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Gunnar Kunz
Aufmarsch der Republikfeinde
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Aufmarsch der Republikfeinde
Prolog
1.
2.
3.
Nachwort
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Impressum neobooks
Aufmarsch der Republikfeinde
Kriminalroman aus der Weimarer Republik
von Gunnar Kunz
Impressum:
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Prolog
Wenn Franz Hasler etwas konnte, dann sich verstellen. Die ersten Monate im Knast hatte er noch getobt und versucht, dem Mann, dem er seinen lebenslänglichen Aufenthalt hier zu verdanken hatte, etwas am Zeug zu flicken. Aber das hatte ihm nichts als Ärger eingebracht. Deshalb war er zum friedlichen Lamm mutiert. Arbeitete fleißig in der Druckerei. Machte keinen Ärger. War höflich zu den Aufsichtsbeamten, die ihn dafür anständig behandelten. Selbst der Direktor hatte sich schon mal lobend über ihn geäußert. Aber im Inneren dachte Franz immer bloß an den Mann, der ihn reingelegt hatte. Gregor. Gregor Lilienthal.
Franz biss die Zähne zusammen, bis sie knirschten. Der Name stand in blutroten Lettern vor seinem geistigen Auge. Während er seine Runden im Hof drehte und sich zwang, seinem Gesicht einen gleichmütigen Ausdruck zu geben, malte er sich aus, was er ihm antun würde, wenn er ihn in die Finger bekam. Die Knochen brechen. Blutig schlagen. Zum Krüppel schießen. Mit bloßen Händen erwürgen, bis er blau anlief. Ah, aber vorher … Vorher sollte er leiden. Franz wusste auch schon, wie.
Über drei Jahre hatte er Zeit gehabt, sich einen Plan auszudenken. Jeden einzelnen dieser Tage hatte er daran gefeilt, Details hinzugefügt, verbessert. Und sich vorgestellt, wie Gregor die Hölle auf Erden erlitt. Es hieß, er liebte seine kleine Tochter abgöttisch. Tja, Gregor. Jeder hat seine Achillesferse.
Franz zwang seine geballten Fäuste, sich zu öffnen. Es war unabdingbar, dass er den äußeren Schein wahrte. Er lächelte dem Wärter zu, an dem er vorüberging, und tat, als genösse er die Sonne.
Sechsundneunzig Tage noch. Bis Lutz aus dem Knast entlassen wurde. Lutz würde ihm helfen. Er hatte ihm bereits eine entsprechende Nachricht zukommen lassen. Die Details seines Ausbruchs standen fest. Franz konnte es kaum erwarten. Sechsundneunzig Tage noch würde er den Arschlöchern hier den Friedlichen vorspielen. Dann war Schluss. Dann würde das Lamm seine Fangzähne zeigen.
Abel kam auf ihn zugeschlendert. Na endlich! Franz blieb stehen, bis der andere bei ihm war, und tat, als mache er eine Bemerkung übers Wetter.
Etwas wechselte den Besitzer.
Franz spürte ein Fläschchen. Rizinusöl. Unverfänglich, selbst wenn sie seine Zelle durchsuchten, was schon lange nicht mehr vorgekommen war. Weil er ja als Mustergefangener galt. Im Zweifelsfall konnte er immer sagen, er hätte das quietschende Bettgestell ölen wollen.
Den Strick und die Lampe würde er erst kurz vor dem Ausbruch anfertigen. Etwas zum Beschweren brauchte er noch. Na, das würde sich finden. Im Zweifel konnte Abel Kröger helfen. Wegen seiner guten Führung war er zum Kalfaktor ernannt worden, und als solcher hatte er Zugang zu allen möglichen Sachen. Abel war gelernter Einbrecher. Ein Virtuose mit seinen Händen. Mit nichts als den Zinken von Brotgabeln konnte er Türen öffnen. Auch hier drin.
Die beiden Männer schlenderten nebeneinander über den Hof.
»Was ist mit den Irren?«, flüsterte Franz.
»Schon organisiert. Ich kenne den richtigen Mann. Er schuldet mir was.« Abel warf ihm einen Seitenblick zu. »Du ebenfalls, vergiss das nicht.«
»Keine Sorge, das werde ich nicht.« Weil Abel ihn weiter ansah, tat Franz ihm den Gefallen und führte aus: »Ich gehe zu deiner Frau und rede dem Kerl, der sie und deinen Sohn aus der Wohnung werfen will, zu. Mach dir keinen Kopf. Die Sache ist so gut wie erledigt.«
Abel nickte befriedigt.
Dummkopf! Franz hatte nicht eine Sekunde vor, sein Versprechen zu halten. Tatsächlich hatte er die Adresse von Abels Frau schon wieder vergessen. Alles, was er wollte, war, Gregor in seine Hände zu bekommen. Es ihm heimzuzahlen. Ihm jede Sekunde in Moabit mit Zins und Zinseszins zu vergelten.
Leiden sollst du, Gregor, leiden! Erfreu dich an deiner Tochter, so lange du noch kannst. Sechsundneunzig Tage. Mehr bleiben dir nicht.
1.
Donnerstag, 2. April – Montag, 1. Juni 1931
Berlin S. arbeitet, Berlin N. jeht uff Arbeet, Berlin O. schuftet, Berlin W. hat zu tun.
Kurt Tucholsky alias Peter Panter
1
»Mama, guck, der Elch macht Pipi«, kicherte Lissi.
Diana lachte.
Hendrik musste ebenfalls grinsen. Er hob die Tochter seines Bruders hoch, damit sie über die Gitterstäbe sehen konnte. In drei Monaten wurde sie drei Jahre alt, dabei kam es ihm so vor, als hätte er eben erst miterlebt, wie sie selbstständig zu laufen lernte. Lissi war ein aufgewecktes Kind. Sie malte und tanzte gern, besaß eine überbordende Fantasie und konnte sich bereits allein an- und ausziehen. Mit ihrem Dreirad sauste sie wie ein Wirbelwind durch die elterliche Wohnung und begeisterte sich für Schattenspiele mit den Händen. Es war das erste Mal, dass sie mit ihr im Zoo waren. Die Schneehasen hatten es ihr besonders angetan. Die erwachsenen Besucher hingegen lockten vor allem die jungen Elche, die im vergangenen Jahr aus Schweden und Finnland eingekauft worden waren.
»Als er klein war, hat der Elch aus der Flasche getrunken, genau wie du«, sagte Diana zu ihrer Tochter.
»Warum?«
»Ich nehme an, seine Mama war gestorben. Und wenn der Bauer ihm nicht geholfen hätte, wäre der kleine Elch auch gestorben.«
In puncto Kleidung hatte sich Diana wieder mal selbst übertroffen. Sie trug eine Hose, wie es die diesjährige Mode propagierte, und eine Herrenjacke, dazu allerdings hochhackige Schuhe aus Schlangenhaut. Für die eine oder andere Besucherin des Zoos war sie die eigentliche Attraktion, den Blicken nach zu urteilen.
Hendrik setzte Lissi ab, die ihre Mutter mit Fragen über den Elch bestürmte, und beobachtete Diana. Sie hielt sich gut, obwohl sie immer noch um ihren Bruder trauerte. Aktivitäten wie der Besuch des Zoos halfen ihr, ein Stück weit ihre Unbeschwertheit zurückzugewinnen.
Nicht nur ihr. Auch Hendrik war froh, wenigstens für einen Moment den politischen Ränkespielen zu entkommen, die die Republik in Atem hielten. Gestern war durch einen Misstrauensantrag der thüringische Innenminister Wilhelm Frick gestürzt worden, der erste nationalsozialistische Landesminister. Auch Hitlers persönliches Erscheinen hatte den Sturz nicht verhindern können. Die Volkspartei, die die Regierungsbeteiligung der Nazis möglich gemacht hatte und mit Frick einen Mann tolerierte, der am Hitlerputsch von 1923 beteiligt und anschließend zu fünfzehn Monaten Festungshaft verurteilt worden war, hatte offenbar genug von Fricks Versuchen, die Verwaltung des Landes mit Parteifreunden zu durchsetzen. Nicht länger konnten die Nazis damit prahlen, Thüringen sei ihre Hochburg, zumal auch ihr Staatsrat Willy Marschler mit unter die Räder geraten war. Nun blieb den Nationalsozialisten nur noch Innenminister Anton Franzen in Braunschweig. Das musste bitter für Hitler sein. Schließlich verdankte die NSDAP ihren überwältigenden Wahlerfolg im letzten Jahr – von zwölf auf hundertsieben Abgeordnete und damit zweitstärkste Fraktion im Reichstag – nicht zuletzt der thüringischen Machtposition.
Und das war nicht der einzige Rückschlag, den Hitler hinnehmen musste. Der schwelende Konflikt zwischen der Partei und ihrem Schlägertrupp war ebenfalls gestern explodiert. Den zumeist arbeitslosen Männern der SA, die es mit dem Sozialismus im Nationalsozialismus ernster meinten als Hitler, war die Legalitätspolitik der Parteiführung ein Dorn im Auge. Hitler hatte von seinen Leuten Gehorsam gegenüber der Notverordnung zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen und damit Verzicht auf Straßenschlachten gefordert – zweifellos wollte er die noch zarte Zusammenarbeit mit Reichswehr und Industrie nicht gefährden, ebenso wenig die wachsenden politischen Erfolge der NSDAP und damit die Chance, auf legalem Wege an die Macht zu gelangen. Nicht zuletzt hatte er wohl aus seinem gescheiterten Putsch von 1923 die Lehre gezogen, dass der offene Kampf gegen den Staat aussichtslos sei. Doch die Berliner SA war nicht bereit, den »revolutionären Idealen«, sprich: Putschträumen und Gewalttätigkeiten abzuschwören. Abgesehen davon ärgerten sie sich darüber, dass ihnen oft nicht mal Geld für Stiefel und Ausrüstungsgegenständen zur Verfügung stand, während sie gleichzeitig mit ihren Mitgliedsbeiträgen das »Braune Haus«, die protzige Münchner Parteizentrale, finanzieren mussten.
Gestern hatte Ernst Röhm, Duzfreund Hitlers, ehemaliger Offizier in der bolivianischen Armee und seit Januar Chef der Sturmabteilung, auf Hitlers Befehl hin Walther Stennes, dem die SA in Norddeutschland unterstand, abgesetzt und an seiner Stelle den wegen Fememordes zum Tode verurteilten, später begnadigten Paul Schulz ernannt. Doch Stennes und seine Leute verweigerten Hitler den Gehorsam und hielten das Parteigebäude in Berlin besetzt. Hitler hatte nun seinem Gauleiter Goebbels eine Generalvollmacht zur Säuberung der Partei erteilt. Was besonders brisant war, da Stennes letzten Endes nur Goebbels' Politik der Konfrontation umsetzte und die beiden durchaus als Vertraute bezeichnet werden konnten. Es sah also insgesamt nicht gut aus für die Nazis. Daraus allerdings auf die Götzendämmerung des Nationalsozialismus zu schließen, wie es die Berliner Morgenpost tat, hielt Hendrik für verfrüht.
Zumal Hitler nicht allein stand und die »nationale Opposition« sämtliche Kräfte gegen die Demokratie mobilisierte. Im Frühjahr hatte der Stahlhelm ein Volksbegehren für die sofortige Auflösung des preußischen Landtags eingeleitet. Hitler-Anhänger unter den Steuerbeamten erklärten öffentlich, »von der Propaganda des Wortes zur Propaganda der Tat« überzugehen und bei der Eintreibung von Steuern absichtlich zu versagen. Im März hatte ein nationalsozialistischer Polizeibeamter in Hamburg versucht, einen Regierungsrat zu erschießen, außerdem waren ein kommunistischer Abgeordneter im Autobus erschossen und mehrere Unbeteiligte dabei verletzt worden. Und Joseph Goebbels hatte im Reichstag gedroht, was die Nazis, einmal an der Macht, mit dieser Macht anfangen würden, das sei ihre Sache.
»Wo is’ das, wo die Elche wohnen?«, wollte Lissi wissen.
»In Finnland«, antwortete Diana.
»Wo is’ das?«
»Weit weg.«
»Wo Papa arbeitet?«
»Viel weiter.«
»Wo Onkel Hendrik wohnt?«
»Noch viel weiter. Die Menschen sprechen da anders als wir. Und im Winter ist es lange dunkel, und im Sommer geht die Sonne nie unter.«
»Sind die Kinder dann die ganze Nacht auf?«
Hendrik schmunzelte. Er war froh über diesen Ausflug. Die Tochter seines Bruders schaffte es jedes Mal, ihn auf andere Gedanken zu bringen und von seinen privaten Sorgen abzulenken. Er sah dem Beginn des kommenden Semesters nämlich nicht gerade mit Begeisterung entgegen, da der nationalsozialistische Studentenbund angekündigt hatte, seinen Vorlesungen »leidenschaftliche Besuche« abzustatten. Wie sollte er mit Menschen, die es vorzogen, mit der Faust zu diskutieren, über Philosophie sprechen? Wie sollte er Menschen, deren Moral sich darin erschöpfte, hohle Phrasen zu skandieren, während sie ihren finstersten Trieben freien Lauf ließen, etwas über ethisches Verhalten beibringen? Das Universitätswesen kam ihm mehr und mehr sinnlos vor. Montaigne hatte schon recht: Wir mühen uns nur, das Gedächtnis vollzustopfen, Verstand und Gewissen jedoch lassen wir leer.
»Ich will zu den Schneehäschen«, sagte Lissi.
»Die hast du doch schon gesehen, Schatz«, erwiderte Diana. »Es wird auch langsam Zeit zu gehen. Wollen wir Papa abholen?«
Ein Leuchten überzog Lissis Gesicht. »Bei der Polizei«, sagte sie. Und dann zu Hendrik: »Papa ist bei der Polizei.«
»Wirklich?«, tat Hendrik erstaunt.
Lissi nickte.
Hendrik wandte sich Diana zu. »Um diese Zeit?«, fragte er, denn es war noch nicht mal Mittag.
»Gregor hat gerade einen Fall abgeschlossen und die letzten Tage Überstunden gemacht. Er hat mir versprochen, dass er heute früher nach Hause kommt und sich mal richtig ausschläft.«
Also verließen sie den Zoo und begaben sich zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz.
Gregor saß an seinem Schreibtisch und studierte eine Akte. Lissi rannte sofort zu ihm und warf sich in seine Arme. »Wir waren bei den Schneehäschen«, rief sie. »Und … und… und in Finnland müssen die Kinder nie ins Bett.«
»Ist das so?«, meinte Gregor und hob seine Tochter hoch. »Hallo, kleine Maus!«, sagte er.
»Ich bin keine Maus.«
»Nein? Was dann?«
»Ich bin ein Tiger.« Sie formte ihre Hände zu Krallen und fauchte.
»Mein Mäusetiger.« Gregor pustete in ihre Halsbeuge, was sie zum Kichern brachte, warf sie in die Luft und fing sie wieder auf. Dann erhob er sich und setzte sie auf seine Schultern. »Ich bin gerade fertig mit meinem Bericht«, sagte er zu Diana und Hendrik. »Muss nur noch ein paar Akten verstauen, dann komme ich mit.«
»Was sagst du zu dem neuesten Drama bei den Nazis?«, wollte Hendrik wissen, während sich sein Bruder mit Lissi auf der Schulter an einem Aktenschrank zu schaffen machte.
»Über Frick haben wir unter den Kollegen oft diskutiert. Er hat versucht, durch eine entsprechende Personalpolitik die thüringische Polizei unter nationalsozialistische Kontrolle zu bringen. Höchste Zeit, dass er aus dem Landtag fliegt. Was Berlin betrifft – die Entwicklung war zu erwarten. Stennes ist ja kein Unbekannter. Schon als er noch bei der Berliner Sicherheitspolizei war, galt er als Heißsporn, dem Recht und Ordnung gleichgültig ist. Beim Kapp-Putsch ist er umgehend zu den Putschisten übergelaufen und hat in eine friedlich demonstrierende Volksmenge schießen lassen. Später gehörte er der Schwarzen Reichswehr an.« Gregor schloss den Schrank und kehrte zurück, um seinen Schreibtisch aufzuräumen.
»Glaubst du, die Machtkämpfe in der Partei sind der Anfang vom Ende der Nazis?«, wollte Diana wissen.
Gregor schüttelte den Kopf. »Die SA, das sind alles arme Schlucker. Hitler ist der, der das Geld ranschafft. Glaub mir, der hat seinen Laden fest im Griff, auch wenn es hier und da Probleme gibt. – So, fertig.« Er nahm Lissi von der Schulter, setzte sie ab und verschloss die Schreibtischschublade.
In diesem Moment kam Kriminalrat Gennat herein. »Ah, wie ich sehe, ist Ihr privates Mordkommando vollzählig versammelt«, schmunzelte er. »Einschließlich der jüngsten Ermittlerin.« Er zwinkerte Lissi zu, die sich hinter ihrem Vater versteckte. Obwohl sie den Kriminalrat mochte, war ihr seine massige Gestalt doch nicht geheuer.
Hendrik war die Bemerkung peinlich, aber Diana schien sie als Lob aufzufassen, denn sie lächelte.
Gennat wandte sich an Gregor. »Eben kam die Meldung rein, dass Leopold Debus, der Direktor der Spreewolle, erhängt aufgefunden wurde.«
»Der Wollbaron?«
»Ja. Möglicherweise Selbstmord. Ich nehme es an, er wäre ja weiß Gott nicht der Erste. Aber wir müssen es genau wissen. Fahren Sie hin und finden Sie es heraus.«
»Ich wollte eigentlich nach Hause«, erwiderte Gregor. »Ich hatte eine Menge Überstunden in letzter Zeit.«
»Ich weiß. Ich möchte aber, dass Sie sich der Sache annehmen. Sie sind mein bester Mann, Lilienthal.«
Das würden seine Kollegen nicht gern hören, dachte Hendrik.
»Die Sache ist ernst. Sie kennen die wirtschaftliche Lage. Zu viele Betriebe sind bereits zusammengebrochen. Wenn die Spreewolle noch dazu kommt … Allein Gerüchte darüber wären schon eine Katastrophe. Ich habe Herrn Ahrens losgeschickt, um den Tatort zu sichern. Ich weiß doch, wie gern Sie beide zusammenarbeiten.«
Vor allem weiß er, welche Knöpfe man bei Gregor drücken muss, dachte Hendrik.
»Es ist ja nur ein kleiner Umweg«, fuhr Gennat fort. »Wenn Sie zu dem Schluss kommen, dass eindeutig Selbstmord vorliegt, können Sie die Angelegenheit Herrn Ahrens überlassen und Feierabend machen.«
2
Während viele reiche Familien es vorzogen, in der Villenkolonie Grunewald zu residieren, besaßen Leopold Debus und seine Frau ein dreistöckiges Haus mitten in der Stadt. Gregor fand einen Parkplatz direkt vor der Eingangstür.
»Ihr wartet hier«, sagte er und sah sich nach seiner Frau um, der seine Worte vor allem galten. Dianas Gesicht nach zu urteilen, juckte es sie in den Fingern mitzukommen. Aber natürlich würde sie Lissi nicht den Anblick einer Leiche zumuten. Gregor nickte befriedigt und stieg aus dem Wagen.
Noch bevor er den Griff der altmodischen Zugklingel betätigen konnte, wurde die Tür von seinem Assistenten geöffnet. »Hallo Gregor, komm rein.«
Eigentlich müsste Edgar Ahrens längst selbst Kommissar sein, aber der Beförderungsstau bei der Berliner Kriminalpolizei verhinderte es. Gregors Beförderung war ebenfalls überfällig. Dass er sich nicht darum bemühte, hatte allerdings andere Gründe, die in seinem Schuldbewusstsein zu finden waren. Wer das Gesetz in die eigenen Hände nahm, hatte seiner Meinung nach kein Recht, Kriminaloberkommissar oder gar Kriminalpolizeirat zu werden. Um Edgar allerdings tat es ihm leid. Er war tüchtig, unbestechlich und, was noch wichtiger war, hatte einen kriminalistischen Instinkt. Deshalb ließ Gregor ihm häufig freie Hand und ermunterte ihn, selbstständig zu ermitteln.
»Die Spurensicherung ist bei der Arbeit, aber Oliver ist noch nicht da«, sagte Edgar.
»Hast du dir schon ein Bild gemacht? War es Selbstmord?«
»Ich habe eine Vermutung. Mir wäre es allerdings lieber, wenn du dir die Sache erst mal unvoreingenommen ansiehst.«
Er führte Gregor in den dritten Stock in ein Zimmer, das dem Verstorbenen offenbar als Büro gedient hatte, wie der mit Geschäftspapieren übersäte Schreibtisch bewies.
Zwei Männer von der Spurensicherung packten eben ihre Utensilien zusammen und nickten Gregor zu. »Wir warten draußen, bis Sie fertig sind. Dann brauchen wir den Strick, das Messer und so weiter.« Sie verließen den Raum.
Leopold Debus lag auf dem Boden, die Schlinge mit einem ausgefransten Ende noch um den Hals. Das Gegenstück dazu hing von einem Balken herab.
»War schon durchschnitten, als wir kamen«, sagte Edgar.
Wertvolle Spuren vernichtet. Verdammt! Die Haltung und Erscheinung des Toten hätte Aufschluss über das Geschehen geben können. »Wer hat ihn gefunden?«
»Seine Schwester. Macht hier jede Woche sauber. Sie hat ihn abgeschnitten, um ihn wiederzubeleben. War natürlich zu spät. Ich würde sagen, er starb bereits gestern Abend.«
»Wo ist sie jetzt?«
»In der Plisseebrennerei gegenüber. Gehört Freunden von ihr. Sie steht unter Schock.«
Gregor nickte und schwieg dann, um jedes Detail des Raumes in sich aufzunehmen. Ein Schrank mit Büchern und Akten, abschließbar. Über dem Schreibtisch ein Kupferstich der Wollfabrik. Ein umgefallener Stuhl. Zwei Sessel, blau, beinahe wie neu. Ein schwerer Mahagonitisch mit verrutschter Decke und Schmutzspuren, der ursprünglich zwischen den Sesseln gestanden hatte und, wie die Spuren am Boden bewiesen, davon abgerückt und unter den Balken geschoben worden war. Möglicherweise durch die Schwester, um den Strick durchzuschneiden. Darauf ein Messer und ein Brieföffner. Mit einem Blick maß Gregor den Abstand zwischen dem umgefallenen Stuhl und der vertikalen Verlängerung des Strickes; es sah glaubwürdig aus. »Gibt es einen Abschiedsbrief?«, wollte er wissen.
»Wir haben keinen gefunden. Die Unterlagen auf dem Schreibtisch verraten allerdings, dass die Spreewolle in Schwierigkeiten steckt.«
Gregor ging zum Schreibtisch und warf einen Blick auf die Papiere. Mahnungen. Ultimative Aufforderungen zur Rückzahlung von Krediten. Die Ablehnung eines Darlehens. Es sah aus, als stünde ein Konkurs des Betriebes bevor. Die Wirtschaftskrise forderte offenbar auch von der Spreewolle Tribut.
Gregor stieg auf den Tisch, um sich den Balken näher anzusehen. Da die Spurensicherer bereits alles dokumentiert hatten, schob er den Strick vorsichtig ein Stück zur Seite, betrachtete das Holz und betastete die Einkerbungen, deren Tiefe verriet, dass hier noch vor Kurzem ein schweres Gewicht gehangen hatte. Ebenfalls glaubwürdig. Er registrierte zwei Absplitterungen und machte sich eine mentale Notiz über die Ausrichtung der Splitter.
Dann sprang er vom Tisch und kniete neben der Leiche nieder. Das Gesicht des Toten war bleigrau verfärbt, was nicht ungewöhnlich war, da ein Blutstau bei Erhängten wegen der Drosselung der Blutzufuhr durch die Halsschlagadern in der Regel nicht stattfand. Das Strangulationsmal verlief oberhalb des Kehlkopfes um den Hals herum, von den Kieferwurzeln bis hinter die Ohren aufsteigend. Die Furche war deutlich ausgeprägt und hatte sich gelbbraun verfärbt, ein Hinweis darauf, dass der Tod schon vor längerer Zeit eingetreten war. Gregor berührte die Haut an der verletzten Stelle: eingetrocknet. Sein Blick wanderte hin und her. Der Kehlkopf war beschädigt, das war zu erwarten. Es gab Abschürfungen und Blutergüsse am Hals entlang des Unterkiefers, ebenfalls normal. Er betastete den Nacken. Ein Genickbruch schien nicht vorzuliegen. Wahrscheinlich war Sauerstoffmangel die Todesursache gewesen.
Als nächstes begutachtete Gregor das untere Ende des Strickes. Es sah aus, als hätte jemand lange daran herumgesäbelt. Möglicherweise hatte es die Schwester zunächst mit dem Brieföffner versucht und erst dann das Messer geholt. Gregor hütete sich, den Strick zu bewegen. Manchmal konnte man daran erkennen, ob ein bereits Toter hochgehievt wurde, das würde hoffentlich die mikroskopische Untersuchung zeigen.
Er stand auf, begab sich hinunter ins Erdgeschoss und untersuchte das Schloss der Eingangstür. Unbeschädigt. Als nächstes nahm er sich die Fenster vor, überzeugte sich von der Unversehrtheit der Scheiben und prüfte den Schließmechanismus. Ein gewaltsames Eindringen lag jedenfalls nicht vor.
»Was denkst du?«, fragte Edgar.
»Ich weiß nicht«, murmelte Gregor. Er schüttelte den Kopf, als wäre er von seinen eigenen Gedanken nicht überzeugt. »Für Fremdverschulden spricht nicht viel. Es könnte durchaus Selbstmord sein.« Aber sein Instinkt sagte etwas anderes. »Kein Abschiedsbrief.« So etwas kam natürlich vor. Andererseits war Leopold Debus verheiratet. Würde er einfach so aus dem Leben scheiden, ohne seiner Frau eine Erklärung zu hinterlassen, eine Entschuldigung, ein Wort des Trostes?
Edgar nickte. »Ich habe auch kein gutes Gefühl dabei. Die Papiere auf dem Schreibtisch sind ein bisschen zu offensichtlich platziert. Nicht so, als hätte er Unterlagen durchgesehen und dann aufgrund der Firmenprobleme den Entschluss zum Selbstmord gefasst, sondern als wären sie als Beleg für die Tat ausgebreitet worden.«
»Du hast recht. Und für wen hätte er das tun sollen? Für seine Frau? Der hätte er doch sicher ein paar persönliche Zeilen geschrieben. Für uns? Warum sollte ihn das interessieren? Es sei denn, er wollte nicht, dass jemand des Mordes an ihm verdächtigt wird. Doch auch dann hätte er, um sicherzugehen, eine handschriftliche Notiz verfasst.« Gregor seufzte. »Ich fürchte, aus meinem wohlverdienten Feierabend wird nichts.«
3
Manche Worte besaßen die Macht, einen bis ins Mark zu erschüttern. Kriminalrat Gennat hatte nur das Wort »Selbstmord« aussprechen müssen, da war Diana ins vergangene Jahr zurückgeschleudert worden, roch wieder den Pulverdampf im Schlafzimmer ihres Bruders und sah die Verheerung, die die Waffe in seinem Kopf angerichtet hatte.
Sie zwang sich, ein paar Schritte vor dem Haus des Ehepaars Debus auf- und abzugehen und dabei gleichmäßig zu atmen, aber sie bekam kaum Luft. Es ist besser so, hatte ihr Bruder in seinem Abschiedsbrief geschrieben. Wenn du erst darüber hinweg bist, wirst du es einsehen. Aber sie sah es nicht ein. Und ob sie je darüber hinwegkommen würde, war ebenfalls zweifelhaft.
Ich weiß, dein Leben war kein Zuckerschlecken, Michael, dachte sie, aber du wurdest doch geliebt! Nicht nur von mir. Gregor liebte dich wie einen Bruder. Und Lissi war deine Verkrüppelung gleichgültig. Warum konntest du nicht das Gute sehen, das es in deinem Leben gab, trotz allem?
Hätte sie mehr tun können, um ihm das Leben erträglicher zu machen? Hätte sie die Zeichen rechtzeitig deuten müssen? Sie wusste, dass solche Fragen sinnlos waren; sie hatte ihr Bestes gegeben. Doch es war offenbar nicht genug gewesen. Die Fragen quälten sie auch ein dreiviertel Jahr nach dem furchtbaren Ereignis noch.
Lissis Jauchzen riss sie aus ihren Gedanken. Hendrik hatte ihre Tochter an den Händen ergriffen und wirbelte sie auf dem Gehsteig im Kreis herum. »Noch mal!«, rief sie, als er sie absetzte. Und schon ging das Jauchzen und Kreischen von vorne los.
Es erinnerte sie daran, dass das Leben weiterging, weitergehen musste. Auch ihres. In drei Monaten wurde Lissi drei, allmählich konnte sich Diana wieder auf ihren Beruf konzentrieren. Um einen Anfang zu machen, traf sie sich einmal im Monat mit ihrem einstigen Mentor Max Planck, außerdem telefonierte sie gelegentlich mit Lise Meitner. Sie hatte auch wieder genug Energie, um Fachzeitschriften zu lesen und sich über die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Physik und Chemie auf dem Laufenden zu halten. Beispielsweise faszinierte sie Die physikalischen Prinzipien der Quantentheorie von August Heisenberg aus dem vergangenen Jahr. Und gerade erst hatten zwei Deutsche eine elektronenoptische Vergrößerung zustande gebracht, die Geburt einer neuen Art von Mikroskop, mit dem man eine wesentlich stärkere Auflösung erzielen konnte als mit einem Lichtmikroskop, was ungeahnte Möglichkeiten verhieß. Vielleicht konnte man dadurch bald auf die Ebene der Moleküle und sogar Atome heruntergehen.
Gregor kam aus dem Haus.
»Und?«, fragte Diana.
»Ich bin nicht sicher. Es könnte Mord gewesen sein. Ich muss da drüben kurz Leopold Debus' Schwester befragen, die ihn gefunden hat, danach können wir nach Hause.« Er wartete zwei vorüberfahrende Wagen ab und steuerte auf die Plisseebrennerei auf der anderen Straßenseite zu.
Lissi ließ sich immer noch von Hendrik im Kreis herumwirbeln, deshalb folgte Diana ihrem Mann. Gregor bemerkte es, hob eine Augenbraue, sagte aber nichts. Gemeinsam betraten sie die Geschäftsräume.
Mitarbeiter waren damit beschäftigt, Ärmel in Sonnenplissee mit Stehfalte herzustellen, indem sie diese zwischen zwei Pappen ausrichteten, mit Gewichten fixierten, das Ganze zu einem zusammengeklappten Fächer falteten und in Papier einwickelten. Ein älterer Herr schob die fertigen Pakete in einen speziellen Ofen, wo sie, wie Diana wusste, dreißig Minuten lang bei hundert Grad Wasserdampf ausgesetzt sein würden. Eine Gruppe Frauen fertigte stoffüberzogene Knöpfe und Gürtelschnallen an, andere arbeiteten an der Produktion von Plisseegardinen.
Gregor zeigte seine Dienstmarke vor und wurde ins Lager verwiesen, in dem Hunderte von Pappschablonen für die unterschiedlichen Stoffteile aufbewahrt wurden, vom Rock mit Liegefalte bis zum Stehkragen.
Auf einem Hocker saß eine Frau Ende vierzig und krampfte ihre Hände um einen Schal. Sie vermittelte den Eindruck, als hätte der liebe Gott sie bei der Geburt über den Tisch gezogen und ihr die Last der Welt aufgebürdet. Das lag vor allem an ihren herabgezogenen Mundwinkeln. Noch etwas tiefer, dachte Diana, und sie konnten ihren Kniekehlen Gesellschaft leisten. Eine ältere Frau bemühte sich um sie und versuchte, sie aufzumuntern, was die andere jedoch kaum beachtete.
Diana hielt sich im Hintergrund, während Gregor auf die Frauen zutrat und sich vorstellte. »Sie sind die Schwester des Toten?«, erkundigte er sich.
Die Frau auf dem Hocker nickte.
»Ich würde Ihnen gern ein paar Fragen stellen.«
»Das ist alles so schrecklich!«, rief sie aus. »Warum muss so was immer mir passieren? Ich hatte doch keine Ahnung … Ich wusste nicht, ich …«
»Nun beruhigen Sie sich erst mal. Am besten, wir fangen damit an, dass Sie mir etwas über sich erzählen. Ihr Name ist Hilde Debus, sagt mein Kollege?« Er zückte Papier und Stift, um sich Notizen zu machen.
Die Frau nickte und knetete dabei ihre Hände.
»Da Sie den Namen Ihres Bruders, mithin also Ihren Mädchennamen tragen, nehme ich an, dass Sie nicht verheiratet sind?«
Wieder nickte sie. Obwohl Gregor nichts erwiderte, hatte sie wohl das Gefühl, sich verteidigen zu müssen, denn sie flüsterte: »Verlobt war ich. Aber der Kerl hat mich sitzen lassen, als ich schwanger war. Ganz allein habe ich mich und mein Kind durchbringen müssen, bis mein Junge an Schwindsucht starb. Und keiner hat es mir gedankt.«
»Jetzt arbeiten Sie für Ihren Bruder?«
»Ich habe eine Aufwartestelle bei einer Familie in Wilmersdorf, aber was ich da verdiene, reicht nicht zum Leben und nicht zum Sterben. Die sind knauserig. Und herablassend obendrein. Lassen einen immer fühlen, dass sie etwas Besseres sind. Machen verächtliche Bemerkungen und so. Wenn ich das Geld nicht brauchen würde, würde ich kündigen.«
»Sie verdienen sich also etwas dazu, indem Sie für Ihren Bruder arbeiten?«
»Ich mache bei ihm sauber. Zu Hause und im Büro in der Fabrik.«
»Ihr Bruder kümmerte sich um Sie, ja? Sie standen sich nahe?«
»Er hat immer etwas an meiner Arbeit auszusetzen gehabt«, sagte Frau Debus. »Nie konnte ich es ihm recht machen. Die anderen Putzfrauen in der Fabrik hat er manchmal gelobt, mich nie. Genau wie Herr Thomae, sein Personalchef. Der wollte mich gar nicht haben. Hat von Anfang an versucht, mich rauszuekeln. Und die Putzfrauen machen sich lustig über mich. Selbst Leopolds früherer Chauffeur hat immerzu Witze über mich gerissen. Alle sehen auf mich herab.« Sie blinzelte, als könne sie nicht fassen, wie ungerecht die Welt mit ihr umsprang.
»Jetzt erzählen Sie mal: Wie war das heute? Sie kamen, um sauberzumachen?«
»Wie jeden Donnerstag. Zuerst bin ich in die Küche. Habe abgewaschen, geputzt. Dann kam der Salon dran. Die ganze Zeit hing er da, und ich habe es nicht gewusst!« Ihre Hände zitterten.
»Schließlich haben Sie das Büro betreten«, half Gregor.
»Am Schluss. Das Büro mache ich immer am Schluss. Und da … da …«
Die ältere Frau an Ihrer Seite reichte ihr ein Glas Wasser. »Trink, Hilde, dann geht es dir besser.«
Gehorsam trank Frau Debus.
»Was haben Sie getan, als Sie Ihren Bruder fanden?«
»Ich habe … Ich dachte … Vielleicht lebte er ja noch, deshalb … Ich habe ihn abgeschnitten und –«
»Wie genau?«
»Was?«
»Beschreiben Sie bitte genau, was Sie getan haben. Sie sahen Ihren Bruder hängen, wollten ihn retten, und dann?«
»Der Tisch. Ich habe den Tisch rangeschoben. Und bin raufgestiegen – nein, erst habe ich nach etwas gesucht, womit ich den Strick durchschneiden konnte. Das Einzige, was ich fand, war der Brieföffner, aber damit klappte es nicht. Es war furchtbar. Ich habe gesägt und gesägt … Dann bin ich wieder runter vom Tisch und in die Küche, um ein Messer zu holen, damit habe ich es schließlich geschafft. Aber er … Leopold, er war schon kalt.« Frau Debus erschauerte.
Diana versuchte, sich darüber klar zu werden, wie die Frau zu ihrem Bruder stand. Einerseits hatte sie verweinte Augen und war sichtlich erschüttert. Andererseits machten ihre Aussagen und die Art, in der sie hervorgebracht wurden, nicht gerade den Eindruck einer innigen Beziehung.
»Sie haben einen Schlüssel zur Wohnung?«, erkundigte sich Gregor.
Hilde Debus nickte.
»Stand die Tür offen, als Sie kamen?«
»Nein.«
»Haben Sie sich an den Fenstern zu schaffen gemacht?«
»Wie meinen Sie das?«
»Eines geschlossen, zum Beispiel?«
»Nein.«
»Ist Ihnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Fehlt etwas, ist etwas nicht an seinem Platz?«
Sie zuckte die Achseln. »Und wenn, kriege sicher ich wieder die Schuld dafür.«
»Die Frau Ihres Bruders – wissen Sie, wo sie sich zur Zeit aufhält?«
»Bei ihren Eltern, glaube ich. In Kyritz.«
»Wann haben Sie Ihren Bruder zuletzt lebend gesehen?«
»Vor ein paar Wochen. Da musste ich abends noch in der Fabrik saubermachen, weil etwas ausgelaufen war, obwohl ich doch eigentlich zu einem Geburtstag wollte. Aber auf mich nimmt ja sowieso keiner Rücksicht.«
»Hatten Sie den Eindruck, dass er besorgt war? So besorgt, dass er möglicherweise mit dem Gedanken an einen Selbstmord spielte?«
»Er hat sich immer Sorgen gemacht. Das war nicht ungewöhnlich.«
»Glauben Sie, dass sich Ihr Bruder umgebracht hat?«
»Was soll es sonst gewesen sein?«
»Es kam für Sie also nicht aus heiterem Himmel?«
»Der Firma geht es schlecht, soviel ich weiß. Davon abgesehen …« Frau Debus zögerte.
»Ja?«
»Es war nicht das erste Mal. Vor einem Jahr hat er es schon mal versucht. Sie sagen alle, es war eine Fischvergiftung. Aber ich bin sicher, dass er sich schon damals umbringen wollte.«
»Warum?«
»Weil die Firma in der Krise steckt. Und weil Leopold in seiner Ehe nicht glücklich war.«
»Nein?«
»Die beiden passten überhaupt nicht zusammen. Karoline ist eine kalte Frau. Auch eine von denen, die mich verachten.«
Fischvergiftung, dachte Diana. Wenn es in der Ehe kriselte, wäre es auch denkbar, dass seine Frau ihn damals zu vergiften versucht und sich jetzt einer erfolgreicheren Methode bedient hatte. Ehegatten waren immer die wahrscheinlichsten Kandidaten, wenn man in einem Mordfall Ausschau nach dem Täter hielt.
Gregor schien ähnlich zu denken, denn er hakte nach: »Wie war das damals mit der Fischvergiftung?«
»Er hat sich erbrochen, war ganz bleich und zitterte, hieß es. Sie haben ihm den Magen ausgepumpt.«
»Wer hat das Essen zubereitet?«
»Seine Frau natürlich. Oh, ich verstehe. Nein, da sind Sie auf dem Holzweg. Sie ist keine angenehme Person, aber sie hatte keinen Grund, ihm etwas anzutun. Nur mich kann sie nicht leiden.«
»Ich hatte bei Ihren Worten den Eindruck, dass die Ehe nicht gut lief.«
»Schon. Sie und mein Bruder hatten nicht viel gemein. Aber er war vernarrt in sie. Er konnte ihr nichts abschlagen. Hat jeder ihrer Launen nachgegeben.«
»Launen?«
»In der Stadt zu wohnen, zum Beispiel. Mein Bruder liebte die Natur. Er hätte lieber ein Haus auf dem Land gehabt, irgendwo im Berliner Umfeld. Aber er hat ihr zuliebe nachgegeben. Oder letztes Jahr, als sie sich in den Kopf gesetzt hatte, ihren Geburtstag in Paris zu verbringen. Also sind sie dorthin, bloß für ein Wochenende. Sie tat ihm nicht gut, aber sie hat keinen Grund, ihn umzubringen. Sie kann frei über sein Geld verfügen. Und das ist das Einzige, was für sie zählt.«
Keine schmeichelhafte Beschreibung, dachte Diana. Die beiden Frauen kamen offenbar nicht gut miteinander aus.
»Sie ist eine kalte Frau, haben Sie gesagt«, fuhr Gregor fort. »Worin drückt sich ihre Kaltherzigkeit aus?«
»In allem, was sie tut.«
»Beispiele?«
»Vergangenes Jahr, da hat sich ihr Vater ein Bein gebrochen. Mein Bruder ist hingefahren, um nach dem Rechten zu sehen und zu helfen, obwohl Otfried doch bloß sein Schwiegervater ist. Sie nicht. Sie hatte was Besseres zu tun. Hat lieber einen Ausflug in den Spreewald gemacht, wie so oft. Hat ihren Mann allein zu ihrem Vater fahren lassen. Welche Tochter tut so etwas?«
Gregor nickte. »Sagen Sie, wer hat eigentlich außer Ihnen einen Schlüssel zur Wohnung Ihres Bruders?«
»Nur seine Frau.«
»Dienstboten?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Hätte jemand Gelegenheit gehabt, den Wohnungsschlüssel nachzumachen?«
»Vermutlich. Ich nehme an, jeder, der zeitweise allein in Leopolds Wohnung war, hätte es tun können. Ersatzschlüssel hängen am Schlüsselbrett. Leopold hatte früher einen Privatchauffeur, der hätte natürlich die Gelegenheit dazu gehabt. Und meine Aushilfe wohl auch.«
»Aushilfe?«
»Als ich Anfang des Jahres ins Krankenhaus musste. Glauben Sie, mich hätte mal jemand besucht? Nee, mich doch nicht. Ich bin allen egal. Mein Bruder hat zweimal vorbeigeschaut, als ich wieder zu Hause war, bettlägerig. Das war alles.«
»Und als Aushilfe …?«
»Hat er jemand anderen beauftragt.«
»Wen?«
»Jemanden aus dem Betrieb, glaube ich. Eine Sortiererin.«
»Name?«
Frau Debus runzelte die Stirn. »Irgendwas mit B. Bau… Baumann, ja. Helga Baumann.«
»Hatte Ihr Bruder Feinde?«
»In seiner Position? Vermutlich. Aber davon weiß ich nichts.«
Gregor machte sich Notizen. »Eine letzte Sache noch«, sagte er. »Ich muss Sie das fragen. Ihr Bruder ist allem Anschein nach gestern Abend gestorben. Verraten Sie mir, wo Sie waren? Sagen wir, zwischen sechs und Mitternacht?«
»Nach der Arbeit war ich in den Grünanlagen in der Nähe meiner Wohnung. Da bin ich oft und sehe den Leuten zu, stricke ein bisschen.«
»Wie lange waren Sie dort?«
»Bis neun, glaube ich.«
»Im Dunkeln?«
»Die haben mir den Strom abgedreht«, sagte Frau Debus. »Weil ich neulich die Rechnung nicht bezahlen konnte. Warum muss immer mir so was passieren? Zu Hause ist es duster. Da sitze ich lieber draußen.«
»Bei der Kälte?«
»Im Mantel geht’s. Und ob ich krank werde oder nicht, interessiert sowieso keinen.«
»Kann jemand bezeugen, dass Sie dort waren?«
Sie zuckte die Achseln.
»Vielen Dank, dass Sie meine Fragen beantwortet haben. Wenn Sie wollen, können Sie jetzt nach Hause gehen.«
Frau Debus erhob sich unsicher. Ihre Freundin brachte sie nach draußen, während sie beruhigend auf sie einredete.
»Was denkst du?«, fragte Diana.
»Ich weiß nicht.«
»Machst du Feierabend?«
Ehe Gregor antworten konnte, kam Edgar herein. »Seine Frau ist eben nach Hause gekommen«, sagte er.
4
Karoline Debus wirkte wie ein kostbares Schmuckstück in einer Glasvitrine mit dem Schild Nicht berühren davor, dachte Diana. Dazu trug nicht nur ihre unnahbare Miene, sondern auch ihre kunstvolle Frisur bei, die gewiss keine Zofe, sondern ein Meister seines Fachs aufgetürmt hatte und die aussah, als würde sie in sich zusammenfallen, sobald man ihr zu nahe kam. Auch der Salon im ersten Stock reflektierte ihre Persönlichkeit: Malachittischchen mit Kaffeegeschirr aus Meißner Porzellan, Jugendstillampen, Jadefiguren, Glasbläserarbeiten, eine Skulptur aus Elfenbein. Überall das Neueste, Modernste, Teuerste, und es sah nicht nach dem Geschmack ihres Mannes aus.
Hinzu kamen die Haushaltsgeräte: mitten auf dem Orientteppich ein Staubsauger der Marke Vampyr und eine Bohnermaschine, die Leopold Debus’ Schwester wohl infolge der Entdeckung seines Todes vergessen hatte zurückzustellen, ein Haartrockner, und auf dem Weg in den Salon hatte Diana in der Küche einen Toaster mit vollautomatischem Auswurf und den Volksherd der AEG gesehen, der erst vor wenigen Jahren auf den Markt gekommen war. Es sagte einiges über Leopold Debus aus, dass er seiner Frau erlaubt hatte, all diese teuren Geräte anzuschaffen, obwohl die Spreewolle in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Noch ein Indiz, das einen Selbstmord nicht eben unwahrscheinlicher machte.
Karoline Debus saß – nein, thronte – auf dem mit kostbaren Stoff überzogenen Diwan und hielt eine Katze auf dem Schoß, die sie unentwegt streichelte, wobei sich das Tier sichtlich unwohl fühlte. Ob wegen des Streichelns oder wegen der Socken an den Pfoten, war schwer zu sagen. Jedenfalls konnte sich die Katze nicht gegen die Zärtlichkeiten ihrer Herrin wehren und auch nicht davonlaufen, weil Frau Debus sie festhielt.
Aufgrund der Kälte – die sechs Grad Außentemperatur fühlten sich mehr wie null Grad an – waren Hendrik und Diana mit hinaufgekommen und saßen nun im Vorraum zum Salon. Da die Flügeltüren geöffnet waren, konnten sie alles mit anhören und -sehen, was Diana nur recht war. Sie hielt ihre Tochter im Arm, die nach dem Herumtoben mit Hendrik immerzu gähnte und sich an ihre Mutter kuschelte, und bemühte sich, kein Wort zu verpassen.
»Mein Beileid«, sagte Gregor, während er sich unschlüssig umsah und schließlich einen Stuhl heranzog, auf dem er Platz nahm.
Frau Debus nickte. Schwer zu sagen, ob der Tod ihres Mannes sie nicht berührte oder ob sie ihre Trauer nur nicht zeigen wollte. Sie hatte dick Schminke aufgetragen, stellte Diana fest, vielleicht um ihre Gefühle zu verbergen.
»Sie waren verreist?«
»Ich habe meine Eltern besucht. Bin eben erst zurückgekehrt, als mich Ihre Leute mit der Hiobsbotschaft empfingen.«
»Ihre Eltern wohnen in Kyritz, habe ich gehört?«
»Ja.«
»Wann sind Sie dorthin gefahren?«
»Gestern Nachmittag. Eigentlich wollte ich früher los, aber die Firma, der wir dummerweise einige unserer Stühle anvertraut haben, um die Polster neu zu beziehen, hat schlampig gearbeitet, darum musste ich mich kümmern. Ursprünglich hatte ich gar nicht vor, in Kyritz zu übernachten. Wenn es nicht so spät geworden und ich am Abend wieder zurück gewesen wäre … Vielleicht wäre dann alles anders gekommen.«
Ein müßiger Gedanke, fand Diana. Hendrik schien derselben Ansicht zu sein, denn sie hörte ihn murmeln: »Wäre die Nase der Kleopatra kürzer gewesen, hätte sich das Gesicht der Erde anders gestaltet.« Und als sie ihn ansah, ergänzte er: »Pascal.«
»Bevor Sie abgereist sind, gab es da einen Hinweis auf eine Veränderung im Verhalten Ihres Mannes? Dass er vielleicht besonders niedergeschlagen wirkte?«, wollte Gregor wissen.
Gedankenverloren streichelte Frau Debus wieder die Katze, die sich aus ihren Händen zu winden versuchte. »Eigentlich nicht. Er hat mich noch ermuntert, meine Eltern zu besuchen, und einen Scherz gemacht, bevor er in die Fabrik gegangen ist.«
»Hat Ihr Mann früher schon mal Selbstmordgedanken geäußert?«
»Nicht direkt. Aber er war oft deprimiert und in sich gekehrt. Die Wirtschaftskrise macht uns zu schaffen, wie Sie sich denken können. Es wuchs ihm alles über den Kopf. Ehrlich gesagt: Leopold war nicht gerade der geborene Geschäftsmann. Er hat die Firma von seinem Vater geerbt und einige Fehlentscheidungen getroffen. Wir können von Glück reden, dass wir Herrn Gruber als Vorstandsvorsitzenden haben. Dank ihm sind wir bisher glimpflich davongekommen.«
»Ja?«
»Er versteht etwas vom Geschäft. Leopold hat das übrigens ähnlich gesehen und häufig seinen Rat gesucht. Er wollte ihn zum Geschäftsführer machen.« Sie kraulte die Katze zwischen den Ohren. »Ich nehme an, ich werde den Wunsch meines Mannes erfüllen. Zumal ich niemand anderen wüsste, der uns sicher durch die Wirtschaftskrise führen könnte.«
»Ihr Mann hat sich also Sorgen gemacht?«
»Ja. Und es hat Augenblicke gegeben, da war er regelrecht verzweifelt und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Vor einem halben Jahr hatte er einen Tiefpunkt und sprach davon, dass er den Druck nicht mehr aushält. Aber diese Phase schien er überwunden zu haben. Dass er sich jetzt umbringt …«
»Wie war das mit der Fischvergiftung im vergangenen Jahr?«
»Warum interessiert Sie das? Oh, ich verstehe. Sie denken, wir hätten das erfunden, und in Wahrheit hätte er versucht, sich zu vergiften, ja? Nun, ich kann Ihnen versichern, das war nicht der Fall. Es lag tatsächlich am Fisch. Ich hatte anschließend ebenfalls Magenprobleme, allerdings weniger schlimm, weil ich nur ein paar Happen davon gekostet hatte. Herr Kommissar, es gab keinen Hinweis darauf, dass sich Leopold das Leben nehmen wollte. Aber er war deprimiert, ja, und ich habe nicht seinen Einblick in die Geschäfte, möglicherweise habe ich das Ausmaß seiner Verzweiflung unterschätzt.«
Gregor nickte. »Wie würden Sie das Verhältnis zwischen sich und Ihrem Mann beschreiben?«
»Partnerschaftlich.«
Ein seltsames Wort für die Quintessenz einer Ehe, fand Diana. In ihren Ohren klang es reichlich distanziert.
Gregor hakte auch gleich nach. »Die Schwester Ihres Mannes ist der Ansicht, dass Ihr Mann unglücklich war.«
Eine Unmutsfalte bildete sich auf der Stirn von Frau Debus. Ihre Hand grub sich in das Fell der Katze. »Ich kann mir schon denken, was sie über mich erzählt. Hilde sollte sich lieber an die eigene Nase fassen. Ständig kommt sie an und bettelt um Geld. Leopold hat ihr immer etwas zugesteckt. Er war einfach zu gutmütig. Die Leute nutzen das aus.«
»Sie würden also der Ansicht seiner Schwester widersprechen?«
»Mein Mann und ich kamen gut miteinander aus. Es gab nie Streit, wir haben immer alles zur gegenseitigen Zufriedenheit geklärt.«
Auch das klang mehr nach einer Geschäftsbeziehung als nach einer Ehe.
Karoline Debus schien es zu bemerken, denn sie fügte an: »Eine Liebe, die auf gegenseitigem Respekt gründet, ist nicht die schlechteste.«
Endlich gelang es der Katze, sich aus ihren Händen zu befreien. Mit einem Satz sprang sie davon, huschte unter einen Sessel und versuchte vergeblich, die Socken an ihren Pfoten loszuwerden.
Gregor erhob sich und wanderte im Raum auf und ab. »Frau Debus, bis jetzt gehen wir von einem Selbstmord Ihres Mannes aus, aber falls die Untersuchung etwas anderes ergibt –«
»Etwas anderes?«
»Nun, es ist natürlich denkbar, dass der Selbstmord nur vorgetäuscht wurde. So etwas kommt vor. Nicht oft, aber wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen.«
»Sie meinen … Mord?«
Gregor zuckte die Achseln. »Hatte Ihr Mann Feinde?«
Karoline Debus dachte nach. »Nun … Wie gesagt, der Firma geht es nicht gut. Es gab Entlassungen. Darüber sollten Sie am besten mit unserem Personalchef sprechen, Herrn Thomae.«
»Werden wir. Und sonst?«
»Wenn Sie mich so fragen … Wir hatten einen Chauffeur, den wir ebenfalls entlassen mussten, weil er die Geldbörse meines Mannes gestohlen hat. Thaddäus Blumkrohn. Aber wie sollte jemand …?«
»Es ist vorerst nur Spekulation«, beschwichtigte Gregor. »Hat Ihr Mann gestern Abend jemanden erwartet?«
»Nicht dass ich wüsste.«
»Gut. Belassen wir es für heute dabei.« Gregor nahm seinen Hut. »Vielleicht sollten Sie in den nächsten Tagen mit Ihrem Verlust nicht allein sein.«
Karoline Debus nickte. Jetzt erst lockerten sich ihre Gesichtszüge, und man sah ihr die Erschöpfung an. Vielleicht steckte unter dem kühlen Äußeren doch so etwas wie ein Mensch.
5
Als Gregor den Sektionssaal betrat und das Gesicht von Oliver Pauly sah, wusste er, dass er recht daran getan hatte, zur Arbeit zurückzukehren, nachdem er erst Diana und Lissi und danach Hendrik zu Hause abgesetzt hatte.
»Guten Abend, Gregor«, sagte der Gerichtsmediziner. Er hatte abgenommen. Den Gerüchten nach versorgte er mit seinem Gehalt mehrere Verwandte, die infolge der Wirtschaftskrise mittellos geworden waren, da blieb für ihn selbst nur noch das Nötigste. Früher hatte er einem Walross nicht unähnlich gesehen, jetzt wäre er ohne seinen Backenbart kaum wiederzuerkennen. »Gennat hat Druck gemacht, dass ich mir deine Leiche noch vor dem Karfreitag anschaue. Eigentlich warten nämlich noch mehr Kunden auf mich, um mit mir zu reden. Dein Toter hat ebenfalls ausgiebig geplaudert.«
Gregor sah zum drehbaren Seziertisch, auf dem die zugedeckte Leiche von Leopold Debus lag. »Dein Grinsen verrät mir, dass du mir etwas mitzuteilen hast.«
»Ergebnisse, immer bloß Ergebnisse! Gönn mir das Vergnügen, mit dir über die Kunst der Obduktion zu sprechen.« Der Gerichtsmediziner studierte seine Notizen, als wüsste er nicht genau, was darauf stand. »Wir haben eine besondere Technik bei Strangulation, um keinen Befund zu übersehen. Ehe wir mit der schichtweisen Präparation der Halsweichteile beginnen, entleeren wir die Blutgefäße. Außerdem haben wir selbstverständlich auch das Gehirn mikroskopisch untersucht.«
»Ich habe nie an deiner Gründlichkeit gezweifelt«, sagte Gregor und war plötzlich froh, dass das, was nach der gerichtsmedizinischen Untersuchung von der Leiche übrig sein musste, unter dem Laken verborgen lag.
»Ich merke schon, du bist an meiner Kunst nicht interessiert. Das kränkt mich«, grinste Oliver Pauly.
Gregor wusste, dass der Gerichtsmediziner ihn nur auf die Folter spannen wollte, und machte gute Miene zu dessen Spiel, indem er zurückgrinste.
»Also schön. Der Tod des Mannes trat gestern zwischen halb acht und neun Uhr abends ein. Todesursache war zweifellos das Erhängen. Der Strick hat durch den Druck auf die Halsschlagadern die Sauerstoffzufuhr des Gehirns unterbrochen, was dem Toten gnädigerweise eine rasche Bewusstlosigkeit beschert haben dürfte. Außerdem wurde die Zunge gegen die Rachenwand gedrückt, wodurch es zu einer Tamponade, also Verstopfung des Nasen- und Rachenraumes kam.« Der Gerichtsmediziner setzte bei jedem Wort, das er betonen wollte, seinen Zeigefinger wie ein Ausrufezeichen in die Luft, eine Marotte, die schon so mancher von Gregors Kollegen zum Gaudi der Kriminalkommissar-Anwärter parodiert hatte.
»Also Selbstmord?«, wollte Gregor wissen. Das würde das Ergebnis der Untersuchung des Strickes untermauern, die bestätigt hatte, dass der Strick beim Durchtrennen gespannt gewesen und ein Erhängen mithin nicht vorgetäuscht war.
»Das habe ich nicht gesagt.« Oliver Pauly grinste wieder. »Ich will dich nicht mit all den Dingen langweilen, die typisch sind für ein Erhängen. Es gibt jedoch drei Hinweise, die eventuell Aufschluss darüber geben können, ob ein Mord oder ein Selbstmord vorliegt.« Er machte eine Kunstpause.
»Und zwar?«
»Der erste Hinweis hat für sich betrachtet noch nicht viel zu sagen. Wir haben selbstredend auch den Mageninhalt untersucht und festgestellt, dass der Mann vor seinem Ende Alkohol zu sich genommen hat. Außerdem konnten wir die Reste eines Schlafmittels nachweisen. Das mag einfach nur bedeuten, dass er sich Mut angetrunken und versucht hat, sich zusätzlich mit Medikamenten umzubringen, um sicherzugehen, wobei die Dosis dafür nicht annähernd ausgereicht hätte.«
»Andererseits wäre es auch denkbar, dass jemand ihm ein Schlafmittel in den Alkohol getan hat, um ihn anschließend zu erhängen, willst du das damit sagen?«
»Ich zähle nur die Fakten auf, mehr nicht. Die Schlüsse überlasse ich deiner Gehaltsklasse.« Der Gerichtsmediziner setzte wieder seinen Zeigefinger ein, um das Folgende zu betonen: »Zweitens fanden wir Verletzungen am Rest des Körpers, die nahelegen, dass er kurz vor seinem Tod versucht hat, sich vom Strick zu befreien.«
»Sich gegen das Erhängen zu wehren?«
Oliver Pauly zuckte die Achseln. »Es kommt natürlich vor, dass sich Selbstmörder im Augenblick des Todes umentscheiden, aber wegen der eintretenden Bewusstlosigkeit nicht mehr in der Lage sind, sich zu retten. Wobei Druckstellen an bestimmten Körperregionen darauf schließen lassen könnten, dass jemand ihn daran hindern wollte, sich zu befreien. Ich möchte mich da aber ungern festlegen, die Male sind nicht eindeutig. Sie könnten auch auf andere Weise zustande gekommen sein.«
»Das sind viele Wenns und Abers. Die helfen mir nicht.«
»Vielleicht hilft dir dann der dritte Hinweis.« Der Gerichtsmediziner hielt inne und kratzte sich den Backenbart. »Ich begebe mich jetzt aufs Glatteis. Dir zuliebe.«
Gregor nickte ihm auffordernd zu.
»Wir konnten bei der Untersuchung des Halses feststellen, dass nicht nur der Kehlkopf beschädigt und die Schilddrüsenknorpel eingedrückt waren, sondern dass es auch Abschürfungen an ungewöhnlichen Stellen gab.«
»Das heißt?«
»Meiner Meinung nach wurde der Mann in mehreren Anläufen Stück für Stück mit der Schlinge um den Hals nach oben gezogen, daher die Abschürfungen. Wodurch er munter wurde und sich zu wehren begann.«
Gregor wollte sichergehen, dass er Oliver Pauly richtig verstand. »Also Mord?«
Der Gerichtsmediziner wiegte den Kopf hin und her. »Sagen wir: zu siebzig Prozent ja. Ich würde meine spärliche Pension darauf verwetten.«
6
Noah Rosenthal sah nicht gut aus. Dürr und hohlwangig war er geworden. Sicher machte die wirtschaftliche Lage dem ehemaligen Bibliothekar zu schaffen. Dennoch, für sein Alter – immerhin hatte er Anfang des Jahres seinen dreiundachtzigsten Geburtstag gefeiert – war er noch ziemlich rüstig. Wie er da an seinem geliebten Brennabor-Fahrrad schraubte, wirkte er geradezu jugendlich.
»Du machst dir Sorge um mich, jingel, ja?«, meinte er.
»Dir kann man wohl nichts vormachen«, erwiderte Hendrik. »Ja, ich mache mir Sorgen. Du siehst aus, als würdest du nicht genug essen. Brauchst du Hilfe?«
»Ich komme zurecht. Schau mal!« Er deutete auf die kitschige Kaiserglocke aus Zinnbronze mit Goldprägung und dem Konterfei des Kaisers an seinem Lenker. Mit Lackfarbe hatte er seiner Majestät eine Hand hinzugefügt, die eine rote Kommunistenfahne schwenkte.
Hendrik lachte. »Du bist unverbesserlich.«
Anton Broscheck, der Arbeiterjunge, den er kostenlos privat unterrichtete, kam soeben mit seinem Fahrrad auf den Hinterhof gesaust. Er war jetzt neunzehn, ein aufgeweckter junger Mann, fand Hendrik.
»Guten Abend«, rief Anton schon von Weitem und sprang von seinem Rad. »Ich hab' Arbeit, Herr Lilienthal! Seit letzter Woche.«
»Das ist ja fantastisch! Gratuliere!«
»Bei Bimmel-Bolle. Ich bin jetzt 'n Bolle-Junge. Allerdings muss ich um fünf antreten, das heißt, um vier aufsteh'n. Und dann mit der Kutsche quer durchs nächtliche Berlin und Milch, Sahne und Joghurt austragen, treppauf, treppab. Aber es gibt 24 Mark die Woche. Und 3 Pfennig für jeden Kunden. Und Trinkgeld.«
Hendrik musste schmunzeln, weil er sich daran erinnerte, wie er selbst als Steppke mit seinen Freunden dem weißen Pferdekastenwagen hinterhergelaufen war und zugesehen hatte, wie der Kutscher die Glocke schwang. Und wenn dann die Hausfrauen mit ihren Kannen herbeiströmten und sich Milch aus dem Zapfhahn einfüllen ließen, hatten er und seine Freunde den Vers gerufen, den jedes Berliner Kind kannte: »Bolle, bimbim, die Milch ist zu dünn, die Buttermilch zu dick, Bolle ist verrückt.«
»Unser Pferd is'n ausrangierter Gaul aus dem Zirkus Busch«, fuhr Anton fort. »Lise.«
»Also das freut mich, dass du in dieser schweren Zeit Arbeit gefunden hast.«
»Ein’ Teil des Geldes geb' ich mein’ Eltern ab. Aber vom Rest kann ich endlich wieder ins Kino. Ich hab' mir Die Drei von der Tankstelle angekuckt mit Willi Fritsch und Lilian Harvey. Und Lichter der Großstadt. Die Boxer-Szene war knorke. Ich hab’ mir ’n Ast gelacht. War'n Sie letzten Monat auch da, als Charlie Chaplin Berlin besucht hat? Ich war am Bahnhof, als er kam. Alles voller Schupos und Bahnpolizisten, die den Bahnsteig abgesperrt haben. Es hat wie verrückt geschneit. Ich hab’s geschafft, nach vorne zu kommen, und er hat mir die Hand gedrückt.« Antons Augen glänzten. Seine Begeisterung fürs Kino war stets ansteckend.
Hendrik hatte Lichter der Großstadt ebenfalls gesehen. Vor allem aber wartete er auf Fritz Langs ersten Tonfilm, M mit Peter Lorre. »Hast du denn überhaupt noch Zeit für unseren Unterricht?«, fragte er.
»Klar. Bin gleich wieder da«, sagte Anton. »Bring' nur schnell mein Rad innen Keller.« Er hakte die Tür zum Hausflur ein und verschwand nach unten.
Hendrik sah ihm nach, als er verschwand. »Aus dem wird mal was«, meinte er.
»Prächtiger Bursche«, stimmte Noah zu, während er sich niederkniete, um den Rahmen seines Rades zu polieren
Ein Schatten fiel über ihn.
Oskar Cremer blickte auf Noah herab und kickte mit dem Fuß das Werkzeugkästchen fort, sodass Schrauben und Muttern nach allen Seiten sprangen. »Bald is' Schluss mit euch Judenpack«, stieß er hervor. »Hitler wird mit euch aufräumen.«
Hendrik machte einen Schritt nach vorn, wissend, dass er dem muskulösen Zwanzigjährigen nichts entgegenzusetzen hatte. »Bist du immer so mutig, einen alten Mann zu schikanieren?«, fragte er so ruhig wie möglich.
»Judenfreunden wie dir geht's gleich mit an den Kragen, wenn wir erst anner Macht sind.«
»Das wird ein schwarzer Tag für Deutschland, sollte es je so weit kommen.«
»Es wird die Befreiung von Schmach und Schande.«
»Wenn du so für Hitler schwärmst, warum gehorchst du dann nicht seinen Befehlen? Er hat angeordnet, Brünings Notverordnung zu respektieren, und euch untersagt, die Bevölkerung zu terrorisieren.«
Oskar packte Hendrik am Kragen und drückte ihn gegen die Hauswand. »Erzähl du mir nich', was der Führer will!«, zischte er. »Los, sprich mir nach: Heil Hitler! Weg mit den Juden!«
»Lass ihn sofort los«, sagte Anton, der mit geballten Fäusten auf der der Kellertreppe stand.
Oskar reagierte nicht.
»Ich hab' gesagt, du sollst ihn loslassen. Und was hab' ich dir angedroht, wenn du Herrn Rosenthal noch mal belästigst?«
Oskar schubste Hendrik beiseite und baute sich vor Anton auf.
Früher waren sie Freunde gewesen, wusste Hendrik. Aber Oskar und seine Eltern hatten sich den Nazis zugewandt, der Junge war inzwischen sogar bei der lokalen SA, während Anton und seine Eltern zwischen den Sozialdemokraten und den Kommunisten schwankten.
»Glaubst du, ich hab' Angst vor dir kleinem Scheißer?«, zischte Oskar. »Vor ei'm, der vor den Juden kuscht, die Schuld sind am Zustand Deutschlands?«
Hendrik kam Montaigne in den Sinn: Welche Ursachen erfinden wir nicht für die Unglücksfälle, die uns treffen! Wie vielem schieben wir nicht zu Recht oder Unrecht die Schuld hierfür zu, nur um etwas zu haben, woran wir unsre Erbitterung auslassen können!
»Na klar«, höhnte Anton, »genau wie am Regenwetter, an Grippe und an Hühneraugen. Mann, was is' bloß aus dir geworden?«
Sie standen sich gegenüber, bereit, jede Sekunde mit den Fäusten aufeinander loszugehen.
»Lasst es gut sein«, mischte sich Hendrik ein.
Oskar kam wohl zu dem Schluss, dass er gegen eine zahlenmäßige Übermacht nicht gewinnen konnte, denn er spuckte aus, erst vor Anton, dann vor dem ehemaligen Bibliothekar, und marschierte davon.
Hendrik hockte sich zu Noah nieder. »Alles in Ordnung?«, fragte er.
»Das ist doch bloß ein dummer Junge mit einer großen Klappe. Ich nehme das nicht ernst.«
Aber Hendrik sah, wie der alte Mann zitterte.
»Oskar is' ein Arschloch«, sagte Anton. »Wenn er Sie noch mal bedroht, sagen Sie mir Bescheid, ja? Dann kümmer' ich mich um ihn.«
»Nett von dir, jingel. Aber das wird nicht nötig sein. Und jetzt verschwindet zu eurem Unterricht.«
»Bist du sicher?«, fragte Hendrik.
»Natürlich. Sehe ich aus wie ein Säugling, der eine Amme braucht?« Er fing an, die Schrauben zusammenzusuchen. Hendrik und Anton wollten ihm helfen, doch er scheuchte sie mit einer Handbewegung fort.
»Wir ham schon zweimal die Polizei geholt«, flüsterte Anton, während sie die Treppen hinaufstiegen. »Weil Oskar Herrn Rosenthal bedroht hat. Seitdem pöbelt er bloß noch. Meistens, jedenfalls.«
Noah wohnte direkt neben den Broschecks, deshalb entdeckte Hendrik, dass seine Tür mit dem Schriftzug Jude! und einem Hakenkreuz beschmiert war.
»Wir ham versucht, es abzuwaschen«, sagte Anton. »Is' nich' so einfach. Wir woll'n am Wochenende noch mal ran.«
Sie betraten die Wohnung der Broschecks. Antons Eltern waren nicht da. Der Junge brachte sich und Hendrik ein Glas Wasser, ehe sie sich aufs Sofa setzten.
»Dir ist vermutlich nicht nach einer philosophischen Diskussion«, meinte Hendrik, der selbst noch mit dem Adrenalinstoß kämpfte, den die Auseinandersetzung in ihm ausgelöst hatte.
Anton zuckte die Achseln.
Sie schwiegen eine Weile.
»Wodurch is' Oskar so geworden, was mein' Sie?«, fragte Anton schließlich. »Oder war er schon immer so, und ich hab’s bloß nich' gemerkt? Ich meine, er war mal mein Freund.«
»Eine gute Frage. Und eine klassische dazu. Sie ist nämlich nichts anderes als der uralte Streit, ob wir durch unser Erbgut oder durch unsere Umwelt geprägt werden.«
»Sie finden immer 'n Grund zum Philosophieren, was?«, grinste Anton.
»Weil alles, was wir tun und denken, auf etwas Größeres verweist. Echte Philosophie ist keine verstaubte Bücherweisheit, sondern hat etwas mit unserem Leben zu tun. Also: Glaubst du, dass Oskar von jeher so war, wie er ist, und du es nur nicht gemerkt hast?«
»Eigentlich nich'. Früher hat er sich bloß für Fußball und Radfahren interessiert. Er hat nie über Juden geschimpft. Erst seit sein Vater arbeitslos geworden is' und die Nazis wählt.«
»Also sind es seine Erfahrungen, die ihn prägen? Seine Eltern, die Arbeitslosigkeit?«
»Scheint so.«
»Ihr beide seid zusammen aufgewachsen. Habt zusammen gespielt und ähnliche Dinge erlebt. Und dein Vater ist auch arbeitslos, nicht wahr? Würdest du also herumgehen und den Juden an allem die Schuld geben?«
»Natürlich nich'. Ich bin ja nich' blöd.«
»Also sind es doch die Gene, die uns prägen?«
»Vielleicht … beides.«
Hendrik schwieg und ließ den Jungen weiter nachdenken.
»Meine Mutter sagt, ich seh' mei'm Vater ähnlich. Und es gibt 'n altes Foto von ihm, wo er so alt is' wie ich jetzt, da könnte man uns verwechseln. Außerdem gibt's Erbkrankheiten und so Sachen.«
»Also werden manche Dinge anscheinend vererbt. Das Aussehen, wie gesund wir zur Welt kommen. Aber wie ist das mit dem Charakter, dem Temperament, politischen Einstellungen? Hast du die gleichen Ansichten und Vorlieben wie dein Vater?«
»Manche schon. Aber er würd' den Stahlhelm verbieten und den Roten Frontkämpferbund nich', das find' ich nich' richtig. Außerdem will er, dass ich was ›Anständiges‹ lerne und nich’ beim Rundfunk anfange, wie ich’s vorhab’. Das is' 'ne brotlose Kunst, sagt er. Das is' bloß 'ne Mode, die vorbeigeht. Und dass ich Detektivromane lese, stört ihn auch. Er sagt, das is' Schund, ich soll lieber die Schriften von Rosa Luxemburg lesen.«
»Sein erzieherischer Einfluss auf dich hat also Grenzen.«
Anton grinste wieder.
Hendrik erwiderte das Grinsen. »Das scheint ebenfalls eher für die Gene zu sprechen. Eine andere Frage: Seit über zehn Jahren philosophieren wir über die Welt. Hat dich das nie gelangweilt?«
»Nie!«
»Was gefällt dir daran?«
»Dass man, wenn man über irgendwas nachdenkt, mehr über die Welt rausfinden kann. Manchmal versteh' ich hinterher was, was ich vorher nich' verstanden hab'. Ich find' gut, dass nix tabu ist. Wenn wir über was reden, können wir alles infrage stell'n.«
»Hätte Oskar auch Lust dazu?«
»Nee. Der is' bequem. Der nimmt alles hin. Das war schon immer so. Unser Lehrer hat noch 1918 vom Krieg gesprochen, als wär' der was Tolles. Ich hab' ihn mal gefragt, warum wir in den Krieg gezogen sind, und er hat gesagt, weil wir von Feinden umringt sind, die uns den Platz an der Sonne nich' gönnen. Dass wir Raum brauchen. Oskar hat's geschluckt. Der fragt nich' nach.«
»Warum seid ihr beide so unterschiedlich? John Locke glaubt, der Mensch komme als unbeschriebenes Blatt auf die Welt. Tabula rasa, wird das genannt. Und dass wir erst durch die Erziehung geformt werden. Aber es scheint, dass ihr beide, du und Oskar, von Anfang an eine eigene Persönlichkeit mitgebracht habt.«
»Meine Mutter sagt immer, ich war schon als Säugling neugierig und wollte alles erkunden.«
»Das waren jetzt mehrere Hinweise, dass die Vererbung einen gewissen Einfluss hat. Heißt das, wir sind bloß so eine Art Maschine? Die lediglich ausagiert, was in unseren Genen festgelegt ist?«
Anton schüttelte den Kopf. »Wär' ich in 'ner schicken Villa aufgewachsen, würd' ich bestimmt anders über Streiks und Gewerkschaften denken. Außerdem gibt's Dinge, die ich als Kind erlebt hab', die ham mein Leben verändert.«
»Zum Beispiel?«
»Ich war viel allein, weil meine Eltern beide arbeiten müssen, das hat mich selbstständig gemacht. Und Bücher zu lesen, darauf wär' ich als Knirps nie gekomm'. Erst als ich lange krank war und im Bett liegen musste, hab' ich das für mich entdeckt. Seither bin ich verrückt danach, wie Sie wissen. Und natürlich hat mich der Tod meines kleinen Bruders verändert.«
»Auf welche Weise?«
»Meine Freunde ham damals gesagt, ich bin stiller geworden. Nachdenklicher. Und sicher nich' mehr so leichtsinnig wie früher. Weil ich gesehen hab', wie schnell das Leben vorbei sein kann.«
»Offenbar ist die Antwort auf die Frage, was uns prägt, nicht so einfach.« Hendrik dachte nach. »Du hast schon mit jungen Jahren einen Detektor-Empfänger zusammengebaut, stimmt's? Und du würdest gern beim Rundfunk arbeiten oder als Beleuchter am Theater. Hattest du nie den Wunsch, Fabrikarbeiter zu werden wie dein Vater?«
»Nee.«
»Warum nicht?«
»Ich mag technische Sachen.«
»Hat dir das jemand nahe gebracht?«
»Das war schon immer so. Ich hab’ alles auseinandergenomm' und untersucht, wie's aufgebaut is'. Und die Seiten inner Zeitung über Radios und Telefone und so gelesen. Und mit Leuten geredet, die was mit Technik machen: dem Automechaniker in unserer Straße und Herrn Stöhr, Sie wissen schon, dem Beleuchter vom Theater, und sei'm Bruder beim Rundfunk.«
»Was bedeutet das in Hinblick auf die Frage, was uns prägt, was meinst du?«
»Vielleicht … dass wir Situationen suchen, die uns helfen, die Vorlieben in unseren Genen und das, was in uns angelegt is', umzusetzen?«
»Das ist ein kluger Gedanke. Wir reagieren auf unsere Umwelt, aber wir selektieren auch.«
»Was denken Sie? Was is' wichtiger: das, was angeboren is', oder das, was wir lernen?«
»Ich würde keins von beiden unterschätzen. Die Forschung an eineiigen Zwillingen, die getrennt aufwuchsen, legt nahe, dass Menschen mit identischer genetischer Ausstattung trotz unterschiedlicher Umweltfaktoren eine ähnliche Persönlichkeit entwickeln. Andererseits zeigt sich, dass adoptierte Kinder einen ähnlichen Humor ausbilden wie die leiblichen Kinder, mit denen sie zusammenleben. Und natürlich kann man ein Kind fördern oder vernachlässigen, was sich unweigerlich auf seine Intelligenz auswirkt. Ich halte es für gefährlich, einen der beiden Faktoren – Erbgut oder Umwelt – überzubewerten und den anderen zu bagatellisieren.«
Zumal sich beide Richtungen zu einer totalitären Ideologie missbrauchen ließen. Die Nazis glaubten, Gene seien alles, es gebe daher höherwertige und minderwertige Rassen, die durch Zuchtwahl und die Prinzipien der Eugenik gefördert oder beseitigt werden sollten. Die Sowjets glaubten, alle Menschen seien gleich, die Umwelt sei das Entscheidende, und bevorzugten daher die Methoden der Gehirnwäsche, indem sie Familien trennten, Menschen aus ihrer natürlichen Umwelt rissen und in Umerziehungslager steckten.
In diesem Augenblick ging ein Schlüssel in der Wohnungstür, Antons Vater kam nach Hause. »'n Abend, Herr Lilienthal. Hallo, Anton!«
»Guten Abend, Herr Broscheck. Sie sehen erschöpft aus.«
»War kein Zuckerschlecken heute.« Curt Broscheck goss sich ein Glas Wasser ein und setzte sich an den Tisch.
»Wieder kein Glück gehabt?«
»Wie man’s nimmt. Frühmorgens warte ich immer in einer der Kneipen rings um die Zentralmarkthalle. Manchmal werden da Leute gebraucht, die helfen, Obst und Gemüse von den Waggons zu laden. Man wird stundenweise bezahlt und bekommt auch 'n paar Naturalien.« Er hob die Leinentasche hoch, die er neben dem Tisch abgestellt hatte und in der sich Kohl und Äpfel befanden. Anton nahm sie ihm ab und packte die Lebensmittel aus.
Hendrik war klar, dass Herr Broscheck diese Gelegenheitsarbeit kaum beim Wohlfahrtsamt angeben würde. Wer wollte schon riskieren, dass ihm der Lohn von der spärlichen staatlichen Hilfe abgezogen wurde? Nach sechsundzwanzig Wochen Arbeitslosenunterstützung und dreizehn Wochen Krisenfürsorge gab es für ein Ehepaar mit Kind 19,95 Mark Unterstützung pro Woche. Wer konnte davon existieren?
Als würde Herr Broscheck ahnen, was ihm durch den Kopf ging, sagte er: »Letzte Woche war 'n Prüfer hier. Hat 'rumgeschnüffelt, Schränke geöffnet, sogar bei den Nachbarn herumgehorcht, ohne sich zu erkennen zu geben. Und die Verbrecher, die sich an der Krise gesundstoßen, während sie Leute entlassen und Löhne drücken, kommen wie immer ungeschoren davon.«
Hendrik nickte. Es war auch ein Vertrauensbeweis, dass Curt Broscheck so offen von seinem Zusatzverdienst sprach. Aber nach über zehn Jahren, in denen Hendrik Anton unterrichtete, wussten sie, woran sie miteinander waren.
Offenbar tat es dem Arbeiter gut, sich seine Not von der Seele zu reden, denn er fuhr fort: »Dabei ham se mich neulich auf'm Wohlfahrtsamt wie 'n Verbrecher verhört. Erst zwei Stunden warten, dann die Papiere vorlegen: Entlassungsschein, Abmeldung von der Krankenkasse, Stempelkarte, und dann Fragen beantworten, nach mei'm Familienstand, mein' finanziellen Verhältnissen, nach der Wohnung, nach allem. Erstaunlich, dass se nich' auch die Beschaffenheit meines Stuhlgangs wissen wollten.« Er nahm das Glas Wasser und trank es in einem Zug leer.
Hendrik wusste nicht, was er sagen sollte, also nickte er bloß wieder.
»Nach der Markthalle bin ich zum Arbeitsamt«, sagte Herr Brocheck. »Warten, warten, warten. Warten is' da die Hauptbeschäftigung. Eine behördliche Verpflichtung, untätig zu sein. Ich hab’ mich gezwungen, so lange wie möglich die Uhr an der Wand nich' anzusehen und dann zu schätzen, wie viel Zeit inzwischen vergangen is’. Hab’ mich immer verschätzt. Hab’ immer geglaubt, es wär' schon viel später. Man könnte wahnsinnig werden dabei. Und am Ende gab’s wieder nix für mich.«
»Was ist mit dem Rundfunk?«, erkundigte sich Hendrik. »Das Arbeitsamt verkündet doch manchmal während des Programms offene Stellen.«
»Ja, klar. Da suchen se Stenotypistinnen, die bereit sind, nach Griechenland zu geh'n. Und warnen die Leute vom Land davor, nach Berlin zu kommen, weil's hier keine Arbeit gibt.«
Hendrik musste ihm Recht geben. Drei Minuten vom Arbeitsamt lautete das großspurige Motto der Rundfunkmeldungen, aber es handelte sich eher um eine Alibiveranstaltung.
»Die Zeitungsanzeigen hab’ ich natürlich auch studiert und meine Runde bei Bekannten gemacht, um zu fragen, ob se was für mich ham oder zumindest wissen, wo wer gesucht wird. Die seh'n mich mittlerweile lieber von hinten. Einige tun so, als wär'n se nich' zu Hause, wenn ich klopfe. Ich kann's ihn' nich' mal verübeln. Aber ich hab’ 'ne Familie, an die ich denken muss. Ich kann auf so was keine Rücksicht nehm'.«
Nicht zum ersten Mal fühlte sich Hendrik ohnmächtig angesichts der Not der Broschecks. Er hatte schon mal mit etwas Geld ausgeholfen, aber natürlich war ihnen das peinlich gewesen, und insbesondere Curt Broscheck lehnte es ab, noch einmal etwas von ihm zu nehmen.
Der neue Fall seines Bruders fiel Hendrik ein. Die Spreewolle war ein großer Betrieb. Auch wenn es schien, als sei die Firma in Schwierigkeiten, war doch bislang nicht von Konkurs die Rede. Gregor wollte seine Ermittlung übermorgen, nach dem Karfreitag, dort fortsetzen. Vielleicht gab es eine Möglichkeit, Curt Broscheck zu Arbeit zu verhelfen, wenn Hendrik ihn dem Personalchef empfahl. Ja, das war eine gute Idee! Er würde Gregor bitten, bei dem Gespräch dabei sein zu dürfen.
7
Weil Nathan Gruber, Vorstandsvorsitzender und möglicher künftiger Geschäftsführer der Spreewolle, noch nicht an seinem Arbeitsplatz eingetroffen war, beschlossen Hendrik und Gregor, sich in der Fabrik umzusehen, und waren überrascht, dass alles seinen gewohnten Gang zu gehen schien. Auf den ersten Blick vermittelte die Firma den Eindruck eines prosperierenden Unternehmens. Der Lagerschuppen war bis an den Rand mit Rohwolle gefüllt, und es trafen weitere Lieferungen ein. In den Sortierräumen waren Männer und Frauen damit beschäftigt, die Vliese auf Tischen auszubreiten und nach Feinheitsgraden zu sortieren. In Bottichen wurde die Wolle mit Wasser, Soda und Seife aus der eigenen Seifenfabrik gereinigt und von Fett befreit, anschließend getrocknet. Walzen lösten die Ware in einzelne Härchen auf und befreiten sie zugleich von Pflanzenresten. Dann wurde verstreckt, parallelisiert und ausgekämmt, nochmals gewaschen, getrocknet, geplättet und auf Kreuzspulen gewickelt. In den Packsälen bereiteten Männer die Fertigspulen zum Versand an die Kammgarnspinnereien vor. Auch die chemische Abteilung, in der aus dem Wollwaschwasser Wollfett, Pottasche und Dünger gewonnen wurde, brummte vor Geschäftigkeit. Bei genauem Hinsehen konnte man jedoch erkennen, dass den Arbeitern die prekäre Situation der Fabrik bewusst war: Viele gingen umher, als trügen sie eine Last auf den Schultern, es wurde kaum gesprochen, geschweige denn gescherzt.
Die Wirtschaftskrise hielt sich nun schon anderthalb Jahre, und ein Ende war nicht abzusehen. Es gab knapp fünf Millionen Arbeitslose im Deutschen Reich, von denen nur die Hälfte die Arbeitslosenversicherung in Anspruch nehmen konnte, der Rest war auf Krisenunterstützung und Wohlfahrt angewiesen. Über zweiundzwanzigtausend Konkurse hatte es im vorigen Jahr gegeben. Arbeitsgeber nutzten die Gelegenheit, um Löhne zu drücken. Im Januar hatten die Bergarbeiter an der Ruhr nach gescheiterten Tarifverhandlungen und Massenentlassungen gestreikt, wobei es zu Gewalttätigkeiten zwischen ihnen und der Polizei, aber auch untereinander gekommen war. Nicht wenige Familien wurden aus ihren Wohnungen geworfen, weil sie die Miete nicht zahlen konnten. Selbstmordraten schnellten in die Höhe.
Im Dezember vergangenen Jahres hatte Reichskanzler Brüning mit Rückendeckung durch Reichspräsident Hindenburg eine Notverordnung erlassen, die unter anderem eine Reduzierung der Beamtengehälter vorsah. Er versuchte, die durch die Folgen der Wirtschaftskrise sinkenden Steuereinnahmen aufzufangen, indem er Steuern erhöhte, Löhne und Gehälter kürzte und Sozialabgaben abbaute, was die Misere eher noch verschärfte. Ganz abgesehen davon, dass etwa die ostelbische Großlandwirtschaft weiter subventioniert wurde und die Bewältigung der Krise überwiegend auf dem Rücken der kleinen Leute ausgetragen wurde. Hendrik argwöhnte, dass Brüning mit seinen Notverordnungen bewusst einen schleichenden Wandel im politischen Alltag und damit eine Gewöhnung an eine autoritäre Regierungspraxis in Gang setzte. Der wirtschaftliche Zusammenbruch und die Not der Bevölkerung dienten ihm zudem als willkommenes Alibi für das Unvermögen des Staates, die vereinbarten Reparationszahlungen an die Siegermächte aus dem Großen Krieg – dem Weltkrieg, wie sie ihn jetzt nannten – zu leisten.
Aus Furcht vor einer Stärkung der Rechts- und Linksradikalen nach einem etwaigen Sturz der Regierung hatte sich die SPD zu einer Politik der Tolerierung Brünings und seiner rigorosen Sparmaßnahmen entschlossen und Misstrauensanträge im Parlament verhindert. Zugleich gab sie damit allerdings die Kontrolle des Reichstags gegenüber der Regierung preis. Und die Gewerkschaften kämpften nicht länger für Lohnerhöhungen, sondern nur noch dafür, den Schaden durch Lohnkürzungen in Grenzen zu halten. Aus all diesen Gründen war die drückende Stimmung der Belegschaft in der Fabrik nur allzu verständlich.
Hendrik und Gregor beendeten ihren Rundgang und begaben sich über den gepflasterten Fabrikhof zum Bürotrakt.
Nathan Gruber war mittlerweile eingetroffen und saß in seinem Bürostuhl zurückgelehnt, kaute an einer Gewürzgurke und blätterte in der Berliner Morgenpost vom Vortag. »Immer herein!«, rief er, als die Sekretärin sie ankündigte. »Haben Sie sich auch die Mondfinsternis angesehen?«, fragte er und hielt einen Artikel hoch. Im Schatten der Erde, hieß es dort.
Hendrik schüttelte den Kopf. Tatsächlich hatte er wegen der Auseinandersetzung mit Oskar Cremer nicht mehr daran gedacht und das Ereignis am Donnerstag verpasst.
»Macht nichts, am 26. September haben Sie noch mal Gelegenheit dazu.« Jetzt erst richtete sich Herr Gruber auf, lud sie mit einer Handbewegung ein, sich zu setzen, und strahlte sie mit einem gewinnenden Lächeln an, als wollte er ihnen gleich ein Schnäppchen anbieten.
Gregor suchte sich einen Stuhl gegenüber dem Vorstandsvorsitzenden aus, Hendrik nahm weiter hinten Platz und schrieb mit, wie sein Bruder ihm aufgetragen hatte.
»Bitte entschuldigen Sie die Unordnung«, fuhr Herr Gruber fort und schob nachlässig einen Stapel aufgeschlagener Zeitungen beiseite. »Unordnung spricht für einen kreativen Geist.« Er fischte eine weitere Gewürzgurke aus einem Glas. »Ich liebe Spreewälder Gurken. Wollen Sie auch eine? Nein? Direkt vom Erzeuger. Ich verhandele immer direkt mit Erzeugern, nie über Mittelsmänner. Das ist eine der Grundlagen von Erfolg.« Er schraubte den Deckel des Glases zu. »Gurken haben reichlich Vitamine, das ist viel zu wenig bekannt. Und gut gegen Magenbeschwerden sind sie auch, wussten Sie das?«
»Wir möchten Ihre Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen«, unterbrach Gregor den Redeschwall.
»Natürlich, natürlich. Sie wollen mir sicher vom tragischen Selbstmord von Herrn Debus berichten, aber das weiß ich schon. Ich habe meine Ohren überall. Sonst bringt man es nämlich im Geschäftsleben zu nichts.«
»Nein«, erwiderte Gregor, »das wollte ich keineswegs.«
»Nicht?« Jetzt sah Herr Debus ratlos aus. »Was könnte die Polizei denn sonst hier wollen? Gibt’s Ärger mit einem Mitarbeiter?«
»Ich will Sie nicht über einen Selbstmord in Kenntnis setzen, sondern führe eine Untersuchungen über einen möglichen Mord an Herrn Debus durch.«
»Mord? Sie meinen …?«
»Welchen Grund haben Sie, einen Selbstmord zu vermuten?«, wollte Gregor wissen.
»Nun ja … Er war beunruhigt wegen der Wirtschaftskrise und ihrer Auswirkung auf die Firma. Wir haben etliche Angestellte entlassen müssen. Es sind Kredite zurückzuzahlen.«
»Und Sie sind nicht beunruhigt?«
»Ich lasse mich nicht so leicht ins Bockshorn jagen. Die Lage ist ernst, aber die Firma hat eine solide Basis. Meiner Meinung nach werden wir die Krise überstehen, womöglich sogar gestärkt daraus hervorgehen, da einige unserer Konkurrenten über kurz oder lang Konkurs anmelden müssen. Herr Debus hätte mehr Vertrauen in die Spreewolle haben sollen. Sie glauben wirklich, er sei ermordet worden? Wie kommen Sie darauf?«
Gregor ging nicht auf die Frage ein. »Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«, wollte er wissen.
»Am Mittwoch. Hier, in der Firma. Wir sind ein paar Zahlen durchgegangen, haben über Lieferungen gesprochen, über die Qualität der erhaltenen Rohwolle, über mögliche neue Absatzmärkte. Wir planen eine groß angelegte Werbekampagne. In manchen Dingen war Herr Debus altmodisch. Ich habe ihm klargemacht, wie wichtig ein modernes Profil ist, dass wir hochwertiges Briefpapier brauchen und ein besseres Firmensignet. Man muss etwas von Psychologie verstehen, um diese Dinge richtig einordnen zu können. Wir verkaufen nicht bloß Wolle, sondern eine Marke. Das Ansehen der Marke macht dreißig Prozent des Erfolgs aus. Und dann muss man natürlich die grundlegenden Prinzipien berücksichtigen: was, wann, wie, wo. Die Sache sorgfältig vorbereiten, den Markt sondieren, abwägen und dann zuschlagen.«
»Da haben Sie sich ja einiges vorgenommen.«
»Ich bin seit zehn Jahren in der Textilindustrie, ich kenne mich aus. Ich habe schon alles gesehen, glauben Sie mir. Ursprünglich komme ich aus kleinen Verhältnissen und habe mich Stück für Stück emporgearbeitet. Wo andere aufgeben, habe ich erst angefangen. So manches Mal musste ich mich wie Münchhausen an meinem eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Aber am Ende bin ich immer siegreich aus allen Katastrophen hervorgegangen. Weil ich schon als Kind kapiert habe, wie der Hase läuft. Außerdem pflege ich Beziehungen zu wichtigen Entscheidungsträgern in der Politik. Ich gehe regelmäßig mit Arbeitsminister Stegerwald essen. Bei Robert’s. Kennen Sie das? Sehr amerikanisch. Sehr modern. Da liegt die Zukunft. Ich esse nie woanders.«
»Zurück zu Herrn Debus. Wirkte er verändert, als Sie ihn zuletzt sprachen? War er vielleicht über irgendetwas beunruhigt, abgesehen von der wirtschaftlichen Situation?«
Herr Gruber zuckte die Achseln.
Das Telefon klingelte. Der Vorstandsvorsitzende nahm ab. »Gruber? Ach, Sie sind’s. Guten Morgen! Danke der Nachfrage. So weit gut, aber viel Arbeit. Ich ackere jeden Tag bis in die Puppen. Komme kaum vor Mitternacht nach Hause.«
Während Herr Gruber telefonierte, sah Hendrik sich um. Der Aktenschrank war geschlossen, darauf stand ein Grammophon, das seinem Zustand nach zu urteilen oft benutzt wurde. Neben dem Telefon waren Zeitungen aufgeschlagen, allerdings nicht auf den Wirtschaftsseiten, sondern beim Sportteil. Und in der Funkstunde war das Radioprogramm um fünf Uhr nachmittags angestrichen: II. Halbzeit vom Länder-Hockeyspiel Deutschland – England. Offenbar hatte der Vorstandsvorsitzende genug Muße, um während der Arbeitszeit Sportberichte zu hören. Dem Anrufer gegenüber ließ er sich indes immer noch darüber aus, wie beschäftigt er war. Hendrik konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Hälfte seiner Arbeitszeit darin bestand, anderen zu erzählen, wie viel er zu tun hatte.
Endlich kam sein Gesprächspartner zum Grund des Anrufs – es ging um eine verspätete Lieferung –, der in einer Minute abgehakt war. Herr Gruber traf jedoch keine Anstalten aufzulegen, sondern nickte den Brüdern Lilienthal kurz zu und sprach dann über die Mondfinsternis. Gregor runzelte die Stirn, weil der Vorstandsvorsitzende ihn warten ließ. Hendrik hatte den Eindruck, dass dies weder Unhöflichkeit noch eine Machtdemonstration, sondern lediglich dem Charakter des Mannes zu verdanken war.
Das Telefongespräch wandte sich der Politik zu. »Also, ich an Brünings Stelle würde auf Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen setzen. Kreditfinanzierte Staatsaufträge. Das sind doch alles Dilettanten da. Na ja, Brüning ist sowieso bald weg vom Fenster. Hugenberg ist der kommende Mann, das habe ich im Blut. Merken Sie sich meine Worte.«
Erst nach zehn Minuten beendete Herr Gruber das Gespräch. »Entschuldigung. Dauernd klingelt das Telefon, ich weiß kaum, wo mir der Kopf steht. Wo waren wir?«
»Am Mittwoch zwischen halb acht und neun Uhr abends – was haben Sie da gemacht?«
»Ich hoffe, Sie verdächtigen nicht mich, etwas mit dem Tod von Herrn Debus zu tun zu haben. Das wäre nämlich schön dumm von mir. Ich verliere mit ihm meinen Förderer. Er hat mich in den Vorstand geholt und wollte mich zum Geschäftsführer aufbauen. Für mich war er so etwas wie mein Mentor. Was jetzt wird, steht in den Sternen.«
»Es war geplant, dass Sie künftig die Firma leiten?«
»Herr Debus hatte vor, sich ins Privatleben zurückzuziehen. Sie werden es sicher sowieso von irgendjemandem hören: Die Spreewolle war nicht gerade sein Traum. Er hatte keine Ader fürs Geschäftliche. In letzter Zeit hat er sich mehr und mehr auf meine Empfehlungen verlassen. Aber er war ein wunderbarer Mensch. Kollegial, ohne jede Eitelkeit.«
»Wer übernimmt die Firma, was meinen Sie?«
»Vermutlich seine Frau. Kinder hat er nicht, es gibt auch keinen Bruder, und seine Schwester, na ja …« Herr Gruber kaute auf seiner Unterlippe. »Womöglich wird die Spreewolle liquidiert. Wenn jemand die Firma übernimmt, der keine Ahnung vom Geschäft hat … Oder Herr Franke von der Frawo, unser größter Konkurrent, besticht ein paar Abgeordnete und streckt seine gierigen Finger nach dem Unternehmen aus.«
»Kommen wir zu meiner Frage zurück. Wo waren Sie Mittwoch Abend?«
»Im Deutschen Theater. Der Hauptmann von Köpenick. Das Stück fing um acht an. Ursprünglich wollte ich mir Liliom in der Volksbühne ansehen, wegen Hans Albers, habe mich dann aber doch umentschieden. Es soll nicht besonders viel taugen.«
»Gibt es dafür Zeugen?«
Herr Gruber zuckte die Achseln.
Wenn seine Aussage der Wahrheit entsprach, schied er als Verdächtiger aus, dachte Hendrik. Laut Oliver Pauly war der Tod zwischen halb acht und neun eingetreten, und in einer halben Stunde hätte Herr Gruber es nie geschafft, seinen Gönner umzubringen und rechtzeitig im Theater zu sein. Allerdings dürfte es nicht leicht sein, das Alibi zu verifizieren. Vielleicht erkannten ihn die Damen an der Abendkasse wieder.
»Was wissen Sie über das Verhältnis zwischen Herrn Debus und seiner Frau?«
»Freundschaftlich, würde ich sagen. Vielleicht nicht oder nicht mehr die große Leidenschaft, aber gegenseitiger Respekt. Wenn Sie sie verdächtigen, ihren Gatten ermordet zu haben, sind Sie auf dem Holzweg. Eine feine Person. Immer korrekt.«
»Sie erwähnten die Konkurrenz. Können Sie sich vorstellen, dass dort Rivalitäten aus dem Ruder gelaufen sind?«
»Herr Franke von der Frawo versucht ständig, uns zu übertrumpfen, zieht aber immer den Kürzeren. Aus professioneller Sicht muss ich sagen, dass er viel zu kleinkariert denkt. Dass er einen Mord begangen haben könnte, halte ich allerdings für ausgeschlossen. Seine bevorzugte Methode ist die Intrige.«
»Wer könnte sonst ein Interesse daran gehabt haben, Herrn Debus zu töten?«
»Es gab Entlassungen. Nicht alle Arbeiter haben das hingenommen. Hier und da sind Gefühle hochgekocht. Durchaus verständlich in diesen schwierigen Zeiten. Ich glaube, es hat Drohungen gegeben, aber da fragen Sie besser Herrn Thomae, unseren Personalchef.«
Wunderbar, dachte Hendrik. Das gibt mir Gelegenheit, Curt Broscheck ins Spiel zu bringen.
8
Während sein Bruder die Sekretärin von Herrn Debus befragte, nutzte Hendrik die Atempause, um sich einige Tageszeitungen zu besorgen. Er war neugierig, wie sich der Streit in der Hitlerbewegung entwickelte.
Gestern Nacht hatten die SA-Leute um Hauptmann Stennes offenbar das Berliner Hitlerhaus geräumt, nachdem sie zuvor nur Leute hereingelassen hatten, die sich durch einen SA-Ausweis legitimieren konnten. Dabei war es mehr als einmal zu Handgreiflichkeiten zwischen ihnen und jenen Nazis gekommen, die Hitler die Treue hielten. Man warf sich gegenseitig Gesinnungslosigkeit und Verrat vor. Wie es aussah, waren auch die ewigen Totengräber der Republik, Kapitän Ehrhardt und Manfred von Killinger, wieder mittendrin. Dem Berliner Tageblatt zufolge hatte Stennes-Anhänger Ernst Werner Techow, der damals am Mordkomplott gegen Walther Rathenau beteiligt gewesen war, den Anhängern des »Führers« entgegengehalten: »Dazu haben wir den Rathenau umgebracht, dass Ihr Bürgerbonzen euch jetzt hier hereinsetzt!« Nun also gehörte das Hitlerhaus wieder Hitler.
Der schien jedoch in Panik geraten zu sein. Zwar wurde in seinem Völkischen Beobachter behauptet, die Meuterei von Stennes sei zusammengebrochen, gleichzeitig gab es darin jedoch eine von Ernst Röhm unterzeichnete Anordnung, wonach sämtliche SA-Führer bis zum 12. April eine schriftliche Gehorsamserklärung gegenüber Hitler abzugeben hatten, andernfalls würden sie aus der Partei ausgeschlossen. Geradezu komisch waren die Verrenkungen, die Hitler unternahm, um Stennes nachträglich zu diskreditieren, indem er etwa behauptete, dieser sei »im Inneren nie Nationalsozialist gewesen«.
Angewidert warf Hendrik die Zeitungen in einen Papierkorb und gesellte sich zu seinem Bruder, der gerade das Zimmer der Sekretärin verließ. »Und?«
»Die Sekretärin weiß auch nichts. Angeblich hat sich der Wollbaron wie immer verhalten.«
Gemeinsam begaben sie sich zum Personalchef. Hendrik hatte mit seinem Bruder abgesprochen, dass er sich zunächst für Curt Broscheck verwenden durfte, ehe die eigentliche Befragung begann, deshalb erkundigte er sich, nachdem Gregor sich und ihn vorgestellt hatte: »Mir ist klar, dass Sie Personal entlassen mussten, aber gibt es dennoch Stellen in der Produktion, bei denen Ihnen Arbeiter fehlen?«
Herr Thomae betrachtete ihn von oben bis unten, als wollte er sagen: Sie sehen nicht gerade wie jemand aus, der es gewohnt ist zuzupacken.
»Es geht nicht um mich, sondern um einen Bekannten. Ein zuverlässiger Arbeiter, fleißig, vertrauenswürdig.«
»Es gibt derzeit keine freien Stellen bei uns. Und wenn, dann würde ich diese nicht aufgrund von Protektion besetzen. Es wird erwartet, dass eine Bewerbung den üblichen Weg nimmt. Ich halte mich an die gesetzlichen Bestimmungen und die Gepflogenheiten des Hauses.«
Während des Wortwechsels hatte Herr Thomae keine Gefühlsregung gezeigt. Überhaupt war er steif wie ein tiefgefrorener Fisch. Die Krawatte und der hoch geschlossene Kragen mussten ihn halb erwürgen, ohne dass ihm Anzeichen von Atemnot anzusehen waren. Auf Hendrik wirkte er wie ein Buchhalter, der Menschen ebenso verschiffen würde wie Schweinehälften, solange die Bilanz stimmt.
»Wissen Sie vielleicht von einer freien Stelle bei Ihren Geschäftsfreunden?«
»Ich pflege mich nicht in die Verhältnisse anderer Unternehmen einzumischen.«
Es hatte wohl keinen Zweck, weiter nachzuhaken. Schade. Hendrik hatte natürlich nicht damit gerechnet, gleich einen Arbeitsvertrag für Herrn Broscheck in die Hand gedrückt zu bekommen, aber eine Empfehlung und etwas mehr Bemühen hatte er sich schon erhofft.
»Ich gebe Ihnen aber gern ein paar Tipps für Ihren Bekannten mit auf den Weg«, schnarrte Herr Thomae. »Bewerbungsschreiben sollten kurz und prägnant gehalten sein, sauber, in einwandfreiem Deutsch und ohne schwülstige Redensarten. Und immer handschriftlich, wegen der graphologischen Prüfung durch die Firmenleitung. Besonders interessieren natürlich Fachkenntnisse und Erfahrungen. Schulzeugnisse sagen dagegen wenig aus, und Zeugnisse über die bisherigen Stellungen sind nur wegen des lückenlosen Nachweises der Beschäftigungen von Interesse und nicht wegen des Inhalts, da es Firmen bekanntlich untersagt ist, ungünstige Tatsachen hineinzuschreiben, die geeignet sind, den Erhalt einer neuen Stellung zu erschweren. Wer diese Punkte beachtet, kann zumindest damit rechnen, nicht sofort aussortiert zu werden.«
Hendrik murmelte einen Dank, obwohl er die Ausführungen des Personalchefs wenig nützlich fand. Der Mann erinnerte ihn an einen Satz von Montaigne: Ich habe oft Menschen getroffen, die vor lauter Höflichkeit unhöflich waren und ungeschliffen durch zu viel Schliff.
Gregor übernahm die Gesprächsführung. »Herr Thomae«, sagte er, »ich leite die Untersuchung über den mutmaßlichen Mord an Herrn Debus, und –«
»Mord?« Jetzt zeigte der Personalchef zum ersten Mal eine Reaktion. »Ich dachte –«
»Sie haben in den letzten Monaten Arbeiter entlassen?«
Бесплатный фрагмент закончился.
