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UNENTRINNBAR

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Hansjörg Anderegg

Hansjörg Anderegg

UNENTRINNBAR

Der 2. Fall mit BKA-Kommissarin Chris

Thriller

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

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Print-ISBN: 978-3-96752-194-8

E-Book-ISBN: 978-3-96752-692-9

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Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag

unter Verwendung der Bilder:

Stockfoto-Nummer: 704449546, 1898898127

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Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag

Hergestellt in Bremen, Germany (EU)

XOXO Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Gröpelinger Heerstr. 149

28237 Bremen

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 1

Basel

Drei Takte gab er ihr. Beim Forte im vierten Takt würde Margot Winters Todeskampf beginnen. Spektakulär vor 1.500 Zuschauern im vollbesetzten Stadtcasino. Er hatte den Anfang der Partitur gründlich studiert und kannte Frau Winters Gewohnheiten bis ins kleinste Detail. Die distinguierte Dame mit dem Abonnement ›Solistenabende A‹ der Allgemeinen Musikgesellschaft saß in jedem Konzert auf ihrem Sessel Parterre Mitte, Reihe acht, Platz 182. Nicht so sehr wegen der Musik, die sie nur teilweise interessierte, wie er wusste. Sie betrachtete ihre Anwesenheit als eine gesellschaftliche Verpflichtung, denn sie stammte aus einer der ältesten Familien des Basler ›Daigs‹. Seit dem Tod ihres Gatten bemühte sie sich doppelt um Präsenz in der besseren Gesellschaft der Stadt am Rheinknie. Die lange Krankheit ihres Mannes hatte sie gezwungen, gesellschaftlich etwas in den Hintergrund zu treten. Dieses Defizit kompensierte sie jetzt, indem sie jede Gelegenheit benutzte, auf sich aufmerksam zu machen. Das würde ihr an diesem Abend ganz besonders gut gelingen, stellte er sich bitter lächelnd vor.

Die Glocke läutete zum zweiten Mal. Die Pause war zu Ende. Die meisten Zuschauer saßen wieder auf ihren Stühlen. Befriedigt stellte er fest, dass der Platz 182 noch leer war, fast leer. Nur eine einzige, kunstvoll verpackte Rose, lag auf dem Polster. Seine solide Recherche zahlte sich aus. Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk lief der Zeitplan ab. Margot Winter-Merian betrat den Saal wie erwartet als Letzte, bevor sich die Türen schlossen. Reihe acht erhob sich, um die eigenwillige Dame durchzulassen. Maximale Aufmerksamkeit war ihr sicher. Er beobachtete gespannt, wie sie nach kurzem Zögern die Rose aufnahm. Er glaubte, ein Lächeln auf ihrem Gesicht zu bemerken, als sie sich eilig nach ihrem unbekannten Verehrer umsah, bevor sie sich setzte, die Rose mit beiden Händen zärtlich an ihre Brust gepresst. Applaus brandete auf, als gälte er ihr.

Die Solistin setzte sich auf den Stuhl in der Mitte der Bühne, rückte das Cello zurecht, legte den Hals des kostbaren Instruments an ihre linke Schulter, senkte die Lider einen Augenblick in höchster Konzentration. Die Spitze des Bogens berührte die Saiten. Der schnelle Aufstrich, dann das getragene, tiefe d. Der melancholische Auftakt des Largo, der erste Takt der Suite für Violoncello Nummer 2 in d-Moll von Max Reger. Musik zum Sterben. Wellen gleich brandeten die nächsten Takte über die Zuhörer. Atemlos lauschte er dem innigen Dialog der Solistin mit ihrem Instrument, gefesselt wie alle im Saal von der epischen Breite, die allein diese paar Töne andeuteten. Die ausdrucksstarke Musik verdrängte für einen Augenblick jeden anderen Gedanken, drang nicht nur durchs Gehör in seinen Kopf, sondern durch jede einzelne Pore seiner Haut direkt auf die Knochen, wie ihm schien. Seine Augen aber hafteten nicht auf der Künstlerin, die solche Wunder vollbrachte. Sie waren starr auf die Silhouette im Sitz Nummer 182 gerichtet. Die Solistin strich kräftig das d eine Oktave höher. Die Musik steigerte sich ins Forte des vierten Takts.

Margot Winters Silhouette regte sich. Ein halb erstickter, spitzer Schrei zerfetzte die Harmonie, stoppte das rhythmische Gleiten der Wellen, als brächen sie sich unvermittelt an steilen Klippen. Fasziniert verfolgte er, wie sich die Frau verzweifelt an die Kehle griff, ruckartig aufstehen wollte, flehend das Gesicht nach oben richtete, den Mund weit offen. Eine Ertrinkende, die sich in letzter Verzweiflung über Wasser zu halten suchte. Dann fiel sie röchelnd in sich zusammen, als hätte sie alle Kraft auf einen Schlag verlassen. Ihr Kopf glitt dem entsetzten Nachbarn in den Schoß. Reihe acht erwachte. Verstörte Ausrufe erstickten das nun folgende Piano des Cellos. Zuschauer sprangen auf, redeten aufgeregt aufeinander ein, strebten weg vom Platz 182, von der eleganten Dame, die sich nicht mehr regte. Gemurmel und Rufe nach dem Notarzt schwollen rasch zur Kakophonie an. Die Musik erstarb. Wortlos trat die Solistin von der Bühne ab, ohne einen Blick zurück, unbeachtet von ihrem Publikum. Das Cello lag verlassen neben dem Stuhl. Die Zuschauer standen unschlüssig in den Reihen, auf den Gängen. Erst allmählich verbreitete sich die Nachricht vom Unfall in Reihe acht, der das Konzert so jäh beendet hatte. War die Frau tot? Woran war sie gestorben? Herzanfall, vermuteten viele und lagen dabei nicht ganz falsch, wie er befriedigt feststellte.

Die ersten Entschlossenen öffneten die Türen und schlüpften aus dem Saal, als endlich die Lüster erstrahlten und die traurige Szene in helles Licht tauchten. Sicherheitsleute stürzten herbei, begannen den reglosen Körper vor neugierigen Blicken abzuschirmen, forderten die Leute auf, den Saal zu verlassen. Endlich erwachte auch die Betriebsleitung, doch ihre Lautsprecherdurchsage ging im lauten Durcheinander unter wie das Piano der Cellistin vor wenigen Minuten. Der Notarzt und seine Helfer trafen ein. Das gedämpfte Geheul von Polizeisirenen drang durch die offenen Türen in den Saal. Als hätten sie auf dieses Signal gewartet, eilten alle Zuschauer gleichzeitig zu den Ausgängen.

Fast alle. Er ließ sich unauffällig in den Hintergrund schieben, blieb länger im Saal, beobachtete die Arbeit des Notarztes, bis er Gewissheit hatte. Der Plan verlangte, dass Margot Winter an diesem Abend sterben musste. Nun war sie tot. Gut. Er müsste zufrieden sein, doch er fühlte nichts. In seinem Innern herrschte dieselbe Leere wie zuvor. Nur leicht erstaunt war er, wie einfach es war, einen Menschen umzubringen. Die verheerende Wirkung des Gifts an der präparierten Rose war nun auch in der Praxis erwiesen. Unbeachtet lag die tödliche Blume am Boden, zertreten von einem Dutzend schweren Schuhen und spitzen Absätzen. Er schüttelte nachdenklich den Kopf. Gut war das falsche Wort. Gut war gar nichts an diesem Plan, aber er funktionierte. Der Plan erfüllte seinen Zweck. Er konnte jetzt umgesetzt werden. Um zu tun, was getan werden musste.

Die Aufregung auf dem Barfüßerplatz vor den Fenstern des ›Braunen Mutz‹ wollte nicht abebben. Trauben festlich gekleideter Menschen standen aufgeregt diskutierend auf dem Platz vor dem Stadtcasino. Davor blinkten die nervösen Blaulichter des Notarztwagens und der Polizeifahrzeuge. Jonas wandte sich ab, sah noch in den Augenwinkeln den Leichenwagen vorfahren, während ihm der erste köstliche Schluck des eiskalten Weißbiers die Kehle hinunter rann.

»Schwer was los heute«, kommentierte er das Offensichtliche.

Rosa, die betagte Serviertochter, die zum ›Braunen Mutz‹ gehörte seit Basel zur Eidgenossenschaft gestoßen war, antwortete nicht. Sie stand nur mit krummem Rücken und offenem Mund am Fenster und stellte sich taub.

Jonas angelte sich eine Salzbrezel vom Ständer, biss hungrig hinein und wartete kauend auf ihren Beitrag zum unerhörten Geschehen vor dem ehrwürdigen Haus.

»Hab ich mal in einem Film gesehen«, murmelte sie schließlich. »Da gab es am Schluss massenhaft Leichen, aber das war erst der Anfang.«

»Wie soll das gehen?«

Rosa drehte sich zu ihm um und herrschte ihn an: »Hörst du nicht zu?«

»Doch, eben – aber wie kann der Schluss erst der Anfang sein?«

»Quatsch, du verstehst das nicht, wenn du den Film nicht gesehen hast. Du gehst ja nie ins Kino, hab ich recht? Hockst lieber mutterseelenallein in deiner Giftküche, kochst die ganze Nacht Klistiere gegen Krankheiten, die erst erfunden werden müssen.«

»Elixiere.«

»Was?«

»Elixiere meinst du wahrscheinlich, nicht Klistiere. Die kocht man normalerweise nicht.«

»Klugscheißer, akademischer.«

Damit wandte sie sich ab und stampfte zum Stammtisch hinüber, wo die Gäste schon unruhig wurden.

»Was ist überhaupt los da draußen?«, rief er ihr nach.

»Siehst du doch selbst, hast ja Augen im Kopf.«

Die rüde Antwort provozierte lautstarke Heiterkeit am Stammtisch. Auch Jonas freute sich über die kalte Dusche, denn diese Art Unterhaltung war einer der Gründe, warum es ihn immer wieder in den Mutz zu Rosa zog. Jedes Mal wenn er nach Basel zurückkehrte, in die Stadt, wo alles so vielversprechend begonnen hatte. Er griff zum Bierglas, nippte nur daran, setzte es wieder ab. Der zweite Schluck schmeckte bitter, war nicht zu vergleichen mit dem ersten. Mit melancholischem Blick beobachtete er Rosa bei der Arbeit. Sein Gesicht passte nicht mehr in die fröhliche Wirtsstube. Er hockte so mitleiderregend in seiner Ecke, die angebissene Brezel wie ein ausgesetzter Schosshund neben dem fast vollen Glas, dass Rosa sich seiner erbarmte. Sie setzte sich zu ihm und fragte leise wie eine besorgte Mutter:

»Was ist los mit dir, Jonas?«

Er blickte sie lange an, unschlüssig, ob er reden wollte. Endlich machte er den Mund auf und sagte etwas ganz anderes, als er im Kopf hatte: »Früher war es gemütlicher hier.«

»Du meinst vor der Renovation?«

»Ja, irgendwie – menschlicher. Das abgewetzte Holz hatte Charakter. Es erzählte Geschichten. Man konnte sich mit ihm unterhalten. Die neuen Möbel …«

Rosa nickte beifällig. »Stimmt, die Tische und Stühle leben noch nicht, sie atmen nicht. Das schöne Zeug passt sowieso nicht zu einer alten Fregatte wie mir.« Sie brach ein Stück seiner Brezel ab, steckte es in den Mund und wartete lauernd auf seine Antwort.

Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. »Greif ruhig zu, bist eingeladen«, murmelte er. In seinen Gedanken war er an einem andern Ort in einer andern Zeit.

»Wie großzügig von Ihnen, Herr Doktor«, spottete die Serviererin.

Sie erhob sich ächzend, um eine Gruppe neuer Gäste zu bedienen. Das angeknabberte Gebäck blieb verloren mitten auf dem Tisch liegen. Ein Symbol für sein verlorenes Leben? Verloren war ein harter Ausdruck. Verpfuscht kam der Wahrheit näher, oder weniger poetisch: beschissen. Man brauchte kein Studierter zu sein wie Jonas, um zu erkennen, dass einzig und allein er selbst sich in diese Lage manövriert hatte. Auch kein Trost, aber immerhin wusste er, bei wem er sich beklagen musste, wenn er sich denn beklagen wollte. Dennoch benutzte er lieber das neutrale Wort Schicksal in den häufigen stillen Selbstgesprächen. Das Schicksal wollte es, dass sein Lebensweg in Mäandern nach unten führte, statt steil bergauf, wie das seiner ehemaligen Studienkollegen, die um diese Zeit den wohlverdienten Feierabend mit der neuen Freundin genossen, während die Gattin in der neuen Villa im Grünen die zwei neuen Kinder hütete. Das Schicksal führte ihn nach Jahren wieder in diese schöne Stadt, ausgerechnet an dem Abend, wo vor dem ›Braunen Mutz‹ publikumswirksam gestorben wurde. Dabei hatte er geradezu vor Zuversicht getrieft bei seinem ersten ernsthaften Bewerbungsgespräch nach dem Studium ganz in der Nähe, nur zwanzig Minuten weiter unten am Rhein. Alles war möglich, damals vor vier Jahren.

Basel, Damals

An einem wolkenlosen, eiskalten Frühlingstag betrat Jonas zum ersten Mal das monströse Atrium des Stahl- und Glaskolosses beim Park am Rhein in Basels ›Santihans‹. So nannten die Einheimischen ihr Quartier, das eigentlich St. Johann hieß. Der Hauptsitz des Pharmariesen ›Bernoulli-Graf Chemische Laboratorien AG‹, den alle seit jeher nur ›Bernoulli‹ nannten, sah aus, als hätte der Architekt versucht, möglichst viele Häuser so ineinander zu schachteln, dass das Gebilde gerade nicht auseinanderfiel. Diese zeitgenössische Skulptur bildete nicht nur den weithin sichtbaren Kontrapunkt zur städtischen Müllverbrennung in der Nähe, sondern sollte wohl andeuten, wie zukunftsgerichtet der traditionsreiche Arzneimittelhersteller war. ›Bernoulli‹ zählte sich seit Langem zur Elite der ›Big Pharma‹-Unternehmen, und zumindest in den Teppichetagen war man stolz darauf, wie Jonas schnell feststellte.

Die ältere Dame am Empfang grüßte ihn mit routinierter Höflichkeit. Man sah ihrer elegant unaufdringlichen Kleidung und dem Seidenschal als Farbtupfer die Stilberaterin an. Zweifellos von der Firma bezahlt. Er gab ihr seine Visitenkarte und stellte sich zackig vor, wie es sich in dieser vornehmen Umgebung gehörte:

»Dr. Jonas Herzog. Ich habe einen Termin bei Professor Helbling.«

Ihr Gesicht wurde augenblicklich ernst. Beinahe ehrfürchtig sah sie ihn an. Hatte man einen Termin beim verehrten Professor, gehörte man zum Adel in diesen Kreisen. Durfte man, wie er, gar von Angesicht zu Angesicht mit dem Göttlichen sprechen, musste man selbst eine Art Heiliger sein. Das jedenfalls las er aus ihrem kurzen Blick. Sie beeilte sich, den Kalender des unangefochtenen Königs der Basler Pharmaforschung zu konsultieren.

»Ah ja«, sagte sie gedehnt, als sie Jonas’ Namen auf dem Bildschirm entdeckte. Mit einnehmendem Lächeln versicherte sie: »Ich werde Sie anmelden, Dr. Herzog. Es wird sie gleich jemand abholen.«

Wichtig kam er sich vor, enorm bedeutend. Privilegiert, gleich zuoberst einzusteigen. Das hier war das wahre Leben, nicht die geschützte Werkstätte der Uni, wo er in aller Ruhe ungestört promoviert hatte, als gäbe es keine hektische Arbeitswelt da draußen. Die reale Welt, wo der Zweite schon hoffnungslos verloren hatte. Fünf Minuten später saß er Professor Dr. Friedrich August Helbling gegenüber auf dem schwarzen Ledersofa im sonst schneeweißen Büro. Eine dezent nach Limonen duftende Brünette stellte das gewünschte Sprudelwasser aufs Beistelltischchen und zog sich geräuschlos zurück, wie sie gekommen war.

»Dr. Jonas Herzog. Pharmakologe, Spezialgebiet Pharmacogenomics«, las der Professor mit hochgezogenen Brauen und singendem Bariton vom Blatt auf seinen Knien, als vernähme er zum ersten Mal von ihm.

»Ja«, antwortete Jonas verblüfft. Ihm fiel nichts Besseres ein.

Helblings nächste Frage brachte ihn vollends aus dem Konzept: »Wie gefällt Ihnen Basel?«

»Äh …«

Der Professor musste ihn spätestens jetzt für einen Idioten mit beschränktem Wortschatz halten. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn. Er räusperte sich verlegen, bevor er endlich eine unverbindliche Antwort über die Lippen brachte:

»Was ich bis jetzt gesehen habe, gefällt mir ganz gut.«

»Sie sind eben erst aus Boston in die Schweiz zurückgekehrt, wie ich feststelle.«

Wieder die hochgezogenen Brauen. Jonas atmete auf. Boston, die Forschungsarbeit an der Harvard Medical School, Pharmakologie – fester Boden unter den Füßen. In diesem Bereich verfügte er über einen wesentlich größeren Wortschatz.

»Was haben Sie denn schon gesehen von unserem schönen Basel?«

Jonas hatte sich zu früh gefreut. Er versuchte trotzdem ein Lächeln. »›Bernoulli‹ zum Beispiel«, sagte er. Es war nicht ironisch gemeint. Er hatte viel über die Firma gelesen, in der er Karriere machen wollte. Den Rest von Basel hob er sich für später auf.

Helbling fand seine Antwort originell genug, um zu schmunzeln. »Leuchtet ein«, meinte er, »sonst wären Sie nicht hier. Und weiter?«

»Die Rheinpromenade, die Altstadt?«

Es hörte sich wie eine Frage an. Jonas war ziemlich sicher, dass Basel über eine Altstadt verfügte. Die Rheinpromenade dagegen: reine Spekulation.

Helbling musterte ihn eine Weile schweigend mit hochgezogenen Brauen, dann nickte er bedächtig, als hätte er den tieferen Sinn der Antwort endlich begriffen. »Ich sehe schon, Sie müssen noch viel lernen, junger Mann«, seufzte er.

Jonas warf einen verstohlenen Blick auf die Uhr. Die Zeit für das Interview beim Chef war schon fast vorbei, und bisher hatten sie kein Wort über seine Qualifikationen oder die künftige Tätigkeit gewechselt. Vielleicht sollte er Helbling den Zweck der Besprechung sanft in Erinnerung rufen. Er versuchte es wieder mit einem Lächeln. »In dieser Beziehung haben Sie natürlich vollkommen recht, Herr Professor. Was allerdings meinen Beruf angeht …«

»Sind Sie über jeden Zweifel erhaben, ich weiß«, unterbrach Helbling. »Sie wundern sich vielleicht, warum wir uns nicht über Ihr Fachgebiet unterhalten.«

»Na ja.«

»Warum glauben Sie, habe ich Sie empfangen?«

»Na ja«, wiederholte er albern. Er konnte nicht mit Fangfragen umgehen.

Helbling deutete auf das Blatt auf seinen Knien. »Sie sind achtundzwanzig, haben einen PhD der ›HMS‹ in der Tasche und sind Mitautor von fünf Studien, die in den ›Pharmacological Reviews‹ veröffentlicht worden sind. Mein lieber Dr. Herzog, was soll ich Ihnen da noch für Fachfragen stellen? Dass Sie Ihr Handwerk beherrschen, betrachte ich als erwiesen. Es geht mir nur darum, ob Sie zu uns passen. Auch wenn Sie’s vielleicht jetzt noch nicht verstehen: ›Bernoulli‹ ist eine große Familie. Wir halten hier zusammen wie Pech und Schwefel.«

Die Zeit war um. Helbling erhob sich. Verwirrt folgte Jonas seinem Beispiel. Helblings Pokergesicht ließ keinen Schluss zu, ob er den seltsamen Eintrittstest bestanden hatte. »Verstehe«, sagte er nur, um kein weiteres Geschirr zu zerschlagen.

Helbling hob ein Dossier von seinem Schreibtisch auf und entschuldigte sich: »Leider ruft der nächste Termin. Es ist Zeit, dem Basler Kunstverein die avantgardistischen Flausen auszutreiben.« Er reichte Jonas die Hand, drückte sie kräftig und fügte hinzu: »Hat mich gefreut, Dr. Herzog. Willkommen bei ›Bernoulli‹. Kopf hoch – Sie werden die Familie mit der Zeit schon mögen.«

Im selben Augenblick, als er seine Hand losließ, öffnete sich die Tür. Die Brünette trat ein und wandte sich ernst aber freundlich an Jonas: »Ich werde Sie in die Abteilung zu Herrn Rohner bringen, Dr. Herzog.«

Abteilung, Rohner, alles Fremdwörter. Im Grunde hatte er sich noch nicht einmal formell beworben, war nur hier, um mehr über die frei gewordene Stelle zu erfahren.

Helbling schien sein verdutztes Gesicht zu amüsieren. »Herr Rohner wird Ihnen alle Fragen beantworten«, versicherte er. »Er ist zwar kein Akademiker wie wir, aber von ihm können Sie eine Menge lernen. Garantiert. Auch an seinen archaischen Dialekt werden Sie sich schnell gewöhnen.«

Damit eilte er in den Korridor und schwebte bald darauf im gläsernen Lift nach unten.

»Ein vielbeschäftigter Mann«, murmelte Jonas, um der Vorzimmerdame zu bestätigen, dass er ihre wichtige Position durchaus erkannt hatte.

»Oh ja. Und der Herr Professor tut soviel für diese Stadt.«

Das Soviel lastete schwer auf Jonas. Wie die Brünette es betonte, lag das Schicksal Basels praktisch allein in den Händen ihres verehrten Chefs. Vielleicht sollte er sich die Stadt doch bald einmal ansehen.

Niklaus Rohner war ein untersetzter Mann mit kleinen Knopfaugen im glatten rosa Gesicht, das gar nicht zu seiner weißen Mähne passen wollte. Sein Alter war deshalb schwierig einzuschätzen. Vielleicht Mitte fünfzig, dachte Jonas. Der Mann reichte ihm nur knapp über die Schulter. Beim ersten Wort, mit dem er ihn begrüßte, verstand Jonas, was Helbling als archaischen Dialekt bezeichnete.

»Ho«, sagte Rohner mit aufmunterndem Lächeln.

Es war ein nasales, melodiöses O, fast gesungen. Der Mann war ein waschechter Appenzeller und meinte eigentlich: »So«. Soviel verstand Jonas, da er immerhin in der Nähe, in Gossau, aufgewachsen war.

»Sie sind also Hausers Nachfolger.«

Noch mehr Rätsel. »Wer sagt das?«, wunderte sich Jonas.

»Der Chef, und der muss es ja wissen.«

»Professor Helbling? Mir gegenüber hat er nichts von einem Hauser erwähnt. Allerdings meinte er, ich würde noch viel von Ihnen lernen.«

»Ho – wenn Helbling das sagt …« Rohner lachte still in sich hinein.

»Wer war denn dieser Hauser?«

Die Knopfaugen musterten ihn eingehend. Nach einer Weile schüttelte Rohner den Kopf und fragte ungläubig: »Er hat Sie wirklich nicht informiert?«

»Wir haben über Basel gesprochen.«

»Das sieht ihm ähnlich. Helbling hat Basel erfunden, erbaut und zu kultureller Blüte gebracht, müssen Sie wissen. Das hat Hauser eben nicht kapiert. Darum sag ich’s Ihnen gleich am Anfang.«

»Moment«, stutzte Jonas. »Mein Vorgänger, wie Sie ihn nennen, hat sich wegen Basel mit Professor Helbling überworfen? Ist es das, was Sie andeuten?«

»Ich deute gar nichts an. Ich sage, wie es ist. Hauser war sechs Jahre lang unser Abteilungsleiter – ein guter Mann übrigens, allseits beliebt. Dann hat er den Fehler gemacht, sich in die Kunstkommission wählen zu lassen. Nach ein paar Sitzungen herrschte der totale Krieg. Hausers Geschmack war so inkompatibel mit Helblings Kunstverständnis wie Salzsäure mit Natronlauge. Potz Heidenblitz! Sie hätten die Streithähne hören sollen. Jetzt gibt es keinen Hauser mehr in irgendeiner städtischen Kommission, und wir brauchen einen neuen Abteilungsleiter. Schade.«

»Vielen Dank«, lachte Jonas.

»Keine Ursache. Ach so – war nicht gegen Sie gerichtet. Ich meine: Schade, dass er gehen musste. Tee?«

»Warum nicht.«

Rohner führte ihn ins angrenzende Labor, wo zwischen leise summender Hightech-Zentrifuge, Flaschendrehern, Potentiometern, Kolonienzählern und Titrierautomaten ein mächtiger Erlenmeyerkolben auf einem Dreifuß über einem Bunsenbrenner stand. Darin köchelte eine giftig gelbe Flüssigkeit, in der ein paar zweifelhafte Teebeutel schwammen.

Rohner drehte den Gashahn des Brenners zu. »Der Stift hat gerade frischen Lindenblütentee aufgesetzt«, erklärte er.

Der Stift war der Lehrling, der sich irgendwo zwischen den Gestellen versteckte, und Lindenblütentee hatte Jonas in seinem Leben noch nie getrunken, noch nicht einmal daran gedacht. Warum auch? »Ist jemand krank?«, fragte er spöttisch und leicht schaudernd.

Rohner nahm unbeirrt zwei Reaktionsgläser vom Regal, kippte die Stabmagnete auf den Tisch, die sich sonst in den Gläsern drehten, um die Chemikalien zu mischen, und goss die giftige Lösung ein, die er Tee nannte.

»Ich glaube wir müssen reden«, sagte Jonas, nachdem er vorsichtig am Glas gerochen hatte.

Allmählich störte ihn das Gefühl, zur Karikatur seiner selbst zu verkommen. Rohner, Helbling, die Brünette und wahrscheinlich sogar die adrette Empfangsdame wussten offenbar genau, weshalb er hier war, nur er selbst immer weniger. Hausers Nachfolger, Abteilungsleiter, ohne sich formell für die Stelle beworben zu haben? Die Familie ›Bernoulli‹ organisierte augenscheinlich von nun an sein Leben. Fände er bereits seinen Dienst-Mercedes in der Tiefgarage, es würde ihn nicht im Mindesten überraschen. Helbling hatte entschieden. Er war der neue Leiter der Forschungsabteilung für kardiovaskuläre Pharmazeutika. Spezialisiert auf Arzneimittel zur Vorbeugung, Linderung und hoffentlich eines Tages Heilung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Keine Frage, dass der noch jugendliche Doktor Herzog zusagen würde. Ob solcher Unverfrorenheit und arroganter Dreistigkeit vergaß Jonas beinahe, welch ausgesprochener Glückspilz er war. Wer unter allen geistig gesunden Achtundzwanzigjährigen dieses Planeten wagte auch nur von einem solchen Spitzenjob zu träumen bei einer der angesehensten Adressen der Pharmaindustrie? Eine zweifellos fürstlich honorierte Stelle, die ihm einfach in den Schoß fiel. Ein Idiot, wer da Nein sagte. Trotzdem überlegte er sich anfangs, der glücklichen Familie gleich wieder den Rücken zu kehren.

Der widerliche Tee hielt ihn zurück. Seine Tante hatte Jonas als anständigen Menschen erzogen. Er konnte nicht das volle Glas stehen lassen. Wenigstens ein paar Mal musste er sich überwinden, am gelben Gift zu nippen, um seinen guten Willen zu zeigen. Das dauerte. So hörte er Rohner zu, wie er in seinem Appenzeller Singsang den Alltag der Basler Familie ›Bernoulli‹ schilderte. Mit der Zeit entwickelte sich Rohners Monolog zu einer angeregten Unterhaltung. Jonas fragte konkreter, erhielt präzisere Antworten. Ohne es zu wollen, empfand er mehr und mehr Sympathie für einige Hauptakteure in dieser Firma, Abneigung gegen andere, ohne sie je gesehen zu haben. Gerade so, wie einen die fiktiven Figuren eines guten Romans anzogen oder abstießen. Was er über Mitarbeiter, anstehende Projekte, die tadellose Einrichtung der Labors und das großzügige Budget erfuhr, beseitigte die letzten Zweifel.

»Nur die Ratten sollten wir nach und nach durch Zebrafische ersetzen«, belehrte er Rohner im Versuchslabor.

»Die Ratten werden sich bedanken«, brummte Rohner nervös. Den Umgang mit Versuchstieren überließ er offensichtlich lieber andern. »Fische hört man wenigstens nicht«, fügte er noch leise hinzu, als sie das Labor wieder verließen.

Am Ende des Tages glaubte Jonas selbst, der richtige Mann für diesen Job zu sein. Zum Dank lud er Rohner auf ein Bier ein ohne die geringste Ahnung, wo die nächste ›Tankstelle‹ lag. So lernte er am ersten Tag schon den ›Braunen Mutz‹ und die bärbeißige Rosa kennen.

Sein Vorgänger Hauser hinterließ große Fußstapfen, wie der blutjunge Abteilungsleiter bald einmal feststellen musste. Die älteren Semester unter den Pharmakologen, Chemikern und Biologinnen begegneten dem Fremdling skeptisch bis ablehnend, wenn Helbling nicht in der Nähe war. Es dauerte ein gutes Jahr, bis sie Jonas, dank seiner unbestrittenen fachlichen Kompetenz und Rohners tatkräftigem Lobbying, endgültig in den Schoß der Familie aufnahmen. Endlich konnte er ungestört von politischen Störfeuern arbeiten. Unter Helblings wachsamen Augen begann er, seinen aggressiven Plan umzusetzen. ›Bernoulli‹ sollte binnen zwei Jahren den Rückstand auf dem zukunftsträchtigen Gebiet der personalisierten Medikamente aufholen und zu den fünf führenden Pharmakonzernen an die Weltspitze vorstoßen. Der große Hauser hatte diese Entwicklung sträflich verschlafen. Zugegeben, Pharmacogenomics, wie die Wissenschaft der auf bestimmte genetische Voraussetzungen spezialisierten Arzneimittel in der Fachsprache hieß, war ein neuer Zweig der Pharmakologie. Für den Leiter einer Forschungsabteilung ein wichtiger Grund mehr, sich eingehend damit zu beschäftigen.

Schon um 1900 hatte ein britischer Arzt Abhängigkeiten zwischen Genen, dem Erbmaterial, und Proteinen, den lebenswichtigen Eiweißstoffen, postuliert. Schon damals vermutete man, dass biochemische Prozesse im Menschen abhängig sein könnten von seinen individuellen Genen. Viel später allerdings entdeckte man, dass Menschen mit genetischen Variationen verschieden reagierten auf gewisse Medikamente. Und erst die neuste Forschung erlaubte Medizinern und Pharmakologen, Medikamente gezielt für bestimmte Genotypen zu testen und zu produzieren. Jonas war ein Experte in einer Technik, die den Einfluss winziger Änderungen des Genmaterials auf die Wirkung von Medikamenten zur Senkung des Herzinfarktrisikos untersuchte. Seine Tätigkeit im Labor und die seiner Mitarbeiter glichen daher eher der Arbeit der Gentechniker als derjenigen der Chemiker wie bei früheren Generationen von Pharmakologen. Helbling und das Topmanagement der Familie sahen das ungeheure Potential dieser Entwicklung sofort, mit der man große Bevölkerungsgruppen mit spezialisierten und wirksameren Medikamenten versorgen konnte und gleichzeitig das Risiko von Nebenwirkungen senkte. Jonas’ Abteilung brauchte sich wahrlich nicht um die Finanzierung ihrer Forschung zu sorgen. Andere Bereiche der Familie konnten nur neidisch zusehen, wie das Geld dem jungen Schnösel nachgeworfen wurde.

Der Erfolg schweißte zusammen, erzeugte aber auch zunehmenden Druck. Erste feine Risse im Druckbehälter am Rheinknie erkannte Jonas bei einer läppischen Episode im Versuchslabor der Zebrafische. Die stummen kleinen Helfer hatten Ratten und Mäuse weitgehend aus seinem Labor vertrieben. Die Fische eigneten sich wesentlich besser für Untersuchungen und Testreihen, bei denen gezielt Gensequenzen ein- und ausgeschaltet werden mussten. Das funktionierte allerdings nur einwandfrei, wenn sie auch ihre Diät genau einhielten, wie es die Versuchsanordnung vorschrieb. Dafür war der Lehrling zuständig, der eines Morgens blass und verängstigt in einer Ecke neben den Aquarien hockte, stumm wie seine Fische. Es war der letzte Tag der aufwendigen, monatelangen Testreihe, die über die Zukunft des vielversprechenden Blutfettsenkers mit dem Codenamen ›BSX10‹ entscheiden sollte. Die ganze Abteilung wartete beinahe atemlos auf die Untersuchungsergebnisse aus dem Labor.

»Sind die Messungen ausgewertet?«, fragte Jonas Rohner.

Der stand ratlos neben seinem Stift, die Knopfaugen größer als sonst, das Gesicht leuchtend rot wie eine Wärmelampe. Er rang um Worte, bis er endlich heiser keuchte: »Potz Heidenblitz.«

»Was ist mit euch beiden los? Hat euch ein Fisch gebissen?«

»Potz Heidenblitz«, wiederholte Rohner kopfschüttelnd. »Wir sind tot.«

Jonas versuchte es weiter mit Humor: »Bei unserm Stift sieht es ganz danach aus.«

Der Lehrling rührte sich nicht. Zusammengekauert schielte er auf seine Chefs, als erwarte er nächstens eine Tracht Prügel oder Schlimmeres. Rohner hielt Jonas das Versuchsprotokoll hin mit der Bemerkung: »Drei Monate im Arsch, tut mir leid.«

Es war eine der Situationen, die man nur schadlos überlebt, wenn die Zeit für eine Weile stillsteht. Jonas begriff auf den ersten Blick, was Rohner meinte. Der unglückliche Lehrling hatte den Diätplan der Fische verwechselt. Über Monate war der Versuch unter falschen Voraussetzungen durchgeführt worden, und Rohner, der alte Hase, hatte nichts gemerkt.

Bevor Jonas’ Raumzeit wieder zu ticken begann, stürmte Helbling ins Labor. »Nun meine Herren, was sage ich dem Verwaltungsrat?«, rief er in jovialem Ton und so laut, dass die Fische erschrocken zurückwichen.

Selbst Rohner, dem Helbling als einzigem Nicht-Akademiker seit jeher vertraute, verfiel in Schockstarre. Der Lehrling schrumpfte zum winzigen Igel, war kaum noch zu sehen. Was für den Professor keinen Unterschied ausmachte: Er sah die niederen Chargen sowieso nicht. Soweit hinunter reichten seine familiären Gefühle dann doch nicht.

»Ich fürchte, der Versuch muss wiederholt werden«, sagte Jonas mit der nüchternen Miene des kritischen Wissenschaftlers.

Helbling erbleichte. »Was soll das heißen?«

»Genau das, Professor. Die Daten sind zuwenig aussagekräftig. Die Randbedingungen waren zuwenig spezifisch. Mein Fehler. Wir brauchen mehr Zeit …«

»Was zum Henker fällt Ihnen ein?«, brauste Helbling auf. »Der VR erwartet die Resultate heute Nachmittag. Die Zeit ist abgelaufen!«

Die Adern an seinen Schläfen schwollen an wie die Stimme. Die Fische wagten sich nicht mehr aus ihrem Versteck. Professor Helbling echauffierte sich dermaßen beim Gedanken, den Verwaltungsrat enttäuschen zu müssen, dass Jonas um Basels Zukunft bangte. Natürlich war der Fehler des bedauernswerten Lehrlings ärgerlich und teuer, aber mit ähnlichen Rückschlägen musste man in der Forschung immer wieder rechnen. Das wusste auch Helbling, und früher oder später würde er den Vorfall vergessen, hoffte Jonas.

»Ich erwarte Sie in meinem Büro, Dr. Herzog«, knirschte Helbling, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

Die folgenden zehn Minuten in Helblings Büro gehörten zu den anstrengendsten in Jonas’ bisherigem Leben. Noch nie hatte er in so kurzer Zeit so viele Lügen erfinden müssen. Das kostete eine Menge Energie. Er brauchte dringend frische Luft und etwas zwischen die Zähne, als er den Ort des Schreckens verließ.

»Johanniter? «, fragte er nur, als Rohner ihn nervös anblickte.

Wortlos verließen sie das Haus, schlenderten ein Stück den Rhein hinauf, in die Seitengasse, wo der Italiener seinen Laden hatte, in dem er und seine Mamma seit jeher jedes Sandwich frisch vor den Augen des Kunden erschuf. Die beiden Stammkunden mussten nur nicken und erhielten das Übliche: Semmel mit frisch geschnittener Mortadella und Essiggurke für Jonas, Baguette mit Thunfischsalat für Rohner, dazu zwei ›Blöterliwasser‹. Erst auf der Bank unter der Johanniterbrücke hielt Rohner es nicht mehr aus.

»Bekommen wir einen neuen Chef?«, fragte er mit gequälter Ironie, die nicht zum besorgten Blick passen wollte.

Jonas unterdrückte ein Lächeln, antwortete stattdessen mit einem schweren Seufzer: »Soso, hat es sich also schon herumgesprochen.«

Der Bissen fiel Rohner aus dem Mund. »Scheiße!«, rief er bestürzt und starrte ihn entsetzt an.

»Wusste gar nicht, dass Sie auch richtige Schimpfwörter drauf haben«, grinste Jonas.

»Sie ziehen mich auf.«

»Sicher. Helbling wird sich schon wieder beruhigen.«

Rohner betrachtete sein Baguette misstrauisch, als hätte es ihn betrogen. Dann meinte er leise: »Das war sehr nobel von Ihnen.«

»Was denn?«

»Dass Sie sich vor uns stellten. Helbling hätte dem Stift und mir sonst den Kopf abgerissen. Sehr nobel, Doktor.«

»So schlimm wär’s wohl nicht gekommen«, lachte er, »und vergessen Sie den Doktor.«

Die Knopfäuglein musterten ihn wieder mit dem alten Glanz. Rohner biss nochmals in sein Brot, kaute umständlich, schüttelte dabei ab und zu den Kopf, dann wieder nickte er, als erzählte er sich selbst eine dramatische Geschichte.

»Ich glaube, Rosa hat recht«, murmelte er schließlich.

»Womit?«

»Es ist komisch, uns immer noch zu siezen, obwohl wir fast Tag und Nacht im selben Büro hocken.«

»Wo sie recht hat, hat sie recht«, nickte Jonas. Er streckte Rohner seine leere Plastikflasche entgegen und prostete ihm zu: »Ich bin der Jonas.«

»Niklaus.«

»Also Niklaus, wie kommt es, dass ein waschechter Appenzeller sein Leben ausgerechnet in Basel verbringt?«

»Das – hat sich so ergeben. Ist nicht weiter interessant. Erzähl mir lieber, was Helbling dir an den Kopf geworfen hat.«

Jonas berichtete lachend über die dreisten Flunkereien, mit denen er seine und die Ehre seiner Abteilung einigermaßen gerettet hatte. Die Mittagspause wurde lang und länger. Am Ende wusste Niklaus alles Wichtige aus seinem Leben, dass er früh seine Eltern verloren hatte, bei der strengen Tante in Gossau aufgewachsen war und immer noch keine feste Freundin hatte, mehr noch: Keine suchte. Was erfuhr er über Niklaus? Nichts, was er nicht schon wusste, aber das war nichts Neues. Asymmetrische Beziehungen waren die Norm in seinem Leben. Nicht diese Tatsache hielt ihn in dieser Nacht lange wach in seiner Dachkammer. Auch nicht der anfänglich verletzende Ton Helblings in seinem Büro. Was ihn nicht einschlafen ließ, war die ernsthaft geäußerte Frage des Professors, ob denn die bisher gesammelten Daten der ›BSX10‹-Testreihe nicht ausreichten oder mit etwas gutem Willen geeignet interpretiert werden könnten, um nicht wertvolle drei Monate zu verlieren. Es war eine ziemlich unverblümte Aufforderung zum Betrug. Der erste Riss im Bernoullischen Druckbehälter.

Er verdrängte die Episode bald. Der ordentliche Abschluss der Testreihe und die Vorbereitung der nächsten Phase nahmen seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. ›BSX10‹ versprach ein Blockbuster zu werden, der erste Cholesterinsenker, den es in optimalen Varianten für jeden erdenklichen Genotypen geben würde. Noch war der Weg lang bis zur Zulassung, aber ›Bernoulli‹ hatte die Nase deutlich vorn in diesem Rennen. Das war mindestens so wichtig wie die Zulassung selbst. Die Arbeit in der Abteilung lief reibungslos. Der Lehrling leistete sich nicht mehr den geringsten Fehler, las ihm jeden Wunsch von den Augen ab, als hinge sein Leben daran, und Niklaus unterhielt ihn wie früher mit seinen träfen Sprüchen.

Nur einmal griff der alte Hase gründlich daneben. Als Kenner Helblings fiel Niklaus die ehrenvolle Aufgabe zu, ein passendes Geschenk zum Sechzigsten des Professors auszusuchen. Am Geld würde es nicht liegen. Die Firma organisierte eine kleine Feier, wie das Rundschreiben die Veranstaltung nannte, bei der sich alles was Beine hatte im Hause ›Bernoulli‹ im großen Auditorium versammelte. Zwei Vertreter des Stadtrats, ältere Semester des ›Daigs‹ wie Helbling, gaben sich die Ehre und das Streichquartett der ›Camerata‹ sorgte mit Gabrieli und Vivaldi für angemessene Stimmung. Dann die feierliche Übergabe: eine sorgfältig edierte antiquarische Erstausgabe des Gesamtwerks von Wilhelm Busch. Helbling nahm das kostbare Geschenk mit säuerlicher Miene entgegen, gab es seiner Vorzimmerdame, die es zu den andern unnützen Dingen auf dem Gabentisch legte, und schickte sich an, eine seiner Basler Episoden zum Besten zu geben.

»Ho, jo wälewäg«, sang Niklaus Jonas kurz darauf ins Ohr. »Dabei war der Herausgeber des Schinkens doch auch ein berühmter Basler. Oder kennt er vielleicht Wilhelm Busch nicht?«

»Ich glaube, Helbling verträgt keinen fremden Humor«, vermutete Jonas ohne jede Ironie.

Die Vorbereitung der klinischen Tests erwies sich komplexer als er angenommen hatte. Es galt, nicht nur die an sich schon anspruchsvollen Schweizer Gesundheitsbehörden zu befriedigen. EU-kompatibel musste jedes Dokument und jeder Handgriff sein. Was sich die Bürokraten in Brüssel an finsteren Winterabenden ausgedacht hatten, ging weit über die Hürden der amerikanischen FDA hinaus, die er bei seiner Arbeit in Boston fürchten gelernt hatte. Was lag näher, als das Bernoullischen Archiv zu durchforsten, um von der reichen Erfahrung früherer erfolgreicher Zulassungsverfahren zu lernen? Nächtelang studierte er Planungsunterlagen, Berichte und Anträge der letzten großen Einführung, die Helbling noch persönlich geleitet hatte. Die Ordner und Kisten mit den Messdaten, chemischen Analysen und statistischen Erhebungen füllten allein ein ganzes Regal im muffigen Keller. Oft zog sich Jonas in dieses Verlies zurück, um ungestört zu studieren. Er wollte verstehen, wie Helbling die Sache angepackt hatte, warum so und nicht anders, bevor er sich mit naiven Fragen blamierte. Zum dritten Mal nahm er sich den Ordner ›RCT-0319‹ vor, der die Dokumente der letztlich für die Zulassung ausschlaggebenden ›randomisierten kontrollierten Studie‹ enthielt. Das neue Medikament und ein Placebo ohne Wirkstoffe wurden nach dem Zufallsprinzip an 1‘800 Patienten erprobt, mit einem Ergebnis, das die Behörden offensichtlich überzeugt hatte. Im Gegensatz zu Jonas. Er übersah es beinahe, weil er nicht danach suchte, aber sein ausgezeichnetes Zahlengedächtnis ließ nicht locker. Zum dritten Mal verglich er die Einzelbelege der Patientenbefunde mit der statistischen Auswertung, und zum dritten Mal kam er zum selben Ergebnis. Die Zusammenfassung behauptete, die erfreuliche Wirksamkeit des Medikaments wäre aus 1‘800 Befunden ermittelt worden. Im Ordner ›RCT-0319‹ befanden sich aber nur 1‘300 Belege, die zu diesem guten Ergebnis führten. Ein Versehen bei der Archivierung, dachte er zuerst. Bis er die restlichen fünfhundert Befunde in einer andern Schachtel entdeckte. Einmal mehr blätterte er sie gewissenhaft und mit zunehmendem Unbehagen durch. Es gab keinen Zweifel: Es war kein einziger positiver Befund dabei. Helblings Studie war getürkt, und zwar so drastisch, dass dieses Medikament niemals zugelassen worden wäre, hätte man alle 1‘800 Befunde berücksichtigt.

Ein viertes Mal brauchte er nicht nachzuzählen. Sicherer als sicher ging nicht. Die alles entscheidende Studie erwies sich schlicht als Betrug. Helbling hatte die Statistik zugunsten der Familie frisiert, indem er eine Menge unangenehmer Daten einfach nicht berücksichtigte. Wahrscheinlich nicht er selbst, aber die Unterschrift auf den Dokumenten stammte von ihm. Jonas nahm sich eine unruhige Nacht und einen langen Spaziergang am Rheinufer im Morgengrauen Zeit, bevor er sich entschloss, den Professor mit seiner Entdeckung zu konfrontieren. Er musste es tun, sonst würde er zum schuldigen Mitwisser.

Wie erwartet, erinnerte Helbling sich erst nicht an eine Studie mit der Bezeichnung ›RCT-0319‹.

»0319 – das muss schon Jahre her sein«, lächelte er. »Was ist damit?«

Das überlegene Lächeln erstarb, als er seine Unterschrift auf der Zusammenfassung sah. »Warum interessiert Sie das?«, fragte er ungeduldig.

»Ich wollte diese Dokumentation als Muster für ›BSX10‹ benutzen, aber die Studie ist falsch.«

Jonas benutzte absichtlich nicht das Wort gefälscht, das Helbling als direkten Vorwurf empfinden müsste. Diese Nuance hätte er sich sparen können. Helbling fuhr aus seinem Sitz wie der Basilisk aus seinem Loch am Gerberbrunnen.

»Was erlauben Sie sich!«, fauchte er wütend.

»Entschuldigung, ich mache niemandem Vorwürfe. Ich stelle nur eine Tatsache fest.«

Helbling kam noch mehr in Fahrt. »Es geht Sie einen feuchten Kehricht an, was in dieser alten Studie steht, Herr Dr. Herzog. Machen Sie einfach Ihre Arbeit und lassen Sie mich mit diesen wilden Behauptungen in Ruhe. Falsche Studie – dass ich nicht lache. Dieses Medikament ist schon seit sechs Jahren auf dem Markt.«

Nicht der ausfallende Ton Helblings verletzte Jonas zutiefst, sondern die Tatsache, dass er gerade zugegeben hatte, sich genau an den Schwindel zu erinnern. Der Professor erkannte seinen kapitalen Fehltritt nur wenige Augenblicke später. Langsam sank er auf den Stuhl zurück, musterte seine gespreizten Finger auf der Tischplatte eingehend, dann warnte er mit bebender Stimme:

»Erinnern Sie sich an unser erstes Gespräch? Wir bei ›Bernoulli‹ sind eine große Familie.«

»Aber …«, unterbrach Jonas, doch Helbling sprach unbeirrt weiter:

»Wir halten zusammen. Es ist ein großes Privileg, für ›Bernoulli‹ zu arbeiten. Mir scheint, Sie legen keinen Wert auf weiteren Familienanschluss. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

Der zweite Riss im Druckbehälter. Kein Haarriss wie der erste. Dieser Riss war kaum mehr zu kitten.

»Sie können mich nicht rauswerfen, weil ich …«

»Oh doch, ich kann, glauben Sie mir. Aber wer spricht denn von Rausschmiss? Sie verlassen uns freiwillig, aus familiären Gründen zum Beispiel, kassieren eine fette Abfindung, und wir vergessen die ganze Geschichte.« Helbling hatte sein überlegenes Gleichgewicht wiedergefunden. Freundlich lächelnd fügte er hinzu: »Sie streben doch auch kein Verfahren wegen Verschwendung von Forschungsgeldern an, oder irre ich mich?«

Unkittbar, definitiv.

Jonas fasste den Entschluss noch, bevor die Tür zu Helblings Büro hinter ihm zufiel.

»Potz Heidenblitz«, war die vorhersehbare erste Reaktion seines Freundes Niklaus, als er von der Geschichte erfuhr.

Sie saßen im Garten des ›Löwenzorn‹. Um sie herum breitete sich eine Zone bedrückten Schweigens aus, in die das fröhliche Geschnatter der übrigen Gäste und das Klappern des Geschirrs nur gedämpft eindrangen. Selbst die Spatzen machten einen Bogen um ihren Tisch, um sie nicht zu stören in ihrer stillen Trübsal. Lange schwiegen sie sich an, bis Niklaus nach Luft schnappte und nochmals seufzte:

»Potz Heidenblitz, Jonas.« Langsam schüttelte er den Kopf, als hinge eine schwere Senntumschelle an seinem Hals. »Warum musstest du dem Alten auch unbedingt seine Fehler unter die Nase reiben?«

»Also hör mal …«

»Ich weiß, das Gewissen. Verstehe ich ja, trotzdem …«

»Ist eh zu spät. Sinnlos, sich darüber zu ärgern.«

Ihre Gläser waren noch nicht leer. Dennoch winkte Niklaus die Bedienung herbei. »Noch zwei Stangen«, murmelte er gedankenverloren.

»Tut mir leid für meine Leute«, sinnierte Jonas. »Wir hatten eine tolle Zeit.«

»Hört sich an, als wären wir zusammen in Urlaub gefahren.«

»Vielleicht sollten wir das tun. Scheiße.« Jonas horchte eine Weile in sich hinein, dann lachte er unvermittelt auf und sagte: »Ich bin schon ein ausgemachter Trottel, was?«

Die Knopfaugen musterten ihn fast mitleidig. »Du bist jung«, stellte Niklaus fest, als erklärte das alles. Er leerte das halbe Bier in einem langen Zug, brach ein Stück des angebissenen Grissini ab und streute die Brösel auf den Boden, um doch noch einen Spatz anzulocken. »Was wird jetzt aus dir?«, wollte er wissen, ganz der besorgte Vater.

Jonas zuckte nur die Achseln. An seine Zukunft hatte er noch nicht gedacht. Wie auch, solange er mit der Gegenwart nicht fertig wurde.

»Du könntest es machen wie Hauser.«

»Hauser? Ach, mein unseliger Vorgänger.«

»Unselig ist er wohl nicht. Er scheint sich gut eingerichtet zu haben in Freiburg.«

Jonas rümpfte die Nase. »Freiburg.«

»Freiburg im Breisgau meine ich. Schöne Altstadt, nette Leute, gute günstige Beizen. Hab den Hauser schon ein paar Mal besucht. Ist ja nur ein Katzensprung von Basel.«

»Deutschland – gutes Bier – warum nicht.«

»Sag ich doch. Ich könnte ein gutes Wort für dich einlegen, falls du das willst.«

Jonas schüttelte lächelnd den Kopf. »Danke, aber lass mal. Ich glaube, durch das Feindbild Helbling verbindet uns genug. Du kannst mir ja Hausers Koordinaten geben.«

Kapitel 2

Freiburg

Hauser war ein gealterter Dandy, das genaue Gegenteil dessen, was sich Jonas unter seinem Vorgänger vorgestellt hatte.

»Unsere Farm ist eine Generika-Klitsche, kein Elfenbeinturm für verwöhnte Grundlagenforscher«, stellte er gleich am Anfang klar.

Mit Farm meinte er wohl seine Firma ›BWpharm AG‹. Jonas ließ sich nicht abschrecken. Immerhin hielt es Hauser als früherer ›Bernoulli‹-Forscher schon fast drei Jahre beim Freiburger Generika-Produzenten aus. Mehr als das: Er war verantwortlich für die gesamte Entwicklung.

Die Rechte eingehakt im faltenlosen Gilet wie Napoleon auf Davids berühmtem Bild, wartete Hauser auf seine Reaktion.

»Der kleine Unterschied ist mir durchaus bewusst«, antwortete Jonas und hielt sich für besonders witzig.

Hauser musterte ihn skeptisch, bis sich sein Mund plötzlich zu einem spöttischen Grinsen verzog. »Nun ist unser Freund Helbling also wieder am gleichen Punkt angelangt«, freute er sich. »Am Ende muss der Ärmste wieder selber arbeiten. Nun – für die Basler Kunstszene wäre es ein echter Gewinn, wenn er ihr fernbliebe. Er versteht von zeitgenössischer Kunst etwa soviel wie ich von Fußball, nämlich gar nichts.«

Ein bitterer Unterton störte seine Ironie. Der Wegzug aus Basel schien Hauser doch mehr zugesetzt zu haben, als Jonas anfangs dachte. Er selbst verspürte keine Lust, weiter über die Vergangenheit zu reden und schwieg.

»Ich kann Sie also nicht davon abhalten, hier anzuheuern«, stellte Hauser nach einer Kunstpause fest.

»Ist das ein Problem?«

»Für mich nicht, überhaupt nicht. Verstehen Sie mich nicht falsch, Dr. Herzog. Sie sind hochqualifiziert. Ach was, reden wir nicht um den heißen Brei herum. Sie sind überqualifiziert für diesen Job. Ich will nur verhindern, dass Sie Ihren Entschluss bald wieder bereuen. Das ist alles.«

Es war ein beruflicher Abstieg, ein Karriereknick, wie er im Buche stand. Das brauchte er nicht auszusprechen. Beide wussten es.

»Ich wäre nicht hier, wenn mich die Arbeit nicht interessieren würde«, versicherte Jonas und meinte es genau so.

»Sicher«, murmelte Hauser mit einem Blick auf die Uhr. »Über die Arbeit unterhalten wir uns später eingehend. Der Patron erwartet uns jetzt.«

Dr. Hubertus von Holzbrinck hieß der Patron. Er war der Gründer und Hauptaktionär der ›BWpharm‹. Die Firma hatte früher Kosmetika hergestellt, dann aber auf den lukrativen Markt der Arzneimittelkopien umgestellt. Der alte Holzbrinck machte nicht den Eindruck eines gemütlichen Opas, den Jonas mit der Bezeichnung Patron verband. Vor ihm stand ein strammer, asketischer Offizier in straffem Zivil, dessen Händedruck schmerzte. Die strenge Erziehung zu Disziplin und protestantischem Fleiß stand ihm ins Gesicht geschrieben. Dazu passten die stahlblauen Augen und der schlecht verheilte Schmiss auf der Wange. Der einzige offensichtliche menschliche Makel an ihm war die Liebe zu seiner Pfeife, die er entweder ständig in der Linken oder im Mundwinkel hielt. Während der kurzen Besprechung ließ er keinen Zweifel daran: Hubertus von Holzbrinck war die Firma. Daran würde der Plan auch nichts ändern, in Kürze auf sein Weingut in Italien überzusiedeln.

Sympathisch, dachte Jonas. Je weiter von diesem Zuchtmeister entfernt, desto besser.

»Der Lars ist ein sehr zuverlässiger Statthalter«, bemerkte Holzbrinck zu Hauser, der folgsam nickte.

»Steigbügelhalter«, verstand Jonas zuerst. Keiner der Herren hielt es für angezeigt, ihm zu erläutern, wer dieser patente Lars war. Zurück in Hausers Büro, stellte er die Frage.

»Lars Brüderle, pardon, Dr. Lars Brüderle«, antwortete Hauser. »Unser CEO.« Sein abschätziger Ton verriet, dass er nicht sonderlich viel von seinem Chef hielt.

Jonas wusste nicht, warum, aber er fand auch das ganz sympathisch. Hauser war wenigstens ehrlich. »Man hat’s nicht immer leicht mit seinen Chefs«, meinte er lächelnd.

Es klopfte. Ein Mann etwa in Jonas’ Alter kam herein.

»Sind wir soweit?«, rief er begeistert.

Der Mann war haargenau Hausers jüngere Kopie, sah man ab von der fast nachlässigen Freizeitkleidung und dem breiten Grinsen in seinem Gesicht.

»Mein Sohn Patrick«, erklärte Hauser. »Biologe wie der Vater. Er steht Ihnen für alle fachlichen Themen zur Verfügung.«

Patrick gab ihm die Hand und meinte lachend: »Das war allerdings mein Text.«

Hausers Sohn sorgte wie ein Katalysator bei einer chemischen Reaktion dafür, dass Jonas in kürzester Zeit einen guten Draht zu den Strippenziehern in Holzbrincks ›Farm‹ fand. Vielleicht lag es ein wenig am Exotenbonus des schweigsamen Schweizer Singles mit der manchmal etwas holprigen Aussprache. Es gelang ihm jedenfalls, auch den CEO zu überzeugen, eine vielversprechende neue Produktionsmethode ernsthaft zu prüfen. Mit einem Schlag wurde aus dem langweiligen Job des Arzneimittelkopierers ein spannender Forschungsauftrag. Ein Generikum musste nach dem Gesetz dem kopierten Originalmedikament therapeutisch äquivalent sein, die gleichen Indikationen abdecken und es musste die gleichen Wirkstoffe enthalten. Über das Herstellungsverfahren gab es keine Vorschriften, ebenso wenig über Hilfsstoffe, die meist als Verunreinigungen nie ganz eliminiert werden können. ›BWpharm‹ hatte die Medikamente bisher fast ausschließlich chemisch erzeugt, die klassische Methode. Man imitierte den Herstellungsprozess des Originalpräparats eins zu eins. Das führte zwar sicher zum erwünschten Ergebnis, war aber genauso aufwendig und teuer wie die ursprüngliche Herstellung. Was dies bedeutete, war auch den Mitarbeitern klar, die keinen Leistungskurs in Betriebswirtschaft besucht hatten: geringe Margen. Lars Brüderles Verkaufsarmee war bestens darauf trainiert, geringe Margen durch Absatzvolumen wettzumachen, indem sie mehr oder weniger offen Ärzte und Apotheken durch Exklusivverträge gängelte – gegen angemessene Entschädigung. Aber zaubern konnten auch die Verkäufer nicht. Als Jonas sah, welchen Hauptwirkstoff das aktuelle Medikament ›XORACIN‹ zur Stärkung des Kreislaufs enthielt, kramte er die alten Unterlagen aus Boston hervor. Er hatte sich nicht getäuscht. Genau denselben Wirkstoff erzeugten genetisch veränderte E. coli Bakterien zehnmal effizienter als die Chemiker und mit minimalem Energieaufwand. Der Prozess dauerte nur unwesentlich länger, war also durchaus praxistauglich. Aus unerfindlichen Gründen versank diese spektakuläre Erkenntnis damals in den bodenlosen Archiven der Harvard Medical School. Das war seine Chance, frischen Wind in Holzbrincks ›Farm‹ zu pusten. Verblüfft verfolgten seine Mitarbeiter, wie der schweigsame Schweizer über Nacht echtes Charisma entwickelte. Seine Begeisterung steckte sogar die Chemikerin Isabella an, die jeder Hetero begehrte und keiner bekam, obwohl er im Grunde ihren Job gefährdete mit diesem Plan.

»Daran dürfte sogar unser CEO seine Freude haben«, murmelte Jonas eines Abends zufrieden, als er mit seinen Leuten die Auswertung der ersten Testreihe sichtete.

Patrick lachte spöttisch. »Kann ich mir nicht vorstellen.«

»Warum?«

»Der gute Lars ist Anwalt und Betriebswirt, kein Kopfarbeiter wie wir, schon vergessen? Erst höhere Ertragszahlen werden ihn erfreuen, nehme ich an. Sicher weiß man’s nicht. Hier im Haus hat ihn nämlich noch keiner lachen sehen.«

»Nicht alle Anwälte sind Dummköpfe«, widersprach Jonas, während er den Produktivitätsanstieg seiner Kolibakterien über die letzten zwei Wochen bewunderte.

»Alle wahrscheinlich nicht«, grinste Patrick. »Lars ist zum Beispiel durchaus fähig, die größere von zwei Zahlen zu erkennen.«

»Wo du so wenig von deinem Chef hältst, frage ich mich, wie er unser CEO werden konnte.«

»Ganz einfach: gleiche Burschenschaft wie Holzbrinck und Heirat mit seiner Tochter.«

»Genug jetzt, Boys«, rief die schöne Isabella. »Lassen wir die Zwerge weiterschuften. Es ist schönes Wetter und Freitagabend, schon vergessen?«

Der Freitagabend im Biergarten oder im alten Brauhaus des ›Feierling‹ gehörte zu den angenehmeren Gepflogenheiten der Entwicklungsabteilung. Unter den alten Kastanienbäumen dieser Brauerei erfuhr Jonas in kurzer Zeit mehr über die Interna der ›BWpharm‹ als durch sorgfältiges Aktenstudium in seinen einsamen Nächten. Überdies lag das ›Feierling‹ bequem am Weg zu seiner Wohnung in der Gerberau. An diesem Abend hatte er allen Grund, mit sich und der Welt zufrieden zu sein. Die Arbeit lief hervorragend. Er hatte neue Freunde gefunden, wenn auch von ganz anderer Art als Niklaus, dessen tiefgründigen Humor er gelegentlich vermisste. Patrick war ein feiner Kerl. Offen, ehrlich, aber auch oberflächlich, dass es manchmal schmerzte.

Jonas spürte einen leichten Stoß an der Schulter.

»Dort drüben«, flüsterte Patrick und grinste dabei bis über beide Ohren.

Verwundert blickte er in die Richtung von Patricks spitzer Nase. Die schöne Isabella begrüßte gerade eine unbekannte Rothaarige mit Beinen bis zum Hals. Die beiden küssten sich auf den Mund. Sie saugten sich aneinander fest, eng umschlungen, als wollten sie auf der Stelle in einem atomaren Blitz verschmelzen wie zwei aggressive Wasserstoffkerne zu edlem Helium.

»Potz Heidenblitz«, imitierte Jonas seinen alten Freund. »Darum also …«

Patrick freute sich königlich. »Hat sie dich auch abblitzen lassen?«

»Nein, um Gottes willen. Ich hab’s nicht versucht. Ich wunderte mich nur, warum sie noch Single ist.«

»Mit diesem Gestell, meinst du.«

»So ungefähr. Dass du es versucht hast, überrascht mich hingegen nicht im Geringsten.«

Patrick trank nachdenklich sein Bier aus. »So eine Verschwendung«, brummte er ärgerlich. »Gott, bin ich spitz.«

»Dann solltest du etwas dagegen tun, aber lass mich aus dem Spiel.«

»Ich versuche schon die ganze Zeit, meine Libido zu ersäufen, aber es geht nicht, wenn man so etwas live mit ansehen muss.«

»Musst du nicht.«

»Du hast gut reden.« Patrick deutete mit zwei gespreizten Fingern auf seine Augen. »Die machen das automatisch, ob ich will oder nicht. Die Augen sind schuld. Die müssen jedem Weiberarsch nachgucken – siehst du?«

Sein Kopf drehte sich in die Richtung eines Tisches, an dem sich vier noch viel zu junge Mädchen aufgeregt schnatternd niederließen.

»Tragisch«, gab Jonas zu.

Patricks Argumentation und Artikulation deuteten darauf hin, dass er allmählich genug Bier im Blut hatte, und Jonas sagte es ihm.

»Ganz richtig«, pflichtete der entschieden bei. »Ich brauch was Stärkeres.«

Wenige Augenblicke später standen zwei Klare neben den Biergläsern. Oder genauer: ein Williams und ein leeres Schnapsglas. Es sollte nicht der einzige hochprozentige Drink bleiben, den Patrick an diesem lauen Sommerabend in sich hineinschüttete, um seine Libido zu betäuben. Obwohl Jonas es besser wusste, wehrte er sich nicht sonderlich gegen die melancholisch lockere Stimmung, die ihn sanft dazu verführte, eins oder zwei über den Durst zu trinken. Es war Wochenende, und zu Hause wartete ohnehin niemand auf ihn. Patricks eigenmächtige Augen verfolgten Isabella und ihre Freundin noch lange, nachdem sie nicht mehr zu sehen waren.

»Kannst du noch fahren?«, fragte er unvermittelt, ohne die Augen zurückzuholen.

»Hab’s mal gelernt, warum?«

»Ich bin zu besoffen.«

»Das ist kaum zu übersehen.«

Patrick stand auf, blätterte ein paar Geldscheine auf den Tisch, die reichten, um die Getränke zu bezahlen und die nächste Miete der Bedienung.

»Los komm, wir müssen was unternehmen. Bist eingeladen, aber du fährst.«

»Wohin?«, fragte Jonas verblüfft.

»Wirst schon sehen.«

Irgendwo im Südschwarzwald

Jonas trat abrupt auf die Bremse. Das Dorf, das Patrick erwähnt hatte, lag hinter ihnen. Weiter auf der Straße, die in den Wald führt, lautete die Instruktion. Doppelt unbrauchbar. Erstens sah das, was er im Licht des blassen Mondes vor der Frontscheibe erblickte, nicht wie eine Straße aus. Bestenfalls ein Feldweg war es, der sich weiter vorn gabelte. Beide Wege führten in den Wald.

»Welchen nehmen wir?«, fragte er, als er nichts von Patrick hörte.

Der schlief tief.

Jonas rüttelte ihn wach und fragte lauter: »Welchen?«

Patrick fuhr hoch. »Die Rote«, krächzte er.

»Ich meine: Wohin fahren wir?«

»Zum ›Forstschlösschen‹.«

»Hört sich nach Wald an.«

»Steht auch im Wald. Wo sind wir?«

»Am Waldrand.«

»Dann fahr hinein, Mensch.«

Sie hätten das Spiel noch lange weitertreiben können, doch Jonas wollte endlich wissen, was sich im geheimnisvollen ›Forstschlösschen‹ abspielte. Sie hatten einen ziemlich weiten Weg zurückgelegt für eine illegale Pokerrunde oder Schnapsbrennerei.

»Wie du siehst, führen beide Wege in diesen verfluchten Wald«, klärte er Patrick auf. »Also, nehmen wir den linken oder den rechten Weg?«

Fehlte nur noch, dass er jetzt mit einem logisch korrekten Ja antwortete, dachte Jonas gereizt. Scheinwerfer blendeten im Rückspiegel. Ein weißer Sportwagen brauste an ihnen vorbei mit einer Geschwindigkeit, für die dieses Sträßchen bei Gott nicht gemacht war. Staub und Dreck wirbelten auf, als zwei Räder durch den Straßengraben pflügten. Im nächsten Augenblick verschluckte der schwarze Wald den späten Gast und die quälende Ruhe kehrte zurück.

»Ihm nach!«, befahl Patrick im Brustton der Überzeugung.

»War das einer deiner ›Forstschlösschen‹-Verschwörer?«

»Sonst gibt’s ja nichts in diesem Wald.«

»Das fürchte ich auch«, brummte Jonas und drehte den Zündschlüssel.

Fünf lange Minuten fuhren sie vorsichtig an finster blickenden Tannen vorbei. Die eine oder andere Eiche oder Buche mochte auch dabei sein, so genau wollte er es nicht wissen.

»Halt, wir sind da«, rief Patrick plötzlich mitten im Wald.

Weit und breit war kein Haus zu sehen. Nur ein unscheinbarer Pfad führte rechts ins Gebüsch hinein. Kein Wegweiser, nichts deutete auf das geheimnisvolle Schlösschen hin.

»Ein wenig spät, um Pilze zu sammeln, findest du nicht?«, knurrte Jonas.

»Mach schon.«

Patrick saß jetzt hellwach und kerzengerade in seinem Sitz. Ruckartig schoss sein Kopf in die Höhe wie beim Erpel nach der Balz. Der versteckte Pfad erwies sich als komfortabel geteerte Zufahrt zu einer Lichtung, die von der Waldstraße her nicht zu sehen war. Ein behäbiges Schwarzwälder Forsthaus mit ausladendem Walmdach und üppig bepflanzten Holzbalkonen stand mitten in einer Blumenwiese, wo mannshohe Königskerzen sogar im fahlen Mondlicht wie gelbe Fackeln leuchteten. Auf dem großzügigen Parkplatz neben dem Haus bemerkte Jonas als Erstes den weißen Sportwagen.

»Das soll dein Schloss sein? «, fragte er etwas enttäuscht.

»Schwer was los heute«, freute sich Patrick beim Anblick der mindestens zehn geparkten Autos.

An der Tür stand Arnold Schwarzeneggers kleiner Bruder. Jonas fragte sich, wie der Mann in seinen Smoking geschlüpft war. Der Anzug schmiegte sich so eng an seine prallen Muskeln, dass er zu platzen drohte. Patrick klaubte ein rosa Kärtchen aus der Tasche und hielt es dem Zerberus hin. Der nickte freundlich, ohne den Ausweis genau anzusehen. Man kannte sich.

»Der Herr ist mein Gast, Milan«, antwortete Patrick auf den fragenden Blick, mit dem der Türsteher Jonas einschätzte.

Milan nickte. »Ich wünsche den Herrschaften gute Unterhaltung.«

»Werden wir haben«, grinste Patrick in der Eingangshalle, einer befremdlichen Mischung aus Jägerstube und Pariser Plüschsalon des Fin de Siècle.

Jonas überraschte bloß, dass nicht Oscar Wilde auf dem Sofa unter dem goldenen Hirschgeweih saß, sondern eine füllige ältere Dame in knappem Dirndl, die in einem Magazin las. Bevor sie sich erhob, um die neuen Gäste zu begrüßen, wollte er wissen, was der Name ›Peter Pan‹ auf Patricks rosa Ausweis bedeutete.

»Mein Pseudonym – passt doch, oder? Milan ist der einzige richtige Name im ›Forstschlösschen‹, außer den Namen der Betreiber natürlich.«

Die Dame war schon bedrohlich nahe.

»Du solltest dir auch einen Spitznamen zulegen«, drängte Patrick.

»Klar doch – Captain Hook, wo wir schon dabei sind.«

»Captain Hook?«, säuselte die Dame mit einem Lächeln so süß wie ihr Parfüm. »Sie sind neu hier. Ich heiße Sie ganz herzlich willkommen bei uns im ›Forstschlösschen‹.«

»Captain Hook ist mein Gast, Juliane«, bemerkte Patrick, während er sie mit drei Bussis begrüßte, wie das in Pariser Salons noch heute üblich sein soll. Dabei verschwanden zwei große Geldscheine diskret in den Abgründen von Julianes Mieder.

»Drinks und Snacks findet ihr im Foyer, wie gewohnt.«

Die Hausherrin, oder was immer Juliane darstellte, warf einen Blick auf die Uhr.

»Die nächste Show beginnt in zehn Minuten – nicht vergessen«, schmunzelte sie geheimnisvoll, während sie die Tür aufhielt.

Jonas rümpfte die Nase. »Auf Theater kann ich echt verzichten«, flüsterte er Patrick ins Ohr, um die nette Juliane nicht zu brüskieren.

Patrick lachte laut auf. »Nicht auf dieses Theater, glaub mir.«

Er schien beinahe wieder nüchtern zu sein. Umso mehr freute ihn die reiche Auswahl alkoholischer Getränke an der Selbstbedienungs-Bar, die das halbe Foyer einnahm.

»Schlag zu. Alles inklusive«, rief er gut gelaunt und goss sich ein Wasserglas prall voll mit eisgekühltem ›Smirnoff‹. Den Tomatensaft daneben rührte er nicht an.

Jonas schüttelte leicht angewidert den Kopf. »Willst du mir nicht endlich erklären …«

Weiter kam er nicht. Zwei Mittvierzigerinnen nahmen ihn in die Zange, dass er kein Glied mehr zu rühren vermochte, ohne sie nicht irgendwo unanständig zu berühren.

»Was haben wir denn da?«, sagte die eine, die Hagere, mit rauchiger Stimme zur andern, drallen, die glatt Rubens Muse hätte sein können, wäre der Gute nicht längst verstorben und sie ein paar Jahre jünger. Die beiden trugen bis ins Detail identische Kleider, als wären sie missratene eineiige Zwillinge.

»Originell«, grinste Jonas, weil ihm in der Eile nichts Originelleres einfiel.

»Es kann sprechen«, versicherte die Dralle der Hageren.

Vielleicht gehörte der Auftritt zum absurden Theater, dachte Jonas. Er hasste diese Art moderner Kultur, bei der man das Publikum nicht in Ruhe ließ.

»Meint ihr mich?«, fragte er vorsichtshalber.

»Es spricht mit uns«, wunderte sich die Hagere und zeigte zwei Reihen makellos weißer Zähne zwischen blutroten Lippen.

»Hört mal ihr beiden Holden. Wäre es nicht einfacher, direkt miteinander zu kommunizieren? Ich spreche sogar fließend Deutsch. Auch wenn es vielleicht nicht so aussieht: Ich bin kein Wesen vom andern Stern. Ich bin ein ganz normaler Mann.«

»Und was für einer«, platzten beide gleichzeitig heraus.

Sie kicherten eine Weile, bis die rauchige Stimme die erste Frage an ihn richtete: »Wie heißt du denn?«

»Captain Hook.«

»Originell«, fand diesmal die Hagere.

Das Kichern ging weiter. Wie auf ein geheimes Kommando hakten sich die Damen bei ihm unter und zogen ihn vom sicheren Büfett weg.

»Die Show beginnt gleich. Die will sich unser Captain Hook sicher nicht entgehen lassen.«

Er sah sich hilfesuchend nach Patrick um, doch der war im düsteren Saal verschwunden.

»Wie heißt denn das Stück?«

Er wollte es wirklich wissen, doch seine Begleiterinnen fassten die Frage als gelungenen Scherz auf, ihrem Gelächter nach zu urteilen.

»Wie heißt denn dein Stück, Captain Hook?«, keuchte Rubens Muse, nachdem sie zu Atem gekommen war, um gleich wieder loszuprusten.

Noch ein gelungener Scherz. Es war zwecklos, weiter zu fragen. Ohne Widerstand ließ er sich von den beiden in die vorderste Reihe an eine Art Reling manövrieren. Der Raum war viel kleiner als angenommen, eher eine intime Kellerbühne für ein Einmannkabarett als ein Theatersaal. Dafür sprach auch der rote Schimmer, der nur die kreisrunde Bühne und die erste Zuschauerreihe schummrig beleuchtete. Sitzplätze gab es keine, jedenfalls nicht an der Reling. Der enge Zuschauerraum mutete an wie das steile Auditorium eines alten Anatomiehörsaals. Schweißperlen traten auf Jonas’ Stirn. Nicht die Enge und der schwere, süßliche Duft, der ihn an eine Leichenhalle erinnerte, waren die Auslöser seiner inneren Wallungen. Auch nicht seine Begleiterinnen, die spürbar und unverrückbar dafür sorgten, dass er nicht fliehen konnte. Ihn beunruhigte vielmehr die Tatsache, dass er im roten Lichtschein stand, genau wie die Bühne. Schon jetzt glaubte er, alle unsichtbaren Augenpaare wären einzig und allein auf ihn, den Neuling gerichtet.

»Die Musik – es geht los«, flüsterte die Muse erregt und zwickte ihn zur Sicherheit kräftig in den Arm.

Aus dem Nichts materialisierte sich eine schwarz gekleidete Gestalt in der Mitte der Bühne. Schwarze Stiefel, schwarze Hose, schwarzes Jackett, schwarzer Strohhut. Alles glänzte wie frisch gewichst im gleißenden Strahl der Spots, die nun die Szene ausleuchteten, als ginge es um ein Fotoshooting für die nächste ›Vogue‹. Die schwarze Gestalt war eine Frau, das sah er deutlich, obwohl sie ihm den Rücken zukehrte. Die Arme zerrte vergeblich an der Kette, die ihre hoch erhobenen Hände an die Decke fesselte. Ein paar Augenblicke geschah nichts weiter, als dass der Musikpegel bedrohlich anstieg. Das Drama erreichte den Höhepunkt in einem Tusch. Das Licht ging aus, dann blitzte und donnerte es, und die Finsternis hatte ein Ende. Vier giftgrüne Warane mit rotem Kamm krochen über den Bühnenrand hinauf und auf die Wehrlose zu, die verzweifelt an der Kette zerrte. Keine echten Reptilien natürlich. Dick geschminkte Frauen waren es, die sich breitbeinig auf allen Vieren der schwarzen Gestalt näherten, nackt bis auf die Farbe und den lächerlichen Plastikkamm, soweit er beurteilen konnte. Die Bühne begann sich langsam zu drehen. Das Profil der schwarzen Gestalt wurde sichtbar und damit mehr und mehr nackte Haut, denn Hose und Jackett bestanden nur aus der hinteren Hälfte. Die bizarre Szene übte eine unwillkürliche Anziehungskraft auf Jonas aus. Er war ein Mann, und vor ihm auf der Bühne agierten fünf nackte Frauen. Gespannt verfolgte er, wie sich die züngelnden Reptilien an der gefesselten Frau aufrichteten. Die Erkenntnis schoss ihm wie ein Blitz durch den verwirrten Kopf, als sich zwei der Warane an den Brüsten der Gefangenen festsaugten. Das war keine gewöhnliche Striptease-Show mehr. Er vergaß für einen Moment die beiden reifen Blondinen an seiner Seite, die übrigen Zuschauer, die Augen in seinem Rücken, und hielt den Atem an. Alles schien möglich auf der Bühne des ›Forstschlösschens‹. Wie zur Bestätigung dieser unerhörten Vermutung drängte der dritte Waran seinen grünen Kopf zwischen die Beine der Gefangenen, während die Hände des vierten Reptils unter der Hülle über ihrem Hintern verschwanden. Die Bedrängte fand hörbaren Gefallen an ihren Peinigern, genauso wie das Publikum. Jonas ertappte sich dabei, den Hals zu recken, um genau zu sehen, was da im Schoß der Frau geschah. Männer tun so was. Beschämt wagte er einen kurzen Seitenblick auf die Muse neben ihm. Auch sie verfolgte das Geschehen auf der Bühne konzentriert mit Argusaugen und einem seligen Lächeln auf den Lippen. Hätte sein Verstand noch funktioniert, er hätte nichts mehr verstanden. So aber wandte er sich schnell wieder der schamlosen Vorstellung ohne Worte zu und wunderte sich über gar nichts mehr. Wieder setzte das Licht aus. Blitz, Donner, Tusch. Als die Spots wieder aufflammten, bot sich den begeisterten Zuschauern ein ganz anderes Bild auf der verruchten Bühne. Nur noch ein Reptil beschäftigte sich mit der Gefangenen, deren halbe Kleider verschwunden waren. Sie lag mit angewinkelten Beinen auf dem Boden, das Tier auf ihr, die Zunge in ihrer Scheide, den Kamm lustvoll aufgestellt – aber das bildete er sich vielleicht nur ein in der Hitze. Er brauchte den Hals nicht mehr zu recken. Auch für den Fantasielosesten unter den Zuschauern blieb kein Zweifel mehr darüber, was sich da ganz genau abspielte. So sehr nahmen ihn die rhythmischen Bewegungen und Gesänge der beiden in Anspruch, dass er die drei andern Warane komplett vergaß. Bis es zu spät war. Ein grüner Kopf tauchte plötzlich vor ihm auf. Flinke Hände öffneten mit geübtem Griff seinen Hosenschlitz und legten sich um seine prächtig aufgeblühte Männlichkeit, bevor er wusste, wie ihm geschah. Die Schockstarre dauerte so lange, bis er die Lippen des Reptils spürte. Dann endlich kehrte sein Verstand mit einem heißen Schwall Blut im Hirn zurück.

»Heiliges Kanonenrohr«, rief Captain Hook entsetzt.

Er riss sich unsanft von den verzauberten Blondinen los, hechtete über die Reling und floh aus dem Saal, als wäre der alte Helbling persönlich hinter ihm her. Erst draußen merkte er, dass er vergessen hatte, sein Glied wieder in die Hose zu stecken. Er glaubte, genug gesehen zu haben, wollte nur noch an die frische Luft. Nur der Druck auf die Blase hinderte ihn daran, auf kürzestem Weg zur Tür hinauszurennen. Mit Scheuklappen irrte er durch die schummrig beleuchteten Gänge, bis er die Tafel mit der Aufschrift ›Hygienebereich‹ entdeckte. Eine ungewöhnliche Bezeichnung fürs Klo, aber was war hier schon normal. Tatsächlich fand er die Kabinen mit den vertrauten Schüsseln. Ein Pissoir sah er nicht, auch keine Türen mit dem eindeutigen Symbol für Männlein oder Weiblein. Er schlüpfte in eine der offenen Kabinen, hielt mit einer Hand die Tür zu, da der Riegel fehlte, ließ mit der andern die Hose runter und setzte sich mit einem Seufzer der Erleichterung.

»Hallo«, sagte die Schüssel.

Er fuhr auf, als hätte der Blitz hinter ihm eingeschlagen. Zu seinem Glück stockte der Wasserstrahl augenblicklich.

»Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe. Wie heißt du?«

Die Schüssel hatte eine angenehme Altstimme, das musste er zugeben. Aus der Tonlage ging nicht klar hervor, welchen Geschlechts sie war, aber das spielte im Augenblick keine Rolle. Verstört, wie Jonas war, fand er keine Worte, um die einfache Frage zu beantworten.

»Bist ein Hübscher«, flirtete die Schüssel unbeirrt weiter.

Jetzt entdeckte er das diskrete Loch und das Auge dahinter.

»Ich wollte eigentlich nur …«, murmelte er verlegen.

»Ach so, schade.«

Das Auge verschwand, eine Klappe fiel über das Guckloch.

»Vielleicht überlegst du dir’s noch«, hörte er gedämpft durch die Trennwand.

In aller Eile suchte er nach weiteren Spionageeinrichtungen. Er setzte sich erst wieder, als er sicher war, allein zu sein. Doch so sehr er sich auch bemühte, die Zuschauer in seinem Kopf wollten keine Ruhe geben. Es war zwecklos. Das Ventil wollte sich nicht mehr öffnen. Mit einer leisen Verwünschung beendete er seine Sitzung, spülte und eilte hinaus. Nur weg vom Hygienebereich. In der Aufregung erwischte er die falsche Abzweigung und stolperte in ein Boudoir, das sich erfreulicherweise sogleich als zweite Bar entpuppte. Da er nicht Wasser lassen konnte, beschloss er, wenigstens den prozentualen Anteil von H2O mithilfe von Alkohol zu reduzieren. Das sollte zu schaffen sein in seinem Zustand. Er gab vor, das kopulierende Paar hinter dem Tresen nicht zu bemerken und näherte sich einer Frau, die offenbar gefunden hatte, was er suchte. Sie saß zusammengesunken auf einem Barhocker, hielt den leeren Kognakschwenker fest umklammert – und schlief mit dem Kopf auf der Tischplatte.

Ein schönes Kind, dachte Jonas beim Anblick des schlanken Körpers, des seiden glänzenden roten Haars und der keck vorstehenden Backenknochen. Sie mochte ungefähr in seinem Alter sein. Schade, war sie nicht ansprechbar. Er sah sich nach der Quelle um, die zum Glas gehörte. Eine leere ›Asbach Uralt‹-Flasche stand auf der Anrichte.

»Mist«, schimpfte er ärgerlich, denn im Gegensatz zur Bar im Foyer herrschte hier Ebbe.

Die schlafende Schöne regte sich. »Ruhe«, lallte sie undeutlich.

»Entschuldigung, ich wollte Sie – dich nicht wecken.«

Beinahe wäre er ins förmliche Sie zurückgefallen, denn irgendwie hatte er das Gefühl, die Frau gehörte nicht hierher.

Sie hob den Kopf, blickte ihn aus großen Augen verwirrt an und murmelte: »Ich brauch Nachschub.«

Als er nicht gleich reagierte, hielt sie ihm das Glas unter die Nase.

»Ver – stehst?«

Mit dem S hatte sie etwas Mühe. Das konnte er gut verstehen. »Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist«, gab er zu bedenken.

»Bist ein ganz Gscheiter, wa?«

Er nahm ihr das Glas aus der Hand, bevor sie es fallen ließ. Mit geschlossenen Augen stieg er über das Paar hinter der Theke, das nun bei der Stellung Hund angelangt war. Schnaps fand er in keinem Schrank, wohl aber einen funktionierenden Wasserhahn über der Spüle. Die Rothaarige war schon wieder eingenickt, als er ihr das Wasser reichen wollte.

»Nachschub«, sagte er laut, um das Gestöhn der Hunde zu übertönen.

Die Schöne trank gierig vom vermeintlichen Weinbrand, bis sie abrupt innehielt. Sie sah ihm entsetzt ins Gesicht, als wäre er allein für ihr ganzes Elend verantwortlich. Das Wasser aus ihrem Mund ergoss sich wie ein tropischer Sprühregen über ihn. Einzelne Spritzer trafen sogar die fleißigen Sexarbeiter, sodass der Rüde verwundert aufblickte, bevor er sich umso heftiger weiter vergnügte.

»Pfui Teufel, was ist denn das?«, rief die Rothaarige erbost.

Durch den Schock hörten sich Stimme und Aussprache beinahe wieder nüchtern an. Jonas trocknete sich das Gesicht mit einem Papiertaschentuch. »Man nennt es Wasser«, erklärte er dabei.

»Wasser – willst mich vergiften?«

»Das besorgst du schon selbst. Der Schnaps ist alle.«

»Blödsinn, eben war die Flasche noch voll.«

»Das habe ich befürchtet.«

Sie schien sich wirklich über ihn zu ärgern, nicht über sich selbst, aber weshalb sollte ihn das überraschen? Um sie abzulenken, versuchte er es mit Smalltalk. Er streckte ihr die Hand hin und stellte sich vor:

»Ich bin Captain Hook – und du?«

Sein Verstand sagte ihm, dass ein solcher Satz nie über seine Lippen kommen dürfte. Es würde auch nie wieder passieren, schwor er sich, aber er wollte sich unbedingt mit dieser unbegreiflichen Frau unterhalten. Zu seiner Überraschung formte sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht.

»Bist scharf auf mich, wie?«, stellte sie völlig korrekt fest.

Die naheliegende Antwort blieb ihm im Halse stecken. Er guckte nur albern aus der Wäsche und wartete darauf, dass sie die schwierige Frage selbst beantwortete. Gerade als er die Hand zurückziehen wollte, schlug sie ein.

»Ich bin die Tess.«

Er lachte erleichtert. »Ach so, Polanski, verstehe.«

»Gar nix verstehst du.«

»Der Film ist doch von Polanski?«

»Welcher Film?«

»Tess.«

»Und?«

»Wie – und – was meinst du?«

»Wie ist sie, deine Hollywood-Tess?«

Er erinnerte sich nur schwach an den alten Film. Die echte Tess interessierte ihn ohnehin wesentlich mehr. »Ich glaube, sie ist eine ziemlich tragische Romanfigur«, antwortete er vorsichtig. »Unerfüllte Liebe und so.«

»Stimmt genau.«

Die Antwort gab ihm neue Rätsel auf. Kannte sie die Geschichte nun oder war es ihre Geschichte? Ein tiefer Seufzer hinter der Theke unterbrach seine Gedanken. Die Hunde waren fertig. Jonas hörte, wie der Mann die Klappe des Mülleimers öffnete und etwas hineinwarf, das er sich lieber nicht vorgestellt hätte. Dann entfernten sich die beiden mit glücklichen roten Gesichtern in Richtung der sprechenden Kloschüssel.

»Hallo«, gab er ihnen grinsend mit auf den Weg.

»Die hab ich schon oft hier gesehen. Bleiben immer zusammen. Versteh ich nicht.«

»Vielleicht mögen sie sich«, wagte Jonas zu vermuten.

Tess schüttelte den Kopf. »Versteh ich nicht. Warum kommen sie dann hierher?«

»Ah – das ist eine sehr gute Frage.«

Er konnte sie auch für sich selbst nicht beantworten. Vor allem wunderte ihn, dass er immer noch da war. Schicksal vielleicht? Eine unbekannte kosmische Kraft, die ihn dazu zwang, das Geheimnis dieser Frau zu lüften?

Aus einem Durchgang, der wie das Tor zu Dantes Inferno aussah, drang plötzlich Stimmengewirr. Eine kehlige Männerstimme begann zu lachen. Die Glocken heller, weiblicher Stimmen fielen ein, dann fing jemand an, rhythmisch zu klatschen. Die Stimmen aus der ewigen Verdammnis begannen zu singen:

»Ja, mir san mit‘m Radl da …«

Der höllische Gesang kam näher. Eine erste Gestalt quoll aus dem schwarzen Schlund. Ein wohlgenährter, älterer Herr betrat fröhlich klatschend die Bar, nackt bis auf den Stringtanga. Obwohl – so genau sah Jonas nicht, was sich unter seinem Wanst verbarg. Er war der Anführer einer ausgelassenen Polonaise. Männlein und Weiblein in unterschiedlich geschmackvoller Ausstattung wechselten sich ab. Stets spuckte das Höllentor neue abenteuerliche Gestalten aus. Die Prozession wollte nicht enden. Es war zu spät für eine Flucht. Starr vor Schreck ließ Jonas den Albtraum vorüberziehen. Er wagte kaum zu atmen, bis sich die Schwingtür auf der andern Seite der Bar hinter dem Letzten schloss.

Tess schien die Irren gar nicht bemerkt zu haben. Sie setzte die Konversation dort fort, wo der Gesang sie unterbrochen hatte. »Was suchst du eigentlich im ›Forstschlösschen‹, Captain Hook?«, wunderte sie sich.

»Ich …«

Er hatte keine Ahnung, und sein Hirn war nicht mehr zu gebrauchen. Nur der idiotische Gassenhauer drehte einsame Runden in seinem Schädel.

»Tess!«, rief eine begeisterte Stimme.

Aus dem Nichts tauchte ein fröhliches Faktotum hinter dem Rücken seiner Schönen auf. Der Mann glich verblüffend Till Eulenspiegel. Nicht nur trug er eine gelbe Narrenkappe, deren Glöckchen heiter bimmelten, auch sonst steckte sein Körper ganz in einer gelben Haut bis auf ein paar strategische Ausnahmen. Jonas traute seinen Augen nicht, als der Narr Tess ohne Vorwarnung von hinten begrapschte. Seine Hände waren gleichzeitig überall, als wäre er ein perverser Tausendfüßler.

»He, Moment mal«, protestierte Jonas, sobald er die Sprache wieder fand. »Lass das, verdammt noch mal. Ich unterhalte mich gerade mit der Dame.«

Till Eulenspiegel störte das nicht. Mit breitem Grinsen hob er den Rocksaum seiner Beute und begann stumm ihren Po zu streicheln.

»Also …«

Jonas’ Stimme versagte wieder. Wütend ballte er die Rechte zur Faust und hätte im nächsten Augenblick losgeschlagen, wäre nicht Tess’ zynische Bemerkung in seinem Kopf explodiert:

»Lass ihn«, lächelte sie. »Er braucht das.«

Dabei rutschte sie etwas weiter nach hinten auf dem Hocker, um Till Eulenspiegels Spiel mit ihrem Po zu erleichtern.

»Wo waren wir stehen geblieben?«, fragte sie, als gehörte die untere Hälfte nicht zu ihrem Körper.

Jonas’ Verstand drohte vollends auszusetzen. Er öffnete den Mund, doch der klappte unverrichteter Dinge wieder zu. Ein ersticktes Röcheln war alles, was seine Kehle hergab. Der lüsterne Till hatte die richtige Position gefunden. Er schnurrte aufdringlich wie ein alter Kater. Vor Captain Hooks entsetzten Augen verschwand der ›kleine Till‹ des Komikers zwischen den rosa Hinterbacken der Frau, mit der er doch nur reden wollte.

»Ich lass ihn nur hinten rein«, beruhigte Tess.

Das war das Zeichen zum Aufbruch. Plötzlich drückte die Blase wieder und sein Magen begehrte auf. Er würgte mit letzter Kraft den Brechreiz hinunter. Hals über Kopf flüchtete er aus der Schreckenskammer. Er wusste nicht, wie er dem ›Forstschlösschen‹ heil entkommen war, aber wenig später fand er sich auf dem Parkplatz wieder. Mit weichen Knien stand er neben Patricks Wagen und sog die kühle Nachtluft gierig in seine Lungen. Die Reaktion des Sauerstoffs mit den übrigen verruchten Gasen in seinem Innern war heftig. Er hatte kaum Zeit, sich vom Wagen abzuwenden, bevor sich sein Magen unter Krämpfen entleerte.

Die Waldluft wehte die giftigen Dämpfe langsam aber sicher aus seinem Kopf. Er begann, wieder einigermaßen klar zu denken, war jedoch schlicht zu müde, sich weiter um Patrick zu kümmern. Der fremde Autoschlüssel steckte noch in seiner Tasche, also stieg er, ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, ein und fuhr Patricks Wagen durch den finsteren Forst nach Hause.

Gestüt Walpurga, Badenweiler

Der Bus passierte das Tor, über dem in schlecht lesbarer Sütterlinschrift in goldenen Lettern auf schwarzem Eisen stand, was jeder in der weiteren Umgebung des Schwarzwälder Städtchens Badenweiler sowieso wusste: ›Gestüt Walpurga‹. Der unheilschwangere Name des Holbrinck’schen Familiensitzes konnte Jonas nicht einschüchtern. Er hatte seine Walpurgisnacht hinter sich. Genau vor einer Woche war er der unbegreiflichen Tess begegnet, und seither ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Die Einfahrt zur schlossähnlichen Anlage, die man bescheiden Gestüt nannte, führte durch ein Buchenwäldchen, um einen kleinen See herum vor einen Gebäudekomplex aus hellem, karminrotem Sandstein. Klinisch saubere Blumenrabatten säumten die ausladende Freitreppe, auf der die halbe Gästeschar des ›BWpharm‹-Sommerfestes Platz gefunden hätte. Das Haupthaus musste gut und gerne zweihundert Jahre alt sein, zeigte aber eine makellose Fassade wie der frisch rasierte Lars Brüderle frühmorgens im Büro. Auch das kleine Fußballfeld vor der Treppe, wo die sechs Busse die Belegschaft ausluden, zeigte keinerlei sichtbare Spuren früheren Gebrauchs.

»Sieht aus wie Disneyland, nicht wahr?«, spottete Patrick, der hinter ihm die Treppe hinaufstieg.

Jonas überraschte die keimfreie Umgebung keineswegs. Er kannte seinen CEO Brüderle, den aktuellen Hausherrn auf Gestüt Walpurga, inzwischen gut genug, dass er sich nur fragte, wie es hier lebendige Tiere geben konnte. Eine weitere Frage drängte sich auf in der edlen Empfangshalle mit dem spiegelglatten Parkett unter reich verzierter Stuckdecke:

»Was passiert, wenn einer der Angestellten etwas fallen lässt?«, wollte er leise von seinem Freund wissen.

»So etwas ist niemals beobachtet worden«, grinste Patrick. »Es gibt allerdings eine uralte Legende …«

»Quatsch, erzähl mir lieber, was hier abgeht.«

Nach der Exkursion ins ›Forstschlösschen‹ war er vorsichtig geworden bei Einladungen an unbekannte Orte ohne genauen Plan. Diesmal blieb ihm allerdings keine Wahl. Das Sommerfest, das der CEO großzügig auf seinem Gestüt ausrichtete, war Pflicht. Besonders für Jonas, den jungen Shootingstar der Brüderle’schen Drogenküche. Seine Abwesenheit wäre wohl zuerst aufgefallen. Vielleicht ließ Lars die Angestellten mit Bussen herankarren, damit keiner unterwegs die Fliege machte. Vielleicht aber auch nur, damit nicht bunte Privatautos die strenge Ordnung auf dem Parkplatz störten.

Ein Schwarm schwarz uniformierter Serviererinnen mit weißen Spitzenhäubchen und Schürzchen reichte badischen Weißwein in kleinen Gläsern und Wasser in großen.

»Den Wein solltest du langsam trinken«, warnte Patrick flüsternd. »Nach drei Gläsern ist Schluss. Die führen Strichlisten.«

Jonas blickte ihn verdutzt an. »Das meinst du nicht ernst.«

Patrick meinte es ernst.

»Du leidest unter schwerem Verfolgungswahn«, stellte Jonas kopfschüttelnd fest.

Er leerte das embryonale Achtele in einem Zug und schnappte sich das nächste von einem Tablett in der Nähe.

Lars Brüderle begnügte sich mit einer überraschend kurzen Ansprache. Bald strömten die Gäste in den Park hinter dem Haus, in das Bierzelt, wo es zwar kein Fassbier gab, aber reichlich Schinken und eine bayrische Blaskapelle aus Stuttgart. Es war eine Art protestantisch nüchternes Oktoberfest, das der CEO hier zelebrierte. Die Unterhaltung an den langen Holztischen wurde dennoch schnell lauter und ausgelassener. Nicht einmal der obligatorische, gruppenweise Besuch der Stallungen vermochte die gute Stimmung merklich zu trüben. Da er die meisten Anwesenden nur vom Sehen kannte, benutzte Jonas die Gelegenheit, mit möglichst vielen Unbekannten ein paar Worte zu wechseln. Ganz im Sinne des Gastgebers, nahm er an. Womit sollte er seine Zeit auch sonst totschlagen?

»Wir holen die Kohle rein, die alle andern hier ausgeben«, prahlte einer vom lautesten Tisch unter beifälligem Gejohle seiner Kolleginnen und Kollegen.

»Wie macht ihr das?«, fragte Jonas naiv.

»Wir verkaufen, und zwar gnadenlos.«

Gelächter am Tisch.

Jonas spielte weiter den Unbedarften: »Was verkauft ihr denn so?«

»Na was wohl! ›CAVAXIN‹, ›XORACIN‹, ›LIPEXIN‹, was immer wir unsern lieben Kunden andrehen können.«

»Ach so«, seufzte Jonas scheinbar erleichtert. »Ihr verkauft die Medikamente, die wir produzieren. Ich fürchtete schon, ihr handelt mit Drogen.«

Die Lauten krächzten vor Vergnügen. Jonas verließ den Tisch der gnadenlosen Verkäufer. Er war zufrieden mit der Art, wie er sich bei ihnen eingeführt hatte. Mit der Zeit erschwerte die stickige Luft das Atmen. Draußen vor dem Jubelzelt verpesteten die Raucher die Landluft. Auch das brauchte er nicht. Der Zigarettenrauch trieb ihn immer weiter weg vom Festvolk. Unvermittelt fand er sich allein vor dem Stall, in dessen Boxen Brüderles Lipizzaner gelangweilt im Stroh scharrten. Die kostbaren Schimmel stellten offenbar Brüderles wahre Leidenschaft dar. Soviel hatte er auf diesem Fest immerhin gelernt. Das Tor stand halb offen. Drinnen brannte Licht. Ein Pferd schnaubte, begleitet von beruhigendem Flüstern und dem Rascheln trockenen Strohs. Er ging neugierig hinein. Im Kunstlicht und ohne geführte Gruppe wirkte der Stall bescheidener, geradezu wohnlich. Jonas beschlich das Gefühl, in den verbotenen Intimbereich von Brüderles Anwesen einzudringen. Er hörte Flüstern aus einer der hinteren Boxen, die nur schummrig beleuchtet waren. Eine zierliche Frauengestalt war dabei, einem Pferd den Schweiß mit Stroh und Decke abzureiben. Das Tier genoss die Massage sichtlich. Es warf den Kopf hoch, dass die silberne Mähne im staubigen Lichtkegel tanzte und schnaubte zufrieden dabei.

»Er scheint späte Ausritte zu mögen«, sagte Jonas lächelnd zum entzückenden Rücken.

Die Frau hielt augenblicklich inne in ihrer Arbeit. Wie zur Salzsäule erstarrt, blieb sie stehen, ohne sich ihm zuzuwenden.

»Er ist eine Sie«, antwortete sie mit einer Stimme, die ihm durch Mark und Bein fuhr, als liefe ein Kriechstrom in seinem Körper Amok.

Gebannt beobachtete er ihre Hände, die im Zeitlupentempo die hochgesteckten Haare lösten. Sie schüttelte die Mähne. Seidiger Glanz glitzerte und funkelte im Gegenlicht wie Spritzer eines blutigen Wasserfalls, als das rote Haar auf ihre Schultern fiel. Ihm drehte sich der Magen um vor Entsetzen und Wollust. Die Stimme, das Haar, der knabenhafte Körper – es durfte nicht wahr sein. Starr vor Schreck schaute er zu, wie sie sich unerbittlich langsam zu ihm umdrehte, ihm das Gesicht zuwandte, das er flatternden Herzens wiedererkannte. Das Gesicht, das seit Tagen und vor allem Nächten sein gemartertes Hirn heimsuchte, als wäre er dauernd auf LSD.

»Guten Abend Captain Hook«, grüßte die Schöne.

Sein langes Gesicht erschreckte die Stute. Sie wich unruhig zurück und stampfte ärgerlich auf den Boden. Die Frau strich ihrem Pferd sanft über die Nüstern, ohne ihn aus den Augen zu lassen.

»Ruhe, Brunhild, nur ruhig«, murmelte sie, »Captain Hook ist ein ganz Braver. Der tut dir nichts.«

Jonas hüstelte verlegen, weil ihm jedes Wort im Halse stecken blieb.

»T – Te …«

Er brach den Versuch ab, ihren Namen auszusprechen. Sie trat auf ihn zu, wieder bedrohlich in Zeitlupe wie das unabwendbare Schicksal. Schon roch er ihr feines Parfüm neben Pferdeschweiß und Stallgeruch. Er schloss die Augen, öffnete den Mund, um es nochmals zu versuchen.

»Tess«, ächzte er gequält, »was tust du hier?«

Das Schicksal kam unaufhaltsam näher, und ihm fehlte die Kraft, auszuweichen.

»Ich wohne hier«, lächelte sie. »Und du? Was führt dich in meinen Stall?«

»Dein …«

Wieder versagte seine Stimme für kurze Zeit. Er schluckte leer, während er versuchte, seine wie Derwische im Delirium tanzenden Gedanken zu ordnen.

»Dein Stall?«, wiederholte er tonlos. »Ich dachte …«

Sie stand jetzt so nahe bei ihm, dass ihn ihr Atem streifte. Willenlos ließ er es geschehen, als sie seine Hand ergriff. Den Mund ganz nah an seinem Ohr, sagte sie:

»Tess Brüderle, geborene Holzbrinck, mein Name. Und mit wem habe ich das Vergnügen, Captain Hook?«

Brüderle, Holzbrinck, die Namen hämmerten in sein Bewusstsein, als prasselten Steine auf seinen Schädel. Er konnte nicht klar denken, das verstand er in diesem Augenblick, in dem die surrealen Bilder der Walpurgisnacht im ›Forstschlösschen‹ wieder in grellen Farben zum Leben erwachten. Eines erkannte sein benebelter Geist jedoch sofort: Die Konsequenzen dieser Begegnung würden fürchterlich schmerzhaft sein, egal wie er sich jetzt verhielte. Also ließ er ihre Hand gewähren, wehrte sich auch nicht gegen den Kuss auf seine Lippen, ihre forschende Zunge in seinem Mund. Sie berührte und liebkoste ihn mit einer Intensität, als wäre sie vollkommen ausgehungert, was er sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte. Er wunderte sich nicht lange darüber, denn im Nu verlor er vollends den Verstand. Der tanzende Derwisch in seinem Kopf steigerte sich in einen rasenden Wirbel, der alle anständigen Gedanken mit Lichtgeschwindigkeit wegblies und das, was von seinem bewussten Ich noch übrigblieb, mit eiserner Faust ins Auge des Sturms drückte, wo er der lüsternen Tess schutzlos ausgeliefert war.

Der Sturm legte sich mit einem Donnerschlag, wie er begonnen hatte. Sie stand neben Brunhild, strich ihr über die Nüstern, als hätten die letzten ekstatischen Minuten nur in seiner Fantasie stattgefunden.

»Wir beide haben noch viel nachzuholen, meinst du nicht, Captain Hook?«, sagte sie mit unschuldigem Lächeln.

»Ich heiße nicht Captain Hook«, entgegnete er albern. Er war noch nicht ganz zurechnungsfähig.

Sie lachte. »Hätte ich fast gedacht, stell dir vor.«

Es war ein warmes Lachen, das ihm glühende Röte ins Gesicht trieb. Sie beobachtete ihn liebevoll, wie eine Mutter, die ihrem Kind beim Spielen zusieht.

»Du bist Lars Brüderles Gattin?«, fragte er in der vagen Hoffnung auf ein Nein.

»So steht’s auf dem Papier. Und du arbeitest für ihn, nehme ich an.«

Er nickte resigniert. »Jonas Herzog, Pharmakologe«, murmelte er. »Mann, Mann, Mann …«

Sie hatte plötzlich einen in edles Leder gebundenen Flachmann in der Hand. Lächelnd schraubte sie den Deckel ab und trank einen herzhaften Schluck der Flüssigkeit, die mit Sicherheit aus mindestens vierzig Prozent Äthanol bestand.

»Erstklassiges Wässerchen«, erklärte sie und streckte ihm die Flasche entgegen.

Er schüttelte den Kopf. »Keine gute Idee.«

»Findest du? Da bin ich anderer Ansicht. Der Schnaps reinigt von innen und ist wesentlich bekömmlicher als Seifenlauge. Dank dem Gesöff habe ich es immerhin schon viele Jahre hier ausgehalten.«

»Was wir hier tun, ist keine gute Idee.«

»Wir reden doch nur.«

»Du weißt, was ich meine. Wie soll das jetzt weitergehen mit uns?«

Als hätte er um ihre Hand angehalten, fiel sie ihm um den Hals. Sie drückte einen feuchten Kuss auf seine Lippen, dann begann sie, sein Ohrläppchen anzuknabbern. »Soll es denn weitergehen?«, hauchte sie dabei.

Jede Faser seines Körpers wollte ja schreien, doch der Verstand legte sich quer. Er befreite sich sanft von ihrer ungestümen Umarmung und hörte sich zu seinem Entsetzen sagen: »Wir dürfen uns nicht mehr sehen. Dein Mann …«

»Dem ist egal mit wem ich mich paare, solange ich mich nicht scheiden lasse.«

»Ich verstehe gar nichts mehr.«

»Brauchst du auch nicht. Ist eine lange Geschichte. Hat mit dem Holzbrinck’schen Erbe zu tun. Dafür lohnt es sich, zu leiden.«

Litt nun sie oder Lars, der CEO, oder am Ende nur er selbst? Er kapierte es nicht. Er wollte die Sache ein für alle Mal klären, bevor sie den Flachmann wieder ansetzte. Das ferne Klingeln eines Telefons hinderte ihn daran. Gleich danach hörte er die laute Stimme Lars Brüderles, der den späten Anruf gar nicht zu schätzen schien.

»Scheiße – dein Mann – was machen wir jetzt?«

»Ich würde zuerst den Hosenladen schließen«, riet sie ihm schmunzelnd.

Während er hektisch den Griff des Reißverschlusses suchte, hörte er ein Rascheln im Stroh. Er fand, was er suchte, zerrte daran wie an der Reißleine des rettenden Fallschirms. Als er aufblickte, stand er allein vor der Box. Keine Spur von Tess. Sie hatte sich in glitzernden Staub verwandelt. Nur Brunhild musterte ihn misstrauisch mit glänzenden Augen, als hätte sie im Stillen geweint.

»Hallo, jemand da?«, rief Lars Brüderle am Tor.

Jonas blieb keine Zeit, sich zu verstecken. Er hoffte inständig, dass Tess wirklich verschwunden war, und trat schicksalsergeben auf Brüderle zu.

»Ich bin’s, Dr. Herzog«, sagte er mit einer Stimme, die betont ruhig wirken sollte, aber nur überlaut daherkam.

»Dr. Herzog? Was machen Sie denn hier im Stall?«

»Entschuldigen Sie, die Tür war offen, das Licht brannte und ich hörte, dass die Pferde unruhig waren.«

Jonas beglückwünschte sich insgeheim zu dieser brillanten Ausrede, aber sein CEO traute ihr nicht. »So? Seltsam. Um welches Pferd handelt es sich?«, fragte er lauernd. Dabei blickte er sich offen nach weiteren Eindringlingen um.

»Die – wunderbare Lipizzanerstute da hinten.«

Jonas zeigte auf die Box, wo Brunhild tatsächlich wieder aufgeregt schnaubte. Seine frappante Pferdekenntnis schien Brüderle doch noch zu beeindrucken.

»Brunhild, die Stute meiner Frau«, murmelte er. »Sie ist ein wenig ängstlich.«

»Ein schönes Tier«, meinte Jonas bewundernd, obwohl er Pferde nur an der Farbe unterscheiden konnte.

»Wie alle hier«, ergänzte Brüderle säuerlich.

»Natürlich.«

Jonas beeilte sich, seinem CEO zum Ausgang zu folgen. Der blieb plötzlich stehen und drehte sich mit ernster Miene zu ihm um. »Übrigens, Dr. Herzog. Die Frage des klinischen Tests hat sich erledigt. Ich habe mit Berlin gesprochen. Ihre Argumente haben überzeugt.«

Er hätte ebenso gut Chinesisch reden können. Im ersten Moment verstand Jonas kein Wort. Gut trainiert, wie er war, antwortete er automatisch mit der passenden Floskel: »Ausgezeichnet. Das sind gute Nachrichten.«

Erst nachdem sie den Stall hinter sich hatten, sank die Neuigkeit in sein Bewusstsein. Lars Brüderle hatte soeben bestätigt, dass keine zusätzlichen, aufwendigen klinischen Tests für ihr gentechnisch hergestelltes Generikum ›XORACIN‹ nötig waren. Anders ausgedrückt: Sein Projekt war auf der Zielgeraden zum totalen Triumph. Freuen mochte er sich nicht darüber. Vielleicht später. An diesem Abend machte er sich zu große Sorgen um seine Tess.

Kapitel 3

Gestüt Walpurga, Badenweiler

Tess rieb sich verwundert die Augen. So früh am Morgen zu erwachen war ungewöhnlich genug, aber ohne Kater? Wie lange lag ihr Flachmann schon leer in der Nachttischschublade? Sie war im Begriff, sich zu verändern. Jetzt, da die Tage schnell kürzer wurden und die ersten Frostnächte vor der Tür standen, begann in ihrem Kopf der Frühling. Blumenwiesen verbreiteten ihren betörenden Duft und laue Lüftchen wehten den abgestandenen Alkoholdunst nach und nach aus ihren Poren. Nicht dass sie ganz aufs Trinken verzichtete, beileibe nicht. Aber die kostbaren, witzigen und romantisch verliebten Telefonate und Kurznachrichten ihres herzergreifend unverdorbenen Jonas am Abend im Bett wiegten sie so sanft in den Schlaf, dass sie den betäubenden Schlummertrunk regelmäßig vergaß. Der Frühling machte auch das Leben im goldenen Käfig des Familiensitzes überraschend erträglich. Selbst im Haus konnte sie vollkommen nüchtern sein und trotzdem frei atmen. In diesem schrecklichen Haus, wo die Perfektion des selbstgerechten Stiefvaters und seiner noch vollkommeneren Mutter Walpurga wie ein einziger giftiger Vorwurf aus jeder Mauerritze, den Tapeten, kostbaren Teppichen, antiken Möbeln, piekfein glänzenden Wasserhähnen, ja gar aus dem schweren Tafelsilber kroch.

Sie schlug die schwarz seidene Bettdecke zurück, küsste das Handy mit dem Morgengruß ihres Geliebten und stellte sich unter die Dusche, deren warmer Tropenregen sie wieder erfrischte wie früher, nicht nur weckte, seit sie Jonas kannte. Der einzige Nachteil des neuen Lebensrhythmus bestand darin, dass sich die Begegnungen mit Lars am Frühstückstisch häuften. Seit der alte Hubert die meiste Zeit in Italien verbrachte und sie ihm nicht mehr täglich die intakte Ehe vorspielen musste, hatte sie kaum ein Wort mit Lars gewechselt. Er versuchte es immer wieder, weil er als ehemaliger Staranwalt nichts anderes gelernt hatte als Theater zu spielen, doch seine Themen interessierten sie nicht. Außer einem, bei dem sie sich regelmäßig in die Haare gerieten. An diesem schönen Frühlingsmorgen, wo draußen ein Herbststurm die letzten Blätter von den Bäumen fegte, war es wieder soweit.

»Irgendwann müssen wir es ihm sagen«, murmelte Lars, bevor er sein Dreiminutenei mit einem präzisen Hieb köpfte.

»Was meinst du?«, fragte sie, obwohl sie genau wusste, wovon er sprach.

»Er hat ein Recht darauf, zu erfahren, dass wohl nichts wird mit dem Nachwuchs.«

»Musst du am frühen Morgen damit anfangen?«

»Wann sonst? Wir sehen uns ja nie mehr.«

Sein Ton ließ sie aufhorchen. Er hörte sich an, als bedauerte er diesen Umstand außerordentlich.

»Wir müssen es Hubert schonend beibringen, das ist dir doch klar?«

Tess lachte verächtlich. »Du meinst, mein protestantischer Stiefvater verträgt die simple Wahrheit nicht, dass man nur vorne schwanger wird?«

Lars senkte den Blick und löffelte das Ei bedächtig aus, bevor er ruhig weitersprach: »Wir müssen einen plausiblen Grund finden, den Hubert akzeptieren kann, sonst ist er imstande, das Testament zu ändern. Ich meine, das wollen wir beide nicht.«

»Hast Angst, das vorgezogene Erbe zurückzahlen zu müssen, wie?«

»Darum geht es doch nicht …«

»Genau darum geht es«, brauste sie auf. »Du willst ihm weismachen, wir könnten keine Kinder kriegen. Dass ich nicht will, ist euch beiden scheißegal. Vielleicht fürchtest du, dass ich dir bei meinem katholisch sündigen Lebenswandel eines Tages einen Bastard ins Nest setze, einen wie mich.«

»Hör auf …«, protestierte er. Der Rest blieb unausgesprochen.

Sie stand wütend auf. Die Bedienung hatte sich diskret zurückgezogen, als der Streit ausbrach, also goss sie sich selbst Kaffee nach aus der verhassten Silberkanne in der Mitte der langen Tafel. Ihr Handy piepste. Ihr Gesicht hellte sich auf, als sie die SMS las.

»Wieder dieser Hook?«, fragte Lars lauernd.

Überrascht ließ sie das Handy fallen. »Was – woher …«

»Ich bin nicht blind, Tess. Du lässt dein Telefon überall liegen, da konnte ich gar nicht anders, als ein-, zweimal einen Blick darauf werfen.«

Sie schäumte. »Ja sicher«, rief sie aufgebracht. »Der überkorrekte Herr Brüderle spioniert seiner Frau nach. Ich dachte, wir lassen uns unsern Freiraum, schon vergessen? Vielleicht sollten wir das schriftlich in einem Vertrag regeln. Du kennst sicher einen guten Anwalt.«

Er ließ sie toben, hielt es nicht für nötig, sie zu unterbrechen. Der Blick, den er ihr zuwarf, sagte deutlich genug: Bist du fertig? Warum schaffte er es immer wieder, sie zu provozieren? Sie kannte die Antwort, aber sie nützte ihr nichts. Er war trainiert, die schwachen Punkte anderer Leute zu erkennen und sie dann mit wenigen Worten bis aufs Blut zu reizen. Das war sein Lebensinhalt. Er konnte wahrscheinlich gar nicht anders. Seine nächste Frage nach einer Minute knisternden Schweigens passte genau in dieses Schema:

»Wie lange geht das schon mit diesem Hook?«

Als ob ihn je interessiert hätte, mit wem sie herumhurte. Statt ihm diese Wahrheit erbost an den Kopf zu werfen, antwortete sie mit provozierendem Lächeln: »Bald drei Monate.«

Er stutzte.

»Das hast du nicht erwartet«, freute sie sich.

»Muss ich mir Sorgen machen?«

»Sorgen?«

»Am Ende verliebst du dich in den Kerl.«

»Seit wann interessieren dich meine Gefühle?«

»Du hast keine Ahnung. Ich zähle jedenfalls auf deine Diskretion. Das Gestüt hat viele Augen, auch wenn dein Vater nicht mehr hier wohnt.«

»Stiefvater«, korrigierte sie ärgerlich und kehrte der reich gedeckten Tafel den Rücken.

Freiburg

Jonas war kein Geschäftsmann. Er besaß keinen Riecher für profitable Geschäfte. Deshalb war er Forscher geworden, wollte nie etwas anderes sein. Aus demselben Grund dachte er keine Sekunde daran, Vorteile für sich und seine Arbeit aus der Tatsache zu ziehen, dass er durch Zufall in den innersten Kreis des Holzbrinck-Brüderle-Imperiums vorgestoßen war. Sein Interesse galt einzig und allein Tess, der Person, die ihn bei jeder Begegnung mit einer neuen Facette überraschte, als wüsste sie selbst nicht, wer sie sein wollte. Sie war der einsamste Mensch, dem er je begegnet war, soviel hatte er verstanden. Und sie war die erste Frau, mit der er den Rest seines Lebens verbringen wollte. So einfach war das und so unmöglich.

Er dachte nicht an diese hoffnungslose Zukunft, als er an diesem kalten Morgen, später als sonst, an der uralten Linde vorbei die Herrengasse hinauf schritt zum Stadtgarten, hinter dem das Gelände der ›BWpharm‹ lag. Fröstelnd schlug er den Mantelkragen hoch, um die eiskalten Ohren zu wärmen. Die Rollläden der Geschäfte waren hochgezogen, stellte er erstaunt fest. Wenn er sonst hier vorbeikam, brannte höchstens im Bäckerladen Licht und das Wasser im Bächle war sein einziger Begleiter. Er war wirklich spät dran. Zu spät für die Sitzung beim CEO. Es spielte keine Rolle mehr. Die mutierten Bakterien produzierten den ›XORACIN‹-Wirkstoff auch ohne ihn. Die kritische Phase war überwunden, das Projekt ein Selbstläufer. Seine Gedanken beschäftigten sich nun mit einem ganz andern Projekt, dem wichtigsten seines jungen Lebens. Er musste Tess aus ihrer Isolation befreien. Sein Herz ließ ihm keine andere Wahl. Später bliebe noch genügend Zeit, sich mit der Zukunft zu befassen.

»Lars will dich sprechen«, sagte Patrick zur Begrüßung, als er die Tür zum Büro öffnete.

»Dr. Brüderle möchte dich sprechen, sofort«, verkündete seine Sekretärin mit forschendem Blick, kaum hatte er den Mantel aufgehängt.

»Ich weiß. Irgendeine Vermutung, was er will?«

Sie schüttelte den Kopf. »Es klang nur ziemlich dringend.«

»Ist Hauser bei ihm?«

Wieder Kopfschütteln. »Dr. Hauser hat einen Kundentermin.«

Sie musste es wissen, denn sie kontrollierte auch Hausers Terminkalender. Brüderle wollte ihn also persönlich unter vier Augen sprechen. Etwas beunruhigt betrat er das Büro des CEO.

»Sie sind ja doch da, gut«, stellte Brüderle trocken fest. Es war kein Vorwurf, nur eine deutliche Frage.

Jonas hustete rau, bevor er seine vorbereitete Antwort vorbrachte. Er laberte etwas von aufziehender Erkältung und erhöhter Temperatur.

»Ich gehe davon aus, dass Sie nicht einfach verschlafen haben«, bemerkte Brüderle ohne einen Anflug von Ironie.

Jonas stand der Sinn nicht nach Konversation. »Sie wollten über die ›XORACIN‹-Zulassung sprechen?«, vermutete er, um die Sache abzukürzen.

»Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Diese Sache ist auf gutem Weg. Schließlich bleibt das Prozedere sozusagen in der Familie.«

»Wie darf ich das verstehen?«

»Staatssekretärin Trauttmannsdorff im Gesundheitsministerium heißt mit vollem Namen Margarethe von Holzbrinck-Trauttmannsdorff.«

»Sie ist die …«

Jonas stockte erschrocken. »Mutter von Tess«, lag ihm auf der Zunge. Im letzten Moment korrigierte er die Frage:

»Die Gattin des Patrons?«

Brüderle nickte.

»Verstehe«, schmunzelte Jonas. »Praktisch.«

Der CEO reagierte mit keiner Faser auf die ironische Bemerkung, jedenfalls nicht äußerlich. Für ihn war die enge, familiäre Beziehung zum wichtigen Gesundheitsministerium in Berlin nichts weiter als eine geschäftliche Notwendigkeit.

Brüderle kehrte zum Sachthema zurück: »Dr. Hauser bestätigte mir in der Sitzung, dass Sie den Terminplan einhalten können. Ist das so?«

»Absolut. Der Meilenstein wird eingehalten, sofern keine weiteren Anforderungen aus Berlin eintreffen.«

Brüderle schüttelte energisch den Kopf. »Das wird nicht geschehen.«

Jonas versuchte es nochmals mit Ironie: »Die Wissenschaft hat ihren Zweck erfüllt. Somit werde ich bald arbeitslos sein«, lächelte er.

Diesmal reagierte Brüderle, allerdings nicht so, wie er erwartete: »Das hängt ganz von Ihnen ab«, meinte er.

Jonas sah ihn verständnislos an.

»Ich meine, ob Sie arbeitslos werden, liegt ganz bei Ihnen«, wiederholte Brüderle und beobachtete ihn dabei mit dem Pokerface des beinharten Anwalts.

»Gibt es Beschwerden über meine Arbeit?«

»Mir nicht bekannt. Wir alle hier schätzen Ihre Arbeit«, versicherte Brüderle.

»Dann kann ich ja beruhigt sein«, murmelte Jonas ärgerlich. Er war des Rätselratens müde und wandte sich zum Gehen. »War das alles, Dr. Brüderle?«

Die Audienz war keineswegs zu Ende. Mit der stets gleichen, undurchdringlichen Miene stellte Brüderle die Frage, die Jonas zuletzt aus seinem Mund erwartet hätte:

»Was sagt Ihnen der Name Hook?«

Die Zeit blieb stehen. Seine Kinnlade fiel herunter, dann bewegte sich gar nichts mehr. Erst als er wieder Sauerstoff in den Lungen brauchte, begann sich die Erde langsam weiterzudrehen.

»Hook? Ich – weiß nicht …«, stotterte er.

»Sie müssen diesen Hook ganz gut kennen«, stellte das Pokerface ruhig fest. »Hook sendet nämlich laufend anzügliche SMS unter Ihrer Handynummer an meine Frau.«

Jonas schoss heißes Blut in den Kopf. Er musste glühen vor Schamröte. Sprachlos wie ein ertappter Erstklässler vor dem Lehrer, stand er vor seinem obersten Chef. In Sekundenschnelle wandelte sich die Scham in Zorn. Zorn über seine eigene Dummheit, über Brüderles Dreistigkeit, mit der er offenbar seine Frau überwachte, obwohl die Ehe nur auf dem Papier bestand, und Wut über das beschissene Leben seiner Tess auf dem unseligen Gestüt Walpurga. Der ganze Dreck wäre aus ihm herausgebrochen, hätte nicht Brüderle in diesem Augenblick zu seinem eindringlichen Monolog angesetzt.

»Hook muss eines wissen«, sagte er mit Grabesstimme, ohne auch nur einen einzigen unnötigen Gesichtsmuskel zu bewegen. »Meine Frau Theresa ist psychisch sehr labil. Sie sucht manchmal die Nähe anderer Menschen, fremder Männer, weil sie krankhaft unsicher ist. Sie sucht Bestätigung. Findet sie diese nicht, geschieht die Katastrophe. Schon mehrmals hat sie sich kaum mehr von diesen Schocks erholt. Es ist eine Krankheit, gegen die es keine Pille gibt. Man kann nur vorbeugen, indem man sie in ihrer eigenen Welt in Ruhe lässt, verstehen Sie? Sagen Sie das diesem Hook. Und noch etwas: Sollte ich feststellen, dass Theresa wieder auf eine solche Katastrophe zusteuert, werde ich den oder die Verantwortlichen mit der ganzen Härte des Gesetzes zur Rechenschaft ziehen. Ich bin Anwalt. Ich kenne mich aus. Sagen Sie auch das Ihrem Freund Hook. Das ist alles.«

Brüderle nahm die Unterschriftenmappe aus dem Eingangskörbchen und setzte seine tägliche Routinearbeit fort, als wäre er nie unterbrochen worden.

Jonas konnte keinen klaren Gedanken fassen, fand kaum den Ausgang und torkelte den Korridor hinunter zu den Aufzügen wie ein angezählter Boxer, der sich kaum auf den Beinen halten kann. Es war der Tag, an dem er zum ersten Mal einen Anruf von Tess nicht entgegennahm und keine ihrer Kurznachrichten beantwortete. Seine Zukunft begann früher, als ihm lieb war.

Gestüt Walpurga, Badenweiler

»Soll ich den Kaffee auftragen, Madame?«

Tess blinzelte, schloss die Augen sofort wieder. Das grelle Licht tanzte weiter in ihrem Schädel, als freute es sich über ihren elenden Zustand. »Wie spät ist es?«, ächzte sie heiser mit trockenem Mund.

»Drei – Sie haben geklingelt.«

Sie tastete nach dem Flachmann auf dem Nachttischchen. »Leer«, murmelte sie und hielt der Bediensteten die Flasche hin.

»Soll ich das Bad einlassen, Madame?«

Sie drehte sich auf die andere Seite, gab einen Laut von sich, den das Dienstmädchen als Ja verstand, und vergrub den Kopf im Kissen. Das Rauschen des Wassers drang gedämpft in ihr Ohr. Es hörte sich an, als liefe die neu gewonnene Lebensfreude in einem Sturzbach aus ihrem Körper. Der alte Schnapsnebel machte sich wieder in ihren grauen Zellen breit. So ließ sich der jähe Verlust der blühenden Wiesen und lauen Frühlingslüftchen besser ertragen. Seit Tagen versuchte sie Jonas zu erreichen, sprach nur noch mit seiner Mailbox. Kein Morgengruß wartete auf dem Display des Handys, wenn sie aufwachte. Wozu überhaupt aufwachen unter diesen Umständen? Alles war wieder so sinnlos wie vor ihrer Begegnung mit ihm. Das Dienstmädchen ließ sich Zeit mit dem Wodka, also schleppte sie sich mühsam ins Bad. Die ätherischen Öle des Badezusatzes erregten Übelkeit, aber der stechende Geruch wehte wenigstens einen Teil des Selbstmitleids aus ihrem Kopf. Ihre Gedanken begannen, sich neu zu ordnen. Der Entschluss, Klarheit zu schaffen – heute, jetzt, sofort – drängte sich in den Vordergrund. Jonas sollte ihr ins Gesicht sagen, weshalb er plötzlich nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Sie musste ihr Schicksal endlich selbst in die Hand nehmen. Alkohol war nicht die Lösung, hämmerte der Verstand ihr ein. So sehr, dass sie den Flachmann vergaß, noch ehe sie aus dem Bad stieg.

Zehn Minuten später saß sie in ihrem blauen E-Klasse-Cabrio, unterwegs nach Freiburg. Sie fuhr direkt zur ›BWpharm‹. Das Bürogebäude, in dem Jonas und Lars arbeiteten, betrat sie zum ersten Mal.

»Wo finde ich Dr. Herzog?«, herrschte sie die Empfangsdame an, ohne sich vorzustellen.

»Wen darf ich melden?«, fragte die Angestellte höflich. Erst auf den zweiten Blick erkannte sie, wer vor ihr stand. »Oh mein Gott«, murmelte sie erschrocken. »Entschuldigen Sie, Frau Brüderle, nur einen Augenblick.«

Hastig griff sie zum Telefon, wählte und sprach so leise in den Hörer, dass Tess nur ihren Namen verstand.

»Sie werden gleich abgeholt«, versicherte die Dame mit einem nervösen Blick zu den Aufzügen.

Tess brauchte nicht lange zu warten. Mittlerweile nagten keine Selbstzweifel mehr an ihr, nur noch die Stinkwut auf Jonas. Eine Lifttür öffnete sich mit heiterem Glockenton, als frohlockte sie: Seht her, hier ist er. Sie war bereit, sich auf den Mann zu stürzen, der ihr neues Elend zu verantworten hatte – und stutzte. Lars trat aus dem Aufzug.

»Tess, welche Überraschung«, grüßte er ganz ohne überflüssiges Lächeln.

»Wo ist er?«, schnauzte sie ihn an, als steckte er mit seinem Nebenbuhler unter einer Decke.

»Wen meinst du, meine Liebe?«

Seine geschwätzige Ausdrucksweise stieß ihr sauer auf. Ein simples »Wer?« hätte genügt, aber auch das wäre zuviel gewesen, denn er wusste ganz genau, von wem sie sprach.

»Jonas, verdammt noch mal«, rief sie zornig.

»Wir sollten das im Büro besprechen.«

Ihr unerwartetes Erscheinen und der laute Auftritt schienen den perfekten Lars erheblich zu verunsichern. Vielleicht war sie ihm einfach nur peinlich. Auch gut.

Er trat einen Schritt auf sie zu und flüsterte eindringlich: »Mach hier bitte keine Szene.«

»Ich will dir deine kostbare Zeit nicht stehlen. Sag mir einfach, wo ich Jonas finde.«

Er zeigte fast flehend auf den Lift. »Fahren wir nach oben – bitte.«

Sie blickte weder links noch rechts, erwiderte keinen Gruß, während sie ihm zu seinem Büro auf der obersten Etage folgte. Sobald die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, änderte sich seine Haltung. Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich. Stumm bot er ihr Platz an auf dem Sofa, wo sonst die Besprechungen mit dem privilegierten Personal stattfanden.

Sie blieb stehen, fragte noch einmal: »Wo ist er?«

Sein kalter Blick streifte sie. »Was willst du von Hook?«

Sie sparte sich Ausflüchte, um nicht Gefahr zu laufen, dass ihr Ärger verrauchte. »Gratuliere zu deiner Kombinationsgabe, Sherlock Holmes«, entgegnete sie trocken.

Er zeigte keine Regung. Seine nächste Frage traf sie unerwartet und genau in ihre blutende Wunde: »Hat er dich versetzt?«

Genauso gut hätte er ihr die Faust in den Magen rammen können. Ihr Atem stockte und der Schmerz fuhr ihr in die Glieder, dass sie sich doch noch setzen musste.

»Was weißt du schon«, wisperte sie schließlich tonlos.

»Du wirst verstehen, dass ich deiner Beziehung mit meinem Angestellten Herzog nichts Positives abgewinnen kann. Aber ich sehe, wie du leidest …«

»Einen Scheiß siehst du! Du hast keinen Schimmer, wie es in mir drin aussieht.«

»Mag sein«, gab er zu, »aber hast du dich nie gefragt, warum er sich an dich herangemacht hat?«

»Jonas hat sich nicht an mich rangemacht«, brauste sie auf. »Er hat …«

»Er hat dich ausgenutzt. Er hat bekommen, was er wollte. Jetzt braucht er dich nicht mehr. Je eher du das begreifst, desto besser für dich.«

Sie fand keine Worte, starrte ihn nur hilflos an. Seine nüchtern vorgetragene Anschuldigung schmerzte so sehr, dass sich alles in ihrem Kopf zu drehen begann. Jonas hatte sie geliebt, das wusste sie. Kein Mann kann eine Frau so täuschen. Ausgenutzt? Unmöglich. Sie waren glücklich.

Lars hieb gnadenlos weiter in die Bresche: »Was hat er in der Bibliothek gesucht? Hast du dir das mal überlegt? Er hat dich doch in der Bibliothek beglückt, nicht wahr?«

»Hast du heimlich zugesehen? Hat’s Spaß gemacht?«

Sie war außer sich. Weniger wegen seiner emotionslos vorgetragenen Anklage, als wegen der treulosen Dienstboten auf Gestüt Walpurga. Woher sonst sollte Lars von ihrem Abenteuer in der Bibliothek erfahren haben?

»Auf jeden Fall war jemand an meinen Papieren, und ich denke, du weißt genau, wen ich meine.«

»Lächerlich!«, rief sie entrüstet aus und sprang auf.

Sie versuchte krampfhaft, sich an Einzelheiten der Nacht in der Bibliothek zu erinnern. So sehr sie sich auch anstrengte, ihr Gedächtnis gab nur das alles überstrahlende Gefühl preis, das sie mit den glücklichen Stunden verband: der erfrischende Schock, seit Langem wieder richtig zu leben in einem Rausch bedingungsloser Hingabe, der ihr manchmal beinahe die Besinnung raubte. Wie sollte sie sich da gemerkt haben, was sonst noch geschah in jener Nacht?

»Offenbar hat er gefunden, was er suchte«, fuhr Lars unerbittlich fort, »sonst hätte er dich nicht fallen lassen. Mach endlich die Augen auf, Tess. Er ist es nicht wert. Wer weiß, was er noch alles im Schilde führt. Wir beobachten ihn sehr genau.«

Die Ungeheuerlichkeit dieser nüchternen Feststellung schnürte ihr die Kehle zu. Blass, mit versteinerter Miene, vermochte sie nur ihre Frage zum dritten Mal herauszuwürgen: »Wo ist er?«

»Nicht im Haus.«

Lars beugte sich vor, versuchte ihr in die Augen zu schauen, doch sie erwiderte seinen Blick nicht, sah durch ihn hindurch.

»Tess, lass es, ich flehe dich an. Komm, ich fahre dich nach Hause.«

»Welches Zuhause?«, murmelte sie tonlos.

Sie drehte sich auf ihren Absätzen und ging. An der Tür versuchte er, sie aufzuhalten. Sie stieß ihn weg wie einen Müllsack, der den Weg versperrt.

»Dr. Herzog«, rief die Empfangsdame aufgeregt, als Jonas den Aufzug betreten wollte.

Erstaunt trat er an ihr Pult. »Ja?«

Sie erhob sich, beugte sich vor, um leise sprechen zu können. »Entschuldigen Sie, Dr. Herzog, ich glaube, ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht.«

Die Dame machte einen verstörten Eindruck. »Was ist passiert?«, fragte er mit einem Lächeln, das sie beruhigen sollte.

»Frau Brüderle – ach Gott, es tut mir so leid.« Sie musste erst Atem schöpfen, bevor sie weitersprechen konnte. »Frau Brüderle war hier und …«

»Hier, in der Firma?«, rief er überrascht.

»Ja, sie kommt sonst nie hierher. Sie schien sehr aufgebracht und hat verlangt, Sie zu sehen. Da Sie nicht im Haus waren, habe ich Dr. Brüderle gebeten …«

»Oh mein Gott. Mich wollte sie sprechen?«

»Ja, aber sie fuhr mit ihrem Mann hinauf ins Büro. Sie haben sich gestritten. Nach einer Weile ist sie ganz aufgelöst aus dem Haus gestürmt. Verzeihung, ich weiß, ich hätte Sie anrufen sollen. Ich konnte nicht wissen …«

»Beruhigen Sie sich. Sie haben nichts falsch gemacht.«

Die Floskel hörte sich selbst in seinen Ohren reichlich hohl an. Natürlich konnte sie nicht wissen, wie es um sein unseliges Dreiecksverhältnis stand. Es musste Tess enorme Überwindung gekostet haben, ihn in diesem Haus aufzusuchen, das sie verabscheute wie alles, was mit dem Namen Holzbrinck zusammenhing. War er doch mehr als eine ihrer Affären, die Brüderle angedeutet hatte? Er wollte es aus ihrem Munde hören.

»Wo ist sie jetzt?«, fragte er in Gedanken versunken.

Die Empfangsdame schüttelte traurig den Kopf. »Ich weiß es nicht. Wie gesagt, sie ist aus dem Haus gestürmt, als würde sie fliehen, dann fuhr sie mit ihrem Wagen davon.«

Jonas murmelte ein »Danke schön« und eilte zurück zur Garage. Auf der Fahrt nach Badenweiler versuchte er vergeblich, sie ans Telefon zu bekommen. Sie musste das Handy ausgeschaltet haben. Vermutlich wollte sie nicht durch Anrufe von Lars belästigt werden. Er drückte aufs Gas, fuhr hart am Limit, denn er spürte, dass Tess in Gefahr war. In einem gab er Brüderle recht: Sie war labil, konnte nicht mit Ausnahmesituationen umgehen. Manchmal kam sie ihm vor wie ein Schaf oder ein Reh, ein Fluchttier, das sich Konflikten nicht stellte, sondern vor ihnen flüchtete. In den Alkohol, in fragwürdige Abenteuer oder Schlimmeres. Er parkte den Wagen unmittelbar vor der Treppe des Haupthauses. Die Zeit der Diskretion war vorbei, der Konflikt mit Lars Brüderle offen ausgebrochen. Er brauchte nicht mehr heimlich über Wald und Weide aufs Gestüt zu schleichen. Jetzt begann der Kampf um Tess im hellen Tageslicht und mit nackter Faust.

»Wo ist Tess?«, fragte er den Butler, der ihm die Tür öffnete.

Sein scharfer Befehlston ließ keinen Zweifel offen, dass er nur an der Antwort auf diese Frage interessiert war. Der Bedienstete versuchte gar nicht erst, Unverständnis zu markieren.

»Sie – Frau Brüderle ist weggefahren«, antwortete er ohne Umschweife.

»Wann?«

»Kurz nach drei.«

»Seither ist sie nicht zurückgekehrt? Sind Sie sicher?«

»Nein – ja – ich meine, ich bin sicher, dass sie nicht wiedergekommen ist.«

»Wohin ist sie gefahren?«

Der Butler zuckte die Achseln. »Wenn ich ihr etwas ausrichten …«

Er stockte, denn Jonas sprang schon wieder die Treppe hinunter. Im Wagen durchwühlte er hastig das Handschuhfach auf der Suche nach dem rosa Kärtchen, das er seinerzeit eingesteckt hatte. Fluchend räumte er das Fach aus, griff in die Seitentaschen der Türen, bis er sich plötzlich erinnerte. Er suchte im falschen Auto. Damals im ›Forstschlösschen‹ waren sie mit Patricks Wagen unterwegs gewesen. Verärgert fuhr er ab. Während der Fahrt durch das Wäldchen zur Landstraße versuchte er sich zu erinnern, welchen Weg er seinerzeit gefahren war. Müllheim lag in der Nähe, an diese Ortstafel erinnerte er sich. Tess telefonisch zu erreichen, hatte er aufgegeben. Das ›Forstschlösschen‹ war seine letzte Hoffnung. Es war ihr Zufluchtsort gewesen, bevor sie ihn kennengelernt hatte. Ironischerweise war es das zweifelhafte Verdienst ihres Mannes, sie dort eingeführt zu haben. Jonas schmunzelte unwillkürlich, als er daran dachte, wie sie ihm die Geschichte erzählt hatte. Es ging um ein großes Geschäft mit osteuropäischen Partnern, soweit sie sich erinnerte. Die teure Einladung ins ›Forstschlösschen‹ war eine Idee der Marketingabteilung, um die Geschäftsfreunde milde zu stimmen. Eine Idee, die bestens funktionierte. Zum blanken Entsetzen des prüden Lars Brüderle entpuppten sich die Begleiterinnen seiner Geschäftspartner schnell als professionelle Huren, die sich zudem glänzend mit Tess verstanden. Was musste Lars an jenem Abend gelitten haben. Die schummrigen Grotten des ›Forstschlösschens‹ mit ihrer schrägen Bevölkerung konnte ein aufrechter Protestant wie Brüderle nur als Brueghel’sche Hölle empfunden haben. Aber er hielt durch bis zum Schluss, wie Tess lachend berichtete. Es ging um viel Geld.

Endlich fand er die Straße, die abrupt in einen Feldweg mündete. Der unbefestigte Untergrund zwang ihn, die Geschwindigkeit zu drosseln. Langsam, viel zu langsam fuhr er in den Wald hinein, sah die unauffällige Abzweigung und parkte kurz danach vor dem Forsthaus, das sich Schlösschen nannte. Der Abend war noch jung. Nur drei Autos standen auf dem Parkplatz. Den blauen Mercedes kannte er. Er atmete erleichtert auf. Sie war da.

Milan nickte ihm freundlich zu und ließ ihn eintreten, ohne nach dem rosa Kärtchen zu fragen. Der Mann musste ein phänomenales Personengedächtnis haben. In der Eingangshalle trat die Hausherrin auf ihn zu, deren Gedächtnis offenbar genauso gut funktionierte.

»Captain Hook«, grüßte sie mit strahlendem Lächeln, das ihre Zähne entblößte, als wollte sie in seine Nase beißen.

Schnell streckte er ihr die Hand entgegen, um sie auf Abstand zu halten. »In der Tat, Frau Juliane. Heute bin ich allerdings nicht zum Vergnügen hier. Ich muss dringend mit der jungen Frau sprechen, die vor etwa zwei Stunden mit dem blauen Mercedes hier eingetroffen ist. Sie nennt sich Tess. Ist sie drin?«

Juliane machte ein ernstes Gesicht. »Bedaure, aber wir legen größten Wert auf Diskretion, wie Sie wissen. Ich darf keine Auskunft über unsere Gäste geben. Aber wenn Sie eintreten möchten …«

»Nein, ich muss nur Tess dringend sprechen, verstehen Sie?«

Sie schien nicht zu verstehen. Die Frau zerrte an seinen Nerven. Er überlegte, ob er sie einfach ignorieren und Tess suchen sollte. Dabei riskierte er zumindest ein paar blaue Flecke und möglicherweise eine gebrochene Nase. Bereits streckte Milan den Kopf zur Tür herein.

»Alles in Ordnung?«, fragte er mit einem misstrauischen Blick auf Jonas.

Plötzlich wusste er, wie er die gute Juliane überzeugen konnte. »Hören Sie«, sagte er in vertraulichem Ton. »Es ist eine äußerst heikle Angelegenheit. Tess sollte eigentlich eine Therapie beginnen – Alkohol, Sie wissen schon. Da ist sie seit Tagen nicht erschienen. Jetzt lässt sie ihr Mann polizeilich suchen. Früher oder später werden die hier auftauchen und alles auf den Kopf stellen.«

»Was sagen Sie da?«, platzte Juliane aufgeregt heraus, dass ihr Mieder Mühe hatte, den wogenden Busen zurückzuhalten. »Polizei? Das fehlt uns gerade noch.«

»Eben. Diese Peinlichkeit will ich auch Tess ersparen. Ich möchte sie so schnell wie möglich diskret von hier wegbringen. Das verstehen Sie doch?«

Polizei, diskret, diese Sprache verstand Juliane ausgezeichnet. »Sie ist wahrscheinlich unten in der Bar«, murmelte sie hastig. »Kommen Sie.«

Die wenigen Gäste befanden sich erst in der Aufwärmphase. Sie vergnügten sich am Büfett im Foyer des Theaters. Tess war nirgends zu sehen. Die Grotten, Käfige und ausgeklügelten Apparaturen, an denen sie vorbeikamen, warteten noch auf die ersten Gäste. Die Bar machte den gleichen, verlassenen Eindruck, bis er die Schuhe sah, die hinter der Theke hervorguckten. Der Anblick versetzte ihm einen Stich ins Herz, denn er kannte die schwarzen High Heels.

»Tess!«, rief er von panischer Angst ergriffen und stürzte sich hinter die Theke.

Sie lag reglos am Boden, das Gesicht in einer kleinen Blutlache. Es stank nach Erbrochenem und Alkohol. Eine Hand umklammerte noch den Hals der zerbrochenen Wodka-Flasche, deren Splitter verstreut um sie herumlagen wie höhnische Grabbeigaben. Jonas fiel auf die Knie, drehte ihren Kopf behutsam zur Seite, fühlte ihren Puls, während er ihr das Haar liebevoll aus dem Gesicht strich. Unfähig zu sprechen, wartete er atemlos auf ein Lebenszeichen. Er beugte sich über sie, bis sein Ohr ihre blutverschmierte Nasenspitze berührte. Er glaubte, ihren Atem zu spüren. Seine Finger fanden endlich die richtige Stelle an ihrem Hals. Ihr Herz schlug schwach, aber es schlug.

»Sie lebt!«, krächzte er heiser. »Ein Arzt! Wir brauchen einen Krankenwagen, schnell!«

Juliane beobachtete die Szene wie gelähmt, doch jetzt erwachte sie aus ihrer Starre. Jonas sah zu, wie sie das Telefon aus ihrem Mieder kramte, dann beugte er sich wieder über seine Tess. Er konnte nicht mehr für sie tun, als sie richtig zu lagern, ihr ein weiches Kissen unter den Kopf zu schieben, sie warm zuzudecken. Sie atmete regelmäßig, reagierte aber nicht auf seine Versuche, mit ihr zu sprechen. Unendlich erleichtert stellte er fest, dass sie nicht verletzt war. Das Blut stammte von Nasenbluten, das inzwischen aufgehört hatte. Einmal schlug sie kurz die Augen auf. Er konnte nicht feststellen, ob sie ihn erkannte. Auch wenn sie nicht mit ihm sprechen konnte, ihr trauriger Anblick war Anklage genug. Er war schuld an ihrem Absturz, da gab es für ihn keinen Zweifel. Dass er sie gerade noch früh genug entdeckt hatte, bevor sie an ihrem eigenen Erbrochenen erstickte, tröstete ihn kaum. Er erkannte in den langen Minuten, während sie auf den Notarzt warteten, dass sie auf ihn angewiesen war. Er war verantwortlich für dieses zerbrechliche Wesen, das sich oft nur hinter dem Panzer des Zynismus versteckte. Die Beinahekatastrophe öffnete ihm die Augen. Er erkannte die Aufgabe, und er würde seine Verantwortung wahrnehmen, denn er liebte sie. Daran änderten auch keine Heiratsurkunden und Eheverträge irgendetwas.

Wie in Trance fuhr er hinter dem Rettungswagen durch die Nacht. Nebelschwaden reflektierten das blinkende Blaulicht, als ginge ein stilles Gewitter nieder über die schlafende Landschaft am Rande des Schwarzwalds. In der Uniklinik setzte er sich an ihr Bett und wich keine Sekunde von ihrer Seite, bis sie die Augen erneut aufschlug.

»Jonas«, wisperte sie, »verlass mich nicht.«

Sie tastete nach seiner Hand, klammerte sich fest, als fürchtete sie, er wäre nur ein Trugbild. Sie fragte nicht, was geschehen und wie sie hierher gekommen war. Nur seine Gegenwart schien ihr wichtig. Lächelnd erwiderte er ihren Händedruck.

»Ich liebe dich«, sagte er leichthin, als wären es nicht die drei Wörter, die nur unter größten Vorbehalten und begleitet von tausend Zweifeln über seine Lippen kommen durften. Nur im richtigen Augenblick bedeuteten sie mehr als eine leere Floskel, und dieser Zeitpunkt war jetzt gekommen. Sie wussten es beide wie zwei verschränkte Elementarteilchen, die nur zusammen existieren und untergehen konnten. Sie zog ihn zärtlich zu sich. Ihre Lippen trafen sich, und für kurze Zeit gab es nur noch sie zwei im endlosen Universum.

Bis die Tür mit einem Knall aufflog. Lars stürmte ins Zimmer. »Tess, um Gottes willen!«, rief er schwer atmend.

Lars gab vor, Jonas nicht zu bemerken, der sich leise in den Korridor zurückzog. Er würde die beiden eine Weile allein lassen. Nicht sehr lange, nahm er sich vor. Dann würde er sich wieder ans Bett seiner Geliebten setzen, ohne sich von Lars oder sonst wem stören zu lassen.

Die Schonzeit war noch nicht abgelaufen, als Lars aus dem Zimmer kam und mit versteinerter Miene auf ihn zutrat.

»Sparen wir uns die Höflichkeiten«, brummte er in verhaltenem Zorn. »Hätten Sie nicht möglicherweise Tess das Leben gerettet, wären Sie jetzt fristlos entlassen, Dr. Herzog. Einzig diesem Umstand haben Sie es zu verdanken, dass sie nicht hochkant rausfliegen und in keinem Pharmaunternehmen in diesem schönen Land mehr Arbeit finden. Den Job bei Hauser sind Sie ab sofort los. Melden Sie sich morgen früh bei Herrn Caprese vom Vertrieb. Er wird Ihnen die letzte Chance in dieser Branche bieten. Ich kann nur raten: Ergreifen Sie diesen Strohhalm – und lassen Sie endgültig Ihre dreckigen Finger von meiner Frau.«

Seltsamerweise berührte Jonas die unerwartete Standpauke nicht mehr als ein Schnitt beim Rasieren. Er warf dem CEO von ›BWpharm‹ einen verächtlichen Blick zu und ging zurück ins Krankenzimmer. Dort beugte er sich lächelnd über das blasse Gesicht im Meer der roten Haare. Er küsste Tess sanft auf die Stirn und murmelte: »Alles wird gut.«

Kapitel 4

Gestüt Walpurga, Badenweiler

Jonas zog seinen Arm vorsichtig unter dem Kopfkissen hervor, um Tess nicht zu wecken. Neben ihr aufzuwachen war nichts Ungewöhnliches mehr. In ihrem Bett auf dem Gestüt des Holzbrinck-Brüderle-Clans aufzuwachen hingegen schon. Ein schneeweißer Zuckerguss überzog die Weide, das Gebüsch und den Wald draußen vor dem Fenster zur Terrasse. Sein Blick kehrte zurück ins Zimmer. Welch ein Wandel, dachte er schmunzelnd. Vor ihm lag nicht mehr die zerbrechliche Porzellanpuppe mit dem unendlich traurigen Gesicht wie noch vor Kurzem im Spitalbett. Diese Tess mit dem zarten Rosa auf den Wangen, dem angewinkelten Bein über der Decke, als wollte sie im nächsten Moment aufspringen in den neuen Tag, diese Tess sprühte selbst im Schlaf vor Lebensfreude. Ein warmer Schauer lief ihm über den Rücken. Diese Augenblicke, die Stunden mit Tess waren ihm Lohn genug, um die drohenden schwarzen Wolken wenigstens zu verdrängen, die sich über seiner beruflichen Zukunft zusammenzogen. Seit er seinen Fuß unfreiwillig ins Reich des Vertriebsleiters Caprese gesetzt hatte, nur um Tess möglichst nah zu bleiben, arbeitete er in einem Irrenhaus. So kam ihm jedenfalls das mittlere Kader der rasenden Generika-Verkäufer vor, zu dem er sich dank überragender Bildung neuerdings zählen durfte. Caprese war ein Sklaventreiber, dessen Mathematik sich auf stark monoton wachsende Umsatzkurven beschränkte. Jonas’ echter Doktortitel förderte den Umsatz, war wohl sein Trugschluss. Er und sein Chef würden bald feststellen, wie sehr sie sich irrten. Jonas Herzog, Forscher aus Berufung, seit er denken konnte, ein Verkäufer! Ein Klinkenputzer, ein Drücker, der ahnungslose Ärzte und Apothekerinnen mit Gratisreisen und steuerfreien DVD-Playern an die Generika der ›BWpharm‹ binden sollte – eine groteske Vorstellung.

Hausers Abteilung verkraftete seinen überraschenden Wechsel entschieden schlechter als er selbst. Dennoch traute er Patrick und dem Rest des ehemaligen Teams zu, das Projekt ›XORACIN‹ zu einem guten Abschluss zu bringen. Sein kreativer Beitrag war geleistet. Das Unternehmen würde im Lauf der folgenden Jahre Millionen sparen bei der Herstellung des Medikaments und entsprechend höhere Margen kassieren. In dieser Beziehung fühlte er sich den Leuten nicht weiter verpflichtet. Er war sozusagen vogelfrei im Unternehmen des Herrn Brüderle, der ihn nicht hinauszuwerfen wagte, um das Holzbrinck’sche Erbe nicht zu gefährden. Dafür sorgte Tess mit Nachdruck. Warum also sollte er nicht das Spesenkonto der ›BWpharm‹ ausschöpfen, solange niemand etwas dagegen unternahm? Nur eines störte ihn bei seinem neuen Steckenpferd: Die häufigen Reisen in die Deutschschweiz und nach Bayern, Landesteile, für die er auf dem Papier verantwortlich war. Schade konnte Tess Hotelzimmer nicht ausstehen. Die sinnlosen Geschäftsreisen hätten mit ihrer Begleitung unvergessliche Erlebnisse werden können. Einmal war es ihm beinahe gelungen, sie für eine kurze Reise nach Basel zu gewinnen. Dass Lars dabei doppelt für sie zahlen würde, war ein unglaublich starkes Argument.

»Davon träume ich die ganze Zeit«, lachte sie, als er nackt aus der Dusche kam.

»Lars auch«, grinste er.

»Da könntest du recht haben, falls er überhaupt träumt. Jetzt hat er wohl kaum Zeit dazu.«

»Gut für ihn. Wie lange bleibt er in Berlin?«

Sie zog sich ein transparentes, schwarzes Nichts über, das sie als Morgenmantel benutzte, und antwortete verschmitzt: »Du brauchst dich nicht zu beeilen.«

»Na dann«, seufzte er scheinbar erleichtert und ließ sich aufs Bett fallen.

Zu seiner Verblüffung zog sie ihn wieder hoch. »Aufstehen«, befahl sie. »Mitkommen. Ich habe eine Überraschung für dich.«

Er hatte gerade noch Zeit, seinen Bademantel überzuwerfen, bevor sie aus dem Zimmer verschwand. Sie führte ihn die Dienstbotentreppe hinunter in die Bibliothek.

»Willst du mir die Geschichte der Lady Chatterley vorlesen?«, fragte er verwundert.

»Ich wette, die kennst du auswendig. Nein, mir schwebt etwas ganz anderes vor.«

Er glaubte zu ahnen, worauf der morgendliche Bibliotheksbesuch im Negligé hinauslief und sah sich nach geeignetem Mobiliar um, als sie ihn wieder überraschte.

»Setz dich«, verlangte sie, zeigte auf einen der unbequemen Biedermeiersessel und entschwebte in ihrem durchscheinenden Feengewand wie Tinker Bell aus Peter Pans Dachkammer zum Fenster hinaus. Nicht hinaus natürlich, dafür war es draußen zu kalt. Bei der Bücherwand, die das fast raumhohe Fenster umrahmte, hielt sie an und begann, einen schweren Wälzer nach dem andern aus einem Regal zu räumen, das sie gerade noch erreichen konnte. »Du könntest mir eigentlich helfen, Großer«, entschied sie beim dritten Band. »Komm her.«

Gehorsam trat er hinzu und zog zwei weitere Bücher aus dem Regal: das BGB mit zugehörigen Gesetzen und EG-Richtlinien und seinen fettsüchtigen Bruder, das HGB, unter besonderer Berücksichtigung des Wettbewerbsrechts. Beide neuwertig.

»Verrätst du mir, was das werden soll?«, fragte er verwundert. Kaum hatte er es gesagt, glaubte er zu verstehen. »Ein Safe«, murmelte er albern beim Anblick der schmalen Stahltür mit dem Zahlenschloss.

»Ich wusste, du würdest ihn finden«, spottete sie.

Sie schloss für einen Moment die Augen, dann tippte sie behutsam die sechs Ziffern des Codes ein. Das Schloss entriegelte mit einem metallischen Klick, die Tür sprang auf.

»Reichlich fantasielos von Lars – das eigene Geburtsdatum«, lachte sie.

»Passt ganz gut zu ihm«, stimmte Jonas zu. »Und was soll da drin sein? Die Kronjuwelen? Hast du dich endlich entschlossen, mit mir durchzubrennen?«

»Wer weiß, vielleicht sind es die Kronjuwelen«, sinnierte sie. »Lars scheint das Versteck jedenfalls wichtig zu sein. Du erinnerst dich, was ich dir über den Streit vor dem Blackout erzählt habe?«

»Ungern.«

Am liebsten hätte er alles, was an die schlimme Geschichte im ›Forstschlösschen‹ erinnerte, für immer vergessen. Ihr Absturz war viel mehr als ein kurzer Filmriss. Er wusste jetzt, dass sie sich damals umbringen wollte mit einem tödlichen Cocktail aus Schlaftabletten und Wodka.

»Ich hab dir nicht alles erzählt. Lars wollte mir weismachen, du würdest mich nur benutzen, um an seine Akten zu kommen. Er glaubte, du hättest in der Bibliothek danach gesucht. Darum hättest du mich hier beglückt, wie er es formulierte.«

»Akten? Welche Akten? Das ist doch von vorn bis hinten erstunken und erlogen …«

»Ich weiß«, lächelte sie. »Ich würde mich daran erinnern, aber das können wir jetzt nachholen. Werfen wir doch einen Blick in sein Schließfach, was meinst du?«

Lars war ein hinterhältiger Intrigant. Er verdiente nichts Besseres. Der erste Blick in den Safe enttäuschte. Er war leer bis auf ein paar unbeschriftete Kassetten, wie man sie früher in Diktiergeräten verwendet hatte. Sie lagen auf drei Mappen mit Dokumenten.

»Nun?«, fragte Tess ungeduldig, nachdem er die Mappen kurz angesehen hatte.

»Ich weiß nicht – scheint ziemlich altes Zeug zu sein.«

»Vielleicht sind es die Kassetten …«

»Möglich. Gibt’s irgendwo ein Abspielgerät?«

Sie zuckte die Achseln. »In seinem Büro eventuell.«

Er nahm sich nochmals die Dokumente vor. Auch sie mussten von besonderer Bedeutung sein. Weshalb würde er sie sonst in dieses Geheimfach stecken? Zwei Mappen waren lediglich mit Jahrzahlen beschriftet. Die letzten Jahre der Ära Holzbrinck, bevor Lars die Firmenleitung übernahm. Peinliches, um den alten Patron bei Laune zu halten? Die Anschrift der dritten Mappe klang vielversprechender: ›LIPEXIN‹.

»Was soll daran interessant sein?«, brummte Tess enttäuscht, als er darauf deutete.

»Weiß ich auch noch nicht. ›LIPEXIN‹ ist das Generikum eines bekannten Cholesterinsenkers aus dem Hause ›BWpharm‹.«

Sie rümpfte die Nase. »Ein Medikament.«

»Eben. Ich frage mich, was Unterlagen über ein Medikament in diesem Geheimfach zu suchen haben. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem ›LIPEXIN‹. Da verwette ich meine Hose.«

»Welche Hose?«

»War natürlich symbolisch gemeint. Nein im Ernst: Diese Sache stinkt. Gibt es ein Kopiergerät im Haus?«

»In seinem Büro. Das weiß ich sicher.«

Fünf Minuten später stand er im Nordwestflügel des Haupthauses vor Lars’ Kopiergerät. Nur mit dem Bademantel bekleidet, sah er dem Automaten zu, wie er gemächlich ein Blatt nach dem andern einzog, summend abtastete, unter Ächzen wendete, wieder abtastete und schließlich nach einer Ewigkeit die Kopie auswarf. Ungefähr im gleichen Tempo hatten die Mönche früher die Bibel abgeschrieben. Er wäre beinahe eingenickt, als plötzlich die Tür aufflog. Blass vor Schreck starrte Tess ihn an und keuchte:

»Lars ist da.«

»Ich sollte mir etwas anziehen«, stellte er nach einer Schrecksekunde fest.

»Mach schon! Gib mir die Mappe und verschwinde in mein Zimmer.«

Lars’ überraschende Rückkehr erschütterte sie weit mehr als ihn. Nur in seinem Bademantel wollte er ihm nicht begegnen. So etwas schwächte die Verhandlungsposition. Tess entriss ihm hastig die Dokumente und eilte hinaus. Sie vergaß, ihn zu informieren, wo Lars sich aufhielt, sodass der Weg zurück zu ihrem Zimmer und seinen Kleidern eine Art Geisterjagd wurde, bei der er der Geist war. In der Nähe ihres Zimmers hörte er plötzlich Stimmen.

»Natürlich ist er da«, behauptete Lars erbost. »Sein Auto steht in der Garage.«

»Ach«, staunte Tess, »wie kommt es dorthin?«

»Du findest dich wohl besonders witzig, wie? Mir reicht’s jetzt. Herzog wird gefeuert. Ich werde dafür sorgen, dass er nie wieder einen Fuß in deine Nähe setzt.«

Lars musste schäumen vor Wut. Jonas hätte allzu gern seine glühenden Augen gesehen, aber er wagte nicht, um die Ecke zu spähen.

»Das wirst du schön bleiben lassen«, entgegnete Tess ruhig. »Wie du siehst, habe ich dein schmutziges, kleines Geheimnis entdeckt, das Jonas gesucht haben soll.«

»Was – ist das?«

»L – I – P – E – X – I – N«, buchstabierte sie langsam.

»Das ist die Höhe! Du schnüffelst in meinen Sachen?«

»Wie es aussieht, hätte ich viel früher damit beginnen sollen. Was meinst du, wird dein großes Vorbild, der allmächtige Hubertus von Holzbrinck, dazu sagen, wenn ich ihm diesen Bettel zeige?«

Seine Reaktion verblüffte Jonas komplett. Lars lachte laut auf. Ihre Drohung schien ihn mächtig zu amüsieren.

»Ja, was meinst du, wird er dazu sagen?«, äffte er sie nach. »Dein Vater …«

»Stiefvater!«

»Dein Stiefvater steckt selbst knietief in dieser Sache. Also lass den Unsinn und gib mir die Mappe.«

Jonas hatte genug gehört. Den Rest des Ehezwistes wollte er sich schenken. Immerhin hatte er offenbar die richtigen Dokumente kopiert. Blieb nur noch das Problem, ungesehen aus dem Haus zu kommen. Das war nicht so einfach, denn die beiden standen vor Tess’ Zimmertür. Er erinnerte sich schwach, dass ihr Gemach nicht nur aus dem Schlafzimmer bestand. Wie es sich für ein fürstliches Anwesen gehörte, bewohnte sie eine weitläufige Suite, die selbstverständlich auch einen separaten Dienstboteneingang benötigte. In größter Eile versuchte er, einen virtuellen Plan in seinem Kopf zu zeichnen. Vor allem durfte er keine Minute länger in diesem Korridor bleiben, wenn er nicht doch noch, samt seinen Kopien, entdeckt werden wollte. Er irrte eine Weile durch die Gänge, bis er schließlich den Weg über die richtige Treppe zu Tess’ Hintertür fand. Die beiden zankten sich immer noch draußen vor ihrem Salon. Er hörte nicht mehr hin, zog sich in Windeseile an, schlich die Hintertreppe hinunter zur Garage und brauste los.

Freiburg

Mittleres Kader hin oder her, im Bürotrakt der Verkäufer gab es nur anonyme Arbeitsplätze. Verrichtungsboxen, wo das fliegende Personal den Laptop aufladen und ans Intranet stecken konnte. Jeder besaß ein persönliches Schließfach als Pultschublade. Mehr lag nicht drin im Reich des Margenkönigs Angelo Caprese. Einzig er und seine Stellvertreterin Angelika Schätzle residierten in einem einigermaßen akzeptablen Zweierbüro. Angelo und Angelika – Holzbrincks Angels, wie sie das Fußvolk nannte. Genauso wie Charlie’s Angels waren sie keine himmlischen Lichtgestalten, sondern knallharte Kämpfer. Die Schätzle stand ihrem Boss in nichts nach, wenn es um die Durchsetzung der aggressiven Umsatzziele ging. Ihr Charme gegenüber den Mitarbeitern, oder vielleicht allen Mitmenschen, beschränkte sich darauf, dass sie kaum sprach und nur stumm grüßte durch ein angedeutetes Kopfnicken, denn ihre Stimme drang direkt durch die dickste Schädeldecke ins Stammhirn und führte zu unheilbaren Lähmungen. Schätzle, dachte Jonas, als er geistesabwesend sein Urnenfach öffnete, dass ich nicht lache. Der Name war ein verstecktes Oxymoron. Sie war das genaue Gegenteil eines Schätzchens. Und sie kam federnden Schrittes auf ihn zu.

Sie schenkte ihm einen kurzen Blick, deutete ein Nicken an und legte einen Computerausdruck auf seinen aktuellen Schreibtisch. Ihr Gesichtsausdruck gab nicht preis, ob sie gute oder schlechte Nachrichten überbrachte. Er gab nie etwas preis, soweit er sich erinnerte.

»Pro memoria Abschluss«, las er laut aus der Überschrift vor.

Er verstand so gut wie nichts von Buchhaltung, begriff jedoch sofort, worum es ging. Es waren schlechte Nachrichten. Das Jahresende nahte, und die Zahlen und Grafiken auf dem Blatt stellten die miserable Verkaufsbilanz seiner ›Gruppe Süd‹ dar, inklusive ebenso miserable Prognose für die letzten paar Wochen des Geschäftsjahres.

»Sieht nicht gut aus«, gab er zu, um sie nicht unnötig zu reizen.

»Verdammt schlecht sieht es aus«, stimmte sie zu.

Sie sprach leise, aber das Kreischen ihrer Stimme ging ihm durch Mark und Bein.

»Sieht vor allem ganz schlecht aus für Ihren Bonus«, fuhr sie gnadenlos weiter.

»Welchen Bonus?«, wollte er entgegnen, aber er unterdrückte den Drang zur Satire. Humor war keine ihrer Stärken. Stattdessen nickte er nur und machte ein betroffenes Gesicht.

»Was gedenken Sie, dagegen zu unternehmen?«

Er sah, wie sie sich anschickte, ihre Frage gleich selbst zu beantworten, wahrscheinlich mit einer Repetition ihrer ›Regeln für die Pharmareferenten‹. So nannte man die Klinkenputzer.

»Die Abschlüsse in Basel haben sich leider verzögert«, flunkerte er schnell, um ihr zuvorzukommen. »Ich bin aber zuversichtlich, dass noch einiges hereinkommt bis zum Abschluss.«

»Wie viel?«

»Das Budget werden wir nicht ganz erreichen. 85 bis 90 Prozent, nehme ich an. Das wird sich natürlich ändern mit dem neuen ›XORACIN‹, sobald wir es günstiger anbieten können, ohne Margen zu verlieren.«

Er konnte es nicht lassen. Bei jeder Gelegenheit betonte er die goldene Zukunft dank seiner großartigen Erfindung. Sein Mantra stellte sie vielleicht nicht zufrieden – unmöglich, das festzustellen – aber es stellte sie ruhig. Sie schnappte sich ihr Papier wieder und ließ ihn stehen. Er wartete, bis sie draußen war, bevor er hörbar aufatmete.

Er schob seinen Laptop zur Seite. Den brauchte er vielleicht später für Recherchen im elektronischen Archiv. Zuerst nahm er sich die kopierten Dokumente vor. Was an Fachliteratur zum Blutfettsenker ›LIPEXIN‹ publiziert war, kannte er mittlerweile. Falls sich in Brüderles sorgsam gehüteten Papieren ein Geheimnis verbarg, handelte es sich wohl kaum um eine wissenschaftliche Sensation. Was also versteckte der CEO? Die ersten Seiten brauchte er nur zu überfliegen. Es waren Zulassungsdokumente und Kopien der Verträge mit Zulieferern. Die üblichen Klauseln mit genauen Vorgaben über die Reinheit chemischer Substanzen waren mit gelbem Filzstift markiert, die einzige Überraschung. Er blätterte schnell weiter. Es folgte eine endlose Reihe von Sitzungsprotokollen und zugehörigen Notizen. Er war schon fast beim letzten Blatt, fragte sich ärgerlich, was er übersehen hatte, als er unvermittelt stutzte. Vor ihm lag ein einseitig von Hand beschriebenes Blatt.

LIPEXIN Markteinführung – Interne Genehmigung

Stand als Überschrift über einem kurzen Text. Am meisten Platz auf der Seite nahmen die Unterschriften ein, von denen Jonas zwei auf Anhieb erkannte: diejenigen von Lars Brüderle und dem alten Patron, Hubert von Holzbrinck. Das Blatt trug das Datum 21. Dezember des Jahres vor der Einführung, war also ziemlich genau acht Jahre alt. Lars hatte es damals offenbar in seiner Funktion als Leiter des Rechtsdienstes ausgefertigt, wenn er das Kürzel über seiner Unterschrift richtig deutete. Der gut leserliche Text lautete:

Die unterzeichnenden Mitglieder der BWpharm AG Geschäftsleitung erklären ihr uneingeschränktes Einverständnis zur Einführung des Generikums BW3270-KTU100-00, das unter dem Freinamen LIPEXIN-BWpharm angeboten wird. Sie erklären ferner, von den Ergebnissen der erweiterten Studie BW3270-KTU100-1039.A Kenntnis genommen zu haben.

Das Erstaunlichste an dieser Erklärung war nicht der Text, sondern die Tatsache, dass sie handschriftlich vorlag. Sonst wäre sie Jonas vielleicht nicht aufgefallen. Er sah sich die Unterschriften genauer an. Noch eine Dritte kannte er: Angelo Caprese, Vertriebsleiter, schon damals. Was stand in dieser Studie, dass die Geschäftsleitung ausdrücklich bestätigte, sie zu kennen? Ohne diese Studie konnte er den Sinn der Erklärung nicht verstehen, das war klar. Dennoch las sich der kurze, handschriftliche Text, als wollten sich die Unterzeichner gegenseitig versichern: Wir hängen da alle mit drin.

Jonas hatte beim ersten Durchgang nichts über eine solche Studie gesehen. Sein Puls erhöhte sich, als er zum zweiten Mal sorgfältig Blatt für Blatt in die Hand nahm, um Hinweise darauf zu finden. Die offiziellen Zulassungsdokumente erwähnten keine erweiterte Studie unter dieser Bezeichnung. Er begann, die Protokolle genauer unter die Lupe zu nehmen. Das Gefühl, etwas Wichtiges übersehen zu haben, kehrte zurück. Es verstärkte sich mit jeder Seite, bis er sich plötzlich an die Stirn schlug.

»Trottel«, schimpfte er laut genug, dass sich der unbekannte Mitarbeiter am nächsten Tisch erstaunt zu ihm umdrehte. »Entschuldigung, ich meinte mich«, beruhigte ihn Jonas lächelnd.

Aufgeregt suchte er den Brief der Zulassungsbehörde, den er vorher nicht weiter beachtet hatte. Da stand es schwarz auf weiß: 28. November. ›BWpharm‹ hatte die offizielle Zulassung bereits am 28. November erhalten, knapp einen Monat bevor die Damen und Herren der Geschäftsleitung ihre interne Genehmigung unterzeichneten. Normalerweise schließt man das interne Genehmigungsverfahren ab, bevor man die offizielle Zulassung beantragt. Die ganze Sache machte überhaupt keinen Sinn, außer …

Jonas packte die Dokumente eilig in sein Schließfach, zog den Schlüssel ab und verließ das Gebäude. Er brauchte frische Luft. Musste sich das Ganze in Ruhe nochmals durch den Kopf gehen lassen. Bei eisigem Wind schlenderte er durch den verlassenen Stadtgarten, sah eine Weile den Enten und Blesshühnern zu, die sich an der schmalen Bucht des Weihers versammelten, die nicht zugefroren war. Er atmete einige Male tief ein, stieß Dampfwolken aus und versuchte dabei, an nichts zu denken.

Bei der Rückkehr ins Büro war er gleich weit wie zuvor. Die erwähnte Studie musste damals zusätzlich außerhalb des offiziellen Zulassungsverfahrens durchgeführt worden sein. Und sie hatte etwas zutage gefördert, das die Zulassung nachträglich hätte infrage stellen können. Eine andere Erklärung gab es seiner Meinung nach nicht. Die Saubermänner Brüderle und Holzbrinck hatten eine Leiche im Keller. Und er stand wieder einmal vor der Gewissensfrage, ob er sie ausgraben sollte. Diesmal fiel ihm die Antwort leichter als seinerzeit in Basel. Bei Brüderle hatte er ohnehin nicht mehr viel zu verlieren, und Tess sollte endlich erfahren, mit wem sie verheiratet war. Er würde der Sache auf den Grund gehen, trotz der unbekannten Risiken.

Das Dokumenten-Archiv der ›BWpharm‹ war elektronisch verfügbar, jedenfalls die letzten zehn Jahre. Er brauchte nur das Netzkabel in den Laptop zu stecken und die Nummer der gesuchten Studie einzutippen. Allerdings nahm er nicht an, etwas unter der Bezeichnung ›BW3270-KTU100-1039.A‹ zu finden. Ein drittes Mal blätterte er die Kopien durch, die das lahme Gerät geschafft hatte, bevor Lars auftauchte. Eine stattliche Anzahl Zusammenfassungen von Tests war darunter, die viele Jahre früher für die Zulassung des Originalpräparats durchgeführt wurden. Da ›LIPEXIN‹ als Generikum auf den gleichen Wirkstoffen beruhte, mussten diese klinischen Tests für die Zulassung nicht wiederholt werden. Man bezog sich lediglich darauf. ›LIPEXIN‹ enthielt zwar gleiche Wirkstoffe, aber ›BWpharm‹ hatte das Herstellungsverfahren vereinfacht. Dafür brauchte es zusätzliche Studien.

Jonas musste sich mühsam durch alle Seiten kämpfen, bis er endlich doch noch fand, was er suchte. Zwei Blätter mussten zum gesuchten Dokument gehören, obwohl die Referenznummer in der Kopfzeile unlesbar war – eine übliche Sicherheitsmassnahme bei solchen Dokumenten, um illegale Kopien zu erkennen. Der Inhalt der vier Seiten ließ keinen Zweifel offen: Er hatte die Leiche gefunden. Sie war noch nicht verwest. Sie stank immer noch.

»Schweine«, murmelte er leise.

Während er die Papiere neu ordnete – die handschriftliche Erklärung und die zwei Blätter der ›smoking gun‹ zuoberst, den Rest chronologisch – überlegte er, ob er gleich Tess informieren sollte. Nachdenklich steckte er die wertvollen Kopien in eine Dokumentenmappe, verziert mit dem schönen Logo der ›BWpharm‹. Vielleicht sollte er, anders als bei Helbling in Basel, nichts überstürzen. Schon damals hätte er wohl besser vorher mit seinem weisen Freund Niklaus gesprochen, bevor er Helbling mit seinen Jugendsünden konfrontierte. Er nahm das Handy aus der Brusttasche und wählte die Nummer, die er nur noch selten benutzte.

»Ho, Jonas, lange nichts gehört«, grüßte ihn Rohner mit seinem nasalen Appenzeller-Akzent.

»Ich weiß, gleichfalls«, lachte Jonas.

»Heimweh nach Rosa?«

»Der ›Braune Mutz‹, klar. Hör mal, ich habe morgen in Basel zu tun. Wäre schön, wenn wir uns auf ein Bier treffen könnten.«

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22 декабря 2023
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351 стр. 2 иллюстрации
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9783967526929
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