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HANS FLESCH-
BRUNNINGEN
PERLEN UND
SCHWARZE
TRÄNEN
ROMAN
Herausgegeben und mit einem
Vorwort von Evelyne Polt-Heinzl

INHALT
VORWORT
NACHRICHTEN IN SCHLAGZEILEN
THEATER UND KUNST
LITERATURBEILAGE
INNEN- UND AUSSENPOLITIK
GERICHTSSAAL – WIRTSCHAFTSTEIL
SONNTAGSBEILAGE: FÜR DIE HAUSFRAU, REISEN ETC.
VORWORT
»… und das seltsame Verhalten der Zeit wunderte ihn nicht«. Hans Flesch-Brunningens großer Exilroman Perlen und schwarze Tränen
Hans Flesch-Brunningen hat sich so weit in die Literaturgeschichte eingeschrieben, dass ihm eine Nennung in Aufzählungen und Fußnoten gewiss ist. Allerdings haben weder Verlage noch Wissenschaft bisher für eine systematische Werkpflege gesorgt, obwohl seine expressionistischen Anfänge wie seine Exilromane in Forschungsbereiche fallen, die in den letzten Jahrzehnten verstärkt in den Blickpunkt gerückt sind. Man kann diesen Autor »wohl den bekanntesten unter den unbekannten oder gar den unbekanntesten unter den bekannten deutschen, vielmehr österreichischen Schriftstellern nennen«, er hat »5 Novellenbände, 21 Romane, 5 Theaterstücke […] geschrieben; dazu noch ein Dutzend Bücher aus dem Englischen übersetzt«. So formulierte Flesch-Brunningen in einem ironischen Nachruf zu Lebzeiten, erschienen 1968 in der Tageszeitung Die Presse – dreizehn Jahre bevor er am 1. August 1981 sechsundachtzigjährig in Bad Ischl verstarb. Zu den von ihm übersetzten Autoren gehört übrigens auch W. Somerset Maugham, ein Roman dieses Autors ist aktuell der einzige Titel, mit dem »Hans Flesch« im Buchhandel aufscheint.
Dabei ist sein monumentaler Roman Perlen und schwarze Tränen aus dem Jahr 1948 ohne Zweifel eines der drei großen, auch formal herausragenden Bücher der österreichischen Exilliteratur – zusammen mit Friederike Manners im selben Jahr erschienenem Romanbericht Die dunklen Jahre, der 2019 in der Edition Atelier wieder aufgelegt wurde, und Martina Wieds 1951 erschienenem Buch Das Krähennest, dessen Neuausgabe hier in Vorbereitung ist.
Johannes Flesch Edler von Brunningen wurde am 5. Februar 1895 in Brünn als Sohn einer wohlhabenden Familie mit jüdischen Wurzeln geboren. Kindheit und Jugend verlebte er in Abbazia/Opatija und Wien. Bereits im Juli 1914 brachte Franz Pfemferts Avantgardezeitschrift Die Aktion ein Heft mit Texten des Neunzehnjährigen, samt einer Porträtzeichnung von Egon Schiele am Titelblatt. 1917 erschien der Novellenband Das zerstörte Idyll in Kurt Wolffs Reihe Der jüngste Tag, 1919 folgte der fantastische Roman Baltasar Tipho, eine gnadenlose Satire auf die moralische Dekadenz der Kriegsschieber und Spekulanten.
Ab 1925 lebte der ausgebildete Jurist in Italien, Frankreich und vor allem in Berlin. Von dort emigrierte Flesch-Brunningen bereits 1934 nach England. Damit war er Teil der ersten Flüchtlingswelle, und er kam nicht ganz ohne Referenzen, immerhin lag sein 1930 erschienener Roman über die Französische Revolution Die Amazone bereits im Folgejahr in englischer Übersetzung vor. Sein letztes in Deutschland geschriebenes Buch war übrigens eine Sammlung von Biografien historischer Exilanten mit dem Titel Vertriebene. Von Ovid bis Gorguloff.
In London hält sich Flesch-Brunningen zunächst mit Gelegenheitsjobs über Wasser, engagiert sich, gemeinsam mit Berthold Viertel, im links gerichteten Freien deutschen Kulturbund, und beginnt bereits um 1938 seine Texte für britische Zeitungen in Englisch zu schreiben. 1939 erhält er eine Stelle als Sprecher und Übersetzer beim German Service der BBC, die er durch die Internierung als Enemy Alien im Juni 1940 wieder verliert. Als er im Oktober 1940 nach London zurückkehren kann, ist seine Situation neuerlich prekär, etwas Geld verdient er unter anderem als Tellerwäscher im Lyon’s Corner House, einem billigen, bei Emigranten beliebten Lokal einer Tea-Shop-Kette. Verzweifelt versucht er, weiter in die USA zu emigrieren, doch dann erhält er seine Stelle bei der BBC zurück – um den Preis, seine Mitgliedschaft beim Kulturbund aufzugeben. Er tut es und engagiert sich fortan im politisch weniger exponierten Club 43. Von 1953 bis 1958 ist er dann Vorsitzender der deutschen Sektion des PEN-Clubs in London. Bis zu seiner Pensionierung 1958 bleibt er als Sprecher, Übersetzer, Scriptwriter und Redakteur bei der BBC, dann kehrt er nach vierundzwanzig im englischen Exil verbrachten Jahren nach Österreich zurück. Als Autor ergeht es ihm hier wie vielen späten Remigranten, deren Karrieren meist einen unheilbaren Knick zurückbehielten, denn die neue Generation von LeserInnen kannte schon ihre Namen oft nicht mehr.
Perlen und schwarze Tränen entstand 1945/46 noch im englischen Exil und ist eine sprachlich wie kompositorisch ambitionierte Paraphrase auf den Ulysses von James Joyce, den Flesch-Brunningen in Paris kennengelernt hatte. Das Buch folgt 24 Stunden hindurch den Wegen, Gedanken, Erinnerungen und traumhaften Visionen des fiktiven Exilautors John Truck. Vieles ist dabei autobiografisch grundiert, etwa die Erfahrungen als Gelegenheitsarbeiter, die Tätigkeit beim Rundfunk oder das Engagement in Emigrantenorganisationen.
Auf der realen Ebene der Außenwelt bewegt sich Truck durch das devastierte London, wo Ausgebombte in U-Bahnschächten campieren und in den Ruinen Prostituierte ihre Dienste den Soldaten anbieten. Es ist das London im Würgegriff der deutschen Bombardements, auch hier ist die »ganze Zivil-Bourgeoisie verschwunden«, die Uniform herrscht, »der Götze des Jahrhunderts«. Über allem liegt der dichte Nebel, der in der Eingangspassage über den Wassern aufsteigt und, sich mit Gerüchen und Dünsten anreichernd, allmählich »städtisch« wird. Aus seinen undurchdringlichen Schwaden lässt der Autor mit leichter Hand geisterhafte Bilder und Begegnungen emporwachsen. So trifft Truck während seines nächtlichen Gangs durch die Stadt in der Nähe von Marble Arch auf eine Gespensterkutsche, der historische Größen der englischen Literatur entsteigen. Was wie eine Maskerade wirkt, verhandelt zugleich Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung des Künstlers wie der kulturellen Identität des Exilanten. In dieser Szene findet sich auch eine konkrete Anspielung auf Joyce in Gestalt von Trucks geheimnisvollem Begleiter, der wechselnde Identitäten anzunehmen vermag und sich einmal auch als »Kelte« beschreibt, der »die Einbildungskraft und den Flug der Phantasie« liebe.
Das Kapitel heißt Literaturbeilage, so wie viele Abschnitte nach Ressorts der medialen Berichterstattung benannt sind. Schließlich spielt fast die Hälfte des Romans in den Bürolandschaften der monströsen BBC-»Wortfabrik«, ein Porträt des 1932 fertiggestellten Broadcasting House am Portland Place. Rastlos ist das Getriebe in den labyrinthischen Gängen dieses Gebäudes, verloren und verängstigt sind die hier Arbeitenden, denn zahlreich sind die Flüchtlingsschicksale im German Service, wo jeder auf seine Art mit Verlusterlebnissen, Zukunftsängsten und Vereinsamung zu kämpfen hat. Deshalb kippen hier während Trucks Nachtdienst alle Szenen verlässlich ins Surreale. In seiner Autobiografie Die verführte Zeit bezeichnet Flesch-Brunningen die Häufung fantastisch-skurriler Szenarien als Technik der »Verschlüsselung«, zugleich weisen diese erzähltechnischen Verfremdungseffekte auch auf seine expressionistischen und fantastischen Anfänge zurück.
Zu Beginn wartet Truck gut dreißig Seiten lang im »Café Canada« auf seine notorisch verspätete Geliebte und Exilkollegin Jane, mit der er zu einem Theaterbesuch verabredet ist. Im Anschluss wird er mit ihr speisen und sie dann nach Hause begleiten. Dort, mitten im verbalen Vorgeplänkel, führt Jane ein durchaus intimes Telefongespräch mit einem Konkurrenten. Truck nimmt das als Symbol für Janes Charakter wie für seine Beziehung zu ihr und bricht rasch auf zu seiner Stadtdurchquerung Richtung BBC-Gebäude. Ob er sie am Ende tatsächlich ermordet, lässt sich freilich aufgrund des schwankenden Realitätsbezugs im gesamten Romangefüge nicht mit Gewissheit feststellen. Sicher bleibt, Jane ist eine unnahbare und selbstbestimmte Person, und sie weist einige Züge von Flesch-Brunningens späterer Ehefrau Hilde Spiel auf, die damals noch mit seinem Freund Peter de Mendelssohn verheiratet war.
In komplizierte Dreiecksgeschichten verstrickte sich Flesch-Brunningen, laut Selbstaussage ein »unausrottbarer Polygamist«, sein ganzes Leben lang mit großer Regelmäßigkeit. Über sein problematisches Verhältnis zu Frauen(figuren) lässt sich einiges nachlesen in seinem autobiografischen Roman Die Teile und das Ganze von 1969 und in den posthum erschienenen Lebenserinnerungen Die verführte Zeit. Beide Bücher liefern ein schonungsloses Selbstporträt, das männlichen »Vergrößerungswahn«, selbstgerechte Posenhaftigkeit und martialische Männerbündelei zu einer Analyse des Geschlechterverhältnisses verdichtet, wie man das so aus Männerhand selten zu lesen bekommt.
In der Eröffnungsszene von Perlen und schwarze Tränen kreisen Trucks Gedankenketten und Kopfbilder um das Phänomen des Wartens. Das hat mit der konkreten Situation im Kaffeehaus zu tun, steht aber zugleich für die zentrale Erfahrung der Emigration, die das Leben der Betroffenen radikal in ein Davor und ein Danach zerschneidet, mit der ökonomischen, bürokratischen und politischen Unsicherheit des Lebens im Gastland dazwischen. Diese »entzweigeschlagene« Zeit spiegelt sich im Roman auch in den vielen unzuverlässigen Uhren wider, die für den Exilanten gleichsam anders ticken. Wartend blättert Truck in Zeitungen und wie von selbst beginnen die Buchstaben »ihren Tanz in den Unsinn«, bis sich die scheinbar absurden Visionen als Schlagzeilen auf seinen frisch geputzten Schuhen materialisieren. »Es ist die Wahrheit. Es steht in der Zeitung. Wir sind von Zeitungen eingewickelt«, sagt der Schuhputzer in der Toilette des Cafés. Was haltlose Fantasterei schien, kippt damit gleichsam zurück in die gedruckte Faktizität der Presseberichte.
Diese Durchlässigkeit von Innen- und Außenwelt, von Wirklichkeit und subjektiven Assoziationsprozessen, legt über die gesamte Handlung einen zweiten Nebelschleier, der die geschilderten Erlebnisse immer wieder ins Schlingern bringt. Im nächtlichen Straßengeräusch sind die Panzer der Front ebenso präsent wie sich die Bibliothek der BBC in das Klassenzimmer von einst verwandeln kann, schließlich gehören Erinnerungen an und Sehnsucht nach der verlorenen Heimat zum Exilalltag wie Trauer und Angst um zurückgebliebene oder verlorene Verwandte und Freunde. Im Kapitel Betrieb durchlebt Truck noch einmal seine Zeit als Küchengehilfe, als Arbeiter in den Lager- und Produktionshallen eines Konservenkonzerns oder einer Werkzeugmaschinenfabrik. Diese Abschnitte sind von besonderer atmosphärischer Dichte und zeigen Flesch-Brunningens Meisterschaft, schräge und schrille Verschiebungen der Perspektive in einen klärenden Blick auf die zugrundeliegende ›Realität‹ zu verwandeln. Für Durchlässigkeit in Moralfragen wiederum sorgt Trucks Fantasiefigur des »Ungewissens«, das seine verborgenen Gedanken und Motivationen unverblümt ausspricht.
»Ich hatte die Hände voll mit Blättern eines Buches, das noch nicht geschrieben war. Meine Freunde und Bekannten, meine Verwandten und meine Eltern, meine Frauen und meine Mädchen strichen in endlosem Zug an mir vorbei, und ich bot ihnen von den Blättern an«, heißt es gegen Ende, als wollte der Autor damit die Entstehung des Romans aus der Verquickung von Erinnerungsarbeit und existenzieller Entwurzelung beschreiben.
Sicher ist in Trucks Assoziationsprotokoll jedenfalls nichts, sichtbar wird jedoch vieles, von der lebenspraktischen Verstörung des Emigranten bis zur Relativität medialer Berichterstattung in Kriegszeiten. Während Truck auf der »Jagd« nach den verlegten »Schlagworten« für die nächste Nachrichtensendung durch die Gänge des BBC-Gebäudes irrt, gerät er immer wieder in groteske Szenen, die stets auch Realität einfangen. Wenn er in einer Abstellkammer auf einen Emigrantenzirkel stößt, in dem heftig über den richtigen politischen Weg debattiert wird, ist das eine konkrete Auseinandersetzung mit seiner Tätigkeit im Kulturbund, deren Sinnhaftigkeit ihm fraglich geworden ist. Exilerfahrung und die Frage eines möglichen – hier noch deutlich eingeforderten – politischen Engagements des Künstlers sind übrigens auch Thema jener beiden Romane, die Flesch-Brunningen im Exil veröffentlichte und die bis heute nicht auf Deutsch vorliegen: The Blond Spider (1939) und Untimely Ulysses (1940, gewidmet Berthold Viertel). Beide Bücher erhielten freundliche Besprechungen, blieben aber letztlich ohne größeres Echo. Sich in die Literaturen der Gastländer nachhaltig einzuschreiben, gelang emigrierten AutorInnen in den seltensten Fällen.
Perlen und schwarze Tränen wiederum ist nie auf Englisch erschienen, obwohl der ursprüngliche Titel Spirits of Night lautete. Flesch-Brunningen übersetzte den Roman selbst ins Deutsche, die Erstausgabe erschien 1948 im Hamburger Wolfgang Krüger Verlag und wurde damals in Österreich kaum wahrgenommen. Eine der wenigen Besprechungen stammt von Hilde Spiel, die Flesch-Brunningen 1938 in London kennenlernte und ihn nach langen Jahren einer schwierigen Beziehung dreiunddreißig Jahre später in Wien heiratete. Sie konnte den Roman, in dem Jane und Truck gemeinsam von der Zeit »vor der Sintflut« träumen, vor dem Hintergrund ihrer eigenen Exilerfahrungen lesen, und sie erkannte die radikale Modernität des Buches, das mit Bezug auf Joyce die Korrosion der Romanform fortführt. Der Autor, so Spiel, gehöre »zur ›kontinentalen‹ Avantgarde, obwohl er in London lebt«. Den Mord an Jane aber interpretierte sie als Lösung eines existenziellen Dilemmas. »Der Emigrant ist der Prototyp des modernen Menschen. Eine Befreiung von der Last der Doppelexistenz, der geteilten Loyalität und gespaltenen Persönlichkeit, wie John Truck sie durch seine entschlossene Tat wirkt, ist unser aller Wunsch und Hoffnung.«
Die bislang einzige Neuausgabe des Romans erschien 1980 und fand etwas mehr Resonanz. Das verdankte sich vor allem dem Achtungserfolg von Flesch-Brunningens 1979 erschienenem Roman Die Frumm, ein Sittenbild aus Wien vor, während und nach der NS-Zeit. Rund um die Titelfigur Angela Frumm, die aus ärmlichen Verhältnissen stammend in den Strudel der politischen Ereignisse hineingerissen wird, als BDM-Mädchen aufsteigt und als Klofrau endet, arrangiert der Autor eine Fülle von Lebensgeschichten, die ein Pandämonium des österreichischen Nationalcharakters, seiner Abgründe und seiner Opfer ergeben.
Perlen und schwarze Tränen aber ist nicht nur ein einmaliges Zeitdokument, sondern mit seiner komplexen Handlungsführung und der Kunst, mit grotesken Verzeichnungen den Blick für gesellschaftspolitische Zusammenhänge zu schärfen, ein bemerkenswert moderner Roman. Es ist zu hoffen, dass er sich mit dieser Neupräsentation endgültig in den Kanon der Exilliteratur einschreibt.
Evelyne Polt-Heinzl
NACHRICHTEN IN SCHLAGZEILEN
Nebel
Der Nebel lag als dicke Schicht über der Menschheit. Er bedeckte viele hundert Quadratkilometer. Er kam aus den Tiefen und von den Höhen, er war geboren aus Schwaden und Dünsten und er verschlang die Länder.
Er lag weich auf den Wellen von Seen und Meer und Flüssen. Es hatte sich der Wind gelegt, und der schleierleichte Traum wurde fester und nächtiger. Die Nacht stieg die schrägen Hügel hinan und fiel in Lichtung und Tal. In diesem Nebel der freien Felder war Frische; Gesundheit aus der Fülle der schönen, offenen Räume um die Gewässer. Dies war des Nebels Mutter.
Sein Vater wälzte sich die bergigen Ufer hinab. Je leichter er schäumte, desto schwerer konnte er sich halten. Eine Brise kam, und kam zu spät, ihm zu dienen, zu früh, ihn zu zerstören; so preßte sie die Schwaden in festere Form. Da trat dieser Nebel in Städte und Dörfer und nahm Fühlung mit den üblen Dämpfen aus den Rauchfängen, von den Kanallöchern, von den Abwässern. Er wurde städtisch. Und gleich darauf stieß er auf die wildflutenden Massen vom Meer. Eine einzige ungeheure Decke war entstanden; unbeweglich, erbarmungslos, still, schamlos in ihrer Größe vor dem schnellen Tod.
Der Nebel erdrosselte, erfror und fesselte das Land mit den Häusern, Bäumen und Menschen. Er selbst blieb regungslos; in ihm regte es sich leicht. Der Atem aus der Brust flog sichtbar im Nebel. Im Nebel brachen die Dämpfe aus den geöffneten Türen der Wirtsstuben; die Dünste aus den Kanälen hoben sich im Nebel wie Fahnen.
Die Schiffe auf der Themse verwandelten sich zu Burgen. Die Männer auf Deck hatten mit dem Nebel zu kämpfen, wie sie mit dem Wasser, dem Sturm, den vergangenen Gefahren gekämpft hatten, mit den Geschützen und mit der Fliegenden Bombe. Der Rauch ihres Feuers, vom Nebel erfaßt, wurde fast fest. Die Seeleute waren mißtrauisch im Dunkel: sie fühlten sich zurückversetzt durch die Jahrhunderte, in die Zeit der Armada.
Die Brücken führten ins Nichts. Geister und Gespenster über dem Wasser tauchten unters Wasser zurück, verwässerte Bilder der Tiere in Dichtung und Traum. Pfeiler, Stützen und Balken waren fürs Auge eine solide Zumutung, wie sie sich schwangen und absurd verstiegen.
Auf den Landstraßen waren die Lastwagen im Fahrgeleit steckengeblieben und warteten auf »Fahrt frei!«. Die Fahrer zündeten sich die Pfeifen an, fluchten und scherzten; sie lebten ja noch und hatten nichts eingebüßt von ihren unterschiedlichen Charakteren und Temperamenten. Die Scheinwerfer brannten, seit Jahren war es das erste Mal auch in der Stadt: der Krieg schleppte sich hin; die Verdunkelung war teilweise aufgehoben. Was war der Mensch im Nebel? Die Maske des Hohns; und spröde. Die Lastwagen fuhren los, vereinigten sich mit einem zweiten Strom von Privatautos. In den Vorstädten sickerten die Taxis ein, mit den Fahrern vorn am Lenkrad, die an nichts anderes dachten, als den Fahrgast übers Ohr zu hauen. Viele Autobusse kamen dazu, machten Station an den Straßenecken. Die Fahrer schickten den Schaffner vor, der mit seiner Taschenlampe heranlief, laut rufend, auch blökend vor Lachen, wenn er einen Freund traf. Die langen Straßen sahen aus wie die Boulevards der Hölle. Einsamkeit, Verrat, Leere, Verlassenheit gähnten. Waren diese Häuschen im Sommer wirklich freundliche Gehäuse für Familien gewesen? Waren sie erschüttert worden nur durch Bomben und Flugbomben? Der Nebel hatte sie gründlicher gemordet. Der Nebel hatte das Dach gezackt, die Mauern zerschmissen. Zerstörung wurde zerstört. Eine Schule wurde zum römischen Kastell. Ein Kino war von Napoleon in Stücke geschossen. Farblos und leblos blühte Vernichtung. Der zweite Stock streckte eine vierzinkige Hand ins Unsichtbare.
Der Nebel marschierte die Hauptstraße hinunter, spreizte sich auf den Hauptplätzen, besetzte Piccadilly. Die Tausende amerikanischer Soldaten waren noch immer da, seltsam entfremdet. Hier war ein Arm zum Gruß erhoben, ein Mund offen zum Schrei. Viele ergriffen die Gelegenheit. Es war die Jagd nach dem Mädchen in der Dunkelheit. Romantik war ersprossen. Geheimnis waltete. Verbrecher schlichen sich in unbehütete Gebäude zu Mord und Schändung, Einbruch oder Notdurft. Geflüster wurde hörbar; die Entfernung erhöhte die Wahrscheinlichkeiten. Der Mann mit den Abendausgaben verkaufte seine Zeitungen ungesehenen Händen, verfinsterten Gesichtern. Die letzte Auflage war noch immer zu haben.
Der Nebel floß abwärts, glitt seitwärts, brach in die Häuser. Kein Pochen gabs, kein Klopfen mit den Knöcheln. Die Plötzlichkeit war lautlos. Es war das stille Erdbeben. Schlafzimmer, Speisezimmer, Vorzimmer, Landhäuser blähten sich mit Innennebel. Die kleinen Sekretärinnen in den Gängen der großen Bürohäuser kicherten. Sie taten, als hätten sie den Weg verloren. Das Publikum im Vorstadtkino verlangte sein Geld zurück, da die Leinwand nicht zu sehen war. In der Küche mußten Mann und Frau weiterstreiten wie in den Sommertagen ihrer Jugend. Schwarze Schatten erschwerten das Problem. Kartoffeln wurden zu Goldbarren, das Küchenmesser lag zum Greifen da; für die Tragödie. Der Werber trat in das Haus der Hure und verkürzte das Feilschen mit männlichem Griff: Sei mein! Doch sie entschwand auf der Treppe, entrückt durch eine freundliche Hülle um Elend und Schmach.
Die Eßwaren schmutzten in der Feuchtigkeit. Der Wein war abgestanden. Das Bier war warm. Wer die Türe zu dem Restaurant öffnete, brachte Schleierschwaden für die Gäste mit.
Die Tischgespräche kamen ins Stocken, es litt der Flirt. Die Dame dachte an die Wärme der Decken und wünschte, allein zu sein mit der letzten der Wärmflaschen. Ein paar schärften ihren Witz und hatten Erfolg in Verführung: Ein Paar, das ist einer und eine, das ist gut zur Erwärmung, wo jeder nur das möchte; oder überhaupt nichts.
Ein paar Rebellen träumten von Italien, vom blauen Mittelmeer, von der blauen Donau. Der Geist des Widerstandes versuchte Wiederkehr. Die Jazzkapelle auf dem Podium wagte eine Melodie aus Sturm und Leidenschaft. Die Finger wurden klamm, der Atem des Oboisten stieg qualvoll durch die Luftröhre auf.
Die Vorhalle des Café Canada war während der flauen Zeit am Morgen gereinigt worden. Jetzt sah es dort glatt und fein aus, trotz der nebeligen Stücke Luft, die von den Flügeln der Drehtüre hereingeblasen wurden. Die Leuchter an den Wänden waren mit zarten Lampenschirmen verziert. Zur Rechten standen Stühle und zur Linken standen Stühle, mit Menschen darauf, die die Zeitung lasen und warteten. Der Portier kam und ging, inspizierte die Vorkehrungen für Verdunkelung; seine Brust war tapeziert mit den Tapferkeitsmedaillen eines früheren Krieges. Die Stühle waren mit Seide bespannt, um nichts geringer, weil sie alt waren, unberührt von Nebel und Krieg, völlig unverdorben von der Zeit. Auch der Teppich war unbeschädigt, ein klein bißchen abgetreten. Überall war ein mächtiges »N« zu sehen, in Gold oder Messing, ein großsprecherisches Zeichen, als gehöre das Unternehmen Napoleon, Kaiser der Vergnügungsstätten.
Das Haus, von First zu Keller, rieb sich die Augen, dem Erwachen nahe. Im Oberstock wurden die Tischtücher geglättet, um die besseren Gäste zu empfangen. In der Bar begannen die Kellner Whisky mit Nebel zu mischen. Die ersten Überröcke marschierten in die Garderobe. Die Telephonzellen füllten sich mit Männern, die sich um ihre Freundinnen ängstigten, sie könnten vielleicht im Nebel verlorengegangen sein. Ein schwarzer Diener putzte in der Herrentoilette die ersten Schuhe dieser Nacht im Krieg.
Alle Stühle waren besetzt. Heute abend wartete jeder länger als sonst. Die Autobusse waren aufgehalten, die U-Bahn war vollgestopft, die Taxis waren zu Hause geblieben, Züge hatten Verspätung: Sorgen genug und genug.
Ich beobachtete meine Kameraden im Wartedienst. Ich las meine Zeitung. Ich wartete auf meine Dame.
Warten
Die vergoldete Biedermeieruhr an der Wand wies mit schwarzen Zeigern halb sechs. Wir sollten uns um halb sechs treffen. Ich wußte, Jane würde nicht vor dreiviertel sechs kommen, bei diesem Nebel! Ich machte es mir bequem. Es würde ja nicht auf lange sein, da wir für heute abend Theaterkarten hatten, und Jane kam gewöhnlich nie mehr als eine Viertelstunde zu spät, wenn es ins Theater ging. Ich habe auf sie schon sehr oft und sehr lange gewartet. Neben mir ein Offizier der Handelsmarine. Neben ihm ein junger Mann mit Schnurrbart, ein recht unangenehmer Mensch, hübsch und eingebildet. Neben ihm eine Dame in mittleren Jahren, einen Turban um den Kopf, die aussah wie eine Ausländerin.
Sonderbar, sich vorzustellen, daß Männer in Uniform heutzutage Vorteile hatten vor unsereinem. Wie anders doch in meiner Jugend! Ich konnte diesen Offizier der Handelsmarine gut leiden. Ich hätte es mir nicht einfallen lassen, seinen vergangenen Wartestunden prüfend nachzugehen. Ich war so gut wie sicher, daß er auf ehrenhafte Weise beigetragen hatte zur Endsumme der verwarteten Zeit auf Erden.
Er hieß höchstwahrscheinlich Charley, jeder zweite Mensch in London hieß Charley. So hatte auch der Mann geheißen, dessen Blumen zu Weihnachten im vergangenen Jahr vor meinen Blumen gekommen waren. Mach dir nichts draus. Dieser Charley hier hatte auf seinen Geleitzug gewartet. Die Schiffe sammelten sich, sein Schiff war als letztes eingetroffen. Trotzdem mußten sie noch drei Tage länger kreuzen, bevor die Zerstörer kamen. Das Wetter war schuld. Er hatte fast vierundzwanzig Stunden lang Deck und Logis inspiziert; und dann begann er zu saufen, mit dem ersten Maat und dann mit dem zweiten Maat. Sie soffen, und die Leute unter Deck sangen ihre Seemannsliedchen. Der Nebel hatte das ganze Geschwader in der Tasche, der Nebel war schuld. Mein Freund dachte an sein Haus in den Midlands, in der Seitengasse einer Kleinstadt, und an seine Schwestern, die er liebte mit mehr als brüderlicher Liebe. Schließlich kamen natürlich die Zerstörer; kein einziger Schuß wurde gefeuert, keine Wasserbombe geworfen. Und da war er auch schon, sein Freund, auch ein Offizier, von der Panzerwaffe, ein Draufgänger; größer und stärker als mein Kamerad aus der Handelsmarine. Sie gingen die Treppe hinauf, zur Bar.
Ich wartete noch immer. Auch der hübsche junge Mann wartete noch. Er sah mehrmals auf seine Taschenuhr und verglich die Zeit seiner Taschenuhr mit der Zeit der Biedermeieruhr an der Wand. Die Zeit ist ein relatives Ding, sagt Professor Einstein. Und Dunne. Und J. B. Priestley schreibt dann gute kleine Theaterstücke darüber. Das Unglück ist: ich weiß. Ich weiß fast alles. Falsch – ich weiß nichts von Physik und Biologie und Chemie. Ich bin ein wenig hinter der Zeit zurück. Jane aber auch.
Der hübsche junge Mann stand auf und ging auf und ab. So hatte er auf die Prüfungskommission gewartet; in seiner Heimat auf dem Kontinent, dort hatte man noch mündliche Prüfungen. Die Herren hatten ihn nach der Prüfung allein gelassen; draußen, in einem kleinen, halbleeren Zimmer sprachen sie dann über das Wetter und ließen die Kandidaten warten. In Zivilrecht war er ganz gut gewesen; was half das aber, wenn er in Strafrecht schwach war? Was half das alles, wenn man doch nicht wußte, ob die Faschisten dich überhaupt haben wollten, trotz guter Resultate und aller möglichen Verdienste? Dieser junge Mann war damals sogar hübscher gewesen, als er jetzt nach sechs Jahren Verbannung ist. Und er war damals kein solcher Zyniker, obzwar er noch hübscher war. Fräulein Eitelberg, Vorname Else, Fräulein Else Eitelberg, hatte damals zu ihm gesagt: Zuerst mach deine Prüfungen – dann werden wir sehen. Jetzt kam das Corpus Professorum zurück, und der jüngste von ihnen lächelte. Der junge Mann war durchgekommen, und Fräulein Eitelberg zuckte die Achseln und sagte: Zuerst such dir Arbeit – dann werden wir sehen. Er konnte keine Arbeit kriegen, und plötzlich machte er sich auf eine lange Reise. Er setzte sich, eine Sekunde lang, und stand wieder auf und ging in die Telephonzelle. Wahrscheinlich wünschte er sich zu vergewissern, ob sie schon von zu Hause fortgegangen war. lch wartete noch immer. Sollte ich versuchen, sie anzurufen? Sie mußte schon gegangen sein. Sinnlos. Ich fragte mich, ob ich das Wechselgeld fürs Telephon bei mir hatte. Ich werde meine Zeitung weiterlesen. Es war ja Krieg. Rundstedt hatte einen Durchbruch gemacht, die Nachrichten waren scheußlich. Die Dame mittleren Alters starrte in die leere Luft. Wien? Prag? Was für ein Krieg das nur war! Wir alle waren Abenteurer gegen unsern Willen, ohne jegliche Begabung für Abenteuer. Drake und Raleigh waren nicht Frauen von Geschäftsleuten mittleren Alters. Sie hatte endlose Tage auf ihr Visum gewartet, sie hatte wochenlang auf dem Konsulat herumgesessen, ihr Kind war schon in England, und in ein paar Tagen würde man die Grenzen sperren, ein Krieg würde ausbrechen – wer spricht wieder von Krieg? Sie bekam schließlich ihr Visum, und sie kam auch nicht zu spät, es gab sogar noch einen Zug, nachdem ihr Zug abgegangen war. Doch welche Angst! Wie ihr Herz klopfte, als der Beamte an der Grenze mit dem Paß in ein anderes Zimmer verschwunden war! Sie starrte in die leere Luft.
Ich wartete noch immer. Ich vermochte nicht zu lesen, die Buchstaben tanzten mir vor den Augen. Sie ist eine gute Tänzerin. Ich sollte mit ihr öfter tanzen gehn. Ich aber denke nur immer an den großen Tanz, der da heißt: »Der Tanz der Liebe und des Todes«, im Bett und unter der Erde.
Ich hatte gewartet: Nummer 2 am Geschütz, Weltkrieg Nummer 1. Der diensttuende Offizier ließ uns »Habt-Acht!« stehen, es war ein heißer Tag. Da standen wir; Nummer 2 durfte sich nicht niedersetzen, niemals. In der alten Armee herrschte Disziplin.
Ich hatte gewartet; ich hockte in dem seichten Graben und wartete auf Ablösung. Die Russen hielten gewöhnlich um diese Zeit gerade unsern Teil des Waldes unter Schrapnellfeuer. Ich ging auf und ab und wartete, daß das Schrapnellfeuer beginne. Die Dämmerung kam herab, auf die Schneisen und Wälder und Bäche und Wiesen von Wolhynien. Ich wartete auf die Ablösung; vielleicht war der Mann auf dem Weg zu mir verwundet oder getötet worden und ich müßte noch eine weitere Nacht in dieser Hölle warten.
Ich hatte an der Bar gewartet. Ich trank einen Schnaps nach dem andern. Ich war völlig betrunken. Ich wußte nicht, ob sie überhaupt kommen würde. Ihr Mann war eifersüchtig, ihr Mann war mein bester Freund. Ich hatte nur wenige Freunde in dieser fremden Stadt. Wenn sie nicht kam, dann hieß das, daß sie mich aufgegeben hatte. Ich trank noch einen Schnaps, der Kellner grinste. »Da kommt sie«, sagte der Kellner. Sie hatte an diesem Nachmittag einen großen runden Hut getragen. Sie wird ihre Scheidung schon durchsetzen, und dann werden wir zusammenleben in alle Ewigkeit, amen, und ich werde nie mehr warten müssen.
Ich hatte auf die Rückkehr meiner Manuskripte gewartet. Das waren die Tauben des Friedens, die Boten des Wohlwollens; das waren die Raketen, die ich in den Himmel gefeuert hatte: meine Werbung und mein Werk. Die Manuskripte lagen wochenlang auf den Schreibtischen der Lektoren in den Verlagen, und dann nahmen die Lektoren sie zu sich nach Hause und lehnten sie ab. Ich wartete jeden Morgen auf die Klingel, und im Nebenzimmer jammerte und klagte Maria, weil sie nicht rechtzeitig ihr Frühstück bekam. Dreimal öffnete ich die Türe und sah ins Treppenhaus hinaus; und beim viertenmal lag das Paket mit dem Manuskript quer über der Türmatte wie ein Hinrichtungsbefehl.
Ich hatte gewartet, als ich ein Kind war, daß etwas komme und meine Einsamkeit breche. Ich hatte keine Schwestern, ich hatte keine Brüder, ich hatte keinen Vater. Meine Mutter war mit ihren Freunden ausgegangen. Ich wartete auf die Klingel, sonst nichts. Irgendwas Aufregendes, irgendwas Menschliches würde läuten und unsre vier Zimmer mit Farbe und Duft füllen. Und endlich ging die Klingel. Der Milchmann hatte die Milchflaschen ein wenig abseits hingestellt; als ich die Türe öffnete, konnte ich sie nicht gleich sehn. Sie wurden früh genug sichtbar.
So hatte ich auf alle möglichen Dinge und Menschen und Entscheidungen gewartet – daß das Leben beginne und der Tod ende. Ich hatte auf diese junge Dame gewartet, auf Miß Jane Smith, Fräulein Johanna Schmidt. Im Dunkel und im Freien, im Sonnenschein und im Regen; und es tat mir gut, hier zu sitzen, in Helligkeit und Wärme. Ich hatte vor Swan & Edgar gestanden; und als sie kam – es war das erstemal – hatte ich fast vergessen, wie sie aussah. Sie trug einen schwarzen Turban und sie blickte mir ins Gesicht, als ob auch sie nicht wüßte, wer ich war. Ich war stolz auf sie, stolz, die andern weiterwarten zu lassen, auf andre, die nicht so hübsch, so anziehend, so berückend, so verführerisch waren. Ich hatte auf sie vor dem »Empire« gewartet. Ich wurde nervös, weil die Verdunkelung kam und ich im Zweifel war, ob ich sie mitten in dieser Nacht auch finden würde. Sie ließ mich damals dreiviertel Stunden warten. Als sie dann kam, war sie in großer Eile. Sie trug ihr grünes Kleid, und ihr Pelzmantel war nicht ganz zugeknöpft. Ich stürzte zur Kasse und nahm die Karten, der Film hatte bereits begonnen. Wir setzten uns, und sie sagte leise: »Sie sind ja sehr vorsichtig.« Ich erinnere mich an jedes Wort, das sie mir sagt, wenn die Worte aus ihrem Unbewußten aufsteigen, oder was immer sie dort haben mag, wo andre Menschen ihre Seelen und Herzen tragen. Sie kam nicht zu unsrer Mittagsverabredung im »Strand«, aber zwei andre Mädchen, die ich kannte, gingen vorbei und lachten mir ins Gesicht. Schließlich sah ich sie von weitem; ich sah ihr Gesicht, wie es im Strom der gleichgültigen Gesichter auf und ab tanzte, und ich wußte auf einmal, wie ich sie liebte, und wie ein Leben ohne sie, ohne dieses Warten auf sie einfach unmöglich sein würde. Und ich dachte zum erstenmal: »Eines Tages werde ich sie umbringen –« Ich wartete in verschiedenen Kneipen auf eine Antwort von ihr am Telephon; den ganzen Nachmittag hatte ich sie angerufen, es war sehr heiß auf der Straße, und das Bier in diesen Kneipen mochte ich nicht. Ich trank also Schnaps und dann versuchte ich, sie wieder anzurufen. Sie hatte schon vorher gesagt, sie würde wahrscheinlich gar nicht zu Hause sein; aber versuchen muß man, ob man eine Chance hat. Keine Antwort am Telephon, diesen ganzen Nachmittag. Ich war von einem kurzen Urlaub zurückgekommen, den ich mit meinen Freunden, den Cooks, an der Küste verbracht hatte, und ich rief sie von Waterloo an und ich wollte sie sofort sehen, aber sie sagte: »Aber nein, nein – nicht vor sieben oder sagen wir halb acht.« Ich ging also in den »Green Man«, und die Kneipe war voll von billigen Soldaten und billigen Huren, und ich trank eine ganze Menge und das machte mich glücklicher aussehen, und ich war ganz rot und sonnverbrannt und heiß im Gesicht, als ich zu ihr in die Wohnung kam. Ich erzählte ihr eine Geschichte, ich sei eine Klippe hinuntergefallen; es war nicht ganz wahr, doch wahr genug, nur etwas weniger romantisch. Vielleicht hatte ich wirklich eine Gehirnerschütterung, wie ich es erzählte, mein Kopf drehte sich auf ganz seltsame Weise.
Ich wartete drinnen und draußen vor »Strickland House«, das ist das Büro, wo sie arbeitet. Ich wartete auf dem Korridor und in der Telephonzelle im Korridor, so daß ich sie sehen konnte, wenn sie aus dem Restaurant oder aus der Bar zurückkam. Ich sah nur ihren Rücken und ihr berühmtes Hinterteil, und wieder bemerkte ich, rein durch Zufall, was für schöne Beine sie hat; ich sah auf ihre Beine, als gehörten sie zu einem andern Mädchen. Ich dachte, ich sei jetzt nahezu fünfzig, und daß sie überhaupt für mich viel zu hübsch sei.
Aber diesmal wollte ich nicht länger warten. Ich wollte gar nicht daran denken. Es war unsinnig, sie zu Hause anzurufen; die alte Dame, die mit ihr wohnte, würde sicherlich nicht wissen, wo sie war. Außerdem waren beide Telephonzellen besetzt. Amerikanische Unteroffiziere sprachen mit ihren Mädchen, um festzustellen, ob sie sich bei diesem Nebel hinauswagten. Ich begann die Zeitung zu lesen. Ich hielt das Blatt vors Gesicht und drehte mich um, um besser zu sehen.
Wasser
Und ich wartete. Ich wartete weiter.
Ich konnte an der Bewegung des Vorhangs vor der Drehtür sehen, wenn jemand hereinkommen würde. Der rote Stoff wurde hin und her bewegt, hereingeblasen und fiel dann wieder traurig zurück, nachdem die Person in die Vorhalle getreten war. Wenn die Türe einen starken Stoß erhalten hatte, drehte sie sich noch weiter, doch es waren nur Nebel und Geister, die hereinschwebten und vorüberwehten – niemand trat hervor. Ich spielte raten, wie der nächste aussehen würde, der hereinkam; ob ein Zivilist oder ein Soldat, und von welcher Armee, ob ein Engländer oder ein Amerikaner. Einige waren vom Licht geblendet, und alle hatten Kleider und Gesichter und Hände voll mit Nebel. Doch vorwärts, mein kleiner Verstand, lies Zeitung!
Die Buchstaben begannen ihren Tanz in den Unsinn. Die Zeilen explodierten und zeigten die jenseitige Bedeutung, das Innere von Zeit und Raum. Ich versuchte, mit den Augen etwas festzuhalten, doch mein Bewußtsein lief davon. Die Zeiger der Uhr liefen davon. Ich wartete noch immer.
Plötzlich platzten sieben oder acht Soldaten in den Raum. Es waren Amerikaner, mit auffallenden Rangabzeichen auf den Schultern, ihre Backen rot von Suff und Nässe. Sie stellten sich mitten in der Halle in einer Reihe auf und hielten sich an den Händen, als wollten sie ein Ballett beginnen. Ihre Füße schrieben Kreise auf den Teppich und ihre Münder standen offen wie die Mäuler von Fischen. Aber sie waren nicht stumm, diese Fische.
Sie tanzten, ohne ihre Leiber zu bewegen. Sie sprachen, der eine übernahm das Stichwort vom andern, wiederholte es und schwellte so den fürchterlichen Chor. Alle waren sie von tödlicher Munterkeit: aus ihren Rüsseln kam das Geräusch von Maschinen. Während sie sich rührten, verloren sie ihre Hosen: es tauchten Röckchen auf, als wären sie alle Mitglieder der griechischen Gebirgstruppe.
»Die Deutschen fanden die schwache Stelle. Nationale Überlegungen wurden über Bord geworfen. Man läßt den Feind nach seiner Flöte tanzen. Das Schlachtfeld war unordentlich. Es war eine der interessantesten Schlachten. Verletzbare Stellen. Bieg ihn ab, schreib ihn ab. Ich könnt ihn schön verdreschen. Je länger der Krieg dauert, desto ärger ist es für die Deutschen. Der Feind hat uns erwischt. Am Neujahrstag. Am Weihnachtstag.«
Ich war aufgesprungen. »Was schwätzt ihr denn da für Zeug zusammen?« schrie ich, so laut ich konnte. Ich scherte mich einen Dreck um die feine Umgebung. Scherten sich denn die? »Aber Junge, Junge!« brüllte ein Feldwebel. »Reg dich doch nicht auf. Da ist die Deinige, auf die du so lang gewartet hast.«
Die Soldaten entließen aus ihrer Mitte eine alte Frau, mit schäbigen Kleidern und rührendem Gehaben. Ich schaute wieder in die Zeitung hinein. Die Nebelschleier hatten sich zwischen das Blatt und meine Augen geschoben.
Die Frau hatte ein ganzes Leben lang auf Arbeit gewartet. Am vorigen Donnerstag schickte man ihr einen Zettel, auf dem stand, sie solle hinüberkommen und sich für eine herrliche Abwechslung bereit machen. Sie nahm ein Bad und ging die Straße hinunter, wo an der Ecke ein Lastwagen auf sie wartete. Ungefähr um zehn Uhr traf sie in der Kantine an der See ein. Man drängte sie in eine halbverfallene Bude und sagte ihr, sie würde eine der Empfangsdamen für die heimkehrenden Soldaten sein. Sie mußte ein paar Teller abwischen und Papierblumen auf die langen Holztische stellen. Die Sirenen gaben Fliegeralarm, doch statt der Bomber kamen Schiffe mit Truppen auf Urlaub.
Die Urlauber waren außerordentlich schmutzig und schlecht gelaunt. Sie sagten, sie seien fast erfroren. Einige Mädchen in Uniform trafen ein und warteten den Soldaten mit heißem Tee und mürbem Gebäck auf. Die Stimmung wurde gemütlicher. Die Frau bemächtigte sich eines jungen Mannes mit Korporalsstreifen, der sie irgendwie an ihren Sohn erinnerte. Man taute allgemein auf, ein paar summten und einer sang ein Seemannslied; er kam aus dem schottischen Hochland. Die Frau servierte ungefähr siebenhundert Tassen Tee, dann wurde sie ohnmächtig, ein glückseliges Lächeln auf dem Gesicht. Die Soldaten sangen immer lauter und lauter, eine neue Lokomotive wurde ihnen auf warmer Schüssel zur Verfügung gestellt. Der ganze Haufen bestieg den Zug, die Bäuche leicht geschwellt, der Tee floß ihnen aus den Nasenlöchern. Die Frau ging zu Fuß nach Hause.
Sie fand ihren Mann in der Küche, da saß er und die Tränen strömten ihm übers Gesicht. »Du mußt nicht erschrecken, es ist alles nur Freude, reine Freude! Was für ein Glück, Glück des Glasers!« »Aber du bist doch gar kein Glaser«, sagte die Frau. »Ich war’s. Von morgen an werden wir aber beide für den Bischof arbeiten!« »Was für ein Bischof?« fragte die Frau. »Für den Bischof, der aus Indien kam. Den Bischof von St. Albans«, sagte ihr Gatte.
Einen Tag später waren sie im bischöflichen Palais untergebracht. Sie fanden ihre Livree, die war von Motten zerfressen; und sie paßte ihnen auch nicht in der Länge. Die Küche war voll Küchenschaben, die um den Herd wimmelten. Die Zimmer waren eiskalt. Das Palais war so groß, daß sich die Frau am ersten Morgen verirrte und zu der Feierlichkeit im Dom um zehn Minuten zu spät kam. Doch sie bewahrten Haltung, wenn sie jemanden am Haustor zu empfangen hatten. Gäste trafen in Rudeln ein; darunter waren auch Inder, die den kalten Bischof gekannt hatten, als er noch jung und warm war. Die Frau versuchte Feuer zu machen; da mußte noch für die Gasterei eine ganze Sau gehäutet und gebraten werden.
Ich mußte noch immer warten. Immer warten.
Doch als die Festlichkeiten vorüber waren und sich des Bischofs die weibliche Feuerwehr des Ortes annahm, hatte sich die Frau um eine andre Beschäftigung umzusehen. Sie wurde mit ihrem Mann in einem Sonderautobus der anglikanischen Kirche heimgebracht, und da der Autobus leer war und sie bis in die Knochen fror, kuschelten sich Frau und Mann aneinander und begannen, das alte Spiel wieder zu spielen.
»Es ist unser Hochzeitstag«, sagte der Mann. »Feiern wir ihn zu Hause.« »Für die Feier gibts kein Feuer, und der elektrische Strom ist abgestellt.« »Dann gehen wir eben ins Bett. Ich trage dich«, sagte der liebende Gatte. Er schulterte die Gattin und trug sie über die Schwelle, eine alte und ehrwürdige Sitte.
Ach, sie hatten leider den treuen Liebhaber vergessen, aus Burma eben heimgekommen. Er hatte auf die Frau im dunkeln Vorzimmer gewartet, und als er das schreckliche Schauspiel sah, wie eine Frau von ihrem gesetzmäßigen Mann getragen wurde, sozusagen in den Armen des Gesetzes, da gedachte er der Gesänge der Ahnen und griff zum Revolver und schoß der Frau eine Kugel ins Hirn.
Die Kugel blieb drin stecken. Die Frau war schwer verletzt. Sie verlor das Bewußtsein nicht. In einem Brief voll Liebe und Verzeihen schrieb sie an den Soldaten, der eben heim aus Burma gekommen war: »Ich hoffe und bete einzig und allein, daß Du mich so liebst, wie ich Dich liebe, denn wenn Du das tust, dann können wir von neuem beginnen, Liebling, von nun an sollen es nur Du und ich und mein Mann sein.«
Als die Frau aus der Spitalbehandlung entlassen wurde, erwarteten sie draußen beide Männer. Der Gatte sagte: »Kopf hoch – eine gute Nachricht!« Die Gattin erwiderte, und sie war noch immer böse auf ihn: »Wieder ein Bischof, nehme ich an?« »O nein«, sagte der Mann. »Falsch geraten. Ich habe geerbt, von der guten alten Gripsy. Sie ist gestorben, während du weg warst. Einen blauen Lappen pro Woche, wenn ich die Sorge für ihre Schoßtierchen übernehme.« »Und was sind ihre Schoßtierchen, wenn ich bitten darf?« »Zwei Kanarienvögel, sieben Goldfische, drei Katzen«, sagte der Mann, und da war auch schon die Hälfte der Freude dahin, die er vorher empfunden hatte.
»Gehn wir uns unterhalten«, sagte der Liebhaber-Soldat und nahm den Arm der Frau. »Wir wollen uns alle vertragen. Ich habe Karten, die kosten mich nichts. Ich hab sie mir hintenherum verschafft.«
So gingen sie sich unterhalten. Sie gingen zu einem Fußballmatch auf dem Spielplatz des Fußballklubs Aldershot, wo zwei taubstumme Mannschaften gegeneinander spielten. Da keiner der Spieler die Pfeife des Schiedsrichters hören konnte, bediente man sich roter und grüner Fahnen: rot für »off-side« und grün für »out«. Am Schluß hätte die siegreiche Mannschaft gerne vor Freude geschrien, aber so standen sie nur herum mit offenem Munde.
»Wo sind meine Soldaten hin? Und warum ist meine Dame noch nicht gekommen?« donnerte es von der Wanduhr. Ich wartete noch immer.
Die Frau wurde wieder verletzt, als sich alles um die Ausgänge drängte und plötzlich einer von den Taubstummen schrie: »Da kommts!« Es war jedenfalls keine Flugbombe, sondern der Auspuff eines Autos, das vom Benzin besoffen war. Der Taubstumme war erschüttert über das Wunder, das ihn mehr überrascht hatte als die andern.
Die Frau wurde in ein andres Krankenhaus gebracht. Das Essen war dort besser als im ersten Krankenhaus, und sie befreundete sich mit mehreren Frauen in den Nachbarbetten.
»Und wissen Sie auch …«, fragte die Dame im Nachbarbett – sie trug einen seidenen Schlafanzug, »wissen Sie – Ihr Mann liegt auch in diesem Krankenhaus!?« »Welcher Mann?« fragte die Frau. »Sie können aber doch nicht zwei Männer haben!« sagte die Seidige.
Man brachte also die Frau vors Bezirksgericht und beschuldigte sie der Bigamie. Sie schluchzte und lächelte unter Tränen und sagte: »Mein Gatte pflegte mich Venus zu nennen, doch das ist lange her –« Und ihr Lächeln erwärmte das Herz tief unten im Busen des alten Richters, und der ganze Gerichtshof lächelte mit ihr, und durch die Tore traten weißgliedrige Götter in den Gerichtssaal und verdrängten die Richter und setzten sich selbst auf die Richterbank und verurteilten die Frau zu ewiger Frische und glatter Abwicklung. Lächelnd verließ sie den Saal. Die Götter lüfteten ihre Glieder in Mächtigkeit.
Ich erhob mich. Ich hatte genug. Ich bahnte mir einen Weg zur Telephonzelle. Wir hatten den Anfang des Theaters schon versäumt. Es war ein Stück von Somerset Maugham, »Der Kreis«; geschrieben vor der Sintflut und dem Paradies. Kein Zweifel – die Frau hatte das Paradies auf die Erde gebracht.
Stalin und Hitler hatten es beide aufgegeben. Sie hielten eine große Teegesellschaft, bei der sie sich gegenseitig wie Menschen behandelten. Alle waren glücklich, und sogar die Soldaten an der Front hatten Essen und Frauen. Vom ersten Januar an wurden überall die Paragraphen des Zivilgesetzbuches, die Artikel der Verfassung, die Strafgesetze und alle zehn Gebote Gottes streng eingehalten. Die Kerker leerten sich, die Gerichte hatten nichts zu tun. Gatte und Gattin lebten zufrieden zusammen: es gab keinen Streit mehr, weder am Frühstückstisch noch vor dem Schlafengehen. Die Kinder ließen ihre Unarten sein; kein Halbwüchsiges machte sich in die Hosen, kein Baby schrie. Konflikte wurden nach Verhandlungen beigelegt, der Weltsicherheitsrat arbeitete emsig. Scheidungsprozesse waren unbekannt. Mißverständnisse und Streitigkeiten zwischen Liebenden endeten, bevor sie begonnen hatten, dort, wo sie anfingen: im Bett. Keine wahre Tragödie entging ihrem guten Ausgang. Die Filme mußten alle umgeschrieben werden, da das Publikum Abwechslung liebte, und alle Stücke in Tränen, Selbstmord und plötzlichem Tod enden mußten, die im wirklichen Leben aus der Mode gekommen waren.
Die Menschheit besann sich darauf, gegen Krankheiten Heilmittel zu finden; und so gab es bald keinen Krebs und keine Schwindsucht mehr. Keine Profite wurden gemacht, keine Kriege geführt. »Das Mädchen mit dem leichten Schweißgeruch« hatte schon zeitig in ihrer Mädchenzeit die Seife »Wunderduft« entdeckt und sah sich nie wieder schwierigen Situationen gegenüber, da ihr Liebhaber sie plötzlich im Stich lassen würde, weil er den Gestank einfach nicht mehr aushielt. Menschen, die aus dem Mund rochen, wurden nicht mehr zugelassen, jedermann erhielt zu seinem sechsten Geburtstag eine Tube der ausgezeichneten Zahnpasta. Das Nährmittel Horlick war Herr geworden aller Nachteile nächtlichen Hungerns. Alle Gesichter strahlten, denn Mann und Weib waren frei von Verstopfung. Patentarzneien hielten die Welt in Bann.
Kein Zahnweh und keine Eifersucht. Kein Jucken nach dem Rasieren und kein Sodbrennen nach schweren Mahlzeiten. Keine gebrochenen Hälse und keine gebrochenen Herzen.
»Aufhören –«, rief ich. »Halt ein im Flug. Ich will mein Herz brechen, laß es brechen.« Ich wartete noch immer. Ich faltete die Zeitung zusammen und stand auf. Meine Füße waren ganz gefühllos, weil ich sie so lange unbeweglich gehalten hatte.
Ich begann mit der Belagerung der Telephonzellen. Auch hier waren gutgelaunte und harmlose Geschöpfe bis zum Hals versunken in gegenseitiges Verständnis und freundliches Gespräch. In der einen Kammer sprach ein Marineoffizier zu einem Mitglied der eleganten Welt; in der andern flirteten zwei Sergeanten mit Mädchen aus den niederen Klassen. Die Mädchen am andern Ende des Drahtes versuchten, die Herren Unteroffiziere zu necken, doch der eine Sergeant war beharrlich und redete ihnen andauernd zu irgend etwas zu, wahrscheinlich, sofort hierher zu kommen. Es war ein endloses Telephongespräch. Zwei Mädchen von der WAF stellten sich neben mich und ich machte ein paar Bemerkungen, wie lange die zwei schon das Telephon besetzt hielten. Es waren nicht eben gescheite Bemerkungen, aber die Mädchen lachten. Ich bekam dadurch etwas von meiner Selbstachtung zurück und fühlte mich durch ihr Lachen geschmeichelt.
Telephongebühr war drei Pennies statt der üblichen zwei, aber das war ja ein besonderes Lokal, mit seinen großen N’s überall, Napoleons Haus. Ich kenne die Nummer im Schlaf und ich drehte die Scheibe, ohne hinzusehen.
Es antwortete die Stimme der alten Dame mit dem sonderbaren Beruf, die jede Woche zweimal nach London kommt und dann bei Jane wohnt. Jane hatte nichts dagegen, sie liebte das, sie lebte anscheinend lieber mit einer Frau als mit einem Mann, wenn es auch nur zwei Tage in der Woche war. Mit mir will sie jedenfalls nicht leben. Oder doch?
Die Dame: »Nein. Miß Smith ist nicht zu Hause.«
Ich: »Wissen Sie zufällig, wann sie weggegangen ist?«
Die Dame: »Warten Sie einen Augenblick – es war vielleicht sechs Uhr.«
Ich: »Sechs Uhr? Aber –« Ich dachte daran, daß sie mich doch um halb sechs treffen wollte.
Die Dame: »Möglicherweise war’s dreiviertel sechs.«
»Danke sehr«, sagte ich.
»Soll ich ihr etwas bestellen? Ich könnte ihr etwas auf einen Zettel schreiben. Ich fahr dann weg …«
Sie fuhr weg. Ich schnitt ihr den Redestrom ab.
»Nein. Danke. Nichts zu bestellen.« Ich legte den Hörer wieder auf. Andre warteten draußen, lustige Burschen, traun. Aber ich hatte ja meine Zeitung noch nicht fertig gelesen.
Feuer
Meine Phantasie gewann wieder einmal die Oberhand. Ich sah Jane, im Nebel verirrt; von unfreundlichen Negersoldaten belästigt, einen dicken Mantel hurtig über den Kopf geschlagen und fort mit ihr – geraubt. Ich sah ihren zermalmten Körper unter den Rädern eines Autobusses oder fortgespült in den Wassern der Themse, wo er zu einem elenden Ende unter den scharfen Schneiden einer schwarzen Schiffsschraube kam.
Der Arbeiter stellte sich vor mich und sagte mit hohler Stimme:
»Sie haben noch nicht zu hassen gelernt.« »Nein«, sagte ich. »Warum sollte ich auch?« Worauf der Mann seine eigenen Erlebnisse zu erzählen begann.
Er war augenscheinlich vor kurzer Zeit ganz zufällig in
eine Versammlung geraten. Dort wurde er sofort von einer Menge junger Frauen umringt, die alle eifrig der Rede einer offenbar erwachsenen Frauensperson auf der Rednerbühne lauschten.
Diese Frau, sagte der Arbeiter, sei gut angezogen gewesen und alles in allem recht angenehm anzuschauen. Sie erzählte ihre Lebensgeschichte; wie sie das erstemal geheiratet hatte, einen Fliegeroffizier, der im Jahr 1943 von den Deutschen über Frankreich abgeschossen wurde; baldigst heiratete sie dann einen Major, der für eine Kandidatur als Abgeordneter der Arbeiterpartei in Aussicht genommen war und bei Arnheim von den Boches getötet wurde. Die Frau sprach eindringlich, doch ohne besondere Erregung, und sie bestand darauf, daß ohne Haß der Krieg unmöglich zu einem entscheidenden siegreichen Ende gebracht werden könne; auch würde es ganz und gar unmöglich sein, die neue Welt, für die man kämpfte, aufzubauen – ohne Haß. Sie sagte, sie sei bereit, »Schulen des Hasses« für junge Damen zu eröffnen. Ob sie sich mit dem Gedanken trug, auch ihren nächsten Gatten aus den Wehrkräften Großbritanniens zu wählen, ward nicht erschlossen.
Der Arbeiter, der genau so verwirrt dreinsah wie die jungen Frauen, verließ den Versammlungssaal. Er fühlte sich außen durstig und innen traurig, denn er hatte soeben entdeckt, daß er die einzige königliche Krawattennadel verloren hatte, die er je sein eigen genannt. Sie war ihm von dem verstorbenen Herzog von Kent verliehen worden für tapferes Verhalten vor Wilddieben, die in königlichen Besitz einzudringen versucht hatten. Der Mann hatte also jetzt sein einziges Unterpfand königlicher Huld und Dankbarkeit verloren, zwischen Buckingham Palace und Victoria. Und der Name des Mannes war Sweeney, ein klassischer Name.
Da Sweeney seine Krawattennadel zurückhaben wollte, begab er sich auf eine Polizeistation. Er fand dort eine Menge Konstabler um einen Ofen geschart; ein Polizeioffizier mit einem schönen Bart verbreitete sich über den Krieg. Der Offizier erklärte, persönliche menschliche Tragödien seien unvermeidlich im Krieg, während doch der Arbeiter bisher immer geglaubt hatte, der Krieg selbst sei eine menschliche Tragödie. Ein anderer Polizist, der gemütlich beim Feuer saß, behauptete, der Krieg werde geführt, um uns die Chance zu geben, eine bessere Welt aufzubauen. »Schon gut«, sagte Sweeney, »doch wie steht’s mit meiner königlichen Krawattennadel?« Alle kehrten sich ihm zu; einige runzelten die Stirne, andere zuckten die Achseln. Niemand schien besonders interessiert zu sein an dieser oder irgendeiner anderen Krawattennadel. Der schöne Bart warf so nebenbei hin, Krieg mache uns müde und habe uns unmanierlich gemacht. Der Arbeiter schrie seine Zustimmung heraus; alle grinsten wie Schafe, doch der Fall der königlichen Krawattennadel wurde nicht aufgenommen.
Auf dem Heimweg dachte Sweeney über den Vorschlag, zu hassen, nach und legte sich die Frage vor, warum er nicht die ganze Welt hassen sollte. Seine Frau hatte ihn bestimmt enttäuscht durch ihr Nichterscheinen bei dem Rendezvous, und seine Kinder hatten sich wahrscheinlich im Nebel verirrt. Der Arbeiter fühlte sich ganz krank und bat in das nächste Krankenhaus gebracht zu werden. Eine Frau mit Pelzmantel sagte mit rauher Stimme: »Aber Sie sind ja nicht verwundet: Wie können Sie es nur wagen?!« Der Arbeiter Sweeney öffnete einfach Mantel und Brust und zeigte ihr sein Herz, das entzweigerissen war.
Er wurde in eine Abteilung des Hospitals geschafft, die voll war mit deutschen Kriegsgefangenen. Es waren junge Burschen, die unter Netzen gehalten wurden; sie sahen alle ungeheuer läppisch und ungeheuer elend aus. In seinem Bericht verglich sie der Arbeiter mit Insekten, mit Larven zum Beispiel oder mit Fliegen und Motten. Der Arbeiter schob ihnen ein paar von seinen Zigaretten hinein, und ein Bursche dankte ihm auf englisch. Ein anderer Bursche war an einem mächtigen, ganz einfachen Apparat aufgehängt, der wie ein Kreuz aussah. Der Bursche hing dort still und regungslos. Sweeney schüttelte zwei anderen Burschen die Hände, drehte sich einem der Ärzte zu und sagte voll Stolz: »Ich hoffe, meine Handlung läßt in Deutschland ein Licht aufgehen.«
Doch der Arzt, der ein Jude war, bemerkte voll Trauer: »Und damit die Juden zu brennen.«
Der Arbeiter wurde seiner Krankheit entsprechend behandelt; man gab ihm eine Medizin, die er mit größtem Widerwillen schluckte. Der Krankenwärter, der ihn zum Haupteingang zurückbrachte, war ein Musterexemplar britischen Mannestums, breitschultrig und fast unschuldig. Er bot dem Arbeiter einen Waggon Konserven an, und Sweeney fragte, wie er, der Krankenwärter, in ihren Besitz gekommen sei. »Wir waren in Neapel«, sagte das breitschultrige Baby und lachte herzlich. »Wir haben mit der Ortsbevölkerung gute Geschäfte gemacht. Sie überfielen die Lastwagen. Wir nahmen uns, was darauf war. Wir haben in sechs Wochen zweiundzwanzig Italiener umgebracht.«
Da erglühte der Arbeiter vor Seligkeit, weil er so weit fort war von den Mißlichkeiten der Front. In der Ferne erblickte er im Dunkel Piccadillys das Abbild eines reizenden Mädchens in Pelz, mit einem rostroten Armband am Handgelenk ihrer Rechten. Der Arbeiter sagte sich, es wäre schon der Mühe wert, jemanden umzubringen, um dieses Mädchens willen. Als er dann bei Glasshouse Street um die Ecke bog, wurde er überfallen. Drei andre Mädchen entstiegen dem Nebel. Eine hielt ihn mit dem üblichen Angebot auf, die zwei andern packten ihn an den Armen. Ein Mädchen schlug ihm ins Gesicht und erwischte seine Brieftasche. Die Mädchen waren gut gekleidet und dufteten nach Parfum. Das Erlebnis machte ihm nichts aus, aber die Medizin, die man ihm im Krankenhaus gegeben hatte, begann jetzt Folgen zu haben.
»Warum auch nicht?« fragte sich Sweeney, der Tägliche Arbeiter, während er weiterwandelte, aber ohne Brieftasche. »Warum nicht einen Mord begehen? Das tut doch jeder.«
Der Schlüssel fiel ihm ein, den ihm die Dame in der Nachbarstraße gegeben hatte. Er hatte sie bei einer Gesellschaft am Silvesterabend getroffen, da schon alle stockbesoffen waren, und er erinnerte sich jetzt, daß ihm die Dame gesagt habe, sie führe ein Doppelleben, in Bayswater und in Mayfair. Das paßte ihm ausgezeichnet; und er suchte mit der Taschenlampe die Namenstafeln an den Haustoren ab.
Er öffnete beide Türen und betrat die luxuriöse Wohnung. Die Dame vom Silvesterabend lag auf einem Diwan, völlig bekleidet, im Halbschlaf. Er stürzte sich auf sie, doch sie wachte nicht auf. Arbeiter Sweeney dachte, er müsse sie an ihrer Doppelpersönlichkeit packen; er umarmte sie also mit größter Leidenschaft. Plötzlich entdeckte er, daß er sie bereits getötet hatte – erstickt in seinen Umarmungen. Er leuchtete ihr mit der Taschenlampe ins Gesicht und bewunderte ihren makellosen Teint. An ihrem Hals waren keine Würgspuren zu sehen, doch leichte Abschürfungen hinten an ihren wohlgestalteten Beinen.
Der Arbeitsmann der Ewigkeit saß auf der Anklagebank, bevor er noch ein Vaterunser beten konnte. Er erklärte, nicht schuldig zu sein, und stellte einen abträglichen Vergleich her zwischen seinem eignen Schicksal und dem eines Hundes. »Während Menschen«, sagte er zu den Geschworenen mit weinerlicher Stimme, »die einen Hund im Haus haben, ihm eine Menge zu essen geben und ein hübsches Lager, um drauf zu schlafen, und ihm ein Bad geben – hätte ich eigentlich ›Pechvogel‹ heißen sollen und nicht Smith –«
Aber wo war die Dame Smith, auf die ich wartete, Miß Jane Smith? War auch sie erdrosselt? Auch sie hatte einen tadellosen Teint und führte ein Doppelleben!
Sweeney sagte: »Ich weiß nur, daß einige Hunde um einiges besser leben, als einige Menschen heute leben –«
Die Geschworenen begannen zu zittern und zu weinen, und der Vorsitzende unterdrückte einen Seufzer. Ein andrer Mordfall wurde aufgerufen, und der schien viel interessanter zu sein als der Fall der ermordeten Dame mit tadellosem Teint. Vor vierundzwanzig Jahren war eine Frau zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden wegen Mordes an einem wohlhabenden Bergwerksbeamten, dessen Leiche in einer versiegelten Gruft unter einer Kirche gefunden worden war. Die Freundin dieser Frau glaubte an ihre Unschuld; diese Frauenfreundin kämpfte jahrelang um die Freiheit der Frau – frei wollte sie sie haben. Nach achtzehn Jahren wurde Mrs. Judson, die angebliche Mörderin, unter Polizeiaufsicht entlassen. Doch jetzt hatte man die entkleidete Leiche der Freundin im Garten von Mrs. Judson ausgegraben, und Mrs. Judson war des Mordes an der Freundin angeklagt.
»Sehr interessant«, sagte der Mörder-Arbeiter und verließ den Gerichtssaal. Er war froh, nicht gehängt zu werden, war aber verwundert und fühlte sich ein wenig vernachlässigt. Es war ein herrlicher Sonnenaufgang über Fleet Street und der Mann wollte ein Frühstück. Er betrat eine Milchtrinkhalle, aufrecht und stolz, denn er hatte ja das Geld bei sich, das er in der Wohnung der Dame mit dem Doppelleben gefunden hatte. Neben ihm saß auf einem der hohen Barstühle eine junge Mutter, die ihr Knäblein mit Kaffee und mürbem Gebäck fütterte. »Ein Kind ist besser zu Hause zu nähren«, sagte Sweeney. »Haben Sie noch nicht gehört, wie herrlich es in der Natur eingerichtet ist, die jede Mutter mit ausreichenden Nährmitteln versorgt?« Und er zwickte die Mutter in die Brust. »Was unterstehn Sie sich?!« schrie die Mutter, und das Kind brüllte. Es war ein abstoßend häßliches Kind und hielt ein abstoßend häßliches Spielzeug auf dem Schoß. Der Arbeiter wollte die Mutter wieder versöhnen und begann das Kinderspielzeug zu bewundern. Das war ein Reiter, hoch zu Roß, aus Holz mit ein paar farbigen Flecken Stoff um Haupt und Brust, um ihn kriegerischer aussehen zu machen. »Was für ein prachtvoller Soldat!« sagte Sweeney und riß dem Kind den Holzreiter weg. Das Kind brach in wildes Geheul aus, und der Arbeiter rannte davon, ohne Frühstück gegessen zu haben. Er dachte, das Kind sollte ihm lieber dankbar sein. Übrigens könnte er ja den Spielzeugraub von Dreijährigen planmäßig betreiben und das Spielzeug an bedürftige Spielzeughändler weiterverkaufen; danach war große Nachfrage, heutzutage, im sechsten Kriegsjahr.
Ein uralter Mann tippte ihn auf die Schulter, als er gerade den Strand kreuzte. Der alte Kerl sagte mit seiner leisesten Stimme: »Marschall für Hof gesucht. Gutes Quartier, gute Bezahlung und Urlaub.«
»Fein!« sagte der Arbeiter und lächelte. »Ich komm mit Ihnen.«
Der Marschall wurde auf einen großen, leeren Hof geführt. Dort wurde er allein gelassen und ihm die Erlaubnis erteilt, unbehindert alle Gebäude und Räume zu durchstreifen. Er sammelte ein Heer im Stall und marschierte mit ihm ins Schlafzimmer des Schloßherrn. Im Schlafzimmer standen keine Betten; es gab also keine Möglichkeit, strategische Stützpunkte zu besetzen. Die Armee rückte in das Badezimmer ab und der Arbeiter befahl seinen Traumsoldaten, ihre Stiefel und Uniformen abzulegen und ins Wasser zu springen. »Sachschaden: Null. Verluste: Null«, sagte der Arbeiter. »Ein schöner Krieg. Besser ein Marschall an einem Hof als bei einem Heer.«
Dann öffnete er die Türe zur Tenne, wo er mehrere hochgestellte Zivilisten vorfand. In den vier Ecken des Raumes saßen junge Burschen an Schreibmaschinen. Die gesetzteren Mitglieder der Gesellschaft flüsterten ihm zu: »Psst – wir sind gerade dabei, die Entscheidung zu treffen.« »Entscheidung – worüber?« fragte Sweeney, der Arbeitsmann, und richtete sich auf den Hinterpfoten auf. »Marschall bin hier ich – Entscheidung, wer daran Schuld trägt.«
»Ich – ich kann Ihnen das sagen!« schrie ich. »Ich – Johnny Truck auch Hans Flesch genannt. Ich kann Ihnen sagen, wer daran schuld ist und mich hier so lange warten läßt.« Meine Wangen waren purpurrot, meine Stirne glühte, und ich schwenkte die Zeitung vor Sweeneys Gesicht. Ich war sehr aufgeregt. »Schau auf die Uhr! Fast eine Stunde zu spät! Nachrichten in Schlagzeilen! Daß ich nicht lach’! Sie sind verantwortlich!«
»Wer sind sie?« fragte der Mann, und an seiner Seite stand die Frau. Sie wenigstens war nicht zu spät gekommen.
»Sie sind wir. Wir selbst. Wir sind verantwortlich.«
»Nicht ganz«, sagte der Portier des Lokals. »Wollen der Herr vielleicht mit mir kommen, bitte?! Der Mann in der Herrentoilette hat Ihnen etwas zu bestellen.«
»Oh«, sagte ich. »Ich habe ganz vergessen.«
Ich ging in die Herrentoilette. Ich hatte die Vorstellung, daß Jane nicht komme, weil meine Schuhe so schmutzig waren.
Hinrichtung
Ich habe vorher gesagt, daß der Diener in der Herrentoilette ein Neger war, doch seine Haut war nicht ausgesprochen schwarz. Die Farbe war eher gelblich, an den Wangen dunkler und um Augen und Mund lichter. Er beugte sich mit großer Würde nieder und begann, meine Schuhe zu bearbeiten. Er war nicht gesprächig, und ich fühlte mich vereinsamt. Ich sagte etwas über den schrecklichen Nebel, doch der Mann bürstete drauflos, in unbeirrbarer Berufsmäßigkeit. Plötzlich bemerkte ich, daß auf dem Oberleder meiner Schuhe weiße Flecken und Punkte erschienen. Buchstaben formten sich, und bald konnte ich zwischen Schuhspitzen und Absätzen in winzigstem Druck Schlagworte wahrnehmen. Ich las: »GATTE LIEGT OST, GATTIN LIEGT WEST«; und: »EIN ALTER KLASSIKER«; und: »MR. BROWN, FAKTOTUM DES LEDIGEN BISCHOFS«; und: »HOAMG’FUNDA!« – eine Inschrift, die mir besonders widerlich erschien, ich mußte mich vor Scham und Schmerz nahezu erbrechen. Wir waren völlig allein in der Herrentoilette, ich fragte also den Mann sofort, was das zu bedeuten habe; ob er sich nicht darauf verstehe, richtig Schuhe zu putzen oder ob das ein Reklametrick sein sollte für dies oder jenes. Er gab keine Antwort und arbeitete weiter.
Ich zwang mich, nicht hinunterzusehen, und blickte mich um. Ich lauschte auf die langsam fließenden Bäche, die die Marmorplatten hinabströmten, eine Zeitlang in regelmäßiger Spärlichkeit, dann auf einmal in stärkerem Strom, wie ein Wasserfall brausend und zischend, als müsse das Wasser in einem einzigen Schwung den aufgespeicherten Schmutz der Jahrhunderte wegspülen. Ein zweiter Kunde trat ein; und hinter einem Vorhang trat ein zweiter Schuhputzer in Erscheinung, ein Mann von weißer Hautfarbe, der teuflisch grinste und sich an das zweite Paar Schuhe machte.
Ich warf einen verstohlenen Blick hinüber und bemerkte dort dieselbe Erscheinung. Dort konnte ich lesen: »FRONT VORSPRUNG WIRD ABGESCHRIEBEN« und: »FRAU DES DOPPELMORDES ANGEKLAGT« und: »ICH SAH JUNGE BURSCHEN IN EINEM NETZ« und: »TAUBSTUMME FUSSBALLMANNSCHAFTEN«. Ich fühlte mich erblassen, mit einem Schwarzen konnte ich es in der Hautfarbe bestimmt nicht aufnehmen. Ich mußte weiß sein wie Elfenbein, fast so weiß wie die Marmorfliesen des Pissoirs. Der Schwarze war mit der Arbeit fertig. Ich deutete auf meine Schuhe, die ihre Schlagworte deutlicher zeigten denn je. »Was soll das heißen?« fragte ich recht verärgert. »Schluß mit diesen Dummheiten! Für Eure billige Reklame zahle ich nichts.«
Der Neger kümmerte sich nicht um meine Worte. Er bürstete jetzt meinen Überrock ab, mit graziösen Gebärden, fast zärtlich. Er fuhr mit der Bürste über meine Ärmel und dann über meine Brust. Ich las: »WEIBLICHE GANGSTER IN PICCADILLY« und: »DU MUSST LERNEN ZU HASSEN« – das war über meinem Herzen eingeschrieben und auf meinem rechten Ärmel: »KÖNIGLICHE KRAWATTENNADEL VERLOREN« und auf meinem linken: »SPIELZEUGRAUB AN KLEINKIND«.
Ich wandte mich dem andern Kunden zu, der mit dem zweiten Diener ein lebhaftes Gespräch angeknüpft hatte; sie sprachen über Pferderennen. An seine Brust war geschrieben: »SCHULARBEITEN VERLESEN IN BEWEISVERFAHREN«; sein Rücken wies die Inschrift: »PROBLEM DER WOCHE!« mit einem großen Ausrufungszeichen dahinter. Weiß Gott, welche Mahnworte in meinem Rücken eingegraben waren.
»Aber das ist doch einfach Blödsinn«, rief ich und zeigte auf meine Schuhe. »Können Sie denn nicht lesen? Bezahlt man Sie dafür?« Der Schwarze zuckte mit den Achseln. Er sagte: »Es ist die Wahrheit. Es steht in der Zeitung. Wir sind von Zeitungen eingewickelt.« Mein Negerdiener streckte die Hand hin, ganz wie ein alter Bettler, der alte Ansprüche hat. Ich mußte ihm was geben. Ich fischte aus der Tasche einen Schilling, doch der alte Neger schüttelte den Kopf. »Geben Sie mehr und ich zeige Ihnen auch mehr«, sagte er. Ich war wütend, mußte aber seine Würde bewundern. Als ich ihm dann eine halbe Krone gab, schien er endlich zufrieden zu sein. »Sehen Sie mal zu, was jetzt passiert!« sagte der andre Kunde. »Ich habe meinem Mann nur zwei Schillinge gegeben. Der ist dabei wenigstens ein Christenmensch.« Ich war schwindlig, als sei ich auf einem Ringelspiel gefahren. Die Marmorplatten traten in den Hintergrund zurück. Das Wasser fiel in einem gewaltigen Sturz nieder und hörte dann plötzlich auf zu fließen. Meine Augen öffneten sich, und mein Mund schrie: »Ich weiß! Oh, ich weiß! Es ist ihre Schuld! Die Journalisten!«
Vor der wässerigen Fläche, in verschiedenen Stellungen und Gestalten, erschienen die Journalisten. Sie waren aneinandergekettet und schoben Arme und Beine in ruckartigen Bewegungen hin und her. Sie brüllten und schrien mit hohen Stimmen, und mit ihren Händen schienen sie unsichtbare Worte in die Luft zu schreiben. Dort stand ein alter Mann mit einem langen, grauen Bart, der ihm die halbe Brust bedeckte. Dieser da sah bleich drein; ein andrer war frech und fesch; jener wieder hatte einen kecken Schnurrbart. Auch eine junge Frau stand mitten unter ihnen, ein kleines Reptil mit einer schlanken Figur und abgebissenen Fingernägeln. Überhaupt hatten alle was an ihren Fingernägeln in Unordnung. Es waren unnatürliche Nägel, im ganzen zu kurz, schmutzig und mit Tintenflecken bis zum zweiten Fingerglied hinauf. Sie wanden sich alle, als fühlten sie Schmerz, doch aus ihrem Geschrei konnte ich einen Ton höllischen, triumphierenden Gelächters heraushören.
Als ich auf sie zu schießen begann, brachte auch mein Kollege eine Maschinenpistole zum Vorschein und untermalte die Salven meines Maschinengewehrs mit den härteren Tönen der kleineren Waffe. Ich lief ihre Reihe ab, von rechts nach links; und dann kehrte ich mich um und nahm sie von links nach rechts unter Feuer. Zuerst schienen sie unverwundbar zu sein; sie setzten einfach ihre frühere Tätigkeit fort, wobei sie bloß ein wenig lauter schrien und noch herausfordernder lachten. Mein Zorn wuchs, und ich versuchte, sie zu überschreien. Mein Kollege grinste und tat seine scheußliche Arbeit.
Denn scheußlich wurde sie. Als ich ihre Reihe zum drittenmal abgelaufen hatte, schien ich endlich Blut zu ziehen. Als erster fiel der junge Mann mit dem bleichen Gesicht – er konnte wegen seiner Ketten den Boden nicht berühren, so hing er also da, schwebend zwischen den Gestänken in der jauchigen Luft. Und als dann der Greis mit dem grauen Bart zum fünftenmal getroffen wurde, da mußte auch er aufgeben; er platzte mit einem Lachen heraus und ließ den Kopf in den Tod fallen.
Damit hatte es noch nicht sein Bewenden. Zwischen den Beinen der Sterbenden kamen andere zum Leben. Sie sahen aus wie Zwerge, doch nicht verkrüppelt oder unnatürlich; eher wie Liliputaner. Meistens waren es Frauen, alte und grauhaarige Frauen, aber auch junge und frische, mit Kindern dazwischen, die noch winziger und lächerlicher aussahen. Alle begannen ein ungeheuerliches Weinen und Heulen; und ich konnte sie ganz gut verstehen, wenn sie schrien: »Erbarmen! Gnade! Wir sind unschuldig! Wir haben nichts verbrochen! Schont uns! Wir sind die Witwen und Waisen! Gnade! Erbarmen!«
Ich schonte sie nicht. Ich hielt nicht inne, die Bösen zu töten, die verantwortlich waren für die Schlagworte auf meinen Schuhen, und für die Schlagzeilen, und für die Bilder zu dem Text, und für die Wirklichkeit zu den Bildern und für das Elend in der Geschichte dieser Welt. Ich erkannte die Lebenden unter den Sterbenden und erledigte sie. Auf jeden schoß ich mehrere Male, meine Munition war unerschöpflich. Ich schoß sie in den Kopf und ins Gesicht, in die Brust und in den Bauch. Ich sah ihr Hirn heraussickern aus der zerschmetterten Schädeldecke und ich sah, wie sich ihre guten Anzüge unter meinen Kugeln zu elenden Fetzen verwandelten. Ich lächelte über die sonderbaren Verdrehungen ihrer zerbrochenen Gliedmaßen, und mein Kollege sagte zu mir: »Das ist recht! Lächle und die Welt lächelt mit dir –«
Draußen in der Vorhalle war ein Lautsprecher angebracht, und dieser Lautsprecher fiel dröhnend ein mit dem bekannten Schlager. Die Musik war laut, doch das Gebrüll und Geschrei der Frauen und Kinder und das Todesröcheln der hingerichteten Journalisten war noch lauter.
Der Gestank des Blutes überstank den Geruch des Desinfektionsmittels und der Exkremente. Die ganze Zeit hatte ich mich gefragt, wann wohl die berühmten Blutlachen auftauchen würden, doch dann sah ich an meinem Überrock hinab und sah meine Schuhe an, wo jetzt die Inschriften verschwunden waren, und ich trocknete mir das Gesicht mit einem Taschentuch, denn ich litt unter der Hitze und dem Staub, und da entdeckte ich, daß zwar kein Blut floß, aber etwas viel Böseres: eine blaue, klebrige Flüssigkeit, die ich nicht kannte. Die Luft wurde damit gesättigt, und verwandelte sich rasch in eine dunkle und klebrige Masse. Ich konnte kaum aus den Augen sehen, doch ich schoß weiter drauf los, und mein Nachbar tat das gleiche. Die beiden Schuhputzer hatten uns schon lang verlassen. Ich schoß, und die anderen lachten und schrien und weinten, und so ging es weiter.
»Seid Ihr unsterblich?« schrie ich und ließ mein MG fallen und sprang vor, um den Rest mit nackten Händen zu erwürgen, Frauen und Kinder und alle.
Doch ich berührte sie nicht. Als ich meine Hände dicht vor ihren Hälsen hielt, verstummte die Musik in der Halle, und eine klare Stimme sagte: »Ihre junge Dame ist soeben eingetroffen. Beeilen Sie sich, sonst verfehlen Sie sie. Sie ist bereits auf der Treppe zur Bar.«
Sie kommt!
Der große Augenblick war gekommen. Wir hatten ihn erwartet – ja, wir hatten sogar Anspruch darauf. Vielleicht war er die dunkle Erinnerung an die entscheidende Sekunde, als wir zuerst auf diese Erdenbühne getreten waren; so plötzlich, kurz und glühend heiß, so tief vergraben im Unbewußten, daß wir davon nur die Erinnerung einer Erinnerung bewahrten, den Schein eines Scheines im Spiegel; es war ein jähes Eins-Sein, das wie ein scharfes Messer in unser innerstes Leben schnitt.
Die Kinder waren überwältigt, als die Türe zum Nebenzimmer aufsprang, und halb gesehen, halb geahnt, die Pracht des Lichterbaums in ihre erwartungsbange Finsternis brach: Weihnachten. Wir hatten das Buch auf den Knien gehalten, und wir streichelten den Einband und hielten den Atem an, da wir die erste Seite aufschlugen. Was würde auf diesen Seiten alles stehen! Die Anfangsbuchstaben waren in Gold gedruckt, und Goldschnitt umgab den Band, und das Buch glühte in Gold wie ein geheimes Feuer all der Dinge, der ungelesenen, ungesehenen, unerhörten.
Wir standen oben im Zimmer, wir hatten unsere erste Liebesbegegnung. Die Frühsommernacht war in dämmrigen Schatten über den Garten gebreitet. Im Zimmer war es schwarz wie im Mutterschoß, und als meine Liebste die Türe auftat, da schlug mich der Lichtstrahl fast zu Boden. Dort stand sie im Silberkleid, gleißend und bezaubernd; weiß wie die Rosen in den Rosenbüschen ihr gewaltiger Busen; ihr Hals wie eine Säule; und das Mondlicht auf ihrem Antlitz schwamm zitternd wie Gefahr.
Beethovens tolle Trompeten und heisere Hörner hatten den Himmel gestürmt: wir mußten ihm folgen. Die Menge strömte aus dem Konzertsaal und verlief sich auf den Straßen. Wir wurden mit ihr fortgeschwemmt, wir waren ausgebrochen und tobten am Fluß, wir rannten unter den Bäumen, mit der erhabenen Erinnerung an das Unabwendbare um unsre Herzen wie die Stücke eines zerbrochnen Sterns. Wir vermochten keinen Laut von uns zu geben; nicht sprechen, nicht lieben.
Die Sonne ging auf hinter dem Vesuv. Die Frau schmiegte sich an mich in der Kälte des frühen Morgens. Das Meer war schwarz, die Wolken violett, fast blau. Dann traf der erste Strahl unser Bewußtsein. Der Bodennebel zerriß und die Erde fand langsam errötend in die Wirklichkeit zurück. Kein Wort wurde laut, doch ich ergriff ihre Hand und vergab ihr die sinnlose Grausamkeit eines ganzen Lebens. Die Erde uns zu Füßen wies uns den Weg in die ungewisse Zukunft. Der Augenblick kam nie wieder.
Ich hatte große Weiberleiber im Mondlicht gesehn, und ich hatte den Montblanc gesehn in ewiger Eisespracht; und wenn ich die einen sah, gedachte ich des andern; und wenn ich den anderen anstaunte, erinnerte ich mich der einen. Ich hatte auf den Weiden des Fleisches von Menschen gegrast und hatte bucklige Höhen der Berge auf Erden erstiegen. Ich liebte den jugendlich-hurtigen Schwung leichter Glieder und ich stellte Vergleiche an zwischen dem farblosen Glanz verhüllter Brüste und Schultern und der sommersprossigen, verbrannten Bräune eines Gesichts, das der Sonne ausgesetzt war. lch beobachtete die Schlacht vom Hügel und ich sah die Schrapnellwolken wie Wattebausche am Himmel, die Pferde hatten im Tal, im Galopp, die Geschütze im Feuerschlag, mit roten Flämmchen vor den Rohren. Ich duckte mich hinter die Traverse, als das Trommelfeuer mir mit Donner und Blitz Ohren und Herz, Leib und Seele erschütterte. Ich sah –
lch sah Miß Jane Smith mir entgegenkommen. Was ist all die Vergangenheit, wenn immer und immer wieder die Stunde der Entscheidung schlägt, da wir antreffen, worauf wir gewartet haben – wenn die lange Pause der toten Stunden, Tage, Jahre zur Schaubühne wird für die Gegenwart mit ihren Unternehmungen, mit Leiden, Freuden, Genüssen, Ritualen, mit Leben und Lust? Was ist sie dann, diese Vergangenheit, als ein leeres Nichts, leichter als eine Feder, da doch nur der Augenblick gilt, wie er anhebt und anfängt und ankommt und nicht müde wird zu kommen, zu kommen und wieder zu verschwinden – dieser Traum, dieser liebliche Traum eines Daseins, zu sehen, zu greifen, zu halten, zu liebkosen, zu verlieren, süße Jane –
Jane trug ein schwarzes Kleid und einen schwarzen Pelz, der vorne offen war, einen schwarzen Hut mit einem zierlich breiten Rand. Sie lächelte. Sie lächelt immer, wenn sie zu spät kommt. Ihre Lippen waren fast blau geschminkt. Über ihren Lidern lag bläuliche Farbe; ihre langen, blendenden Wimpern waren schwarz und schön. Sie bewegte sich leicht, frei, kräftig. Ihr Mund ist reizend; man sagt zwar, es sei ein scharfer Mund, und einige verleumden auch ihre Nase und behaupten, es sei eine lange, gebogene Adlernase. Ich behaupte, ihre Lippen tun nach Belieben – dieser Mund ist oft bitter, doch dann blüht er plötzlich auf, die Unterlippe wird zu einer Blume der Sinnlichkeit und zwischen Unterlippe und Oberlippe blitzen die Zähne.
Doch wie veränderlich sind ihre Augen! Sie sind grün, meergrün, blaugrün; sie sind blau, himmelblau, azur; sie richten sich nach den Stunden des Tages und der Nacht, nach ihrer Stimmung und Laune, sie glitzern und glühen, sind spitze Pfeile und irre Kerzen; sind müde Blüten und sanfte Sorgen.
Ihre Haare sind honigfarben, reich und gewellt. Sie trägt Ohrringe. Sie trägt eine Perlenschnur um den Hals. Sie trägt ein Armband, nicht teuer, nicht zu billig: weinfarbene Steine, goldgefaßt. Sie trägt auch einen Ring.
Ihre Hände sind versehrt, eine Hand zum mindesten, ich weiß nie, welche es ist. Ich glaube, es ist die linke Hand. Es sieht so aus, als habe sie dort irgendwer oder irgend etwas verwundet: diese Hand trägt Narben.
Sie hat einen schönen, langen, makellosen Hals. Wie gut die Perlen zu ihrem Hals und ihrem schwarzen Kleid passen! Ihr Brustkorb ist seltsam anmutig geformt; der Busen ist tief angesetzt, ein harter Mädchenbusen mit einem welligen sanften Tal dazwischen.
Sie ist keineswegs breitschultrig. Sie ist weder groß noch klein. Ihre Schenkel sind lang, ihre Beine vollkommen. Sie hat ein paar Haare auf den Beinen, weil sie das so mag, und irgendwer andrer hat das so gern und da habe ich es eben auch nicht ungern. Im Sommer hat sie Sommersprossen. Sie hat eine hohe Stirn. Sie sieht klug und anziehend aus; bestrickend und böse; launenhaft, mädchenhaft. Das Ganze ist in ständiger Bewegung. Das Ganze besteht aus kleingeschwungenen Kurven. Das Ganze ist schlank, doch nicht männlich oder eckig. Es ist ein edler Körper wie gehärteter Stahl: eine junge Dame, vergleichbar einem Schmetterling auf dem Kriegspfad. Man könnte vor ihr Angst haben, man könnte versuchen, den Gönner zu spielen, man könnte von ihrem Anblick getroffen werden wie vom Blitz.
Sie ist sachlich. Die Sache wills, mein Herz.
Sie sagte: »Na –?«
Ich sagte nichts. Dann sagte ich: »Wir haben wahrscheinlich schon den ersten Akt versäumt.«
Sie sagte: »Also los. Worauf warten wir noch?«
THEATER UND KUNST
Komödie
Die Verkehrsampel zeigte das falsche Licht. Jane wollte rasch hinüber, sie war stets ungeduldig an den Straßenkreuzungen und kümmerte sich nicht um die Signale. Ich sagte: »Ich habe heute mit Browne gesprochen. Ich glaube nicht, daß er Sie sehr gern hat. Sie sollten sich bei ihm ein wenig beliebt machen.« Wir stürzten Haymarket hinunter. Sie wandte sich einen Augenblick lang nach mir um, und ich bemerkte, wie ihre hellen Augen vor Wut aufflammten. »Du bist böse«, dachte ich, »weil du zu spät gekommen bist und ein schlechtes Gewissen hast.« Jane sagte: »Ich pfeif drauf, ob er mich gern hat oder nicht. Ich hab keine Zeit, mich auch noch darum zu kümmern.«
Es war für mich immer ein Problem, wenn wir auf der Straße waren, genau zu hören, was sie sagte. Manchmal ging es, manchmal ging es nicht. Es hing stets davon ab, auf welcher Straßenseite wir uns befanden. Ich bin ein wenig schwerhörig und ich mußte sie immer auf der inneren Seite halten, auf englische Art. Dabei durfte ich mir nichts anmerken lassen.
Sie dachte: »Er trägt wieder diese schreckliche Krawatte. Weiß Gott, wer die ihm geschenkt hat. Wahrscheinlich diese Frau –«
Wir brauchten nur ein paar Minuten. Ich sah noch zwei Autos vor dem Theater, es konnte also nicht allzu spät sein. Ich sagte: »Browne behauptet, er habe jetzt den endgültigen Beweis, daß Sie mit Bob Martin ins Bett gegangen sind. Er haßt Martin. Er hat mir erzählt, er sei zufällig vor vierzehn Tagen in demselben Hotel in Westend abgestiegen, wo Sie mit Martin die Nacht verbrachten. Er ist nicht eifersüchtig, aber er haßt Martin, und Sie wissen das auch. Sie kamen gerade aus dem Badezimmer und Sie hatten den Schlafrock an, den ich so liebe. Ich habe ihn nach seiner Beschreibung erkannt. Er hat Sie also gesehen, unbestreitbar.«
Wir betraten das Theater. Ein paar Leute standen noch herum. Ich wandte mich nach links und fand auch sofort unsere Karten in der Westentasche. Welches Glück! Vielleicht hatte ich sie im vorhinein vorbereitet. Ich liebe es, das Schicksal zu betrügen. Sie sah mich von der Seite an. Sie sagte: »Wenn doch Ihre Geschichten ein bißchen amüsanter wären! lch habe nichts dagegen, daß Sie mir Lügen erzählen. Wenn sie nur ein wenig amüsanter wären. Und auch ein wenig wahrscheinlicher.«
Wir hatten Sitze in der vierten Reihe Parkett. Ich hätte es niemals gewagt, ihr andere Sitze anzubieten. Die Sitze lagen zufällig in der Mitte der Reihe, und Jane wollte die anderen Leute nicht behelligen; wir setzten uns also irgendwo am Ende der Reihe nieder, wo gerade zwei bis drei Plätze leer waren. Jane ist voll Rücksicht Leuten gegenüber, die sie nicht kennt.
Die Bühne war hell und angenehm, die Personen des Spiels waren alle wohlhabend. Dort oben mußte es Sommer sein. Eine sehr hübsche junge Dame sagte: »Es scheint mir rührend, zu bedenken, daß ihr euch nicht erkennen würdet, wenn ihr euch zufällig auf der Straße begegnet.«
Jane streifte ihren Pelz über die linke Schulter zurück. Ich versuchte, ihr zu helfen und ihn ihr umzuhängen. Ich liebe diese Art, Mäntel zu tragen; ich liebe auch ihre Schultern, diese schmalen Schultern, rührend schmal, doch sehr gerade.
Der junge Mann sagte: »Es ist meine Schuld. Sie war immer in Italien. Ich bin niemals nach Italien gereist.«
Evas Mutter hatte uns einen Brief aus Tirol geschickt, wo sie lebte. Als wir eines Tages vom Strand ins Hotel zurückkamen, fanden wir in der Hotelhalle einen Zettel mit ein paar Zeilen, da hieß es: »Trag eine Rose am Kleid, damit ich dich erkennen kann, und eile in die Arme deiner dich liebenden Mutter!«
Ich sagte damals: »Was für eine Situation!« Und Eva sagte: »Es ist nicht ihre Schuld. Aber auch nicht meine. Und mein Vater ist tot.« Ich sagte: »Ich möchte wissen, wie sie aussieht. Schau dazu und eile in ihre Arme.« Eva lachte. Ihre Mutter hatte eine ungeheure schwarze Frisur; sie trug andauernd schwarze Kleider unter den weißgekleideten Sommergästen von Hiddensee. Sie sah bestimmt ganz anders aus als die Schauspielerin, die jetzt die Bühne betrat, auch sie mit fliegenden Fahnen, doch mit einer roten Perücke. Lady Porteous sagte: »Der reine Papa! Ich hätte ihn überall erkannt«, und eilte dem falschen jungen Mann in die Arme. Das war gar nicht ihr Sohn.
Der Vorhang fiel. Wir schienen doch eine Menge vom ersten Akt versäumt zu haben. »Wollen Sie was trinken?«
»Wenn Sie was trinken wollen, dann fragen Sie doch nicht mich.« Wir standen auf. Sie war noch immer sehr schlecht gelaunt.
Ich erkämpfte mir zwei Doppel-Whiskys. Das Büfett war voll. Ich sagte: »Stellen Sie sich vor – Sie würden Ihre Mutter nicht erkennen, nachdem Sie sie, na, sagen wir, sechs Monate lang nicht gesehen haben. Ich nehme an, es sind sechs Monate, seit Sie das letztemal in Highgate waren.«
Sie sagte: »Versuchen Sie doch nicht, witzig zu sein.« Sie glühte förmlich vor Wut. Ich fühlte mich elend. Eine Gesellschaft von drei bis vier Personen brach gerade von dem Büfett auf und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Alle waren um eine blasse junge Dame in auffallendem Abendkleid geschart. Jane flüsterte: »…« Ich verstand sie nicht, aber ich wollte sie nicht fragen, um nicht meine Unbildung zu beweisen, daß ich eine offenbar berühmte Schönheit nicht kannte. Die Dame sah übrigens gar nicht so gut aus, und ich fand Jane viel hübscher und viel würdiger des allgemeinen Interesses. Jane sagte: »Ich erkenne sie nie, wenn sie nicht auf der Bühne steht. Sie sieht viel älter aus, sie war angeblich drei Monate in …«
Inzwischen war auch ich schon draufgekommen, wer es war; ganz sicher war ich aber nicht. Wir begaben uns an unsere Plätze zurück.
Auf der Bühne wurde Bridge gespielt. Der Offizier, der neben Jane saß, dachte: »Ich hätte vier Herz rufen sollen, auf jeden Fall. Der Oberst war halb blind, und der Major war sicherlich beschwipst. Ich hätte den ganzen Rubber gemacht und am Schluß vielleicht genug gewonnen, um Kitty ein paar Rosen mehr zu schicken. Rosen sind heutzutage so teuer.«
Ich fragte mich, ob der Mann ein Hauptmann oder nur ein Leutnant war. Ich konnte in der Dunkelheit seine Epauletten nicht sehen. Ich erinnerte mich an Janes Stimme, als sie in jenem tschechischen Restaurant nach einem Zabaione gefragt hatte –»Zabaione, wie ihn Captain Cruickshank immer bestellt.« Sie hat übrigens damals den Zabaione nicht bekommen. Und Captain Cruickshank?
Der Offizier neben uns hatte bei Arnheim gekämpft und war jetzt auf Krankenurlaub. Er litt unter einem sonderbaren, malariaähnlichen Fieber. Es war nicht wiedergekommen, seit er in England war, doch er fühlte sich hier nicht glücklich. Kitty machte sich auch nicht ein bißchen mehr aus ihm, weil er ein Held war. Jedenfalls erwartete er, in der nächsten Woche mit dem DSO. dekoriert zu werden. Und das Stück gefiel ihm. Kitty – wir Männer ziehen alle an demselben Strang.
Der kluge, skeptische Champion-Cheney, der einen Bart hatte wie Professor Joad, sagte: »Seit damals habe ich mir den Luxus gestattet, einer Reihe reizender kleiner Wesen aus einer etwas bescheidenen Umgebung, im Alter zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren finanziell unter die Arme zu greifen.« Lady Porteous sagte: »Ich kann die Begeisterung der Männer für junge Mädchen nicht verstehen. Ich halte sie für unendlich langweilig.«
Ich kann es wohl. Wie alt bin ich denn? Jane ist oft sehr jung. Ihre besten Eigenschaften sind allerdings nur etwas für den Kenner.
Der alte Herr dort oben in der Loge, der seine Nichte aus Nottingham ins Theater mitgenommen hatte, leckte sich heimlich die Lippen. Er dachte an die guten Austern, die er sich nach der Vorstellung bei Scott’s vergönnen würde. Selbst Emily konnte nichts dagegen haben, daß er etwas teuere Lokale aufsuchte, wenn man Besuch aus der Provinz hatte. Wenn dieses Mädel nur ein wenig intelligenter gewesen wäre! Sie schien nichts im Kopf zu haben als die Evakuierten daheim, die ihr solche Sorgen machten.
Dann kam die zweite Pause, doch Jane wollte nicht aufstehen. Ich fragte sie: »Gehen Sie gerne ins Theater? Erinnern Sie sich noch, wie wir das erstemal aus dem ›Mädchen aus New York‹ fortrannten, oder weiß der Himmel, wie das Zeug geheißen hat –«
»Seien Sie nicht unartig. Natürlich geh ich gern ins Theater.«
Das erste Stück, das sie gesehen hatte, hieß »Peterchens Mondfahrt«, ein herrliches Ausstattungsstück, mit allen Schikanen der Neuzeit, mit einem richtigen Flugzeug und großem Chor. Echt New York, Amerika. Oder war’s Berlin? Und ich erinnerte mich des unbeschreiblichen Glanzes von dem Gold im Felsen. Man gab »Der Verschwender« von Raimund; und das ist ein Österreicher; ein Schatz war im Felsspalt verborgen; und später trat die Jugend auf, um dem alternden Mann Lebewohl zu sagen. »Brüderlein fein –«, sang sie. Ich war jetzt gerade in dem Alter, da die Jugend unter Singen Abschied nimmt. Und der Schatz glühte und glitzerte noch immer im Versteck.
Der Mann mit der Violine packte zusammen. Er war ja nur die zweite Violine und für die Königshymne am Schluß brauchte man ihn nicht. Sie wechselten immer ab. Er war froh, daß er heute abend früher dran war. Er war froh, heimgehen zu können. Er hoffte nur, daß es Nellie besser gehen würde. Es war die Grippe, bestimmt nichts Ernstliches. Und hatte der Arzt nicht irgendeine moderne Medizin erwähnt, auf die man sich immer verlassen konnte, auch wenn eine Wendung zum Schlechteren eintrat? Nellie war so ein kleines, zartes Ding, Gott segne sie.
Jane rutschte von einer Seite auf die andere. Ich wußte, sie konnte es nicht leiden, lange still zu sitzen.
Die beiden Liebenden auf der Bühne schienen zu streiten. Raffinierte Menschen wie ich wußten ganz gut, daß dies nur das Vorspiel zu einem der sporadischen Leidenschaftsausbrüche unter Engländern darstellte. Hatte Jane leidenschaftliche Menschen gern? »Ich liebe Liebe im Blitztempo«, hatte sie einmal gesagt; es war einmal.
Der junge Mann sagte: »Ich bin nicht ein Mann, mit dem man leicht auskommt …«
Ich dachte an Katie, und daß sie mit mir wirklich unmögliche Schwierigkeiten hatte. Doch sie liebte mich. Der junge Mann sagte: »Ich biete dir nicht Ruhe und Frieden …«
Plötzlich entdeckte ich, daß auf meinem Schoß wieder die »Quietsch-Fifi« saß, so nenne ich sie; eigentlich heißt sie »Ungewissen«. Heute abend trug das Ungewissen seine dumme Kappe in einem flotten Winkel, seine Arme waren wie üblich aus Sülze, und die Stahlnadeln in seiner Brust ragten ellenweit hervor und stachen mich höchst unangenehm. Ich sah Jane einen Augenblick lang flüchtig an, um festzustellen, ob sie das Kind auch bemerkt hatte, doch Jane blickte ruhig und geradeaus.
Lord Porteous wischte sich eben die Augen. Lady Kitty sagte: »Ich will das Blatt an ihr Nadelkissen heften.« War aber Kitty nicht die kranke Tochter des zweiten Violinisten? Meine Gedanken wanderten, und das Stück wanderte mit ihnen. Der Butler nahm ein Stück reinen Goldes aus dem Safe in der Wand und gab es den Liebenden als eine Art Nadelgeld. Das Ungewissen rührte sich auf meinem Schoß und fiel fast herunter.
Ein junger Mann sagte mit hohler Stimme: »Mein Schicksal? Stets der Dreizehnte bei Tisch zu sein …« »Blödsinn und Dummheit«, sagte sein Freund, ein Arzt in reiferen Jahren. Mutter hatte mir die Karte für dieses Ibsen-Stück geschenkt. Eigentlich hätte der Vorhang bereits fallen müssen; doch von der Terrasse traten zehn Soldaten in ungewöhnlichen Uniformen auf, und ein junger Fliegeroffizier rief in seiner schönsten Kommandostimme: »Laßt vier Hauptleute Hamlet wie einen Krieger auf die Bühne tragen: denn er hätte, wär er hinaufgelangt, unfehlbar sich höchst königlich bewährt!«
Vier Hauptleute! Um des Himmels willen!
Der Vorhang fiel.
»Was sagten Sie, Truck?« »Daß es nett von Ihnen gewesen ist, den violetten Lippenstift zu nehmen, als wir damals zu Hamlet gingen …«
»Sind Sie wahnsinnig?« fragte sie.
»Nein«, sagte ich. »Hamlet.«
Sie spielten die Königshymne. Ohne zweite Violine. Ich half Jane in den Pelz.
Restaurant
Als wir in dieses französische Lokal kamen, war es, wenigstens nach den Begriffen der Kriegszeit, schon recht spät. Ich ging sofort auf den Oberkellner zu, der mit zwei seiner Kollegen pompös an einem kleinen Tisch beim Eingang stand. Ich versuchte, die Scheu zu überwinden, die ich gewöhnlich vor Oberkellnern empfinde, und sagte ihm, ich hätte für heute abend einen Tisch bestellt. Ich hatte einen falschen Namen angegeben; das mache ich recht oft, teils aus Spaß, teils um nicht identifiziert zu werden. Auf den Oberkellner machte der Name »Bridge« weiter keinen Eindruck, doch wir bekamen unsern Tisch.
Jane war in ihrer lässigen Art bereits vorausgegangen und sah sich um, forschend, doch distanziert. Ich mußte nochmals zurück, um Hut und Mantel in der Garderobe abzugeben.
Das dortige Personal bestand aus einem traurigen Gesellen, der elend genug aussah. Er dachte: »Der Herr sollte lieber zu Hause sein. Ich selbst wäre lieber zu Hause als hier.«
Unser Tisch war ein ausgesprochen guter Tisch. Der Raum war niedrig. Ich fühlte eine Art Schleier vor den Augen; ich war verwirrt von der Weltgeschichte, vom Theater und dem Theaterspielen mit Jane. Was ich sah, war wie nebliges Gold, das durch die Leere dahintrieb – schon möglich, daß der Nebel von draußen selbst in die bunten Räume dieses recht kostspieligen Lokals eingedrungen war. Das Summen der Gäste, das Klappern von Löffeln und Tellern, das schiebende Schleichen der Plattfüße der Kellner vermischten sich zu einer geisterhaft-warmen Atmosphäre.
»Und wir werden uns unterhalten!« sagte ich zu mir, als ein zweiter Kellner mir das Menü vorlegte, Jane war verschwunden; wahrscheinlich schminkte sie sich nach. Sie hörte mich nicht seufzen, was nur gut war.
Der Menüpreis betrug vorschriftsmäßig nur fünf Schillinge. Man konnte sich jedoch gefaßt machen, nur das Allerschlechteste zu bekommen, wenn man nicht mindestens eine Flasche Wein dazu bestellte. Es war jetzt fast zwei Jahre, seit sie im Dunkel dicht bei mir gestanden hatte, unweit der Telephonzelle an der Ecke, wo ihre Straße von der Straße abzweigt, die in meinen Bezirk führt. Wir warteten auf den Autobus und sie sagte: »Aber, bitte, Unterhaltung – nichts weiter – nichts Ernstes –« Ich sagte: »Natürlich, nur Unterhaltung. Nur Spaß.« Manchmal fing ich einen Abend damit an, daß ich ihr komische Geschichten erzählte, eine nach der andern, alte Scherze oder sogar neue, oder auch Episoden aus meinem Leben, das schon lange genug gedauert hatte. Alles hing davon ab, wie man einen Abend begann. Dieser Abend hatte verhältnismäßig schlecht begonnen, mit Nebel und mit diesen Visionen an der Marmorwand in der Herrentoilette des Café Canada. Und das Theaterstück?
Zwei Tische von uns entfernt saßen sechs bis sieben Mitglieder der französischen Kolonie in London. Alles in allem gab es hier überhaupt eine ganze Menge Franzosen, und sie alle waren äußerst gut gelaunt; das Lokal war sehr beliebt bei den Londoner Franzosen, die noch etwas Geld hatten. Sie lachten und bewegten ihre Hände lustig hin und her, wie es die Franzosen tun; sie waren wahrscheinlich glücklich, daß Frankreich befreit war und daß sie nicht dabei sein mußten, wenn es hungerte. Die Franzosen brachten Trinksprüche auf einen gewissen Herrn Meyer aus, der soeben von einer Mission im Dienste de Gaulles aus Frankreich zurückgekehrt war. Herr Meyer war ein Elsässer und sehr patriotisch, wie es Leute aus Grenzgebieten gewöhnlich sind; man hatte ihm allerdings nicht gestattet, seine Heimatstadt zu besuchen. Er mußte zuerst in Paris bleiben und wurde dann nach Luxemburg vorgeschoben, von wo er in aller Eile wieder fort mußte, weil Rundstedt mit seiner Gegenoffensive die Rückzugswege bedrohte. Meyer war ganz froh, wieder in London zu sein.
Jane kam zurück und setzte sich. Sie sagte: »Komisch. Ihr tut so etwas nie.« Sie lachte verächtlich. Ich fühlte es kalt über den Rücken laufen.
»Was meinen Sie denn?« fragte ich.
»Aufzustehen, wenn eine Dame an den Tisch kommt –«
»Aber ich – ich habe Sie einfach nicht gesehn, bevor Sie kamen.« »Ist ja nicht so wichtig. So seid Ihr alle.« »Jane, verzeihen Sie«, sagte ich zerknirscht. »Verzeihen Sie! Ich habe doch nicht wirklich schlechte Manieren?!« »Ach nein, keine Spur.« Sie lachte.
Sie hatte Rouge aufgelegt und sah herrlich aus. Ihre Lippen waren voll, sie schien in der Wärme aufzublühen.
Der Kellner stand hinter meinem Stuhl, und ich bestellte etwas und fragte dann sie, und sie änderte die Bestellung und sagte ein paar Worte zu dem Kellner, was wohl ein Scherz sein sollte, aber recht streng klang. Der Kellner verbeugte sich. Ich konnte sie nicht verstehen. Ich bestellte Wein; es gab aber keinen Wein in Karaffen. Die Sachen wurden teurer und schlechter, jedesmal.
Sie hatte sich auch ein wenig frisiert. Ihr Haar war jetzt zurückgekämmt und fiel in honigfarbener Flut auf den Nacken hinab. Ich war verloren, wie immer, wenn sie irgendeine Veränderung mit sich vornahm. Sie wurde dann für mich eine ganz andere Frau, und war doch dieselbe, nur erwachsen in überraschend-prächtiger Weise; prachtvoll, und ihr Körper mädchenhaft und von einer anmutigen, fast erschreckenden Unschuld.
Ihre Augen waren kalt. Sie sah mich an und sagte: »Ich weiß nicht, warum Sie immer so gehemmt sind, wenn wir zusammen ausgehen?!«
Wir verzehrten unsre Suppe, und ich gab keine Antwort. Nachher hatten wir Zunge mit einer sehr guten Sauce, doch das Gemüse war wässrig und bleich und weich. Ich kostete vom Wein, um seine Temperatur festzustellen, und dann tranken wir den Wein. Sie versuchte ein Lächeln und hob ihr Glas. Ich sagte meinen Trinkspruch, den ich mir angewöhnt hatte: »Auf Mozart und die Rote Armee!« Sie verstand nicht, was ich meinte, lächelte aber konventionell. Sie sagte: »Diese Franzosen sind sehr munter.«
Ich sagte etwas barsch: »Ich spreche französisch nicht sehr gut.«
»Oh«, sagte sie, »und ich habe mir immer eingebildet, Sie sprächen fließend französisch.« »Leider muß ich Sie wieder enttäuschen«, sagte ich. »Jedenfalls habe ich eine Menge vergessen.« Ich beschloß sofort, sobald als möglich die »Chartreuse de Parme« zu lesen, die ich zu Hause in einer reizenden Ausgabe im Bücherschrank stehen hatte.
»Sie sind sehr leicht beleidigt«, sagte sie und trank ihr Glas zu Ende.
Der Kellner hinter mir dachte: »Das müssen Ausländer sein. Wie die nur essen! Bestimmt sind es keine Franzosen. Gott, wie ich sie alle hasse. Ich möchte wissen, ob das nicht Deutsche sind. In London läuft noch immer eine ganze Menge von Deutschen frei herum. Spione sind das, nichts weiter.« Der Mann war aus Birmingham.
Ich dachte an die Zeit, als ich bei Lyons Teller waschen mußte. Das Schlimmste war, die großen schwarzen Schüsseln rein zu kriegen, mit den Überbleibseln der alten Sardinen drauf. In diesem französischen Lokal war die Kücheneinrichtung natürlich viel besser, doch nicht ganz auf dem übrigen Niveau des Restaurants. Der junge englische Koch, der die Arbeit nur angenommen hatte, um seiner Familie zu beweisen, was er konnte, litt fürchterlich unter den schlechten Lüftungsverhältnissen. Der französische Chef behandelte ihn wie Dreck, ihn, dessen Bruder vor Arnheim das Victoria Cross erhalten hatte! Das war auch schließlich und endlich der einzige Grund, warum er überhaupt hier war; damit er seinen Leuten zeigen konnte, er sei, auf seine Art, nicht weniger als alle berühmten Brüder zusammengenommen.
Und ich dachte an den Abend in Capri, da wir in der Pergola auf der Terrasse saßen; wir aßen Melanzani und später gebackenen Fisch. Das Mädchen, mit dem ich damals lebte, sagte mir an jenem Abend, auf der Terrasse, sie habe lange aufgehört, in mich verliebt zu sein.
»Das Essen wird jedesmal schlechter«, sagte Jane. Sie sah ein bißchen mitgenommen und ausgesprochen gelangweilt aus.
Ich wurde wütend. Ich sagte leise, mit einem giftigen Ton in der Stimme: »Warum gehen Sie überhaupt mit mir aus, wenn Sie mich so hassen?«
Eigentlich war es aber ich, der sie haßte. Ihre Bemerkung über mein Gehemmtsein wollte mir nicht aus dem Kopf. Es war nämlich die Wahrheit. Gewöhnlich bereitete ich mir zu Hause die Worte vor, mit denen ich sie ansprechen würde. Ich bedachte jede kleinste meiner Bewegungen im vorhinein. Ich zitterte davor, einen falschen Schritt zu tun. Ich wußte genau, daß sie mich nicht liebte, und trotzdem wollte ich tun, was in meiner Macht stand, damit sie es sich vielleicht doch noch überlegte –.
Sie wandte den Kopf. Ich sah ihr in die Augen, und ich glaubte, darin den leisen Widerschein von etwas Menschlichem zu entdecken. Ich dachte: »Schließlich und endlich – sie hat, allein und entwurzelt, die besten Jahre ihres jungen Lebens im Exil verbracht. Sie ist hart, nur weil sie nicht zu weich erscheinen möchte. Vielleicht hätte sie mich schon längst heiraten wollen; sie hätte vielleicht gern Kinder gehabt, wie irgendeine andre Frau. Aber nein, nein, sie ist ganz anders. Nein, nein, sie hätte es nicht gewollt. Sie liebt mich nicht, sie weiß nicht, was Liebe ist.«
Sie dachte: »Warum quäle ich diesen Narren die ganze Zeit? Er ist ein ganz gescheiter Narr, aber er hat keine Ahnung. Wenn er wüßte, daß ich mit Rupert so gut wie verheiratet bin, würde er toben, würde aber niemals verstehen, warum ich nicht tatsächlich heirate. Rupert ist ein Feigling. Ja, das sind sie alle: Narren oder feig. Wenn dieser nette Narr wüßte –«
Und sie lächelte. Ich griff nach diesem Lächeln, wie ein ertrinkender nach dem Rettungsseil greift, im Dunkel, über den dunklen Wassern. Ich trank ein neues Glas Wein und lächelte zurück. Jane lenkte meine Aufmerksamkeit auf den Herrn am Nebentisch. Das war ein bemerkenswerter Mann, sehr alt und sehr vornehm und sehr wählerisch mit dem Essen. Er war offenbar eine Art Ehrengast; er hatte mehr und besseres Essen auf dem Teller als wir. Er trank dazu eine Flasche Rheinwein, wir konnten die Marke sehen.
Ich sagte: »Erzählen Sie mir doch noch was von ihrer Seereise nach Südafrika, an Bord der ›Berengaria‹«. Es ist so spannend. Wir haben schon Jahre nicht darüber gesprochen.«
Sie lachte auf. »Eine Idee! Warum erwähnen Sie gerade das? Zufällig habe auch ich gerade daran denken müssen.«
Ich dachte: »Wer zweifelt noch, daß ich die Welt beherrsche? Sie wenigstens beherrsche ich. Sie muß tun, was ich will. Sie kann mir nicht davonrennen. Und ich nicht ihr.«
Und so begann sie, mir wieder von dem wilden Mann an Bord zu erzählen und wie sie einmal in einer Tropennacht auf Deck mit einem verheirateten Mann ertappt worden war, und dem Mann wurde von der Deckreinigungsmannschaft der ganze Smoking verdorben, weil sie ohne zu ahnen in den Wasserstrahl der Deckspritze hineingelaufen waren. Und wie sie in ihre Kabine zurückschlüpfen mußte. Und dann erzählte sie mir von dem andern wilden Mann; und wie sie ihn getroffen hatte, und wie sie dann diese schreckliche Zeit auf dem Landgut des reichen zahmen Mannes verbracht hatte – eines dritten Mannes –; und wie sie die ganze Zeit mit der Familie Bridge gespielt und über die Gutsnachbarn geklatscht hatten.
Was für einen lustigen Abend wir nur hatten! Die Süßspeise war ausgezeichnet, eine Art wirklich gelungener Mousse au Chocolat. Sie aß in bester Laune; und ich beobachtete sie und war erfüllt bis zum Rand von Liebe und Nachsicht. Ich sah ihre linke Hand mit den paar Narben und ich liebte sie wegen der Narben, über die sie niemals Scham empfand, die sie nie verstecken wollte. Ich sagte: »Die Tochter des Herodias mit den Händen Christi.« Und ich pfiff vor mich hin. »Was war das?« fragte sie sehr rasch, als sei sie wirklich interessiert und wissensdurstig.
Als ich mit Klari per Schiff von Genua nach Syrakus fuhr, hatten wir an Bord der »Ausonia« eine geradezu herrliche Süßspeise. Es sah aus wie gesponnene Sonnenstrahlen, und dazu hatten wir sehr guten Wein, und Klari trug das Abendkleid mit den Spitzen und war sehr ausgeschnitten. Unser Schiff fuhr an Capri vorbei, und Wolken zogen um den Monte Tiberio, und ich seufzte, denn ich dachte an ein andres Mädchen, und Klari ließ sich von mir umarmen, auf dem Bett in der Kabine, im Abendkleid mit Spitzen, denn sogar sie wußte, daß es Stunden im menschlichen Leben gab, da Abendkleider weniger wichtig waren als das absolute Gewicht des Augenblicks, gewogen in unsrer Hand.
»Erinnern Sie sich noch?« fragte ich Jane, »als wir das erstemal zusammen ausgingen, gingen wir in ein kleines Lokal hinter Piccadilly, das war auch ein französisches Lokal, und Sie sagten etwas über Zusammen-Ausgehen, daß Sie mit mir nicht ausgehen würden, wenn Sie sich nichts daraus machten. Und zum Schluß hatten wir Kognak –«
»Da fällt mir ein – wie wäre es …?«
Ich bestellte Kognak, und der dritte Kellner erschien mit einem großen Servierbrett voll Kognak- und Likörflaschen; und Jane war wieder sehr wählerisch und sagte, sie kenne die Firmennamen an den Flaschen gar nicht, und ob wir nicht doch einen Hennessy bekommen könnten, den bekamen wir dann auch.
Sie ließ ihr Stück Zucker zuerst etwas Kaffee aufsaugen, und dann etwas Kognak, und sie sah zufrieden aus und begann in der andren Sprache zu sprechen, und dann klingt sie immer wie ein Mädchen von fünfzehn – bevor der große Schock kam, diese völlige Umstellung in einem wohlbehüteten, jungen Leben.
Der Herr neben uns war fertig mit dem Essen; er zahlte aber nicht, sondern sagte dem Kellner ein paar Worte und warf uns einen halb belustigten, halb vorwurfsvollen Blick zu. »Die sind jung«, dachte der Herr, »und haben keine Ahnung. Arme Kinder. Sie sind verheiratet und sprechen eine fremde Sprache, denn Englisch ist nicht gut genug für sie. Ich hasse die Franzosen. Wer würde mir aber sonst Kredit geben außer den Firmen, für die ich arbeite?«
Der Mann war nämlich ein Weinhändler und leider auch gar kein richtiger Herr. Jetzt ging er nach Hause in seine Wohnung in Mayfair, denn er ahmte ja die Lebensweise der richtigen Herren nach. Und wenn er schon kein Herr war, so war er wenigstens ein Sonderling – nach Hause gekommen, würde er vor der Photographie seiner verstorbenen Frau eine Kerze anzünden und würde dann niederknien und für sie beten und sie um Verzeihung bitten; sie hatte vor neunzehn Jahren Selbstmord begangen, auf den Monat waren es jetzt neunzehn Jahre, und alles wegen einer dummen Chansonette.
Ich versuchte, mit meinem Stück Zucker genau so zu verfahren wie Jane, ich nahm aber zu viel Kaffee, und der Zucker war schon fast völlig zergangen, als ich den Kognak darauf goß, und außerdem verschüttete ich ein wenig Kognak auf dem Tischtuch. Jane runzelte die Stirn, aber ganz freundlich, und ich lachte laut, ziemlich blödeidiotisch; ich lachte recht lang und ausführlich.
»Sie sind so komisch«, sagte ich, »so komisch. Wenn ich mit Ihnen zusammen bin, bin ich immer gut gelaunt. Erzählen Sie mir von Ihrer Kindheit.«
»Sie sind ein wenig betrunken«, sagte sie. »Macht nichts.«
«O Jane, süße Jane – warum –«
Man machte Schluß in dem Lokal. Die französische Gesellschaft stand vor dem Aufbruch; sie schrien laut durcheinander, und die Kellner lächelten nachsichtig über ihre Landsleute. Die französischen Offiziere wischten sich die Stirnen und setzten die Käppis auf; ein Kellner strich um die Tische und fragte Lady Stixen, ob sie ein Taxi wünsche. Die junge Kellnerin bürstete die Tischtücher, und der alte Mann mit den Weinen mußte in wenig rasten: er lehnte sich an das Geländer der Treppe, die zur Küche führte. Der zweite Koch war auf sich stolz; dann machte aber der französische Chef ein paar absprechende Bemerkungen über sein Benehmen heute abend, er tat es aus reiner Gehässigkeit, denn er konnte englische Köche und überhaupt die Engländer nicht leiden. Die Engländer hatten die »Strasbourg« auf der Reede von Oran versenkt, und sein Sohn war mit ihr untergegangen. Da sich die Türe jetzt so häufig öffnete, um Gäste zu entlassen, bekam der Nebel in dem Lokal die Oberhand. Das gelbe Gold an den Wänden wurde ganz und gar verwischt, und die Tische wackelten auf ihren Beinen, und Messer, Gabeln und Löffeln wurden fortgeschwemmt wie von einer schweren Strömung.
Ich sagte: »Süße Jane – wenn wir doch Abende wie heute jeden Abend haben könnten. Und Mittagessen und Frühstücke.«
»Es wäre nicht halb so nett«, sagte sie. »Eine Stunde kann mehr in sich bergen als ein ganzes Leben.«
»Das ist eine oberflächliche Bemerkung, ein Gemeinplatz«, dachte ich. Und ich fragte mich, warum es so weise und großartig klang, wenn sie es sagte. »Ich muß verliebt sein«, sagte ich. »Kein Zweifel. Doch wie lange bin ich schon verliebt?«
Die Kellner wollten gerne, daß wir aufstünden, doch Jane ist dickköpfig; sie tat, als bemerke sie es gar nicht. Sie bat sogar um eine zweite Tasse Kaffee. Ein unwilliger Kellner brachte ihr ihn unter Seufzen.
Ich sagte: »Unser Zustand ist zeitlos. Man tötet die Zeit. Genau so hätte es vor zwei Jahren sein können und vor einem Jahr und in einem Jahr. Außen Krieg und innen Krieg und Nebel in unseren Herzen und ein kurzes Leben hinter uns, und alles sieht aus, als sei man auf der anderen Seite einer gläsernen Wand. Zeit totgeschlagen und alles totgeschlagen.«
»Der Soldat schlägt den Feind tot und das Mädchen schlägt dir die Zeit tot. Und der Feind tötet den Soldaten und du tötest das Mädchen«, sagte der Bursche in der Garderobe und reichte mir Mantel und Hut.
Operette
Doch die Stadt war ja ganz verändert! Der Nebel war zwischen den dunklen Häusern hinausgesickert, und seltsame Gestalten mit verkrampften Gebärden waren von irgendwo draußen hereingeströmt. Neue Barbaren hatten die wichtigsten Bollwerke im Westend besetzt: sie heulten nach Taxis in heiseren Tönen, sie lehnten an Mauern und Toren, sie schlichen oder schlenderten, gespreizt wie fahrende Ritter, breit und gemein und aufgeblasen zu wolkigen Gespenstern.
Sekretäre, Staatsbeamte, Ingenieure, freie Berufe aller Art, anerkannte Verabreder für Verabredungen: die ganze Zivil-Bourgeoisie war verschwunden – heimgekehrt zu den Kaminen, unweit der Speisekammern: abgetreten ins Bett. Die Uniform herrschte, der Götze des Jahrhunderts.
Der Sergeant hielt sich an die Unkontrollierten, der Gemeine an die Kontrollhuren, der Offizier suchte nach Klassengefährtinnen in dem Hexenkessel. In der Finsternis und im verblasenen Dunst, in der halben Verdunkelung und der regnerischen Dämmerung klebte Klasse an Klasse, Volk an Volk. Der schlecht besoldete britische Unteroffizier trank zwei Glas Bier und fragte den Mann an der Theke nach einer bestimmten Adresse. Der britische Rittmeister trank einen Whisky und dann einen zweiten, konnte sich aber mit niemand anfreunden. Er zog sich in sein Gehäuse zurück, noch unseliger nach den unbefriedigenden Genüssen; in Gedanken bereitete er einen sentimentalen Brief an seine Braut vor, die in Coventry lebte, trauriges Überbleibsel des 18. Jahrhunderts. Doch die Amerikaner! Welch ein Gegenbesuch!
Sie lagen in Baracken in Mayfair und sie lebten in Häusern in Belgravia. Hunderte von ihnen waren aus den Vorstädten gekommen, wo sie ganze Häuserblocks einnahmen, ohne Leitung und Aufsicht. Die Offiziere durften in Hotels leben, wo sie wollten, die Bezüge waren reichlich. Die Mehrzahl war nur kurz beurlaubt aus anderen Städten Englands oder jenen Städten Europas, die jetzt durch Hunger, Prostitution und große Not zu internationalen Treffpunkten geworden waren, in Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland. Sie genossen ihr Leben wie noch nie. Viele machten sich nicht einmal Sorgen wegen eines Dachs über dem Kopf, das war Sache des Mädchens. Das Mädchen war die billige Gottheit der Stunde.
Die Mädchen hatten die Aufgabe, Sünde, Vergnügen und Verderbtheit zu bieten: das Bacchanal. Sie taten, was sie konnten. Sie ließen sich vor einer der Westend-Karawansereien von einer Rotte küssen – sieben bis zehn Mann –; sie wurden der Reihe nach in dunklere Ecken gedrängt, wo der angenehme, doch stereotype Vorgang vollzogen wurde, teils im Stehen, teils aufgepflanzt gegen Wand oder Tor. Sie waren meistens betrunken, abgerissen gekleidet und äußerst laut. Sie hatten bisher vom Leben noch nichts verkostet in ihren Besserungsanstalten, Elendsquartieren und Instituten, so dürsteten sie nach Abwechslung. Sie hielten das für Leben, und sie verzweifelten immer erst nach zwei Wochen, wenn auch die Dümmsten unter ihnen die ersten Anzeichen der Geschlechtskrankheit entdeckten.
Die Mädchen kamen aus Liverpool und Leeds, aus den nördlichen und westlichen Grafschaften. Sie waren auf Grund des Frauen-Rekrutierungsgesetzes zum Industriedienst eingezogen worden und taten auch manchmal ihre Pflicht, zwischen zehn Uhr früh und vier Uhr nachmittags, in einem Betrieb, wo sie sich zwischen den geölten Maschinen herumtrieben, wo ihre äußere Form verfiel und wo sie schließlich in der Damentoilette ihre Zeit verschliefen. Andre wieder trugen selbst Uniform und glaubten an die Ehre der britischen Wehrkräfte. Sie gingen mit ihren Männern in billige oder teurere Zimmer, je nach Rang des geschlechtsdiensttuenden Amerikaners. Sie liebten das Geld und die flüchtige Zeit. Sie waren, weiß Gott, liebende Liebhaberinnen. Viele von ihnen waren bereits aus Gefängnissen ausgebrochen, wenn man diese Institute wirklich Gefängnisse nennen kann, wo sie der Kriegsstaat untergebracht hatte, solange Vater mit der Achten Armee im italienischen Dreck steckte und Mutter mit ihrem WAF-Verband in Nordirland stationiert blieb.
Genug Unschuld gab es in der Gosse in Coventry Street, Jugend am Steuer des Unheilbootes auf dunkelnden Wassern; genug Unerfahrenheit und Vertrauen zu der Namenlosigkeit des Symbols, des fremden Rangabzeichens auf der Schulter des fremden Soldaten. Und der Mann, der dir aller Wahrscheinlichkeit nach ein Gläschen spendieren wird, und dann noch eins und dann noch eins, und dich bitten wird, mit ihm das zu tun, was du schon die Eltern tun sahst, als du vier oder fünf Jahre alt warst, jenes Allerweltsunternehmen, von der Kanzel als Sünde verleumdet und als Sensation beflüstert in den ersten Schuljahren, Bewegung und Druck und das berühmte Gefühl des Niesens – der Mann, ders mit dir tat und es manchmal Tag für Tag weiter tat, anonym noch immer, wenn auch mit einem Namen, doch ohne Eltern und Heim; der Mann, der dich vielleicht sogar heiraten wird, wenn er sich in dich verliebt, wie es der Freundin in Huddersfield passiert ist: Dieser Mann wandelte im leuchtenden Schatten einer wunderbaren Wolke, glorreicher und glanzvoller als Tod im Bergwerk und sogar Tod durchs Raketengeschoß. Es war der Tod auf dem Schlachtfeld, der sein Banner wehen ließ über allem Elend der Straßenhurerei; der seinen Jahrhunderte alten Idealen abgebrühte Jünger warb.
Es war die große Wanderung der Weiblichkeit: sie vollzog sich abschnittsweise; geographische und soziologische Rangordnungen wurden scharf eingehalten. Junge Mädchen waren dem Ruf der Maschine gefolgt, von Halifax nach Birmingham und von Wigan nach Manchester. Landpomeranzen von den Walliser Bergen liefen in Swansea und Cardiff ein. In den Städten ereigneten sich häufig Fälle kleinerer Diebereien in den Warenhäusern, Geschäftslokalen, sogar auf der Straße. Ein Mädchen wurde in die Besserungsanstalt zurückgeschickt, einem anderen gelang es, in die Vorstädte Londons zu entkommen. Die nächste Phase hieß Islington oder Ealing oder Camden Town. Man hielt noch an eine Art von Beruf fest, doch wenn die Verdunkelung kam, dann schwärmten die Mädchen über den Broadway in die Kinos und dann in die Schenken und dann in die Tanzlokale. Nach der Vorstellung beherrschten sie die Straße in ihrer ganzen Breite und Länge; sie forderten Angebote heraus und lehnten sie ab; mit kreischendem Lachen pöbelten sie Uniformierte an; sie ergossen sich in Klumpen in die Stationen der Untergrundbahn, wo eine lange Reise begann, von deren Ende sie sich noch keine Vorstellung machten.
Und so wurden sie befördert: zum Westend, zum offenen Geschlechtsverkehr, zur Hoffnung auf einen Traum aus Satin. Das Londoner Westend war der Nabel der Welt. Es war in konzentrischen Kreisen angelegt: in der Mitte die Wohnungen mit den Offizieren drin, wie sie ausgestreckt auf ihren Betten lagen, mit den halbangezogenen weiblichen Hilfskräften aus der WAF quer daraufgelegt; im nächsten Ring die Unteroffiziere in den Wirtsstuben, die Herzen erweicht durch das Bier; und schließlich, im äußersten Kreis, die Soldaten der britischen und amerikanischen Armee an den Straßenecken, die in schnellem Rhythmus die Vorstadtdamen in die Mysterien der Venus einführten.
Doch nicht nur horizontal verbreitete sich der Plan. Vertikal ging es abwärts in die Souterrainlokale, wo man nach der Sperrstunde im »Klub des Großen Nepps« noch schlecht und recht was zu trinken bekam; abwärts in die U-Bahn, wieder ins Licht, ins künstliche, offizielle Licht der offiziellen U-Bahn-Verbindung, wenn kein Geld mehr für ein Taxi da war oder man für den Kampf um dieses Verkehrsmittel nicht mehr nüchtern genug war. Die U-Bahn wurde auch noch von Leuten benutzt, die andere Interessen und Sorgen hatten als Liebe und Suff; so wurde der unterirdische, lange Schlauch zur Szene des Konflikts, blutiger Streitereien und Zusammenbrüche und erzwungener Gefaßtheit. Oben, bei den Kassen, gab es ein letztes Widerstandsnest. Mit den Fahrkartenautomaten wurden Scherze getauscht. Verschlungene Statuen hingen auf den Rolltreppen. Mumien in Uniform griffen ineinander und hielten sich fest an dem Freund. Zusammengewachsene, umschlungene, todmüde Leiber wirbelten abwärts und fielen strömend auf den Bahnsteig.
Sie schrieen, sangen, zappelten, umarmten und liebten sich und schrumpften im Schlaf zusammen. Sie lachten laut und brüllten aus ganzem Herzen. Ein einsamer Zivilist wagte es, auch betrunken zu sein: seine alte Matrosenkappe in forschem Winkel überm rechten Auge, stimmte er ein Seemannslied der guten alten Zeit an. Ein indischer Matrose stieß ihn weiter. Sechs Neger benahmen sich artig und wurden von einem Haufen anderer amerikanischer Soldaten angegriffen. Mitten auf dem Bahnsteig lag ein großer Soldat auf seiner rechten Seite, völlig bewußtlos; blond war er und schön und lang gewachsen. Sein Kinn lag im Erbrochenen, er rührte sich nicht. Eine Menge sammelte sich um ihn und erwartete die weitere Entwicklung. Drei Riesen, mit den weißen Gamaschen und den weißen Helmen der amerikanischen Militärpolizei, näherten sich drohend. Die Menge verlief sich. Andere Sensationen zogen die Aufmerksamkeit an. Ein Neger war herausgefordert worden und hatte angenommen. Ein Boxkampf begann, der Neger siegte. Die Menge nahm ganz und gar für den Schwarzen Partei, der den Sieg in demselben Geiste akzeptierte wie zuvor die Herausforderung. Der Weiße hatte sich vom schmutzigen Boden wieder erhoben und fand Trost am ausladenden Leib seiner Freundin. Sie hatte einen glorreichen Sieg erwartet, war es jedoch zufrieden, das besiegte Haupt an ihrem verfallenen Busen zu bergen. Der Mann vergoß Tränen. Er dachte an seine Heimatstadt, wo alles glatt an der Oberfläche war und sonnig und still, mit den Sykomoren am Flusse.
Der singende Korporal der Seesoldaten war der nächste, der die Neugierde der Menge fesselte. Ein Zahnarzt in Uniform hielt eine Rede über den Krieg. Ein zweiter Held in Zivil versuchte sich in Unterbrechungen. »Wir drehen ihnen den Kragen um –«, und die Mädchen kreischten, quietschten, kicherten, brüllten, schrieen und bellten, öffneten und schlossen ihre Reihen. Die Züge donnerten in die Stationen und hielten an: der Wirbel teilte sich in Unterwirbel. Der Stationsvorstand pfiff, die weiblichen Schaffner riefen, der Zug fuhr wieder an, seine Lichter wie Fackeln strahlend; weiter, immer weiter durch die Tunnels; verborgen unter Grund wie ein explosives Mysterium.
Alle diese Männer und Weiber und Mädchen, die Huren und die Zuhälter und die Nutznießer eines Abends, hätten vielleicht längs des Schienenstranges in das schwarze Loch hineinwandern können, weiter und weiter und weiter hinziehen, stets unterirdisch, unter der wahren Welt, ein Licht in der Finsternis; sie hätten Meilen und Meilen gehen können, besoffen und von Fleischeslüsten besessen, sich gegenseitig abgreifen und drücken und pressen können, bis sie Atem und Samen und Bewußtsein verloren, eine ungefüge Masse, ein fühlloser Haufe, bis sie schließlich die große Bewegung Untergrund erreicht hätten, das große Ideal, die unterirdischen Kämpfer: das hilflose, hoffnungslose, hungernde, sterbende Europa, jenseits des Kanals – unter Grund, doch wie anders! Die dort das Schweigen des Todes statt hier der Lärm des Lebens; das Werk der Opfer statt das Leiden der Übeltäter.
»Es ist das Übel, das wir bekämpfen in diesem Krieg …« Der alte Mann war am Krebs gestorben und der jüngere Mann rauchte seine Zigarre, und der Mann mit dem stupiden Schnurrbart versteckte sich in einer anderen Untergrundfestung; sie alle, sie alle einander so nahe, so nahe der Herrlichkeit und der Macht; so nahe dem Mittelpunkt einer unheiligen Erde.
Uns paßte der Wirbel auf der Straße nicht. Wir versuchten, ein Taxi zu kriegen, doch der Nachtportier hörte nicht auf diesem Ohr. Ich schepperte ohne Erfolg mit den Halbkronen in der Tasche. Wir mußten uns an den Kämpfen in Piccadilly beteiligen. Taxis fuhren vor, hielten, wechselten ihre Passagiere und fuhren mit der neuen Kundschaft im Nu wieder davon. Andere fuhren mit größter Schnelligkeit vorbei; andere fuhren langsam, doch die wollten wieder keine Fuhre, die so weit war wie Janes Wohnung. Vier, fünf Offiziere waren in einen alten Wagen hineingestopft und brüllten ihren Trotz heraus gegen die harrende Menge. Die Straße vereinte sich in dem Ruf: »Taxi! Taxi!«; der Ruf klang flehend, elend, hochmütig, drohend. Schrille Pfiffe unterbrachen die menschlichen Stimmen. Andere Männer standen in kleinen Gruppen in der Mitte der Fahrbahn und winkten mit müden Händen durch die Halbdunkelheit. Wenn ein Auto stehenblieb, stürzten sich Schwärme von Militärpersonen darauf, in enger, taumelnder Formation.
»Gehen wir doch zu einem der Hotels«, sagte Jane. Wir gingen zum Berkeley. Draußen hatten sich ein paar Gäste angesammelt, und Neuankömmlinge wie wir mischten sich heimlich und unauffällig darunter. Ein großer Portier und ein hurtiger, winziger Laufbursche waren am Werk. Sie fächerten gegen die Hauptstraße aus und drangen in Richtung des Claridges vor. Der Portier nahm meine halbe Krone, blieb jedoch bei seiner traditionellen Gerechtigkeit – und die hieß: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Ein Taxi fuhr vor und nahm ein parfümiertes Paar auf. In der Hoteltür hatten zwei Damen in Hermelin und ein Stabsoffizier ihren Spaß mit einem Herrn, der soeben erst ihre Bekanntschaft gemacht zu haben schien. In Kriegszeiten finden sich die sonderbarsten Gesprächsgenossen. Ein polnischer Offizier stieß dazu. Sie lachten herzlich, doch innerhalb der Grenzen des Erlaubten. Jane trat heran und lauschte aufmerksam. Ihre Züge leuchteten auf, und ich bemerkte um ihre Augen eine sonst unbekannte Lustigkeit, als hörte sie bekannte Stimmen, die sie schon lange entbehrt hatte. Der polnische Offizier warf ihr einen schnellen Blick zu. Ich dachte mir, die stärksten Bande seien die Bande der Klasse, Kaste und Erziehung. Ich beneidete diese Menschen zwar nicht, doch ich fühlte mich ausgeschlossen. Als die Gesellschaft dann den nächsten Wagen nahm, beschlossen wir, es aufzugeben. Der Nebel wurde wieder dichter; wir gingen zu Fuß durch Mayfair zur U-Bahnstation Bond Street.
Ich sagte: »Der polnische Offizier hat sehr lasterhaft ausgesehen.«
Sie sagte mit abweisender Stimme: »Sie haben ja keine Idee, wie lasterhafte Leute wirklich aussehen. Das Pech ist, ich kenne sie alle.«
»Alle Laster?«
»Alle.«
Ich antwortete nichts. Wir gingen an einem der großen Mayfair-Hotels vorbei. Aus der Küche im Souterrain kamen Licht und Gestank. Ich war eifersüchtig und machte eine dumme, grobe Bemerkung. Sie nahm daran Anstoß und sagte es auch.
Die U-Bahn war höllisch. Wir kämpften uns auf den Bahnsteig durch, der voll war von betrunkenen Soldaten, Offizieren, von Huren, Theaterbesuchern und Kindern. In ihren Schlafstellen schliefen die Unschuldigen des Londoner Bombardements friedlich dahin, oder sie saßen da und beobachteten aus forschenden Augen den Glanz der Nachtschwärmer und -schwärmerei. Einige Kinder teilten die Bettstatt mit ihren besoffenen Müttern. Andere träumten allein, die Hände auf der schmutzigen Decke, goldene Locken um ein pausbäckiges Gesicht. Viele von den ständigen Gästen hatten ihren Spaß mit den Soldaten, die mit den Sitten des Londoner Nachtlebens noch nicht vertraut waren.
Als dann die Züge einliefen, brachen Scharen anderer Halbwüchsiger aus den Waggons vor und vereinigten sich mit ihren Familien. Sie hatten gerade ihre letzte Fahrt auf den U-Bahnstrecken beendet: sie hatten Kameraden getroffen aus Bezirken, die so weit entfernt lagen wie Wimbledon, Chiswick und Wembley; sie hatten neue Ideen von Spiel, Trunksucht und Laster in fremden Distrikten aufgeschnappt.
Wir rauften um den Eingang. Menschen waren in den Waggon hineingestopft. Die rauhe Stimme der weiblichen Stationshilfskraft beschleunigte unsere Schritte. Ein Fliegeroffizier aus Australien berührte Janes Arm und erhielt einen Verweis. Irgendjemand spielte auf einem Instrument, seine Stimme ging im Lärm unter. Der Zug raste dahin, die Betrunkenen rollten herum, die Mädels kicherten, die Soldaten stießen gegeneinander, Hirn und Seele waren uns durchbohrt mit dem Spektakel der Ungezügelten: wir mußten uns bemühen, verhältnismäßig die Form zu wahren. Nicht einen Augenblick lang sah mir Jane ins Gesicht.
Sie war vielleicht böse, weil ich kein Taxi hatte auftreiben können. Sie haßte diese Umgebung vielleicht so sehr, daß sie das Antlitz dessen, der dafür verantwortlich zu machen war, nicht einmal zu sehen wünschte. Wenigstens waren wir aber nicht getrennt. Nicht eines Haares Breite lag zwischen ihrem Rücken und meiner Brust, zwischen ihrem Nacken und meinem Mund, zwischen meinen Händen und ihren Hüften. Wir standen nicht: wir hingen. Ein anderer Soldat ging ihre Vorderseite an, und sie wandte sich bei der nächsten Station um, müde und angeekelt. Die Luft war zum Schneiden, der Lärm nahm zu. Einer wollte aussteigen und stieß uns mächtig. Ich fand plötzlich meine Hand auf Janes Schulter und meinen Arm um ihre Taille. Ich war erregt, und mein Ungewissen, das mir auf der rechten Achsel saß, flüsterte mir ins Ohr: »Gesteh es ein – du hast das gern. Du hast das schon sehr gern. Was für eine Gelegenheit! Du bist nicht ihr Geliebter und du versuchst von dieser Nähe und Enge genau so Vorteil zu ziehen wie sonst einer. Was für ein süßes Mädel du nur hast! Schade, daß sie nicht dein ist.«
»Halt den Mund!« flüsterte ich zurück. Jane hörte mich nicht. Sie machte eine Bemerkung über das Amt, in dem sie arbeitet, sie sprach recht laut, als wolle sie ihre eigne Bedeutung ausspielen gegen die protzigen Rangabzeichen, gegen den Ruhm der Soldateska. Das Lachen im Kreise verstummte, die Stimmen schwiegen einen Augenblick, und ehrfürchtiger Schrecken überfiel die Lauschenden. Schließlich und endlich war es ein berühmtes Regierungsamt, wo sie arbeitete.
Wir stiegen aus und gingen die kurze Strecke zu ihrer Wohnung. Ich sah einen klaren Himmel zu Häupten, nebellos, ein paar Fixsterne schwammen in dunklen Höhen, unberührbar und heilig. Ich war nicht müde, fühlte mich aber alt und abgespielt. Ich nahm ihren Arm, und sie entzog ihn mir nicht. Sie war recht munter und begann, mir eine scherzhafte Anekdote aus ihrem Büro zu erzählen.
Ich wollte sie nicht fragen, ob ich mit ihr in die Wohnung hinaufkommen könne, sie ging jedoch einfach an die Haustür und dann hinein, das Tor ließ sie hinter sich offen für mich. Mit einem einzigen Sprung nahm ich die beiden Stufen, meine Enttäuschung war wie weggeblasen. Ich stieg hinter ihr die Treppen hinauf, und ich erinnerte mich an den Tag, als ich mit ihr zum erstenmal in ihre Wohnung gekommen war. Ich erinnerte mich an ihren geschwungenen Rücken und was ich damals gefühlt hatte, vor zwei Jahren: die starke, trockene Erregung des unsentimentalen Mannes, der sein Jagdtier zur Strecke bringt. Ich sah ihr Profil in dem Licht, das aus der Wohnung des Steuereinnehmers fiel, und die honigfarbene Strähne Haares unter ihrem schwarzen Hut. Ich sah sogar die Perlen um ihren Hals.
Sie öffnete die Wohnungstür; die alte Dame war wohl schon abgereist. Jane knipste das elektrische Licht in dem kleinen Vorraum an und ging in das Wohnzimmer, um den Gasofen anzuzünden.
»Schon gut«, sagte sie. »Kommen Sie nur herein –« Sie nahm aber nicht den Kleiderbügel aus dem Schrank für mich, wie sie es früher getan hatte. Ich fühlte mich vernachlässigt. Ich wußte nicht, ob Krieg oder Frieden auf mich wartete.
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