Читать книгу: «Politiker wider Willen»
Hanspeter Born
Politiker wider Willen
Pilet-Golaz, Schöngeist und Pflichtmensch

Impressum
© 2020 Münster Verlag GmbH, Basel
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| Umschlagsgestaltung: | Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld |
| Umschlagsbild: | G. Schuh, Zürich |
| Satz: | Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld |
| Korrektorat: | Manu Gehriger |
| Verwendete Schriften: | Tundra, Intervogue |
ISBN 978-3-907301-12-8
eISBN 978-3-907301-19-7
www.muensterverlag.ch
Inhalt
1.Die Lehrerin und der Gemeindeschreiber
2.Kinderjahre
3.Vom kleinen Cossonay ins grosse Lausanne
4.Musterschüler
5.Ein Hauch von Phantasie
6.Pareto
7.Die Bühne ruft
8.Führungsschule
9.Eine Demoiselle aus Orbe
10.Romanze
11.Leipziger Lerchen
12.«Ich will keine Politik machen»
13.Eifersucht
14.Berliner Luft
15.Ein deutscher Sommer
16.Henry
17.Paris
18.Baurecht
19.Ende einer Epoche
20.An der Grenze
21.Politik après tout
22.Landesstreik
23.Die Treppe hinauf
24.Stich ins Wespennest
25.In der Bundesstadt
26.Der Dauphin ist gefunden
27.Schwanengesang einer historischen Figur
28.Lehrgeld
29.Eine geprüfte Ehefrau
30.Die Nachfolgefrage
31.Gewählt und gefeiert
32.Kleine Geschäfte
33.Departementswechsel
34.Krieg der Häuptlinge
35.Service public
36.Privates
37.Kampf um die AHV
38.Ein Bauernhaus im Waadtland
39.Dichter müsste man sein
40.Pilet-Cervelat
41.Die Schüsse von Genf
42.Ungute Nachrichten aus dem Norden
43.Liberalismus gegen Etatismus
44.Ein Schauprozess?
45.Harus!
46.Sticheleien
47.Disziplin muss sein
48.Abfuhr für den Bundesrat
49.Regierungskrise nach Schweizerart
50.Etter kommt
51.Chef und Mitarbeiter
52.Die Sowjets in Genf
53.Das Präsidialjahr geht zu Ende
54.Si vis pacem para bellum
55.Freche Nazis
56.Berg-und-Tal-Fahrt
57.Wie die Demokratie verteidigen?
58.Stimmungstief
59.Dunkle Gewitterwolken über Europa
60.Gesucht: SRG-Generaldirektor
61.«Der Franken bleibt ein Franken»
62.Eine Busspredigt
63.Böses Zerwürfnis
64.Ein ehrgeiziges Projekt wird gebremst
65.Post tenebras lux
66.Stucki nach Paris
67.Der Bundesrat wehrt sich
68.Grimm zur SBB?
69.Motta will Frölicher in Berlin
70.Mit fliegenden Fahnen
71.Waffenstillstand mit Henry
72.Anschluss
73.Ja zum Strafgesetzbuch
74.München
75.Telefonüberwachung
76.Orchesterkrieg
77.Ein Deal mit Bratschi
78.High Noon
79.Neun statt sieben?
80.Vallotton träumt von Afrika
81.Die Landi
82.Stille vor dem Sturm
83.Countdown zum Krieg
Personenverzeichnis
«Parlons franc: nous le plaignons (Giuseppe Motta), comme nous plaignons tous nos conseillers fédéraux. Il faut les voir à l'oeuvre pour juger de l'abnégation, de la patience, du civisme qui leur est nécessaire, la somme énorme de travail qu'ils doivent fournir, du peu de reconaissance qu'ils requeillent et des maigres satisfactions de leur existence, si ce n'est celle du devoir accompli.»
(Marcel Pilet-Golaz, Manuskript für La Revue, 24. Juni 1927)
1. Die Lehrerin und der Gemeindeschreiber
Cossonay erhebt sich auf einem felsigen Hügel, 150 Meter über der Ebene des Gros de Vaud, des fruchtbaren waadtländischen Mittellands. Im ausgehenden 19. Jahrhundert leben die rund tausend Einwohner des malerischen Städtchens hauptsächlich von Handel und Landwirtschaft. Auf den von Läden und Handwerkerbuden umsäumten mittelalterlichen Strassen herrscht reges Treiben. Vier Gasthöfe, drei Cafés und zwei Pinten sorgen für das leibliche Wohl von Einwohnern und Besuchern. Der jeweils auf vier Jahre gewählte fünfköpfige Gemeinderat, die Municipalité, präsidiert vom syndic, dem Stadtpräsidenten, überwacht den Gang der Dinge.
Im Laufe des Jahres 1888 prüfen die Gemeindeväter ein elektrisches Beleuchtungssystem, verkaufen für 10 000 Franken die Dorfmetzgerei, verbieten wegen der verursachten «Unordnung, dem Skandal und der Friedensstörung» die nächtlichen Versammlungen der Heilsarmee. Sie büssen einen Dragoner mit zwei Franken, da dieser mitten in der Stadt «sein Pferd eine Gangart hat anschlagen lassen, welche die öffentliche Sicherheit gefährdete», und verwarnen drei Bauern, die am heiligen Sonntag Heu auflasen. Ein anderer Missetäter muss 20 Franken Busse zahlen: Er hatte auf der Rue de Derriére la Place zwei Hühner herumflattern lassen. Ordnung muss sein. Man schaut aufs Geld in Cossonay. Auch kleine Ausgaben muss der Gemeinderat bewilligen. Immerhin beschliesst er den Kauf eines Ofens für die Wohnung für Mlle Schenk, régente, im Petit Collège.
Régente nennt man in der Waadt die Lehrerinnen und das 25-jährige Fräulein Ella Schenk unterrichtet die unteren Klassen. Das Petit Collège, das als Schulhaus dient, ist ein umgebautes Spital aus dem 15. Jahrhundert.
Mademoiselle wohnt im Petit Collège, einem im 15. Jahrhundert gebauten, später von der Stadt erstandenen geräumigen Wohnhaus, das einst als Spital und dann als Schulhaus diente. Schon aus weiter Ferne erkennt man das hoch oben in Cossonay stehende Gebäude an seinem Türmchen. Der Gemeinderat liess dieses aufrichten, als der altehrwürdige Zeitglocken am Stadtrand abgerissen wurde und er für die wertvolle antike Turmuhr ein neues Heim finden musste. Jeden Morgen läutet jetzt der Gemeindepolizist die Glocke im Petit Collège, um den Beginn der Schulstunden anzukündigen.
In Cossonay hat sich längst herumgesprochen, dass die allseits beliebte Lehrerin Ella Schenk einen flotten jungen Verehrer hat, den 22-jährigen Edouard Pilet. Dieser Edouard Pilet wird am Heiligen Abend 1888 überraschend vom Gemeinderat als Nachfolger für den plötzlich verstorbenen langjährigen Amtsinhaber zum neuen secrétaire municipal oder Gemeindeschreiber gewählt. Pilet, unternehmungsfreudig und ehrgeizig, ist vier Jahre zuvor als 18-Jähriger ins Städtchen gezogen, wo er den Beruf eines commis procureur oder agent d’affaires ausübt. So nennen die Waadtländer von alters her juristische Berater ohne Universitätsabschluss, die für ihre Mandanten treuhänderische Aufgaben übernehmen und sie in zivilrechtlichen Angelegenheiten vor Gericht vertreten können. Der ehrgeizige, umtriebige Zuzüger Pilet muss seinen Mitbürgern vorteilhaft aufgefallen sein. Nicht jeder bringt es zum secrétaire municipal.
Fünf Tage später wird «vor der Munizipalität in corpore» zur Vereidigung des neuen Gemeindeschreibers geschritten. Das Protokoll berichtet:
Monsieur Pilet tritt in die Sitzung ein. Monsieur le syndic liest ihm das feierliche Versprechen vor, worauf Monsieur Pilet mit den Worten antwortet: «Ich verspreche es.»
Es ist dies nicht das einzige feierliche Versprechen, das der neue Gemeindeschreiber an jenem denkwürdigen Samstag, 29. Dezember 1888, ablegt. Unmittelbar nach der Gemeinderatssitzung wird der 22-jährige Henri Edouard Pilet, Bürger von Châteaud’Œx», mit der 25-jährigen Lehrerin Ella Anna Schenk, von Rennaz, zivil getraut. Zwei Tage später findet in der Kirche von Gingins bei Trélex, wo Edouard aufgewachsen ist, die kirchliche Absegnung der Ehe statt. Im Namen der Eglise nationale evangélique reformée überreicht der Pastor dem Paar Pilet-Schenk eine gewichtige Familienbibel. Sie ist noch heute im Besitz von deren Urenkelin Jacqueline Pilet.
Edouard ist das dritte von elf Kindern des Lehrers Auguste Pilet, der in verschiedenen waadtländischen Ortschaften «in den kargen Feldern des Unterrichts» geackert hat. Schon Edouards Grossvater war régent und zog von Gemeinde zu Gemeinde, um sein nicht eben fürstliches Brot zu verdienen. Zuvor waren die in Château-d’Œx heimatberechtigten Pilets Bauern.
Auch Ella Schenk, Edouards neu angetraute Frau, stammt aus einer Lehrerfamilie. Trotz des deutschschweizerischen Namens ist sie eine waschechte Vaudoise. Einer ihrer Vorfahren zog schon im 17. Jahrhundert aus dem Lauperswilerviertel von Langnau ins untere Rhonetal, wo drei Generationen von Schenks in Rennaz einen Bauernhof bewirtschafteten. Der von der bernischen Herrschaft befreite junge Kanton Waadt förderte das Schulwesen energisch, und so kam es, dass Ellas Vater das eben gegründete Lausanner Lehrerseminar besuchte. Im Jura, wohin es den jungen Lehrer Schenk verschlug, lernte er eine aus den französischen Freibergen stammende Uhrmacherin kennen. Die beiden heirateten und liessen sich später in Chardonney nieder. Ihre 1863 geborene Tochter Ella Schenk ist in diesem oberhalb von Vevey liegenden malerischen Winzerdorf aufgewachsen. Mit 16 Jahren schickte ihr Vater sie ans Seminar in Lausanne und zwei Jahre später erhielt die aufgeweckte Ella das Lehrerinnenbrevet.
Die jungen Eheleute Pilet-Schenk wohnen in den Räumen der Lehrerin im Petit Collège, wo der Gemeinderat bald einmal Renovierungsarbeiten ausführen lässt. Das von Gemeindeschreiber Pilet geführte Protokoll erwähnt eine école Pilet, womit wohl die von Mlle Schenk, jetzt Mme Pilet, geführten unteren Primarschulklassen gemeint sind. Der Gemeinderat beschliesst den Ankauf einer Geografiekarte der Schweiz für die école Pilet.
Am 31. Dezember 1889, einem trüben Wintertag, entbindet die über 70-jährige Dorfhebamme die Lehrerin von einem gesunden Buben: Marcel Ernest Edouard Pilet. Marcel, später als Bundesrat Pilet-Golaz eine der umstrittensten Figuren der Schweizergeschichte des 20. Jahrhunderts, wird das erste Jahrzehnt seines Lebens im ländlichen Cossonay verbringen. Am 29. Dezember 1893 kommt Alice Ella Clara Pilet zur Welt. Alice, auch Lice genannt, wird oft krank sein und Marcel wird sich jahrelang liebevoll um seine kleine, seine einzige Schwester, seine sœurette, kümmern.
2. Kinderjahre
Als Bundespräsident von 1940 wird Marcel Pilet-Golaz in einem Aufruf die Kinder ermutigen, die glückliche Zeit der Jugend zu geniessen. Viel zu rasch ist sie vorbei. Er erinnert sich dabei an die Zeit, als er und seine Gespänchen sich auf dem Pausenplatz übermütige Schneeballschlachten lieferten. Vermutlich hat der Junge mit seinen Kameraden in der an Cossonay vorbeifliessenden Venoge gebadet, auch wenn es sich im Städtchen herumsprach, dass zwei junge Burschen beim Schwimmen im Flüsschen ertrunken waren. Viele Waadtländer kennen das liebevolle, witzige Gedicht, das der Chansonnier Gilles der Venoge gewidmet hat und das mehr über die Mentalität der Vaudois aussagt als manch eine gelehrte Abhandlung. «Y’en a point comme nous – solche wie uns gibt’s keine», sagen die Waadtländer gerne, meist meinen sie es ironisch. Dass die Vaudois ein besonderer Menschenschlag sind, wird später auch der hoch über dem Ufer der Venoge in einem der typischen Waadtländer Kleinstädte aufgewachsene Marcel Pilet immer wieder betonen.
Als Gemeindeschreiber gehört Vater Edouard Pilet dem Organisationskomitee für die weit herum bekannte herbstliche Leistungsschau an und hat dabei die wichtige Verantwortung für die Kategorie «Kühe und Rinder». Einmal weilt der englische Deckhengst Hackney für einige Wochen in dem in Cossonay eingerichteten eidgenössischen Gestüt. Secrétaire Pilet hat es sich kaum entgehen lassen, seinem achtjährigen Sprössling das «unstreitig schönste Exemplar eines Zuchttiers, das der Kanton Waadt derzeit besitzt», zu zeigen.
Höhepunkt des Jahres 1895 sind die Herbstmanöver des 1. Armeecorps, deren Verlauf von der Westschweizer Presse bis in alle Einzelheiten geschildert wird. Die verstärkte 2. Division, die sich hinter die Venoge zurückgezogen hat, erhält Befehl, sich der Höhen von Cossonay zu bemächtigen, was ihr glänzend gelingt. Der kleine Marcel und seine Spielgefährten haben mit staunenden Augen das geheimnisvolle Treiben der Männer in den schmucken blauen Uniformen verfolgt – zumindest darf man sich dies ausmalen. Soldat und Offizier zu werden ist ein Bubentraum des Jungen, der in Erfüllung gehen wird.
Am 15. April 1896 hat Marcel seinen ersten Schultag. Das von der Lehrerin geführte Zeugnis gibt Auskunft über seine Leistungen, sein Betragen, seine Absenzen. Die Lehrerin in seinen beiden ersten Schuljahren ist «El. Pilet», Marcels Mutter. Obschon der Jüngste in der Klasse, liegt Marcel im vorderen Mittelfeld. Betragen: sehr gut, Kopfrechnen: sehr gut; andere Fächer zwischen passable, genügend, und gut; Singen: schlecht. In der 2. Klasse ist Marcel der Primus mit vielen 1 und 2. Im nächsten Jahr erhält er mit Monsieur Vivian einen neuen Lehrer – und fällt gleich zurück. Unter 27 Schülern belegt er nur noch Rang 9.
Am Mittagstisch kriegt der aufgeweckte Junge mit, was es im Städtchen Neues gibt: Feuersbrunst in der Mühle von Bettens, Einrichtung einer Telefonleitung nach der Bezirkshauptstadt Orbe, erstmaliges Erscheinen des Journal de Cossonay. Aufregend ist die Verhaftung dreier bewaffneter Übeltäter, die bei einem Einbruchsversuch in den Bahnhof vom Stationsvorsteher überrascht worden waren, später durch das eingeschlagene Fenster in die Apotheke eindrangen und dort die Kasse leerten. Weil sich Unfälle ereignet haben, werden die Velozipedisten bei Androhung einer Busse angehalten, beim Durchqueren der Stadt «von ihren Maschinen abzusteigen».
Die Waadt ist bekannt für ihre Schützen-, Turn- und Gesangsfeste. Die Musik spielt, die Honoratioren halten Reden, es wird gesungen, getanzt und getrunken. Cossonay macht keine Ausnahme. 1896 wird das neu gebaute Casino feierlich eröffnet, 1897 nimmt die Zahnradbahn den Betrieb auf, die den im Dorf Penthalaz liegenden Bahnhof von Cossonay mit dem Städtchen auf dem Hügel verbindet. 1898 begeht Cossonay den 100. Jahrestag der waadtländischen Unabhängigkeit mit einem prächtigen Umzug, dessen Teilnehmer vom Gemeinderat mit 750 Brötchen und 200 Liter Wein bewirtet werden.
Marcel beobachtet, macht sich seine Gedanken, lernt die Menschen kennen. Die gütige Mutter liebt er innig, den strengen Vater achtet er. Besonders glücklich scheint er nicht gewesen zu sein. Als Student wird er seiner Freundin «Tillon» [Mathilde Golaz] schreiben: «Ich habe keine Jugend, keine Kindheit gehabt. Von sechs oder sieben Jahren an war ich der grosse Sohn, dem man sich anvertraut, der grosse Sohn, der schützt und tröstet.» Für das Schwesterchen ist er ihr petit papa. Im Nachhinein dünken ihn seine Kinderjahre «eingeschlossen» und «traurig». Der Briefeschreiber neigt zu Übertreibung, zu Dramatisierung. Gar so unglücklich werden die Kinderjahre nicht gewesen sein.
Der Bub kann offenbar trotzig und aufbrausend sein. Der Freundin wird er Jahre später von einer kuriosen Begebenheit erzählen, die er als Kind von sieben oder acht Jahren an einem Silvesterabend in Cossonay erlebte.
Tillon, Sie [nach gut französischem Muster werden sich die Verlobten bis zum Tag der Heirat siezen] kennen die Sitten der Landstädtchen und wie leicht man in den Häusern gegenseitig ein und aus geht. Wir waren en famille im Salon, als Freunde aus der Nachbarschaft vorbeikamen, ein Mann und seine Frau, freundlich und lachend. Glückwünsche, alles Gute zum neuen Jahr. So weit geht alles gut. Aber dann fällt es diesem kahlköpfigen Monsieur Chalet – dies der Name des armen Kerls, ein Gemeinderat mit Verlaub – ein, Maman im Sinne eines Scherzes zu sagen: «Madame Pilet, erlauben Sie mir, Sie an diesem Silvesterabend zu küssen?» Und Maman, die den Spass versteht, antwortet: «Meine Güte, dies ist Sache des Ehemanns. Fragen Sie Papa.» Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, dies petite mère auch nur im Geringsten übel zu nehmen! Aber sie hatte nicht mit ihrem Sohn gerechnet! Der unglückliche Monsieur Chalet tut so, als ob er seine – nennen wir es – ‹Drohung› – wahr machen will, als ihr wutentbrannter kleiner Marcel mit gesenktem Kopf auf ihn losstürzt, dem Bauch des armen Mannes einen mächtigen Stoss versetzt und ihn zu Boden streckt. Man hebt ihn auf, bemüht sich eifrig um ihn, er fühlt sich schlecht und man muss ihn nach Hause führen. Noch lange nachher litt er an Darmschmerzen und man befürchtete böse Folgen. Er ist dann einige Jahre später an einem ganz anderen Leiden gestorben.
Noch von einem anderen Kindheitserlebnis wird Marcel seiner Freundin erzählen, einem Erlebnis, das entschieden weniger spassig war. Sein Onkel und Götti Ernest, der jüngste Bruder seines Vaters, der in Lausanne Theologie studierte, kam oft am Sonntag bei ihnen in Cossonay zu Besuch. Marcels Mutter mochte Schwager Ernest. Es schien ihr, er habe Charakter und Wille, und sie verwöhnte ihn nach Noten. Der junge Student wusste, dass seine Schwägerin ihn schätzte, und profitierte von ihrer liebenswürdigen Gastfreundschaft. Dann kam Ernest nicht mehr nach Cossonay – er hatte sich mit einer hübschen Krankenschwester aus Avenches verlobt. Mit der Verlobten traf er sich öfter bei Marcels Grossmutter, die im Lausanner Pontaise-Quartier wohnte. Pilet im Brief an Tillon:
Eines Tages, ich weiss nicht mehr wieso, gehe ich allein zur Pontaise hinauf. Meine Grossmutter öffnet mir und – etwas aufgeregt – schiebt mich ohne irgendeinen Grund in die Küche. Dann holt sie ihren Sohn, also meinen Götti, der mit seiner Verlobten im Salon war. Und im Korridor diskutieren sie zusammen die niederträchtigste aller Gemeinheiten. Zu diesen traurigen Zeiten – es fällt mir schwer, Ihnen, Tillon, dies zu gestehen, aber es ist trotzdem besser –, also zu diesen traurigen Zeiten versuchte Papa, sich der lieben Maman zu entledigen. Dazu kam ihm kein anderes Mittel in den Sinn, als sie als «verrückt» hinzustellen. Ja, als «verrückt»! Man wollte sie in Céry [der psychiatrischen Klinik] einsperren und Gott weiss, und alle die Maman gekannt haben, werden es Ihnen sagen, dass Maman nie verrückt war. Oh, ja, ihre Verrücktheit war, dass sie zu gut war, ihren Mann zu sehr liebte, zu viel weinte, zu sehr an seiner Vernachlässigung und seiner Grausamkeit litt. Wie auch immer, er erklärte sie für verrückt und seine Familie beteiligte sich an dieser Gemeinheit.
Nun geschah Folgendes: Der von Maman geliebte und verwöhnte Onkel Ernest und die Grossmutter, die im Korridor zusammen tuschelten, fragten sich ernstlich, ob es sich schicke, dass man Marcel, den Sohn der «Verrückten», Ernests Verlobten vorstelle.
Und ich hörte alles, meine Tillon. Glücklicherweise war ich klein, war ich schwach, ich konnte nur leiden … Heute hätte ich Angst, Angst davor, zu viel Unheil anzurichten, Angst, sie lustvoll mit meinen Fäusten zu zermalmen. Doch Sie werden mich lehren, Tillon, dass es besser ist, zu reparieren, als zu zerstören.
Und was beschlossen Onkel Ernest und die Grossmutter? Obwohl Marcel tatsächlich das Kind der «Verrückten» war, war er ja gleichzeitig auch der Sohn von Papa. Man konnte ihn also der Verlobten seines Göttis vorstellen.
Der Vorfall hinterlässt Wunden. Marcel redet nicht mehr mit seinem Götti, auch nachdem Ernest Pilet ein geachteter Pfarrer in der historischen Kirche von Romainmôtier wird. Er will ihm erst verzeihen, wenn dieser sich bei der Mutter persönlich entschuldigt hat.
Der Haussegen in der Familie Pilet hängt schief. Vater Edouard ist ein altmodischer Patriarch. Sein Wort gilt, Widerspruch wird nicht geduldet. Frau und Kinder zittern vor ihm und gehen ihm gerne aus dem Weg. Tüchtig ist er allerdings, der Gemeindeschreiber Pilet. In den fast sieben Jahren seiner Amtszeit ist es ihm gelungen, das Vertrauen seiner Mitbürger zu gewinnen. Er ist der heimliche sechste Gemeinderat, den der syndic gerne zurate zieht. Am 26. Februar 1897 berichtet die Gazette de Lausanne aus Cossonay, dass «man davon redet», den zum Präfekten ernannten und deshalb nicht mehr wählbaren syndic Jaquier als Waadtländer Grossrat durch M. Edouard Pilet, secrétaire municipal, zu ersetzen. Die Radikale Partei, die seit Jahrzehnten im Wahlkreis wie im Kanton das Sagen hat, setzt dann allerdings nicht Pilet, sondern den Gemeindepräsidenten von Rossy auf ihre Liste. Dies veranlasst «eine Gruppe Wähler», Pilet als Sprengkandidaten aufzustellen. Wie gewohnt gehen jedoch die drei dem Wahlkreis Cossonay zustehenden Sitze an die offiziellen Vertreter des Parti radical, die alle über 400 Stimmen machen. Auf den Aussenseiter Pilet entfallen immerhin respektable 174 Stimmen.
In der Waadt sieht man es nicht gerne, wenn ein junger Politiker sich mit den Parteigrössen anlegt und ein Extrazüglein fährt. Ob Edouard Pilet deshalb Cossonay verlässt oder ob er in Lausanne bessere berufliche und politische Aufstiegsmöglichkeiten erblickt, sei dahingestellt. Auf jeden Fall lockt Lausanne.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Kantonshauptstadt rapid gewachsen – 1850 zählte Lausanne 17 000 Einwohner, 1900 sind es fast dreimal mehr, 47 000. Seit zehn Jahren blüht die Wirtschaft, insbesondere die Baubranche. Geschäftshäuser, Hotels, Wohnbauten, Verwaltungsgebäude, Spitäler, Schulen schiessen aus dem Boden. Häusermakler, Immobilienverwalter und kundige Rechtsberater sind gefragt. Eben hat ein kantonales Gesetz den Beruf des agent d’affaires breveté geregelt. Edouard Pilet legt das Examen für das Brevet ab, hinterlegt die verlangte Kaution, erhält das Patent und eröffnet in Lausanne ein Büro. Das Amt des Gemeindeschreibers von Cossonay legt er im Juni 1897 nieder.
3. Vom kleinen Cossonay ins grosse Lausanne
Es ist der siebente Juli. Einige Minuten vor acht Uhr betrete ich, mit einer Mappe unter dem Arm und Angst im Herzen, den Eingang des Collège. Werde ich aufgenommen oder nicht? Marterndes Mysterium. Ich drücke noch einmal die Hand meiner Mutter und, aufgemuntert durch ihr «bon courage!», nehme ich meinen Platz im Examenssaal ein. Ich bereite mein Löschblatt und meine Feder vor, dann werfe ich einige Blicke auf diejenigen, die vielleicht meine Kameraden sein werden. Plötzlich Totenstille: Der Direktor ist eingetreten. Er macht Appell; als ich an der Reihe bin, antworte ich mit einem schüchternen «présent». Welche Momente, diese Minuten des Wartens! Als ich mein Diktat beginne, klopft mein Herz mit doppelten Schlägen. Le chameau … schreibt man eau oder au? Eine verfängliche Frage; oder später: à genoux – braucht es ein x, ein s oder gar nichts?
So zu lesen in einem Schulaufsatz mit dem Titel «Mein Eintrittsexamen ins Collège», in dem sich der 14-jährige Gymnasiast Marcel Pilet an einen fünf Jahre zurückliegenden Tag erinnert: Der Rotstift des Französischlehrers notiert am Rande des Aufsatzes: «übertrieben oder schlecht wiedergegeben». Gesamthaft findet Monsieur Biaudet, dass der Junge das Thema «gut gewählt» hat und «die Erzählung klar» ist. Allerdings bewertet er die «Phantasie und die literarische Sensibilität» als «schwach», den Stil als «im Allgemeinen korrekt, aber flach oder gewunden». Die meisten der vom Lehrer bemängelten stilistischen Fehler wird der Student Marcel Pilet ausmerzen können. Nicht alle. Ein gewisser Hang zur Übertreibung wird auch dem Bundesrat bleiben und gelegentlich – nur gelegentlich und an einem schlechten Tag – kann er flach oder gewunden schreiben.
Die Orthografie war nicht Marcels Stärke. Daran erinnert er sich auch noch als Bundesrat – 38 Jahre später. Tägliche dictées, welche die Mutter dem Jungen auferlegte, «hatten ihn – hélas – in dem Gefühl der Schwäche bestätigt». Nachdem am Examenstag das Diktat schlecht und recht beendet ist, geht es weiter mit Rechnen. In der bundesrätlichen Aufzeichnung lesen wir:
Aber die Arithmetik! Hier nimmt er seine Revanche. Er spielt mit den Ziffern – wie heute mit den Defiziten. Auf diesem Gebiet ist er unschlagbar. Man wird es sehen. Die Rechenaufgaben, die den Kandidaten gestellt werden, sind leicht. Einige Minuten des Nachdenkens, bis sie gelöst sind, und die Hand läuft über das Papier. Aber sie läuft schlecht. In ihrer hochmütigen Eile missachtet sie die Zeilen. Der Lehrer nähert sich. Der Lehrer? Ein Männchen, bereits vom Alter zusammengedrückt, mager und verrunzelt. Ein goldenes Herz zweifellos, unter einer bärbeissigen Erscheinung. In seinen Augen geht die Ordnung allem vor. Er beugt sich über das Blatt des jungen Rechners. Die Phantasiestellung der Additionen und Divisionen zieht seinen Blick auf sich und hält ihn fest. Er mag dieses unstabile Gleichgewicht nicht; und mit einer Stimme, die sich bemüht, überheblich zu tönen, knurrt er: «Mein Junge, die Zeilen sind da, um sich ihrer zu bedienen.» Mein Junge senkt den Kopf. Er glaubt sich verloren. Wenn die triumphale Arithmetikprobe seinen Erfolg nicht mehr sichert, was wird ihn retten können? Eine Illusion schwindet. Der alte Lehrer täuschte sich nicht: Im Leben ist das Entscheidende sehr oft nicht, dass die Zahlen stimmen, sondern dass sie sich gut präsentieren.
Schein und Sein. Zurück zum Gymnasiasten, dessen Erinnerung an den Examenstag noch frischer ist als diejenige des Bundesrats:
In einem kleinen, ein bisschen dunklen Saal befragt uns ein grosser Herr mit gütiger Nachsicht. Er fordert mich auf, das Leben von Davel [dem waadtländischen Freiheitshelden] zu erzählen. Ich kenne es in- und auswendig, so dass er mich bald mit einem «Allez seulement, es ist gut so» stoppt. Jetzt kommt die Geografie an die Reihe.
Marcel muss die Hauptorte der Kantone Glarus und Aargau nennen, quält sein Gedächtnis und ist nicht sicher, ob er die richtige Antwort gefunden hat. Bleibt das Französisch, wo er sich nicht allzu schlecht aus der Affäre zieht. Hat er das Examen bestanden? Mutter und Kind gehen ins Schulhaus, wo im «dunklen Gang» die Examensergebnisse angeschlagen sind. Beide haben Angst, der Bub «wagt nicht mehr, ans Glück zu glauben». Vergeblich suchen sie Marcels Namen auf einer an die Wandtafel gehefteten Liste der 39 «Auserwählten».
Resigniert legt die Mutter eine tröstende Hand auf die Schulter des Sohns: «Mein armer Kleiner, du bist nicht drauf.» «Sind Sie sicher, Madame?», schaltet sich eine Männerstimme ein, «Wie heisst Ihr Sohn?» – «Marcel Pilet. Oh, ich bin nicht überrascht. Er kommt vom Land. Ich habe ihn nicht vorbereiten können.» – «Aber doch, Madame, er hat es geschafft. Marcel Pilet, er ist aufgeführt. Sehen Sie da, der 23.» Es ist wahr, sein Name steht wirklich dort. In ihrer Aufregung hatten sie ihn nicht gesehen.
Der Junge ist intelligent und hat alle Voraussetzungen pour bien faire, um Erfolg zu haben. Die Eltern halten grosse Stücke auf ihn und fördern ihn, so gut sie können. So schenken sie dem Elfjährigen eine illustrierte Schweizer Geschichte – Histoire de la Suisse – racontée au peuple par Albert Gobat – mit einer handgeschriebenen Widmung von papa et maman:
Unserem lieben Sohn Marcel Pilet. Lese, denke nach und arbeite, und du wirst ein echter Schweizer Bürger werden; suche in der Geschichte die edlen Taten und lasse dich vom Beispiel, das sie dich lehren, inspirieren. Dann wirst du un homme d’honneur, utile à ton pays, ein Ehrenmann, der seinem Land nützlich sein wird.
Wir schreiben das Jahr 1901. Im noch jungen Bundesstaat misst man der Rückbesinnung auf die Geschichte hohe Bedeutung bei. Drei Jahre zuvor hat in Zürich das Landesmuseum die Tore geöffnet, im Waffensaal das Fresko Hodlers, das den Rückzug von Marignano beschwört. Die Waadtländer sind patriotisch. Nicht von ungefähr steht auf ihrem Wappen: Liberté et Patrie. Stolz des Kantons sind zwei von Charles Gleyre im Auftrag der Stadt Lausanne geschaffene Historiengemälde: Eines zeigt den Sieg des Helvetiers Divico über die Römer, die murrend unter dem Joch hindurchgehen; das andere die Hinrichtung des Waadtländer Rebellen, Major Davel. Liberté et Patrie, Freiheit und Vaterland, ebenso wie die Demokratie, werden für den späteren Politiker Pilet-Golaz unverzichtbare Werte bleiben. Sie auch nur zu diskutieren, hält er für überflüssig.
Mit dem Umzug von Cossonay nach Lausanne vertauschen die Pilets das Leben im ländlichen Provinzstädtchen mit demjenigen in der aufstrebenden, pulsierenden Metropole. Jetzt gehören sie nicht mehr zur Lokalprominenz und Vater Pilet muss sich erst einmal beruflich und sozial emporarbeiten. Der neunjährige Marcel merkt, dass er in eine andere Welt versetzt worden ist, mit anderen Sitten und mit Schulkameraden aus einer feineren Gesellschaftsschicht. Als Bundesrat wird er sich an sein früheres Ich erinnern:
Er [Marcel] hatte immer so gesprochen, wie er es gehört hatte. Die Sprache seiner Heimat, seines kleinen Städtchens; naiv glaubte er, dies sei die französische Sprache. Er sprach die aigus als graves und die graves als aigus aus. Er sprach ein wenig schleppend. Er liess die letzte Silbe fallen. Er sagte «Bonjou» und «Regarde-voi». Gleich wie seine Kameraden und wie der régent. War dies nicht richtig? Wie sollte man denn sagen? Er würde es lernen. Schlagartig würde er sehen, wie sich vor ihm der Abgrund öffnete, den seine Sprache von derjenigen Voltaires trennte.
An einem der ersten Tage in der neuen Schule liess der Lehrer die Schüler der Reihe nach vorlesen:
Für den kleinen Provinzschüler dauerte die Vorstellung nicht lange. Einige Sätze und ein kurzer Befehl unterbrach ihn: «Genug, syndic von Cossonay.» Syndic von Cossonay. Er, der den Gemeindepräsidenten immer für eine grosse Persönlichkeit gehalten hatte! Er begriff, dass weder er noch sein Städtchen anderswo Eindruck machten. Er begriff auch, dass er l’accent vaudois hatte. Er schämte sich.
Die Scham, wenn es denn eine war, verfliegt rasch. Die vierköpfige Familie Pilet wohnt in Ouchy, das, obwohl von der Stadt eingemeindet, seinen dörflichen Anstrich behalten hat. Die Wohnung der Pilets liegt unweit vom See in unmittelbarer Nähe der Zahnradbahnstation Les Jordils. Das funiculaire zwischen Ouchy und dem Flon-Quartier in der Stadtmitte ist das älteste der Schweiz und erinnert Marcel an das ähnliche Bähnchen von Cossonay, dessen Bau er noch miterlebt hat.
In Ouchy geht Vater Edouard Pilet mit Erfolg seinen Geschäften als Rechtsberater und Verwalter von Immobilien nach – er gibt neben agent d’affaires, auch gérant als seinen Beruf an und später régisseur, was dasselbe ist, aber vornehmer tönt. Rasch macht der Zuzüger auch in der Politik Karriere. Bereits 1901 wird er ins Lausanner Gemeindeparlament gewählt, wo er sich für Anliegen des Quartiers einsetzt, zum Beispiel die Errichtung einer Badeanstalt am Seeufer. Den Einzug in den Waadtländer Grossrat verfehlt er 1905 knapp. Vier Jahre später schafft er es. Bereits 1912 wird er den Rat präsidieren.
Politik und Beruf lassen Edouard Pilet wenig Zeit für die Familie. Er liegt am Sonntag oft müde auf dem Sofa, Frau und Kinder müssen still sein. Der feinfühlige Marcel sieht, wie die geliebte Mutter unter der «Diktatur» des herrischen Vaters leidet, und leidet mit ihr. Das Verhältnis Vater – Sohn ist oft gespannt. Allerdings hört Marcel aufmerksam zu, wenn der Vater von seinen Geschäften, seinen Gerichtsfällen und der Politik erzählt. Er lernt dabei Dinge, die keine Schulstunden vermitteln können. Er lernt, wie es auf der Welt wirklich zugeht. Andererseits zieht sich der Junge gern in sein schmuckes Zimmerchen zurück, träumt und vertieft sich in seine Bücher. Er kann nicht warten, bis er am Sonntagnachmittag aus dem Haus kann, um mit Freunden oder dem Cousin am See spazieren zu gehen.
4. Musterschüler
C.-F. Ramuz, Waadtlands bedeutendster Schriftsteller, der zwölf Jahre vor Marcel Pilet das Collège cantonal besuchte, war am Tag des Eintrittsexamens auch nervös. Er stolperte auf den Stufen des Schuleingangs und zerbrach sein schönes, gefülltes Tintenfass, das man ihm eigens gekauft hatte. Ramuz gefiel das bescheidene alte Schulhaus, «ein grosses viereckiges Gebäude, ohne hinzugefügte Verzierungen, strikte für den Gebrauch bestimmt, mit seinen grünen und weissen Fensterläden … Von der Höhe seiner Stützmauer stürzten wir auf die Riponne [den Marktplatz von Lausanne] hinunter», wo man «plötzlich das Schreien eines Esels hörte, denn es gab damals noch Esel.»
Ramuz fand an der Schule wenig Gefallen:
Man geniesst nicht mehr; man denkt bloss daran, die Examen zu bestehen. Man will wissen, statt zu fühlen. Man füllt das Gedächtnis mit Dingen, die man nicht einmal mehr versteht.
Marcel Pilet will wissen und füllt sein Gedächtnis. Anders als Ramuz, der «als Erster meiner Klasse ins Collège eintrat und als einer der Letzten es verliess», hält er sich von Anfang bis Schluss im Spitzenfeld. In seinem letzten Trimester ist er gar Klassenprimus, Erster von siebzehn. Ein Musterschüler, der auch immer wieder die für besondere Leistung ausgesetzten Geldpreise gewinnt, vor allem in der Mathematik – einmal in der unfassbaren Höhe von 27 Franken. Meist gab es einen Fünfliber.
Bedacht darauf, dass ihre Untertanen die Bibel lesen, hatten schon Leurs Excellences de Berne den Schulunterricht für obligatorisch erklärt. Der junge Kanton Waadt betrachtet die Erziehung der Jugend als eine seiner vordringlichsten Aufgaben. Er will im Schulwesen den ersten Rang einnehmen, was von Kanton und Gemeinde schwere finanzielle Opfer verlangt:
Dies spielt keine Rolle: Der Waadtländer will kenntnisreich, gelehrt, kultiviert sein, und wenn es sein muss, blutet er dafür aus allen Venen. Die Schule ist heilig.
So der Historiker Paul Maillefer, später Stadtpräsident von Lausanne, gescheiterter offizieller Bundesratskandidat und Fraktionskollege von Pilet im Nationalrat.
Am 10. Juli 1902 wird Marcel Pilet in die 3. Klasse befördert. Die jährliche Feier am Schluss des Schuljahrs ist ein Ereignis von öffentlichem Interesse. In der Gazette de Lausanne kann man lesen, wie sich genau um Viertel vor neun der Umzug von Lehrern und Schülern in Bewegung setzt, um vom Collège zur Kathedrale St-François zu marschieren, voran die Trommler, die Pfeifer und die neue Fahne. In der Kirche folgen sich Darbietungen des Schulchors und des Schulorchesters, Grussadresse der Kantonsregierung, eine Lesung und diverse Reden.
Schuldirektor Edouard Payot ermahnt die Schüler zur «Arbeit, die der Zweck des Lebens sein muss». Der zwölfjährige Marcel, der später als Bundesrat selber verschiedentlich in der Kathedrale St-François das Wort ergreifen wird, nimmt sich die Worte des directeur zu Herzen. Mangelnden Fleiss wird man ihm nie vorwerfen.
Edouard Payot, der mit starker Hand und Einfühlungsvermögen die Schule leitet, geniesst in der Öffentlichkeit hohes Ansehen. 35 Jahre nach der beschriebenen Abschlussfeier erweist auch Bundesrat Pilet-Golaz seinem ehemaligen Schulvorsteher die Reverenz. In einem Erinnerungsartikel erzählt er, wie er als Junge durch die hohe und düstere Doppeltüre ins Zimmer tritt, wo beim hellen Fenster, mit dem Rücken zum Cheminée er vor seinem Arbeitstisch sitzt:
Er der Direktor. Ah! Ja, Direktor, das ist er. Kein gravitätischer Direktor, der aus seinen erhabenen Lippen langweilige Sermone fallen lässt. Auch kein dilettantischer und überheblicher psychoanalytischer Direktor, der an seinen «Fällen» interessiert ist, wie ein Laborarzt an seinen Meerschweinchen; kein Erfinder von Theorien, kein Zerstörer von Charakteren. Nein, er ist Direktor, weil er dirigiert, weil er befiehlt, weil er will. Was will er? Oh, dies ist sehr einfach, so einfach, dass es unsere fortschrittlichen Geister nicht mehr verstehen. Er will, dass die Kinder, die ihm anvertraut sind – und es sind Kinder, er behandelt sie wie Kinder und er liebt sie gleichermassen –, arbeiten; dass sie auf Leistung trainieren; dass sie lernen, dass nichts Dauerhaftes ohne Mühe erlangt werden kann, dass die Arbeit ihren Reichtum in sich trägt, wenn sie nicht nachlässt, und ihren Lohn, wenn sie mit frohem Herzen verrichtet wird. Er will, dass die Guten gelobt, die Schwachen ermutigt und die Bösen bestraft werden. Er will, dass diese langsamen, unentschlossenen, rasch zufriedenen kleinen Waadtländer lebhaft, genau und sich selber gegenüber anspruchsvoll werden. Er will aus ihnen Männer machen.
Die Werte des Schuldirektors Payot sind bald einmal die Werte des Schülers Marcel Pilet und werden auch die Werte des Politikers Pilet-Golaz sein. Was tut der beflissene, strebsame Schüler in der Freizeit?
Unter den collégiens, die jeden Tag gruppenweise auf der place de St-François eintreffen, ist einer, der gerne einen kleinen Abstecher macht, um die Auslage der Buchhandlung anzuschauen. Es ist ein Braunhaariger mit feinen Gesichtszügen und lebhaften Augen. Sein gestärkter weisser Kragen liegt oft schief, seine Künstlerkrawatte aufgeknöpft – dies ist ihm gleichgültig –, und um die verlorene Zeit einzuholen, läuft er im Galopp die rue du Petit-Chêne herunter.
Festgehalten wird die Szene dreissig Jahre später in einer welschen Schülerzeitung von einer aufmerksamen Nachbarin.
Nachdem der Junge seiner verständnisvollen maman die Tagesereignisse – seine Erfolge und Enttäuschungen – erzählt hat, spielt er gerne mit seiner kleinen Schwester Indianer. Er träumt davon, später einmal Mexiko zu kolonisieren, auch auf die Gefahr hin, skalpiert zu werden. Er wird nicht allein gehen, zwei seiner Freunde haben versprochen mitzukommen.
Einstweilen erweist sich Marcel als intelligenter, genauer, gewissenhafter Schüler. Sein grösstes Vergnügen ist es, in den süssen und tiefen Augen seiner Mutter verdientes Lob zu lesen. Bereits jetzt erwacht der kritische Geist und formt sich das Urteilsvermögen des Schülers – dies dank der gescheiten Geschichten seines Vater, eines umtriebigen und fröhlichen Geschäftsmanns, der sich in die öffentlichen Angelegenheiten Lausannes einschaltet. Zu den Spielen im schattigen Park, zu der Lektüre von Abenteuerromanen, die ein Element der Phantasie ins Leben des Kindes bringen, gesellt sich die Musik. Erste und zweite Geige mit Klavierbegleitung. Das gleiche Trio, das die ferne Expedition vorbereitet, tritt im Salon an der Ouchy-Strasse auf.
Nach dem Abschlussexamen im Collège ist die Zeit für eine grosse Reise gekommen.
Die drei Freunde zählen ihr Vermögen, das sie grösstenteils Marcels guten Noten verdanken: 120 Franken. Man geht los, nicht in die Neue Welt, sondern in die Urschweiz, und weil man aufs Portemonnaie schauen muss, geht man zu Fuss los. Furka, Göschenen, Altdorf, Stans, am Schluss das Abschiedsbankett in Luzern, vis-à-vis dem Wasserturm: 1.50 Franken pro Kopf. Die jungen Patrioten haben die Luft von Wilhelm Tell und Winkelried so gut eingeatmet, so dass sie ihre letzte Mahlzeit mit würdiger Gravität einnehmen.
Sommerferien? In seiner Gymnasialzeit verbrachte Marcel zweimal sechs Wochen in der Deutschschweiz, einmal bei einem Gärtner auf dem Zürichberg. Das «stattliche Dorf im Berner Mittelland», von dem er als Bundespräsident 1934 in seiner 1.-August-Rede erzählen wird, war vermutlich der Bucheggberg —, auch wenn dieser im Kanton Solothurn liegt und bloss an den Kanton Bern grenzt:
Den ganzen Tag an der Arbeit, wie es sich gehört. Die Sense und der Rechen pfiffen und quietschten in der blonden Ernte. Unter der Last ächzend, die Garben golden schimmernd, kehrten die schweren Wagen zurück. Unter der brennenden Sonne schnauften und scharrten die von Mücken geplagten Gespanne vor Anstrengung. Dann plötzlich schwieg alles. Obwohl es ein Wochentag war, hatten sich die Männer rasiert. Angetan in sauberen Blusen und runden Hüten, sammelten sie sich. Die Frauen hatten ihre von der Stärke steifen Trachten mit ihren weiten kurzen Ärmeln und schweren glänzenden Ketten angezogen.
Wortlos, in stillschweigender Übereinkunft, hatte sich das ganze Dorf auf den Hügel begeben, von dem aus man die Alpen sieht. Ein alter, vom Gewitter gefällter Baum bildete den Scheiterhaufen. Gerade schoss die Flamme hoch und warf bei angebrochener Nacht Licht und Schatten auf die andächtigen Gesichter. Der Gemeindepräsident, ein trockener, ruhiger und langsamer Bauer, mahnt uns – mit der Autorität seiner fünfzig Jahre Rechtschaffenheit und Arbeit –, dass wir unseren Vorfahren viel verdanken, dass wir das, was sie für uns getan hatten, unsererseits für unsere Nachfahren tun müssen; dass unser Boden nur frei bleiben wird, wenn wir dessen würdig sind. Er sprach aus dem Herzen, er war kurz. Nachher sangen die Männer mit einer einzigen vollen, starken und ernsten Stimme «Oh, mein Heimatland, oh mein Vaterland». Das war alles. Unter den Sternen ging das Feuer aus. Die kleine Schar kehrte zu den Bauernhöfen zurück.
5. Ein Hauch von Phantasie
In der Hochkonjunktur, die 1903 beginnt und ihren Höhepunkt 1913 erreicht, ist Lausanne eine riesige Baustelle. Die alte historische Stadt muss den Bedürfnissen der neuen Zeit angepasst werden: Schaffung eines Kanalisationsnetzes, Ausdehnung des öffentlichen Verkehrs, Bau von Brücken, Untergrundpassagen, Boulevards. Alte Gebäude werden abgerissen, neue palastartige Bauten – der Palais de Rumine, der Bahnhof, die Galeries du Commerce, das Royal Hôtel in Ouchy – erheben sich und verändern das Stadtbild. Die verschiedensten Baustile – Neogotik, Neobarock, Art nouveau – wetteifern miteinander. Auffallend an der Lausanner Architektur jener Jahre sind die Suche nach Monumentalität, die raffinierte Ausstattung der Intérieurs, die reich geschmückten Fassaden. Ohne seine Geschichte zu verleugnen, will Lausanne eine moderne, elegante Grossstadt sein.
An den reizvollen Gestaden des Léman gelegen, gesegnet mit einem milden, fast mediterranen Klima, beseelt von einem reichen intellektuellen und kulturellen Leben, übt Lausanne eine magnetische Anziehungskraft auf Reisende aus aller Herren Ländern aus. Touristen strömen in seine sich rasch vermehrenden Hotels, Studenten drängen sich an seine an Ansehen gewinnende Universität und Pflegebedürftige lassen sich in Lausannes modernen Spitälern von medizinischen Kapazitäten behandeln. Von 1905 bis 1910 steigt die Zahl der Hotelübernachtungen von rund 200 000 auf rund 400 000.
Bereits im Mittelalter war der Bischofssitz Lausanne eine Stätte der Bildung und ein Begegnungsort für Gelehrte. Seine Bewohner fanden Geschmack an Kunst und Literatur. Im 18. Jahrhundert waren sie «von einem Verlangen verzehrt, zu lernen und zu glänzen», man hatte, wie ein Kritiker sagte, nicht nur «einen Hunger, sondern eine Hungersnot nach Geist.» Voltaire, einer von Lausannes berühmten Gästen, lobte die «Intelligenz seiner Bewohner, die sein Talent so gut beurteilen und seine Werke so glänzend interpretieren konnten». Der grosse englische Geschichtsschreiber Gibbon, der viele Jahre in Lausanne lebte, schätzte «den Charme dieses so gastlichen und distinguierten Milieus». Historiker Maillefer beschreibt die Lernbegierde seiner Mitbürger:
Die öffentlichen Kurse werden gestürmt; ausländische und einheimische Referenten können ihre Veranstaltungen noch so vermehren, die Zuhörer bleiben unermüdlich. Nirgends liest man mehr. Nirgends in der Schweiz werden mehr Zeitungen, Zeitschriften, Bücher gedruckt. Und dies nicht etwa zum Nachteil der Lektüre ausländischer Werke. Lausanne kauft mehr französische Bücher als eine französische Stadt von 100 000 Einwohnern.
Dreh- und Angelpunkt des Lausanner Geisteslebens ist die 1537 von Bern zum Zweck der Ausbildung reformierter Pfarrer gegründete Akademie, die im 19. Jahrhundert schrittweise zur Universität ausgebaut wurde. Dank der dort lehrenden, renommierten Professoren erlangte sie in ganz Europa einen ausgezeichneten Ruf.
Für die Familie Pilet ist es selbstverständlich, dass Marcel nach Erlangung des bachot – der Matura – ein Studium an der Lausanner Uni antritt. Wieso wählt nun aber der begabte Mathematiker und an Musik, Literatur und Theater interessierte Junior das Studium der Jurisprudenz? Vater Edouard Pilet, der aus zu bescheidenen Verhältnissen stammte, um die Universität besuchen zu können, hat sich autodidaktisch erstaunliches juristisches Wissen angeeignet. Er möchte, dass Marcel Jurisprudenz studiert und in die Politik geht. In der Waadtländer Politik führt der Weg nach oben über den Anwaltsberuf und die Studentenverbindung Helvetia. Der im Kanton hochverehrte Ruchonnet, le grand Louis, dessen Statue 1906 In Lausanne mit Pomp eingeweiht worden ist, war Advokat und Helveter gewesen. Seine unmittelbaren Nachfolger als Waadtländer Bundesräte, Ruffy und Ruchet, ebenfalls Juristen und Helveter.
Marcel fügt sich dem Wunsch des Vaters und immatrikuliert sich an der juristischen Fakultät. In einem drei Jahre nach seinem Studienbeginn verfassten Brief an Freundin Tillon behauptet Marcel allerdings, dass er sich schliesslich aus freien Stücken und Idealismus für die juristische Laufbahn entschieden habe. Er beschreibt, wie er sich nach einem nächtlichen Spaziergang zu einer einsamen ländlichen Kapelle in der Nähe von Châtel-Saint-Denis auf einen Fels gesetzt hat, «um unsere Schweizer Erde, die sich unten, in weiter Ferne ausbreitete, um Kraft und Mut zu bitten». Auf den ersten Blick hat für Marcel diese Schweizer Erde «nichts Herzliches, ist kalt, glanzlos, von den winterlichen Windstössen ein wenig schmutzig». Aber unter den Bauernhöfen und Feldern, unter dem Boden und dem gelben Gras spürt der einsame romantische Träumer die «liebende und treue Heimat, eine Art Mutter».
Und es ist eben diese heimatliche Erde, die mitgeholfen hat, ihn zum Rechtsanwalt zu machen. Er habe gezögert, schreibt er, sich lange dem «dringlichen Wunsch» seines Vaters widersetzt. Advokat schien ihm ein hohler und einfältiger Beruf. Nun las er eines Abends, «vor einem unserer Waadtländer Bauernhöfe sitzend», den heute vergessenen Roman Les Rocquevillard von Henry Bordeaux. Darin bittet ein alter Anwalt vor dem Gut seiner Familie Gott um die Kraft, tags darauf vor Gericht «gross zu plädieren». Er muss nämlich als Verteidiger seinen eigenen Sohn vor den Folgen einer «verruchten Vergangenheit» schützen. Und kann damit «das Heiligste und Grösste das es gibt, die Familie», retten.
An diesem Abend habe ich begriffen, dass ein Anwalt nützlich sein kann, dass er Segen bringen kann, und wenn es mir später gelingen sollte, die Scherben eines entzweigerissenen Haushalts zu retten, Unglücklichen ein wenig Mut zurückzugeben, würde ich es Bordeaux und unserem guten pays vaudois verdanken.
Das Jusstudium wird es also sein. Zur Zufriedenheit von Papa. Aber obschon der Vater ihn dazu drängt, will Marcel nicht zu den Helvetern, sondern zu den Belles-Lettres. Aus dieser 1806 von fünf Halbwüchsigen gegründeten, ältesten aller Lausanner Studentenverbindungen sind Pastoren, Lehrer, Professoren, Ärzte, Anwälte, Literaten, Journalisten hervorgegangen, aber nur wenige Politiker.
Man darf annehmen, dass Marcel als neugieriger Gymnasiast in der voll besetzten Universitätsaula sitzt, in der am 5. Juni 1906 der hundertste Geburtstag von Belles-Lettres gefeiert wird. Das festlich gestimmte Publikum beklatscht einige der beliebtesten Literaten der welschen Schweiz, darunter den brillanten Benjamin Vallotton, der Rückblick auf die Geschichte des Vereins hält. Der Redner verteidigt die freche heutige Generation der Bellettriens, die nicht mehr wie ihre Vorgänger vor ihren Sitzungen beten und die sich auch nicht mehr siezen.
Sie haben Ideen, Theorien, Argumente zu allem und jedem; sie gefallen sich darin, einen ironisch amüsierten Blick durch die Welt spazieren zu führen; sie sind von Respektlosigkeit beflügelt, aber trotzdem arglos.
Benjamin Vallotton preist die Unerschrockenheit der Bellettriens, die sich weder von Autoritätspersonen noch von kirchlichen Gardinenpredigten einschüchtern lassen und die die fragwürdigen deutschen Trinksitten der andern Studentenverbindungen verachten. Die Bellettriens besuchen zwar – meistens – ihre Vorlesungen, aber lieber schlendern sie blühenden Hecken entlang:
Sie verabscheuen es, im Schritt zu marschieren sie setzen ihre Sitzungen auf acht Uhr an, aber sie würden sich entehrt fühlen, wenn sie vor acht Uhr fünfunddreissig erschienen. Sie haben in ihren Archiven und Bibliotheken eine gewollte und kalt berechnete Unordnung. Ja! Sie tun all das und noch viel anderes, was die braven Leute missbilligen. Worauf die Bellettriens ihnen frech antworten, dass ein Hauch von Phantasie, Disziplinlosigkeit und Ungenauigkeit die Welt mit Poesie schmückt und dass die Zeit noch früh genug kommen wird, wo man brav mit trotten muss.
Wer kann da widerstehen? Nicht Marcel Pilet, der zusammen mit drei Klassenkameraden im folgenden Jahr den Antrag auf Aufnahme in den Verein stellt.
Jeder Mensch bleibt im Laufe seiner Existenz mehr oder weniger sich selber ähnlich, sein zugrunde liegendes Temperament ändert sich kaum und seine Handlungen und Reaktionen werden von tiefen inneren Kräften gesteuert, deren Prinzip gleich bleibt Das Fundament seines Charakters ist mit sechzig Jahren ungefähr dasselbe wie mit zwanzig.
Die Sätze stammen aus einer 1947 von alt Bundesrat Pilet-Golaz an der Universität Lausanne gehaltenen Vorlesung. Wenn es stimmt, dass der einmal geformte Charakter eines Menschen sich kaum mehr ändert, lohnt es sich, das Tun und Treiben des Studenten Pilet genauer unter die Lupe nehmen.
Aus der Zeit seiner aktiven Mitgliedschaft bei Belles-Lettres, von Ende 1907 bis Anfang 1911, sind ausführliche Protokolle, genannt acta, erhalten geblieben. Sie geben Auskunft über die séances, die allgemeinen wöchentlichen Sitzungen, über die huis clos, die geschlossenen Beratungen des fünfköpfigen Vorstands, und über besondere Anlässe wie Theateraufführungen, Feste und Ausflüge. Der Sekretär des Vereins protokolliert jeweils die Sitzungen, die nach einem festen Ritual ablaufen: Vortrag eines Mitglieds über ein frei gewähltes Thema, Diskussion des Vortrags, Vorlesung eines Gedichts oder einer Passage aus einem Buch mit anschliessender Kritik am Rezitierenden. Folgt der gemütliche zweite Teil, meist beim Bier, manchmal auch bei anderen alkoholhaltigen Getränken.
Er ist nicht mehr das verschüchterte Reh, der Provinzbub aus Cossonay, der gleich an der ersten Belles-Lettres-Sitzung, an der er – noch als Kandidat – teilnimmt, die Anwesenden mit seinem Referat verblüfft. An jenem Mittwochabend, 13. November 1907, führt im «Guillaume Tell», dem Stammlokal der Verbindung, der Medizinstudent André Répond als Sekretär das Protokoll:
Monsieur Pilet, Kandidat, hat die Ehre, der Gesellschaft Belles-Lettres eine Arbeit über «Pascal – Mathematiker und Christ» zu präsentieren. Ich empfand einige Mühe, eine knappe Analyse dieser Arbeit zu machen. Sie ist ein wenig konfus und weist erstaunliche Widersprüche auf.
Protokollführer André Répond wird sich als Psychiater, Klinikdirektor und welscher Pionier der Psychoanalyse international einen Namen machen und mit der Légion d’honneur ausgezeichnet werden. Als kluger Menschenkenner lässt er sich nichts vormachen und behandelt seine Couleurbrüder mit nachsichtiger Ironie.
Tatsächlich ist es für Répond nicht einfach, die Thesen des Referenten wiederzugeben. Das Manuskript, das Pilet aufbewahren wird, beginnt mit den Worten:
Condorcet, der von sich sagt, er sei Philosoph – man sagt so viele Dinge –, behandelte Pascal als berühmten Narren. Seiner Meinung nach konnte ein Mathematiker, ein Mathematiker von Rang, nicht Christ sein. In seiner Beurteilung unterliess es Condorcet ganz einfach, der Zeit, in der Pascal lebte, seiner Erziehung und seinem Charakter Rechnung zu tragen.
Der noch nicht 18-jährige Frischling scheut sich nicht, erst einmal einer der Leuchten der Aufklärung eins aufs Dach zu geben. Natürlich macht Pilet Condorcets Fehler nicht. In seinem Referat erzählt er, wie Pascal unentwegt wissenschaftlich forscht, wie er die Welt der «subtilen Theorien der Philosophie» entdeckt. Doch Glanz und Grösse der Philosophen genügen Pascal nicht, «er sieht die Eitelkeit der Dinge dieser Welt und ihre Falschheit». Bleibt als einzige Hoffnung das Übernatürliche, Gott:
Gibt es Gott? Gibt es ihn nicht? Die Chancen sind für beide Auffassungen gleich. Was tun? Sich enthalten? Unmöglich! Ich muss wetten, gegen meinen Willen. Welches ist die beste Wette? Durch das Befolgen der mathematischen Lösungsregeln kommt Pascal dazu, auf die Existenz Gottes zu wetten. Aber auch wenn sein Verstand keinen Widerstand mehr leistet, weiss er aus Erfahrung, dass dies nicht genügt. Der Glaube kommt vom Herzen, nicht von der Intelligenz!
Pilet, selbst begabter Mathematiker und von der Mutter zum gläubigen Christen erzogen, versteht Pascal. Wenn ein grosser Denker wie Pascal den christlichen Glauben mit wissenschaftlicher Logik vereinbaren kann, beruhigt dies den grübelnden Youngster, der selbst Zweifel gehegt haben muss. Pascal, sagt Pilet, hat jetzt nur noch ein Ziel: Christus zu folgen, ihm überallhin und allzeit zu folgen. Zu diesem Schluss kam er – «auch wenn es Condorcet missfallen sollte» –, nicht weil er verrückt war, sondern «allzu logisch». «C’était être chrétien et mathematicien.»
Protokollführer Répond scheint es, dass «diese Kandidatenarbeit den Bellettriens imponiert hat». Am Schluss der Sitzung wird Marcel Pilet zusammen mit acht anderen Kandidaten in den Verein aufgenommen. Zwei Wochen später, bei seinem nächsten Auftritt, kommt das selbstbewusste Neumitglied weniger glimpflich davon.
Pilet deklamiert zwei Gedichte von einer zutiefst unbekannten Dichterin, deren Name ich ärgerlicherweise vergessen habe. Es ist darin die Rede von wilden Pferden, die durch eine blühende Wiese galoppieren. Simond, der erste Kritiker, findet die von Pilet vorgetragenen Gedichte idiotisch.
Die Kollegen kritisieren zudem seine abgehackte, herunterleiernde Vortragsweise und seine unangenehme «Ich pfeife darauf»-Haltung.
6. Pareto
Marcel Pilet geniesst die geselligen Abende mit Belles-Lettres im «Guillaume», aber er macht auch mit dem Studium der Rechte zügig vorwärts. In seinem ersten Semester – Winter 1907–1908 – belegt er elf Vorlesungen und bezahlt dafür 120 Franken Studiengeld. Die juristische Fakultät mit Sitz in der alten Académie geniesst einen hervorragenden Ruf. Geachtete Rechtslehrer wie die Professoren Roguin, Rambert, de Felice oder Herzen unterrichten neben dem schweizerischen auch das deutsche und französische Zivilrecht. Dies zieht zahlreiche Ausländer, vor allem Deutsche, aber auch Studenten aus der Türkei, anderen Mittelmeerländern, dem Nahen Osten und Afrika nach Lausanne.
Der juristischen Fakultät angeschlossen ist seit 1901 die Ecole des sciences sociales et politiques, an der kein Geringerer als Vilfredo Pareto (1848–1923), einer der Väter der Soziologie, lehrt. Pilet besucht in seinem ersten Semester beide von Pareto gegebenen Kurse, Economie politique und Sociologie. Paretos Theorie des Elitenkreislaufs, die ihn berühmt gemacht hat, bleibt umstritten, aber niemand bezweifelt die Originalität und Integrität des vom Waadtländer Staatsrat nach Lausanne geholten italienischen Gelehrten. Paretos These, dass Eliten auch in Revolutionen nicht von einer Masse ersetzt werden, sondern von einer Ersatzelite, hat Pilet überzeugt.
Als Nationalrat wird sich Pilet an Pareto erinnern, wenn er in einer Rede die Bedeutung des Bauernstands für das gute Funktionieren unserer Institutionen hervorhebt. Die Bauern seien ein Element der Ruhe und der Besonnenheit, die es der Schweiz erlaubt hätten, «eine vollständig stabile Regierung zu bewahren». In der Stadt verlören die Generationen «ihre moralischen und intellektuellen Kräfte» schneller als auf dem Land, und würden nach einer gewissen Zeit von anderen Generationen abgelöst.
Dies ist es, war man gemeinhin die «Zirkulation der Eliten» nennt. Die Eliten kommen aus der Landschaft. Man muss verhindern, dass diese Quelle versiegt.
Jede Gesellschaft braucht eine Elite. Diese Auffassung mag zwar in egalitären Zeiten als «elitär» und «reaktionär» missbilligt werden, aber Pilet leuchteten Paretos Überlegungen ein. Als alt Bundesrat wird er nach Ende des 2. Weltkriegs in einem Vortrag vor «Ehemaligen Leipzigern» eindringlich für die grosszügige Unterstützung der deutschen Universitäten und ihrer Studenten durch die Schweiz plädieren.
Die Ausbildung einer Elite des Denkens ist unentbehrlich, wenn Deutschland wieder in die Gemeinschaft der zivilisierten Völker mit ihren Auffassungen von Recht, Freiheit und Menschenwürde eingegliedert werden soll.
Paretos kühler Pragmatismus, sein Liberalismus, seine Toleranz gegenüber Andersdenkenden und die Unerschrockenheit, mit der er gängigen Meinungen entgegentrat, müssen auf den jungen Studenten Pilet eine starke Wirkung ausgeübt haben. Der Italiener, der in seiner Einschätzung der Gesellschaft und des Menschen zu Pessimismus, wenn nicht gar Zynismus neigte, huldigte trotz angeschlagener Gesundheit in seinem eigenen Leben einer stoischen Philosophie: «Caro mio», schreibt er einmal dem Freund Linaker, «glaube doch, dass carpe diem das letzte Wort der menschlichen Weisheit ist.» Ein «Glas Chianti vom guten» sei mehr wert als «der Humanitarismus und alle seine Albernheiten.»
Am 4. Dezember 1951 wird in derselben Ecole des sciences sociales et politiques, an der Pareto gelehrt hatte, alt Bundesrat Pilet seine eigene Vorlesungsreihe über die «Geschichte der politischen Systeme» mit dem Satz beginnen: «Mein Gott, wie trügerisch sind die Ideen, denen die Leute nachleben und die uns oft in eine Sackgasse stossen.» Die Worte hätten von Pareto sein können.
Eine von Paretos Grundideen ist die, dass menschliches Verhalten und menschliches Denken meist nicht durch Vernunft oder Logik bestimmt werden, sondern durch Gefühle oder Leidenschaften. In einem Brief an einen italienischen Finanzbeamten schreibt er, wenn man gesellschaftliche Tatsachen untersuchen wolle, müsse man sich an die realen Fakten halten und nicht an Abstraktionen und Ähnliches. Um die Soziologie und die Geschichte zu verstehen, dürfe man nie «das Motiv, welche die Menschen, selbst in guten Treuen, für ihre Handlungen geben», als wahr akzeptieren, wenn man nicht zuvor sorgfältig untersucht habe, ob dies den Tatsachen entspreche:
Im Allgemeinen begehen die Menschen nichtlogische Handlungen, aber sie glauben und wollen glauben machen, dass es logische Aktionen sind.
In der vom knapp 18-jährigen Pilet besuchten «Ersten Kurs der angewandten politischen Ökonomie» sagt Pareto, dass von den Vertretern verschiedener politischer Theorien «gar wenige nur die Wahrheit suchen. Die Mehrzahl sucht Argumente für eine These, die ihnen die Leidenschaft eingeredet hat.» Vorurteile jeder Art – «Vorurteile aus Patriotismus, Vorurteile der Klasse, politische Vorurteile, theologische Vorurteile, Vorurteile der finalen Ursachen» – behinderten die Wahrheitssuche.
Niemand ist gefeit gegen Vorurteile, nichtlogisches Handeln und nichtlogisches Denken. In dem erwähnten Brief an Antonucci erzählt Pareto, wie er, der vorher noch nie an einer Universität doziert hatte, in Lausanne Volkswirtschaft und später auch Soziologie zuerst selber studieren musste. Dabei merkte er, dass er viele seiner eigenen vorgefassten Theorien revidieren musste, damit sie «wissenschaftlich wurden»:
Vor allem lernte ich, dem Gefühl zu misstrauen. Wenn jetzt eine Sache meinem Gefühl entspricht, wird sie mir deswegen bloss verdächtig und ich suche mit grösserer Sorgfalt Argumente gegen sie, als wenn es eine Sache wäre, die meinen Gefühlen zuwiderläuft.
Den eigenen Gefühlen misstrauen! Diese von Pareto gepredigte Weisheit hat Pilet zur seinen gemacht; er wird sie nie mehr vergessen. Seine Lausanner Studenten, zu «rigoroser Objektivität und zu einem scharfen kritischen Sinn» anhalten:
Es ist sehr leicht und sehr verführerisch, für wahr zu halten, was eure Ideen bestätigt, oder – ein schlaueres, aber nicht weniger gefährliches Verfahren – in der Auswahl der Fakten bei denen aufzuhören, die keinen Einwand erheben und die euch nicht widersprechen. Der wissenschaftliche Geist verlangt, dass man die Fakten als das nimmt, was sie sind, ob sie euch gefallen oder missfallen.
Kein Wunder, dass Pilet in den politischen Kreisen, in denen er sich später bewegen wird, oft auf blankes Unverständnis stiess. Sich selbst und seine Ideen infrage stellen ist dem Durchschnittspolitiker fremd.
Und noch ein weiterer Gedanke Paretos scheint den Rechtsstudenten Pilet dauerhaft beeinflusst zu haben. Pareto sagt, man wisse «wenig oder nichts über die Auswirkungen irgendwelcher Änderungen des sozialen Zustandes», und derjenige, der Änderungen vorschlage, operiere aufs Geratewohl: «Er weiss, wohin er gehen möchte, aber er weiss nicht, wohin er wirklich gehen wird.» Wenn er einen Rat geben müsste, wäre es dieser: Jeder soll sich um seine eigenen Interessen kümmern und sich begnügen, unmittelbare und leicht vorhersehbare Wirkungen anzustreben.
Jegliche Änderung des sozialen Zustands habe ausser einer direkten Auswirkung auch wesentliche indirekte Auswirkungen, die oft schwieriger einzuberechnen seien als die direkten:
Dies ist einer der Gründe, weswegen die Gesetzgeber, wenn sie wirtschaftliche Phänomene regulieren wollten, bisher mehr Schlechtes als Gutes getan haben.
Dass ein neues Gesetz manchmal mehr schadet, als nützt, ist eine Erkenntnis, die den Politiker Pilet-Golaz sein Leben lang begleiten wird.
Pilet ist fasziniert von der «Entwicklung der Gesellschaften und der politischen Systeme» – Titel seiner eigenen Vorlesungen von 1947 – und hat vermutlich von dem reichen historischen Wissen, das Pareto vor seinen Zuhörern ausbreitete, Anstösse zu eigenen weiteren Studien erhalten. Er hat sich schon früh mit Montesquieu und seinem «magistralen Werk» De l’esprit des lois befasst, weil er dessen «so grossen und so tiefen Einfluss auf die Entwicklung der politischen Ideen und den Fortschritt der liberalen Demokratie» erkannte. 1952 wird er seinen Studenten berichten:
Die Lektüre [von De l’esprit des lois] ist nicht gerade unterhaltsam und ich wage nicht euch anzuhalten, sie in Angriff zu nehmen. Ich weiss, welche Mühe ich selber gehabt habe, dies zu tun. Ich war zwanzig und las mit Vorliebe abends. Aber ich kam nicht über Seite 17 hinaus, worauf ich einschlief. Um dieses schläfrige Kap zu umschiffen, musste ich den Vorsatz fassen, am Morgen zu früher Stunde zu lesen. Nicht dass das Werk langweilig oder unverdaulich wäre, überhaupt nicht, aber es ist so reich an Substanz und Materie, dass seine Erfassung nicht in Häppchen geschehen kann. Vergessen wir nicht, dass es das Produkt von mehr als zwanzig Jahren Arbeit, Studien und Nachdenken ist Pilet verehrt Montesquieu, im Gegensatz zum anderen bedeutenden politischen Denker des 18. Jahrhunderts, von dem er zugibt:
Ich mag Rousseau nicht, ich meine den politischen Rousseau, nicht den literarischen Rousseau. Gibt es etwas Köstlicheres, Aufrichtigeres und Melancholischeres als die Rêveries du promeneur solitaire oder die Confessions?
Alt Bundesrat Pilet-Golaz missfällt der politische Rousseau, weil er am Ursprung der «jakobinischen, totalitären» Tendenz der demokratischen Entwicklung steht, die «auf dem Weg über den Marxismus zu den sogenannten Volksdemokratien von heute führt». Bestimmt hätte es Pilet gefreut, wenn er 1952 hätte voraussehen können, dass die «sogenannten Volksdemokratien von heute» keine vierzig Jahre später ein unrühmliches Ende finden würden.
7. Die Bühne ruft
Schon als Gymnasiast ist Marcel Pilet ein eifriger Theaterbesucher. Er erhält die Erlaubnis, im Lausanner Theater, in dem auch die vedettes, die Stars, aus Paris gastieren, sich hinter den Kulissen umzusehen. Die Beziehungen, die sein Vater als Kommunalpolitiker hat, machen es ihm möglich. Und natürlich träumt der junge Theaternarr davon, selbst einmal auf den Brettern, die die Welt bedeuten, zu stehen, vielleicht sogar als Berufsschauspieler.
Die sogenannten théatrales sind eine Tradition bei Belles-Lettres. Jeden Dezember tritt die Theatertruppe der Studentenvereinigung vor vollem Haus im feudalen Lausanner Grand Théâtre auf. Vorher oder nachher ziehen die schauspielernden Bellettriens durch den Kanton und erfreuen das Publikum der grösseren Ortschaften mit ihren Aufführungen. Pilet ist schon von Anfang an Mitglied der Theaterkommission der Verbindung. Eine Hauptaufgabe der Kommission ist die Wahl der Stücke. Man bemüht sich um eine Mischung zwischen modernen Komödien, die eben in Paris mit Erfolg gespielt worden sind, und Klassikern. Man prüft, ob ein Stück allzu gewagt sei, um es keuschen weiblichen Ohren zuzumuten. Pilet ist hier liberal. Ein klein wenig risqué darf es schon sein, solange der gute Geschmack nicht durch Vulgaritäten verletzt wird.
In der Theaterkommission kümmert sich Neuling Pilet um Dinge wie Saalmiete, Anschaffung von Kostümen, Druck der Programme, Korrespondenz mit Behörden, Verteilung der Rollen, Ansetzung der Proben – wer zu spät kommt, zahlt eine Busse. Soll man den Zofingern das Gewand von Louis XIV ausleihen? Pilet ist dagegen und der Vorstand auch. «Nieder mit Zofingen!», liest man in einem Protokoll. Bereits in seinem ersten Semester spielt Neuling Pilet mit.
Am 20. Januar 1908 wartet im Grand Théâtre ein gut gelauntes Publikum auf die traditionelle (wegen des Todes des Rektors verschobene) Jahresendaufführung der Bellettriens. Auf den Rängen sitzen Verwandte und Bekannte, Altherren und Scharen von erwartungsvollen jungen Fräuleins, darunter viele Ausländerinnen – Russinnen hauptsächlich – aus Lausannes zahlreichen Mädchenpensionaten.
Der Abend beginnt mit dem beliebten Prolog, in dem das Geschehen des abgelaufenen Jahres persifliert wird. Politiker, nicht zuletzt der in der Loge sitzende syndic, werden schonungslos aufs Korn genommen. Die Zuschauer lachen. Dann folgt als pièce de résistance die anspruchsvolle Komödie Le mariage de Figaro von Beaumarchais. Auch wenn man dem Darsteller Figaros «mehr Leben» gewünscht hätte, amüsiert sich das Publikum königlich. «Glückliche Jugend!», schreibt der Kritiker der Gazette de Lausanne. Ihm sind zwei «Debütanten, die viel versprechen», aufgefallen, «die Herren Simond und Pilet», der Letztere in der Rolle des Grafen Almaviva, eines tyrannischen alten Lüstlings.
Die Theaterabende in der Provinz sind verbunden mit Bankett, Reden, Tanz. Der Sekretär von Belles-Lettres schreibt jeweils einen Bericht über die théatrales. Im Dezember 1909 liegt die Aufgabe bei Pilet. Wie es Brauch ist, kritisiert er den Auftritt der Kollegen:
Rey ist viel besser gewesen, als man hätte glauben können. Gagnaux gab eine ausgezeichnete Soubrette in einem welschen Marktflecken. Secretan spielte einen manischen und affektierten Kammerdiener, der ganz gelungen war; man muss sagen, dass dies perfekt zu seinem Naturell passte, nicht dass er ein Kammerdiener wäre, sondern nun, Ihr versteht mich. Girardet und Pilet waren, was sie sind, immer ohne Fehler.
Sekretär Pilet geistreichelt weiter:
Um 2 Uhr früh verliess Belles-Lettres diese Stadt, die sie hatte verderben wollen. Die einzige Spur ihrer Durchfahrt war am nächsten Morgen die [rot-weisse] zofingische Farbe der Bettwäsche der Mädchen. Getrieben von Erinnerungen, vom Verlangen und von irgendeinem Teufel, hatten sie Ihr versteht mich. Ihre Mütter sahen darin das Zeichen von Gottes Finger und schworen sich, die Mädchen nie wieder zu den Abendveranstaltungen von Belles-Lettres zu führen.
Will Pilet mit der schlüpfrigen Bemerkung den Kollegen imponieren? Dass die Bellettriens, junge Männer um die zwanzig, sich im Umgang mit dem schönen Geschlecht oft keinen Zwang antun, zeigen die Notizen auch anderer Sekretäre:
Eine Gruppe von kühnen Bellettriens dringt [in Aubonne] bei der Modistin ein, die im Ort en vogue ist, und bald ist der ganze Laden drunter und drüber. Herzog umarmt die kleine Lehrtochter, Pilet berührt das Bein einer Arbeiterin, während Gagnebin geschickt die Chefin auf den Mund küsst. Alle diese Damen sind entzückt.
In Champéry trinken die Bellettriens beim offerierten Apéritif sieben Liter Absinth:
Die Serviertöchter haben mehr Mühe, sich der sadistischen Hände zu erwehren, die nach ihren keuschen Formen greifen, als uns zu bedienen. Der von alten Herren umgebene Pilet ist gezwungen, sich gut zu benehmen, und er leidet darunter.
Da Belles-Lettres keine weiblichen Mitglieder hat, werden Frauenrollen von Studenten gespielt. Der Elsässer Georges Bergner, der zusammen mit Pilet das grüne Béret von Belles-Lettres trug, erzählt zwei Jahrzehnte später von einer Sondervorstellung von Gringoire in einem asile d’aliénés, einer Irrenanstalt:
Als Pilet vor dem Aufgang des Vorhangs zusammen mit seinem als Loyse transvestierten Kameraden einen French Cancan tanzte, rief der Arzt: «Ihr Unglücklichen, wenn meine Kranken euch sehen, werden sie tatsächlich noch verrückt!»
Dass Pilet als Schauspieler de véritables prouesses, wahre Spitzenleistungen, vollbrachte, bestätigt der bereits erwähnte Bergner. Schlank und «mit der Nase im Wind» habe er dem Pariser Schauspieler Louis Lenoir geglichen und diesem mehrere Rollen entliehen, darunter «Harpagon, mit der Souplesse, die auf die Politik vorbereitet, L’Intimé mit Unverschämtheit, Gringoire mit Romantik, Petruchio mit Ungestüm».
In der Gazette rühmt G. R. (Georges Rigassi, später Chefredaktor des Blatts) den talentierten Mimen:
Belles-Lettres besitzt in M. Pilet (Harpagon) – der letztes Jahr der Rolle des Poeten Gringoire derartigen Glanz verlieh – einen Künstler von sehr reellem Wert.
Nachdem in L’Avare der Vorhang gefallen war, sagte Pilet – wenn wir Bergner glauben wollen –: «Dies ist meine Beerdigung.»
Jedenfalls hat Marcel den Traum einer Schauspielerkarriere aufgegeben. Die Versuchung war da, aber sie ist geschwunden. Ein halbes Jahr später erinnert er sich in einem Brief an Tillon dankbar an seine zwar nicht grösste aber «hübscheste» Rolle. In dem 1908 von den Bellettriens aufgeführten Pariser Erfolgstück Le Bon Roi Dagobert spielte er Saint Eloi, den Kirchenmann und Staatsminister des Königs. Bekleidet in einem köstlichen mauve Nachthemd hat er als ältlicher Komödienbischof eben seinen lustigsten Auftritt gehabt. Das «sehr zufriedene» Publikum spendet Beifall und wie es Brauch ist, wird den Schauspielern ein Palmenzweig hingereicht. Pilet im Brief:
Mit gebrechlichen, kleinen Schrittchen gehe ich den Zweig holen, um ihn der Königin (Rey) zu überreichen, aber in dem Moment, wo ich mich dem Souffleurkasten nähere, fällt der Vorhang. Ich stehe plötzlich allein zwischen ihm und dem Publikum, das um so lauter applaudiert und mir eine kleine Ovation darbringt – eine ganz persönliche.
Es sei dies das erste und letzte Mal gewesen, dass er den Stolz und die Trunkenheit des Beifalls, das «Gefühl der Eitelkeit des Triumphs» gespürt habe. Wenn er auch nicht den geringsten Schritt tun werde, um dieses Hochgefühl je wieder zu erleben, bleibe ihm doch eine bewegende Erinnerung.
8. Führungsschule
Im Wintersemester 1908–1909 nimm Pilet das Amt des Sekretärs auf und entschuldigt sich sogleich:
Ich komme aus der Rekrutenschule – dies erklärt meine Abstumpfung. Während 67 Tagen habe ich «Gewehr hoch» gemacht und hier bin ich, Feder in der Hand, Historiker und Chronist der Glanztaten der Mitglieder unserer Gesellschaft. Kann ich ihre Heldentaten besingen, wie sie es verdienen, ihre feinen und subtilen Worte feiern?
An den Sitzungen sagt Pilet klar seine Meinung, so etwa, als diskutiert wird, ob Naturwissenschaftler sich auch als Philosophen betätigen dürfen. Ja, meint Pilet, und erinnert daran, dass Darwin, Haeckel und andere Philosophen zuerst Wissenschaftler gewesen sind. Protokollführer Victor Gagnaux vermutet, dass der ehrgeizige Pilet sich mit diesem Votum für die bevorstehende Präsidentenwahl empfehlen will:
Wenn man Pilet zuhört, versteht man leicht, dass die Mehrheit der Bellettriens eine naturwissenschaftliche Schulung hat, und sie applaudieren auch kräftig. Bravo Pilet. Du hast deinen Sessel auf sicher.
Hatte er. Am 22. Oktober 1909 wird er mit 22 Stimmen zum Präsidenten gewählt. Bei den «wie immer lärmigen» Wahlen müssen sich die anderen Vorstandsmitglieder mit 13, 17, 15 und 14 Stimmen begnügen. Im Protokoll schreibt Gagnaux, später Oberfeldarzt der Schweizer Armee. Er wird 1946 an einer Truppenübung bei einem Autounfall ums Leben kommen:
Präsidentschaft: Pilet, Präsident
Man hatte ihm den Ruhm gegeben, wir brauchten jetzt Versprechen; seine Thronrede war voll davon, seine Thronrede machte uns Freude. Pilet hat verschiedentlich gesagt: «Ich wünsche»; öfter hat er gesagt: «Ich will.» Pilet hat Willen, er hat Kraft, er hat Begeisterung – möge er nicht enttäuscht werden. Arbeit ist es, sagt er uns, was am besten für Unterhaltung sorgt: «Ich wünsche, dass man bei Belles-Lettres arbeitet. Mein Wunsch wäre es, bei jeder Sitzung eine gute, sorgfältig gemachte Arbeit zu hören, die eure Ideen und eure Wünsche ausdrückt, und nicht die Ideen, die gerade Mode sind, nicht die dekadenten Wünsche einer schlappen, leeren und dummen Minderheit, die uns durch ihre Extravaganz blendet.
Tragt nicht die müden und angewiderten Mienen derjenigen zur Schau, die alles gesehen haben, alles kennen. Vertreibt den modischen Skeptizismus, der nicht eurem Alter entspricht und der nur eines beweist: eure Leichtgläubigkeit und euren Wunsch zu glauben! Verzichtet auf jede Pose, zeigt euch, wie ihr seid, jung und unerfahren, aber auch stark, voller Leben und begierig, das Leben anzugehen. Macht gesunde, offene und ehrliche Arbeiten. Nehmt euch die Mühe zu denken, zu überlegen; übernehmt nicht träge einfach Ideen, die schon da sind, die wir nicht suchen müssen: Sie sind nichts wert, sie führen nirgends hin.»
Es ist die Rede eines Erziehers. Es ist auch die Rede eines Leaders. Pilet, der seine Aspirantenschule hinter sich hat und den man auf Ende Jahr zum Leutnant befördern wird, vermisst bei Belles-Lettres eine Eigenschaft, die der Verbindung immer gefehlt habe: die Disziplin.
Unser Präsident verlangt von uns keine militärische Disziplin, sondern eine, die auf Takt und gutem Willen beruht. Verzichten wir inmitten von ernsthaften Diskussionen auf Bonmots und Witze [wörtlich französisch: et les witz]. Was die bellettristische Freundschaft betrifft, pflegen wir sie doch an den Abenden am Ende der Sitzungen, vor allem bei Spaziergängen. Wieso macht man keine Spaziergänge mehr? Aus Müdigkeit oder Gleichgültigkeit? Nein, es ist aus Phlegma! Schütteln wir dieses Phlegma ab und machen wir Spaziergänge.
Stürmischer Beifall und tags darauf machte man keine Spaziergänge.
Disziplin und Ordnung wird dereinst Bundesrat Pilet-Golaz immer wieder von Volk und Parlament fordern. Kritische Zeitgenossen und Historiker haben ihm dies als «autoritär», «reaktionär», wenn nicht gar «pétainistisch» oder «faschistisch» angekreidet. Die Werte Ordnung und Disziplin, Pflicht und Arbeit, die Liebe zu Gott, Vaterland und Familie haben bei Pilet tiefe Wurzeln. Sie gehen auf die Ermahnungen von Eltern und Lehrern und auf seine Waadtländer Herkunft zurück. Er hatte diese Werte verinnerlicht, lange bevor Mussolini, Franco oder Pétain aus diesen Werten politisches Kapital schlugen.
Zurück zum 21. Januar 1910, an dem von Belles-Lettres-Präsident Pilet diplomatisches Geschick gefordert ist. Die Verbindung Germania kommt auf Besuch. An der juristischen Fakultät der Uni Lausanne hat es in jenem Jahr mehr deutsche als einheimische Studenten. Der in Ober-Ingelheim geborene Weitzel ist im Element, erklärt den andern Bellettriens die germanischen Formeln und Regeln und sagt zum «beunruhigten» Pilet: «Lass mich machen!» Als die Germanen hereinmarschieren und Pilet ihnen zur Begrüssung entgegeneilen will, nagelt Weitzel ihn mit einem «Rühr dich nicht!» an seinem Platz fest. Bei deutschen Burschenschaften verlässt der Präsident nie seinen Sitz. Offiziell begrüsst Pilet die Gäste: «Die Worte machen auf unsere teutonischen Freunde grossen Eindruck, die – die Augen ernst auf unseren Präsidenten gerichtet – den Kopf schütteln, jeder zweimal.»
Die Ankunft des Biers entlockt den Germanen ein erstes Lächeln, doch bald sind sie wieder grimmig ernst. Eine Klavierdarbietung lässt sie mit den Händen den Takt angeben, aber die Gesichter bleiben starr. Pilet erklärt dann – zumindest für einige Augenblicke – Deutsch zur offiziellen Sprache:
Unser Präsident sagt ebenso charmante Dinge auf Deutsch wie auf Französisch und die Germanen, die erstmals an diesem Abend etwas verstehen, stossen grosse Lacher aus, mit denen sie aber sofort aufhören, um stramm und mit entblösstem Haupt der Antwort ihres eigenen Präsidenten zu lauschen. Dieser lädt seine Kameraden ein, zu Ehren von Belles-Lettres einen Salamander zu trinken. Die vier Schoppen steigen in perfekter Einheit auf die Höhe ihrer oberen Körperöffnungen, werden in einem Zug heruntergeschluckt, trommeln eine Weile auf dem Tisch und aufs Kommando drei schlagen sie mit einem Streich auf. Belles-Lettres applaudiert kräftig. Weitzel hat nie zuvor etwas so Schönes gesehen.
Auf seinem Präsidentenstuhl gestikuliert Pilet, spricht durcheinander Französisch, Deutsch und Esperanto. Die humoristischen Produktionen der Bellettriens lassen die Gäste kalt. Der kulturelle Graben zwischen schneidigen Deutschen und fidelen Romands ist tief. Glücklicherweise kommt es nun zu Trinkduellen.
Es gibt aufregende Halbfinale, sensationelle Finale und immer ist man ernst, «stramm». Unsere Gäste trinken, trinken, trinken. Der Punch wird gebracht. Die Wettkämpfe, die mit Bier begonnen haben, werden mit der neuen Flüssigkeit fortgesetzt. Was die Musik, die Reden, die Produktionen nicht fertigbrachten, bringt das gezuckerte Getränk zustande. Die Germanen werden aufgeheitert, verlieren ihre seriöse Miene, sie haben auf ihren Köpfen Belles-Lettres-Bérets und unter dieser Kopfbedeckung verlieren sie ihre Gravitas. Weitzel jubelt unter einer Germania-Mütze, die ihm den Anschein eines Bahnhofvorstands gibt.
Beim Trinken stehen die Bellettriens den Germaniern in keiner Weise nach. Ja, sie sind trinkfester und beim Verlassen des «Guillaume» lächeln sie über «die weichen Beine und die verstörten Blicke» ihrer Gäste.
An der nächsten Sitzung geht es wieder gesitteter zu. Man ist jetzt im Geist in Paris, nicht in Berlin. Philippe Secretan redet über Mme de la Fayettes berühmtes Werk Princesse de Clèves. Als Pilet ihm vorwirft, er scheine den Roman Zaïde nicht zu kennen, wehrt sich Secretan: «Dieser Roman zählt in ihrem Werk nicht. Ich richte mich an kultivierte Erwachsene.» Pilet: «Man würde es nicht sagen. Alles, was du über Mme de La Fayette gesagt hast, steht im Gymnasiumkurs.»
Secretan und Pilet, beide gescheit und ehrgeizig, kreuzen gerne die Klingen. Philippe Secretan ist der Sohn von Edouard Secretan, dem im Kanton bewunderten colonel, der als Chefredaktor der Gazette de Lausanne und Nationalrat die Stimme der welschen Schweiz verkörpert. Als der Vater 1917 überraschend stirbt, ist Philippe zu jung und unerfahren, um dessen Nachfolge in der Gazette anzutreten. Er wird später als erfolgreicher Geschäftsmann und Literat in Paris Karriere machen. Die intellektuellen Hahnenkämpfe, die sich Secretan und Pilet liefern, haben auch einen gesellschaftlichen und politischen Hintergrund. Die Secretans sind ein altehrwürdiges Lausanner Geschlecht, vermögend und die natürlichen Führer der «aristokratischen» liberalen Partei; die Pilets Kleinbürger aus der Provinz, Emporkömmlinge, die in der Volkspartei der Radikalen ihre Aufstiegschancen wahrnehmen. – Vater Edouard Pilet ist zurzeit gerade Präsident des Lausanner Gemeinderats.
Als Sekretär geht Secretan mit seiner ironischen Feder gerne auf seinen Widersacher los:
Man sagte sich, es wird kurz werden, alle sind müde und niemand wird etwas zu sagen haben. Aber man hatte nicht mit Pilet gerechnet, der unberechenbar ist. Pilet las uns seine Thronrede. Aber nein! Ich schrieb «las» aus Gewohnheit. Pilet «spricht» uns seine Rede. Alle waren dermassen voller Bewunderung, dass nach dem «Ich habe gesprochen» und der Ovation es ein Stillschweigen gab, ein geniertes Stillschweigen.
Secretan ist fasziniert von der schillernden, rätselhaften Persönlichkeit seines Kollegen und Rivalen. Er durchschaut ihn (meistens), begreift ihn besser, als spätere Beobachter dies tun werden – und seien sie noch so prominente Politiker, Publizisten oder Historiker.
Wenn er seine kleine Armee mit Energie geführt hat, dann, weil er sie zum Triumph führen wollte. Es ist ihm gelungen. Seien wir ihm dankbar. Und tatsächlich hat er seine Barke gut geführt. Aber er hätte nicht betonen sollen, dass er sie führte. Er hätte seine Gesellschaft führen, aber nicht sagen sollen: «Ich führe Belles-Lettres auf diese und diese Weise.» Dies hat nämlich Dénéreaz schockiert, der darauf besteht, sich frei zu fühlen oder sich frei zu glauben.
Der schockierte David Dénéreaz, der sich frei fühlen möchte, wird später Stadtpräsident von Vevey, Nationalrat und – was in der Waadt viel mehr gilt – Abbaye-Président der Fête des vignerons
Wenn Pilet in den acta gelegentlich als «unser lieber Präsident» apostrophiert wird, ist nicht klar, ob dies ernst oder spöttisch gemeint ist. Der cher président kann im Übrigen durchaus generös sein. Nachdem Elie Gagnebin, der sich als Schauspieler und Literaturkritiker, dann auch als Professor für Geologie und Paläontologie einen Namen machen wird, über Evolution gesprochen hat, urteilt Pilet: «Für ein wissenschaftliches Exposé war der Stil ausgezeichnet. Die Arbeit, wohlgeordnet und ohne Unklarheit, wurde à la perfection vorgetragen und mit Vergnügen gehört.» Ein anderes Mal findet Pilet ein Referat «uninteressant», weil er «nichts gelernt» habe. Dazu Sekretär Secretan: «Habt ihr vergessen, dass Pilet alles weiss?»
Aufschlussreich für Pilets politisches Denken ist der Vortrag, den er über das 1895 erschienene Traktat «Die Psychologie der Massen» von Gustave Le Bon hält. Pilet beschreibt darin die Massenpsychologie Le Bons: Eine Ansammlung von Menschen könne eine neue kollektive Seele erhalten, die sich von derjenigen ihrer einzelnen Glieder unterscheide. Die Individualität werde in der Masse ausgelöscht.
In ihr wirken die mächtigen Individuen auf die nicht mächtigen ein. Die Masse ist leichtgläubig, hypnotisiert; sie hat keinen kritischen Geist mehr und sie lügt. Sie geht immer zu den Extremen hin, den Extremen des Guten und des Bösen; sie ist nicht gut oder schlecht, sie ist, was die Anführer wollen.
Wenn man bedenkt, dass der Nationalsozialismus und Hitler dem Bundespräsidenten und Aussenminister Pilet-Golaz dereinst viel Ungemach bereiten werden, hören sich die folgenden Ausführungen des Bellettrien wie eine Vorahnung an:
[Die Menge] ist auch grundsätzlich religiös. Deshalb vergöttert sie ihre Chefs. Und ihre Anführer haben ebenfalls ihre besonderen Eigenschaften. Erstens kennen sie die Psychologie der Masse und wissen, wie sie auszunützen. Ihre Reden enthalten nichts als einfache Behauptungen. Sie haben einen starken, unerschütterlichen Willen. Während Intelligenz für sie nicht unentbehrlich ist, ist der Glaube an sich selber absolut notwendig. Dies ist, was Monsieur Pilet Monsieur le Bon sagen lässt. Und dies ist, was Monsieur Pilet in Monsieur le Bons Buch besonders beeindruckt hat: das Portrait des Führers einer willenlosen Masse.
Mit Le Bons These, dass die Menge immer dumm ist und nur crétineries macht, ist Pilet hingegen gar nicht einverstanden: Die Annahme des Zivilgesetzbuchs beweise, dass die eidgenössischen Räte keine Ansammlung von Dummköpfen sind. Als weiteres Beispiel nennt Pilet die Geschworenengerichte, die ihre Urteile nicht merklich geändert hätten, «seit ihnen Leute aus allen Klassen angehören, weil es in allen Jurys immer Intelligente gibt, welche die Nieten leiten». So sind denn für Pilet Le Bons Schlussfolgerungen falsch:
Le Bon ist ein Sektierer, ein hitziger Gegner des Sozialismus, der versucht, die demokratische Staatsform zu diskreditieren. Indem er mit Wörtern spielt, zieht er aus richtigen Prämissen falsche Ideen. Durch einen argumentativen Kunstgriff macht er aus einfachen Versammlungen von Menschen eine psychologische Masse. Er übersieht die besonderen Umstände, die zur Bildung einer psychologischen Masse erforderlich sind. Weder ein Parlament noch eine Jury versammeln sich unter den ziemlich speziellen Umständen, die eine psychologische Masse erzeugen. Versammlungen sind nicht in dem notwendigen erwartungsvollen Zustand. Es sind Versammlungen von intelligenten Leuten. Individuen sind generell wenig geneigt, sich hypnotisieren zu lassen.
Wir haben hier Kerngedanken in Pilets politischer Weltanschauung, die sich im Laufe seines Lebens kaum ändern werden. Er befürwortet die demokratische Staatsform, er vertraut dem Volk und den intelligenten Individuen, die das Volk führen. Fanatismus und Sektierertum sind ihm zuwider. Infrage gestellte Institutionen wie Parlamente und Geschworenengerichte verteidigt er.
Beim letzten Vortrag, den Pilet im April 1910 vor den Bellettriens hält, überrascht er die Zuhörer durch seine exzentrische Themenwahl. Sekretär Philippe Secretan:
Pilet las uns seine Arbeit, die man mit Ungeduld erwartete. Würde er uns die Biographie eines grossen Mannes wie Sainte-Beuve erzählen oder würde er uns von einem anderen Thema von allgemeinem Interesse sprechen, von einer philosophischen Theorie, von einer geologischen Epoche, von einer Maschine oder von der Elektrizität, wie seine Intelligenz es ihm erlaubt hätte? Denn Pilet – es wird euch nicht entgangen sein – ist sehr intelligent Pilet ist kalt. Er ist ein sehr detachierter Beobachter. Er hat uns von Vauvenargues gesprochen, wie er es von einem Heissluftmotor getan hätte, ohne Emotion, ja ohne seine inneren Gefühle sehen zu lassen, oder wenigstens glaubte er, dass man nichts gesehen habe.
Wohl kaum einer der Bellettriens hat von Vauvenargues (1715–1747) gehört, der im Dienste des Königs an zahlreichen Feldzügen teilnahm, bevor ihn eine Kriegsverwundung zum Invaliden machte. Die letzten vier Jahre seines kurzen Lebens verbrachte er zurückgezogen mit Schreiben von Aphorismen. Für Pilet ist Vauvenargues ein wichtiger Philosoph. Die Denker des 17. Jahrhunderts «wollten, dass die Menschen von Natur aus schlecht, böse und pervers seien». Als Mann des nächsten Jahrhunderts habe Vauvenargues dagegen an die natürliche Güte der Menschen geglaubt, auf die Macht der Vernunft und «die Idee des Vertrauens des Menschen in sich selbst – alles, was den Individualismus schafft».
Secretan kann nachempfinden, was in Pilet vorgeht. Pilet bewundert den kühnen Soldaten Vauvenargues und strebt selbst nach la gloire – Ruhm, Ehre. Es folgen im Protokoll Sätze, die deutlich auf Vereinspräsident Pilet gemünzt sind und die sich geradezu hellseherisch anhören:
Ob im hitzigen militärischen Leben oder in den heftigen Kämpfen, die manchmal Studentenvereine in Aufregung versetzen, sieht man Männer, welche die gloire derart dienstfertig umwerben, dass sie sie zu ihrer tyrannischen Geliebten machen, und die bei ihnen oft bloss Bitterkeit und Abscheu zurücklässt, wenn sie ihr einmal nicht mehr gefallen.
Secretan bemängelt in Pilets Arbeit «mangelnde Originalität» und streut als Zugabe Salz in die Wunde:
Der Stil, dem Pilet anscheinend grosse Sorgfalt hat angedeihen lassen, ist weit entfernt davon, perfekt zu sein, er ist nicht einmal gut. Er hat gewisse Schwerfälligkeiten, die freilich beim Lesen mehr auffallen als beim Zuhören, und zudem verunstalten ihn einige Französischfehler.
Sein Stil soll schwerfällig sein, Französischfehler soll er gemacht haben? Pilet, der dünnhäutiger ist, als er zu sein vorgibt, wird die ätzende Kritik nicht goutiert haben.
9. Eine Demoiselle aus Orbe
Die belle histoire d’amour, die Marcel Pilet fürs Leben mit Mathilde Golaz verbinden wird, beginnt prosaisch an einem düsteren Dezembersamstag 1909. Die im Zug mit Hallo und Gesang aus Lausanne aufgebrochenen Bellettriens kommen um 17 Uhr im Städtchen Orbe am Fuss des Juras an. Statt des erhofften Empfangs mit Musik und Blumen steht am Bahnhof bloss ein Ehrenmitglied ihres Vereins, «begleitet von einem Herrn in Schwarz und einer leichten, aber kalten Bise.» In Gruppen von zwei oder drei begeben sich die Studenten zu den «guten Familien» in Orbe, die sie zum Abendessen eingeladen haben. Die einen geniessen dort den guten Wein, andere die Gesellschaft von charmanten Begleiterinnen.
Verspätet tröpfeln die Schauspieler im Casino ein, kleiden sich rasch um, kleben Schnäuze und Bärte an. Derweil schauen sich im Saal um die hundert Personen gegenseitig an und warten darauf, dass der Vorhang sich hebt. Hundert sind wenig, aber wenigstens sind es des gens biens! Endlich erschallt, vom Dorforchester gespielt, der Belles-Lettres-Marsch und «zweifellos zum ersten Mal» singen die Bellettriens le Sapin vert, «begleitet und beinahe richtig».
Sekretär Gagnaux, der die Exkursion protokolliert, spart seine Kritik an den Schauspielern für ihren Hauptauftritt in Lausanne auf. Dort wird das Stück Gringoire das Publikum «vibrieren» lassen. Und dort wird Pilets lebhaftes und wahres Spiel manch hübsche Augen zu Tränen rühren. «Unser Präsident bestätigte seinen Ruf als glänzender Schauspieler und verschaffte sich frenetischen Beifall.»
Ob die hundert Zuschauer in Orbe auch frenetisch Beifall geklatscht haben und ob auch dort die Mädchenaugen feucht wurden, verschweigt der Chronist. Jedenfalls war das Publikum «entzückt». Nachher wird der Saal für den Ball hergerichtet.
Plötzlich scheint das Casino zusammenzukrachen. Die Scheiben zittern, die Türen wackeln in ihren Angeln. Keine Angst! Es ist bloss das Tanzorchester, das die schönsten Stücke seines Repertoires spielt. Jeder stürzt sich auf die Schönheit seiner Wahl. Der Ball beginnt. Die Bellettriens tanzen wenig und die dreissig Fräuleins von Orbe geniessen mehr, als ihnen lieb ist, das Glück, sitzen zu bleiben.
Die letzten Akkorde der Musik sind verklungen, langsam leert sich das Casino. Die Braven nehmen programmgemäss den Frühzug von 5 Uhr, andere schlafen im «Hôtel des deux Poissons», wieder andere unter der Casinobühne und wieder andere überhaupt nicht. Verfolgt von den wenig freundlichen Blicken der einheimischen Passanten, wandern sie übernächtigt und müde in den Morgenstunden durch die mittelalterlichen Strassen von Orbe, bis der Lausanne-Zug sie erlöst.
Ein paar jungen Fräuleins, Töchtern aus den guten Familien von Orbe, haben die frechen baladins, die Wanderschauspieler von der Uni Lausanne, imponiert. Darunter ist die aparte 22-jährige Tillette Golaz – die eigentlich Mathilde heisst, die aber niemand so nennt. Ihr vor neun Jahren verstorbener Vater war der mächtigste Politiker von Orbe: Sieben Jahre Militärdirektor, bevor er im Staatsrat einem Liberalen Platz machen musste und als Ständerat nach Bern abgeschoben wurde. Tillette lebt mit ihrer Mutter in einer eleganten Villa mit gepflegtem Garten, la maison carrée, von wo man auf den tief unten liegenden Fluss Orbe schaut.
Das Mädchen ging in Orbe in die Primarschule, die sie mit besten Zeugnissen immer als Klassenerste abschloss. In Lausanne besuchte Tillette das Gymnasium, wo sie «Kurse in der französischen Sprache, der deutschen Sprache, der englischen Sprache, Arithmetik, Geschichte, Geografie, Botanik und Physiologie belegte: Sie zeigte sich fleissig und ihr Betragen war in allen Belangen ausgezeichnet.»
Mit ihren Zeugnissen hat sie auch einen Zeitungsausschnitt aus dem Journal des Jeunes Filles aufbewahrt, eine Graphologierubrik:
Geordneter Geist, ordentlich, sparsam, kennt den Wert des Geldes. Misstrauisch, vorsichtig. Hat Stolz, eine sanfte Beharrlichkeit. Ist hingebungsvoll, hilfsbereit, andererseits ein wenig eigen. Hat Geschmack, Feingefühl, Schwung, ein bisschen Ehrgeiz, liebt die intellektuellen Dinge.
Die 16-jährige Tillette hatte der Zeitschrift unter einem Pseudonym geschrieben und um eine Beurteilung ihrer Schrift gebeten. Wenn man der Graphologie glauben will, war sie von «wohlwollender, sanfter, intelligenter, korrekter, liebevoller Natur», aber auch von «etwas wandelbarer Laune».
Die junge Dame ist gebildet, hat Sprachaufenthalte in England und Deutschland hinter sich, kennt auch bereits Paris und das Mittelmeer. In Orbe, wo sie sich um ihre Mutter kümmert, bei Wohltätigkeitsanlässen mitwirkt und vermutlich auf einen standesgemässen Ehemann wartet, langweilt sie sich.
In einem der damals üblichen Schulhefte mit schwarzem Deckel findet sich ein eigenartiges, von Tillette geführtes «Protokoll». Daraus ersieht man, dass in Orbe fünf
fröhliche junge Leute «von sprudelndem Geist» auf den Gedanken kamen, eine Vereinigung zu gründen mit dem «ganz einfachen Zweck», zusammen einige gute Stunden zu verbringen.
Das Fanion, Fähnchen, wie sich die jungen Leute nennen, ist eine Art Belles-Lettres, eine mit Frauen. Die Lausanner Sektion hat kurz zuvor die Aufnahme weiblicher Mitglieder abgelehnt. Die treibenden Kräfte sind die 21-jährige Tillette, und der 18-jährige Jusstudent Henry Vallotton. Wie eine «richtige» Studentenverbindung hat das Fanion Statuten, ein Wappen – in den Kantonsfarben Grün und Weiss –, eine Devise – amitié, gaîté, franchise. Weil Henry in Lausanne bei den Zofingern ist, übernehmen sie auch Bräuche dieser Vereinigung. Sie geben sich Couleurnamen und schaffen das Amt des Fuchsmajors, das Tillette übernimmt, während Henry «zum Unglück aller» als Sekretär verknurrt wird. Die unerforschlichen Wege des Schicksals wollen es, dass der Fuchsmajor und der Sekretär dieses eigenartigen Fähnchens, Tillette Golaz und Henry Vallotton, dereinst in Marcel Pilets Leben eine Hauptrolle spielen werden.
In den Fanion-Protokollen bemüht sich Henry, geistreich und literarisch zu sein, und macht dabei «Miss Tillette» diskret den Hof: «Ich hätte Ihnen tausend Dinge zu sagen – gute und schlechte –, aber dies ist überhaupt nicht der richtige Augenblick.» Und weiter schreibt der vorwitzige Henry oder «Harry», wie er sich trendig nennt:
Die Mondnächte verlocken Sie zu sehr. Um dies zu verbergen, machen Sie eine leichtfertige Miene, aber Ihre Kameraden haben Sie durchschaut, sie haben Ihre Absicht erraten – erröten Sie nicht, dies ist sehr gut und passt zu Ihrem Alter!
Weil sie immer tout émue, ganz gerührt, zu sein scheint, erhält sie den Couleurnamen Tante Emue, Tante Gerührt.
Obschon die Mitglieder nach welscher Sitte schmolitz – deutschschweizerisch Duzis –, gemacht haben, spricht Harry, vulgo Rossard – frei übersetzt Rotznase –, Tillette weiter mit vous an. Er ist sich des Altersunterschieds bewusst und sie ebenfalls. An der letzten «schläfrigen» Sitzung vor den Sommerferien liest Tillette ihren Aufsatz vor. Im Protokoll macht sie in gespielter Bescheidenheit. Sie erzittere vor ihrer «aus markanten Persönlichkeiten zusammengesetzten Jury», die ihre «schreckliche Pfuscherei» lesen werde. Sie neckt «Rossard», der Lieder mit dem ewig gleichen Refrain summt und damit die Geduld der Versammlung strapaziert. Vergeblich habe man ihn ersucht, «mit diesem Radau aufzuhören»; ihn um Gnade gebeten, ihn angefleht, doch «nichts konnte den jungen Halbwüchsigen beruhigen».
Dann wird die Protokollführerin sentimental. Wenn ihre «ungeschickte Feder» den zweiten Teil des Abends erzähle, verliere dieser «all seinen Charme und seine Poesie».
Es war einfach köstlich, meine Lippen sind unfähig, die Gefühle von Dankbarkeit auszudrücken, die im Grund unseres Herzens ruhen. Danke, Rossard, für deine Liebenswürdigkeit. Wir hoffen, dass wir noch oft die unendliche Freude haben werden, deine warme, vibrierende und sympathische Stimme zu hören. 14. Juli 1910. Vice-Secrétaire Tante Emue.
Hat sich Tillette in Henry – den schönen «Halbwüchsigen» – verguckt?
Vielleicht. Aber auch ein anderer junger Rechtsstudent hat es ihr angetan, der Präsident von Belles-Lettres und Hauptdarsteller von Gringoire, dem sie ein halbes Jahr vorher, an jenem kalten Winterabend, in Orbe begegnet ist und mit dem sie – vielleicht – getanzt hat. Im Februar erhält der Präsident von Belles-Lettres eine an die Adresse Brasserie de Lausanne geschickte, unsignierte Karte. Darauf ist zu lesen, dass das petit comité du fanion sich «vor dem neuen Präsidenten von Belles-Lettres tief verneigt» und ihm Glück wünscht.
Pilet hat die Identität der Absenderin erraten und flirtet zurück:
Da ich nur die Adresse des Sekretärs des petit comité kenne – ich verdächtige ihn übrigens auch, Präsident zu sein –, viele Chargen für ein so kleines Köpfchen, schicke ich ihm meinen besten Dank für die liebenswürdige Karte. Wirklich, Mademoiselle, Sie sind mehr Bellettrienne, als man dies überhaupt sein kann, und es ist mir angenehm, eine Verbindung zu präsidieren, der Sie so viel Interesse entgegenbringen.
Zum Schluss schreibt Pilet: «Weil wir in den nächsten Jahren in Orbe keine Abendveranstaltungen mehr organisieren werden, weiss ich nicht, was mich bewogen hat, Präsident zu bleiben. Vielleicht Faulheit. Merci noch einmal.» Keine Unterschrift.
Den Entwurf ihrer kecken Antwort – sie hat sich mit der Formulierung viel Mühe genommen – bewahrt die spätere Mme Pilet-Golaz auf.
Monsieur mon collègue …, weil Sie mich mit dem Titel Präsident ehren … seien Sie in Zukunft mit Ihren Liebenswürdigkeiten vorsichtiger! Scheint Ihnen mein so kleines, winziges Köpfchen so wenig fähig, schwere Lasten zu tragen? Sie müssen wissen, dass es sehr schlimm ist, auf diese Weise einen Anfänger, einen Schwachen, einen Unerfahrenen niederzumachen – und erst noch Sie, den ich für ein bisschen intelligent und gutartig hielt! – wie immer trügt der Schein! Sie verdienen Strafe … jedoch verzeihe ich Ihnen, hier der Beweis: die beiden Fotos, die Sie an die Wand Ihres Zimmers anstecken können, in Erwartung des Originals, vielleicht! Und ich grüsse Sie ganz herzlich, der Sekretär, nein, der verdächtigte Präsident!
«In Erwartung des Originals, vielleicht!» Hohe Kunst des schriftlichen Flirtens.
10. Romanze
Samstag, 26. Juni 1909
Ein Jahrmarkt in Orbe liefert dem im Militärdienst weilenden Präsidenten von Belles-Lettres den Vorwand, um mit den jungen Leuten des Fanion zusammenzukommen. Wie er Mlle Golaz ein Jahr später aus Deutschland schreibt, erinnert Marcel Pilet sich noch genau an jene «glückliche kermesse auf der Terrasse unter den schattigen Kastanienbäumen bei den alten römischen Türmen».
Es war für mich ein grausamer, aber süsser Tag. Ja, auch ich liebte Sie bereits. Ich liebte die Anmut Ihrer Gesten, das Leichte Ihres Haars, die träumerische Güte Ihres Lächelns. Ich liebte Sie schon sehr stark und nur für Sie allein bin ich hingegangen.
Grausam ist der Tag, weil er nicht weiss, ob Tillettes Herz schon einem andern gehört. Vergeblich wartet Pilet auf ein Zeichen der Zuneigung, mindestens ein Zeichen, dass er ihr nicht unsympathisch ist. Nichts dergleichen. Sie scheint ihm gar aus dem Weg zu gehen. Wieso also in Orbe bleiben? Er sagt zu seinem Kollegen Weitzel, er werde mit dem Siebenuhrzug nach Lausanne heimkehren.
Dann kommt sie zu ihm und sagt ganz einfach: «Sie werden sehen, am Abend ist es immer viel besser. Bleiben Sie, ich garantiere es Ihnen!» Und er bleibt. Marcel redet mit Tillette, hört ihr zu, geht dorthin, wo sie hingeht. Er bewundert, wie im Tanz ihre Schritte gleiten, wie ihr Rock sich kokett und anmutig dreht. Dann ist die Reihe an ihm, sie «um den Gefallen eines Walzers zu bitten». Zum Schluss verabschiedet sie sich: «Auf Wiedersehen, auf bald einmal, in den Ormonts, hoffe ich.» In den Ormonts in den Waadtländer Voralpen besitzt die Familie Golaz ein Chalet.
Man schreibt sich. Als une vieille amie, als alte Vertraute, gratuliert sie ihm zum Leutnantsgrad. Sie bittet ihn – als Kenner der Literatur und erfahrenen Theatermann – um Rat. An einer privaten Abendgesellschaft in Orbe möchte sie eine Stelle aus einem Theaterstück rezitieren und ersucht ihn um Vorschläge.
Mittwoch, 1. September 1909
An einem sonnigen Spätsommerabend hat der in den Manövern weilende Leutnant Pilet in einem Waadtländer Kaff Wachdienst. Gelangweilt liegt er im Stroh auf dem Bauch. «Mon lieutenant, ein Brief für Sie!» Tatsächlich, ein Brief, adressiert an «Monsieur le lieutenant Pilet, in den Manövern». Ein Brief nicht mehr von T. Golaz an den Präsidenten von Belles-Lettres, sondern von Tillette Golaz an Marcel Pilet. Ein Brief, der ihn an das maliziös hochgestülpte Näschen der heimlich Angebeteten erinnert und in ihm Träume von gemeinsamen Spaziergängen unter den Pappeln des Moores von Orbe weckt. Der Brief beginnt mit «Ihnen zu Befehl, mon lieutenant, würde ich antworten, wenn ich einer Ihrer kleinen Soldaten wäre und nicht eine demoiselle, die Sie zu wenig … oder zu gut … kennen».
Genau ein Jahr später wird er der zu ma Tillon gewordenen Freundin schreiben:
Schon liebkoste mich das Parfum Ihrer exquisiten Seele und berauschte mich. Ich war zufrieden, zufrieden, zufrieden. Ich wollte grundlos lachen, singen, schreien, mich im Heu wälzen.
Leutnant Pilets Ordonnanz – der «impertinente Dupont, der sich mit mir alles erlaubt, aber ein guter Bursche, rauer Soldat, der für seinen Leutnant durchs Feuer gehen würde» – kommt zu ihm, zwinkert mit den Augen und bemerkt halb respektvoll, halb spöttisch: «Ganz gewiss ist der Brief von der bourgeoise, mon Monsieur, dass Sie so herauslachen.» Bourgeoise ist ein familiärer Ausdruck für Frau, Gattin, Freundin. Weiter fragt Dupont: «Ist sie hübsch?» Pilet hätte Lust zu antworten: «Eh, oui, Dupont, Du hast richtig geraten, wegen dieser Bourgeoise bin ich so fröhlich. Und ob sie hübsch ist? Oh, hübsch, hübsch wie eine Rose am Morgen.» Aber als Offizier, der auf seinen Rang achtet, erwidert er halb scharf, halb amüsiert, es sei schmählich für eine Ordonnanz, die etwas auf sich halte, derart dumm daherzuplappern und seinen Monsieur zu unterbrechen. Ausserdem sei sein Offiziersäbel dreckig und Dupont in seinem Zug der Faulste aller Faulpelze …
Dupont nimmt den Verweis nicht ernst. Beim Weggehen gibt er seinem Leutnant einen leichten Ellbogenstoss und sagt, er solle «sie» bitte von ihm herzlich grüssen lassen. Während des Rests der Manöver ist der Leutnant in aufgeräumter Stimmung.
Von jenem Tag an gelang es mir, meine Männer besser zu nehmen. Am Schluss haben alle mir, dem Leutnant, den die meisten nicht ausstehen konnten – den anfänglich alle, bis zum Letzten, nicht ausstehen konnten – mit einem «bis zum nächsten Jahr» freundlich die Hand gegeben.
Donnerstag, 13. Oktober 1910
Telefon eines Freunds aus Yverdon, der mit Mutter und Schwester die Landwirtschaftliche Ausstellung in Lausanne besuchen will, die sich Pilet auf Drängen des Vaters bereits unwillig angeschaut hat. Kann Marcel ihr Führer sein? Er macht gute Miene zum bösen Spiel, steuert die Gesellschaft durch die Stände, als er kurz vor Mittag im Saal der Weine ein bekanntes, liebes Gesicht erblickt. Er sagt bonjour und geht weiter – «man ist Führer oder man ist es nicht». Schliesslich kann er sich von den Yverdonern verabschieden, setzt sich auf eine Bank «nicht weit von den Blumen, nicht weit von den Weinen», und wartet. Dort kommt ein Herr auf ihn zu: «Bonjour Monsieur Pilet, was tun Sie hier?» – «Wie Sie sehen, suche ich jemand!» – «Genau wie ich, suchen wir doch zusammen.» Der Herr, ein ehemaliger Bellettrien, jetzt Schuldirektor in Aigle, unterhält sich angeregt mit Pilet, bis dieser unvermittelt aufsteht, einige Worte stammelt und wegläuft. Er hat sie entdeckt!
Tillette hat ihre Entourage verloren, ist allein, schlecht gelaunt, sagt sie. Immerhin nimmt sie seine Begleitung an. Ein Jahr später erinnert sich Pilet noch an alles: die Vögel im Stroh, das Holz aus Orbe, den säuerlichen Most, die Stickereien, die «Maggi»-Pastinake, deren kulinarische Verwendung sie beide nicht kannten, das Portemonnaie, das sie ihm anvertraute, ihren Mantel, den er «mit einer Mischung von Glück, Heroismus und Ehrfurcht» auf seinem Arm trug. Ja, und dann hat sie halt ihren Zug verpasst. So spaziert man zusammen zur Buchhandlung Lapie und zu einem Laden, in dem sie Stickereien kauft. Zum Abschied sagt sie: «Und wenn Sie zum Artillerieschiessen kommen, verpassen Sie es nicht, bei uns im Haus vorbeizuschauen. Dies würde uns freuen.»
Sonntag, 30. Oktober 1910
Pilet kommt zum Pierrefleur-Ball nach Orbe. In den frühen Morgenstunden begleitet er Tillette nach Hause. Geplauder beim «weissen Rauch eines letzten Tees.» Am Nachmittag Spaziergang mit Freunden und Freundinnen im Tal der blauen Orbe, am Abend erstes langes Gespräch zu zweit unter Kastanienbäumen auf einer kleinen Terrasse.
Sie sassen neben mir, ein wenig müde, halb ausgestreckt auf einem Schaukelstuhl, Ihr Fuss spielte mit nichts in der Luft. Ich war beinahe am Boden, auf einem kleinen gestickten Schemel, und mit zitternder Hand habe ich ein Band, das sich von Ihrem Stiefelchen gelöst hatte, wieder zurechtgerückt oder getan als ob … Ich liebte Sie schon, von vollem Herzen.
Donnerstag, 10. November 1910
Bevor er ins Bett geht, schreibt er Tillette einen mehrseitigen Antwortbrief:
Ihr Brief! Sie können nicht glauben, welche Freude er mir gemacht hat, oder vielleicht können Sie es spüren. Ich wollte ihn lesen und nochmals lesen in meinem freundlichen, warmen Zimmer. Hier an meinem Arbeitstisch, wo ich meine gewohnten Chrysanthemen streichle und von meinem ganzen vertrauten und intimen chez moi umgeben bin; hinten in der Ecke meine grosse Pendule, welche ein wenig grob die Sekunden zählt, wie eine alte, durch ihre Aufgaben verhärtete Magd.
Dann wird der junge Mann noch poetischer. Er schreibt von den ruhig fallenden Blättern – den feuilles mortes (viele Jahre bevor Kosma und Prévert ihr weltberühmtes Lied schreiben werden):
Sie fallen, um auf ihrem geliebten Boden zu sterben, in einer bekannten Erde, die sie innig empfängt. Und das erinnert einen an die schönen Alten, die dort unten in dem unter der Sonne lächelnden Friedhof ruhen, am Rande der Strasse ganz am Ende des Dorfs. Wissen Sie, einer dieser kleinen bescheidenen Landfriedhöfe, die von einer Hecke von schwarzen Tannen umgeben sind. Mit einem alten Tor, das nicht mehr gut schliesst und wacklig der Hand nachgibt, die es aufstösst. Ich habe immer gehofft, auch an einem so friedlichen und ruhigen Ort in den grünen Feldern zu ruhen.
Marcel erklärt, wieso er im Monat zuvor an der Abendgesellschaft in Orbe geschwiegen hatte, als Tillette das Gedicht La Brise aus Les Bouffons rezitierte. Ein Stück von Miguel Zamacoï, das mit Sarah Bernhardt in der Hauptrolle 1907 in Paris uraufgeführt wurde. Sehr gerne hätte er ihr ein Kompliment gemacht:
Sie sind so zierlich dahergekommen in Ihrem rosafarbenen, diskret engen Kleid, um uns von der Liebe dieses unglücklichen «Zephyr» zu erzählen; Ihre Stimme war der Reihe nach so liebwert, so ernst, so zornig, dass man sich genussvoll gehen liess, um der Legende des Gedichts nachzuträumen.
Er habe geschwiegen, weil er fürchtete, sie würde ein Kompliment als törichte Galanterie auffassen, «als die Höflichkeit eines Tänzers, der schmeicheln und den Geistreichen spielen will». Weil ihn Tillette um sein gerechtes Urteil gebeten hat, liefert er es:
Ausser zwei kleinen, ganz geringen Fehlern – der Sorge um perfekte Artikulation, die ein wenig weit getrieben wurde und die das Gefühl einer schwierigen und mühsamen Arbeit hinterlässt, und einer gewissen Eile im Redefluss – Sie markieren den Takt nicht genug – hat mich Ihre Brise absolut entzückt und dies ist der Grund, wieso ich Ihnen dazu kein Wort gesagt habe.
Liebe macht nicht ganz blind. Bellettrien bleibt Bellettrien, Schulmeister Schulmeister.
Zum Schluss seiner langen Epistel erwähnt Marcel noch, was ihn im Augenblick am meisten beschäftigt, die Theaterproben und das näher rückende Doktorexamen:
Unsere Theaterproben haben begonnen und fast jeden Abend gehen wir zum «Guillaume» hinauf, um uns die schwere Prosa des Avare in den Kopf zu hämmern. Dies ist nicht einfach und tatsächlich fehlt mir dieses Jahr die gewohnte Begeisterung. Mit Schuldgefühlen denke ich an meine bevorstehenden Examen. Beim blossen Gedanken durchzufallen, habe ich keine Lust mehr zu spielen – adieu, Molière, Belles-Lettres, Beifall und Kränze.
Mittwoch, 16. November 1910
Düsterer Regentag. Beerdigung. Ein Cousin von Marcel ist gestorben. Nachher trifft man sich bei Henry. Marcel hat das Gefühl, das Tillette ihn vielleicht ein wenig, ein klein wenig, liebt, und er freut sich, sie wiederzusehen. Doch sie ist reserviert, behandelt ihn gleich wie die andern Kollegen, mit der auserlesenen kameradschaftlichen Liebenswürdigkeit, die ihren Charme ausmacht und «die tötet», weil er mehr erwartet. Schweren Herzens kehrt er nach Hause, verflucht den Tag, verflucht das Leben. Er ist sicher, dass Tillette ihn nicht liebt, ihn nie lieben wird.
Freitag, 18. November 1910
Auf den späteren Abend verabredet Marcel sich mit Henry Vallotton, den er durch Tillette kennengelernt hat, den er zwar noch kaum kennt, dessen «offenes Herz, Aufrichtigkeit und Liebenswürdigkeit» ihn stark anziehen. Beide haben Proben, Pilet für den «Geizigen», Vallotton für einen Gesangsauftritt mit den Zofingern. Um zehn Uhr ist Pilet fertig, verlässt den «Guillaume», stapft durch den schweren schmelzenden Schnee, die Kälte, die leeren Strassen, um Henry am Sitz der Zofinger, der «Maison Blanche», abzuholen. Er wartet, wartet lange, einige unbekannte Zofinger treten heraus und das ist alles. Kein Henry. Auch kein Licht mehr im Haus. Kommt er nicht? Will er nicht kommen? Wie ein Dieb schleicht Pilet ins Zofinger-Haus. Dunkel, kein Mensch.
Er geht zum Bel-Air-Platz, wo Vallotton wohnt. Nichts. Kein Licht. Er wartet vor dem Hauseingang. Schliesslich erscheint Henry, hastig und nervös. Auch er hat den Kollegen überall gesucht. Man steigt in sein warmes Zimmer hinauf, beginnt leise miteinander über Tillette zu reden. Henry beruhigt Marcel, ermahnt ihn, heitert ihn auf. Dann wird alles zu viel für Henry, er bricht zusammen und gesteht: Auch er ist in Tillette verliebt gewesen, er hat auf seine Liebe verzichtet, gelitten – jetzt sind sie wie Bruder und Schwester:
An jenem Abend habe ich einen heroischen, übermenschlichen Menschen gesehen, ein edles Wesen, loyal, von perfekter Güte – ich, der ironische Causeur, der vorgibt, an nichts zu glauben, der beinahe sicher ist, dass das «Gute» und das «Schöne» nicht existieren, hatte er doch im Leben derart viel Hässliches gesehen, er, dessen drei Falten um den Mund seine ganze Desillusionierung und Verachtung für die Welt verrieten …
Und Pilet erkennt, dass es eine Pflicht gibt, dass nur die Pflicht gut und schön ist. Intelligenz, Kraft, Geist zählen nichts, wenn sie nicht gut, rein und edel sind. In der Morgendämmerung fühlt sich Marcel erschlagen, vernichtet, aber er ist «ein verklärter Marcel, ein besserer Marcel». Henry ist jetzt sein Freund und er ist stolz auf diese Freundschaft. Das Leid hat sie auf ewig vereint. So glaubt er.
Montag, 5. Dezember 1910
Pilet steht im grossen Lausanner Theatersaal auf der Bühne. Der Prolog, der über die an der Landwirtschaftsausstellung auftretenden Notabeln spottet, schlägt ein: «Einige Situationen sind von absolut unwiderstehlicher Komik» (Gazette de Lausanne). Vor seinem Auftritt hat ihm Tillette einen lieben und zärtlichen Brief geschrieben, der ihn ermunterte. In der Pause nach dem 4. Akt gibt sie ihm ihr Händchen, um ihm Mut zu machen, und am Schluss wirft Henry ihm spontan seine Mütze zu, diejenige, die sie mit «Tillette» signiert hatte.
Montag, 26. Dezember 1910
Marcel hat von Tillette einen «guten, tiefen, vollen, erlesenen» Brief erhalten, das schönste Weihnachtsgeschenk, das er sich vorstellen kann. Wenn er ihn liest und wieder liest, scheint er weit in der Ferne im Nebel die Glocken seiner Jugend zu hören. Er dankt ihr «unendlich» auch für ihr Portrait, das er in seinem Schuh gefunden hat.
Es ist vor mir, sieht mich an, auf meinem Arbeitstisch, und es wird immer dort sein, wenn ich allein bin, wie mein Schutzengel.
Auch von Henry hat er an Weihnachten dessen Portrait erhalten.
Er ist da, mit seiner Schärpe, sehr gerade, das Gesicht fest und doch nachdenklich, in die Ferne blickend, mit Güte, ein wenig von Melancholie verschleiert.
Januar, Februar 1911
In den ersten beiden Jahresmonaten sieht Pilet seine Freundin nur selten. Er ist voll mit der Examensvorbereitung beschäftigt. Er arbeitet so hart wie noch nie, aber die Arbeit fällt ihm leicht, weil ihn die Freundin unentwegt moralisch unterstützt:
Zweifellos hatte ich schon vorher Freunde, einen grossen Freund, aber dies sind Zuneigungen unter Männern, die nichts mit den zarten und tröstlichen weiblichen Zuneigungen zu tun haben.
Mittwoch, 22. März 1911
Das Examen ist bestanden. Wenn er durchgefallen wäre, hätte ihn dies getroffen, aber der Erfolg macht ihn auch nicht besonders glücklich. Und doch hätte er allen Grund, zufrieden zu sein. Die Expertenkommission hat ihm sogar zu seinen glänzenden Resultaten gratuliert!
Ich weiss nicht, ob diese Herren während meiner Befragung geschlafen haben, ob sie nicht zugehört haben oder ob Sie, Tillon, die Daumen besonders hart gedrückt haben, aber ich habe aus Versehen einen Durchschnitt von etwas über neun erhalten! Die Folge war bei mir eine intensive und tiefe Verachtung für die Universitätsnoten. Sie sind wirklich viel zu leicht.
Das glänzend absolvierte Examen lässt ihn irgendwie leer und ausgepumpt, ohne Lebensinhalt.
Dies kommt übrigens von meinem Charakter und ich bin immer so gewesen. Das zu erreichende Ziel zieht mich stark an, und nachdem das Ziel erreicht ist, macht mir dies kaum Vergnügen. Die Anstrengung hat bei mir immer mehr Reiz gehabt als das Ergebnis.
15. April 1911
Ein Datum, das beide nie vergessen werden. Wochen später, in einem Brief aus Leipzig, lässt Marcel den denkwürdigen Tag wieder aufleben:
Ich habe das blaue Kleid mit den hellen Streifen wiedergesehen, das schelmische Näschen, die leichten, kokett mit einem im Winde wehenden Federbusch bedeckten Haare. Ich habe den eng anliegenden, diskreten Jupe gesehen, wie es mit behutsamen Schrittchen zu mir kommt, um mich zu begleiten. Ich habe St-Sulpice wiedergesehen, das Dorfcafé, die Terrasse, die steinerne Bank. Ich habe die stolze und doch so sanfte Kirche wiedergesehen, so rein in ihrem Frühlingshimmel. Ich habe das klare und frohe Wasser gesehen, das an der Landungsbrücke murmelt, die grossen Pappeln, die zu uns zu sprechen schienen, sehr weit entfernt die Berge, die uns unwiderstehlich einander näherbrachten. Ich habe den unter der niedergehenden Sonne flammenden See wiedergesehen, der mich Ihren Arm stärker gegen mich pressen liess.
An jenem Abend versprechen sich «Marcelin» und «Tillon», wie sie sich jetzt gegenseitig nennen, ewige Liebe. Insgeheim haben sie sich verlobt.
11. Leipziger Lerchen
Am 17. April 1911 Abreise aus Lausanne. Er geht ungern, wie er Tillon schreibt:
Man hat mich, unter Missachtung all meiner Neigungen, all meiner Wünsche und all meiner Freuden, nach Deutschland verschifft, und dies, um die Sprache des Nordens zu lernen und irgendeine langweilige Dissertation vorzubereiten.
Marcel nimmt Lice, die kleine Schwester, mit, die ebenfalls in Sachsen Deutsch lernen soll. Beiden fällt die Trennung von der Mutter schwer. Die Reise führt über Zürich nach München, wo sie übernachten und Touristen spielen. Pilet gefällt Bayerns «ziemlich schöne» Hauptstadt, «betreffend Disziplin nicht allzu deutsch, seinem Monarchen sehr zugetan und vor allem liebenswürdig». Weiter nach Glauchau, wo Marcel die Schwester bei einer Gastfamilie ablädt. Zur Mittagszeit kommt er in Leipzig an, auf dem im Bau befindlichen grössten Bahnhof Europas. Im «Thüringerhof», der noch heute existiert, findet er in der Zeitung ein Inserat für ein ihm passend scheinendes Zimmer, er geht hin, es gefällt ihm, er mietet sich ein.
Für die nächsten drei Monate ist das geräumige Zimmer an der Davidstrasse 1b, zweiter Stock links, sein Refugium. Das Haus steht noch. Allerdings sind nach der Wende in den Neunzigerjahren auf den Stockwerken aus zwei alten Wohnungen drei neue, kleinere gemacht worden. Zwei grosse Fenster, durch die die Morgensonne scheint, Bett, Chaiselongue, zwei Fauteuils, ein Schreibpult mit vielen Schubladen, ein Tisch, auf den Marcel die Fotos von Tillon und der Mutter stellt. Er liebt Pflanzen und sorgt dafür, dass die Vase vor dem Bild der «Verlobten» immer mit einem Strauss Feldblumen gefüllt ist, die er selber im Park gepflückt hat. Einen Steinwurf von seinem Logis entfernt liegt eine der grössten Grünflächen Leipzigs, der Johannapark, in dem der promeneur solitaire spazieren und träumen geht.
Er ist nach Leipzig gekommen, um sein rudimentäres Gymnasiumdeutsch zu verbessern und Fachliteratur für seine Dissertation zu studieren. Dazu ist die alte Universitätsstadt mit ihrer erstrangigen juristischen Fakultät der ideale Ort. Er geht jeweils nach dem Frühstück zur Bibliotheca Albertina, der riesigen, im Neo-Renaissancestil gebauten Universitätsbibliothek, wo er an einem komfortablen Lesetisch vorerst das Leipziger Tageblatt liest, deutsche Wörter auswendig lernt, Grammatik paukt. Der mittelmässig sprachbegabte Romand tut sich schwer mit der «barbarischen», «diabolischen» germanischen Sprache. Nach drei Stunden Deutschstudium wendet er sich juristischer Fachliteratur zu, kopiert und übersetzt, füllt seine Hefte.
Er muss sich an der Uni immatrikulieren. In Lausanne geht ein neuer Student zur Sekretärin, die ihn fragt, ob seine Papiere in Ordnung sind, ob er die 20 Franken Einschreibegebühr bezahlt habe und: «Toujours la même adresse?» – «Oui, Mademoiselle.» Worauf er seine «Legi» erhält. «Simpel, leicht, praktisch und demokratisch.»
In Leipzig? Pilet meldet sich im Anmelderaum, wo man ihm erklärt, er habe sich am nächsten Tag zur gleichen Zeit dort erneut einzufinden. Dies tut er, wird zur Quästur geschickt, wo er bezahlt. Zurück in der Kanzlei, eröffnet man ihm, dass er am nächsten Tag um fünf Uhr vom Rektor feierlich als «akademischer Bürger» empfangen werde. Zur befohlenen Stunde wird ein nervöser Pilet «Seiner Magnifizenz, dem Herrn Rektor», vorgestellt. Dieser ist dreifacher Doktor von drei verschiedenen Universitäten, Geheimrat, Hofrat, Ritter des Roten Adlerordens. Alle diese Titel werden auf Latein verlesen, «was noch viel schöner und sehr viel unverständlicher» ist. Obendrauf ist Dr. Lamprecht ein wahrer Gelehrter, ein berühmter Mann, Deutschlands gegenwärtig grösster Historiker!
Ich kann mir nicht vorstellen, wie er dies alles gleichzeitig hat tun können; und dass er dabei auch noch die Zeit gefunden hat, sich einen stupenden weissen Bart wachsen zu lassen.
Der Rektor ermahnt den Studenten, dem Ruf der Universität Leipzig, «der sehr weit reicht», Ehre zu machen. Er dürfe nicht vergessen, neben dem Geist auch Körper und Seele zu pflegen, damit er gut vorbereitet sei, zuerst für die Examen und dann für den «Lebensstreit». Pilet muss auf Lateinisch geloben, den Universitätsbehörden zu gehorchen, die Reglemente zu respektieren und die akademischen Freiheiten zu verteidigen. Darauf schüttelt der Rektor dem Studenten die Hand und übergibt ihm, Marcellus Pilet, Helveticus, ex vico Cossonay, den «Bürgerschein». All dies beschreibt er Tillon in einem langen Brief:
Diese Unverschämten behandeln Cossonay als Dorf! Zweifellos aus Unwissenheit. Ich habe es ihnen verziehen. Somit, Tillon ma douce, sind Sie nicht mehr die Freundin von Marcel Pilet, sondern von Marcellus Helveticus. Seien Sie wenigstens stolz.
Sieben Stunden die Woche besucht er Vorlesungen. Der bedeutende Jurist Emil Strohal doziert Sachenrecht, was Pilet, der über das Baurecht dissertieren will, besonders interessiert. Glücklicherweise spricht Strohal langsam und deutlich. Weil Pilet mit der Materie vertraut ist, versteht er ihn mühelos. Nur schwer folgt der Waadtländer jedoch dem achtzigjährigen Philosophieprofessor Wilhelm Wundt, der leise murmelt und die Silben verschluckt. Wundt lehrt Völkerpsychologie – ein Thema, das Pilet schon früh angezogen hat und das ihn zeitlebens nicht loslassen will.
Hartnäckig beisst er sich durch die juristische Fachliteratur, was nicht immer Spass macht.
Heute hatte ich es mit einem spitzfindigen, nörglerischen Autor zu tun – einem Deutschen eben –, der, nicht zufrieden, das Gesetz zu studieren, sich damit beschäftigte zu wissen, was man machen müsste, wenn es das Gesetz nicht gäbe …Es war nervenaufreibend, diese Seiten lesen zu müssen, die ich als unnütz und dumm erkannte … In mir stieg ein plötzlicher Zorn auf gegen diese Zeitverschwender, die, nicht zufrieden, Dummheiten zu sagen, sie auch noch drucken und publizieren.
Pilet hat keine Geduld mit Dummköpfen. Er macht Bekanntschaft mit Fredi, dem Sohn eines verstorbenen Waadtländers und einer Leipzigerin. Fredi möchte, dass Pilet ihm hilft, sein fast vergessenes Französisch aufzufrischen. Dieser macht ihm klar, dass er nicht nach Deutschland gekommen sei, um Französischunterricht zu geben. Der «Teutone» gibt nicht auf. Bei einem Spaziergang im Nonnenwald «überschwemmt» er Pilet mit «sozialen, humanitären, antialkoholischen, fussgängerischen, militärischen, schulischen Theorien, so dass selbst der grösste Menschenfreund um Gnade flehen müsste».
Nach einer Stunde schaut Fredi auf die Uhr, macht rechtsumkehrt und beginnt Französisch zu sprechen. Pilet findet diese Zeitaufteilung «unglaublich vulgär». Er verträgt auch nicht, dass Fredi, ein fauler, ewiger Student, ihn drängt, mit ihm in die Badeanstalt zu kommen oder zu den Ausflügen mit den «Wandervögeln». Die Wanderungen mit «diesen Kindern von vierzehn bis sechzehn Jahren» werden nach den «reinsten Regeln der Pädagogik» geführt – Fredi ist ein künftiger Oberlehrer. Die Wandervögel machen militärische Übungen und Pilet soll als Schiedsrichter amtieren. Welche Zumutung! Pilet lehnt ab. Fredi ist auch rücksichtslos gegenüber seiner Mutter. Pilet im Brief an Tillon: «Ich hätte ihn am liebsten geohrfeigt, diesen ‹Philanthropen›.»
In Leipzig manifestiert sich die Macht des wilhelminischen Reichs im gigantischen Reichsgericht mit seiner pompösen Eingangshalle und den prachtvoll ausgestatteten Sitzungs- und Repräsentationssälen. Die umfangreiche Bibliothek beherbergt spezielle juristische Fachliteratur, die Pilet für seine Dissertation braucht. Ein Beamter erklärt ihm, dass es sich um keine öffentliche Bibliothek handle, dass Pilet aber, falls er die nötigen Schritte unternehme, vielleicht doch das eine oder andere Buch anschauen dürfe. Langes Gesicht des Schweizer Studenten. Der Beamte wird sich beim Herrn Oberbibliothekar erkundigen, ob er nicht vielleicht ausnahmsweise bereit wäre … Der Herr Oberbibliothekar ist nicht bereit. Noch längeres Gesicht des Studenten. Der Beamte lässt durchblicken, dass sich unter Umständen doch etwas machen liesse, wenn …. Student Pilet greift in seine Tasche. Ja, es lässt sich etwas machen. Das Portemonnaie des Studenten wirkt Wunder. Am nächsten Morgen findet er am besten Platz im gepflegten kleinen Lesesaal einen Stapel Bücher, daneben eine Karte mit der Aufschrift «Für Herrn Dr. M. Pilet». Nicht nötig, dass Herr Doktor die Bücher versorgt, der Beamte wird es gerne tun. Herr Doktor wird an seinem Platz immer finden, was er wünscht. «Widerlich, für einige Mark …, aber doch sehr bequem», wie der «Herr Doktor» seiner Tillon schreibt.
Bereits am ersten Semestersamstag ist Pilet auf Anraten eines zufällig getroffenen Lausanner Bellettrien ans Treffen der Schweizer Gesellschaft gegangen. In einem Saal, der einmal als Universitätsgefängnis diente und von den Insassen ausgeschmückt worden ist, sind dreissig Landsleute zusammengekommen. Er ist der einzige Suisse français.
Schon beim Eintreten fühlt man sich wohl, en famille, und ich hätte nie gedacht, dass die patriotische Verbundenheit so mächtig ist! Liebenswürdig meist auf Deutsch plaudernd, obschon die meisten Französisch verstehen, habe ich einen reizenden Abend verbracht.
Schnyder, ein Thurgauer, bietet ihm an, an einem Abend in der Woche mit ihm Deutsch zu üben, was Pilet dankbar annimmt. Der Medizinstudent und Zofinger Schnyder hat zwei Semester in Lausanne studiert. Beim «Germanischplaudern» freunden sich die beiden an. Vor Schnyders Abreise – er wird nach Studienabschluss als Arzt nach Indien gehen – gönnen sie sich einen gemütlichen Abschiedsabend.
Und da wir Waadtländer halt alles vor verlockenden Flaschen anfangen und beenden, gingen wir zwei in eine vergnügliche guinguette in der Altstadt. Wissen Sie, in «Auerbachs Keller», worin Goethe eine Szene seines Fausts gelegt hat – die Szene, in der Mephistopheles die Trinker verwirrt und sie seinen teuflischen Wein schmecken lässt! Der kleine Schlingel von Goethe kannte diesen Keller in Leipzig nur allzu gut, weil er, in den drei Jahren, an denen er die Universität besuchte, viel öfter die fröhlichen Lieder der Flaschen singen hörte als die Vorlesungen der Professoren! Ah, wenn die Väter wüssten, wie ihre Kinder ihr Geld und ihre Zeit verplempern, würden sie sie nicht derart weit vom trauten Heim wegschicken. Dies hat übrigens «Papa Goethe» gemerkt, der seinen Sohn aus Leipzig zurückpfiff und ihm die Ohren langzog! Wenn nur der meine dies nicht auch tut! Aber um zu meinem Keller zurückzukehren. Er ist wunderbar, wissen Sie! Sehr deutsch, in einem überwölbten Untergeschoss, mit Mauermalereien, die fröhliche Szenen darstellen, und einer einfachen Stimmung von ehemals, die an unsere Waadtländer Pinten erinnert.
Gerne schlendert Pilet durch den nahen Park, ein Veilchen oder Kleeblatt zwischen den Lippen. Wieso sich nicht aufs Gras legen? Doch, halt, hier tut man das nicht. Graue Affichen aus Karton erinnern daran, dass der Zugang zu den Wiesen und Wäldern verboten ist. Ausnahmslos jeder hält sich brav an den markierten Weg. Wehe, wenn ein simpler Fussgänger sich auf die für die Reiter oder Radfahrer reservierten Pfade verirrt! Dann salutiert ein Polizeimann und hält einem einen kleinen Zettel entgegen: eine Mark Busse. Für die Deutschen ist Gesetz Gesetz. Als Jurist und Leutnant begreift Pilet dies, aber sein anderes Ich – der Waadtländer, der Bellettrien, der Flaneur, der Müssiggänger – findet es beschämend. Man soll doch die Leute nicht zwingen, «einer in der Hosentasche des andern zu marschieren».
Hier begegnet man nur «Folgen». Folgen von Kutschen, Folgen von Autos, Folgen von Soldaten, Folgen von Fabriken, Folgen von Regentagen und Folgen von Deutschen, was das Schlimmste ist! Kein Entrinnen, ich sage es Ihnen. Und die unglückliche Folge aller dieser Folgen ist, dass man selber ihrer Folge folgt.
Die deutschen Frauen? Gewiss, Pilet begegnet solchen, die ihm gefallen. Sein Pauschalurteil allerdings ist nicht schmeichelhaft:
Die Frauen von hier sind hässlich, unelegant, linkisch, ungehobelt, dumm und haben alle grosse Füsse. Ich will mich gar nicht über ihre Reize verbreiten, die fehlen ihnen total.
Den verwöhnten Romand stören ihre «extravagante und lächerliche Kleidung» und «ihre allzu befriedigten Lachausbrüche». Wenn er in Leipzig eine Frau mit kleinen Füsschen entdeckt, ist sie garantiert eine Französin. Und wenn er ihr und ihrem compagnon zuhört, wie sie im «Französischsten des Französischen» herzlich miteinander plaudern, wird ihm warm ums Herz.
Eines Abends, bei seiner Heimkehr durch den Park, erlebt er eine der «charakteristischsten und auch der komischsten Dinge in diesem Deutschland, das ich entdecke». Er schaut fünf oder sechs Mädchen beim Spielen zu. Spielen sie, wie in der Schweiz, «Schule» – eine ist die Lehrerin, die den Schülerinnen auf die Finger klopft, weil sie nichts wissen? Nein, die deutschen Mädchen spielen nicht «Schule» und sie spielen auch nicht «Krämerladen» und schon gar nicht «Mutter, die das Bébé wiegt». Nein, Tillon wird es nicht glauben:
Die Mädchen spielen Soldaten. Eine gibt den Korporal und mit einer strengen und höchst groben Stimme instruiert sie ihre bewegungslosen und zitternden Rekrutinnen in der «Achtung steht!»-Stellung. Deutschland, Deutschland, was machst du mit deinen Kindern! Und, wenn man das gesehen hat, versteht man, dass, wenn sie gross sind, überzeugt singen: «Deutschland über alles».
Die teils wörtliche zitierten Leipziger Impressionen – «Leipziger Lerchen» sind wie die «Basler Läckerli» ein beliebtes Gebäck – stammen aus der Masse von Briefen, die Marcel Pilet seiner Tillon, wie er Tillette jetzt nennt, zwischen 1909 und 1918 schrieb und die die verwitwete Mme Pilet-Golaz Jahrzehnte später in einem grossen Lederkoffer mit ins Altersheim mitgenommen hat. Die eigenen Briefe hat sie fast alle vernichtet. Auf einem noch geschlossenen Couvert steht à brûler.
Marcel Pilet ist ein methodischer Mensch, der die Routine mag und sie nötig hat – ein homme d’habitude, wie er von sich sagt. Zeit seines Lebens wird er ein Gewohnheitsmensch bleiben, der es hasst, wenn man seine Kreise stört. In Leipzig, am Abend nach getanem Tagewerk, trinkt er einen dampfenden Tee, spielt seine Lieblingsmelodien auf der Geige, spielt Mozart für seine Tillon. Wenn er in Gedanken Tillon ganz nahe bei sich spürt, sucht er Stellen in einem ihm lieben Buch heraus und
mit meiner Stimme der grossen Abende, der grossen Erfolge, lese ich sie Ihnen aus vollem Herzen vor. Ich verspreche Ihnen, dass ich selten so gut gelesen habe und dass ich weder Ihnen noch sonst jemandem je wieder so gut vorlesen werde. Denn ich lege meine ganze Seele, meine ganze Natürlichkeit hinein, ohne Raffinesse, ohne irgendwelche Pose.
Was liest er vor? Zum Beispiel Der Jongleur von Notre-Dame von Anatole France, die Geschichte eines zum Mönch gewordenen ehemaligen Strassenartisten, der vor dem abgeschiedenen Altar der Heiligen Jungfrau seine allerbesten Kunststücke aufführt. Ganz allein, ohne Publikum, nur für die Verehrte. Genau das, was Marcel tut, wenn er für Tillons Foto rezitiert.
Nachher nimmt Marcel seine Feder, um brieflich mit Tillon zu «plaudern». Während einer halben oder ganzen Stunde bringt er seine Gedanken über Gott und die Welt zu Papier – auf sorgfältig römisch nummerierten feuillets, Blättern in Oktavformat. Er macht sich selber lustig über seinen «epistolaren Enthusiasmus», der seine Feder ungebremst laufen lässt. Jeweils am Montag beginnt er mit seinen Aufzeichnungen und am Sonntag bringt er die meist 36 Seiten auf die Post.
In den Briefen geht er manchmal schonungslos mit seinen eigenen Fehlern ins Gericht. Er gesteht, dass er gerne aufbraust und Leute mit bösen Bemerkungen verletzt. Einen Monat und einen Tag nach der heimlichen Verlobung mit Tillon in St-Sulpice macht er ihr ein schmerzliches Geständnis:
Am gestrigen Nachmittag bin ich aus weiss nicht welcher Fatalität (wenn ich nur daran glauben könnte) der feigste und willensschwächste aller Marcels gewesen. Sie wissen, dieses zweite Ich, von den ich Ihnen manchmal mit einer verschwommenen Angst geredet habe und das mich erschreckt; dieses unbezähmbare ich, das meinen Willen vernichten möchte und das oft kaum zum Schweigen gebracht werden kann – eh! Bien, dieses Ich, dieses abscheuliche und verabscheute Ich, hat gestern, am 15. Mai, über mich als Herr geherrscht! Oh, wie, worin? Dies sind Dinge, die man nicht schreiben kann und die ich Ihnen später, um es zu bezwingen, erzählen werde. Es war nichts sehr, sehr Hässliches, aber trotzdem etwas Hässliches und an einem Tag wie diesem war es beschämend. Sie fragen sich vielleicht, warum ich das sage, wieso ich ihnen dieses peinliche Geständnis mache? Eben gerade, weil es peinlich ist, weil der wahre Marcel, wenn er die Oberhand gewinnt, wenn sein Wille endlich siegt, dies sofort ausnützt, um diesen anderen, gelegentlichen Marcel zu strafen, zu demütigen, zu töten. Und wenn Sie, Tillon, was ich nicht hoffe, später je diesen schlechten Charakter wahrnehmen sollten, zeigen Sie ihm Ihre Abneigung und zerstampfen Sie ihn ohne Mitleid und ohne Reue am Boden – ich bitte Sie darum.
Dr. Jekyll und Mr. Hyde? Wohl eher der junge Werther in Leipzig. Es sei den Psychologen überlassen, den bösen «anderen» Marcel zu analysieren und herauszufinden, was das «Hässliche» gewesen sein mag, das er am Nachmittag des 15. Mai 1911 verbrochen hat.
Pilet ist oft einsam. In Leipzig hat er weder Familie noch Freunde und er bemüht sich auch nicht, neue Freundschaften zu schliessen. Höhepunkt der Woche ist der Sonntagmorgen, wenn der Briefträger einen lilafarbenen Umschlag mit einem langen Brief von Tillon bringt. Einmal erhält Marcel von Tillon Blumen zugeschickt, in einer alten Papierschachtel mit der Aufschrift «Derby», die «einen kleinen Hauch von jenseits des Kanals» vermittelt:
Tillon, Sie haben für mich etwas Englisches, den hohen Hals, die recht eng geschlossene Taille, Ihre leichten goldenen Haare, aber vor allem Ihr zartes Lächeln, gleichzeitig fröhlich und träumerisch. Eine Träumerei im Nebel, die weit über das Land hinaussieht, wie eine mauve Sonne sich durch den Dunst hindurch senkt. All dies ist englisch! Sie haben von den Engländern mitgenommen, was sie an Graziösem, an Leichtem, an Frankem und Freiem haben, alles, was die Engländer vom französischen Blut behalten haben, würde ich sagen, und darüber hinaus, diese solide und gesunde Grundlage, die Vertrauen schafft und die den Charme und die Schönheit dieser angelsächsischen Charaktere ausmacht.
Tillon ist es gelungen, sich nicht von den Schwächen der Engländer anstecken zu lassen, die da sind gemäss Pilet: «übertriebenes Phlegma, Glätte und Schwermut ihrer Gesichter, ihre Schlaksigkeit und ihre wenig geschmeidige Eleganz».
Nein, was Sie von Ihnen mitgenommen haben oder besser was Sie mit ihnen gemeinsam haben, sind Ihre warme, zärtliche und beinahe heilige Verehrung für das Heim, für die eigenen vier Wände, das Zuhause. Und es sind alle diese feinen und delikaten Qualitäten, die «meine Tillon» zum köstlichen Engel machen!
Home, sweet home. Romantischer Überschwang und klischeehafte Völkerpsychologie, wie sie vor über hundert Jahren gang und gäbe war. Immer wieder malt Marcel sich aus, was einmal sein wird. Er sieht eine umsorgende, liebevolle Gattin – Tillon natürlich –, einen Sohn, den er sich wünscht, seit er fünfzehn ist, vielleicht auch eine grössere Familie, ein gemütliches, geschmackvoll ausgestattetes, gastfreundliches Heim, einen Kreis von Freunden, Erfolg im Beruf. Ein brillanter Anwalt will er werden, doch zweifelt er an den eigenen intellektuellen und rednerischen Fähigkeiten.
Ich habe normalerweise wenig Vertrauen in mich und erwarte eher, etwas falsch zu machen, als beim ersten Anlauf erfolgreich zu sein. Ich weiss nicht wieso, aber ich misstraue meinem Hirn, meinem Gedächtnis, meiner Logik und meiner Intelligenz ganz schrecklich.
Eine Vorlesung Strohals macht Pilet Mut. Als der eminente Professor ein verzwicktes juristisches Problem zur Diskussion stellt, schweigen im Hörsaal alle deutschen Studenten, «wie übrigens fast immer, wenn man sie etwas fragt». Darauf liest Strohal den fraglichen Gesetzesartikel vor und räumt ein, dass dieser auf ersten Blick «völlig unverständlich» sei. Dies erstaunt wiederum den Hörer Pilet, der zwar auch schweigt, weil sein Deutsch zum Reden nicht ausreicht, der aber längst begriffen hat, worum es in dem Artikel geht. Dies beruhigt ihn: Sein «kleines juristisches Lausanner Gehirn» hat ein gutes Rechtsverständnis und eine innere Stimme sagt ihm:
Hé, hé, dereinst wirst du kein mittelmässiger Anwalt sein, dem alle und vor allem die Klienten davonlaufen. Alles in allem wirst du eine gefragte Kanzlei und ein gut ausgestattetes Büro aufziehen können.
Dies wird ihm erlauben, in Ruhe und nach eigenem Gutdünken zu leben. Nicht, dass ihm etwas daran liegt, reich zu sein – er glaubt nicht, dass Geld glücklich macht. Mittelmässigkeit hingegen, schreibt Pilet, bringt Schwierigkeiten und Kummer, während ein gewisser Wohlstand die Existenz erleichtert und ermöglicht, andern gegenüber grosszügig zu sein. Was Pilet vorschwebt, ist ein ausgefülltes Leben an der Seite seiner Tillon.
Bei einem seiner Spaziergänge im Park sieht er ein elegantes Reiterpaar einträchtig Seite an Seite galoppieren. Nachher begegnet er den beiden im Restaurant:
Zwei schöne Alte, ein noch frischer und glücklicher Frauenkopf mit sehr weissem Haar, ein energisches und starkes Männergesicht, der Bart schneefarben, die sich gegenseitig zulächeln wie im Frühling ihres Jahrs! Ah, wenn man bloss in vierzig oder fünfzig Jahren auf dem trauten Quai von Ouchy am Arm eines alten Advokaten eine kleine graue, sogar weisse Tillon sehen könnte – die immer noch lächelt, auf die Hand vertraut, die die ihre drückt, auf die Schulter, auf die sie sich stützt. Und er ist immer noch glücklich über die schönen Augen, die ihm Kraft und Mut geben!
Spaziergänger Marcel sucht gerne am nächtlichen Leipziger Himmel den Abendstern, den Tillon und Marcel «unseren Stern» nennen. Ein Stern, der sie durch die Fährnisse des Lebens führen wird. Un guide sûr et confiant, wie er schreibt.
In dunkelster Stunde neunundzwanzig Jahre später, am 25. Juni 1940, wird Bundespräsident Pilet-Golaz dasselbe Bild gebrauchen, wenn er seine Miteidgenossen auffordert, der Regierung als un guide sûr et dévoué zu folgen. Ein amtlicher Übersetzer wird guide – zwar korrekt, aber höchst ungeschickt – mit «Führer» übersetzen.
Marcel und Tillon lieben die Musik. Sie spielt Klavier, er Geige. Beide mittelmässig, wie sie zugeben. Marcel hat spät mit Geigenspiel angefangen und es beim Üben an Fleiss und Ausdauer fehlen lassen. Zudem hat er sich vor zwei Jahren bei einem Sturz vom Ross das Handgelenk gebrochen. Eine dabei entstandene Schwiele stört das heikle Muskel- und Fingerspiel und so weiss Marcel, dass er keine Fortschritte mehr machen wird. Bereits nach einer halben Stunde verweigert das brennende Handgelenk jedes schnelle Spielen und jedes weitere Üben wird zur Qual.
Glücklicherweise gibt es genug leichte Meisterwerke, die Marcel und Tillon dereinst zusammen spielen können, wobei sie fehlende Brillanz durch Herz wettmachen werden. Manch eine wunderbare Arie von Bach, ein Rondo von Mozart oder ein Wiegenlied sind in Marcels Augen mehr wert als viele «schwierige und zu lange» Concertos. Marcel stellt sich vor, wie Freunde das Paar Tillon und Marcel in ihrem künftigen Heim besuchen und mit ihnen musizieren werden: Henry mit seiner «superben» Baritonstimme, Cousin Pierre, der «Lausannes bester Violinist werden wird, wenn er es nicht schon ist», und Louis Déverin, seit Jahren vielleicht Marcels engster Freund, ein Pianist ersten Ranges.
Schon in Lausanne ist Marcel immer ins Konzert gegangen. Auch in Deutschland lässt er sich keine musikalischen Darbietungen entgehen, selbst wenn, wie bei seiner Durchreise durch München, gerade keine Oper oder kein Sinfoniekonzert auf dem Programm steht. Faute de mieux hörte er sich in München les petits concerts in den Wirtschaften an. Das Beste dabei war für ihn «unsere kleine französische Musik und die Wiener Walzer». Er musste leider auch die «Münchner Fantasien» über sich ergehen lassen – «die fantastischsten, vulgärsten, krassesten, grässlichsten, die ich je gehört habe». In diesem Stück wurde die larmoyante Geschichte «eines von einer Oboe umsäuselten verliebten Mädchens» entweder von einem Pistolenschuss oder vorzugsweise vom Pfeifen eines Trams oder dem Trompetenstoss eines Automobils untermalt. Man belehrt Pilet, dies sei die «wahre Musik, modern, realistisch». Sein Verdikt: «Nicht realistisch, nicht modern und nicht wahr. Keine Musik.»
In seinen Leipziger Monaten kommt Pilet hingegen auf seine Rechnung:
Soeben, um zwei Uhr, ging ich, neugierig und unerfahren, in die Kirche St. Thomas, deren früher von Bach dirigierter Chor noch heute jeden Samstag die Motetten ihres ehemaligen Meisters oder von neuen Komponisten vorträgt. Und dort in einer alten hohen Kirche mit einer reichen, aber nicht übertriebenen Verzierung und von Geschmack, der nicht sicherer sein könnte, sang uns, unterstützt von der feierlichen Orgel, ein gemischter Chor aus jungen Burschen und gestandenen Männern – nicht eine Frauenstimme – Bachs «Vergiss mein nicht», übrigens friedlich und glücklich, und «Göttliches Misericordia», eine wahrhafte schöne und tiefe Motette von Durante, einem mir bisher unbekannten Italiener.
Pilet entdeckt Wagner, von dessen Opern er zuvor wie «die meisten Lausanner, die nie aus ihrer kleinen und reizenden Stadt herausgekommen sind», nur die Ouvertüren, Partituren, und Klavierarrangements gekannt hat. Welche Offenbarung, nun alles zu sehen, zu hören, zu erfassen. Zwar lassen ihn bei Wagner gewisse Stellen kalt, aber wenn «es schön ist, ist es schön».
Es ist schön ohne Vorbehalt, ohne Mass, von einer absoluten Schönheit, so dass man lange bleibt, ohne sich zu regen, und sich von diesen Strömen von Pracht, Leidenschaft und Liebe erfüllen lässt.
Pilet hat ein Studentenabonnement für die ersten zehn, in Leipzig komponierten Opern Wagners gekauft und ist beeindruckt von der Qualität der Vorstellungen. Ein Schönheitsfehler in der Aufführung von «Tannhäuser»: Der Heldentenor hat zwar eine volle, einstudierte Stimme, aber seine abgehackte Phrasierung, seine lächerlichen Gesten und sein Zirkusheroismus stören Pilet derart, dass er jedes Mal, wenn Tannhäuser auf der Bühne erscheint, die Augen schliesst, um so die herrliche und tiefe Musik geniessen zu können.
«Der fliegende Holländer» hingegen gefällt ihm ausnehmend, vor allem die Rolle des Holländers, gesungen von «einer der schönsten Stimmen Deutschlands».
Tillon, meine Freundin, beim Versprechen Sentas, ihm bis zum Tod treu zu sein, als er Gott fragt, ob sein Leid wahrhaft ein Ende nehme, habe ich geweint, nicht geschluchzt, geweint … Für den Holländer hat Senta einen Jäger verlassen, «ihren Freund», den sie übrigens nie wahnsinnig geliebt hat … Beim Heimgehen ist mir der Gedanke, dass Sie eines Tages Ihrem «Holländer» begegnen könnten, wie Feuer durch den Kopf gegangen. Heute Abend, wo ich ganz ruhig zur Geliebten spreche, die ganz nahe bei meinem Herzen ist, die Freundin von immer, schreibe ich Ihnen dies lachend. Aber gestern hat mich diese Idee während einiger Minuten grausam leiden lassen – es war verrückt. Und es hat mir das Gefühl gegeben, dass mir dann im Leben nichts, aber auch gar nichts übrig bleiben würde, als mir irgendwo in Afrika den Kopf einschlagen zu lassen!
Manchmal habe man eben solche extravaganten quälenden Ideen, meint Pilet, man wisse nicht, woher sie kämen, ein Nichts könne sie erzeugen. Gott sei Dank verschwänden sie dann noch schneller.
Im Gewandhaus bewundert er das vom berühmten ungarischen Kapellmeister Arthur Nikisch dirigierte Orchester und die dort auftretenden Solisten:
Sie können nicht glauben, wie sehr ich Bach liebe? Oh! Ich sage dies ohne Scham, oft lassen mich einzelne seiner Komposition – er hat unzählige gemacht – kalt und ungerührt. Ich bin zu wenig bewandert in Harmonie und Musikwissenschaft, um bei seinen nach den Regeln des einwandfreien Kontrapunkts geschriebenen Fugen mit ihren gekonnt aufgelösten Akkorden ein grosses Vergnügen zu empfinden. Nein, die überlasse ich dem Herrn Prof. Dr. Aber der ganze Rest, all das Herz, das er in seine Werke legt, alle seine langsamen, fast sinnlich philosophischen Träumereien, alle seine Zweifel, alle seine Gebete, die er mächtig und schmerzhaft singt, bringen mich schier zum Weinen, oder eher zum Beten, zum Beten auch für Sie, Tillon, für uns.
Zum Schluss des Konzerts spielte der grosse Geiger Carl Flesch Bachs «Chaconne», die Pilet schon mehrmals, interpretiert von Eugène Ysaÿe, seinem Idol, gehört hatte. Er glaubte nicht, dass jemand Ysaÿe übertreffen könnte:
Ich hatte mich getäuscht. Ist es Emotion, Unruhe, Müdigkeit vielleicht, aber vorhin war Flesch religiös, fast göttlich. Man hatte das klare und sichere Gefühl, dass er hier uns sein Lieblingsstück spielte, dasjenige, das er nur mit Gefühl und Verehrung angeht, wie eine heilige Sache. Ich glaube gerne, dass, wenn am Schluss der Saal leer gewesen wäre, er es überhaupt nicht gemerkt und gleichwohl weitergespielt hätte. Er spielte nicht mehr für uns, sondern für sich selbst, mit seinem ganzen Herzen, seiner ganzen Seele. Rasch bin ich dann weggegangen, bevor man Beifall klatschte, um im warmen und tiefen Eindruck dieser grossen Stimme zu verbleiben!
12. «Ich will keine Politik machen»
Am Samstag, 11. Juni, geht Pilet ans «Ende der Welt», will sagen den Exerzierplatz in Lindenthal, ausserhalb von Leipzig. Er verlässt um 9 Uhr das Haus, um dort für die auf Mittag angesetzte grosse «Parade» einen Platz auf der Tribüne zu ergattern, was ihm nach «viel Wegen, Umwegen, Warten, Hindernissen» gelingt. Von dort kann er das ganze Defilee der Leipziger Garnison überschauen. Mehr noch:
Verneigen Sie sich, Freundin, respektieren Sie mich, verehren Sie mich, ich habe den König gesehen! Ja, ich habe ihn gesehen, von ganz nahe, aus kaum zwei oder drei Metern. Der arme Kerl – geh schon! – hat mir leidgetan und mein republikanisches Herz litt beinahe an der Gleichgültigkeit eines ganzen Volkes gegenüber seinem Souverän. Ein wenig Beifall hier und dort, auf den er sich bemühte zu lächeln, aber es war so mager, so mager, dass es peinlich war, ich beteure es Ihnen. Oh, gewiss jeder weiss, dass er kein Adler ist, entfernt davon, weiss, dass es ihm an Finesse und Geschmack mangelt, dass er gerne «fressen» sagt statt «essen», gut trinkt und noch besser jagt und die Musik wenig liebt (wenn er beispielsweise nach Leipzig ins Gewandhaus kommt, bereitet man ihm ein sehr spezielles Programm vor – alles, was es in der Musik vom Leichtesten gibt und kurz, kurz, damit er nicht Zeit hat einzuschlafen). Abgesehen davon ist er ein braver Mann, pflichtbewusst, populär und vor allem unglücklich in seiner Ehe. Man sagt, er sei nie über das Davonlaufen seiner Frau hinweggekommen. Schliesslich beklatscht man nicht den Mann, sondern den König, die Funktion, die schöne und kostbare Reliquie einer grossen Vergangenheit, den Abkömmling der überragenden und grossartigen Fürsten, die aus dem wilden Sachsen langsam ein blühendes, reiches, gelehrtes und für seine Künste berühmtes Königreich gemacht haben! Und es scheint mir, dass all das schon ein paar Hurras verdient!
Das von Napoleon zum Königreich gemachte Herzogtum Sachsen wird nur bis 1918 bestehen. Der von Pilet beschriebene Friedrich August III. soll bei seiner Abdankung denkwürdig gesagt haben: «Nu da machd doch eiern Drägg alleene.»
Pilet beschreibt weiter die elegante, distinguierte und lächelnde Prinzessin, Schwägerin des Königs, die seine Gemahlin Luise ersetzt. Die lebenslustige Königin, siebenfache Mutter, ist mit dem Hauslehrer in die Schweiz abgehauen.
Pilet macht sich Gedanken über seine eigene Reaktion auf die royale Parade. Was sagt die Freundin dazu, dass er als «Sohn, Enkel und Urenkel von Republikanern», als «Schweizer der Freiheit», die Monarchie in Schutz nimmt?
Was soll’s, ich bin deshalb kein schlechterer Bürger und um nichts in der Welt möchte ich bei uns einen König. Aber ich gehe nicht so weit, zu behaupten, dass man überall die Könige abschaffen soll, weit gefehlt. Armer Papa, was würdest du sagen, wenn du mich hörtest? Du wärest bestürzt, da bin ich sicher! Du würdest erklären, dass es nicht der Mühe wert sei, an die Universität zu gehen, um derart verblödet daraus herauszukommen. Zum Schluss würdest du mich ins Bett schicken, um über die traurigen Folgen der in der Verfassung niedergeschriebenen Gedanken- und Redefreiheit nachzudenken.
Armer Papa, auch sonst. Aus der Ferne verfolgt Marcel, der in Leipzig sein Leibblatt, die Gazette de Lausanne, zugeschickt kriegt, die politische Karriere des Vaters. Er tut dies nicht zuletzt deshalb, weil der Papa, wenn die Dinge nicht nach Wunsch laufen, seine schlechte Laune an Mama auslässt. Im Grossrat und in der Partei ist die Zeit hart für ihn.
Sein Ansehen und seine politische Zukunft, in die er sein ganzes Herz und seine ganze Hoffnung gesetzt hat, ist schwer erschüttert, beinahe ruiniert worden: ein heftiger Streit mit einem der grossen Köpfe der Partei – in einer Angelegenheit, in der er übrigens völlig recht hat.
Nun aber erhält Marcel vom Vater brieflich gute Nachricht. Der Waadtländer Grand Conseil hat nämlich beschlossen, dass künftig die Ersatzrichter für das Kantonsgericht vom Parlament nominiert werden, und nicht, wie bisher, vom Gericht selbst. Was dieser Entscheid für das Land bedeute, werde sich Tillon fragen. Gar nichts, schreibt Marcel, wie überhaupt alles, was im Grossen Rat entschieden wird.
Wenn unsere hohen Abgeordneten sich einbilden, zu regieren und die Zukunft des Kantons zu formen, dann sind sie sehr naiv. Es gibt tiefere Wurzeln!
Für Edouard Pilet persönlich hingegen bedeutet der Entscheid viel. Marcel hat nämlich grosse Zweifel, «ob Vater in Lausanne bei den nächsten Wahlen wiedergewählt wird; zu Unrecht übrigens, er ist ein ausgezeichneter Abgeordneter, aber dies ist nicht die Frage». Wenn jetzt nach dem neuen Gesetz der Grosse Rat die Ersatzrichter wählt, dann hat Papa gute Chancen, nominiert zu werden. Auf dem Land lieben ihn die Leute, auch wenn er in Lausanne weniger populär ist. Wird er nominiert, dann kann er den Grossen Rat ohne Gesichtsverlust verlassen. Bei einer Vakanz im Kantonsgericht rücken fast ausnahmslos die Ersatzrichter nach. Papa wäre versorgt fürs Leben und hätte einen offiziellen Titel, «denn er hält viel darauf, in der Republik etwas zu sein».
Auch wenn er mit ihm das Heu nicht auf der gleichen Bühne hat, respektiert Marcel Pilet den Vater. Deshalb fällt es ihm schwer, ihn zu enttäuschen. Aber enttäuschen muss er ihn. Kann Tillon ihm helfen, die bittere Pille zu versüssen, die er ihm verabreichen muss? Sich selber kennt er gut genug, um zu wissen, dass seine Zunge seit allzu langer Zeit «scharfe Pfeile abschiesst», sein «Maul ohne Reue beisst», dass er diese Gewohnheit «weder abfedern noch verschleiern» kann.
Papa setzt auf mich grosse, sehr grosse Hoffnungen; nicht als Jurist, er erwartet natürlich, dass ich ein mehr als nur mittelmässiger Advokat werde, sondern vor allem als Politiker. Er sieht in mir einen Staatsmann, einen grossen Staatsmann und sogar einen grossen Mann tout court. Also ein wenig die wunderbare Verlängerung seiner eigenen Karriere oder vielmehr, um die Wahrheit zu sagen, die Revanche für das, was er nicht hat sein können! Bei meiner Geburt, scheint es, hat man ihm vorausgesagt, dass ich eines Tages Bundespräsident sein werde, und er glaubt das. Mon Dieu, warum nicht, es kann nicht besonders schwer sein – ich meine praktisch, aber wie schwer hingegen intellektuell und vor allem moralisch. Und es ist fest entschieden, reiflich überlegt: Ich will keine Politik machen. Seit langem bin ich dazu entschlossen. Da ich sogar fürchtete, dass ich mich eines Tages von einer dummen Sucht nach hohlem und populärem Ruhm verführen lassen könnte, habe ich mir vor nun vier Jahren die Mühe gemacht, mir den Weg zu den Ehren definitiv zu versperren. Ich trat bei Belles-Lettres ein und schlug Helvetia aus.
Es hätte mir nicht besser gelingen können. Entweder misstraut man mir als einem zu konservativen und zu aristokratischen Radikalen – dies die Meinung der gouvernementalen Bellettriens – oder man hasst mich offen wie die Helveter, wofür ich sichere Beweise habe. Nach all dem, brauche ich nur noch die Leiter hochzuziehen.
Leichter gesagt als getan. Der Vater hat die feste Absicht, Sohn Marcel, sobald dieser den Doktortitel in der Tasche hat, politisch zu lancieren.
Solange er dies noch kann, der arme Verlierer! Also werden Sie, Tillon, begreifen, dass ich ihm jetzt, ohne zu warten und ohne zu zögern, meinen festen Willen mitteilen muss, mich dem Staat zu verweigern.
Er schreibt dem Vater einen durchdachten, sorgfältig formulierten «antipolitischen Brief». Papas Reaktion? Keine eigentliche Antwort. Während Mama dem Sohn schreibt, dass sein Entscheid richtig sei und sie sich darüber freue, schickt Papa eine Ansichtskarte, auf die er kritzelt: «Adieu, kleiner Egoist. Die Zukunft wartet auf Dich.» Und: «Kleiner unausgereifter Radikaler, wenn Du bloss ans Land dächtest und nicht nur an Dich selbst.»
Wie gewohnt, behandelt er den erwachsenen Sohn als gamin, als unreifen Jungen:
Papa kann sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass ich – im Körper und Geist wachsend – meine eigenen Gefühle und Ansichten habe, die von den seinen verschieden sind. Und anstatt böse zu werden, was ihm manchmal passiert, hat er gelacht! Ich bedaure dies beinahe, denn dies ist nur ein trügerischer Aufschub. Der Streit wird bei der nächsten Gelegenheit umso heftiger neu entbrennen – zweifellos bei meiner Rückkehr. Aber haben Sie keine Angst, ich werde mein Möglichstes tun, um meinen Entschluss durchzusetzen, ohne dabei grosse Zornausbrüche zu provozieren. Es wäre nicht das erste Mal, dass Papa nein sagt und dass ich dann schliesslich doch ein Ja erreiche – ob ein Ja wider willen oder ein Ja aus Ermüdung. Und dann werde ich meine Ruhe haben!
13. Eifersucht
Zusammen mit Bekannten aus Orbe verbringt Tillon die Juniwochen in Sanary an der Côte d’Azur. Marcel gönnt ihr das Meer, die frische Luft, die Gesellschaft und hofft, dass sie erholt, gesund und frisch in die Heimat zurückkehren wird. Aus der sonnigen Provence schreibt die Freundin weniger lang und weniger regelmässig. Einmal sind ihre Blätter derart durcheinandergeraten, dass Pilet den Mistral oder die preussische Zensur verdächtigt – ironisch selbstverständlich. Wenn einmal der Briefträger an einem Sonntag oder gar Montag mit leeren Händen an die Davidstrasse kommt, hintersinnt sich Marcel. Ist etwas geschehen, ist sie krank, hat sie beim Baden zwischen den Felsen im Meer nicht aufgepasst? Wenn die Sonne Tillon schreibfaul gemacht hat, versteht Marcel keinen Spass und beginnt zu nörgeln.
In seiner Leipziger Einsamkeit beschleichen ihn ungute Gedanken. Hat ihn sein Vertrauen in falscher Sicherheit gewiegt? Hat seine Tillon etwa dort unten, wie man in der Provence sagt, zahlreiche galants und, mon Dieu, gefällt ihr dies vielleicht ganz gut? Pilet lässt seiner Phantasie freien Lauf:
Und wenn am Morgen Sie es der wilden Welle schon nicht verübeln, dass sie Sie gegen eine befreundete Hand schleudert, sind Sie am Abend – was noch besser ist – nicht glücklich, ans Meer träumen zu gehen, begleitet von einem Kerl mit feinem Schurrbart.
Zu Beginn ihrer Ferien hat Tillon stundenlang auf einem einsamen Felsen gesessen und dem abwesenden Marcel lange Briefe geschrieben. Und jetzt? Marcel, bitter:
Aus den Stunden sind Minuten geworden, wenn nicht Massagen auch noch diese ausfüllen.
Und dann gefällt sich Tillon gar noch darin, ihn dies wissen zu lassen! Der Philosoph Schleiermacher wusste es: «Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.» Der einsame Marcel spintisiert weiter:
So habe ich mich denn schon gefragt, ob es nicht gut wäre, meinem «Papa» Déverin dort unten in Monaco zu telegrafieren, ob er nicht sein Lycée ein paar Tage verlassen könnte und sich auf eine Ermittlung nach Sanary zu begeben!
Und was, wenn der Rapport ungünstig ausfiele? Welch «bramarbasierender und fuchsteufelswilder Marcelin» würde Tillon eines schönen Tages am Strand auftauchen sehen! Meint Pilet es ernst oder macht Pilet sich über sich selbst lustig? Beides vermutlich. Eifersüchtig ist er jedenfalls und die Angst, die Verlobte zu verlieren, kehrt periodisch zurück. Wie so oft in seinem Leben – und ganz besonders später in der Politik – holt er sich Rat bei dem Dichter, der gleichzeitig sein Lieblingsphilosoph ist, Jean de La Fontaine. Die Milchfrau seiner Fabel, die ebenfalls Luftschlösser gebaut hat, verliert schliesslich alles. La Fontaines Moral von der Geschichte:
Ein Zufall wirkt, dass ich mich auf mich selbst besinne, und siehe da: Ich bin das Hänschen wie vordem.
Pilet fühlt sich als gros Jean comme devant, als einer, der alles verloren hat, was ihm wichtig war. Trotzig warnt er die ferne Geliebte, auch er könnte sich «lustige Stunden» machen. Ob Tillon wisse, dass es auch in Leipzig «Lustige» gibt?
Wenn er ihr mit «bösartig spitzer Zunge» erzählen würde, dass Fräulein Zöbisch, die Tochter seiner Wirtin, ein nettes Kind von achtzehn Jahren, ein frisches Gesicht hat und sich dies gerne sagen lässt? Seit Herr Pilet ihr ein Kompliment über ihre Füsschen gemacht hat, verweilt sie, wenn sie sein Zimmer reinigt, gerne länger, um ihm allerhand Klatsch auszubreiten. Sie gibt zu verstehen, dass am Abend im Mondenschein sich über die Bäume des grossen Parks viel schöner träumen lässt als allein im Bett. Hé, hé, was würde Tillon dazu sagen?
Marcel hat für seine Tillon noch eine weitere «charmante» Geschichte auf Lager. Für den Wagner-Zyklus hat er ein Abonnement für einen Platz in der Seitenloge. Wenn man früh kommt, kriegt man einen guten Sitzplatz vorne an der Balustrade. Pilet ist natürlich immer früh, ebenso eine junge Dame, die sich jeweils neben ihn setzt. Eines Abends ist die Dame verspätet und ihr bleibt nur der Platz in der hinteren Ecke, wo man nichts sieht, es sei denn, man stehe. «Vor der Nase der erstaunten Deutschen» bietet Pilet «dieser armen Nachzüglerin» höflich seinen Platz an. In der Pause kommt die elegante, feine Schwarzhaarige im Foyer zu ihm, um sich für seine Liebenswürdigkeit zu bedanken. Man plaudert. An seinem holprigen Deutsch erkennt sie den Ausländer: «Sie sind Franzose, nicht wahr? Ich habe es sofort aus Ihrer Gestik erraten! Schade, dass ich Ihre Sprache nicht kenne, ich mag die Franzosen so sehr!»
Pilet erfährt, dass seine einnehmende Nachbarin aus Pommern kommt, in die Musik «vernarrt» ist, am Konservatorium Gesangsstunden nimmt und ihr Leben dem Theater geweiht hat, genau genommen der Oper. Sie ist erst seit einigen Wochen in Leipzig, fühlt sich einsam und ist hocherfreut über die unerwartete Begegnung. Möchte der Franzose nicht eines Abends zu einer Tasse russischen Tees zu ihr kommen? Als Pilet einwendet, sein Deutsch sei mangelhaft und er mache schrecklich viele Fehler, beruhigt sie ihn. Man sei ja dann bloss zu zweit, sie wäre die Einzige, um ihn auszulachen. Man würde es um so lustiger haben.
Pilet fürchtet – dies zumindest schreibt er dies seiner Tillon –, dass seine Galanterie, zu der er sich verpflichtet fühlte, ihn in eine unangenehme Lage gebracht habe. Er entschuldigt sich bei seiner «kleinen Sängerin» für den Rest des Wagnerzyklus und vertröstet sie auf später. Er werde ihr schreiben, wann er sie «mit seinen Gallizismen und seinen nicht übereinstimmenden Adjektiven werde amüsieren können». Im Übrigen, beruhigt er Tillon, sei er «fest entschlossen», der jungen Dame aus Berlin ein Abschiedsbriefchen zu schicken. Immer von sich als «er» redend schreibt er der Freundin in Savary:
Doch dann, ma foi, fragt er sich – er, der keine Wellen, keine Fischer, der weder Masseur noch Seemann hat, sondern höchstens eine Freundin, die sich einen Spass macht, ihm eine schelmische Zunge rauszustrecken –, fragt er sich, ob er nicht all dieses mit einigen Tassen dampfenden und duftenden Tassen Tee wettmachen könnte? In seinem Zweifeln gelangt er an Sie, um bei Ihnen Rat zu holen, aber lassen Sie ihn nicht schmachten, ich bitte Sie!
In seinem nächsten Brief an Tillon kommt er auf den «pommerischen Tee» zurück:
Nur zum Spass, Freundin, habe ich Sie um Ihren Rat gefragt. Schon seit Langem hatte ich meinen Entschluss gefasst, den Entschluss nicht hinzugehen. Nicht etwa, dass ich Angst hätte, ich könnte etwas Böses tun, nein, nochmals nein; auch nicht aus Angst, dieser fille du Nord Grund zum Leiden zu geben – ist Ihr Freund, Tillon, wirklich so faszinierend? Sie [die Sängerin aus Pommern] ist ja keineswegs von der Sorte, die sich Illusionen macht. Nein, was ich befürchtete, war, dass sie, die keinen Freund fürs Leben will – ihre Neigungen und ihr Beruf hindern sie daran –, dass sie nichts lieber möchte, als nebenbei zahlreiche Freunde zu haben. Und gerne hätte sie in dieser Auswahl auch gerne Französisch genascht. Wenn Sie wüssten, wie locker hier die Sitten sind – es ist zum Erschaudern – und dabei bin ich sonst nicht prüde. Aber genug von diesem Thema, Sie haben begriffen, dass ich nie die Absicht hatte anzunehmen und dass ich sie nie gehabt haben konnte.
Der Herr, wie mich dünkt, protestiert zu viel.
14. Berliner Luft
Pilet hat seinen Deutschlandaufenthalt genau geplant. Mit Ausflügen in andere Städte und historische Orte will er seine Bildung erweitern. Er besucht Jena, Weimar, Eisenach mit der Wartburg. Im Wallpavillon in Dresden besucht der an Naturwissenschaften und Technik interessierte Student die Internationale Hygiene-Ausstellung. Diese von nicht weniger als 5 Millionen besuchte gigantische Schau ist eine Ode an die Medizin und an den menschlichen Fortschritt, der unaufhaltsam scheint. Pilet ist beeindruckt.
Anfang Juli fährt er für eine Woche nach Berlin. Erster Eindruck: Enttäuschung. Er hatte erwartet, dass diese gigantische, enorme, allmächtige Stadt, dieses «zweite Paris» ihn aufmuntern und packen würde. Nichts dergleichen. Man hat ihm vom lebhaften Treiben auf den Strassen geschwärmt, doch er sieht weniger Verkehr als an einem Sonntag in Genf. Auch die Stadt selbst enttäuscht ihn, das Schloss, der Dom, die grossen Plätze vor dem Schloss und der Siegessäule, die Friedrichstrasse und Unter den Linden, beide weltberühmt. Er besucht die Oper – das Orchester ist «unzweifelhaft weniger gut als in Leipzig» – und kehrt über die Wilhelmstrasse und das Brandenburgertor ins Hotel zurück. Ernüchternd. Alles tot, die Lichter gelöscht, die Strassen halb leer, was in Lausanne auch um Mitternacht selten der Fall ist. «Und das ist die Hauptstadt Preussens!»
Am zweiten Tag erwartet ihn bei der Agentur «Weltreise» eine «Stadtrundfahrt im Automobil» – in einer Art offenem Car, auf dem vielleicht dreissig Personen auf treppenförmigen Bänken zusammengepfercht sind. Der Reiseführer muss schreien wie ein billiger Jakob, um den Strassenlärm zu übertönen. Auf der Rundfahrt gibt es Dinge, die Pilet gefallen, der grosse Park von Charlottenburg – «fröhlich und einfach» –, das elegante Schloss Friedrichs I. und das Mausoleum Wilhelms I. Im Mausoleum ist ihm egal, dass dort die Kaiser und Kaiserinnen ruhen. Er ist fasziniert vom violett-goldenen, harmonischen Licht, das auf den die Gräber beschützenden Engel fällt. Dort wäre er gerne länger verweilt, doch der Chauffeur drängt zum Aufbruch.
Den Rest der Woche ist er allein unterwegs, fühlt sich oft einsam. Im Zoologischen Garten langweilt er sich sterblich, gähnt vor den Tigern, die zurückgähnen. Die Kamele, die Giraffen, die «Schweine Europas, Asiens und Afrikas» öden ihn ebenso an wie die schlecht riechenden, vielfarbigen Vögel. Ein einziger einfacher, freier Spatz wiegt sie alle auf. Pilet flüchtet in den Tiergarten, den Volkspark in der freien Natur. Dort entzückt der Rosengarten den Blumennarren – «des roses, encore des roses, toujours des roses, weisse, rote, creme- und fleischfarbene, splendides et discrètes».
Brandenburg lässt Pilet kalt – ausgenommen der schmackhafte Johannisbeerkuchen in der Konditorei Graf und die Brandenburger Spargeln. Hässlich und schmutzig das Sommertheater, ein deutsches Tivoli, vergleichbar mit lärmigen Lausanner Pinten, in denen Belles-Lettres Radau machen und sich besaufen können. Er würde zögern, in Uniform hinzugehen. Die paar Minuten, die er dort verbrachte, genügten, um des rencontres louches, zweifelhafte Begegnungen, zu machen. Also rasch weg.
Das Schönste, was Pilet in seiner Berliner Woche zu sehen bekommt, ist Potsdam. Es ist magnifique, nicht nur magnifique, sondern délicieux, stundenlang könnte man sich dort verlieren. Auf dem Gelände hinter dem Schloss begegnet er einem von einem zwanzigjährigen Fräulein begleiteten Ehepaar. Der fünfzigjährige Herr sieht, wie Pilet sich über seinen Ortsplan beugt, und bittet ihn um eine Auskunft. Berliner, die Potsdam nicht kennen! Man beschliesst, gemeinsam die Sehenswürdigkeiten zu besuchen: die prächtigen Blumenbeete, die Brunnen, die Orangerie, das Belvedere, das neue Palais. Dann schaut der Berliner Herr auf die Uhr, blickt zu Madame und meint, es sei Zeit heimzugehen. Zum Erstaunen Pilets, der angenommen hat, die junge demoiselle sei seineTochter, fragt der Herr: «Fräulein, was gedenken Sie zu tun?» Das Fräulein schaut Pilet an, mustert ihn kritisch, würde gerne im schattigen Park weiter spazieren, möchte sich aber nicht auf eine abenteuerliche Begleitung einlassen.
Sie fasst genug Vertrauen zu dem höflichen Fremden, um sich ihm anzuvertrauen. Das Fräulein ist Rheinländerin, zu Besuch in Berlin. Die beiden gehen «von einer charmanten Ecke zur anderen charmanten Ecke, schnattern wie Elstern, wenigstens, wie französische Elstern auf Deutsch schnattern können.» Ein angenehmer Nachmittag.
Pilet hätte nie ihren Namen gekannt, wenn sie nicht, «als kuriose kleine Deutsche», ihn gebeten hätte, ihm ein paar Ansichtskarten aus der Schweiz zu schicken, «die ein sehr schönes Land sein müsse». So findet er heraus – «können Sie, es glauben?» –, dass sie Mathilde heisst, gleich wie seine Tillon. Dies stört Marcel nicht. Seine Tillon war für ihn nie Mathilde, der Vorname bedeutet ihm nicht mehr, als wenn sie «Euphrasie oder Philomène» hiesse. Ah, wie sehr vermisst er Tillon, wie gerne würde er Arm in Arm mit ihr durch Potsdam schlendern.
Im Pergamonmuseum durchstreift Pilet die Altertümer Ägyptens, Griechenlands und Italiens. Angesichts der Mumien, die ihn frösteln lassen, denkt er (kurioserweise) an die im Moment aktuellen Eisenbahnerstreiks in Frankreich, wo es auf verschiedenen Linien zu Sabotageakten gekommen ist:
Ich bin gewiss nicht Sozialist, und wenn es einen Dienst gibt, den ich gerne leisten würde, wäre es, geradezu auf dieses Gesindel, das die Eisenbahnlinien sprengt, loszumarschieren. Doch lassen wir das.
Pilet wird fünfzehn Jahre später in seiner viel beachteten, umstrittenen Jungfernrede im Nationalrat, den Schweizer Bundesbeamten, insbesondere den Eisenbahnern, das Streikrecht absprechen.
Eine weitere Etappe des unermüdlichen Touristen ist das Friedrichmuseum, die Nationalgalerie. Er bewundert die von ihm geliebten alten flämischen Meister – Rubens, van Dyck, Rembrandt, van Ruysdael – die Spanier –, «die splendiden und arroganten» Velázquez, die «tieferen» Riberas, zwei exquisite Murillos. Das Juwel der Sammlung ist für Pilet ein «Mädchenkopf» von Jean-Baptiste Greuze – wer kennt ihn noch? –:
Ich gestehe es Ihnen, Tillon meine Freundin, Greuze ist der Einzige, den ich für würdig halte, Ihr Portrait zu machen. Zweifellos sind van Van Dyck, Rubens, Rembrandt und andere die grösseren Maler, aber sie wären nicht imstande, den Zauber Ihres Gesichts wiederzugeben, denn dies ist seine grosse Qualität: zu bezaubern. Von ihnen würde der eine Sie zu traurig darstellen, der andere zu glänzend in der Hautfarbe und wieder einer zu ernst. Einzig Greuze würde die Grazie Ihres Lächelns, den träumerischen und anmutigen Glanz Ihrer Augen, die vagabundierende und sonnige Leichtigkeit Ihrer Haare gleichzeitig verstehen und malen können.
Absence makes the heart grow fonder, weiss ein englisches Sprichwort.
Die Eislaufvorstellung im Admiralspalast bezaubert den romantischen Schweizer: «Welch hübsche und exquisite Sache, ein Walzer auf dem Eis, in bleichem Licht, mit einem betäubenden Orchester!» Wenn er die Paare elegant sich drehen sieht, fühlt sich Pilet als ungelenker Tor: «Welch traurigen Marcelin haben Sie da gewählt, Tillon, und wie schlecht wird er Sie unterhalten können.» Er läuft nämlich «Schlittschuh wie drei Neger», «tanzt kaum besser», spielt grauenhaft Geige, kann zur Not ein Pferd führen, ein Florett halten und in seinen Büchern büffeln. Der Wille vermag vieles, aber Pilet weiss: Ich bleibe schwerfällig und linkisch.
«Als alter Troupier» begutachtet er in der historischen Sammlung des Zeughauses Kanonen, Befestigungseinrichtungen und Säbel. Er bewundert die fein ziselierten türkischen Scimitare. Die Menge hingegen interessiert sich für Uniformen, für die Ausrüstungen Bismarcks, Blüchers, Napoleons – diese «erbeutet», wie diskret darunter steht – und die Orden dieser Herren.
Zufällig trifft er bei der Börse einen Schulkameraden aus dem Gymnasium, einen Banquier. Die beiden können sich nicht ausstehen und Pilet hat einst diesem «Wesen, das ich verabscheue», die Aufnahme in Belles-Lettres verunmöglicht. Doch man ist höflich und urban, wie es sich gehört. Dank dem Banquier verbringt Pilet seinen letzten Berliner Abend bei einem Essen mit Schweizern, hauptsächlich Lausannern und Neuenburgern.
Die mehrheitlich sehr ernsten, sogar hoch philosophischen Gespräche zogen sich bis in den Morgen hinein. Es war schon nach drei Uhr morgens, als diese messieurs, die mich liebenswürdigerweise heimbegleitet hatten, mich im Hotel verliessen.
An seinem letzten Berliner Tag: Rathaus – architektonisch recht interessant –, Königspalast – zu viele Vergoldungen und zu viele Auftragsbilder –, Reichstag – auch nicht berauschend. Der Sitzungssaal hat nichts «Imposantes und Grandioses», nichts Vergleichbares mit dem Ständeratssaal in Bern und seiner «Reihe von Chorstühlen und ihren eingeschnitzten Kantonswappen». Die «Psychologie der Besucher» amüsiert den Schweizer:
Man hat gesehen, wie sich ihre Wünsche, ihre Ruhmsucht und ihr Ehrgeiz unschuldig nackt zur Schau stellten. Alle, oder wenigstens fast alle von denen, die mich begleiteten, die Damen wie die Herren, betrachteten mit Ehrfurcht den luxuriösen Sessel des Ratspräsidenten und empfanden ein halb komisches, halb ernstes, auf der Illusion von Ruhm beruhendes Vergnügen, sich einen Augenblick lang darauf zu setzen. Und die zwanzig oder so, die dort waren, haben einer nach dem anderen sich auf diesem erhabenen Stuhl niedergelassen.
Pilet selber? Nein. Allerdings ist er dann geradewegs zur Tribüne geschritten, um festzustellen, ob der Redner, von dort aus die Versammlung beherrschen und, ohne in seinen Bewegungen gestört zu sein, alles sofort übersehen kann.
Ah, du alter Grundstock des Schauspielers und des Advokaten, und auch der des Klassik-Gymnasiasten, der stolz darauf sein möchte, gutes Französisch zu sprechen, du tauchst doch immer wieder auf! Marcelin hat gelächelt, als er daran dachte.
Ahnt der selbstironische junge Tourist, dass er dereinst als Bundesrat mit seiner Redekunst selbst Deutschschweizer Parlamentarier beeindrucken wird?
15. Ein deutscher Sommer
August und September verbringt Pilet in einem ruhigen Pfarrhaus in Döffingen im Schwarzwald. Herr Pfarrer Elsenhaus, ein langer, magerer, gutmütiger Herr in den Fünfzigern, ist meist in seinen Gedanken versunken und redet wenig. Seine Schwester, «eine alte Jungfer, die keine ist», führt den Haushalt, kommandiert und arrangiert alles, verwöhnt ihre Gäste nach Noten. Sofort fühlt sich Pilet zuhause, Teil der Familie. Nach drei Monaten schweigsamer Einsamkeit ist er erleichtert, jetzt lange Gespräche über alles und nichts zu führen – «eigentlich wie bei uns». Das Leben ist geregelt, wie Pilet dies mag, mit festen Essens- und Imbisszeiten. Er hat seine gefüllten Hefte und seine Fachbücher mitgebracht, arbeitet pflichtbewusst an der Dissertation.
Ein anderer Gast in der Pfarrei ist der 16-jährige Lausanner Jean Chamorel, mit dem sich Pilet bald anfreundet. Die beiden unternehmen Spaziergänge durch die vergilbten Felder – der Sommer ist extrem heiss und trocken –, durch die Wälder mit ihren riesigen Rottannen, pflücken Feldblumen und plaudern. Jean ist ein aufgeweckter und gemütvoller Junge, ein eben konfirmierter Pfarrerssohn, den «die Zweifel der Vernunft» plagen. Kann man dies beweisen, kann man jenes beweisen? Jean, noch ein Kind, stellt Pilet diese Fragen. Ihm, der, nachdem er den naiven Glauben der Sonntagsschule verloren hatte, einem «wertlosen Skeptizismus» verfiel und, zwar nicht Atheist, aber Zweifler wurde. Inzwischen hat Pilet den «schwarzen, eisigen Zweifel» besiegt:
Und jetzt glaube ich, ich glaube tief, ganz, mit Freude, kurz, ich glaube, ohne Vernunft, gegen die Vernunft, weil eines Tages – ich werde mich mein Leben lang daran erinnern – an einem Morgen schrecklichen Leidens ich gesehen, verstanden und gefühlt habe. Ich habe den Glauben durch die Gnade, einen Glauben, der umso stärker, umso lebendiger und umso unerschütterlicher ist, weil er über die Vernunft lacht, sie ihm gleichgültig ist, er sie verachtet!
Die Vernunft ist nichts, nur das Herz zählt. Marcel wusste dies schon, bevor er Tillon kennenlernte.
Aber Sie sind es, meine Freundin, die es mich gelehrt hat. Ich möchte Jean sagen: Glauben Sie, dass es einen Gott gibt, analysieren Sie es nicht, glauben Sie, dass es eine Pflicht gibt, kommentieren Sie es nicht! Und lassen Sie den ganzen Rest beiseite, kümmern Sie sich nicht um die Form, um die Zeit, um den Wert des göttlichen Urteils – dies sind Dinge, die nicht menschlich sind. Zergliedern Sie Ihren Gott nicht, er durchdringt Sie!
Marcel Pilet hat seinen Glauben gefunden. Er wird sein Leben lang unverrückbar an ihm festhalten. In Döffingen geht er jeden Sonntag in die Kirche. Dies macht dem Pfarrer Freude, auch wenn Marcel in der Regel die meist hohlen und oft schlecht geschriebenen Predigten nicht mag. In Lausanne besuchte er den Gottesdienst nur, um seine Mutter zu begleiten. Lieber ist er allein in der Kirche und unterhält sich sehr demütig mit Gott. Verschiedenes zieht ihn in dieser deutschen Kirche an, die «orthodoxer, formalistischer, sogar katholischer als bei uns ist»: Der leidende Christ als Symbol, das gerade Kreuz auf dem Kirchturm, aber auch tiefere Dinge, die es bei uns nicht gibt: Wenn der Pfarrer zu Beginn die zum Tag passenden Bibelverse liest und die Gläubigen segnet, unterbricht er sich und sagt: «Betet weiter und nur in Stille.»
Und während einiger Minuten kann jeder sich sammeln und Gott bitten, ihm sagen, woran er am meisten leidet, was er am nötigsten hat, oder ihm zu danken für die erwiesenen Gaben … dies sind, Tillon, die einzigen Augenblicke, wo ich in der Kirche beim eigentlichen Gottesdienst wirklich bete – mich bewegen die vorgegebenen Gebete, die man in den Büchern liest, kaum – und ich bete dann mit Inbrunst, ich bete, wie wenn ich mit Ihnen wäre.
Während der Döffinger Zeit trüben keine Missverständnisse oder Eifersuchtsanfälle den besonders herzlichen und intimen Briefwechsel mit Tillon. Er erzählt ihr, dass sein Freund Déverin heiraten wird, und fragt sie, ob sie bereit wäre, später Gotte seines Kinds zu werden. Tillon hat ihn um Buchempfehlungen gebeten. Er entschuldigt sich, dass er wenig, «schändlich wenig» gelesen habe, dass er ein «perfekter Ignorant» sei, aber er werde sein Bestes tun.
Also, wenn sie sich einmal langweile, solle sie die Princesse de Clèves von Madame de La Fayette anschauen. Es folgt eine Liste von Werken, die Pilet gefallen haben. (Sag mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist.) Unter den «ganz Grossen» empfiehlt er, Flauberts Madame Bovary und Salambô, «Meisterwerke ohne Fehler». Maupassant und Daudet überspringt Pilet als «zu bekannt».
Er nennt George Sand und dann eine Reihe von einst bekannten, heute vergessenen Autoren: Edmond About, «ohne grossen Ideenfundus, aber köstlich», René Bazin, Marcel Prévost mit seiner Studie über die Deutschen, «Monsieur et Madame Moloch», Paul Bourgets Le Disciple – «vertiefte Psychologie, die übrigens falsch ist» –, Jules Lemaître, der in seinen kritischen Essays sagt, was er von den heutigen Autoren hält und in seinem «Racine», wieso er den grossen Tragiker liebt. Von Anatole France – neben Romain Rolland offensichtlich Pilets Lieblingsautor unter den Zeitgenossen – nennt er nicht weniger als dreizehn Bücher. Die «in ihrer Beobachtung bewundernswerte» Tetralogie Histoire contemporaine allerdings ist für Tillon «vielleicht zu gewagt», weil sie nicht nur von der Dreyfus-Affäre, sondern auch von «unerlaubten Liebschaften» handelt.
Pilet erwähnt weiter fünf Bücher des Waadtländers Edouard Rod, den er später seinem Bundesratskollegen Etter empfehlen wird. Was den leichteren Bereich angeht: Vielleicht kennt Tillon Gyp? Wenn er wieder in seinem Zimmer in Lausanne ist, wird Marcel die besten zeitgenössischen Theaterstücke auslesen und ihr nach Orbe bringen. Warnung: L’Illustration – ein Verlag, der die neuen, in den grossen Theatern von Paris gespielten Stücke herausgibt – druckt leider auch «hässliche Dinge», die Tillon «nicht lesen sollte».
In Döffingen wird Pilet oft bei der Arbeit gestört. Bekannte kommen vorbei und vier Feriengäste – zwei Fräuleins und zwei Kinder – beleben den Tagesablauf. Man unterhält sich mit allerlei munteren Brett- und Gesellschaftsspielen. Pilet macht gutmütig mit und beobachtet die Mitpensionäre. Fräulein Gertrud ist 20, mit einem passablen Gesicht, gerade intelligent genug, um in Württemberg Lehrerin zu sein, spielt gerne Karten und Croquet, singt als gute Deutsche «Deutschland über alles», mag aber den Kaiser nicht – «man muss ein bisschen liberal sein, wenn man im Unterrichtswesen ist». Ihre Schwester Dora ist 17-jährig – «ein schönes Alter, ein schönes Alter, hat man ihr gesagt und sie wartet».
Worauf wartet sie seit siebzehn Jahren, werden Sie mich fragen … nun, ganz einfach, auf einen Liebhaber, denn auch sie ist eine Schönheit und sie ist eine Schönheit, weil sie sehr schwarze Haare, einen sehr gelben Teint und Augen à la japonaise hat und auch das Lächeln. Zudem lächelt sie mit sehr roten Lippen und es ist anständig, auf ihr Lächeln zu antworten. Aber dieses Jahr ist ein schlechtes Jahr für sie! Warum weiss man nicht – man wird es nie wissen. Trockenheit, Hitze, Müdigkeit, alles vielleicht, aber die Pensionäre haben nicht, wie gewohnt, etwas eingebracht. Schon vor drei Jahren ist sie ins Pfarrhaus gekommen, schon war sie eine Schönheit, und schon hatten zwei unglückliche Schweizer, die dort in den Ferien waren, vergessen zu schlafen. Vor zwei Jahren ist sie wiedergekommen und wiederum haben zwei Herzen geschlagen … letztes Jahr war wiederum ein glorreiches.
Und dieses Jahr? Ein Jammerjahr. Gewiss liest man ihr das Tüchlein auf, wenn sie es, sagen wir, aus Unachtsamkeit fallen lässt, gewiss reicht man ihr die Kugel, wenn man «Botscha» spielt (dieses Spiel der Italiener, wissen Sie, und das viel Aufmerksamkeit verlangt, sagt Herr Pfarrer), aber man bringt sie ihr ganz einfach zurück, wie man eben eine Kugel reicht. Keine Hand mehr, die eine Hand streift, keine Augen, die für sich sprechen, keine Brust, die seufzt … Mlle Dora ist enttäuscht, Mlle Dora ist angewidert … Jean und ich sind rücksichts- und kulturlos, wir wissen nicht, was schön ist. Mögen wir es nie wissen und möge Mlle Dora mit ihrer Schönheit immer bleiben, was sie ist, eine kleine Deutsche, intelligent und lebhaft – für hiesige Begriffe –, der ihre Eltern leider den Kopf verdreht haben – und nicht auf die richtige Seite.
Ähnlichen Spott schüttet Pilet über «Hänsle» aus, einen Neffen des Pastors, «den unangenehmsten, wildesten, unerzogensten, verwöhntesten, zänkischsten und verschlagensten Bengel, den ich je gekannt habe!». Der Junge hat «die Seele eines schlechten deutschen Unteroffiziers» und geniesst es, Böses zu tun.
Er schreit, er heult, er kneift den Hund, er zieht die Katze an den Haaren, ärgert einen die ganze Zeit, schlägt seine Schwester, mogelt beim Spiel und beklagt sich dann bei seiner Tante. Welch hässliches kleines Biest!
Pilet ist maliziös, dies liegt, wie er weiss, in seiner Natur. Aber er kann auch sehr sentimental werden – ebenfalls in seiner Natur. Hänsles zehnjähriges Schwesterchen hat es ihm angetan. Er schwärmt: «Welch schöner Blick, Tillon, dieser Kinderblick mit der ganzen Offenheit, Einfachheit, Unschuld ihres Alters und schon etwas Tiefes …» Sie muss Schweres erlebt haben und sie ist immer den Tränen nahe. Pilet hat selten schönere Augen gesehen. Jean und er schauen ihr lange zu, wenn sie in einem inneren Traum verloren ist.
Anfang September fährt Pilet für zwei Tage nach Basel, um seinen in Monaco lebenden Freund Louis Déverin zu treffen. Komplizierte Verbindungen, lange Zwischenhalte, verspätete Züge – der künftige Eisenbahnminister nimmt es, wie er selbstironisch schreibt, als «Philosoph, mit der Ruhe der grossen Tage und der grossen Männer, die über das Pech lacht». Blitzbesuch von Strassburg, wo sie französisch reden, aber «welches Französisch!» Obschon schwindelanfällig, steigt er auf den Münsterturm, sieht durch die Fensterlücken den Abgrund, hat Angst, schämt sich als Leutnant, holt einen monsieur ein, der auch Angst hat, überwindet sich und tritt in 120 Meter Höhe auf die von keinem Geländer geschützte Plattform hinaus. Stolz hat Furcht überwunden.
Am Bahnhof in Basel möchte er aus Freude über das Wiedersehen mit Louis laut aufjauchzen. Er lacht die Zöllner an, lacht alle an und die beiden verbringen zwei herrliche Tage mit Plaudern und Flanieren. In ihrem Zimmer reden sie über ernste Dinge, über die Vergangenheit, über ihre Wünsche von gestern, ihre Freuden von heute, ihre Hoffnungen von morgen. Pilet ist glücklich, vorbehaltlos glücklich. Louis, der auch seine Lebenskrise hatte und allen Ernstes einmal sagte, wenn einer ihm seine Frau wegnähme, würde er diesen töten – Louis, der keiner Fliege etwas antun könnte. Jetzt heiratet er nächste Woche, Marcel und Tillon werden Pateneltern ihres Kindes sein. Der hochgebildete Louis Déverin, später Professor für Mineralogie und Geologie, wird für Marcel Pilet ein Freund fürs Leben bleiben.
Rückfahrt im überfüllten Zug, Zwischenhalt in Karlsruhe – «Karlsruhe ist nichts, nichts wert, hat nichts» … ist eng, hässlich, staubig und tot. Das letzte Stück nach Döffingen legt Pilet zu Fuss zurück, im Mondschein durch den Wald.
Aufregung im Hause Elsenhaus: Der Zeppelin «Schwaben» wird auf dem Weg von Baden-Baden nach Friedrichshafen und um 8.30 Uhr früh in Stuttgart zwischenlanden!
Ohne im Geringsten zu ahnen, dass es möglich sein könnte – sagen wir aus Ignoranz –, dass Jean oder ich nur ein sehr mässiges Interesse haben könnten, zu sehen, wie eine grosse Zigarre 150 Meter über unseren Nasen von einer enthusiastischen Menge beklatscht wird, beschloss der Familienkreis, die Glorie Deutschlands in corpore bewundern zu gehen.
Die beiden Romands schicken sich ins Unvermeidliche, erreichen aber, dass man um 4 Uhr früh aufbricht und die Ehrbezeugung an das Luftschiff mit einer längeren Wanderung durch morgendliche Wälder verbindet. Ziel ist das Schloss Solitude, das vom Zeppelin überflogen werden soll. Fröhlich marschiert das Grüppchen auf den engen Waldwegen, als plötzlich kurz vor 8 Uhr «ein monströses Brummen, das fantastische Schnarchen einer gigantischen Mühle» ertönt – «und das ist alles». Als die Wandersleute zwanzig Minuten später Solitude erreichen, sagt man ihnen, dass der «Schwaben» vor vielleicht einer Viertelstunde das Schloss überflogen habe und hinter den Bäumen verschwunden sei.
Mein Gott, Tillon, wenn Sie die langen, langen, langen und gelben Gesichter unserer enthusiastischen Germaninnen gesehen hätten. Unabsichtlich, ohne Zurückhaltung, ohne Diskretion, ohne Mitleid und richtig belustigt, brachen Jean und ich in ein mächtiges Lachen aus – ich weiss nicht, ob man uns dies verziehen hat.
Marcel freut sich auf das kurze Wiedersehen mit Tillon im Oktober, wenn er zum Militärdienst in die Schweiz muss. Doch werden sie überhaupt kommen, die ersehnten Tage des Wiedersehens? Aus der Aussenwelt dringen beunruhigende Nachrichten ins idyllische Döffingen:
Dieser Tage spricht man von Krieg, man spricht viel von Krieg. Und wenn man ihn hier auch fürchtet, ist man bereit, ihn zu erklären, und dies von einem Tag auf den andern. Die Befehle in den Kasernen überstürzen sich und werden präziser, die Ministerien sind überarbeitet, alles ist auf dem Quivive.
Pfarrer Elsenhaus hat den Kabinettschef des württembergischen Kriegsministers getroffen und ist mit besorgter Miene zurückgekehrt. Die deutsch-französischen Spannungen nähern sich einem Höhepunkt. Es geht um den Einfluss in Marokko, das beide Staaten sich als Protektorat einverleiben möchten. Frankreich besetzte marokkanische Städte und am 1. Juli liess Deutschland das Kanonenboot Panther vor Agadir aufkreuzen – was die Zeitungen den «Panthersprung von Agadir» nennen. Wenn es Krieg gibt, bedeutet dies für Leutnant Pilet die brüske Rückkehr in die Heimat.
Es wäre die Abreise, das Einrücken in Morges und dann … und dann die raue und schreckliche Pflicht. Oh, ich werde meine Pflicht tun, da bin ich sicher. Ich habe oft darüber nachgedacht und ich würde ohne Zögern losmarschieren … entfernt davon, mich davon abzuhalten, würden mich Ihre Gedanken, Tillon, fest und stark machen, um meiner Männer würdig und Ihrer würdig zu sein, auch wenn ich Sie nie je wiedersehen würde …
Pilet sorgt sich vor allem um die Mutter, fürchtet, dass sie die Trennung nicht überleben würde. Aber Tillon wäre ja da, um sie zu trösten und ihn an ihrer Seite zu ersetzen. Die Situation ist ernst. Wenn es zum Krieg kommt, dann wird er seine Freundin noch eine Stunde beim Kofferpacken sehen und dann vielleicht nie wieder.
Denken wir nicht daran, es ist besser so, und dann wird es die Pflicht sein, die unvermeidliche und heilige Pflicht – ich bin sehr patriotisch –, also erfüllen wir sie, wenn es so weit ist, und reden wir nicht darüber.
Der Diplomatie gelingt es, die internationale Spannung zu entschärfen, die akute Kriegsgefahr wird gebannt. In Deutschland kann Leutnant Pilet aufatmen.
16. Henry
Als Marcel gegen Ende November aus Leipzig in die Heimat zurückkehrt, herrscht in der Familie eine gespannte Stimmung. Der Vater ist übellaunig wie noch selten. Grund dafür sind die Ereignisse der Vorwoche.
In der Grossratsdebatte über die kantonale Zivilprozessordnung hatte Edouard Pilet einen Abänderungsantrag gestellt. Seiner Meinung nach sollte bei gerichtlichen Revisionsverfahren eine erneute Zeugeneinvernahme möglich sein. Die Waadtländer Regierung, der Berichterstatter Emile Gaudard und die Mehrheit seiner Fraktionskollegen bekämpften den Antrag Pilet. Dieser genoss hingegen die Unterstützung der oppositionellen Sozialisten. Der Gazette fiel auf, dass der mächtige Gaudard den Abgeordneten Pilet mit ungewohnter Vehemenz angriff. Pilet wehrte sich und warf Gaudard vor, aufs persönliche Terrain abgeglitten zu sein. Gaudards Mehrheitsantrag obsiegte mit 45 zu 36 Stimmen.
Tags darauf erhielt Edouard Pilet die Quittung für seine Unbotmässigkeit. Die Fraktion behandelte die Nachwahl für den Sitz eines verstorbenen Kantonsrichters. Statt für Pilet entschied sie sich mit 62 zu 58 Stimmen für einen Neffen des Verstorbenen. Damit war klar, dass Pilet den vakanten Richterposten nicht erhalten würde. In Döffingen hatte Marcel mitgefiebert und schliesslich von der Mutter das Ergebnis der Wahl erfahren.
Es ist nicht gerecht, dass er gescheitert ist. Der Sitz war ihm geschuldet, seit Langem versprochen, nachdem er im August nur unter dieser Bedingung verzichtet hatte. Und unzweifelhaft wäre es eine gute Wahl gewesen. Papa kann Fehler haben: Aber auf jeden Fall ist er intelligent und ein sehr guter Jurist. Er hätte einen perfekten Richter abgegeben. Auch verdiente er es; er hat sein ganzes Leben auf Kosten der Seinen dem öffentlichen Interesse geopfert … er, der an die Gerechtigkeit des Volks, an die Loyalität der Politiker, der Chefs seiner Partei glaubte.
Die Niederlage des Vaters ist für Marcel ein weiterer Beweis für Hinterhältigkeit in der Politik.
Sorgen bereiten dem nach Lausanne zurückgekehrten Marcel nicht nur der missmutige Vater, die bekümmerte Mutter und die schwer an Brustfellentzündung erkrankte Schwester, sondern auch sein «Freund fürs Leben», Henry Vallotton. Henry ist ein ehrgeiziger, vielseitig begabter, blendend aussehender junger Mann, der es im Leben weit bringen wird. Künftige Stationen seiner Laufbahn: brillanter Strafverteidiger, bewunderter Rallyefahrer, wagemutiger Reisender, initiativer Vollblutpolitiker, der seine Partei und den Nationalrat dominieren wird, treibende Kraft in einflussreichen Verbänden, Gesellschaftslöwe, Gesandter (entspricht dem heutigen Botschafter) in Rio, Stockholm und Brüssel, Autor von erfolgreichen, heute vergessenen Reisebüchern, Trivialromanen und ernsthaften Biographien. Ein uomo universale.
Es sind Henrys ständige Frauengeschichten, die Marcel und Tillon zu denken geben. In Orbe hatte der schneidige Henry den Schwestern Hedy und Gite den Kopf verdreht. Dann war er zeitweise mit einer Cocsy liiert, was in den rechtschaffenen Kreisen von Lausanne schlecht ankam. Am 22. Dezember 1910 signierte Henry Vallotton, stud. jur., zusammen mit Tillette Golaz, M. Pilet und einigen anderen befreundeten jungen Frauen und Männer Pilets Belles-Lettres-Liederbuch, Le sapin vert. Die Gesellschaft hatte unter den Kerzen eines kleinen Tannenbaums Weihnachten gefeiert und man hatte herzhaft dem Wein zugesprochen. Henry, der immer und überall gerne die erste Geige spielt, liess es im Liederbuch nicht mit seiner schwungvollen Unterschrift bewenden, sondern setzte mit der gleichen selbstsicheren Feder einige Musiknoten hinzu und den leicht abgeänderten Text des berühmten Lieds, das damals noch ganz neu war, Le vieux chalet des Abbé Bovet.
Là-haut sur la montagne / Hoch oben auf dem Berge
J'ai entendu pleurer / Hörte ich weinen
C'était la voix de ma compagne / Es war die Stimme meiner Gefährtin
Je suis monté la consoler / Ich stieg hinauf sie zu trösten
Hé, hé!
Hé!
In jenem Winter 1910/11 feierte der noch nicht einmal 20-jährige Frauentröster bei Gesangsauftritten mit seinen Zofingern in Lausanne und Montreux wahre Triumphe. Die Leute warfen ihm Kränze zu, schickten ihm Blumen, überhäuften ihn mit Beifall. Der Erfolg stieg ihm in den Kopf, er träumte von einer Bühnenkarriere. Marcel war skeptisch und schrieb Tillon, sie solle doch bitte den etwas naiven gemeinsamen Freund zur raison bringen.
Er stellt sich vor, dass, wenn achthundert Personen ihm applaudieren, achthundert auf seinen Gesang gewartet haben und ihm jetzt aufrichtig dafür danken. Kommt schon! Allerhöchstens zweihundert, und auch dies ist nicht sicher. Die andern klatschen, entweder, weil sie nichts anderes zu tun haben, oder sie klatschen automatisch, um nicht aufzufallen.
Henry sollte sich umhören, was hinter den Kulissen getuschelt werde, er sollte die Intrigen und den Neid kennen lernen, die das Künstlerleben vergällen. Weil ihm die Leute zujubelten, sehe Henry die Welt in Rosa und glaube, dies werde immer so sein. Sein «Hunger nach dem Ruhm der Konzertsäle» lenke ihn gefährlich vom Rechtsstudium ab. Marcel gibt zu, dass der juristische Beruf vielleicht trocken ist, aber er gibt Stabilität und auch echte Lebensfreude. Will Henry wirklich dem Recht adieu sagen?
Zugunsten von weiss Gott was? Zugunsten eines launenhaften und unbeständigen Ruhms, eines Scheinglanzes, einer oberflächlichen und im Grunde unwürdigen Existenz, weil sie ohne realistisches Ziel, weil sie lasterhaft und vertrödelt ist. Oh, ich bin nicht sehr beunruhigt. Ich glaube, es handelt sich hier um eine vorübergehende Krise, denn Henry ist schliesslich auch Freuden zugänglich, die nichts mit den Schmeicheleien der Massen zu tun haben.
Als Marcel Pilet in Deutschland weilt, ist Henry wieder einmal verliebt. Diesmal ernsthaft. Er ist «betäubt von den süssen und tiefen Blicken der schönen Augen von Amparo». Marcel kennt die Frau nicht, weiss nur, dass sie eine begabte junge Sängerin auf dem Weg zu einer Konzertkarriere ist. Er wünscht dem Pärchen alles Gute:
Diese beiden Kinder – und sie sind es wirklich in ihrer Liebe – sind Hand in Hand ins Leben aufgebrochen, ein wenig aufs Geratewohl und sorglos. Mögen sie immer so marschieren, geradeaus, bis das Ende gekommen ist, ohne Zwischenfälle und ohne Ärger, so dass, wenn sie einmal zurückblicken, ihre Herzen sich sanft erinnern.
Tillon, die ihre Pappenheimer besser kennt als Marcel, ist weniger zuversichtlich. Henrys «wechselhaftes und leichtes» Herz beunruhigt sie und sie fürchtet, dass dieser frische und frohe Frühling ein trauriges Ende nehmen werde. Marcel widerspricht:
Aber nein doch, dies wäre unmöglich. Das Ende wäre dann wirklich zu traurig, und während Henrys Leben gefährdet oder gar verpfuscht wäre, wäre dasjenige Amparos gebrochen. Dies darf nicht sein. Wenn dieser geliebte kleine Bruder auch unbeständig ist, dann ist er dies nicht viel mehr als die meisten Männer.
Es sei nämlich selten, erklärt Marcel altklug seiner Tillon, dass ein Mann die erste Frau heiratet, die er geliebt hat – er jedenfalls wüsste kein Beispiel.
Wie viele Male – Belles-Lettres sei mir Zeuge – glaubt man sich verliebt fürs Leben, wenn zwei Monate später davon bloss eine Erinnerung bleibt, eine charmante vielleicht, aber eine von früher. Henry hat wie alle andern – ein wenig mehr, gebe ich zu – auf den Wiesen die zu entblätternden Margeriten gepflückt, aber sehen Sie darin nichts allzu Böses … Es kommt ein Moment, wo eine innere tiefe Stimme einem ernst sagt: «Jetzt ist Schluss, flatterhaftes Herz, mit dem Vagabundenleben, die Zeit der Ruhe ist gekommen, und dein Aufenthalt ist nicht mehr der Wald. Dort ist sie, die du immer beschützen wirst, die dir zulächeln, dich lieben wird, deine Gefährtin.»
Wenn man diese Stimme höre, so Pilet, dann wisse man, dass es einen tiefen Unterschied gibt zwischen der leichten Liebe von gestern und der tiefen, heiligen Liebe von heute.
Und ich bin sicher, dass Henry sie gehört hat, diese intime Stimme, diesen ernsten Glockenschlag, dass Henry sie verstanden hat, dass er weiss, was man von ihm erwartet, was er tun muss – wenn er auch nur den geringsten Willen hat.
Im November 1911, nach seiner Rückkehr aus Leipzig, verbringt Marcel einen langen Sonntag mit Henry und einem seiner Dienstkameraden. Lange wandern sie durch «die sonnigen Felder unseres Kantons, der so sehr von uns und für uns gemacht wurde». Sie gehen in eine Pinte:
Stellen Sie sich vor, eine dieser guten alten Wirtschaften – ganz klein, niedrige Decke, aber mit sehr sauberen Tischen. Die Wirtin, obschon sehr freundlich, lehnt es zuerst ab, uns zu Essen zu machen. Sie ist es nicht gewohnt, sagt sie, wir müssten ins Café am Dorfende gehen. Nichts ist – hier sind wir, hier bleiben wir. «Sie haben sicher Eier, Madame?» – «Oh ja, das natürlich schon.» – «Wurst?» – «Tut mir leid, aber ich habe nicht mehr das kleinste Stück.» – «Wir werden Ihnen eines auftreiben.» Und alle drei gehen wir durchs Dorf, auf die Suche nach einer saucisse, fragen mal hier, mal dort bei Leuten, die guten Willens sind, aber man hat die Metzgerei noch nicht gemacht, dies kommt später im Winter. «Vielleicht bei Alexis Pahud, kennen Sie ihn nicht? Aber doch, der oben im Dorf? Der Schlosser?» Sieh da, von ihm bringen wir triumphierend ein riesiges Stück saucisse zurück. Und welch schmackhafte Mahlzeit! Eine dampfende Omelette, eine Schelmin von deftiger Wurst, ein Salat, dem ich schliesslich erliege, und ein Vacherin, der uns Orbe vergessen lässt! Vom «Neuen» will ich gar nicht reden, einem wahren Epesses …
Die kleine Geschichte wirft ein bezeichnendes Licht auf den Charakter des einfallsreichen Henry Vallotton. Zweifellos war er der Initiant der «Wurstsuche», wie er auch später in politischen und persönlichen Angelegenheiten die treibende Kraft sein wird. Ein ungeduldiger, aktiver Geist, stets nach neuen Horizonten Ausschau haltend – ein anderer Typ als sein abwägender Freund Marcel. Nach dem Essen geht es
zurück an die Sonne, zu den heimatlichen Wiesen, den vertrauten Hecken, langen Gesprächen, vor allem über das Militär, die beiden kommen gerade aus dem Dienst, ich bin in der III. Kompanie des 8. Regiments, was wollen Sie? Gegen fünf Uhr kochend heissen Café und nochmals Vacherin und Quittengelee.
Der Sonntag im Freien neigt sich dem Ende zu, Marcel will frérot noch ein wenig für sich haben und geht zu ihm in die Wohnung hinauf. Madame Vallotton, jetzt Witwe, klagt Pilet ihr Leid und beginnt zu weinen. Alles stimmt sie traurig, nichts interessiert sie mehr. Es ist das Unwiederbringliche, das sie schmerzt. Langsam gelingt es Henry und Marcel, sie ein wenig aufzumuntern. Man beginnt sogar zu lachen. Bevor er heimgeht, spricht Marcel noch ein ernstes Wörtchen zu frérot. Im Militärdienst hat sich Henry einen brüsken und autoritären Ton angewöhnt, der ihn Dinge sagen lässt, die Madame Vallotton verletzen.
Bis sich seine Maman ganz erholt und beruhigt hat, muss er der bravste und liebste Sohn sein, auch wenn sie Unrecht hat. Er kann dann später umso klarer fordern, worauf er Anspruch erhebt. Er wird es tun, ich bin sicher.
Henry ist nicht nur seiner Mutter gegenüber manchmal rücksichtslos, er behandelt auch seine Schwester, die ihm auf die Nerven geht, sehr schlecht. Es ist seine Art, er wird sich nicht ändern.
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