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Hans Leip
Die unaufhörliche Gartenlust
Ein Brevier der Hamburger Gartenkultur und Gartenkünste seit Karl dem Großen
Saga
Für freundliche Hinweise ist der Verfasser dem Staatsarchiv und der Staats- und Universitätsbibliothek, den Damen Alma de l’Aigle und Irmgard Genthe und den Herren Dr. jur. Erwin Garvens, Louis C. Jakob, Prof. Dr. W. Mevius, Staatssekretär K. Passarge, Gartenbauarchitekt Plomin, Baurat Ramcke und Franz Schilling zu Dank verpflichtet.
Komm,
süße
Gartenlust,
mit deinen Freuden
tränk mich, entfremdete Natur!
*
Das Wunderbarste
Alles Wunderbare dieser Welt verblaßt neben dem Vormarsch des Lieblichen, neben der unaufhaltsamen, stillen, gewaltlosen Ausbreitung der Gärten.
Auch die Technik ist wunderbar, aber sie ist ein Vamp, so blendend als oberflächlich, so kostspielig als gefährlich. Man sagt, die Seele verhungert dabei. Aber die Gärten werden die Seele nähren. Denn die Urspeise der Natur ist den meisten von uns entrückt, so weit wie das Paradies. Und bedeutet Paradies fürs Abendland den himmlischen Garten, so ist der irdische die Vorstufe dazu.
Die ersten Hamburger Gärtnerinnen
Die erste gärtnerische Tat zu Hamburg geistert im Nebel der Frühzeit. Als Carolus magnus in den Ring- und Fluchtwall der Gegend, die Hammaburg, Besatzung und Kapelle legte, war den alten Göttern nicht wohl. Die Alfen, die munteren pferdefüßigen Begleiterinnen des Wolkenjägers Wotan, gedachten, den fremden Göttern aus Morgenland Schach zu bieten, und so säten sie auf die Werder zwischen Elbe und Alster die Schachblume. Mag sein, daß darum das Christentum nie recht über die Niederelbe gedrungen ist.
Die Alfen haben sich danach in die Bäume verzogen. Man klopft heute noch dreimal an Holz, wenn man sie, heidnischerweise, zu Hilfe ruft. Und wenn der Alte sie zur Wintersonnenwende in die Stadt bringt, so merkt man, es hat das Licht vom Baum der Erkenntnis allein nie gereicht in Nordalbingien, die Sonne Jahr für Jahr noch einmal zur Umkehr zu bewegen. Und fragt ein Frommer ein Hamburger Kind: Was hat dir denn heuer das Christkind gebracht? so wird es zumeist antworten: Bei uns kommt nur der Weihnachtsmann.
Baum
und Frucht
und Kerzen:
Von Urwelt schauern
die nüchternen Mauern der Stadt.
*
Dennoch die Mönche
Aurelius Augustinus soll an verschiedenen Orten zwischen Karthago und Mailand einen Garten besessen und geliebt haben, der dem fränkischen Hofe vorgeschwebt haben muß, als von dort etwa 785 die berühmte Verordnung für die Meierhöfe und auch geistlichen Gutsbetriebe, das Capitulare de villis, die gärtnerische Entwicklung diesseits der Alpen einleitete. Es war dabei nicht an Ziergärten gedacht. Alle Gärten waren zuerst Arzneigärten, und was uns heute zu seelischer Stärkung erfreut, Rosen, Iris und Lilien, Ringelblume und Gretl im Busch, es gehörte anfangs wie Malve, Veilchen und Mohn, Salbei, Raute, Diptam, Liebstöckel, Majoran, Thymian und Knoblauch in den Bereich der körperlichen Heilspflege.
Schon um 900 hatten sowohl in St. Gallen als Winchester die Klöster ihr „Sakristansgärtlein“, bei den Karthäusern gab es eigene Zellengärtlein, die Benektiner brauten einen Magentropfen aus neunerlei Kräutern, und von den Mönchen lernten die Schloßfrauen, in einer Ecke des Burghofs die Grundlagen zu ziehen für Salben, Heiltränke und Pflaster, die bei dem robusten Handwerk ihrer Männer unentbehrlich waren.
Und zu Bingen, um 1150, die Äbtissin Hildegard, die klügste Frau ihres Jahrhunderts und von allen Musen gesegnet, dazu die erste deutsche Naturforscherin und Ärztin, beschrieb in ihrer „Physica“ schon Akelei, Alpenveilchen, Christrose, Königskerze, Lupine, Pfingstrose und Primel.
In unseren Gefilden aber verzweifelte, hundert Jahre vor ihr, der große Adalbert, der ein Papsttum des Nordens aufzurichten gedachte, am Klima. Er hatte allerdings vor, auf dem Süllberg, dieser alten Meeresdüne zu Blankenese, nicht nur Burg und Kloster, sondern auch einen Rebgarten anzulegen, um den Abendmahlswein selber zu züchten.
Warum keltern?
Bis ins neunzehnte Jahrhundert hat man Erzbischof Adalberts Bemühungen in unserer Gegend fortgesetzt, so bei Winsen und bei Hitzacker, wo der Indienfahrer Schultz um 1800 einen Weinberg bestellte, der heute noch so heißt, aber nur Mineralwasser liefert.
Der Wein, der elblängs gekeltert wurde, war selbst für Altar- und Gemeindekelch zu sauer. Für die Tafel bezog man ihn sowieso von auswärts, gelegentlich sogar aus Brandenburg, lieber aber vom Rhein. Später schätzte der Hamburger von Gewicht den Burgunder am meisten. Bei den Damen aber genoß jahrhundertelang der über England bezogene griechische Malmesy oder Malvasier den Vorzug.
Noch heute rankt zwischen Lokstedt und Wittenbergen über die Südwand manchen Landhauses echter Wein aus betagten Stöcken, und zumal die Kinder wissen um den Wohlgeschmack der hellen Magdalenentraube. Gärtnerische Züchtung hat auch die sogenannte frühe blaugrüne Leipziger für unsere Luft- und Bodenverhältnisse geeignet gemacht, eine Traube, die bei uns fast ausreift und, von der Hand in den Mund genossen, die Umstände der Winzerei überflüssig macht und dennoch Gaumen und Herz erheitert.
Wie denn sogar auf der Hamburger Insel Neuwerk in der Elbmündung der Weinstock am Schulhaus seit zwanzig Jahren eine Fülle eßbarer Trauben zeitigt.
Graf Clancarty
Auch dort, wo später das berühmte Weinlokal Rainville stand, schräg gegenüber Klopstocks Grab am Altonaer Ufer, befand sich in alter Zeit ein Weinberg. Der Name haftete dem Grundstück noch an, als 1702 der abenteuerliche Earl of Clancarty es für 750 Taler erwarb. Er hatte als Vasall Jakobs II. in den britischen Glaubenskämpfen Vermögen und Freiheit eingebüßt und war zur Emigration begnadigt worden. Er gedachte, mit seiner ihm treu gefolgten schönen Frau, Lady Spenser, am Elbhang Rosen zu züchten.
Aber bald scheinen ihn die Blumen des Hamburger Berges zu St. Pauli auf Abwege verlockt zu haben. Statt mit den englischen Widersachern schlug er sich nun mit Weinrechnungen und Alimentationsklagen herum, verkaufte den Besitz schon nach einem Jahre und verzog sich in ein abgelegenes dürftiges Haus bei Wittenbergen. Von dort trieb er eine Zeitlang ganz gewöhnliche Strandräuberei, sein Leben zu fristen und auch, weil er viel anderes nicht gelernt hatte.
Über den Ausgang seines Schicksals ist nichts bekannt. Seine Frau hatte ihn anscheinend verlassen. 1850 sah ein Blankeneser Fischer vom Ufer aus in der Dämmerung einen Fremden an Bord seines Ewers. Er rief ihn an, aber der, altmodisch gekleidet und mit wilden Augen, zückte ein Pistol, sprang von Deck des ankernden Fahrzeugs und kam auf den Erschrockenen zu, Petrus gleich übers Wasser wandelnd, zerging aber, ehe er den Strand erreicht, wie Tabaksqualm.
Mag sein, daß es der Geist Clancartys war und daß er, von handfesten Wahrern ihres Eigentums erledigt, unter den Hügeln dort verscharrt liegt.
Wein,
o Glut
aus Kelter
und Keller erquält:
Süße und Qual einst du im Rausch.
Maulbeeren
Ähnlich wie mit dem Wein erging es mit den schwarzen, auch weißen Maulbeeren, die hier so schlecht nicht gediehen. Die Bäume sind als stattliche Exemplare im ganzen Hamburger Gebiet anzutreffen. Aber man wollte Seidenraupen mit den Blättern füttern, und solches wurde noch um 1800 auf den kaufherrlichen Landsitzen in Hamm und Horn und an der Elbe gleich nach dem Frühstück vom Hausherrn als ein Sport betrieben.
Doch an der Küste wird Seemannsgarn und keine Seide gesponnen. Und seitdem die Himbeeren in die deutschen Gärten gelangten und die Brombeeren in ertragreichen Sorten auf den Markt kamen, sind selbst die eßbaren, doch nur matt aromatischen Maulbeerfrüchte des morus nigra hier kaum von den Hausfrauen begehrt und werden zumeist den Drosseln überlassen.
Ein erster Obstgarten
Der erste Baumgarten zu Hamburg wird in einer Urkunde des Jahres 1331 erwähnt. Da schenkte der Graf von Holstein-Stormarn den Blauen Schwestern, den Beginen in der Steinstraße gegenüber St. Jakobi, ein Pomarium, einen Apfelgarten. Es war eine wohlfeile Zeit, fünfzehn Eier kosteten einen Pfennig, das Pfund Butter zwei, und es mag sein, daß die Stämmchen, obwohl nicht in Holstein gewachsen, erschwinglich waren. Man bezog sie gern von der Saale, wo die Zisterzienser auf dem Klostergute Borsendorf eine treffliche Sorte gezüchtet hatten.
Dieser Borsdorfer wurde durch das ganze Mittelalter wegen seiner Heilkräfte und seines Aussehens und süßsäuerlichen Geschmacks gepriesen. Die Vierlande hatten jährlich den Hamburger und Lübecker Rat damit zu versorgen. Man trifft ihn um Curslack heute noch an. Ihn seiner jetzigen unzweifelhaften Verkümmerung zu entzüchten, wäre ein Verdienst.
Nahrhaft und heilsam
Die beiden Begriffe nahrhaft und heilsam, seit Urzeiten untrennbar, fielen im Mittelalter auseinander, als sozusagen die Arbeitsteilung auch darin begann. Man überließ dem Ackerbau das Nahrhafte: Getreide, Rüben, Puffbohnen und Erbsen.
Seinen Kohl, als damalige sättigende Unterlage der Hauptmahlzeit, baute der Kleinbürger vorerst noch selber und zog in den Kohlhöfen auch noch ein paar Möhren, Zwiebeln und Rettiche als Zukost für Fleisch und Fisch der Feiertage. Die zahlreichen und zugleich heilsamen Würzkräuter, die Ludwig der Fromme in jenem Capitulare noch als Kronprinz empfohlen, und die man von den Klöstern „gelernt“, darunter auch Dill, Melisse, Ysop, Rosmarin, Safran und Lavendel verschwanden, bis auf ein bißchen Petersilie, nach und nach, zumal allhier nach der Reformation in der Ablehnung alles Mönchischen, und wurden durch ausländische Gewürze ersetzt. Die Bequemen begnügen sich bis heute mit Salz, Pfeffer und Senf.
Aus den Kreuzgärten war aber manches in den Bauergarten gewandert und hat sich dort, ungestörter als in den Städten, bis in unsere Tage erhalten.
Das medizinische Geschäft wurde von Laien aufgenommen. Der Arzneikrämer kam auf, der Vorläufer des Apothekers.
Kraut
und Blatt
sind dir gut;
nicht Sud noch Pulver
wirkt gleich gesprossener Urkraft.
Aloe bis Zitwersamen
Die erste Nachricht über einen Hamburger Garten – ein halbes Jahrhundert vor dem Beginengarten – rührt nicht aus dem Gebiete der Lust, sondern des Leidens her. Ende 1200 besaß der am Neß (auf dem Nesse) wohnende Arzneikrämer einen Kräutergarten am östlichen Ende der nachmaligen Reichenstraße. Man weiß nichts Näheres darüber. Aber benutzte Gründe zeugen lange Wirksamkeiten. Auf dem alten Heilkräuterboden erhob sich später in unbewußter, aber magischer Verknüpfung die Fischmarkt-Apotheke. Und der Besitzer derselben sammelte, allerdings in privater Officin, die sonderlichen, krautig gezeichneten Blätter des Meisters Kubin, deren seelische Arzneikraft unbestreitbar ist.
Wo heute die Alsterarkaden sich erheben, befand sich seit dem freundlichen Jahre 1430 – als der Zentner Speck sieben Schillinge kostete – ein weiterer Apothekergarten. Der Besitzer trug den klangvollen Namen Caspar de Gota, und auch sein Nachfolger Hinrigk von Dalem erscheint von auswärts gekommen zu sein wie so manches Tüchtige zu Hamburg. Hundert Jahre später vergrößerte der „um das Gemeinwohl“ sehr verdiente festangestellte Ratsapotheker Dr. med. Veit Scharp diesen Garten. Aber wegen drohender Kriegsgefahr fiel der Platz Schanzbefestigungen zum Opfer. Seine berühmte Zucht an Teekräutern mag in geheimnisvoller Verbindung stehen zu den exotisch erlesenen Düften, die dort heute dem „Haus des Ostens“ enthauchen. Von dort aus geschah auch die sommerliche Umrandung der Kleinen Alster mit Blumenkästen, wodurch denn das finster würdige Rathaus angeregt ward, sich auch mit einer Blumenzeile zu schmücken.
Der Garten wurde dann zwischen die nachmalige Fuhlentwiete und die Hohen Bleichen verlegt und war dazu da – wie Syndikus Klefeker 1773 berichtete –, „diejenigen Kräuter und Vegetabilien zu liefern, welche die Herren Physici und der Ratsapotheker für unentbehrlich halten“. Neun Jahre danach aber wurde diese wichtige Staatsanlage aufgegeben, die Pflanzen samt einer noch seltenen blühenden Aloe versteigert und das Gelände privaten Bauzwecken überlassen.
Nonnengarten
Das einzige Nonnenkloster zu Hamburg wurde um 1250 am Elbstrand nahe der Altonaer Grenze beim Dorfe Herwardeshude gegründet. Eine Sturmflut verschlang das Dorf, und die Zisterzienserinnen sahen sich genötigt, wegen Hochwasser und gelegentlicher Piratenüberfälle Gebäude und Gärten zu verlegen. Mitsamt dem Dorfnamen zogen sie an die Alster dorthin, wo die Gegend heute noch Harvestehude heißt. Auch die Bezeichnungen mancher Straßen weisen darauf hin.
Durch die Reformation wurde die Unantastbarkeit geistiger Zurückgezogenheit unmodern. Die Klosterfrauen aber weigerten sich, ihr Paradies zu verlassen. Die Stadt erzwang den Auszug und ließ, in Sorge, es könne dort ein Verbotenes weiterblühen, Gebäude und Garten zerstören.
Nur ein paar Eichen entgingen der Vernichtung. Sie sind an siebenhundert Jahre alt und erfreuen uns noch, einbezogen in die Öffentlichen Gartenanlagen, die, obwohl jedermann zugänglich, einen Hauch Abseitigkeit bewahrt haben.
Schwieg
der Chor
der Nonnen?
Horch, in den Eichen
seufzt noch ihr: Veni dominus!
*
Sternenbildnisse
Es liegt nahe, Blumen als Bildnisse von Gestirnen aufzufassen. Daß die Sonne dabei am meisten porträtiert wird, zumal in den gemäßigten Zonen, liegt an der Sonnenbedeutung. So gleicht eine Wiese voller Löwenzahn einer Stadt, die das Bild des besuchenden Landesvaters oder des zu feiernden Kirchenpatrons in alle Fenster stellt. Um danach zur Zeit der gläsern schillernden Samenbälle nicht weniger dem bleichen Vollmonde oder gar der erkaltenden Erde zu huldigen.
Der gewaltige Versuch der Sonnenblume ähnelt den Künsten der Kinder und Heraldiker, das große Himmelsfeuer wiederzugeben, und auch den Georginen und Chrysanthemen wie überhaupt den Korbblütlern gebührt ein hoher Rang der Nachahmenskraft und Vasallenfreude.
Die Doldengewächse scheinen breitere Aufgaben zu bevorzugen, und wenn Jean Giono gelegentlich eine wilde Möhrenblüte dem Orion vergleicht, so ist damit eine Skala berührt, die auszubauen jedermann mit Einfalt und Phantasie zugelassen ist. Scheinen Seidenmohn, Verbenen, Gladiolen, gewisse Nelken und die Kalla mehr vom Gewölk und den Beleuchtungseffekten des Firmamentes widerzustrahlen, so liegt es nahe, die Schmetterlingsblüten als Hymnen auf die Mond- oder Venusphasen, die Akelei als jupiterisch mondhornbezipfelt, einen Pulk Vergißmeinnicht den Plejaden geneigt und die Kirschblüte des Alten Landes – der Hamburger Obstkammer – als Spiegel der Milchstraße aufzufassen, die Rose aber mit Dante als Abbild und Offenbarung des Alls.
Zwischen Tau und Strick
Das an der Elbe von den Nonnen verlassene Gebiet fiel der Welt anheim. Eine Weile drehten dort die Reepschläger Schiffstauwerk, diese Umwandler zarter Pflanzenfasern. Sie hatten ein frommes Handwerk ausgeübt; was sie schufen, diente zu stützen und zu halten, mastauf und himmelan und hin und her und hinab in die undurchsichtige Tiefe, nicht unähnlich den Gebeten und Hymnen der Bräute Christi, und die Seilererzeugnisse dienten den Schiffen und Fuhrwerken, den Speichern und Gärtnereien, der Gürtung der Asketen und auch dem Amte der Schergen und Henker in der Sicherung dessen, was man gut und recht nannte.
Doch auch die Reepschläger blieben nicht. Um ihre Reeperbahnen herum erhob sich die wachsende Stadt, und der wachsende Hafen brach herein, verkappt piratisch mit den Begierden des Matrosen, der aus der Klausur des Bordlebens ausbricht und die Atmosphäre einstiger Askese allhier zum Kentern bringt, hier, wo es längst St. Pauli heißt, als habe der Apostel, der, wenn auch nicht Seefahrer, so doch häufig genug Schiffspassagier war, sein Wort von der Liebe hierher gerichtet entgegen aller lutherischen Meinung, daß der Glaube größer sei, größer auch als die guten Werke, die hier aus erdenfroher Seele angestrebt werden. Von dem Gewerbe der Reepschläger blieb nur das Berauschende, das in den harzigen Spitzen der „Cannabis femella“, der weiblichen Hanfpflanze, wohnt, und das als flüchtigster unmerklicher Haschischhauch allem anhaftet, was Tauwerk heißt und mit Tauwerk umgeht.
Strick
bindet
und befreit
zugleich. Niemand sprach
jemals laut vom Rausch der Fessel.
*
Fleurs du Mal
Keine Blume blüht
und kein Vogel singt
auf der schattenlosen See ...
Kein Wunder, daß auf der Vergnügungsseite des Hafens im kurzen Landeglück der Seefahrt der Umsatz an zarter Flora nicht unbedeutend ist. Eine „Vierländerin“, eine Blumenverkäuferin, in einer Tracht aussterbender Chinoiserie, geht mit flachem Henkelkorb von Tisch zu Tisch. Eine Ahnung allem Lärm entrückter seefahrtsferner Gärten mischt sich – so wie das angebliche Kind vom Lande unter die aufgezäumten Asphaltschönen – in den Dunst vegetabiler Aufbereitung, die da heißt: Tabak, Parfüm und Alkohol.
Nichts aber ist rührender auf dieser rauhen Erde, als wenn die Hand Hein Seemanns aus jenem Korbe wählt, einen Strauß Veilchen etwa oder Maiglöckchen, einen treibhausblassen Flieder, ein Bund knalliger Nelken, ein paar mit Spargelkraut verzierte, mit Draht gestützte Rosen, und er nun, unnennbar behutsam, zuinnerst überströmend und es sich selber verlegen, fast mürrisch nicht eingestehend, das Angebinde der flüchtigen Gefährtin überreicht.
O, stillste, verschämteste, innigste, wehmütigste aller Hamburger Gartenlust! Über die Lust des Fleisches triumphiert einen Pulsschlag lang die Zartheit der Blumen wie die Stimme des Engels über das Brodeln des Fegefeuers.
Und wenn auch die Holde unaufhaltsamer als jede Windsbraut schon in der nächsten Viertelstunde das Präsent gegen ein Geringes der Toilettenfrau überläßt und es als zufällig verloren meldet, indes es schon wieder im Korb der „Vierländerin“ landet, gemäß dem Kreislauf der Tide und allem, was die Drehscheibe des Hafens berührt ... dennoch: O Augenblick aus Ewigkeit, o fleurs d’amour! ...
Welch
Kult denn
o Seele
verkündet dir zart:
Seelen wandeln sich zu Blumen?
*
Zartgärten
Bis zur Entdeckung Amerikas fehlen uns Nachrichten über andere als Kohl- und Kräutergärten in Hamburg. Dennoch werden die „Zartgärtlein“ – im Süden des Vaterlandes seit der Gotik oft erwähnt – hier nicht ganz gefehlt haben, obschon die Ritterminne, die ihrer mit Rosen, Lilien und Geißblattlauben bedurfte, hier kaum blühte. Hatte man doch mit Köln guten Verkehr, das noch Überlieferungen römischer Gartenkultur pflog, und hatte sicher von des weltweiten Geistes Albertus Magnus Gärten gehört, der schon Gewächshäuser und im Januar blühende Violen besaß und Bäumchen mit reifem Obst zu Johanni.
Immerhin ergeben frühe Kämmereirechnungen, daß Amtsräume auf Kosten der Stadt mit frischen Sträußen geschmückt wurden. Diese wichtige Tatsache darf nicht übersehen werden. Doch wurden die Mittel dafür 1790 gestrichen. Erst heute beginnt man, die mehr als freundliche, die fürs Amtsgemüt äußerst dienliche Gewohnheit neu zu beleben.
In Staphorsts Kirchengeschichte heißt es 1496, daß man in Hamburg „enen lustbarlyken Garden, de dar ys vul Fyolen, Rosen unde Lilien“ wohl zu schätzen wisse. Und schon vorher besaß das Johanniskloster der Dominikaner dort, wo heute die Stelle des Ehrenmals sich erhebt, einen Alstergarten voll weißer Rosen.
Der Ausspruch des Erasmus von Rotterdam über seinen Garten zu Basel wird selbst den Kaufleuten der Wasserkante nicht fremd geblieben sein. Er besagt: Der Ort ist dem ehrbaren Vergnügen geweiht, die Augen zu ergötzen, die Nase zu erfrischen, den Geist anzuregen.
Alle alten Ansichten von Hamburg weisen es als Gartenstadt aus.
Der Schlangenkreis
Kultur und Mode, abseits aller Gewalttaten, sind das Reizvolle an der Menschheitsgeschichte; die leise luftige Entwicklung, die neben den mühsamen Stiefeln der Politik einhertänzelt, sie allein bleibt dem Weisen beachtenswert. In dieses Gebiet gehören auch die Gärten.
Welche Flut schöner Vorstellungen erwacht beim Blick auf die Entwicklung der Gartenkunst! Vom Gehege zum Hof, vom Zartgärtlein zum Park, von den Terrassen der Semiramis zum Lustgarten des poetischen Ratsherrn Brockes, vom Schnurgarten zur freien Landschaftsanpassung.
Soweit die unabsehbare Gartenfülle bis ins Dunkel des Altertums zu verfolgen ist, geht wellenförmig der Wechsel zwisehen Enge und Weite, Strenge und Lockerung, Regelmäßigkeit und Landschaftlichkeit, Architektonik und Park.
Kunst, Mode, Weltanschauung und Regierungsformen laufen dem parallel.
Unsere modernen Stadtplanungen sind teils den babylonischen Wolkenkratzern, teils den riesigen persischen Gartenstädten näher als irgendwelchen Siedlungsgründungen zwischen damals und jetzt.
Auf einer Schlangenlinie bewegt sich der kulturelle Fortschritt im Kreise.
Halb
nur ist
alle Form.
Sie zu ergänzen,
schon harrt in ihr der Gegensatz.
Wesen und Anwesen
Seit je haben wohlhabende Städter Neigung gespürt, verschuldete Bauernhöfe zu erwerben und sie für ihre Sommerfreuden herzurichten. Den nahrhaften Betrieb überließ man gewöhnlich einem Pächter, ließ für diesen das alte Strohdachhaus stehen und setzte ein bequemes Landhaus daneben. Solches geschah in Hamburg zuerst an der Bille und an der Elbe oberhalb der Stadt.
Die Häuser waren anfangs in Fachwerk errichtet, oft noch mit Reet, später mit Pfannen gedeckt, mehrstöckig, mit steilem Kreuzdach, die vier Giebel über den First verlängert, die Spitzen mit Geknaufe verziert. Die Fenster waren vorerst Butzenscheiben. Um in der Einsamkeit sicherer zu sein, umgab man den Besitz an der Landseite gern mit Planke und Wassergraben, fügte auch manchmal, in Anlehnung an die holsteinischen Rittergüter, eine Zugbrücke hinzu.
Ein Gärtnerhaus mit Stallung schloß sich an; denn Wagen und Pferde mußten untergebracht werden, und der Garten bedurfte der fachmännischen Pflege. Ein zierliches Laubenzelt, Treibhäuser und Orangerien fügten sich ein, und bald überwog die Kunst die Natur. So, in den weiten Marschenwiesen erhoben sich die sonderbaren Oasen der Städter und dehnten sich auch bald auf den Geestrücken aus, der von Oben Borgfelde über Hamm und Horn gen Bergedorf führt.
Man nannte solch ländliches Gartengrundstück ein „Wesen“, und das war in einer Zeit, da dieses Wort noch den alten Sinn des „Innewohnenden“ hatte. Heute sagt man „Anwesen“ oder „Gewese“. Es scheint damit die innere Beziehung zu derartigen Gartenbesitzungen dem Worte nach veräußerlicht und, wenn auch kaum bewußt, vergangenheitlicht zu sein, was an der wachsenden Zwiespältigkeit des menschlichen Befindens auch in anderen Beziehungen zum Dasein seit Mitte des vorigen Jahrhunderts erkennbar wird.
Memento te esse florem
Johannes Rist, Pastor zu Wedel und namhafter Poet dazu, pflegte seine Verehrer im Laubengange seines Gartens zu bewirten. Es wurde ländlich gespeist zu Zerbster Bier oder einem Gläschen roten Franzenwein mit einem selbstgebrauten himmelblauen Aquavit vorauf, und die Hausfrau verschönte die schlichten Schüsseln durch prächtigen Tafelschmuck, so daß unter den windhuschenden Spalierschatten alles auf Blüten zu schaukeln schien.
Danach traten zwei Gärtner mit Körben voll kleiner Kränze aus Rosen hinzu, davon Rist jedem Gaste einen auf die Perücke drückte, feierlich sprechend: Memento te esse florem! Gedenke, daß du eine Blume bist! Indes der Organist aus der nahen Kirche ein heiteres Pastorale erbrausen ließ.
1642 wurden Haus und Gärten zu Wedel durch die Kriegsvölker verwüstet. Pastor Rist ergab sich der Schwermut, als Wohlbeleibter aber zirkulär von heftigen Ausbrüchen der Lebenslust übermannt. Er fand Gesellschaft in einem trunksüchtigen Gutsverwalter und dessen leichtlebiger Ehehälfte und von letzterer viel Anbetung, zumal wegen seiner Komödie Adam und Eva im Paradies, die sie mit ihm, wenn ihr Mann nicht zu Hause war, vor fidelen Gästen „ganz abgekleidet, auch die Hemder ausgezogen“ gelegentlich aufgeführt haben soll. Es war Krieg, die Moral nicht stabil, selbst bei Pastoren und Poeten nicht.
Gelegentlich fand Rist Ersatz für sein zerstampftes Erdenparadies. Das war auf einem kleinen einsamen Hügel beim Fischerhafen Schulau. Er nannte ihn den Parnaß und ließ zwischen Eichen, wilden Apfelbäumen, Erlen und Haseln einen Grastisch mit Bänken ausstechen. Von dort ergötzte ihn der Blick auf den Strom, wo unter Segeln, Salut und Geschrei die Schiffe gen See in die ferne Barbarei glitten. Und es gelang ihm der gewaltige Choral „O Ewigkeit, du Donnerwort“.
Er gründete auch einen Schriftstellerverband zur Pflege des verwilderten deutschen Sprachgartens, den Elbschwanenorden. Dirks Paulun, poetischer Nachkomme großer Hamburger Kaufmannsgeschlechter und Gartenliebhaber, fernöstlich geboren, hat kürzlich vorgeschlagen, den Elbschwanenorden zu einer Auszeichnung zu erheben und ihn am blauen Blumenbande den Veteranen des Hamburger Schrifttums für fünfzigjähriges Ausharren in der Vaterstadt zu verleihen.
Von
Knollen
zu Blüten,
so wurzelt geheim
im Dunkel das Heitere auch.
Fernöstlicher Widerschein
Im Dreißigjährigen Kriege hatte sich der Wohlstand in Hamburg sprunghaft entwickelt, und damit entwickelte sich die Gartenkultur, die immer ein Maßstab für Wohlstand bleiben wird. Die Gartenliebhaber strebten, sobald die Zeitläufte es erlaubten, aus der Umwallung hinaus aufs „Land“. Dort wandelten sich die engen Hecken der Stadtgärten in weite Laubengänge. Die Mitte der staudengeschmückten Lustquartiere,
... auf zierlich ausgeschweiften Fluren
in rankenförmigen Figuren ...,
wie Brockes beschreibt, nahm ein Wasserbecken mit Goldfischen ein. Die Lusthäuschen wandelten sich in chinesische Türme, aber gemalte Prospekte täuschten an Endpunkten von Alleen oder Irrgärten überraschendere Fernblicke und Perspektiven vor, als die wirkliche Landschaft bot.
Der Einfluß des Fernost ist unverkennbar, den der Handel der Ostindischen Compagnien auf Europa ausübte, wo das bezopfte Rokoko sich wie eine östliche Maske über die vergehende Wiedergeburt der römischen Kultur stülpte, ohne daß die muntere Stilvermengung mit der Statuenfreudigkeit der Antike Einbuße litt. Die Bildhauer hatten gute Zeit. Sie lieferten in Sandstein oder Alabaster die Weltteile sowohl wie den Prinzen Eugen, die Kardinalstugenden wie auch die immer leichter geschürzten Göttinnen eines verlorenen Olymp. Aus Taxus und Buchsbaum wurden Figuren gestutzt, Tiere, Menschen, Schiffe und Urnen. Man sieht derlei heute noch in allerletzten Hof- und Fürstengärten. Doch fand ich auch auf Madeira droben im Garten des Monte-Hotels eine ungeheuerliche Taube kunstvoll aus einem gewaltigen Buchsbaum geschnitten.
Republik der Republiken
So sollte ein Garten sein, in seinen Wundern zahlreich, bunt und geschmackvoll und mit immer neuen Überraschungen Jahr für Jahr wie die Briefmarken der ältesten Republik der Welt, San Marino.
Sind aber nicht alle Gärten dieser Erde von ihrem Ursprung her noch älter und freiheitlicher und friedlicher selbst als San Marino?
Die Gärten dieser Welt, sie sind zusammen die Republik der Republiken und die schönste dazu.
Laut
ist mein
Garten nicht,
aber tausendfalt
leise und darum verständlich.
Christine liest zu Wandsbek Virgil
Christine, Königin von Schweden, pflegte gern unangemeldet und „fast unbekannt“ auf dem Wege von Wismar, Paris oder Rom im freimütigen und lebenssaftigen Hamburg einzukehren. In Mannskleidern ritt sie durchs Tor, und der Rat der Stadt blieb, bis sie entdeckt war, mit seinem üblichen Gastgeschenk an „Silberwerk“ in Verzug. Sie überließ solcherlei Aufmerksamkeit aber gewöhnlich ihrem Bankier, dem reichen portugiesischen Israeliten Texeira, wohnte auch in dessen Hause hinter der Michaeliskirche.
1654 folgte sie der Einladung des Landgrafen von Hessen auf den Garten eines Herrn Albert Baltzer-Lerens nach Wandsbek. Es war Mitte Juli und ein schöner Tag, so daß sie die Predigt in der Petrikirche, obwohl sie ihr zu Ehren von der Königin zu Saba handelte, voreilig und ohne die angesetzte Orchestermusik abzuwarten, verlassen hatte. Dabei war auf ihrem teppichbelegten Platz im Kirchenstuhl ein Buch liegengeblieben. Der Ratsschenk wurde ihr nachgeschickt, den vermeintlichen Gebetspsalter abzuliefern. Sie nahm das Büchlein, wie der Chronist meldet, mit „höhnisch lächelnder Miene“, ließ aber dem Pastoren eine goldene Kette übermitteln.
Und dann, in den herrlichen Anlagen des Gartens, las sie aus dem Buche. Es war, kostbar in Saffian und Goldschnitt, ein Band Virgil, und zwar die Georgica. Da las sie denn laut über das Glück des ländlichen Lebens und die Freuden der Gärten und die Wunder des geordneten Weltalls, das, wie sie anschloß, das eine Wunder versäumt habe, nämlich sie zur Zeit des Königs Salomo und zu Arabien ins Dasein zu rücken.
Man war begeistert und tafelte so arabisch als virgilisch im Freien und so weidlich, daß es Mitternacht wurde, ehe die Königin mit ihrem Gefolge wie der wilde Jäger davonstob. Beim geschlossenen Steintore lärmte sie so lange, bis die halbe Stadt erwachte und ihr geöffnet wurde.
Sie hatte übrigens wenige Wochen vorher, ohne daß man es zu Hamburg schon ahnte, auf ihre Regierungswürde verzichtet. Und ein Jahr später trat sie, die Tochter Gustav Adolfs, zum Katholizismus über. Rom ließ sich diesen Erfolg etwas kosten und zahlte ihr eine Jahresrente von zwölftausend Skudi.
Fürst,
wo bleibt
dein Vorrang?
Heute gilt einzig
der Adel hoher Tüchtigkeit.
*
Tumult im Vorgarten
1668 war ein neuer Papst gewählt worden. Christine feierte das Ereignis zu gebührender Aufmerksamkeit mit großem Glanze in den Räumen Texeiras. Als es dunkelte, erleuchteten sechzig Wachskerzen auf vergoldeten Armen ein Schild am Giebel des Hauses, darauf das päpstliche Wappen gemalt war nebst der Inschrift: Clemens IX Pontifex Maximus vivat!
Im Vorgarten, zwischen antiken Standbildern, spendeten zwei Springbrunnen roten und weißen Wein fürs Volk. Einige Stadtsoldaten regelten den durstigen Andrang, doch ohne hindern zu können, daß einige Bootsknechte sich maßlos betranken. In der daraus folgenden Neigung zum Radau nahm die Menge plötzlich Anstoß an der „katholschen Illumination des Judenpalais“. War man nicht protestantisch in dieser Freien und Hansestadt? Gewiß war man auch tolerant. Aber war nicht Texeira der Mann, der das Geld herlieh zur Anwerbung jungen deutschen Moskitofutters für die höllische Hollandsche Fremdenlegion?
Der Janhagel begann, die Festespracht mit Steinen zu bewerfen. Die Wachtposten wurden ins Haus gedrängt. Und als nun gar aus einem der Fenster ein Pistolenschuß fiel – und wahrscheinlich von Christine selber – und schließlich sogar aus Falkonetten gefeuert wurde und es Tote und Verwundete gab, da kannte die Straße kein Halten mehr. Alle Scheiben und Leuchter zerklirrten, und das Haus wäre gestürmt worden, hätte nicht der energische Stelzfuß und vormalige Schwedenoberst, der Prinz von Homburg – der in Wahrheit dem Kleistschen nicht glich – die Unruhe mit lutherisch kräftigen Beschwörungen zu dämpfen vermocht.
Vermummt in einen Regenmantel entkam die Ex-Königin mit genauer Not durch eine Hinterpforte. Indes unter Trommelschlag die alarmierte Bürgerwehr anrückte.
Doch fand die Miliz Volk und Gäste schon verstreut. Aus der demolierten Haustür aber drang auf hebräisch der Klageruf des Hausherrn durch den zertrampelten Vorgarten, wo neben den umgestürzten Springbrunnen zerschmettert die Statuen Venus und Merkur lagen in Pfützen Weines und Blutes, und das herabgefetzte Plakat christlicher Huldigung deckte nur unzureichend die heidnische Blöße.
Mob,
Pöbel!
So lautet’s,
wenn das Volk sich rührt.
Doch wo was gärt, ist auch was faul.
*
Der Kaneelbaum
Noch lange nach dem Dreißigjährigen Kriege war innerhalb der weiten Umwallung Hamburgs die Gegend zwischen Jungfernstieg, Dammtor, Fuhlentwiete und Kohlhöfen, die sogenannte Neustadt, nur wenig bebaut. Gänsemarkt, Großneumarkt, Schaarmarkt und Zeughausmarkt lagen mitten in Gärten, wo Kaufleute und Ratsherren ihre Sommerlust eingerichtet. Dort genossen ihre Familien – und sie selber die Abende und Feiertage – abseits der dumpfen Speicherwohnungen am Cremon, Hopfensack oder Wandrahm die gute Jahreszeit.
1669 legte Caspar Anckelmann unter riesigen Kosten einen Garten bei der jetzigen Poolstraße an. Das Geld schoß ihm sein Schwiegervater, der Großgrundbesitzer Möhlmann, vor. Der Garten war in vier Lustquartiere geteilt mit muschel- und buchs-eingefaßten Schnörkelbeeten, deren Nachklänge gelegentlich noch heute in Bauerngärten anzutreffen sind. Er war besetzt mit ungewöhnlichen Pflanzen, beschafft aus allen erreichbaren Erdteilen, zumal in Töpfen und Kästen, die winters ins Haus geholt werden mußten. Es fehlte auch nicht an gestutzten Fruchtbäumen und Spalieren, und überall waren Obelisken, Pyramiden und Marmorgötter aufgestellt. In der Mitte befand sich ein prächtiges Lusthaus, wohlmöbliert und aufs üppigste mit Gemälden und Plastiken ausstaffiert.
Die kostbarste unter den fünfhundert Besonderheiten des Gartens war ein „Caneelbaum“, über Holland aus Westindien bezogen. Der Große Kurfürst bot bei einem Besuche in Hamburg 1682 dem stolzen Besitzer glatte zweitausend Reichstaler dafür. Aber Anckelmann lehnte ab.
Vierzehn Jahre später hätte er wahrscheinlich nicht abgelehnt. Seine Gartenleidenschaft hatte sein und seiner Verwandten Vermögen verschlungen. Er mußte sich November 1696 – er hatte den Garten noch abgeerntet – für zahlungsunfähig erklären. Damit verlor er auch einen sechs Jahre innegehabten Ratsherrenposten. Seine Gläubiger versammelten sich auf der Diele des schönen Lusthauses, ihr Recht zu fordern. Aber der Besitzer hatte das Weite gesucht und soll nach langer Irrfahrt in Brasilien als Plantagenaufseher gestorben sein.
Englischer Einfluß in Hamburg
Ähnlich wie deutsche Kaufleute im Stahlhof zu London eigene Niederlassungen besessen, gründeten Engländer zu Hamburg ihren Court der „Merchants adventurers“. Diesen Begriff mit dem Ausdruck kaufmännische Abenteurer zu übersetzen, dürfte kaum als ungemäß gelten, da bis heute kein bedeutendes kaufmännisches Unterfangen des Abenteuers entbehrt.
Diese Unternehmer brachten aus England um 1650 die Neigung zu ausgedehnten Landsitzen mit. Auf der britischen Insel war dafür ein Gartenstil entwickelt worden, der die Landschaft möglichst unberührt ließ und die barocke Steifheit höchstens in der Nähe des Hauses, doch immer aufgelockerter, duldete.
Bis dahin war zu Hamburg der holländische Geschmack maßgeblich gewesen, der wiederum von den Franzosen gelernt hatte, aber in flachem Gefilde und begrenzterem Raum die Pariser Gartengenialität in eine spielerische und pedantische Schnörkelhaftigkeit verengte. Von den Holländern, den emsigen Züchtern, übernahmen die deutschen Fürstenhöfe mehr als aus Paris und Versailles ihr Pflanzmaterial und die Anregungen für die Gartenarchitektur.
Auch Hamburg bezog seine Blumenzwiebeln und ausländischen Bäume noch lange über die Niederlande, seine Gartenpläne aber, die der Bürger sonst so gern den Potentaten nachahmte, wurden nachhaltig vom Geiste des englischen Welthändlers beeinflußt.
Welt,
schöne
reiche Welt,
dein Abschaum heißt Gold,
draus der Mensch dich mühsam nachäfft.
*
Der Demokrat und die Apfelsinen
Die Bezeichnung „Apfel de Sina“ wurde in Hamburg erfunden und hat sich von dort über Deutschland verbreitet. Die anfangs sehr kostspielige Frucht galt, mehr noch als der Apfel, als Sinnbild des Glanzes und der Macht, und ein gewisses Publikum, das nicht zu den Ärmsten gehört haben kann, warf diese goldenen symbolischen Reichsäpfel dem ersten Demokraten zu Hamburg, dem Kaufmann Snitger in den Wagen, als er einem Überfall anders gesonnener und konservativer Stadtgenossen entronnen war.
Er hatte mit seiner Frau seinen Garten zu Hamm aufgesucht, um die ersten Märzglöckchen zu pflücken, und auf der Rückfahrt war ihm von den politischen Gegnern aufgelauert worden. Eine Gartennachbarin, die den Lärm gehört, war mit ihrem Wagen zur Stadt gejagt und hatte veranlaßt, daß Kavallerie zu Hilfe kam. Die Wegelagerer wurden bei der Fähre zu Artlenburg, wo sie ungewollt Aufenthalt erlitten, eingeholt und überwältigt. Sie hatten Snitger, der als Vertreter der Bürgerschaft den sich auf Gott und Kaiser begründenden Rechten des Rates die zeitgemäßen Forderungen des Volkes entgegengesetzt, nach Wien zur Verantwortung entführen wollen. Nun wurden sie auf Betreiben des Geretteten hingerichtet, im ganzen neun Personen.
Aber vergossenes Blut schreit nach Blut. Zu neun Kegeln fehlen zwei Kugeln, sagten seine Parteigegner und meinten Hieronymus Snitger und seinen Mitdemokraten, den ehemaligen Tuchfärber Jastram. Die beiden waren zu eilig vorangegangen auf dem noch unsicheren Gebiete sozialer Reformen, liehen auch, als sie ihre Macht bedroht fanden, dänischen Versprechungen ihr Ohr. Als Christian V. aber mit Kriegsvolk anrückte, fand sich die ganze Stadt plötzlich in wilder Einmütigkeit zur Abwehr bereit, und die beiden ersten Demokraten Hamburgs wurden „beim Kopfe genommen“. Es war im Herbst 1686. Snitgers Frau hatte die letzten Rosen aus dem Garten geholt, der mit dem Todesurteil dem Staate anheimfiel. Sie wachte die ganze Nacht bei ihrem Manne und legte ihm selber am Morgen den schwarzen Richtmantel um, sank aber nach dem Abschiedskuß ohnmächtig nieder.
Snitgers Kopf hat auf einer eisernen Stange fast ein halbes Jahrhundert überm Steintore geprangt, bis er in einer stürmischen Novembernacht herunterfiel.
Passionsblume
Der Küster der St.-Georger Kirche, als sie damals noch St. Jürgen benannt und eine Kapelle war, hieß Elias Galli und scheint später das erste Kaffeehaus in Hamburg und damit in Deutschland eröffnet zu haben. Er war zudem ein bedeutender Maler und stand als aufgeklärter Mann den sozialen Plänen Snitgers nahe. Mit andern Gleichgesonnenen mußte er nach der Hinrichtung der demokratischen Führer Hamburg 1687 verlassen.
In der Verbannung hat er einen der Emigranten gemalt, anscheinend als Vorlage für ein zu verbreitendes Pamphlet, die den Geächteten, den Licentiaten der Rechte Nicolaus Sillem, mit schwer gefesselten Füßen in einem Raume zeigt, der halb als Gefängnis, halb als Studierstube anmutet. Auf einem Tische zwischen Büchern und Schriften steht das prächtige Exemplar einer blühenden Passionsblume, die sich zu einem ovalen Gitterfenster aufwölbt. Die Linke des den Beschauer beredt und sympathisch anblickenden stattlichen Herrn faßt nach einer der Blüten. Diese Blüten, mit der seltsamen Fadenkorona, den drei nagelhaften Staubgefäßen und dem geißelartigen Stempel, erinnerten den Gläubigen jener Zeit an das Martyrium Christi.
Nach zehnjähriger Ächtung kehrten die Sillems zu ihren amtlichen Ehren zurück und schenkten der Stadt durch viele Generationen hervorragende Köpfe der Verwaltung.
Anfang des neunzehnten Jahrhunderts besaß Garlieb Sillem als Hamburger Bürgermeister Landhaus und Garten an der Elbe zu Nienstedten, dort, wo heute der Wesselhoeftsche Besitz sich erstreckt.
Kampf,
Zwiespalt
aller Lust,
immer ist das Leid
Partner nicht des Besiegten nur.
*
Pestberg und Wahrzeichen
Schauerlich wütete die Pest 1712 bis 1715 in den Hamburger und Altonaer Elendsvierteln. Die Opfer, über zehntausend, wurden vors Tor geschafft und unweit der Bastion Sternschanze in ein Massengrab gehäuft. Auf dem Hügel, der sich darüber wölbte, dem Pestberg, weideten später die Gemsen des Zoologischen Gartens. Und zur Belustigung des Publikums wurde dort ein Ruinenturm errichtet, der an seinem Fuße auch die Bärenzwinger barg. Viele Hamburger Kinder haben dort das Gruseln gelernt, und auch ich. In Mauerlöchern hinter Gittern hockten Uhus und Eulen wie die Seelen derer, die in den unzureichenden Verhältnissen der Stadt umgekommen waren.
Als der Zoo der Konkurrenz des Tierparks Hagenbeck erlag, wurde die baufällige Eulenburg abgebrochen. Das Gefilde der Planten un Blomen bezog den Hügel in seinen Lustbereich. Es war geplant, dort ein neues Wahrzeichen Hamburgs, eine Ehrensäule probeweise aufzubauen und sie später der Neugestaltung des Jungfemstiegs einzufügen. Der Bildhauer Edwin Scharff, der im Norden heimisch gewordene Schwabe – dem als einzigem aller Siedler zu Kämpen auf Sylt gelang, dem Meerwind einen hübschen Garten abzutrotzen –, hätte auch sicher hier Ungewöhnliches vollbracht. Statt dessen wird ein Reklameturm der Firma Philips den Berg zieren und, ähnlich wie in Barockgärten, der Aussicht über das Gefilde dienen. Seine pagodischen Licht-Etagen atmen wiederum den Hauch Fernost, der Europa befruchtet. Und es paßt dazu, daß Alfred Koehn, der zu Kioto zum Blumenzauberer geweihte Deutsche, und der Japaner Yuji Yoshimura auf dem Gelände „Ikebana“ und „Bonsai“ lehren werden, die Künste, Blumen zusammenzustellen und Zwergbäume zu züchten.
Aus solchem weitsichtigen und sanften Fluidum sich erneuend, möge das geplante Sinnbild der Stadt – denn der Granitriese mit dem bloßen Schwert auf der Bastion Casparus ist es nicht – endlich mit den aus Furcht und Anmaßung geborenen Wappenlöwen, Adlern und verschlossenen Wehrtürmen aufräumen. Möge etwas Gemäßeres erkoren werden, etwas Freundlicheres, etwas, das einladend und dankenswert ist in dieser offenen und vom Meere genährten Siedlung, etwas, das den Acker der See und das Füllhorn des Stromes preist, also etwa eine Meergöttin. Den Neptunus hat uns München höchst gewaltig in seinem alten Botanischen Garten schon vorausgenommen, und der Kentaurenbrunnen zu Altona huldigt mehr der Gier als der empfehlenswerten Anmut.
Laßt uns denn, öffentlich oder nicht, ein rechtes Meermädchen zur Stadtheiligen erwählen, eine schöne Meeresgärtnerin, eine Santa Cathrin, deren Marterrad die Folklore längst zum Steuerrad umgedeutet. Diese nicht nur alexandrinische Hafenheilige des Novembernebels ist allen Philosophen zugeboren und damit allen Seeleuten. Ihr würde gewiß die endgültige Entsühnung des Pesthügels gelingen, darunter Arm und Reich, Jud und Christ in der Demokratie des Todes und der Internationalität eines wahren Welthafens ruhen, und ihr wohl auch die endgültige Weihe des Jungfernstiegs, ihr, der Hamburger Meerfrau, die ein Schiff in Händen hegt, wie denn solche, wenn auch noch unvollkommen, den Hapagpavillon krönt.
See,
Elbstrom,
weite Welt.
Da spinnt die Meerfei
ihr Takelgarn um Schiff und Stadt.
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