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Hans Christian Andersen
Der Garten des Paradieses
Übersetzt
Julius Reuscher
Saga
Der Garten des Paradieses ÜbersetztJulius Reuscher Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1839, 2020 Hans Christian Andersen und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726520620
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
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Der Garten des Paradieses.
Da war einmal ein Königssohn. Niemand hatte so viele und so schöne Bücher als er; alles, was in dieser Welt geschehen ist, konnte er darin lesen und die Abbildungen in prächtigen Bildern bewundern. Von jedem Volke und jedem Lande konnte er Auskunft erhalten, aber wo der Garten des Paradieses zu finden sei, davon stand kein Wort darin, und der gerade war es, an den er am meisten dachte.
Seine Grossmutter hatte ihm erzählt, als er noch ganz klein war, aber anfangen sollte, zur Schule zu gehen, dass jede Blume im Garten des Paradieses der süsseste Kuchen, die Staubfäden der beste Wein sei; auf einem stehe Geschichte, auf einem andern Erdkunde, man brauche nur Kuchen zu essen, so kenne man seine Aufgabe; je mehr man speise, um so mehr Geschichte und Erdkunde lerne man.
Das glaubte er damals; aber als er ein grösserer Knabe wurde, mehr lernte und klüger wurde, begriff er wohl, dass eine ganz andere Herrlichkeit im Garten des Paradieses sein müsse.
„O, weshalb pflückte doch Eva vom Baume der Erkenntnis? Warum ass Adam von der verbotenen Frucht? Das sollte ich gewesen sein, so wäre es nicht geschehen! Nie wäre die Sünde in die Welt gekommen!“
Das sagte er damals, und das sagte er noch, als er siebzehn Jahre alt war. Der Garten des Paradieses erfüllte alle seine Sinne.
Eines Tages ging er im Walde allein, denn das war sein grösstes Vergnügen.
Der Abend brach an, die Wolken zogen sich zusammen, es wurde ein Regenwetter, als ob der ganze Himmel eine einzige Schleuse wäre, aus der das Wasser stürzte; es war so dunkel, wie im tiefsten Keller. Bald glitt er in den nassen Grase aus, bald fiel er über die nackten Steine, welche aus dem Felsengrunde hervorragten. Alles triefte vom Wasser, es war nicht ein trockener Faden an dem armen Prinzen. Er musste über grosse Steinblöcke klettern, wo das Wasser aus dem hohen Moose quoll. Er war nahe daran, kraftlos umzusinken, da hörte er ein sonderbares Sausen, und vor sich sah er eine grosse, erleuchtete Höhle. Mitten in derselben brannte ein Feuer, so dass man einen Hirsch daran braten konnte, und das geschah auch; der prächtigste Hirsch mit seinem stolzen Geweihe war auf einen Spiess gesteckt und wurde langsam zwischen zwei abgehauenen Tannenbäumen herumgedreht. Eine ältliche Frau, gross und stark, als wäre sie eine verkleidete Mannsperson, sass am Feuer und warf ein Stück Holz nach dem andern darauf.
„Komm nur näher!“ sagte sie. „Setze dich an das Feuer, damit deine Kleider trocknen.“
,,Hier zieht es arg!“ sagte der Prinz und setzte sich auf den Fussboden nieder.
„Das wird noch ärger werden, wenn meine Söhne nach Hause kommen!“ erwiderte die Frau. ,,Du bist hier in der Höhle der Winde, meine Söhne sind die vier Winde der Welt. Kannst du das verstehen?“
„Wo sind deine Söhne?“ fragte der Prinz.
„Ja, es ist schwer zu antworten, wenn man dumm fragt,“ sagte die Frau. „Meine Söhne treiben es auf eigene Hand, sie spielen Federball mit den Wolken dort oben im Königssaal!“ Und dabei zeigte sie in die Höhe hinauf.
,,Ach so,“ sagte der Prinz. „Ihr sprecht übrigens ziemlich barsch und seid nicht so sanft wie die Frauen, die ich sonst um mich sehe!“
„Ja, die haben wohl nichts anderes zu tun! Ich muss hart sein, wenn ich meine Knaben in Gehorsam erhalten will; aber das kann ich, obgleich sie steife Nacken haben! Siehst du die vier Säcke, die an der Wand hängen? Die fürchten sie ebenso wie du früher die Rute hinter dem Spiegel. Ich kann die Knaben zusammenbiegen, sag’ ich dir, und dann müssen sie in den Sack; da machen wir keine Umstände! Da sitzen sie und dürfen nicht eher wieder heraus und umherstreifen, als bis ich es für gut erachte. Da haben wir den einen!“
Das war der Nordwind, der mit einer eisigen Kälte hereintrat; grosse Hagelkörner hüpften auf dem Fussboden hin, und Schneeflocken stöberten umher. Er war in Bärenkleider gehüllt; eine Mütze von Seehundsfell ging über die Ohren herab; lange Eiszapfen hingen ihm am Barte, und ein Hagelkorn nach dem andern glitt ihm vom Jackenrock herunter.
„Gehen Sie nicht sogleich an das Feuer!“ sagte der Prinz. „Sie können sonst leicht Frost in das Gesicht und die Hände bekommen.“
„Frost,“ sagte der Nordwind und lachte laut auf. ,,Frost! Das ist ja gerade mein grösstes Vergnügen! Was bist du übrigens für ein Klapperbein! Wie kommst du in die Höhle der Winde?“
„Er ist mein Gast,“ sagte die Alte, ,,und bist du mit dieser Erklärung nicht zu frieden, so kannst du in den Sack kommen! Verstehst du mich?“
Sieh, das half, und der Nordwind erzählte, von wo er kam und wo er fast einen ganzen Monat gewesen sei.
„Vom Polarmeere komme ich,“ sagte er; „ich bin auf dem Bäreneilande mit den russischen Walrossfängern gewesen. Ich sass und schlief auf dem Steuer, als sie vom Nordkap wegsegelten; wenn ich mitunter ein wenig erwachte, flog mir der Sturmvogel um die Beine. Das ist ein lustiger Vogel; er macht einen raschen Schlag mit den Flügeln, dann hält er sie unbeweglich ausgestreckt und fliegt doch fort.“
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