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Hans Jürgen Kugler

Von Zeit zu Zeit

AndroSF 115

Hans Jürgen Kugler

VON ZEIT ZU ZEIT

AndroSF 115

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Juni 2021

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Uli Bendick

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 244 7

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 853 1

1 – Albtraum

Der Wahnsinn begann am Morgen des 6. Juli 2022. Ich wachte früh auf, weil ich jämmerlich fror. In meiner Bude war es eiskalt, und das mitten im Sommer. Ich versuchte die Bettdecke enger um mich zu ziehen, aber das erwies sich als unmöglich. Schlaftrunken schüttelte ich den Kopf. Meine kuschelige Bettdecke lag vollkommen starr und unbeweglich auf mir. Nur eine dünne Schicht, die unmittelbar mit meinem Körper Kontakt hatte, schmiegte sich noch ein wenig an meine Haut. Der Rest war steif wie ein Pappkarton. Und wie mir der Rücken wehtat! Auch die Matratze schien über Nacht hart wie Stein geworden zu sein.

Leicht benommen machte ich Anstalten aufzustehen. Ich wollte die Decke zur Seite werfen und erlebte gleich die nächste Überraschung: Das dämliche Ding bewegte sich keinen Millimeter und klemmte mich regelrecht unter sich ein. Ich atmete tief durch, um meine aufkommende Panik unter Kontrolle zu bekommen. Ein Albtraum?

Ich versuchte es erneut, und diesmal gelang es mir, das störrische Ding Zentimeter um Zentimeter hochzustemmen, bis ich einen schmalen Spalt zwischen mir und der Decke geschaffen hatte, aus dem ich mich herauszwängen konnte. Ich landete hart auf dem Boden und atmete erleichtert aus. Mein Atem schien auf der Stelle schockgefroren zu sein und schwebte wie eine Wolke bewegungslos vor mir. Ich blickte auf mein unheimliches Nachtlager zurück, über dem die Decke schwebte wie an Bindfäden aufgehängt. Jetzt war ich endgültig wach – und zugleich sicher, dass das nur ein Traum sein konnte.

Ich kämpfte mich auf die Beine und ging vor Verwirrung und Kälte schlotternd ins Bad. Der Wasserhahn am Waschbecken klemmte. Mit viel Kraft und Ausdauer bekam ich ihn schließlich auf, hatte aber noch lange kein Wasser. Eingefroren?

Verwirrt blickte ich zum Fenster. Draußen schien hell und klar die Sommersonne, hier drinnen jedoch war es geradezu frostig. Allmählich bekam ich es mit der Angst zu tun.

Ich wollte den Wasserhahn gerade wieder zudrehen, da sah ich im Licht der Morgensonne am unteren Ende des Hahnes etwas hervorglitzern. Neugierig beugte ich mich hinab und konnte beobachten, wie ganz allmählich ein Tropfen aus der Öffnung hervorquoll. Er wurde größer, löste sich vom Hahn und … schwebte in aller Seelenruhe majestätisch in der Luft, bevor er langsam nach unten sank.

Beim nächsten Tropfen das gleiche Spiel. Fast unmerklich bildete sich ein dünner Strahl, der zu einer kräftigen Säule aus Wasser wurde, die in der Luft zu stehen schien und gemächlich dem Waschbecken entgegenwuchs. Dieses Schauspiel wurde von einem grummelnden Geräusch begleitet. Die Vibrationen des tieffrequenten Bebens, das direkt aus der Erde zu kommen schien, konnte ich deutlich in der Bauchdecke spüren. Ich zwickte mich noch einmal kräftig in den Oberarm – kein Zweifel, ich konnte neuerdings in Zeitlupe gucken …

Vorsichtig berührte ich mit den Fingerspitzen dieses »stehende Gewässer«. Seine Konsistenz erinnerte mich an Kunststoff. Ich drehte den Wasserhahn wieder zu und wartete gespannt, was nun passieren würde. Nichts. Eine gefühlte Ewigkeit lang. Dann zeigte sich ein feiner Spalt zwischen Hahn und Wasser. Ganz langsam wurde er größer, und die Wassersäule begann, in sich zusammenzusacken. Es schien ewig zu dauern, bis sich das verbliebene Wasser zu größeren Tropfenansammlungen teilte, die einige Zeit noch in der Luft standen, ehe sie allmählich nach unten schwebten. Endlich auf dem Porzellan des Waschbeckens angekommen, zerplatzten sie zeitlupenartig in sternfunkelnde, kronenartige Ringe, die kleine glitzernde Perlen auf ihren Spitzen trugen und wie fremdartige Pflanzen aus dem Waschbecken emporwuchsen, bis sie in sich zusammensackten und wie überdimensionale Amöben langsam Richtung Abfluss krochen.

Wahnsinn! Ich war von dem ungewöhnlichen Schauspiel so gebannt, dass ich fast die arktische Kälte vergessen hätte. Was auch immer hier drin los war, vielleicht war die Welt draußen ja noch normal? Oder wenigstens wärmer? Immerhin schien die Sonne, also nichts wie raus.

An der Tür die nächste Überraschung: egal, wie kräftig ich daran zerrte – nichts. Als ob sie sich über Nacht in eine tonnenschwere Tresortür verwandelt hätte. Verzweifelt rannte ich zur Balkontür. Zum Glück war Hochsommer und da hatte ich sie gewohnheitsmäßig offen stehen lassen. Ich schwang mich über die Brüstung und landete unsanft auf der Kiesfläche im Garten.

Hier draußen wurde es schlagartig wärmer. Die Sonne strahlte, wie es sich für einen ordentlichen Sommertag gehörte, hell und heiß auf mein Gesicht. Die kalte Luft schien also lediglich auf die Innenräume beschränkt zu sein. Heilfroh, der arktischen Kälte meiner Wohnung entkommen zu sein, sah ich mich um.

Die Landschaft war in einen satten rotgoldenen Ton getaucht. Ich blickte auf die Straße. Alles war ruhig. Die Szenerie, die sich mir bot, hatte was von einem Standbild. Auf dem gegenüberliegenden Gehweg standen ein paar Leute wie Schaufensterpuppen herum, die auf ewig mitten in der Bewegung erstarrt zu sein schienen. Ein Pärchen ging, oder vielmehr stand, Hand in Hand auf dem Bürgersteig. Der Mann hatte seinen linken Fuß etwas in die Luft gestreckt, wie um einen Schritt nach vorn zu tun. Sie blickten einander an. Die Frau hielt ihren Mund leicht geöffnet, weil sie wohl gerade etwas sagen wollte. Ein tiefer, gedehnter Brummton war zu hören, der aus ihrem Mund zu kommen schien.

Ein eiskalter Schauer kroch mir langsam das Rückgrat hoch. Von nacktem Grauen erfüllt sah ich mich Hilfe suchend um. Mitten auf der Straße stand ein blauer Toyota. Ich wunderte mich, warum dieser Idiot hier mitten auf der Fahrbahn parkte, da bemerkte ich, dass sich dieses Auto doch bewegte. Nur ganz wenig, aber dennoch deutlich zu erkennen. Es fuhr buchstäblich im Schneckentempo.

Dieser Anblick nahm mich so gefangen, dass ich mir um ein Haar eine Fliege ins Auge gerammt hätte, die direkt vor meiner Nase in aller Seelenruhe stoisch ihre Bahn zog. Und zwar ebenfalls im Zeitlupentempo, ich konnte deutlich das langsame Auf und Ab der gläsernen Flügel erkennen. Schnell trat ich einen Schritt zurück und der Brummer schwebte wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen gemächlich an mir vorüber.

Allmählich dämmerte es mir: Ich hatte in meinem Leben genügend Science-Fiction-Romane gelesen, um zu wissen, was los war: gar kein Zweifel – Zeitdehnung! Die Welt um mich herum hatte sich aus irgendeinem Grund verlangsamt. Oder ich mich in ihr beschleunigt. Was auf dasselbe hinauslief.

Davon zu lesen war eine Sache, es am eigenen Leib zu erfahren eine ganz andere. Heiße Panik stieg in mir auf und mit einem Mal fühlte ich mich verdammt einsam. Was, wenn dieser Zustand anhielt – bis in alle Ewigkeit gar? Die in diesem Fall ziemlich lang werden könnte.

Ich betrachtete noch einmal die Fliege. In den letzten zwei, drei Sekunden war sie vielleicht gerade mal ein paar Fingerbreit vorangekommen. Wie schnell flog so eine Stubenfliege für gewöhnlich? Und wie hoch lag eigentlich die Schlagfrequenz ihrer Flügel?

Ich hatte keine Ahnung. Hoch vermutlich. Hätte ich im Biologieunterricht bloß besser aufgepasst, dann hätte ich daran abschätzen können, in welchem Maß sich die Welt um mich verlangsamt hatte.

Ich überquerte die Straße, um mir das in ewiger Innigkeit verbundene Pärchen genauer anzusehen. Der linke Fuß des Mannes hatte mittlerweile Bodenkontakt, während der rechte nur noch mit der Zehenspitze den Boden berührte. Die Frau hatte den Mund wieder geschlossen, der tiefe Brummton aus ihrer Kehle war zu einem hauchenden Laut verebbt.

Kein Zweifel, das waren keine Schaufensterpuppen. Beide zeigten eindeutig Leben, wenn auch um ein Vielfaches verlangsamt. Solange ich einigermaßen in Bewegung blieb, musste ich für die beiden ja unsichtbar sein. Vielleicht spürten sie kurz einen Windhauch, wenn ich um sie herumhuschte. Vielleicht auch nicht. Würde ich lange genug auf einer Stelle stehen bleiben, könnten sie eventuell schattenhaft meine Kontur erahnen. Wie ein Gespenst, das schneller wieder aus dem Gesichtsfeld verschwindet, als es aufgetaucht war.

Ich entschloss mich zu einem kleinen Spaziergang in den nahe gelegenen Park. Auf dem Weg dorthin musste ich hin und wieder einigen Insekten ausweichen, die wie festgeleimt mitten in der Luft schwebten. Hauptsächlich Fliegen und kleinere Mücken. Einmal konnte ich von allen Seiten sehr schön eine Wespe begutachten, die eine fette grüne Raupe mit ihren Beinen gekrallt hatte und wohl auf dem Weg zu ihrem Stock war.

Diese extrem verlangsamte Welt hatte ihre eigenen, nicht ganz ungefährlichen Tücken. Ich war mit der Hand nur ganz kurz an ein Grasbüschel gekommen, schon hatte ich mir an den rasiermesserscharfen Halmen einen tiefen Schnitt geholt, aus dem das Blut hervorquoll. Weit kamen die paar Tropfen indes nicht; kaum dass sie die Haut meines Körpers verlassen hatten, schwebten sie als rote Kügelchen regungslos in der Luft. Also Vorsicht!

Das Gras, auf dem ich stand, war hart und starr wie Kristall. Aber ganz egal, wie fest ich auch darauf herumtrampelte, es brach nicht, kein Hälmchen splitterte. Erst wenn ich einige Zeit auf einer Stelle stehen blieb, konnte ich spüren, vielmehr erahnen, wie sich die Grashalme allmählich dem Gewicht beugten. Zum Glück war die Wiese erst frisch gemäht worden.

Gegenüber entdeckte ich einen jungen Mann mit seinem Hund, beide wie ein Standbild in die Landschaft hineingemeißelt. Der Mann hielt den rechten Arm in gestreckter Haltung, den Oberkörper nach vorne gebeugt. Ein paar Meter vor ihm hing ein kleiner Ast in der Luft, den er gerade geworfen hatte. Sein Hund, eine gewöhnliche Promenadenmischung, war eben vom Boden abgesprungen und schwebte nun wie gebannt in der Luft, das Maul aufgerissen, um das Stöckchen zu packen.

Ich weiß nicht warum, aber irgendwie kam ich auf die Idee, das Stöckchen zu nehmen und es dem Hund genau in dem Moment auf den Kopf fallen zu lassen, wenn er danach schnappen wollte. Ich nahm den kleinen Ast … aber der blieb wie festgemauert in der Luft hängen und war einfach nicht von der Stelle zu bewegen. Ich zog mit aller Kraft an diesem lächerlichen kleinen Ast, aber das verdammte Ding rührte sich keinen Millimeter. Erstaunlich! Das Ästchen verhielt nicht nur einfach stur in der Luft, sondern beschrieb in aller Ruhe seine einmal eingenommene Parabelbahn. Ich konnte beobachten, wie sich der Kopf des Hundes langsam seinem Stöckchen näherte, bis er es schließlich zu fassen bekam.

Offensichtlich beharrten die Dinge störrisch auf ihrer eigenen Zeit. Die Dinge verschwinden ja nicht einfach aus der Welt, bloß weil ein unglaublich in der Zeit beschleunigtes unsichtbares Wesen wie ein Verrückter daran zerrt. Tatsächlich müsste ich meine Energie, mit der ich das Stöckchen ein Stückchen zur Seite schieben wollte, erst allmählich seinem eigenen Zeitablauf anpassen, bis der gewollte Effekt hätte eintreten können. Und das konnte dauern – wie lange, wusste ich nicht. Ebenso wenig, wie viel Energie ich aufbringen müsste, um unter diesen Umständen auch nur ein Staubkorn entgegen seiner Eigenzeit zu bewegen.

Ich nahm jetzt besser den Gehweg. Solange man sich nicht bewegte, schien eigentlich alles ganz wie gewohnt zu sein. Die Luft war warm und absolut windstill. Ein ganz normaler Sommertag, könnte man denken. Bis auf die seltsamen Geräusche. Ein bedrohliches Dröhnen hing in der Luft, das an die tiefsten Pedaltöne einer Orgel erinnerte. Ganz in der Nähe hörte ich einen eigentümlich knarzenden Laut, als wenn ein Brett aus einem Holzboden gestemmt würde. Der Laut kam offensichtlich von dem Rotkehlchen auf dem Zweig vor mir. Das Vögelchen saß bewegungslos mit aufgesperrtem Schnabel und geplustertem Gefieder auf seinem Ast, als ob es ein Exponat im Naturkundemuseum wäre. Kein Zweifel, dieses tiefe Knarzen, das es von sich gab, musste die um ein Vielfaches verlangsamte Version seines zirpenden Balzrufes sein. Vorsichtig, um nicht an ein unerwartet im Weg schwebendes Objekt zu stoßen, drehte ich mich um und ließ meinen Blick erneut über diese eigenartige, erstarrte Welt schweifen.

Wie aus dem Nichts packte mich nackte Angst. So faszinierend das alles auch sein mochte, so verstörend war es auch. Ich wollte nur noch weg und rannte einfach drauflos. Allzu weit kam ich nicht. Schon nach wenigen Hundert Metern musste ich anhalten und nach Luft schnappen. Diese dicke, zeitverlangsamte Luft eignete sich wohl nicht zum hektischen Einatmen. Allmählich beruhigte ich mich. Meine kopflose Flucht hatte mich mitten in den Park geführt.

Der See darin lag still und klar direkt vor mir und glänzte in der Sonne. Die gekräuselte Oberfläche war ein sicheres Zeichen dafür, dass sehr wohl eine Brise wehen musste, wovon wegen der Zeitverlangsamung natürlich nichts zu merken war. Zögerlich trat ich vor und berührte mit der Schuhspitze vorsichtig die Wasseroberfläche. Dann setzte ich den ganzen Fuß auf. Wie ich es mir gedacht habe – das Wasser hatte gar keine Zeit, unter mir nachzugeben. Ich stand sicher und fest auf dem glitzernden Untergrund. Großartig!

Auch wenn mir nicht so ganz wohl bei der Sache war, machte ich einen weiteren Schritt vorwärts. Ohne das Wellenmuster auf dem See hätte man denken können, auf einer Eisfläche spazieren zu gehen. Nach einer Weile ging ich in die Knie und befühlte vorsichtig eine der Wellen.

Dabei fielen mir zuerst die enormen Temperaturunterschiede auf. Die sonnendurchflutete obere Wölbung fühlte sich warm an, ganz im Gegensatz zu den verschatteten Bereichen in den Wellentälern, die so eisig waren, dass ich mir fast daran die Finger verbrannt hätte.

Ich richtete mich wieder auf und spazierte mit großen Schritten weiter. In der Mitte des Sees blieb ich stehen, stemmte die Hände in die Hüften und blickte mich um. Ich fühlte mich großartig. Mir wurde klar, dass ich in meinem beschleunigten Zustand anstellen konnte, was ich nur wollte, die Menschen würden noch nicht einmal bemerken, dass ich da wäre. Losgelöst von den Fängen der Zeit wäre alles möglich. Die ganze Welt lag mir zu Füßen!

Doch da war noch diese Sache mit der Eigenträgheit der Dinge. Ich wollte mich gerade in Richtung Ufer aufmachen, aber ich konnte meinen Fuß nicht mehr bewegen. Ich steckte fest! Ich zog und zerrte an meinem Fuß – zwecklos.

Festgefroren in der Zeit. Ich hatte zu lange auf derselben Stelle verharrt und nicht gemerkt, wie ich Millimeter für Millimeter allmählich in die Wasseroberfläche eingesunken bin. Alles eine Frage der Zeit. Ich wollte allerdings nicht herausfinden, wie lange es wohl dauern würde, bis mich der See vollständig verschlungen hatte. Und das genüsslich in Zeitlupe.

Jetzt ganz ruhig! Noch war ich nicht tiefer als vielleicht ein, zwei Millimeter eingesunken. Was allerdings tief genug war, um mich ein für alle Mal hier mitten auf dem See festzuhalten. Erneut zerrte ich mit aller Kraft an meinem Bein, aber keine Chance. Mit Gewalt war da nichts zu machen. Es gab nur eine Lösung: Ich musste versuchen, meine Schuhe auszuziehen und schauen, dass ich von hier wegkam. Und zwar schnell.

Ich vollführte also eine formvollendete Rumpfbeuge und machte mich an meinen Schnürsenkeln zu schaffen. In der Hektik verhedderte ich mich noch und zog den Knoten fester. Ich atmete einmal tief durch und zwang mich zur Ruhe. Endlich hatte ich es geschafft. Ich schlüpfte aus meinen Turnschuhen und machte mich im wahrsten Sinn des Wortes auf die Socken, und zwar so schnell wie möglich zurück ans Ufer.

Dabei achtete ich sorgsam auf jeden meiner Schritte. Der schmale Sandstreifen am Uferrand bedeutete keine Gefahr, ich hütete mich aber davor, einem der kristallharten Grasbüschel zu nahe zu kommen. Nach ein paar Metern drehte ich mich noch einmal um und schaute nach meinen Schuhen. Für einen Außenstehenden musste es ein seltsamer Anblick sein, wenn sich plötzlich ein Paar alte Nikes wie aus dem Nichts auf dem See materialisieren und gemächlich vor sich hin dümpelten.

Allmählich verspürte ich ein zunehmend trockenes Gefühl im Mund. Kein Wunder, ich war nun schon einige Zeit in der brennenden Sonne unterwegs – wie lange eigentlich? Bestimmt schon ein paar Stunden, zumindest gefühlt. Aber in »Wirklichkeit« – also in der anderen, der Weltzeit? Vielleicht nur ein paar Sekunden. Zu dumm, dass ich zu Hause nicht auf die Uhr geschaut hatte.

Die Sonne brannte unbarmherzig. Mir wurde schlagartig klar, dass ich sehr bald ein ernsthaftes Problem haben würde, wenn dieser Zustand noch lange anhielte. Durst! Und nirgends flüssiges Wasser. Ach du Scheiße. Ich musste schleunigst von hier weg und eine Gegend finden, die noch nicht von dieser seltsamen Zeitverzerrung heimgesucht worden war.

Aber zuerst einmal brauchte ich neue Schuhe. Ich beschleunigte meine Schritte, wobei ich tunlichst darauf achtete, auf dem Asphalt zu bleiben. Das Auto, das ich heute Morgen vor der Haustür gesehen hatte, war mittlerweile schon um die Ecke gebogen und einige Meter weitergekommen. Das junge Paar, das Händchen haltend den Gehweg entlangspazierte, war auch schon ein gutes Stück weiter. Diesmal hielt die Frau den Mund geschlossen, während der Mann offensichtlich etwas zu dem Gespräch beitrug. Das schloss ich jedenfalls aus dem fast schon unhörbar tiefen Grollen, das aus dessen Mund zu kommen schien.

Zu Hause angekommen ging ich nach hinten in den Garten und setzte mit einigen großen Storchenschritten vorsichtig über den Rasen. Dann die große Herausforderung – Einstieg über den Balkon. Ich versuchte, mit den Händen ausreichenden Halt an den Brettern der Verkleidung zu finden, um mich daran hochziehen zu können. Mein erster Versuch war ein schmerzhafter Fehlschlag, aber ich hatte ja genug Zeit zum Üben. Und etwaige unliebsame Zuschauer meiner Bemühungen brauchte ich auch nicht zu fürchten. Nach ein paar Versuchen hatte ich den Bogen raus und den Ellenbogen auf die Balkonbrüstung legen können, sodass ich den Oberkörper daran hochstemmen und mich endlich auf den Balkon ziehen konnte.

Drinnen war es immer noch bitterkalt wie in einem Kühlhaus. Aber ich hatte auch nicht vor, mich lange zu Hause aufzuhalten. Ich holte mir ein zweites, bequemes Paar Turnschuhe und schlüpfte hinein. Die widerspenstigen Schuhbändel konnte ich später noch festzurren. Dann ging ich ins Bad. Wie ich schon befürchtet hatte, brauchte ich all meine Kraft, um den störrischen Wasserhahn überhaupt zu bewegen.

Dann die altbekannte Nummer: Es dauerte wieder einige Minuten, bis sich überhaupt der erste Effekt meiner Bemühungen einstellte und ein erster Tropfen unten am Hahn erschien. Also kein Wasser, zumindest kein flüssiges. Mit der Cola im Kühlschrank das Gleiche: ein kompakter schwarzer Block, der zu nichts zu gebrauchen war.

Ich hatte gar keine Wahl, ich musste raus aus dieser Eisbude. Irgendwo musste es doch Wasser geben, ganz einfach nur fließendes, flüssiges Wasser, das man trinken konnte. Ich suchte ein paar leere Plastikflaschen zusammen. Die Kälte erinnerte mich daran, für alle Fälle noch einen Pullover einzupacken. Einen Regenschirm konnte ich mir sicherlich sparen. Dafür steckte ich noch mein Taschenfernglas und eine Taschenlampe ein. Ich warf noch einen Blick auf die Küchenuhr: 8:23. Ich versuchte, mir die Zahl zu merken.

Nachdem ich alles in einem kleinen Wanderrucksack verstaut hatte, kletterte ich über den Balkon nach draußen, wobei ich darauf achtete, einen respektvollen Abstand zum Oleander zu wahren. Ich war froh, wieder in der Sonne zu sein.

Hinter dem Haus hatte ich meinen Wagen geparkt. Den Versuch zumindest war es wert. Aber sinnlos. Ich war noch nicht einmal in der Lage, nur die Tür zu öffnen. Das Ding beharrte stur auf seiner Eigenzeit und blieb bockig in seiner Parkbucht hocken. Das Gleiche galt für das Fahrrad – egal, wie lange und wie heftig ich daran zerrte, es blieb wie einzementiert in seiner Ecke stehen. Also blieb mir nur noch die Möglichkeit, zu Fuß zu gehen.

Ich konnte nur hoffen, dass diese Zeitblase räumlich begrenzt war und irgendwo dahinter wieder normale Verhältnisse herrschten. Wenn nicht, hatte ich ohnehin keine Chance mehr und wäre spätestens nach einer Woche jämmerlich verdurstet.

Da ich die Gegend in Richtung des Sees schon erkundet hatte und weit und breit keine Anzeichen für eine normal beschleunigte Welt entdecken konnte, ging ich diesmal nach Süden, der Stadt zu. Dort würde ich es am ehesten merken, wenn, wann und wo sich die Welt wieder normalisieren sollte. Möglicherweise war diese seltsame Zeitblase ja nicht vollkommen homogen. Vielleicht gab es Lücken darin, Zonen, in denen die normale Zeit galt. Ich würde es nie erfahren, wenn ich nicht danach suchte.

Auf der Hauptstraße erwartete mich der nun schon gewohnte Anblick: Autos, die mitten auf der Straße zu stehen schienen, ein paar Fußgänger auf dem Gehweg, die wie lebensechte Schaufensterpuppen mitten in der Bewegung festgefroren waren. Ein Radfahrer, der jeden Moment umzukippen drohte. Und über dieser unwirklichen Szenerie hing ein bedrohliches Brausen und Grollen, die gewohnte Geräuschkulisse einer Stadt, auf ein Vielfaches nach unten gestimmt. Das erinnerte mich daran, dass ich keine Zeit zu verlieren hatte. Paradoxerweise, wie ich angesichts der erstarrten Welt um mich herum feststellte. Aber mein Körper bestand ebenso hartnäckig auf seiner eigenen Zeit und brauchte dringend Wasser.

Ich nahm den Weg über die Brücke entlang des Flusses. Ich hoffte, von einem erhöhten Standpunkt aus eher eine Zone ausmachen zu können, auf der noch Normalbedingungen herrschen mochten. Von der Brücke aus hatte ich einen weiten Blick über die halbe Stadt. Nur der Schwarzwald im Osten begrenzte mein Sichtfeld. Weit und breit keine Bewegung, die Welt lag still und starr vor mir wie in Glas gegossen. In Richtung Flugplatz hing eine Cessna im Landeanflug erstarrt in der Luft. Keine allzu guten Aussichten!

Ich folgte dem stadteinwärts führenden Radweg. Das Ufergebüsch war gespickt mit funkelnden Insekten, denen ich ständig ausweichen musste. Direkt vor mir hing eine blaue Prachtlibelle. Der schimmernde Leib glänzte wie Stahl und man konnte genau das komplizierte Muster verfolgen, mit dem sie ihre Flügel geschäftig auf und ab schlagen ließ. Für entomologische Studien hatte ich jedoch keine Zeit, ich musste zusehen, dass ich Land gewann und irgendwo Wasser fand.

An manchen Stellen war der Radweg so dicht an den Fluss herangebaut, dass er nach starken Regenfällen regelmäßig überflutet wurde. Mitten im Fluss stand ein Fischreiher, aufs Äußerste angespannt, starr und bewegungslos wie eine Statue. Selbst unter diesen außergewöhnlichen Umständen eigentlich nichts Besonderes, wenn man es recht bedachte. Ich verharrte kurz, um die schimmernde Oberfläche des Flusses näher in Augenschein zu nehmen. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und setzte vorsichtig einen Fuß auf die durchsichtige, schimmernde Oberfläche – das Wasser schien auch hier fest und begehbar zu sein. Im Gegensatz zum See konnte man hier deutlich die kraftvollen Vibrationen spüren, mit denen der Fluss vorwärtsdrängte. Ich hatte nicht vor, meine Experimente mit zeitretardiertem Wasser fortzusetzen, und zog meinen Fuß schnell aus der möglichen Gefahrenzone.

Unterwegs musste ich mich durch einen Pulk Radfahrer hindurchschlängeln. Der Mann an der Spitze des Pelotons hatte sich so halsbrecherisch in die Kurve gelegt, dass er jeden Moment umzukippen drohte. Ein anderer nuckelte gerade an seiner Trinkflasche, was mich an meinen quälenden Durst erinnerte. Ich beschleunigte meine Schritte und sah zu, dass ich wieder Schatten fand.

Je näher ich der Stadt kam, desto mehr Bäume säumten den Radweg. Ich musste mich vor ein paar tief hängenden Zweigen in Acht nehmen, deren rasiermesserscharfe Blätter mich ernsthaft hätten verletzen können.

An manchen Stellen hing eine Menge Flugsamen in der Luft, ich hatte Mühe, dem Zeug auszuweichen, denn die Dinger waren von einer zähen, gummiartigen Konsistenz und ließen sich nicht so einfach zur Seite schieben.

Mit der Zeit tauchten zwischen den Bäumen die Umrisse der ersten Gebäude auf. Aber auch hier: alles totenstarr. Plötzlich – für den Bruchteil einer Sekunde schien das Licht etwas von dem intensiv rotgoldenen Schimmer einzubüßen und wirkte irgendwie blasser, kälter. Ich zuckte zusammen. Mir war, als hätte ich gerade außerhalb meines Sichtfeldes eine Bewegung wahrgenommen.

Ich fuhr herum und sah einen ziemlich großen braun gefärbten Schmetterling, der in Augenhöhe unbeweglich in der Luft klebte. Ich hätte schwören können, dass er bis eben noch nicht an dieser Stelle gewesen war. Entweder hatte ich ihn vorhin nicht bemerkt, oder aber …

Neue Hoffnung keimte in mir auf. Ich nahm den Schmetterling genauer unter die Lupe. Ich brauchte eine Weile, um zu erkennen, wie sich die Flügel ganz langsam senkten. Von hektischem Herumflattern keine Spur. Wahrscheinlich doch eine Sinnestäuschung. Vermutlich bildete sich mein Gehirn mangels entsprechender Reize schon Bewegungen ein, wo keine waren. Schließlich war es alles andere als natürlich, in einer Umgebung zu leben, in der die Zeit um ein Vielfaches verlangsamt war.

Subjektive zehn Minuten später hatte ich den Aufgang zum vorderen Stadttor erreicht. Oben bot sich mir das vertraute Bild: eine Straßenbahn, Autos an den Ampeln, Fußgänger und Fahrradfahrer – alles vollkommen bewegungslos. Ich schlängelte mich an den Statuen der Passanten vorbei, um in die Innenstadt zu gelangen. Beim Überqueren der stadteinwärts führenden Ringstraße begutachtete ich interessiert die gewaltige Dieselwolke, die ein altersschwacher osteuropäischer Lkw beim Anfahren gerade ausstieß – ein großes schwarzes Kissen, das geradezu greifbar über dem Auspuff schwebte. Der Verkehr war nicht zum Aushalten: Das tieffrequente Grollen des Motorenlärms war so heftig, dass es mir schon regelrecht Magenkrämpfe bereitete.

Ich suchte mit den Augen die Spitze des Münsterturmes, da ließ mich ein seltsames Flimmern in der Luft erneut zusammenzucken. Wieder hatte ich das Gefühl, für den Bruchteil einer Sekunde eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Einem Instinkt folgend beeilte ich mich, von der Kreuzung runterzukommen. Diesmal beschloss ich, auf Nummer sicher zu gehen, und überquerte die nächste Straße an der grünen Ampel.

Ich war gerade noch ein paar Schritte von der gegenüberliegenden Straßenseite entfernt, als das Licht schlagartig eine kalte, blaugraue Tönung annahm, Licht der späten Dämmerung, als ob die Sonne mit einem Schlag verschwunden wäre. Dann ging alles sehr schnell – viel zu schnell.

Das magenkrampfende Brausen des Verkehrs um mich herum schraubte sich in immer höhere Frequenzbereiche hinauf, und in die starren Gestalten auf den Bürgersteigen kehrte plötzlich wieder Leben ein. Die stecken gebliebene Zeit schnellte los wie ein Sprinter nach dem Startschuss.

In Sekundenbruchteilen war das Normalmaß allerdings bei Weitem überschritten, die Ampel sprang auf Rot, und wie eine Herde wildgewordener Büffel jagten die Autos auf mich zu. Motorenlärm, Hupen und quietschende Bremsen jaulten auf. Menschen hasteten in unglaublicher Geschwindigkeit an mir vorbei. Die rasenden Autos nahm ich nur noch als verwischte Schatten wahr, die an mir vorbeihuschten. Ein Autofahrer konnte gerade noch ausweichen. Ich war vor Schreck so gelähmt, dass ich fast die nächste Grünphase verpasst hätte, in der ich mich gerade so auf die andere Straßenseite hechten konnte.

Irgendwie schaffte ich es, mich in den nächsten Hauseingang zu quetschen und den Ansturm der Schatten an mir vorbeiziehen zu lassen. Die Luft war erfüllt von einem schmerzhaft grellen Kreischen und Pfeifen, schlimmer noch als bei einer Kreissäge. Ich presste mir krampfhaft die Hände auf die Ohren.

Dann ebbte der Lärm urplötzlich ab. Das schrille Kreischen fiel auf erträglichere Frequenzen zurück, schnellte dann wieder kurz nach oben, nur um erneut herabzusinken. Die verschwommenen Schatten verdichteten sich kurzzeitig zu verhuschten Gestalten, die hastig vorübereilten, lösten sich dann jedoch in körperlosen Dunst auf.

Es schien, als hätte die Zeit angefangen zu fluktuieren. Langsame und schnelle Perioden wechselten einander in immer kürzeren Intervallen ab. Wie in einem Film ruckelte die Welt mal im Zeitraffer ein Stückchen vor, stoppte dann und wann unvermittelt, bis der Ablauf in einer atemberaubenden Sequenz noch ein ordentliches Stück vorwärts spulte, nur um dann endgültig (?) mit halbwegs normaler Geschwindigkeit weiterzulaufen.

Halbwegs normal? Keine Ahnung. Noch einmal ein rasches Aufblitzen schemenhafter Wesen, dann war es vorbei. Die Passanten gingen wieder in gewohnter Geschwindigkeit ihrer Wege. Das schrille Kreischen während der Fast-Forward-Episoden hatte sich in die gewohnte Geräuschkulisse einer Stadt zurückverwandelt und auch das Licht entsprach endlich wieder ganz dem eines gewöhnlichen sonnigen Sommertages. Es schien ausgestanden zu sein. Hoffentlich.

Ich blieb noch ein paar Minuten in dem Hauseingang stehen und beobachtete das Geschehen um mich herum. Dann trat ich vor und mischte mich unter die Passanten. Ein herrliches Gefühl, einfach unter Menschen zu sein. Wieder ganz normale Dinge zu tun, ohne befürchten zu müssen, sich an jedem stinknormalen Busch am Wegesrand die Extremitäten aufzuschlitzen.

2 – Regeneration

»Verrätst du mir, wo du das Zeug herhast?«, fragte Tobias, nachdem ich ihm meine Geschichte erzählt hatte. Was hätte er auch sonst sagen sollen? Ich hätte ihn vermutlich exakt das Gleiche gefragt, wenn er mir so eine irrsinnige Story aufgetischt hätte.

Inzwischen war es Herbst geworden. Je länger die aufwühlenden Ereignisse zurücklagen, desto unglaubwürdiger erschien es mir jetzt, dass sie überhaupt stattgefunden hatten. Seit diesem verstörenden Erlebnis gab es für mich keinen Morgen mehr, an dem ich nicht befürchtete, in einem Albtraum aufzuwachen. Kein Morgen, an dem ich nicht die Augen aufgeschlagen und als Erstes ängstlich auf den Sekundenzeiger der Uhr geblickt hätte.

Ich weiß bis heute nicht, was sich da an jenem Tag eigentlich abgespielt hatte – falls sich das alles überhaupt wirklich ereignet hatte. Die einzig schlüssige Erklärung wäre, dass ich an diesem Tag einem komplexen Wahn verfallen sein musste, und ich eine Episode multipler Halluzinationen erlebt hatte. Oder einen schlechten Traum. Aber es war kein Traum. Die blasse Narbe an meinem rechten Zeigefinger erinnert mich noch heute an meine Begegnung mit der in der Zeit erstarrten Botanik. Wahnsinnig war ich jedenfalls nicht –, aber das glaubt vermutlich jeder Wahnsinnige von sich.

Ob durchgeknallt oder nicht, das Leben musste irgendwie weitergehen. Und es ging weiter. Es dauerte seine Zeit, aber allmählich verblasste die Erinnerung an die verstörenden Erlebnisse. Die Angst verkroch sich in den Gewohnheiten des Alltags. Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute, die in meinem Leben ganz normal verliefen, empfand ich als Segen. Man lebt! Mal mehr, mal weniger, aber es ging doch irgendwie immer weiter.

Die Schlaflosigkeit blieb weiterhin ein Problem für mich; da ich aber allein lebte und als Kleinunternehmer selbstständig arbeitete, konnte ich meinen Alltag entsprechend aufteilen. Die Aufträge, die hereinkamen, arbeitete ich wie sonst auch ab, keine besonderen Herausforderungen.

Hin und wieder übernahm ich auch ein paar Termine für die Zeitung. Einige Lokalredakteure schätzten meine Fachkenntnisse auf dem Gebiet der klassischen Musik. Das Zeilengeld war zwar miserabel, aber ich sah es pragmatisch. Auf diese Weise konnte ich einige Konzerte besuchen, die ich meinem Budget sonst vielleicht nicht zugemutet hätte. Und übermäßigen Sozialkontakt musste ich hier auch nicht befürchten. Ich setzte mich irgendwo an den Rand, von wo ich noch ein paar gute Fotos machen konnte und zottelte nach dem Schlussakkord wieder ab.

Mehr Einkommen erzielte ich mit Korrekturarbeiten. Ich hatte während meines Studiums genügend Erfahrungen sammeln können, arbeitete routiniert und konzentriert, meine Auftraggeber wussten meine Zuverlässigkeit zu schätzen und versorgten mich regelmäßig mit Aufträgen. Davon ließ sich ganz gut leben, und ich konnte meine Zeit selbst einteilen. Manche Romane waren entgegen aller Erwartung wirklich gut geschrieben, sodass ich mich nicht wie so oft gelangweilt durch die Seiten quälen musste. Es gab Schlimmeres, als bei schönem Wetter gemütlich auf dem Balkon zu sitzen, ein Buch zu lesen und dafür auch noch bezahlt zu werden.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich auch wieder daran, mein selbst gewähltes Exil zu verlassen, und begann damit, alte Freundschaften neu zu beleben. Eines Abends nach dem dritten Glas Wein rief ich aus einer spontanen Laune heraus meinen Kumpel Tobias an, mit dem ich vor einigen Jahren in einer WG gelebt hatte.

»That’s right, you heard right, the Secret Word for tonight is …«

»Mud Shark!«, ergänzte Tobias wie aus der Pistole geschossen. Und wir beide dann unisono: »THE MUD SHARK DANCING LESSON! – Mud Sh-sh-shark …«

Unser kleines Erkennungsritual war seit unseren WG-Zeiten stets das gleiche geblieben. Alte Liebe rostet nicht.

»Mensch! Alte Socke!«, begrüßte mich Tobias. »Schön, mal wieder von dir zu hören. Wie geht’s dir denn so?«

»Ja, Mann. Ist verdammt lang her. Hab gedacht, jetzt rufste aber mal an. Was treibst du denn so? Immer noch Klarastraße?«

»Ach was. Längst Geschichte. Bin jetzt sogar brav verheiratet und – fasse dich – arbeite als Buchhalter.«

Mir wäre fast das Telefon aus der Hand gefallen.

»Äh, wie bitte? Buchhalter? Du? Wie ging das denn?«

»Na ja, irgendwas ist von der Lehre halt doch hängen geblieben. Und als ich vor drei Jahren Laura kennengelernt hatte …«

»Lass mich raten – Laura schafft auch in der Buchhaltung?«

»Quatsch. Laura studiert Physik, Teilchenphysik, um genau zu sein. Kennengelernt habe ich sie ganz klassisch im ›Heuboden‹.«

»Ach so, ja klar. Du im ›Heuboden‹ …«, unterbrach ich ihn und schüttelte ungläubig den Kopf. Da muss die Not aber groß gewesen sein, wenn Tobias, der Hinterhofgigolo aus Gütenbach, im »Heuboden« wilderte.

»Nur kein Neid«, gab er zurück. Ein ganz klein wenig selbstgefällig klang er dabei doch. Aber das konnte ich ihm auch nicht verdenken. Tobias war in unserem Freundeskreis der Einzige, dem die Frauen regelrecht nachliefen. Keine Ahnung, was die Mädels an ihm fanden, er war weder besonders groß oder sportlich, sah eher durchschnittlich aus. Geld hatte er eigentlich auch nie – damals jedenfalls. Aber das gewisse Etwas.

Ich erinnerte mich an eine Szene mit ihm, wo ich nur noch ratlos den Kopf schütteln konnte. Wir hatten uns für einen Kurzurlaub im ICE verabredet, er kam von Ulm, ich von Freiburg, und im ICE für den Flieger nach Frankfurt hatten wir uns verabredet. Natürlich war der ganze Zug vollkommen überfüllt, sodass wir es uns mit unseren Rucksäcken kurzerhand im Türbereich gemütlich gemacht hatten. Und mit uns zwei Mädels, die nach Berlin unterwegs waren.

Es dauerte nicht lange, da hatte Tobias sich den beiden bereits vorgestellt. In aller Ausführlichkeit und in einem Affenzahn. Ich weiß bis heute nicht, was da eigentlich abging. Tobias vollkommen unter Strom, ganz der Strahlemann und Weltenretter, einfach so drauflos geplappert – dass er beim Radio arbeitete, aber eigentlich Schauspieler sei, im Moment sich eine kleine Auszeit gönnte, zwecks des kreativen Inputs, und so weiter, und so fort. Immer mit diesem charmanten, unergründlichen Lächeln und ständigem Augenkontakt.

Jedenfalls hatte er es geschafft, zwischen Mannheim und Frankfurt-Flughafen mit der einen, der Hübscheren der beiden, heftig knutschend rumzumachen. Gerade als er drauf und dran war, ihr das T-Shirt auszuziehen, mussten wir am Flughafen aussteigen. Ich hätte schwören können, dass die solcherart Verwöhnte Tränen in den Augen hatte, als er sich hingebungsvoll von ihr verabschiedete.

»Du, um es kurz zu machen«, unterbrach Tobias meine Gedanken. »Ich bin gerade auf dem Sprung. Können wir uns nicht ganz einfach treffen? Am Samstag bin ich ohnehin Strohwitwer, Laura schiebt Dienst im Labor in Gran Sasso. Wär doch perfekt für einen Männerabend?«

»Ja, klar«, sagte ich. »Passt. Ich bring Bier mit.«

Er nannte mir seine Adresse – Vaubanviertel, ausgerechnet. War Tobias jetzt auch noch unter die Ökospießer geraten? Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Wohl aber, dass seine Teilchenphysikerin auf einer korrekt durchökologisierten Wohnung im angesagtesten Viertel der Stadt bestanden hatte.

Das Vaubanviertel hatte zumindest den Vorteil, dass ich bequem mit der Straßenbahn fahren konnte. Unterwegs holte ich an der Tanke noch zwei Sixpacks und Knabberzeug. Die Adresse musste ich erst suchen. Tobias und Laura wohnten in einem der energetisch hochoptimierten Plattenbauten mit umlaufenden Balkonen, Dachgeschoss. Es war Schlag halb acht und das Kindergeplärre ringsum auf dem Höhepunkt. »Das sind Lebensäußerungen, kein Geschrei«, wie mich eine verhuschte Siedlungsbewohnerin mal diesbezüglich aufgeklärt hatte. Jedem das Seine.

Tobias erwartete mich bereits an der Haustür im Erdgeschoss. Vom Balkon aus hatte er gesehen, wie ich etwas verpeilt seine Hausnummer suchte.

»Hey, altes Haus«, begrüßte er mich. Wow – was war bloß aus dem spindeldürren Kerl mit Mähne und Vollbart geworden? Wampe, Föhnfrisur und – ich fasse es nicht – im Polohemd.

»Mensch, lange nicht gesehen.« Mehr brauchte ich nicht zu sagen.

»Komm rein.« Er ging die Treppen zum Dachgeschoss voran. Bevor wir seine Wohnung erreichten, mussten wir noch am hell erleuchteten Küchenfenster der Nachbarwohnung vorbei. Gewöhnungsbedürftig. Oben angekommen wehte ein frischer Luftzug vom offenen Balkon her. Er führte mich in ein geräumiges Wohnzimmer. Nichts mehr von dem dezenten Schmuddelcharme aus unserer WG. Hier hatte eine Putzfrau professionell Hand angelegt – und ein Innenarchitekt, wie es aussah.

»Hübsch hast du es hier«, sagte ich und konnte einen leicht sarkastischen Unterton nicht ganz unterdrücken.

Tobias lächelte tiefgründig in sich hinein: »Geht so, hält den Regen ab …« Er klopfte mir wohlwollend auf die Schulter und bat mich, Platz zu nehmen.

»Doch, gefällt mir, ehrlich. Etwas gediegener als in der Klarastraße.«

»Den Saustall brauchst du heute aber auch nicht mehr, oder?«

»Nein, natürlich nicht. Das sind nur die Erinnerungen …«

»Nun ja«, sagte Tobias.

»Die ganz wilden Zeiten sind wohl vorbei …«

»Ist auch besser so. Rein gesundheitlich betrachtet.«

»Wie man hört, bist du jetzt fest liiert …« Es fiel mir schwer, ernst zu bleiben. Tobias guckte mich erstaunlicherweise nur treudoof an.

»Wie ist sie denn so, kenne ich die womöglich auch noch von früher?« Ich war einfach nur neugierig.

»Wie soll ich sagen …«

»Wie seid ihr denn zusammengekommen?«

Tobias verdrehte die Augen. »Ach, ich weiß auch nicht mehr genau. War auf irgendeiner Fete. Saturday night fever … Super Stimmung, alle blau, und irgendwie sind wir uns bei ›Nossa‹ dann näher gekommen.«

Klar, da konnte ich mit meiner damaligen, nahezu fanatischen Zappa-Manie abstinken.

»Soweit kann ich dir folgen«, sagte ich. »Aber wie kam es denn dazu –?« Mit weit auseinander gestreckten Armen wies ich auf seine neuerdings wie geleckt wirkende Wohnung, die weißen Ledersessel, das dezent in die Wand versenkte Highend-Equipment und den – Hammer! – Weinkühlschrank mit erlesenen und top temperierten edlen Tropfen.

»Ja, vor zwei Jahren bin ich mit Laura zusammengezogen«, begann er zu erklären. »Die Wohnung war ihre Idee, ist ja auch ganz schön, oder?«

»Doch, beeindruckend. Ein Weinkühlschrank …«

»Ist ein Segen, glaub mir. War mir vorher auch nicht bewusst, wie ein perfekt temperierter Chardonnay schmecken kann.«

»Du scheinst ganz zufrieden zu sein«, bemerkte ich und meinte es ehrlich.

»Das bin ich auch. Mit Laura habe ich wohl meine häusliche Seite kennengelernt.« Er lachte.

»Steht dir auch gut«, meinte ich. »Ein bisschen Ruhe, ein bisschen Frieden … Gefällt mir.«

»Und du?«, fragte Tobias. »Wir haben uns lange nicht gesehen …«

»Ich weiß auch nicht«, antwortete ich. »Da wohnt man in der gleichen Stadt und läuft sich irgendwie überhaupt nicht mehr über den Weg. Jeder führt so sein eigenes Leben …«

»Ist halt so«, sagte er. »Ich wollte dich schon ein paarmal anrufen, aber irgendwie hatte ich die Nummer verlegt …«

»Bin zwischenzeitlich auch öfter umgezogen. Eine Zeit lang habe ich auch auf dem Land gelebt, in Kirchhofen.«

»Kirchhofen? Kenn ich nicht.«

»Hast du nichts verpasst. Ist gar nicht mal so weit weg, bei Bad Krozingen um die Ecke.«

»Dann bist du aber wieder reumütig zurück ins Städtle?«

»Gerade noch rechtzeitig, jetzt findet man ja gar nichts mehr.«

»Kannst du laut sagen. Die Wohnung hier haben wir auch nur bekommen, weil ein Bekannter von Laura nach Berlin gezogen ist.«

Unser Gespräch plätscherte noch eine Weile so dahin. Wir kramten etwas verkrampft in alten Erinnerungen. Drei Jahre waren eine lange Zeit. Wir mussten uns erst wieder ganz neu kennenlernen.

Nach dem zweiten Bier löste sich die leichte Anspannung. Und irgendwie kam das Thema auch wieder auf den Job. Tobias hatte dank seiner Flamme eine Buchhalterstelle an der Universität in Freiburg ergattern können – und erstaunlicherweise kam er damit gut zurecht. Nichts mehr mit Lotterleben und Abtanzen bis Ultimo. Aber dafür regelmäßiges Einkommen und Bleibeperspektive. Ich musste gestehen, irgendwo beneidete ich ihn ein wenig.

»Du scheinst aber auch gut zurechtzukommen«, sagte Tobias. »Du warst doch mal bei dieser Druckerei …?«

»Ach, längst Geschichte. Seit 2011 bin ich selbstständig. Im Jahr davor haben die Chefs in ihrer unendlichen Weisheit beschlossen, unsere Abteilung aufzulösen. Betriebsbedingte Kündigung nennt sich das. Hast du keine Chance. Aber immerhin Anspruch auf eine Abfindung.«

»Kein Absturz?«

»Du, ich war nicht einen Tag arbeitslos. Bereits am ersten Tag hatte ich meinen ersten Kunden an der Strippe. Irgendwie hatte ich ziemlich viel Glück.«

»Das Glück des Tüchtigen«, sagte er und meinte das auch so.

»Irgendwie wohl schon, denke ich.«

»Und wie läuft dein Tag so?«

»Nun, ich verdiene mein Geld mit erotischer Frauenliteratur …« Ich ließ den Satz erst mal sacken. »›Ihr entschlüpfte ein hungriges Stöhnen der Lust, als sein dicker Schaft mit köstlich langsamen Stößen ihren Körper eroberte‹ …«

Tobias verschluckte sich an seinem Bier. »Wie bitte? So was schreibst du?«

»Nicht schreiben. Lesen. Ich werde fürs Korrekturlesen bezahlt. Der Verlag produziert wie der Teufel.«

Tobias gluckste: »Du wirst fürs Pornolesen bezahlt? Respekt! Wie war das noch mit dem ›glühenden Schaft‹?«

»Glaub mir, es zieht sich. Wenn du auf jeder zweiten Seite so einen Käse liest, ödet es dich mit der Zeit nur noch an. Aber genau dafür wird man ja bezahlt. Und das gar nicht mal so schlecht.«

»Du Glückspilz.«

»Stimmt schon – es gibt schlimmere Jobs.«

»Wem sagst du das?«

»Ganz schlimm sind die Vampirromane.«

»Vampire?«, fragte Tobias. »… so mit riesigen, glühenden – äh – Schäften?«

»Du sagst es. Frauen lieben Vampire – übernatürlich aufregende, hinreißend schöne Männer. Immer heiß. Groß, ›bernsteinfarbene Augen‹, lange schwarze Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden …«

»Klar, was auch sonst«, griente Tobias.

»Genau. So Supermachos, aber alle mit butterweichem Kern, wie du dir denken kannst.«

»Und die wollen natürlich alle nur das Eine …«

»Die Eine, um genau zu sein. Bei aller Unsterblichkeit, bei all ihren übernatürlichen Kräften … Wenn die Richtige kommt, sind sie dann aber so was von Softie … Das Konzept sollte dir eigentlich bekannt sein.«

»Nun mal langsam.« Das bittersüße Lächeln verrutschte ihm doch ein wenig. »Dir täte eine Frau auch mal wieder gut«, sagte er. »Ich weiß, es ist nicht immer so leicht. Ich habe da vielleicht mehr Glück, aber …«

»Ja, schon gut. Hast ja recht. Aber darüber wollte ich mich mit dir eigentlich nicht unterhalten.«

»Ist aber ein unerschöpfliches Thema«, sagte er.

»Aber auch sehr erschöpfend«, sagte ich und wechselte unvermittelt das Thema. »Was anderes – nimmst du gelegentlich noch Speed oder so was?«

Tobias sah mich etwas irritiert an. Ein leichtes Misstrauen glomm in seinen Augen. »Schon lange nicht mehr. Wieso fragst du?«

»Ist schwer zu erklären. In letzter Zeit musste ich immer an das eine – und einzige – Mal denken, als wir zwei uns mal einen Trip eingeworfen haben.«

»Warte, ich erinnere mich dunkel. Klar, Klarastraße – meine Güte …« Tobias verdrehte die Augen. »Aber das war’s dann auch schon«, sagte er. »Auf Dauer war mir das zu anstrengend. Dann lieber Stoff Marke Eigenbau.«

»Ich kann mich noch genau daran erinnern«, sagte ich. »Erst habe ich gar nichts gespürt. Dachte schon, du hättest mir irgendso’n Placebo untergejubelt.«

»Von wegen. Daran kann ich mich auch noch gut erinnern. Du hast den ganzen Trip eingeworfen. Ich hab dir extra noch gesagt – immer langsam, für den Anfang nur eine halbe …«

»Genau. Bis ich dann gemerkt hab, dass der Anstrich der Raufasertapete sich irgendwie selbstständig machte. Als ob er lebendig wäre, so seltsame Fließmuster in schillernden, pulsierenden Wellenbewegungen. Richtig unheimlich.«

»Halluzinogen induzierte Wahrnehmungsstörungen«, sagte Tobias. »Genau deswegen nimmt man das Zeug ja.«

»Ja, ich wollte es einfach mal probieren. Aber hinterher …«

»Flashback?«, fragte Tobias besorgt.

»Nein, das nicht. Aber der, äh, Kater …« Mir fiel kein besseres Wort dafür ein. Nach einer aufwühlenden Nacht unter Speed war ich zu absolut nichts mehr zu gebrauchen gewesen. Ich kam tagelang nicht aus dem Bett, als ob ich krank gewesen wäre.

»Verstehe«, sagte Tobias. »Genau deswegen habe ich es auch bleiben lassen. Ist einfach zu anstrengend auf Dauer.« Er blickte vielsagend auf sein kleines Bäuchlein, zuckte mit den Achseln und nahm sich noch ein Bier.

»Du hast doch irgendetwas auf dem Herzen, oder?«, fragte er dann ohne Umschweife.

Bisher hatte ich niemandem etwas von den merkwürdigen Ereignissen erzählt, die mich vor einigen Monaten heimgesucht hatten. Wenn ich über meinen Albtraum mit jemandem sprechen konnte, dann mit Tobias.

Ich nahm mir noch ein Bier. Tobias bemerkte meine Anspannung.

»Was ist mit dir?«, fragte er. »Die alten Zeiten sind vorbei. Alles längst verjährt.« Um seine Hände zu beschäftigen, holte er eine silbern beschlagene Teedose vom Regal, Aufschrift »Dimbula High Grown Blend«, nahm eine kleine Handvoll Gras und baute in aller Ruhe erst einmal einen Joint.

»Auch was?«, fragte er und drehte das Gras sorgsam in ein Zigarettenpapierchen.

»Nein, danke«, wehrte ich ab. »Ich hab’s mir abgewöhnt.«

»Echt jetzt? Hätte ich, glaube ich, nicht geschafft. Aber ich hab’s auch nie ernsthaft versucht.«

»Wenn du schon fragst«, unterbrach ich ihn und nahm all meinen Mut zusammen. »Mir macht ganz was anderes zu schaffen. Ich weiß nicht, ob ich darüber überhaupt mit jemandem sprechen kann.«

»Du machst mich neugierig«. Routiniert drehte er den Joint zu einer formvollendeten Tüte und bastelte mit den Fingernägeln aus der Spitze der Papiere ein kleines Hütchen. Gewissermaßen die Krönung des Ganzen.

»Komm schon, so schlimm kann es doch gar nicht sein?« Allmählich schlich sich ein Ausdruck echter Sorge in Tobias’ Gesicht. »Es ist doch wirklich nichts Schlimmes, oder?« Mit seinem Feuerzeug brannte er das Jointhütchen ab und sog genießerisch den ersten Zug ein.

»Das nicht …«, druckste ich noch ein wenig herum.

»Also kein …«, er hüstelte leicht. Ich weiß nicht, ob wegen des unerwartet starken Stoffs, den er sich gerade reinzog, oder ob er unsicher war, ob er weiterfragen sollte. »Kein Krebs oder so was …?«

Ach Gott, Tobias! Aber klar, was sollte er denn sonst vermuten, wenn ich so komisch rumdruckste?

»Nein«, sagte ich. »Das ist es nicht, da kann ich dich vollkommen beruhigen. Keine bösartige Krankheit oder so was. Es ist nur …«

»Was jetzt?« Er schlug sich mit der Faust auf die Brust und nahm noch einen Schluck Bier. Allmählich wurde er ungeduldig. Kein Wunder.

»Es ist nur so …« Ich nahm all meinen Mut zusammen. »Mir ist etwas wirklich Unglaubliches passiert.« Ich ließ den Satz erst einmal sacken.

»Aha«, sagte er. Sonst keine Reaktion. Tobias blickte mich interessiert an.

»Das war jetzt keine rhetorische Wendung. Es ist wirklich nicht zu glauben, was ich erlebt habe.«

»Was Abartiges?« Tobias grinste und zog an seinem Joint.

»Abartig schon, aber nicht in dem Sinne, an den du denkst.«

»Okay, jetzt sag schon. Ich bin jetzt echt gespannt, sag einfach, was du auf dem Herzen hast. Du kennst mich. Ich sage dir dann schon, was ich davon halte.«

»Okay«, brachte ich endlich heraus, holte tief Luft und fing an. »Du bist der Erste, dem ich das erzähle. Es ist vollkommen irre, ein absoluter Albtraum. Du wirst mir kein Wort davon glauben, und das kann ich dir auch nicht verdenken. Das kann keiner glauben. Aber hör’s dir einfach mal an. Wie so eine Science-Fiction-Story.«

Tobias saß starr wie eine Buddhastatue mir gegenüber und hörte geduldig zu. Er ließ nicht erkennen, was er von meiner haarsträubenden Geschichte hielt. Saß einfach da und ließ mich reden. Als ob er den Fernseher angeschaltet hätte. Vielleicht nicht die schlechteste Einstellung.

»Das war’s im Wesentlichen«, sagte ich, nachdem ich ihm die Fast-Forward-Episode am Schluss geschildert hatte. »Du brauchst nichts zu sagen. Ich bin froh, dass ich es mal loswerden konnte.« Ich wollte ihn nicht drängen. Natürlich befürchtete ich, dass er mich für schlichtweg verrückt halten musste – in aller Freundschaft natürlich.

»Wahnsinn«, sagte er.

Da konnte ich nicht widersprechen.

»Eine äußerst faszinierende Geschichte.«

»Danke.« Er schien mein eigenartiges Bekenntnis erstaunlich gelassen hinzunehmen.

»Doch, wirklich. Besonders interessant fand ich die Stelle, wo du in diesem – wie sagtest du: – ›zeitretardierten See‹ fast ertrunken wärst.«

»Nun ja. Ertrinken ist nicht ganz zutreffend«, sagte ich. »Ersticken wäre wohl korrekter gewesen.« Ich blickte ihm direkt in die Augen. »Heißt das, du glaubst mir?«

Tobias räusperte sich. »Klar, glaube ich dir. Zumindest, dass du es erlebt hast.«

Ich war unendlich erleichtert, dass er das sagte, wartete aber noch auf das unausgesprochene Aber.

»Aber was ich davon halten soll, kann ich dir auch nicht sagen«, rückte er auch prompt heraus. »Du sagst ja selbst, dass du deine Zweifel hast.«

»Und was glaubst du – Wahnvorstellungen?«

Er blickte mich ernst an. »Das wäre zumindest eine plausible Erklärung«, sagte er und fühlte sich sichtlich unbehaglich.

Ich gab ihm unumwunden recht. »Tobias – genau das war auch mein erster Gedanke – Albträume, Halluzinationen, Wahnvorstellungen. Anders kann man es sich auch nicht erklären. Aber …«

»Wovor hast du Angst?«, fragte er mich unvermittelt.

»Davor, dass ich einmal dortbleiben muss«, antwortete ich sofort.

»Wo denn?« Tobias war sichtlich bemüht, mich zu verstehen.

»Dort ist nicht ganz der passende Ausdruck. Da trifft es eher – da und so vielleicht.«

»Ich weiß nicht, was du meinst.« Jetzt war er zumindest einmal ehrlich.

»Ich kann es dir nicht erklären. Stell dir vor, du träumst …«

»Ja?«

»… und du träumst, du bist du, aber doch nicht richtig du selbst. Sagen wir, du träumst, du bist du zu einer anderen Zeit, in einem anderen Körper …«

»Also jemand ganz anderes?« Er rückte unmerklich ein Stück von mir ab.

»Nein, das ist es nicht. Du bist schon du – nur anders.«

»Verstehe.«

Ich musste lachen. Er konnte einen so hinterfotzig treuherzig ansehen, dass man einfach lachen musste.

»Du glaubst, ich spinne?«

»Das habe ich nicht gesagt.« Brauchte er auch nicht. Er glaubte meine Geschichte nicht.

Vielleicht war es ein Fehler, dass ich ihm das alles erzählt hatte. Tobias kannte mich durch und durch. Und deshalb wusste er auch, dass ich ihn nicht anlügen würde. Wozu auch? Aber wahrscheinlich hegte er doch den leisen Verdacht, dass ich nicht nur ein ganz klein wenig durchgeknallt sein könnte. Das mit den Wahnvorstellungen war schließlich nicht von der Hand zu weisen. Gottverdammt, was für eine Erklärung könnte es auch sonst geben?

»Und es gab sonst keine Anzeichen von diesen Phänomenen?«, fragte er weiter. »Niemand sonst hat etwas bemerkt?« Er blickte mich durchdringend an. »Dir ist schon klar …«

»Natürlich. Alles spricht für eine Wahnidee. Ich kann es ja selbst nicht glauben.«

»Gut. Ich denke gerade an die Szene an der Kreuzung, als die Zeit sich wieder beschleunigte …«

»Ja, und?«

»Du hast gesagt, dass durch dein plötzliches Auftauchen ein Autofahrer fast in dich hineingefahren wäre. Also gibt es doch einen Zeugen?«

»Daran habe ich auch schon gedacht. Aber nichts. Ich habe überall rumgefragt. Bei meinen Kollegen in der Zeitung, ob da irgendeine Meldung aufgetaucht wäre. Auch auf der Polizeidienststelle – nichts. Keine besonderen Vorkommnisse.«

»Verstehe.« Tobias zog ein weiteres Heineken aus dem Sixpack. »Muss aber auch nichts heißen«, meinte er dann plötzlich. Er hatte wohl irgendwie Gefallen an meiner Geschichte gefunden. »Wahrscheinlich hat der Typ im Auto auch geglaubt, dass er halluziniert. Und dann zur Polizei rennen und sagen, da wäre plötzlich ein Mann auf der Kreuzung aufgetaucht …«

Ich schüttelte den Kopf. »Tobias, du hast recht. Genau so funktionieren Wahnideen – man findet immer wieder Erklärungen für das Unerklärliche.«

»Ich weiß.« Tobias sah mich an. »Aber ich glaube nicht, dass du Halluzinationen oder etwas in der Art hattest.«

»Was dann?« Meine Stimme klang flehentlich. Aber woher sollte Tobias wissen, was da eigentlich vorgefallen war.

»Keine Ahnung.« Er schüttelte den Kopf. »Die ganze Sache ist so unglaublich, aber ich kenne dich. Ein Irrer bist du nicht.«

»Danke für die Blumen«, antwortete ich. »Aber was war es dann?«

»Das kann ich dir auch nicht sagen.« Tobias zuckte ratlos mit den Achseln und lehnte sich entspannt zurück. »Komm, versuch, das Ganze zu vergessen. Zumindest für heute. Noch ein Bier?«

»Du hast ja recht. Dieses ewige Grübeln bringt mich auch nicht weiter.«

Tobias nickte bedächtig und wandte sich wieder seiner Teedose zu. »Einen Kleinen genehmige ich mir noch.« Mit geübter Hand drehte er eine schmale Zigarette, ohne diese mit Tabak zu »verunreinigen«, wie er sagte.

»Willst du nicht doch mal probieren?«, fragte Tobias. »Garantiert kein Tabak drin – nur erstklassiger Eigenbau. Beste Bioqualität, badisches Gras, von der Sonne verwöhnt …«

Ich konnte jetzt tatsächlich was zur Entspannung brauchen. Ich trank noch einen Schluck Bier. »Gib schon her!«

Er grinste verschwörerisch.

Ich nahm vorsichtig einen Zug – und bekam prompt einen Hustenanfall, so richtig schön heftig aus der Tiefe röchelnd. Der Rauch ätzte sich wie Giftgas in meinem Rachen. Der Hustenkrampf war so heftig, dass ich Sterne vor den Augen sah.

Tobias reichte mir seine Bierdose. »Los, runterspülen!«

Um die Straßenlaternen huschten lautlos ein paar Schatten herum. »Sieh mal, Fledermäuse.« Tobias war ganz gerührt von seiner Entdeckung. Er nahm noch einen tiefen Zug und deklamierte dann mit grabestiefer Stimme: »Bats! Die lautlosen Jäger der Nacht – wuhuhuhh!« Er kicherte wie ein Zwölfjähriger. Und ich tat es ihm gleich, keine Frage, der Stoff zeigte seine Wirkung.

Ein glühend heißer Windstoß fegte plötzlich über den Balkon und erfasste mit lautem Knattern die noch aufgespannte Markise. Vor Schreck ließ Tobias den Joint fallen, was sein pubertäres Kichern nur noch anheizte. Dann wurde es richtig unheimlich, blitzartig schoss laut zischend ein glühender Lichtpfeil vor unseren Augen durch die Nacht und verglühte wenig später in der Dunkelheit. In etwas größerer Entfernung sahen wir weitere Lichtblitze.

»Wow«, sagte ich. »Hammerhart, das Zeug.«

Tobias schien auf einmal stocknüchtern zu sein. Verwundert blickte er auf seinen Joint. »Na ja, nicht schlecht.« Dann beugte er sich über die Balkonbrüstung und brüllte mit seinem Achtung gebietenden Bariton: »Hey, hört sofort mit dem Scheiß auf, sonst komm ich runter.« Seine Stimme hallte in der dunklen Straßenschlucht wie Donner. Ich guckte ihn verständnislos an.

»Verzogene Gofen! Typisch Vauban. Statt ins Bett zu gehen, ballern die mit Silvesterraketen.«

Aha. Na gut, ich hatte ohnehin genug, die letzte Straßenbahn fuhr bald. Widerstrebend stemmte ich mich aus dem Gartenstuhl und verabschiedete mich.

Tobias begleitete mich an die Haustür und fasste mich kurz an der Schulter. »Wenn ich dir einen Tipp geben darf«, sagte er in einem ungewohnt ernsthaften Ton. »Du solltest mehr unter die Leute gehen. Die Einsamkeit tut keinem wirklich gut.«

Wo er recht hatte, hatte er recht.

3 – Wiederbegegnung

»Interessant. Sie sagen also, die ganze Welt um sie herum steht quasi still …«

»Kein vollkommener Stillstand. Nur extrem verlangsamt.«

»Also gut. Verlangsamt.«

»Ja, wie in Zeitlupe. Aber das habe ich doch alles schon zu erklären versucht.«

»Natürlich.« Doktor Wohlhausen nickte begütigend.

Er glaubte mir nicht. Oder vielmehr, er glaubte, ich hätte Wahnvorstellungen. Reine Zeitverschwendung. Aber ich musste es trotzdem versuchen.

»Hören Sie«, sagte ich. »Ich weiß, Sie halten das alles für einen seltsamen Traum, eine Wahnvorstellung …«

»Nein, nein!«, beeilte er sich, zu sagen. »Sehen Sie – Sie müssen zugeben, dass es nicht leicht ist …«

»Da haben Sie vollkommen recht«, unterbrach ich ihn. »Leicht ist es weiß Gott nicht. Und ich habe Angst, dass es wieder passiert.«

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte er, und blickte verstohlen an die Wanduhr hinter mir.

»Wenn es einmal passiert ist, kann es doch jederzeit wieder passieren, oder nicht?«

»Ja, im Prinzip schon …« musste Doktor Wohlhausen zögernd zugeben. »Erzählen Sie weiter.«

Jetzt war ich derjenige, der auf seine Armbanduhr blickte.

»Ich habe Ihnen doch gesagt, wie es war, als ich an diesem Morgen aufgewacht war, in dieser abartigen Kälte mitten im Hochsommer …«

»Ja, sehr interessant. Hatten Sie dieses Gefühl vorher auch schon?«

»Nein«, sagte ich. »Darum geht es auch gar nicht. Es war einfach unterirdisch kalt. Im Juli. Ist doch nicht normal, oder?«

»Vermutlich nicht.«

»Haben Sie sich gefragt, wie das sein kann?«

»Erklären Sie’s mir«, antwortete Doktor Wohlhausen im routinierten Psychiaterduktus.

»Darüber habe ich lange nachgedacht«, sagte ich.

»Und – sind Sie zu einem Ergebnis gekommen?«

›Ja, bin ich. Nämlich, dass das Ganze hier keinen Zweck hat.‹ Aber das sagte ich ihm schon nicht mehr. Ich dankte ihm freundlich für das nette Gespräch, gab ihm die Hand und verabschiedete mich.

Es war eigentlich von vornherein klar, dass es sinnlos war, meine abartige Geschichte mit einem Psychologen zu besprechen. Aber ich wollte nichts unversucht lassen.

Tobias hielt zwar ebenso wenig wie ich von der Psychozunft, aber man könne es ja mal probieren, meinte er. »Wäre doch mal interessant zu erfahren, wie so ein Berufspsycho auf deine Geschichte reagiert.«

Die vorangegangene EEG-Aufzeichnung und eine Untersuchung mit dem Computertomografen hatten erwartungsgemäß keine Hinweise auf Wahrnehmungsstörungen oder den Verdacht auf einen bevorstehenden psychotischen Schub gebracht. Substanzinduzierte Psychose konnte ebenso ausgeschlossen werden wie neurologische Erkrankungen oder eine Infektion des Nervensystems. Nach allem, was die Ärzte feststellen konnten, war ich geistig und körperlich vollkommen gesund.

Dass ich überhaupt in den Genuss eines so umfangreichen Gesundheitschecks kam, hatte ich meinem Hausarzt zu verdanken, der sich sehr kooperativ verhielt. »Wenn du es unbedingt wissen willst«, sagte er, als er mir bereitwillig den Überweisungsschein zum Neurologen ausgefüllt hatte.

Wirklich beruhigend war diese Diagnose allerdings nicht.

Mit der Zeit traten die Gedanken daran in den Hintergrund. Die Wintermonate dümpelten im gewohnten Trott dahin. Um diese Jahreszeit war ich ohnehin meist mit viel Arbeit eingedeckt. Zu schreiben hatte ich genug, in den Wochen vor Weihnachten jagte ein Kirchenkonzert das andere, und als treue Abonnenten erwarteten die Veranstalter auch einigermaßen sachkundige Presseresonanz.

Ende Mai bekam ich einen unerwarteten Anruf von Franziska, meiner Lieblingstante mütterlicherseits. Franziska mit ihrem polnischen Mann Pavel und ihrer Patchworkfamilie, zwei pubertierenden Jungs aus einer vorangegangenen Ehe. Trotz des Altersunterschieds verstanden wir uns prächtig. In den letzten Jahren waren wir uns immer mal wieder über den Weg gelaufen. Franziska fragte mich in ihrer spontanen Art, ob ich nicht Lust hätte, über Pfingsten mit ihr und ihrer Familie auf einen Fahrradtrip entlang des Doubs mitzufahren. So ganz nebenbei ließ sie noch fallen, dass Iris aus Frankfurt auch mit von der Partie wäre; sie hätte zwei Wochen Urlaub, nichts Konkretes gebucht und wollte bei dieser Gelegenheit mal wieder ein paar alte Kontakte erneuern.

Iris! Iris, meine Güte, was war ich in die verknallt gewesen. Iris, eine anmutige, grazile Gestalt, der lange Schwanenhals, die fein geschnittenen Züge, rabenschwarzes Haar und wunderbare braune Augen – kurz: eine seltene Schönheit, in die wir als Jungs alle mal verliebt gewesen waren. Und dieser unerfüllbare Jugendtraum wollte nun mit Franziska und mir auf Tour gehen. Und ob ich Lust darauf hatte – und ehrlicherweise auch ein wenig Bammel davor.

Das Unternehmen entwickelte sich allerdings gleich zu Anfang völlig anders als geplant. Einen Tag, bevor es losgehen sollte, geriet das bis dahin unzertrennliche Ehepaar plötzlich und außerordentlich heftig in einen unerwarteten Streit, mit dem Ergebnis, dass wir nun ohne Pavel loszogen, der es vorzog, das Wochenende zu Hause bei seinen Eltern in Polen zu verbringen.

Nun denn. Irgendwie war mir das gar nicht unrecht. So fiel mir als nun einzigem Mann der Truppe die Aufgabe zu, in der Großfamilie von zwei Frauen und zwei heranwachsenden Jungs Führer, Leitfigur und Pfadfinder zu spielen. Aber das eigentliche Familienoberhaupt blieb natürlich Franziska.

Wir trafen uns mit unseren Rädern und Ausrüstungen am Freiburger Hauptbahnhof. Iris hatte wegen ihres Fahrrads eine etwas umständliche Verbindung von Frankfurt nehmen müssen, und trudelte eine halbe Stunde später ein.

Ich erkannte sie sofort. Dieselbe zarte, mädchenhafte Figur und dieses umwerfende Lächeln. Die Haare trug sie nun kürzer, was sie seriöser, tougher erscheinen ließ.

Franziska und Iris fielen sich gleich um den Hals. Ich half Iris beim Aussteigen und schob das Rad auf den Bahnsteig. Ein wenig unbeholfen umarmten wir uns.

Eine halbe Stunde später saßen wir endlich vereint im Zug nach Mulhouse. Die Jungs konnten es nicht erwarten, endlich loszulegen. Leon prüfte ein ums andere Mal die Funktionstüchtigkeit seines Mountainbikes. Colin war mehr auf seine Mutter fixiert und fragte sie ständig irgendetwas. Franziska hingegen war mehr mit uns beschäftigt und ließ sich nur ungern stören. Schließlich wurde es Colin langweilig und er fand mehr Spaß darin, den großen Bruder zu ärgern. Franziska schien das gewohnt zu sein; solange keine ernsthaften Verletzungen drohten, sah sie keine Veranlassung, sich in die üblichen Kabbeleien der nicht gerade in brüderlicher Liebe verbundenen Geschwister einzumischen.

Nach einer Stunde Fahrt kamen wir in Mulhouse an und luden Fahrräder und Gepäck aus dem Regio-Express. Den Weg vom Bahnhof zum ausgeschilderten Fernradweg kannte Franziska schon von einer früheren Tour her, sodass wir zügig die Stadt verlassen konnten und auf ruhigen Radwegen vorankamen. Unsere Marschordnung sah meistens so aus: mit großem Abstand stets vorneweg Franziskas ältester Sohn Leon, der seine überschüssigen jugendlichen Kräfte austobte, indem er uns bei allen passenden und meistens unpassenden Gelegenheiten davonfuhr. Als zweite und eigentliche Spitze des Trosses folgte dann ich, immerzu den Weg und die Abzweigungen im Auge behaltend; und wiederum mit einigem Abstand Iris und Franziska, mit Colin, dem Jüngsten, in der Mitte.

Trotz einiger Unstimmigkeiten zum Streckenverlauf kamen wir auf den Feldwegen gut voran. Von Zeit zu Zeit fuhren wir auf schmalen, lauschigen Wegen, die direkt am Flussufer entlangführten. Diese besseren Wanderwege hatten allerdings den Nachteil, dass sie sich nach einiger Zeit zunehmend verjüngten, Schlaglöcher und Bewuchs aufwiesen und schließlich von den sie umgebenden Wiesen und Feldern überhaupt nicht mehr zu unterscheiden waren. Es war ein Bild für sich, zu sehen, wie Colin, der Kleinste von allen, sich tapfer seinen Weg durch das mannshohe Gras bahnte, das links und rechts über seine Gestalt hinausragte. Immer wieder bot der Streckenverlauf atemberaubend schöne Ausblicke auf die Landschaft.

So anheimelnd der Weg auch war, ich hatte dennoch zunehmend mit Beklemmungen zu kämpfen. Vielleicht war es keine so geglückte Idee, ausgerechnet an einem Fluss entlangzufahren. Der Anblick des träge dahinfließenden Doubs weckte immer wieder Erinnerungen an meine albtraumhaften Erlebnisse. An manchen Flussschleifen glitzerte das Wasser spiegelglatt, wie ein See in der Sonne, zum Ufer hin von Schilf und Dotterblumen umsäumt. Plötzlich legte sich wie ein Schatten ein lähmendes Gefühl des Ausgeliefertseins und bohrender Angst auf mich.

Ich schüttelte die Erinnerungen ab und blinzelte in die Sonne, spürte beruhigend den Wind, der über mich strich.

Iris musste etwas gespürt haben. Sie schloss zu mir auf: »Du bist so still …«

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. »Es ist nichts«, sagte ich. »Bloß ein bisschen maulfaul.«

Sie fuhr noch ein Weilchen schweigend neben mir her und ließ sich dann wieder zu Franziska und Colin zurückfallen.

Der Doubs floss in der Mittagshitze gemächlich dahin. Auf einer Sandbank lauerte reglos wie in Stein gemeißelt ein Reiher, die Augen starr auf die Strömung gerichtet. Im Schilf tummelte sich eine Entenfamilie. Die kleinen Entchen paddelten unermüdlich hinter ihrer Mutter her, eifrig darum bemüht, den Anschluss nicht zu verpassen.

Iris war nicht nur wegen Franziska mit auf die Tour gegangen, so viel war mir klar. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass sie es wissen wollte. Und zwar von mir. Was mich zwar ziemlich nervös machte, aber wenigstens auf andere Gedanken brachte. Also tief durchgeatmet und hinein ins pralle Leben. Leichter gesagt als getan.

Trotz meiner zeitweiligen Zurückhaltung fanden wir peu à peu öfter mal Gelegenheit, nicht nur die rein räumliche Nähe des anderen zu suchen, aber der Funke wollte nicht so richtig überspringen.

Doch noch war nicht aller Tage Abend. Noch nicht einmal der des ersten Tages, um genau zu sein. Noch schien alles möglich.

Den Campingplatz hatten wir eher zufällig entdeckt, ein kleiner Familienbetrieb mit ein paar unparzellierten Plätzen direkt an einem Nebenarm des Doubs, inmitten einer sanften, locker bewaldeten Hügellandschaft. In der Rezeption gab es ein paar Lebensmittel zu kaufen, Wein, Würstchen und frisches Brot. Was wollten wir mehr?

Die Jungs hatten noch überschüssige Energie und tobten noch eine Weile herum. Die Abendsonne tauchte die Hügel und Wiesen in sanftes Licht. Nachdem die Zelte aufgebaut waren, fragte mich Iris, ob ich nicht Lust auf einen kleinen Spaziergang am Ufer hätte.

Über einen kleinen Trampelpfad gelangten wir an eine seichte Stelle an der Biegung des Doubs. Wir setzten uns auf einen Stein am Ufer. Die tief stehende Sonne blitzte golden flirrend durch das Blattwerk einer Weide und tauchte die langen Schatten in schimmerndes Licht.

Das wäre jetzt der richtige Moment gewesen, sanft ihre Hand zu ergreifen. Der Augenblick zog vorbei. Irgendwie lagen wohl einfach zu viele Erwartungen und Hoffnungen unausgesprochen zwischen uns.

Wir saßen noch eine Weile schweigend nebeneinander und blickten in den Fluss. Schließlich nahm sich Iris ein Herz. »Was ist denn los? Dich bedrückt doch etwas.«

»Ach, nichts«, beeilte ich mich, zu versichern.

Sie blickte mich ernst an, sagte aber nichts.

»Es ist nur etwas ungewohnt. In letzter Zeit habe ich mich ziemlich zurückgezogen.«

»Willst du drüber sprechen?«, fragte sie.

Die Unterhaltung wurde mir zunehmend unangenehm. Was ich meinem besten Freund nicht zu sagen traute, konnte ich erst recht Iris nicht anvertrauen. Nicht, wenn ich mir meine Hoffnungen mit ihr nicht endgültig verbauen wollte.

»Ich weiß nicht, ich kann es nicht erklären.« Ich zuckte bedauernd mit den Achseln und blickte sie flehentlich an, nicht weiter nachzufragen. »Vielleicht ein andermal. Ich glaube, allmählich sollten wir wieder zurück.«

Der Abendschein ergoss sich über das Wasser und die grünen Hügel. Wie wir es zuvor besprochen hatten, sammelten wir auf dem Rückweg jeder noch ein Armvoll Feuerholz ein.

Franziska und die Jungs saßen auf ihren Isomatten vor den Zelten und hatten inzwischen schon ein kleines Lagerfeuer in Gang gesetzt. Unser Feuerholz kam gerade richtig.

Es wurde ein richtig gemütlicher Abend, mit Grillwürsten, Stockbrot über dem Feuer und einigen in Alufolie eingewickelten Kartoffeln. Den Wein tranken wir einfach aus der Flasche, an Gläser hatte keiner gedacht, wozu auch?

Allmählich senkte sich eine ruhige, fast schon tropische Nacht über das Land. Unermüdlich zirpten die Grillen. Mit dem schwindenden Licht kamen immer mehr Sterne heraus. Ich erkannte das Sternbild des Schützen. Jupiter leuchtete hell im Westen.

Wir plauderten noch eine Weile, bis wir allmählich müde wurden. Aber keiner wollte schlafen, dazu war die Nacht viel zu schön.

Franziska hatte eine Idee. Wir könnten uns ja Geschichten erzählen, so wie früher bei den Pfadfindern.

»Ach, Mama, wo lebst du denn? Das ist doch voll letztes Jahrhundert.« Leon fühlte sich eindeutig zu alt für solche althergebrachte Formen der Unterhaltung. Allerdings war er hier mitten in der Pampa ohne Netz entertainmentmäßig vollkommen aufgeschmissen. Die Spiele auf seinem Smartphone hatte er ebenfalls schon alle durch, und Colin hatte auch keinen Bock mehr, mit ihm herumzualbern.

»Meinetwegen«, maulte Leon. »Aber kein so alberner Scheiß mit Geistern und so …«

Wir blickten uns vielsagend an.

»Keine Sorge, aus dem Alter sind wir raus. Also …?« Franziska beendete den Satz nicht, sondern blickte auffordernd in die Runde.

Iris war auf Franziskas Geschichtenattacke auch nicht vorbereitet und zuckte bedauernd mit den Schultern.

Alle sahen mich erwartungsvoll an. Damit hatte ich nicht gerechnet, aber wie es manchmal so geht, fiel mir doch tatsächlich etwas ein. Improvisieren gehört zum Geschäft.

»Also gut«, fing ich an und nahm noch einen Schluck Wein. »Es war einmal ein alter weiser König. Der ergraute Herrscher hatte schon alle Schlachten seines Lebens geschlagen, strahlende Triumphe eingefahren, aber auch bittere Niederlagen einstecken müssen. Er hatte sein Reich erfolgreich gegen seine Feinde verteidigt und seine Macht stets festigen können. Seine Untertanen verehrten ihn als einen weisen und gerechten Herrscher. Jetzt, am Ende seines Lebens jedoch überkam ihn eine bittere Melancholie. Er fühlte sich bereits beim Aufstehen niedergeschlagen und nichts konnte ihm mehr eine Freude bereiten. Jede Woche gab er zwar weiterhin seine prachtvollen Abendgalas, zu denen das ganze Volk eingeladen war. Aber er tat das eigentlich nur, weil er seinen Vasallen diese Freude nicht nehmen wollte. Für ihn bedeutete es eher eine unangenehme Pflicht, jede Woche Hof zu halten.

An einem späten Nachmittag, als ihn sein dauernder Unmut besonders quälte, ließ er seinen Hofnarren zu sich kommen und stellte ihm aus einer Laune heraus eine Frage.

›Keiner der Weisen konnte mir diese Frage bisher beantworten, darum stelle ich sie jetzt dir, und ich bitte dich, lange und gründlich darüber nachzudenken, bevor du mir antwortest.‹

Der Hofnarr wurde etwas nervös, aber er kannte seinen Dienstherrn als einen gütigen und großherzigen Herrscher.

›Also – wie lang ist die Ewigkeit?‹

Der Hofnarr wollte schon gewohnheitsmäßig salopp antworten: ›Nun, ich hoffe doch, länger als eure Geduld.‹ Aber die Ernsthaftigkeit und die tiefe Melancholie, in die der König versunken war, ließen ihn zögern. Der Narr zog die Stirn in Falten, fasste theatralisch den Kopf in die Hände und blickte den Herrn traurig an. Lange. Sehr lange. Und noch etwas länger.

Der König durchschaute das Manöver und sagte nach einer gefühlten halben Stunde: ›Schon klar, ich weiß, was du mir sagen willst, ohne etwas zu sagen. Aber ich bitte dich inständig, es noch einmal zu versuchen. Es ist mir sehr ernst mit dieser Frage.‹

Der Narr hatte eingesehen, dass es nichts gab, mit dem er seinen König auf andere Gedanken bringen könnte. Er wollte schon bedauernd gestehen, dass er keine befriedigende Antwort auf die abstruse Frage hätte, da erinnerte er sich an eine alte Geschichte, die ihm seine Amme vor vielen Jahren zum Einschlafen erzählt hatte.

›Auf einer Insel am anderen Ende der Welt‹, begann der Narr seine Geschichte zu erzählen. Der König blickte ihn interessiert an. ›Diese weit entfernte Insel mitten im größten Meer der Welt liegt abseits aller bekannten Schiffsrouten, durch eine Laune der Natur das ganze Jahr hindurch hinter einer undurchdringlichen Wolkenbank verborgen, sodass sie auf den handelsüblichen Seekarten erst gar nicht verzeichnet ist. Wozu auch? Auf dieser abseits gelegenen Insel gibt es nichts, rein gar nichts, wofür es sich lohnen würde, dort vor Anker zu gehen. Kein Wasser, keine Tiere und keine Pflanzen. Nur Steine, Steine, Steine.

Auf diesem öden Eiland erhebt sich ein großer Berg aus massivem Granit. Ein gewaltiger Felsen, der sich bis in den Himmel hinein erhebt. Nun ergibt es sich, dass alle tausend Jahre ein Vogel auf seinem Flug von einem Ende der Welt zum anderen Ende der Welt …‹«

»Bestimmt eine Seeschwalbe!«, platzte Colin heraus. »Die fliegen nämlich um die ganze Welt.«

»Gut möglich«, sagte ich. »Allerdings hat noch kein Mensch diesen Vogel je zu Gesicht bekommen.«

»Ganz bestimmt eine Seeschwalbe«, beharrte Colin.

»Also gut, eine Seeschwalbe. Kann ich jetzt weitererzählen?«

Colin, Leon, Franziska und Iris nickten eifrig.

»Alle tausend Jahre kommt also eine Seeschwalbe auf ihrem Weg …«

»… von einem Ende der Welt zum anderen Ende der Welt …«

»Danke, Colin.« Ich war richtig gerührt ob der Begeisterung, die die coolen Jungs meiner ollen Geschichte entgegenbrachten. »Jedenfalls, weil der Weg ja so lang ist von einem Ende der Welt zum anderen, legt sie zwischendurch mal eine Pause ein und landet auf diesem Berg.«

»Warum, dort gibt es doch nichts?«, wandte Leon ein, stolz darauf demonstrieren zu können, wie gut er aufgepasst hatte.

»Na ja«, sagte ich. »Einfach, um mal zu verschnaufen und den Schnabel zu wetzen.«

»Den Schnabel wetzen?«, fragte Colin.

»Ja, hin und wieder müssen Vögel ihre Schnäbel wetzen, damit sie schön scharf bleiben. Ist so ähnlich wie Zähneputzen.«

Die beiden Mädels lachten.

»Und was hat das nun alles mit dem König zu tun?«, fragte Leon.

»Guter Einwand. Also, wie gesagt, alle tausend Jahre kommt eine Seeschwalbe an diesem riesigen Berg vorbei und wetzt sich ihren Schnabel.«

»Ja, und?«

»Tja, es ist so: Wenn der Vogel so oft seinen Schnabel an dem Berg gewetzt hat, dass er vollständig abgetragen ist …« Kunstpause. »… dann, erst dann, ist eine Sekunde der Ewigkeit verstrichen.« Alle blickten mich mit großen Augen an. Ich räusperte mich. »Ja, das war’s so im Wesentlichen.«

Colin sagte nur: »Ooh.«

»Und jetzt?«, mischte sich Leon ein, ganz der coole Obermacker aus der 10b. »Wie viele Sekunden hat nun die Ewigkeit?«

»Verdammt viele«, sagte ich. »Vermutlich mehr, als du dir vorstellen kannst.«

»Blödsinnige Geschichte.« Leons Urteil stand felsenfest. »Langweilig, diese Ewigkeit.«

»Da muss ich dir recht geben«, sagte ich. »Die Ewigkeit kann lang werden.«

»Aber was ist nun aus dem König geworden?«, wollte Colin wissen. »War er mit der Antwort zufrieden?«

»Vermutlich schon«, sagte ich. »So genau weiß ich das nicht.«

»Aber du kennst doch die Geschichte.«

»Ja, bis zu der einen Sekunde der Ewigkeit. Mehr weiß ich auch nicht.«

»Also, ich glaube …«, nahm Iris den Faden auf. »Ich glaube, der König war ganz zufrieden mit dem, was ihm der Narr erzählt hat.«

»Blödsinn!«, warf Leon ein. »Bestimmt hat er ihm den Kopf abhacken lassen.«

»Nein, nein.« Franziska legte ihre ganze mütterliche Autorität in die Stimme: »Der König freute sich, dass der Narr ihm hatte nachfühlen können.«

»Als Einziger im ganzen Königreich«, ergänzte Iris.

»Und hat ihm dann sein ganzes Königreich vermacht.« Colins Augen leuchteten.

»Ich denke, so wird es wohl gewesen sein«, schloss ich die Geschichte ab. »Und wenn er nicht gestorben ist …«

»… hat ihm der König doch den Kopf abgehackt!« Leon konnte es nicht lassen.

Ich knuffte ihm in die Seite, was ihn betont empört, aber auch anerkennend aufjaulen ließ.

Doch statt sich irgendwie zu revanchieren, erstaunte er uns alle mit der Eröffnung: »Also, ich bin todmüde.« Er rappelte sich auf und gähnte ausgiebig. »Todlangweilige Geschichte.« Colins Kopf lag ohnehin schon im Schoß seiner Mutter. »Bis morgen, Jungs«, sagte Franziska. »Und seid leise morgen früh.« Das hörten die beiden schon nicht mehr und verzogen sich in ihr Zelt. »Ich verzieh mich auch, bis morgen.« Ehe Franziska in ihrem Zelt verschwand, ermahnte sie uns noch, doch bitte auf die Glut achtzugeben.

Das Feuer war schon ziemlich heruntergebrannt. Ich schob noch einige Ästchen in die Glut. Nach kurzer Zeit schlugen Flammen aus dem trockenen Holz. Taumelnd stoben Funken in die Nacht. Iris lehnte sich auf ihrer Isomatte zurück und blickte in den prachtvollen Sternenhimmel hinauf. Der Mond zeigte sich als schmale Sichel, die Sterne funkelten in der klaren Nacht. Am südlichen Horizont schimmerte die Milchstraße.

»Traumhaft«, sagte sie. »In Frankfurt kriegt man so etwas nicht zu sehen.«

Das unablässige Zirpen der Grillen mischte sich mit den sonoren Rufen der Frösche, die am nahen Wasser in großen Kolonien lebten.

Auf einmal verstummten die Geräusche. Für kurze Zeit legte sich eine ungewohnte Stille über die Nacht. Ein plötzlicher Windstoß fuhr in die Glut, Flammen züngelten aus der Asche und wirbelte Funkenschauer in die Nacht.

»Da!« Iris fasste mich an der Schulter. »Sternschnuppen!«

Über den Feldern, tief am Horizont, flammte ein einzigartiges Feuerwerk auf. Hunderte winzige glühende Lichter, die sich wie ein Schwarm wildgewordener Glühwürmchen über das Firmament ergossen. Funkelnder Feuerregen, ein Schauer kurzer Lichtblitze, die kreuz und quer durch die Nacht stoben.

Aus der Richtung, in der sich das Schauspiel abspielte, erfüllte ein seltsames Prasseln die Luft, wie Regen, der auf ein Blechdach fällt. Die Grillen und Frösche ließen sich davon nicht beirren, setzten unverdrossen ihr Nachtkonzert fort. Im Bruchteil einer Sekunde war das feurige Spektakel auch wieder vorbei.

»Hast du das gesehen?«, fragte Iris atemlos.

»Ja.« Ich brachte fast keinen Ton heraus. Ein eisiger Schrecken hatte mich erfasst.

»Wunderschön«, hauchte sie mit leuchtenden Augen. »So etwas habe ich noch nie gesehen.«

Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Ich konnte kaum noch atmen. Mit meinen Augen versuchte ich, die Dunkelheit zu durchdringen. Nichts Ungewöhnliches. Der Spuk schien vorbei zu sein. Die Glut im Lagerfeuer glomm tiefrot vor sich hin. Ab und zu ein scharfes Knacken im Holz. Ich legte eilig die letzten Ästchen in die heiße Asche. Die Glut fand neue Nahrung, bald leckten die Flammen wieder hoch und warfen ein flackerndes, unheimliches Licht auf uns.

»Was ist denn?«, fragte Iris. »Du siehst aus, als ob du ein Gespenst gesehen hättest.«

»Ach, nichts«, sagte ich. »Ich glaube, ich bin einfach übermüdet.«

Enttäuschung und Traurigkeit flackerte in ihrem Blick.

»Sei mir nicht böse, aber ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten.«

»Schade«, sagte sie leicht verdrossen, Befremden und Verletzlichkeit in ihrer Stimme. Ich konnte nur bedauernd mit den Schultern zucken. Iris musste mich für einen kompletten Idioten halten – oder für jemanden mit einem ernsthaften psychischen Problem. Es tat mir unendlich leid für sie, aber wie hätte ich ihr mein seltsames Verhalten erklären können?

Eine Weile blickten wir noch stumm in die sterbende Glut. Allmählich beruhigte ich mich wieder. Ich war zwar tatsächlich hundemüde, aber so aufgewühlt, dass an Schlaf sowieso nicht zu denken war.

»Es tut mir leid«, sagte ich. »Die Nacht ist viel zu schön, um schon schlafen zu gehen.«

Iris sah mich leicht irritiert an und gähnte herzhaft. Offensichtlich war ihr das jetzt zu bunt geworden und sie zog sich lieber zurück. »Lass nur«, sagte sie leise. In ihrer Stimme lag leichter Ärger und erstaunlicherweise ein Hauch von Zärtlichkeit. Sie fasste mich kurz am Arm und zog sich in ihr Zelt zurück.

Die letzten Flammen verglommen, und die Nacht senkte sich über den Platz. Mir wurde zunehmend unheimlich. Ich zog die Aufstecklampe von meinem Fahrrad und suchte im angrenzenden Wäldchen noch nach etwas Feuerholz. Mit ein paar trockenen Ästchen hatte ich das Feuer bald wieder in Gang gebracht. Ich holte Schlafsack und Isomatte aus dem Zelt und legte mich vor das still vor sich hin glimmende Feuer. Die züngelnden Flammen und das gleichmäßige Zirpen der Grillen ließen mich allmählich zur Ruhe kommen. Auf dem Rücken liegend, musterte ich noch eine Weile systematisch den Nachthimmel. Die Sterne schimmerten sanft und tröstlich in der samtenen Dunkelheit.

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220 стр.
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9783957658531
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