum von 1985 bis 1995 nahezu verdoppelte (Blanc und Sierra 1999). Einerseits wird dadurch mehr Nähe zu den lokalen Fähigkeiten in den jeweiligen Standortumgebungen hergestellt (Blanc und Sierra 1999), andererseits können lokale Spezialisierungen als centers of excellence für weltweite Operationen ausgebaut werden (Zeller 2000). Dies ist bisher allerdings nur in wenigen Industriebranchen wie der pharmazeutischen Industrie und hier nur in bestimmten Unternehmen erkennbar.
(2) Grenzüberschreitende Patente. Patentanalysen sind ein weiteres Instrument der Messung grenzüberschreitender technologischer Verflechtungen. Cantwell (1992) und Patel und Pavitt (1992) berichteten in diesem Zusammenhang beispielsweise, dass nur 10 % aller von internationalen Unternehmen in den USA registrierten Patente von ausländischen Tochterunternehmen und Zweigwerken angemeldet wurden. Die Forschungsaktivitäten und Patentanmeldungen multinationaler Unternehmen aus den USA, Japan, Deutschland, Frankreich und Italien sind zudem fast ausschließlich auf die Triade konzentriert (Patel 1995). Im Jahr 2007 befanden sich durchschnittlich 15 % aller in den OECD-Staaten angemeldeten Patente im Eigentum oder Miteigentum ausländischer Organisationen (OECD 2010). Insgesamt sind die technologischen Aktivitäten großer Unternehmen immer noch verhältnismäßig stark auf ihr Stammland orientiert (Cooke und Morgan 1998, Kap. 1; Zanfei 2000). Hierin drückt sich die besondere Bedeutung der dort vorhandenen technologischen Kompetenz für die internationale Wettbewerbsfähigkeit aus.
(3) Formen der technologischen Zusammenarbeit. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten des organisierten Transfers von Technologien über nationale Grenzen hinweg. Die Formen reichen vom gegenseitigen Austausch von Lizenzrechten bis hin zur Einrichtung gemeinsamer FuE-Labors in joint ventures oder strategischen Allianzen. Die Anzahl ausländischer Unternehmensbündnisse zum Austausch von Technologien ist in kleinen Volkswirtschaften besonders hoch, da für diese auch der Außenhandel eine größere Rolle spielt. Während bis Ende der 1980er-Jahre die Zahl von technologischen Kooperationen in der Triade nahezu konstant blieb, stieg sie in den Jahren bis 1994/1996 stark an (OECD 1999 a). Die Betrachtung auf der Ebene der Triade verdeutlicht, dass internationale technologische Verflechtungen während der 1990er-Jahre zumindest in Europa und Japan sukzessive an Bedeutung gewannen. Dennoch lässt sich ein zunehmender Trend der internationalen Zusammenarbeit im Bereich wissenschaftlicher Forschung und Entwicklung feststellen. So wächst die Zahl internationaler Ko-Autoren in wissenschaftlichen Publikationen der Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie der Medizin stetig an, während die Zahl der Veröffentlichungen von Einzelautoren abnimmt (OECD 2010) (→ Abb. 4.18).

Abb. 4.18 Wachstum der Anzahl internationaler Ko-Autoren bei wissenschaftlichen Publikationen 1992 bis 2007 (nach OECD 2010, S. 127)
Auch wenn internationale Kapitalverflechtungen und technologische Verflechtungen weiter an Bedeutung gewinnen, ist die Geographie der wirtschaftlichen Globalisierung immer noch ungleich und stark auf die Triade (Kleinknecht und Wengel 1998) sowie zunehmend auch auf die großen Schwellenökonomien Brasilien, Russland, Indien und China (sog. BRIC-Staaten) konzentriert. Allein die Analyse derartiger Verflechtungsstatistiken erzeugt jedoch nur ein begrenztes Verständnis der zugrunde liegenden Prozesse, deren Träger nicht in erster Linie die Nationalstaaten, sondern vor allem mächtige multinationale Unternehmen mit ihren Strategien sind. Das Wachstum von intra- und intersektoralem sowie unternehmensinternem Handel sagt zwar etwas darüber aus, wie sehr der grenzüberschreitende Transfer und die internationale Arbeitsteilung in globalen Wertketten zunehmen. Die Zunahme der ADI und des internationalen Handels allein bedingt jedoch noch keine fortschreitende ökonomische Integration der Weltwirtschaft (Schamp 2000 b, Kap. 2.3). Über die qualitativen Hintergründe des Austauschs geben Statistiken keine eindeutige Auskunft (Storper 1997 b, Kap. 7; 1997 c). So ist es beispielsweise schwierig, zunehmende Kapitalverflechtungen durch ausländische Direktinvestitionen zu interpretieren. Einerseits deuten sie darauf hin, dass Unternehmen eine intensive globale Organisation der Produktion anstreben und somit der unternehmensinterne Handel von Zwischen- und Endprodukten sowie der Transfer von Technologien und Wissen ansteigen. Andererseits können sie ebenso Ausgangspunkt dafür sein, dass der Außenhandel langfristig durch die umfassende Präsenz in den nationalen Märkten reduziert wird. Eine Verdichtung von Standortnetzen, die sich womöglich in der Zunahme von ADI ausdrückt, kann folglich auch eine Verringerung der Handelsverflechtungen bewirken.
Letztlich führen selektive und zugleich intensivierte Verflechtungen und Beziehungen zu neuen sich verstärkenden Disparitäten auf globaler Ebene, die auch auf regionale Ungleichheiten rückwirken und betreffende Prozesse entweder überlagern oder beschleunigen. Um die Grundlagen derartiger ungleicher Standortverteilungen zu verstehen, werden in Teil II des Buchs nachfolgend Ansätze der Raumwirtschaftslehre kritisch diskutiert. Kapitel 5 und 6 befassen sich entsprechend mit der Erklärung von Standortstrukturen auf der Ebene der Unternehmen, deren Ansiedlungsentscheidungen letztlich die Ursachen für regionale Ballungs- und Entleerungsprozesse und somit auch für regionale Disparitäten darstellen.
Teil 2: Ansätze und Grenzen der Raumwirtschaftslehre

5Im Denken räumlicher Ordnung und Hierarchie
5.1Lagerentenprinzip, Transportkostenprimat und landwirtschaftliche Landnutzung
Um das Nebeneinander von geographischer Ballung und Entleerung zu verstehen, ist es notwendig, die Kalküle von Individuen und Unternehmen zu untersuchen, die letztlich Ursachen von Standort- und Landnutzungsentscheidungen sind. Dies steht im Fokus der nächsten beiden Kapitel, wobei in traditioneller Form die Standortwahl zunächst getrennt für den primären, sekundären und tertiären Sektor dargestellt wird. In Kapitel 5 werden die landwirtschaftliche und städtische Landnutzung und die daraus resultierende räumliche Ordnung und Hierarchie untersucht, bevor in Kapitel 6 Regelmäßigkeiten der industriellen Standortwahl im Fokus stehen. Die dargestellten Ansätze der Landnutzungs- und Standorttheorie sind zentrale Bestandteile der Raumwirtschaftslehre. Es handelt sich hierbei um traditionell-statische Theoriegebäude, die räumliche Beziehungen durch ökonomische Distanzvariablen abbilden. Große Bedeutung besitzen in diesen Ansätzen die Transportkosten, deren Einbeziehung den zentralen Unterschied zu konventionellen ökonomischen Modellformulierungen ausmacht.
Die landwirtschaftliche Landnutzungslehre geht auf Untersuchungen des Nationalökonomen von Thünen Anfang des 19. Jahrhunderts zurück (von Thünen 1875, Kap. 1). In seiner Arbeit über den sogenannten isolierten Staat legte er modellhaft dar, wie die räumliche Anordnung der landwirtschaftlichen Produktion und deren Intensität räumlich variieren. Seine Vorgehensweise war induktiv und deduktiv zugleich. Ausgangspunkt seiner Arbeit waren Beobachtungen und das Erkennen empirischer Regelmäßigkeiten auf seinem Gut Tellow in Mecklenburg. Dort nahm von Thünen für die ihm bekannten Agrarerzeugnisse und Bodennutzungssysteme genaue Kosten- und Ertragsberechnungen vor. Die darauf folgende Ableitung allgemeiner Aussagen erfolgte ausgehend von bestimmten Grundannahmen deduktiv.
5.1.1Bodenrente und Lagerente
Im landwirtschaftlichen Sektor ist der Standort eines Betriebs meist vorgegeben. Einerseits gibt es natürliche Bedingungen, wie z. B. klimatische Verhältnisse und Bodenqualität, die eine Standortgunst oder -ungunst implizieren. Andererseits sind die Standorte historisch vorgegeben. Sie resultieren aus gesellschaftlichen Verteilungs- und Inwertsetzungsprozessen und werden von Generation zu Generation vererbt. Interessanter als die Frage nach dem Standort einer vorgegebenen Nutzung ist deshalb die Frage nach der konkreten Landnutzung an dem vorgegebenen Standort und der Organisation der landwirtschaftlichen Produktion. So ist zu beobachten, dass trotz der durch Klima, Boden und andere Umweltbedingungen bedingten Standortgunst Landwirte eine gewisse Wahlfreiheit haben, welche Produkte sie erzeugen. Beobachtungen zeigen, dass diese Wahl stark von gesellschaftlichen Traditionen und Bedürfnissen und damit auch von der Nachfrage geprägt wird.
In Modellen wird normalerweise davon ausgegangen, dass die Landnutzung unter bestimmten physischen Gegebenheiten so erfolgt, dass ein maximaler Gewinn pro Flächeneinheit erzielt wird. Der Mechanismus, der dabei die konkrete Art der Landnutzung koordiniert, heißt Bodenrente (Dicken und Lloyd 1990, Kap. 1; Yeates 1990, Kap. 5). Nach Chisholm (1970, S. 22 und 24) lässt sich die Bodenrente wie folgt definieren: „[. . .] the economic rent of a particular piece of land is the return that can be obtained above that which can be got from the land which is at the margin of economic cultivation.“ Die Bodenrente ist also der Mehrgewinn pro Flächeneinheit einer landwirtschaftlich genutzten Fläche gegenüber einer anderen Fläche identischer Größe auf einem sogenannten Grenzertragsboden, d. h. einem Boden, auf dem die Erträge gerade noch eine kostendeckende Produktion erlauben.
Ricardos Konzept der Differentialrente erfasst denjenigen Teil der Bodenrente, der allein auf die höhere Bodenqualität zurückzuführen ist (Marshall 1990 [1920], IV. Buch, Kap. III).
Von Thünens (1875) Konzept der Lagerente berücksichtigt demgegenüber, dass die Bodenrente systematisch nicht nur mit der Bodenqualität, sondern auch mit der Entfernung zum Markt variiert. Unter der Lagerente versteht man ceteris paribus (also unter sonst gleichen Bedingungen) den Mehrgewinn einer landwirtschaftlich genutzten Fläche aufgrund der geringeren Entfernung zum Markt im Vergleich zu einer anderen gleich großen Fläche, die so weit vom Markt entfernt ist, dass die höheren Transportkosten den Nettoerlös vollständig aufbrauchen. In der Lagerente spiegeln sich vor allem die mit der Lage zum Markt variierenden Transportkosten (pro bewirtschafteter Flächeneinheit) wider.
5.1.2Prinzipien des isolierten Staats
Von Thünen (1875) stellte die Lagerente in das Zentrum seiner Überlegungen und analysierte, wie die Art und Intensität der Landnutzung mit der Entfernung zum Markt variiert. In seinen systematischen Überlegungen ging er von einer Vielzahl von Grundannahmen aus, von denen im Folgenden die wichtigsten genannt sind (Waibel 1933 b; Schätzl 1998, Kap. 2.1.2):
(1) Natürliche Gegebenheiten. Der isolierte Staat wird als kreisrunde und von der Außenwelt abgeschnittene homogene Fläche angenommen. Die Homogenität bezieht sich auf die Gleichheit von Boden, Klima und Relief sowie auf alle weiteren, nicht spezifisch berücksichtigten Faktoren. So wird z. B. von der Abwesenheit schiffbarer Gewässer ausgegangen.
(2) Technische Gegebenheiten. Neben der Homogenität natürlicher Faktoren wird ferner eine Gleichheit von Bewirtschaftungs- und Verkehrstechnologien angenommen. Da es noch keine Eisenbahn gibt, werden Pferdefuhrwerke eingesetzt. Somit ist die Frachtrate pro Gewichtseinheit und Kilometer überall identisch.
(3) Ökonomisch-räumliche Abstraktion. Als Markt fungiert eine große Stadt im Zentrum des isolierten Staats. Hier konzentriert sich auch der Industriesektor (Bergwerke und Salinen) und damit ein Großteil der mit landwirtschaftlichen Produkten zu versorgenden Bevölkerung. Die Landwirte beliefern die Bevölkerung dieser Stadt mit ihren Produkten. Dabei streben sie Gewinnmaximierung an. Ferner wird davon ausgegangen, dass alle landwirtschaftlichen Güter gleich groß sind.
Mittels der durch den Verkauf landwirtschaftlicher Produkte auf dem städtischen Markt erzielten Erlöse müssen die Landwirte aufgrund der getätigten Annahmen neben den Produktionskosten auch die Transportkosten zum Markt abdecken. Da die Transportkosten mit zunehmender Entfernung vom Markt ansteigen, müssen im isolierten Staat nach außen hin Produkte erzeugt werden, die im Verhältnis zu ihrem Wert geringe Transportkosten verursachen. Es sind dies Produkte mit niedrigen Transportkosten pro Flächeneinheit, relativ langer Haltbarkeit und leichter Transportierbarkeit. In der Folge entstehen um die Stadt im Zentrum des isolierten Staats konzentrische Ringe mit unterschiedlicher landwirtschaftlicher Nutzungsart und Nutzungsintensität (Chisholm 1970, Kap. 2; Berry et al. 1987, Kap. 9; Maier und Tödtling 1992, Kap. 6). Von Thünen (1875) identifizierte sechs derartige Landnutzungsringe bzw. Produktionszonen innerhalb des isolierten Staats (Waibel 1933 b), die sich in konzentrischen Kreisen um den Mittelpunkt anordnen (→ Abb. 5.1):
(1) Freie Wirtschaft. Hier dominiert der Gartenbau mit hohen Nettoerlösen pro Flächeneinheit. Die Verderblichkeit dieser Produkte ist ein weiterer Erklärungsgrund für die Marktnähe dieser Nutzungsform. Da der Boden hier aufgrund der unmittelbaren Marktnähe sehr wertvoll ist, ist zugleich die Intensität der Landnutzung sehr hoch, was sich in einem erhöhten Arbeitseinsatz ausdrückt.
(2) Forstwirtschaft. Die forstwirtschaftliche Nutzung ist im isolierten Staat durch relative Marktnähe gekennzeichnet, weil die Transportkosten pro Flächeneinheit unter den Transportbedingungen des 19. Jahrhunderts sehr hoch sind und die Transportierbarkeit erschwert ist.
(3) Fruchtwechselwirtschaft. Hierbei findet ein jährlicher Wechsel der angebauten Fruchtart im mehrjährigen Rhythmus ohne Bracheperiode statt. Durch den jährlichen Fruchtwechsel wird dem Boden die Möglichkeit zur Regeneration wichtiger Nährstoffe gegeben.
(4) Koppelwirtschaft. Hier existiert zusätzlich zur Fruchtwechselwirtschaft noch eine Bracheperiode.
(5) Dreifelderwirtschaft. Bei der Dreifelderwirtschaft wird in einem Drei-Jahres-Rhythmus zwischen Getreideanbau, Weidewirtschaft und Brache abgewechselt.
(6) Viehzucht. Dies ist die äußerste Nutzungszone des isolierten Staats, an die sich unkultivierte Wildnis anschließt.
Die Landnutzungsringe (3) bis (5) sind durch Getreideanbau gekennzeichnet. Der Hauptunterschied zwischen ihnen besteht darin, dass die Anbauintensität nach außen abnimmt.
Das Landnutzungsmuster innerhalb des isolierten Staats ändert sich mit der Variation der zugrunde gelegten Annahmen (Waibel 1933 b; Berry et al. 1987, Kap. 9). So kommt es durch die Einführung eines schiffbaren Flusses dazu, dass sich die Produktionszonen parallel zum Fluss linear anordnen (→ Abb. 5.1). Das liegt daran, dass die Kosten für Transporte auf dem Fluss deutlich geringer sind als für Transporte auf dem Landweg. Durch die Einbeziehung einer zweiten Kleinstadt in das Modell entsteht um den zusätzlichen Standort entsprechend eine eigenständige Landnutzungsstruktur. Wenn man weiterhin den Einfluss von Innovationen im Verkehrswesen, wie z. B. die Einführung der Eisenbahn, untersucht, so ergibt sich eine sukzessive Ausweitung des isolierten Staats, weil aus größer werdender Entfernung zu relativ geringen Kosten Produkte angeliefert werden können.
In der Arbeit von v. Thünen (1875) zeigen sich zwei Prinzipien der Herausbildung von Landnutzungszonen, die im Folgenden näher untersucht werden:
(1) Das Differentialprinzip besagt, dass es aufgrund der Lagerente zu einer räumlichen Differenzierung zwischen verschiedenen Kulturarten kommt.
(2) Nach dem Intensitätsprinzip entwickelt sich eine räumliche Sortierung innerhalb einer Kulturart nach Zonen mit unterschiedlicher Anbauintensität.
Differentialprinzip. In Marktnähe sind die Transportkosten niedrig und die Lagerente ist dementsprechend hoch. Anbauprodukte mit einem hohen Erlös pro Flächeneinheit können einen Standort in Marktnähe mit hoher Lagerente eher verkraften als solche mit geringem Erlös pro Flächeneinheit. Dieser Zusammenhang lässt sich für eine einzelne Anbaufrucht auch formal darstellen (→ Abb. 5.2). Die Lagerente kann anhand folgender Lagerentenformel berechnet werden:
| R | = (p – a) · E – f · d · E |
| wobei gilt: | |
| R | = Lagerente (Nettoerlös) pro Flächeneinheit (€/ha) |
| p | = Marktpreis pro Produkteinheit (€/Dz) |
| a | = Produktionskosten pro Produkteinheit (€/Dz) |
| E | = Ertrag pro Flächeneinheit (Dz/ha) |
| f | = Transportkosten pro Produkt- und Entfernungseinheit (€/[Dz · km]) |
| d | = Entfernung zum Markt (km) |
Die Lagerente wird demnach als Nettoerlös pro Flächeneinheit ermittelt und sinkt bei einem gegebenen Anbauprodukt mit wachsender Entfernung zum Markt. Bei nur einem einzigen betrachteten Produkt ergibt sich somit ein konzentrisches Anbaugebiet, dessen äußere Grenze sich dort befindet, wo die Transportkosten genauso hoch sind wie der Nettoerlös eines Landwirts, die Lagerente also gleich Null ist (Dicken und Lloyd 1990, Kap. 1). Die Lagerentenkurve sagt zugleich etwas über die Zahlungsbereitschaft für eine Flächeneinheit landwirtschaftlicher Nutzfläche und damit über den Bodenpreis aus. Ihre Steigung gibt an, wie viel ein Landwirt zu zahlen bereit wäre, um 1 km näher am Markt produzieren zu können.
Auch unter Berücksichtigung mehrerer Anbauprodukte ergibt sich eine konzentrische Landnutzung, wie das folgende hypothetische Beispiel mit den Produkten (Frisch-)Gemüse, Kartoffeln und Roggen zeigt (→ Abb. 5.3). Bei Gemüse sind im Vergleich zu Kartoffeln die Nettoerlöse pro Flächeneinheit größer. Zugleich sind auch die Transportkosten pro Flächeneinheit und Kilometer relativ hoch. Aus diesem Grund besitzt die Lagerentenkurve für Gemüse einen steileren Verlauf und einen größeren Achsendurchgang als die Lagerentenkurve für Kartoffeln. Wenn man entsprechend Roggen als drittes Anbauprodukt in die Überlegungen mit einbezieht, so ergibt sich ein Lagerentendiagramm mit drei Lagerentenkurven. Entsprechend der Schnittpunkte der Kurven ergeben sich drei konzentrische Anbauzonen. Der erste Anbauring ist durch Gemüseanbau als alleinige Landnutzungsform gekennzeichnet, weil damit in diesem Bereich die höchste Lagerente erwirtschaftet wird. Ein Landwirt wäre hier durch Gemüseanbau in der Lage, im Vergleich zu alternativen Nutzungen einen höheren Bodenpreis zu zahlen. Die weiteren Anbauzonen ergeben sich entsprechend.
Dass die Lagerente zugleich ein wichtiger Bestimmungsfaktor des Bodenpreises ist (Alonso 1960), zeigt sich, wenn man von einer Situation ausgeht, in der Landwirte jedes Jahr das bewirtschaftete Land von Landbesitzern pachten müssen. Diese Situation kann man z. B. in den USA vorfinden. Unter Wettbewerbsbedingungen wäre ein Landwirt in der Lage, einen umso höheren Pachtpreis zu bezahlen, je näher sein Standort am Markt liegt und je höher der Nettoerlös pro Flächeneinheit ist, den er mit einer bestimmten Landnutzung erzielt. Der Pachtpreis wäre also direkt abhängig von der Lagerente. Durch gewinnmaximierendes Verhalten würde unter diesen Bedingungen ein räumliches Gleichgewicht der Landnutzung resultieren, bei dem überall derselbe Gewinn pro Flächeneinheit erzielt würde (Dicken und Lloyd 1990, Kap. 1).
Intensitätsprinzip. Dieses Prinzip besagt, dass es auch innerhalb einer Kulturart zu einer räumlichen Differenzierung kommt. So gibt es im isolierten Staat drei aufeinanderfolgende Getreideringe (→ Abb. 5.1 und 5.4), innerhalb der die Transportkosten ebenfalls mit der Entfernung vom Markt variieren. Mit abnehmender Entfernung vom Markt steigt die Lagerente ceteris paribus an. Um einen Standort näher am Markt zu erhalten, müsste ein Landwirt somit einen höheren Bodenpreis oder eine höhere Pacht bezahlen. Eine Möglichkeit dies zu erreichen, besteht darin, die höheren Bodenpreise bzw. Pachtkosten durch eine größere Arbeitsintensität zu kompensieren und somit den Nettoerlös je Flächeneinheit zu steigern. Dies führt dazu, dass innerhalb eines Anbaurings die Nutzungsintensität in relativer Marktnähe besonders hoch ist. Somit resultiert eine räumliche Sortierung nach Intensitätszonen (Chisholm 1970, Kap. 2; Berry et al. 1987, Kap. 9). Bei den Getreideringen im isolierten Staat nimmt der Bracheanteil mit größerer Entfernung vom Marktzentrum sukzessive zu und damit die Arbeitsintensität ab.

Abb. 5.1 Landnutzungszonen in v. Thünens isoliertem Staat und deren Wandel durch Einbeziehung eines schiffbaren Flusses (nach Waibel 1933 b, S. 28 und 50)

Abb. 5.2 Prinzip der Lagerente bei einem Anbauprodukt (nach Schätzl 1998, S. 62)

Abb. 5.3 Räumliche Sortierung der Landnutzung aufgrund des Differentialprinzips der Lagerente

Abb. 5.4 Räumliche Sortierung der Landnutzung aufgrund des Intensitätsprinzips der Lagerente
5.1.3Von Thünen’sche Ringe verschiedener Maßstabsebenen
Von Thünen’sche Ringe kleiner bzw. kleinster Ordnung sind solche, die um eine Siedlung oder einen landwirtschaftlichen Betrieb entstehen. So lässt sich bei einem landwirtschaftlichen Betrieb anhand des Arbeits- und Düngemitteleinsatzes zeigen, dass die Arbeitsintensität mit zunehmender Entfernung vom Hof geringer wird. Müller-Wille (1936) wies am Beispiel der Ackerfluren im Birkenfelder Land nach, dass landwirtschaftliche Flächen mit zunehmender Entfernung vom Dorfkern immer extensiver bewirtschaftet werden. In Hofnähe überwogen eher Garten- und Ackerbau, in größerer Entfernung hingegen Getreideanbau sowie Weidewirtschaft. Chisholm (1970, Kap. 4) konnte am Beispiel der sizilianischen Agrostadt Canicatti und Stamer (1995) für Hamburg v. Thünen’sche Ringe um eine städtische Siedlung darstellen. Noch in den 1960er-Jahren erkannte Blaikie (1971), wenn auch mit gewissen Abweichungen von v. Thünens Modell, die Existenz konzentrischer Anbauringe um städtische Zentren in Indien.
Bei Anbauringen mittlerer Ordnung handelt es sich um Ringe, die sich um einen regionalen Markt herausbilden. Müller-Wille (1952) belegte die Existenz derartiger Produktionszonen in seiner Arbeit über Westfalen schon für die Periode um 1800 (Giese 1995). Er erkannte zugleich, dass die Bedeutung von Transportkosten im Zeitablauf durch die Einführung neuer Verkehrstechnologien zunehmend geringer und dadurch die ringförmige Struktur der Landnutzung überformt wurde. Die Versorgungsräume weiteten sich aus und Transportkosten verloren zumindest teilweise ihren Einfluss als raumdifferenzierende Größe. Infolge derartiger Veränderungen bildeten sich im 20. Jahrhundert um das Ruhrgebiet als Regionalmarkt drei große Produktionssektoren: Viehsektor, Waldsektor und Anbausektor. Trotz dieser sektoralen Anordnung stellte Müller-Wille (1952) fest, dass die Nutzungsintensität um 1940 mit abnehmender Entfernung vom Ruhrgebiet größer wurde und sich somit eine Ringbildung nach dem Intensitätsprinzip andeutete (→ Abb. 5.5 a).
Von Thünen’sche Ringe größter Ordnung auf nationaler bzw. supranationaler Ebene haben beispielsweise van Valkenburg und Held (1952) für Europa ermittelt. Die Autoren betrachteten Südostengland, Nordfrankreich, Benelux und Norddeutschland als großes Verdichtungsgebiet in Europa, das mit Agrarprodukten zu versorgen war und einen riesigen Absatzmarkt darstellte (Chisholm 1970, Kap. 5; Giese 1995). Das von Thünen’sche Intensitätsprinzip spiegelte sich in ihrer Karte der Bodennutzungsintensitäten um 1950 wider (→ Abb. 5.5 b). Die Autoren ermittelten dazu die Hektarerträge für die Nutzpflanzen Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben und Heu. Die durchschnittlichen Erträge wurden indexiert und gleich 100 gesetzt. Die in den verschiedenen Regionen festgestellten Abweichungen wurden zu einem Gesamtindex über alle Nutzpflanzen hinweg zusammengefasst. Die sich daraus ergebende Karte der Nutzungsintensität bestätigt das von Thünen’sche Prinzip insofern, als die Indexwerte in der Nähe des Verdichtungsraums mit Werten bis 180 am höchsten lagen und nach außen hin in allen Richtungen auf Werte unter 100 abfielen. Die Untersuchung von van Valkenburg und Held (1952) weist allerdings zahlreiche methodische Probleme auf und ist deshalb mit Vorsicht zu behandeln. So sagen die verwendeten Hektarerträge nicht unbedingt etwas über Nutzungsintensitäten oder Produktivitäten aus. Von Mitteleuropa beispielsweise verschlechtern sich die landwirtschaftlichen Anbaubedingungen nach außen hin in alle Richtungen: zunehmende Kontinentalität im Osten, Kälte im Norden und Trockenheit im Süden. Insofern mag die Darstellung der Hektarerträge vor allem ein Ausdruck der natürlichen Anbaubedingungen sein.

Abb. 5.5 Nachweis von Thünen’scher Ringe a) mittlerer und b) größter Ordnung (nach Giese 1995, S. 32 und 35)
5.1.4Kritische Würdigung des isolierten Staats
Die kritische Auseinandersetzung mit dem isolierten Staat lässt schnell erkennen, dass der Erklärungsgehalt des Modells in heutiger Zeit nur noch gering ist. Die häufigste Kritik setzt an den unzureichenden Modellannahmen an (Schätzl 1998, Kap. 2.1.2).
(1) Unrealistische Homogenitätsannahmen und statische Betrachtung. Besonders problematisch sind die Annahmen über homogene Produktionstechnologien und die Nichteinbeziehung neuer Verkehrstechnologien. So wird der Einfluss der Lagerente mit neuen Verkehrstechnologien immer geringer. Durch preiswertere und schnellere Transportmöglichkeiten kommt es nicht mehr zur Herausbildung konzentrischer Anbauringe.
(2) Umkehrung der von Thünen’schen Ringe. Sinclair (1967) kritisiert, dass die Analyse von Thünens primär auf Transportkostenüberlegungen basiert. Er entwickelt ein Alternativmodell, das zu einer Umkehr der von Thünen’schen Ringe führt (→ Abb. 5.6). Er geht davon aus, dass die städtische Expansion ins Umland wichtigen Einfluss auf die Bodenrente hat. Da städtische Nutzungen (auch solche in Zentrumsferne) generell eine höhere Bodenrente erzielen als landwirtschaftliche Nutzungen (selbst solche in relativer Marktnähe), kommt es zu einer Umkehr der von Thünen’schen Ringe landwirtschaftlicher Nutzungsintensität, wenn sich städtische Nutzungen ins Umland ausdehnen (Dicken und Lloyd 1990, Kap. 1; Giese 1995): Da der Boden im städtischen Umland von einer möglichen Umnutzung betroffen ist, wenn die Stadt expandiert, investieren die dort ansässigen Landwirte nicht mehr viel Kapital und Arbeit in ihre Produktion. In Erwartung einer Ausweitung städtischer Nutzungen hat der Boden in Zentrumsnähe für landwirtschaftliche Nutzungen deshalb einen relativ geringen Wert und wird extensiv bewirtschaftet. Hingegen steigt die landwirtschaftliche Bodenrente mit etwas größerer Distanz vom städtischen Einflussbereich wieder an, weil die Überführung in städtische Nutzungen hier nicht absehbar ist.

Abb. 5.6 Umkehrung der von Thünen’schen Ringe (nach Sinclair 1967, S. 80)
(3) Durchbrechung der von Thünen’schen Ringe durch soziale Prozesse. Besonders großen Einfluss auf die Art der Landnutzung haben soziale Strukturen, Traditionen und Prozesse. Sie führen dazu, dass von Thünen’sche Ringe in der aktuellen Landnutzung kaum mehr sichtbar sind. So gibt es z. B. beim Hopfen- und Weinbau kleinräumige Anbauspezialisierungen, die das sozioökonomische Gefüge der betreffenden Regionen stark prägen (Healey und Ilvery 1990, Kap. 11; Klohn 1993). Solche Spezialisierungen sind durch Transportkostenminimierung und klimatische Gunstfaktoren allein nicht zu erklären. Sie sind vielmehr das Ergebnis regionsspezifischer Entwicklungspfade, die ökonomische Prozesse in die regionalen gesellschaftlichen Strukturen einbinden. Ebenso bieten weder die von Thünen’schen Ringe noch klimatische Gunstfaktoren und geringe Arbeitskosten eine ausreichende Erklärung dafür, dass in lateinamerikanischen und afrikanischen Regionen Zierpflanzen für den Weltmarkt angebaut werden (Stamm et al. 1995; Schubert 2004).
Hartke (1956) zeigte schon frühzeitig am Beispiel des Phänomens der Sozialbrache, wie eine Durchbrechung der von Thünen’schen Ringe durch soziale Prozesse möglich ist. Er erkannte das Phänomen der Sozialbrache in Gebieten von Hessen, dem Saarland und Baden-Württemberg. Dies war insofern überraschend, als man in den betreffenden Regionen aufgrund ihrer relativen Marktnähe eine intensive Landnutzung erwartet hätte. Hartke (1956) erklärte das Phänomen der Sozialbrache als eines, das durch das Erbrecht, die Realerbteilung, und die damit verbundenen Sozialstrukturen verursacht wurde. Bei der Realerbteilung wurden landwirtschaftliche Nutzflächen pro Betrieb von Generation zu Generation immer kleiner. Das funktionierte so lange, bis die einzelnen Besitzgrößen so klein waren, dass es nicht mehr produktiv war, landwirtschaftlich zu arbeiten. In der Folge fielen große Gebiete brach.
Obwohl das Modell und die konkreten Ergebnisse bereits frühzeitig kritisiert wurden, behielt die durch von Thünen (1875) beschriebene methodische Vorgehensweise der isolierten Abstraktion eine große Bedeutung. Die Vorgehensweise diente als Vorbild für viele Arbeiten der wirtschaftsgeographischen Standortlehre und wurde z. B. auch auf den städtischen Bodenmarkt übertragen. Von Thünens Ansatz, Transportkosten als Indikator ökonomischer Beziehungen im Raum zu verwenden und daraus räumliche Differenzierungen abzuleiten, wurde zu einer konstitutiven Methode der Raumwirtschaftslehre und hat noch heute eine didaktische Bedeutung für das Verständnis des Einflusses wirtschaftlicher Prozesse auf räumliche Strukturen.
5.2Übertragung des Lagerentenprinzips auf den städtischen Bodenmarkt
Das von v. Thünen entwickelte Modell der Lagerente und seine Wirkung auf die Landnutzung wurde von Alonso (1960; 1964) auf den städtischen Bodenmarkt übertragen. Analog zu von Thünen versuchte Alonso (1960), Unterschiede in der Landnutzung durch das Wechselspiel von Lagerente und Transportkosten zu erklären. Ausgangspunkt war hierbei die Überlegung, dass sich menschliche Bedürfnisse als städtische Nutzungsansprüche ausdrücken lassen und dass diese auf das Stadtzentrum hin ausgerichtet sind. Entsprechend der Nutzungsansprüche entsteht somit ein Flächenbedarf für Büro- und Geschäftsraum, Wohnraum, Bildungs-, Versorgungs- und Erholungseinrichtungen sowie für Verkehrsinfrastruktur (Giese 1978; 1995). Die Orientierung der Nutzungsansprüche auf das Zentrum ließ sich dadurch rechtfertigen, dass durch eine Ballung von Funktionen im Zentrum einer Stadt (dem klassischen Marktplatz) die Minimierung der ökonomischen Distanzen bei der Bedürfnisbefriedigung angenommen wurde.
5.2.1Prinzipien der städtischen Landnutzungslehre
Anhand empirischer Untersuchungen in nordamerikanischen Städten ermittelte Alonso (1960; 1964) ein deutliches Bodenpreisgefälle zwischen Stadtzentrum und Stadtrand. Besonders drastisch war der Preisabfall vom central business district (CBD), dem innerstädtischen Geschäftszentrum, in die direkt angrenzenden Gebiete. Dies ließ sich damit begründen, dass der CBD für alle konkurrierenden Nutzungsformen ein wünschenswerter Standort im Zentrum mit geringstmöglichen Transportkosten war. Durch die Anwendung des von Thünen’schen Modells der Lagerente auf den städtischen Bodenmarkt ließen sich deshalb analog zum isolierten Staat konzentrische Landnutzungszonen innerhalb von Städten ableiten (Heineberg 1989, Kap. 3; Krätke 1995 b, Kap. 8). Hierbei sind zwei Prinzipien der Landnutzungsdifferenzierung zu unterscheiden: das Differential- und das Intensitätsprinzip.
Differentialprinzip. Beim Differentialprinzip kommt es aufgrund der Lagerente zu einer räumlichen Differenzierung nach verschiedenen städtischen Landnutzungsarten in Form konzentrischer Ringe (Dicken und Lloyd 1990, Kap. 1; Yeates 1990, Kap. 5). Dies lässt sich an einem Beispiel mit vier Landnutzungen demonstrieren, die aufeinanderfolgende Landnutzungsringe bilden: Büro- und Geschäftsraum, Industrie, Wohnraum und Landwirtschaft (→ Abb. 5.7). Je näher ein Standort am Zentrum liegt, desto geringer sind die entstehenden Transportkosten und desto höher ist die Lagerente. Dies gilt für jede Art der Landnutzung – jedoch in unterschiedlichem Ausmaß. So haben die Büro- und Geschäftsraumnutzung die größten Gewinnerwartungen pro Flächeneinheit, so dass deshalb die höchsten Bodenpreise für ein zentrumsnahes Grundstück gezahlt werden können. Mit zunehmender Entfernung vom Stadtzentrum erzielen demgegenüber andere Arten der Landnutzung eine höhere Lagerente pro Flächeneinheit und sind entsprechend in der Lage, erfolgreich gegen alternative Nutzungsformen zu konkurrieren. Insgesamt entstehen konzentrische Landnutzungszonen, wobei im Außenbereich Wohnraumnutzung und landwirtschaftliche Nutzungen angesiedelt sind. Hierbei wird unterstellt, dass die Wohnbevölkerung sich im Stadtzentrum versorgt, sodass die Menschen ins Zentrum pendeln und landwirtschaftliche Produkte ebenfalls hierhin geliefert werden.

Abb. 5.7 Städtische Landnutzungszonen aufgrund des Differentialprinzips der Lagerente
Intensitätsprinzip. Auch das von Thünen’sche Intensitätsprinzip lässt sich auf den städtischen Bodenmarkt übertragen: Einerseits kommt es zu einer Differenzierung der Bebauung nach der Bebauungshöhe und andererseits zu einer räumlichen Sortierung innerhalb einer Nutzungsform nach der Bebauungsdichte. Dieser Zusammenhang wurde schon in der Arbeit von Kohl (1841) angedeutet.
(1) Nutzungszonen unterschiedlicher Bebauungshöhe. Da mit zunehmender Nähe zum Zentrum die Transportkosten sinken und die Lagerente sich erhöht, steigen die Bodenpreise in Zentrumsnähe an. Eine Strategie, um höhere Bodenpreise in Zentrumsnähe bezahlen zu können, besteht darin, die Bebauungshöhe zu steigern, um damit eine größere Nutzungsintensität, d. h. höhere Nettoerlöse pro Flächeneinheit, zu ermöglichen (Carter 1972). Dadurch kommt es zu einer gewissen Korrelation zwischen Bodenpreisen und Bebauungshöhe. Dies zeigt sich besonders deutlich am idealisierten Aufriss einer nordamerikanischen Stadt, wenn man die Hochhausbebauung im Stadtzentrum betrachtet (→ Abb. 5.8).

Abb. 5.8 Wirkungsweise des Intensitätsprinzips in Carters Stadtmodell der vertikalen und horizontalen Nutzungsverteilung (nach Heineberg 1989, S. 15)
(2) Nutzungszonen unterschiedlicher Bebauungsdichte. Am Beispiel der Wohnraumnutzung lässt sich demonstrieren, wie das Intensitätsprinzip zu einer räumlichen Sortierung innerhalb einer Nutzungsart nach der Bebauungsdichte führt (Giese 1978; 1995). Wenn man davon ausgeht, dass Personen mit geringem Einkommen bestrebt sind, in Zentrumsnähe zu wohnen, um Transportkosten beim Weg zur Arbeit und bei Versorgungsgängen zu sparen, ergibt sich folgende Differenzierung nach der Nutzungsintensität (→ Abb. 5.9 a): Um sich gegen andere Nutzungen in Zentrumsnähe durchsetzen zu können, müssen diese Personen höhere Mieten bezahlen. Die erhöhten Kosten werden nunmehr durch eine intensivere Flächennutzung kompensiert, sodass in Zentrumsnähe eine Wohnraumzone entsteht, in der sich Bevölkerungsgruppen mit geringeren Einkommen konzentrieren. Diese Zone ist durch eine intensivere Nutzung gekennzeichnet, was sich in einer größeren Bevölkerungsdichte, geringeren Wohnungsgrößen und der Dominanz von Mehrfamilienhäusern widerspiegelt. Demgegenüber sind Personen mit höherem Einkommen nicht auf einen Standort mit geringen Transportkosten in Zentrumsnähe angewiesen. Sie siedeln sich in größerer Entfernung zum Zentrum an, sodass ein zweiter Wohnraumring für Personen mit hohem Einkommen entsteht. Aufgrund der geringeren Bodenrente ist hier eine weniger intensive Bodennutzung möglich, sodass eine geringere Bevölkerungsdichte bei größeren Wohnungsgrößen und Eigenheimbebauung resultiert.

Abb. 5.9 Harveys Anwendung des Intensitätsprinzips der Lagerente unter a) Transportkosten- und b) Transportzeit-Überlegungen auf die städtische Landnutzung
5.2.2Kritische Würdigung der städtischen Landnutzungslehre
Ähnlich wie im Fall des von Thünen’schen Modells gibt es auch bei der Übertragung auf den städtischen Bodenmarkt eine Vielzahl von Kritikpunkten, von denen die wichtigsten im Folgenden dargestellt sind.
Annahme eines freien Bodenmarkts. Als analytisches Element für seine Analyse verwendet Alonso (1960) Bodenpreisfunktionen, die auf der Annahme reiner Marktpreise beruhen. Die Annahme eines freien Bodenmarkts ist in der Realität aber insofern problematisch, als durch städtische Verordnungen über Landnutzungen, Bebauungsarten und -intensitäten sowie durch Nutzungseinschränkungen Marktprinzipien zumindest teilweise außer Kraft gesetzt werden (Giese 1995). Dennoch mögen die von Thünen’schen Prinzipien auf städtische Nutzungen eher anwendbar sein als auf landwirtschaftliche, weil städtische Grundstücke tatsächlich versteigert und verkauft werden, während die Besitzverhältnisse bei landwirtschaftlichen Betrieben zumeist historisch bestimmt sind und sich nur langsam ändern. Durch die Bauleitplanung wird der Bildung von kreisförmigen Nutzungszonen jedoch vielfach entgegengewirkt.
Zentrumsfixierung. Das Landnutzungsmodell nach Alonso geht von einer konzentrisch aufgebauten zentralisierten Stadt aus, in der alle Nutzungen auf das Zentrum hin ausgerichtet sind. Diese Annahme mag im von Thünen’schen Modell im Hinblick auf den Marktstandort für landwirtschaftliche Produkte gerechtfertigt sein. Jedoch ist die Annahme einer monozentralen Organisation der Stadt Ausdruck einer statischen und kontextfreien Sicht der urbanen Struktur. Für die Vielzahl der städtischen Nutzungen gilt diese Annahme heute nicht mehr, denn einerseits variiert die Zentrenstruktur einer Stadt je nach kulturellem Kontext und andererseits haben sich im Zuge der starken Urbanisierung während des 20. Jahrhunderts in vielen Städten neue multiple Kerne entwickelt. Die orientalische Stadt mit ihrer Fokussierung auf die Medina, die lateinamerikanische Stadt mit ihrer zentralen Orientierung auf die Plaza und auch die chinesische und nordamerikanische Stadt haben eine Evolution neuer Zentren erfahren und zeichnen sich heute durch eine polyzentrische Struktur aus (Yeates 1990; Bähr und Mertins 1992; Ehlers 1992; Taubmann 1992; Mertins und Müller 2000).
Durchbrechung der konzentrischen Landnutzungszonen durch mehrkernige Stadtstrukturen. Goldner (1968) hat gezeigt, dass die Bodenrente nicht monoton mit der Entfernung vom Stadtzentrum abnimmt, sondern dass in einer mehrkernigen Struktur auch außerhalb der zentralen Bereiche hohe Lagerenten möglich sind (→ Abb. 5.10). Mit dieser Feststellung wird das Prinzip aufgegeben, dass es im innerstädtischen Zentrum nur einen einzigen Bezugspunkt für Interaktionen in einer Stadt gibt (Heineberg 1989, Kap. 3). Goldner (1968) geht stattdessen davon aus, dass neben dem central business district auch Stadtteilzentren und shopping centers im Stadtbereich sowie Satellitenstädte mit Zentren im Außenbereich existieren. Da ein Teil der Einkaufsaktivitäten auf diese Nebenzentren gerichtet ist, fallen entsprechend der zurückzulegenden Entfernungen auch hier Transportkosten an. Es resultiert letztlich eine Lagerentenkurve mit mehreren Gipfeln und einer differenzierten, nicht mehr konzentrischen Anordnung von Landnutzungen.

Abb. 5.10 Durchbrechung der konzentrischen städtischen Landnutzung durch Einbeziehung von Subzentren nach Goldner (nach Heineberg 1989, S. 17)
Umkehrung der Ringbildung durch ein verändertes Distanzmaß. Wenn nicht die Transportkosten die entscheidende Variable sind, die eine räumliche Variation der Bodenrente bedingt, sondern die Transportzeit bzw. Fahrtdauer, so kann es zu einer Umkehrung der Landnutzungszonen kommen (→ Abb. 5.9 b). Dies lässt sich anhand des Modells der städtischen Wohnraumnutzung durch unterschiedliche Einkommensgruppen verdeutlichen. Wenn statt der Transportkosten die Transportzeit die entscheidende Variable für die Höhe der Bodenrente ist, so sind Personen mit hohem Einkommen bestrebt, ihren Wohnstandort in Zentrumsnähe zu wählen. Dadurch können sie hohe Einkommensverluste durch lange Transport- bzw. Fahrtzeiten vermeiden. Durch eine analoge Überlegung für Personen mit geringem Einkommen ergibt sich insgesamt eine gegenüber dem Intensitätsprinzip umgekehrte Zonierung: In Zentrumsnähe siedeln sich wohlhabendere Bevölkerungsgruppen an, während im Außenbereich Wohngebiete für Personen mit geringerem Einkommen entstehen.
Vernachlässigung sozialer und ökonomischer Prozesse. Ein generelles Problem der Modelle städtischer Landnutzung besteht darin, dass wichtige soziale und ökonomische Prozesse vernachlässigt werden, die großen Einfluss auf städtische Strukturen haben. Beispielsweise ist die Ballung hochwertiger wissensintensiver Dienstleistungen in Stadtzentren keineswegs die Folge einer Transportkostenminimierung (Illeris 1991; Marshall und Wood 1992; 1996, Kap. 9). Hier werden vielmehr spezifische Agglomerations- und Fühlungsvorteile wirksam, die durch die räumliche Nachbarschaft dieser Einrichtungen genutzt werden können. Durch räumliche Nähe können z. B. spezifische Informations- und Kommunikationsvorteile in Bezug auf Markttrends, das Verhalten von Konkurrenten und die Abstimmung mit Partnern realisiert werden (Glückler 2007 b). Für kreative Dienstleister bietet räumliche Nähe die Möglichkeit zu wiederholtem brainstorming und spontanen Begegnungen, um auf veränderte Konsumgewohnheiten einzugehen oder neue Designs und Trends zu kreieren. In diesem Segment der Dienstleistungen bestehen gehobene Kommunikationsbedürfnisse, die besonders gut im Stadtzentrum befriedigt werden.
Dass Transportkostenminimierung für städtische Nutzungen keineswegs ausschlaggebend ist, zeigt sich in nordamerikanischen Städten immer mehr daran, dass die Versorgungsdienstleistungen, insbesondere der Einzelhandel, aus den Stadtzentren in shopping centers im Außenbereich abwandern. Es ist deshalb auch nicht zwingend, dass hochwertige wissensintensive Dienstleistungen sich ausgerechnet im Stadtzentrum ballen. Eine evolutionäre, pfadabhängige Erklärung hilft dabei zu verstehen, warum in der Realität dennoch das Stadtzentrum häufig der bevorzugte Standort derartiger Dienstleistungen ist. So mögen ursprünglich andere Gründe dazu geführt haben, dass hochwertige wissensintensive Dienstleistungen ihren Standort im Zentrum gewählt haben. Später bewirken selbstverstärkende Prozesse eine weitere Ballung an diesen Standorten, sodass Stadtviertel wie etwa im Zentrum von Vancouver und San Francisco existieren, in denen eine überdurchschnittliche Ballung kreativer Dienstleister und bestimmter kultureller Szenen entstanden ist (Helbrecht 1998; Egan und Saxenian 1999). An vielen Beispielen lässt sich zeigen, wie Landnutzungen durch komplexe soziale Prozesse beeinflusst werden, die zu einer veränderten räumlichen Differenzierung und zu Spaltungen führen (Krätke 1995 b, Kap. 6) (→ Box 5-1).
Box 5-1: Soziale Prozesse und Landnutzung
(1) Städtische Brache und Slumbildung. Erfahrungen in US-amerikanischen Städten haben gezeigt, dass traditionelle innenstadtnahe Industriegebiete, die z. B. aufgrund von Umweltproblemen oder aus Platzmangel durch eine Abwanderung von Unternehmen geprägt waren, zunächst keine Folgenutzungen fanden (Chapman und Walker 1987, Kap. 12). Es kam zu flächendeckenden Brachen und in der Folge zu selektiven Verslumungsprozessen. Innenstadtnahe Flächen mögen deshalb entgegen dem auf Transportkostenüberlegungen basierenden Landnutzungsmodell durch geringe Bodenrenten gekennzeichnet sein.
(2) Soziale Distanz. Große soziale Distanzen, z. B. zwischen ethnischen Bevölkerungsschichten (etwa als Folge von Diskriminierungen), können zu sozialräumlichen Segregationsprozessen führen (Yeates 1990, Kap. 6). Dies kann zur Folge haben, dass z. B. Viertel mit weniger einkommensstarken Bevölkerungsgruppen in Innenstadtnähe und Viertel mit wohlhabenderen Bevölkerungsgruppen am Stadtrand entstehen. Ein Nutzungswandel von Vierteln durch neue Bevölkerungsgruppen ist dabei kaum durch Transportkostenüberlegungen zu erklären.
(3) Gentrification. Auch der Prozess der gentrification durch städtebauliche Aufwertung älterer Wohnquartiere kann eine sozialräumliche Segregation auslösen. Dies ist etwa der Fall, wenn die renovierten und modernisierten Wohnviertel für vorher ansässige Bevölkerungsgruppen zu teuer werden und somit einkommensschwache durch einkommensstarke Bevölkerungsgruppen verdrängt werden (Smith 1979; Zukin 1987; Dangschat 1988; Smith 1993; Friedrichs 1995, Kap. 7).
Dynamisierung des städtischen Landnutzungsmodells. Die vorstehenden Bemerkungen über soziale und ökonomische Prozesse zeigen bereits, dass eine evolutionäre, pfadabhängige Sichtweise der städtischen Landnutzung notwendig ist, um heutige Stadtstrukturen zu verstehen. Giese (1979; 1995) hat dies am Beispiel der Stadt Frankfurt am Main verdeutlicht und durch eine Dynamisierung des städtischen Landnutzungsmodells das Entstehen von Landnutzungskonflikten sichtbar gemacht. Er demonstriert, wie sozioökonomische Prozesse auf ökonomische Variablen wirken und damit gesellschaftliche Konflikte hervorrufen. So war das Westend in Frankfurt ursprünglich ein an die Innenstadt angrenzendes Wohngebiet, das durch die Expansion von Innenstadtfunktionen in den 1960er-Jahren überformt wurde (→ Abb. 5.11). Mit der Verknappung der verfügbaren Flächen in der Innenstadt expandierten zunehmend Funktionen in angrenzende Bereiche. Vorlaufer (1981) zeigte, dass dies vor allem entlang der Bockenheimer Landstraße und in das Westend hinein geschah.

Abb. 5.11 Expansion innerstädtischer Funktionen in angrenzende Wohnbereiche der Frankfurter Innenstadt in den 1960er-Jahren (nach Vorlaufer 1981, S. 117)
Diese Ausbreitung war nur möglich, weil die Stadt Frankfurt am Main durch ihre Bauleitplanung entsprechende Voraussetzungen schuf. Zwar gab es Bebauungspläne für das Westend, die die Nutzungsart und -intensität festlegten. Für den expandierenden Dienstleistungssektor wurden aber großzügig sogenannte Befreiungen von diesen Vorgaben ausgesprochen (Giese 1979). Dadurch drängte der Dienstleistungssektor verstärkt in das Frankfurter Westend, das aufgrund seiner Lagegunst, der Fühlungsvorteile und des guten Imagewerts zum attraktiven Gewerbestandort wurde. Es setzte eine starke Akquisitionstätigkeit von Grundstücken infolge erhöhter Ausnutzungserwartungen durch eine mehrgeschossige Bauweise ein, sodass die Bodenpreise schnell anstiegen. Bodenspekulanten kauften Grundstücke und Häuser auf und betrieben zum Teil eine bewusste Wertminderung des Wohnraums, um Abrissgenehmigungen zu erhalten. Der sich daraus formierende Widerstand der Wohnbevölkerung fiel mit den Studentenrevolten Ende der 1960er-Jahre zusammen und führte zu massiven, gewalttätigen Konflikten und Hausbesetzungen. Die Konfliktsituation entspannte sich erst, als später eine Übersättigung des Büroraummarkts eintrat und eine restriktivere Bauleitplanung einsetzte, was zu einem Nachlassen der Kauf- und Bautätigkeit im Westend führte.
Giese (1978) stellte diesen Prozess durch eine Dynamisierung des städtischen Landnutzungsmodells dar (→ Abb. 5.12). Demnach führten die veränderten Landnutzungsansprüche der 1960er-Jahre dazu, dass sich die Bodenpreisfunktion für Büroraumnutzung nach oben verschob. In einem Bodenpreis-Entfernungs-Diagramm lässt sich durch die Verschiebung des Schnittpunkts der Kurven für Wohnraum- und Büroraumnutzung der Bereich identifizieren, innerhalb dessen Umnutzungs- und Verdrängungsprozesse stattfanden, die Landnutzungskonflikte bewirkten.

Abb. 5.12 Bodenpreiskurven im Frankfurter Westend 1961/63 und 1968/70 zur Veranschaulichung des Entstehens von Landnutzungskonflikten (nach Giese 1995, S. 45)
5.2.3Stadtstruktur und Landnutzung
Vorstellungen über die Organisation städtischer Landnutzungen findet man auch in Modellen der Stadtstruktur, die teilweise ohne Kenntnis der von Thünen’schen Ringe und lange vor der Arbeit von Alonso (1960) über den städtischen Bodenmarkt entstanden. Es gibt insbesondere drei Stadtmodelle, die als Standard in Lehrbücher eingegangen sind, weil sie unterschiedliche Prinzipien des Stadtaufbaus repräsentieren (→ Abb. 5.13): das Ringmodell von Burgess (1925), das Sektormodell von Hoyt (1939) und das Mehrkernemodell von Harris und Ullman (1945). Alle drei Stadtmodelle entstammen der berühmten Chicagoer Schule der Sozialökologie (McKenzie 1925; 1926; Park et al. 1925), die die Theorieentwicklung im Kontext städtischer Strukturen nicht nur in der Geographie, sondern auch in der Soziologie, Ökonomie und Organisationstheorie nachhaltig beeinflusst hat. In Analogie zu ökologischen Prozessen in der Natur werden in dieser Schule menschliche Kollektive als Populationen und ihr Verhalten als Prozess der Umweltanpassung, Nischenbesetzung oder Verdrängung anderer Populationen aufgefasst (Hawley 1968). Im Kontext der Stadtökonomie wurde diese Perspektive auf städtische Nutzungen angewandt, um deren Position innerhalb der urbanen Gesamtstruktur beschreiben zu können. Durch den Einsatz multivariater quantitativer Verfahren bei der historischen Analyse der Stadtentwicklung in Nordamerika gelangte die Chicagoer Schule zu verschiedenen Stadtstrukturmodellen (Boustedt 1975, Kap. 6.4; Lichtenberger 1986, Kap. 2.2; Yeates 1990, Kap. 4; Ritter 1991, Kap. XIII):

Abb. 5.13 Generalisierte Modelle interner Stadtstrukturen (nach Chapman und Walker 1987, S. 236)
(1) Ringmodell. Das Ringmodell von Burgess (1925) entstand ohne Kenntnis der v. Thünen’schen Arbeiten, gelangte aber zu analogen Schlussfolgerungen über die räumliche Ordnung der städtischen Landnutzung (→ Abb. 5.13 a). Demnach entwickeln sich konzentrische Landnutzungszonen um den CBD. Das Modell entstand zu einer Zeit, als amerikanische Städte durch Einwanderungswellen schnell wuchsen. Neuankömmlinge siedelten sich zunächst in preiswerten Wohngebieten in Innenstadtnähe an. Durch sozialen Aufstieg erfolgte dann eine Wanderung in wohlhabendere Eigenheimgebiete am Stadtrand, wodurch die Stadt sukzessive nach außen expandierte. Angrenzend an den CBD war vor allem Leichtindustrie angesiedelt, wobei diese und die daran anschließende Zone mit Mietshäusern und Wohnfunktionen für Bezieher geringer Einkommen durchmischt war (Berry et al. 1987, Kap. 9). Beide Zonen bildeten eine Übergangszone mit hoher Mobilität und Dynamik. Daran schlossen sich nach außen Wohngebiete für mittlere und hohe Einkommen sowie die Vorstadt- und Pendlerzone an.
(2) Sektormodell. In dem Sektormodell von Hoyt (1939), das auf der empirischen Untersuchung sozioökonomischer Merkmale, wie etwa Hauspreisen und Einkommen, sowie der ethnischen Struktur in 142 nordamerikanischen Städten beruhte, wurde die Sichtweise einer Landnutzungsstruktur in Form konzentrischer Zonen aufgegeben (→ Abb. 5.13 b). Hoyt (1939) stellte fest, dass sich entlang der Hauptverkehrsstraßen um das Stadtzentrum Wohngebiete zu Sektoren anordneten und sich wie Keile zum Stadtrand hin ausbreiteten. Gewerbegebiete waren tendenziell ebenfalls sektoral entlang bestimmter Straßenzüge und Eisenbahnlinien angeordnet. Wie bei Burgess (1925) waren Bevölkerungsgruppen mit höheren Einkommen eher im Außen- und Personen mit niedrigeren Einkommen im Innenbereich angesiedelt, sodass sich auch in diesem Modell eine gewisse Ringbildung andeutete.
(3) Mehrkernemodell. Das Mehrkernemodell von Harris und Ullman (1945) brach vollständig mit der Vorstellung einer konzentrischen Stadtstruktur (→ Abb. 5.13 c). Stattdessen wurde die Entstehung einer mehrkernigen, zellularen Landnutzungsdifferenzierung hervorgehoben, wobei es z. B. durch ethnische Gruppierungen zu räumlicher Segregation kam.
Ein grundlegendes Problem dieser Stadtmodelle besteht darin, dass es sich hierbei im Wesentlichen um deskriptive Modelle handelt. Sie versuchen, die in der Realität beobachtbaren Stadtstrukturen allgemein zu beschreiben, wobei weniger die zugrunde liegenden ökonomischen und sozialen Prozesse im Vordergrund stehen als die beobachtbaren ökologischen Regelhaftigkeiten, wie z. B. Invasion und Fluktuation.
In der von der Chicagoer Schule ausgehenden stadtökologischen Forschung der 1960er- und 1970er-Jahre wurden umfangreiche statistische, insbesondere faktoranalytische Studien von Stadtstrukturen auf kleinräumiger Basis durchgeführt. Dabei erkannte man, dass sozioökonomische Merkmale eine sektorale Ordnung, Merkmale zum Stand im Familienzyklus eine ringförmige Ordnung und Merkmale zum ethnischen Status eine eher zellulare Ordnung bewirkten (Lichtenberger 1986, Kap. 2.2; Heineberg 1989, Kap. 4; Yeates 1990, Kap. 6). Allerdings gelang es auch diesen Untersuchungen nicht, die zugrunde liegenden Prozesse genau zu erfassen – auch weil die eingesetzten Methoden überbewertet und zu mechanisch eingesetzt wurden.
Insgesamt sind induktiv gewonnene Vorstellungen über städtische Zonierungen insofern problematisch, als sie nicht ohne weiteres auf andere Städte übertragbar sind. Erst recht ist eine Übertragung auf andere Gesellschaften zweifelhaft. So lassen sich auf den Stadtkern gerichtete, zentrierte Stadtbilder absolutistischen Vorstellungen städtischer Strukturen zuordnen, wie sie sich historisch in Europa entwickelten. Entsprechend waren die sozialen Umwälzungen in Südafrika gegen Ende des 20. Jahrhunderts ohne Pendant in europäischen Städten. Bähr und Jürgens (1993) haben demonstriert, dass durch den Übergang Südafrikas zu einem Post-Apartheid-System soziale und ökonomische Prozesse eintraten, die zu einer Durchmischung, Überlagerung und Verwischung der zuvor gesetzlich legitimierten Segregationsstrukturen führten. Sektoral-ringartige Landnutzungsstrukturen im Innenbereich wurden dadurch ausdifferenziert und zellulare Muster im Außenbereich verwischt.
5.3Optimale Versorgung im System zentraler Orte
In der Landnutzungslehre sind räumliche Ballungen wirtschaftlicher Akteure als Standorte von Menschen, Unternehmen und anderen Einrichtungen a priori vorgegeben. Es wird nicht hinterfragt, warum Städte existieren, wo sie ihren Standort haben und wie ein System von Städten konstituiert ist. Wichtiges Kennzeichen von Städten ist beispielsweise, dass durch eine Agglomeration von Einzelhandels- und sonstigen Versorgungseinrichtungen gekennzeichnet sind. Eine wichtige Frage besteht deshalb darin, herauszufinden, warum sich derartige Dienstleistungen in Städten ballen und nur in geringer Dichte oder gar nicht im Umland zu finden sind.
Bereits im 19. Jahrhundert beschäftigte sich Kohl (1841) mit Fragen der Siedlungsverteilung und der Verkehrssysteme. Christaller (1933) führte die Untersuchung dieser und ähnlicher Fragen in seiner Theorie der zentralen Orte entscheidend weiter, in der er Gesetzmäßigkeiten analysierte, die die Anzahl, Größe und Verteilung der Orte in einem größeren zusammenhängenden Gebiet beschreiben. Diese Arbeit griff Lösch (1944) in einer Studie über die räumliche Ordnung der Wirtschaft auf und versuchte, eine allgemeine Theorie der Marktnetze abzuleiten. Im Unterschied zu Christaller verwendete er hierbei eine spezifisch ökonomische Modellformulierung und leitete aus Modellannahmen sukzessive ein räumliches Gleichgewicht ab. Lösch (1944) fand durch seine Arbeit über Marktnetze auch in den USA viel Beachtung und machte dadurch auch Christallers Untersuchungen einem breiten Publikum zugänglich.
5.3.1Städtische Ballungen und zentrale Orte
Bereits in traditionellen Gesellschaften gab es Ballungen menschlicher Siedlungen. Diese erfüllten eine Schutzfunktion gegenüber Feinden, gestatteten eine effizientere Arbeitsteilung und erleichterten soziale und ökonomische Beziehungen (Hofmeister 1997). Im Zeitablauf entwickelte sich in einigen dieser Siedlungen in unterschiedlichem Maß eine Ballung von Versorgungseinrichtungen. Wären diese Einrichtungen nicht räumlich konzentriert, sondern dispers verteilt, so müssten die Bewohner der betreffenden Siedlungen und ihres Umlands zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse große Distanzen zurücklegen. Ballungen von Versorgungseinrichtungen in zentraler Lage sind also insofern vorteilhaft, als sie die zurückzulegenden Distanzen und damit die Kosten der Distanzüberwindung verringern.
Siedlungen, Orte und Städte, die sich aufgrund des Prinzips der Distanzminimierung bilden, werden im Folgenden zentrale Orte genannt (Christaller 1933, I. Teil Kap. A). Zentrale Orte enthalten zentrale Einrichtungen, die Anbieter zentraler Güter sind. Zentrale Einrichtungen sind Versorgungseinrichtungen wie Einzelhandelsgeschäfte, Arztpraxen, Universitäten, Kinos und viele andere Dienstleistungen und Verwaltungseinrichtungen. Da die Konzentration von Versorgungseinrichtungen in einem zentralen Ort gemessen an der Bevölkerungskonzentration überproportional ausgeprägt ist, gibt es einen darüber hinausgehenden Bereich, den der zentrale Ort mitversorgt: sein Umland. Nach Christaller (1933, I. Teil Kap. B) haben zentrale Orte aufgrund ihrer Ausstattung mit zentralen Gütern und Dienstleistungen einen Bedeutungsüberschuss gegenüber anderen Orten und bilden ein Umland aus (Heinritz 1979, Kap. 2; Giese 1996).
In der empirischen Umsetzung verwendete Christaller (1933, II. Teil Kap. A) die Ausstattung mit Telefonanschlüssen als Merkmal, um die Zentralität eines Ortes zu messen. Er ermittelte den Bedeutungsüberschuss eines Ortes, indem er die tatsächliche Anzahl von Telefonanschlüssen mit der hypothetischen Anzahl verglich, die sich bei einer Gleichverteilung der Anschlüsse im Gesamtraum ergeben hätte (Klöpper 1953 a). Die sogenannte Telefonmethode ist heute jedoch wenig hilfreich, da in vielen Ländern fast jeder Haushalt über einen eigenen Telefonanschluss verfügt.
In der Theorie der zentralen Orte wird der Prozess der Umlandbildung und der Entstehung eines hierarchischen räumlichen Ordnungssystems erklärt (Richardson 1978, Kap. 3; Heinritz 1985; Dicken und Lloyd 1990, Kap. 1; Ritter 1991, Kap. X; Maier und Tödtling 1992, Kap. 7; Blotevogel 1996 a). Sie beruht wie andere Theorien auf einer Reihe von Grundannahmen (Schätzl 1998, Kap. 2.1.2): So wird eine homogene Raumstruktur ohne natürliche Barrieren und eine gleich verteilte Bevölkerung unterstellt. Bei jeweils gleichen Bedürfnissen und Einkommen folgt daraus, dass die Nachfrage räumlich gleich verteilt ist. Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass Produzenten und Kunden vollständige Informationen besitzen und rational handeln. Demnach streben Produzenten Gewinnmaximierung an, indem sie zuerst nahe gelegene Kunden beliefern, und Konsumenten minimieren ihre Kosten dadurch, dass sie ihre Versorgungseinkäufe jeweils in der nächstgelegenen zentralen Einrichtung durchführen.
5.3.2Umlandbildung aus Produzentenperspektive
Aufgrund der getätigten Annahmen ist das Gewinnmotiv wichtigste Antriebskraft unternehmerischen Handelns, d. h. ein Produzent ist bestrebt, die Differenz zwischen Erlös und Kosten zu maximieren. Unter der Annahme typischer Verläufe der Erlös- und Kostenfunktion in einem Preis-Mengen-Diagramm lässt sich somit für den Produzenten eine gewinnmaximale Produktionsmenge x* bestimmen (→ Abb. 5.14). Unter der Annahme, dass der Produzent seine Kunden selbst beliefert, wird er zuerst die nahe gelegenen Kunden versorgen, um seine Transportkosten möglichst gering zu halten. Bei stetiger Produktionsausdehnung muss der Produzent jedoch Kunden in immer größerer Entfernung beliefern, was dazu führt, dass sich sein Absatzgebiet ausdehnt. Dies geschieht so lange, bis der Produzent sein Gewinnmaximum erreicht hat. Diesem Optimum entspricht eine bestimmte Entfernung, bis zu der er die Kunden beliefert. In dem Diagramm kann man dies vereinfacht durch eine (allerdings nicht lineare) Transformation der Mengen- in eine Entfernungsachse darstellen. Unter der Voraussetzung einer gleich verteilten Bevölkerung ergibt sich für den Produzenten bei einer gewinnmaximalen Produktionsmenge somit ein optimales Umland in Form einer Kreisscheibe. Anhand des Verlaufs der Erlös- und Kostenkurven lässt sich dabei ein minimales Umland bestimmen, das notwendig ist, damit überhaupt ein Gewinn erzielt wird. Analog dazu lässt sich ein maximales Umland definieren.

Abb. 5.14 Umlandbildung einer zentralen Einrichtung aus Produzentensicht
5.3.3Umlandbildung aus Kundenperspektive
Unter der Annahme, dass Kunden zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse den Weg zu einer zentralen Einrichtung selbst zurücklegen und die dabei anfallenden Transportkosten tragen und dass allen Kunden ein gleich hohes Einkommen für Konsumzwecke zur Verfügung steht, können diejenigen, die weiter von einem zentralen Ort entfernt wohnen, aufgrund der anfallenden höheren Transportkosten weniger kaufen als Kunden in geringerer Entfernung vom Markt. Somit nimmt die Nachfrage mit wachsender Entfernung vom Markt in allen Richtungen gleichmäßig ab und es kommt aus Nachfrageperspektive ebenfalls zu einer Umlandbildung in Form einer Kreisscheibe (Lösch 1944, Kap. 9; Dicken und Lloyd 1990, Kap. 1). Die äußere Grenze des Umlands liegt dort, wo die Transportkosten zum Markt genauso groß sind wie das gesamte verfügbare Einkommen (→ Abb. 5.15). Dieser Zusammenhang lässt sich graphisch in Form eines Nachfragekegels (demand cone) darstellen und formal verdeutlichen:
| D | = E – t · d |
| wobei gilt: | |
| D | = Nachfrage (Kaufkraft) pro Person (€) |
| E | = Einkommen pro Person (€) |
| t | = Transportkosten pro Person und Entfernungseinheit (€/km) |
| d | = Entfernung vom zentralen Ort (km) |

Abb. 5.15 Umlandbildung einer zentralen Einrichtung aus Kundensicht
Durch die Variation der zugrunde gelegten Parameter Einkommen und Transportkosten lässt sich nun feststellen, wie sich der Nachfragekegel und das zugehörige Umland verändern: Im Fall einer Erhöhung des Einkommens verschiebt sich die Nachfragekurve parallel nach oben, sodass sich das Umland ceteris paribus vergrößert. Bei einer Reduzierung der Transportkosten dreht sich die Nachfragekurve nach außen, was ebenfalls zu einer Vergrößerung des Umlands führt.
5.3.4Anordnung der Einzugsbereiche in einem Hexagonalmuster
Simultanes Produzenten- und Kundenverhalten führt zur Umlandbildung um eine zentrale Einrichtung in Form einer Kreisscheibe. Die kreisscheibenförmige Aufteilung einer gegebenen Region oder eines Territoriums um die zentralen Einrichtungen ist jedoch nicht optimal:
(1) Einerseits kann es sein, dass sich die Einzugsbereiche überschneiden und dass aus Produzentensicht ein zu kleines Umland resultiert.
(2) Andererseits kann sich eine Situation der Unterversorgung einstellen, wobei nicht alle Kunden von den Umlandbereichen erfasst werden. Derartige Probleme treten nicht auf, wenn ein Gebiet flächendeckend in Form eines Hexagonalsystems in Einzugsbereiche aufgeteilt ist und zentrale Einrichtungen in den Mittelpunkten dieser Einzugsbereiche lokalisiert sind (Lösch 1944, Kap. 10; Schätzl 1998, Kap. 2.1.2).
5.3.5Hierarchisches System zentraler Güter und zentraler Orte
Auch wenn in der Diskussion um zentrale Güter und Einrichtungen oft die Funktion des Einzelhandels hervorgehoben wird, so gibt es doch eine Menge anderer zentraler Einrichtungen, wie z. B. Freizeit-, Kultur- und Verwaltungseinrichtungen. Am Beispiel des Einzelhandels lässt sich jedoch gut verdeutlichen, wie sich verschieden große Einzugsbereiche herausbilden. Demnach lassen sich zentrale Güter und Einrichtungen unterschiedlicher Ordnung unterscheiden:
Güter niedrigster Ordnung bzw. des täglichen Bedarfs sind Güter wie Lebensmittel und Drogerieartikel, die kleine Einzugsbereiche ausbilden.
Bei Gütern mittlerer Ordnung bzw. des mittelfristigen Bedarfs handelt es sich um Güter wie z. B. Bekleidung und Schuhe.
Güter höchster Ordnung bzw. Güter des langfristigen Bedarfs, wie Autos oder Schmuck, bilden große Einzugsbereiche aus, weil die individuelle Nachfragemenge pro Kunde und Zeiteinheit gering ist.
Die Art der Umlandbildung erfolgt jeweils nach den gleichen zuvor diskutierten Prinzipien. Es entsteht in jeder Stufe ein hexagonales Marktnetz, allerdings mit unterschiedlicher Ausdehnung. Um den Zentralitätsgrad einer zentralen Einrichtung empirisch zu bestimmen, gibt es eine Reihe verschiedener Kriterien (z. B. Heinritz 1979, Kap. 4 und 6): So kann beispielsweise die Kundenzahl, die Fläche des Kundeneinzugsbereichs, die Entfernung der am weitesten entfernt lebenden Kunden, die Nachfragemenge pro Kunde und Zeiteinheit oder die Anzahl der Orte mit einer entsprechenden Einrichtung als Merkmal herangezogen werden.
In gängiger Definition besitzt ein zentraler Ort die Ordnung desjenigen Guts, welches unter den zentralen Gütern, die dort angeboten werden, die höchste Ordnung besitzt. Analog zur Differenzierung zentraler Güter kann man demzufolge drei Kategorien zentraler Orte unterscheiden: Oberzentren, Mittelzentren und Unterzentren. In der Planungspraxis und in vielen Studien werden zum Teil auch mehr Kategorien und Zwischenkategorien zentraler Orte differenziert (Kistenmacher 1982), in der hessischen Raumordnung z. B. zusätzlich Kleinzentren, Unterzentren mit Teilfunktionen eines Mittelzentrums sowie Mittelzentren mit Teilfunktionen eines Oberzentrums.
Christaller (1933) und Lösch (1944) haben gezeigt, dass aus der Überlagerung zentraler Einrichtungen verschiedener Ordnung unterschiedliche Hierarchiesysteme hervorgehen können. Christaller (1933, I. Teil Kap. B.8) geht von einer strikten hierarchischen Raumstruktur aus, wobei er zahlreiche Homogenitätsannahmen, wie z. B. ein gleichförmiges Verkehrsnetz, zugrunde legt. Gemäß obiger Definition erfasst ein Oberzentrum Einrichtungen höchster Ordnung sowie alle zentralen Einrichtungen der darunterliegenden Stufen, während ein Mittelzentrum analog dazu alle Einrichtungen außer denen der höchsten Ordnung umfasst. Des Weiteren definiert Christaller (1933, I. Teil Kap. B.8) sogenannte k-Hierarchien. Er ordnet einem hierarchischen System zentraler Orte den Wert k zu, wenn jeder zentrale Ort höherer Ordnung insgesamt k Orte der nächstniedrigeren Stufe mitversorgt (Heinritz 1979, Kap. 3; Berry et al. 1987, Kap. 15; Dicken und Lloyd 1990, Kap. 1; Schätzl 1998, Kap. 2.1.2).
Als besonders günstig für die Verkehrsplanung erweist sich etwa die k= 4-Hierarchie, da von den Verkehrsachsen zwischen Oberzentren auch Zentren niedrigerer Ordnung erfasst werden (→ Abb. 5.16). Dieses Verkehrsprinzip bietet den Vorteil, dass die Hierarchie zentraler Orte in das Konzept der Entwicklungsachsen, das die Bündelung der Infrastruktur zu Bändern vorsieht, einbezogen werden kann (Seifert 1986, Kap. 4.3; Kistenmacher 1995). Christaller unterscheidet daneben weitere Hierarchieprinzipien: Bei der k= 3-Hierarchie, dem Versorgungsprinzip, deckt ein zentraler Ort mit seinem Umland zugleich die Umlandbereiche von drei zentralen Orten der nächstniedrigeren Stufe ab. Die k= 7-Hierarchie heißt Verwaltungsprinzip, weil diese Zentrenanordnung aus Verwaltungsgründen vorteilhaft ist. Hier werden die Umlandbereiche von Zentren niedrigerer Ordnung im Prinzip nur einem Zentrum der nächsten Hierarchiestufe zugeordnet und nicht unter mehreren Zentren aufgesplittert (allerdings unter Aufgabe des exakten Hexagonalmusters).

Abb. 5.16 Umlandbildung zentraler Orte nach dem Christaller’schen Verkehrsprinzip (k = 4-Hierarchie)
5.3.6Marktnetze nach Lösch
In seiner Arbeit über die räumliche Ordnung der Wirtschaft untersuchte Lösch (1944) die räumliche Verteilung von Industriestandorten mit regionalen Marktnetzen. Es erweiterte darin Christallers Studien und modifizierte sie methodisch. Lösch orientierte sich dabei an einem Modellaufbau, wie er in der Ökonomie verbreitet ist. Er definierte ökonomisch-geographische Modellannahmen und leitete daraus deduktiv ein räumliches Gleichgewicht von Produktion und Konsum ab (Berry et al. 1987, Kap. 15; Schätzl 1998, Kap. 2.1.2). Lösch (1944, Kap. 10) ermittelte hexagonale Marktnetze als gleichgewichtige räumliche Organisationsformen, wobei seine Marktnetze je nach Gut eine unterschiedliche Größenordnung haben (→ Abb. 5.17). Im Unterschied zu Christaller (1933, I. Teil Kap. B.8) wird in dem Modell der Marktnetze nicht unterstellt, dass jeder Ort einer bestimmten Hierarchiestufe alle Güter der darunterliegenden Hierarchiestufen aufweisen muss. Dementsprechend entsteht keine dominante k-Hierarchie. Dieses Ergebnis ist auch dadurch zu erklären, dass Lösch vor allem das verarbeitende Gewerbe untersuchte, während Christaller Versorgungseinrichtungen im Blick hatte. Entsprechend ging Lösch (1944, Kap. 11) davon aus, dass verschiedene k-Prinzipien gleichzeitig existieren und sich zu einem komplexen Gesamtgefüge ergänzen konnten. Daraus leitete er ab, dass zentrale Orte nicht gleich verteilt sind, sondern dass es zur Entwicklung städtereicher und städtearmer Sektoren kommt.

Abb. 5.17 Systemskizze der Marktnetze nach Lösch (nach Schätzl 1998, S. 84)
Ein Vergleich der hierarchischen Systeme zentraler Orte nach Christaller und Lösch zeigt, dass sich die Hierarchiestrukturen trotz ähnlicher Annahmen deutlich unterscheiden (Dicken und Lloyd 1990, Kap. 1). Christallers Hierarchie besteht aus einer festen Zahl von Hierarchiestufen mit eindeutig definierten, hierarchisch aufgebauten Beziehungen (→ Abb. 5.18 a). Demgegenüber ist das von Lösch definierte System nicht streng hierarchisch, sondern erlaubt Spezialisierungen von zentralen Orten auf bestimmte Funktionen (→ Abb. 5.18 b). Dementsprechend sind in diesem System die Beziehungen zwischen Orten nicht nur vertikal, sondern auch horizontal ausgerichtet.

Abb. 5.18 Hierarchiestruktur in den Zentrensystemen nach a) Christaller und b) Lösch (nach Dicken und Lloyd 1990, S. 74)
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