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H. C. Licht

Die Revolution der Bäume

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1 / Im Sägewerk

2 / Erleuchtete Narren grünen grüner

3 / Bei Nacht und Nebel

4 / Frauenpower

5 / Ein Kind dieser Erde

6 / Unausgesprochene Gedanken

7 / Auf Konfrontationskurs

8 / Lustgewinn

9 / Gefühlschaos

10 / Eine engelsgleiche Erscheinung

11 / Frischer Wind

12 / Die Ruhe vor dem nächsten Sturm

13 / Spontanheilung

14 / Bestückt wie ein Hengst

15 / Lisas Befürchtung

16 / Erwins Mondfahrt

17 / Der Anschlag

18 / Hermanns letzte Reise

19 / Der Naturmaler

20 / Eine Geste der Versöhnung

21 / Alle für einen

Impressum neobooks

1 / Im Sägewerk

Am Arsch der Zeit schabt sich eine Fliege ihre Fühler wund. Orientierungslos kreiselt sie vor den staubigen, mit längst verwaisten Spinnweben verzierten Fensterscheiben. Sie ist kurz davor, aufzugeben. Seit einer gefühlten Ewigkeit versucht sie, hinaus ins Freie zu gelangen. Vom ersten verheißungsvoll rosigen Schein des Sonnenaufgangs bis zum Verglimmen des abendlichen Dämmerlichts, schlägt sie mit ihren zart geäderten Flügeln gegen das Glas und bestaunt das seltsam vertraut wirkende Scheitern ihres Spiegelbildes.

Nicht, dass es in der Halle nichts zu fressen und zu trinken gäbe oder es in ihr besonders unbehaglich wäre, aber man lebt nicht vom Brot allein. In der Nacht zuvor hat sie von weitläufigen Wiesen und den vielfältigen Grüntönen der sich sacht im Wind wiegenden Pflanzen geträumt. Die warme Luft war erfüllt vom vielversprechenden Aroma des Sommers und dem emsigen Summen der Bienen, die den süßen Nektar aus den Blüten der Wildblumen saugten.

Im Schlaf hat sie in das lebendige Herz einer bunten, fantastisch facettenreichen Welt geschaut, in die selbe, die hinter der schmutzigen Fensterscheibe lockt, sich bis an den Horizont erstreckt. Der Traum hat ihre Sehnsucht nach der großen Freiheit noch befeuert. Inständig wünscht sie sich, dort draußen auf Entdeckungsreise zu gehen. Schon die bloße Vorstellung, die Grenzenlosigkeit jenseits ihres Gefängnisses doch noch erfahren zu können, entzündet den winzigen Funken Hoffnung in ihr immer wieder aufs Neue.

Sich das Dasein als Gefangene schön zu reden hieße, sich dem Schicksal zu ergeben. Doch den Kampf um die Freiheit aufzugeben, kommt für die Fliege nicht in Frage. Wie alle ihre Artgenossen, die kleinen und kleinsten Lebewesen, besitzt sie das Naturell einer Kriegerin. Dennoch, das muss sie sich während einer längeren Verschnaufpause schmerzlich eingestehen, das vergebliche Suchen nach einer Fluchtmöglichkeit macht sie müde, todmüde.

Genau in dem Moment, als die Fliege beschließt, eine Ruhepause einzulegen und für ein erholsames Nickerchen die Augen schließen will, öffnet sich an der Längsseite der Halle eine Tür. Fassungslos registriert sie das verheißungsvolle Aufblitzen des Tageslichts, es füllt den gesamten Türrahmen aus.

Das ist ihre heiß ersehnte Chance! Ihre winzigen Füßchen hinterlassen eine undefinierbare Spur im Staub des Fensterbretts, während sie ohne zu zögern, Anlauf nimmt. Dann fliegt sie, Volldampf voraus, auf das riesige Wesen zu, das gerade den Raum betritt. Kurz bevor die Tür donnernd ins Schloss fällt, erreicht sie die grob gezimmerte Bodenschwelle und wird von einem gnädigen Luftzug ins Freie gewirbelt.

Einen Augenblick lang liegt sie benommen auf der, von einem nachmittäglichen Regenschauer noch feuchten, im warmen Sonnenlicht schwarz dampfenden Erde, rappelt sich schließlich auf und bewegt prüfend ihre zarten Flügel. Sie haben den Sturz heil überstanden. Erst da realisiert sie, dass sie draußen, in der freien Natur ist. Erstaunt beäugt sie die vor Lebenslust brodelnde Welt um sich herum und atmet beglückt die frische Luft ein.

Sie hat es tatsächlich geschafft. Ein Freudenschrei und sie hebt ab, saust blitzartig wie ein Senkrechtstarter dem kobaltblauen Himmel entgegen. Angesichts einer Drossel, die sie sogleich ins Visier nimmt und pfeilschnell auf sie zu geflattert kommt, überlegt sie es sich dann doch noch anders und verschwindet mit einem elegant ausgeführten Flugmanöver zwischen wogenden, langstieligen Gräsern.

Der Mann mittleren Alters schlendert ziellos bis zur Mitte der Halle. Rein äußerlich betrachtet, ist er ein ziemlicher Hüne, misst knapp zwei Meter, wie er selbst immer zu sagen pflegt, aber genau genommen sind es nur ein Meter und fünfundneunzig Zentimeter. So lautet jedenfalls seine offizielle, im Personalausweis angegebene Körpergröße.

Auch wenn er manchmal zu Übertreibungen neigt, hat es Mutter Natur tatsächlich gut mit ihm gemeint. Alles an ihm spielt sich im Bereich zwischen sehr gut gewachsen und eher riesig ab, von seinem kantigen Schädel über seinen breiten, behaarten Brustkorb, bis hinunter zu seinen Quadratlatschen. Das an einen ausgewachsenen Zuchthengst erinnernde fleischgewordene Phänomen, das zwischen seinen Beinen baumelt, ist dermaßen üppig proportioniert, dass allein sein Anblick schon so manche Frau auf Nimmerwiedersehen in die Flucht geschlagen hat.

Erwin Wolf ist der sprichwörtliche Baum von Mann, einer, der einem Bilderbuch entsprungen sein könnte, das Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts verfasst wurde, Kindermärchen voller altmodischer Ideale, in denen Gut und Böse noch sauber voneinander getrennt waren. Das leibhaftige Vorbild für einen sagenhaften Drachentöter aus einer längst vergangenen Epoche, als Begriffe wie Body-Mass-Index und Transgender noch keine Rolle spielten.

Sein muskulöser, leicht untersetzter Körper steckt in einem vor Schmutz starrenden Arbeitsoverall und abgetragenen, in seinem Metier obligatorischen, Sicherheitsschuhen. Zusammen mit einem pragmatischen Kurzhaarschnitt und einem kurz gestutzten Vollbart, ist er eine unauffällige, aber dennoch imposante Erscheinung.

In der Mitte der Halle mit den Dimensionen eines Fußballplatzes bleibt er stehen und lauscht versonnen in die nachmittägliche Stille. Bis auf den sporadisch einsetzenden sonoren Brummton des Abluftventilators und das gelegentliche, trockene Knacken, das die brütende Gluthitze des Sommertages im Gebälk der weit verzweigten Dachkonstruktion erzeugt, ist kein Laut zu hören.

Dieser Ort ist Erwins Refugium. Hier ist sein schweigsames Naturell willkommen und er frei von dem Druck, nach pflichtschuldigem Lauschen endloser Litaneien, irgend etwas Geistreiches von sich geben zu müssen, und dann trotz sorgsamster Wortwahl doch wieder alles falsch ausgedrückt zu haben.

Er holt tief Luft und seufzt zufrieden, als ob jeder einzelne Atemzug in der stickigen, zum Schneiden staubigen Atmosphäre ein wahres Vergnügen wäre. Den Kopf weit in den Nacken gelegt, die Nasenflügel schnuppernd aufgebläht, erinnert er an ein wildes Tier, das Witterung aufnimmt. Dabei fällt ihm auf, dass ein gelegentliches, leises Geräusch im Hintergrund, wie das Anspringen des Kühlschranks im angrenzenden Büro, den Eindruck von Lautlosigkeit noch verstärkt.

Totenstille, im Sägewerk steht die Zeit still. Auch die Sägeblätter vom Durchmesser eines Wagenrades stehen still, Sägeblätter unter deren stahlhartem Biss abertausende Bäume tausend Tode gestorben sind.

Doch die momentane Stille ist nur die berühmte Ruhe vor dem Sturm. Um das dem im Tiefschlaf liegenden Maschinenpark lautstark zu demonstrieren, klatscht Erwin kraftvoll in die schwieligen Hände. Der Schall schlägt hohe Wellen, brandet hart und trocken an die nackten Wände und bricht sich an ihnen, wandert erstaunlich lang von einer Seite der Halle zur andern, bevor er allmählich abebbt und schließlich summend ausläuft.

Immer wieder erstaunlich dieser Effekt, das Sägewerk hat eine wirklich außergewöhnliche Akustik. Als Erwin als Zugabe noch einen gellenden Schrei von sich gibt, ist niemand da, der den minutenlangen Nachhall bezeugen könnte, nur eine einsame Spinne erschrickt fast zu Tode und hält abrupt inne bei ihrem emsigen Netzbau. Im Gegensatz zu ihr, packt Erwin ein wilder Bewegungsdrang. Eine fröhliche Melodie pfeifend knallt er die Hacken seiner mit Stahlkappen bewehrten Sicherheitsschuhe auf den Betonboden und legt einen Freudentanz hin, der das fingerdicke Gemisch aus Holzspänen und Staub in voluminösen Flocken aufwirbelt.

Ja, er ist außer sich vor Glück, denn heute ist der Tag, auf den er seit Monaten hin gearbeitet hat. Endlich hat er die Verträge mit der Stadtverwaltung und dem Energiekonzern TAN schwarz auf weiß in der Tasche. Erwin ist ein großer Befürworter der sogenannten Energiewende. Um diese in Schwung zu bringen, müssen immense Investitionen getätigt und Tausende von Kilometern Kabel verlegt werden. Das bedeutet Aufschwung für die Region und vor allem jede Menge Aufträge für das Sägewerk Wolf.

Dass nach erbitterten Protesten von Anwohnern und Naturschützern anstelle der geplanten oberirdischen Freileitungen, letztendlich nun doch die wesentlich teureren Erdleitungen verlegt werden, spielt eigentlich keine große Rolle. Denn auch für das aufwendige Verlegen der unterirdisch verlaufenden Kabel müssen schnurgerade Trassen durch die Botanik geschlagen werden, wenn auch etwas schmalere. Anstatt eines, für Freilandleitungen vorgeschriebenen, Kahlschlags von siebzig Metern Durchmesser, sind es nun in etwa dreißig.

Als i-Tüpfelchen konnte Erwin gleichzeitig einen weiteren, langfristig angelegten Vertrag mit der TAN abschließen. Man muss das Eisen schließlich schmieden, solange es heiß ist. In Zukunft ist er nun auch für die Instandhaltung der gerodeten Flächen zuständig. Diese müssen permanent frei von Vegetation gehalten werden, weil nachwachsende Wurzeln das Betonbett der Leitungen beschädigen könnten.

Das bedeutet für ihn fest kalkulierbare Einnahmen, Gewinne mit denen er rechnen kann. Nicht nur, dass er damit bis spätestens Ende nächsten Jahres aus den Miesen raus ist, vor allem hat die beschissene Phase des Stillstands, dieses elende Warten auf Aufträge ein Ende, und er darf sich wieder aufführen wie die Axt im Walde. Denn genau das entspricht seiner Natur, so hat Gott ihn gewollt und nicht anders.

Wie er den unverwechselbaren Geruch des verbrannten 2-Takt-Gemischs vermisst hat, das Kreischen der Motorsägen, das Splittern und Bersten der Stämme. Wenn das Donnern der auf die Erde stürzenden Baumriesen die Luft elektrisiert und der Waldboden auf weiter Flur bebt, dann lacht sein Herz, und er fühlt sich sauwohl in seiner Haut.

Das Bild des Mannes, der sich der Wildnis entgegen stellt und mit der geballten Kraft seiner Hände einen Baum fällt, ist in Erwins Vorstellung fest mit der Menschheitsgeschichte verknüpft und drückt ein archaisches Grundbedürfnis aus, das ebenso urzeitlich ist wie das Feuer und genau so alt ist wie der Mensch selbst.

Tief und genüsslich holt er Luft. Ja, das riecht nach Arbeit, jeder Menge Arbeit. Endlich kommen die Räder des Sägewerks Wolf wieder ins Rollen.

An dem Tag, an dem die Halle nach frisch gesägtem Holz duftet, wird er einen ausgeben. Dann wird er mit den Kollegen eine Sause machen, dass die Schwarte kracht. Direkt hier, inmitten des Maschinenparks, werden sie sich mit erstklassigem Hochprozentigen zuprosten und den Geist einer neuen Zeit willkommen heißen.

Prost! Auf das ehrliche Handwerk! Prost! Endlich wieder nach Herzenslust arbeiten zu dürfen. Prost! Weil wir richtige Männer sind und keine Weicheier!

Hoch zufrieden mit dem Ausgang seines kleinen, intimen Selbstgesprächs, greift er in sein dreckverkrustetes, leicht nach Urin und Schweiß stinkendes Overall und massiert, zur Vertiefung dieses viel zu selten empfundenen Hochgefühls, seinen haarigen Hodensack. Als sein Penis auf die Berührung in Form eines Halbsteifens reagiert, stellt er fest, dass er mächtig Lust auf Sex hat. Und dass der letzte amtliche Fick schon verflucht lange her ist.

Er zieht seine freie, linke Hand aus der Hosentasche und guckt auf die Armbanduhr. Eigentlich müsste seine Frau Elena doch jeden Moment nach Hause kommen. Bei dem Gedanken an sie vergeht ihm seine gute Laune gleich wieder. Genervt starrt er auf das schwarz unterlegte Ziffernblatt. Der Sekundenzeiger dreht stoisch seine Runden und lässt sich auch von Erwins leicht überhitztem Temperament nicht aus der Ruhe bringen.

Die Alte verbringt zu viel Zeit in ihrer beknackten Galerie. Sie will es zwar nicht wahrhaben, aber der Laden ist sowieso ein totaler Reinfall, das reinste Groschengrab. Welche Kleinstadt mit so einer hundsmiserablen Infrastruktur wie Weihtal braucht denn einen derart abgehobenen Scheißdreck? Elenas neunmalklugen Kommentar zu dem Thema kann er schon im Schlaf herunterbeten. Es sei ihr Anspruch, im Dienste einer globalen Kulturlandschaft einen zeitgemäßen Kulturbegriff in der Provinz zu etablieren, der nicht nur im Sinne der Völkerverständigung bedeutsam wäre.

„Ja, hochgesteckte Ziele hat sie wirklich jede Menge, die Frau Wolf.“, murrt er verärgert.

Ihre hochnäsigen Sprüche hängen ihm echt zum Hals raus. Damit kann sie vielleicht irgendwelche Großstadtfuzzies beeindrucken. In dieser von Gott und der Welt hoffnungslos abgehängten Region, haben die Leute doch ganz andere Prioritäten. Die kämpfen alltäglich ums Überleben und haben weder Zeit noch Geld noch Sinn für das Schöngeistige und artverwandte Luxusprobleme. Für elitären Schrott wie moderne Kunst interessiert sich hier kein Schwein.

Er steckt sich eine Zigarette in den Mund und zündet sie an. Während er den herrlich aromatischen Rauch tief inhaliert, befreit er seinen inzwischen vollständig erigierten, stark pulsierenden Penis aus dem engen Overall und fängt an zu masturbieren.

Vernachlässigt, null begehrt und ungeliebt, ein netter, harmloser, anspruchsloser Trottel, genau das ist er. Selbst schuld, warum lässt er Elena auch alle diese Sperenzien ungestraft durchgehen? Seine Engelsgeduld und seine Nachgiebigkeit sind seine größten Fehler.

Aber nun, wo der Cashflow wieder hergestellt ist und er sich als Mann somit vollwertig fühlt, ist er seiner Frau gewachsen. Wenn sie es darauf ankommen ließe, ergäbe sich ein Kopf an Kopf Rennen ums Rechthaben. Erwin wäre durchaus imstande, mal richtig auf den Tisch zu hauen und darauf zu bestehen, dass die Konditionen von persönlicher Freiheit und ehelicher Pflicht neu verhandelt werden.

Zugegeben, in seiner jüngsten Lebensphase hat er ihr nicht viel zu bieten gehabt. Er ließ sich gehen, war antriebslos und befand sich an der Grenze zur Depression. Wenn sie sich mit ihm austauschen wollte, hat er nur stumm da gehockt, jede Art von Kommunikation massiv abgeblockt und vor sich hin gebrütet. Im Grunde genommen kann er ihr gar keinen Vorwurf machen, sie hat alles gegeben, um ihn aus seinem Schneckenhaus zu locken.

Irgendwann muss sie wohl aufgegeben haben, jedenfalls hat sie plötzlich dicht gemacht und nur noch an ihm herum genörgelt. Was genau der Auslöser war, weiß er nicht, aber in dieser Phase der einseitigen Auseinandersetzung, hat er den unverzeihlichen Fehler begangen, sich gänzlich in die Defensive drängen zu lassen. Am Ende stellte er frustriert fest, dass er, außer in Form von lauen Rechtfertigungen, gar nichts mehr zu melden hat.

Ab diesem Moment brauchte Elena ihre Meinung über ihn gar nicht mehr zu äußern, in ihrem säuerlichen Alltagsgesicht trug sie ihre Verachtung nur allzu deutlich vor sich her. So wurde seine Frau zu seinem Spiegel, und der verkündete eine unmissverständliche Botschaft. Sie hat allen Respekt vor ihm verloren.

Eine bittere Erkenntnis, an der kein Weg vorbei führt. Er weiß, das es Zeit wird, sich der Tatsache zu stellen, dass ihr eheliches Gleichgewicht arg in Schräglage geraten ist. Nachdem er die Zügel viel zu lange schleifen ließ, muss er jetzt dafür sorgen, dass es wieder hergestellt wird.

Erwins Schwanz kann sich für seine Gedankengänge nur wenig begeistern und reagiert prompt mit einem spürbaren Verlust an Härte. Frustrierende Wahrheiten törnen ab, mindern den spontanen Ausbruch der Gier. Früher hat er manchmal beim Sex auf diese Methode zurückgegriffen, um einen frühzeitigen Orgasmus seinerseits zu verhindern. Heute kann er von erregenden Penetrationen nur noch träumen oder müsste sich dazu aufraffen, ein Bordell zu besuchen, aber käuflichen Sex findet er leider überhaupt nicht geil.

Lustlos wichst er weiter. Mehr aus öder Gewohnheit, als aus Geilheit, versucht er seinen nur auf Halbmast erigierten Pferdepimmel wieder in Form zu bringen. Doch sein Kopf will partout nicht mitspielen. Anstatt abzuschalten, produziert er einen endlosen Malstrom aus Grübeleien, Bandwürmer aus sinnlosen Assoziationen.

Die Ehe ist ein Schlachtfeld, vielleicht das grausamste überhaupt. Nicht ohne Grund sagt man, dass in der Liebe und im Krieg alles erlaubt ist. Da sind jegliche Bedenken, seien sie moralischen oder sonstigen humanistischen Ursprungs, vollkommen überflüssig. Ein richtiger Pfundskerl wie er darf auch im Eheleben keine halben Sachen machen, sonst gerät er schnell in die Rolle des bedürfnislosen Versorgers und macht sich zum Kasper. Gerade die, im Grunde genommen banalen Niederlagen, die er im Laufe der alltäglichen Meinungsverschiedenheiten um die Organisation eines gemeinsamen Haushalts über sich ergehen lassen muss, schlagen schwer auf das Gemüt und können sich zu regelrechten Kleinkriegen entwickeln.

Sein Penis verliert mit jedem weiteren dieser trübsinnigen Gedanken zunehmend an Standhaftigkeit, doch Erwins Faust lässt nicht locker und kämpft verbissen gegen jedes Zeichen von Schwäche an.

Dem Feind im eigenen Bett ist kaum ein Mann gewachsen. Welche Chance hat man gegenüber einem Gegner, der einen an den Eiern hat?

Elena gehört zur Spezies der hochintelligenten Frauen, die ihre emotionale Überlegenheit knallhart ausspielen und niemals ihr Ziel verfehlen. Mit eiskalter Routine trifft sie stets mitten ins Schwarze, mitten hinein in das schutzlose, butterweiche Mark seiner Männlichkeit.

Zumindest in diesem Punkt ist sie wie alle Weiber, da ist er sich sicher. Diese sind von Natur aus mit der Gabe des skrupellos selbstsüchtigen Kleinkrieges gesegnet. Sie kommen schon voll ausgestattet mit den subtilsten Folterwerkzeugen auf die Welt, mit betörend sinnlichen Mündern, die sie schamlos als Maschinengewehre missbrauchen und aus denen sie pausenlos geschliffene Wortsalven abfeuern.

Doch das reicht ihnen noch lange nicht. Bis zur Perfektion, feilen sie ihr Leben lang an ihren rhetorischen Fähigkeiten. Sie arbeiten an sich, bis sie wahre Meister des mikroskopisch präzise ausgeführten Seitenhiebes sind, einer Kriegsstrategie, die heimtückisch aus dem Hinterhalt kommt und den Vorteil der Überraschung schamlos ausnutzt. Wenn sie erst einmal in diesem Stadium der sprachlichen Überlegenheit angelangt sind, kennen sie keine Gnade mehr. Unentwegt bombardieren sie die Männer mit kritischen Bemerkungen, feuern diese mit schlafwandlerischer Sicherheit in jeden ihrer wunden Punkte, schmerzhaft wie Messerstiche.

Es bereitet ihnen sogar regelrecht Vergnügen, verbale Spitzfindigkeiten auszubaldowern und sie in einen toxischen Sud aus bitteren Vorwürfen und listigen Schuldzuweisungen zu tränken. Sie weiden sich daran, ihre Gegner zu beobachten, die sich unter dem Ansturm der Giftpfeile winden, deren Spitzen, gleich hauchdünnen Injektionsnadeln, unter die dickste Haut dringen und im sensiblen Innenleben der Männer irreparable Schäden verursachen.

Inzwischen lässt das sonst so prachtvolle Gemächt ernsthaft den Kopf hängen und das Glücksgefühl aus Erfolg und Lust droht vollends zu versickern. Doch Erwin gibt nicht auf.

Er sieht sie quasi vor sich, die sich ständig wiederholenden, immer gleichen Situationen, Geschichten aus dem Inneren eines Hamsterrades. Da kann er noch so poltern und toben, bei solchen Auseinandersetzungen hat er keine Chance und zieht unweigerlich den Kürzeren. Seine Frau nennt diese unfairen Scharmützel vornehm Streitkultur und behauptet steif und fest, dass sie eine moderne, funktionierende Beziehung überhaupt erst ausmachen und beflügeln. Obwohl sie weiß, dass er unter ihrer Strategie der Disharmonie und des vorsätzlichen Liebesentzugs leidet wie ein getretener Hund, setzt sie immer noch einen oben drauf und attackiert mitleidlos seine Schwachstellen.

Dabei geht ihr offensichtlich echt einer ab. Ihre Stimmung ist nach jedem dieser spitzzüngigen Wortgefechte blendend, er hingegen fühlt sich danach restlos entmutigt und zutiefst verletzt. Diese Demütigungen nagen massiv an seinem Selbstwertgefühl. Wohin so etwas am Ende führt, kann man in jedem beliebigen Lifestyle-Magazin lesen. Es mündet auf direktem Weg in eine tragikomische Randexistenz als impotenter Vollidiot.

Erwin gibt das Ringen um die Vorherrschaft in der Welt seiner Gedanken auf, ebenso wie die Hoffnung auf eine entspannende Ejakulation. Resigniert seufzend verstaut er seinen schlaffen Schwanz und zündet sich noch einen Glimmstengel an.

Geistige Disziplin heißt das Zauberwort. Er wird sich jetzt zusammenreißen und lernen, klare Standpunkte zu beziehen. Wo ein Mann kein Mann sein kann, muss er die Verhältnisse entweder grundlegend umkrempeln oder schleunigst das Weite suchen.

2 / Erleuchtete Narren grünen grüner

Auf der Lichtung könnte man die berühmte Stecknadel fallen hören. Tiere, Pflanzen, Insekten, Reptilien, alle Bewohner des Waldes sind auf das Äußerste gespannt. Aufgeregtes Knistern, Summen und Brummen erfüllt die Luft, überall Zischeln, Raunen und Schaben, und hier und da auch ein verhaltenes Hecheln.

Würde an diesem heißen Sommertag ein Exemplar der Gattung Mensch unter dem dichten Blätterdach nach etwas Abkühlung suchen, so würde es sich über die paradiesische Ruhe freuen und die unerträgliche Anspannung vermutlich gar nicht registrieren, die wie ein Netz aus blank liegenden Nerven den Wald umspannt. Eine Ungeduld, die jedes lebendige Wesen erfüllt und schon nächtelang kaum Schlaf finden lässt.

Vor gut einer Woche ist die Träumerin zu einer Reise in die andere Welt aufgebrochen, um vom Himmel aus auf die Erde zu schauen und nach Zeichen der Vorhersehung zu suchen. Sie weiß, dass die Augen aller auf sie gerichtet sind und will die hochgesteckten Erwartungen keinesfalls enttäuschen. Schließlich ist die Gemeinschaft der Waldbewohner auf ihre Weissagungen angewiesen.

Natürlich haben alle Bewohner des Waldes eine gewisse mediale Begabung, das steckt in ihrer Natur, aber nach Ansicht der Eiche wurde ihr diese Aufgabe gewissermaßen in die Wiege gelegt. Ihrer Meinung nach geht aus Jahrtausenden akribisch dokumentierter Baumgeschichte die unwiderlegbare Tatsache hervor, dass kein anderes Lebewesen so hervorragende Antennen hat wie die Baumart, von der sie abstammt. Darüber hinaus ist sie immens stolz auf die mannigfaltigen Erfahrungswerte, die sie in über fünfhundert Lebensjahren sammeln konnte. Dadurch empfindet sie sich als geradezu prädestiniert für das Hochamt der Seherin.

Abgesehen von den guten Voraussetzungen, die sie mitbringt, hält ihr gesellschaftliches Umfeld sie tatsächlich für besonders talentiert, schließlich haben sich die meisten ihrer Prophezeiungen bisher erfüllt. Die einhellige Meinung des Waldes, in dessen Mitte sie steht, ist, dass sie jede Menge Potential hat und unbestreitbar eine gewisse Begabung für das Transzendentale besitzt, die sich ausbauen lässt. Ihre bisher relativ überschaubare Fangemeinde geht sogar so weit, zu behaupten, dass man ihr Talent, wenn es bei ihrem Aufgabenbereich um irdische Angelegenheiten ginge, durchaus als detektivischen Spürsinn bezeichnen könnte.

Gemessen an dem zutiefst bodenständigen Charakter der Waldwesen, kann man bei dieser Aussage von einem echten Kompliment sprechen, und das trotz der mangelnden Routine, die sie leider nach wie vor bei dem filigranen Prozess der Übersetzungsarbeit an den Tag legt. Während ihrer Reiseberichte sucht sie gelegentlich händeringend und extrem zeitintensiv nach den passenden Formulierungen. Auch wenn sie diese Ausfälle als angeblich dramaturgisch notwendige Redepausen tituliert, strapaziert sie mit ihnen die Nerven ihrer Zuhörer über alle Maßen.

Doch auch dafür hat die Community vollstes Verständnis, sie übt sich in Geduld. Gewisse Anfangsschwierigkeiten sind bei diesem Job ja quasi vorprogrammiert, derart komplex, wie transzendentale Zusammenhänge nun einmal gestrickt sind.

Im Großen und Ganzen ist sich die Mehrheit der Waldbewohner darin einig, dass sie, trotz ihrer temporären Anfälle jugendlichen Leichtsinns, in den letzten Jahren zu einer recht erfahrenen Weltenwandlerin heran gereift ist. Zur Entschuldigung ihrer kleinen Schwächen sollte man erwähnen, dass die Eiche ihr Erbe verfrüht antreten musste. Denn normalerweise bekommen ausschließlich Erwachsene die immense Verantwortung übertragen, die das Amt der Träumerin mit sich bringt.

Gut einhundert Jahre ist es her, dass sie ein ausgewachsener Herbststurm quasi über Nacht die spirituelle Karriereleiter aufwärts katapultierte, indem er die damalige Baumälteste, eine tausendjährige Platane, entwurzelte und so der Gemeinschaft entriss. Da die Vorstellung, ohne spirituelle Führerin zu leben, den Waldwesen ganz unerträglich erschien, wurde die gerade mal vierhundert Jahre junge Eiche, als eigentlich viel zu unreifer, aber zweitältester Baum zur Nachfolgerin bestimmt.

Sie fühlte sich natürlich geehrt und nahm das Amt auch begeistert an, kann ihrer Vorgängerin aber noch nicht das Wasser reichen. Eine Meinung, die selbstverständlich ausschließlich hinter vorgehaltener Hand ausgetauscht wird, da jedes Waldwesen weiß, wie empfindlich speziell Eichen auf Kritik reagieren. Und letztendlich muss man ihr zugestehen, dass sie, obwohl sie immer noch leicht überheblich, gelegentlich sogar ein bisschen manipulativ wirkt, ihre Aufgabe im Grunde genommen schon recht gut erfüllt.

Inzwischen ist ihr Stamm, bis in die innersten Jahresringe hinein, erfüllt von einem breit gefächerten Wissen über etliche Epochen irdischen Lebens. Selbst über die sehr komplizierte Gattung Mensch hat sie einiges an wertvollem Knowhow sammeln können. Ein Erfahrungsschatz, der unter den Bäumen von Generation zu Generation weitergegeben wird.

„Ich kann euer heimliches Getuschel hören, sogar in euren Gedanken lesen. Eure Köpfe sind für mich wie offene Bücher.“, würde sie manchmal gerne in den Wald hinein rufen. Aber auch, wenn sie damit leben könnte, dass der Wald sie daraufhin für noch abgehobener halten und ein dementsprechend geringschätziger Kommentar aus ihm retour erschallen würde, behält sie diese Art von Wissen für sich. In ihrer Funktion als Lehrerin ist sie sich im Klaren darüber das weniger mehr ist. Ein nahezu allwissendes Vorbild wie sie, muss seinen Mitteilungsdrang unbedingt in den Griff kriegen und darf nicht immer alles heraus lassen, das würde die anderen nur sinnlos überfordern.

Schließlich wird sie als Familienoberhaupt ständig mit komplexen Fragestellungen konfrontiert. Es ist ihr schon in Harz und Rinde übergegangen, sich mit existenziellen Rätseln herumzuschlagen und den Großteil ihrer Erkenntnisse für sich zu behalten. Ihrer persönlichen Einschätzung nach wird sie, gerade aufgrund ihrer vornehmen Zurückhaltung, als kompetente Vermittlerin zwischen den Bewusstseinsebenen weithin geschätzt.

Ebenfalls nicht hinausposaunen wird sie, dass, ihrer bescheidenen Ansicht nach, gerade die Tiere in Sachen Transzendenz ein bisschen Nachhilfe dringend nötig hätten. Diese laufen sonst schnell Gefahr, dass ihnen ihr triebgesteuertes Wesen den differenzierten Blick auf den Lauf der Welt verbaut. Aber trotz der Engelsgeduld und der versierten Unterstützung der Eiche, bezieht deren animalischer Horizont leider nur das vordergründig Existenzielle mit ein. Ihre reduzierte Wahrnehmung ist im Normalfall auf den Themenkomplex fressen und gefressen werden ausgerichtet und ihre Auffassungsgabe dementsprechend eindimensional.

Die filigranen Sinne der Pflanzenwelt hingegen, besonders die der alten Bäume, interagieren vielschichtiger, haben diese ganz spezielle und fein justierte, emotionale Intelligenz, die in der Welt ihresgleichen sucht.

Ohne überheblich wirken oder einer der beiden Spezies zu nahe treten zu wollen, muss die Eiche konstatieren, dass Tiere und Homo sapiens einiges gemeinsam haben. Sie sind gesteuert von ihrer ewigen Gier, und drehen sich, bis auf wenige lobenswerte Ausnahmen, ausschließlich um sich selbst und ihre primären Bedürfnisse. Deshalb mangelt es ihnen logischerweise am notwendigen Weitblick und am tieferen Verständnis für das große Ganze.

Wobei die menschliche Gattung definitiv das größere Übel darstellt. Ihr ignorantes Wunschdenken, die Pflanzenwesen hätten keinerlei Bewusstsein, ermöglicht es ihnen, sie ohne schlechtes Gewissen auszubeuten und als leblosen Rohstoff zu behandeln. Auf der fadenscheinigen Basis vorgeblich wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse, reden sie sich ihr grausames Verhalten schön. Gefangen in ihrem Gewohnheitstran schablonenhafter Denkweisen, verfügen sie wie selbstverständlich über die Pflanzen, als ob diese kein Grundrecht auf Würde und Respekt hätten.

Die Eiche wiegt sinnend ihre Krone, worauf die Blätter ihr leise raschelnd zustimmen.

Wenn die wüssten, wie sehr sie auf dem Holzweg sind und was sie sich mit ihrem Fehlverhalten selbst an Schaden zufügen. Rein karmisch gesehen ist so eine Denkweise die reinste Katastrophe. Denn trotz der weit verbreiteten Meinung, dass Pflanzen im Gegensatz zu Tieren und Menschen nichts empfinden können, steht das Gefühlsleben der Bäume dem anderer Lebewesen um nichts nach. Sie spüren sehr wohl den Schmerz, wenn die Axt sie trifft, ihre Rindenhaut durchtrennt und tief in ihr Innerstes eindringt.

Sie haben nur keinen Mund, um zu schreien, und auch sonst keine Möglichkeit, ihrer Qual Ausdruck zu verleihen, als durch den Ausfluss von Harz und gespeichertem Wasser. Während sie am lebendigen Leib zersägt, zerhackt, zerstückelt und zermahlen werden, leiden sie für menschliche Ohren unhörbar vor sich hin und speisen ihre entsetzlichen Sinneswahrnehmungen in das wohl größte Netzwerk dieser Hemisphäre ein, in das der Bäume.

Ob schmerzlich oder angenehm, sie teilen permanent jeden ihrer Erfahrungswerte mit Abermillionen anderen Vertretern ihrer Gattung. Ständig kreist eine wahre Informationsflut durch ihre filigranen Kommunikationssysteme. Einzelne Nachrichten werden verdoppelt und verstärkt, andere durch abweichende Sichtweisen anderer Bäume differenzierter wahrgenommen oder gänzlich verworfen.

So durchlaufen die Mitteilungen permanent die Filter des vegetativen Nervensystems der Erde, bis sie am Ende bei Altvorderen wie der Eiche landen. Ihr obliegt die ehrenvolle Aufgabe, die einzelnen Sinneseindrücke zu sammeln und sinnvoll zusammenzufassen. Sie versucht, Strukturen und Tendenzen zu erkennen, die versteckte Bedeutung aus dem uferlosen Chaos heraus zu lesen.

Leid und Freude liegen manchmal nah beieinander. Das eine geht nicht ohne das andere. Auch wenn die Eiche auf so manche betrübliche Information nur allzu gerne verzichten würde, hat sie keine Wahl. Entweder man hat die Tür zur anderen Dimension oder nicht. Wenn sie sich dem Schmerz ihrer Artgenossen verschließen würde, dann würde sie auch deren frohe Botschaften nicht empfangen. Entweder ganz oder gar nicht, es gibt leider keine halboffene Tür, keinen Filter, der ausschließlich das Glück der Erde passieren lässt.

Obwohl sie sich im Grunde ihres Herzens nach positiveren Inhalten sehnt, sind es überwiegend Gedanken von existentialistischer Natur, die die Eiche an diesem schönen Sommertag beschäftigen. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, über den Lauf der Welt, besonders das Schicksal ihrer Artgenossen, nachzudenken. Auch wenn sie sich nicht immer aussuchen kann, was ihr gerade durch den Sinn schießt, die Philosophie ist und bleibt ihr Steckenpferd.

Als hätte sich die Zusammensetzung der Luft minimal zugunsten des Sauerstoffgehalts verschoben, geht eine kaum wahrnehmbare Veränderung der Atmosphäre vor sich. Es ist wie immer der Fuchs, der diesen Umstand zuerst bemerkt. Das leichte Kribbeln in seiner Herzgegend ist ein untrüglicher Hinweis. Auch er hat einen sechsten Sinn und ein enormes Feingefühl für die Dinge, die sich zwischen dem Diesseits und dem Jenseits abspielen. Witternd hebt er seine spitze Schnauze.

„Da, sie wacht auf!“

Tatsächlich, gleich darauf geht ein verhaltenes Zittern durch die knorrige Eiche. Wie es bei im höchsten Maß vergeistigten Wesen im allgemeinen der Brauch ist, lässt sie sich sehr viel Zeit bei der Rückkehr in die irdische Sphäre. Mancher Guru könnte sich bei ihr in Bezug auf Contenance eine dicke Scheibe abschneiden.

„Wer sich beim Aufwachen angemessen viel Zeit lässt, kann sich nachher besser an seine Träume erinnern.“, predigt sie immer. Und weil es ihr ausgesprochen wichtig ist, ihr Umfeld stets an ihren allerneuesten Erkenntnissen teilhaben zu lassen, gibt sie spontan eine Lektion zur Verbesserung des sogenannten langen Atems.

Sehr maßvoll raschelnd und betont gemächlich richtet sich die altehrwürdige Eiche zu voller Größe auf und blinzelt schläfrig, aber auch etwas verschmitzt, in die erwartungsvollen Gesichter der Versammelten. Nachdem sie auf eine unendlich zeitintensive, speziell alten Bäumen eigene Wesensart, tief Atem geschöpft hat, kommt die kaum noch zu bändigende Zuhörerschaft endlich in den Genuss ihrer basslastigen, aber angenehm melodisch klingenden Stimme.

„Mir wurde eine Vision zuteil.“

Manchen Tieren mangelt es von Natur aus an Beherrschung. Das rund um die Uhr besorgte Reh atmet hörbar erleichtert aus, der viel zu empathische Mäuserich seufzt mit schrillem Piepsen und der nervlich angespannten Igelin entfährt ein langgezogener und laut knatternder Furz. Wie die Anwesenden wissen, ist die ihr furchtbar peinliche geruchsintensive Lärmbelästigung nicht so sehr Ausdruck einer schlechten Kinderstube, sondern ihrem nervösen Darmleiden geschuldet. Trotzdem trägt ihr kleines Malheur sehr zur allgemeinen Belustigung bei, verhaltenes Giggeln und Kichern erfüllt die warme Sommerluft.

Es ist selbstverständlich der greisenhafte Waschbär, der total übertrieben reagiert und lauthals losprustet. Man sagt ja, dass die Alten wie die Kinder sind, auf ihn trifft diese These jedenfalls hundertprozentig zu. Und so bleibt ihm sein schamloses Gelächter auch dann nicht im Hals stecken, als er dafür einen strengen Blick des Fuchses erntet, der mal wieder glaubt, sich als Oberaufseher und Sittenwächter aufspielen zu müssen.

Insgeheim sind der Igelin alle dankbar für die unverhoffte Gelegenheit, endlich mal ein bisschen Luft ablassen und Spannung abbauen zu können. Nur der muffelige, in die Jahre gekommene Adler, hat wie immer etwas zu meckern. Was aber nicht allzu viel zu bedeuten hat, denn als unverbesserlicher Einzelgänger hasst er Vollversammlungen wie die Pest. Unwirsch schlägt er mit den Flügeln und hüllt die Umstehenden in eine graue Staubwolke.

„Pscht! Nun haltet doch endlich mal die Klappe! Wir sind ja schließlich nicht im Kindergarten.“

Als auf der Lichtung wieder Ruhe eingekehrt ist, räuspert sich die Eiche umständlich. Gleich platzen sie vor Neugier, denkt sie. Und ihr Grinsen ist ebenso breit wie unsichtbar. Sie mag es, im Rampenlicht zu stehen. Auf der Bühne wird ihr immer ganz warm ums Herz. Durch all die Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird, fühlt sie sich wie jemand ganz Besonderes.

In ihrer gesellschaftlichen Position als Geschichtenerzählerin kann ein gewisses Maß an Showtalent nicht schaden. Ihrer Meinung nach, sind es nicht allein die Worte und ihr Inhalt, die die Qualität eines Vortrags ausmachen, erst die richtige Art und Weise der Darbietung generiert das gewisse Etwas. Durch sie gelangt das Salz in die Suppe.

Um den Anschein zu erwecken, dass sie nun endlich loslegen will, atmet sie ganz tief ein. Erneut lässt sie die Borke beben und die Blätter rascheln. Mit ihrem dritten Auge nimmt sie selbstzufrieden wahr, dass die Luft über ihrer Zuhörerschaft anfängt zu flirren. Als deren gespannte Aufmerksamkeit kurz darauf anfängt, sich in Form winziger Blitze über den Häuptern der ungeduldig Wartenden zu entladen, hüllt sie sich mit einem majestätisch anmutenden Neigen ihrer Baumkrone abermals in tiefes Schweigen.

Welch ein hochgradig amüsantes Gesellschaftsspiel, insbesondere wenn man am längeren Hebel sitzt, schmunzelt sie in sich hinein.

Da sie als Eiche auf die Welt kam, ist sie sich der Tatsache bewusst, dass sie in der Gemeinschaft der lebendigen Wesen ein gewisse Vorbildfunktion inne hat. Als Baumgeborene ist sie automatisch zur Lehrerin in Sachen Entschleunigung auserkoren und repräsentiert den Weg der kleinen Schritte. Letztendlich ist das alles eine Frage eines ausgereiften Blickwinkels. Denn so ein über fünfhundert Jahre gewachsenes Wissen verleiht eine gehörige Portion Gelassenheit und Selbstvertrauen und das Bewusstsein, dass es eine große Gabe ist, zurückhaltend zuhören zu können.

Nachdem sie in der Vergangenheit etliche Male über ihre eigene Ungeduld gestolpert ist, weiß sie, dass es vollkommen sinnlos ist, das Licht der Wahrheit zu erwarten. Einerlei, für wie weise man sich auch halten mag, erleuchtet zu werden ist keine himmlische Zuwendung, die durch Fleiß und Disziplin verdient wird und auch keine Frage von kontemplativer Haltung oder asketischer Konzentration. Die Quelle, die das heilige, weiße Licht aussendet, folgt weder einem vorhersehbaren Plan, noch hält sie sich an nachvollziehbare Regeln. Das Maß göttlicher Aufmerksamkeit ist unkalkulierbar, zumindest aus irdischer Sicht.

Alles, was man dazu beitragen kann, ist, seine Bereitschaft zu signalisieren und auf ein etwaiges Echo zu lauschen. Man kann dem heiligen Universum gegenüber eine Bitte äußern. Aber dann sollte der Wunsch möglichst umgehend losgelassen werden, damit man als Absender mit seinem Anliegen nicht so aufdringlich erscheint. Und ab diesem Augenblick bleibt einem nichts anderes übrig, als geduldig abzuwarten. Warten und nochmal warten, bis sich die Gelegenheit ergibt, einen klitzekleinen Schritt weiter zu gehen.

Mit dem Stadium erwartungsfrohen Hoffens kennt die Eiche sich aus. Nach der lehrreichen Schule des Scheiterns, hat sie, trotz ihrer Jugend, den Status des Anfängers erfolgreich hinter sich gelassen und nimmt nun ausnahmslos alle überirdischen Zuwendungen zutiefst dankbar entgegen. Und sollten sie ihr auf den ersten Blick auch noch so banal und läppisch vorkommen, jede einzelne ist ein kostbares Geschenk des großen, heiligen Geistes, das sie zu schätzen weiß.

„Vorfreude ist doch die schönste Freude, nicht wahr?“, würde sie jetzt am liebsten laut ausrufen. Aber das könnten die anderen eventuell als Provokation missverstehen. Und dann wäre die Luft raus und die herrlich kribbelige Spannung unwiderruflich futsch. Mit der Zeit werden selbst die Tiere begreifen, dass jede bewusst erlebte Geduldsprobe gleichzeitig auch eine gute Lektion in Demut ist. Sollen sie also ruhig noch ein Weilchen in ihrem Saft schmoren.

Abgesehen davon lassen sich die Erkenntnisse, die sie auf ihrer Reise gesammelt hat, nur schwer in Worte fassen, denn der kurze Blick hinter die Kulissen, stellt sie vor ein komplexes Rätsel.

Wie soll sie es deuten, dieses geheimnisvolle Antlitz einer Vision, die gleichzeitig auch eine Prophezeiung ist?

Größere Zusammenhänge lösten sich von dem dunklen Hintergrund universellen Wissens und nahmen für einen flüchtigen Moment konkrete Gestalt an. Für den Bruchteil einer Sekunde offenbarte sich der Eiche eine neue Perspektive auf die Erde und das Mysterium irdischen Lebens. Als ob ein kosmisches Blitzlicht dem uferlosen Schatten des großen Unbekannten ein Beweisfoto entrissen hätte, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in sich vereinte und sich sofort unauslöschlich in ihr vielschichtiges Gedächtnis eingebrannt hat.

Prüfend lässt sie ihren Blick ein letztes Mal über das vor Neugier schier vibrierende Rund der Versammlung schweifen. Die optimale Betriebstemperatur ist erreicht, die Crowd ist soweit. Die Eiche schließt ihre Augen und bündelt ihr Bewusstsein in einer winzigen, quecksilbrig glänzenden Kugel.

Und während sie mit ihr in das Haus der allumfassenden Erinnerung fliegt, spinnt sie den magischen Faden, der die Welten miteinander verbindet. An beiden Enden und Orten sicher verankert, befindet sich ihr Bewusstsein nun gleichzeitig hüben wie drüben, fifty fifty. Sie ist selbst immer ganz baff, wie scheinbar mühelos sie das Kunststück dieses transzendentalen Spagats zuwege bringt.

Und schließlich beginnt sie mit ruhiger Stimme zu sprechen.

„Die Menschen wirkten müde, zutiefst erschöpft. Manchen war deutlich anzusehen, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnten. Um sie herum ein trostloses Nichts, über dem sich ein fahler, wolkenloser Himmel wölbte. Er glich einer Kuppel aus Milchglas und war von einem trüben Schein erhellt, ohne das weit und breit eine Lichtquelle zu entdecken war. Ein Himmel ohne Sonne erstreckte sich über einem Meer aus Sand, der grau und unansehnlich wie erkaltete Asche aussah. Die Grenzen dieser Einöde mussten wohl weit hinter dem Horizont liegen, jedenfalls waren sie mit bloßem Auge nicht auszumachen.

Ich befand mich in einer befremdlich wirkenden Parallelwelt, an der mich vor allem der lethargische Zustand der Menschen in Erstaunen versetzte. Trotz ihrer offensichtlichen Verzweiflung schien keiner von ihnen den Versuch unternehmen zu wollen, dieses trostlose Land zu verlassen. Nicht an Wasser oder Nahrung schien es ihnen zu mangeln, sondern vor allem an dem Mut, eine Entscheidung zu treffen und sich auf den Weg zu machen, egal in welche Richtung.

So verharrten sie nahezu unbewegt auf der Stelle und mir schien, dass sie dort bereits für eine sehr lange Zeit gestanden hatten. Schwankende Salzsäulen, die lebendigen Toten glichen. Jeder wirkte absolut isoliert und abgeschnitten, als ob er ganz und gar losgelöst von den anderen, nur für sich allein existierte. Frauen, Männer und Kinder, obwohl sie dicht aneinander gedrängt standen, wirkten sie, als entbehrte ihre Gemeinschaft jeglichem Gefühl der Verbundenheit. Ich konnte ihren Mienen deutlich ablesen, dass sie jede Hoffnung auf eine Veränderung ihrer Situation längst aufgeben hatten. Mich überkam der Eindruck, als sei an diesem traurigen Ort die Zeit stehengeblieben und die Menschen in einer Art Niemandsland zwischen den Welten gefangen.

Als ich mich bereits zu fragen begann, wie ich diese erbarmungswürdigen Wesen dabei unterstützen könnte, sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien, erhob sich am Rand der Wüste ein leiser, schwebender, aber deutlich vernehmbarer Ton. Zunächst klang er unscharf, wie ein aus weiter Ferne vernommenes Gesumme eines Bienenvolkes, das seine Nisthöhle emsig umschwärmte. Dann schien die Quelle des undefinierbares Geräusches sich langsam zu nähern. Es gewann zunehmend an Kraft und entpuppte sich schließlich als eine filigrane, äußerst vielschichtige Melodie.

Erst jetzt erkannte ich den Ursprung der eigentümlichen Musik. Es war die Gemeinschaft der Tiere, sie hatten ihre Rückzugsräume in den letzten dicht bewaldeten Winkeln der Erde verlassen und sich zu einem gigantischen, alle Gattungsgrenzen sprengenden Chor zusammengefunden.

Während die Magie des Gesangs zarte Klangbilder erzeugte und die Menschen in einen tröstlichen Hoffnungsschimmer hüllte, ging hinter dem Horizont die Sonne auf und tauchte die Einöde in ein herzerwärmendes Licht. Ich traute meinen Augen kaum, aber mit dem güldenen Schein musste wohl ein machtvoller Zauber verbunden sein, denn nun geriet die, von gezackten Rissen anhaltender Dürre durchzogene, Sandfläche in Bewegung.

Und urplötzlich begann die Wüste zu blühen, als hätte sie ein üppiger Sturzregen aus ihrem Todesschlaf erweckt. Langstielige Gräser, üppige Farne und zierliche Büsche, eine Vielzahl exotisch anmutender Pflanzen erhob sich aus der grauen Asche. Ein Meer von prachtvollen Blumen streckte seine Blütenhäupter dem gleißenden Schein entgegen und brachte Farben und Frohsinn in die Parallelwelt.

Mit dem Wiedererwachen der Natur schien auch der Lebensfunke in die Menschen zurückzukehren. Wie auf ein unhörbares Kommando hin, formierten sie sich zu einer endlos langen Karawane und begannen, dem gleißenden Licht am Horizont entgegen zu gehen. Frauen, Männer und Kinder, dicht hintereinander aufgereiht wie Perlen an einer Schnur, trotz ihrer Erschöpfung wirkten ihre Bewegungsabläufe harmonisch aufeinander abgestimmt, als ob ein gemeinsamer Geist ihren Willen vereinte und ihre Schritte durch das wogende, kniehohe Gras lenkte.

Die bunt zusammengewürfelte Armee von Heimatlosen marschierte einem unbekannten Ziel entgegen. Durchscheinend und blass, nahezu konturlos waren ihre Körper, wie die von Gespenstern.

Vielstimmig, mit berauschender, sich steigernder Intensität sang der Chor der Tiere für die geisterhafte Völkerwanderung. Die Lautmalerei überwand die Grenze zwischen dem Diesseits und dem Jenseits spielend und ließ beide Welten für die Dauer eines Liebesliedes zu einer einzigen verschmelzen. Bildhaft und kraftvoll drang die Musik bis an die äußersten Grenzen dieses Ortes und segnete ihn mit einem hoffnungsvollen Zauber.

Die Tiere brauchten keine Worte, um den Reisenden Mut zu zusprechen. Jede einzelne ihrer Stimmen war erfüllt vom Keim ihres niemals gänzlich erloschenen Glaubens an das Gute, an den unsterblichen, heilen Kern in jedem Lebewesen. Auf den letzten Metern ihrer letzten irdischen Reise verlieh ihr Gesang den Menschen Flügel.

Als hätten sie eine unsichtbare Schwelle übertreten, begann der helle Schein plötzlich unmerklich, fast zärtlich an den Menschen zu ziehen, sie vorwärts, in seine Richtung zu locken. Je näher sie der Lichtquelle kamen, desto leichter wurden ihnen wohl die Füße, denn irgendwann schienen sie schwerelos wie Federn dahin zu schweben, offenbar beseelt von einem starken Gefühl der Sehnsucht, dessen Ursprung ihnen allerdings noch unbekannt zu sein schien.

Schritt für Schritt richteten sie sich auf, als ob ihnen eine tonnenschwere Last von den Schultern genommen wurde. Ihre Körper streckten sich dem Himmel entgegen, bis sie schließlich aufrecht und würdevoll dahinglitten. Ohne zu zögern gaben sie sich dem Sog hin, flogen an unsichtbaren Fäden hängend und wie von Geisterhand gezogen direkt in das alles überstrahlende Licht hinein, wurden von ihm eingeatmet und verdunsteten in seinem Strahlenkranz wie Regentropfen in der Sonne. Still und friedlich verließen sie diese Welt.“

Es wird Zeit, eine kleine kontemplative Pause einzulegen, denkt die Eiche bei sich, und holt so tief Luft, dass ihre abertausend Blätter erneut begeistert anfangen, zu rascheln.

Dieses zähe Suchen nach passenden Erklärungen und allgemein verständlichen Redewendungen empfindet sie zunehmend als recht enervierend. Viel lieber möchte sie auf rein mentaler Ebene kommunizieren, aber Telepathie ist für den Großteil ihrer Zuhörerschaft leider ein absolutes Fremdwort.

Manchmal spielt sie mit dem Gedanken, das doppelbödige Hochamt der Zeitreisenden einfach hinzuschmeißen und ihr eigenes Ding zu machen. Ihre persönliche Entwicklung demonstrativ abzukoppeln von der schwerwiegenden Verantwortung für die geistige Gesundheit der Community und in Eigenregie auf eine unbefristete Weltreise zu gehen.

Auch wenn es ihrer Waldfamilie nicht bewusst ist, mit den Jahren hat sie ihr gegenüber eine ausgesprochen stressige Erwartungshaltung entwickelt. Man verlangt förmlich von ihr, der Träumerin Eiche, dass sie regelmäßig Götterfunken wie Bonbons unter das Volk wirft.

Wie viel umfassender könnte sich ihre eigene spirituelle Bandbreite schon entwickelt haben, zu was für himmlischen, geistigen Höhenflügen wäre sie inzwischen imstande, ohne dieses Blei gesellschaftlicher Verpflichtungen an den Wurzeln, das sie so machtvoll zwingt, in irdischen Gefilden zu verharren. Dieser gewaltige Anker namens Alltag, wie entsetzlich schwer ist es doch, ihn längerfristig zu lichten?

In einsamen Momenten wie diesen träumt sie davon, grenzenlos durch die höchsten Himmelssphären zu wandeln und nach dem Ursprung allen Seins zu forschen. Manchmal nennt sie es Gott, öfter Göttin, das hängt von ihrer Laune ab und spielt ihrer Ansicht nach auch eigentlich keine allzu große Rolle. Denn was für einen Sinn macht eine geschlechtsspezifische Ausrichtung in einem Kontext, in dem Fortpflanzung keine Rolle spielt?

Frei von irdischen Anbindungen aller Art, käme sie so gut wie gar nicht mehr zurück auf die Erde. Allerhöchstens sporadisch und aus dem lästigen Gefühl der Verpflichtung heraus, würde sie hin und wieder nach dem Rechten sehen und nachprüfen, ob gerade Sommer oder Winter ist, ob ihr Stamm die notwendige Menge an Nährstoffen gespeichert hat und ihre Äste ausreichend Wasser und Licht zur Verfügung haben, um genügend Blätter sprießen zu lassen. Diese Maßnahmen der Selbstfürsorge lassen sich nun einmal nicht vermeiden. Bei ihnen handelt es sich um Sachzwänge, die einem der Alltagstrott aufbürdet und die dem reinen Selbsterhaltungstrieb dienen.

Das ist natürlich nichts weiter als eine wunderschöne Wunschvorstellung. Ihr ist vollkommen klar, dass sie aus der Affäre namens Gemeinschaft nicht mehr so einfach herauskommt, genauer gesagt, dass ihre Rolle als Träumerin Zeit ihres Lebens an ihr kleben wird wie eine zweite Rinde. Trotzdem verzichtete sie nur allzu gerne auf die ganzen ellenlangen Ansprachen und Erläuterungen, denn nach all den Dienstjahren als Träumerin empfindet sie jede Art von Erklärung inzwischen als überaus lästig und anstrengend, geradezu ermüdend.

Früher, als sie noch vor Kraft strotzte, hat sie den Anspruch gehabt, die Gemeinschaft an jeder Nuance ihrer Zeitreisen teilhaben zu lassen. Sie wollte unbedingt, bis ins minutiöse Detail hinein, verstanden werden, nichts durfte unklar oder gar im Dunkeln bleiben. Damals war sie noch erfüllt von jenem fanatischen Sendungsbewusstsein, unter dessen Einfluss sie sich des öfteren zu episch langen, leidenschaftlichen Monologen hinreißen ließ. Zu der Zeit meinte sie jeden x-beliebigen Pups besonders ausdrücklich erläutern zu müssen. Ein Zustand, der einem hohen Fieber glich und auf dem Irrglauben basierte, äußerst dringende Botschaften from outer space überbringen und ihre Zuhörerschaft partout von ihren jährlich wechselnden Meinungen und dementsprechend austauschbaren Argumenten überzeugen zu müssen.

Jugendsünden, eine Lebensphase, die aus Schwarz und Weiß bestand, Abstufungen gab es keine. Ohne den Sinn des Lebens auch nur annähernd verstanden zu haben, wollte sie die Welt retten, und zwar möglichst auf die Schnelle. Der große Preis, den sie am Ende ihres irrational übertriebenen Engagements mit müden Zweigen entgegen nahm, war ein Zustand abgrundtiefer Erschöpfung. Damals befand sie sich, von den verkümmerten Wurzeln bis zur beinahe vollständig entlaubten Krone, nahe einem irreparablen Burnout.

Tief in Gedanken an längst vergangene Zeiten versunken, schmunzelt die Eiche versonnen in sich hinein. Herrlich, dieses erhabene Gefühl, von einem geläuterten Standpunkt aus auf das eigene infantile Ringen um Bedeutung zurückblicken zu können. Ein wohliger Schauer selbstironischen Gekichers lässt ihren mächtigen Stamm erzittern. Und wieder antwortet das grüne Blätterdach mit zustimmendem Rascheln und feine Vibrationen wandern wellenförmig von den Wurzelspitzen hinauf bis zum höchsten Zweiglein.

Heutzutage bedient sie sich einer anderen, wesentlich subtileren Strategie. Im Laufe von hundert Jahren intensiven Abwägens und Recherchierens hat sie begriffen, dass eine positive, lebensbejahende Botschaft zwar eine guter Ansatz ist, dieser allerdings als vergebliche Liebesmüh auf unfruchtbaren Boden fällt, wenn er nicht in kleinen, mundgerechten Häppchen serviert wird.

Konsequenterweise kam sie zu dem Schluss, dass einen vorbildlichen Lehrer vor allem die Fähigkeit auszeichnet, komplexe Zusammenhänge auf das sinnvolle Minimum herunter zu brechen und anschließend das so extrahierte Wesentliche mit adäquaten Worten flüssig zu formulieren und gelassen zu artikulieren.

Der eigentliche Kunstgriff erfolgreicher Kommunikation, ist der der Vereinfachung. Dabei verlässt die Eiche sich heutzutage ganz auf die erfahrene Stimme ihres Herzens, dessen mitfühlendes Wesen um die Notwendigkeit weiß, Botschaften artgerecht zu vermitteln, indem es Überflüssiges streicht und sich stattdessen vielsagend in Schweigen hüllt. Bewusst gesetzte Pausen vervollkommnen den Prozess der Rezeption, sie bringen den Verstand des Gegenübers zur Ruhe. In aller Stille kann die Message auf kleiner Flamme in den Köpfen der Zuhörer köcheln, bis sie gar ist.

Insbesondere was die schwierige, von vielen Vorurteilen belastete, Völkerverständigung mit der Gattung des Homo Sapiens angeht, liegt die Würze in der Kürze. Anstatt den zumeist kritisch und skeptisch reagierenden Verstand der Menschen anzusprechen, vermittelt die Eiche ihre Anliegen, liebevoll verpackt in Form von Gute-Nacht-Liedern. Auf diese subtile Art und Weise lassen sich sogar brisante, schwer verdauliche Informationen erfolgreich an die Frau, beziehungsweise an den Mann bringen. Diese Methode hat die Eiche bei einem Studenten der Psychotherapie abgekupfert, der im Sommer manchmal im Schatten ihrer ausladenden Äste Zuflucht vor der Hitze sucht und dort für seine Prüfungen büffelt. Sie hat das erprobte Behandlungskonzept der Hypnose natürlich ein wenig zurechtgestutzt und ihren Anforderungen angepasst, sodass es nur noch entfernt an die ursprüngliche Verfahrensweise erinnert.

Ihre etwas eigenwillige Auslegung dieser psychotherapeutischen Heiltechnik befindet sich zwar noch in der Testphase, scheint ganz gut zu funktionieren. Am nächsten Morgen wachen die Adressaten optimal tiefenentspannt auf, und die entsprechende Botschaft ist fest in ihren Köpfen verankert. Wie bei einem Ohrwurm, der im Radio in Dauerschleife läuft, möchten sie die vertraut wirkende Melodie am liebsten die ganze Zeit vor sich hin summen und haben längst vergessen, worum es im Hintergrund eigentlich geht und wo sie ihre neuen Denkansätze aufgeschnappt haben.

Entscheidend bei dieser Vorgehensweise ist, dass während der Informationsübermittlung alle inneren Widerstände der Menschen unbemerkt umschifft werden können und es am Ende nicht mehr um den Ursprung der Idee, sondern nur noch um die Botschaft selbst geht. Die ursprüngliche Einheit von Quelle und Information ist ab diesem Punkt ohne Bedeutung, sie haben sich voneinander abgelöst.

Die Eiche lässt ihren gelassenen, altersweisen Blick über ihr Publikum gleiten. Nur wenige sind von ihrem Kaliber, das Jungvolk ist eindeutig in der Überzahl. Abgesehen von ihren taufrischen, ansehnlichen Körpern und glatten Gesichtern, erkennt man sie an ihrem Hunger auf Sensationen, an der ungebrochenen Erlebniswut und der schier unstillbaren Neugier, die in ihren Augen glänzt. Jede noch so überflüssige Banalität ist als Ablenkung willkommen, Hauptsache, sie erweckt den Anschein, neu und unverbraucht zu sein und ihr Unterhaltungsfaktor stimmt.

Na ja, wir waren alle mal jung, sinniert sie und sogleich steigen erquickende Erinnerungen an die gute, alte Zeit in ihr auf. Milde lächelnd beschließt sie deshalb, ihrer Gemeinde vorerst ihre Illusionen zu lassen. Es ist ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis sie sie verlieren werden. Denn die ernüchternde, schockierende Wahrheit über das sich auf Siebenmeilenstiefeln anbahnende Schicksal des Weihtaler Waldes und die mehr als ungewisse Zukunft ihres Lebensraumes, dieser zurzeit noch relativ intakten Insel des Glücks, erfahren sie schon noch früh genug.

Kinder müssen sich spielerisch und durch die Spontanität unmittelbarer Erfahrungen entwickeln, und diese so lebenswichtigen Lernprozesse will ihnen die Eiche unter keinen Umständen vorenthalten.

Das verhaltene Tuscheln, Scharren, Raunen und Wispern endet augenblicklich, als die Eiche in ihren wohlgesetzten Worten fortfährt.

„Die feierliche Stille, die über dieser Szenerie lag, hat mich tief berührt. Sie verstärkte die außergewöhnliche Atmosphäre, die die Prozession umgab, eine verwirrende Mischung aus Hochzeitszeremonie und Beerdigungsritual. Kurz bevor die Frauen, Männer und Kinder in der alles überstrahlenden Sonne verschwanden, lag der Ausdruck purer Glückseligkeit in ihren Gesichtern. Das, was in den Augen eines außenstehenden Betrachters wie ein Akt der Auslöschung anmuten musste, sie schienen es keineswegs zu fürchten. Im Gegenteil, sie wirkten, als ob sie von einem heiligen Licht grenzenlosen Vertrauens erfüllt wären und sich maßlos auf die vor ihnen liegende Etappe der Reinkarnation freuten.

Eine höhere, grenzenlos liebende Macht nimmt jedes einzelne Lebewesen an die Hand und führt es an einen besseren Ort, war der Gedanke, der mir bei diesem Anblick spontan in den Sinn kam.

Nachdem ich Zeuge eines Wunder des Lebens, seiner Wiedergeburt, geworden war, kehrte ich in meine heimatlichen Gefilde zurück. Die Menschen, die ich unterwegs traf, wirkten sichtlich erleichtert, machten teilweise einen regelrecht erlösten Eindruck auf mich. Als ob sie jahrzehntelang unter der erstickenden Glocke eines bösen Fluchs gelebt hätten und diese nun wie eine Seifenblase zerplatzt wäre.“

Mit einem im ganzen Wald deutlich vernehmbaren Stoßseufzer zieht sich die Eiche erschöpft in sich selbst und den kühlen Schatten ihres Blätterdachs zurück. Sie ist im Großen und Ganzen zufrieden mit der Wahl ihrer Worte und auch mit dem offenen Schluss der Geschichte. Den erzählerischen Rahmen ihres Reiseberichts hat sie ohnehin schon relativ weit gesteckt, es wäre sinnlos, den Wald mit allzu vielen irritierenden Details zu überfordern und die in ihm beherbergten großteils sehr naiven Geister in Unruhe zu versetzen.

Was sie ihnen daher verschwiegen hat, ist der Teil der Reise, den sie absolut rätselhaft findet. Wobei sie sich eingestehen muss, dass sie sich selbst manchmal ein Rätsel ist. Insbesondere ihre schwer zu zügelnde Neugier empfindet sie als äußerst unangemessen. In ihrem fortgeschrittenem Alter sollte sie derartigen selbstsüchtigen Kindereien eigentlich längst entwachsen sein und sich nicht mehr von der Lust auf tolldreiste Abenteuer auf das Glatteis führen lassen.

Dennoch, sie konnte einfach nicht widerstehen, zu groß war die Versuchung, den unvergleichlichen Duft eines gebrochenen Tabus zu schnuppern und zu spüren, wie das Adrenalin in jede Zelle schießt. Sensitive Sensationen, die unweigerlich eine deutliche Reaktion hervorrufen würden. Bis in den Innersten ihrer Jahresringe hinein, war die Eiche erfüllt von einer fast masochistischen Sehnsucht nach überirdischer Aufmerksamkeit. Auch wenn ihr Verhalten ihr auf eine absurde Art fatalistisch vorkam, konnte sie es kaum erwarten, dass mit der Konsequenz ihrer unkalkulierbaren Grenzüberschreitung das Chaos über sie hereinbrechen würde. Nach Jahren absoluten Stillstands, stand ihr nun endlich mal wieder ein Erdbeben der Richterskala neun bevor. Das erhoffte sie sich vor allem von diesem planlosen Aktionismus, sie wollte bis in ihre Grundfesten, bis in die filigranen Enden ihres Wurzelgeflechts hinein erschüttert werden.

Da ihr fünfhundertjähriger Erfahrungshorizont mit derartigen haarsträubenden Episoden inzwischen regelrecht gespickt war, wusste sie um den Preis, den man zahlte, wenn man leidenschaftlich gerne abseits ausgetretener Pfade wandelte. Lange haderte sie mit ihrem Schicksal und verfluchte den Umstand, dass sie als Baumgeborene dazu verurteilt war, das Zen des Innehaltens und der Langsamkeit von der Pike auf erlernen und perfektionieren zu müssen. Ihr war es zuwider, die Rolle einer Eiche erfüllen zu müssen, die traditionell die eines Vorbildes in Sachen Entschleunigung zu sein hat.

Auch wenn sie sich im Laufe der Zeit mit ihrer Bestimmung halbwegs abgefunden hatte, blieb einem unternehmungslustigen Charakter wie ihr doch schon aus Gründen der psychischen Hygiene gar nichts anderes übrig, als sich in der geistigen Sphäre nach Herzenslust auszutoben, oder?

Jedes Kind weiß, sinnierte die Eiche, dass sich eine Vision auf die Zukunft bezieht, es sich um eine Art Vorahnung handelt. Was jedoch kaum jemandem bekannt sein dürfte, ist die Tatsache, dass einige wenige Auserwählte imstande sind, sich innerhalb ihrer Vision frei zu bewegen und die Räume, in denen die Zukunftsmusik spielt, nach eigenem Ermessen zu erkunden.

Die Träumerin Eiche besitzt diese außerordentliche Fähigkeit und ist sich, trotz ihrer gelegentlichen Anfälle spätpubertären Leichtsinns, der Exklusivität dieser Gabe bewusst und schätzt sich überglücklich, vom Schicksal so reich beschenkt worden zu sein. Und da sie blindlings darauf vertraut, dass insbesondere ihr von einer unverbesserlich kindlichen Natur geprägtes Wesen ihr bester Schutz ist, beschließt sie, von dieser unmöglichen Möglichkeit Gebrauch zu machen und abermals viel zu weit zu gehen.

Sie konnte einfach nicht anders handeln. Das geheimnisvolle Portal zog sie magisch an. Auch wenn die Tür äußerst geschickt mit einem alles überstrahlenden Licht getarnt war, ließ sie sich nicht irreführen. Sie wusste, dass der helle Schein den Zweck hatte, ungebetene Besucher zu blenden und so dafür zu sorgen, dass nur diejenigen es als Durchgang zu einem anderen Ort erkannten, die sich auch tatsächlich anschickten, ihn zu betreten.

Regungslos verharrte die Eiche auf ihrem Beobachtungsposten und fragte sich, welche besondere Sphäre sich wohl jenseits dieser geheimnisvollen Pforte befinden mochte. Ihre diesbezüglichen Informationen beschränkten sich auf fantastische Legenden über ein völlig unfassbares Märchenland, das auf der anderen Seite dieser intergalaktischen Lichtschranke angeblich Ziel jener letzten Reise war, die jedes Lebewesen am Ende seiner irdischen Existenz antrat. Mit Sicherheit wusste sie nur, dass dieser sagenumwobene Ort ausschließlich denen vorbehalten war, die das Zeitliche gesegnet hatte. Eine VIP-Lounge der besonderen Art, auf deren Eingang ein großes Schild prangte:

Hier kein Durchgang für Lebendige!

Eigentlich eine unmissverständliche Botschaft, doch Verbote besaßen schon immer eine fatal verführerische Wirkung auf die Eiche. Anstatt sie abzuschrecken, animierten diese sie dazu, genau das zu tun, was sie unter Strafe stellten.

Und so schlich sie sich wider besseren Wissens immer näher an die Lichtquelle heran, bemüht, maximal unauffällig zu wirken, sich nach Möglichkeit unsichtbar zu machen. Während die Träumerin zwischen den Menschen nach Deckung suchend, geduckt über das Blütenmeer schwebte, konnte sie sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Allzu lachhaft erschien ihr der Versuch, unerkannt zu bleiben. Als ob der Urheber dieses überirdisch anmutenden Lichts Ohren und Augen bräuchte, um sie zu bemerken. Welche Wesenheit sich auch immer hinter diesem Phänomen verbergen mochte, sie war mit Sicherheit der Beschränktheit der gängigen fünf Sinne entwachsen und hat umfassendere, wesentlich subtilere Formen der Wahrnehmung entwickelt.

Die lupenreine Qualität des Lichts, seine makellos weiße Klarheit, ließ im Grunde genommen nur einen einzigen Schluss zu. Und zwar den, dass sie göttlichen Ursprungs war. Welche andere Instanz könnte in der Lage sein, eine derart machtvolle, alles überstrahlende und trotzdem wohltuende, auf eine heilsame Art befriedend wirkende Energiequelle zu installieren? Eine Sonne, deren Strahlen die Eiche beim Näherkommen nicht verbrannten, wie sie anfangs befürchtet hatte, sondern zärtlich umschmeichelten wie ein lauer, abendlicher Sommerwind.

Die fürsorgliche Berührung einer großen, warmen Hand aus Licht auf ihrem Geistkörper zu spüren, war zunächst eine, der Träumerin vollkommen fremde Empfindung. Je weiter sie sich in den gleißenden Gaskörper der Sonne vor wagte, desto intensiver wurde das Gefühl getragen zu werden, bis es sie schließlich einhüllte wie eine liebevolle Umarmung. Unversehens fand sie sich in einer Sphäre absoluter Stille wieder, die mit einer kompromisslosen Nähe verbunden war, wie sie sonst nur die innige Verbundenheit eines Lebewesens gegenüber dem leiblichen Kind hervorbringen kann.

Wie lange dieser Zustand anhielt, konnte die Eiche später nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Eingesponnen in einen schützenden Kokon aus reinstem Glück, verlor sie jedes Zeitgefühl. Was sie jedoch deutlich registrierte, war das befreiende Gefühl, als eine pralle Eiterblase giftiger Negativität in ihrem Innern aufbrach und wie ein schwarzes, zähflüssiges Rinnsal aus ihr heraus sickerte, die Welt ihrer Gedanken und Gefühle verließ.

Denn auch als Baum ging das Leben nicht spurlos an einem vorüber, auch sie hatte sich im Laufe der Zeit mit dem Virus tiefsitzenden Misstrauens gegenüber Allem und Jedem infiziert. So empfand sie es als Segen, dass sie das weiße Licht von einem ganzen Berg irrationaler Ängste erlöste und jede Menge erstickende Zweifel auslöschte.

Irgendwann erschien ein spiralförmiges Lichtwesen an der Seite der Träumerin, nahm sie behutsam an ihre dunkelgrün bemooste Hand und führte sie in das Zentrum des Heiligtums. In seiner Mitte glomm in einem zarten, transparent wirkenden Orangeton ein fluoreszierender Lichtkranz, der in stetem, ruhigen Rhythmus pulsierende Kern der Sonne. Auf die Eiche wirkte er wie eine Insel der Verheißung. Um diesen Ort stiller Glückseligkeit einigermaßen treffend zu beschreiben, müsste man eine neue Sprache erfinden. Grob ausgedrückt, bestand er aus Nichts und enthielt dennoch Alles.

Der Magnet aus Licht trieb den Frohsinn der Träumerin in schwindelerregende Höhen, bis sie es kaum noch ertragen konnte und befürchtete, gleich vor Entzücken zu verbrennen. Magisch angezogen, taumelte sie auf den immer gleißender erstrahlenden Schein zu, realisierte bestürzt, dass sie sich im freien Fall befand und und verlor den Verstand. Und während ihr Geistkörper haltlos wie Weltraumschrott um seine eigene Achse trudelte, drehte sie sich auch gedanklich um sich selbst und um das, was hinter ihr lag. Vage, aus großer Ferne, nahm sie wahr, dass ihre Erfahrungswerte abgefragt wurden, und dann funkelte die Gesamtzahl der einschneidenden Erlebnisse ihres vergangenen Lebens, wie eine Kette aus Blitzlichtern, vor ihrem inneren Auge vorbei.

Als sie ihr Bewusstsein zurück erlangte, fand sie sich in dem Zustand eines frisch geborenen Säuglings wieder. Frei von jedwedem Zweifel und mit sperrangelweit geöffneten Sinnen lauschte sie ihrer ganz persönlichen Offenbarung. Während sie, ohne zu urteilen, ihre Qualitäten und ihre Schattenseiten betrachtete und abwägte, erkannte sie ihr eigenes Potential, aber auch ihre trickreichen Mechanismen der Verhinderung und Selbstsabotage. So selbstverständlich wie ein guter, lang vertrauter Freund, zeigte ihr die lichte Instanz die Vielzahl der inneren Widerstände auf, die sie sich alltäglich zwischen die Wurzeln warf.

Keine komplizierten Erklärungen, weder Worte, noch Bilder, als ob der gute Rat aus ihr selbst gekommen wäre. Ein Lehrer, so unaufdringlich und klar in seiner Botschaft wie ein Herz, dessen gelassene Impulse das Blut im Körper verteilten. Das Licht war ein geflüstertes Versprechen. Es verhieß Erlösung und ließ sie an der universellen Erkenntnis teilhaben, dass die Realisierung ihrer sehnlichsten Wünsche nur eine Frage ihrer richtigen Einstellung war.

3 / Bei Nacht und Nebel

Die eingeschworene Gemeinschaft der Naturschützer erreicht ihr Ziel noch weit vor dem Morgengrauen, lange bevor der erste, frühe Vogel auch nur Piep machen mag und reißt alle Bewohner des Waldes aus dem wohlverdienten Schlaf. Alle, bis auf die gewohnheitsmäßigen Nachtschwärmer und zurückgezogen lebenden Nachtschattengewächse, die den klammheimlichen Einzug der jungen Leute mit Argusaugen beobachten.

Während sich die Neuankömmlinge mit Sack und Pack auf einer, im Zentrum des Waldes gelegenen, Lichtung ausbreiten und damit wie selbstverständlich den Versammlungsort der hier heimischen Fauna und Flora in Beschlag nehmen, macht die Kunde von dem ungebetenen Besuch schnell die Runde. Die zuverlässigsten Schnellkuriere und Wächter des Waldes sind die Eichelhäher, ihre Großfamilien sind extrem engmaschig vernetzt und tragen jede Neuigkeit in Windeseile in alle Welt. Neben ihrer hässlichen Angewohnheit, die Nester von heimischen Singvögeln zu plündern, haben sie allerdings auch den Ruf, die allergrößten Lästermäuler der westlichen Hemisphäre zu sein, eine kleine Charakterschwäche, die ihr kommunikatives Talent wohl unweigerlich mit sich bringt. Bei diesem äußerst umtriebigen Vogelvolk halten sich Licht und Schatten federgenau die Waage.

So wie die alte Eiche im Weihtaler Forst die Rolle des Mediums inne hat, gibt es bei den frisch Zugezogenen einen jungen Mann namens Jo, der für diese Aufgabe prädestiniert ist. Allerdings ist er das eher unfreiwillig, noch hadert er mit seinem Schicksal, das einen klar umrissenen Plan zu verfolgen scheint.

Es versucht, ihn dazu zu motivieren, dem Sumpf aus konfuser Stagnation, in dem er sich momentan befindet, eine Form zu geben. Der Plan, den es dabei verfolgt, ist aus seiner Not eine Tugend zu machen und dieser auf diese Weise einen tieferen Sinn zu verleihen. Vor allem gilt es zu vermeiden, dass aus einer Übergangsphase eine Dauerlösung wird. Sein momentanes Lebensgefühl ließe sich, nach seinem ausgedehnten Ausflug in das Nirwana lupenreiner Ekstase, aktuell am treffendsten als schweres Schweben charakterisieren.

Der Junge nennt sich Jo wie „Jo“ und nicht wie im Amerikanischen, „Dscho“. Und es scheint fast so, als ob ein großer Geist, der über die Wege aller Lebewesen wacht, die erklärte Absicht hat, aus der gerade erst überstandenen lebensbedrohlichen Krise um seinen labilen Geisteszustand, eine Chance auf einen Neubeginn zu generieren.

„Rückblickend hat das Unheil mit einer einzigen Pille begonnen.“, redet er sich sein Drama gerne schön. Eine reichlich verklärte Sicht der Dinge, die auch faktisch nicht ganz der Wahrheit entspricht. Nach Jahren polytoxischer Selbstexperimente, war es wohl eher einer der kleinen, bunten Spaßmacher zu viel, den er sich eingeworfen hat ohne auf die lange Liste der Inhaltsstoffe zu achten. Die eine, aus höllisch miesen Zutaten zusammengepanschte Superpille, auf die er besser verzichtet hätte und von der er seitdem nicht mehr so ganz herunter kommt.

Verborgen hinter Jos supercooler Fassade, hat sich das fiese, kleine Ding zu einer, in Ungewissheit getarnten, dunklen Instanz entwickelt, die ihn mittels Angst in Schach hält, Angst vor den Nachwirkungen, die in Gestalt von abgründigen Horrortrips jederzeit aus dem Hinterhalt über ihn hereinbrechen könnten. Der Preis, den der goldene Reiter für seinen extraordinären Höhenflug zahlt, ist astronomisch hoch, denn ein ausgesprochen einfallsreiches Monster befehligt die molekularen Altlasten seiner beschwingten Drogenkarriere. In unregelmäßigen Abständen ergeben sich im Mikrokosmos seiner Blutbahnen neue chemische Verbindungen, die ihn in Form von extremen Flashbacks heimsuchen. Wohin die nächste Reise gehen wird, ist und bleibt schlichtweg unkalkulierbar.

„Ich bereue nichts!“, ist einer der markigen Sprüche, die Jo im Brustton der Überzeugung allzu gerne von sich gibt. Aber auch wenn seine Zuhörer stets verständnisvoll nicken, Texte wie „Jau, is' ja logo, Jo!“ absondern und ihm anerkennend auf die Schulter klopfen, Jo weiß es besser. Insgeheim wünscht er sich, er hätte ein paar der günstigen Gelegenheiten ausgelassen, auch wenn sie sich ihm, in allen Regenbogenfarben verführerisch schillernd, an den Hals warfen oder for free am Wegesrand lockten, betörend wie die Sirenen, die Odysseus einst in Versuchung führten.

Diese Art von Rückschau ist natürlich ein rein theoretisches Gedankenspiel, pure Illusion. Entweder waren diese Optionen viel zu geil oder er einfach nur zu schwach gewesen, eine klare Entscheidung zu treffen. Sobald es um Drogen oder schnellen Sex ging, verwandelte er sich in einen Eiermann, der niemals deutlich „nein“ sagen konnte. Allerhöchstens zu einem vagen „Vielleicht heute besser mal nicht“ fühlte er sich in seinen hellen Momenten imstande und das bedeutete soviel wie „Her damit! Ist immer noch besser als nichts“.

Gepaart mit seinem fatalen Unvermögen, zwischen dem zu unterscheiden, was ihm gut tut und was nicht, waren die Weichen gestellt für einen rasanten Todestrip. Unter diesem morbiden Blickwinkel betrachtet, hat er noch mal eine Riesenportion Glück gehabt, Glück im Unglück. Wenn es so etwas wie Schutzengel tatsächlich geben sollte, hat Jo den, der so mutig war, sich für ihn zuständig zu erklären, mit Sicherheit an die Grenze eines amtlichen Burnouts gebracht.

Gut, dass er an frische Batterien gedacht hat. Der Lichtkegel der Taschenlampe ist so, wie er sein soll, strahlend weiß und knallhell. Groß und rund wie ein auf die Erde gestürzter Vollmond hüpft er von Baum zu Busch, erfasst die zahlreichen Unebenheiten auf dem schmalen Weg, bevor Jo darüber stolpert.

Am Rand der Lichtung steht eine wunderschöne, große Eiche. Jo erreicht sie als erster. Er hat nicht umsonst Vollgas gegeben auf dem finalen Abschnitt des Trampelpfades, einem smaragdgrünen Tunnel, der sich durch das dichte, mannshohe Unterholz schlängelte. Eins der ungeschrieben Gesetze jeder direkten Aktion lautet, sich zunächst einen strategisch vorteilhaften und optimal platzierten Ankerpunkt zu sichern. Diesbezüglich ist sich jeder der Nächste. Schließlich wird er in den nächsten Wochen oder vielleicht sogar Monaten hier zu Hause sein.

Eine überaus glückliche Wahl, locker fünfhundert Jahre alt und einen beeindruckenden Stammumfang von mindestens acht Metern. Die Eiche gipfelt in ungefähr dreißig Metern Höhe in einer ausladenden Krone und eignet sich perfekt für ein geräumiges Baumhaus.

Jo schüttelt seinen riesigen, schweren Rucksack ab und lässt ihn, untermalt von einem Stoßseufzer der Erleichterung, auf das weit verzweigte Wurzelgeflecht des Baumes plumpsen. Damit gilt das mit Sicherheit schönste Exemplar des Waldes als reserviert. Ein Vorgang, der dem selben simplen Prinzip folgt wie das symbolische Handtuch, das Touristen in aller Herrgottsfrühe, sorgsam und akkurat rechteckig auf der begehrtesten Liege ausgerichtet, am Swimmingpool des Hotels platzieren.

Jo ist sich selbstredend vollkommen im Klaren darüber, dass so ein Verhalten alberner Spießerkram ist, aber man muss nun einmal Prioritäten setzen. Wenn es hart auf hart kommt, will er seine Freiheit und körperliche Unversehrtheit ja nicht für irgendeinen halbwüchsigen Mickerling von Sprössling auf's Spiel setzen. Außerdem weiß Jo aus Erfahrung, das die Szenefrauen auf dicke Dinger stehen. Da hat man als ungebundener, halbwegs attraktiver Typ gute Chancen auf einen Überraschungsbesuch. Die Art von Besuch, die bis zum Frühstück bleibt.

Emsig wie ein Bienenschwarm im Frühling schwärmt die kunterbunte Meute aus. Bäume werden wie Trophäen in Beschlag genommen, miteinander verglichen und zur Probe erklommen. Aufgeregtes Schwatzen, Hämmern und Sägen erfüllt die Luft, wobei Hermann, das etwas in die Jahre gekommene, aber total angesagte Leitbild aller aktiven Baumbesetzer mit Argusaugen darauf achtet, dass kein Mitglied seiner temporären Anhängerschaft auch nur mit dem Gedanken spielt, einen Nagel in einen Baum zu schlagen.

Was direkte Aktionen im Bereich Naturschutz angeht, ist Jo ein Profi und hat die ungeschriebenen Gesetze längst verinnerlicht. Keine Nägel in lebendiges Holz! Niemals und unter keinen Umständen! Das gilt als ernst zu nehmendes Tabu und wird bei Nichtbeachtung auch dementsprechend streng geahndet. Da braucht niemand im Nachhinein den Versuch zu wagen, irgendwelche statischen oder sonstige baulichen Argumente vorzubringen. Misshandlungen von Bäumen entsprechen dem Sakrileg religiöser Gemeinschaften und werden zwar nicht mit öffentlicher Steinigung, aber mit sofortigem Ausschluss aus der Zelle und lebenslanger Ächtung bestraft. Das heißt im Klartext, dass sich der Verurteilte bundesweit bei keiner Aktion mehr blicken lassen kann und in seiner Wahlfamilie, einer kleinen, aber feinen Szene von militanten Naturschützern, zur Persona non grata erklärt wird.

Jo weiß aus eigener, leidvoller Erfahrung, dass sich auch kollektiver Rufmord ganz schnell zu einer Art Todesstrafe ausweiten kann. Als er auf dem ultimativen Gipfel seines multidrogiden Marathonrauschs, sprich ganz unten angekommen und phasenweise nicht mehr Herr seiner Sinne war, hat er sich den einen oder anderen verwerflichen Patzer geleistet. Ein falsches Wort zur falschen Zeit oder eine falsche Hand am falschen Arsch, waren in diesem überemanzipierten Kollektiv schon Grund genug für einen temporären Ausschluss. Aber ein irrlichternder Junkie, der neben seinen provokanten Sprüchen und chaotischen Frauengeschichten auch noch seine Gesinnungsgenossen abzockte, überschritt eindeutig die Toleranzgrenze der sonst so verständnisvollen Gemeinschaft.

Nachdem man ihn zum dritten Mal auf frischer Tat ertappt hatte, wurde ein Plenum einberufen, das ihn einstimmig als untragbaren Egomanen aburteilte. Daraufhin hat ihn die gesamte linke Szene geschnitten, niemand hat auch nur ein Sterbenswörtchen mehr mit ihm gewechselt. Selbst beim Erschnorren eines einigermaßen menschenwürdigen Existenzminimums, wie ein Mittagessen oder ein bisschen Kleingeld, behandelten sie ihn, als ob er aus Luft wäre, ein namenloser Geist. Der Begriff Solidarität war plötzlich zum Fremdwort geworden, von Mitgefühl ganz zu schweigen. Selbst im tiefsten Winter, wo man normalerweise keinen räudigen Hund mehr vor die Tür, hinaus in die eisige Kälte schickte, bot ihm niemand mehr einen Platz zum Pennen an. Selbst die sonst so einladend geöffneten Liebespforten der liebesbedürftigsten, einsamsten Szenebräute, auf die er früher in Notzeiten zuverlässig zurückgreifen konnte, waren plötzlich hermetisch verschlossen. Jo gegenüber verhielten sie sich abweisender als jede eiserne Jungfrau mit Keuschheitsgürtel.

Nachdem auch dieser Zug abgefahren war, realisierte er, dass er voll im Arsch war. Zum ersten Mal in seinem Leben erlebte er, was wirklicher Hunger war, Hunger nach jedweder Nahrung, nicht nur der Essbaren. Als am quälendsten empfand er das Fehlen von Nähe, dabei vermisste er nicht so sehr die flüchtige Körperlichkeit gelegentlicher erotischer Abenteuer, sondern vor allem die alltäglichen Begegnungen mit Gleichgesinnten, die herzerwärmende Atmosphäre einer Gemeinschaft vertrauter Menschen. Freundschaften waren bisher nicht sein Ding gewesen, denn zum Aufbau solcher Beziehungen gehört das Prinzip des Gebens und Nehmen und eine gewisse Ausgeglichenheit zwischen beiden. Sie setzten das Wahren einer Balance voraus, die auf einen mit allen Wassern gewaschenen User wie Jo eher befremdlich wirkte.

Erst jetzt, wo er einsam auf weiter Flur stand, wurde ihm klar, dass ein Freund jemand ist, in den man investiert, ohne nach dem Datum der Rückzahlung zu fragen. Dass Freundschaft ein besonderes Geschenk ist und tief empfundene Verbundenheit mit einem Menschen ausdrückt, der immer einen Platz im eigenen Herzen haben wird.

All diese tiefsinnigen Gedanken gingen Jo damals in seiner misslichen Lage durch den Kopf. Schon die bloße Vorstellung einer motivierenden Umarmung unter Kollegen, die, wenn auch mehr als unwahrscheinliche Möglichkeit, dass aus heiterem Himmel ein sogenannter bester Freund an seiner Seite auftauchte, erschien ihm tröstlich.

Allerdings begriff er in dieser Situation auch, warum er niemals einen solchen gehabt hatte. Er war ausschließlich mit sich selbst und seiner maßlosen Gier beschäftigt gewesen. Neben diesem unheiligen, nimmersatten Paar blieb kein Platz für ein, wie auch immer geartetes Interesse an seinen Mitmenschen und ihren Bedürfnissen. Die Rolle der Anderen war stets nur die von Erfüllungsgehilfen bei seiner Suche nach brandneuen Kicks gewesen: Höher, schneller, weiter oder besser gesagt, härter, lauter, breiter.

Die Eiseskälte seiner Einsamkeit war allgegenwärtig, sowohl innerlich, als auch äußerlich prägte sie den tristen Ablauf seiner Tage. Sie war die Hölle auf Erden, zum Sterben schrecklich. Das Ausmaß seiner Isolation empfand er als so umfassend und erschütternd, dass er sie nicht mehr ironisch überspielen konnte. Sie ließ sich weder elegant weg kiffen, noch auf irgend eine andere idiotische Art und Weise leugnen.

An diesem absoluten Tiefpunkt seines Daseins erkannte er, dass alles miteinander verbunden ist. Angekommen im weinenden Auge seines Schmerzzentrums, blieb ihm nichts anderes übrig, als endlich die Tatsache zu akzeptieren, dass das Prinzip der wechselseitigen Abhängigkeit ein wesentlicher Aspekt der Existenz ist, eine ungeschriebene, aber zwingende Gesetzmäßigkeit des Lebens. Im gleißenden Licht dieser Erkenntnis verbrannte sein Hochmut zu Asche, sie zwang sein eitles Gemüt im Nu und radikal in die Knie. Endlich vollkommen ernüchtert, fand er sich auf allen Vieren wieder, um Gnade winselnd wie ein verletztes Tier und glaubte, dass er sich von dieser leidvollen Erfahrung nie wieder erholen würde.

Doch er hatte sich getäuscht, das Leben ging weiter. Im Nachhinein blieb ihm diese Zeit unverhohlener Einsamkeit als das wesentlichste Lehrjahr seines bisher so gänzlich verpfuschten Daseins in Erinnerung. Ganz auf sich selbst gestellt, musste er sich eine schmerzliche Ewigkeit lang mühselig durchschlagen, bis er schließlich auf einer zweiten, extra seinetwegen einberufenen Vollversammlung Abbitte leisten durfte.

Sein Publikum war alles andere als ihm wohlgesonnen. Die haben ihn angesehen, als ob er ein Aussätziger wäre, dabei hatte er in seinem dauerbekifften Zustand, der phasenweise einem ausgewachsenen Delirium gleichkam, zumeist gar nicht gewusst, was er tat, war phasenweise kaum noch zurechnungsfähig. Wie heißt das vor Gericht so schön? Im Zweifel für den Angeklagten. Jo war der Meinung, dass ein Eierkopf wie er, einer, der nicht weiß, was er tut, eine zweite Chance bekommen sollte. So ein armer Teufel hat ein verbrieftes Recht auf Absolution, oder?

Seine Zukunft hing davon ab, dass er das Kunststück fertigbrachte, der aus selbstgefälligen Arschgeigen bestehenden Grand Jury seine Sicht der Dinge zu verklickern. Als sein eigener Anwalt musste er das Schlussplädoyer selber halten, niemand wäre auf die Idee gekommen, sich auf seine Seite zu schlagen und ein gutes Wort für ihn einzulegen.

Und überhaupt? Was wollten die bloß alle von ihm? Er kann schließlich nichts dafür, dass ihm das Scheitern in die Wiege gelegt wurde. Das macht ihn nicht automatisch zum schlechten Menschen. Man kann doch niemanden für sein angeborenes Naturell verurteilen, ein Affe ist ein Affe und eine Rose eine Rose. Er ist nun einmal als Skandalnudel auf die Welt gekommen, und wenn man so eine eskapistische Ader erst einmal voll ausgebildet hat, ist ein gelegentlicher Griff ins Klo fast unvermeidlich, quasi schon vorprogrammiert und deshalb halbwegs verzeihlich.

Jo kennt das Prozedere inzwischen wie seine Westentasche. Noch besser weiß er um seinen undankbaren Part in diesem weltumspannenden Gesellschaftsspiel. Im Laufe der Zeit ist er in die Rolle des schwarzen Schafes hineingewachsen und hat sich damit abgefunden, der schwarze Peter, Buhmann und Arsch vom Dienst zu sein. Das überstrapazierte Gewissen der moralisch tadellos funktionierenden Gutmenschen braucht nun einmal einen ausgewachsenen Sündenbock wie ihn, also tat er ihnen den Gefallen und spielte brav seine Rolle.

Kleinmütig wie ein getretener Hund, wälzte er sich unter ihren kalten, abschätzigen Blicken im Urschlamm seiner Schuld. Eine meisterhafte Darbietung, deren Qualität auf der Echtheit seiner Gefühle basierte, eine Glanzstunde des Method Acting. Er hat alles gegeben; geheult, gebettelt und mit den Zähnen geklappert, um wieder in den solidarischen und hermetisch geschlossenen Reihen der Aktionsgruppe „Natur ist Leben!“ Einlass zu finden. Reumütig nahm er die Lektion in Demut entgegen, ließ öffentlich die Hosen herunter und schämte sich noch nicht einmal dafür. Im Gegenteil, er war überglücklich, endlich Abbitte leisten zu dürfen. Seine Angst, ein weiteres Jahr unter dem Damoklesschwert gesellschaftlicher Ächtung vegetieren zu müssen, fegte jegliche Hemmungen und Anflüge von falschem Stolz kurzerhand beiseite.

Als Stunden später die bereits scharlachrot verschleierte Sonne die Wipfel der Bäume küsst und purpurne, fein gewobene Wolkenschleier die nahende Dämmerung ankündigen, schaltet Hermann den handlich kleinen, mobilen Dieselgenerator aus, der ihnen tagsüber den notwendigen Strom geliefert hat. Auf dieses Zeichen hin, lassen die Genossen und Genossinnen kollektiv ihre Hämmer fallen und gehen zum gemütlichen Teil der Aktion über.

Mit routinierten Handgriffen nimmt ein Lagerplatz Gestalt an, in seiner Mitte die traditionelle Feuerstelle. Totholz wird gesammelt und aufgespalten und dann kunstvoll zu einer kniehohen Pyramide aufgeschichtet. Um diese herum nehmen im Nu zwei perfekt abgezirkelte Kreise Gestalt an, einer aus braunrot geäderten, eiförmigen Findlingen, der andere aus dicken, nach Harz duftenden Baumstämmen, die einige Leute aus dem Wald herbei gerollt haben. Selbstverständlich geht der zu Kleinholz zersägte Baum nicht auf das Konto der jungen Leute, zu derlei Grausamkeiten sind sie definitiv nicht im Stande.

Kaum hat die wohltemperierte Sommernacht den Vorhang zur Außenwelt geschlossen, prasselt bereits ein anheimelndes Feuer in der Mitte der Lichtung. Das zuckende Licht der Flammen zaubert schattige Erscheinungen auf das schweigende Rund der Bäume, tanzende Schemen, die von Stamm zu Stamm huschen und immer weniger von dieser Welt sind.

Jo bemüht sich krampfhaft um eine demonstrativ relaxte Körperhaltung, spürt aber, wie sich mit seiner aufkommenden Panik alle Muskeln verhärten, sein ganzes Ich eine verschreckte Schutzhaltung einnimmt. Er weiß genau, was jetzt geschieht. Präzise und berechenbar, ja, auf eine perverse Art zuverlässig wie eine Schweizer Uhr, läuft in ihm ein tausendundeinmal durchlebter Automatismus der Angst ab, bricht sich das bange Lebensgefühl von einem Bahn, der sich auch in der tausendundersten Nacht nicht erfolgreich weigern kann, auszuziehen, um das Fürchten zu lernen.

Gelähmt, unfähig, die Notbremse zu ziehen, steht Jo neben sich und schaut sich dabei zu, wie er unaufhaltsam immer kleiner wird. Er versucht so zu tun, als wäre er ein unbeteiligter Beobachter, ein nur mäßig interessierter Voyeur, den das Ganze eigentlich gar nichts angeht.

Ein Psychodoktor sähe in ihm vermutlich einen zerrissenen Menschen, aus Jos Perspektive jedoch ist dieser Zustand der Spaltung ein nicht von der Hand zu weisender Fortschritt, er empfindet es als ausgesprochen wohltuend, seinen Schrumpfungsprozess inzwischen von außen betrachten zu können und nicht mehr so zwanghaft eingekeilt zu sein zwischen all seinen widersprüchlichen Gefühlen. Wer nicht wirklich existiert, der braucht auch keine Angst zu haben.

Zum Glück gibt ihm seine auserwählte Eiche etwas Halt in dieser dunklen Stunde, es tut gut, eine so kraftvolle Verbündete in der Nähe zu wissen. Den verspannten Rücken gegen ihren mächtigen Stamm gepresst, rutscht er unruhig auf seiner Isomatte herum und versucht die Geister zu ignorieren, die sich mit der zunehmenden Dunkelheit in immer schärfer konturierte Gestalten verwandeln. Späte Gäste, die außer ihm offensichtlich niemand wahrnimmt. Jedenfalls scheint der fröhlich tratschende Rest der Truppe im Gegensatz zu ihm keine Gedanken an irgendwelche Begegnungen der dritten Art zu verschwenden.

Fucking strange! Der dicke Baum dort drüben öffnet plötzlich seine gigantischen Kulleraugen. Reißt sie sperrangelweit auf.

Jetzt ist es passiert! Das, was er die ganze Zeit befürchtet hat. Einer der Tagschläfer ist aufgewacht. Das dämliche, laute Gelaber hat ihn aufgeweckt. Aus der Mitte seiner runzeligen Rinde heraus glotzt er ihn an wie ein Auto. Da! Jetzt hat er ihm auch noch zugeblinzelt...

Jo möchte den anderen am liebsten den Mund verbieten, sie bitten, leiser zu sein.

Seid doch endlich still! Ihr weckt sie sonst alle auf. Es sind so viele dort unten. Sie fühlen sich gestört und hangeln sich aus den tiefen Schatten ihrer labyrinthischen Höhlen hinüber in die Welt der Menschen. Bald werden ganze Heerscharen an die Oberfläche kommen und der Wald voll von ihnen sein.

Jo befürchtet, dass er die Kontrolle verlieren könnte. Wenn viele gleichzeitig auftauchen, wird es schwierig für ihn, den Überblick zu behalten. Dann kann er unmöglich alle im Auge behalten. Aber einer wird sich um sie kümmern müssen, jemand muss sie genau beobachten. Aufpassen, das sie keinen Unsinn anstellen. Denn so entspannt und harmlos, wie sie jetzt gerade wirken, sind sie nämlich nicht. Jo weiß, dass sie sich auch in etwas ganz Anderes verwandeln können. In etwas Garstiges und Feindseliges, listig wie hundsgemeine Kobolde. Wenn sie wollen, können sie ohne Ende Scheiße bauen und einem das Leben schwer machen...

Ganz ruhig und entspannt bleiben, Alter! Lass dich nicht aus dem Konzept bringen. Du weißt es inzwischen doch viel besser, hast geschnallt, wie der dämliche Angsthase läuft. Wie ein Vollidiot rennt er im Zickzack vor seiner Angst davon und geradewegs ins Verderben hinein.

Vor allem darf man sich niemals der Panik ergeben, niemals der Versuchung nachgeben, sich tot stellen zu wollen. Denn das ist nur etwas für Loser. Die glauben noch an das kindische Versteck hinter vor das Gesicht gehaltenen Händen. Sie denken, wer nicht sieht, kann auch nicht gesehen werden.

Ruckartig kommt Jo in die Realität zurück und merkt, dass er aufgehört hat, zu atmen. Er befürchtet, das leiseste Geräusch könnte ihn verraten.

Nein! Diesen Hochsicherheitsknast vermeintlicher Sicherheit kennt Jo zur Genüge.

Nein! Ins Bockshorn jagen lässt er sich nicht mehr. Never, ever!

Nein! Anstatt wie ein trotteliges Opferlamm mit offenen Augen in die Falle zu tappen, beschließt er das Monstrum namens Angst zu verwirren, indem er genau das Gegenteil von dem macht, was es von seinen Opfern erwartet.

Lass jetzt alles los, jedes Gefühl und jeden Gedanken. Schalte radikal um auf Survivalmodus. Das Einzige, was in so einem Moment zählt, ist das immer gleiche Ein und Aus, das einen am Leben hält. Tu nichts, außer dem Kommen und Gehen deines Atems zu lauschen. Alles andere ist ohne Bedeutung. Beobachte deinen Körper, wie selbstverständlich er für sich sorgt, wie klar und ruhig er ist. Genau wie ein großer See, auf dessen Oberfläche bei einem Sturm kleine Wellen tanzen, bleibt er in seiner Tiefe gänzlich unbeeindruckt von äußerem Druck und Getöse.

Folge seinem Beispiel und erkenne die simple Strategie des Überlebens. Die naheliegendste Lösung ist gleichzeitig das Einfachste auf der Welt. Und das, was funktioniert, ist richtig. Tiefer Atem ist die beste Medizin in solchen Situationen.

Jo starrt in die Nacht, die Nacht starrt zurück. In seinem Rücken spürt er die lebendige Wärme der Eiche, ihre borkige Rinde strahlt Geborgenheit aus. Er ist ihr dankbar für diese Zuwendung, eine Dankbarkeit, die an Liebe grenzt. Der Baum empfindet auch Zuneigung für ihn, da ist Jo sich sicher. Hinter ihm steht eine Riesenportion Liebe für alle lebendigen Wesen, und er ist einer von ihnen. Er muss sich nur diesem allgegenwärtigen Schutz anvertrauen. Dann wird alles gut. Und ein Leben ohne Angst liegt vor ihm.

Chill mal wie Buddha, sagt er sich. Das sind nur Naturgeister. Die tun dir nichts. Du bist doch einer von ihnen, ein Freund der Bäume.

Jo hat einschlägige Erfahrungen mit Angstzuständen aller Couleur. Mit den Jahren hat er sich zu einem Krisenmanager erster Güte entwickelt, zu einem wahren Meister im Bewältigen von Panikattacken.

Was ihm neben den sich zumeist in den Abendstunden einstellenden, übernatürlichen Erscheinungen, am meisten zu schaffen macht, ist seltsamerweise eine positive Entwicklung, die eigentlich Anlass zur Freude sein sollte. Im Verlauf der letzten Monate weiteten sich die zunächst sporadischen, vereinzelten Glücksmomente zu ausgedehnten Glückssträhnen aus. Früher kannte er nur die rasanten Wechsel zwischen Euphorie und Niedergeschlagenheit, himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt. Doch nun wacht er morgens auf und ist einfach guter Dinge, grundlos glücklich und muss gar nichts weiter dafür tun. Als ob dieses Glücksgefühl sein ursprünglicher, natürlicher Seinszustand wäre.

Aber aus bitterer Erfahrung weiß er, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist und unmöglich stimmen kann. Denn umsonst ist nicht mal der Tod und Highlights wie plötzliche Anfälle von Frohsinn gibt es schon mal gar nicht geschenkt. Die haben ohne Ausnahme einen langen Schatten und darin verbirgt sich meistens ein Rattenschwanz.

Tagelang grübelt er kreuz und quer und sucht händeringend nach dem Haken an der Sache. Denn irgendeinen hässlichen Haken muss dieses ungewohnte Lebensgefühl ja schließlich haben. Und obwohl alles nun viel einfacher geworden ist, kommt es ihm gleichzeitig komplizierter vor, schon allein deshalb, weil er Phasen von Freude und Entspannung seit jeher extrem irritierend fand.

Dennoch muss er sich widerwillig eingestehen, dass sich sein ganzes Leben, seit dem Beginn seiner Abstinenz, wie von Geisterhand umgestaltet hat. Es ist deutlich strukturierter und überschaubarer geworden und geht ihm leichter von der Hand. Viele unumgängliche Alltäglichkeiten, zu denen er sich früher erst langwierig überwinden musste und die er ewig, zusammen mit einem Berg anderer unerledigter Dinge vor sich her schob, laufen heute wie von selbst.

Sogar die Welt seiner Gedanken entwickelt sich inzwischen zunehmend in eine optimistische Richtung. Manchmal ist sie sogar dermaßen lichterfüllt und positiv, dass es ihm so vorkommt, als ob ein Engel seine Hand über ihn halten und ihn mit einem Zauberspruch segnen würde. Dann erstrahlt alles in ihm, bis in jede einzelne Zelle hinein, in solch einer reinen Stille und Schönheit, dass es ihn irgendwann hochgradig anzuöden beginnt. Die Monotonie des Frohsinns ist ein echtes Paradoxon.

In exakt diesen schwachen Momenten sucht sie ihn heim, die Unerträglichkeit stillen Friedens. Eine alle guten Ansätze im Keim erstickende und zermahlende Unruhe nimmt sich krakenhaft Raum in ihm und verstopft jede seiner Gehirnwindungen, bis am Ende nichts als hochtoxischer Sondermüll mit Überschallgeschwindigkeit in seinem Kopf rotiert, absoluter Mindfuck.

Je mehr sich seine Gesamtsituation entspannt, desto stärker schürt seine zunehmende Nervosität eine böse Lust in ihm, das neu gewonnene Gefühl der Geborgenheit niederzureißen und zuzuschauen, wie die zarten Knospen seines frisch erwachten Selbstvertrauens im Glutkegel seines Zweifels zu Asche verbrennen. Ein alter, ausgetretener Pfad, der durch ausdauernden Selbsthass gebahnt wurde und nach wie vor eine Option ist, die er jederzeit abrufen kann. Dieser flackernde Wahnzustand ist ein alter Bekannter, dessen Antlitz ungesund beleuchtet wird vom giftig gelben Stroboskoplicht, das Jos latentes Misstrauen erzeugt. Er gleicht einem kurzen, dramatisch hohen Fieber, einer schwarzgesichtigen Krankheit, die alles in den Dreck zieht und jeden Sinn für das Schöne aus seinem Herzen brennt.

Verstandesmäßig erkennt er selbstverständlich, dass es ihm jetzt besser geht als je zuvor und er das Leben zunehmend besser auf die Reihe kriegt, trotzdem ertappt er sich gelegentlich bei der Lust auf ein ausgewachsenes Drama. Dann überfällt ihn ein unwiderstehlicher Bock auf totales Chaos, auf den guten, alten, ganz alltäglichen Wahnsinn, der ihn früher durch die Tage gepeitscht hat. Und während er bereits mit dem verlockenden Gedanken spielt, dem infernalischen Sog nachzugeben, kommt sie ihm gleichzeitig total verrückt vor, diese Sehnsucht nach dem so verflucht vertraut erscheinenden, todtraurigen Land namens Selbstzerstörung. Als ob sie ein warmer, perfekt eingetragener Lieblingsmantel wäre, von dem er sich nicht trennen mag.

Manchmal spielt er mit dem Gedanken, vorsätzlich zu scheitern. Ein katastrophaler Rückfall würde ihn in seiner latent skeptischen Vermutung bestätigen, dass es sich bei seinen Glücksgefühlen ohnehin um nichts als trügerische Illusionen handelt. Hinter ihrer hübschen Fassade steckt nichts als ein Strohfeuer seiner Neuronen, die ihn trickreich in Sicherheit wiegen wollen, nichts als eine Überlebensstrategie seiner Seele, damit er nicht vom rechten Weg abkommt und erneut abstürzt.

Sein Leben lang wollte er irgendwo ankommen, endlich einen Ort finden, an dem sich nicht nur sein Körper zu Hause fühlt, sondern auch er selbst. Und ihm war jedes Mittel recht, den Weg dorthin zu beschleunigen, da kannte er keine Tabus. Dass diese Strategie zu keinem befriedigenden Ergebnis führte, lag von vornherein auf der Hand, auch wenn er es damals nicht wahrhaben wollte.

Seitdem er auf halber Strecke zwischen Hölle und Nirgendwo abgestürzt ist, lässt er sich treiben und in eine nach wie vor gänzlich ungewisse Zukunft mitschleifen und versucht, jeden einzelnen Tag auf's Neue, sich damit abzufinden, dass sein augenblicklicher Status Quo jetzt von Dauer sein wird. Und dass dieser genau dem Lebensgefühl entspricht, nach dem er sich früher so sehr gesehnt hat. Der unbeschreiblich träge, zuweilen zäh dahin fließende Strom inneren Friedens, den er nun zuweilen empfindet, ist das exakte Gegenteil vom flammenden Inferno radikalen Selbstzweifels, der ihn bisher so höllisch hart geritten hat. Heute reist er auf neuen Wassern, obwohl er sich nicht daran erinnern kann, bewusst eine Kursänderung vorgenommen zu haben.

Ihm ist klar, dass er um eine definitive Entscheidung langfristig nicht herum kommt. Ansonsten wird er in diesem wünschenswerten Zustand heilsamer Gelassenheit nicht wirklich ankommen, sich in ihm womöglich niemals ganz zu Hause fühlen. Aber trotz seines momentanen Eiertanzes zwischen den Stühlen namens Angst und Hoffnung, ist der berühmte, goldene Mittelweg sein Motto der Stunde. Der Weg, der dem Prinzip der Ausgleichung folgt und die perfekte, innere Balance zum Ziel hat, ist ein ausgesprochen hehres Ideal. Zur Abwechslung hat Jo die Messlatte ziemlich hoch gehängt, und zwar im positiven Sinne.

Als die XXL-Version eines Joints die Runde macht, verzichtet Jo dankend. Er ist jedes Mal ein bisschen stolz auf sich, wenn er es schafft, seinen neu gewonnenen Grundsätzen treu zu bleiben. Solche, für ihn traditionell eher untypischen Entscheidungen, fallen ihm wesentlich leichter, seit ihm sein permanent schlechtes Gewissen im Nacken sitzt. Diese im Moment friedlich schlummernde Wesenheit hat sich als überaus mächtige und garstige Kontrollinstanz erwiesen, die er auf gar keinen Fall herausfordern möchte. Schon die Option eines Fehltritts in Form von Drogen und Co erinnert ihn an seinen letzten Absturz, den er nur knapp überlebt hat und lässt seine Angst vor dem Overkill wieder drastisch lebendig werden.

The day after damals war der pure Horror. Das grünstichige Neonlicht über ihm an der kalkweißen Zimmerdecke erlosch niemals und sein ausgepumpter Magen fühlte sich an, als wäre er bis zum Rand mit glühenden Kohlen vollgestopft. Als makabere Krönung seines desaströsen Erwachens in der grauen Wirklichkeit, trat dann noch eine rabiat unfreundliche Psychologin in Erscheinung, die sich um Banalitäten wie Arztgeheimnis und Privatsphäre einen feuchten Kehricht kümmerte und ihm im voll belegten Mehrbettzimmer eine peinliche Standpauke hielt, in der sie ihm die Möglichkeit seiner Zwangseinweisung in die geschlossene Abteilung der nächstgelegenen Klapsmühle mehr als lebhaft vor Augen führte. Dabei klang ihr sonores Gelaber nicht wie eine leere Drohung, eher nach einer düsteren Prophezeiung.

Eigentlich müsste er mehr als dankbar sein, dass er noch mal mit relativ heiler Haut davon gekommen ist. Er fragt sich, warum er diese Dankbarkeit in Gedanken formulieren, aber nicht fühlen kann. Vermutlich, weil er weder das Leben, noch sich selbst liebt, und daher seine wundersame Auferstehung von den Toten nicht wirklich zu schätzen weiß.

In seinem Rücken schreit seine Vergangenheit um ihr Leben und krallt sich mit scharfen Krallen in sein schwaches Fleisch, und vor ihm steht sein Neuanfang, hält ihn fest an den Händen und versucht ihn auf die andere Seite der Medaille zu ziehen. Die Achterbahnfahrt eines Blinden, der Streckenverlauf liegt im Dunkeln.

Meistens weiß er nicht, was er fühlt, nur, was er passenderweise fühlen sollte. Dann spiegelt er eine angemessene Emotion vor, ruft sie aus der Erinnerung ab wie ein schlechter Schauspieler. Denn in seinem Herzen, dort, wo sich klare Impulse wie Hoffnung oder Trauer finden lassen sollten, gähnt nur ein schwarzes Loch. Und er kreist um diesen undefinierbaren Abgrund in seiner Mitte und versucht so zu tun, als wäre alles ganz prima und er ein neuer Mensch. Gut die Hälfte seines kreativen Potentials investiert er in den schönen Schein, mit dem er versucht seinen Mitmenschen vorzugaukeln, er hätte sich über Nacht in eine wahre Frohnatur verwandelt.

Als eine sanfte Brise den markanten Geruch von hochpotentem Supergras um Jos empfindliches Riechorgan fächelt, hat er das Gefühl, gleich kotzen zu müssen. Auch ohne den Konsum der heiligen Kräuter kommt es ihm so vor, als ob er dauerbreit wäre. Seinen Zustand könnte man auch als naturstoned bezeichnen.

Es kann auch von Vorteil sein, den Karren schon in jungen Jahren voll an die Wand zu fahren. Jedenfalls kommt Jo so frühzeitig auf den Trichter, dass es auch Alternativen zum Leben auf der Überholspur gibt. Im Gegensatz zu den meisten jungen Leuten seiner Generation, die möglichst oft maximal bekifft sein wollen, hat sich in seinem benebelten Hirn die Vorstellung, irgendwann auf dem steinigen Boden der Tatsachen zu landen, zu einer überwiegend positiv besetzten Zukunftsvision entwickelt.

Während er seine Abstinenz mit einer selbstgedrehten Zigarette belohnt, beobachtet er möglichst unauffällig den atemberaubend geformten Schattenriss der schönsten Frau der Welt. Zumindest ist sie das in seinen Augen und zwar bei jedem erneuten Hinsehen ein bisschen mehr. Seit Monaten schon träumt er beinahe jede Nacht von ihr und fiebert, sobald er aufwacht, das nächste Treffen der autonomen Planungsgruppe herbei und hofft, dass sie sich dort blicken lässt.

Die Räume jenseits und diesseits der Schallmauer, die durch die Mitte des Bewusstseins verläuft, befruchten sich ausnahmsweise gegenseitig. Traum und Wachzustand, die Jo besonders in Liebesdingen zumeist als sich widersprechende Perspektiven wahrnimmt, bilden, was Lisa angeht, eine bislang selten erlebte Einheit. Das kann eigentlich nur einen Grund haben, nämlich den, dass sie Seelenverwandte sind.

Eine, die Sinne betörende Augenweide und ein widerborstiger, sich gegen jede Konvention sträubender Wildfang. Obwohl Jo sich alle Mühe gibt, kann er seinen Blick nicht von ihr losreißen. Er liebt einfach alles an ihr, ihr Charakter vereint genau die Widersprüche, die auch ihn zu zerreißen drohen. Sie ist sein weibliches Pendant, auf eine ungekünstelte, freche Art verführerisch und gleichzeitig unnahbar kühl und distanziert.

Der Nachtwind frischt kurz auf und facht die Glut im Lagerfeuer an. Als die Holzscheite knisternd auflodern, glüht ihre weißblonde Mähne mit den Flammen um die Wette. Ihre spiraligen Korkenzieherlocken funkeln erst schneeweiß auf, züngeln dann in grellen Orangetönen empor und verlodern schließlich in immer matteren Farbnuancen, tauchen wie rubinrote, träge sich windende Schlangen in den Schatten der atmenden, lebendigen Finsternis des alten Waldes ab, der sie umgibt wie eine dunkelgrüne Schutzburg.

Als seine Angebetete unverhohlen gierig an dem immer noch kreisenden Joint zieht, sucht Jo eine obszöne Phantasie heim. Manchmal ist es ihm richtig unheimlich, welche Macht diese lüsternen Bilder über ihn haben, wie sie ihn aus heiterem Himmel in Beschlag nehmen. Obwohl er eigentlich eher zärtliche, behutsame Gefühle für Lisa hegt, bildet sich sofort eine unmissverständliche Beule in seiner zerschlissenen Cargohose.

Im ersten Moment ist Jo erleichtert, dass sein Ding endlich mal wieder ein Lebenszeichen von sich gibt. Zumindest hat seine Libido noch nicht endgültig alle viere von sich gestreckt, in diesem Sinne ist so ein Ständer natürlich ein gutes Zeichen. Andererseits nervt ihn das unkonstruktive Eigenleben seines Schwanzes allmählich. Wenn er in Aktion treten soll, regt sich rein gar nichts, und wenn es Jo nicht in den Kram passt, wie jetzt gerade, läuft er zur Hochform auf.

Während er angestrengt versucht, das triebgesteuerte Tier seiner Lust zurück in die Höhle zu treiben, aus der es hervorgekrochen war, malt er sich aus, wie die unvermittelt jähe Woge der Gier, die ihn durchströmt, Lisas Grenzen überspült und direkt in ihre Intimzone brandet.

In Situationen wie dieser fragt er sich, ob es wirklich einen Unterschied gibt zwischen einer Idee und ihrer Umsetzung in der Realität. Ist die Vorstellung einer eigenmächtigen, sexuellen Handlung nicht auch schon ein subtiler Ausdruck von Missbrauch?

Wenn Gedanken eine Form von Energie sind, dann sind sie eigentlich doch genauso real wie eine Hand zwischen den Beinen. Schräge, lüsterne Phantasien eines notgeilen Arschlochs, das, anstatt sich zu beherrschen und respektvoll auf Abstand zu bleiben, einer Frau mit seiner Gier ungefragt zu nahe tritt. Mentale Übergriffe, die einer geistigen Vergewaltigung gleichkommen.

Dabei liegt ihm nichts ferner. Die Vorstellung, Lisa mit seinem meist planlosen Sexualtrieb auf die Nerven zu gehen, ist ihm zutiefst zuwider. Klar, früher war er ganzjährig auf der Balz, ein fickriger Rammbock. Damals war ihm rein gar nichts peinlich, moralische Bedenken spielten eine untergeordnete Rolle, Hauptsache er kam zum Schuss. Heutzutage ist ihm der ranzige Pornomüll in seinem Kopf ausgesprochen unangenehm. Das Zeug kickt nicht mehr, sondern stört nur noch. Das ganze Gewichse turnt ihn völlig ab und er hat das Gefühl, seinen Sex komplett neu erfinden zu müssen, um wieder richtig Spaß daran zu haben. Die unverbindliche, schnelle Nummer hat für ihn restlos jeden Reiz verloren.

Natürlich musste er es neulich trotzdem mal wieder versuchen. Nach dem Motto, der Appetit kommt mit dem Essen, wollte er testen, was passiert, wenn er es drauf ankommen lässt. Aber es war ein totaler Reinfall. Die unvermittelte Nähe zu der so gut wie fremden Frau hat ihn derart verstört, dass er keinen hoch gekriegt hat. Nach kurzem, lauwarmem Gefummel, lagen sie beide frustriert nebeneinander und haben sich angeschwiegen. Trotz der sommerlichen Temperaturen in dem seltsam kleinmädchenhaft dekorierten Schlafzimmer war ihm lausig kalt.

Und irgendwann begriff er, dass es die Distanz zwischen ihnen war, die ihn bis ins Mark frösteln ließ, dass sein Gefühl der Ungeborgenheit das Aufkommen jeglichen Verlangens im Keim erstickte.

Fremdheit trifft auf Sex, früher hatte ihn diese Mischung total aufgegeilt, jetzt passten die Komponenten plötzlich nicht mehr zusammen. Die unvermittelte Nacktheit, das tödlich lange Schweigen und die beklemmende Unvertrautheit zwischen ihnen. Gleichzeitig zu nah und zu fern... Seltsam, dass ihn dieser Kontrast früher nicht gestört hatte.

Unangenehm berührt, erinnert er sich daran, wie er nur wenige Zentimeter neben der Frau lag und versuchte, jeden Blickkontakt zu vermeiden. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen, weil er befürchtete, dass sie das Ausmaß seiner Schwäche erkannte und er ihr vollkommen ausgeliefert wäre. So sehr hat er sich geschämt für seinen ausgemergelten Körper, seinen schlappen Schwanz. Am unangenehmsten war ihm aber seine Unsicherheit selbst. Dass er so komplett neben sich stand und nicht wusste, wohin mit sich, seinen peinlichen Versagensängsten und widersprüchlichen Gefühlen.

Seit er nüchtern durch das Leben geht, ist die Scham eine stete Begleiterscheinung seiner Lust. Das geht sogar so weit, dass ihm Erinnerungen an entgleiste Situationen aus der Vergangenheit die Schamröte ins Gesicht treiben. Vollkommen unvermittelt und wie aus dem Nichts steht er dann in Flammen wie ein lebendiges Streichholz und hat das Gefühl, dass ihn alle angaffen und Bescheid wissen um die Schneise der Verwüstung, die er in der weiblichen Welt hinterlassen hat.

Jo am Pranger. Jo, der Triebtäter, dessen Innenleben öffentlich zur Schau gestellt wird. Jo, der gläserne Frauenfresser, dem die gebrochenen Herzen und Verwünschungen seiner Expartnerinnen deutlich anzusehen, geradezu ins Gesicht geschrieben sind.

Als er spürt, wie die aufsteigende Hitze seine Wangen mit glühenden Kohlen füllt, weiß er, dass sein kahl rasierter Schädel jetzt die Farbe einer überreifen Erdbeere angenommen hat. Ein spät pubertierender Bubi, oben knallroter Feuermelder, unten schmales und blasses Strichmännchen.

Ha, ha, nun ist es wieder unter uns, das wandelnde Streichholz! Fremdschämen ist angesagt, Leute!

Jo ist mehr als froh, dass die Nacht ihn davor schützt, durchschaut, entlarvt und verarscht zu werden. Mit einem Ruck reißt er seinen Blick von Lisa los, um grüblerisch ins Feuer zu starren.

Ob sie es wohl auf eine mehr oder weniger bewusste Art mitschneidet, wenn er so durchgeknallte, lüsterne Gefühle und Fantasien hat, in denen sie der Fixpunkt seiner Begierde ist? Wenn dem so sein sollte, lässt sie sich jedenfalls nichts anmerken und macht gute Miene zum bösen Spiel.

Dank des turbogeilen Dopes schwebt Lisa ungefähr einen Meter über dem nach Wildkräutern und Verwesung duftenden Waldboden. Sie befindet sich in einem wunderbaren Zustand, fühlt sich leicht wie eine Feder und ist wunschlos glücklich. Doch nach der anfänglichen, von Euphorie geprägten Phase des Rausches, meldet sich viel zu schnell die andere Seite der Medaille und fordert den üblichen Preis. Die Schutzhülle, die ihren Geistkörper sonst so behütend umschließt wie eine Rüstung, wird merklich schwächer und fühlt sich plötzlich löchrig und diffus an.

So spürt Lisa die drängende Energie, die sich aus der vermeintlichen Anonymität des Halbschattens heraus, zielgerichtet wie ein Laserstrahl in ihre Aura bohrt, deutlicher als ihr lieb ist. Auch ohne groß den Kopf drehen und den Absender der doppeldeutigen Energiewellen genauer unter die Lupe nehmen zu müssen, eine Aktivität, die ihr, stoned wie sie ist, ohnehin viel zu anstrengend wäre, weiß sie längst, wer der heimliche Absender ist.

Jo ist attraktiv und auf eine sympathische Art versponnen, deshalb sonnt sie sich auch ganz gerne im Licht seiner Aufmerksamkeit. Ihr Traumtyp ist er nicht gerade, entspricht im Großen und Ganzen aber ihrem Beuteschema und wäre gewiss ein amüsanter Zeitvertreib. Besondere Illusionen hegt sie nicht, er ist auch nur ein Mann wie alle anderen. Seine verstohlenen Blicke sprechen eine deutliche Sprache, eine Fusion aus oberflächlichem Interesse und unterdrücktem Verlangen.

Mit Annäherungsversuchen jeglicher Couleur ist sie bestens vertraut. Dass Typen hinter ihr her sind, gehört zu ihrem Alltag. Das klingt nach jeder Menge Stress und ist es auch, in ehrlichen Momenten muss sie sich allerdings eingestehen, dass sie die ganze Bandbreite an Zuwendungen oft auch genießt, die von Seiten der Männerwelt auf sie herab prasseln, auch wenn sich diese in der Regel auf ihr niedliches Puppengesicht, ihren Arsch und ihre Titten beziehen. In diesem Punkt ist sie trotz ihrer Jugend bereits jeglicher Illusion entwachsen. Die meisten Männer wollen einfach nur ein bisschen flirten und dann möglichst fix und unverbindlich zur Sache kommen. Ein kleines Erfolgserlebnis zum Aufpeppen ihres Egos und als Sahnehäubchen ihr Sahnehäubchen möglichst spektakulär auf weiblichen Rundungen platzieren. After Action, Satisfaction. That’s the name of the game.

Eine Zeit lang spielte sie brav ihre Rolle und testete das zweifelhafte Vergnügen, als reines Lustobjekt herzuhalten in allen möglichen Variationen durch. Doch abgesehen davon, dass sie als Frau bei solchen emotionsarmen Quickies nicht wirklich auf ihre Kosten kam, wurde ihr von dem schalen Nachgeschmack solches mechanischen Flüssigkeitsaustausches irgendwann regelmäßig speiübel. Sie deutete ihr Unwohlsein als Abwehrreaktion ihres Körpers, als ob er jeden fremden Tropfen Schweiß, Speichel und Sperma, jede oberflächliche Berührung aus seiner Intimsphäre herauspressen müsste, um sich nicht mehr ganz so besudelt und benutzt zu fühlen.

Auch auf geistiger Ebene machten ihr die One-night-stands zunehmend zu schaffen. Auf das kurze Glück feuchtwarmer Zweisamkeit, folgten Tage düsterer Schwermut, die sie in ihrer Heftigkeit an die depressiven Abstürze ihrer Mutter erinnerten.

Sie lässt sich von dem unbequemen Holzklotz auf den, mit spärlichen Grasbüscheln bewachsenen, Waldboden gleiten, streckt sich und reckt sich genussvoll der Wärme des Lagerfeuers entgegen und wirft derweil einen beiläufig erscheinenden Rundumblick in das Reich der Schatten. Jo ist echt der seltsamste Typ, den sie jemals getroffen hat.

Hockt da, am äußersten Rand des Flammenscheins, wie immer ganz für sich allein und scheint mal wieder mit den Geistern Zwiesprache zu halten. Auch wenn sie in dem fahlen Zwielicht keine Lippenbewegungen ausmachen kann, hört sie ihn raunen und flüstern, Pro und Contra abwägen, mit wem auch immer über den Sinn des Lebens diskutieren. Dr. Seltsam, er macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt...

Zum ersten Mal begegneten sie sich vor ungefähr einem halben Jahr bei einer Animal-Freedom-Aktion. Damals brachen sie in einen Zoo ein und befreiten ein gutes Dutzend Raubvögel aus ihren Käfigen. Eine coole Aktion, sie hatten viel Spaß dabei. Dass die Vögel ein paar Tage später freiwillig in ihre Gefängnisse zurückkehrten, trübte ihr Erfolgserlebnis allerdings spürbar ein. In der bürgerlichen Schundpresse berichteten sie dann, dass die Tiere in der freien Wildbahn nicht überlebensfähig und am Verhungern waren. Angeblich, weil sie in Gefangenschaft geboren und deshalb nicht in der Lage waren, sich selbst zu versorgen.

Solche Statements stehen ihrer Meinung nach vor allem für die selbstgefällige Arroganz und doppelbödige Heuchelei, die Menschen gegenüber Tieren an den Tag legen. Diese Typen fürchten sich nur davor, sie könnten so etwas Lästiges wie Mitgefühl mit einer Spezies entwickeln, die tagtäglich in Form von gebratenen Hähnchen und anderen geschmacklichen Entgleisungen auf ihren Tellern liegt.

Und außerdem, selbst, wenn dem so wäre und der aufgeblasene Pressefuzzi tatsächlich recht hätte? Sie als Vogel wäre jedenfalls mehr als froh, wenn ihr jemand die Freiheit schenkte. Lieber verhungern, als ein jämmerliches Dasein hinter Gitterstäben fristen, oder?

Dass Jo hinter ihr her ist, ist kaum zu übersehen. Im Prinzip wäre sie ja auch gar nicht abgeneigt, mal ganz abgesehen von seinen gelegentlichen, tranceartigen Aussetzern, findet sie ihn ziemlich süß. Aber er verhält sich wie alle diese Typen aus der linken Szene, große Klappe und nichts dahinter. Die sind genauso schüchtern wie sie geil sind, widersprüchlicher als pubertierende Schuljungs vorm ersten Mal. Ihre Angst, in irgend ein politisch unkorrektes Fettnäpfchen zu treten, wäre direkt zum Schreien komisch, wenn sie nicht jegliche Art von natürlichem Kontakt zwischen Mann und Frau verhinderte.

So viele verpasste Chancen. Dabei will sie doch auch hin und wieder angebaggert werden! Diese Anmachen sollten natürlich rein verbal und frei von aufgesetzten Macho-Allüren vonstatten gehen. Wie sagt man so schön? Wer ficken will, muss freundlich sein.

Lisa gibt den hellrot glühenden, viel zu heiß gerauchten Joint weiter, schnappt sich ihre zerschrammte Wandergitarre und fängt zur Einstimmung an, ein paar leise Akkorde zu zupfen. „Smells like teen spirit“ von Nirvana zählt zu ihren absoluten Lieblingssongs. Sie glaubt genau zu wissen, in welcher Stimmung er entstanden ist. Jedes einzelne Wort, jede Silbe kann sie fühlen, den Wahrheitsgehalt in jedem Vers schmecken.

Nachdem sie sich ein wenig warm gespielt hat, setzt sie sich aufrecht hin, weitet ihre Brust mit ein paar tiefen Atemzügen und haut, das universelle Wissen um die Heilkraft allumfassender Liebe in ihrer erstaunlich kräftigen Stimme, voller Inbrunst in die Saiten.

Nach anfänglicher Befangenheit, die sich mit der Wirkung des mit einem astronomisch hohen THC-Wert gepimpten Grases schnell auflöst, fängt das illustre Häufchen Mensch an, mitzusingen. Manche verhalten murmelnd, andere aus vollem Halse, je nach stimmlichem Potential und vorhandenem Selbstwertgefühl.

Jo lehnt sich zurück in die starken Arme seiner hölzernen Amme und versucht die Show zu genießen. Ein wenig Aktion kommt immer gut, sie lenkt ihn von seinem verdrehten Innenleben ab und treibt die Geister zurück in die Welt der Schatten.

Das Dope scheint gut zu sein, jedenfalls beflügelt sein ungebremster Konsum zusehends den Mut des bunt gemischten Chors, sich stimmlich gehen zu lassen. Der Rausch, gepaart mit den Sangesfreuden, verändert die Stimmung auf der nächtlichen Lichtung kolossal.

Während eine popkulturelle Hymne auf die nächste folgt, hocken Jos sonst so knallharte Mitstreiter, völlig losgelöst im Hier und Jetzt, im Kreis um das Lagerfeuer herum. Nachdem sie zuerst nur zaghaft mit den Köpfen genickt haben, pendeln ihre Oberkörper schließlich immer rhythmischer und wilder im Takt der Musik. Gelegentlich lässt sich sogar jemand dazu hinreißen, mit den Händen ekstatisch die Luft umzurühren, Flowerpower.

Im flackernden Schein der Flammen wirken sie butterweich und unschuldig, aus der Zeit gefallene Kinder, deren Physiognomien Jo an die Hippies erinnern, die er einmal in einem Dokumentarfilm über das legendäre Woodstock-Festival im Jahr 1969 gesehen hat.

Der Reihe nach mustert er die wesentlichen Leistungsträger der Zelle. Neben Lisa und Hermann zählt noch ein weiterer junger Mann zu den unverzichtbaren Eckpfeilern seiner politischen Wahlfamilie. Sein bürgerlicher Name lautet Martin Gruber, aber unter dem kennt ihn in der Szene keiner. Während militanter Aktionen und anderer Ordnungswidrigkeiten sind Klarnamen und ähnliche erkennungsdienstlich verwertbare Merkmale definitiv tabu, außerdem klingen Spitznamen viel besser, irgendwie familiärer. Sie symbolisieren ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl und bergen ein Versprechen in sich. Die Erfüllung der Sehnsucht nach verwegenen Abenteuern und Grenzgängen, die die Routine des Alltags auf den Kopf stellen. Schließlich käme ja auch niemand auf die Idee, unter dem Allerweltsnamen Martin Gruber auf einem Piratenschiff anzuheuern. Das wäre ja kontraproduktiv, schon beinahe geschäftsschädigend. Genau dieses bourgeoise Image will man doch hinter sich lassen, wenn man sich dem Widerstand anschließt.

Alle nennen ihn Tarzan. Jo kann sich ein amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen. Kein Wunder, dass ihm die Szene so einen bekloppten Spitznamen verpasst hat. Als bekennender Nudist, er läuft sogar im tiefsten Winter barfuß, muss er mit allem rechnen. Seinem Spitznamen macht er alle Ehre, indem er sich, einen durchdringenden Urschrei ausstoßend, Hals über Kopf ins Schlachtengetümmel stürzt.

Aber genau genommen passt der Name Tarzan überhaupt nicht zu ihm. Er klingt nach einem fröhlichem Naturburschen, ein Image, das den wesentlichen Kern seiner Persönlichkeit noch nicht mal ungefähr trifft. Denn Martin ist eine tickende Zeitbombe, der Scharfmacher vor dem Herrn. Wenn der bei einer Demo mit an Bord ist, kann man davon ausgehen, dass irgendwann die Wasserwerfer in Stellung gehen und die GSG 9 aufmarschiert.

Genau der Typ Mensch, den man nicht zum Feind haben will. In der Szene kennt zwar niemand seine Vorgeschichte, aber die muss es in sich haben. Als er eines Tages wie der Phönix aus der Asche in ihrer Mitte auftauchte, hielten ihn einige besonders argwöhnische Gesinnungsgenossen zunächst für einen Agent Provokateur. Für einen Zivi, der den Auftrag hat, die Eskalation von Protesten voranzutreiben und so der Staatsmacht die Legitimation zu liefern, ordentlich drauf schlagen und Demonstranten festnehmen zu dürfen.

Aber ein Bulle ist er definitiv nicht, dafür ist er viel zu chaotisch und das Fundament seines Hasses bei weitem zu solide. Damit er aus der Haut fährt, reicht als Auslöser oft schon ein klitzekleiner Funken, eine banale Meinungsverschiedenheit und ihn befällt quasi aus dem Nichts der Willen zum Grillen. In diesem Punkt erinnert er Jo an diesen Killertypen Charles Bronson, der vor seiner Zeit für die Rolle des starken Mannes prädestiniert war und auch heute manchmal noch außerhalb der Prime-Time in einem dieser verstaubten Hollywood-Schinken zu bewundern ist.

Jo hat die Szene noch lebhaft vor Augen. Er, so richtig schön stoned, kam im frühen Rot des Morgengrauens nach Hause, eine ebenso voll zugedröhnte, leidlich attraktive Braut im Schlepptau. Zum Runterkommen haben sie erst noch einen opulenten Joint inhaliert und dann beim diffusen Flimmerlicht der Glotze eine gemütliche Nummer geschoben. Ein Mann sieht rot, ja genau, so hieß der Streifen. Das wäre übrigens auch ein passender Titel für Tarzans Memoiren. In dem bluttriefenden Reißer nimmt Rächer Bronson das Gesetz höchstselbst in die Hand und macht dabei keine Gefangenen. Selbstjustiz und Lynchmobs, ja, darauf stehen diese waffengeilen Amis.

Und Tarzan auch. Wenn man den mal in Aktion gesehen hat, das vergisst man nie wieder. Es gibt Bilder, die wird man nicht mehr los, die prägen sich kratertief in die Hirnrinde ein, wie auf Lebenszeit ins Gedächtnis tätowiert.

Die Erinnerung an einen von Tarzans symptomatischen Ausrastern beschert Jo immer noch eine Gänsehaut. Sein von abgrundtiefem Hass verzerrtes Gesicht, als dieser rasend wie ein Berserker auf einen Bullen eindrosch, wird er mit Sicherheit niemals vergessen. Inmitten der eigentlich harmlosen Demo am 1.Mai, mit der die linke Szene alljährlich sich selbst und natürlich den sogenannten internationalen Kampftag der Arbeiterklasse feiert, befand sich Tarzan im Blutrausch. Er schien sich ganz in seiner eigenen, hermetisch abgeschlossenen Welt zu befinden.

In einem aberwitzigen Tempo schlug er immer wieder mit einer Eisenstange zu. Eine Szene, die surreal wirkte und Jo an einen dieser alten Schwarzweißfilme erinnerte, die damals mit weniger Bildern aufgenommen wurden und heute bei der Wiedergabe zu schnell laufen. In Jos Augen gebärdete sich Tarzan wie ein tobsüchtiger, aber äußerst gefährlicher Irrer, als er wie ihm Wahn und dennoch gezielt, sogar regelrecht systematisch, die wunden Punkte unter der Kampfmontur seines Gegners anvisierte. Er glich einem ferngesteuerten Kampfroboter, dem die Sicherung in dem Moment durchbrannte, als er gerade auf ein Maximum an zerstörerischer Effizienz programmiert war.

Auch im Nachhinein findet Jo seine auf das Wesentliche reduzierten Bewegungsabläufe in hohem Maße erschreckend. Als besonders unheimlich empfindet er die offensichtliche Tötungsabsicht. Es ging Tarzan nicht darum, jemanden Angst zu machen und ihn in die Flucht zu schlagen. Sein Handeln war geprägt von nackter Mordlust.

Als der Helm des Cops schließlich mit einem hörbaren Knacken in zwei Teile zersprang, zog einer seiner hysterisch schreienden Kollegen seine Dienstwaffe und schoss zur Warnung in die Luft. Aber Tarzans Hass war stärker als seine Angst. Völlig unbeeindruckt und brüllend wie ein wilder Stier, ging er zielstrebig auf den Typen mit der Knarre los und hat auf dessen Helm weiter gemacht, bis auch dieser in die Brüche ging. Eine Szene, die Jo stark an ein mittelalterliches Schlachtfeld erinnerte. Mann gegen Mann und kein Pardon.

Nach einer Weile hörte das Bullenschwein auf, zu quieken und lag mucksmäuschenstill, wie tot auf dem Boden. Doch selbst der regungslose Körper löste bei Tarzan keinerlei Mitgefühl aus. Dafür wurde es seinen militanten Kumpels aus dem schwarzen Block nun doch zu viel. Und die sind wahrlich nicht zimperlich in puncto Gewalt gegen die uniformierte Staatsmacht. Jedenfalls sind sie eingeschritten und haben das Massaker beendet. Sechs ganze Kerle mussten alles geben, um dem Springteufel Tarzan die Eisenstange zu entwinden und ihn zur Räson zu bringen.

4 / Frauenpower

Malerisch schön,

wie das Rot des Sonnenuntergangs mit den Bremslichtern der sich stauenden Autos korrespondiert.

Als Elena die Stadtgrenze hinter sich hat, gibt sie Vollgas. Sie liebt den Moment der Beschleunigung, den sanften Impuls, mit dem die Fliehkräfte ihren Körper in das weiche Lederpolster der Luxuslimousine drücken. Wenn sie in einem Affenzahn über die Landstraßen rast, fällt es ihr wesentlich leichter ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Die Kombination aus Geschwindigkeit und Leichtigkeit gibt ihr das Gefühl, fliegen zu können und beflügelt ihre Denkprozesse.

„Intelligenzbestie!“, schimpft Erwin immer, wenn er nicht weiter weiß. Andere Männer werden aggressiv, nicht wenige sogar rasend vor Wut und massiv handgreiflich, wenn sie sich hilflos fühlen. Das weiß sie aus eigener Erfahrung. Da hat sie mit ihrem Kerl noch Glück im Unglück gehabt. Das ganz große Los hat sie mit ihm aber auch nicht gezogen. Ein Umstand, der ihr allerdings schon bewusst war, bevor sie mit ihm vor dem Traualtar stand.

Sie hat ihn nicht aus Liebe geheiratet. Die Liebesheirat wird ihrer Ansicht nach ohnehin völlig überschätzt. Dabei kauft man meistens die Katze im Sack.

Elena ist kein Mensch, der sich künstlich mit schönfärberischen Illusionen über Wasser hält. Viel eher entspricht sie dem rationalen Typus von Frau, einer die weiß, was sie will und die auch bereit ist, dafür gewisse Kompromisse zu machen. Sie hält diesen Schachzug für einen guten Deal, glaubt, dass ihr im Gegenzug ein relativ großes Stück vom Kuchen zugestanden wird. Und dass sie sich so die gesellschaftliche Aufmerksamkeit verdient, die ihr Selbstwertgefühl benötigt, um zu einer runden Sache heranzuwachsen. Ohne das Spotlight allgemeinen Interesses, kommt sie sich ungeliebt vor, ihr Dasein erscheint ihr sinnlos.

Elena hat irgendwann akzeptiert, dass Frauen als Menschen zweiter Klasse geboren werden. Und dass es zum Beispiel nicht selbstverständlich ist, dass sie für ihre natürliche Schönheit Anerkennung bekommen. Sie müssen erst einmal etwas aus sich machen, sich mit Schminke und anderen kosmetischen Zwangsmaßnahmen verunstalten und dann so aufgedonnert etwas ganz Besonderes leisten. Und schließlich haben sie, je nach der Höhe der Sprossen, die sie auf der steilen Karriereleiter erklimmen, ihren Mann zu stehen und nach dem Vorbild der Schwanzträger ihre Machtposition zu verteidigen.

Es ist schwierig, sich auf dem Weg an die Spitze nicht in einen Kerl in Frauenkleidern zu verwandeln. Weibliche Qualitäten werden besonders dort oben, wo die Luft dünner wird und man für die wirklich begehrenswerten Posten über Leichen geht, wenig wertgeschätzt.

Elena ist nicht glücklich mit diesen gesellschaftlichen Missständen, aber sie hat sich dazu entschieden, eine gute Miene zum bösen Spiel zur Schau zu tragen. Besser sie führt ein Leben mit Lügen, als überhaupt nicht daran teilzuhaben und vom Ratrace ausgeschlossen zu sein. Wobei Ihr sehr wohl bewusst ist, dass die so gewonnene Aufmerksamkeit teuer erkauft ist und nicht ihr, sondern nur ihrer Maske gilt, einer Kunstfigur. Aber sie verbrennt lieber unter der artifiziellen Sonne verlogener Komplimente, als dass sie eine nonnenhafte Schattenexistenz führt.

Im Zuge dieser deprimierenden Gleichung wurde der Kampf um Anerkennung Elenas erklärte Lebensaufgabe. Sie ist bereit, ihr Recht auf Respekt mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln einzufordern. Ob diese Rechnung am Ende tatsächlich aufgeht, spielt für Elena allerdings längst keine Rolle mehr, denn sie hat inzwischen vergessen, dass sie überhaupt existiert und warum sie sich auf diesen faulen Kompromiss eingelassen hat.

Während der Autofahrt von der Stadt zurück ins malerische Weihtal, kommt sie an einem Fitnessstudio vorbei. Es muss neu aufgemacht haben, sonst wäre ihr die grelle Neonreklame schon früher aufgefallen. In überdimensionalen, knallroten Lettern schreit sie ihre topaktuelle Message durch die rabenschwarze Finsternis.

In nur 30 Minuten pro Woche von einer Schwabbelwampe zum ultimativen Sixpack!

Eine Aussage, die Elena als sehr inspirierend empfindet. Während sie den 7er BMW zügig über die kurvige Landstraße lenkt, formt sie den Inhalt des Leuchtschilds vor ihrem inneren Auge um.

In nur 30 Minuten pro Woche von einer Dumpfbacke zum eloquenten Kommunikationstalent!

Bei der Vorstellung, dass sich ihr Mann mithilfe intellektueller Turnübungen in einen halbwegs gescheiten Gesprächspartner verwandeln könnte, bekommt sie einen schrillen Lachanfall, einen, der einen unterschwelligen Anflug von Hysterie erahnen lässt. Sie muss ihre volle Konzentration aufwenden, um nicht das Lenkrad zu verreißen und gegen den nächsten Baum zu krachen.

Zum Zeitvertreib spinnt sie vor ihrem geistigen Auge den hochdramatischen Handlungsfaden munter weiter. Es gab keine Bremsspuren, würde es später heißen. Beklommene Schweigeminuten, gefolgt von zustimmendem Nicken, synchron wie eine bescheuerte Herde Schafe. Jedem Vollidioten wäre sofort klar, was man ihm zwischen den Zeilen verklickern wollte. Posthum erklärte man sie, die Powerfrau, zur debilen Suicide-Queen...

Das kreative Visualisieren von Trauerfeiern ist Elenas geheime Leidenschaft. Kathedral ausgeschmückte Phantasien, in denen selbstverständlich die Verfasserin selbst im Mittelpunkt des Interesses steht, beziehungsweise ihr wunderschön zurecht gemachter Leichnam. Manchmal werden allerdings auch andere bestattet, die stinkenden Kadaver derer, denen sie die Pest an den Hals wünscht.

Wobei ihren Feinden der Tod wie eine Erlösung vorkommen wird. Ein Akt der Gnade, den sie ihnen erst gewähren wird, nachdem sie mit ihnen fertig ist.

Weihtal. Wir haben zwar keine Berge, dafür aber jede Menge Potential.

Nur in einem Kaff wie Weihtal kann man mit so einem nichtssagenden Slogan eine Wahl gewinnen und das zum dritten Mal in Folge. Der schmerbäuchige Bürgermeister namens Josef Braun ist für sie zum Symbol eines überholten, patriarchalen Chorgeistes geworden. Deshalb ist einer ihrer sich in diversen Variationen wiederholenden Tagträume speziell ihm gewidmet, diesem abgefuckten Machtmenschen und seinen professionellen Speichelleckern.

Sie selbst tot, wie gehabt. Ihr Geist schwebt über den Dingen wie ein rasiermesserscharfes Damoklesschwert, bereit, die Herren der Schöpfung das Fürchten zu lehren. Doch bevor sie ihnen die ultimative Lektion erteilen wird, mischt sie sich unter das Volk. Elena, der Racheengel spielt Mäuschen. Sie liebt es, diese gelackten Spießbürger beim Auswürgen all der frivolen Bösartigkeiten zu belauschen, die stets unter die Gürtellinie zielen und ausschließlich intern ausgetauscht werden.

Die Altherrenrunde mit lebenslänglichem Triebstau zählt zu den Klassikern. In ihrer Mitte schwadroniert der selbstgefällige Herr Braun, der bei ihr schon beim bloßen Hinschauen Brechreiz auslöst. Natürlich hat er mal wieder das Wort, und niemand hat die Eier, es ihm zu entziehen. Der alte Prahlhans nutzt jede Gelegenheit, um Hof zu halten und sich im Angstschweiß seiner Bittsteller zu suhlen.

Elena beobachtet die schlitzäugigen Blicke der sich bei ihm anbiedernden Schleimer, die das Terrain abchecken und sicher stellen, dass man unter sich bleibt. Dabei geht es nicht allein darum, unter Männern zu sein, sondern darum, ausschließlich gleichgesinnte Schwanzträger um sich zu sammeln. Schließlich hat man hat ja einen guten Ruf zu verlieren. Erst wenn man sich absolut sicher ist, dass die Luft wirklich rein ist, fängt man an, sich ungehemmt auszutauschen. Dann trifft säuerlicher Alkoholatem auf lüsternes Getuschel und angedeutete obszöne Gesten kreuzen sich mit vielsagendem Augenzwinkern und anderen ekelerregenden Ausdünstungen von senilem Kopfsalat.

Am Ende ist man sich einig über die Vorzüge der Verstorbenen. Ihre sterblichen Überreste werden angepriesen wie die eines gut gemästeten Stück Viehs, das es nun auszuweiden gilt.

„Also, wenn du mich fragst... Ein Prachtweib war das. Die hätte ich gerne mal... Aber so richtig! Hast du ihren Vorbau gesehen? Ich sag nur, Doppel D. Und erst den tollen Knackarsch? Damit konnte die bestimmt 'ne 1A Faust machen und einen so richtig abmelken. Wenn du weißt, was ich meine...“

Eine Vorstellung, die in den Köpfen eine geheime Fortsetzung findet und Appetit auf mehr macht. Münder wie Briefschlitze, aus denen graue Zungen hervorschießen und wulstige Lippen lecken, noch gut gefettet vom üppigen Trauermahl. Es gab Eisbein satt.

„Hä, hä! Schade um das saugeile Sahnestück.“

Üble Nachrede bis zum Gehtnichtmehr, das haben sie drauf, die selbstgefälligen alten Säcke.

Im Anschluss an das Überführen der Angeklagten auf frischer Tat, folgt zumeist der dramaturgisch überfällige Umzug in den tiefsten Keller des Hauses. Es ist eine von Elenas Lieblingsfantasien dort unten über die feinen Herren Gericht zu halten. Nun, wieder von den Toten auferstanden, sitzt sie unangefochten an den Hebeln der Macht und hat ein Instrumentarium an Folterwerkzeugen zur Verfügung, angesichts dessen sogar die mittelalterliche Inquisition vor Neid erblasst wäre.

Nach tagelangem, hochnotpeinlichem Verhör und grausamsten Torturen reißt sie den verdammten Wichsern die gespaltenen Zungen mit einer Kneifzange aus dem Rachen heraus.

Mit der rechten, vor Wut geballten Faust packt sie den Schaltknüppel, prügelt das Getriebe rabiat vom fünften in den dritten Gang und tritt das Gaspedal bis zum Bodenblech durch. Das chromblitzende Statussymbol reagiert dank üppiger Motorisierung selbst bei 110 km/h noch mit dem ohrenbetäubenden Kreischen durchdrehender Reifen und schießt hochtourig aufheulend durch das enge Nadelöhr der Allee.

Bei ihrer aktuellen, durch das Ambiente der nächtlichen Landstraße inspirierten, Version des Leichenschmauses kommen bei einigen Trauergästen zu vorgerückter Stunde schließlich doch erhebliche Zweifel an der offiziellen Version des Freitods auf. Mit einem halben Liter Hochprozentigen hinter der Binde hebt sich die Stimmung ganz von selbst, was die üblichen Pappenheimer dazu animiert, kleinstädtische Verschwörungstheorien vom Stapel zu lassen.

„Dahinter könnte auch der Matzke stecken. Der war schon immer scharf auf Elenas Geschäftsräume. Kein Wunder, bei der Lage. Jede Menge Laufkundschaft kam täglich bei ihr vorbei.“

„Ganz im Ernst, so eine Bremse ist fix manipuliert. Da braucht's nur ein paar Handgriffe und Peng! klebt man am Baum.“

„Selbstmord? Niemals, die doch nicht! Hat sich von nichts und niemand klein kriegen lassen. Die war doch voll das Stehaufweibchen!“

Doch Elena weiß es besser. Sie lässt sich ihr Endzeitgefühl nicht anmerken, trägt nach außen hin stets ein perfekt auf den Tag und den Anlass abgestimmtes Make-up zur Schau. Hinter der Fassade allerdings fällt es ihr schwer, sich etwas vorzumachen. Da kann sie sich auf den Kopf stellen und Termine am Fließband machen, die Realität holt sie weitaus öfter ein, als ihr lieb ist. Sie ist nun einmal nicht der Verdrängertyp, ein Charakterzug, den sie normalerweise zu ihren Qualitäten zählt. In diesem Fall mutiert er jedoch zu einer eher ungeliebten Eigenschaft, denn so bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich der unverblümten Wahrheit zu stellen. Ob sie will oder nicht, sie muss sich eingestehen, dass ihr die Verbitterung über ihre Lebenssituation inzwischen bis zum Hals steht.

In solchen zutiefst einsamen Momenten hat sie ein beklemmendes Bild vor Augen. Über eine Kloschüssel gebeugt, erbricht sie Unmengen von teerfarbenen, scharfkantigen Splittern. Von dieser düsteren Fantasie wird sie inzwischen auch nachts in ihren Träumen regelmäßig heimgesucht. Das macht ihr Angst, den Weg zum Psychiater spart sie sich trotzdem. Ihrer Meinung nach gibt es an diesem gruseligen Selbstporträt nicht besonders viel zu deuteln. Sie hat sich Vergiftungserscheinungen auf Herzebene attestiert. Sogar ihr Herz muss kotzen, so groß ist ihr Selbstekel.

Über den mit Stacheldraht umzäunten Rand einer Wiese schwappt gräulicher Bodennebel auf die Fahrbahn, eine unförmige, klebrig wirkende Masse, die entfernt an zähflüssigen Milchbrei erinnert und den auch die LED-Scheinwerfer des BMW nicht vollständig durchdringen können.

Elena mag Nebel, besonders als Stilmittel künstlerischen Ausdrucks in der modernen Malerei. In ihrer Galerie hängen etliche Kunstwerke, die zwar gegenständlich orientiert sind, auf denen die dargestellten Szenerien aber wirken, als betrachte man sie durch eine unscharfe Linse, diffuse Konturen und verwaschene Farben. Sie fühlt sich auf eine seltsame Art mit dem Urheber dieser Bilder verbunden, spürt einen schwer zu beschreibenden Verwandtschaftsgrad zwischen sich und dem noch unbekannten Maler. Vermutlich ist das der Hauptgrund, warum sie ihn in ihrer Galerie ausstellt, denn für besonders talentiert hält sie ihn eigentlich nicht.

Andererseits ist so ein kurzweiliger Flirt mit einem jungen Künstler immer recht inspirierend, schon allein deshalb, weil sie sich als Galeristin seiner vollen Aufmerksamkeit sicher sein kann. Warum auch nicht? Das schmückt und schmeichelt ihrem Ego. Eine Win-Win-Situation, nicht mehr, nicht weniger, da macht sie sich nichts vor.

Außerdem geht von den großformatigen Arbeiten, ihren Vorbehalten zum Trotz, eine gewisse Faszination aus. Ein schwer zu beschreibender Esprit, den auch die unausgegorene und teilweise stümperhaft wirkende, technische Ausführung nicht gänzlich zerstören kann. Wahrscheinlich ist die Anziehung, die sie verspürt nur eine oberflächliche Projektion, eine dünnwandige Seifenblase, die bereits morgen zerplatzen wird. Dennoch scheint sich in den Ölbildern ihr Innenleben zu spiegeln. Sie wirken auf Elena wie Sinnbilder für den Weichzeichner, der ihre Gefühle und Wünsche von ihr entfremdet, sie stetig abschwächt und in immer weitere Ferne rückt.

Es wäre furchtbar, eines Tages aufzuwachen und festzustellen, dass sich ihr nur gelegentlich, aber dennoch zuverlässig in regelmäßigen Abständen aufkeimender Hoffnungsschimmer, als vages, undefinierbares Glimmen in weiter Ferne am Horizont ihres untergehenden Sternes verloren hat und endgültig erloschen ist.

Elena schüttelt sich, gibt erneut Gas und versucht so, den Strom trüber Gedanken zu unterbrechen. Sie lenkt ihre Konzentration auf den mit zunehmendem Tempo schmaler wirkenden, tiefschwarz schimmernden Streifen Asphalt, der ihr zwischen den glitzernden Leitpfosten bleibt.

Eine Straße ist eine Straße ist ein Straße...

Im Laufe der letzten Jahre hat sie ihre Version der berühmten Waffen der Frau perfektioniert. Ihr Göttergatte erwies sich diesbezüglich als das ideale Versuchsobjekt. Sie ist inzwischen eine wahre Meisterin darin, ihn in Schach zu halten, gefangen, klein und dennoch bei Laune zu halten. Ein bisschen Arschwackeln und ein gelegentlicher Blowjob reichen für diesen Zweck völlig aus.

Durch die Blume gesagt, hält sie Erwin für ein ausgesprochen schlichtes Gemüt, hässlicher formuliert für einen ausgemachten Kleingeist. Sehr körperorientiert und pragmatisch, man könnte ihn als oberflächlich bezeichnen. Dennoch war es damals, vor ihrer Eheschließung, gerade seine Bodenständigkeit, die sie überzeugt hatte. Sein gradliniger Sinn für materiellen Erfolg hatte anfangs ja durchaus sein Gutes, denn schließlich suchte sie vor allem nach einem kinderlieben Versorgertyp.

Als Lady von Welt, im Bett eine Granate und intellektuell haushoch überlegen, war es für sie eine der leichtesten Übungen, ihn um den Finger zu wickeln. Im Anschluss an die etwas überstürzte Heirat gingen sie zunächst streng arbeitsteilig vor. Er scheffelte ordentlich Kohle und stellte ihr ein ansprechend repräsentatives Heim vor die wohl geformten Füße. Alles, was sie tun musste, war mit Sack und Pack dort einzuziehen. Im Gegenzug verwirklichte sie sich als Innenausstatterin und setzte ihre Vorstellungen von Nestbau kostspielig in die Tat um.

Drei entsetzlich lange Jahre ging sie ganz und gar in der bangen Erwartung ihrer Mutterschaft auf, Phasen der Euphorie und der Furcht vor Enttäuschung rangen um Vorherrschaft in ihrer Vorstellung vom Morgen. Doch anstatt sich von ihrer Zukunftsangst lähmen zu lassen, sprach sie sich Mut zu und bastelte hingebungsvoll zuckerzarte Mobiles mit Märchenmotiven, die später über dem Himmelbettchen ihres Kindes schweben sollten, für jeden Wochentag ein anderes. Bis ins Detail vervollkommnete sie je einen Satz Zubehör für einen potentiellen Jungen und ein mögliches Mädchen, und rechtfertigte die voraussichtlich zu 50 Prozent sinnlosen Ausgaben damit, dass sie ja auch Zwillinge bekommen könnte. In ihrem ruhelos nach Ablenkung suchenden Geist trug sie akribisch alle verfügbaren Informationen über die ersten, so nachhaltig prägenden Jahre nach der Geburt zusammen und erstellte minutiöse Tagesabläufe, die jedem frühkindlichen Bedürfnis gerecht wurden.

Stundenlang hockte sie im picobello eingerichteten Kinderzimmer und betete inbrünstig um Nachwuchs. Elena wurde von einem einzigen Gedanken beherrscht:

Wer auch immer vom Himmel aus die Geschicke der Menschheit lenkt, er möge ihr die ersehnte Schwangerschaft ermöglichen und sie zur glücklichsten Frau auf der Welt machen.

Der Wunsch eroberte ihr Bewusstsein, füllte schließlich jeden Winkel ihres Denkens aus, bis er größer wurde als sie selbst. Ein Monster unerfüllter Sehnsüchte, das ihr über den Kopf wuchs und ihren Blick für das Wesentliche, den alltäglichen Fluss ihres gegenwärtigen Lebens, trübte.

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360 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783753194868
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Bookwire
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