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Gun Jacobson
Die Ragulka-Bande
Deutsch von Angelika Kutsch
Saga
1
Es gab nur eine Möglichkeit, sich zu retten. Flucht. Sie umringten ihn zwar von drei Seiten, aber noch hatte er den Rücken frei. Er drehte sich um und stürmte den Lindenhügel hinunter. Hinter ihm ertönte das enttäuschte und wütende Geheul seiner Verfolger.
Ich hab geschossen, dachte er und überquerte die Falkstraße zwischen dem Hügel und dem Domberg mit wenigen großen Schritten. Er hielt auf den Langen Herman zu und erkannte zu spät, daß das ein großer Fehler war. Die hohe Mauer bildete ein Hindernis, das seine Verfolger ausnutzten. Sie kamen immer näher.
Plötzlich spürte er einen brennenden Schmerz im Rücken. Er war getroffen, lief aber weiter. Dann ein Schmerz in der Wade, und er fiel hin.
»Jetzt haben wir dich«, rief jemand hinter ihm. »Ergib dich, Heino. Ergib dich!«
Er war wieder auf den Beinen, ehe einer von ihnen bei ihm war. Den Rücken gegen die Mauer, sah er ihnen in die Augen.
Ihm am nächsten stand Ilmar mit erhobener Ragulka. »Her damit«, sagte er.
»Das ist meins«, antwortete Heino trotzig.
»Es gehört der Bande«, erklärte Ilmar, und damit war die Sache entschieden. Es war Ilmar, der das Sagen hatte, und selten wagte jemand, ihn als Anführer in Frage zu stellen.
»Welcher Bande?« Toomas schob sein Kinn vor. Hin und wieder versuchte er, sich gegen Ilmar aufzulehnen.
»Wir haben es in der Unterstadt geschossen«, sagte Ilmar in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
Heino wollte sich trotzdem nicht geschlagen geben. »Ich hab es geschossen.«
Ilmar zögerte. Toomas nutzte den Moment und übernahm die Führung. Rasch hob er seine Ragulka und ließ triumphierend ein Geschoß abschnellen.
Heino spürte einen Schmerz in der Hand. Er schrie auf und mußte seine Beute loslassen.
Rasch war Vello da und schnappte sie sich. »Ein Eichhörnchen«, schnaubte er. »Wenn du wenigstens einen Bären geschossen hättest!«
»Die Ragulka her!« befahl Ilmar.
»Niemals!« schrie Heino.
»Du mußt gehorchen«, sagte Jaan. Ihm tat sein kleiner Bruder leid, aber er zog ihm die Ragulka aus der Gesäßtasche. »Wir machen zu Hause eine neue«, flüsterte er.
»Fünf Steine«, schlug Ants vor.
Den Mädchen tat Heino auch leid. »Jetzt reicht es«, sagte Salme.
»Wir lassen ihn laufen«, schlug Ella vor.
»Er muß trainieren«, höhnte Olev. »Es sah zu jämmerlich aus, als er zu rennen versuchte.«
Alle gruben in ihren Taschen nach Steinen. Ilmar nahm die fünf größten. Aus seiner eigenen Tasche holte er einen stumpfen Bleistiftstummel und machte auf jeden Stein ein Kreuz.
»Die Dicke Margareeta, die Küche, der Stall, die Jungfrau und der Lange Herman«, sagte er und warf Heino einen Stein nach dem anderen vor die Füße. »Der Lange Herman zuletzt. Denk dran!«
Heino erkannte, daß er keine Chance hatte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als loszulaufen. Schnell. Ehe sie sich noch mehr ausdachten. Er lief an der Mauer entlang zur Stadt hinunter.
»Du schaffst es!« rief Salme ihm nach.
Natürlich konnte er es schaffen. Aber er wollte es nicht. Er war wütend und wünschte sich weit weg. Ich hau ab, dachte er. Sollen sie doch befehlen, was sie wollen, ich pfeif auf ihre albernen Regeln!
Plötzlich fiel ihm Rosalinde ein, und da lief es sich gleich viel leichter. Rosalinde war die Tochter eines Tanzlehrers und wohnte in der Gartenstraße. Eine hohe Mauer trennte das Grundstück von der Straße. Deshalb konnte man den Garten dahinter nicht sehen. Heino war das egal, er benutzte sowieso immer den Weg über das Dach. Die Steine verteile ich später, dachte er. Jetzt will ich Rosalinde treffen. Kurz danach saß er auf dem Dach des Nachbarhauses und trillerte wie eine Amsel. Das war ihr geheimes Signal.
Es dauerte nicht lange, da war Rosalinde draußen im Garten. »Komm runter«, rief sie. »Spring, wenn du dich traust!«
Es war nicht besonders gefährlich. Zuerst konnte er auf ein etwas niedrigeres Dach springen. Das wußte sie, und sie war sehr erschrocken, als er jetzt statt dessen über den Dachfirst zur anderen Seite balancierte. Von dort sprang er, und zwar von der höchsten Stelle aus. Aber es ging so schnell, daß sie nicht merkte, wie er ein bißchen schummelte, indem er die Feuerleiter zu Hilfe nahm.
»Hier, für dich«, sagte er und reichte ihr die fünf Steine.
»Danke«. Sie wußte nicht, was sie damit sollte.
»Für euren Steingarten«, erklärte Heino.
»Danke«, sagte sie wieder und fragte, ob er Saft wolle.
Sie tranken Himbeersaft, und er erzählte ihr alles. Sie fand, daß er sich ganz richtig verhalten hatte. Schließlich war es sein Eichhörnchen. Aber sie fand trotzdem, es wäre am besten, er würde tun, was die Bande verlangte. Sie wollte ihm die fünf Steine zurückgeben, aber er nahm sie nicht an. Statt dessen bat er sie um einen Bleistiftstummel.
Als er eine Weile später ging, hatte er ein Gefühl, als ob er tanzte. In der rechten Hosentasche wärmte ihn Rosalindes Bleistiftstummel. Sie hatte nur einen langen Bleistift gehabt, aber Heino hatte sich ein Stück abgebrochen. Sonst hätte der Bleistift ja nicht in seine Hosentasche gepaßt.
Es war nicht weiter schwer, fünf neue Steine zu finden und sie mit einem Kreuz zu kennzeichnen. Er lief in Richtung Dicke Margareeta, aber plötzlich blieb er stehen und dachte nach. Die konnten ihn doch nicht zwingen, mit gekennzeichneten Steinen rumzurennen. Was für eine idiotische Idee!
Nein, die können mich nicht zwingen, dachte er aufrührerisch. Er setzte sich ins Gras. Was würde passieren, wenn sie entdeckten, daß er nicht ... Er war der Kleinste in der Bande, und eigentlich war er zu klein. Er durfte nur mitmachen, weil Jaan dabei war. Feierlich hatte er den Rittereid geschworen und gelobt, den Anführern zu gehorchen. Jaan und er zählten zu den Rittern der Unterstadt, und der Anführer war Ilmar. Toomas führte die Ritter der Oberstadt an. Ein Zweikampf hatte entschieden, daß Toomas Ilmar als obersten Anführer anerkennen mußte. Wer nicht gehorchte, wurde bestraft. Heino war viele Male dabei gewesen, wenn aufmüpfige Ritter dazu verurteilt worden waren, herumzulaufen und gekennzeichnete Steine in einer bestimmten Zeit an verschiedenen Orten zu verteilen.
Die schwerste Strafe war es, wenn man die Ragulka ablegen mußte. Was ist schon ein Ritter ohne Waffe!
Hat man etwas gelobt, dann hat man es gelobt. Es ist feige, ein Gelöbnis zu brechen. Aber er hatte nie gelobt, jeden Blödsinn mitzumachen, den sie sich ausdachten. Es war ja eigentlich nicht besonders schlimm, zu den verschiedenen Wehrtürmen zu laufen und die Steine an die vorbestimmten Plätze zu legen. Aber es war so demütigend. Und es war ohne Sinn und Verstand!
Er streichelte den alten Turm, der die Dicke Margareeta genannt wurde. Wenn die Bande bei Margareeta oder einem der anderen Türme nachsah, würde herauskommen, daß er sich aufgelehnt hatte. Gut, dachte er, die denken bestimmt, ich trau mich nicht.
Er fühlte sich befreit, als er wegging.
In diesem Sommer war viel von Freiheit die Rede. Immer wieder mußte Heino sich anhören, daß er seinen letzten freien Sommer genießen solle. Im Herbst kam er in die Schule. Dann sei es vorbei mit dem freien Leben.
Blöd, fand Heino. Er durfte doch sowieso nicht tun, was er wollte. Nicht mal, wenn er draußen spielte. Dann bestimmten die anderen über ihn, jedenfalls, wenn sie Ritter spielten. Und das taten sie meistens. Aber natürlich war es gut, daß die älteren Kinder ihn mitspielen ließen. Das hatte er seinem großen Bruder zu verdanken.
Es war nicht nur Heino, der seinen letzten freien Sommer erlebte. Das galt für ganz Estland. Der Sommer 1939 war der letzte Sommer der Freiheit, doch das wußte niemand. An einem sonnigen Augusttag, als die Kinder in den Parks spielten oder im Meer badeten, wurde weit weg in der Welt über die Zukunft des kleinen Landes entschieden. Aber es dauerte noch eine Weile, ehe ihr ruhiges Leben in Trümmer ging.
2
Jaan war stinkwütend, als er nach Hause kam. So was durfte man einfach nicht machen. Das mußte Heino endlich kapieren. Sich überhaupt nicht um die Steine zu kümmern! Auf die Befehle des Anführers zu pfeifen! Jaan war so aufgebracht, daß er kaum reden konnte. Er hatte sich so wegen seines dämlichen kleinen Bruders schämen müssen.
»Warum hast du das gemacht?«
»Sag ich nicht.«
Mama griff ein. Sie war verärgert und besorgt zugleich, wenn die Jungen sich zankten. Worüber sie sich eigentlich stritten, wollte sie wissen. Die beiden wanden sich. Keiner wollte als erster antworten.
In dem Augenblick hörten sie Schritte auf der Treppe. Papa kam nach Hause. Die Tür wurde aufgerissen, und auf der Schwelle stand eine schwankende Gestalt.
Mama erstarrte, und sie sagte nur ein einziges Wort: »Juhan!«
Heino schauderte. In Mamas Ton war etwas, das er nicht verstand. Aber er fühlte, daß sie böse war. Sehr böse. Er wußte auch, warum. Es war Papa anzusehen, daß Freunde ihn auf der Arbeit besucht hatten und daß die Flasche herumgegangen war. Aber Heino begriff nicht, warum Mama sich so darüber aufregte. Soweit er sehen konnte, war Papa nur laut und fröhlich. Er machte Späße und hob seine Söhne einen nach dem anderen hoch, wirbelte sie herum und kitzelte sie am ganzen Körper. Sie quietschten vor Lachen.
Papa fand nichts Besonderes daran, daß die Jungen sich zankten. Er strahlte vor Stolz, als er erfuhr, daß sein Jüngster ein Eichhörnchen geschossen hatte. Der Junge hatte Schneid!
Hastig und erregt erzählte Jaan, wie es weitergegangen war. Wie er sich wegen Heino hatte schämen müssen, weil der einfach auf den Befehl des Anführers gepfiffen hatte.
»Gut so, Heino«, sagte Papa. »Estland ist ein freies Land. Wir tun, was wir für richtig halten, und lassen uns nicht zwingen.«
Heino wagte nicht zu zeigen, wie sehr er sich über Papas Antwort freute. Er spürte, daß beide, Mama und Jaan, sehr böse waren.
Mama regte sich darüber auf, daß ihre Kinder Krieg spielten. Es gab ein strenges Verhör, und die Jungen antworteten widerwillig. Mama hatte zwar gewußt, daß sie mit der Ragulka schossen, aber nicht, daß sie regelrechte Kämpfe austrugen. Und nicht, daß sie aufeinander schossen!
»Wir zielen niemals auf den Kopf«, beruhigte sie Jaan.
»Ach«, sagte Papa, »Jungs sind Jungs. Ich weiß noch, als ich Kind war ...«
Heino spitzte die Ohren. Er hörte gern zu, wenn Papa von früher erzählte. Aber Mama wollte nichts hören. Ihr scharfes »Juhan« brachte Papa zum Schweigen.
»Ein andermal«, sagte er augenzwinkernd.
»Du sollst ihnen nicht von deinen Heldentaten vorprahlen, und du sollst sie nicht auch noch ermuntern, Krieg zu spielen.«
»Hilja, es ist doch ganz harmlos, es ist nur ein Spiel.«
»In diesem Land hat es genug Krieg gegeben«, sagte Mama, und damit war die Diskussion beendet.
»Und jetzt wollen wir es vergessen«, sagte Papa. Das sagte er immer, wenn die Jungen was angestellt hatten. Dann wußten sie, daß ihnen verziehen war.
Heino lag auf dem Fußboden, guckte zur Decke und malte sich aus, daß er weglaufen würde, weit weg, dahin, wo niemand über ihn bestimmen konnte. Er hörte die Eltern reden, hörte aber nicht zu. Plötzlich drang die energische Stimme seiner Mutter in seine Phantasiewelt.
»Du weißt, was ich gesagt habe. Du mußt dich entscheiden, ich oder die Flasche. Meine Söhne sollen nicht mit einem saufenden Vater aufwachsen.«
Heino lauschte, aber die Eltern senkten die Stimmen. In dem Augenblick klopfte es heftig an der Tür, und alle lauschten. Drei Männer stürmten ins Zimmer, und Papa sprang mit einem fröhlichen Fluch auf.
»Juhan! Du weißt ...« Mehr konnte Mama nicht sagen.
Papa straffte sich und sah sie starr an. »Ja, ich weiß«, sagte er. »Und ich hab genug.«
»Denk an die Kinder«, flehte Mama.
»Genau! Wenn sie den Anblick von ihrem Vater und seinen Freunden nicht ertragen, dann lassen wir es doch. Alles.«
Heino lief zu Jaan, um bei ihm Schutz zu suchen. Still standen die beiden da und sahen zu, wie Papa im Schrank wühlte. Er warf ein paar Kleidungsstücke in einen Koffer, den er dann heftig zuknallte.
»Ade!« rief er, und weg war er.
An diesem Abend konnte Heino nicht einschlafen. Er lag neben Jaan im Doppelbett und wartete auf Papa. Mama lag allein im Bett der Eltern und versuchte, ihr Schluchzen im Kopfkissen zu ersticken.
Wenn sie nur aufhören würde! Heino tat es im ganzen Körper weh, sie weinen zu hören. Jaan war auch wach. Das merkte Heino an seinen Atemzügen. Er könnte doch was sagen, ihm wenigstens etwas ins Ohr flüstern. Aber der Bruder schwieg. Heino seufzte und wälzte sich herum, bis Jaan zischte, er solle stilliegen.
Papa kam nicht, und Mama schluchzte.
Trotzdem mußten sie schließlich doch eingeschlafen sein, sonst hätte Mama sie nicht am nächsten Morgen wecken können. Heino betrachtete sie heimlich, aber er konnte keine Tränen in ihrem Gesicht entdecken. Doch sie war ernst und sprach streng mit den Jungen. Heute durften sie nicht zu Papa in die Werkstatt gehen. Sie brauchte den ganzen Tag ihre Hilfe. Jaan wurde zu einer Besorgung in die Stadt geschickt.
Es machte Spaß, in dem Kurzwarengeschäft zu helfen, in dem Mama arbeitete. Zum Beispiel, die Regale aufzuräumen. Frau Haamer, der der Laden gehörte, mochte Kinder. Obwohl überall Ordnung herrschte, sagte sie nichts, wenn die Jungen alle Sachen umräumten. Wenn sie nur nichts von einem Regal ins andere legten oder die Schubkästen vertauschten.
Mama saß mit ihren Kolleginnen Leida und Thea in einem Zimmer hinter dem Laden. Sie nähten neue oder änderten alte Kleider. Meistens nahmen sie Laufmaschen in feinen Seidenstrümpfen auf.
Oft wollten die Kunden die Kleidung nach Hause gebracht haben, und das war die Aufgabe der Jungen. Mama war stolz, wenn ihre Söhne sich nützlich machen konnten. Und Jaan und Heino hatten nichts dagegen. Es gab immer etwas Leckeres oder eine Münze, wohin sie auch kamen. Außerdem erhöhte Frau Haamer dann Mamas Lohn um ein paar Kronen. Auf diese Weise trugen die Jungen zur Versorgung der Familie bei.
Aber an diesem Tag begriff Heino nicht, warum er hier sein mußte. Es war nicht besonders viel zu tun. Im Gegenteil, es war so ruhig im Laden, daß Frau Haamer nach hinten ins Nähzimmer kam. Sie sprach erregt, und die anderen hörten aufmerksam zu. »Krieg«, sagte sie plötzlich.
Heino, der an einem Tisch mit ein paar Garnrollen Krieg spielte, zuckte zusammen. Hatten sie gemerkt, was er da trieb? Mama hatte ja verboten, daß er Krieg spielte.
»Man kann nie wissen«, sagte Frau Haamer mit leiser, warnender Stimme. »Ich hab schon einen ganzen Kopfkissenbezug voll.«
»Was?« Heino konnte sich nicht zurückhalten. »Was haben Sie im Kopfkissenbezug?«
»Heino«, sagte Mama vorwurfsvoll, und Heino schämte sich.
»Entschuldigung«, sagte er nur, schlich aus dem Zimmer und begann eifrig, eines der schon aufgeräumten Regale neu zu ordnen.
In dem Augenblick kam Jaan zurück. Er war aufgeregt, das merkte man. Er habe Ilmar in der Stadt getroffen, berichtete er. Der Anführer sei sehr wütend. Heino schauderte und kauerte sich auf dem Fußboden hinterm Ladentisch zusammen.
»Ich hab gesagt, daß es dir leid tut und daß du dich entschuldigen willst.«
»Aber das will ich doch gar nicht«, protestierte Heino.
»Du mußt es wollen!« Jaan stürzte sich auf ihn und kniff ihn, daß es weh tat.
Heino biß die Zähne zusammen. Er wollte auf keinen Fall jammern. Jaan wurde immer wütender, schüttelte ihn und schrie, daß er tun müsse, was die anderen wollten.
Mama kam angestürzt. »Was ist denn mit euch los? Ich muß mich ja schämen euretwegen!«
Mehr brauchte sie nicht zu sagen. Schämen war ein schreckliches Wort für Heino. Er wollte sich nicht schämen, und Mama sollte sich auch nicht schämen müssen.
»Ich will«, preßte er hervor. »Es tut mir leid. Sag das Ilmar und den anderen!«
Jaan wurde ganz ruhig. »Du hast es gut«, sagte er. »Du bist noch so klein, dir vergibt man immer. Und wenn du eine Dummheit machst, wirst du auch noch von Papa gelobt.«
Mama sah plötzlich so merkwürdig aus. Das ertrug Heino nicht länger. Er lief hinaus, und er hörte Jaan hinter sich rufen: »Warte, Heino! Warte auf mich!«
Mama ließ die Jungen laufen. Es war Nachmittag, und da durften sie draußen spielen. Sie mußten nur zu Hause sein, wenn Mama von der Arbeit kam.
»Wir müssen zusammenhalten, Jungs«, sagte Mama zur Schlafenszeit. »Was auch geschieht, wir müssen zusammenhalten. Versprecht mir das!«
Natürlich versprachen sie es. Aber Heino lag lange wach und dachte darüber nach, warum er das versprechen mußte. Es war doch selbstverständlich, daß sie zusammenhielten, Jaan, er, Mama und ...
»Papa!« rief er laut aus.
Aber er hatte offenbar nicht laut genug gerufen, denn Mama reagierte nicht. Nur Jaan boxte ihn in die Seite. »Kannst du nicht still sein?«
Er mußte eingeschlafen sein. Plötzlich wurde er wach und hörte Stimmen. Die Tür zum Schlafzimmer war angelehnt, und im schwachen Licht sah er, daß Mamas Bett leer war.
Vorsichtig stupste er Jaan an. »Wach auf, Jaan. Da draußen reden welche. Das klingt wie ...« Er wagte das Wort nicht auszusprechen.
Jaan richtete sich auf und lauschte. »Papa!« rief er und stürzte aus dem Zimmer, dicht gefolgt von Heino.
Ja, es war Papa! Mit ausgebreiteten Armen stand er da. Darin war Platz für beide Jungen. Und für Mama!
»Ich habe mich dumm benommen«, sagte er, und seine Stimme zitterte ein bißchen. »Entschuldigung! Ich werde euch nie mehr verlassen. Ihr seid doch das Liebste, was ich habe.«
»Und jetzt wollen wir das vergessen«, sagte Heino. Dabei versuchte er, Papas Stimme nachzuahmen. Er hatte gedacht, Papa würde sich freuen, und er verstand nicht, warum Papa Tränen in den Augen hatte.
3
Die Jungen machten sich Sorgen, und die meisten machte sich Heino. Die Erwachsenen saßen so oft zusammen und unterhielten sich mit ernsten Gesichtern. Sobald Kinder in die Nähe kamen, senkten sie die Stimmen. Viele Bekannte kamen zu Besuch, aber die lauten Männer, die Mama nicht mochte, kamen nicht mehr.
»Geht nach draußen und spielt, Kinder«, hieß es dann mitten am Tag. Am Abend kam die unerbittliche Aufforderung: »Geht ins Bett, Kinder. Es ist höchste Zeit für euch.«
Heino lauschte, sooft es ging. Jaan schien das Ganze gleichgültig zu sein. »Die haben doch immer irgendwas«, sagte er und meinte alle Erwachsenen. »Man kommt ja nie richtig dahinter.«
Ungewöhnliches geschah. Zum Beispiel brachte Mama fast jeden Tag frisches Brot mit, und alle mußten helfen, es aufzuschneiden und zu trocknen. Die ewig gleiche Antwort auf die ewig gleiche Frage lautete: »Wer weiß, ob man es nicht noch mal braucht.«
Jaan war ein gutes Jahr älter als Heino und wußte, daß es sinnlos war, gewisse Fragen zu stellen. Aber Heino fragte immer wieder: »Mama, es gibt doch keinen Krieg?«
»Unsinn. Wieso glaubst du das?«
»Die Leute sagen, daß es Krieg gibt.«
»Du mußt nicht auf alles hören, was die Leute so reden.«
Papa machte manchmal Späße, so daß man nicht genau wußte, was man denn nun glauben sollte. Aber Mama sagte immer die Wahrheit. Das hatte sie ihren Jungen versprochen. »Daß ihr es nur wißt«, hatte sie einmal gesagt, »eure Mutter sagt immer die Wahrheit!« Es hatte feierlich geklungen, als sie »Mutter« sagte.
»Und doch kannst du lügen, bestimmt!« hatte Heino gesagt. Es war so schwer, die Erwachsenen zu verstehen. Niemals hätte er gedacht, daß Mama mitten in dem ernsthaften Gespräch in Lachen ausbrechen würde. Aber genau das tat sie.
Wie immer, wenn er sie unerwartet zum Lachen brachte, nahm sie ihn in die Arme. »Du hast recht, Heino. Manchmal ist es einfach nicht möglich, ganz und gar wahrhaftig zu sein. Aber ich versuche jedenfalls, nicht zu lügen. Und ich möchte, daß du das auch tust.«
Es war schwer, Mamas Erklärungen zu folgen. Er fragte noch einmal, und Mama antwortete geduldig. Allmählich verstand er das Wichtigste: Mama hielt ihre Söhne noch für zu klein, um die ganze grausame Wahrheit zu verstehen. Deshalb erzählte sie ihnen nicht alles. Und Mama und Papa wollten beide das Beste für ihre Kinder.
»Ich weiß«, sagte Heino rasch und glitt aus Mamas Armen. Das mit dem »Besten für die Kinder« hatte er schon oft gehört. Jetzt wollte er in Ruhe über einen neuen Ausdruck nachdenken, den Mama benutzt hatte.
Die grausame Wahrheit, hatte sie gesagt. Das klang furchtbar! Er wollte mehr darüber wissen, aber Mama sagte, es sei jetzt für eine Weile genug.
Mama und Papa hatten eine geheimnisvolle Art, sich zu verständigen, ohne daß die Kinder es merkten. Als sie sich etwas später zum Essen an den Tisch setzten, wußte Papa offenbar schon alles.
Papa fürchtete sich nicht vor dem schrecklichen Wort. »Krieg?« Ruhig schälte er eine Kartoffel. »Es gibt keinen Krieg. Woher habt ihr das?«
»Toomas sagt, daß sein Vater ...« fing Jaan an, wurde aber sofort unterbrochen.
»Toomas’ Vater ist ein Spitzbube«, sagte Papa und sah finster aus. »Der läuft wahrscheinlich zuviel in der Gegend herum. Er hat so rote Backen gekriegt.«
Mama hatte plötzlich Farbe im Gesicht. Sie war nicht gerade rot, aber rosa. »Juhan«, sagte sie warnend.
Heino war sofort wach. Hatte Papa wieder getrunken? Nein, es mußte etwas anderes sein.
»Ich weiß, Hilja«, zischte Papa. Das klang wie immer, wenn Mama so etwas Warnendes in der Stimme hatte. »Vergeßt es«, fuhr er fort. »Vergeßt alles, außer daß eure liebe Mama heute ein besonders leckeres Mittagessen gemacht hat. Salzhering mit gebratenen Zwiebeln.«
»Erzählt euren Freunden nicht, worüber wir zu Hause sprechen«, sagte Mama. »Was man in der Familie redet, muß nicht jeder wissen.«
»Wie ist es denn so in der Schule?« Damit beendete Papa das heikle Gesprächsthema. »Wahrscheinlich ist es doch nicht schlecht, groß zu sein und in die Schule zu gehen?«
Heino wollte antworten, aber Jaan kam ihm zuvor. »Die Lehrerin hat ihn gelobt«, sagte er.
Heino freute sich, daß ausgerechnet Jaan das sagte.
»Schade, daß man nicht mehr Schwedisch in der Schule lernt«, sagte Mama. »Ich hätte es gern gesehen, daß die Jungen Schwedisch lernen.«
»Du kannst es ihnen ja beibringen«, sagte Papa. »Aber Estnisch reicht auch. Das ist eine gute Sprache.«
»Sicher«, sagte Mama, »sicher ist das eine gute Sprache. Aber in meiner Familie ist man immer stolz darauf gewesen, daß man auch Schwedisch konnte. Es ist gar nicht so verkehrt, zwei Sprachen zu beherrschen.«
»Du hast recht, Hilja. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich auch Schwedisch lernen. Wir müssen mal hinfahren. Vielleicht krieg ich dann ja ein paar schwedische Wörter in meinen Schädel«, sagte Papa.
Eine Weile später klopfte es an der Tür. Es war Olev. Er war offenbar gerannt, denn er war so außer Atem, daß es eine Weile dauerte, ehe er etwas sagen konnte. »Ich soll vom Oberlehrer grüßen, ich meine, von Lembit«, brachte er schließlich heraus. »Und ich soll euch sagen, daß wir morgen unsere Pfadfindersachen anziehen sollen. Wir gehen zum Präsidenten.«
4
Alle standen in geraden Reihen auf dem Hof. Heino reckte sich. Dies war ein großer Tag, hatte er erfahren. Er fühlte sich sehr wichtig und feierlich. Es ging um – nein, jetzt hatte er es vergessen! »Ich hab vergessen, wie es heißt«, jammerte er flüsternd.
»Still«, zischte Jaan, der neben ihm stand.
Heino war beleidigt. Er hatte doch nur geflüstert. »Wie heißt das Land? Du mußt es mir sagen.« So schnell gab er nicht auf.
»Estland, du Idiot«, fauchte Jaan.
Das hat der Lehrer nicht gesagt, dachte Heino. Außerdem wußte er sehr wohl, daß es Estland hieß. Aber heute sollte man etwas anderes sagen. Plötzlich fiel es ihm wieder ein.
»Haferland«, sagte er stolz und viel zu laut, und Jaan schnaubte noch einmal: »Idiot!« Aber plötzlich prustete er los und die anderen um ihn herum auch.
»Vaterland«, sagte Olev, der auf der anderen Seite stand. »Vaterland!«
So war es. Heute ging es um das Vaterland – und die Freiheit. Alle Pfadfinder von ganz Tallinn hatten sich vor der Residenz versammelt. Nicht nur Pfadfinder übrigens – auch Männer in Uniformen und mit Gewehren über den Schultern, Frauen mit dem roten Kreuz auf den Kleidern und andere Leute.
»Ich möchte mal wissen, ob da Kinder in der Präsidenz sind«, sagte Heino laut, und um ihn herum prustete es erneut.
»Kannst du nicht den Mund halten!« zischte Jaan.
Aber Olev beugte sich vor und flüsterte, es heiße Residenz. Das Schloß des Präsidenten werde Residenz genannt.
Heino war wütend auf sich selbst. Das hatte er ja schon mal gehört. Wirklich ärgerlich, daß er es vergessen hatte!
Sie hatten den ganzen Tag in der Schule geübt. Der Oberlehrer war auch der Anführer der Pfadfinder, und deshalb wurde er nach einem großen Freiheitshelden Estlands Lembit genannt.
Lembit hatte ihre Kleidung genau gemustert und ihnen gesagt, wie sie sich benehmen mußten. Der Präsident hatte überraschend eine Volksversammlung einberufen. Es ging um die Freiheit des Vaterlandes.
Die Lehrer hatten sie feierliche Lieder singen und Gedichte aufsagen lassen, die sie nicht richtig begriffen. Die estnische Nationalhymne konnten die Kinder natürlich auswendig: »Mein Heimatland, mein Glück und meine Freude, wie schön bist du. Niemals finde ich auf der großen weiten Welt etwas, das mir so lieb ist wie du, mein Heimatland.«
Heino dachte an die Worte aus der Nationalhymne und schämte sich ein wenig. Ihm war, als würde er lügen, wenn er sie sang. Er hatte so viel anderes auch gern. Er konnte nicht den Eid der Pfadfinder schwören, daß ihm das Heimatland das liebste sei.
Das Herumstehen war langweilig, aber niemand wagte das laut zu sagen. Heino wurde müde. Es war schwer, so lange still zu sein. Er merkte, daß der Oberlehrer ihn anschaute. Ich hab doch nichts gemacht? dachte er.
Aber Lembit lächelte und fragte ihn: »Na, Heino, du weißt doch wohl, wie der Präsident heißt?«
»Konstantin«, antwortete Heino auf der Stelle. Zum Glück fiel ihm ein, daß der Präsident genauso hieß wie der Gehilfe, der bei Papa arbeitete.
»Richtig. Konstantin Päts.«
Plötzlich ging ein Raunen durch die Menschenmenge. Die Balkontüren der Residenz wurden geöffnet, und einige Männer kamen heraus. Es war nicht schwer zu raten, wer von ihnen der Präsident war. Er stand in der Mitte und hielt ein Blatt Papier in der Hand. Als die Menge verstummte, begann er zu sprechen.
Er sah nett aus. Und feierlich. Mama hatte die Jungen gebeten, gut zuzuhören, damit sie alles erzählen konnten, wenn sie nach Hause kamen.
»Estland«, sagte der Präsident, »unser Heimatland! Vaterland ... Freiheit und Friede ... und stolz auf unser Land ...«
Heino sog die Worte ein. Er durfte sie nicht vergessen.
Der Präsident sprach auch von Krieg. Immer wieder nannte er das Wort. Offenbar hatten irgendwelche Leute Krieg angefangen. Aber die Menschen in Estland wollten in Frieden leben.
Heino hörte nicht mehr zu. Er betrachtete die Residenz. Wenn man in so einem Haus wohnen dürfte! Dann könnte man auf den Balkon gehen und zum Volk sprechen. Vielleicht sollte er Präsident werden, wenn er groß war? Dann könnte er allen Freunden ein Fest geben in der Residenz.
Kadriorg! Ja, so nannte Papa das Schloß. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Mama sagte Katrinedal, so hieß das auf schwedisch. Darüber zankten Mama und Papa sich manchmal.
»Heute machen wir einen Ausflug nach Kadriorg«, sagte Papa.
»Nein, nach Katrinedal«, sagte Mama dann. »Und die Jungen kommen mit«.
Natürlich wurden sie nicht eingelassen in den Präsidentenpalast. Er war von einem hohen Zaun aus Eisen umgeben, und an den Eisenpforten standen uniformierte Wachen. Aber davor war ein großer herrlicher Park mit einem Vogelteich.
Heute waren sie eingelassen worden. Und plötzlich sprach der Präsident direkt zu den Pfadfindern, die unter seinem Balkon aufgereiht standen. Jaan stieß Heino an, um ihn aus seinen Gedanken zu wecken.
Die, die jetzt jung waren, dürften niemals vergessen, daß sie ein Heimatland hatten, sagte der Präsident. Sie sollten Estland immer lieben und es gegen jeden Feind verteidigen.
»Seid bereit!« rief er.
»Allzeit bereit!« antworteten eifrig die estnischen Pfadfinder.
Jaan und Heino gingen zusammen mit Toomas und ein paar anderen nach Hause. Heino war froh, daß er sich endlich bewegen durfte, und redete ununterbrochen. Wie groß die Residenz war, was für eine schöne Rede der Präsident gehalten hatte und wie toll es war, daß er die Pfadfinder aufgerufen hatte, Estland zu verteidigen.
Aber Toomas lächelte höhnisch. Ja ja. Reden konnte er, der Präsident. Aber wer Estlands wirkliche Feinde waren, das wußte er nicht.
»Papa sagt aber, wir haben den besten Präsidenten der Welt«, sagte Heino erstaunt.
»Du bist noch zu klein, um das zu verstehen«, antwortete Toomas. »Aber natürlich«, fügte er hinzu, »natürlich darfst du diesen Päts gut finden. Du bist ja noch so klein. Du verstehst es eben nicht besser.«
Als sie sich trennen wollten, packte Toomas Heino am Arm. »Du«, sagte er drohend, »nimm dich bloß in acht.«
Heino nickte erschrocken. Er wußte nicht, wovor er sich in acht nehmen sollte. Aber es war das beste, Toomas zuzustimmen. Soviel hatte er begriffen.
»Du sagst kein Wort. Kapiert?« fuhr Toomas fort.
Heino nickte eifrig. »Kein Wort. Zu niemandem!«
»Was wir so in der Bande reden«, sagte Toomas mit seiner befehlenden Stimme, »darüber reden wir nicht zu Hause mit den Eltern. Paß bloß auf, daß dir nichts rausrutscht!«
5
Papa war bei der Freiwilligen Feuerwehr, und darauf war er sehr stolz. »Muttersöhnchen können nicht Feuerwehrmann werden«, pflegte er zu sagen. An bestimmten Sonntagen marschierten die Feuerwehrleute in ihren hübschen Uniformen durch die Straßen der Stadt.
Am Sonntag nach der Rede des Präsidenten sollte wieder eine Parade stattfinden. Die ganze Familie hatte alle Hände voll zu tun. Die Uniform mußte gelüftet und ausgebürstet werden. Das machte Mama. Der Helm mußte geputzt werden. Das machte Papa selbst. Und die Stiefel mußten gewienert werden, bis sie glänzten. Das war die Aufgabe der Jungen.
Das Schuhputzzeug lag in einer Kiste unter der Spüle. Dort gab es Lederfett, Lappen und Bürsten in doppelter Ausführung. Die Jungen putzten und rieben, als gelte es das Leben.
Es gehörte dazu, daß Papa die erste Putzarbeit nicht anerkannte. Dann blieb ihnen nichts anderes übrig, als von vorn anzufangen. Mit großer Spannung erwarteten sie sein endgültiges Urteil, nachdem er die Stiefel ins Licht gehalten und sehr genau gemustert hatte.
»So ist es gut«, sagte er endlich. »Was bin ich doch für ein Glückspilz! Keiner von den anderen Feuerwehrleuten hat so tüchtige Schuhputzer im Haus wie ich.«
Mama und die Jungen zwinkerten einander zu und taten so, als ob sie das zum erstenmal hörten.
»Es ist nämlich wichtig, daß gerade ich ordentlich geputzte Stiefel habe«, erklärte er, wie er das an jedem Paradesonntag tat. »Die Leute müssen am Glanz erkennen, daß die Stiefel dem Schuhmacher Juhan gehören.«
»Dem Schuhhändler Juhan«, sagte Mama dann. Das gehörte auch dazu. Damit Papa Gelegenheit bekam, bescheiden zu erzählen, daß er wahrhaftig als einfacher Schuhmacher begonnen, sich aber emporgearbeitet habe. Jetzt besaß er eine eigene Werkstatt und einen eigenen Laden. Zusammen mit seinem Bruder Kaljo.
Die Parade begann unten bei der Feuerwache und endete nach einer Runde durch die Stadt auf dem Rathausplatz. Die Feuerwehrleute und das Orchester marschierten genau an ihrem Haus in der Langen Straße vorbei.
Als die Jungen noch kleiner waren, stand Mama mit ihnen immer am Fenster vom Nachbarn, weil ihre eigenen Fenster nicht zu dieser Straße hinausschauten. Die Jungen fanden, es war der Höhepunkt der Parade, wenn sie sich hinauslehnen und »Papa, Papa!« schreien durften, so laut sie konnten.
Jetzt liefen die Jungen, wohin sie wollten. Meistens trafen sie sich mit der Bande auf dem Marktplatz. Sie hüteten sich, hier Papa zu schreien. Das war kindisch. Aber Heino fand es eigentlich schade, daß er Papa nichts mehr zurufen durfte.
»Hoffentlich gibt es keine Scherereien«, sagte Mama, als Papa sich hingestellt hatte, um den Abschiedskuß von Frau und Kindern entgegenzunehmen.
»Das trauen die sich nicht«, antwortete Papa. »Sei ganz ruhig.«
Heino sah Jaan fragend an. Der schüttelte langsam den Kopf. Heino verstand. Es war am besten, man tat so, als hätte man nichts gehört und ging zum Rathausplatz, um selbst zu sehen und zu hören.
Im Land herrscht Unruhe, hieß es. Auf jeden Fall herrschte Unruhe in der Stadt. Das spürten sogar die Kinder. Die Eltern waren keine große Hilfe. Sie beruhigten einen dauernd. Keine Gefahr! Macht euch keine Sorgen! Der Krieg ist weit weg. In Estland herrscht Frieden.
Die Lehrer redeten ungefähr genauso. Der Oberlehrer sprach mit ihnen über den Friedensvertrag. Für Heino ein schweres Wort.
»Der Frieden von Tartu am 2. Februar 1920«, sagte der Oberlehrer mit feierlicher Stimme. »Vergeßt ihn nicht! Da einigten sich Rußland und Estland, in Frieden miteinander zu leben. Hört mal zu!«
Und er sprach es ihnen auswendig vor: »... erkennt Rußland bedingungslos die Unabhängigkeit und Selbständigkeit des estnischen Staates an und verzichtet freiwillig und für ewige Zeit auf seine souveränen Rechte, die früher für Rußland und Estland und ihre Völker galten. – Für ewige Zeit! Habt ihr das gehört? Ihr könnt ganz beruhigt sein. Die Russen lassen uns in Frieden.«
In der Schule war Heino beruhigt, wenn der Lehrer das alles erklärte. Jetzt waren Russen und Esten Freunde. Sie hatten versprochen, sich nie mehr zu streiten. Rußland war nicht mehr ihr Feind. Die ganze Sowjetunion war ihr Freund!
Aber außerhalb der Schule hörte er andere Stimmen. Er wußte nicht, was er glauben sollte.
Was war nun mit der Parade? Mama machte sich Sorgen, und Jaan war unsicher. Papa sagte natürlich, daß alles in Ordnung war. Heino fand es beunruhigend, daß Mama und Jaan nicht derselben Meinung wie Papa waren. Und er beschloß, auf Papas Seite zu sein.
Die alten Männer marschierten auf den Rathausplatz. Ja, man sagte tatsächlich alte Männer, obwohl sie ja noch gar nicht so alt waren. Der Platz war gesäumt von Menschen, die in dichten Reihen standen, und alle klatschten Beifall und schrien Hurra. Ein Orchester spielte, und es war unmöglich, still zu sein. Jaan und Heino standen natürlich mit den Kameraden zusammen. Heute war es die große Bande: die Ritter der Ober- und der Unterstadt. Sie stampften den Takt mit den Füßen und klatschten in die Hände.
Plötzlich rief jemand so laut, daß es über den ganzen Platz zu hören war: »Ein Hoch auf Estland!«
»Hurra, hurraaa!« schrien die Jungen, bis sie heiser waren. Es machte solchen Spaß, Hurra zu schreien – wieder und wieder. Sie schrien sich alle Sorgen aus dem Leib. »Ein Hoch auf Estland – in Ewigkeit – hurra, hurra!«
Hinten bei der alten Apotheke stand eine Gruppe Menschen, die rote Fahnen schwenkten. Je mehr Hurra geschrien wurde, um so heftiger wurden die Fahnen geschwenkt.
Vello bemerkte sie als erster. »Guckt mal«, sagte er und zeigte mit dem Finger auf sie.
»Wieso haben die rote Fahnen?« fragte Heino erstaunt.
Von Toomas kam eine Antwort, die Heino noch mehr erstaunte: »Die roten Fahnen sind die Zukunft von Estland.«
Das war eine merkwürdige Behauptung und doch nicht so merkwürdig, weil sie von Toomas kam. Neuerdings sagte er häufig merkwürdige Sachen.
Das Programm auf dem Rathausplatz war zu Ende. Die Freiwillige Feuerwehr marschierte weiter. Irgendwann würde die Parade bei der Feuerwache unten am Busbahnhof enden. Viele folgten dem Zug, aber manche blieben auf dem Marktplatz stehen und unterhielten sich, bis es Zeit war, zum Mittagessen nach Hause zu gehen. Jaan und Heino wollten Papa eigentlich folgen, aber als die anderen Jungen sich nicht vom Fleck rührten, blieben sie auch.
Bei der Apotheke hatten sich viele Leute versammelt. Die kleine Gruppe mit den roten Fahnen war umringt. Von dort waren Stimmen zu hören. Böse und aufgebrachte Stimmen. Die Jungen stürzten dorthin. Für ein Kind ist es kein Kunststück, sich zwischen den Erwachsenen hindurchzudrängeln. Es dauerte gar nicht lange, da standen sie ganz vorn in dem Kreis, der sich um die Fahnengruppe gebildet hatte.
Heino schaute sich um. Einen von den Männern erkannte er. Vorsichtig drehte er den Kopf, um zu sehen, ob seine Kameraden ihn auch erkannten. Aber die standen mit unbewegten Gesichtern da und glotzten nur.
Über Heinos Kopf schwirrten ärgerliche und verzweifelte Stimmen. Das hier muß ich verstehen, dachte er. Ich muß. Es ist wichtig, und diesmal darf ich nicht zu klein dafür sein.
Plötzlich wurde er aus seinen Überlegungen gerissen, weil sich die Gruppe hastig auflöste. Berittene Polizei näherte sich, und niemand wollte in die Sache hineingezogen werden. Die Jungen auch nicht. Rasch verdrückten sie sich in die schmale Gasse neben der Apotheke. Als sie außer Sichtweite waren, blieben sie stehen.
»Toomas«, platzte Heino heraus, »das war ja dein Vater!«
»Na und?« brüllte Toomas, und niemand wagte mehr, etwas zu sagen.
6
Alle redeten über das polnische U-Boot. Frau Ambros, die Witwe des Hausmeisters, klopfte schon in aller Herrgottsfrühe an die Tür. Sie hatte die Neuigkeit in den Nachrichten gehört und gab sie sofort an die Mieter im ersten Stock weiter, weil niemand außer ihr ein Radio hatte.
Auch in der Schule verbreitete sich die Nachricht schnell. Der Oberlehrer rief alle Schüler der Schule zusammen.
»Vermutlich weiß niemand, wie das polnische U-Boot in estnisches Fahrwasser geraten ist«, sagte der Lehrer. »Vielleicht war es auf der Flucht vor den Deutschen, die ja ganz Polen besetzt halten. Vielleicht haben es auch die Deutschen zum Spionieren ausgeschickt.«
Wie es auch gewesen sein mochte, das estnische Militär war wachsam gewesen. Estland war ein freies Land. Kein fremdes U-Boot durfte in estnische Gewässer eindringen.
Die Kinder strafften sich. Es war ein schönes Gefühl, den Lehrer sagen zu hören, daß keine fremden Mächte die Grenzen ihres Landes ungestraft verletzen konnten. Begeistert folgten sie seiner Aufforderung, aufzustehen und die estnische Nationalhymne zu singen.
»Estland, Estland, teures Heimatland!« deklamierte der Oberlehrer, sobald sie mit Singen fertig waren. Er las ihnen ein langes vaterländisches Gedicht vor. Es war ziemlich anstrengend, still zu stehen und sich Vers für Vers anzuhören, und viele Wörter waren schwer verständlich.
Aber ihre Geduld wurde belohnt. Danach führten die Lehrer ihre Schüler in die Klassenräume und ließen sie malen und zeichnen, was sie wollten.
»Ich will ein U-Boot zeichnen«, sagte Heino. »Wie sieht ein U-Boot eigentlich aus? Und kann es wirklich unter Wasser fahren?«
Die Lehrerin hatte wahrscheinlich damit gerechnet, daß diese Frage gestellt wurde. Sie holte ein Buch mit Bildern von verschiedenen Schiffen aus der Tasche.
Am Nachmittag wollte niemand nach Hause gehen. Alle zog es zum Hafen, in der Hoffnung, das U-Boot zu sehen. Aber sie reckten ihre Hälse vergebens. Das U-Boot war bereits weggebracht worden.
Die Jungen waren unschlüssig und mißmutig. Was sollten sie jetzt anfangen? Die alten Spiele machten keinen Spaß mehr. Ilmar schlug vor, U-Boot zu spielen.
Toomas versuchte, die Führung zu übernehmen, aber Ilmar behauptete sich. Es war seine Idee gewesen, und kein anderer durfte die Führung an sich reißen. Widerwillig ließen Toomas und seine Bande sich darauf ein, die Rolle des polnischen U-Boots zu übernehmen, während Ilmar und seine Gruppe die estnischen Verteidiger darstellten.
Sie hatten viel Spaß bei dem Spiel, vor allem deshalb, weil niemand richtig wußte, wie es eigentlich ging.
Nach einer Weile kam jemand auf die Idee, daß das U-Boot sich natürlich auf Fahrt begeben müßte, und es wurde beschlossen, daß die U-Boot-Gruppe versuchen sollte, vom Hafen aus den Feuerwehrpark zu erreichen. Die andere Gruppe, die Verteidiger der Küste, würden sich am Weg verstecken und versuchen, die U-Boot-Gruppe gefangenzunehmen.
Aber die Verteidiger der Küste waren zu viele, zwei mehr als die U-Boot-Besatzung. Rasch wurde entschieden, daß Heino zur anderen Gruppe wechseln sollte. Niemand kümmerte sich um seine Proteste. Er war der Kleinste, und er mußte gehorchen.
Nachdem Ilmar und sein Trupp sich auf den Weg gemacht hatten, diskutierte Toomas mit seinen Leuten, wie sie sich verhalten sollten. Vello erklärte, daß sie ein Periskop brauchten. Von seinem Vater wußte er, daß man die Zielfernrohre auf U-Booten so nannte.
»Ich nehm Heino auf die Schultern«, beschloß Ants, der auch zur U-Boot-Mannschaft gehörte.
Die anderen faßten einander um die Taillen und stützten den Kopf gegen den Rücken des Vordermannes. Zusammen waren sie vierzehn, es wurde also ein langes U-Boot.
Heino gefiel es auf Ants Schultern. Er fühlte die Verantwortung und hielt eifrig Ausschau. Er mußte den Feind rechtzeitig entdecken. Ihr U-Boot bekam Schlagseite, und die Leute drehten sich nach ihnen um und lächelten. Aber Ants fing an zu jammern. Das Periskop war zu schwer!
In dem Augenblick sah Heino, wie sich etwas in einem Hauseingang bewegte. Das war eindeutig ein Jungenkopf, der sich vorstreckte und dann rasch zurückzog. Heino steckte beide Zeigefinger in den Mund, und zufrieden stellte er fest, daß sein Warnsignal scharf und laut klang.
Ilmars Mannschaft nahm die Niederlage an und versammelte sich um das U-Boot. Alle konnten sich ein bißchen ausruhen, und dann wechselte Olev als Geisel zur anderen Mannschaft, und das Spiel begann von vorn.
Zu Hause beim Mittagessen erzählten Jaan und Heino gleichzeitig und fielen sich gegenseitig ins Wort. Aber die Eltern hörten kaum zu. Sie waren selbst randvoll mit Neuigkeiten und erzählten einander, was ihre Arbeitskollegen und andere Leute gesagt und gemeint hatten.
Das beschlagnahmte U-Boot aus Polen war die Sensation des Tages. Alle waren stolz auf die Verteidiger des Landes. Um so größer waren Scham und Erstaunen, als sich später das Gerücht verbreitete, das U-Boot sei verschwunden. Ihm sei die Flucht gelungen, und die estnischen Bewacher an Bord wären gezwungen worden, mitzukommen. Aber das war noch nicht das Schlimmste.
Papa war blaß, als er am Abend nach Hause kam. Er hatte schreckliche Neuigkeiten gehört. Es ging um geheime Beschlüsse, die eigentlich nur einige wenige kannten. Aber selbst geheimste Geheimnisse pflegen durchzusickern. Es gibt immer jemanden, der den Mund nicht halten kann.
Die Sowjetunion wollte sich nicht länger darauf verlassen, daß Estland die Grenzen auf See sichern konnte. Papas Stimme zitterte, als er sagte: »Deswegen hat die sowjetische Flotte den estnischen Teil des Meeres unter Beschuß genommen. Habt ihr das gehört? Unter Beschuß – es ist nicht zu fassen!«
Die Rote Flotte war vor der Küste Estlands. Papa wiederholte immer wieder, es sei nicht zu fassen. Mama versuchte, ihn wie üblich zu beruhigen, und bat ihn, an die Jungen zu denken.
Aber Papa unterbrach sie ärgerlich. Was jetzt geschah, war so empörend, daß man nicht schweigen durfte. Es müßte auf allen Straßen und Plätzen ausgerufen werden. Alle, vom Säugling bis zum Greis, müßten es erfahren!
Jaan und Heino saßen still da und lauschten. Sie fühlten sich plötzlich viel älter. Sie begriffen, daß es auch sie anging, was Papa da erzählte.
»Es geht um Estlands Freiheit!« rief Papa, daß es nur so dröhnte.
Mama sah sich ängstlich um. »Schrei lieber nicht so laut«, sagte sie leise. »Man weiß ja nie, wer noch zuhört.« Es war, als ob sie spürte, daß noch Schrecklicheres geschehen würde.
Während Jaan und Heino am nächsten Tag niedergedrückt waren, war Toomas um so fröhlicher. Schon auf dem Schulhof verhöhnte er Ilmars Bande. Hatte Ilmar immer noch Lust, U-Boot zu spielen? Vielleicht wollte seine Bande jetzt die polnische Seite übernehmen und die andere Mannschaft die estnischen Wachen spielen lassen?
»Toomas«, sagte Jaan, »das Spiel macht keinen Spaß mehr.«
»Wenn die Russen nun unser Land besetzen!« sagte Olev ängstlich.
Toomas war empört. Woher er das habe, daß die Russen Estland einnehmen wollten?
»Das sagen doch alle«, antwortete Olev lahm, und Toomas wurde noch wütender.
»Idiot! Bei euch zu Hause wird wohl ziemlich viel Mist geredet. Ihr könnt ja nicht mal zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden.«
Alle Schüler, die während der Pause auf dem Schulhof waren, kamen neugierig näher und hörten aufmerksam zu. Salme wagte es, sich gegen Toomas aufzulehnen. In verächtlichem Ton forderte sie ihn auf, die große Wahrheit zu verkünden. Wenn er sie wüßte!
Anstatt aufzubrausen, antwortete Toomas ganz ruhig. Er bemühte sich, die anderen zu überzeugen. Alle Esten sollten der Sowjetunion dankbar sein, denn ohne ihren Schutz hätten die Deutschen Estland wahrscheinlich längst geschluckt. Genau wie Polen.
»Aber Papa sagt«, begann Heino eifrig – und im selben Augenblick stolperte Jaan und riß Heino im Fallen mit sich.
»Oh, entschuldige!« Jaan war rasch wieder auf den Beinen. Er klopfte sich und den kleinen Bruder ab und erklärte: »Papa hat gesagt, daß wir Kinder nicht soviel reden sollen. Wir wissen ja sowieso nicht, wie es wirklich ist.«
Die Pause war zu Ende, und das fanden alle nur gut. Die Diskussion auf dem Hof hatte sie beunruhigt. In der nächsten Stunde saß Heino in Gedanken versunken da und hörte nicht, was die Lehrerin sagte. Wie war das nur gekommen, daß Jaan genau in dem Augenblick hingefallen war, als Heino gerade erzählen wollte, was Papa von der russischen Flotte hielt?
Ich bin zu klein, dachte Heino mißmutig. Immer bin ich zu klein. Aber wartet nur! Ich werde noch schlauer als ihr alle zusammen!
7
Auf der Welt herrschte Krieg. Aber der Krieg war weit weg und ging sie nichts an, fanden die Kinder. Jeden Tag sprachen die Lehrer von den neuesten Kriegsereignissen, und jedesmal versicherten sie den Schülern, daß sie nichts zu befürchten hätten. Estland war frei »für ewige Zeit«.
»Hitler und Stalin«, sagten sie oft. Heino fand, die Namen klangen wie Katzennamen, und das sagte er in einer Pause. Ants und Vello protestierten. Das durfte er nun wirklich nicht von den großen Führern Deutschlands und der Sowjetunion sagen. Jaan kniff ihn unbemerkt in den Arm, und Heino begriff, daß es besser war, den Mund zu halten. Aber innerlich raste er. Natürlich war er jedesmal dankbar, wenn Jaan ihn rettete, trotzdem war er verzweifelt und wütend. Es machte nichts, daß er wegen der Körpergröße der Kleinste war, aber er haßte es, daß er am wenigsten verstand.
Wenn die Schule aus war, gingen die Schüler selten geradewegs nach Hause. An diesem Tag wollten sich die Ragulka-Ritter beim Fahrradhändler treffen und Fahrräder leihen. Aber Heino bekam plötzlich Lust, in Studes Bäckerei zu gehen und Keksbruch zu kaufen. Jaan war einverstanden, aber sie hatten kein Geld. Deshalb beschlossen sie, erst mal Papa in der Werkstatt zu besuchen.
Unterwegs kamen sie an der Synagoge, dem Gotteshaus der Juden, vorbei, die direkt neben dem kleinen Park schräg gegenüber von ihrem Haus in der Langen Straße lag. Jedesmal, wenn sie daran vorbeikamen, schauten sie nach, wieviel Geld dort lag. Fromme Juden blieben häufig vor der verschlossenen Tür der Synagoge stehen, sprachen ein paar Gebete und steckten Geld in den Briefschlitz in der Tür.
Die Jungen hatten längst herausgefunden, daß man die Münzen auf dem Fußboden glänzen sehen konnte, wenn man sich auf den Bauch legte und durch die Ritze zwischen der Unterkante der Tür und dem Fußboden guckte. Natürlich lagen dort sehr viele kleine Münzen, aber es gab auch mehrere Ein-Kronen-Stücke und sogar ein Zwei-Kronen-Stück.
Das mußte man sich mal vorstellen – zwei Kronen!
Papa war schlechter Laune. Das Estonia-Theater hatte Stiefel, Schuhe und Lederhandschuhe für ein Stück bestellt, das in einem Monat Premiere haben sollte. Und nun war Konstantin krank geworden, einer der beiden Gehilfen. Wie sollten er, Kaljo und Oskar es schaffen, rechtzeitig zu liefern? Keksbruch? Hatten sie denn nichts anderes im Kopf als ungesunde Süßigkeiten? Papa schnaubte ärgerlich.
Heino spielte mit ein paar Blechstücken, die auf einem Tisch in der Werkstatt lagen. Papa brüllte ihn an, er solle nichts anfassen. Aus reinem Trotz steckte sich Heino ein ziemlich großes Stück Blech in den Pullover. Und dann ging er, ohne sich von Papa zu verabschieden.
»Ich hab gesehen, daß du ein Stück Blech genommen hast«, sagte Jaan draußen auf der Straße. »Was willst du damit?«
»Wer weiß, wozu es noch gut ist«, antwortete Heino und blieb plötzlich stehen. Sie waren genau vor der Synagoge. Heino hatte das Blechstück hervorgeholt, und die Jungen sahen einander an. Sie verstanden sich, ohne ein Wort zu wechseln.
Heino wartete. Jaan sah sich um und nickte schließlich.
Das Stück Blech war gerade dünn genug, daß man es unter der Tür durchschieben konnte. Dünn genug, um es unter eine Münze zu schieben, und stabil genug, um die Münze hinaufzubefördern und vorsichtig hervorzuziehen.
»Was macht ihr da, Kinder?« hörten sie plötzlich eine Stimme über ihren Köpfen.
Sie schossen hoch und standen Auge in Auge mit einer älteren Dame. Jaan sah aus, als würde er im nächsten Augenblick in Ohnmacht fallen. Also mußte Heino eine Erklärung finden.
»Ich hab ein Geldstück verloren«, sagte er. »Zwei Kronen. Mama hat uns zum Bäcker geschickt. Und da ist mir die Münze aus der Hand gerutscht und davongerollt. Aber wir haben sie gefunden!«
Zum Beweis hielt er das Geldstück hoch, und die Dame nickte und lächelte. »Dann ist es ja gut«, sagte sie und ging weiter.
Studes Bäckerei in der Langen Straße war das Paradies für alle Kinder der Stadt. Schon daran vorbeizugehen war wunderbar. Himmlische Düfte drangen heraus, und die konnte man genießen, soviel man wollte – ganz umsonst. Man konnte auch gucken, ohne daß es etwas kostete. Große Schaufenster, gefüllt mit Leckereien aus Marzipan, Schokolade und Zuckerwerk.
Die Fenster lagen ziemlich hoch, und kleine Kinder konnten nicht ohne Hilfe hineinschauen und sich die Herrlichkeiten ansehen. Aber Studes hatten an die Kleinen gedacht. Unter einem der Fenster war eine Eisenstange in die Hauswand gemauert. Einige Zentimeter über dem Bürgersteig, gerade hoch genug, daß die Kinder hinaufklettern, sich am Fenstersims festhalten und die Nase gegen die Fensterscheibe drükken konnten.
In diesem Fenster stellte man natürlich immer genau das aus, was Kindern gefiel. Jaan und Heino hatten oft dort gestanden. Es war der Gipfel des Glücks, wenn man ein bißchen Geld bekam und hineingehen und sich Keksbruch kaufen konnte. Meistens hatten die Kinder nicht mehr als fünf oder zehn Cent. Aber jetzt besaßen sie ein ganzes Zwei-Kronen-Stück!
Für so viel Geld bekamen sie nicht nur jeder eine Tüte mit Bruch, sondern auch noch eine ziemlich große Tüte mit ganzen Keksen. Selbstverständlich nahm Jaan die Tüte mit den ganzen Keksen entgegen, während Heino die Tüten mit dem Bruch tragen mußte. Im Eiltempo ging es hinunter zum Fahrradhändler.
Das wurde ein Fest! Alle umringten sie. Es war Jaans großer Augenblick. Jeder durfte vorsichtig in die Tüte greifen.
Heino stand daneben und hüpfte auf der Stelle. »Ihr dürft jeder nur einen nehmen«, sagte er von Zeit zu Zeit.
Jeder nahm nur einen Keks, trotzdem reichte es nicht für alle. Enttäuscht stellten Jaan und Heino fest, daß sie selbst keinen Keks abbekamen und daß sie sogar denen, die auch keine bekommen hatten, aus der Tüte mit dem Keksbruch anbieten mußten.
Plötzlich sagte Toomas: »Jaan und Heino sind gute Kameraden. Danke!«
Die anderen guckten sich ein wenig verlegen an. So feierlich benahmen sie sich sonst nicht. Was war denn in Toomas gefahren?
Die Bande hatte offenbar irgend etwas diskutiert, bevor Jaan und Heino mit den Kekstüten gekommen waren, denn jetzt rief Ants plötzlich, daß sie sich entscheiden müßten.
»Was meint ihr?« fragte Ilmar. »Soll jetzt Schluß sein mit den Rittern aus der Ober- und der Unterstadt?«
»Ja«, riefen mehrere.
Aber Heino schrie natürlich: »Warum?«
Alle versuchten, es gleichzeitig zu erklären, und es war schwer, ihnen zu folgen. Schließlich begriffen Jaan und Heino, daß es einigen kindisch vorkam, Ritter zu spielen. Und dumm! Es reichte ja, daß die deutschen Ordensritter Estland vor langer Zeit erobert und regiert hatten, wie sie wollten. In Tallinn waren sie in zwei Lager gespalten gewesen, in jene, die im oberen, und jene, die im unteren Teil der Stadt wohnten. Es war doch idiotisch, diese Ritter nachzuahmen, die behaupteten, sie kämpften für Gott und Jesus, aber in Wirklichkeit an ihren eigenen Reichtum dachten.
Plötzlich schämten sich alle. Wie hatten sie nur so dumm sein können?
»Wir könnten uns in Ritter und Esten aufteilen«, sagte Ilmar nachdenklich. »Aber wer möchte schon Ritter sein und gegen die Esten kämpfen?«
»Und wenn wir uns abwechseln?« schlug Heino vor.
»Wir können uns in zwei andere Gruppen aufteilen, in Rote und Weiße. Dann werden wir ja sehen, wer am besten ist«, sagte Toomas.
Alle waren sich einig, daß es jetzt Schluß war mit dem Ritterspiel. Aber die Roten und die Weißen? Das klang nicht besonders reizvoll. Doch sie mußten sich ja nicht sofort entscheiden.
Papa war besserer Laune, als sie sich beim Mittagessen trafen. Er wollte wissen, was die Jungen in der Schule gemacht hatten. Das übliche, erzählten sie. Rechnen und Lesen. Singen und Geschichte.
»Und dann haben wir natürlich über den Krieg geredet«, sagte Jaan.
»Das machen wir jeden Tag«, ergänzte Heino. »Aber die Lehrer sagen, wir brauchen keine Angst zu haben. Hier gibt es keinen Krieg.«
Das glaubten die Eltern auch. Sie sagten ungefähr dasselbe wie die Lehrer. Mama fand es schrecklich, daß Völker einander bekämpften.
Aber Papa wandte ein: »Manchmal ist man dazu gezwungen. Wie die Welt heutzutage aussieht, ist es am besten, vorbereitet zu sein.«
»Will denn jemand gegen uns Krieg führen?« fragte Heino.
»Ich fürchte, ja«, antwortete Papa. »Aber es ist ganz sinnlos, daß sie es überhaupt versuchen.«
»Was kann das kleine Estland schon tun?« Mama seufzte.
»Eine ganze Menge. Wir haben Waffen und Munition, Artilleriegeschütze und Panzer.«
»Ach, wir wollen nicht mehr vom Krieg reden«, sagte Mama.
Damit war Jaan nicht einverstanden. »Und Flugzeuge haben wir auch«, sagte er.
»Und ob! Aber das Wichtigste, Jungs, wißt ihr, was das ist?«
Nein, das wußten sie nicht. Nicht einmal Mama.
Triumphierend hielt Papa die Antwort einen Augenblick zurück. Schließlich kam sie wie eine Explosion. »Soldaten! Mutige estnische Soldaten! Wir werden uns bis zum letzten Blutstropfen verteidigen.«
8
Eines Tages, als die Jungen Papa nach der Schule besuchen gingen, war die Schuhmacherei voller Leute. Niemand schien die Jungen zu bemerken, als sie hereinkamen.
»Das darf doch nicht wahr sein«, sagte Kaljo und schlug mit der Faust auf den Tresen. »Das darf doch, verdammt noch mal, nicht wahr sein!« schrie er und haute noch mal zu.
Zornige Stimmen redeten durcheinander, und es war nicht zu überhören, wie aufgeregt alle waren. Nun war es soweit. Russische Truppen marschierten in das freie Estland ein. Die Regierung war gezwungen worden, dem mächtigen Nachbarn im Osten Militärbasen zur Verfügung zu stellen.
»Habt ihr das gehört«, übertönte Oskar alle anderen. »Die estnische Heimwehr wird abkommandiert, um die russischen Soldaten zu beschützen!« Oskar war bei der Heimwehr, er wußte, wovon er redete.
«Ja, ja, der russische Riese ist groß und stark, aber der scheißt sich doch in die Hosen, wenn’s drauf ankommt«, warf einer der Besucher ein.
Heino und Jaan saßen ganz still in eine Ecke gekauert. Die Männer schienen sie immer noch nicht zu bemerken. Wenn sie bloß nicht plötzlich einer sah. Dann würden sie die Diskussion sofort abbrechen.
»Zum Teufel«, fluchte Papa. »Jetzt haben wir die russischen Barbaren wieder im Nacken.«
»Ja, Barbaren – genau das sind sie!« fauchte Kaljo.
»Die russischen Barbaren«, murmelte Papa immer wieder, und zwischendurch hörte man ihn grimmig murmeln: »Ungeheuer des Satans sind sie. Teuflische Monster!«
Heino fand das alles aufregend. Noch nie in seinem ganzen Leben hatte er russische Teufel gesehen und auch keine russischen Monster. Das war seine Chance! Es war nicht schwer, Jaan zu überreden, sich davonzuschleichen und einen Blick auf diese Ungeheuer zu werfen, die auf dem Weg zu den Basen waren – was das nun wieder sein mochte?
Eigentlich war es verboten, sich die marschierenden russischen Truppen anzusehen. Aber kaum jemand kümmerte sich um das Verbot. Viele Leute waren auf den Straßen. Sie standen in Gruppen zusammen und warteten. Die Jungen drängten sich vorsichtig zwischen die Erwachsenen, um besser sehen zu können. Heino konnte kaum stillstehen vor Erregung.
Schritte im Takt näherten sich, und alle schienen die Luft anzuhalten. Als die fremden Soldaten vorbeimarschierten, sagte niemand ein Wort. Kein Laut kam über die Lippen der Menschen, keine Hand wurde zum Gruß erhoben.
Jetzt waren sie genau vor Heino. Eine Reihe Soldaten nach der anderen marschierte mit schwingenden Armen, trampelnden Soldatenstiefeln und starren Gesichtern vorbei. Heinos Enttäuschung war riesengroß. Das da waren doch gar keine Monster! Es waren ganz gewöhnliche Männer. Er fühlte sich reingelegt. Zorn stieg in ihm auf. Papa hatte gesagt, es seien Teufel, und da konnten die doch nicht daherkommen und so tun, als wären sie ganz normale Menschen.
Bald waren alle Soldaten vorbeimarschiert, und Heino spürte, daß er etwas tun mußte. Er konnte nicht nur einfach zusehen, wie sie davonmarschierten.
Ohne Jaan etwas zu sagen, schlich er davon. Sobald er außer Sichtweite war, wurde er schneller. Genau wie alle anderen Jungen der Stadt kannte er Abkürzungen, Ecken und Winkel, wo man sich verstecken und notfalls schnell verschwinden konnte. Er kletterte auf eine Mauer und suchte Schutz hinter einem Busch. Von dort hatte er eine ausgezeichnete Aussicht. Die Soldaten würden genau auf ihn zu marschieren.
Er steckte die eine Hand in die Gesäßtasche, um zu kontrollieren, ob die Ragulka noch da war. Die andere Hand glitt wie von selbst in die Hosentasche auf der Suche nach Munition. Er holte eine Handvoll Steine hervor, wählte ein paar besonders scharfkantige aus und schob die anderen Steine zurück in die Tasche. Er zielte und wollte schon einen Probeschuß auf die Straße abgeben, als ihm die Menschen einfielen, die dort unten standen und warteten. Es war nicht gut, die Aufmerksamkeit schon im voraus auf sich zu lenken.
Jetzt. Jetzt kamen sie! Das typische Geräusch von marschierenden Stiefeln näherte sich. Aufgeregt starrte er dem Zug von Menschen entgegen, die keine Menschen waren, sondern russische ... Ja, er sah es deutlich, das waren russische Monster – böse, tückische Teufel, die unaufhaltsam näher und näher kamen.
Es durfte nicht geschehen! Er, Heino, mußte sie aufhalten. Sein Herz hämmerte, seine Hände zitterten, und sein ganzer Körper wurde schlaff. Die erste Reihe war schon vorbeimarschiert, als er endlich aus der Betäubung erwachte.
Er hob die Ragulka und zielte genau, aber es war schwer. Sobald er die Augen klar auf ein Monster-Gesicht eingestellt hatte, war es schon vorbei. Erneutes Zielen und dasselbe Ergebnis. Er wurde nervös.
Da! Nun hatte er so ein Teufel-Monster-Gesicht im Blickfeld. Und er schoß ab. Er war so eifrig, daß er alle Vorsicht vergaß. Aufgeregt beugte er sich vor, um besser sehen zu können, und in derselben Sekunde ertönte ein Schrei. Er hatte getroffen. Das war der beste Schuß seines Lebens!
Vor Freude und Erschöpfung schloß Heino die Augen. Als er sie wieder öffnete, marschierten immer noch russische Soldaten vorbei. Männer von der estnischen Heimwehr gingen mit erhobenen Gewehren herum und sahen sich suchend um. Heino war es klar, daß er sich besser still verhielt, bis alle Soldaten verschwunden waren. Dann würde er vorsichtig auf einem anderen Weg nach Hause schleichen.
Niemand sah, wie er sich davonstahl. Er war allein gewesen, als er schoß. Niemand wußte, daß er es gewesen war. Er hatte auch nicht die Absicht, es jemandem zu erzählen. Aber das Gerücht verbreitete sich natürlich. Heino war kaum zur Tür herein, da überschütteten ihn die Eltern auch schon mit Fragen. Wußte er es? Hatte er es gehört? Hatte er es gesehen?
Er schüttelte den Kopf. Nein, er wußte nichts. Er war nur ein bißchen herumgelaufen. Es war ihm langweilig geworden, nur dazustehen und die Soldaten anzustarren.
Aber Mama durchschaute ihn. »Heino«, sagte sie leise, »wenn du weißt, wer da geschossen hat ...«
Papa unterbrach sie, hob den Jungen hoch und setzte ihn auf den Küchentisch. »Wenn du weißt, wer da geschossen hat«, wiederholte er, »dann kommt es darauf an, das Maul zu halten. Du darfst es niemandem sagen. Hast du das gehört? Niemandem! Sonst kann es uns allen verdammt schlecht ergehen.«
Später am Abend, als Heino mit Jaan im Doppelbett lag, konnte er nicht mehr an sich halten. Er mußte es dem Bruder erzählen. Sonst hatten sie ja auch keine Geheimnisse voreinander. »Was soll ich morgen sagen? Falls die anderen fragen?« flüsterte er.
»Daß du nichts weißt natürlich«, antwortete Jaan.
»Das ist aber schwer, wenn einen alle anstarren.«
»Wenn du nichts weißt, dann weißt du eben nichts. Ist doch ganz einfach!«
Am nächsten Abend kroch Heino sehr zufrieden mit sich selbst ins Bett. Jetzt wußte er, was er konnte. Er konnte russische »Barbaren« treffen. Er konnte den Kameraden etwas vorlügen, ohne mit der Wimper zu zucken. Er hatte sogar gelernt, Mama und Papa auszuweichen, wenn sie mit ihren Fangfragen kamen – fast jedenfalls.
Und außerdem wußte er, was Militärbasen waren: Stützpunkte mit Soldaten und Waffen für die Verteidigung oder den Angriff an wichtigen Stellen. Die Lehrerin hatte es erklärt. Und in der Pause hatte Toomas gesagt, alle Esten sollten froh sein, daß die Sowjetunion ihnen half, sich zu verteidigen. Wer auf den Soldaten geschossen hatte, sei ein verdammter Idiot, der nicht wisse, was gut für sein Land war.
Heino schlief ein. Er fühlte sich nicht wie ein verdammter Idiot. Im Gegenteil!
Der Krieg war näher, als sie dachten. Als fremde Soldaten über die Grenzen marschierten, erhob sich keine Hand zur Verteidigung. Manche hielten das für gut, denn sie dachten an die Menschenleben, die dadurch gerettet wurden. Es gab keine Chance für die Verteidiger. Alles war schon entschieden. Und das galt nicht nur für Estland, sondern auch für die beiden anderen baltischen Staaten Lettland und Litauen.
Die Länder waren bereits am 28. September 1939 verraten worden, als Stalin und Hitler einen Grenz- und Freundschaftsvertrag schlossen. Nun konnte Hitler den Krieg im Westen ungestört fortsetzen. Und Stalin erhielt dafür freie Hand in den baltischen Staaten.
Aber das erfuhren die Menschen erst viel später. Sie wurden wieder und wieder betrogen, und im Oktober war es aus mit ihrer Freiheit. Da wurde Estland gezwungen, der Sowjetunion, deren Truppen schon an der Grenze standen, Militärbasen zur Verfügung zu stellen. Truppen, die um ein Vielfaches übertrafen, was das kleine Estland hätte auf die Beine stellen können. Die estnische Regierung erkannte, daß Widerstand sinnlos war, und willigte in die sowjetischen Militärbasen im Land ein.
Stalin war zufrieden und erklärte, nun gebe es zwischen Estland und der Sowjetunion keine Probleme mehr. Er versprach dem estnischen Volk auch für die Zukunft ein Leben in Unabhängigkeit und Freiheit.
Das sagte er am 7. Dezember, als sich alle auf Weihnachten freuten. Nach einem ruhigen Herbst würden sie ein estnisches Weihnachtsfest in Frieden und Freiheit feiern!
Bei der Weihnachtsbescherung war Papa immer am aufgedrehtesten in der Familie. Er konnte sich kaum halten vor Ungeduld. Erst wenn Mama begann, ihr Päckchen zu öffnen, wurde er ruhig. Ein weiches Päckchen diesmal. Jaan und Heino drückten daran herum. Es war nicht zu erraten.
Vorsichtig schälte Mama das Papier ab. »Ein Muff«, sagte sie und steckte begeistert die Hände hinein. »Wie warm und kuschlig! Und auch noch modern.«
Der Muff war aus dickem Stoff und mit Pelz abgesetzt.
»Eichhörnchenfell«, sagte Papa. »Das hast du Heino zu verdanken.«
Wie um alles in der Welt war Papa an das Eichhörnchen gekommen?
Papa berichtete: Vello war bei ihm im Laden erschienen und wollte ein Eichhörnchen verkaufen. Papa hatte gefragt, ob es möglicherweise Heinos Eichhörnchen sei. Und Vello hatte es zugegeben und nichts bezahlt haben wollen. Papa hatte ihm angeboten, sich aus der Schublade mit den Lederresten etwas auszusuchen. »Nimm nur«, hatte er gesagt, »nimm soviel, daß es für alle reicht.« Er wußte ja, daß man für eine bestimmte Art Ragulka Lederreste brauchte.
Als alle schon zu Bett gegangen waren, lag Heino noch lange wach. Vello hatte versucht, sein Eichhörnchen zu verkaufen. Der kann was erleben, dachte er, und es war ihm ganz egal, daß man Heiligabend nett sein soll.
9
Es war Sonntagmorgen. Mama war gerade aufgestanden und zog sich an. Papa lag noch im Bett und mochte nicht aufstehen. Die Hände im Nacken verschränkt, starrte er zur Decke und lächelte vor sich hin.
Jaan wurde unruhig. »Du hast doch nicht die Nachrichten vergessen?« fragte er.
»Gut, mein Junge«, sagte Papa. »Da lieg ich hier rum und denk an ganz andere Sachen. Ich hab die Nachrichten tatsächlich vergessen.«
Die Familie hatte sich ein Radio angeschafft, und das hütete Papa wie seinen Augapfel. Natürlich fanden auch die anderen Familienmitglieder, daß es eine wunderbare Erfindung war.
»Wir müssen hören, wie es mit dem Krieg steht«, sagte Jaan, und Papa stimmte ihm zu. Er und Jaan redeten oft auf eine Weise vom Krieg, daß Heino sich ausgeschlossen fühlte und eifersüchtig wurde.
»Krieg, Krieg!« schrie er plötzlich. »Ihr redet immer nur von diesem blöden Krieg. Ich will das nicht mehr hören!«
Mama gab Heino recht. Sie wäre auch froh, wenn sie nicht ständig die Kriegsnachrichten hören müßte, wenigstens heute. Zu Heinos großer Freude war Papa sofort auf Mamas Seite. »Ich hab gerade darüber nachgedacht, ob wir heute nicht irgend etwas Besonderes unternehmen. Es ist so schönes Wetter. Ich glaub, jetzt wird es wirklich Sommer.«
Da fiel Heino ein, was er vergessen hatte. Rasch schlüpfte er in die Stube und stürzte zum Kalender, der an der Wand neben dem Schreibtisch hing. In dieser Woche war er dran, die Blätter vom Kalender abzureißen und den Wochentag, das Datum und die Jahreszahl zu verkünden.
»Heute ist Sonntag!« rief er den anderen im Schlafzimmer zu. »Sonntag, der 16. Juni 1940.«
Papa schlug vor, einen Proviantkorb zu packen und einen Spaziergang nach Pirita zu machen. Rund um die alte Klosterruine blühten wahrscheinlich die Blumen, und dann konnten sie hinunter an den Strand gehen. Vielleicht war das Wasser so warm, daß sie schon baden konnten.
Mama briet Pfannkuchen, die Jungen machten Butterbrote, und Papa kochte Kaffee und mischte Saft. Alle redeten gleichzeitig und freuten sich auf den Ausflug.
Sie hörten nicht, daß es an die Tür klopfte. Erst als mit Fäusten dagegen geschlagen wurde, ging Papa öffnen. Frau Ambros und ihr Sohn Hannes kamen herein.
Frau Ambros weinte. »Was sollen wir machen? Wir sind am Ende!«
Als sie fragten, was los sei, regte sie sich noch mehr auf. Wußten sie denn nichts? Hatten sie denn keine Nachrichten gehört? Die Russen hatten verlangt, daß sich ihre Truppen frei im Land bewegen dürften. Sie standen schon an der Grenze und würden sofort einmarschieren und jeden Widerstand brechen, wenn die estnische Regierung nicht zustimmte.
Papa blieb ganz ruhig. Man sei ja inzwischen daran gewöhnt, daß die Russen ihr Maul aufrissen, meinte er. Das seien nur Drohgebärden. Trotzdem dauerte es einige Zeit, ehe sie die aufgeregte Nachbarin beruhigt hatten.
»Machen wir denn jetzt keinen Ausflug?« fragte Heino enttäuscht.
Sie nahmen den Proviant und gingen in den Park. Frau Ambros und Hannes kamen gern mit. Zunächst waren sie allein, aber nach einer Weile kam ein Ehepaar aus dem Nachbarhaus, und mit der Zeit wurden es mehr und mehr. Alle nahmen die Gelegenheit wahr und redeten über das Schreckliche, das sie in den Nachrichten gehört hatten. Jemand stimmte ein Lied an, und sofort hob sich die Stimmung. Allmählich füllte sich der Park mit singenden Menschen. Das Singen vertrieb die Angst und Unruhe – wenigstens für eine Weile.
Aber am nächsten Tag brodelte es in der Stadt von Gerüchten. Alle schienen es zu wissen, und alle warteten. Einige in Angst und Schrecken, andere voller Zorn. Die Rote Armee strömte über die Grenzen herein, und schon am Vormittag erreichten die Truppen von den Militärbasen Tallinn. Estland war von der Sowjetunion besetzt.
Die Eltern gingen wie gewöhnlich zur Arbeit. Jaan und Heino warteten, und bald kam Ilmar vorbei und teilte mit, daß sie sich bei der Burg treffen wollten.
Wie erwartet, war der ganze harte Kern der Bande dort: Ilmar, Olev, Toomas, Ants, Vello, aber auch viele andere aus der Oberstadt und aus der Unterstadt.
Es war immer schwer, still zu sein, und an einem Tag wie diesem war es besonders schwer. Während sie auf die anderen warteten, schossen sie mit der Ragulka um die Wette. Auf einem Stein stand hochkant eine Streichholzschachtel, und jedesmal, wenn man sie traf, gab es Punkte für die eigene Mannschaft. Und noch einen Punkt extra, wenn die Schachtel vom Stein fiel. Peeter, der zur Bande der Oberstadt gehörte, schrieb die Punkte auf einem Stück Holz auf.
»Wer führt?« fragte Jaan neugierig, als er und Heino dazukamen.
»Die Oberstadt führt mit fünfzehn gegen acht«, antwortete Peeter.
Aber er wurde sofort von Toomas unterbrochen. »Die Roten führen mit fünfzehn gegen acht«, sagte er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. »Wiederhol das!«
»Die Roten führen«, begann Peeter folgsam, aber jetzt wurde er von Ilmar unterbrochen.
»Die blau-schwarz-weiße Mannschaft hat Verstärkung durch zwei Mann bekommen, und alles deutet auf einen Sieg hin!« schrie er und feuerte einen Schuß auf die Streichholzschachtel ab, die vom Stein fiel.
»Fünfzehn für die Roten und zehn für die Blauen!« rief Peeter.
»Blau-schwarz-weißen!« brüllte Ilmar. »Die estnischen Farben!«
»Das ist ja ellenlang«, jammerte Hennik, der zur Unterstadt gehörte.
Jetzt kamen Salme, Ella und Kirsti, Henniks Schwester. Sie waren gelaufen und mußten erst einmal nach Luft schnappen.
»Wißt ihr es schon?« fragte Salme keuchend.
»Daß Krieg ist«, fügte Ella hinzu.
Die Jungen vergaßen ihren Wettkampf mit der Ragulka. Sie drängten sich um die Mädchen.
»Sie sagen, es ist Krieg in Estland«, sagte Salme. »Ich hab Angst.«
»Hast du denn Schüsse gehört?« fragte Toomas ein bißchen spöttisch.
Nein, aber russische Soldaten waren ja einmarschiert. Also war Estland jetzt im Krieg. Bald würde es sicher knallen – überall.
»Weltkrieg! Versteht ihr?« schrie Hennik.
»Krieg ist Krieg«, sagte Ilmar. »Was spielt das für eine Rolle, ob es ein Weltkrieg ist?«
Doch, Weltkrieg war schlimmer als alles andere, da war Hennik ganz sicher. Er hatte gehört, wie seine Mutter mit ihren Freundinnen darüber sprach.
»Tanten«, schnaubte Ants.
Kirsti protestierte empört. Das waren keine dummen Tanten. Die wußten, wovon sie redeten. Im letzten Weltkrieg waren viele Soldaten furchtbar grausam gewesen. Sie hatten jede Frau, die sie erwischten, an einen Zaun gebunden und ihr die Brüste abgeschnitten. Und dann mußten die armen Frauen dort hängen, bis sie starben.
Es wurde totenstill. So etwas hatte noch niemand gehört. Stimmte das denn wirklich?
»Und die Männer«, fuhr Kirsti fort und wurde rot.
Hennik mußte weitererzählen. »Ja, also die Männer, die wurden an Bäumen festgebunden, und dann haben die Soldaten, sie haben ...« Er konnte auch nicht mehr weiterreden.
Da brüllte Ilmar ihn an: »Was ist los mit dir? Hat es dir die Sprache verschlagen?«
»Dann haben sie ... haben sie«, stotterte Hennik. Er riß sich zusammen, sah den Kameraden starr in die Augen und sagte mit fester Stimme: »Sie haben ihnen den Schwanz abgeschnitten und in den Mund gestopft.«
»Pfui Teufel!« Peeter spuckte aus.
»Du bist ja verrückt!« rief Heino. »Das ist doch nicht wahr!«
»Doch, du«, sagte Hennik von oben herab und sah zufrieden in die erschrockenen Gesichter seiner Kameraden. Er vergaß ganz, daß er mindestens genausoviel Angst hatte.
»Und wißt ihr, was sie mit den Kindern machen?« fuhr Kirsti fort. Sie legte eine genußvolle Pause ein. »Die werden festgenagelt, an einem Tisch oder auf einer Bank. Sie werden an der Zunge festgenagelt!«
Sie redet wie eine Hexe, dachte Heino, traute sich aber nicht, das laut zu sagen.
Er denke nicht daran, seine Zunge festnageln zu lassen, sagte Jaan. Er würde sich einfach weigern, den Mund aufzumachen.
»Wahrscheinlich hast du keine Chance«, sagte Peeter nachdenklich. »Die sind stärker als du.«
»Das ist doch klar«, sagte Ants. »Die hauen dir eine runter, da kippst du um.«
»Und wenn du zu dir kommst, sitzt du da mit festgenagelter Zunge. Toll, was?« Olev versuchte die unheimliche Stimmung aufzulockern, und ein bißchen gelang ihm das auch.
»Ihr redet vielleicht einen Mist«, sagte Toomas. »Wir brauchen keine Angst zu haben. Die Soldaten der Roten Armee sind doch im Land, die beschützen uns. Das sind unsere Freunde!«
Niemand widersprach ihm, nicht einmal Ilmar.
Zu Hause erzählten Jaan und Heino nichts. Sie sprachen auch nicht viel miteinander. Sie wagten es nicht, über all das Schreckliche zu reden, was sie gehört hatten.
Heino lag lange wach und dachte an Toomas. Er sah sein sommersprossiges Gesicht vor sich. Wenn es nun doch stimmte, was er sagte. Daß die Rote Armee gekommen war, um sie zu beschützen. Wenn sie nun tatsächlich keine Angst zu haben brauchten!
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