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Hanne-Vibeke Holst
Die Kronprinzessin
Übersetzt
Frederike Buchinger
Saga
Die Kronprinzessin ÜbersetztFrederike Buchinger Original KronprinsessenCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2002, 2020 Hanne-Vibeke Holst und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726569605
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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»Die Guten weinten und die Bösen lachten. So kurz konnte man es sagen. Hätte es denn anders gehen können? Hätte es anders gehen müssen? Fuck. Journalisten sind Schweine, Politiker sind Schweine. Aber sie war keins. Das war der einzige Unterschied. Und darin lag das Drama.«
Sie fürchtet sich nicht vor der Dunkelheit. Nur vor dem Bild.
Es ist weit nach Mitternacht, die Nacht vom zwanzigsten auf den einundzwanzigsten Dezember. Charlotte schläft nicht. Sie liegt mit weit offenen Augen in ihrem Bett, um es nicht aus der Schlaflosigkeit hervortreten zu sehen. Bemüht sich stattdessen, Gegenstände in der filzartigen Dunkelheit des Raumes auszumachen – den Schrank, den Stuhl, die lateinamerikanischen Webstoffe an der Wand, die Lamellen des Rollladens. Lauscht nach den fernen Verkehrsgeräuschen des Jagtvej, hört den Krach eines Kanonenschlags heraus, folgt einer Notfallsirene, einem Frauenlachen in der Straßenschlucht. Fließt hin in der Musik, die aus der Wohnung von unten kommt, träger Jazz, empfindsame Saxofonsoli, die durch die Decke nach oben steigen wie die bläulichen Rauchfahnen einer glühenden Zigarette. Sie denkt an New York, den Club im The Village, in dem sie damals tanzen waren. Vor den Zwillingen. Den Zwillingen, deren Husten in regelmäßigen Abständen von der anderen Seite der Wand zu hören ist. Besonders Jens’ asthmatisches Bellen. Sie wickelt sich aus den langen Beinen ihres Liebsten, löst seinen Arm von ihrer Schulter. Er fällt schwer aufs Laken. Thomas verschläft alles. Kanonenschläge, Krankenwagen, Kinderhusten. Der Schlaf des Gerechten, sagt er, der nie von Dämonen gejagt wird. Wie sollte er dann ihre verstehen können?
Ohne Licht anzumachen, geht sie durch das Schlafzimmer auf den Gang zum Kinderzimmer. Tastet sich barfuß um Bauklötze, Puppen und Autos herum bis zu Jens’ Bett vor, setzt sich auf die Bettkante und stützt seinen Hinterkopf, während er, kaum wach, aus dem Wasserglas trinkt, das sie ihm hinhält. Klopft ihm leicht auf den Rücken, redet beruhigend mit ihm, streichelt ihm über die Wange und legt ihn behutsam wieder hin. Ein Lächeln huscht über sein rundes Gesicht, während sie die Bettdecke um ihn herum feststopft und seine Hand hält, bis seine Atmung wieder regelmäßig ist. Unterdrückt den Drang, sich neben ihn in das viel zu kurze Bett zu legen oder ihn in ihr eigenes zu tragen. Dreht sich zu dem anderen Bett, in dem Johanne wie gewöhnlich quer liegt, die Decke weggestrampelt. Sie ist die kleine Schwester, zehn Minuten nach ihrem Bruder geboren. Aber sie ist die Starke. So ist es in ihrer Familie immer gewesen. Auf dieser Seite. Wie ihre Mutter zu sagen pflegte: »Die Kerle waren schon immer nur Schwächlinge.« Während die Frauen das Band gewesen sind, das alles zusammenhält. Generation für Generation. Mit Johanne wurde auch gekuschelt und geschmust. Vielleicht nicht ganz so sanft. Bei ihr hatte sie nie Angst gehabt, sie zu verlieren. Sie kommt schon klar. So wie sie selbst klargekommen ist.
Thomas breitet die Arme aus, als sie zurückkommt und ihre kalten Füße an seiner Wade reibt.
»Kannst du nicht schlafen?«, murmelt er.
»Jens hustet«, antwortet sie und kriecht ganz nah zu ihm hin.
»Wollen wir uns lieben?«, fragt er und lässt seine Hand über ihren Bauch streichen.
»Wir müssen schlafen«, konstatiert sie und gähnt. Schließt die Augen. Spürt die Schwere. Jetzt kann sie schlafen. Er ist auf dem Weg, der Schlaf.
Aber dann trickst er sie doch aus. Gerade als sie glaubt, entkommen zu sein, taucht das Bild auf. Oder besser gesagt die Filmsequenz, die damit anfängt, dass die Mutter den Kuchen aus dem Ofen nimmt und sie bittet, den Vater und Kesse zum Kaffee zu holen. Und sie geht, oder besser, hüpft auf einem Bein über den gekiesten Hof, und es gelingt ihr, sowohl einen Stein zwischen Fuß und Sandale zu bekommen als auch, ihn wieder herauszubefördern und darüber zu spekulieren, ob sie wohl heute Nachmittag am Strand wären. Noch bevor sie die alte Wasserpumpe mit der Zinkwanne, in die die Mutter Ringelblumen gepflanzt hat, in der Mitte des Hofs erreicht hat, hat sie es auch noch geschafft, auf Englisch bis drei zu zählen – one, two, three – und hört ihre Mutter mit dem Porzellan klirren und das Radio aufdrehen. »Es ist was faul in Dänemark/die Dybbøl Mølle mahlt zur Hölle«, grölt John Mogensen durch das offene Küchenfenster, und sie grölt mit.
In diesem Augenblick ist es so sehr Sommertag, wie es nur sein kann. Bis Kesse aus der Scheune kommt, monumental wie ein Riese, ihren Vater über der rechten Schulter schleppend. Auf dieselbe Art, wie er verreckte Schweine trägt. Seither hat sie nicht mit Sicherheit sagen können, ob Kesses Brüllen oder die baumelnden, strümpfigen Füße ihres Vaters der Grund waren, warum sie in die Hose machte.
In jedem Fall war das der Moment, in dem ihre Welt zerbrach. Juli 1974. Als sie neun Jahre alt war.
Sie beißt in eine Ecke ihrer Decke, um die Fortsetzung zu vermeiden. Die Bildfolge dessen, was sie tatsächlich gar nicht gesehen hatte. Wie er es getan hatte. Wie er aus dem Seil des Mähbinders zuerst einen Strick band und danach eine Schlinge knüpfte. Wie er hinaufkletterte und das Reep am Hahnenbalken befestigte. Wie er ein altes Ölfass herbeischaffte, sich die Schlinge um den Hals legte, die Lippen anfeuchtete, die Augen aufriss und die Tonne unter sich wegtrat. Wie ein Zucken über sein Gesicht jagte, weil er es bereute.
An das Bereuen klammert sie sich. Immer noch. Nach all den Jahren. Natürlich bereute er. Da war es nur einfach zu spät.
Die Bilder lassen sie los, verblassen stumm. Aber die Angst ist immer noch da. Wie eine kalte Knochenhand, die ihren Nacken gepackt hat. Sie sucht nach Thomas’ Hand.
»Thomas?«, flüstert sie.
»Mmmh?«
»Ich habe Angst ...«
»Ich bin bei dir, Schatz«, sagt er und zieht sie zu sich. Schließt seine Hand um ihre Brust, die sich plötzlich so schwer anfühlt wie ein milchgefülltes Euter.
»Oh, wie warm du bist!«, stöhnt er, schon schnell atmend.
Sie nimmt ihn entgegen, küsst seinen Hals, als er in sie gleitet. So vertraut. So lebendig.
Danach schläft sie. Sicher. Wie ihre eigenen Kinder.
Charlotte Damgaard war keine Erfindung des Staatsministers.
Ihr Name war nie in einem kleinen, schwarzen Buch notiert worden, sie stand nicht auf der Liste, die er so gut wie fertig hatte, als er an diesem frühen, stockdusteren Dezembermorgen aufwachte. Zu früh. Besonders, wenn man in Betracht zog, wie spät es am Abend vorher geworden war. Aber auch wenn es erst kurz vor fünf war, war ihm klar, dass der Versuch, weiterzuschlafen, zwecklos war.
Stattdessen freute er sich darüber, dass er wenigstens dieses eine Mal zu Hause in der Stockholmsgade aufwachte und nicht in der Suite irgendeines Luxushotels in einer anderen Zeitzone oder draußen auf Marienborg. An und für sich fühlte er sich wohl da draußen – anders als Gitte, seine siebzehn Jahre jüngere Journalisten-Gattin, aber er riss sich nicht darum, dort zu sein, wenn sie auf Reportagereise war. Außerdem waren sie jetzt für den Winter wieder in die Stadt gezogen, nach einem langen, milden Herbst auf dem Land. Was er selbst genossen hatte, als eine Art rekreatives Refugium während der aufreibenden Wochen und Monate vor und nach der fatalen Euro-Abstimmung. Er war sich nicht sicher, ob er das ohne diese Zufluchtsstätte in schöner, friedlicher Umgebung durchgestanden hätte. Aber immer, wenn das Ministerauto den Nybrovej erreichte und über die kopfsteingepflasterte Zufahrt zur Sommerresidenz des Staatsministers rollte, die dem Staat einst von einem reichen jüdischen Mäzen vermacht worden war, entfuhr ihm ein kleiner Seufzer der Erleichterung. Jetzt konnte er es sich erlauben zu entspannen, den Krawattenknoten zu lockern und die Schultern fallen zu lassen. Wenn er nicht gerade sehr spät dran war und als Gastgeber bei einem offiziellen Abendessen erwartet wurde, und wenn nicht Gitte selbst in der Küche stand und das Messer schärfte, das sie ihm in den Bauch zu rammen drohte, sollte er nicht SOFORT zu ihrem (in der Regel mediterran inspirierten) Essen kommen – dann ließ er seinen Chauffeur Mappe und Jackett tragen und ging selbst direkt in den Park, um zwischen den alten, seltenen Bäumen umherzuschlendern, die der Mäzen hatte pflanzen lassen.
Wenn er mit den Fingern über deren Rinde strich, erfüllte ihn jedes Mal das gleiche Gefühl: Dankbarkeit dafür, dass er Zugang hatte zu diesem paradiesischen Garten mit zwitschernden Singvögeln und schwirrenden Libellen, Respekt vor der Großzügigkeit des Mäzens und zugleich eine gewisse Sorge darüber, ob die gegenwärtigen Machthaber, die er als »Beschlussfasser« bezeichnete, denselben Sinn für vorausschauendes Denken haben – »Bäume zu pflanzen« – im Namen der Zukunft. Als eingefleischter Sozialdemokrat mit Wurzeln im zähen westjütländischen Bauern- und Handwerkermilieu war er immer ein verbissener Vorkämpfer des Wohlfahrtsstaates gewesen. Und damit ein ebenso verbissener Gegner des ganzen alten Mäzenatentums mit seiner punktuellen Wohltätigkeit und den mildtätigen Hutträgerinnen, das, recht besehen, lediglich unzureichenden Ablass für die zynische Ausbeutung der arbeitenden Bevölkerung leistete. Aber er musste doch einräumen, dass die Umverteilung und die erfolgreiche Gleichmacherei des Wohlfahrtsstaats auch ihren Preis hatten. Es kamen zwar nur wenige Dänen mit dem Goldlöffel im Mund zur Welt. Dafür war die Mehrzahl mit einem Silberlöffel ausgestattet, der aber von niemandem als ein besonderes Geschenk angesehen wurde, das mit einer Reihe von Verpflichtungen verbunden war, seinen Teil für die Gemeinschaft zu leisten. Vielmehr waren die Dänen inzwischen so verwöhnt und verhätschelt, dass sie schon lange aufgehört hatten, für den Überfluss dankbar zu sein, in dem sie lebten, und stattdessen nach immer mehr schrien. Hier und jetzt. Ein Mäzen, der sich moralisch verpflichtet fühlt, die tragenden Säulen der Gesellschaft zu unterstützen, oder der den Wunsch verspürt, sich seinen Ruhm als ehrwürdiger und verantwortlicher Bürger zu sichern, war allmählich schwer aufzutreiben.
Fehlende Weitsicht war ein Problem. In diesen Zeiten. Und nicht zuletzt in der Politik; er liebte es, die Jüngeren in der Fraktion darüber zu belehren, wenn er sich eines der seltenen Male in ihrem Kreis niederließ oder Ausgewählte von ihnen zu vertraulichen Gesprächen in sein Büro lud. Letztere hatten meist den Charakter von Selbstgesprächen – langen Monologen, in denen er einige der Analysen und Themen ausprobierte, die später, geschliffen, gemäßigt und ausgeformt, zu Reden oder Einwürfen bei spektakulären Treffen oder wichtigen Fernsehdebatten wurden. Besonders auch im Zusammenhang mit dem Wahlkampf, bis hin zur Eurodebatte, in der er alles gegeben hatte, um zu gewinnen, und bis ganz zum Schluss damit gerechnet hatte, als Sieger daraus hervorzugehen. Die Niederlage hatte ihn erschüttert. Nicht nur, weil es eine schallende Ohrfeige für ihn selbst war, sondern auch, weil er sich zum ersten Mal desorientiert und verwirrt fühlte in Anbetracht des Volkes, das er offenbar so wenig verstanden hatte. Wienn er ganz ehrlich sein sollte, verstand er die Dänen nicht mehr. Oder vielleicht tat er es sogar noch. Aber er weigerte sich anzuerkennen, dass man immer noch über Spitze und Boden in der dänischen Gesellschaft sprechen konnte, über Masse und Elite, über die und uns. Die Sozialdemokratie hatte im Dänemark-Bild des Staatsministers haushoch gewonnen. Und wenn es auch möglicherweise ein paar Gegensätze gab, konnte es ihn doch ausgesprochen rasend machen, wenn jemand anzudeuten versuchte, dass sich unter der augenscheinlich so glatten Oberfläche immer noch markante Bruchstellen in einem Ausmaß fanden, die die Vorstellung einer homogenen, klassenlosen Gesellschaft unhaltbar machten.
Und er blieb dabei, obgleich Gitte, seine Liebste, seine Beharrlichkeit als zugleich »rührend und tragisch« bezeichnete und behauptete, diese würde in erster Linie auf ihn selbst hinweisen und auf sein Insistieren darauf, nicht aufgegeben zu haben. Sie hatten das Richtige gemacht, er hatte das Richtige gemacht.
Gut, ja, er hatte mit der Tradition gebrochen, ja, die Margarine-Stullen und die roten Kampflieder seiner Proletarier-Kindheit lagen weit zurück, ja, es war die Geschichte vom Milchjungen, der Staatsminister wurde ... aber niemand sollte sich jemals das Recht herausnehmen anzudeuten, er hätte vergessen, wo er herkam. Alles, was er tat, tat er für sie. Für ihre Kinder, Enkel und Urenkel. Und wer wollte behaupten, dass es nicht geglückt wäre? Machten nicht Arbeiterkinder ihr Abitur? War die Arbeitslosigkeit nicht so gut wie abgeschafft? Konnten die Älteren ihrem Ruhestand nicht sicher entgegensehen? Sogar von der Schuldenlast hatten sie so viel abhobeln können, dass niemand mehr den Kollaps des dänischen Wohlfahrtsstaates befürchten musste. Und was die Angst vor Überfremdung anging, so hatten auch sie dem großen Teil der Bevölkerung Entgegenkommen gezeigt, der die dänische Identität bedroht sah. Er war bereit, die dänischen Werte zu schützen, er war Garant für sie – und auch wenn er sich auf öffentlichem Parkett verblüffend gut schlug und schon lange gelernt hatte, mit einem Champagnerglas zu hantieren, so war er doch tief drinnen im Bauch so dänisch wie ein Hotdog mit Röstzwiebeln.
Deshalb war er auch so frustriert darüber, dass die Wähler ihn als »unglaubwürdig« aburteilten. Das war nicht gerechtfertigt. Dennoch hatte er seit der Euro-Niederlage auf die Medienberater gehört, die meinten, dass die Tage der Partei als Hauptnenner gezählt seien. Jedenfalls dann, wenn die Sozialdemokratie nicht bald einsehe, dass kosmetisches Lifting und populistisches Fettabsaugen einfach nicht ausreichten, um die Politikverdrossenheit zu eliminieren, die nämlich genau daraus resultierte, dass es zumindest in der Einbildung des Volkes ein »Oben-Dänemark« und ein »Unten-Dänemark« gab. Sie alle mussten verdammt bald mit etwas anderem in Erscheinung treten. Beweisen, dass man den Zeitgeist zu interpretieren wusste, dass man das politische Phlegma der jüngeren Generation verstand. Und dass man die tastende Frustration und Unsicherheit aufzuheben wusste, die sich in beinahe jeden Winkel des Landes eingeschlichen hatte, das er ansonsten kannte wie die Blaumann-Tasche seines Vaters. Sie mussten für etwas stehen. Das Profil schärfen, Integrität und Würde zeigen. So, dass sie es schaffen konnten, die Umfrageergebnisse umzukehren, die Woche für Woche bis weit unter die Schmerzgrenze rasselten. Dahin, wo auch die persönliche Popularität des Staatsministers vor sich hin dümpelte. Immer mehr Kritiker sprachen offen darüber, dass er die Konsequenzen daraus ziehen und gehen müsse. Zuletzt war er im Leitartikel des Börsenblattes im Zuge der Pressespekulationen der letzten Tage dazu aufgefordert worden, nachdem erst sein Verteidigungs- und dann auch sein Außenminister ihren Hut genommen hatten. Seinem Stab gegenüber schlug er die immer gröberen persönlichen Angriffe in den Wind, aber irgendwo unter der dicken Elefantenhaut rumorte es doch. Nicht, dass er tödlich getroffen gewesen wäre, das bestimmt nicht. Aber er merkte selbst, dass er reizbar war und sich zwischenzeitlich der Mutlosigkeit näherte, die ihn in früheren Zeiten zu einem mürrischen, aufbrausenden und schwierigen Chef für seine Mitarbeiter im Staatsministerium gemacht hatte. Dass einige, viel zu viele, die Konsequenzen gezogen und sich hatten versetzen lassen, was das Staatsministerium aussehen ließ wie ein von einem Tornado verwüstetes Durchgangslager, war bedauerlich. Untragbar. Um nicht zu sagen ein großer Haufen Scheiße. Dass zurzeit relative Ruhe herrschte, war teils dem Umstand zu verdanken, dass er es mit einem Willensakt geschafft hatte, sein Temperament zu zügeln, teils lag es daran, dass alle auf die Rochade warteten. Mit den beiden Ministerabgängen war die Unsicherheit vorbei – jetzt war es nicht mehr die Frage ob, sondern wann. Schloss Christiansborg, die »Burg«, stank förmlich vor Mutmaßungen und Klatschgeschichten, Journalisten lasen in Betonungen, Gesichtsausdrücken und im Kaffeesatz und erstellten neue Listen und Nachrichten über das Wer und das Wann.
So auch heute, konstatierte er, als er am Küchentisch stand und die Zeitungen überflog, während er an einem Glas mit frisch gepresstem Orangensaft nippte. An nichts konnte er sich da erfreuen, außer daran, dass – obwohl einige der alten Zeitungsratten gute Nachrichten hatten – niemand dabei war, der den Jackpot knacken und die Liste bringen konnte, die er als die endgültige ansah. In der Sitzung gestern Abend hatten sie sich darauf geeinigt, dass die neuen Minister der Königin am Donnerstag, dem 21.12., dem kürzesten Tag des Jahres, präsentiert werden sollten. Der Hof war unter der Hand schon informiert, und das Spiel war gestern aufgegangen, sodass die Radikalen abgehandelt waren, was ihre Interessen anging. Ihr Wunsch nach »Gesinnungsministerien« schien bescheiden, aber Per Vittrup kannte die Parteivorsitzende gut genug, um zu wissen, dass sie alles andere als dumm war. »Weitsicht« war ein Wort, das man durchaus auf sie anwenden konnte.
Wo es jetzt noch knirschte, war bei ihnen selbst. Oder genauer gesagt, bei Elizabeth Meyer, der jetzigen Gesundheitsministerin. Zurzeit in Genf, hatte sie am Handy die Idee, sie zur neuen Außenministerin zu machen, vorläufig akzeptiert. Wenn auch widerstrebend. So widerstrebend, dass ihm vor den Bedingungen graute. Denn Bedingungen stellte sie immer, Frau Meyer, und zu seiner seit Jahren anhaltenden Verärgerung und Irritation glückte es ihr im Großen und Ganzen immer, sie erfüllt zu bekommen. Denn genauso wie Gert Jacobsen, der Finanzminister, besaß er trotz seiner Erfahrung und unbestreitbaren strategischen Fähigkeiten, schon einige Züge weiter zu denken, nicht dasselbe Talent wie sie, in der Politik um Ecken sehen zu können. Darüber hinaus stand sie auf einem unverrückbaren Fundament solider Unterstützung aus der Bevölkerung – nicht zuletzt bei den weiblichen Wählern war sie seit Jahren eine zuverlässige Stimmenfängerin gewesen –, und mit dem Alter hatte sie eine Würde und mütterliche Fülle bekommen, die an die frühere norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland erinnerte. Einst in ihrer frisch gewählten roten Jugend hatten sie beide, er und Elizabeth Meyer, um den Thronfolgerposten gebuhlt. Aber damals, zu Beginn der Siebziger, war die Zeit noch nicht reif gewesen für eine mächtige Frau wie sie an der Spitze, und seither hatte sie nach mehreren spektakulären »Sachen«, die zu Eigentoren gerieten, von sich aus verzichtet. Aber man konnte nie wissen. Vielleicht tauchte sie ganz unvermittelt als hoch gefährlicher Joker auf. Darum waren er und Gert Jacobsen sich auch unausgesprochen einig darüber, dass Meyer um fast jeden Preis zufrieden und damit zugleich ruhig gestellt werden musste.
So hatte sie auch keinen Anspruch darauf, in seine Gedanken zur Rochade eingeweiht zu werden. Infolge guter alter dänischer Regierungs-Sitte war es Pflicht und Privileg des Staatsministers, sein Kabinett höchst eigenhändig zusammenzustellen. Aber es war ihm völlig klar, dass er in Teufels Küche kommen würde, wenn sie außen vor bliebe. Die Ministerliste musste schlicht und einfach zuerst mit ihr abgeglichen werden. Und die Pläne, die er am Telefon kurz für sie gelüftet hatte, schienen nicht unmittelbar auf große Begeisterung zu stoßen. Spät am Abend, nach dem Treffen bei Karen Hermansen, der Vorsitzenden der Radikalen und gegenwärtigen Wirtschaftsministerin, waren sie am Telefon übereingekommen, sich von Angesicht zu Angesicht in seinem Büro zu treffen, sowie sie nachmittags aus Genf angekommen sei. Ohne Gert, stillschweigend vorausgesetzt.
Was sie selbst sich vorstellte, hatte sie nicht viel mehr als vage angedeutet. Das war ihre Strategie. Ein plötzlicher, unerwarteter Angriff. Dass es Charlotte Damgaards Name war, den sie im Ärmel hatte, ahnte Per Vittrup darum nicht mal ansatzweise, als er morgenfrisch und laut Jinglebells singend gegen halb acht im Büro eintraf. Zuvor hatte er mit seinem persönlichen Trainer, dessen Aufgabe es war, den Staatsminister in physische Topform zu bringen, die übliche Stunde im Fitnesscenter geschwitzt. Vorläufig hatte er elf Kilo abgenommen, eine der wenigen Leistungen, mit denen er in dieser sonst wenig aufmunternden Zeit prahlen konnte. Was er denn auch tat. Seine Sekretärin Tove Munch verfolgte Kilo für Kilo mit Anfeuerungen und war schon mehrfach mit seinen Hosen beim Schneider gewesen, um sie enger machen zu lassen. Sie gönnte ihm die kindliche Freude über den Gewichtsverlust, hatte lange Mitleid mit ihm gehabt und ihm mit der üblichen Geduld seine Stimmungsschwankungen nachgesehen, die nicht zuletzt auch über sie hinwegfegten. An diesem Morgen freute sie sich also aufrichtig darüber, dass das Barometer offensichtlich gestiegen war – ein sicheres Zeichen dafür, dass etwas im Gange war. Etwas, worauf sie sich freute. Mit anderen Worten: die Rochade.
Und als sie ihm dann den Kaffee einschenkte und er – nachdem er in seinem besonders vertraulichen Ton ihr Parfum bewundert hatte – sie darauf vorbereitete, dass sie ihren Buchclubabend wohl würde absagen müssen, nickte sie nur wissend mit dem Kopf. Keine Schlüsselperson aus dem Staatsministerium würde heute diesseits der Deadline in den Zeitungsredaktionen nach Hause kommen. Aber das würden sie erst irgendwann heute Nachmittag erfahren. Auf diese Weise hielt man das Risiko einer undichten Stelle klein.
Was gleichbedeutend damit war, dass längst alle politischen Tiere der »Burg«, von der Hyäne bis zur kleinen Maus, die Fährte aufgenommen hatten. Nach und nach, so, wie der Morgen in den Vormittag überging, waren es immer mehr geworden, die ihr Vorzimmer umkreisten, von wo aus sie die geschlossene Doppeltür ihres Chefs bewachte wie ein Drachen. Journalisten ließen ihr Telefon heiß laufen, und sogar ihre Kollegen aus den anderen Ministerien, in denen der amtierende Minister besonders nervös auf seinem Posten saß, fanden Ausreden, um sie auszuhorchen. Aber Tove Munch hielt stand. Auch gegenüber dem Pressechef, der so frustriert darüber war, außen vor gelassen zu werden, dass er demonstrativ seinen Platz verließ, um »in die Stadt essen zu gehen«. Als er nach einem regulären Arbeitsgespräch bei einer großen Zeitung ein paar Stunden später zurückkam, war es fast zwei Uhr, und Elizabeth Meyer war soeben an Tove Munchs Schreibtisch vorbeigerauscht, direkt in Per Vittrups Büro. Sie hörte gerade noch sein etwas zu joviales »Schön, dich zu sehen, Beth!« Dann wurde die Tür geschlossen. Aber als hellhörige Sekretärin erfasste Tove Munch schnell, dass das arbeitsame und zielgerichtete vormittägliche Idyll, nur unterbrochen von einigen Telefonaten mit Gitte Baek, z. Zt. Kosovo, mit der Ankunft von Elizabeth Meyer torpediert wurde. Der Lärmpegel stieg ganz einfach so merklich, dass man hätte taub sein müssen, um nicht zu begreifen, dass die beiden gewaltig uneins waren.
Auch weit weniger einig, als der Staatsminister vorhergesehen hatte. Er war zwar darauf eingestellt, dass verhandelt werden musste. Dass das Gleichgewicht zwischen den beiden Hauptflügeln der Partei, seinem und Gerts, möglicherweise noch justiert werden müsste und dass Elizabeth als die rechtmäßige große Schwester darauf bestehen würde, dass keiner übervorteilt werden darf. Aber dass sie im Großen und Ganzen beabsichtigte, die gesamte Liste zu kassieren, es sei denn, sie bekäme ihre Hauptforderung erfüllt – das hatte er nicht erwartet. Primär fand sie die Liste zu vorsichtig, zu vorhersehbar und zu fantasielos – es fehlte beides: junge Kandidaten und Frauen, und besonders junge Frauen. Was der Staatsminister bedauerlicherweise einräumen musste, aber er war ganz einfach in Kandidatennot. Sie beide, er und Gert, hatten ihre Netze ausgeworfen, um die jungen Talente in der Partei zu finden, aber die Wahrheit war, dass die Ausbeute deprimierend mager war. Besonders was die jungen weiblichen Talente betraf, die Zielstrebigkeit und Stärke gezeigt hatten. Zwar kamen sie enthusiastisch in die Fraktion, aber die meisten verloren schnell an Flughöhe und schafften es nur ein oder zwei Legislaturperioden lang, dabeizubleiben. Bevor sie Kinder bekamen. So war es, ob es einem nun passte oder nicht. Die jungen Männer waren stabiler, vielleicht auch primitiver in ihrem Machtstreben. Aber während viele der Mädchen mit der Zeit verschwanden, war es, als ob die Jungs buchstäblich mit ihrer Aufgabe wuchsen, sodass sie sehr bald in der Lage waren, einen Anzug auszufüllen und mit Nachdruck und Autorität zu sprechen. Es war schon möglich, dass er deshalb einige der jungen Männer auf Kosten der Damen favorisiert hatte, die, was man gerechterweise auch sagen musste, Taktgefühl bewiesen hatten. Also, darüber konnte man »mit sich reden lassen«.
Mit einem derartig vagen Versprechen konnte Meyer allerdings überhaupt nichts anfangen, was sie auch unmissverständlich zu verstehen gab. Tatsächlich hatte Per Vittrups altväterlicher Tonfall ihren alten Unwillen provoziert: darüber, wie nicht nur sie selbst, sondern auch die anderen Frauen ihrer Generation, ihrer Zeit und überhaupt, von alten Pavianen und jungen Löwen heruntergemacht worden waren, die die hinterhältigsten Tricks und schäbigsten Fouls einsetzten, um ihr Revier zu sichern und die Frauen rauszuhalten. Per Vittrup liebte es eigentlich, sich selbst als Fürsprecher der Frauen zu sehen. Unter anderem brüstete er sich damit, für das Lohngleichstellungsgesetz gekämpft zu haben, das in den Siebzigern eingeführt worden war, und er hatte ganz offiziell Frauengruppen, das Frauenjahr und Frauenkonferenzen unterstützt. Er kannte Meyers Temperament, wenn sie erst in Fahrt gekommen war, darum versuchte er es mit Abrüstung, anstatt zu protestieren: »Es gibt doch keinen, der dich runtergemacht hat!«
In diesem Augenblick veränderte sie ihre Farbe wie ein Chamäleon von einem hitzigen Rot zu einer marmorierten Blässe, die ihre Sommersprossen hervortreten ließ. Selbst ihre so charakteristischen blaugrünen Augen wurden fast farblos, als sie ihn lange genug unbewegt anstarrte, um ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken zu jagen, bevor sie zischte: »Was glaubst du eigentlich, warum du auf diesem Stuhl sitzt und nicht ich?«
Hinterher musste er einräumen, dass er sich gewunden hatte wie ein Schuljunge, obgleich er fand, dass sie ungerecht war und unbestreitbar wider besseres Wissen sprach. Sie waren Gegner gewesen, Konkurrenten, und er hatte genau wie sie die Mittel eingesetzt, die er zur Verfügung gehabt hatte. Aber das aufzugreifen und ihn der Unterdrückung des weiblichen Geschlechts anzuklagen und ihm am helllichten Tage chauvinistische Konspiration zu unterstellen! Ihm, der sie immer als gleichwertigen Gegner betrachtet hatte! Mit einem abwehrenden Kopfschütteln suchte er nach den richtigen, sorgsam gewählten Worten, hatte sie aber leider noch nicht gefunden, als ihre Farbe wieder zu flammendem Rot wechselte, die Augen feucht wurden und sie einen Zug um den Mund bekam, den er erst wenige Male gesehen hatte. Sie beugte sich nach vorne und flüsterte fast: »Du hast Eva vergessen, nicht wahr? Ihr alle habt sie vergessen, oder? Du und Gert und die ganze Meute? Was meinst du wohl, warum sie damals von der Brücke gesprungen ist?«
Das war eine so grobe Anklage, dass ihm die Luft wegblieb und er nicht zu einer Erwiderung imstande war, wenngleich sein eigener Zorn hochzukochen begann. Er war so wütend, dass er nicht einmal Tove Munch beachtete, die in diesem Augenblick die Tür öffnete und hereinschlüpfte, um ein paar unterschriebene Dokumente von seinem Schreibtisch zur weiteren Bearbeitung zu holen. Sie hingegen blieb abrupt stehen, als sie bemerkte, wie aufgeregt er war. Die Unterlippe vorgezogen, die Hände geballt, die Knöchel weiß, während Elizabeth Meyer erstarrt war wie ein Wachsmodell in einem historischen Tableau.
»Ich habe Eva geliebt«, sagte er leise zitternd. »Ich vergesse sie niemals. Das weißt du genau!«
Elizabeth Meyer schielte in Tove Munchs Richtung, sodass die sich wieder in Bewegung setzte und die Dokumente aus der Ablage des Schreibtischs nahm. Aber die Situation war so angespannt, dass auch Meyer nicht wartete, bis sie wieder alleine waren, bevor sie in demselben leisen Ton fortfuhr.
»Weshalb sprang sie denn? Deiner Meinung nach?«
Per Vittrup stand auf und ging zum Fenster, wobei er seine Sekretärin kreuzte, die auf dem Weg zurück zur Tür war.
»Weil sie zu zerbrechlich war für diese Welt! Aber das wolltest du nicht wahrhaben! Sie sollte mit aller Gewalt nach vorne gebracht werden!«
»Sie war eine Idealistin! Sie brannte dafür! Sie wollte!«
»Eva war psychisch labil«, murmelte Per Vittrup abgewandt zu sich selbst, bevor er sich wieder zu ihr umdrehte. »Ihr fehlte die nötige Brutalität. Das haben wir damals nur nicht begriffen.«
Tove Munch registrierte, dass er in den Schultern leicht zusammengesunken war, als sie sich routinemäßig über den Konferenztisch beugte, um die leere Thermoskanne mitzunehmen. Ohne frischen Kaffee konnte der Staatsminister nicht leben. Erst recht nicht an so einem Tag.
»Damals, als wir alle Idealisten waren ...«, setzte Elizabeth Meyer säuerlich fort, während sie ihre Dior-Lesebrille aufsetzte, die an einer Schnur um ihren Hals hing. Dann bat sie Tove Munch darum, auch eine Kanne frischen Tee zu bringen.
